Kitabı oku: «Professors Zwillinge im Sternenhaus»

Yazı tipi:

Else Ury

Professors Zwillinge im Sternenhaus

Eine Reihe Erzählungen

Saga

Professors Zwillinge im Sternenhaus

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1928, 2021 SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726883633

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

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Dieses Werk ist als historisches Dokument neu veröffentlicht worden. Die Sprache des Werkes entspricht der Zeit seiner Entstehung.

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1. Kapitel. Wie die Zwillinge ihren Einzug halten

Der letzte Septembertag hatte alles Sonnengold des Sommers noch einmal zusammengerafft. Goldene Lichter warf er in die krummen Straßen der alten Universitätsstadt hinein und putzte die Fensterscheiben an den trotz ehrwürdigen Alters die Berghänge hinaufkletternden Häuschen, daß sie nur so blitzten. In jeden noch so vergessenen Winkel streute er eine Handvoll Sonnengold. Das bunte Herbstlaub der Berggärten ließ er metallisch erflimmern. Am meisten aber hatte er's auf die Saale abgesehen, der letzte September. Das silberne Flußband, das sich durch Wiesen und Anhöhen schlängelte und Jena anmutig umgürtete, sprühte von lauter Diamanten und Smaragden. Es war, als könne die alte Stadt sich heute nicht schön genug machen.

Das hatte auch seinen guten Grund. Denn über den lindenbestandenen Marktplatz, auf den Studenten Stühle und Tische aus dem verräucherten Kneiplokal hinausgetragen hatten, um noch einmal Sommer zu feiern, ratterte ein Wagen. Bunte Studentenmützen flogen in die Luft.

»Professor Winter – er holt sich endlich seine Kinder nach Jena – na, Zeit wird's, daß er Wohnung bekommen hat – habt ihr die netten Kinder gesehen?« so schwirrte das an den Studententischen noch hin und her, als der Wagen längst schon durch den Spitzbogen des alten Johannistores verschwunden war.

Drinnen aus dem Viersitzer schauten vier neugierige Kinderaugen, ein Paar blaue und ein Paar braune, heraus.

»Jena ist eine sehr häßliche, alte Stadt – Neapel ist viel schöner.« Da war die noch nicht zwölfjährige Weisheit bereits mit ihrem Urteil fertig.

»Ich denke, mein lieber Junge, du wirst deine Ansicht wohl noch ändern und gern hier sein in der ehrwürdigen Musenstadt, in der bereits dein Großvater und dein Vater die schönsten Studentenjahre verlebt haben«, meinte der Professor lächelnd.

»Mir gefällt unsere neue Heimat.« Die hellbraunen Augen des Töchterchens wanderten in all die Gäßchen und Winkel. »Es ist so lieb, so traulich und gemütlich hier, überall Blumen an den Fenstern. Mir ist's, als ob wir jetzt erst richtig in Deutschland sind.«

»Freiburg im Breisgau, wo wir vier Monate bei den Großeltern gewesen sind, gehört auch zu Deutschland«, verbesserte sie ihr Zwillingsbruder.

»Na ja, da waren wir doch aber bloß zu Besuch, nicht richtig daheim«, verteidigte sich die Schwester.

»Wenn du so schlecht Geographie kannst, wirst du nicht in der Quarta mitkommen«, fuhr der Junge trotzdem unbeirrt fort.

»Hier habe ich gar keine Angst vor der Schule. Es sind ja alles deutsche Kinder und deutsche Lehrer. Nur in Italien war mir bange, wo alles so fremd und anders war.«

»Dir ist immer bange«, entschied der um zwei Stunden ältere Bruder. »Hast du nicht Angst vor dem niedlichen Berg da drüben? Er könnte am Ende Feuer speien wie der Vesuv.«

»Laß das Suschen in Frieden, Herbert«, mischte sich jetzt der Vater belustigt hinein. »Müßt ihr euch denn immer herumkabbeln. Früher habt ihr euch doch so gut vertragen. Gar nicht mehr, als ob ihr Zwillinge wäret.«

»Ist ja bloß Spaß«, verteidigte Suse ihren Zwilling. Dieser wurde rot, denn er hatte wirklich das Gefühl, jetzt nicht immer nett zu seiner Schwester zu sein. Schnell ablenkend, fragte er: »Warum ist Mutti nicht mit zur Bahn gekommen?«

»Es gab noch allerlei im Hause zu ordnen. Auch rückt möglichenfalls die neue Minna schon heute ein, da morgen Sonntag ist. Die sollte nicht vor verschlossenen Türen stehen. Paßt auf, jetzt begrüßt die Alma mater euch Professorenkinder.« Der Vater wies auf einen stattlichen Bau, der von einem Turm gekrönt war. »Das ist die neue Alma mater, die alte – – –«

»Wo – wo? Ich sehe sie ja gar nicht.« Herbert erhob sich, obgleich das Gebäude wirklich groß genug vor ihm lag.

»Alma – was für 'ne neue Alma? Ich denke, unser neues Mädchen heißt Minna«, erkundigte sich Suse verwundert.

Schallendes Gelächter antwortete. Der Vater lachte, daß er sich die Augen mit dem Taschentuch wischen mußte. Herbert stimmte natürlich sogleich mit ein. Er lachte wiehernd. Und das war gemein von ihm. Denn im Grunde war er auch nicht klüger als die Suse.

Die saß mit langem Gesicht da. Was hatte sie denn Dummes gesagt? Nicht viel hätte gefehlt, dann hätte sie ihren Einzug in Jena mit Tränen gehalten.

Da klopfte der Professor aber schon besänftigend dem Töchterchen die Wange.

»Ist nicht schlimm, Herzchen. Obgleich du als Professorenkind und Enkelin die Alma mater kennen mußt. Nun, mein Herr Sohn, erkläre du's der Suse. Du scheinst ja gut Bescheid zu wissen, da du dich so über ihre Unwissenheit belustigst«, wandte sich der Vater an den Jungen.

Der wurde ziemlich verlegen. Aber nur nicht zeigen, daß man nichts wußte, bloß nicht ausgelacht werden. So sagte Herbert möglichst selbstbewußt: » Mater heißt auf lateinisch Mutter – madre im Italienischen, das könntest du eigentlich auch wissen, Suse.«

»Na, und alma und was bedeutet alma, Herr Lateiner?« Der Vater ließ nicht locker.

»Alma ist nur ein Mädchenname – billig, Alma mater heißt natürlich ›Almas Mutter‹«, sagte Herbert großartig.

Der Vater zog ihn am Ohr. Diesmal lachte er nicht. »Daneben geschossen! So muß es allen Besserwissern ergehen, Herbert. Warum gestehst du's denn nicht ein, daß du es nicht weißt? Das ist doch keine Schande. Man hat nie ausgelernt, selbst große Leute nicht. Aber unwahr ist es und lächerlich, sich aufzuspielen, als ob man alles wisse.« Das war gleich eine ernste Rüge in der neuen Heimat.

»Na, was heißt denn alma?« knurrte Herbert.

»Die Nahrunggebende. Die nährende Mutter heißt Alma mater, und man versteht darunter die Universität, die ihren Söhnen, den Studenten, geistige Nahrung spendet. Als neue Bürger der alten Studentenstadt Jena müßt ihr das wissen. So – und nun schaut einmal dort hinüber. In diesem Garten, Prinzessinnengarten heißt er, liegt das Planetarium, die neue Wirkungsstätte eures Vaters. Seht ihr die große, runde Kuppel dort durch die Bäume schimmern? Das ist das Planetarium.«

»Vater, laß halten, bitte bitte, laß halten, daß wir es gleich ansehen können«, rief Herbert aufgeregt.

»Nein, mein Junge, dazu brauchen wir Zeit. Ihr sollt einen richtigen Eindruck von dieser großartigen Einrichtung bekommen. Nächste Woche halte ich dort einen Vortrag mit Vorführungen der Gestirne unseres Heimathimmels. Ich freue mich schon darauf, was für ein gewaltiges Erlebnis das für euch sein wird.«

»Wir wollen es lieber gleich erleben. Bis nächste Woche ist noch schrecklich lange hin. Da können wir noch zehnmal tot sein. Auf das Planetarium habe ich mich am allermeisten gefreut hier in Jena«, versuchte Herbert noch einmal sein Heil.

»Die Mutter wartet daheim mit dem Kaffee auf uns. Jetzt ist das Planetarium überhaupt geschlossen, mein Junge.«

»Na, wenn du der Direktor bist, Vater, mußt du doch die Schlüssel dazu haben«, beharrte der Junge eigensinnig. Aber es nützte ihm nichts. Wenn der Vater mal etwas gesagt hatte, dann blieb es dabei.

»Prinzessinnengarten, was ist das für ein schöner Name. Es klingt wie ein Märchen. Wohnen da richtige Prinzessinnen?« Für Suse, die ein sinniges Kind war, hatte der Garten mehr Interesse als das Planetarium.

»Das Schlößchen im Prinzessinnengarten gehörte zu Goethes Zeiten den weimarischen Prinzessinnen. Goethe war dort oft ihr Gast. Jetzt finden dort Ausstellungen statt«, erzählte der Vater.

»Der Großpapa in Freiburg hat aber gesagt, Jena sei die Stadt Schillers und Weimar die Stadt Goethes«, berichtete Herbert wieder mal als Besserwisser.

»Stimmt auch, Kinder. Schiller war hier in Jena Universitätsprofessor der Geschichte – – –«

»Wie Onkel Ernst«, fiel Suse erfreut ein.

»Und da Goethe seinen Freund Schiller oft besuchte, hielt er sich ebenfalls viel in Jena auf. Ganz Jena ist voll von alten Erinnerungen. Die denkwürdigen Stätten werdet ihr alle kennenlernen.«

Der Wagen war inzwischen aus dem Häusergewirr der Innenstadt zu dem an Bergeshöhen sich hinziehenden Villenviertel Jenas emporgeklommen. Von hier hatte man einen schönen Blick ins Saaletal, auf die tiefer liegende Altstadt und die am andern Saaleufer ansteigenden Berge.

»Dort drüben das ist der berühmte Fuchsturm.« Der Professor wies auf einen sich in die blaue Herbstluft bohrenden Turm auf der Höhe. »Der Überrest einer einst stattlichen Ritterburg.«

»Miau – miau –«, mauzte es jämmerlich in die Erklärung des Vaters hinein.

»Meine Piccola wird ungeduldig.« Suse lüftete vorsichtig das buntseidene Tuch, das sie über ein Körbchen auf ihrem Schoße gebreitet hatte. Grasgrüne Katzenaugen schauten blinzelnd heraus, ein rosenrotes Schnäuzchen mauzte jämmerlich. »Piccola kann das Fahren nicht vertragen. Sind wir denn noch nicht bald da, Vatichen?«

»Noch einen Augenblick, Fräulein Ungeduld. Gleich biegt der Wagen um die Ecke. Seht ihr das braune Holzhaus mit den leuchtend blauen Fensterläden da oben am Berge? Das ist unser neues Heim, das ›Sternenhaus‹.«

»Sternenhaus hast du's genannt? Wie hübsch, Vati. Ach, da guckt ja die Mutti schon vom Balkon herunter – sie winkt – Tag, Muttichen – – –.« Die Zwillinge nickten und schrien aufgeregt durcheinander.

»Pst, Kinder, ihr seid nicht allein in Jena«, beschwichtigte der Vater. Denn hinter den Gardinen der verschiedenen Villenfenster tauchten Köpfe auf, die den Einzug von Professors Zwillingen mit ansahen.

Langgezogenes Freudengeheul erklang plötzlich, und da schoß ein schwarzes Etwas aus dem Sternenhaus die Straße hinunter, war mit einem Satz im Wagen und sprang abwechselnd in ungezügelter Wiedersehensfreude an den Zwillingen empor.

»Bubi, alter Kerl, haben wir uns denn endlich wieder?« Herbert hielt den vierbeinigen Freund im Arm, ihm zärtlich das glatte Fell krauend. Keinen Blick hatte er mehr für das neue Haus und für die Mutter.

Von der andern Seite aber sprang es ängstlich miauend aus dem Körbchen vor dem blaffenden Feind.

»Piccola – Mies – Mies – Mies –.« Vergebens rief Suse ihr Kätzchen. Auf einer der Silberpappeln, welche die Straße besäumten, saß es hoch oben im schwanken Wipfel und hielt von dort Umschau über die neue Heimat.

Man mußte halten. Suse war nicht dazu zu bewegen, ihre Katze dort oben im Stich zu lassen.

Unter der Pappel stand sie und lockte zärtlich: »Mies – Mies – Mies – komm, meine kleine Mieze.« Aber das Kätzchen dachte nicht daran, ihren luftigen Aussichtspunkt zu verlassen. Denn da unten mischte sich in die lockende Kinderstimme das kriegerische Gebell des Feindes Bubi.

»Laß sie da oben sitzen, bis sie schwarz wird«, meinte Herbert gleichgültig. »Komm nach Haus zu Mutti Kaffee trinken.« Sein gesunder Jungenmagen merkte jetzt doch, daß er heute am Reisetage nur von belegten Broten gelebt hatte.

»Was – meine süße Piccola soll ich allein hier in der fremden Stadt lassen?« regte sich Suse auf.

»Die Katze wird schon von selbst den Weg zum Sternenhaus finden«, redete auch der Vater dem Töchterchen beruhigend zu. »Komm, Kind, wir können doch nicht bis in alle Ewigkeit hier stehen.«

»Sie kennt sich nicht aus hier in Deutschland, meine süße Mies. Sie ist doch aus Italien.« Suse weinte jetzt vor Aufregung.

»Na, da wollen wir sie mal wie 'n Maikäfer vom Baum schütteln.« Kräftige Jungenfäuste rüttelten an der Pappel, daß sie hin und her schwankte. Nur um so fester krallte sich das Kätzchen angstvoll in das Gezweig.

Inzwischen hatte sich ein Auflauf um die Silberpappel gebildet. Sämtliche Kinder und Hunde der Nachbarschaft hatten sich zu dem Schauspiel eingefunden. Das war ein Johlen und ein Blaffen, daß man die sonst so stille, vornehme Straße nicht wiedererkannte.

Dem Professor war es unangenehm, diesen Tumult verursacht zu haben. Er bestieg wieder den Wagen und forderte auch seine Kinder dazu auf.

Aber Herbert und Bubi waren schon den Berg hinauf dem Wagen vorangeeilt. Suse war nicht zum Einsteigen zu bewegen. Das Wiedersehen mit Mutti, die schon vier Wochen vorher Freiburg verlassen hatte, um das neue Haus einzurichten, ja das neue Heim selber, nichts kam gegen Suses Sorge um ihr Kätzchen auf. Sie setzte sich, leise vor sich hinweinend, ins Gras unter die Pappel, ab und zu zärtlich »Mies – Mies« rufend.

Die Kinderschar hatte sich zerstreut. Nur ein kleines Mädchen war zurückgeblieben. Neugierig starrte es auf das fremde Kind.

»Du – wohär biste denn, hä?« erkundigte sie sich schließlich. »Biste von Weimar här?«

Suse schüttelte den Kopf. »Nein, von Italien«, sagte sie, trocknete die Tränen und begann nun ihrerseits die kleine Gefährtin zu mustern. Sie hatte rötliches Haar und Sommersprossen, war ärmlich, aber sauber gekleidet.

»Ja, wär's glaubt – du kannst mir ja viel vorschwindeln«, sagte diese dreist. Denn Weimar erschien ihr schon als weiteste Entfernung.

»Na, dann frage doch meinen Bruder Herbert.« Suse war gewöhnt, sich stets hinter ihren Zwillingsbruder zu verschanzen. »In Neapel waren wir ein ganzes Jahr, und das liegt in Italien. Sogar auf dem Vesuv war ich«, spielte sich Suse auf, trotzdem sie nur mit Grausen an die Vesuvfahrt zurückdachte.

Die andere hatte in ihrem Leben noch nichts vom Vesuv gehört. »Wie heißte denn, hä?« fragte sie wieder.

»Suse Winter – und du?«

»Tinchen Schiller.«

»Schiller – Schiller heißt du?« Suse wurde ganz rot vor Aufregung. »Bist du etwa mit dem großen Dichter Schiller, der ›Wilhelm Tell‹ und ›Maria Stuart‹ geschrieben hat, verwandt?«

»Das kann schon mechlich sein«, sagte Tinchen gleichgültig. Denn wenn die andere aus Italien kam, konnte sie doch wenigstens von Schiller herkommen.

»Ach, das muß ich doch sofort meinem Herbert erzählen«, rief Suse begeistert. Hatte sie ein Glück, daß sie gleich am ersten Tage in Jena eine Verwandte von Schiller kennenlernte. Da fiel es ihr jäh ein, daß Herbert, ihr zweites Ich, ja gar nicht mehr da war und daß sie hier unter der Pappel saß, um ihrem entsprungenen Kätzchen Gesellschaft zu leisten. Das hatte sie über Tinchen Schiller ganz vergessen.

Sie lugte in den silberigen Wipfel hinauf. »Piccola,« rief sie, »Mies – Mies – Mies.« Aber kein Miau antwortete. Kein weißes Fell lugte aus den Silberblättchen. Piccola war verschwunden.

»Um's Himmels willen, wo kann mein Kätzchen nur hingekommen sein?« Schwer fiel Suse ihre mangelnde Sorgfalt aufs Herz. »Hast du es nicht gesehen, Tinchen?«

»Nu nä. Es wird schon nach Haus gelaufen sein. Katzen finden immer wieder heime.«

»Aber es weiß ja noch gar nicht, daß wir im Sternenhaus wohnen«, jammerte Suse.

»Im Sternenhaus wohnste? Du, da hast es aber scheene. Da war meine Mutter zum Reinemachen«, meinte Tinchen Schiller anerkennend.

Was – eine Verwandte von Schiller hatte bei ihnen die Wohnung reingemacht? Aber Suse hatte augenblicklich andere Sorgen – Piccola, ihre kleine Mieze. Auf der Pappel saß sie nicht mehr, soviel stand fest. Unbemerkt mußte das Kätzchen, während ihre kleine Herrin mit Tinchen Schiller plauderte, vom Baum gesprungen sein. Wo war sie nur hingekommen?

Wenn sie die Anhöhe hinuntergelaufen war, dort unten floß die Saale. Piccola war noch so unerfahren, wie leicht konnte ihr etwas zustoßen.

Schluchzend machte sich Suse auf den Weg in ihr neues Haus. Tinchen blieb ganz selbstverständlich an ihrer Seite. Das war ein schlechter Anfang.

2. Kapitel. Das Sternenhaus

Das Sternenhaus war vor kurzem fertig geworden. Es war noch im Bau gewesen, als Professor Winter zum Juli nach Jena als Direktor des Planetariums berufen wurde. Er hatte es gekauft und nach seinen Angaben fertigbauen lassen. Ein allerliebstes Häuschen war es. Nur die Untermauerung war aus Stein. Sonst war es ganz und gar aus braunem Holz. Wie aus Schokolade sah es aus. Über seinem Gesims waren in blauem Felde die bekannten Sternenbilder gemalt. Man merkte gleich, daß man zu einem Professor der Sternenkunde kam.

Suse sah nichts davon in ihrem Schmerz. Nicht einmal die nach ihr ausschauende Mutter bemerkte sie. Ihre Gedanken waren bei der armen Piccola, die jetzt in der Fremde irreging. Dabei hatte sie sich doch so auf das neue Haus und vor allem auf ihre Mutti gefreut.

Der Garten, der das Haus umgab, stieg bergig an. Er hatte ein lustig blaues Holzgitter und einige Bäume und Sträucher. Sonst lag er noch ziemlich brach und ungepflegt. Kein Rasen, keine Blumen. Er war neu angelegt und unterschied sich kaum von den Berghängen. Suse, die sonst ein offenes Auge für landschaftliche Eindrücke hatte, gewahrte auch das nicht mal.

Plötzlich hemmte sie den Schritt. Hatte es da nicht irgendwo gemauzt? Noch einmal, ganz leise, ganz zart »mi – au« –. Wie eine Mutter die Stimme ihres Kindes erkennt, erkannte Suse ihre Piccola.

Da – da oben thronte das Kätzchen auf einem jungen Apfelbäumchen. Und wer saß unten? Bubi, der schwarze Bubi. Auf seinen Hinterpfoten hockte der Köter und machte schön zu dem Kätzchen hinauf, als wolle er sagen: »Komm nur ruhig herunter, ich tue dir nichts.« Piccola aber schien dem Frieden nicht zu trauen. Der Anblick war so komisch, daß Suse mitten im Weinen in helles Lachen ausbrach.

»Piccola« – rief sie, breitete ihren blauen Faltenrock aus und drin war die Mies, während Bubi sie fröhlich bellend umsprang.

»Was hat denn deine Katze für einen komischen Namen, hä?« fragte Tinchen Schiller verwundert. »Meine heißt bloß Mies.«

»Piccola ist auch Italienerin,« entgegnete Suse stolz wie eine Mutter. »Piccola heißt die Kleine auf deutsch. Wir hatten nämlich in Neapel auch eine große.«

»Will denn mein Suschen gar nichts mehr von ihrer Mutter wissen?« klang es vom Balkon herab.

»Ja, natürlich, Muttichen. Nur meine Piccola war ausgekniffen, und ich konnte doch das kleine Ding unmöglich in der Fremde allein lassen.« Bald hingen Suse nebst Piccola auch schon der Mutter am Hals.

»Willkommen, mein Herzchen, in unserer neuen Heimat. Mögt ihr euch darin zu tüchtigen Menschen entwickeln, auf die unser deutsches Land stolz sein kann.«

»Aber, wenn Vater wieder ins Ausland versetzt wird?« fiel Herbert ein, der immer ein Aber haben mußte. »Du, Suse, wer ist denn das fremde Mädel?« Er umkreiste Suses kleine Gefährtin mißtrauisch wie Bubi.

»Das ist Tinchen Schiller, meine neue Freundin – Schiller war ihr Großpapa oder wenigstens ihr Onkel.«

Auf Herbert machte diese Erklärung ungeheuren Eindruck.

»Kannst du auch Verse machen?« erkundigte er sich sogleich.

Tinchen dachte einen Augenblick nach. »Nu nä, die Ferse macht immer meine Mutter. Aber sonst kann ich schon allein einen Strumpf stricken.«

Frau Professor Winter mußte sich zur Seite wenden, um ihr Lachen zu verbergen. Die Zwillinge aber lachten laut heraus. Besonders Herbert konnte sich gar nicht beruhigen.

»Hahaha, Schillers Enkelin strickt Verse – das ist ja zum Piepen.«

»Hör' doch endlich auf, Herbert.« Die Schwester gab dem Bruder einen heimlichen Stoß. Sie war für Tinchen verlegen.

Die aber wußte sich selbst zu helfen. Sie bläkte dem sie auslachenden Jungen die Zunge heraus: »Nu, wenn ihr so dämlich seid, denn gäh' ich wieder.« Und fort war Tinchen Schiller. Bubi gab ihr höflich das Geleit bis zur Gartentür. Sie hörte nicht mehr Frau Professors begütigende Worte: »Komm, Kind, du sollst erst noch ein Stück Kuchen essen«, noch Herberts Ausruf: »Na, wenn das doofe Ding eine Enkelin von Schiller ist, dann sind wir Enkel von Goethe!«

»Sie hat's doch aber gesagt«, behauptete Suse. »Wenn auch ihre Mutter bei uns reingemacht hat.«

»Die Schillern ist ihre Mutter – eine ordentliche Frau. Wenngleich ich beim Reinmachen nicht gemerkt habe, daß die Musen an ihrer Wiege gestanden haben«, meinte die Mutter lachend. »So, Suschen, nun hänge deine Sachen hier an den Garderobenhaken auf, und dann kommt zum Kaffee, Kinder.«

»Erst müssen wir doch unser neues Haus ansehen«, wandte Suse ein.

»Du hast schon lange genug genöhlt. Jetzt trinken wir erst Kaffee«, verlangte Herbert. Er hatte gut reden, denn er hatte das neue Haus bereits mit seinem Bubi in Augenschein genommen. »Es gibt Käsekuchen«, fügte er noch hinzu.

Ob nun der Käsekuchen oder des Vaters Stimme: »Ja, Kinder, woran liegt's denn noch? Bekommen wir heute keinen Kaffee?« den Ausschlag gab, Suse folgte dem Bruder ins Eßzimmer. Sie war ja auch gewöhnt, sich ihm meist unterzuordnen.

Das Speisezimmer lag im Erdgeschoß. Es hatte holzgetäfelte Wände und – »ach, unser altes Büfett!« rief Suse erfreut. »Und unsere Anrichte und die Standuhr! Wie kommen denn die hierher?« Suse feierte freudiges Wiedersehen mit all den Möbeln, die man vor der Reise nach Italien in Berlin zurückgelassen hatte.

»Mit dem Flugzeug sind sie durch die Luft hergeflogen«, sagte Herbert spöttisch. »Frag' doch nicht so dumm, Suse. Ein ganzer Möbelwaggon ist doch von Berlin hierher gegangen.«

»Ist unser Mätzchen auch mitgekommen?« Suses Vögelchen war während ihres Aufenthalts in Italien bei der Großmama in Berlin geblieben.

»Nein, aber vielleicht kommt es noch angeflogen«, meinte die Mutter geheimnisvoll. Neckte Mutti sie etwa auch?

»Ißt du keinen Käsekuchen?« Herbert war bereits mit seinem Stück fertig und schielte auf Suses noch unberührtes Stück.

»Ja, gleich. Nur – Muttichen, kann ich meiner Piccola nicht erst etwas Milch geben? Sie hat sicher Durst von der Reise.« Suse war ein gutes Kind. Sie dachte immer erst an andere. Nachdem das Kätzchen sein Schüsselchen bekommen und dafür Sorge getragen war, daß Bubi ihr die Milch nicht ausleckte, ließ auch Suse es sich schmecken.

Aber rechte Ruhe hatte sie nicht dabei, trotzdem der Vater den Kindern erzählte, was er ihnen alles in Jena zeigen wollte. Das neue Haus lockte. Herbert, der schon auf eigene Faust auf Entdeckungsreisen ausgegangen war, spielte sich als Führer auf.

»Komm erst in die obere Etage, da sind die Schlafzimmer. Du, Suse, wir haben keine Kinderstube mehr. Jeder sein Zimmer für sich. Jetzt sind wir groß – fein!«

»Ach, schade!« meinte Suse betrübt. Sie hätte es eigentlich viel gemütlicher gefunden, wenn sie mit ihrem Zwilling wieder wie in Berlin eine Kinderstube gehabt hätte.

Aber als Herbert jetzt eine Tür öffnete und sagte: »Dein Zimmer, Suse, Mädels werden immer vorgezogen«, da stand sie starr.

Was – das entzückende Stübchen mit den rosenroten Tapeten, den weißen Mullgardinen an den Fenstern, mit den weißen neuen Möbeln, die mit rosengeblümtem Stoff gepolstert waren, das sollte ihr Reich sein? Zaghaft fragend wandte sie sich an die nachfolgende Mutter. Und als diese lächelnd nickte, sprang Suse mit einem Jubellaut in ihr Stübchen und nahm davon Besitz. Ach, da war ja auch ihr altes Arbeitspult, weiß gestrichen, ihr Bett, ein weißer Bücherschrank mit ihren Kinder- und Schulbüchern, nur – nur eins fehlte.

»Muttichen, ist mein Puppenwagen nicht mitgekommen?« erkundigte sie sich.

»Aber Suschen, du bist doch fast zwölf Jahre, da spielt man doch nicht mehr mit Puppen«, lachte die Mutter. »Der Puppenwagen ist mit andern Spielsachen ins Waisenhaus zur Weihnachtsbescherung für arme Kinder gewandert.«

»Na ja,« meinte Suse nachdenklich, »die armen Waisenkinder brauchen den Puppenwagen ja auch nötiger als ich. Ich wollte ihn eigentlich nur für meine Piccola haben. Sie sollte darin schlafen, und ich wollte sie damit ausfahren.«

»Du hast ja 'n Triller mit deiner Katze«, ließ sich Herbert liebevoll vernehmen. »Wozu hat sie denn ihre vier Pfoten, wenn sie gefahren werden muß.«

»Für dein Kätzchen ist gesorgt, Suschen.« Die Mutter wies in eine Ecke. Da stand ein weißes Körbchen mit rosenroter Decke. Und wer blinzelte da heraus? Grasgrüne Katzenaugen. Piccola hatte noch vor Suse von ihrem neuen Reich Besitz ergriffen.

»Ach, Muttichen, ich danke dir vielmals, daß du alles so schön für mich hergerichtet hast.« Dankbar umarmte Suse ihre Mutti.

»Nun wißt ihr doch, weshalb ich euch nicht gleich vor vier Wochen aus Freiburg mitgenommen habe. Eure Zimmer sollten eine Überraschung sein.«

»Dabei hast du gesagt, wir störten dich bloß beim Einrichten.«

»Das außerdem«, antwortete die Mutter lächelnd.

»Wegen meiner Stube hättest du gar nicht so geheimnisvoll zu tun brauchen, Mutti. Das lohnt gar nicht. Sie ist lange nicht so schön wie Suses.« Herbert schien enttäuscht.

»Ich kann dir doch kein zierliches Mädchenstübchen einrichten, Herbert, das paßt doch nicht für einen Jungen. Du hast ein sehr nettes Zimmer.«

»Na, es geht«, räumte Herbert ein, um nicht gar zu undankbar zu erscheinen. »Komm, sieh dir's mal an, Suse. Nicht durch die Tür – über den Balkon gehen wir.«

Ein gemeinsamer Balkon zog sich an den Fenstern der Zwillinge entlang. Man hatte von dort einen wunderhübschen Blick hinunter in das Saaletal. Suse stand und schaute. Wie lustig bunt das Laub ringsum schimmerte. »Dort drüben sind Weinberge, Mutti, purpurrot sehen die Blätter aus. Ach, und wie schön, daß man den ollen rauchenden Vesuv hier nicht sieht!«

»Komm weiter, Suse.« Herbert zog die Schwester am Ärmel.

»Und nächstes Frühjahr pflanzen wir hier auf dem Balkon bunte Winden und Primelchen, die habe ich so gern. Und im Garten, Mutti – – –«

»Na, vorläufig ist doch erst Herbst. Du hast gar kein Interesse für mein Zimmer«, beschwerte sich ihr Zwilling mit Recht.

Auch Herberts Stube hatte die Mutter liebevoll eingerichtet. Sie hatte dunkle Möbel und ein kleines Ledersofa. Am Fenster stand ein Arbeitspult. Aber merkwürdig, obgleich Herbert erst eine halbe Stunde im Hause war, sah es schon nicht mehr tadellos ordentlich aus. Mantel und Matrosenmütze hatte er auf das Ledersofa geschleudert. Seine Botanisiertrommel lag auf einem Stuhl und der Rucksack mitten auf dem Tisch.

»Du mußt von Anfang an Ordnung halten, Herbert. Sonst hast du keine Freude an deinem Zimmer.« Die Mutter begann die herumliegenden Sachen fortzuräumen.

»Ich habe mehr Freude, wenn es liederlich aussieht, dann fühle ich mich hier viel wohler«, beteuerte der Sohn.

»Ich komme immer zu Besuch zu dir, Herbert, und dann räume ich auf«, versprach seine Zwillingsschwester. »Und du mußt mich auch besuchen. Dann sitzen wir auf meinem kleinen Rosensofa. Aber Bubi darf nicht mit rein. Der zerfetzt alles. Und außerdem hält er keinen Frieden mit Piccola.«

»Ohne meinen Bubi komme ich auch nicht«, brummte Herbert. »Sieh mal, hier soll mein neues Terrarium stehen. Ich fange mir bestimmt eine Schlange dafür. Der Großpapa hat gesagt, es gäbe hier viele Kreuzottern im Thüringer Wald.«

»Muttichen, ist das wahr?« Suses hellbraune Augen sahen erschreckt drein.

»Nicht mehr als allenthalben in den Bergen.«

»Na, dann bin ich zum ersten und zum letzten Male in deinem Zimmer gewesen, Herbert. Und die Tür riegele ich ab. Mutti, können Schlangen durchs Schlüsselloch kriechen?« fragte Suse ängstlich. »Ach, und der Balkon geht von einem Zimmer ins andere. Da muß Vater eine Wand ziehen lassen«. Suse blickte so angstvoll, als ob die Schlange bereits in Sicht sei.

»Meine Schlange kriecht über jede Wand«, rühmte sich Herbert. »Jeden Abend lasse ich sie in dein Zimmer.«

»Pfui, Herbert, du sollst die Suse nicht immer ärgern«, gebot die Mutter, ernst werdend.

»Ich muß ihr doch die dumme Furcht abgewöhnen. Dazu bin ich als ihr Zwilling verpflichtet.«

»Als ihr Zwilling bist du dazu verpflichtet, lieb und nett mit ihr zu sein wie früher. Die Großeltern in Freiburg wollten euch gar nicht zusammen dabehalten, weil ihr immer miteinander Streit hattet. Ich habe mich wirklich geschämt.«

»Ach, Mutti, da brauchen wir uns doch bloß zu schämen. Aber Suses Katze ist schuld an allem. Sie läuft immer hinter Bubi her. Und wenn der sie mal ein bißchen zaust – er kann sie nun mal nicht leiden, weil er Deutscher und sie Italienerin ist –, dann wird Suse gleich frechdachsig zu mir. Als du Bubi mit nach Jena genommen hattest, Mutti, haben wir uns wieder sehr gut vertragen.«

»Na, dann weiß ich ja, was ich zu tun habe. Wenn ihr euch wie Hund und Katze benehmt, werden die beiden einfach abgeschafft«, drohte die Mutter.

»Was – Bubi?«

»Meine süße Piccola?« Die Kinder trauten ihren Ohren nicht.

»Freilich – aber ich hoffe, das wird nicht nötig sein. Ihr wart doch früher so lieb miteinander. So, nun wollen wir unser Sternenhaus weiter anschauen. Hier ist unser Schlafzimmer. Auf dem Balkon steht Vaters Fernrohr. Dort das Badezimmer und das Fremdenzimmer, wenn jemand aus Freiburg zu Besuch kommt.«

»Oder aus Berlin«, sagten die Zwillinge wie aus einem Munde. Denn sie bangten sich schon nach ihrer »kleinen Omama«, der Mutter ihres Vaters, die sie anderthalb Jahre nicht gesehen hatten und an der sie mit großer Liebe hingen.

»Oben ist der Boden. Da ist noch ein Mansardenzimmer für die neue Minna.«

Natürlich mußten die Kinder bis in den äußersten Bodenwinkel hineinkriechen und alles durchstöbern.

»Na, wie gefällt es meinen Kindern im neuen Sternenhaus?« erkundigte sich der Vater unten.

»Fein ist es, Vatichen.«

»Du hast ja noch gar nicht Muttis Wohnzimmer und Vatis Arbeitszimmer gesehen.« Herbert war mit seiner Führung noch nicht zu Ende.

»Ach, wieder alle die großen Sternkarten an den Wänden wie in Berlin«, sagte Suse, erfreut in Vaters Zimmer Umschau haltend. »Was ist denn das für 'n komisches Ding? Ist das unser Radio?«

»Nein, das ist ein neuer Meßapparat hier aus den optischen Werkstätten von Zeiß, den ich erproben soll. Herbert – Junge – laß die Finger davon. Das ist kein Spielzeug. Die geringste Veränderung bringt falsche Angaben.«

»Unsern Radio lege ich ganz allein an, Suse, da darf auch keiner ran, sonst funktioniert er nicht«, spielte sich Herbert auf. Er konnte es nun mal nicht vertragen, zurechtgewiesen zu werden.

»Habt ihr denn nun alles gesehen, Kinder?« fragte die Mutter.

»Die Küche, wo ist denn die Küche?« fiel es Suse als künftige Hausfrau ein.

»Die ist unten im Souterrain. Auch die Waschküche, die Speisekammer und die Zentralheizung sind dort untergebracht.«

»Au, die muß ich sehen.« Herbert wollte spornstreichs die von der Diele herabführende Treppe hinunter. Da hemmte er den Schritt. »Was sind denn hier noch für Zimmer?« Er versuchte eine nach der andern Seite des Hauses führende Tür zu öffnen. Sie war verschlossen.

»Was ist denn da drin, Mutti?«

»Ein Geheimnis«, gab diese lächelnd zur Antwort.

»Das hört sich ja ganz graulig an. Als ob Blaubart dahinter wohnt.« Suse machte schon wieder ängstliche Augen.

»Na, ganz so schlimm ist es nicht«, lachte die Mutter. »Herbert, höre auf, an der Tür zu rütteln. Ich muß doch erst aufschließen.« Die Mutter griff nach einem Schlüssel am Bunde.

Die Tür öffnete sich – als erster sprang Bubi hinein.

»Nanu –?« Die Zwillinge standen starr.

»Das sind ja die Möbel von der kleinen Omama in Berlin – ganz bestimmt, Muttichen, ich kenne sie wieder. Da ist ihr Ledersessel und die Glasservante und die Mahagonikommode, der alte Sekretär und das grüne Plüschsofa.« Suse lief aufgeregt von einem Stück zum andern und streichelte es in Wiedersehensfreude, als sei es die Omama selbst.

Herbert aber war schon weiter, im Nebenzimmer.

»Und hier sind ja die Möbel von Frau Annchen, die früher Kinderfrau bei uns war. Die Bauerntruhe mit den roten Blumen kenne ich noch ganz genau. Wenn ich unartig war, wollte Frau Annchen mich immer da einsperren. Was bedeutet denn das bloß, Mutti?«

»Warum sind denn Omamas Möbel hier bei uns?« Gespannt hingen die Zwillinge an Mutters Lippen.

»Weil die Omama und Frau Annchen in vier Wochen zu uns ziehen. Vater meint, sie seien lange genug allein in Berlin gewesen, jetzt sollen sie bei uns – – –«

Aber weiter kam die Mutter nicht. Helles Jauchzen übertönte ihre Stimme. Die Zwillinge hatten sich an den Händen gefaßt und sprangen jubelnd im Zimmer der Großmama herum: »Die kleine Omama kommt – die kleine Omama kommt für immer zu uns!« Und Bubi blaffte so laut dazwischen und gebärdete sich so verdreht vor Freude, als ob es seine eigene Omama wäre.

Vater und Mutter aber sahen auf die glücklichen Kinder.

»Möge das Sternenhaus immer so frohe Menschen in sich schließen!«

3. Kapitel. Von berühmten Männern und von einem, der's werden will

Fein, daß der nächste Tag ein Sonntag war. Da hatte der Vater Zeit, seinen Zwillingen die alte Universitätsstadt, in der er als Student schon fröhliche Stunden verlebt hatte und in der er jetzt als Gelehrter ein reiches Wirkungsfeld gefunden, zu zeigen.

Von morgens um neun Uhr an standen Herbert und sein Bubi zum Abmarsch bereit, als der Vater sich gerade erst die Sonntagszigarre ansteckte und zur Zeitung griff.

Suse, als anstelliges Hausmütterchen, ging indessen der Mutter zur Hand. Denn die neue Minna war noch nicht eingetroffen. Es machte Suse Spaß, ihr hübsches Zimmer selbst aufzuräumen. Besonders mit dem neu angeschafften Mop, den sie bisher noch nicht kannte. Er sah aus wie jeder andere Besen, hatte aber keine Roßhaare, sondern Baumwollfransen statt dessen. Schon der Name war so ulkig. »Ich nenne ihn lieber ›Mops‹, Mutti. Muß ich ihn in Wasser tauchen und damit den Fußboden aufwischen?«

»Um's Himmels willen nicht. Die Fransen sind geölt, dadurch ziehen sie allen Staub in sich ein und machen die Fußböden gleich blank. Man braucht weder Besen noch Schaufel beim Moppen.«

»Famos, Mutti. Da kann sich die neue Minna freuen.«

»Laß mich moppen.« Herbert, dem sein Warteposten unten zu langweilig geworden – denn wenn der Vater erst mal bei der Zeitung saß, legte er sie sobald nicht aus der Hand –, stellte sich ein. Der Mop übte, wie alles Neue, unwiderstehliche Anziehungskraft auf ihn aus.

»Aber nur einmal«, räumte Suse schweren Herzens ein.

»Schön, ich werde meine Stube moppen.« Herbert begann in seinem Zimmer sich mit dem Mop wie ein Karussell zu drehen. Bubi, der das Ding als eine für ihn eigens erfundene Belustigung betrachtete, sprang blaffend, nach den Mopfransen schnappend, hinterdrein.

»So ist es gar nicht richtig. Langsam mußt du moppen.« Diesmal wußte es Suse besser.

»Ich kann in meiner Stube so moppen, wie ich will«, gab der Bruder patzig zurück und drehte sich nur noch schneller.

Noch eine hatte sich zu diesem Schauspiel eingefunden – Suses Piccola. Die hielt die grauen Mopfransen, die da so wild durchs Zimmer sprangen, wohl gar für ein Mäuslein, denn sie war noch ziemlich jung und unerfahren. Possierlich setzte sie hinter dem grauen Ding her. Aber das ließ Bubi sich nicht gefallen. Das war sein Spielzeug. Sein kleiner Herr drehte es im Kreise. Er begann feindlich zu knurren, und da das spielerische Kätzchen keine Notiz davon nahm, nach ihm zu schnappen.

»Jetzt gibst du den Mop aber her, Herbert. Bubi und Piccola zanken sich schon darum. Zum Spielen hat uns Mutti das Ding nicht gegeben. Ich muß mein Zimmer damit sauber machen.« Vergeblich versuchte Suse dem lachend im Zimmer herumfahrenden, Bruder den Mop zu entreißen. Eine regelrechte Balgerei entstand.

O weh – Suse hielt plötzlich die geölten Stofffransen in der Hand, während Herbert betroffen auf den leeren Holzstiel, den er jetzt nur noch im Kreise drehte, blickte.

»Du hast ihn entzweigemacht – – –«

»Nein, du – warum hast du ihn mir nicht gegeben – – –«

»Und die Fransen hat Bubi ausgerissen – – –«

»Jawoll, deine Katze mit ihren Krallen – – –«

»Mutti – Muttichen – komm bloß mal her – der Mops ist kaputtgegangen.« Suse schrie Zetermord.

»Dummes Ding, brüll' doch nicht so. Ich mach' ihn schon wieder ganz.« Es war dem Herbert doch nicht ganz gemütlich zumute, als er Mutters Schritt auf der Treppe hörte.

»Ja, Kinder, was ist denn hier los? So weiht ihr den ersten Sonntag im neuen Heim ein? Ist das unser Feiertagsfrieden?« sagte die Mutter, vorwurfsvoll von einem zum andern blickend.

Piccola zog sich unauffällig in ihr Körbchen zurück. Bubi machte ein völlig unbefangenes Hundegesicht, als ob er ganz unschuldig sei. Herbert hielt der Mutter stumm den leeren Mopstiel entgegen. Suse begann: »Mutti, der Herbert – – –.« Dann senkte sie beschämt den Blick vor Muttis vorwurfsvollen Augen. Wollte sie wirklich ihren Zwillingsbruder beschuldigen?

»Daß der Mop auseinandergegangen ist, das hat nichts zu bedeuten. Er ist leicht wieder einzuhaken. Aber daß ihr gleich am ersten Tage im Sternenhaus miteinander Streit anfangt, das betrübt mich sehr. Ich habe mich immer darüber gefreut, daß meine Zwillinge ein Herz und eine Seele waren. Habe manchmal gedacht, auf den Herbert und die Suse kann ich mich verlassen, die stehen einer für den andern im Leben. Und nun ist von euerm liebevollen Einvernehmen nichts mehr zu merken. Das beeinträchtigt mir die Freude an unserm schönen neuen Heim.«

Der weichherzigen Suse liefen bereits die Tränen über die Wangen. Herbert aber meinte beruhigend zur Mutter: »Ach, Mutti, deshalb brauchst du dich nicht aufzuregen. Je mehr wir uns kabbeln, um so lieber haben wir uns. Suse muß ein bißchen energisch angepackt werden. Sie ist viel zu waschlappig.«

»So überlaß uns das, mein Sohn. Wir werden die Suse auch ohne dich richtig erziehen.« Die Mutter begab sich wieder an ihre hauswirtschaftliche Tätigkeit.

Herbert puffte Suse mit dem Ellenbogen möglichst sanft. »Du – heule doch nicht – ich hab' dir doch nichts getan.« Es war ihm unbehaglich, seinen Zwilling weinen zu sehen.

»Nee – aber ich dir«, schluchzte Suse.

»Du – mir?« Herbert machte ein dummes Gesicht.

»Ja, ich hab' dich beinahe angepetzt«, gestand Suse.

»Beinahe ist nicht ganz – also wollen wir uns wieder vertragen.« Er wirbelte die Suse, wie vorhin den Mop, im Kreise herum. Dann zogen sie, wieder ein Herz und eine Seele, hinunter, um zu sehen, ob der Vater nun endlich mit Zigarre und Zeitung fertig sei.

Suse hatte zwar etwas Gewissensbisse, der Mutter die häusliche Arbeit allein zu überlassen. Aber Herbert meinte, daß Mutti das viel besser ohne sie mache. Und wenn das auch nicht gerade ein Kompliment war, immerhin beruhigte es etwas. Da erschien die Mutter plötzlich in Hut und Mantel zum Aussehen gerüstet in der Diele.

»Du kommst mit, Mutti? Ach, ist das famos!«

»Ich habe gestern schon alles vorbereitet zu heute. Ich muß doch sehen, wie meinen Kindern unsere neue Heimat gefällt.«

Nun war auch der Vater soweit. Bubi lief aufgeregt blaffend unzählige Male vom Haus zur Gartentür und wieder zurück. Himmel, wo blieben sie denn? Die Menschen waren doch zu umständlich, ehe sie sich in Bewegung setzten. Er war immer gleich fix und fertig. Piccola blieb allein im Sternenhaus zurück und vertrieb sich die Zeit mit einer abgerissenen Mopfranse.

»Wo gehen wir zuerst hin?« erkundigte sich die Mutter.

»Ins Planetarium«, kam Herbert dem Vater mit der Antwort zuvor. »Das müssen wir unbedingt zuerst sehen.«

»Ach ja, in den Prinzessinnengarten«, fiel auch Suse ein. Der Name hatte besonderen Eindruck auf sie gemacht.

»Schön, Kinder, wir werden uns das Zeiß-Planetarium von außen ansehen. Es ist heute am Sonntag dort drin ziemlich voll. Da kommen die Leute alle aus der Umgegend. Ich möchte euch später in Ruhe die großartige Zeißsche Schöpfung erklären. Ihr wollt doch auch gewiß gern euern Vater dort den Vortrag halten hören. Heute spricht ein junger Privatdozent.«

»Och, das ist ja Speck wie Wurscht. Dich können wir ja zu Hause alle Tage hören, Vater«, meinte Herbert, der darauf brannte, das Planetarium kennenzulernen.

»Ich wollte euch heute die Stadt Jena zeigen. Da gibt's genug zu sehen. Die optischen Werkstätten von Zeiß und das Planetarium füllen jedes einen Nachmittag für sich aus.«

»Was sind denn die optischen Werkstätten von Zeiß, Vater?«

»Das größte Unternehmen seiner Art, ein Werk der Wissenschaft und der Technik zugleich, mein Junge, für das tüchtige Männer ihre ganze Lebensaufgabe eingesetzt haben und das jetzt vielen Tausenden zugute kommt. Optik ist die Lehre vom Sehen. Alles, was in dieses Bereich fällt, wird in den optischen Werkstätten hergestellt, Feldstecher, Operngläser, Brillen, Thermometer, medizinische Gläser, photographische Objektive, vor allem Mikroskope. Das sind Vergrößerungsapparate, die in der medizinischen Wissenschaft eine wichtige Rolle spielen.«

»Das wissen wir doch schon«, sagte Herbert beinahe gekränkt. »Ich habe sogar schon in ein Mikroskop hineingesehen.«

»So – wo denn, mein Junge?«

»Der Großpapa in Freiburg hat doch ein Mikroskop. Beinahe hätte es Bubi umgeworfen. Da habe ich reingeguckt. Großpapa hat mir Bazillen gezeigt. Wie ein Komma sahen sie aus.«

»Und mir hat der Großpapa ein Lindenblatt eingelegt«, fiel Suse ein. »Ganz groß waren da drin die Blattzellen. Aber die Augen tun einem weh, wenn man lange durch solch Miskroskop guckt.«

»Miskroskop – hahaha – die Suse denkt, das Wort kommt von ihre Mies her.« Herbert lachte die Schwester wieder mal weidlich aus.

Der Vater mußte sich ebenfalls zur Seite wenden, um das Lachen zu verbeißen. Er mochte das Töchterchen doch nicht kränken. Die gute Mutti nahm sich Suses wieder an.

»Mikroskop ist auch ein schweres Wort. Das nächste Mal wird es Suschen richtig sagen. Herbert, hör' auf, die Suse auszulachen. Du weißt auch vieles noch nicht.«

»Hier ist der Carl-Zeiß-Platz mit dem Abbedenkmal, Kinder. Das sind die Begründer des großen Werkes. Carl Zeiß war der Sohn eines Spielwarenhändlers aus Weimar. Er interessierte sich schon als Junge für Basteleien und wurde Mechaniker. Etwa um die Mitte des vorigen Jahrhunderts kam er nach Jena und gründete hier eine kleine feinmechanische Werkstatt. Bald wurde er Mechaniker an der Universität. Hier wurde Dr. Ernst Abbe, vor dessen Denkmal wir hier stehen, sein wissenschaftlicher Mitarbeiter. Abbe hatte sich vom Sohn eines einfachen Spinnmeisters zum Professor der Physik und Mathematik emporgearbeitet. Nach dem Tode seines Freundes Carl Zeiß hat er die optischen Werke allein weitergeführt und ihren Betrieb auf jedem Gebiet vergrößert und weltberühmt gemacht. Dabei hat er nie vergessen, daß er aus einfachen Arbeiterkreisen hervorgegangen ist. Für die Arbeiter seiner Betriebe hat er wie ein Vater gesorgt. Auf seinen Gewinnanteil von dem gewaltigen Unternehmen hat er selbstlos verzichtet und die großen Summen für gemeinnützige Zwecke gestiftet. Er ist der Wohltäter der Stadt Jena geworden. Das Volkshaus dort drüben hat er für die Bevölkerung aller Klassen gebaut mit einer Volkshochschule, um die allgemeine Bildung zu heben. Jugend- und Sportvereine hat er gegründet zur Förderung der Volksgesundheit. Ein Jugendheim, ein Kinderkrankenhaus, alles dies verdankt ihm die Stadt. Ihr gehört jetzt zur Jugend von Jena, Kinder, und sollt mit Bewunderung und Ehrfurcht zu diesem hervorragenden Manne aufblicken.« So sprach der Professor voller Begeisterung.

Die Kinder hatten mit großen Augen zugehört. Selbst Herbert, der gern unterbrach und fragte, lauschte gespannt. Oh, wie schön mußte das sein, mal solch ein berühmter Mann zu werde«.

Suse aber meinte: »Vater, dürfen wir den Herrn Abbe nicht mal besuchen? Ich hab' ihn schon gern, weil er so gut zu seinen Arbeitern und gegen die Armen ist.«

»War – Suschen. Professor Abbe lebt nicht mehr. Er ist schon 1905 gestorben. Nur in seinen Werken und als Marmorbüste könnt ihr den edlen Mann kennenlernen.« Der Professor betrat mit seiner Familie die Stufen, die zu einem tempelartigen Bau hinaufführten. Stumm standen sie vor dem bedeutenden und doch so gütig blickenden Marmorbildnis.

Bis Herbert das andächtige Schauen unterbrach: »Vater, wenn du erst tot bist, kriegst du vielleicht auch mal so ein feines Denkmal hier in Jena.«

»Aber Herbert!« rief die Mutter halb entsetzt, halb belustigt, während Suschen zärtlich nach des Vaters Hand griff: »Unser Vater soll überhaupt nicht tot werden.« Ganz, ganz fest hielt die Suse ihren Vater.

Der lächelte. »Das ist ein guter Wunsch, Herbert. Nicht das Marmordenkmal hier, aber das Denkmal, das man sich im Herzen seiner Mitmenschen setzt. Ein jeder, ob berühmt oder unbekannt in der Stille lebend, in seinem Kreise kann er so segensreich wirken, daß man ihm eine bleibende Erinnerung bewahrt.«

»Ich will aber doch lieber berühmt werden«, überlegte Herbert.

»Dazu gehört zuerst, daß du deine Pflichten als Gymnasiast erfüllst, mein Junge. Ich bin schon zufrieden, wenn du ein tüchtiger Mann wirst auf dem rechten Platz.«

»Der Großpapa in Freiburg sagt, du seist auch berühmt, Vater. Du wärst einer der bekanntesten Sternforscher. Und es ist gut, daß ich nach Jena komme, hat der Großpapa gesagt, denn da wären immer die berühmtesten Männer der Naturwissenschaft gewesen.«

Dem Professor machte die Unterhaltung mit seinem Jungen Spaß. »Kennst du denn einen, Herbert?«

»Natürlich, Alexander von Humboldt und Professor Ernst Haeckel, die habe ich mir doch als Vorbild genommen.«

»Ein besseres Vorbild brauchst du nicht«, lachte der Vater und wandte sich suchend nach seinen Damen um. Die waren mit Bubi bereits vorausgegangen.

Die Mutter zeigte Suse gerade das Lyzeum, in dem sie schon als Schülerin angemeldet war. In acht Tagen begann das Wintersemester.

Suse betrachtete das Gebäude, das von schönen Anlagen umgeben war, mit geteilten Gefühlen, teils neugierig, teils beklommen. Die Schule spielt im Leben eines jeden Kindes die Hauptrolle. Nun war sie über ein Jahr dem deutschen Unterricht entfremdet. Sie hatte in Neapel eine italienische Schule besucht. Ob sie da in der vierten Klasse mitkommen würde? Zwar hatte sie und Herbert während ihres Sommeraufenthalts in Freiburg bei den Großeltern in Deutsch, Rechnen und Geschichte Privatunterricht gehabt, um die Lücken auszufüllen. Aber ob das genügte?

Herbert war selbstbewußter. Als der Vater ihm sein unweit davon gelegenes Gymnasium, das den stolzen Namen Carolo-Alexandrinum trug, zeigte, meinte er: »Die werden sich wundern, wie fein ich italienisch spreche.«

»Dazu wirst du vorläufig wenig Gelegenheit haben, mein Sohn. Auf Latein und Griechisch wird hier der Hauptwert gelegt. Ich habe lange geschwankt, ob ich dich lieber in ein Realgymnasium geben soll. Aber da du bereits in Neapel Latein getrieben hast, mochte ich das schon einmal Gelernte nicht brachliegen lassen.« Der Vater wies auf einen bergwärts führenden Weg. »Hier geht es zum Ernst-Abbe-Jugendheim und weiter zum Landgrafenberg hinauf. Von dort hat man einen Blick auf das Schlachtfeld.«

»Auf welches Schlachtfeld?« fragte Suse.

»Menschenskind, bist du vernagelt. Wenn du hier in Jena bist, wird es wohl nicht das Schlachtfeld von Leipzig sein.« Herbert tippte zum Überfluß noch mit dem Finger gegen die Stirn.

»In welchem Jahre war denn die Schlacht bei Jena, Herr Besserwisser?« fragte die Mutter.

Eine peinliche Frage, wenn man sie nicht zu beantworten weiß. Aber Herbert war so leicht nicht aus der Fassung zu bringen.

»Das – das muß vor der Schlacht von Leipzig gewesen sein. Bei Jena hat doch Napoleon über die Deutschen gesiegt. Und nachher haben die Deutschen bei Leipzig sich von der Fremdherrschaft Napoleons wieder freigemacht.«

»Richtig. 1806 war die Niederlage bei Jena und 1813 die Völkerschlacht bei Leipzig. Suschen, das mußt du in der Schule wissen«, meinte die Mutter bedenklich.

Ach, Suse machte ein noch viel bedenklicheres Gesicht. Sie wußte es schon im voraus, daß auch sie in Jena eine Niederlage erleben würde.

»Vater, gehen wir hinauf auf den Berg, das Schlachtfeld anzusehen?« erkundigte sich Herbert.

»Nein, mein Sohn. Man sieht nichts mehr davon, wie böse es da hergegangen, wieviel Blut hüben und drüben geflossen ist. Wir wenden uns lieber Werken des Friedens zu. Der Krieg reißt ein, was Kultur aufbaut. Kommt, ich zeige euch die Stätten friedlicher Arbeit. Dort drüben sind die physikalischen Institute. Da ist auch die Hauptstation für Erdbeben, der ein Teil meiner hiesigen Arbeit gilt.«

»Erdbeben – bebt es hier etwa auch?« Suse war die einzige, die bebte. Sie hatte in Italien ein Erdbeben erlebt. Das hatte auf das zarte Kind einen furchtbaren Eindruck gemacht. Der Vater beruhigte sie.

»Jetzt sollst du den Prinzessinnengarten zu sehen bekommen, Suse«, lenkte er ab.

An einer alten Friedhofsmauer führte der Weg entlang.

»Vater, hier gibt's ja Zypressen wie in Italien«, wunderte sich Suse.

»Die Zypresse mit ihrer niederhängenden, düsteren Benadelung ist der Baum des Todes. Man findet ihn auf allen Kirchhöfen, Kind.«

Und nun stand man an der Pforte des Prinzessinnengartens. Wie ein alter verwunschener Märchengarten öffnete er sich. Altmodisch verschnörkelte Heckenwege, purpurnes Blutbuchengezweig umspann das weinumrankte Sommerschlößchen, das da mit seinem Blumenrondell still von Zeiten träumte, in denen Goethe und Wieland hier ein und aus gegangen.

»Seht ihr den Obelisk dort neben dem Hause, Kinder? Er trägt drei Goethesche Sprüche als Inschrift. Hier ist das Reich der Musen, und dort drüben seht ihr das Neuland der Technik – das Zeiß-Planetarium.« Durch buntes Herbstlaub wurde die gewaltige Kuppel sichtbar.

»Vater, hießen die Prinzessinnen, die früher hier gewohnt haben, Musen?« Suse konnte sich von dem verwunschenen Schlößchen nicht so rasch trennen.

Herbert, der gerade spornstreichs zum Planetarium wollte, hemmte den eiligen Schritt.

»Ist es denn die Möglichkeit – die Suse – kennt keine Muse!« zog er sie schon wieder auf.

»Na, kennst denn du se?« reimte die Mutter lachend weiter.

»Natürlich.« – Das klang sehr großartig. »Das waren doch 'ne ganze halbe Mandel – nee, nee –.« Er sah, daß der Vater die Augenbrauen hochzog. Da stimmte irgend was nicht. »Nee, ich weiß schon, alle neune waren das. Neun griechische Weiber, jede hatte einen andern Beruf. Eine war Schauspielerin, und eine war Tänzerin. Und dann gab's welche, die hatten Geschichte, Musik und die Sterne studiert. Und die heißen Musen.« Diesmal mußte es sich Herbert gefallen lassen, ausgelacht zu werden. Die Eltern konnten nicht ernst bleiben bei dieser merkwürdigen Erklärung.

»Herbert, Junge – nach Mandeln hat wohl noch keiner die Musen gezählt.« Die Mutter lachte, daß sie Tränen in den Augen hatte.

»Alle Neune gibt's beim Kegelspiel, Herbert, aber nicht bei den alten Griechen. Die neun Musen waren griechische Göttinnen, die Kunst und Wissenschaft verkörperten. Das muß ein Quartaner wissen. Ich habe euch doch in Italien Marmorbildnisse gezeigt, welche die Musen darstellten.«

»Ach, Vater, die sehen ja alle gleich aus.« Für Kunst hatte Herbert noch nicht viel übrig.

»Weißt du denn wenigstens, was nach der Muse der Sternkunde heißt, Junge?«

Eigentlich wußte es Herbert nicht. Aber da er das um keinen Preis zugestehen mochte, sagte er auf gut Glück: »Das Planetarium.«

»Falsch! Planetarium kommt von Planet her. Man überlegt erst, und dann spricht man. Na, Suschen, vielleicht weißt du's?«

»Nee, wenn der Herbert es nicht weiß, brauche ich es auch nicht zu wissen.« Suse hatte absolut nicht den Ehrgeiz, mehr zu wissen als ihr Zwillingsbruder. Von klein auf war sie daran gewöhnt, daß er alles besser wußte.

»Die Muse der Sternkunde heißt Urania.«

»Ach, nun weiß ich«, fiel Suse erfreut ein. »Danach heißt die Urania in Berlin, wo wir mal die feine Reise in die Wüste von Afrika gemacht haben.«

»Jedes Institut für Sternenkunde heißt Urania, Suschen. Wir haben hier in Jena auch eine Urania-Sternwarte. Aber du hast recht, Kind. Ich habe euch damals in die Berliner Urania zu einem Reisevortrag mit Lichtbildern mitgenommen.«

»Kientopp ist viel interessanter«, meinte Herbert. »Vater, wann dürfen wir ins Kino gehen?«

»Hier habt ihr das schönste und gleichzeitig lehrreichste Kino«, sagte der Professor. Sie standen vor dem Planetarium. Der Vortrag war zu Ende. Das Publikum strömte heraus.

»Ein Kino ist das Planetarium – ach, Vater, du machst uns bloß was weis«, rief Herbert.

»Das Planetarium ist ein Film, in dem sich die Himmelskörper bewegen, ein Theater, in dem Sterne die Schauspieler sind, und gleichzeitig ein Schulsaal unter dem Gewölbe des Himmels, in dem man seine Kenntnisse bereichert«, setzte der Professor seiner Familie auseinander. »Alles dies schließt das Planetarium in sich.«

Es sollte bald noch mehr in sich schließen.

4. Kapitel. Bestrafte Neugier

Suse hatte inzwischen das Planetarium von außen betrachtet. Wie ein Tempel schaute es aus mit seiner Säulenvorhalle. Ach, und was für herrliche bunte Herbstastern die Rasenflächen davor schmückten.

Herbert, fürwitzig wie stets, hatte sich zum Eingang gepirscht, aus dem die Menge ins Freie strömte. Die Neugier ließ ihm keine Ruhe. Es gelang ihm, unbemerkt durch eine Lücke hineinzuschlüpfen.

So – nun war er drin. Er kroch unter eine Bank, um nicht bemerkt und hinausgewiesen zu werden. Einen Blick mußte er wenigstens in das ersehnte Planetarium tun.

Pah – das war alles? Herbert erblickte ein Riesenrondell, etwa wie einen Zirkus. Bänke standen darin, viele Bänke. In der Mitte war ein mächtig großer Apparat aufgestellt. Darüber wölbte sich die gewaltige Himmelskuppel; eine weiße, netzartige Stoffkuppel schien es zu sein. Das war alles. Keine Spur von Sternen. Grenzenlos enttäuscht war der Junge. Und davon machte der Vater solch ein Aufhebens? Herbert hatte doch zumindest gedacht, daß der Himmel mit allen Sternbildern dort zu sehen sei. Nichts davon. Eine langweilige weiße Kuppel. Na, sobald ging er nicht wieder in das olle Planetarium hinein.

Er sollte aber auch sobald nicht wieder herauskommen. Denn als Herbert gerade noch den großen Apparat, der in der Mitte des Raumes ausgestellt war, näher in Augenschein nehmen wollte, ob das wohl ein Fernrohr sei, gab es einen lauten Knall. Krach – da flog die Eingangstür zum Planetarium zu. Der Schlüssel drehte sich zweimal im Schloß. Dunkelheit herrschte plötzlich.

Entsetzt sprang der Junge zur Tür, stieß sich in der Finsternis das Knie an den Bänken und rüttelte, als er die Eingangstür endlich gefunden, mit aller Gewalt daran. Der Diener würde schon aufmerksam werden.

Aber der Diener hatte, nachdem er das Planetarium abgeschlossen hatte, sich sofort nach Hause begeben. Der dachte nicht daran, daß sich da einer verkrochen haben könnte. Es war ja Sonntag heute. Da wollte er auch was von seiner Familie haben. Um vier ging die Nachmittagsvorführung wieder an.

Herbert begann es in dem dunkeln, großen Raum eigentümlich beklommen zumute zu werden. Er versuchte über seine unfreiwillige Gefangenschaft zu lachen. Aber sein Lachen dröhnte in dem leeren Raum schauerlich, als ob nicht einer, sondern viele lachten. Er war doch sonst solch ein beherzter Junge.

Wieder begann er aus Leibeskräften an der Tür zu rütteln. Himmelmohrenelement – man mußte ihn doch hören, ihn vermissen. Der Vater kannte doch seinen Jungen. Der würde es sich schon denken können, daß er nur mal einen Blick hatte hineinwerfen wollen. Vater war ja der Direktor vom Planetarium. Er hatte sicher die Schlüssel dazu und würde ihn gleich aus seiner Dunkelhaft befreien.

Aber Minute auf Minute verstrich – Ewigkeiten schienen sie Herbert. Keiner kam. Keiner suchte ihn.

Ja, vermißte denn die Suse ihren Zwilling nicht? Und Mutti? Und wo war denn Bubi? Ach, wenn Bubi doch wenigstens bei ihm gewesen wäre. Doch ein lebendes Wesen in dieser herzbeklemmenden Stille und Finsternis.

War es nicht zum Lachen? Er, der Sohn des Planetariumdirektors, war hier in dem Institut des eigenen Vaters gefangen. Wirklich, es war zum Lachen. Und Herbert tat gerade das Gegenteil davon. Er begann zu heulen, als ob er noch ein kleiner Abcschütze wäre und nicht ein großer Quartaner.

Aber vermißte man ihn denn wirklich nicht?

Freilich, Suse, das getreue Schwesterchen, war die erste, die fragte: »Wo ist denn Herbert?«

»Sicher schon am Gartenausgang«, meinte die Mutter. »Der Junge kann ja nie genug bekommen. Es geht ihm mal wieder zu langsam.«

»Ja, da ist ja auch Bubi«, sagte der Vater, auf den Köter, der sie bereits am Ausgang erwartete, weisend. Freilich, Bubi war da. Aber von Herbert keine Spur, soweit man auch die Marienstraße auf und ab blickte.

Hm – der Schlingel mußte doch immer seine eigenen Wege einschlagen. Nun, sie würden dasselbe tun. Wenn er sich der väterlichen Führung entzog – schön. Verloren konnte er ja hier in Jena nicht gehen.

»Komm, Suschen«, rief der Professor das Töchterchen, das den Kopf immer noch rückwärts drehte. »Schau, hier ist der Botanische Garten. Da gehen wir mal an einem Nachmittag hin. Es ist eine herrliche Anlage. In dem Inspektorhäuschen hat Goethe mehrere Sommer lang gewohnt. Er hat dort ein Gedicht auf den fremdartigen Baum vor seinem Fenster, Gingko heißt er, verfaßt. Der Baum ist heute noch zu sehen.«

»Gingko? Ist das ein drolliger Name. Den habe ich noch nie gehört«, verwunderte sich Suse.

»Es ist auch ein höchst merkwürdiger Baum, ein Zwischending zwischen Nadel- und Laubbaum. Er kommt aus China und Japan und hat, trotzdem er zu den Nadelbäumen gehört, dicke, fleischige Blätter«, erzählte der Vater. »Solch ein Gingkobaum soll über tausend Jahre alt werden.«

Nun hatte Suse für alles, was Blumen und Pflanzen hieß, Interesse, mehr noch als für Goethe. Aber augenblicklich interessierte sie nur der fehlende Herbert. Wo mochte er nur stecken?

Auch die Mutter blieb alle paar Schritte stehen und hielt Umschau. Eine Mutter beruhigt sich ja nicht so leicht. »Kann unser Junge denn nicht noch im Prinzessinnengarten sein, Paul? Der Hund läuft doch immer dahin zurück.«

»Er sucht seinen kleinen Herrn. Sicher hat sich Herbert irgendwo versteckt und überfällt uns dann plötzlich aus dem Hinterhalt. Er macht ja gern derartige Flausen. Der Mosjö selbst hat ja den größten Schaden davon, daß er um die Erklärungen bei der Führung durch die Stadt kommt.« Der Professor war ärgerlich auf den Sohn, der die Harmonie des ersten gemeinsamen Spazierganges in Jena störte. Denn auch die Mutter hatte nicht mehr die rechte Ruhe und Andacht für die Denkwürdigkeiten der alten Stadt.

Suse aber hatte gar keine Freude an dem Neuen. Ihr zweites Ich fehlte. Wenn er doch irgendwo aus dem Hinterhalt hervorgeschossen wäre und sie noch so sehr erschreckt hätte. Am liebsten hätte sie es wie Bubi gemacht, der drei Schritte voranlief und dann wieder zurück.

Der Fürstengraben mit den herrlichen alten Linden und Kastanien, die zum Teil noch aus dem siebzehnten Jahrhundert stammten und von denen sie sonst begeistert gewesen wäre, machte gar keinen Eindruck auf sie. Sie zog den Vater, der sie auf das alte, efeuumrankte Frommannsche Haus, in dem Goethe mit seinen Freunden manchen Abend verlebt hatte, aufmerksam machte, aufgeregt weiter. Was fragte sie nach Goethe, wenn ihr Herbert verschwunden war?

»Wir wollen nach Hause gehen, Vatichen, ja? Herbert ist gewiß ins Sternenhaus zurückgegangen«, bat sie.

»Möglich. Schadet ihm gar nichts, wenn er dann draußen stehen muß, bis wir kommen. Wozu muß er immer eine Extrawurst haben?« Ruhig setzte der Vater seinen Weg fort.

Scharen von Studenten kreuzten ihren Weg. Wo sie sich blicken ließen, flogen die bunten Mützen grüßend in die Luft. Professor Winter hatte sich trotz der kurzen Zeit bereits Beliebtheit und Anerkennung bei seinen jungen Hörern erworben.

Suse gewahrte es kaum. Betrübt zog sie ihres Weges, Bubi ebenso betrübt hinterdrein mit gesenktem Schwänzchen.

Nicht mal das altersgraue Rathaus, das mehr als fünfhundert Jahre auf den Marktplatz herabblickte, fesselte sie. Nur nach Herbert schaute sie aus. Wo sie einen Jungen im Kieler Matrosenanzug erblickte, glaubte sie ihn gefunden zu haben.

»Suschen, achte auf die Turmuhr des Rathauses. Gleich schlägt es eins. Dann erscheint der Schnapphans, eins der sieben Wunder Jenas«, machte der Professor sein Töchterchen aufmerksam.

Dumpf dröhnte es vom Turm, und – »da ist er!« rief die Mutter, auf den Teufel, den sogenannten Schnapphans, der mit voller Stunde über das Zifferblatt hinweg nach einem Apfel schnappt, weisend.

»Wo – wo?« rief Suse aufgeregt.

»Dort oben mit dem Apfel.«

»Unser Herbert?«

»Aber Kind, der Schnapphans oben auf der Turmuhr. Hast du denn nicht beobachtet, wie der Pilger dem Teufel den Apfel auf einer Stange reicht?« fragte der Vater unzufrieden, daß Suse so wenig Interesse zeigte.

»Und den Engel auf der linken Seite der Uhr, der ein Glöckchen hebt, hast du auch nicht gesehen, Mädel?« erkundigte sich die Mutter.

Nein, Suse hatte nichts gesehen. »Ich will das auch gar nicht ohne meinen Herbert sehen. Wenn Herbert wieder da ist, gucken wir es uns zusammen an.« Das große Mädel begann jetzt wirklich mitten auf dem Marktplatz von Jena vor Aufregung zu weinen.

Wie peinlich – alle vorübergehenden Studenten blickten lächelnd oder mitleidig auf das weinende Professorentöchterlein. Der Vater nahm einen Wagen, um der auffallenden Situation ein Ende zu machen.

»Na, Kinder, ihr seid nett«, sagte er halb im Ernst, halb im Scherz. »Der eine ist unsichtbar, und die andere fällt durch ihr Geheul auf. Das ist ja ein vielversprechender Anfang.«

Auch die Mutter meinte: »Suse, erst zankt ihr euch heute morgen, und nun tust du, als ob einer nicht ohne den andern leben kann. Paß auf, Herbert sitzt seelenvergnügt im Sternenhaus und lacht uns alle aus.« Die Mutter wollte sich wohl selbst beruhigen.

Still lag das Sternenhaus in der Mittagssonne. Kein Herbert ließ sich sehen. Nur Piccola mauzte verlassen.

»Was nun, Paul?« Frau Professor Winter bekam rote Backen vor Erregung.

»Passieren kann ihm hier nichts. Er ist ja auch schon groß. Er wird allein auf Entdeckungsreisen ausgegangen sein. Aber komm' du mir nur nach Hause, mein Junge!« Der Professor hob vielsagend die Hand.

Ach, was kam es denn auf ein paar väterliche Katzenköpfe an. Die machten dem Herbert nicht viel aus. Wenn er nur endlich kommen wollte! Suse guckte sich die Augen nach ihm aus.

»Decke den Tisch, Suschen«, rief die Mutter aus der Küche, wo sie das Essen wärmte, zu der vom Balkon Ausschau haltenden Tochter hinauf. »Inzwischen kommt der Herbert. Er weiß, daß wir pünktlich um zwei essen.« Der Tisch war gedeckt, wenn auch mangelhaft. Suse verwechselte heute alles. Zwei Messer hatte sie dem Vater hingelegt anstatt des Suppenlöffels. Und das Salzfaß hatte sie ganz vergessen. Und war doch sonst so sorgsam und gewissenhaft.

Es schlug zwei. Wer nicht da war, war Herbert.

»Nun fängt die Sache an, mir rätselhaft zu werden«, meinte die Mutter kopfschüttelnd. Die Suppe wollte nicht rutschen.

»Er wird sich verlaufen haben. Er kennt die Entfernungen noch nicht in Jena.« Beruhigend klang des Vaters Stimme.

»Am Ende ist er zum Prinzessinnengarten zurückgegangen und wartet da auf uns«, überlegte die Mutter, den Braten tranchierend.

»Oder er ist ins Planetarium hineingegangen.« Wie eine Erleuchtung kam es plötzlich über Suse. Sie war ja auch sein Zwilling.

»Das ist lange geschlossen. Halt – – –.« Der Professor überlegte einen Augenblick. »War nicht der Vortrag gerade zu Ende, als wir dort waren? Richtig – so wird's sein. Der Schlingel ist heimlich ins Planetarium hineingegangen und sitzt jetzt wahrscheinlich da drin fest während der großen Mittagspause. Daß ich auch nicht eher darauf gekommen bin. Na, viel Vergnügen, mein Junge, laß dir nur die Zeit da im Dunkeln nicht lang werden.« Der Professor lachte belustigt.

»Im Dunkeln ist mein Herbert?« Suse blieb der Happen in der Kehle stecken. »Warum kommt er denn nicht wieder heraus?«

»Weil das Planetarium zwischen zwölf und vier Uhr geschlossen ist. Wahrscheinlich ist der Schlingel mit eingeschlossen worden. Ist ihm ganz gesund, die unfreiwillige Haft.«

»Und zu essen kriegt er da auch nichts.« Suse legte plötzlich Messer und Gabel hin. Als Zwilling mochte sie dann auch nicht mehr essen.

»Laß ihn nur hungern, den Banditen, geschieht ihm schon recht.«

»Aber Paul, du weißt ja gar nicht, ob er wirklich im Planetarium eingeschlossen ist.« So schnell war die Mutter nicht zu überzeugen. »Wir wollen doch erst mal nachschauen.«

»Verdienen tut er, daß er bis vier in Gefangenschaft bleibt. Nur um dich zu beruhigen, Fränzchen, werde ich nach Tisch nachsehen.«

»Vati, komm gleich, bitte, bitte. Die Schokoladenspeise essen wir nachher lieber mit Herbert zusammen. Mutti hat sie uns zu Ehren gemacht. Und Herbert ißt sie so gern. Komm, Vatichen«, drängte Suse. Sie hatte bereits den Hut wieder auf.

»Was – auch noch Schokoladenspeise zur Belohnung – daraus wird nichts.« Trotzdem griff der Vater ebenfalls nach Hut, Stock und dem Planetariumschlüssel. Bubi ließ sich nicht bei seinem Futternapf stören. Er war ja auch nicht Herberts Zwilling. Erst als die beiden schon den Berg hinunter waren, schoß Bubi von dem geleerten Futternapf fort wie ein Pfeil hinter ihnen her.

Die Mutter stand auf dem Balkon und sah ihnen nach. Sie war im Sternenhaus geblieben, falls Herbert sich inzwischen einfinden sollte. Wenn sie ihn nur mit heimbrächten, ihren Jungen. Dort unten floß die Saale – der Herbert war manchmal so tollkühn ...

Inzwischen hatte sich der junge Held nach einigen vergeblichen Tobsuchtsanfällen, die er an der unschuldigen Tür ausließ, allmählich in sein Schicksal ergeben. Ach, daheim saßen sie gewiß schon bei der Schokoladenspeise. Sein Magen begann laut zu knurren. Das hörte sich in der Stille ganz schaurig an. Warum hatte er auch Suse immer wegen ihrer Angst ausgelacht? Jetzt starrte er selbst mit furchtsamen Augen in die undurchdringliche Finsternis. Wie lange saß er denn schon hier gefangen? Sicher schon seit Stunden. Ihm fehlte jede Zeitberechnung. Ob das Planetarium heute überhaupt nicht mehr geöffnet wurde? Dann mußte er die ganze lange Nacht hier sitzen. Wie würden sich die Eltern, wie würde sich Suse um ihn bangen.

Alles still. Alles dunkel. Kein Hoffnungsstern wollte ihm im Planetarium aufgehen.

Erschöpfung trat nach der Erregung und dem Weinen ein. Die Augen fielen dem Jungen zu.

Da – fuhr er hoch. Was war das? Hatte da nicht irgendwas geraschelt? Eine Maus – gar eine Ratte?

Nein, der Schlüssel im Schloß war's, der sich drehte – Lichtschein fiel in die Finsternis. Gottlob, er war erlöst!

»Herbert, bist du hier?« Das war des Vaters Stimme. Da hatte der Professor seinen Jungen bereits am Schlafittchen. »Na warte, Schlingel, wenn du dich wieder heimlich ins Planetarium einschleichen wirst. Bist du mir auch nicht an den Zeißschen Apparat gegangen?« fragte der Vater, während Suse dem Wiedergefundenen jubelnd um den Hals fiel.

Ein recht kleinlautes, verweintes Bürschchen kam zum Vorschein, das ganz gegen seine Gewohnheit diesmal den Mund gar nicht voll nahm. Zwar blinzelte der Herbert, als ob ihn nur das Tageslicht nach der Dunkelheit blendete, aber man brauchte nicht sein Zwilling zu sein, um zu sehen, daß er geweint hatte.

So endete Herberts erster Besuch in Vaters Planetarium.

5. Kapitel. Schulfieber und Thüringer Klöße

Die neue Minna hatte nun auch ihren Einzug ins Sternenhaus gehalten. Sie war ein blondes, frisches Ding aus der Gegend von Ruhla. »Minna, ist Ihr Vater Schmied?« erkundigte sich Herbert sogleich.

»Nu nä, mein Vater ist Schneider. Warum soll er denn Schmied sein, junger Härr?« Die Minna hatte eine eigenartig singende Sprechweise.

Der »junge Härr« sprang mit einem Satz auf den Küchentisch. »Nu, wenn er Schmied gewäsen wäre, hätte er vielleicht den Landgrafen von Thüringen hartgeschmiedet.« Der Frechdachs machte der Minna ihre singende Sprechweise nach. »Oder kennen Sie etwa die Erzählung vom Schmied von Ruhla nicht?«

Die Minna hielt im Aufwasch inne. »Nu freilich, das lernt man doch schon in der Schule, wie der Schmied zu Ruhla den Landgrawen von Dieringen hartgeschmiedet hat.« Sie begann wieder ihre Töpfe zu scheuern, ohne zu merken, daß Herbert sie aufzog, daß Suse sich das Taschentuch vor den Mund halten mußte, um nicht loszulachen.

»Wie war die Geschichte eigentlich mit dem Schmied, Minna?«

»Nu, wie wird sie gewäsen sein. Der Landgraw von Dieringen, der ein gar weichmüdiger Härr war, hatte sich bei der Jagd verirrt und bat den Schmied von Ruhla um Nachtquardier. Der wußte nicht, daß es der Landgraw sei und ließ ihn eindräden. Da hörde der Landgraw, wie der Schmied bei jedem Hammerschlag zornig sprach: »Landgraw, werde hard' – und von da an wurde aus dem weichmüdigen Landgrawen Ludwig der Eiserne. Er war in Ruhla hartgeschmiedet worden.« So erzählte die Minna beim Aufscheuern.

Suse vergaß über die interessante Begebenheit Minnas drollige Sprechweise. Sie hörte gespannt zu. Herbert aber mußte jedes Ding auf die Spitze treiben.

»Minna, wenn Sie mal wieder in Ihre Heimat nach Ruhla kommen, müssen Sie auch zu dem Schmied gehen«, sagte er lachend.

»Nu, der läbt doch gar nicht mähr. Der ist doch schon viele Jahrhunderte dot.« Minna lachte mit. »Und was sollde ich da wohl, junger Härr? Ich bin doch gar nicht so weichmüdig.«

»Sie sollten sich von dem Schmied von Ruhla Ihre weichen Konsonanten hartschmieden lassen, Minna. Es heißt nämlich Thüringen und nicht Dieringen«, lehrte der Besserwisser vom Küchentisch herab.

»Nu, ich sage doch Dieringen«, verwunderte sich Minna.

Da aber platzte die Suse raus. Sie lachte – lachte – bis Minna sie ärgerlich unterbrach: »Nu, was gibt's denn da zu lachen, Fräulein Suschen? Mir scheint, Sie wollen mich alle beide zum Narren halden.«

Da kam es der Suse erst zum Bewußtsein, daß sie durch ihr Lachen verletzt hatte, und das tat ihr leid.

»Ich habe doch bloß über den Herbert gelacht, Minna. Aber dem dürfen Sie's auch nicht übelnehmen, er ist nämlich immer ein Besserwisser. Aber warum sagen Sie denn bloß Sie und Fräulein und junger Herr zu uns, Minna? Wir sind doch noch Kinder. Wir werden doch erst zwölf Jahre.«

»Aber schon in vier Wochen«, fiel Herbert ein. Er fühlte sich eigentlich der neuen Würde als »junger Herr« entsprechend und fand es unnötig, daß Suse es ändern wollte.

»Nu, man gann doch nicht wissen, ob's nicht verlangt würden dut«, meinte Minna. »Aber wenn's den jungen Härrschawten lieber ist, dann sagen wir du.«

»Nee, es ist uns nicht lieber«, erhob Herbert Einspruch. »Zu mir können Sie ruhig weiter ›Sie‹ und ›junger Herr‹ sagen, Minna. Ich bin nämlich älter als die Suse.«

»Ich denke, ihr seid beide Zwillinge«, verwunderte sich Minna.

»Sind wir auch. Aber ich bin zwei Stunden früher geboren. Sie brauchen gar nicht zu lachen, Minna. Das macht sehr viel aus.« Trotzdem Herbert die Minna ausgelacht hatte, wollte er es sich jetzt nicht von ihr gefallen lassen.

Da lachte es aber auch von der Tür her. Mutti stand im Kücheneingang. Sie hatte Herberts Worte gehört.

»Junge, bist du denn ganz und gar nicht gescheit? Willst, daß die Minna ›Sie‹ und ›junger Herr‹ zu dir sagt! Damit kannst du die ruhig noch vier Jahre Zeit lassen. Sei froh, daß du noch ein Kind bist.«

»Na, die Minna hat doch ganz von allein ›Sie‹ gesagt.« Herbert schämte sich jetzt doch ein wenig. Im Grunde seines Herzens aber war er eigentlich ganz froh, daß er noch kein junger Herr war. Da konnte man ruhig mal einen heimlichen Streifzug in die Speisekammer unternehmen. Wenn man dabei erwischt wurde, war es wenigstens nicht so peinlich.

Die neue Minna und Professors Zwillinge waren bald gute Freunde. Das Mädchen war selbst heiter, hatte kleine Geschwister zu Hause und freute sich über die Ausgelassenheit der Kinder. Diese gewöhnten sich an Minnas Sprechweise und zogen sie nicht mehr damit auf.

Die Zwillinge hatten jetzt auch andere Interessen. Die neue Schule, in die sie am nächsten Tage zum ersten Male gehen sollten, stand im Vordergrund.

»Vati, in Berlin gibt's doch auch ein Planetarium, nicht wahr?« erkundigte sich Suse beim Mittagessen.

»Freilich, Kind, es ist noch ziemlich neu.«

»Warum bist du denn da nicht nach Berlin ans Planetarium gekommen?«

»Weil der Vater in Jena ist«, erklärte Herbert, einen Thüringer Riesenkloß, das Spezialgericht der neuen Minna, auf die Gabel spießend.

»Herbert, iß manierlich«, mahnte die Mutter.

»Vatichen, liebes Vatichen, laß dich doch ans Berliner Planetarium versetzen«, bat Suse.

»Ja, Kind, das geht doch nicht so mir nichts, dir nichts. Den Platz, den man einmal eingenommen hat, muß man auch voll und ganz auszufüllen bestrebt sein. Ich kann doch nicht einfach wieder davonlaufen.«

»Aber du kannst dich nach Berlin versetzen lassen«, beharrte Suse.

»Und unser hübsches Sternenhaus, das wir mit soviel Liebe eingerichtet haben? Und dein nettes Zimmer? Das willst du alles im Stich lassen? Ich denke, du bist gern hier in Jena«, verwunderte sich auch die Mutter.

»Berlin ist auch sehr schön. Da hatten wir ja auch eine hübsche Wohnung und – – –«

»Ich weiß, warum die Suse wieder nach Berlin will«, trompetete Herbert dazwischen, nachdem er mit seinem großen Kloß fertig geworden war.

»Ach, das kannst du gar nicht wissen.«

»Weil du Angst vor der neuen Schule hast. Bloß aus Feigheit. Hach – es stimmt – sie wird ganz rot.«

»Gar nicht rot werde ich – kein bißchen rot«, behauptete Suse und sah plötzlich wie ein gekochter Krebs aus. Die Tränen standen ihr bedenklich nahe in den Augen.

»Aber, mein Herzchen, du brauchst doch keine Angst vor der Schule hier zu haben. Lehrer und Schülerinnen werden dir sicher nett entgegenkommen. Es sind viele Professorenkinder dort. Auch unterrichten in Geschichte, in Naturkunde und in deutscher Literatur Dozenten von der Universität, die ich persönlich kenne«, versuchte der Vater ihr Mut zuzusprechen.

»Um so schlimmer!« entfuhr es Suse.

»Suschen, ich verstehe dich nicht.« Die Mutter, die sonst so gut im Herzen ihrer Kinder zu lesen wußte, stand vor einem Rätsel.

»Aber ich verstehe sie«, kam Herberts Trompetenstimme wieder dazwischen. »Die Suse hat Angst, sich vor den Professorenkindern und vor den Lehrern von der Universität zu blamieren, wenn sie nichts kann. Ich muß es doch wissen, weil ich ihr Zwilling bin.«

Wirklich, er schien ins Schwarze getroffen zu haben. Als Zeichen dafür begannen Suses krampfhaft zurückgehaltene Tränen jetzt zu fließen.

»Hach – es regnet schon wieder. Wenn du immer gleich losheulst, werden sie dich alle in der neuen Schule auslachen«, prophezeite Herbert.

»Keiner wird dich auslachen, mein Mädel. Iß mal ruhig weiter«, redete die Mutter ihr gütlich zu. »Herbert, sei jetzt still und ärgere Suschen nicht. Du gehst doch in die Schule, um zu lernen, Kind. Dann brauchtest du die Schule ja gar nicht mehr zu besuchen, wenn du schon alles wüßtest. Ja, wenn es vorher noch eine Prüfung zu bestehen gäbe, wie in Italien, vor der du dich ängstigst. Aber der Direktor nimmt dich in die vierte Klasse auf. Im Englischen mußt du Privatunterricht bekommen, um das Sommerhalbjahr, das du versäumt hast, nachzuholen. Und dann werden wir ja bis Ostern sehen, ob du's schaffst oder noch mal die Klasse durchmachen mußt.«

Suse, die sich noch eben unter Muttis liebevollen Worten wieder mit dem Kloß auf ihrem Teller zu beschäftigen begann, legte entsetzt die Gabel hin.

»Sitzenbleiben soll ich zu Ostern – das ist ja eine furchtbare Schande!« Der Kloß wurde mit Tränen benetzt.

»Du sollst ja gar nicht sitzenbleiben. Aber wenn du noch nicht die Reife für die dritte Klasse zu Ostern hast, bleibst du in der vierten Klasse, damit du mitkommst. Das ist absolut keine Schande, wenn du in Italien einen andern Lehrplan gehabt hast und ein Halbjahr Englisch nachholen mußt. Nur wenn man aus Faulheit sitzenbleibt, das ist eine Schande«, erklärte ihr der Vater.

»Wenn du nach Berlin versetzt würdest, Vati, könnten wir wieder in unsere liebe Waldschule gehen. Da kenne ich alle Lehrer und alle Kinder, und dort bin ich mit Herbert zusammen in einer Klasse. Ach – wie würde sich Paulchen freuen.« Das war ihr kleiner Waldschulfreund.

»Also darum willst du wieder nach Berlin«, lachte die Mutti. »Paß mal auf, Suschen, es wird dir hier in Jena im Lyzeum noch viel besser gefallen als in der Waldschule. Du wirst gar nicht wieder fort wollen.«

»Glaube ich nicht«, meinte Suse voll trüber Ahnungen.

»Ich auch nicht«, pflichtete ihr Herbert als getreuer Zwilling bei. »Du bist viel zu schüchtern, Suse, da wird man leicht für doof gehalten.«

»Und wenn man immer mit dem Mund vorweg ist, dann gilt man als naseweis, mein Sohn. Merke dir das. Da ist mir Schüchternheit, die stets mit Bescheidenheit gepaart ist, doch noch lieber«, sagte der Vater, ernsthaft mit dem Finger drohend.

Diesmal war die Reihe an Herbert, rot zu werden.

Am Nachmittag, nachdem Suse ihre Mappe gepackt hatte, sie wußte eigentlich nicht recht, was für Bücher und Hefte sie mitnehmen sollte, da sie den Stundenplan noch nicht kannte, saß sie in traulicher Gemeinschaft mit Piccola auf dem kleinen Rosensofa.

»Du hast's gut, Piccola«, sagte sie mit einem schweren Seufzer und hielt inne, das weiße Fell des Kätzchens zu krauen. Die Mies richtete ihre grasgrünen Augen fragend auf ihre junge Herrin.

»Na ja«, fuhr Suse fort, »du brauchst morgen nicht in die olle Schule zu gehen. Wenn dich auch Bubi mal zaust, das ist noch lange nicht das Schlimmste.«

»Miau«, sagte das Kätzchen. Das konnte sowohl Zustimmung als Widerspruch bedeuten.

Im Nebenzimmer pfiff Herbert kunstgerecht. Das war auch wieder etwas, was er vor Suse voraus hatte. Trotzdem sie Zwillinge waren, und trotzdem Suse die musikalischere von beiden war, vermochte sie es nicht, eine Melodie zu pfeifen.

»Du, Herbert, weißt du, was ich wünschte?« fragte Suse über den gemeinsamen Balkon hinweg.

»Nee«, kam es nach einer Weile von nebenan. »Daß du so schön pfeifen kannst wie ich?«

»Daß morgen die Schule geschlossen wäre, wenn ich hinkomme.«

»Dann mußt du eine Stunde früher hingehen«, riet Herbert.

»Ach, ich meine doch überhaupt geschlossen – gleich für ein paar Wochen oder lieber noch Monate. Es könnte ja vielleicht Scharlach ausgebrochen sein. Wäre das fein!«

»Aber Suse, ist das wirklich dein Ernst, was du da eben gesagt hast?« Das war Vaters Stimme. Aber wo kam sie nur her? Ach, vom Balkon auf der andern Seite. Vater holte sein Fernrohr herein. Der Wind war umgesprungen und kündete Regen an. »Denke nur mal nach, was du eben Unüberlegtes geäußert hast, Kind. Sollen wirklich viele Kinder krank sein und Schmerzen erdulden, viele Eltern in Sorge um ihre Kinder, nur damit du nicht in die Schule zu gehen brauchst? Das hast du dir nicht recht überlegt. Da kenne ich mein Suschen besser.«

»Es brauchen ja auch bloß Masern zu sein«, gestand Suse beschämt zu. »Die sind nicht so doll.«

»Oder aber die Schule müßte abbrennen – es muß ja nicht gerade jemand drin sein – mit sämtlichen Extemporalheften!« Herbert brachte nun erst den Frieden.

»Ihr seid dumme Kinder«, sagte der Vater, »und wißt gar nicht, was ihr da so leichtfertig hersagt.«

Am Abend, als Minna die Betten zurechtmachte, fragte Suse: »Minna, möchten Sie morgen in die Schule gehen?«

»Nu freilich. Ich dät mich freuen, wenn ich noch mal Schulgind sein gönnte«, antwortete Minna zu Suses größtem Erstaunen. »Ich habe gern gelernt. Aber als ich vierzähn Jahr war, hieß es: Raus aus der Glasse und rein in die Gardoffeln. Da hab' ich beim Bauern auf dem Welde arbeiten müssen. Du hast's gut, Suse, daß deine Eltern dich soviel lernen lassen.«

Was, gut hat sie's noch obendrein, wenn sie morgen in die fremde Schule zu all den unbekannten Kindern mußte? Wie gern hätte sie mit der Minna getauscht!

Am andern Morgen zogen die Zwillinge bei grauem Regengeriesel zum erstenmal aus dem Sternenhaus in die Schule. Über Nacht war es Herbst geworden. Kalter Wind jagte die bunten Blätter vor den beiden her. Suse fröstelte vor Aufregung und Kälte. Sie war an den ewigen Sommer Süditaliens gewöhnt. Bubi und Piccola gaben ihnen einträchtig bis auf die Straße das Geleit. Aber als die beiden aus Sehweite waren, begann Bubi zu knurren und Piccola einen Buckel zu machen. Das war die Einleitung zu kriegerischen Feindseligkeiten.

Die Schule war nicht abgebrannt. Es schien auch keine Krankheit ausgebrochen zu sein. Denn die Schülerinnen, große und kleine, gingen alle vergnüglich schwatzend in das große Tor hinein.

Herbert, der die ängstliche Suse, trotzdem sein Weg schon früher abbog, netterweise bis ans Lyzeum begleitet hatte, gab ihr noch einen aufmunternden kleinen Rippenstoß: »Denk' ans elfte Gebot, Suse.«

»Es gibt doch nur zehn«, wandte Suse ein.

»I wo, das elfte Gebot heißt: ›Laß dich nicht verblüffen!‹«, und fort war ihr Zwilling. Denn nun war's auch für ihn höchste Zeit.

Allein, ganz allein und haltlos trieb Suse wie ein kleiner Nachen in dem großen Strom der zur Schulpforte hineinflutenden Schülerinnen einher. Da hatte das große Tor auch sie verschluckt.

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