Kitabı oku: «Flüchtiges Glück»
Else Feldmann
Herausgegeben von Adolf Opel
und Marino Valdez


Else Feldmann, 1884 in Wien geboren, 1942 im polnischen Vernichtungslager Sobibor ermordet, wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf und verfasste Erzählungen, Romane, Theaterstücke und sozialkritische Reportagen. 1933 war sie Mitbegründerin der Vereinigung sozialistischer Schriftsteller. 1938 wurde ihr Werk von den Nationalsozialisten verboten.
In Erinnerung an Adolf Opel
(* 12. Juni 1934, † 15. Juli 2018 in Wien),
an dessen unermüdlichen Einsatz für die Literatur
wir uns immer ein Beispiel nehmen werden.
INHALT
»Das Volk muss vor sich selbst erschrecken« (Vorwort von Adolf Opel)
Blick aus dem Hotelfenster
Bilder von der menschlichen Seele. Mutter und Sohn
Im Warenhaus
Von Dienenden
Popper-Lynkeus. Zum 81. Geburtstag
Bilder des Elends. Rachitis
Zwei Dichter
Eine Stunde auf der Polizeistube
Tagesneuigkeiten. Der weiße Baum
Die Träume
Herzklopfen
Käthe Kollwitz
Luftballon
Gedenkblatt
Die weinenden Kinder
Man gewöhnt sich. Gespräch mit einem Gefängnisdirektor
Das Eselchen
Erster Abend in einer Stadt
Die Vierzehnjährigen
Die Tänzerin
Jute in Simmering
Wie glückliche Kinder leben
Der Maler
Der Vogelfund im Garten
Ohne Geld
Ballett der Straße. Ein Entwurf für Jazzmusik
Die Wärmestuben sind eröffnet
Die Erinnerung
Aus dem Wasser gezogen
Die Geschichte von einem Fuchs
Das Glück des Affen Putz
»DAS VOLK MUSS VOR SICH SELBST ERSCHRECKEN!«
Dieses Wort von Karl Marx – von Else Feldmann in einem Brief aus dem Jahre 1925 an den Kulturredakteur der Arbeiter-Zeitung in Wien, Dr. Otto Koenig, zitiert – könnte als Motto über dem Lebenswerk dieser Schriftstellerin stehen, die erst dank der Wiederveröffentlichung dreier ihrer Hauptwerke (Der Leib der Mutter, 1993; Löwenzahn, 1993; Martha und Antonia, 1997) einem mehr als ein halbes Jahrhundert währenden Vergessen- und Ausgelöschtsein entrissen werden konnte. Namhafte Rezensenten im gesamten deutschen Sprachraum begrüßten geradezu enthusiastisch die Entdeckung dieser Autorin der Zwischenkriegszeit, die – ohne jede Beschönigung und ohne sentimentalen Blick – die Elendsquartiere ihrer Epoche beschreibt und ihre dunkelsten Winkel ausleuchtet, zugleich aber die Möglichkeit einer Veränderung der Verhältnisse postuliert: »… ein Arbeiterpublikum erlebt ja täglich selbst die krassesten und fürchterlichsten Dinge, so kraß konnte nicht einmal ein Zola sie schildern, als sie den Tatsachen entsprechen«, schreibt Feldmann in dem anfangs genannten Brief, der sich offenbar auf die Ablehnung einer ihrer eingesandten Geschichten bezieht, die wegen »der Prüderie des Publikums« nicht abgedruckt wurde. »Und diese Dinge ernsthaft behandelt zu sehen, sollte sie abschrecken – ich glaube, das müssten dann meist solche sein, die insgeheim noch Betschwestern sind, und die sollten erst recht aufgerüttelt werden!«
Der angesehene Literat und Rezensent Felix Salten behauptet bereits 1922 anlässlich ihres Debüts als Romanschriftstellerin in der Neuen Freien Presse, sie sei »zu gut, um sie in die erste Reihe deutscher Erzähler zu stellen … Gott bewahre – wie sieht die erste Reihe deutscher Erzähler aus! Deshalb möchte ich Else Feldmann auch gar nicht in eine derartige, etwas gemischte Gesellschaft bringen … Außerdem ist es ja ganz gleichgültig, wohin ich oder sonst jemand sie stellen will. Sie hat sich mit ihrem Buch schon selbst auf einen ganz besonderen Platz gestellt.«
Drei Buchveröffentlichungen und ein ausgeführtes Theaterstück zu Lebzeiten, ein Fortsetzungsroman (der durch die Ereignisse im Februar 1934 und das Verbot der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Österreich und ihres Presseorgans Arbeiter-Zeitung unvollständig geblieben ist), einige ebenfalls in Zeitungen in mehreren Folgen publizierte längere Erzählungen und viele Kurzgeschichten und Reportagen in Tageszeitungen und Zeitschriften: Das bis heute aufgefundene schriftstellerische Lebenswerk von Else Feldmann besticht nicht so sehr durch seinen Umfang als durch die unbeirrbare Konsequenz, mit der die Autorin die Thematik verfolgt, die sie zu der ihren gemacht hat – den Erniedrigten, Unterdrückten, Ausgegrenzten und im Leben Zu-kurz-Gekommenen eine Stimme zu leihen. Natürlich war auch das soziale und politische Umfeld im Wien jener Epoche alles andere als förderlich für die literarische Karriere einer aus ärmlichen Verhältnissen kommenden sozialistischen Schriftstellerin jüdischer Herkunft. Ihr »Wien« ist kaum als das des fast gleichaltrigen Stefan Zweig zu identifizieren – Welten liegen dazwischen, das Flair der sogenannten »Belle Epoque« wird man bei Feldmann vergeblich suchen. Nicht in den großen, Prestige und Absatz garantierenden literarischen Verlagen sind ihre Bücher erschienen, sondern in kurzlebigen, abenteuerlichen Kleinverlagen der hektischen Zwischenkriegszeit; und wenn ihre Werke den Bücherverbrennungen durch die Nationalsozialisten entgangen sind, dann wohl nur, weil sie im Sortiment des Buchhandels nicht mehr vorrätig waren.
Wer den biografischen Spuren Else Feldmanns nachgehen will, ist auf recht fragmentarische Wegmarken angewiesen: Meldezettel, Sterbeurkunden, Delogierungsprotokolle, einige wenige erhalten gebliebene Briefe; manche ihrer Zeitungsberichte und Feuilletons sind in Ich-Form geschrieben, sodass sich daraus vorsichtige Hinweise auf ihre eigene Lebensgeschichte anbieten. Sie wurde am 25. Februar 1884 in Wien als Tochter jüdischer Eltern geboren, als zweites von insgesamt sieben Kindern. Zweifellos ist Else Feldmann in bescheidensten Verhältnissen aufgewachsen; die Familie wechselte häufig die Adresse, wohl aus pekuniären Gründen, wir finden sie stets an der Peripherie der Stadt, in Arbeiterund Judenvierteln. Wenn sie später in ihren Zeitungsreportagen über das Leben von bedauernswerten Armenschülerinnen und das Elend von Fabrikarbeiterinnen schreibt, können wir annehmen, dass sie hier auf eigene Erlebnisse zurückgreift. Sie berichtet in ihren Sozialreportagen vom Wiener Kinderelend, vom Sterben im Spital, vom Vorfrühling im Wiener Armenbezirk, von Wärmestuben für die Bedürftigen, über die Ausgabe von Essensmarken für die öffentliche Volksküche und Kleidergeschenke durch Wohltätigkeitsvereine …
Für die Jahre bis 1910 fehlen fast alle Angaben über Else Feldmann. In seinem Tagebuch notiert Arthur Schnitzler am 7. Februar 1909, dass eine »Frau Feldmann, Budapest, um Übersetzungsrechte bei ihm angefragt« habe; die Vermutung liegt nahe, dass es sich hier um unsere Else Feldmann gehandelt hat, unterhielt sie doch zeitlebens Kontakte nach Ungarn – der Heimat ihres von dort zugewanderten Vaters – und war bis 1925, als sie das »Heimatrecht« in Österreich erhielt, nach Nyírbátor in Ungarn zuständig. Erst 1911 taucht sie im Meldearchiv der Stadt Wien auf: »Schriftstellerin, mosaisch, ledig.« Ihr erster bisher nachweisbarer, mit vollem Namen gezeichneter Zeitungsartikel erscheint 1912 in Dr. Blochs Wochenschrift. Zentralorgan für die gesamten Interessen des Judentums, über die alljährliche Sederfeier des Vereins – »Krankenbesuch« im Tempel des Allgemeinen Krankenhauses:
Sie waren alle gekommen, alle, die ihr Bett verlassen konnten. Es war eine traurige Gemeinde, welche das schlichte kleine Bethaus füllte. Die langen, bleichen, schleichenden Gestalten, in ihre Spitalskittel wie in Schicksalsgewänder gehüllt, mit bedeckten Häuptern. Neben alten, kranken, von der Not des Lebens gebrochenen Männern Jünglinge mit heißerregten Herzen, welche mit Demut Schmerzen ertragen; neben einem schwerkranken Familienvater, dessen treuer Begleiter schon seit einiger Zeit der Mann in der Narrenkappe ist, Knaben aus dem fernsten Galizien, verlassene Kinder, unschuldig Leidende – mit großen fragenden Augen … Aussätzige, die das Leben wie eine Pfütze nachschleift, und – hie und da ein helles, glücklicheres Gesicht, in dem sich wiederkehrende Gesundheit, neu erweckter Lebensmut verkündet. Hinter einem Vorhang die Frauen. Sie waren alle gekommen, die Wunder jener Nacht noch einmal zu vernehmen – und in ihren Gesichtern, diesen starren, bleichen, zerklüfteten Gesichtern lebt der alte Judenglaube, der unausrottbare, durch Jahrtausende eingebrannte Wunderglaube. O, Ihr lieben armen Menschen; o, Ihr Heimatlosen, Schmachtenden, Dürstenden – Ihr Kranken, Genesenden, Sterbenden – mögen sich immer mehr gute Menschen finden, die mit der Fackel der Menschenliebe in Euere Dunkelheit hineinleuchtend ein wenig Sonne, ein wenig Freude bringen – damit endlich – endlich auf die Frage ma nistani – warum ist ausgezeichnet – Antwort werde!
Else Feldmann
Ihrem Bericht schickt sie einen Appell an alle im Wohlstand lebenden Juden voraus, diesen Wohltätigkeitsverein nach Kräften zu fördern.
Um diese Zeit ist wohl auch ihr erstes Theaterstück Der Schrei, den niemand hört. Ein Schauspiel aus dem Ghetto in vier Akten entstanden. Mit gleicher Emphase schildert Feldmann hier die Enge und Bedrücktheit im Milieu der jüdischen Unterschicht ihrer Epoche und deren meist vergeblichen Versuche, sich zu emanzipieren. Sie hat das Manuskript ihres Stücks 1914 an den von ihr verehrten Arthur Schnitzler geschickt, mit der Bitte um Beurteilung. Ihr Begleitbrief ist erhalten geblieben. Ob eine Antwort erfolgte, wissen wir nicht.
Der Schrei, den niemand hört wurde vom 12. bis zum 24. Februar 1916 an der Freien Volksbühne in Wien uraufgeführt. An diesem 1912 eröffneten Theater des Vereins »Wiener Freie Volksbühne« waren der Direktor Arthur Rundt und der Dramaturg und Regisseur Berthold Viertel als Spielleiter tätig. Arthur Schnitzler war bei der Premiere des Stückes anwesend; in seinem Tagebuch notierte er lakonisch: »Frl. Feldmann, Der Schrei, den niemand hört, ein Ghettostück, ein paar gut gesehene Figuren.«
Auch im weiteren Verlauf ihrer schriftstellerischen Tätigkeit hat Feldmann immer wieder Arbeiten für die Bühne verfasst, ohne dass es je – zumindest nach unserem derzeitigen Wissensstand – zu Aufführungen gekommen wäre. 1927 finden wir im Feuilleton der Arbeiter-Zeitung als Teilabdruck Der Mantel. Komödie von Else Feldmann, nach Gogol und 1930 veröffentlichte Kunst und Volk. Mitteilungen des Vereins Sozialdemokratische Kunststelle ihr Libretto Ballett der Straße. Ein Entwurf für Jazzmusik.
Ab 1916 schreibt Else Feldmann Artikel in der Wiener Tageszeitung Der Abend (Serie Vom Jugendgerichtshof etc.), von 1918 an für das Neue Wiener Journal (Bilder von der menschlichen Seele, Wiener Kinderelend, Vorfrühling im Wiener Armenbezirk etc.). In einem ihrer Beiträge findet sich der Hinweis, sie schreibe an einer Tragödie des Hasses – vermutlich also ein Theaterstück, über dessen Schicksal nichts überliefert ist. 1921 erscheint ihre erste Buchveröffentlichung – der stark autobiografisch gefärbte Roman Löwenzahn. Eine Kindheit, der ihren Eltern gewidmet ist. Der Titel bezieht sich auf die einzige Blume, die arme Großstadtkinder jener Zeit – in Zinskasernen und dunklen Lichthöfen dahinvegetierend – auf einem Fleck verstaubten Rasens zu sehen bekamen.
Im selben Jahr brachte Feldmann – zusammen mit der ihr nahestehenden Übersetzerin und Sprachlehrerin Anna Nussbaum – Das Reisetagebuch des Wiener Kindes heraus: eine Sammlung von Briefen, Aufsätzen und Zeichnungen Wiener Schulkinder, die nach den Hungerjahren des 1. Weltkriegs Erholungsferien im Ausland erleben durften. Die Publikation enthält den Hinweis der beiden Herausgeberinnen, dass ein Teil der Erträge dieses Buches der Kinderausspeisung in Wien und der Fürsorge für tuberkulöse Kinder zugute kommen würde.
Ab 1923 schreibt Else Feldmann fast ausschließlich für die Arbeiter-Zeitung, in der im Jahre darauf in 41 Folgen Der Leib der Mutter als Fortsetzungsroman abgedruckt wird, mit Illustrationen des Malers und Grafikers Carry Hauser, der Feldmann und Nussbaum freundschaftlich verbunden war. Eine Buchausgabe kommt 1930 in ungarischer Übersetzung in Budapest heraus, im Jahr darauf eine deutsche Ausgabe im neugegründeten E. Prager Verlag. Die Nationalsozialisten haben den Roman 1938 auf die »Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums« gesetzt.
Ihre zweite Buchveröffentlichung Liebe ohne Hoffnung erscheint 1928 bei der Büchergilde Gutenberg in Berlin; der Erzählband enthält 22 Geschichten, von denen mehrere bereits in Zeitungen vorveröffentlicht worden sind.
1930 wird ihr Roman Löwenzahn unter dem Titel Melodie in Moll neu aufgelegt. In diesen Jahren ist Else Feldmann bereits eine bekannte und anerkannte Erscheinung in der Literaturszene und im »Roten Wien«. 1933 ist sie Gründungsmitglied der »Vereinigung sozialistischer Schriftsteller«, die schon im Jahr darauf wieder aufgelöst wird.
Der Zwang der politischen Ereignisse, der unter anderem den Abschluss ihres in der sozialistischen Arbeiter-Zeitung abgedruckten Fortsetzungsromans Martha und Antonia verhindert – nach 78 Folgen erscheint am 11. Februar 1934 die letzte Fortsetzung, am folgenden Tag ist die »Sozialdemokratische Arbeiterpartei« mitsamt ihrer Presse verboten –, leitet den Untergang der Autorin und Person Else Feldmann ein. Sie verliert ihre wichtigste publizistische Plattform und somit auch ihre Haupteinnahmenquelle. In den folgenden Jahren gelingt es ihr zwar noch, einige ihrer Artikel und Kurzgeschichten bei anderen Zeitungen unterzubringen, aber die finanzielle Bedrängnis wird immer ärger. Die noch erhaltenen Spuren ihrer letzten Lebensjahre bestehen aus Kündigungsschreiben des Wohnungsamtes wegen chronischer Mietrückstände, Mahnungen, Meldebestätigungen und Delogierungsprotokollen. 1938 verliert sie die Gemeindewohnung, die sie mit ihrer alten Mutter und einem arbeitslosen kriegsinvaliden Bruder bewohnt hat. Mit dem »Anschluss« Österreichs an das Deutsche Reich ist ihr weiteres Schicksal – als Volljüdin – so gut wie besiegelt. 1940 stirbt ihre Mutter, die zuletzt im Altersheim der Israelitischen Kultusgemeinde gewohnt hatte; ihre jüngere Schwester Anna – als Geisteskranke in einer Heilanstalt interniert – fällt dem dort praktizierten Euthanasieprogramm zum Opfer. 1941 wird ihr Bruder Richard Heinrich nach Riga deportiert – einer von 80.000 Juden, die dort der »Endlösung« zugeführt worden sind.
Die letzte aktenmäßig gesicherte Eintragung Else Feldmann betreffend stammt vom 14. Juni 1942: An diesem Tag wurden sie und ihre Leidensgenossinnen und Leidensgenossen – insgesamt 996 Wiener Juden – mit dem Transport Nr. 27 in das Generalgouvernement Polen »verschickt«. Die Reise führte nicht, wie zunächst vorgesehen, in das Durchgangslager Izbica, sondern direkt in das Vernichtungslager Sobibor. Dort hatten die Massenvernichtungen bereits im März 1942 begonnen; die genaue Zahl der dort Ermordeten lässt sich nicht mehr feststellen, aufgrund aufgefundener Dokumente beträgt sie mindestens 150.000, nach Aussagen polnischer Bahnbeamten über die Häufigkeit der Transporte rund 250.000 Menschen.
Am 8. April 1943 schließt das Städtische Wohnungsamt Wien den Akt Feldmann ab: »Wohnungstausch Feldmann gegenstandslos, da Genannte als Jüdin ausgemietet wurde.«
Adolf Opel

BLICK AUS DEM HOTELFENSTER

Arbeiter-Zeitung, 5. März 1922
Ich bin bei einer Freundin aus der Schweiz zu Besuch. Sie wohnt an der Kreuzung einiger belebter Hauptstraßen.
Während sie Briefe schreibt, dem Zimmermädchen Aufträge gibt, trete ich ans Fenster, und ganz verloren in den Anblick des Menschengewimmels schaue ich hinaus. Eine unerhört bewegte Welt da unten. Ich bin an solchen Ausblick nicht gewöhnt – ich habe eine kleine begrenzte Welt von Bäumchen vor meinen Augen oder ein kleines Stück der stillen Gasse, wenn ich aus dem Fenster zu Hause sehe. (Ich habe es schon oft bedauert, daß ich nicht ein größeres Stück der Straße übersehen kann – ein oder das andere Mal kann es doch vorkommen, daß man sehnsüchtig jemandem entgegenschauen möchte …)
Es ist Abend und alle elektrischen Lichter brennen. Ein bläulich grauer Dunst liegt in den Straßen. Die Fenster der hohen Häuser sind erleuchtet. Die Geschäftsläden werden eben geschlossen. Eine Straßenbahn nach der anderen fährt vorbei. Lastenwagen, Fiaker und die Anzahl der Autos. Man kann nur Menschen in schwarzen Röcken unterscheiden, so hoch ist es. Erst wenn man sich weit vorbeugt, sieht man die Frauen; die jungen erkennt man am Gang, an der Flottheit der Kleider, und die alten, müde gewordenen, die nicht mehr um sich schauen und langsamer gehen.
Es ist unheimlich, wie dieses Getriebe nie zur Ruhe kommt – nie; die Wagen nicht zu fahren aufhören, die Menschen nicht durcheinander zu eilen, und man möchte die Nacht vor dem Fenster erwarten, um endlich Ruhe eintreten zu sehen.
Ich nehme den Stecher, Marke Zeiß, und auf einmal ist mir alles nah. Ich kann jeden deutlich sehen. Die fernsten Gestalten stehen plötzlich vor mir und enthüllen mir ihr Leben.
Ein junger, abgerissener Mensch mit leeren Augenhöhlen, mit den Resten einer Uniform bekleidet, verkauft Schneerosen. Seine blauroten Hände zittern, wenn er Geld zählt – alle Augenblicke kommt jemand vorbei und fragt, was die Schneerosen kosten, dann geht er weiter, ohne zu kaufen. Kommt aber ein Jüngling mit einem Mädchen, dann fragt er nicht und kauft die Blumen, und da es März ist, und also bald Frühling, kommen viele Jünglinge mit Mädchen …
Die Blumenfrauen daneben sehen robust aus, kugelrund, sie haben so viele Röcke an, um sich gegen die Kälte auf offener Straße zu schützen; aber trotzdem wird eine vom Husten geschüttelt. Ihre Nachbarin schaut sie kaum an, sie ist eben dabei, die Blumen zu morden, sie auf Draht zu stecken. Und, ja richtig, Veilchen sieht man schon, jede hat in ihrem Korb ein paar kleine Sträußchen.
Vor der Haltestelle der Straßenbahn drängen sich die Leute. Arbeiter, Angestellte fahren heim, sie stoßen sich im Wagen: Jeder möchte sitzen; sie haben alle mißmutige, verbrauchte Gesichter, sie runzeln die Stirnen; kaum sitzen sie, schließen sie die Augen und atmen auf; sie sind müde – hungrig – müde …
Erleuchtete Autos rasen vorbei. Damen mit gepflegten weißen Gesichtern in kostbaren Kleidern, mit Herren an ihrer Seite, die mit gierigen, schlauen Augen dasitzen. Es geht ins Theater und zu den Vergnügungsstätten.
Ein Kind steht am Weg und weint, die Mutter hat es geschlagen, weil es Süßigkeiten gekauft haben wollte. Nun will es nicht mitkommen, weil die Mutter es schlug, und es bleibt mitten am Weg stehen und weint verzweifelt.
An der Säule des Denkmals steht schon lange ein junger Mann und wartet. Er macht immer ein paar Schritte, zieht seine Uhr und vergleicht sie mit der großen Straßenuhr, dann zuckt er nervös zusammen – nimmt seinen Hut vom Kopf, trocknet sich die Stirn.
Ein Laden nach dem anderen schließt. Auch der Diener aus der Buchhandlung kommt mit der Stange – wie er den Rollbalken herunterziehen will, tritt noch schnell eine Frau in den Laden, bald darauf kommt sie mit einem schmalen, roten Buch heraus, das sie bei der nächsten Straßenlaterne zu lesen beginnt.
Der junge Mann vor der Schule geht noch immer auf und ab.
An der Ecke ist eine »Verkehrsstörung« entstanden. Ein riesengroßer Wagen, hoch mit Säcken beladen, kommt nicht weiter, die zwei Pferde rühren sich nicht. Der Kutscher schreit hü und schlägt mit der Peitsche – es nützt ihm nichts; die Pferde stehen still, sie können nicht weiter. Alle Wagen müssen auf einmal halten, nur die Autos suchen sich rasch und finden einen Weg. Ein wüstes Beschimpfe beginnt. Mehrere Straßenbahnschaffner helfen den Wagen in Bewegung zu bringen. Sogar ein Herr im Pelz ist ausgestiegen, und lächelnd will auch er helfen – alle sehen ihn verwundert an. »Wie kann man nur einen Wagen so voll beladen?!«, schreit jemand. Der Wagen kommt ein wenig vorwärts, so daß das eine Geleise frei wird. Die beiden Pferde stehen stumpf da und zucken unter den Peitschenhieben, manchmal schütteln sie ihre kummervollen Köpfe, als wollten sie bitten: Nein! Nein!
Es hat sich ein dichter Menschenknäuel gebildet. Der junge Mann mit der Uhr in der Hand hat Mühe, nach allen Seiten auszuschauen. Plötzlich verändert sich sein Gesicht, es strahlt von Glück und Freude, und aus der Menschenmenge zieht er ein Mädchen heraus – er spricht heftig auf sie ein, sie lacht – dann nimmt er ihren Arm und sie gehen.
Aus einem Haustor kommt eine Katze herausgeschlichen und ohne sich nur im geringsten um andere Dinge zu kümmern, springt sie durch die Anlagen vor dem Denkmal und läuft dann schnurgerade ihren Geschäften nach – wie ein Herr, der ins Büro geht.
Der Wagen ist fort und die Straßenbahn voll angesammelter Menschen fährt wieder.
In dem großen Kaffeehaus gegenüber sieht man an den Fensterbänken die Tische und Stühle, die Kellner, die den Kaffee und die Zeitungen bringen. Es gehen und kommen die Gäste – manch einer hat ein lustiges und manch einer ein trauriges Gesicht, der eine lacht über einen Witz und einer sitzt mit bleichem Gesicht und schreibt einen Brief.
Zwei lange, magere Frauen in Trauer mit langen Schleiern geben einem Bettler etwas, die eine findet, daß es zu wenig ist, und greift noch einmal in die Börse.
Ich nehme den Stecher von den Augen und alles ist wieder ein gleichgültiges Gewimmel – weit und fern – schwarze Röcke …
Noch einmal sehe ich hinein, ehe ich das Fenster verlasse.
Vor dem Haustor steht ein Dienstmädchen mit einem Mann im blauen Arbeitsrock. Sie muß ihm eine furchtbare Mitteilung gemacht haben, denn er starrt sie ganz entsetzt an und greift sich an die Schläfe. Dann dreht er sich um und geht, auch sie will hineineilen ins Haus, doch plötzlich kehren beide um – das Mädchen spricht ihm gut zu, es schmiegt sich an ihn und auf einmal fallen sie einander in die Arme – und es ist, als ob beide weinten.
Wo ist ein Weg zu all diesen Menschen in Häusern und Straßen? Wie ist es möglich, alle zu verstehen, Leiden zu lindern … mit allen in Frieden und Brüderlichkeit zu leben?
Das denke ich in einer schmerzlich schlaflosen Nacht – ein Uhr nach Mitternacht, während ich bei verhängter Lampe dies aufschreibe.
BILDER VON DER MENSCHLICHEN SEELE. MUTTER UND SOHN

Neues Wiener Journal, 3. November 1918
Die Wohnung befindet sich im Prater. Lange und graue Gassen, hohe Häuser, vollgestopft mit Artisten, kleinen Hausierern, allerlei Glücksspielern und Freudenmädchen.
Dort wohnt die Mutter.
Die Mutter steht ganz allein in der Welt. Wohl hat sie viele Kinder geboren; aber nur einer ist ihr von allen geblieben. Er ist in den letzten Jahren eine Berühmtheit geworden: ein berühmter Einbrecher. Vor einigen Tagen ist er aus dem Gefängnis entsprungen und wird von der Polizei gesucht.
Die Mutter ist Aufwartefrau in fremden Häusern. Wenn die Leute sie fragen, ob sie vielleicht mit dem bekannten Einbrecher verwandt wäre, sagt sie: nein; aber insgeheim trägt sie ein Mutterherz voll Kummer nach diesem Sohn. Immer lebt sie in Angst, er könnte kommen. Die Zeitungen liest sie in der Erwartung, etwas über ihn darin zu finden. Und vor einigen Tagen las sie: »Der bekannte Einbrecher … ist aus dem Gefängnis entflohen.«
Da erstarrte die Mutter, als sie es las, und ein unruhvolles Suchen ist seither in ihr; auf der Straße, bei den fremden Leuten, überall.
Zu Hause aber ist es ihr immer, als stehe jemand vor der Tür. Das war das Ärgste, wenn er kam. Er brachte Kameraden mit und Freudenmädchen und dann begann eine Zecherei. Die Mutter sollte mittrinken, aber sie wollte nicht; da war der Sohn beleidigt; er schlug auf den Tisch, daß die Flaschen und Gläser in die Höhe sprangen, dann verließ er mit den Kameraden und den Freudenmädchen schimpfend und fluchend das Haus.
Wenn er fort war und die Mutter dastand und nachsann, dachte sie, sie hätte vielleicht doch trinken sollen, dann wäre er bei ihr geblieben und nicht wieder der Polizei in die Hände gefallen.
O, man kannte ihn; jeder Polizist trug sein Bild bei sich; ein Entkommen war nicht möglich.
Vor einem Jahr hat die Mutter den Sohn zuletzt gesehen. Bevor er die große Strafe antrat, ist er zu ihr gekommen, hat ihr einen Sack Lebensmittel mitgebracht – damit sie nicht verhungere, während er nicht da ist. Geschrieben hatte er von dort nicht.
Müde von der Arbeit und dem Gram ihrer Seele geht die Mutter schlafen. Mit in den Schlummer nimmt sie ein Gebet für den Sohn, daß auch er in dieser Stunde Erlösung finden möge im Schlafe, daß er müde Richter finden und zu ihr zurückkehren möge.
Sie liebt diesen Sohn, wie man das einzige liebt, das man auf der Welt hat.
Kaum lag die Mutter im ersten Schlaf – es war eine frostige Novembernacht –, da war es ihr, als sehe sie draußen vor der Glastür einen langen Schatten; es war ihr auch, als hörte sie einen kurzen, schrillen Pfiff – eine lange Minute Stille, dann leises Stöhnen.
Die Mutter fuhr auf.
Nein, sie hatte nicht geträumt. Draußen stand ihr Sohn.
Sie schloß ihm sogleich die Tür auf und zog ihn hinein ins Zimmer.
Er hatte den Kopf verbunden mit Papierverband – er sah jämmerlich aus; seine lange Gestalt war ganz abgemagert. Das Gesicht mit den vorstehenden Knochen, das in allen illustrierten Zeitungen abgebildet war, sah fast kindlich aus.
Die Mutter legte ihn in ihr Bett; zu essen hatte sie nichts für ihn, nur eine Brotrinde; die gab sie ihm.
Er konnte nicht ruhig liegen; sein Körper war mit brandigen Blasen bedeckt, die in der Strafanstalt nicht behandelt wurden. Die Krankheit hatte er von einem Zellengenossen geerbt, Schmutz und Feuchtigkeit hatten sie verschlechtert.
Die Mutter wusch die Wunden; sie gab ihm reine Wäsche. Sie richtete sich auf dem Fußboden ein Lager neben seinem Bett.
In der Nacht hatte er Fieber. Er phantasierte.
»Mutter, warum hast du mich verstoßen?«, flüsterte er.
»Ich habe dich nie verstoßen.«
»Doch, du hast mich von dir gewiesen, darum bin ich schlecht geworden.«
»Du bist schlecht geworden und darum habe ich dich von mir gewiesen.«
»Mutter, ich büße für alles, das ich getan; fürchterlich büße ich. Ich habe aufgehört, ein Mensch zu sein und ein Menschengesicht zu tragen. Sie haben einen Teufel aus mir gemacht. Wenn ich nicht bald eingesperrt werde, begehe ich einen Mord. In mir ist alles Gift; ich hasse alle Menschen und alle hassen mich, auch dich hasse ich, Mutter.«
»Sohn, mein armer Sohn!
»Du weißt nicht, Mutter, was ich gelitten. Die Dunkelheit und die Einsamkeit und der Hunger und die Krankheit und grauenhafte Scheußlichkeiten, Menschen und Tiere, die einen peinigen. Noch fünf Jahre habe ich im Gefängnis zu sitzen. Man stirbt hundert Tode.«
»Ich leide mit dir, mein Sohn; ich sterbe hundert Tode mit dir.«
Mutter und Sohn sehen einander an. Die Mutter ist weißhaarig und ganz alt.
Der Sohn ist blond und jung; sein Gesicht ist hart verzerrt, aufgeschwemmt und von der Krankheit entstellt.
»Wenn ich bei dir bleiben könnte, Mutter! Für dich arbeiten! Dich lieben!«
»Das hast du mir schon oft versprochen und hast es nie getan.«
»Diesmal will ich es tun!«
»Du kannst aber nicht.«
»Es gibt also nichts, Mutter, für einen Sünder?«
»Es gibt nichts, mein Sohn …«
Der Sohn war eingeschlafen. Die Mutter wachte. Mit Wahnsinn in den Augen saß sie am Lager wie bei einer Leiche.
In der Früh kamen Polizisten. »Ist der entsprungene Häftling hier? – Anziehen und mitkommen!«
Der Sohn zog seine Lumpen an, die Polizisten faßten ihn mit hartem Griff und ohne ein Wort, ohne sich noch einmal umzusehen, ging er mit ihnen.
Die Mutter stand in der Mitte des Zimmers und blickte ihm nach. Ihre Augen waren groß und rund und glasig.
IM WARENHAUS

Neues Wiener Journal, 12. Januar 1919
Es ist drei Uhr nachmittags. Die eigentümlich träumerische Zeit, wenn noch nicht die elektrischen Lichter brennen. Eine Dämmerung wie auf freiem Felde liegt in diesem großen Käfig. Es ist wenig Kundenverkehr; die Verkäuferinnen stehen herum, plaudern miteinander, langweilen sich, grübeln nach, richten sich die Locken, pudern sich versteckt das Gesicht.
Manche sind noch jung; man hört sie über ein Wort, das die Kameradin ins Ohr geflüstert hat, laut lachen.
Aber viele, viele sind alt; haben Falten im Gesicht, Kummerringe um die Augen – das Leben und das Glück ist für sie ein für allemal verloren.
Sie stehen bei ihrem Ladentisch und verkaufen Bänder, Spitzen, Taschentücher und hundert andere Sachen, nur die Lustigkeit und Koketterie früherer Tage sind dahin. Hinter dem Ladentisch sind sie dahingewelkt und sind bissig und grob geworden. Sie beschimpfen die kleinen Lehrmädchen, die sie beneiden um ihre rosigen Wangen und glänzenden Augen, die sie hassen wegen ihrer Jugend.
»Ich bin lieber ungeschickt und dumm als alt und häßlich«, hatte ein fünfzehnjähriges Lehrmädchen im Zank zu einer vierzigjährigen Verkäuferin gesagt. So geht es zu. Der Wettstreit der Jahre im Warenhaus, eine stumme Tragödie, die Tag für Tag, Jahr für Jahr, spielt.
Vor dem Verkaufsstand für Strümpfe und Wollsachen stehen zwei junge Mädel.
»Wieviel Uhr ist es, Hedwig?«
Hedwig blickt auf ihre goldene Uhr, die sie von ihrem Geliebten geschenkt bekam, zum Dank dafür, daß es doch nicht das war, was er befürchtet hatte. »Wir können bald sperren, noch eine Stunde«, sagt Hedwig.
»Wie dumm«, meint die Kameradin, »jetzt haben wir so früh aus und man weiß doch nichts mit der freien Zeit anzufangen. Ich sitze, wenn ich heimkomme, bei meiner Mutter in der Küche und flicke unsere alten Fetzen bei der Kerze.«
»Warum nimmst du nicht ein Buch?«, fragt Hedwig.
»Ich lese nicht gern; nein; es interessiert mich nicht.«
»Na ja.«
»Man hat nichts von der freien Zeit. Früher hat es nie ein Ende nehmen wollen; es ist acht worden, es ist neun worden, und jetzt hat man auch nichts davon. Wohin soll man gehen? Alles ist so teuer.«
Hedwig hat einen Hustenanfall; sie hustet erstickt und erschrocken in ihr Taschentuch hinein.
Da flammt das elektrische Licht auf. Die Kameradin fährt zusammen.
»Hedwig, was hast du für ein bleiches, bleiches Gesicht?«
Hedwig lächelt. Wie hübsch sie ist mit dem roten Haar und den feinen, schmalen Wangen. Im grellen Licht sieht sie aus wie eine schöne Tote. Wie eine Tote auf der Bühne –
Im Konzertcafé. Sie sitzen in einer Ecke; jeder hat ein Gläschen Nougat vor sich. Ein paar Geiger und ein Klavierspieler spielen: aus den Deutschen Tänzen von Schubert.
»Ja«, sagt Hedwig, indem sie ihre Hand in die Hand ihres Geliebten legt: »Alles wird vergehen. Was ist der Mensch überhaupt? Man lacht und freut sich, man trinkt und liebt, man quält und härmt sich ab – und was ist das Ende? Man zerfällt in Staub. Alles vergeht, nur dies nicht.« Und sie summt leise mit dem Orchester die entzückende Melodie aus den Deutschen Tänzen.
Sie sitzen schweigsam.
»Hedwig, du bist nicht bei mir, du bist ganz woanders mit deinen Gedanken.«
Hedwig lächelt. Wie schön ist ihr junges Gesicht, wenn sie lächelt. Er sieht es und drückt ihre Hand.
Die Musikanten haben Pause. »Laß uns jetzt ernst reden, Hedwig. Wann kommst du zu uns ins Spital. Ich muss endlich wissen, was dir fehlt.«
»Ich werde schon kommen.«
»Komme gleich morgen. Morgen hat Doktor D. Dienst. Er ist sehr tüchtig: Er wird dir sagen –«
»Ich will es gar nicht wissen.«
Nach einer Weile sagt Hedwig: »Wie viel Prüfungen hast du noch?«
»In einem Jahr werde ich Doktor.«
»Und dann?«
»Und dann? Wie kann ich heute etwas sagen. Alles ist so ungewiß.«
»Ja, alles ist ungewiß.«
Die Musikanten spielen wieder. Den großen Gesang aus der »Bohème«.
»Ich werde heute nach Hause gehen«, sagt sie.
»So? Warum?«
»Ich habe Sehnsucht nach meiner Mutter, nach zu Hause.«
»Aber geh’.«
»Sie sieht mich eigentlich nie. Bei Tag bin ich im Geschäft und abends mit dir. Ich weiß nichts von ihr, sie nichts von mir. Wenn ich nach Hause komme, schläft sie, und in der Früh geht sie um sechs Uhr in die Arbeit.«
Hedwig schließt die Augen. Sie fühlt die Nähe des Geliebten wie einen Rausch. »Flüchtiges Glück!«, denkt sie. Wenn man jetzt einschlafen könnte und nicht mehr erwachen. Hier war es warm und licht, hier war Vergessenheit. Vergessen war die Mariahilferstraße – Fräulein, kann ich diese Socken auch in grau haben? Was kosten sie? Achtstundentag – ja – die Arbeiter werden es einmal besser haben. Es kommt eine glücklichere Zeit. Menschendämmerung!, hatte jemand in einer Versammlung ausgerufen. Auch für ihre Mutter wird es einmal besser werden. Weil sie auch zu den Arbeitern gehört. Was aber kann noch mit sechsundfünfzig Jahren besser werden … Nächstes Jahr macht er das Doktorat – ein Arzt. Die Hauptsache ist und bleibt ja aber doch ihre kranke Lunge.
Auf der Straße nimmt sie den Arm ihres Geliebten.
»Wohin gehen wir?«, fragt sie.
»Ich begleite dich natürlich nach Hause.«
»Ich will nicht nach Hause gehen.« –
Im Behandlungssaal des Krankenhauses.
Der junge Mediziner spricht mit dem Arzt.
»Wir wollen noch eine Röntgendurchsuchung machen, damit Sie es sehen können«, sagt der Arzt.
»Zieh dich noch nicht an, wir wollen noch ins Röntgenkammerl«, flüstert zitternd der Mediziner.
»Was haben Sie, Kollege; warum sind Sie so aufgeregt?«
»Gar nichts; es ist ein Mädel, das ich kenne.«
»Ach so – schade – hm, kein Zweifel, Todeskandidatin; wir werden es ja gleich sehen.«
Hedwig steht vor dem Röntgenapparat. Der Arzt und der Mediziner betrachten das Bild.
»Sehen Sie einmal, Herr Kollege.«
Und er zeigt ihm die Lunge seines geliebten Mädchens zerfallen und ausgehöhlt – ein letzter Fetzen Leben. Er sieht ihr Herz, ihr zärtliches, junges Herz; er sieht es mühsam arbeiten mit letzter Kraft.
»Verloren«, flüstert ihm der Doktor zu, »noch vier Wochen.« Dann geht er aus der Kammer.
»Hedwig, zieh dich wieder an«, er sagt es leise mit weißen Lippen.
»Ja, ja; ich weiß alles«, sagt sie, sieht ihn an und lächelt wie eine Tote.
VON DIENENDEN

Neues Wiener Journal, 18. Februar 1919
Eben bin ich nach Hause gekommen. Ich habe einen sehr geliebten Menschen noch eine Strecke Wegs das Geleit gegeben; dann bin ich ganz allein zu später Nachtstunde nach Hause gewandert und habe nachgedacht.
Man hat jetzt so viele Erlebnisse, und alle sind so wuchtig und schwer.
Wohin man schaut, Ungerechtigkeiten, erdrückendes Unrecht.
Man muß an die Menschen denken, die leiden!
O, wie kann ein Menschenherz leiden!
Wie eisig kalt … Wie gut wäre die Straßenbahn, die einen bis nach Hause brächte!
Man muß an die denken, die frieren; die sich irgendwo verkrochen haben mit steifen Gliedern, die ohne ihre Schuld die grausame Qual des Frierens erleiden müssen.
Ach – es heißt noch ein paar Tage die Zähne zusammenpressen, dann ist wieder der Frühling da – das Wunder, das uns sicherer ist als das Brot und über das man doch immer wieder staunt.
Seit ein paar Tagen spüre ich wieder eine gesammelte Kraft zur dramatischen Arbeit. Sie ist mir während der Jahre des Mordens abhanden gekommen. Man konnte ja keine Nacht ruhig schlafen ohne das Bild der Schlachtfelder vor sich, und jede Zeile niedergeschrieben, die nicht aus den Schreckensgeschehnissen des Tages hervorging, war überflüssig. Erst jetzt geschieht es wieder, daß die Eindrücke sich zu sublimieren beginnen.
Ich habe es in dieser Woche versucht, ein dramatisches Werk zu beginnen, und ich sehe mit Freude, daß es wächst.
Die ganze tiefe Liebe der Schaffenden umfängt mich wieder. Ich bin wie eine Mutter von vielen Kindern; so glücklich und so leidvoll!
Auf die erste Seite habe ich die Worte geschrieben: »Allen Dienenden gewidmet.« Und von Dienenden soll es handeln. Von armen Dienstboten. Und eine Tragödie des Hasses soll es sein. Die Tragödie eines Menschen, dem all seine Liebe in Haß gewandelt wurde. Aber das wäre nichts Neues. Denn das gerade ist der Kernpunkt jedes Dramas. Der Mord als die letzte Konsequenz des Hasses.
Es ist ein Uhr nachts. Ich habe bereits seit einer Stunde geschrieben und höre jetzt auf.
Wie zu einem Kinde sage ich: »Gute Nacht!«
Es hat bereits einen Odem, mein Werk, man kann die Herztöne fühlen; die Augen sind noch zu; bald werden sie erwachen.
Gute Nacht, du mein werdendes Kind! Der Dienenden muß ich gedenken. (So geht es den Menschen, die geistig arbeiten; den Schlaf ihrer Nächte »verdenken« sie. Und es wird Morgen und die Tagesarbeit ist da für sie so gut als für die anderen auch.) O, wer ein einziges Mal nicht denken bräuchte an das, was alles das Herz jetzt quält.
Wer, wie die Näherin, die den ganzen Tag an der Maschine gesessen hatte, sich müde hinlegen könnte zum Schlafe …
An die Dienenden muß ich denken.
Und ich werde wohl daran denken, ehe es in meinem dunkeln Zimmer grau geworden ist vom Frühdämmer.
… Vielleicht eignet sich das menschliche Herz am wenigsten zum Dienen.
Dienstbote sein, Magd, Knecht, das ist vielleicht das Härteste von allem.
Auch am besten Dienstplatz fühlt sich die menschliche Seele geknebelt und gefesselt; ein Sklave in Ketten.
Und wird sich immerdar so fühlen, denn das teuerste Gut des Menschen ist ihm genommen: die Freiheit.
Was er dafür eintauscht: Verköstigung, Lohn, ein Dach überm Kopf ist des Lebens nicht wert ohne das eine: Freiheit!
… Vor einiger Zeit kam ich in ein kleines, vornehmes und teures Hotel, um eine Freundin, eine Schauspielerin, aufzusuchen. Ich traf sie nicht an; sie war schon bei der Vorstellung im Theater; sie spielte an diesem Abend.
In ihrem Ankleide-, Empfangs- und Studierzimmer war es dunkel. Im Schlafzimmer brannte eine elektrische Birne.
Ein Stubenmädchen, eines von den »uniformierten« Hotelstubenmädchen in schwarzem Kleid und weißer Schürze, heizte im Ofen ein. Sie konnte mich nicht sehen – ich war unbemerkt eingetreten –, mir war alles hier bekannt. Ich nahm Platz beim Schreibtisch und versank sofort in Träumerei.
… Die armen Künstlerinnen in den paar armen kleinen Hotelzimmern. Da wurden sie daran gemahnt. Alles ist eitel: dieses Hotelbett, dieser Hotelkasten, dieser Spiegel mit dem gewöhnlichen, vergoldeten Rahmen; diese Tischchen, Sesselchen bis zum Thermometer, und diese Ottomane, Teppiche und Bettvorleger: Wie ist das alles fremd und lieblos.
Das Stubenmädchen schließt pflichtschuldig die Fenster, zieht die Gardinen zu, legt das seidene Nachtkleid der Künstlerin zurecht, stellt ein Glas Wasser auf das Tischchen neben das Schlafpulver, dann kommt sie herein, um hier Ordnung zu machen.
Ich frage sie: »Wo ist das Fräulein?«
»Ja, ich weiß es nicht.«
»Wahrscheinlich im Theater, nicht?«
»Ich weiß nicht, mir sagt sie es doch nicht.«
»Haben Sie sie denn nicht gesehen? Haben Sie nicht mit ihr gesprochen?«
»Was soll das Fräulein denn mit mir sprechen?«
»Nun, warum denn nicht? Ihr kennt einander doch schon so lange. So oft das Fräulein in Wien ist, wohnt sie hier, jetzt schon den zehnten Monat. Und da sind Sie einander noch nicht näher gekommen? Man sollte es nicht für möglich halten. Ein Mensch ist doch wahrlich wie der andere. Und warum so fremd? Warum diese Schranken?«
»Ja, das Fräulein hat anderes zu tun, als mit mir zu sprechen. Wer bin ich denn? Ein Mensch ist nicht wie der andere. Sie läutet mir zweimal, wenn sie etwas will: Wasser oder frische Handtücher oder die Schuhe bringen. Auch in der Nacht hat sie schon geläutet, wenn sie etwas brauchte.«
»Und Sie kamen?«
»Freilich kam ich; das mußte ich laut meines Dienstvertrages, und dem Fräulein wird es dann in die Rechnung gestellt.«
»Und wem läuten Sie, wenn Sie in der Nacht etwas brauchen?«
»Niemand; dazu habe ich kein Recht; ich bin nur ein armer Dienstbote.«
»Wie heißen Sie?«, frage ich.
»Marie; eigentlich heiße ich Anastasie, aber die Herrschaften hier sind gewöhnt an eine Marie, darum heiße ich auch Marie.«
»Marie«, sage ich, »Verzeihung, Anastasie, glauben Sie daran, daß es anders wird? Daß die Künstlerinnen mit ihrem Stubenmädchen ›sprechen‹ werden, daß die Menschen einander beistehen werden, daß sie einander die Bruder- und Schwesterhände reichen werden, um nicht länger armselig verlassen und allein dazustehen … Glauben Sie daran – Anastasie?«
»Wenn das wäre«, sagt sie, »aber dann bin ich schon zu alt.« Und sie läuft aus dem Zimmer, hinaus auf den Gang. Unten hat es schon mehreremale heftig geläutet. Man hört rufen: »Marie, wo bleiben Sie denn? Kommen Sie endlich, mir meine Schuhe ausziehen …«
Was Anastasie wohl damit meint: Dann bin ich schon zu alt.
POPPER-LYNKEUS ZUM 81. GEBURTSTAG

Neues Wiener Journal, 23. Februar 1919
Wie im Traum gehe ich jedesmal diesen Weg von der Elektrischen durch die paar kleinen Gassen, die Fasholdgasse, dann biegt man ab in die Trauttmansdorffergasse, die Wattmanngasse, dann kommt gleich die Woltergasse.
Es ist alles so ruhig, so feierlich; selten begegnet man Leuten; bald geht ein feudal aussehender Herr an einem vorüber; ein Hausmädchen mit einem Hund, und manchesmal hüpft ein Kind über den Weg; sonst aber ist es still.
So oft ich das Stückchen Woltergasse hinuntergehe, bis zum zweiten Hause, ist es mir, als fühlte ich mich von allem befreit.
… Das Haus hat ein Gärtchen, und Tannen sind darin, Blautannen. Im Sommer gibt es viele Blumen und die Vögel singen in den Bäumen. Jetzt liegt das Gärtchen im Nebel da und alles sieht aus wie verzaubert.
Ich gehe die Stufen hinauf. An der Türe ist ein Schild: Josef Popper. Ich läute. Annerl macht mir auf. Mit einem raschen Blick prüfe ich, ob sie wohl und gesund ist; dann liegen wir uns in den Armen. Mariedl kommt aus der Küche. Diese zwei Frauen, Tante und Nichte, diese zwei guten Hausgeister, diese beiden Heimchen bei Lynkeus! »Annerl«, flüstere ich – denn Popper schläft um diese Zeit – »wie geht es unserm …?« Und von ihrem Gesicht lese ich es ab. Ist das Gesicht rosig und heiter, liegt ein Lächeln über diesem schönen, junggebliebenen Frauenantlitz, dann geht es gut; ich habe ihr Gesicht schon an Tagen gesehen, wo es schmerzverzogen und trübsinnig war; dann ging es schlecht. Gestern war Annerls Gesicht wieder voll Sonnenschein; also ging es gut.
Ich sitze eine Weile bei Annerl und Mariedl. Sie erzählen mir ihre Wirtschaftssorgen, ihre häuslichen kleinen Freuden und Leiden; dann aber sprechen wir von Politik, von Büchern, von geistigen Sachen. Ich erzähle ihnen, was ich gelesen, was ich geschrieben habe.
Nach einer Viertelstunde ist Popper erwacht; man kann zu ihm hinein. Ich öffne leise die Tür, ohne anzuklopfen. Wie beseligend ist es, in diese teuern Züge zu blicken.
Popper ist vollkommen wohl, jugendlich und frisch.
Er ruht auf dem Sofa, aber manchmal geht er auch im Zimmer umher mit seiner hohen, aufrechten Gestalt – was sind die Jahre für das Genie –, man muß bewundernd stehen bleiben und ihn anschauen: Welch ein schöner Mensch! In einem dunkelgrauen Anzug, weißem Kragen, dunkler Halsbinde; fein und vornehm sieht er aus. Das wundervolle Haupt mit dem hermelinweißen Seidenhaar, die Augen, die eine Welt der Güte und Liebe ausstrahlen. Alles an dem Mann ist so göttlich groß und menschlich zugleich.
Ich setze mich zu ihm und wir sprechen. Ich halte seine Hand in meinen Händen und ich fühle es wie etwas Heiliges – soll ich es Traum, erfüllte Sehnsucht, Glück oder Ehrfurcht nennen –, ich möchte die Stunde festhalten, den Tonfall der geliebten Stimme mit mir nehmen.
Wir sprechen von der »Nährpflicht«. Ich sage, was mir gerade durch die Seele geht: Die Nährpflicht wird Wahrheit. Das Geld ist nichts mehr, die Ware ist alles. Alle Reichtümer, aller Besitz ist nichts, wenn nicht die Arbeit da ist, die hervordringenden Arbeiter. Ich komme täglich zu Menschen, die im schrecklichsten Elend leben. Frühgealterte Männer, die das Leben gepeitschter Tiere hinter sich haben; Frauen, die weder Glück noch Liebe kennen gelernt, die Kinder geboren in Haß und Verzweiflung, Kinder, die nicht lachen und spielen können, nur stöhnen und klagen. Es sind oft liebenswerte Menschen, edel in ihrem Denken und Fühlen und trotzdem geschändet von Armut.
In einigen Jahren, wenn der Sozialismus das Gut der ganzen Welt geworden ist, werden sich die Menschen besinnen: Wohltätigkeit – welch trauriger Schwindel, welch ein Betrug an den Armen! Jemand schenkt von seinem Überfluß, aber erst dann, wenn der Beschenkte am Zugrundegehen ist. Wenn ihm nicht mehr geholfen werden kann. An Stelle der schandbaren Wohltätigkeit tritt die soziale Fürsorge. Aber auch soziale Fürsorge wird immer Stückwerk bleiben. Nie werden die »Verschämten« in den Dachkammern aufgefunden werden, nie die Mutter, die schweigend für ihre Kinder hungert. Immer werden viele zugrunde gehen, viele verhungern, viele ungeheilt dahinsiechen.
Erst das Gesetz der allgemeinen Nährpflicht wird die Menschheit von dem Übel der Armut und des Verhungerns erlösen.
Die größte Befreiungstat aller Zeiten, die nie ein Mensch für die Menschheit gefunden hat: Jeder im Staate ohne Ausnahme ist gesichert für Wohnung samt Einrichtung, Nahrung, Kleidung, ärztliche Hilfe und Krankenpflege.
Keine Mutter wird mehr von der Sorge zerfressen werden: Wo nehme ich für den nächsten Tag Brot für meine Kinder; kein alter Arbeiter wird mehr denken: Wohin lege ich mein müdes Haupt, wenn das Asyl für Obdachlose geschlossen ist.
Die allgemeine Nährpflicht wird Selbstverständlichkeit, wird Gesetz geworden sein. Es wird nicht mehr denkbar sein, daß Menschen das, was sie unbedingt zum physischen Leben haben müssen, nicht bekommen sollten.
Popper-Lynkeus wird es erleben. Es wird das Wunder geschehen, daß einer der größten Gedanken, der je von einem der größten Menschen gedacht wurde – verwirklicht werde.
Wie könnte es anders sein! Das wirtschaftliche Programm der Sozialdemokraten, wenn es eines gäbe, führt nicht aus dem Chaos.
Es ist einfach und klar wie der Tag: Nur das Gesetz der allgemeinen Nährpflicht kann Lösung und Heil der Zukunft sein.
Im Zimmer ist es finster geworden. Josef Poppers Augen schauen mich ernsthaft an.
In der Sofaecke lehnt der große Denker und Menschenbeglücker, leuchtet Lynkeus’ blasses Gesicht aus dem Dunkel.
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