Kitabı oku: «Nesthäkchen und der Weltkrieg»

Yazı tipi:

Nesthäkchen und der Weltkrieg

Else Ury

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel. Nesthäkchen lernt Opfer bringen.

2. Kapitel. »Extrablatt!«

3. Kapitel. Wie es in Nesthäkchens Schule aussah.

4. Kapitel. Für unsere Vaterlandsverteidiger.

5. Kapitel. Nesthäkchen straft Japan.

6. Kapitel. Eine kleine Patriotin.

7. Kapitel. Nesthäkchen hilft den ostpreußischen Flüchtlingen.

8. Kapitel. Eine lebendige Puppe.

9. Kapitel. Junghelferinnenbund.

10. Kapitel. Vera.

11. Kapitel. Weihnachtsabend im Lazarett.

12. Kapitel. Endlich Nachricht.

13. Kapitel. Gute Vornahme.

14. Kapitel. Streckt eure Vorräte!

15. Kapitel. Reichswollwoche.

16. Kapitel. Nesthäkchen macht ihr Unrecht gut.

17. Kapitel. Das Kriegskind.

18. Kapitel. Butterpolonäse.

19. Kapitel. Deutsche Sommerzeit.

Impressum

1. Kapitel. Nesthäkchen lernt Opfer bringen.

Glutheiß war es auf dem Balkon. Trotzdem derselbe auf der Schattenseite lag, fühlte man die sengende Hitze, mit der die Augustsonne die Straßen Berlins einheizte, selbst hier oben.

Ein alter Frauenkopf mit silbernem Scheitel und ein goldblonder Kinderkopf neigten sich über graue Strickarbeit. Emsig klapperten die Nadeln in den Händen der alten Dame, während die Kinderfinger nur widerwillig die dicke Wollarbeit förderten. Immer langsamer bewegten sich die braungebrannten kleinen Hände, und schließlich schleuderte Annemarie den kaum begonnenen Pulswärmer mit jähem Entschluß auf den Steinboden.

»Puh – ich ersticke!« Das seegebräunte runde Kindergesicht, das sich luftschnappend in die Höhe hob, sah nicht weniger rot aus als das feuerrote Musselinkleid, welches das elfjährige Mädchen trug. »Liebstes, einziges Großmuttchen, was sollen denn bloß unsere Soldaten bei dieser dollen Bärenhitze mit den dicken Pulswärmern? Ich glaube, ich kann meine Strickarbeit ruhig bis zum Winter verschieben.« Das kleine Mädchen ließ die Tat dem Wort auf dem Fuß folgen. Ohne sich darum zu kümmern, daß Puck, das kleine weiße Zwerghündchen, an der auf dem Boden liegenden Wollarbeit zu zerren und zu beißen begann, sah sie untätig den lustigen Rauchwölkchen nach, die aus den Schornsteinen Berlins zu dem fahlen Augusthimmel emporwirbelten.

»Herzchen, wenn wir erst zum Winter die Finger zu regen beginnen, müssen unsere armen Truppen in dem kalten Rußland frieren. Jetzt heißt es fleißig sein, solange wir noch Sommer haben, damit bis zum Winter alles fertig ist.« Schneller ließen Großmamas Finger die Stricknadeln klappern, als gelte es, gleich ein ganzes Regiment gegen russische Kälte zu vermummen.

»Aber mir ist doch so doll heiß!« Das Enkelchen warf die frischen Lippen unmutig auf. »Ich muß mich überhaupt erst wieder an die olle Berliner Luft gewöhnen. Wenn man ein ganzes Jahr lang an der Nordsee gewesen ist, wo immer frischer Seewind geweht hat, dann drückt die Stadtluft auf den Kopf, hat Vater gesagt.«

»Nun höre mal, mein Herzchen«, Großmamas gütiges Gesicht wandte sich liebevoll dem hübschen Blondkopf zu. »Glaubst du, daß unsere braven Feldgrauen, die täglich mit Jubel und Begeisterung in den Krieg hinausziehen, nicht auch durch die Augusthitze leiden? Hast du nicht ihren schweren Ranzen gesehen, und meinst du, daß der Helm nicht mehr auf den Kopf drückt als die Großstadtluft? Und doch singen und jubeln die Braven, trotzdem die tagelange Fahrt in den engen, glühenden Eisenbahnwaggons zum Kriegsschauplatz gewiß keine Annehmlichkeit ist. Du hast es ja mit eigenen Augen gesehen, Herzchen, als wir Sonntag abend dem Vater das Geleit zum Bahnhof gaben. Wollen wir Daheimgebliebenen uns von unfern tapferen Kriegern beschämen lassen? Sollten wir nicht auch etwas Unbequemlichkeiten für sie, die ihr Leben für uns hingeben wollen, in den Kauf nehmen und jedes Opfer für sie bringen?« Großmamas liebe, klare Augen sahen ernsthaft in die strahlenden Blauaugen des kleinen Mädchens.

Das mußte den Blick beschämt senken.

»Wenn ich groß wäre, würde ich bestimmt auch Opfer für unser Vaterland bringen«, meinte Annemarie schließlich ungewöhnlich nachdenklich. »Dann würde ich Schwester werden und die Verwundeten pflegen wie Tante Lenchen. Ach, Großmuttchen, wäre das schön! Denk' mal, dann hätte ich mich nicht gleich wieder von Vati, den ich doch ein ganzes Jahr lang nicht gesehen habe, trennen müssen! Mit ihm wäre ich zusammen in den Krieg gezogen – au, fein wäre das!« Die strahlenden Augen der Kleinen blitzten unternehmungslustig.

»Es ist nicht nötig, mein liebes Kind, daß man groß ist und Großes leistet in dieser gewaltigen Zeit der Erhebung Deutschlands. Auch die Kinder können im kleinen Opfer bringen und ihr Scherflein dazu steuern. Nichts ist zu gering, auch das winzigste Steinchen, das man zu dem großen Bau der Kriegsarbeit beiträgt, ist von Wert.« Sprechend wanderte Großmamas Blick zu dem zu Boden geschleuderten Pulswärmer, mit dem sich Puck sachverständig beschäftigte.

Annemarie bückte sich schnell und entriß ihrem vierfüßigen Freund das verhedderte Strickzeug.

»Wenn ich doch wenigstens ein Junge wäre, dann könnte ich ganz anders helfen als hier bloß bei der dummen Strickerei. Wie gut hat's Hans als Pfadfinder! Der kann den ganzen Tag auf dem Bahnhof sein und die durchziehenden Soldaten verpflegen. Das ist tausendmal lustiger, als sich mit den mopsigen Pulswärmern quälen.« Vergeblich bemühte sich die Kleine, wieder Ordnung in die von Puck herabgezerrten Maschen zu bringen.

Großmama mußte sich erbarmen.

»Ich glaube nicht, daß der Hans gar so leichte Arbeit bei seinem Bahnhofsdienst in diesen heißen Augusttagen hat. Müde und erhitzt genug kommt er des Abends heim. Und was das Lustige anbelangt, Herzchen, gerade etwas, was uns schwer fällt, hat doppelten Wert. Unser eigenes kleines Ich und all unsere persönlichen Wünsche müssen wir jetzt hintenan setzen, nur an das Wohl unseres Vaterlandes und seiner braven Verteidiger dürfen wir denken. Sonst ist es kein richtiges Opfer.«

Großmama seufzte unhörbar. Ja, sie selbst hatte all ihr Wünschen in diesen ersten schweren Augusttagen unterdrücken gelernt. Beide Schwiegersöhne hatte sie ins Feld ziehen lassen müssen. Den einen, der Landwirt in Schlesien war, als Reserveoffizier gen Osten und Annemaries Vater, Doktor Braun, als Stabsarzt nach Frankreich zu. Die Sorge um die ins Feld Ziehenden, die teilte sie mit Tausenden von deutschen Müttern, aber eine andere, größere bedrückte Großmamas Herz.

Was war das Schicksal ihrer Tochter Elsbeth, der Mutter Annemaries?

Seitdem nicht nur Frankreich, sondern auch England in schnödester Weise sich zu Deutschlands Feinden geschlagen, hatte die alte Dame keine ruhige Minute mehr. Annemaries Mutter befand sich gerade bei Ausbruch des Krieges zu Besuch bei Verwandten in England. Würde es ihr möglich sein, unbehindert heimzukehren? Oder würde man sie dort als Deutsche festhalten? Das Kind, Doktors Nesthäkchen, ahnte zum Glück nichts von Großmamas Angst und Aufregung. Das stürzte bei jedem Klingelzeichen zur Tür, in der Hoffnung, die Mutter käme zurück. Oder doch wenigstens eine Nachricht von ihr.

Aber auch diese Sorge um die Tochter stellte die alte Dame großherzig den allgemeinen Sorgen um das bedrohte Vaterland hintenan. Ringsum neidische Feinde, wie sollte sich Deutschland bei aller Tapferkeit und Begeisterung da wohl behaupten? Masche um Masche glitt von einer Nadel zur anderen, Gedanke auf Gedanke glitt durch den alten Kopf.

Auch durch den jungen Kopf der kleinen Enkelin zuckten und sprangen die Gedanken, wenn sie auch weniger ernster Natur waren, als dies bei Großmama der Fall war.

Nur schwer fand sich Doktors Nesthäkchen jetzt in diesem Wirrwarr der Geschehnisse zurecht. Es war ja alles so schnell gegangen. Die Flucht aus dem Nordseebad Wittdün, wo sie ein ganzes Jahr im Kinderheim nach überstandener Krankheit zugebracht. Der jähe Wechsel zwischen der Stille des Seebades und dem lauten Kriegstumult in Berlin. Das Wiedersehen nach dem langen Trennungsjahr mit dem geliebten Vater, das nur wenige Stunden währte. Dann winkte er in feldgrauer Uniform seinem Nesthäkchen die letzten Grüße aus dem vollgepfropften Truppenzuge zu, der ein Scherzschild trug: »Durchgehender Wagen nach Paris.«

Auch zu Hause war alles jetzt so ganz anders. Weder Vater noch Mutter daheim, an denen die Kleine mit der ganzen Zärtlichkeit ihres Herzens hing. Oft lief Annemarie zu Muttis Fensterplatz, wie sie das früher stets getan, um ihr ganz etwas Wichtiges mitzuteilen. Aber der war leer. Oder sie glaubte, wenn draußen die Eingangstür ging, Vater käme aus der Praxis heim und wollte ihm wie sonst entgegenspringen.

Brachte sie dem Vaterland denn nicht schon genug Opfer, daß sie ihre Eltern solange entbehren mußte?

Wohl war die gute Großmama zu den drei augenblicklich elternlosen Kindern gezogen und versorgte sie getreulich. Allzusehr fanden die Enkel. Denn die durch die Kriegserklärung erregte alte Dame behielt sie, besonders die beiden jüngsten, Klaus und Annemarie, am liebsten an ihrer Seite. Bei dem wilden Strick Klaus gelang ihr das nur selten, der entwischte einfach der großmütterlichen Aufsicht. Nesthäkchen aber gab sich alle Mühe, der lieben Großmama, die an Ruhe gewöhnt war, ihr Amt nicht noch zu erschweren. Trotzdem dem kleinen Mädchen das durchaus nicht leicht wurde. Denn Annemarie war durch das Jahr an der Nordsee gewöhnt, sich frei in Garten, Strand und Heide umherzutummeln.

Auch von dem Wiederbeisammensein mit den älteren Brüdern, das sie herbeigesehnt, war sie recht enttäuscht. Ihr Lieblingsbruder Hans, der Obersekundaner, war als Pfadfinder ständig unterwegs im Dienst des Vaterlandes. Der hatte jetzt Wichtigeres zu tun, als sich mit seinem kleinen Schwesterchen zu beschäftigen. Und Klaus glänzte ebenfalls oft durch Abwesenheit. Der trieb sich allenthalben herum, wo Truppen ins Feld zogen, wo neue Kriegsdepeschen erschienen, und wo es einen Menschenauflauf gab. Großmama hätte den Schlingel am liebsten wie Puck an die Leine genommen.

Da blieb außer der Großmama nur noch Hanne, die Köchin, zur Gesellschaft für Nesthäkchen, das im Kinderheim stets mit munteren Altersgenossen zusammen gewesen, übrig. Die alte Köchin aber war ganz kopflos durch den Krieg geworden. Die redete von nichts anderem als von den Russen und von Hungersnot.

Wenn bloß erst Margot Thielen, ihre beste Schulfreundin, wieder daheim wäre! Dieselbe wohnte in demselben Hause wie Doktors Nesthäkchen. Von der zehnten Klasse an hatten sie getreulich zusammengehalten. Aber die Fenstervorhänge waren drüben noch immer fest geschlossen: soviel Annemarie auch hinüberäugte, sie wollten sich nicht heben. Wahrscheinlich waren Thielens durch die Militärzüge an der Heimreise von ihrem Ferienaufenthalt behindert worden. Aber zum Schulanfang würde sich Margot, die eine fleißige Schülerin war, doch sicher wieder einstellen. Annemarie sehnte deshalb den Beginn der Schule herbei, trotzdem sie Ferien sonst eigentlich mindestens so gern hatte. Auch auf die übrigen Schulfreundinnen, die sie ein ganzes Jahr lang nicht gesehen, freute sie sich. Großmama hatte im Namen des Vaters an den Direktor geschrieben und Annemarie für die sechste Klasse wieder angemeldet.

Das Strickzeug in den kleinen Händen klebte, so fest preßte sie es zwischen die Finger. Zehn ganze Minuten hatte sie nun schon emsig hintereinander gestrickt, und doch wollte der Pulswärmer gar nicht wachsen. Annemarie warf einen verzweifelten Blick zu der Turmuhr, die sie von ihrem Balkon aus erkennen konnte. Noch fast eine halbe Stunde bis zum Kaffeetrinken. Gerechter Strohsack – konnten die Soldaten wirklich ein solches Opfer von ihr verlangen? Kam denn gar nichts, was sie von dem langweiligen Strickzeug erlöste?

Großmama war in ihrem Korbsessel wohl durch die Hitze ein wenig eingenickt. Sie opferte jetzt sogar ihren Nachmittagsschlaf, um für die Krieger zu arbeiten und gleichzeitig Nesthäkchen zu beaufsichtigen. Na ja, alte Damen stricken eben gern, aber wenn man erst elf Jahre alt ist ...

Ob sie es einfach machen sollte wie Klaus, und sich heimlich davonschleichen?

Ach nee, nee – dann ängstigte sich Großmama nachher, glaubte am Ende, sie sei vom Balkon gestürzt. Das wäre eine schlechte Vergeltung für all ihre treue Fürsorge.

Da – horch – Militärmusik – gleichmäßiges Klappen vieler Füße auf dem Straßenpflaster. Hui – flog das Strickzeug in die Ecke und Nesthäkchen an die Balkonbrüstung.

Aber auch Großmama war emporgeflogen, jäh aus ihrem Nickerchen aufgeschreckt. Jetzt stand sie hinter der Kleinen und hielt das sich weit über das Gitter lehnende Kind angstvoll am Schürzenbande fest.

Mit »Gloria-Viktoria«, mit Schingderassa und Schnetteretteng marschierten wieder neue Regimenter blumengeschmückt dem unweit gelegenen Bahnhofe zu. Ihnen zur Seite Frauen und Kinder, die den Söhnen, Männern und Vätern das Geleit gaben. Früh und spät erschallte jetzt der Sang ausrückender Truppen durch die sonst so stille Straße. Er bildete Nesthäkchens schönste Abwechslung.

Auf einen Schlag waren alle Balkone belebt. Aus allen Fenstern lugten Köpfe, Hände und Tücher winkten den Ausziehenden ein Lebewohl zu.

Auch Nesthäkchen wedelte mit ihrem rotgerandeten Tüchlein, was Zeug hielt – Großmama mußte sich entsetzlich aufregen. Wie leicht konnte das Kind dabei hinunterstürzen! Aber das kümmerte Annemarie nicht. Alle Langeweile war verflogen. Von den Pelargonien und Bethunien des Balkons riß sie sämtliche Blüten, welche die Augustsonne noch hervorgelockt, zu Großmamas Entsetzen ab, und streute sie auf die lachend heraufwinkenden Feldgrauen.

»Kind – Kind – die schönen Blumentöpfe zerstörst du«, vorwurfsvoll gebot Großmama Einhalt.

»Für unsere Krieger müssen wir Daheimbleibenden Opfer bringen«, meinte die Kleine eifrig mit denselben Worten, welche die alte Dame vor kurzem ihr selbst ans Herz gelegt hatte.

Da mußte Großmama über das drollige Mädel lächeln. Doch das Lächeln erstarb ihr auf den Lippen – »mein Tuch – mein Taschentuch – – –« bei einem Haar wäre Nesthäkchen ihrem davonflatternden Tüchlein hinterdrein auf die Straße gestürzt.

»Ich bin gleich wieder oben«, ehe Großmama den Wildfang zurückhalten konnte, war er schon die Treppen hinunter.

Einer der Feldgrauen hatte das rotrandige Tüchlein lachend auf sein Gewehr gespießt, wie eine Fahne wehte es.

Annemarie, die in Wittdün stets ohne Hut und Mantel auf die Straße gegangen, lief auch hier in Berlin, wie sie ging und stand, hinter ihrem flatternden Taschentuch her. Es war schwer, sich bei der Musik verständlich zu machen, oder wollte der Soldat aus Scherz ihre Bitte um das Tuch nicht verstehen? Ausgelassen marschierte sie neben dem »Fahnenträger« her und fiel mit heller Stimme in den Soldatensang ein:

»Die Vöglein im Walde,

Die singen so wunder–wunderschön,

In der Heimat, in der Heimat,

Da gibt's ein Wiedersehn.«

Herzklopfend sah Großmama den winzigen roten Punkt unter all dem Staubgrau sich weiter und weiter entfernen. Du Grundgütiger, kam denn das Kind nicht wieder?

Da endlich am Ende der langen Straße, ehe die graue Menschenschlange um die Ecke bog, erhielt Nesthäkchen ihr Eigentum zurück. In großen Sätzen sprang es wieder dem elterlichen Hause zu.

So – das war eine Aufmunterung zur rechten Zeit gewesen. Ordentlich erfrischt fühlte sich Annemarie nach dem kleinen Ausflug.

Großmama war anderer Ansicht.

»Kind – Kind – wie habe ich mich wieder um dich gebangt – und dann ohne Hut, mit der Schürze bist du auf die Straße gelaufen, das tut ein wohlerzogenes kleines Mädchen doch nicht.« Die gute Großmama pflegte niemals böse auf ihren Liebling zu sein, um so mehr Eindruck machten heute ihre Worte.

»Ach Großmuttchen, wenn du dich immerzu um uns sorgst, wirst du ja deines Lebens gar nicht froh hier bei uns. Vielleicht kannst du dich lieber immer erst hinterher ängstigen, weil du es doch so oft umsonst tust«, schlug die Kleine teilnehmend vor.

Dann aber griff sie von selbst wieder nach ihrem Strickzeug. Die Krieger, die so freudig in den Kampf hinauszogen, sollten nicht frieren. Vielleicht bekam gerade der nette Soldat, der ihr das Taschentuch wiedergegeben, die Pulswärmer. Nesthäkchen quälte sich mit dem dicken Wollzeug, daß Schweißtropfen auf die gebräunte Kinderstirn traten. Es sah nicht auf, bis Hanne mit der Kaffeekanne erschien und Großmama ihr liebkosend über das Blondhaar fuhr: »So, für heute wollen wir es genug sein lassen, Herzchen.«

»Hurra – für heute habe ich genug Opfer gebracht!« Nesthäkchen jubelte so laut los, daß ein kecker Spatz, der sich bis auf die Balkonbrüstung gewagt hatte, erschreckt aufflatterte.

2. Kapitel. »Extrablatt!«

Hanne, die treue Alte, die Doktors Nesthäkchen schon auf den Armen getragen, war ganz aus dem Häuschen durch die Kriegsaufregung und die vielen Reden ihrer Freunde, des Grünkramhändlers, Milchmanns und Portiers. Sie wußte gar nicht mehr, was sie tat.

Auch heute legte sie Großmama neben die Kaffeekanne zu Nesthäkchens heimlichem Entzücken die silberne Suppenkelle hin.

»Ei, Hanne, soll ich den Kaffee mit der Kelle austeilen«, Großmama lachte mit ihrem Enkelchen um die Wette.

»Nein, wir sollen sie gewiß als Kaffeelöffel benutzen und den Zucker in der Tasse damit umrühren«, rief Annemarie übermütig.

»Nee, diese Russen, die machen mich doch reine varrickt«, Hanne griff kopfschüttelnd nach dem etwas groß geratenen Kaffeelöffel.

»Na, warten Sie nur, Hanne, wenn die Russen erst vor Berlin stehen, dann wird's noch ganz anders sein«, neckte Nesthäkchen. Es kannte die Russenfurcht der treuen Seele.

Die war denn auch gleich Feuer und Flamme.

»Um Jottes willen, tu dir nich versündigen, Kindchen. Bis vor Küstrin sollen ja schon die Kosaken streifen, hat der Portier, der heut mit sein Rejiment fortjemacht is, jesagt. Und der Milchmann hat heut morjen janz deutlich Kanonendonner jehört. Und was der Jrünkramfritze von nebenan is, der meint, kommen tun se sicher, die Russen, indem daß wir nämlich zu ville Feinde haben. Mit eenen werden wa woll fertig, aber nich mit det viertel Dutzend!« Hanne reckte ihre dicken, roten Arme, als sei ihr die schwere Aufgabe zugefallen, ganz allein Deutschland gegen all seine Feinde zu verteidigen.

»Na, beruhigen Sie sich nur, Hanne«, Großmama, die sich vor kurzem selbst deshalb Sorgen gemacht, schaute jetzt belustigt drein. »Unsere tapferen Feldgrauen werden uns schon vor russischem Besuch zu schützen wissen. Auf sie müssen wir vertrauen in dieser schweren Zeit. Vor allem aber auf den Helfer da droben!«

»Jotte doch, ja – wenn man der Herr Doktor und unsere jnädige Frau zu Hause wären, denn wär' mich auch lang' nich so miesepetrig zumut. Aber so auseinanderjerissen, wie man nu is, da fiehlt man natierlich die Verantwortung für die janze Familie. Denn Jroßmamachen ist doch auch jrade kein Jüngling nich mehr. Und man is doch nu schon über zehn Jahr im Haus.«

»Ja, ja, Hanne, wir wissen ja, daß Sie's gut meinen.« Großmama, die schon selbst besorgt genug war, mochte sich ihr gemütliches Kaffeestündchen nicht verstören lassen.

Aber Hannes Mundwerk war mit Ausbruch des Krieges ebenfalls mobil gemacht, wenn sie jetzt anfing zu reden, hörte sie so schnell nicht auf.

»Ja, und was ich noch sagen wollte, die Leute reden ja alle, es jibt sicher 'ne Hungersnot. Wie wild kaufen se ein. Was der Kaufmann von de Ecke is, hat zumachen müssen, weil se ihm seinen Laden geradezu jestürmt haben. Ich hab' auch 'n bisken was mitjebracht, man kann ja nie wissen, wie's kommt. Nudeln und saure Heringe und 'n scheenen Spickaal und Schokoladenpulver. Denn mir hat letzte Nacht jeträumt – – –«

Hanne sollte ihren Traum nicht mehr zum besten geben können, denn lachend fiel Nesthäkchen ihr ins Wort: »Au, wenn's Hungersnot gibt, dann stippen wir die Nudeln in die saure Heringssoße, und den Spickaal essen wir mit Schokoladenspeise!«

»Ach, Annemiechen, du bist noch ville zu jung, um den Ernst der Zeit zu bejreifen«, Hanne machte Miene, sich wieder an die alte Dame zu wenden, bei der sie mehr Verständnis zu finden hoffte.

Aber auch Großmama hatte vorläufig genug. »Bitte, rufen Sie Klaus zum Kaffee, Hanne, und sehen Sie zu, ob Herr Hans schon zurück ist.« Damit war die Unterhaltung fürs erste abgebrochen.

»Der Herr Hans ist noch nich wieder da, und auch unser Klaus is fortjejangen«, kam die Köchin nach kurzem wieder zurück.

»Klaus auch fort?« trotzdem Großmama in den fünf Tagen, in denen sie Doktor Brauns Sprößlinge bemutterte, nun schon daran gewöhnt sein mußte, daß Klaus öfters von der Bildfläche verschwand, erschrak sie stets aufs neue. »Ich dachte, er liest in seinem Zimmer. Wo mag der Junge nun bloß wieder stecken?« Es war doch nicht so einfach, mit den wilden Enkelkindern fertig zu werden. Großmama war an beschauliche Ruhe gewöhnt.

Annemarie rührte in ihrem Kakao herum und kämpfte mit sich. Sie wußte ganz genau, wo Bruder Klaus steckte, denn Annemarie war von jeher seine Vertraute. Unter die Linden war er mit ein paar Freunden gegangen, weil da am meisten los war. Ob sie nicht verpflichtet war, Großmama, die sich sicherlich Gedanken über sein Ausbleiben machte, zu beruhigen? Aber petzen wollte sie doch auch nicht – was machte sie bloß?

»Extrablatt – Extrablatt – großer Sieg – Festung Lüttich im Sturm genommen« – mitten in Nesthäkchens Überlegung hinein erklang es von der Straße herauf.

Dort hatte sich eine Menschenmenge um den Verteiler der Freudenbotschaft versammelt. Man riß dem Mann die Blätter aus den Händen – der erste große Sieg!

Jubelnd teilte es einer dem andern mit.

»Wenige Tage nach der Kriegserklärung schon solch ein Schritt vorwärts! Da sieht man es doch, daß Gott mit unserer gerechten Sache ist!« Dankbar faltete Großmama die Hände.

Nesthäkchen aber brannte der Boden förmlich unter den Füßen. Ach, jetzt auch da unten sein zu können in dem Freudentumult.

Da entdeckten Annemaries scharfe Augen mitten in dem schwarzen, ständig wachsenden Menschenknäuel einen ihr bekannten braunen Krauskopf über einem blauweißgestreiften Matrosenanzug.

»Da ist Kläuschen, sieh nur, Großmama – er hilft Extrablätter verteilen – ach, laß mich auch – bitte, bitte, Großmamachen!«

Wie der Wind war die Kleine wieder davon, bevor Großmama noch Einspruch erheben konnte. Aus dem dichtesten Gewühl leuchtete bald das rote Musselinkleid zu der kopfschüttelnden, über ihre Brille hinweg herabäugenden alten Dame hinauf.

Doktors Nesthäkchen beteiligte sich jubelnd ebenfalls an dem Verteilen der ersten Siegesbotschaft. Bis zum Platz gab es gemeinsam mit der Berliner Straßenjugend dem Ausrufer das Geleit. Mit Klaus um die Wette schrie es: »Extrablatt – Extrablatt – großer Sieg bei Lüttich!«

Mit brennenden Wangen und leuchtenden Augen, jedes eins der Blätter zur Großmama hinaufschwenkend, so kehrten die beiden Ausreißer schließlich wieder zurück.

Großmama wußte nicht, sollte sie schelten oder sich über die Siegesnachricht freuen. Schließlich tat sie alles beides.

An dem Dickschädel von Klaus prallten Vorhaltungen meist ab, Nesthäkchen aber stand ganz bestürzt da.

Nun hatte die liebe Großmama schon wieder Grund, ärgerlich zu sein. Und sie hatte sich doch erst vor kurzem so fest vorgenommen, Großmuttchen nicht wieder zu beunruhigen. Ja, Annemaries schlechtes Gedächtnis, das machte ihr öfters einen Strich durch die Rechnung. Nur an dem lag es, wenn Nesthäkchen öfters mal Schelte erhielt. Denn ihre Vornahmen waren wirklich immer die besten. Auch im Kinderheim war es ihr oft so ergangen.

Beide Arme schlang Annemarie um Großmamas Hals.

»Nicht böse sein, liebstes, bestes Großmuttchen. Ganz Deutschland freut sich doch heute über den ersten Sieg! Da darfst du nicht schelten. Und es war doch auch fürs Vaterland, daß ich die Extrablätter verteilen half«, so bettelte die kleine Schmeichelkatze. Konnte die alte Dame da noch länger zürnen? Man brauchte nicht mal eine Großmama zu sein, um Nesthäkchens bittenden Blauaugen nicht widerstehen zu können.

»Ich alte Frau bin viel zu schwach für euch wilde Gesellschaft«, meinte sie schließlich. »Es bedarf jüngerer Kräfte, um euch Banditen im Zaum zu halten. Ich möchte am Ende an euer früheres Fräulein schreiben, ob es nicht wieder zu euch kommen will – denn wer weiß, wann Muttchen heimkehren wird!« Das letzte wurde von einem schweren Seufzer begleitet.

»Au ja, mein geliebtes, goldenes Fräulein!« Annemaries Augen glänzten. Ihr Fräulein hatte das kleine Mädchen die vielen Jahre, wo es im Hause bei Doktor Braun war, geradezu vergöttert. Tränen waren geflossen, als Fräulein zu Ihrer Mutter heimging, da Annemarie auf ein Jahr an die Nordsee kam. Und nun sollte sie wieder zurückkehren – die Aussicht war zu herrlich!

Klaus konnte seine Freude mehr beherrschen. Ihm erschien es weniger verlockend, noch einen mehr zum Aufpassen im Hause zu haben. Fräulein würde ihn sicher in seiner Freiheit beschränken, sie hatte den Strick immer ziemlich kurz gehalten.

»Ich finde dich noch gar nicht so alt, Großmama«, meinte er deshalb voll Ritterlichkeit. »Unser Direktor im Gymnasium ist bestimmt noch älter als du, der hat nicht nur weiße Haare, sondern sogar schon einen weißen Bart. Und der wird doch mit all den vielen Jungs, die noch viel ungezogener sind als ich, fertig.« Viel ungezogener als er konnten seine Schulkameraden nun schwerlich sein, denn er leistete darin durchaus Anerkennenswertes.

Großmama schien auch nicht recht überzeugt.

»Und denn überhaupt – Mutti wird doch bestimmt bald nach Hause kommen. Was soll sie denn bloß bei den ollen Engländern, die sich so gemein gegen uns benommen haben, so lange!« bot der Tertianer weiter seine Überredungskunst auf.

»Da ist Mutti schon – bestimmt, das ist sie!« wie stets, wenn es klingelte, stürzte Nesthäkchen auch jetzt beim Anschlagen der Glocke erwartungsvoll zur Tür hinaus.

Aber enttäuscht kehrte die Kleine zurück.

Wieder umsonst – wieder nicht die sehnlichst erwartete Mutter! Nur Bruder Hans war es, der erhitzt vom Bahnhofsdienst heimkehrte.

Heute schien der Obersekundaner gar nicht angestrengt, trotzdem er seit dem frühen Morgen am Schlesischen Bahnhof Körbe mit Tassen, Kannen mit Kaffee und große Platten belegter Brote an die durchfahrenden Truppenzüge hatte heranschleppen helfen.

»Famoser Sieg – ja, wenn wir Deutschen erst mal loshauen – Tag, Großmama – na, Kleinchen, wie geht's?« Der Gruß mußte heute hinter der Siegesfreude hinterherhinken

»Bist du sehr müde, mein Jungchen?« Die gute Großmama machte dem Enkel bereits ein Glas Limonade zur Erfrischung zurecht.

»Nee, gar nicht – fein war's heute! Du, Klaus, da hättest du dabei sein müssen! Denk' mal, wir Pfadfinder bringen nachmittags Stullen an einen Zug, der aus lauter offenen, mit Girlanden geschmückten Viehwagen besteht. Und weil die Feldgrauen sich manchmal genieren, ordentlich zuzugreifen, reden wir ihnen tüchtig zu. Und besonders einer, der wollte durchaus nichts mehr nehmen und versicherte mir immer wieder lachend, sein Soldatenmagen könne beim besten Willen nicht mehr vertragen. Aber ich ließ nicht locker, bis er mir schließlich doch 'ne Wurschtstulle abnahm. Da pufft mich einer von den Pfadfindern in den Rücken. »Mensch,« flüsterte er mir zu, »weißte denn nicht, wer das ist?« – »Nee,« sage ich. »Das ist doch Prinz Joachim!« Wahr – und wahrhaftig, er war's! Mitten im Viehwagen unter all den Mannschaften wie ihresgleichen. War ich stolz, daß er gerade meine Wurschtstulle aß. Und als der Zug weiterfuhr, da hat er mir noch mal zugewinkt.«

Hans wirbelte vor Freude das Schwesterchen auf dem engen Balkon herum. Aber nicht Annemarie verging dabei Hören und Sehen, sondern der Großmama.

Klaus aber riß dem Bruder fast vor Aufregung einen Jackenknopf ab, an den er ihn krampfhaft festhielt, um immer mehr von dem wunderbaren Ereignis zu erfahren.

»Ein richtiger Prinz – morgen geh' ich aber bestimmt auch nach dem Schlesischen Bahnhof. Vielleicht kann ich ebenfalls dort helfen – unser Kaiser hat ja viele Söhne, am Ende kommt morgen wieder ein Prinz durch«, rief er mit blitzenden Augen.

»Jawoll, die Prinzen wimmeln da nicht so herum, so'n Glück wie ich haben nur Sonntagskinder! Und du wirst überhaupt nicht zum Helfen zugelassen, mein Söhnchen, du bist ja kein Pfadfinder.« Hans warf sich mächtig in die Brust.

»Schadet nichts, ich gehe doch hin – kommst du mit, Annemarie?«

»Na und ob!« Nesthäkchens Blauaugen blitzten nicht weniger als die braunen von Klaus.

»Ausgeschlossen, ihr bleibt alle beide hier!« unterbrach Großmama das Pläneschmieden der zwei. »Das fehlte noch gerade, daß ich euch in diesem Menschengewühl auf dem Bahnhof wüßte, unter all den Lokomotiven, wo ich schon so keine ruhige Minute habe, wenn ihr nicht bei mir seid.«

Nesthäkchen ergab sich schweren Herzens in ihr Schicksal, während der Nichtsnutz Klaus eifrig überlegte, wie er wohl trotz des Verbotes am nächsten Tage der großmütterlichen Aufsicht am besten entwischen könnte.

Am Abend, als Großmama ihre Enkelkinder endlich sicher in den Betten wußte, atmete sie erleichtert auf. Ganz zerschlagen von all der Unruhe und Aufregung saß sie am Schreibtisch und schrieb an Fräulein. Denn sie allein war der schweren Aufgabe, die durch den Krieg aus Rand und Band gekommenen Sprößlinge ihrer Tochter zu beaufsichtigen, nicht mehr gewachsen.

Nesthäkchen aber lag im Bett und betete aus Herzensgrund: »Lieber Gott, laß doch meine liebe Mutti bald wieder nach Berlin kommen, aber nicht die ollen Russen. Und beschütz' doch auch meinen Vater im Krieg. Und auch Onkel Heinrich und all die anderen Soldaten. Und schick' uns doch wieder solchen seinen Sieg wie heute, ja? Bitte, hilf uns Deutschen doch, lieber Gott.«

Da aber fiel Nesthäkchen plötzlich ein, daß vielleicht zur gleichen Stunde französische oder englische Kinder den lieben Gott ebenfalls um seine Hilfe anflehten. Darum setzte es schnell noch hinzu: »Und wenn du uns nicht helfen willst, dann hilf, bitte, den andern doch auch nicht – bleibe wenigstens neutral, lieber Gott. – Amen!«

3. Kapitel. Wie es in Nesthäkchens Schule aussah.

Endlich waren die Fenstervorhänge drüben bei Thielens in die Hohe gegangen. Ein brauner Mädchenkopf erschien am gegenüberliegenden Kinderstubenfenster und nickte strahlend einen Gruß zu Doktor Brauns herüber.

»Komm auf den Balkon, Margot, da können wir besser miteinander reden«, schrie Annemarie, glückselig, die Freundin wieder zu haben, durch die hohl an den Mund gelegten Hände.

Und dann standen die beiden Freundinnen auf den aneinandergrenzenden Balkonen, die durch eine mannshohe Wand getrennt waren. Unter bunten Winden und Bethunien reichten sie sich nach der langen Trennung endlich wieder die Hände herüber.

»Tag, Margotchen, ich glaube, ich bin jetzt größer als du, meine Zöpfe sind bestimmt länger. Bist du immer noch die Erste in der Schule? Und glaubst du, daß die Russen nach Berlin kommen werden? Unsere Hanne sagt es. Mein Vater ist mit im Krieg, in Frankreich ist er, deiner auch? Und Großmama ist jetzt bei uns, und übermorgen kommt mein altes Fräulein wieder.« Das Plappermäulchen ließ die Freundin überhaupt nicht zu Wort kommen.

Kaum konnte Margot ›Ja, mein Papa ist auch im Feld, er hat sich als Freiwilliger gemeldet, und meine Mama und ich, wir haben so geweint, als er fortfuhr‹, einwerfen.

»Meine Mutti ist doch aber in England, bei unsern Feinden, etsch!« übertrumpfte sie Doktors Nesthäkchen.

»Ach, Annemarie, und da freust du dich so?« warf die verständigere Freundin erstaunt ein.

»Na, sie kommt ja bald wieder, vielleicht schon heute oder spätestens morgen«, meinte Annemarie mit der glücklichen Sorglosigkeit der Jugend.

»Hast du mich auch nicht im Kinderheim vergessen, Annemarie, du hast mir so selten geschrieben«, fragte Margot, die ein stilles, tief angelegtes Kind war.

»I, nicht die Bohne! Ich habe zwar da 'ne andere beste Freundin gehabt, die Gerda Eberhard aus Breslau. Aber nun bist du wieder meine allerbeste, Margotchen – ach, ich möchte dir so schrecklich gern einen Kuß geben!« Vergeblich versuchte der Blondkopf zwischen den blauen Bethunien dem braunen Kinderkopf, der aus bunten Winden heraussah, nahe zu kommen. Die abscheuliche Trennungswand sprang zu weit vor.

»Warte, Margotchen, ich komm' zu dir hinüber, einen Kuß müssen wir uns doch wenigstens geben, wenn wir uns über ein Jahr nicht gesehen haben!«

»Ja, schön – ich mache dir die Tür auf. Aber es sieht noch ziemlich liederlich bei uns aus, weil unser Gepäck eben erst gekommen ist und gerade ausgepackt wird.«

»Macht nichts, ich komm' gar nicht erst in das Zimmer.«

»Ja, wie willst du denn da zu mir, draußen auf der Treppe ist es doch ungemütlich?« verwunderte sich Margot.

Aber ihre Verwunderung sollte sich noch steigern.

Nachdem es von drüben geheimnisvoll erklungen war: »Du wirst schon sehen – gleich bin ich da!« hörte man ein merkwürdiges Rutschen auf den Steinfliesen des Nachbarbalkons. Ehe Margot recht wußte, was los war, tauchte über der Trennungswand ein lachender Blondkopf auf. Die wilde Hummel hatte sich den Tisch an die Wand gerückt, war hinaufgeklettert und mit dem Berliner Gassenhauer: »Siehste woll, da kimmt er – lange Schritte nimmt er«, ließ sie sich jenseits der Wand auf den Thielenschen Balkon heruntergleiten.

»Fein, was?« Doktors Nesthäkchen fiel der vor Bewunderung erstarrten Freundin um den Hals. Und dann saßen sie. nachdem sie sich zu allererst selbst und dann ihre Zöpfe gegenseitig gemessen, innig umschlungen zusammen auf einem Stuhl und holten nach Möglichkeit das verlorene Jahr in der Unterhaltung nach. Alles kunterbunt durcheinander.

»Denk' mal, meine Puppe Gerda ist bei der Flucht aus Wittdün in der Nordsee ersoffen – habt ihr noch bei Fräulein Hering Stunde? Marlene Ulrich ist nicht mehr Erste? Ist die immer noch mit Ilse Hermann so befreundet? Und ist die Hilde Rabe noch so frech?« Margot konnte gar nicht so schnell antworten, wie Annemarie fragte.

Da, mittenhinein in das lebhafte Mädchengeplauder hörte man Großmamas Stimme von nebenan: »Annemiechen – Herzchen – komm, wir wollen spazieren gehen. Herrgott – wo ist denn das Kind nun schon wieder hin? Ich habe doch im Nebenzimmer gesessen, es ist bestimmt nicht durchgegangen. Barmherziger Himmel – da wird doch nichts passiert sein?!« Großmama hielt schon wieder ängstlich auf der Straße Umschau, ob der Wildfang auch nicht hinuntergestürzt sei.

Nesthäkchen aber saß hinter der bergenden Wand und kicherte heimlich wie ein Kobold. Nein, war die Sache ulkig!

»Annemie – Annemie – –« Großmamas Stimme klang noch ängstlicher als zuvor.

»Du mußt dich melden«, flüsterte Margot, die ein sehr braves Mädel war, ihr zu.

Da bequemte sich der kleine Übermut endlich zur Rückreise. Natürlich wieder auf demselben Wege. Der Stuhl mußte diesmal den Tisch vertreten. Als Großmama aufs neue ihre Rufe erschallen ließ: »Annemiechen – Herzchen, wo bist du bloß?« erklang es ausgelassen dicht über ihr: »Hier hängt se!« und hast du nicht gesehen, kam es im hellblauen Leinenkleid über die Balkonwand herabgerutscht, gerade zu Füßen der entsetzt die Hände zusammenschlagenden alten Dame.

»Aber Annemie – wie kannst du bloß so wild sein – du bist doch kein Junge – hast du dir auch nicht weh getan, Kind?« fragte Großmama eifrig, ganz glücklich, ihr Enkeltöchterchen wieder gesund vor sich zu sehen.

»Nee, gar nicht, bloß – – –« Nesthäkchen begann plötzlich zu weinen.

Das beunruhigte Großmama natürlich noch viel mehr. Sie forschte und befühlte das Enkelchen von allen Seiten: »Wo tut's denn weh – wo? Sag doch! Wollen wird zum Arzt schicken?«

»Nee – aber zum Schneider!« Unter Tränen schon wieder lachend, wies Nesthäkchen auf ein großes Dreieck in ihrem hübschen Sommerkleid. Das war ein Reiseandenken, das sie sich mitgebracht.

»Siehst du, Annemie, das kommt davon, wenn man so unmädchenhaft ist. Nun wird es zu spät zum Spazierengehen, wenn du dich erst umkleiden mußt.«

So zog das erste Wiedersehen der beiden Freundinnen betrübende Folgen nach sich. Annemarie aber nahm sich vor, nie wieder unmädchenhaft zu sein. Wie lange würde sie wohl daran denken?

Am nächsten Tage begann die Schule.

Fünf Minuten vor dreiviertel acht traten Annemarie Braun und Margot Thielen zu gleicher Zeit aus ihrer Tür. Wie froh war Margot, wieder den Schulweg gemeinsam mit der Freundin zurücklegen zu können. Annemarie aber war noch viel glücklicher. Sie freute sich unbändig auf die Schule, aus der sie über ein Jahr fort gewesen. Was würden die Kinder nur zu ihr sagen? Und Fräulein Hering, die immer besonders nett zu ihr gewesen!

Der Schulweg war heute tausendmal interessanter als früher. Die Straßen wimmelten von Feldgrauen. Graue Militärautos töfften ratternd dahin. Am Bahnhof kamen und gingen die Truppentransporte. Aus der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ertönte Orgelton. Dort fand jetzt jeden Morgen Bittgottesdienst für die ins Feld Ziehenden statt.

Vor dem roten Ziegelsteingebäude, dem Schubertschen Mädchenlyzeum, das Doktors Nesthäkchen wie ein guter alter Bekannter grüßte, waren eine Menge Schulkinder versammelt. Warum gingen die denn bloß nicht hinein? Es war doch durchaus nicht mehr zu früh! Das summte wie in einem Bienenstock durcheinander. Je näher die Freundinnen kamen, um so auffälliger wurde die Erregtheit der draußen sich zusammenscharenden Schülerinnen.

Am Ende gab es wieder einen Sieg?

»Geht gar nicht erst rein, die Schule fällt aus!« rief ihnen Erna Rust, eine Mitschülerin ihrer Klasse, schon von weitem entgegen.

»Jawoll«, anführen ließ sich Doktors Nesthäkchen nicht so leicht. Stracks ging es Margot, die ein wenig unschlüssig stehen blieb, voran in den Schulhof.

Hier dasselbe Bild wie draußen. Überall lebhaft beratende Schülerinnen. Dazwischen fremde Männer, welche Bänke und Tische schleppten, und jetzt – laut los lachte der Mädchenchor. Da trug ja Professor Möbus, der französische Lehrer, eigenhändig ein Katheder auf dem Rücken. Ja, war denn die ganze Welt aus den Fugen gegangen? Was bedeutete denn das bloß?

»Tag, Margot – Tag, Annemie, fein, daß du wieder da bist – wißt ihr's schon?« Die beiden Freundinnen Marlene und Ilse stürzten den beiden entgegen. Jede wollte gern die erste sein, welche die Neuigkeit berichtete.

»Was denn – was ist denn bloß los, hat denn die ganze Schule einen Rappel bekommen?« rief Annemarie ziemlich respektlos. Sie brannte vor Neugier.

Aber ehe Marlene oder Ilse noch zur Antwort ansetzen konnten, überschrie sie die dazukommende Marianne: »Unsere Schule wird als Lazarett gebraucht, wir müssen umziehen.«

»Wa–as?« Margot blieb der Mund vor Staunen offen.

Annemarie aber hatte gleich eine Flut von Fragen bei der Hand.

»Sind die Verwundeten schon drin, werden unsere Lehrerinnen nun Schwestern – haben wir nun während des ganzen Krieges keine Schule?«

»Ja, Kuchen – die Schule zieht um«, schrien die Freundinnen wieder durcheinander. »Aber wir wissen noch nicht wohin.«

Nein, war das interessant. Ein Umzug der Schule hatte noch keine der vielen hundert Schülerinnen des Mädchenlyzeums erlebt. Ging man nun einfach nach Hause, oder mußte man noch da bleiben? Keine wußte es, und das erhöhte natürlich die Aufregung.

»Ich gehe ruhig in die Klasse, es hat doch noch kein Lehrer etwas gesagt«, entschied die fleißige Margot.

»Fällt mir nicht im Traume ein, hier auf dem Hof ist es viel lustiger. Und am Ende sind überhaupt schon Soldaten drin«, Doktors Nesthäkchen strahlte über die unvorhergesehenen Ereignisse.

»Militär ist noch nicht da, es muß erst alles umgeräumt werden«, erklärte Marianne Davis eifrig.

»Höchstens könnten wir mit in die Rumpelkammer verladen werden«, lachte Ilschen mit den blonden Haarschnecken.

Da erklang laut die Stimme eines Lehrers durch all den Tumult, all das Mädchengesumm hindurch: »Ruhe – die Schülerinnen sollen sich in die Turnhalle begeben.«

»Wie gut, daß wir nicht nach Hause gegangen sind!« Margot zog ihre Freundin Annemarie den sich in die Turnhalle Drängenden nach.

Die geräumige Turnhalle war knüppeldick vollgestopft mit großen und kleinen Mädchen, blonden und schwarzen. Die sonst streng voneinander gesonderten Klassen waren willkürlich durcheinander gestreut. Wie der Krieg draußen im großen die sonst voneinander geschiedenen Klassen, reich und arm, Gebildete und Ungebildete, durcheinander wirbelte, so tat er es hier auch im kleinen. Auf den langen Schwebebäumen hatten es sich kecke Dingelchen aus der zehnten Klasse bequem gemacht, trotzdem die erste Klasse meinte, diese Plätze kämen ihr zu. Annemarie Braun aber hatte sogar hoch oben auf einem Barren Platz genommen. Von hier aus übersah sie die Versammlung besonders gut. Margot, die sie in ihrer Tugendhaftigkeit durchaus wieder herunterziehen wollte, hatte damit kein Glück, übermütig baumelte Doktors Nesthäkchen auf ihrem Barren mit den in geringelten Wadenstrümpfen steckenden Beinen.

Ein Teil der Lehrer und Lehrerinnen betraten die Halle. Dicht neben Annemarie tauchte Fräulein Herings liebes Gesicht auf.

»Na, wieder da, Annemarie Braun? Das ist ja schön, daß du wieder zu uns zurückkommst. Wie ein kleines Fischermädel so braun bist du gebrannt!« Fräulein Hering trat näher und reichte der so lange Fortgewesenen freundlich die Hand.

Auch Annemarie streckte ihre Rechte aus – o weh – da verlor sie das Gleichgewicht auf ihrer schmalen Stange. In dem Bemühen, nicht herabzupurzeln, griff sie auch mit der Linken hilfesuchend nach dem, was ihr gerade das Nächste war. Mit beiden Armen fiel sie, ohne es zu wollen, der Lehrerin um den Hals. Die lachte herzlich über die zärtliche Begrüßung, und die Mädel ringsum wieherten förmlich vor Vergnügen.

Das war Doktors Nesthäkchen trotz aller Freimütigkeit denn doch etwas peinlich. Aber zum Glück betrat gerade der Direktor die rasch aus Sprungkästen und Matratzen erbaute Kanzel.

Er räusperte sich, aber er sprach noch nicht. Erst stimmte der Gesanglehrer Herr Lustig, zum größten Erstaunen der Kinder in feldgrauer Uniform, mit seiner schönen Baßstimme »Es braust ein Ruf wie Donnerhall« an, und hell fielen die Schülerinnen alle ein. Feierlich zogen die Klänge durch die Turnhalle.

Dann sprach der Herr Direktor, schlicht und warm:

»Meine lieben Schülerinnen! Als wir uns vor etwa fünf Wochen trennten, um nach fleißiger Arbeit neue Kräfte in der Erholung zu sammeln, da ahnten wir nicht, welcher gewaltige Sturm über unser teures Vaterland daherbrausen würde. Die deutsche Eiche ist stark in ihren Wurzeln, ob auch viele feindliche Hände sie zu erschüttern suchen, sie wankt nicht. Nur um so fester steht sie da, nur um so herrlicher wird sie grünen. Jede von euch hat wohl ein liebes Familienmitglied mit hinausziehen lassen in den heiligen Kampf um Deutschlands Freiheit, und ist stolz darauf. Aus unserem Kreise haben sich ebenfalls verschiedene Lehrer gelöst, die ins Feld gezogen, mehrere Lehrerinnen haben sich zu Helferinnen des Roten Kreuzes gemeldet. Aber auch von der Schule selbst verlangt der Krieg seine Opfer. Unsere Räume sind dazu ausersehen worden, den Verwundeten eine Genesungsstätte zu werden. Trotz eifrigen Bemühens ist es mir nur gelungen, vier Arbeiter zum Transport der schweren Möbel zu erlangen, auch einige junge Leute vom Pfadfinderbund haben sich uns zur Verfügung gestellt. Der Hauptanteil der Arbeit aber bleibt Lehrern und Schülerinnen. Ich bin davon überzeugt, wie gern eine jede von euch mithelfen wird für die, welche ihr Blut für uns vergießen. Die Schülerinnen von der zehnten bis zur sechsten Klasse gehen nach Haus. Diejenigen der Schülerinnen der Mittel- und Oberstufen, die uns helfen wollen, begeben sich in ihre Klassenräume und empfangen dort die Anleitungen der Lehrer und Lehrerinnen. Die andern können ebenfalls heimgehen, denn es soll eine freiwillige Hilfe sein, die ihr leistet. Wann wir unsern Schulunterricht wieder aufnehmen können, wird noch bekannt gegeben. Das hängt davon ab, ob wir in einer andern Schule unseres Stadtteils ein Unterkommen finden. Voraussichtlich wird der Unterricht nachmittags stattfinden müssen. Lehrer sowohl wie Schülerinnen werden fürs Vaterland auch diese kleine Unbequemlichkeit gern in den Kauf nehmen. Aber die verlängerte Ferienzeit darf nicht müßig hingebracht werden; mehr als je hat jetzt jeder die Pflicht, all seine Kräfte zu regen. Ich fordere deshalb die Schülerinnen zur Bildung einer Arbeitsabteilung für das Rote Kreuz auf. Jede Klasse hat drei Vertrauensschülerinnen zu wählen, die dafür Sorge tragen sollen, daß die Anordnungen der Schule möglichst schnell jeder Schülerin zugestellt werden. Näheres über die Arbeitsabteilung erfahrt ihr später. Und nun, meine lieben Schülerinnen, bevor wir an unser Werk zum Wohle unseres Vaterlandes gehen, stimmt mit mir ein in den Ruf: Seine Majestät, unser allergnädigster Kaiser – hurra – hurra – hurra!«

In brausender Begeisterung einten sich die jungen Mädchenkehlen in dem Hochruf auf den obersten Feldherrn, und jauchzend, in heller Hoffnungsfreudigkeit klang es vielhundertstimmig in den sonnengoldenen Augusttag hinaus: »Heil dir im Siegerkranz«.

So endete die erhebende Feier.

Dann hieß es: An die Arbeit! Neidisch sahen die Kleinen, die nicht gebraucht wurden, den Großen nach. Keine schloß sich von all den vielen Schülerinnen aus, alle meldeten sich zur Hilfe. Und wenn selbst ein kleiner Faulpelz darunter gewesen wäre, der es vorgezogen hätte, heimzugehen, er hätte sich vor den übrigen geschämt.

Ach. wie glücklich war Doktors Nesthäkchen, daß es nun schon in der sechsten Klasse war und beim Umzug mithelfen durfte.

Jeder Klasse fiel eine andere Aufgabe zu. Hier wurden Landkarten säuberlich aufgestapelt, dort physikalische Instrumente fortgetragen. Der Zeichensaal und die Bibliothek mußten geleert, alle Schulbücher und Hefte geordnet und sorgsam verpackt werden. Die Aula und der Turnsaal dienten zur Unterbringung sämtlicher Schulgeräte. Die Lehrer hatten ihre Röcke ausgezogen und schleppten im Schweiße ihres Angesichts wie Ziehleute Tische, Bänke und Pulte fort. Lehrerinnen und Schülerinnen schafften mit heißen Wangen. Wie in einem Ameisenhaufen wimmelte das in eifriger Arbeit durcheinander, ein jedes erfüllte in all dem Gewühl gewissenhaft die ihm zuerteilte Aufgabe.

Die sechste Klasse hatte unter Aufsicht ihrer neuen Ordinaria, Fräulein Konrad, den Klassenschrank ausgeräumt, und die Schülerinnenbibliothek in Waschkörbe gepackt. Dabei geschah es allerdings, daß Ilse Hermann, eine kleine Leseratte, plötzlich in all dem Gewirr, all der Unruhe, ganz vertieft in eine schöne Erzählung war. Mit in die Ohren gestopftem Zeigefinger hockte sie unter all den Vorüberhastenden und hatte gar keine Ahnung mehr, wo sie sich befand.

Annemarie Braun, die gerade ein Pack Bücher vorüberschleppte, gab ihr einen freundschaftlichen Puff, daß der künstliche Turm von Büchern zerbarst und um die ganz verlesene Ilse herniederprasselte: »Du, gefaulenzt wird hier nicht!«

Erschreckt fuhr Ilse auf, während Margot, die Annemarie beim Einsammeln der Flüchtlinge behilflich war, lachend meinte: »Unsere Verwundeten sollen wohl warten, bist du mit deiner Geschichte fertig bist, Ilse?«

Errötend nahm die kleine Leseratte wieder ihre Arbeit auf.

Brrr – war das heiß! Annemaries Gesicht glühte wie ein Plättbolzen, als sie mit ihrer Last treppauf, treppab lief. Aber was tat das – heute empfand keiner irgendwelche Beschwerden.

Einige Pfadfinder trugen die Tische und Bänke aus der sechsten Klasse.

»Vorsehen!« – riefen sie den in die Klasse zurückeilenden Freundinnen zu und – »Hänschen – mein Hänschen!« jubelte es zurück. Zur Belustigung der Mitschülerinnen und Pfadfinder sprang Annemarie Braun auf die Bank, die gerade fortgetragen werden sollte und verabfolgte dem einen Pfadfinder einen Kuß.

»Hänschen – wie kommst du denn hierher?«

Dem Obersekundaner war die Sache, so lieb er sein kleines Schwesterchen auch sonst hatte, äußerst peinlich. Er schielte errötend zu seinen grinsenden Kameraden hin und sagte möglichst militärisch: »Vom Pfadfinderbund zum Dienst befohlen!« Dann machte er mit seiner Bank, daß er fortkam. Nesthäkchen aber war selig über die unvermutete Begegnung.

Margot, als Erste der Klasse, war das Ehrenamt zugefallen, den großen Globus, der nicht viel kleiner war als sie selbst, in Sicherheit zu bringen. Annemarie half ihr getreulich dabei, indem sie neben ihr her trabte und alle paar Sekunden die Hände nach dem glatten runden Ding ausstreckte, um es der Freundin, falls sie ermüdete, abzunehmen. Die aber war äußerst ehrgeizig. Trotzdem ihr die Arme allmählich erlahmten, mochte sie sich nicht schwach zeigen.

»Laß doch«, sagte sie ein wenig gereizt, als Annemarie zum so und sovielten Male wieder ihre Hilfe anbot und machte eine ungeduldige Bewegung. Dabei entglitt die glatte, tückische Weltkugel den müden Mädchenarmen – bumderattada – lag der Globus auf den Steintreppen mit einem tüchtigen Loch.

Margot fing erschreckt an zu weinen, und auch Annemarie machte ein entsetztes Gesicht. Polen war auf der Weltkugel zertrümmert, und Rußland zeigte eine gehörige Beule.

»Du bist schuld, Annemarie – du ganz allein, warum wolltest du auch immer mit anfassen, dann natürlich muß es einem ja aus der Hand rutschen – ach, was wird Fräulein Konrad sagen!« rief Margot unter heißen Tränen.

Annemarie stand starr. Bei ihrer Wahrheitsliebe schmerzte sie die ungerechte Beschuldigung der Freundin aufs tiefste.

»Ich hab' ja noch gar nicht angefaßt – ich hab's doch gut gemeint! Aber wenn du so bist, bin ich mit dir schuß auf ewig und gehe von jetzt an immer mit Marianne Davis«, rief Doktors Nesthäkchen kirschrot im Gesicht vor Ärger und fing ebenfalls an zu weinen.

Um die beiden kleinen Streithammel bildete sich sofort ein Auflauf von Neugierigen.

»Na, was gibt's denn hier?« Professor Herwig, einer der ältesten Lehrer des Lyzeums, lugte über seine Brillengläser hinweg auf die beiden sich gegenüberstehenden heulenden Kinder.

»Der Globus ist heruntergefallen – Polen hat ein Loch bekommen und Rußland eine Beule«, schluchzte Annemarie, denn Margot war so schmerzerfüllt, daß sie keine Auskunft geben konnte.

»Das ist ja eine nette Geschichte!« Der alte Herr Professor griff nach der zertrümmerten Weltkugel. »Na, trocknet nur eure Tränen«, wandte er sich dann lächelnd an die weinenden Kinder. »Die Welt geht jetzt durch den Krieg ja auch in Stücke, was ist diese Weltkugel hier denn besser! Wollen es als eine gute Vorbedeutung für unsere Ostheere ansehen, daß Polen von ihnen erobert wird und Rußland seine Beule wegkriegt – hahaha«, jetzt lachte er dröhnend. Einige Lehrer und Lehrerinnen, die sich inzwischen dazu gefunden, stimmten ein.

Den beiden kleinen Freundinnen aber war noch gar nicht zum Lachen zumute. Unter Tränen griff Doktors Nesthäkchen, da Margot tatenlos ihre in Trümmer gegangene Weltkugel beweinte, nach derselben und transportierte sie weiter. Freundin Margot, das Taschentuch vor den Augen, hinterher.

»Ei, Kinder, was ist denn das hier für ein Leichenbegängnis?« Fräulein Hering hielt die zwei Trauernden an.

Auch sie erfuhr von dem Unglück.

»Wem ist denn das passiert, dir, Annemarie?«

Doktors Nesthäkchen senkte den Blondkopf und gab keine Antwort. Nein, es verpetzte Margot, die einstige beste Freundin nicht! Lieber litt es selbst die Strafe.

Der bisher gesenkte braune Kopf aber hob sich nach heftigem Seelenkampf plötzlich in die Höhe. »Ich habe den Globus hingeworfen«, sagte Margot leise.

»Ich bin aber schuld daran gewesen«, fiel Annemarie lebhaft ein, sie wollte an Edelmut nicht hinter Margot zurückstehen.

»Das ist hübsch von euch, Kinder, daß die eine nichts auf die andere kommen läßt – das ist die wahre Freundschaft!« Freundlich schritt Fräulein Hering weiter, ohne über ihre Ungeschicklichkeit zu schelten.

Die zwei wurden noch röter als rot. Unsicher sahen sie sich an, sie schämten sich des Lobes, das sie doch eigentlich ganz und gar nicht verdient hatten.

War es nun Annemarie oder war es Margot, welche den ersten Schritt zur Versöhnung tat? Das wußten sie nachher alle beide nicht mehr. Aber ihre Hände hielten sich plötzlich wieder gefaßt, und über dem zertrümmerten Polen gaben sich die zwei, die für »ewig schuß« sein wollten, den Versöhnungskuß. Die Rüge von Fräulein Konrad, die in Anbetracht der sich drängenden Arbeit sehr mild ausfiel, trugen sie dann getreulich gemeinsam.

Das wäre ja auch schrecklich gewesen, wenn ein so schönes Werk, wie ihre eifrige Hilfsbereitschaft für die Verwundeten, die beiden Freundinnen entzweit hätte!

4. Kapitel. Für unsere Vaterlandsverteidiger.

»Viele Hände machen der Arbeit bald ein Ende«, auch in dem Mädchenlyzeum bewahrheitete sich dieses Sprichwort. Schon nach knapp drei Tagen war die Hauptarbeit getan, Aula und Turnhalle vollgestopft mit allem, was sich sonst auf sämtliche Schulräume verteilt hatte. Eine mächtige Küche wurde angebaut, Badeeinrichtungen geschaffen und fünfhundert Betten aufgestellt.

Die Werktätigkeit der Schülerinnen aber begann jetzt erst eigentlich. Jede erhielt einen gedruckten Aufruf:

»An die Schülerinnen des Schubertschen Mädchenlyzeums zu Berlin.

In diesen schweren Tagen soll auch euch Gelegenheit gegeben werden, euch zum Wohle des Vaterlandes zu betätigen.

Das Lehrerkollegium hat beschlossen, zwei Hilfsabteilungen im Dienste des Roten Kreuzes zu gründen:

1. Eine Strick- und Nähabteilung (Vorsitzende Fräulein Hering). In dieser sollen wollene Strümpfe, Handschuhe, Bettwäsche usw. für unsere Truppen angefertigt werden. Die Arbeiten werden unter Leitung der Lehrerinnen eingerichtet, und dann so weit als möglich zu Hause vollendet. Zur Unterweisung stellt Herr Direktor Schubert vorläufig seine Dienstwohnung zur Verfügung.

Versammlung der hierzu bereiten Schülerinnen Montag, den 10. August, nachmittags 4 Uhr, auf dem Schulhofe.

2. Eine Verpflegungsabteilung wird eingerichtet. (Vorsitzende Fräulein Neubert.)

Durchziehenden Truppen sollen Erfrischungen gereicht werden.

Diese vaterländische Betätigung im Dienste des Roten Kreuzes erfordert viel Geld. Es ergeht daher an alle Schülerinnen der Aufruf. Geldbeiträge zu spenden, dieselben durch ihre Vertrauensschülerinnen zu sammeln und an den Direktor abzuliefern.

Opfert dem Vaterlande!«

Doktors Nesthäkchen erhielt von Margot diesen Aufruf zugesandt, trotzdem es selbst eine der von der Klasse erwählten Vertrauensschülerinnen, die für die Versendung der Zettel Sorge zu tragen hatten, war. Aber sie war doch nicht schlechter als die andern – wenn die ihren Aufruf mit der Post bekamen, wollte Annemarie ihn auch so haben. Darum sandten die törichten kleinen Mädel sich gegenseitig ihre Zettel zu.

In tiefem Nachdenken saß Annemarie vor dem ihren, trotzdem der Inhalt ihr bereits genügend bekannt war. Es war wirklich eine schwierige Überlegung. Sollte sie sich zur Handarbeits- oder zur Verpflegungsabteilung melden? Oder am Ende zu allen beiden?

Für Handarbeiten hatte der Wildfang eigentlich herzlich wenig übrig. Nesthäkchen quälte sich immer noch mit ihrem ersten Pulswärmer zu Hause herum. »Verpflegung«, das klang doch viel schöner. Dabei dachte man gleich an leckere Schinken und lange Würste – und am Ende durfte sie selbst am Bahnhof Butterbrote und Kaffee an die durchkommenden Truppen verteilen wie Bruder Hans. Klaus, mit dem sie die Sache besprach, riet ihr, aus seinem ewig hungrigen Gymnasiastenmagen heraus, zur Verpflegungsstation. Aber der wußte doch nicht, wie gern sie Fräulein Hering hatte, welche die Näh- und Stricknachmittage leitete. Während Fräulein Neubert, die der Verpflegungsabteilung vorstand, als streng in der ganzen Schule bekannt war.

Großmama, die klügste von allen, mußte den Ausschlag geben.

»Großmuttchen, wozu soll ich mich melden? Stricken muß ich doch eigentlich schon bei dir genug. Margot geht ja zu den Stricknachmittagen und meine andern Freundinnen auch. Aber ich denke mir die Verpflegung viel feiner, das macht bestimmt mehr Spaß!« Nesthäkchen sah die alte Dame erwartungsvoll an.

»Herzchen, weißt du wirklich nicht, wozu ich dir raten werde?« Großmama lächelte ihr liebes Lächeln.

Annemarie kniff ein Auge ein, das tat sie öfters, wenn sie etwas Schalkhaftes dachte.

»Natürlich weiß ich es, alte Damen sind doch immer für Stricken und Nähen. Klaus ist nun wieder mehr fürs Essen. Und du hast doch gesagt, es ist ganz gleich, wie man seinem Vaterlande nützt, Großmuttchen, wenn man nur überhaupt etwas tut.«

Großmama wies mit dem Finger schweigend auf eine Zeile des Aufrufs.

»Opfert dem Vaterlande«, las Nesthäkchen.

»Jawohl, das will ich ja auch gern tun, Großmuttchen. Ich werde an Vater schreiben, ob ich mein Sparkassenbuch geben darf. Und – und vielleicht hast du graue Wolle oder Leinewand übrig, die dürfen wir auch mitbringen, und Hanne wird mir gewiß eine Wurst schenken.«

Stolz sah die Kleine die Großmama an – mehr konnte sie doch nicht opfern.

Aber Großmama schüttelte den Kopf.

»Nein, Kind, mit Geld und Waren allein ist es nicht getan. Opfern heißt, etwas hingeben, was einem schwer wird. Unsere Zeit und unsere Arbeit sollen wir dem Vaterlande opfern. Nicht, was dir Spaß macht, sollst du tun, sondern das, was am nutzbringendsten für unsere Krieger ist. Nun, Herzchen, wozu wirst du dich melden?«

»Das muß ich mir erst noch überlegen, Großmuttchen.« Annemarie zog die Stirn in Falten und dachte angestrengt nach. »Essen ist doch eigentlich mindestens so notwendig wie Kleidung für unsere Feldgrauen. Aber weißt du, Großmuttchen, ich werde mich für beide Abteilungen melden.«

»Das hat keinen Wert, Annemiechen. Lieber eine Sache ganz tun, als mehrere Dinge nur halb.«

Annemarie wurde ihrer Überlegung enthoben. Denn Margot, die herüberkam, um gemeinsam mit der Freundin eine Liste für die Sammlung aufzusetzen, teilte ihr mit, daß zu der Verpflegungsabteilung überhaupt nur die großen Schülerinnen der ersten und zweiten Klasse zugelassen wurden.

So fand sich auch Annemarie Braun mit mehreren hundert anderen Schülerinnen am nächsten Tage im Schulhof zur Liebesarbeit ein.

Die Mädchen wurden in zwanzig Gruppen geteilt, die abwechselnd an verschiedenen Tagen der Woche zusammenkamen. Mehrere Lehrer und Lehrerinnen stellten ihre Wohnung für die Strick- und Nähnachmittage zur Verfügung.

Wie froh war Annemarie, daß sie sich daran beteiligt hatte, denn die Stricktage gehörten bald zu den schönsten in der Woche.

Die kecken Berliner Spatzen, die den Garten des Herrn Direktors als ihr Privateigentum betrachteten, konnten sich jetzt nicht genug verwundern. Da tauchten täglich in den sonnigen Augusttagen zwischen Bäumen und Buschwerk blonde und dunkle Mädchenköpfe auf, wohl an hundert Stück, alle eifrig über die Arbeit geneigt.

Was wurde dort nicht alles von den fleißigen Mädchenhänden fabriziert. Vor allem graue Strümpfe, denn »barfuß können unsere Soldaten nicht bis Paris und Petersburg marschieren!« scherzte Fräulein Hering. Mit solchen Worten spornte sie die Kinder immer wieder zu neuem Eifer an.

Eigentlich war das aber gar nicht nötig. Denn jedes hatte den Ehrgeiz, möglichst viel für die Vaterlandsverteidiger zu schaffen. Ein edler Wettbewerb begann zwischen den Schülerinnen, wer wohl am schnellsten mit seiner Arbeit fertig wurde. Eine schielte auf den Strumpf der anderen, ob die auch bloß noch nicht weiter war mit Abnehmen, als sie selbst. Die Stricknadeln klapperten unaufhörlich, und die Mundwerke der kleinen Fräulein klapperten fast noch unaufhörlicher – auch hierbei gab es einen edlen Wettstreit.

Es war merkwürdig, mit welcher Freude Doktors Nesthäkchen, das dem Stricken von jeher nicht sehr hold gewesen, hier an ihrem langen Strumpf schaffte. Es schaffte wirklich – Großmama traute manchmal ihren Augen nicht, wie Annemaries Strumpf an dem Stricknachmittage wuchs. Ja, mit den lustigen Altersgenossinnen um die Wette arbeiten, das war ein anderes Ding, als zu Hause allein. Da gab sich Annemarie grenzenlose Mühe, um nicht zurückzubleiben, ob ihr auch oft in den heißen Tagen der Schweiß von der Stirn perlte. Fräulein Hering sollte sie doch loben, und Großmamas Bewunderung des Abends, wenn sie heimkam, tat auch recht wohl. Auch zu Hause ließ Nesthäkchens Fleiß nicht nach, Großmama mußte jetzt sogar noch dagegen steuern, damit das Kind auch zum Spazierengehen kam. Margot, Marianne, Ilse und Marlene sollten durchaus nicht früher mit ihrem Strumpf fertig werden, als sie selbst. Die fünf Freundinnen hatten ihren Platz stets unter dem großen Nußbaum und piepsten da durcheinander wie die Spatzen droben. Jedoch noch etwas viel Schöneres gab es, als das Schwatzen bei der Arbeit. Das war das gemeinsame Singen. Die sangesfrohen Kehlen der Kinder wurden nicht müde. Vaterlands- und Soldatenlieder schallten jetzt zu allen Stunden durch den Garten des Herrn Direktors. Davor mußten die unmusikalischen Sperlinge die Schnäbel halten.

Oben aber über die unmittelbar an den Garten grenzende Eisenbahnbrücke rollte Militärzug auf Militärzug nach Ost und West mit begeistert herunterwinkenden feldgrauen Soldaten. Immer aufs neue stürmisch begrüßt von der fleißigen Mädchenschar.

Was war das jetzt für ein Leben in dem sonst so stillen Garten des Herrn Direktors. Und flatterte gar noch ein Extrablatt mit einer Siegesnachricht herein, dann war des Jubelns kein Ende.

Unvergeßliche Tage, diese herrlichen Augusttage des ersten siegreichen Vordringens der deutschen Truppen, der großen opferfreudigen Begeisterung der Daheimgebliebenen! Jedem der jungen Kinder, die da für das Vaterland schafften, gruben sie sich unauslöschlich für das ganze Leben in die Seele.

Selbst Klaus, der es geradezu als eine Bosheit des Schicksals empfand, daß sein Gymnasium nicht auch zu Lazarettzwecken ausersehen worden und die Ferien dadurch verlängert wurden, söhnte sich allmählich mit seinem Geschick aus. Denn viel wurde in diesen Augusttagen in keiner Schule Deutschlands gelernt. Wenigstens keine Bücherweisheit. Aber anderes lehrten die Lehrer ihre jungen Schüler: Begeisterte Liebe zum Vaterlande, grenzenlose Opferfreudigkeit für die draußen Kämpfenden. Den erhebenden Stolz, ein deutscher Knabe oder ein deutsches Mädchen zu sein, und die gleichzeitig daraus erwachsende Pflicht, trotz der Jugend seinen Platz in dieser schweren Zeit voll auszufüllen

Was war es da bloß, daß Doktors Nesthäkchen, eine der begeistertsten in diesen Augusttagen, oft des Abends ihr Kopfkissen vor dem Einschlafen mit Tränen netzte? War doch am Tage die lustigste und ausgelassenste von all ihren Freundinnen, sang und sprang durchs Haus wie ein Wiesel, so daß kein Mensch merkte, daß irgend etwas die Kinderseele bedrückte.

Nein, keiner ahnte etwas von Nesthäkchens Kummer. Nur der Mond, Annemaries alter, guter Freund, der Jahr für Jahr allabendlich ihr im Bett durch die Kinderstubenfenster liebkosend mit seinen Silberfingern die Wangen streichelte, wußte Bescheid.

Nesthäkchen bangte sich nach dem Gutenachtkuß ihrer Mutti!

In den ersten Tagen nach ihrem Heimkommen hatte es Annemarie gar nicht so arg empfunden, daß die Mutter nicht da war. Die Kriegsbegeisterung, von der alle gepackt wurden, war stärker als jedes sonstige Gefühl, ließ kaum ein anderes daneben aufkommen. Da war das Wiedersehen mit Vater und zugleich der baldige Abschied von ihm. Die Brüder waren Annemarie wieder neu, und vor allem war Großmama zu ihnen gezogen, an der die Kleine voll Liebe hing. Und Mutti mußte ja jeden Tag wiederkommen. sie hatte sich gewiß nur verspätet, so hoffte ihr Nesthäkchen von Tag zu Tag. Aber Tag für Tag verging, und keine Mutti kam zurück.

Annemarie, die das Jahr über im Kinderheim kaum Sehnsucht nach Hause empfunden, begann sich jetzt daheim nach der Mutter zu bangen. Am Tage nicht, da stürmte zu viel Neues auf sie ein. Da wurden ihre Gedanken anderweitig in Anspruch genommen. Nur des Abends fehlte ihr die Mutti. Zwar kam Großmama getreulich an ihr Bett und küßte das Enkelchen zärtlich. Aber die sagte: »Gute Nacht, mein Liebling«, oder auch »mein Herzchen«. Mutti aber pflegte ebenso wie Vater »meine Lotte« zu ihr zu sagen. Wie sehnte sich Nesthäkchen nach diesen beiden Worten, dem Kosenamen aus ihrer Kleinkinderzeit. Denn wenn Vater auch in seinen Karten an die Großmama »seine Lotte« grüßen ließ, das war doch ganz anders, als wenn Mutti sie dabei in ihre Arme nahm.

Mutti gab gar keine Nachricht. Nicht eine Zeile kam von ihr, so oft Annemarie auch schon an sie geschrieben hatte. Ja. hatte die Mutter sie in England bei den Feinden denn ganz vergessen?

Zuerst hatte Annemarie die Großmama gefragt und bestürmt. warum Mutti denn gar nichts mehr von ihnen wissen wollte. Aber als sie merkte, daß Großmama jedesmal dadurch traurig wurde, ja, daß sie sogar Tränen in den Augen hatte, fragte Nesthäkchen nicht mehr. Denn es wollte die gute Großmama nicht betrüben.

Dafür wandte sich Annemarie aber um so angelegentlicher an die Brüder. Hans, der Große, beruhigte das kleine Mädchen. Vielleicht blieben alle Briefe an der Grenze liegen und wurden überhaupt nicht in das feindliche Land hineingelassen. Das war eine sehr verständige Auskunft des Obersekundaners.

Klaus aber, in dessen Kopf der Krieg sämtliche Räubergeschichten. die er jemals gelesen, wieder aufgewirbelt hatte, wirkte weniger beruhigend auf das Schwesterchen.

»Paß auf, Annemie, Mutti ist bestimmt von unsern Feinden gefangen genommen worden. Am Ende haben die Engländer sie in ein finsteres Schloßverlies gesperrt, wo sie nicht mal Wasser und Brot kriegt. Aber wenn ich groß bin, Annemarie, dann reise ich nach England und befreie Mutti. Dann wirst du sie gar nicht mehr wiedererkennen, denn sie hat bestimmt weiße Haare vor Gram bekommen.«

Nesthäkchen machte entsetzte Augen. Hans aber lachte: »Schwindele doch der Kleinen nichts vor. Junge! Mutter ist sicherlich bei Onkel und Tante auf ihrem Landsitz und läßt sich das englische Roastbeef da schmecken.«

»Und wenn sie nicht mal Wasser und Brot in ihrem Felsverlies bekäme, dann wäre sie ja längst verhungert, bis du groß bist, Klaus«, fiel Annemarie ein.

Aber die Schauermär von Klaus hatte doch Eindruck auf die Kleine gemacht. Beim Abendbrot legte sie plötzlich die Gabel hin. Der Happen würgte sie im Halse. Trotzdem es ihr Leibgericht gab, Kartoffelpuffer mit Kompott.

»Herzchen, fehlt dir was?« forschte Großmama sofort ängstlich.

»Nee – nee – ich kann bloß nicht mehr essen«, Nesthäkchen begann plötzlich grundlos zu weinen.

Das war bei dem lustigen Ding fast ebenso merkwürdig wie die Appetitlosigkeit. Mit Recht machte sich Großmama Gedanken. Sie forschte und drang in das Kind, bekam aber keine andere Antwort als: »Mir ist ganz gut zumute, ich kann aber nicht mehr essen.«

Großmama, welche es mit der Verantwortung für die Enkelkinder in Abwesenheit der Eltern sehr ernst nahm, entschloß sich, an den Arzt, dem Vertreter ihres Schwiegersohnes, zu telephonieren und ihn zu bitten, möglichst noch am selben Abend nach dem Kinde zu sehen.

Der Arzt kam denn auch und wurde von der Großmama an Annemaries Bett geführt, denn das kleine Mädchen war bereits schlafen gegangen. Da versteckte sich ein tränenüberströmtes Gesichtchen in den Kissen.

»Herr Doktor, das Kind ist bestimmt krank, sicherlich hat es irgendwo Schmerzen. Warum sollte es denn sonst weinen! Es ist solch ein heiteres, kleines Mädel.« Die Großmama war ganz blaß vor Aufregung.

»Das wollen wir gleich feststellen. Na, nun sage mir mal, wo es dir weh tut, mein Kind.« Nesthäkchen, das Zeit ihres Lebens gewöhnt war, nur vom Vater behandelt zu werden, wenn es krank war, schüttelte den Blondkopf. Es schämte sich, daß der fremde Herr Doktor sah, daß es geweint hatte.

Der begann inzwischen eingehend zu untersuchen. Aber soviel er auch klopfte, horchte und befühlte, er konnte beim besten Willen nichts finden. Das kleine Mädchen war kerngesund.

»Welche Anzeichen haben Sie denn für die Krankheit, gnädige Frau?«

»Das Kind wollte nicht essen und hat geweint.«

»Hat sie gefiebert oder sich übergeben?«

Großmama schüttelte den Kopf. Nein, das war nicht der Fall gewesen.

»Ich rate, die Kleine jedenfalls morgen im Bett zu lassen, vielleicht entwickelt sich irgendeine Kinderkrankheit. Leichte Kost, dreimal täglich Temperatur messen und vor Erkältung in acht nehmen«, verordnete der Arzt.

Das wurde Nesthäkchen aber nun doch zu bunt. Im Bett sollte sie bleiben, wo sie ganz gesund war! Nicht zur Strickstunde zu ihrem lieben Fräulein Hering gehen? Jawoll, daß Margot und ihre anderen Freundinnen mit ihrem Strumpf früher fertig wurden als sie! Und morgen sollte ja auch Fräulein kommen, die sie von der Bahn abholen wollte. Da sollte sie im Bett liegen? Nein, lieber besiegte sie ihre Scheu und sagte, weshalb sie geweint hatte.

»Ich bin ja nicht ein bißchen krank, Herr Doktor, ich hab' ja bloß nicht gegessen, weil – weil –« nun stockte Annemarie doch.

»Na, weshalb denn, mein Kind?« half der Arzt ihr aufmunternd ein.

»Weil – weil meine Mutti in England hungern muß und nicht mal Wasser und Brot hat«, kam es plötzlich wieder jämmerlich schluchzend heraus.

»Woher weißt du denn das, Herzchen, ist denn Nachricht gekommen?« Nun mußte die arme Großmama sich wieder um die ferne Tochter aufregen.

»Nee – Klaus hat es gesagt.«

Großmama atmete erleichtert auf.

»Klaus ist ein dummer Junge, daß er dir so etwas vorredet, und du bist ein ebenso dummes, kleines Mädchen, es zu glauben. Entschuldigen Sie vielmals, Herr Doktor, daß ich Sie bei Ihrer vielen Arbeit umsonst herbemüht habe«, der alten Dame war die Sache recht peinlich.

Aber der Arzt beruhigte sie lachend.

»Ich freue mich, daß es umsonst gewesen ist, und daß das Töchterchen meines lieben Kollegen ganz gesund ist. Nun mache dir nur weiter keine Sorgen um die Mutter, mein Kind. So arg behandeln die Engländer Damen doch nicht, selbst wenn sie einer feindlichen Nation angehören. Grüße deinen Vater, wenn du an ihn schreibst, und sollte dir dein Bruder Klaus wieder mal derartiges erzählen, dann glaube ihm nur die Hälfte davon.« Der nette Herr Doktor nickte ihr noch einmal freundlich zu und verabschiedete sich von der Großmama.

So wurde Annemaries Strumpf am nächsten Tage fertig. Zwar fand Marianne, daß er mehr für Elefantenbeine als für Soldatenfüße geeignet wäre, aber die war sicher nur neidisch, daß sie noch nicht so weit war.

Annemarie aber stand gegen Abend mit Klaus auf dem Bahnhof, um ihr liebes Fräulein, das so viele Jahre für sie gesorgt, zu empfangen.

Fräulein kannte Nesthäkchen kaum wieder. Nein, war das Mädel in dem einen Jahr gewachsen, es war ja nicht viel kleiner als sie selbst. Und kräftig und rosig war das damals so blasse Dingelchen geworden, eine wahre Freude.

Aber zu Hause hatte Fräulein noch viel mehr Gelegenheit, über die Veränderung zu staunen, die mit Doktors Nesthäkchen vorgegangen. Wie ordentlich es im Kinderzimmer aussah, in dem Fräulein immer hatte nachräumen müssen. Und die Schubladen und Schränke, die Fräulein gleich ansehen mußte, waren ebenfalls schön aufgeräumt. Natürlich hatte Annemarie zum Empfang Großreinemachen in den nicht immer so schön aussehenden Kästen abgehalten.

Aber auch zum Haustöchterchen hatte sich Nesthäkchen in den letzten Wochen herausgebildet. Großmama war schon alt, die sollte nicht viel tun. Und die Hanne sorgte wohl für Essen und Trinken, aber daß ein Tisch hübscher aussah, wenn eine Blumenvase darauf stand, das wußte sie nicht. Annemarie aber hatte das im Kinderheim gelernt. Auch die Fußbank brachte sie für die Großmama herbei und fegte nach dem Essen die Krümel von dem Tisch, ohne daß man es sie erst hieß.

Noch eins fiel dem zurückkehrenden Fräulein erfreulicherweise auf – das gute Einvernehmen mit Bruder Klaus. Der große Weltkrieg hatte den Krieg, der stets früher in der Kinderstube zwischen den beiden getobt, ganz beendet. Frieden herrschte mitten im Kriege bei Doktor Brauns Sprößlingen.

Am erstaunlichsten aber war Fräulein, als Annemarie ihr voll Künstlerstolz ihren ersten, selbstgestrickten Strumpf zeigte. Soviel Ausdauer hatte sie dem Wildfang niemals zugetraut. Ja, was der Krieg alles zuwege brachte!

»Wenn ich den zweiten Strumpf fertig habe, dann häkele ich Ohrenklappen für unsere Soldaten, und Leibbinden stricken wir und Kopfschützer. Wir haben nämlich gar keine Schule, Fräulein, bloß Handarbeit bei Fräulein Hering, weil aus unserer Schule ein Lazarett gemacht ist. Und die Großen haben eine Verpflegungsabteilung eingerichtet. Beim Herrn Direktor kochen sie Suppen, und da schmieren und belegen sie auch Stullen für die Soldaten. Und mein Taschengeld, Fräulein, das tue ich alles in unsere Büchse fürs Rote Kreuz. Margot, Ilse und ich, wir sind zu Vertrauensschülerinnen von unserer Klasse gewählt worden, wir sammeln immer alles Geld ein. Und auch Speck und Wurst und Wolle: Großmama und Hanne haben mir auch schon eine Menge geschenkt.«

»Ei, Annemiechen, da muß ich wohl auch etwas stiften«, das gute Fräulein holte aus ihrem Koffer sogleich mehrere Pakete Strickwolle, die sie der beglückten Annemarie für ihre Sammlung überreichte.

»Danke – danke tausendmal, mein geliebtes, goldenes Fräulein. Nun habe ich bloß noch eine einzige Bitte, aber die kann ich nur ins Ohr sagen.«

»Was mag denn das bloß sein?«

»Ich möchte so schrecklich gern wie früher ›du‹ zu Ihnen sagen, Fräulein«, flüsterte Nesthäkchen.

»Aber das ist doch ganz selbstverständlich, Annemie«, lachte Fräulein. Sie hatte es noch gar nicht gemerkt, daß die Kleine eine direkte Anrede bisher vermieden hatte.

Nun erst war Annemaries Freude über Fräuleins Rückkunft ohne jede Einschränkung, denn es hatte ihr doch viel Kopfzerbrechen gemacht, ob Fräulein das vertrauliche Du von früher auch nicht übelnehmen würde. Jetzt würde ihr des Abends auch nicht mehr nach Mutti so bange sein, da Fräulein bei ihr im Zimmer schlief.

Eigentlich waren alle im Hause recht froh über Fräuleins Wiederkehr. Großmama fühlte ein Teil der schweren Verantwortung für die Kinder schwinden, und Hanne dachte: »Wenn die Russen doch nach Berlin kommen sollten, ist wenigstens ein handfestes Frauenzimmer mehr im Hause zur Verteidigung.«

Auch Hans sah in ihr die Erfüllung aller seiner Wünsche, wie abgerissene Knöpfe und geplatzte Nähte, mit denen er Großmama nicht immer kommen mochte. Nur Klaus und Puck blickten trübe in die Zukunft. Beide waren während der Kriegswochen ihre eigenen Wege gegangen. Die von Puck führten zu sämtlichen Sofas der Wohnung, auf denen er es sich in Abwesenheit der Besitzer bequem gemacht hatte. Großmama konnte nicht immer hinterher und ihn herunterjagen. Aber Fräulein würde ihn sicherlich auf den Trab bringen. Ähnliches dachte auch Klaus, der sich nur zu gern auf der Straße herumgetrieben hatte. Alle beide sahen in Fräuleins Erscheinen das Ende ihrer goldenen Freiheit.

Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.

Türler ve etiketler

Yaş sınırı:
0+
Hacim:
230 s.
ISBN:
9783754184554
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

Benzer kitaplar