Kitabı oku: «Oval»

Yazı tipi:

OVAL

ELVIA WILK

aus dem Amerikanischen von Julia Wolf

Das vorliegende Werk ist reine Fiktion. Sämtliche Figuren, Organisationen und Handlungen, die in diesem Roman dargestellt werden, sind frei erfunden.

Das Original erschien unter dem Titel Oval

bei Soft Skull Press, New York.

© 2019 by Elvia Wilk

Erste Auflage

© 2020 by Secession Verlag Berlin

Alle Rechte vorbehalten

Übersetzung: Julia Wolf

Lektorat: Christian Ruzicska,

unter Mitarbeit von Stela Knezevic und Jannik Schäfer

Korrektorat: Peter Natter

www.secession-verlag.com

Typografische Gestaltung: Ferdinand Ulrich, Berlin

Satz: Marco Stölk, Berlin

Herstellung: Daniel Klotz, Berlin

ISBN 978-3-96639-030-9

eISBN 978-3-96639-031-6

Für meine Freunde

Inhalt

ERSTER TEIL

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

ZWEITER TEIL

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Danksagung

ERSTER TEIL

Geraten Menschen, von denen konventioneller Weise angenommen wird, dass sie einander lieben, in Streit, wünschte ich, sie würden zueinander sagen: »Etwas weniger Liebe, bitte, und etwas mehr Anstand.«

Kurt Vonnegut

1

Nach dem Tod übernimmt die Bürokratie. Vorbereitungen für die Beerdigung müssen getroffen, Konten aufgelöst, Versicherungen ausbezahlt werden. Unbezahlte Steuern. Unbeglichene Schuld. Manche Menschen empfinden die Flut an Papierkram als eine zusätzliche, unerträgliche Verantwortung. Anderen hilft der Ansturm, ihre Trauer zu ersticken. Louis, hatte Anja entschieden, gehörte eindeutig zur letzteren Sorte.

Er redete von nichts anderem mehr als Bürokratie. Während er weg war, bestand die einzige Information, die er ihr zukommen ließ, in einer Reihe von Nachrichten, die die logistischen Vorgänge postmortem schilderten: Er war beim Anwalt, schon wieder. Er war beim Kistenpacken. Dann war er unterwegs, mehr Sprite und Kräcker für die Rentner kaufen. Emoji, Emoji. Er gab der Zeitverschiebung die Schuld, dass er keinen Moment fand, um zu telefonieren.

Das letzte Mal hatte sie seine Stimme gehört, als er sie zwei Wochen zuvor aus der Abflughalle des Flughafens Berlin-Brandenburg angerufen hatte, um ihr die Neuigkeiten mitzuteilen. Seine Mutter, tot. Seine Stimme hatte so unbekümmert geklungen, dass sie ihn gefragt hatte, ob er Witze machte. Offenbar hatte er einen Flug in die USA gebucht und war von der Arbeit direkt zum Flughafen gefahren – und all das, ohne seine Freundin vorher anzurufen. Anja war sicher, dass er unter Schock stand. Sie war es, die weinend zusammengebrochen war, als er angerufen hatte.

Er hatte ihr erst mitgeteilt, dass er nach Berlin zurückkommen würde, als er schon am Flughafen von Indianapolis war. Eine SMS mit nichts weiter als seiner Ankunftszeit und Herzchen zwischen den Ziffern.

Anja wartete auf ihn, als sein Flieger am frühen Nachmittag landete. Die Ankunftshalle mit ihrer Glasdecke fühlte sich wie ein beengtes Gewächshaus oder das Innere eines leeren Parfumflakons an, in dem ein fauliger Dunst festhing. Um sie herum fielen sich Familienmitglieder in die Arme, Erasmus-Studenten kehrten von ihren Auslandsaufenthalten zurück, Partytouristen ohne Gepäck suchten nach dem Bus, der sie bis kurz vor die Türen eines Clubs bringen würde.

Anja erschrak, wie schlecht Louis aussah, als er aus der Menschenmasse hervortrat. Sein Äußeres stand im Gegensatz zu der Nonchalance seiner Textnachrichten; er sah elend aus. Er machte keine Witze, um seinen Zustand zu überspielen, umarmte sie nur schwach, nahm ihre Hand und folgte ihr zum Taxistand.

Auf der Rückbank des Taxis lehnte er den Kopf an ihre Schulter und zeigte ihr auf dem iPad, von dem er sagte, er hätte es geerbt, ein Spiel, bei dem Früchte durch die Gegend geschleudert wurden. Das Tablet schien der einzige neue Gegenstand zu sein, mit dem er heimgekehrt war.

Der Fahrer setzte sie am Fuß von The Berg ab und entschuldigte sich: Es war zu schlammig, als dass er hätte weiterfahren können. Die Seilbahn, die sie eigentlich hinaufbefördern sollte, siechte noch immer leblos im Dreck neben dem Pfad, wo sie schon gelegen hatte, als sie eingezogen waren. Anja half Louis, seinen Rollkoffer den gewundenen Pfad hinauf zu schleppen, wuchtete ihn über größere Steine und Pfützen. Als sie schließlich beim Haus ankamen, waren sie beide durchgeschwitzt. Anjas graues Lycra-Shirt hatte Salzränder unter den Achseln.

»Wie das Ufer des Toten Meers«, sagte sie.

Louis, völlig außer Atem, stützte sich auf seine Knie. »Hintern aus Stahl«, sagte er, wie er es immer tat, wenn sie oben angekommen waren. Der vertraute Refrain beruhigte sie nicht. Er bereitete ihr Unbehagen. Ein Echo aus dem Uncanny Valley.

Während Anja nach ihren Schlüsseln wühlte, wischte Louis mit der Hand über die feuchte Holzmaserung der Eingangstür. »Sie schwitzt auch«, sagte er.

Das Haus hatte bereits kurz nach ihrem Einzug das weibliche Pronomen erhalten. Irgendwas aus einem Fernsehfilm, den Louis als Kind gesehen hatte, in dem ein Smart-Home verrückt spielt.

Anja nickte. »Hat sie schon die ganze Woche über.« Im Inneren des Hauses war es so feucht, dass sich auf allen Oberflächen Kondenswasser sammelte. Mittlerweile hatte sich das unbehandelte Holz damit vollgesogen. »Die Fensterrahmen sind zu aufgedunsen«, sagte sie. »Ich kann die Fenster nicht mehr öffnen, um die Feuchtigkeit rauszulassen.«

Er lachte. »Menopause? Aber sie ist noch so jung.«

Anja drehte den Schlüssel im Schloss und drückte die Tür mit der Hüfte auf. »Nein, sie ist nur nachtragend. Sie ist traurig, dass du weg warst.«

Es war zu heiß zum Schlafen, Anja wachte auf, bevor es draußen hell wurde, und als sie sich umdrehte, fand sie Louis ausgestreckt auf dem Bauch liegend vor. Er war nackt, hielt das Tablet in seine Armbeuge gekuschelt und stach auf Zombies ein, die über den Bildschirm trieben. Sie verließ das Bett, wischte sich das Gesicht mit einem Handtuch ab, das zusammengeknüllt auf der Kommode lag, fand ein T-Shirt, und tastete sich durch den Flur, während sie sich das Shirt über den Kopf zog. Der poröse Boden war kühl und rutschig; sie stützte sich mit dem Handballen an der Wand ab.

In der Küche kniete sie sich vor das Waschbecken und zog das Hauptüberwachungssystem hervor. Es sollte in Echtzeit die Temperaturstatistik des Hauses an die unschönen Tech-Uhren, die man ihnen gegeben hatte, übermitteln, aber die Metallverkleidung der Schublade blockierte das Signal. Sie hatten darüber diskutiert, die Verkleidung der Schublade ganz zu entfernen, um das Signal durchzulassen, doch Anja hatte sich Wirbelstürme im Inneren des Hauses ausgemalt und beschlossen, dass sie nicht selbst daran herumbasteln sollten. Der Vertrag, den sie vor ihrem Einzug unterschrieben hatte, war hinsichtlich eigenmächtiger Veränderungen an der Technik eindeutig. Schließlich hatten sie es aufgegeben, die Uhren zu tragen und auch darüber zu sprechen.

Sie spähte einen Moment lang auf die matte Anzeige und seufzte. Dann knallte sie die Schublade wieder zu, tappte den Flur entlang zurück, beinahe wäre sie ausgerutscht, bevor sie den Durchgang zum Schlafzimmer erreichte.

Sie posierte mit vorgestreckter Hüfte im Türrahmen, ein Carrie-Bradshaw-Move, den sie irgendwann mal aus Spaß vollführt hatte, der aber inzwischen seinen Bezug zum Original verloren hatte und zum Reflex geworden war. »Die Anzeige besagt, dass unter dem Bodenbelag zu viel Abfall liegt und der Kompost sich zu schnell zersetzt. Hier drinnen ist es heiß, aber der Boden fühlt sich kühl an, finde ich. Sollten wir nicht die Hitze aufsteigen spüren?«

Er lachte und tippte immer noch auf dem kleinen Bildschirm herum. »Zu viel Abfall? Du warst zwei Wochen lang ohne mich hier.«

»Ich hatte keine Probleme mit dem internen Abflusssystem. Läuft alles glatt.« Sie fuhr sich mit der Hand über die Seite ihrer Hüfte.

»Knackig.« Er drückte den runden Knopf an seinem Tablet, schob es unters Kissen unter seinem Kopf und verdrehte den Hals in ihre Richtung. »Wir können also nicht deiner Verdauung die Schuld geben?«

Sie nickte. »Ich rufe Howard in ein paar Stunden an.« Sie kletterte neben ihn ins Bett. Das Laken, IKEA blau, war an zwei länglichen Stellen schweißdurchnässt: Hüfte und Schultern. Sie vermied es, sich auf ihren eigenen Abdruck zu legen und rollte sich halb auf ihn.

Er musterte ihr Gesicht. Sie musterte seins. Er sah aus wie der liebe, normale Louis. Sie runzelte die Stirn.

»Ist alles in Ordnung mit dir?«, fragte er.

»Was?« Es wäre an ihr gewesen, diese Frage zu stellen. Sie wich einige Zentimeter mit ihrem Gesicht zurück. »Bist du okay?«

»Mir geht es gut.«

»Gestern hast du nicht gut gewirkt.« Sie hielt inne, um ihre Aussage von der Beobachtung zur Beurteilung gleiten zu lassen. Er nickte. Das war ein gutes Zeichen. Selbsterkenntnis.

»Ich war nur erschöpft«, sagte er, und zuckte unter ihr mit den Schultern. Das war kein gutes Zeichen. »Hey«, protestierte er. »Guck mich nicht so an.«

»Ich gucke dich gar nicht so an.«

»Tust du wohl, ’n bisschen.«

»Das sind bloß der Liebe heiße Strahlen.«

»Okay, verbrenn mich nur nicht.«

Sie suchte in seinem Gesicht nach Spuren der Traurigkeit vom Vortag. Gestern war Sonntag gewesen. Der Tag, an dem seine Mutter normalerweise anrief.

»Ich kann nicht wieder einschlafen«, sagte er. »Ich hab Jetlag.« Er deutete in Richtung Dusche. »Sollen wir den Tag beginnen?«

Sie setzte sich neben ihm auf und zog die Knie hoch, um die Schweißflecken auf dem Laken nicht zu berühren. »Ich verstehe nie, was du damit meinst, wenn du das sagst. Wir beginnen den Tag nicht.«

»Wer denn sonst?«

»Er beginnt einfach. Die Sonne, die kosmische Rotation.«

»Mein Tag beginnt in mir.« Er zeigte auf seinen Bauch. »Interne Rotation, der innere Kosmos.« Er stand auf und ging grinsend Richtung Badezimmer.

»Eklig«, sagte Anja. Sie lachte. »Seitdem wir in diesem Haus leben, reden wir viel zu offen über unsere Scheiße.«

Um acht Uhr morgens ging Howard nicht an sein Telefon, also schrieb sie ihm eine Mail, auf die er umgehend antwortete. Nein, vor elf werde er nicht sprechen können, aber warum komme sie auf dem Weg ins Labor nicht einfach bei ihm zuhause vorbei? Er wolle ohnehin mit ihr über die Arbeit reden. In der Zwischenzeit werde er jemanden vorbeischicken, der die Ausdünstungssituation des Hauses checken würde. Er unterschrieb seine Mail mit »Cheers« und sie konnte nicht entschlüsseln, wie sarkastisch das gemeint war.

Louis und sie tranken Smoothies am Küchentresen. Auch wenn die Küche etwas zu sehr mit ihren nützlichen Einrichtungen und innovativen Apparaturen prahlte, war sie doch bei weitem der schönste Raum im Haus. Durch die Reihe Fenster an den beiden Wänden, die nach Osten zeigten, drang genügend Helligkeit, sodass sie die meiste Zeit des Tages auf künstliche Beleuchtung verzichten konnten, und die Arbeitsflächen aus recyceltem Plastik-plus-irgendeinem-anderen-Stoff reflektierten erfolgreich die Sonnenstrahlen bei minimaler Grelle und maximaler Erhellung, wie es die Designer vorgesehen hatten.

»Lassen sie dich nicht noch ein paar Tage freinehmen?« Anja schenkte Louis Smoothie nach. Er war nochmals eingeschlafen, nachdem er geduscht hatte, und in einer anderen Zeitzone erwacht, distanziert und unbeteiligt. Jet-Lag – wenn die Seele nicht mitkommt.

»Doch, natürlich. Sie sagen ständig, ich soll noch eine Woche freinehmen, aber was sonst sollte ich mit meiner Zeit anstellen?«

»Ich weiß nicht. Schlafen? Das, was passiert ist, verarbeiten? Eine Auszeit nehmen?«

»Ich brauche Ablenkung. Und da ist gerade viel los. Ein großes Projekt steht an.«

»Bist du sicher?« Sie streckte die Hand aus und drückte seinen Nacken.

»Im Ernst, mir geht’s gut.« Er nahm die Hand. »Alles, was ich brauche, ist Small Talk, Organisatorisches, einfache Arbeiten.«

Sie lächelte. »Ein typischer Tag in der Kreativindustrie.«

»Ein einzigartiges Privileg. Die Maloche der Elite.«

Sie stellte den Mixer in die Spüle und drehte das Wasser auf, um ihn auszuspülen. Das Wasser kam in unregelmäßigen Schüben aus dem Hahn.

»Hast du schon mal richtig gearbeitet, mit deinen Händen?«

»Klar.« Er fuhr mit dem Finger über den Rand seines Glases und leckte ihn ab. »Ich habe einen Sommer lang in San Francisco auf einer Baustelle gearbeitet. Während der Uni.«

»Hast du manchmal Lust, das wieder zu machen?«

»Ständig. Ich könnte meinen idealistischen Job kündigen und mich um das Nachhaltigkeitsfiasko kümmern, in dem wir hier leben. Was Praktisches machen. Hausmann und Umweltschützer werden.«

»Und ich müsste die Kohle ranschaffen? Aber ich verdiene nicht genug.«

»Dann müsstest du eben deinen Treuhand-Fun anzapfen.«

Sie schlug auf den Hahn, für den Fall, dass er verstopft war. War er nicht. Der Wasserstrahl verebbte zu einem Tröpfeln. »Von wegen Fun. Merkst du, dass Leute wie du das immer ansprechen?«

Sie sah ihn über die Kücheninsel hinweg an. Das vertraute Geplänkel schien ihn zu beruhigen. Im Laufe der Zeit war sie zu einer Expertin geworden in diesem Spiel aus endlosen Kontern und Gegenkontern und Wortspielen, eine typisch amerikanische, spiralförmige Art der Gesprächsführung, in der das Vergnügen rein semantischer Natur und die Bedeutung einer Aussage stets ihrer Formulierung untergeordnet war.

Louis tat eine regelmäßige Dosis Geplänkel gut, und im Verlauf ihrer Beziehung, während sie das Spiel zu spielen lernte, hatte sie unerwarteter Weise festgestellt, dass es ihr auch guttat. Zunächst hatte sie es noch, typisch europäisch, für oberflächlichen Small Talk gehalten, aber im Laufe der Zeit hatte sie sich überzeugen lassen, dass das Geplänkel nicht nur harmlos war, sondern auch eine wichtige Art von Meta-Inhalt darstellte. Diese Plaudereien machten die emotionale Bindung zwischen ihnen nicht zunichte, sie verstärkten sie noch. Ihr Englisch hatte während dieses Prozesses seinen Feinschliff erhalten.

Er stand auf und legte seine Hand an ihr Gesicht, sodass sie die Wange in ihr ruhen lassen konnte. »Wenigstens weißt du, dass ich dich nicht nur deines Geldes wegen liebe, du gibst es ja nicht einmal aus.«

Sie verdrehte die Augen. Dieser alte Scherz hatte etliche Stadien durchlaufen: Provokation > ein wenig beleidigend, aber lustig > tatsächlich beleidigend, weil übermäßig strapaziert > zulässig > liebenswertes Relikt der gemeinsamen Vergangenheit. War der Rückgriff auf alte Insiderwitze eine gute Sache?

»Howard hat mich gebeten, heute Morgen direkt zu ihm zu kommen, anstatt zur Arbeit zu fahren«, sagte sie.

»Schräg. Glaubst du, ich sollte dich begleiten? Geht es um das Haus?«

»Ich glaube, es ist in Ordnung. Wahrscheinlich will er nur, dass ich eeeendlich aufhöre, mich ständig zu beschweren«, sagte sie, einen übertriebenen britischen Akzent anschlagend.

Vergnügt verließ Louis an diesem Morgen das Haus und ließ Anja zurück, die, über ihren halb ausgetrunkenen Smoothie gebeugt, auf den Boden des Glases herabgesunkene Avocadobrocken beäugte, ihr war übel. Sie ermahnte sich, nicht ständig über sein Verhalten nachzudenken. Doch er wirkte so unvorstellbar normal, dass dies nur eine Abnormalität darstellen konnte. An ihm war heute nicht die leiseste Spur von Trauer zu bemerken. Das fahle Gesicht von gestern war verschwunden, stattdessen sah er leicht verquollen aus, rotbackig und frisch. Das war unerhört, fast schon verletzend. All die schlaflosen Nächte, in denen sie sich Sorgen um ihn gemacht hatte, aus Loyalität zu ihm deprimiert gewesen war, sich im Bett gewälzt hatte. Immer wieder hatte sie ihre eigenen Eltern angerufen, um sicherzugehen, dass sie noch am Leben waren. Es war offensichtlich, dass Anja dabei war, sich etwas anzueignen, und das musste aufhören.

Scheiß auf trauermantra.com und beistandsgruppe.de, dachte sie dann – es gab sehr wohl einen falschen Umgang mit Gefühlen. Angenommen, es handelte sich bei Louis’ Verhalten nur um Getue, war es dann nicht ein sehr schlechtes Zeichen, dass er so tat, als wäre alles ganz normal? Sollte sie sich auf kranke Scheiße in der nahen Zukunft gefasst machen? Oder konnte er tatsächlich genau so sein wie vorher, wie es den Anschein machte? Was war vorher?

Ein Mal in diesem Vorher hatte Louis bei einer Dinner Party eine Geschichte nacherzählt, die er im New Yorker gelesen hatte. Der Artikel war eine Enthüllungsgeschichte über russische Gefängnisse in der sogenannten »Schwarzen Zone«, einem gesetzlosen Bereich der Strafanstalt, in der es wenig Überwachung von oben gab und die Gefangenen sich im Grunde genommen selbst regierten. In der Schwarzen Zone hatten sich strenge Sitten entwickelt, die Neuankömmlinge lernen mussten, wenn sie nicht abgestochen werden wollten. Die meisten Verhaltensregeln waren ursprünglich aus praktischen Gründen geschaffen worden, mittlerweile hatten sie sich aber zu willkürlichen Gesetzen verkehrt, deren einzige Funktion darin bestand, ein Gefühl von sozialem Zusammenhalt durchzusetzen. Zum Beispiel galt eines der größten Tabus dem Wegschmeißen von verschimmelten Brotresten. In den frühen Jahren der Schwarzen Zone, in denen Nahrungsknappheit geherrscht hatte, war es notwendig gewesen, jeden Krümel zu bewahren. Heutzutage versorgte ein florierender Schwarzmarkt die Insassen mit Champagner und Kaviar – und doch blieb das Tabu, Brot zu verschwenden, bestehen. Wer vergammeltes Essen wegschmiss, gab sich als Außenseiter zu erkennen, als jemand, der sich der Geschichte von Mangel und Entbehrung nicht bewusst war, aus der heraus sich die Regeln entwickelt hatten. In Hinsicht auf Brot, erklärte Louis, war die Kultur der Schwarzen Zone eine Kultur der Zugehörigkeit durch Wertschätzung.

So ähnlich verhielt es sich auch in Anjas und Louis’ sechs Haushalte umfassender Ökosiedlung, oder Ökokolonie, oder Kolonoskopie, einem Sortiment experimenteller Architektur, angehäuft in etwa tausend Meter Höhe am Hang von The Berg. Das Zero-Waste-Prinzip, nach dem alle Bewohner und Bewohnerinnen selbst für das interne Ökosystem und Mikroklima ihrer Häuser verantwortlich waren, wurde eher durch den internalisierten Druck imaginierter Regeln in Kraft gesetzt als durch tatsächliche Überwachung von Fin-Start Corp. Die winzigen roten Lichter der Kameras, die in jedem Zimmer blinkten, waren eine Art Hinweis auf Fin-Starts Präsenz – und die abstrakte Idee von Überwachung –, aber Anja war sich sicher, dass niemand sie tatsächlich beobachtete. Die Klausel im Vertrag war eindeutig: Hier spionierte einzig und allein ein maschinell sehender Algorithmus, dessen Aufgabe darin bestand, Anomalien und Worst-Case-Szenarios anzuzeigen. Tornados. Feuer.

Dieser Mangel an expliziten Anweisungen hatte bereits für einige Verwirrung gesorgt. Als sie frisch eingezogen waren, war Anja jeden Abend mit einem Rucksack voller Bioabfälle und anderem Müll, den sie tagsüber angesammelt hatte, den Berg hinaufgeklettert, um ihn in die Müllentsorgung zu kippen und somit dem Recyclingsystem ihren Gesamtnettomüll zuzuführen. Es war ihr Müll, egal, wo sie ihn produzierte, und sie wollte damit ehrlich umgehen. Doch der Überschuss an Verpackungen, Schalen und Taschentüchern hatte den Abfluss verstopft und die Toilette zum Überlaufen gebracht; Anja verbrauchte weitaus mehr Materie, als das Haus verschwinden lassen konnte.

»Könntest du das Zeug nicht irgendwo anders wegschmeißen?« fragte Louis sie, während er Klumpen eines übelriechenden Papierbreis aus dem Abfluss in der Küche schöpfte. Er zog einen langen, dicken Streifen blau-braunen Papiers hervor. »Was ist das, eine Einkaufstasche aus der Mall?«

»Ich habe sie nur benutzt, um meinen Müll zu transportieren. Mein Gott, ist ja nicht so, als hätte ich in der Mall eingekauft.«

Er starrte sie an, den nassen Streifen hochhaltend. »Du hast eine Tüte aus einem dieser Fast-Fashion-Läden mit nach Hause gebracht, die du nur gebraucht hast, um deinen anderen Müll darin zu transportieren, und hast sie dann in unseren Abfluss gekippt.« »Ja, stimmt. Ich habe die Tüte benutzt. Ergo ist sie auch Teil meiner Abfallproduktion.«

Er runzelte die Stirn. »Ich glaube, das mit dem Müll gilt nur, wenn du zuhause auf dem Berg bist.«

»Nein, ich glaube nicht, dass das räumlich begrenzt ist. Es geht um alles, was du, als menschlicher Konsument, in deinem täglichen Leben wegwirfst. Der Punkt besteht doch genau darin, unser Tun vollständig zu kompensieren.« Sie bemerkte, dass sie ihre Hände wie zur Betonung zusammengefaltet hatte. Ohne es zu wollen, blickte sie hoch zur Stelle über den Schränken, wo sich die Kamera befand.

»Richtig, das steht auf der Webseite. Aber alle wissen, dass wir es nur so aussehen lassen sollen, als würde das Haus funktionieren. Wir versuchen zu beweisen, dass es möglich ist, nachhaltig zu leben und nicht so ein Theater darum zu machen. Das bedeutet, dass du gerade nicht deinen Müll mit dir herumtragen sollst!«

Anja löste ihre Hände und faltete sie erneut. »Aber den Müll an einem anderen Ort zu entsorgen, ist Schummelei«, sagte sie. »Wenn das Haus nicht mit all meinem Müll klarkommt, dann haben die Designer ihren Job nicht richtig gemacht und sollten die Sache auch beheben.«

»Die haben ganz offensichtlich ihren Job nicht richtig gemacht, Anja. Nichts funktioniert in diesem verdammten Haus. Ich werde nicht jeden Tag meinen ganzen Müll heimschleppen. Das ist einfach nicht realistisch – willst du, dass ich die Verpackung von meinem Mittagessen aufhebe? Wo hört das auf? Soll ich etwa mit dem Scheißen warten, bis ich nach Hause komme?«

»Warte mal, wieso ist dein Mittagessen verpackt? Ich habe dir eine Lunchbox gekauft!«

Am Ende hatte sich Louis’ praktisches Wesen durchgesetzt, wie es das gerne mal tat. Er hatte recht: Anja konnte mit dem Scheißen nicht warten, bis sie zuhause war, und sie konnte auch nicht den Überblick behalten über alles, was sie verbrauchte. Allein der Versuch hatte zu einem ontologischen Zusammenbruch auf der Mikroebene ihres Alltags geführt. Waren Wimpern und Hautzellen gleichzusetzen mit Haargummis und Kaffeebechern? Waren Einweg-Kaffeebecher gleichzusetzen mit einem Becher, der mit Grauwasser aus dem Haus gereinigt werden musste, das hochzupumpen wieder Energie verbrauchte? Sie konnte sich nicht dazu durchringen, die Nachbarn zu fragen, wie sie die Dinge handhabten, überzeugt davon, dass alle automatisch die Regeln verstanden. Ihre Verwirrung offenzulegen, hätte geheißen, alles offenzulegen, einschließlich ihrer Zweifel.

Das war erst wenige Monate her, doch neuerdings, da immer mehr Teile des Systems verstopften oder ins Stocken gerieten, hatten die beiden angefangen, das genaue Gegenteil von dem zu praktizieren, was Anja ursprünglich getan hatte: Sie trugen ihren Müll den Berg hinunter und entsorgten ihn klammheimlich in den orangefarbenen Mülleimern am Straßenrand. Zunächst hatte Anja sich geschämt, den Hang mit einem Rucksack, vollgestopft mit einem vom Laptop plattgedrückten Bündel Müll, herunterzumarschieren, doch Louis versicherte ihr, dass sie nur taten, was von ihnen verlangt wurde: Sie verliehen der Nachhaltigkeit ein gutes, sauberes Gesicht. Irgendwann fühlte es sich genauso verantwortungsbewusst an, den Müll vom Berg hinunterzubringen, wie es sich zuvor angefühlt hatte, ihn hinaufzutragen.

2

Anja schlitterte den Hang hinab, der durch die Überbeanspruchung matschig geworden war. Er war bislang weder gepflastert oder auch nur mit Kies bestreut worden, weil Fin-Start nicht zugeben wollte, dass der Zustand des Pfades vernünftigerweise nicht länger als provisorisch bezeichnet werden konnte. Anstatt das Provisorium zu optimieren, um es während der nicht endenden Zwischenzeit funktionaler zu gestalten, wurde es ignoriert, wie zum Zeichen, dass etwas Besseres, etwas Großartiges – der bestmögliche Pfad – kommen würde.

Louis verglich diese Situation mit einem allgemeinen gesellschaftlichen Problem. Die Weigerung, eine Nichtlösung mit einer Behelfslösung zu verbessern, sagte er, sei die Geisteshaltung, die einen Großteil der Welt zu einem schlammigen Hang machte, der der Instandsetzung bedurfte. Genau diese Argumentation hatte ihn tatsächlich während seines ersten Jahres bei Basquiatt viel Zeit gekostet, der NGO, für die er arbeitete und die seiner Meinung nach einem ideologischen Glauben an große Lösungen aufsaß, die niemals erreicht werden konnten, und zwar zum Nachteil von kleinen, praktisch anwendbaren Kompromissen. »Lasst uns realistisch sein!«, parodierte er sich häufig selbst. »Was können wir heute tun, um die Lage zu verbessern?«

»Was glaubst du, warum Flüchtlingslager nie mit einer anständigen Infrastruktur ausgestattet werden?«, hatte er Anja nur wenige Tage vor seiner überstürzten Abreise in die USA gefragt. Sie hatten im Regen ihre Einkauftaschen den Hang hochgeschleppt zu ihrer Wohnung, die Oberkörper stets gegen den Anstieg gestemmt, während ihre Turnschuhe im Matsch wegrutschten; es war jämmerlich.

»Schlammige Szenen der Verwahrlosung«, rief er ihr den Berg hinunter zu, fest entschlossen, die Diskussion aus irgendeinem Grund genau in diesem Moment zu führen. Je schlimmer die Dinge in ihrer Wohnung wurden, desto stärker neigte er zu Tiraden. »Der Schlamm soll ein Zeichen sein, dass die schlimme Situation nicht ewig andauern wird, egal, wie lange sie schon andauert. Sie wollen dich glauben lassen, das Lager gäbe es nur vorübergehend, damit niemand die Verantwortung dafür übernehmen muss.« Seine Stimme wurde lauter, je weiter sie zurückfiel. »Die Lebensqualität im Hier und Jetzt«, brüllte er über die Schulter, »wird dem Ideal geopfert. Verstehst du, was ich meine?«

Natürlich verstand sie, was er meinte. »Aber dir ist schon klar, dass du The Berg mit einem Flüchtlingslager vergleichst, oder?« Damit war die Diskussion beendet.

Heute trug sie nur einige Avocadoschalen in den Taschen ihres Vinyl-Anoraks. Die ganze Wohnung glich einer einzigen heißen, geschwollenen Beule, sie traute sich nicht, irgendwas in den Abguss zu stopfen. Sie winkte einer Gruppe Elektriker in Blaumännern zu, die gelangweilt um einen Pfeiler standen, der eines der Kabel der Seilbahn tragen sollte. Sie hatten die Gondel auf einen Stapel Holzpaletten gehievt. Einer der Arbeiter warf einen Zigarettenstummel auf das bloßliegende Ende eines halb im Matsch vergrabenen Kabels, und es stieß einen kläglichen Funken aus.

Als sie ihr Fahrrad von einem Pfahl am Fuß des Hangs losmachte, sah sie, dass Louis’ Rennrad noch immer an einen Baum angeschlossen dastand. Er musste die Bahn genommen haben. Sie steckte ihr Telefon in das Ladegerät auf der Lenkstange, und checkte ihre Nachrichten. Dam hatte bereits die ersten Wetternews des Tages verschickt: 35° trocken/Lavendel/schwülheiße Westböen.

Zum Vergleich blickte sie auf die Wetter-App ihres Telefons. Höchsttemperatur 24 Grad, windstill, wolkenlos. Die Diskrepanz zwischen der offiziellen Version und der von Dam – der richtigen Version – sollte sie längst nicht mehr stören, tat es aber. Sie steckte sich Ohrstöpsel in die Ohren und begab sich auf die lange Fahrt hoch in den Prenzlauer Berg, zu Howards Wohnung. Normalerweise benötigte sie dafür eine halbe Stunde, die Länge eines Podcasts, aber heute trat sie schwerfälliger als sonst in die Pedale, bei jedem Tritt schwang sie von einer Seite zur anderen. Sie war erschöpft, und wie von Dam vorhergesagt, kam aus Westen heißer Wind. Der Himmel war blass lila, mehrere Wolkenebenen lagen übereinander, jede von ihnen eine identische, verblasste Kopie der anderen. Ebene hinzufügen. Ebene hinzufügen. Diese Ebene duplizieren. Auf Hintergrundebene reduzieren.

Mit einem Teil ihres Hirns hörte sie den Podcast, mit dem anderen dachte sie darüber nach, was jetzt wohl gerade im Labor vonstatten ging. Sie war leicht angespannt, weil sie den Vormittag dort verpassen würde. Wahrscheinlich hätte sie Howard bitten sollen, sich abends nach der Arbeit zu treffen.

In der Woche zuvor hatte die Simulation, die sie und Michel seit Wochen programmierten, endlich die Kultivierung von Zellen autorisiert. Heute war der erste Tag seit zwei Monaten, an dem sie nicht vor ihren Bildschirmen sitzen mussten, sondern winzige Dinge mit ihren wirklichen Händen in wirkliche Polystyrenschalen legen würden. Es war seltsam, sich auf einen Vorgang zu freuen, von dem sie zweifelsfrei wussten, wie er ablaufen würde. Immer und immer wieder hatten sie in Hochauflösung gesehen, wie die Routine sich vollzog; die absolute Vorhersagbarkeit der Ereigniskette war der einzige Grund, warum sie die ganze Sache überhaupt in einer Schale geschehen lassen durften.

Vor ihrem inneren Auge sah sie die Animation. Eine Zellmembran schwoll an, um an ihrer Peripherie einen neuen Fleck unterzubringen – einen verrückten Moment lang ein Ei mit zwei Eigelb – dann drängte der neue Fleck nach außen, bis schließlich der Rand der Zelle aus seiner Begrenzung ausbrach, um ein neuer, eigener Rand zu werden. Er schlüpfte bemerkenswert weit davon und rülpste sich in seine eigene, geschlossene Form – aus unmöglich wurde möglich. »Plop« sagte Michel jedes Mal, wenn sie die Duplikation auf dem Bildschirm verfolgten. »Plop-plop-plop.«

Sie tröstete sich mit der Tatsache, dass heute nicht der wichtigste Tag war. Erst morgen würde sich aus all diesen langsamen Plops eine Oberfläche bilden, die für das bloße Auge sichtbar war. Die Plops waren so entwickelt worden, dass sie sich sehr langsam vollzogen – so wuchsen sie zu einem Strang greifbarer Materie. Die Oberfläche würde zunächst durchsichtig sein und sich im Verlauf der Stunden zu einer perfekt symmetrischen Doppelwelle formen, wie die Kontur eines Gaumens, aber unfassbar glatt. Und so klein – perfekt angepasst an die Rahmenbedingungen der flachen Schale mit ihren nur 88 Millimetern Durchmesser, an die simulierte Sitemap einer simulierten Unterkunft, an das für das Gebäude vorgesehene Terrain. Gegen Ende des zweiten Tages würden die sich duplizierenden Zellen ein zartes, kleines Heim gebaut haben, indem sie Schicht auf parametrische Schicht legten, bis alles stimmte: ein vollkommen kreisförmiges, doppelbögiges Dach. Dann würde es aufhören. Knorpelgewebe in der ersten offiziellen Anwendung als Architektur. Ein perfektes, wachstumsfähiges, reproduzierbares, haltbares Dach, das Fin-Start in Form eines kleinen Bündels Zellen, die auf Kommando wachsen würden, überall in die Welt verschicken konnte. Zellen, die ursprünglich in ihrem Labor bei RANDI herangezüchtet worden waren.

Sie konnte Michel schon vor sich sehen, wie er seine Aufregung zu unterdrücken versuchte. Sie würde ihn hänseln, ihn Dr. Evil nennen, doch wenn das Ding ausgewachsen war, würden sie sich beide ein paar Minuten lang dem Eigenlob hingeben. Diese Woche würde ein Ventil bieten für all die öden Monate, die sie damit zugebracht hatten, Variablen in riesige Datenblätter zu tippen und dabei so zu tun, als wäre ihnen ihre Arbeit scheißegal. (Andererseits würden sie einander mit einigen verlegenen Blicken eingestehen müssen, dass der Erfolg einen Wendepunkt darstellte, nun waren sie verantwortlich für das, was sie bei RANDI taten. Bisher hatten sie das Unbehagen hinter Sarkasmus und Augenrollen verbergen können, aber bald würden sie sich mehr Mühe geben müssen, Gleichgültigkeit vorzutäuschen und zu behaupten, sie wüssten nicht, wo all dies hinführte. Darüber wollte sie sich nächste Woche Gedanken machen, sobald sie die kleine Formübung durchgeführt hatten, ein Nachweis der Machbarkeit, der sicher nur ein kleiner Schritt in einem Vorgang war, der erst in Jahren zur Anwendung kommen würde.)

Die Ampel an der Jannowitzbrücke unterbrach ihr Strampeln und das imaginäre Zellwachstum. Ein Schwarm Teenager in roten Kappen überquerte die Straße, für einen kurzen Moment war sie von ihnen umgeben. Drei Mädchen, die ihre Kappen verkehrt herum trugen – oh, kläglicher Widerstand! – liefen dicht hintereinander her. Es war einfach, anhand der Geometrie dieser Herde sofort das beliebteste Mädchen an der Spitze des Rudels auszumachen. Was hatte dieses Mädchen an sich, fragte sich Anja, dieses etwas reizlose, mit seinem Telefon beschäftigte Mädchen, dass es den Mittelpunkt der Gruppe bildete, das Eigelb im Zentrum der Aufmerksamkeit? Wie lautete der Faktor des sich selbst erneuernden Algorithmus, jener auffallend konsistenten Geometrie der Beliebtheit? Und wie konnte es sein, dass Anja nach all den Jahren die Antwort immer noch nicht kannte, dass sie selbst als erwachsene Wissenschaftlerin die versteckte Logik sozialer Übereinkünfte nicht verstand? Die Ampel schaltete auf Gelb, und die Gruppe eilte an ihr vorbei, angetrieben von einer Aufsichtsperson in einem roten T-Shirt. Zur gleichen Zeit übernahmen laut Podcast, der nun wieder zu ihr durchdrang, Quallen die Ozeane. In dem viel zu warmen Wasser starben andere Arten aus und überließen den Quallen den Raum, sich weiter zu vermehren. Einer dicken Steppdecke gleich breiteten sich die Quallen unterhalb der Wasseroberfläche aus, verstopften die Getriebe von Kraftwerken und blockierten den Fluss von Sauerstoff in die Tiefen des Meeres.

Howard ließ sie zwei Minuten warten, beinahe lang genug, dass sie noch einmal geklingelt hätte, eher er ihr die Haustür öffnete und sie ins Gebäude einließ. Sie wusste, dass er sie durch die kleine Kamera an der Klingelanlage sehen konnte, und fragte sich, ob er sie in aller Ruhe gemustert hatte, bevor er den Knopf drückte. Sie schleppte ihren klebrigen Körper hinauf ins Obergeschoss, auf dem Treppenabsatz hielt sie inne, um die Haut unterhalb ihrer Augen mit einem Taschentuch abzuwischen. Ein großer Teil ihrer angeblich wasserfesten Mascara war verlaufen. Schwitzen verbrennt Kalorien, hätte ihre Schwester gesagt.

Howard öffnete die Wohnungstür und drückte einen Kuss auf ihre erhitzten Wangen. Sie bemerkte einen feuchten Film auf seinem Kopf – der Kopf schwitzte, das war etwas, was sie bisher nicht für möglich gehalten hatte. Aber natürlich schwitzte ein Glatzkopf genau wie jeder andere. Sie ermahnte sich, nicht zu starren – Männer mochten das nicht – doch hier handelte es sich ja um Howard; er war seiner selbst sicher. Er war schon sehr früh kahl geworden und trug seine Glatze ohne all die Ängste jener Männer, denen das erst später im Leben widerfährt, er brachte sie nicht mit schwindender Männlichkeit oder irgendetwas anderem in Zusammenhang.

So handhabte er fast all seine besonderen Merkmale, als wären sie nebensächlich und mitnichten bemerkenswert. Wie etwa die Tatsache, dass er die einzige Schwarze Person in den oberen Rängen von Fin-Start in Deutschland war, was er nie thematisierte. Theoretisch arbeitete er in der PR-Abteilung von Fin-Start, aber Anja hatte im Laufe der Zeit verstanden, dass die Art von sanfter Macht, die er über die Jahre erlangt hatte, viel gewichtiger war, als sein offizieller Titel es erahnen ließ. Er würde nie nach London zurückziehen, so viel war klar. Er saß hier fest im Sattel. Sein tadelloses Deutsch konnte schneidend sein wie Papier.

Howard führte Anja den Flur entlang am Wohnzimmer vorbei, einem 50er-Jahre Wald aus Teakholz und Mahagoni, in die enge Küche, wo sie immer saßen. Möglichst weit weg vom Bett.

»Nur Wasser, danke«, sagte sie, als er ihr einen Becher anbot.

»Detox?«

»Ein bisschen hibbelig. Ich brauche kein Koffein.«

»Viel zu tun im Labor?«

»Ja, tatsächlich. Beziehungsweise kommt das jetzt auf uns zu. Diese Woche ist eine große Nummer.« Dabei umrahmte sie ›große Nummer‹ mit Anführungszeichen.

Ohne zu fragen, kippte er ein Päckchen Elektrolyte in ein Glas mit Wasser und reichte es ihr samt einem Löffel zum Umrühren.

»Dann ist das ja gutes Timing. Ich habe große Neuigkeiten«, wobei nun er ›große Neuigkeiten‹ mit Anführungszeichen umrahmte. »Wahrscheinlich weißt du es schon, aber Fin-Start strukturiert einige Abteilungen von RANDI um.« Sie schwieg, dann kapitulierte sie und gab mit leichtem Kopfschütteln zu, dass sie es noch nicht wusste. »Oh«, sagte er. »Naja, nun weißt du es. Sie streichen nicht den ganzen Bereich oder so, aber sie führen viele Teilabschnitte zusammen. Der Großteil von Legierungen fließt in den Allgemeinen Zukunftsbereich ein, und der Knorpelsektor geht zurück zu Biologisch abbaubare Materialen, wo er wahrscheinlich von Anfang an hätte bleiben sollen.«

Ihr Herz stockte für einen Augenblick. »Zurück zu Bioabbaubar? Da war ich vorher, erinnerst du dich, aber dann haben wir alle beschlossen, dass Knorpelgewebe eine eigene Abteilung werden sollte, weil wir aufbauen und nicht abbauen.«

»Richtig. Deine Spezialmission, du hast uns damit in den Ohren gelegen. Aber nun ist deine Mission erfüllt. Voilà.«

Sie kaute auf der Innenseite ihrer Wange herum und fummelte an den Ohrstöpseln in ihrer Tasche. Ear buds, dachte sie: Ohrknospen. Winzige Klumpen Knorpelgewebe, aus denen Ohren sprießen würden.

»Eigentlich ist es aber noch gar nicht fertig«, sagte sie langsam. »Wir haben das Ding, das wir machen sollen, noch nicht wirklich im Labor wachsen lassen.«

»Von der Wissenschaft dahinter verstehe ich nichts«, sagte er und lachte, »aber nimm es als fettes Lob von ganz oben. Scheinbar denken die, du hättest das, was du dir vorgenommen hast, erfüllt.«

»Wir kehren also dahin zurück, wo wir herkamen. Kompost.«

»Nein. Das ist die Sache. Ich weiß nicht, was mit dem Typen ist, mit dem du zusammengearbeitet hast, aber dich entlassen sie in die Freiheit.«

»In die Freiheit? Bin ich gefeuert?«

»Warum erwartest du immer das Schlimmste?« Er machte eine dramatische Pause. »Vielmehr haben sie dich direkt zur Beraterin befördert. Laboratory Knowledge Management Consultant nennen sie das, glaube ich.«

Sie schüttelte den Kopf. Das ergab alles keinen Sinn. »Nein, Howard. Ich bin nur eine Labortechnikerin. Ich habe nichts getan, womit ich sie beraten könnte.« Beraterin war kein Titel, den sie jemals für sich vorgesehen hatte, weder in der Gegenwart noch in der Zukunft. Louis war der Berater, nicht sie.

Er schien ihre Gedanken lesen zu können. »Oh, aber Louis, der hat das? Du weißt schon, dass man keine Erfahrung in der Beratung haben muss, um Berater zu werden.«

Sie biss zurück. »Louis ist für seinen Job tatsächlich höchstqualifiziert.«

Howard hob die Hände in gespielter Verteidigung. »Ich habe ja nicht behauptet, dass er das nicht ist. Ich sage nur, dass die Qualifikation nicht das ist, wofür du sie hältst. Die Qualifikation besteht darin, dass die da oben entscheiden, du kannst das.«

Sie kaute nun heftiger auf ihrer Wange herum. »Was macht ein Knowledge Manager?«

»Was immer du willst. Du erhältst eine Gehaltserhöhung und darfst von nun an allen sagen, was sie machen sollen. Setz sie unter Druck, wenn sie nicht schnell genug arbeiten. Fordere Überprüfungen an, führe Personalgespräche, schlag Umstrukturierungen vor, wenn du glaubst, dass es nötig ist. Du kennst den Drill.«

»Wie lange?«

»Weiß nicht. Vermutlich erst mal für ein Jahr.«

»Aber warum sollten sie mir meinen Job wegnehmen, nur um mich dann fürs Nichtstun zu bezahlen?«

Er hob die Hände. »So funktionieren Unternehmen. Du bist eine gewisse Zeit dabei, dann steigst du auf, wenn du Glück hast. Warum so viele Fragen?«

Sie schwenkte ihr Glas mit Elektrolyten in der Hand, ohne davon zu trinken. »Eine Frage habe ich noch: Seit wann bist du mein Boss? Das alles sollte mir jemand aus der Personalabteilung mitteilen.«

Er zuckte unschuldig mit den Schultern. »Ich habe heute Morgen mit der Personalabteilung telefoniert, habe erwähnt, dass du vorbeikommen würdest, und da meinten sie, ich soll es dir ruhig schon sagen. Du kannst sie gerne anrufen, wenn du mir nicht glaubst.«

Natürlich war Howard schon seit langem in ihren Job bei RANDI, in ihr Zuhause – in einfach alles – am Rande verwickelt. Fin-Start hatte mit all dem zu tun und ab einem gewissen Zeitpunkt war Howard zu ihrer Hauptschnittstelle zu Fin-Starts Backend geworden. Howard wusste Dinge, Howard war die Cloud, das war seine Daseinsberechtigung. Von diesem Blickwinkel aus betrachtet, konnte es nicht überraschen, dass Howard ihr diese Informationen übermittelte. Nichts änderte sich zwischen ihnen, im Grunde genommen. Aber sie konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass die Neuigkeiten, die er ihr soeben überbracht hatte, übergriffiger waren als einige der anderen Methoden, die er gefunden hatte, um sich in ihr Leben einzumischen.

»Bin ich zu unsensibel in dieser Angelegenheit?«, fragte Howard. »Du wirkst irgendwie so verhalten.«

»Ich muss darüber nachdenken.«

»Sei kein Mädchen.« Er lächelte. »Steh deinen Mann. Nimm, was dir zusteht.«

»Ich liebe es, wenn Männer mir sagen, ich soll meinen Mann stehen.«

»Ich versuche nur, dein Selbstbewusstsein zu stärken. Aber nimm dir ruhig Zeit. Die werden dir einen Vertragsentwurf zur Ansicht per E-Mail schicken. Das ist alles, was ich weiß.«

»Danke.« Sie versuchte, aufrichtig zu klingen. Schuld, Dankbarkeit: Die beiden waren immer Zwillinge. Es war an der Zeit, das Gespräch auf ein anderes Thema zu lenken. Wenn Howard sich dumm stellte, war nicht zu ihm durchzudringen.

»Meinst du, sie ziehen mich auch zur Beratung hinsichtlich meines eigenen Hauses heran?«, fragte sie. »Der Berg könnte eine Wissenschaftlerin gebrauchen.«

Howard lachte. »Das bezweifele ich. Der Berg ist sein ganz eigenes Monster. Wie läuft es zuhause? Ich vermute, darüber wolltest du eigentlich reden.«

Sie stellte fest, dass sie keinen wirklichen Grund hatte, hier zu sein, ebenso wenig wie Howard einen hatte, derjenige zu sein, der sie feuerte und neu anstellte. Weder die technischen Probleme zuhause noch ihr Job hatten offiziell mit ihm zu tun. In Wirklichkeit war sie wegen Howard selbst und seiner besonderen Mischung aus Zuneigung, Anerkennung und Autorität hier. Er würde ihren Beschwerden nachgehen, wie er es immer tat, im Gegenzug dafür erhielt er das Gefühl, dass sie auf ihn angewiesen war. Er mochte es, gebraucht zu werden, und sie bot eine Auswahl an Bedürfnissen.

»Ich wollte nur fragen, ob du irgendeine … Ahnung hast, was auf dem Berg los ist«, sagte sie. »Die Temperatur und alles andere ist völlig unberechenbar. Sämtliche Türen sind zugeschwollen. Die Leute beschweren sich bestimmt schon.«

»Nicht so häufig wie ihr beide«, sagte er und lächelte. »Hast du mal mit den Nachbarn gesprochen?«

»Mit ein paar.«

Das war eine Lüge. Anja und Louis redeten nie mit den Nachbarn. Am Anfang hatte Anja einige Nachmittage mit einem dänischen Paar mittleren Alters verbracht, beide Berater, aber die zwei waren vor Monaten in Urlaub gefahren und nie zurückgekehrt. Wenn sie es sich recht überlegte, standen mindestens drei der Häuser die meiste Zeit leer. Eines davon war zeitweise als Studio für irgendwelche Fotoshootings genutzt worden.

»Ich weiß, ihr beiden mögt das ganze Gemeinschaftsgetue nicht, aber ihr könntet ein bisschen aufgeschlossener sein.«

Ihr Telefon vibrierte in ihrer Tasche und sie warf unter dem Tisch einen Blick darauf. Louis: beileidshighlight: blumen auf meinem schreibtisch. rührender bestechungsversuch :)

Sie steckte das Telefon zwischen ihre Oberschenkel und sah auf. »Es war nie die Rede davon, dass wir in einer Kommune leben wollen.«

»Stimmt. Ich meine ja nur, das Ganze lässt sich leichter handhaben, wenn ihr miteinander redet. Jeder da oben muss mit den gleichen Problemen klarkommen. Erneuerbare Energien sind nicht narrensicher; die funktionieren nicht wie ein Uhrwerk. Das weißt du. Die Risiken stehen in eurem Vertrag.«

»Ich weiß. Tut mir leid, dass ich durchgedreht bin. Es ist nur, dass« – Kippmoment, innerer Schwindel – »wir sind gerade ziemlich gestresst.« Mit dem ›wir‹ hatte sie Louis in die Unterhaltung geholt, und der wahre Grund, warum sie hier war, kam zum Vorschein. Sie reichte Howard ihr Bedürfnis auf einem silbernen Tablett.

Wenigstens hatte sie eine Pointe, eine Bombe, die sie explodieren lassen konnte: den Tod von Louis’ Mutter. Wie schlimm das klang, wie unverhandelbar.

Doch Howard nickte bereits wissend. »Ich wollte mich nicht aufdrängen«, sagte er, »aber ich habe von Louis’ Mutter gehört, und es tut mir aufrichtig leid. Das ist wirklich schrecklich.«

Das war der schlimmste Schock an diesem Morgen – ein übergriffiger, vielschichtiger Schock. Sie hatte gedacht, es sei an ihr, von dem Todesfall zu erzählen. Erst jetzt, da ihr dieses Recht geraubt worden war, erkannte sie, wie sehr sie sich selbst an die Neuigkeit geklammert hatte. Mehrfach hatte sie sich ausgemalt, wie sie Howard die Neuigkeit feierlich mitteilen würde: Statt ›tot‹ würde sie ›verstorben‹ sagen und ihre Tränen dabei wegblinzeln. Sie erinnerte sich an den finsteren Nervenkitzel, als sie diese Worte ihren Eltern und jenen Freunden gegenüber ausgesprochen hatte, die »ein Recht darauf hatten, es zu erfahren«, an die Gewissheit, diejenige zu sein, der die Verbreitung dieser privilegierten Information anvertraut worden war.

Es vor allen anderen zu wissen, es als Erste erfahren zu haben, hatte irgendetwas bewiesen. Die Zerbrechlichkeit des Beweises, der nun auseinanderfiel, brachte die Kleinlichkeit ihres Bedürfnisses zum Vorschein.

»Wie hast du davon erfahren?«, fragte sie, und noch bevor sie die Frage ausgesprochen hatte, wusste sie, dass sie dumm war. Louis war zwei Wochen fort gewesen. Angelegenheiten wie diese waren nie ein Geheimnis. Der Tod entfaltete privaten Schmerz ins Offene.

»Ich war letzte Woche wegen einer Beratungssache bei Basquiatt drüben«, sagte er. »Es tut mir leid. Ich wollte schon früher mein Beileid aussprechen, aber wie gesagt, ich wollte nicht stören.« Natürlich wollte er stören. »Wie geht es ihm?«

»Ich weiß nicht. Ihm geht’s gut.«

»Das muss hart sein.«

»Ich weiß nicht, was er von mir erwartet.«

»Du musst einfach nur für ihn da sein.«

»Das sagen alle. Aber wo soll ich sein? Wo ist da?«

»Du weißt doch, was das bedeutet. Es heißt, präsent und aufmerksam zu sein. Er will wahrscheinlich nur zur Normalität zurückkehren.«

»Das kommt mir aber irgendwie so beschissen vor.« Sie schüttelte den Kopf. »Normal erscheint grausam in dieser Situation.«

»Vielleicht muss er verdrängen.«

»Alle wollen verdrängen! Was noch lange nicht heißt, dass das gut ist.«

»Du kannst von niemandem erwarten, dass er die ganze Zeit leidet. Er muss die unterschiedlichen Bereiche seines Lebens getrennt halten, wenn er einen Todesfall überleben will.«

»Einen Todesfall überleben«, wiederholte sie, und erinnerte sich daran, dass Howards Vater vor langer Zeit gestorben war. Sie hatten nie wirklich darüber geredet. Sie überlegte, die Unterhaltung herumzudrehen, und über Howard zu sprechen. Es würde nicht funktionieren.

»Es lässt sich nicht vorhersagen, was passieren wird, oder was er brauchen wird«, sagte Howard mit beruhigender Stimme. »Sei einfach geduldig. Die Wege des Traumas sind unergründlich.«

»Aber gibt es nicht auch universelle Dinge? Es ist ganz einfach kategorisch schlecht, wenn ein Elternteil stirbt. Selbst wenn du ambivalente Gefühle ihnen gegenüber hegst, oder sie hasst, ist es im Großen und Ganzen schlimm, wenn sie sterben.«

»Vielleicht ist es nicht für jeden gleich schlimm.«

»Wenn meine Eltern sterben würden, wollte ich, dass alle um mich herum durchdrehen, Kram verbrennen und alles zerstören.«

»Aber es ist nicht dir passiert. Es ist ihm passiert.«

Sie holte tief Luft und öffnete sich ihm völlig. »Ich weiß, dass ich nicht meine Gefühle auf ihn projizieren sollte, aber ich will nicht ahnungslos abwarten, nur damit er dann plötzlich ausrastet.«

»Vielleicht rastet er gar nicht aus. Manche Leute nehmen das Leben eben leichter.«

»Glaubst du das wirklich? Aus dir spricht das pure Privileg.«

Er zeichnete mit seinem Finger einen Kreis um sein Gesicht. Sieh mich an. Eine Minderheit.

»Ach, komm schon. Du weißt, was es heißt, privilegiert zu sein.« Sie ahmte seine Geste nach, zeichnete einen größeren Kreis in die Luft, der die renovierte Altbauküche mit dem blauen Keramikwaschbecken und der Edelstahlwaschmaschine einschloss.

»Ich will damit nur sagen, dass Louis eine eher unkomplizierte Person ist.« Die nicht gerade subtilen Sticheleien gegen Louis nahmen zu. Sie ignorierte sie. Sie hatte um Rat gebeten; sie musste das, was mit dem Ratschlag einherging, schlucken. »Du neigst dazu, dich zu sehr in das Leben von Menschen einzubringen, die dir etwas bedeuten«, sagte er. »Das ist zwar sehr liebenswert und vorbildlich, aber nicht immer gut für dich. Setzen Sie zuerst Ihre eigene Sauerstoffmaske auf.«

»In Ordnung. Das ist genug väterlicher Rat für heute.«

»Ich klinge nur wegen meines britischen Akzents so herablassend.«

»Das sagst du immer.« Sie lächelten einander an, und dann fragte sie: »Und wie läuft es mit – deinen Sachen? Hast du irgendwelche Sorgen?« Das übliche, unaufrichtige Angebot. Sie kannten beide die Dynamik, die zwischen ihnen herrschte. Sie war unausgeglichen, aber stabil. Alles, was sie über ihn wusste, war, dass er viel über sie wusste.

Er lehnte sich ihr leicht entgegen, eine kaum wahrnehmbare Geste, der kein Außenstehender Bedeutung beimessen würde, die aber eine umso intimere Botschaft übermittelte, weil sie so verkümmert war.

»Wenn du schon fragst, wir stecken momentan in einer kleinen PR-Krise«, sagte er.

»Ach ja?«

»Unter uns.«

»Okay.«

»Nicht einmal Louis geht das etwas an.«

»Ich hab’s verstanden.«

»Um ganz ehrlich zu sein«, sagte er und legte seine Fingerspitzen auf den Tisch, so dass die Hände kleine Zelte bildeten, »die Probleme mit The Berg sind nicht bloß technischer Natur.« Sie sah ihn ausdruckslos an, einen Moment besorgt, dass sie über ihre Schummelei mit dem Müll Bescheid wussten. Niemand beobachtet uns, rief sie sich in Erinnerung. Nur die stille, sich drehende Linse der Kameras. »Es ist zu internen Machtkämpfen zwischen den Architekten und den Ingenieuren gekommen, sogar die PR-Abteilung war involviert. Wegen der Unstimmigkeiten steht momentan alles still.«

»Unstimmigkeiten in Bezug auf was?«

»Sie haben sich nie offiziell darüber geeinigt, wie viel Technik es tatsächlich auf dem Berg geben soll. Einige der Architekten sind der Meinung, ihr solltet es nicht ganz so gemütlich haben. Die finden es zum Beispiel nicht sehr authentisch, dass ihr Klimaanlagen habt.«

»Aber das System zur Regulierung des Klimas hängt am zentralen Stromnetz. Das ist eintausend Prozent CO2-neutral. Das schadet der Umwelt gar nicht.«

»Ganz offensichtlich. Ich bin auf eurer Seite. Es ist immer eine willkürliche Entscheidung, was natürlich genannt wird, und was künstlich. Diese Entscheidungen sind alle symbolisch, und jede von ihnen repräsentiert eine politische Stellungnahme.«

»Aber wenn irgendjemand entscheidet, dass unsere Klimaanlage und unsere Heizung unnatürlich sind, was kommt dann als nächstes? Dann findet irgendjemand, dass sauberes Wasser fake ist, und dann findet jemand, dass auch LEDs fake sind, und dann sagt jemand, wir dürften nichts essen, was wir nicht selbst anbauen. Wer entscheidet diese Angelegenheiten eigentlich?«

»Das ist sozusagen das andere Problem. Eine Gruppe von Architekten hat gekündigt. Sie waren verärgert, dass ihre Pläne wie Vorschläge behandelt wurden und nicht wie verbindliche Vorgaben.«

»Und keiner weiß davon.«

»Daher der PR-Aspekt. Ich habe alle Hände voll zu tun, da ’nen Deckel draufzuhalten. Wir wollen nicht, dass die Leute durchdrehen.«

»Es scheint dir egal zu sein, ob ich durchdrehe.«

»Ich glaube, du kannst damit umgehen.«

»Kann ich auch. Aber was sollen wir tun? Wir können nicht ewig in diesem Haus sitzen und abwarten. Immerhin hast du uns da reingeholt?«

»Nur Geduld. Sobald die da oben ihre Entscheidungen getroffen haben, sind die Lösungen einfach. Um die Heizung zu reparieren, müssen sie, glaube ich, nur ein paar durchgetrennte Kabel wieder mit dem Herzstück verbinden, oder wie sie es auch immer nennen, dieses ZPE-Ding.«

»Du hast wirklich keine Ahnung von der Technik.«

»Nicht die geringste. Ich halte mich an die Politik. Ich meine PR.«

Ihre Schwester hatte sie damals überzeugt, die Geschichte mit Howard zu beenden. »Er projiziert irgendeine Fantasie auf dich«, hatte Eva gesagt. »Wie alt ist er, fünfundvierzig? Er will jemand ewig Junges. Er glaubt, du fändest es okay, das Mädchen für nebenbei zu sein. Er wird sich nie wirklich für dich entscheiden.«

Anja hatte nie erwartet, dass Howard sich für sie entschied – tatsächlich wollte sie ganz genau das nicht –, aber die Vorstellung, von irgendjemandem als das »Mädchen für nebenbei« wahrgenommen zu werden (neben was eigentlich?), war schlimm genug, dass sie sich überzeugen ließ, Schluss zu machen. Da sie sich nicht in der Lage fühlte, aus sich heraus die Verbindung zu kappen, gelang es ihr, sich einzubilden, dass er sie zurückwies, und damit begab sie sich hinab in den Tunnel körperdysmorpher Störungen. Sie machte sich selbst glauben, Howard befände sich auf der Suche nach irgendeinem Idealbild mädchenhafter Perfektion und jede kleine Unebenheit disqualifiziere sie. Es konnte nicht sein, dass sie an ihm romantisch gesehen vielleicht gar nicht so sehr interessiert war; nein, das war keine Option; er war eine einflussreiche Person; die Erklärung konnte nur lauten, dass sie inadäquat war.

Sie gab sich Selbstzweifeln hin, verdeckte in seiner Gegenwart ihre Arme, ihre Waden, ihre Brüste, wurde sprunghaft, und sorgte für immer peinlichere Szenen. Am Tiefpunkt ihrer Beziehung beschuldigte sie ihn, beim Sex immer nach ihren fettesten Körperpartien zu greifen. Er sagte: »Selbstverständlich, die mag ich am liebsten«, und das war dann das Ende.

Louis hingegen wurde von Eva akzeptiert. »Ich hab ein Bild von ihm im Internet gefunden«, sagte sie. »Der ist heiß. Siehst du, es hat nur einen Monat gedauert, bis du einen Besseren gefunden hast. Du solltest eine höhere Meinung von dir selbst haben.«

Anja beschloss, in diesen Angelegenheiten nicht mehr auf Eva zu hören. Sie hatte das schon oft beschlossen und war immer wieder eingeknickt, doch bei Louis gelang es ihr endlich, Eva nicht immer weiter mit Details zu füttern; Louis sollte ein heiliger Raum bleiben, frei von bohrenden Fragen. »Du musst es ernst mit ihm meinen«, hatte Eva gesagt. »Ich höre keinen Mucks von dir. Nutzt er dich aus? Ich habe gerade erst online einen Artikel gelesen, da ging es um dieses Mansplaining.«

So konnte sie nicht Evas schlechten Ratschlägen die Schuld geben, als sie und Louis nach nur wenigen Monaten in eine Krise gerieten. Es lag an ihrer Wohnsituation – an der wiederum Anja die Schuld trug. Der Schrebergarten, in dem sie illegal lebten, sollte abgerissen werden und sie hatten keine Ahnung, wohin. Sobald irgendwo tief im Inneren des Ordnungsamtes das betreffende Papier den betreffenden Stempel erhalten hatte, sollte die gesamte jahrhundertalte Schrebergarten-Kolonie zugunsten eines Apartment-Komplexes plattgemacht werden. Man konnte den Verlust des geschichtsträchtigen Erbes beklagen, noch lauter ließ sich jedoch über den Mangel an erschwinglichem Wohnraum klagen, und so war der Bau der Wohnanlage ohne großen Protest beschlossen worden.

Ihr Schrebergarten lag gerade noch innerhalb des S-Bahn-Rings, der die Grenze jenes Teils der Stadt markierte, in dem sich komfortabel leben ließ. Vor langer Zeit waren die Tausenden von Gartenparzellen als urbane Zufluchtsorte geschaffen worden, über die Stadt verteilte Naturstücke, in denen ausgelassene Kinder frei herumtollen konnten. Doch als während des Ersten Weltkriegs Nahrungsmittel plötzlich knapp wurden, verwandelte man die kleinen Gärten rasch in urbane Bauernhöfe, was einer Urbewegung des nachhaltigen Lebens gleichkam. Später, als der Krieg vorbei war, die Embargos gelockert wurden und die vom Elend erschütterte Stadt kurzzeitig sich selbst überlassen war, richteten sich die Ärmsten der Ärmsten in den Gärten ein. Hütten wurden zu Heimen, aus hausen wurde wohnen. Doch bevor es sich irgendjemand zu gemütlich machen konnte, leerte der nächste Krieg die Gärten ein weiteres Mal, überließ sie dem Wildwuchs, und zum ersten Mal in vielleicht tausend Jahren übernahm wieder die Natur.

In der nächsten Nachkriegszeit, der Ära der großen Teilung, wurden einige Gärten in der Mitte durchgeschnitten und entwickelten sich zu Portalen des Schmuggels unter dem wuchernden Grün. Schließlich fiel die Mauer, oder besser gesagt, die Mauer wurde von Tausenden von Händen und Maschinen niedergerissen, und wieder einmal verwandelte sich die Stadt in eine riesige Fläche von leeren Immobilien; die Gärten wurden wieder parzelliert und in Naherholungsgebiete fürs Wochenende umfunktioniert; die Vorfahren von Menschen wie Anja und Louis begannen aufzukreuzen. So wurde jeder winzige Garten mitsamt all seinem historischen Gepäck ein Stückchen Privatbesitz zu Freizeitzwecken. Die ganze Sache, das heißt, die ganze Stadt, bewegte sich im Kreis, die Geschichte drehte und verwickelte sich wie ein Haarknäuel im Abfluss.

Zu dem Zeitpunkt, als Anja in der Stadt ankam, waren die Mieten innerhalb des S-Bahn-Rings höher denn je und alle zentral gelegenen Schrebergärten bereits renoviert und vergeben. Nicht übersaniert wie die meisten Wohnblöcke in der Stadt, vielmehr nutzte man ihren Miniaturcharme, um sie in winzige, überteuerte Mieteinheiten zu verwandeln, die Städtern eine »Ausflugserfahrung« bieten sollten. Nur einige entlegenere Gärten jenseits der Peripherie waren immer noch verwahrlost und nicht reguliert. Anja hatte ihren Garten auf einem langen Wochenendspaziergang Richtung Süden entdeckt. Fernab von allen Bahnhöfen stieß sie auf die umzäunte Anlage aus zwölf kleinen Häusern, die durch zottelige Hecken voneinander getrennt waren und zusammen nur etwa den Platz von zwei Häuserblöcken einnahm. Die meisten dieser Hütten waren besetzt, doch drei standen leer, und eine davon hatte sogar ein anständiges Dach. Nachdem sie ein paar Mal zurückgekehrt war und herumgeschnüffelt hatte, fand sie die Frau, die die Verwaltung zu improvisieren schien, und zahlte bei ihr in bar für sechs Monate im Voraus.

Nachdem die sechs Monate um waren, mittlerweile war Louis bei ihr eingezogen, konnten sie zu keiner Entscheidung gelangen, was sie nun tun sollten. Sie waren sich einig, dass die Hütte immer unbewohnbarer wurde, der Zustand des Daches verschlechterte sich von Tag zu Tag, doch eine richtige Wohnung zu finden und zu bezahlen schien unmöglich. Strenggenommen noch immer nur als Praktikantin bei RANDI angestellt, verdiente Anja zu dieser Zeit lächerlich wenig Geld, und wollte weder ihren Fonds anzapfen noch zulassen, dass Louis den Großteil der Miete für eine neue Wohnung alleine zahlte. Louis war es egal, ob er dafür zahlen musste (mit seinem aufgeblasenen Gehalt bei Basquiatt hätte er leicht die Miete für eine neue Wohnung stemmen können), er wollte einfach nur raus aus dem feuchten, zerfallenden, dem Untergang geweihten Gartenhaus. Anja bestand jedoch darauf, dass ihn zahlen zu lassen eine ungesunde Abhängigkeit schaffen würde. Sie konnten sich nicht darauf einigen, wie der nächste Schritt aussehen sollte und bewegten sich am Abgrund einer Trennung entlang.

Das sechsseitige Einladungsschreiben, dem neuen sozio-ökologischen Wohnexperiment beizutreten, tauchte wie aus dem Nichts in ihrem Postschließfach auf. Es war in komplexem, bürokratischem Deutsch verfasst, das Louis, bevor Anja nach Hause kam, mittels Google zu übersetzen versucht hatte, was ihn, da er glaubte, es handele sich um einen Räumungsbescheid, in Panik versetzt hatte. Anja überflog die erste Seite und wusste sofort, wer für dieses Schreiben verantwortlich war.

(Howard war sich des maroden Zustands der Gartenhütte sehr genau bewusst, da er selbst ein paar Mal dort übernachtet hatte, in der Zeit vor Louis. Die Schäbigkeit hatte ihm gefallen, war sie doch ein handfester Beweis dafür, dass er Sex mit einer Sechsundzwanzigjährigen hatte. Mit ihr auf der Matratze am Boden zu liegen, hatte ihm das Gefühl gegeben, sehr weltoffen zu sein.)

Der Brief war eine protzige Demonstration seiner Großmut, deren Ausmaß allein die Geschichte mit Anja unbedeutend erscheinen ließ, und prahlte gleichzeitig mit seinem Einfluss – wie viele soziale und professionelle Hebel musste er in Bewegung gesetzt haben, um dieses Kunststück zu vollbringen? Sie verstand den Subtext nur zu gut. Howard war ein reifer Mann, der keinen Groll hegte. Er hatte ihr nicht nur eine kostenlose Wohnung zuteilwerden lassen, die aufgeladen war mit kulturellem und moralischem Kapital, sondern einen Ort, an dem sie beide leben konnten: Anja plus Louis, der Typ, der ihn ersetzt hatte. Hatte Anja etwa kleingeistige Eifersucht und Rachsucht von ihm erwartet?

Sie hatte gezögert, das Angebot anzunehmen, aber Louis hatte sich entschlossen gezeigt. Die Ökosiedlung war zu gut, als dass sie hätten Nein sagen können, ganz egal, wie die Sache zustande gekommen war. Eifersucht war kein Thema für ihn, und alles in allem, hatte Anja entschieden, war sie dankbar dafür.

3

Louis hatte die Kunst des Telefonierens noch nie beherrscht. Er klang distanziert und abgelenkt, als würde er von einem Zimmer aus anrufen, in dem ihm niemand zuhören sollte. Das war typisch männlich und nicht weiter schlimm. Anja störte sich nur noch daran, weil es sie indirekt an die Unfähigkeit ihrer Eltern erinnerte, per Telefon zu kommunizieren. Wochenlang meldeten sie sich gar nicht, waren in einem Wirrwarr aus Zeitzonen nicht erreichbar, und dann schickten sie plötzlich eine Reihe penetranter Sprachnachrichten: Alles in Ordnung bei dir??? Melde dich bitte??? Nur, um dann wieder genau so plötzlich in der Dunkelheit zu verschwinden.

Nachdem sie Howards Wohnung verlassen hatte, beschloss sie, Louis eine SMS zu schreiben, anstatt ihn anzurufen. Die Unterhaltung wollte sie sich für später aufheben, wenn er körperlich anwesend und ganz er selbst war. Aber nachdem sie ihm eine Nachricht mit einem kurzen Update geschickt hatte, klingelte sofort ihr Handy. Sie war gerade auf ihr Fahrrad gestiegen und musste den Ständer wieder herunterklappen, und als sie seine Stimme plötzlich so nah hörte, erinnerte sie sich auch daran, die Ohrstöpsel herauszunehmen.

»Das ist großartig!« Er klang, als würde er ins Telefon grinsen. »Endlich würdigen sie dich!«

Sie runzelte die Stirn. »Ist ja nicht so, dass ich herumgesessen und auf Anerkennung gewartet habe.«

»Sei nicht so bescheiden.«

»Ich bin nicht bescheiden. Ich habe nur nicht das Gefühl, dass ich schon in der Position bin, um …«

»Früher oder später wäre das ohnehin passiert. Nun ist es also früher geschehen als erwartet.«

»Aber ich habe nichts erwartet – Beraterin zu werden, war nie mein Ziel.«

»Du musst das annehmen! Das ist dein Schicksal«, sagte er lachend. »Wir werden eine Familie von Beratern sein.«

»Ich wollte eigentlich weiter forschen.«

»Du kannst weiter forschen.«

»Ich weiß nicht. Das ist richtiges Consulting. Du weißt, was ich meine. Ich bin kein Künstler wie du. Ich werde Effizienzstudien machen müssen und Revisionen und all das.«

»In jedem Job gibt es Papierkram. Du weißt doch, dass ich die Hälfte meiner Zeit mit E-Mails verbringe. Aber in der restlichen Zeit kannst du tun, was du willst. Du kannst gucken, was verbesserungswürdig ist und es einfach verbessern. Wie viele Berater hat RANDI momentan? Nur zwanzig, oder so? Das ist doch ein Riesending!«

Als er sie weiterhin ermunterte, schien sein Enthusiasmus immer weniger mit ihr zu tun zu haben. Ihr war das peinlich. Sie wiegelte die Komplimente ab und erkundigte sich, wie sein erster Arbeitstag lief. Er versprach, einen der Blumensträuße, die er geschenkt bekommen hatte, mit nach Hause zu bringen. Sein Postfacheingang war sagenhaft voll, der Rückstau scheinbar unüberwindbar; er hatte einige Praktikanten wie ein Rudel Hunde darauf angesetzt.

»Prinz lässt dich übrigens grüßen.« Prinz war also bei ihm. Oberflächlich betrachtet war das nicht ungewöhnlich; Prinz hing immer in seiner Nähe herum.

»Was macht ihr so?«

»Er hat mir gerade dieses Buch über Psychotropika gekauft, von dem er mir erzählt hatte.«

Es folgte ein Exkurs über psychotrope Substanzen, die die menschliche Erinnerung umstrukturieren konnten, wobei die Struktur des Gehirns modifiziert wurde, um durch negative Ereignisse entstandene Schäden zu heilen. Anja hätte das vielleicht interessant finden können, war aber zu beschäftigt damit, Louis gedanklich mit dieser Person in Einklang zu bringen, die ihr da freiwillig so viel am Telefon erzählte. »Prinz sagt, in dem Buch steht, dass die Leute mitunter zwanzig Jahre jünger aussehen, nachdem ihre Erinnerungen neu verdrahtet wurden. Die Geschichten sind total abgefahren.«

»Bleibt er den ganzen Tag, oder was?«

»Er wollte nur mal nach mir schauen.«

»Das ist nett von ihm.«

»Jep.«

Sie zögerte. »Arbeitest du heute länger?«

»Ich weiß nicht. Kommt darauf an, wie viel ich für dieses Projekt erledigen kann, das jetzt endlich in Gang kommt.«

»Cool.« Die Frage hing in der Luft; Anja atmete ins Handy, und übergab sie damit dem Gerät. Sie würde nicht fragen. Sie ging auf Nummer sicher. »Dann sprechen wir wohl später.«

»Prinz und ich wollten vielleicht abends was essen gehen.«

»Na klar. Viel Spaß.« Sie achtete darauf, ihren Worten keinen bitteren Unterton zu verleihen.

»Komm doch mit! Warum kommst du nicht einfach mit?«

»Mach dir um mich keine Sorgen. Ihr zwei solltet Zeit miteinander verbringen.«

Sie dachte so angestrengt über jede ihrer Antworten nach, dass sie nicht sicher war, ob sie in Echtzeit antwortete, oder ob eine wahrnehmbare Verzögerung entstand. Die Dynamik zwischen ihnen während dieser Unterhaltung war aus dem Ruder gelaufen und doch so festgefahren. Sie wusste einfach nicht, wie sie sie umleiten sollte. Ihre schlimmsten Unsicherheiten, die sich seit Ewigkeiten nicht gemeldet hatten – sein Mangel an Abhängigkeit von ihr, das Gefühl, dass er Erfüllung im gesellschaftlichen Leben suchte und nicht bei ihr, seine glatte Unverletzlichkeit –, gingen nun mit ihr durch. Warum waren sie zurück? War sie diejenige, die diese Dynamik verursachte, oder er? Oder keiner von beiden?

»Ich hatte ohnehin schon mit Dam und Laura besprochen, dass wir vielleicht zusammen essen«, log sie.

»Oh, okay. Dann vergiss es.« Es gelang ihm, leicht beleidigt zu klingen.

Sie ruderte zurück. »Ich wusste ja nicht, ob du Pläne hast …«

»Ist schon in Ordnung. Wir sehen uns heute Abend.«

Nein, entschied sie, wenn einer den Verlauf dieses Gesprächs bestimmte, dann er. Er wusste immer genau, was er tat.

Anja wusste, dass sie jammerte, und sie wusste auch, dass Laura und Dam sie nicht dafür bestrafen würden. Sie hatte nur drei Garnelen gegessen, die sie mit spitzen Fingern aus den kleinen Mais-Torvilla-Schalen zog, hatte aber den Mangel an Kalorien mit Wodka kompensiert.

»Seit er wieder da ist, scheinen all unsere Gespräche einen Subtext zu haben«, sagte sie in Lauras Richtung. »Unter Wasser lauern merkwürdige Schatten.«

»Fische«, sagte Laura. »Die gibt's in jeder Beziehung. Die Frage ist, warum du überhaupt unter Deck guckst.«

»Wie weise! Spätabends glänzt meine Schwester mit Weisheit«, warf Dam ein.

»»Schon klar«, sagte Anja. »Ich halte absichtlich nach ihnen Ausschau, als wollte ich sie unbedingt finden. Aber ich weiß, da ist ein großer Fisch im Anmarsch. Ich kann ihn spüren.«

»Wie lange ist Louis überhaupt schon wieder zurück? Vierundzwanzig Stunden? Dreh nicht durch«, sagte Laura. »Du machst alles nur schlimmer, wenn du jetzt durchdrehst.«

»Ich mache immer alles schlimmer, weil ich durchdrehe.«

Sie hatte zum Abendessen bei Laura und Dam Schutz gesucht, ohne auch nur vorher angerufen und sich angekündigt zu haben. Vielleicht war es ja ein Überbleibsel spanischen Familienlebens, dass die beiden unter der Woche fast jeden Abend zusammen aßen, Dam danach immer abspülte, Drogen nahm und irgendeinen dunklen Ort aufsuchte, den er zu erreichen hoffte, bevor die Wirkung einsetzte. Er hatte sich schon umgezogen, um auszugehen, ein schwarzer Dreiecks-BH war unter dem lose gewebten gelben Tanktop zu sehen, die kniehohen Stiefel lehnten neben der Tür, der Vinyl Trenchcoat hing über seiner Stuhllehne. Von seinem Kopf baumelten zwei lange Dreadlocks, die in der Woche zuvor noch nicht dagewesen waren.

»Weißt du«, sagte Laura, »der große Beziehungsfisch kommt irgendwann immer. Wenn es jetzt nicht der Trennungsfisch ist, wird es eines Tages der Todesfisch sein. Du kannst nur hoffen, dass der Fisch langsam schwimmt.«

»Wenigstens hast du einen Fisch«, sagte Dam. Anja registrierte, dass er gekrümmt über seinem Teller saß, mit rotem Gesicht und matten Augen.

»Trinkst du nur aus Solidarität zu mir?« fragte sie.

»Solidarität, Baby. Außerdem mache ich gerade diesen fundamental menschlichen Konflikt zwischen Vernunft und Gefühl durch.« Er warf einen Blick auf sein Handy, was er auch schon während des Abendessens ununterbrochen getan hatte. Dann schloss er die Augen und drückte das Handy dramatisch an sein Herz.

»Oh-oh. Wer ist es?«

»Federico.«

»Frederico?«

»Federico. Er ist ein fürchterlicher alter Troll. Er ist ein Frauenhasser und ich bin mir ziemlich sicher, dass er auch Rassist ist. Er ist wirklich ganz schlimm.«

»Warum willst du dann unbedingt, dass er anruft?«

Dam formte mit seinen Händen ein großes O. »Es geht um die Wurst«, sagte er grinsend. »Aber er arbeitet immer nur. Er ist auch bei Fin-Start, managt da irgendwas.«

»Wer arbeitet nicht bei Fin-Start«, sagte Laura.

»Meinst du, er könnte mir erklären, was bei denen los ist?«, fragte Anja.

»Nicht, wenn er mir nicht zurückschreibt. Sechs Stunden ist zu lang!«, rief Dam und schleuderte sein Handy durch den Raum. Es prallte an der Wand ab und landete in der Nähe des Bücherregals. Dam hechtete von seinem Stuhl darauf zu. Nachdem er ein letztes Mal seine Nachricht gecheckt hatte, schlug er es gegen die Fensterscheibe. Ein lautes Knacken war zu hören.

»Keine Sorge«, sagte er und drehte das Handy um. »Die Schutzhülle funktioniert zumindest.« Er blickte zum Fenster hinauf. »Aber das Fenster hat einen Sprung.«

Sie sprachen einen Toast auf Federico, und Dam sah ein, dass es Zeit war, ihn ziehen zu lassen. Laura stand auf, leicht schwankend, um ihr Handy in den quaderförmigen Lautsprecher beim Fenster zu stecken.

Auch wenn der Lautsprecher, magnetisiert wie in der Werbung versprochen, knapp einen Meter über dem Boden schwebte, funktionierte die Bluetooth-Verbindung doch nie, so dass sie die Endgeräte mit langen, schwarzen USB-Kabeln verbinden mussten, was den ästhetischen Effekt untergrub. Die Leinen wanden sich vom Boden nach oben zum schwebenden Dock und fütterten das Mutterschiff mit Inhalten.

»Nur ein weiterer Beweis, dass alle Vergangenheit Prolog ist«, sagte Laura, und fummelte an dem Kabel herum, bis ein stotternder Laut zu hören war. »Kennt ihr diesen Mix von Koolhaas schon?«

Anja schüttelte demütig den Kopf. Die Art und Weise, wie Laura gefragt hatte, ob sie den Mix kannte, nicht den Produzenten, machte eindeutig klar, dass sie etwas verpasst hatte, einen Fetzen kultureller Materie, der für sich allein unbedeutend war, aber in Kombination mit einer ganzen Menge anderer Dinge, die sie nicht wusste, zum Problem werden konnte – und sie damit zu einer Person, die sich nicht auskannte.

Anja gab nicht vor, von etwas Ahnung zu haben, wenn dem nicht so war. Zwar war ihr irgendwie bewusst, dass ihr andere Optionen offenstanden, als ihr Unwissen preiszugeben, aber sie machte selten von ihnen Gebrauch. Sie gab automatisch nach, wenn ihr Wissen zu einem Thema in Frage gestellt wurde, nicht gewillt, abzulenken oder zu lügen. Sie hoffte, dass dies mitunter den Effekt hatte, die Frage irrelevant werden zu lassen, aber ihr war klar, dass es sie meistens eher naiv wirken ließ.

»Wirklich? Noch nie gehört?« Laura gab ihr eine weitere Chance.

»Wirklich.«

»Ich kenne Koolhaas auch nicht«, sagte Dam. Er zwirbelte seine Dreads zwischen den Fingern und machte einen Schmollmund. Anja bemerkte ein glänzendes Drachentattoo, das sich an der Seite seines Halses hinaufschlängelte. Es war letzte Woche auch noch nicht dagewesen.

»Du bist doch derjenige, der jeden Abend feiern geht«, sagte Laura. »Du solltest dich eigentlich mit Musik auskennen.«

Dam öffnete seinen Mund und streckte Laura die Zunge heraus, dabei präsentierte er eine halb gegessene Garnele.

»Ja, wir sehen dein Essen«, sagte Anja. Sie erhob sich, um auf Lauras Handy nachzusehen, wie der Mix hieß, damit sie ihn später suchen konnte, doch das Kabel von Dams MacBook legte sich wie eine Schlinge um ihren Knöchel, und der Schwanz des Kabels verfing sich an dem winzigen Haken, der das Aufwickeln, Packen und Reisen erleichtern sollte: Serras Verbliste für das digitale Zeitalter. Sie stolperte und fiel, Hände ausgestreckt, das Handgelenk nach unten gedrückt, um den Sturz abzufedern, die Knie und Knöchel verdreht, und riss den Lautsprecher aus seiner kalibrierten Position in der Luft. Der Lautsprecher ging mit ihr zu Boden, knallte dumpf auf und hüpfte sofort wieder nach oben an seinen Platz.

»Scheiße«, sagte Dam und stürzte auf sie zu. »Das tut mir so leid, Babe.«

»Ich sage dir ständig, dass du dein Kabel nicht so rumliegen lassen sollst«, schimpfte Laura.

Anja lachte. Ein Bluterguss kringelte sich um den Knöchel ihres linken Handgelenks. Sie sah ihn zärtlich an. Der Sturz hatte sie mit seiner unfreiwilligen Komik aus ihrer schlechten Stimmung gerissen, und sie war froh, dass sie das lilafarbene Komma daran erinnern würde, nicht alles so verdammt ernst zu nehmen. Einen einzigen Ausrutscher, mehr brauchte es nicht. Sie sollte besser darin werden, sich treiben zu lassen, sich den Gezeiten anzupassen.

»Wisst ihr was? Eins habe ich euch noch gar nicht erzählt«, sagte sie, stand auf und humpelte zum Sofa. Die Geschwister sahen sie an, Dam kniff die Augen zusammen. Sie waren alle viel betrunkener, als sie gedacht hatte. Sie fühlte, wie sich Dankbarkeit in ihr breitmachte, die beiden zu haben – die einzigen Leute, die sie in Berlin kannte, die genetisch aneinander gebunden waren. Von all ihren Beziehungen in Berlin kam jene zu den Geschwistern einer Familie am nächsten, weil die beiden miteinander familiär verbunden waren. Sie waren ein Fiasko, aber sie waren ihr Fiasko. Wer konnte schon sagen, warum die beiden Anja überhaupt in ihre Herde aufgenommen hatten, aber einmal drinnen, hatte sie dort ihren festen Platz.

»Ich bin heute gefeuert worden«, verkündete sie und ließ sich auf das Sofa fallen. »Aber dann wurde ich umgehend wieder eingestellt. Ich bin jetzt Beraterin. Ta-da …«

»Ist das gut?«, fragte Dam. Er setzte sich zu ihr aufs Sofa. »Ich kapier’s nicht.«

»Ich war mir erst unsicher, aber ja, vielleicht ist das gar nicht so schlecht.«

Er küsste sie auf die Wange und flüsterte, »du bist ganz schön krass, weißt du das?«, dann ließ er seinen Kopf in ihren Schoß gleiten und schloss die Augen.

»Bei was sollst du sie denn beraten? Was ist dein Fachgebiet?«, fragte Laura.

»Das ist nicht ganz klar. Howard sagte …«

»Howard?«

Eva war nicht die einzige, die vehement gegen Howard war. Anja hatte in Lauras Hass ihm gegenüber eine Art Schutzinstinkt ausgemacht, und versuchte, das Gefühl dahinter wertzuschätzen, auch wenn Laura ihre Sorge um Anja meist als Anklage formulierte.

»Frag nicht. Es war ein sehr schräger Morgen. Ich habe jedenfalls vom Labor aus die Personalabteilung angerufen, und die sagen, sie wüssten auch nicht, was da los ist, dass es aber stimmt.« Die Frau aus dem Personalbüro hatte ebenso verärgert wie verwirrt geklungen, so dass Anja sich gefragt hatte, ob überhaupt irgendjemand die Gründe für diese Veränderungen kannte. »Klingt jedoch so, als wäre mein neuer Job Bullshit. Hier, ich zeig’s euch, schmeiß mir mal mein Handy rüber.« Laura warf Anja ihr Handy zu und Anja fing es auf. Sie öffnete ihre Mails, scrollte hinab zur Nachricht der Personalleiterin und lud den Anhang herunter.

»Hört euch das an, das ist mein Vertrag. ›Die Beraterin wird ihre bestmögliche Expertise auf dem entsprechenden Gebiet zur Verfügung stellen. Die Beraterin wird niemals Wissen zurückhalten, das als anwendbar erachtet werden könnte.‹ Punkt. Wissen, das als anwendbar erachtet werden könnte. Das ist ein eigener Abschnitt! Anwendbar auf was? Und hier, weiter unten. ›Die Beraterin wird sich bezüglich der Entwicklungen im Feld der Biowissenschaft auf dem neuesten Stand halten‹. Die haben die Bezeichnung des Feldes in einem anderen Schriftsatz ausgefüllt. Das ist ein Standardvertrag. Der wurde wahrscheinlich automatisch generiert.«

»Darfst du überhaupt daraus vorlesen?«, fragte Laura.

»Gute Frage. Am Ende kommt ein langer Abschnitt zu Vertraulichkeit, aber so weit bin ich noch nicht.«

»Es kommt mir total fahrlässig vor, dass sie dir das gemailt haben.«

»Stimmt.«

»Ist das Beschiss?«

»Keine Ahnung.«

»Würden die versuchen, dich um den Job zu prellen?« Wieder ihr Schutzinstinkt, verpackt in eine Anklage, als müsste Anja besser auf sich achtgeben. »Was ist mit dem Typ, mit dem du arbeitest, wurde der auch befördert?«

»Michel? Keine Ahnung.« Michel hatte ihr seit dem Morgen Textnachrichten geschickt. Sie hatte noch nicht geantwortet, unsicher, was sie sagen sollte. Es erschien ihr besser, ihn zu meiden, bis sie die Sache selbst durchdacht hatte. »Keine Sorge, ich habe den Vertrag schon an die Anwältin meiner Familie weitergeleitet. Sie wird mir sagen, ob da irgendwas faul ist.«

Laura nickte, beschwichtigt, weil Anja sicherstellte, dass sie nicht über den Tisch gezogen wurde. Anja lebte nicht wie Laura in der Wahnvorstellung, alle würden sie immer nur ausnutzen wollen, fürchtete aber immer, Laura könne schlecht von ihr denken.

»Das erinnert mich an eine Folge von Celebrity Court, die ich vor Kurzem gesehen habe«, sagte Laura. »Wollen wir sie uns anschauen?«

»Nicht heute Abend. Ich sollte wahrscheinlich nach Hause fahren, falls Louis von seinem Treffen mit Prinz zurückkommt.«

»Ich schick dir den Link.«

»Findest du das armselig?«

»Was bitte soll an Celebrity Court armselig sein?«

»Nein, das mit Louis. Sollte ich ihn nicht einfach anrufen und fragen, ob er okay ist, anstatt mir solche Sorgen zu machen?«

»Verstehe ich nicht. Wenn du dir solche Sorgen machst, warum rufst du ihn nicht an?«

»Ich will mich nicht komisch verhalten. Er verhält sich so normal. Er tut so, als wäre alles wie immer, und ich glaube, er erwartet von mir, dass ich das auch tue. Ich will nicht die Illusion zerstören.«

»Dann tu doch einfach eine Zeitlang so als ob und warte ab, wie das läuft. Hetz ihn nicht.«

»Projiziere ich meine Unsicherheiten auf ihn?«

»Definitiv. Lass ihn sein Ding machen. Trauer ist nicht ansteckend. Du hast keinen Grund, Angst zu haben.«

Anja dachte einen Moment lang darüber nach. Wie schräg. Angst, das war es.

»Was auch immer sonst da gerade los ist, er liebt dich«, sagte Laura. »Er ist eine wahnsinnige Nervensäge, aber offensichtlich liebt er dich.«

»Oh«, Anja lächelte, ohne es zu wollen. »Ja, nehme ich mal an. Danke.«

Sie schüttelte Dams Arm, und seine Augen öffneten sich einen Spaltbreit. Aus ihrem Schoß sah er sie an. »Dam, gehst du heute noch aus, oder was?«

Er runzelte die Stirn. »Zum Teufel, nein. Ich verlasse das Haus nicht. Hast du nicht bemerkt, wie neblig es heute war? Ein seltsamer Geruch liegt in der Luft. Ich traue der Sache nicht.« Er fand sein Handy in der Tasche seiner Cargo-Hose. »Ich sollte wahrscheinlich jetzt ein Update verschicken.« Ohne auf den Bildschirm zu blicken, begann er zu tippen.

»Wie kannst du eine Wettermeldung verschicken, wenn du nicht mal draußen warst?«

Er verdrehte die Augen. »Intuition. Gerüchte. Den ganzen Tag lang schicken mir Leute aus der ganzen Stadt Neuigkeiten. Ich konsolidiere das nur. Wie dem auch sei«, sagte er und lächelte, »ich habe keine Lust, heute auszugehen und ich will nicht, dass irgendjemand ohne mich feiert. Da kann ich sie ebenso gut mit meiner Vorhersage ein bisschen erschrecken.« Er warf Laura einen Blick zu, die ihren Stuhl zurückgekippt hatte und nun an der Wand lehnte. Den obersten Knopf ihrer Hose hatte sie geöffnet und rieb sich den vollen Bauch. »Laurita, sieh dich nur an. Du benimmst dich genau wie Mama, wenn sie zu viel gegessen hat. Mach die verdammte Hose zu.«

hitzewelle trocken / modergeruch / tipp: behaltet eure paranoia besser für euch

Keine Spur von Louis, als sie gegen Mitternacht die Tür aufwuchtete. Dafür Spuren anderer Leute, nahe dem Waschbecken waren einige matschige Fußabdrücke auf dem Küchenboden zu sehen. Offensichtlich hatte Howard jemanden überzeugen können, den Berg hinaufzustapfen und so zu tun, als würde etwas repariert. Aus der Schublade mit dem Kontrollset ragten die nackten Enden einiger Kabel. Sie hatten nur Chaos angerichtet: die Illusion von Fortschritt. Sie huschte aus der Küche, entschied zu schlafen, oder so zu tun, bis Louis nach Hause kam.

Sie war daran gewöhnt, dass er spät aus seinem Atelier bei Basquiatt zurückkam. Niemand zwang ihn, Überstunden zu machen, aber wenn er nicht leidenschaftlich genug war, um länger zu bleiben, warum hatte er den Job dann überhaupt? Sie fragte sich, ob sie nun im selben Boot saß, eine Beraterin ohne feste Arbeitszeiten. Aber sie war nicht er. Er war immer schon so gewesen.

Basquiatt war keine große NGO, und sie stellten immer nur einen Künstler-Berater ein – neben so vielen Freischaffenden, oder kurzfristig Angestellten wie für ein bestimmtes Projekt benötigt –, also musste der Auserwählte ein echter »Querdenker« sein. Genau das war Louis.

Sein Job bestand aus zwei Aufgaben: Pressewirksame Experimente am Rande der eher traditionellen Grenzen des Unternehmens zu generieren, und im Verlauf dieses Prozesses die Unternehmenskultur zu verbessern und die Unternehmenswerte von innen heraus zu stärken. Er sollte nicht an einem konkreten Projekt in einer konkreten Region herumspielen – etwa Städteforschung in Lagos oder Impfkampagnen auf den Philippinen –, er sollte nicht an diesem oder jenem Ort die Welt verbessern, sondern Basquiatt verbessern und somit Basquiatt helfen, die Welt zu verbessern. Er zeigte der Institution neue Wege des Denkens auf, und brachte ihr bei, ihre eigene Institutionalität kritisch zu hinterfragen. Durch seine bloße Anwesenheit sorgte er dafür, dass die Institution hip und frisch blieb. Seine Kreativität war Mittel und Zweck zugleich.

Seinen elitären Status erhielt Basquiatt durch einen strengen Auswahlprozess für Investoren aufrecht. Aktien wurden nicht öffentlich verkauft, sie wurden gezielt Investoren angeboten, die für ihr ethisches Handeln bekannt waren und sich bereit erklärten, mehrere Prüfungen zu durchlaufen, bevor es ihnen gestattet wurde, Anteile zu kaufen. Alle paar Jahre kam es zu einem Skandal, wenn ein Basquiatt-Aktionär sich als geheimer Waffenlieferant oder Geldwäscher entpuppte, aber das Aussortieren fauler Äpfel war nur Teil der Routine, die nötig war, um den generellen Eindruck von Unverdorbenheit aufrechtzuerhalten. Jeder Apfel hatte einen Wurm oder zwei, am besten entlarvte und verbannte man sie mit so viel Pomp wie möglich.

Anja fand das neue Tablet unter Louis’ Kissen und fuhr mit dem Finger über den Bildschirm, um es zu entsperren. Sie wischte durch die geöffneten Seiten, Spiele und noch mehr Spiele, und wertete es als gesundes Zeichen, dass Louis es hier liegen gelassen hatte, um sich anderen Aktivitäten zuzuwenden. Dann erinnerte sie sich daran, dass er mit Prinz unterwegs war. Wahrscheinlich hatten sie noch andere Leute getroffen und waren in eine Bar gegangen. Sie hätte mitgehen sollen, aber sie fühlte sich körperlich zu schwach. Louis’ Lungen hielten dem gesellschaftlichen Passivrauchen besser stand als ihre. Wenn sie länger als ein paar Stunden in einer verrauchten Bar saß, bekam sie immer gleich eine Nebenhöhlenentzündung. Berlin, der letzte Ort auf diesem Planeten, an dem noch geraucht werden durfte.

Automatisch öffnete ihr Finger das E-Mailprogramm auf dem Tablet. Als sie sah, wie Louis’ gesamtes Leben sich vor ihr entfaltete, setzte sie sich auf. Ihr Finger schwebte in der Luft, unentschlossen. Sie horchte in sich hinein, suchte nach einem wirklichen Verdacht, dem Verlangen, zu wühlen. Er hatte das Ding zuhause gelassen – ohne es durch ein Passwort zu sichern –, weil er nichts zu verbergen hatte. Und was sollte sich denn schon in dieser Maschine verstecken? Der kleine goldene Schlüssel zu seinem Seelenzustand? Das Passwort, damit sie sich völlig sicher fühlte in ihrer Beziehung?

Wenn es kein Geheimnis gab, gab es auch keinen Grund, nicht durch die Nachrichten zu scrollen. Sie sahen sich ständig die Nachrichten des anderen an. Das war echte Intimität.

Sie beschränkte sich auf ein beiläufiges Stöbern in den Betreffzeilen. Jede Menge interner Basquiatt-Mails. Er hatte sich alle unsensiblen E-Mails an seine private Adresse weitergeleitet. Es war sinnlos, Arbeit und Leben künstlich voneinander getrennt zu halten.

Re: treffen mittwoch

PRESSEMITTEILUNG eilt :)

Mein Beileid

Davon gab es einige, von Basquiatt-Mailadressen und anderen. Fühl dich umarmt. Komm zu Kräften.

Da waren viele Nachrichten von Prinz, meist ohne Betreff, wahrscheinlich Memes. Eine hätte sie beinahe geöffnet, sie stammte von einer Adresse, die aussah wie die einer Anwaltskanzlei. Nächste Schritte: Erbschaftssteuer. Über das Erbe hatten sie kaum gesprochen. Sie wusste nur, dass die Vermögenswerte unbedeutend waren.

Eine ungeöffnete E-Mail von diesem Nachmittag ließ sie mit dem Finger in der Luft erstarren: 16:00 howard@fin-start-pr.de. In ihrem Postfach war diese Adresse ein gewöhnlicher Anblick, hier aber wirkte sie fremd. Sie hockte dort zwischen den anderen ungelesenen Nachrichten wie in einer Reihe reifer Kirschen im Spielautomat.

Die Betreffzeile verriet nicht viel: Feedback.

Ihr Handy bimmelte und ihr Herz machte einen Sprung. Louis, er war auf dem Weg nach Hause. Sie atmete tief aus, schloss alle Apps und schob das Tablet wieder unter das Kissen zurück.

Sein Kissen, der Abdruck seines beeindruckenden Kopfes darauf. Sein Kopf auf seinem Kissen in ihrem Bett. Das extrabreite Bett, das einem zustand, wenn man zusammenlebte. Anja wusste, dass sie nur ein Paar von vielen waren, das sich in das Nest seiner Intimität kuschelte, überzeugt davon, dass es einzigartig war, wo es doch auf der ganzen Welt Leute gab, die sich wie sie selbstgefällig aneinander klammerten, völlig identisch in ihrer Einzigartigkeit. Als Paar zusammenzufinden und zu leben war die normativste Angelegenheit der Welt. Man konnte unmöglich sagen, ob man diese Lebensform annahm, weil sie einfach zur Verfügung stand, oder weil man es wirklich wollte. So oder so war es eine fundamental gewöhnliche Art zu leben.

Und doch hatte sie immer vermutet, dass sie beide wirklich etwas Besonderes waren, weil Louis etwas Besonderes war. Louis’ Verlangen, Gutes für die Welt zu tun, rang stets mit seinem Wunsch nach Erfolg um jeden Preis – ständig drohten diese beiden Begehren sich zu vermischen, aber ihr gegenüber konnte er Letzteres nicht mit Ersterem verschleiern; sie ließ ihn seinen Ehrgeiz nicht mit moralischer Tugendhaftigkeit kaschieren. Ihre Aufgabe war es, ihn daran sanft zu erinnern, ihm den Selbstbetrug zu verwehren. Es war ihre Liebe, die ihn zur Verantwortung zog, und das war wichtig.

Was er für sie tat? Ganz einfach: Er nahm den Druck von ihr, irgendetwas darstellen zu müssen. Sie war aus der Verantwortung genommen. Sie musste ihren Reichtum nicht zur Schau tragen, nicht aufgeschlossen tun, nicht vorgeben, eine große Vision für die Welt zu haben. Das konnte sie alles an ihn auslagern. Sie konnte ihre Zeit unter dem grellen Licht des Labors im Keller verbringen, tief unter der Erde, in Gesellschaft von gerinnendem und sich abspaltendem Zellmaterial, und sichergehen, dass er an ihrer statt eine hervorragende Performance lieferte, oben, an Land. Und wenn dieses Arrangement nun zufälliger Weise im Einklang mit traditionellen Geschlechterrollen stand, so war ihr das egal. Mitunter entsprach das Stereotyp der Wahrheit. (Aber ist er Feminist?, hatte Laura einmal gefragt, mit hochgezogener Braue. Anja hatte gelacht. Was bedeutete das überhaupt?)

Sie betete ihn nicht an, und sie hielt ihn auch nicht für perfekt – ihm mangelte es an wesentlichen Fähigkeiten, das konnte jeder sehen. Wie zum Beispiel Zeitmanagement. Oder auch die Fähigkeit, nach seinen eigenen Urteilen zu handeln, etwa indem er Leuten offen widersprach, mit denen er nicht übereinstimmte. Aber niemand war vollkommen. Wo er unterentwickelt war, war sie überentwickelt, und anders herum, ergo passten sie zusammen.

Die kleinen Momente ihres gemeinsamen Lebens – das Rauschen des Badezimmerradios, die Art, wie Louis sich schüttelte, nachdem er geduscht hatte, das Kondenswasser auf der Innenseite der Schlafzimmerfenster am Morgen, verursacht durch die Hitze ihrer schlafenden Körper, Anja, die einen orangefarbenen Aufkleber von einer unreifen Birne knibbelte, die präzise Art von Chaos, das Louis hinterließ (in dem alles seinen Platz hatte, auch wenn es so wirkte, als flögen die Dinge nur so durch die Gegend), das Glas Wasser, das sie immer neben das Bett stellte, die grünen Sitzkissen auf der Veranda, auf die das Sonnenlicht in Streifen fiel, Louis, der die Kletterpflanze goss, die an der Rückseite des Hauses hinaufrankte. Louis, der sich ein Video mit einer Anleitung ansah, wie man ein Spannbetttuch faltete – diese Momente waren heilig und bedeuteten mehr als nur die Summe ihrer Teile. Als eine Untermauerung der grandiosen Möglichkeiten ihrer Leben – seines Lebens – in der Öffentlichkeit, was konnte heiliger sein als die Alltäglichkeit ihrer Liebe?

4

Morgens wachte sie meist mit Nackenschmerzen auf. Die symmetrische Verspannung war stets präsent, verkrampfte auf beiden Seiten der Wirbelsäule die Muskulatur am Übergang vom Hals zur Schulter. Sie konnte spüren, wie das Stützgewebe gegen die Knochen aufbegehrte. Dieser morgendliche Schmerz war schon immer dagewesen, schon vor Louis, vor Howard, lange bevor sie mit irgendwem das Bett geteilt hatte. Sie hatte sich nicht richtig entwickelt, etwas fehlte in der Versorgungskette ihrer Wirbelsäule, die den Schädel stützte. Ihrer Konstruktion mangelte es an Sorgfalt. Das war eine Tatsache.

Für gewöhnlich machte sie nach dem Aufwachen, während Louis noch schlief, einige Dehnübungen auf der Yogamatte, die stets ausgerollt am Fußende des Bettes lag.

Als sie an diesem Morgen wach wurde, erblickte sie ihn jedoch schon selbst auf der Matte, wo er irgendwelche abgewandelten yogaähnlichen Bewegungen ausführte. Sie ließ ihren Kopf über die Bettkante hängen, drehte ihn so, dass sie zusehen konnte, wie er sich nach vorne lehnte und versuchte, seine Ellbogen in das Dreieck seiner Leistengegend zu manövrieren.

»Als ich klein war, hat meine Schwester immer gesagt, wenn ich meinen eigenen Ellbogen lecken könnte, würde ich mich in einen Jungen verwandeln«, sagte sie. Er zuckte zusammen und blickte auf, aus irgendeinem Grund überrascht, sie zu sehen.

»Und, hast du es geschafft?«

»Nö.«

»Vielleicht sind all diese Versuche von damals schuld an deinen ewigen Nackenschmerzen.«

Manchmal massierte er ihr den Nacken, was eher emotional als körperlich half. Sie überlegte, ihn darum zu bitten, da sie sich heute besonders gerädert fühlte, aber er war auf der Matte damit beschäftigt, seine Unterarme tiefer in seinen Schritt zu zwingen.

Im Badezimmer stellte sie das Radio über der Toilette an, bevor sie den Duschkopf aufdrehte, um der Schwerkraft, dem morgendlichen Feind, zu erlauben, die Blase des gesammelten Regenwassers langsam in einem schauerartigen Nieseln zu entleeren. Aus dem Radio erklang eine heitere Stimme. Beruhigende Wetterworte. Tagsüber meist sonnig, windstill, Sonnenschauer am Nachmittag. Völlig unglaubwürdig und fern jeder Realität. Sie konnte sich nicht mehr erinnern, wann sich die Diskrepanz von akzeptablem Fehler zu eklatantem Widerspruch ausgeweitet hatte. Dam war der Meinung, die Ungenauigkeit aller offiziellen Wettervorhersagen war kein Zufall, sondern eine handfeste Verschwörung riesigen Ausmaßes. Er konnte sich nur nicht entscheiden, wessen Verschwörung. Mitunter waren es die Nachrichtensender, manchmal die Internetprovider, dann wieder die Stadtverwaltung. Anja tat sich schwer damit, genügend Paranoia aufzubringen, um sich hinter eine seiner wechselnden Hypothesen zu stellen, aber es fiel ihr auch nicht leicht, eine andere, weniger unheimliche Erklärung zu finden. Dam war nicht der einzige, der darüber spekulierte; es gab viele andere, die bis tief in die Nacht auf Reddit Theorien austauschten. Es hatte etwas Bemitleidenswertes, die Bedeutung des Lebens an das geliehene Gerüst einer Verschwörungstheorie zu hängen, aber Dam verlieh der Sache eine gewisse Poesie. Sie erinnerte sich an sein Update vom Abend zuvor: Wohlwollende Wolken, stille Gewässer / Ungeheure Dankbarkeit / 30º

Sie wechselte den Sender zu NPR. Das war nach den Dehnübungen der zweite Teil ihres Morgenrituals. Louis sagte, die Englisch sprechenden Stimmen erinnerten ihn an morgendliche Autofahrten zur Schule und erfüllten ihn mit Nostalgie für ein gewisses neoliberales amerikanisches Lebensgefühl, das im Verschwinden begriffen war. Der Klang von NPR war wie eine Flaschenpost aus der Heimat, verfasst von jemandem, der nur auf den Inhalt der Botschaft hätte achten müssen, um zu wissen, dass das Medium ihrer Übermittlung schon längst seine Berechtigung verloren hatte. Und dennoch plauderten die Stimmen weiter in zweiminütigen Nachrichtenbeiträgen, selbst hier in Europa, und versicherten ganzen Generationen von Expats, dass die Vormachtstellung der englischen Sprache andauern würde und dass im Namen der Sendung All Things Considered alle Ansichten zumindest in Betracht gezogen werden würden, ganz gleich ob diese Ansichten nun wahr waren oder nicht. Nostalgie an sich ist nicht unmoralisch, hatte Louis zur Verteidigung seines Senders gesagt.

Das Wasser war lauwarm und roch irgendwie seltsam. Anja duschte nur kurz und widmete sich Teil drei der morgendlichen Routine: Mit dem Finger malte sie einen Smiley auf den beschlagenen Spiegel. Sie zeichnete ein Gesicht mit einem Fragezeichen anstatt eines Mundes :-? Wenn Louis duschte und sich das Glas mit neuem Dunst überzog, würde das Gesicht wieder auftauchen und dann würde er wissen, wie sie sich fühlte, selbst wenn sie das Haus bereits verlassen haben sollte. Sie trocknete sich gründlich ab und ließ das Radio für Louis laufen, wobei ihr auffiel, dass der schlechte Empfang im Badezimmer die amerikanischen Stimmen noch ferner klingen ließ.

Donnerstag. Er war erst seit vier Tagen wieder zuhause, und gemeinsam hatten sie schon zu ihrem üblichen Morgenablauf zurückgefunden. Howard und Laura hatten ihr zwar versichert – und Laura mehr als nur einmal–, dass Normalität im Strudel einer Tragödie die beste Strategie sei, doch Anja quälte sich noch immer mit der Sorge, Louis’ Gefühle zu unterdrücken, indem sie nicht darüber sprach. Nicht, dass er das behauptet hätte – aber zweifellos hatte er sich verändert, ob er es zugeben wollte oder nicht. Sein Körper war ein anderer Körper: ein Körper ohne Eltern. Das musste physische Spuren an ihm hinterlassen haben, irgendwo musste ein Stück von ihm fehlen, aber sie konnte nicht ausmachen, wo.

Versehrt oder nicht, der Louis, den sie kannte, wusste sich in jeder Situation angemessen zu verhalten, und so wie er verhielt sich nun mal kein trauernder Mann, der sich seiner Gefühle bewusst war und in der Lage sein sollte, über diese Gefühle auch zu sprechen. Besser als jeder andere, den sie kannte, begriff Louis jene Verhaltensmuster, die die allgemeine gesellschaftliche Realität bequem am Laufen hielten – er kannte die Regeln so gut, dass er nach Belieben mit ihnen spielen konnte, versehentlich aber brach er sie nie. Er wusste, was er tat. Er musste wissen, dass nach dem Tod eines Elternteils das einzig richtig Verhalten darin bestand, traurig zu sein. Er musste wissen, dass vorzugeben, es ginge ihm gut, nicht normal war, und dass er, selbst wenn er sich gut fühlte, ein Bewusstsein dafür zeigen sollte, dass er nicht den Erwartungen entsprach; er sollte so tun, als wäre er wenigstens ein bisschen traurig. Er war derjenige, der in dieser Sache den Ton angeben musste, ohne seine Anleitung hatte sie keine Ahnung, wie sie sich verhalten sollte, wie sie das Bild vervollständigen sollte, das er hätte vorzeichnen müssen. Eine Möglichkeit bestand darin, dass Anja hinsichtlich der gesellschaftlichen Erwartung völlig falsch lag, und dass es tatsächlich richtig und normal war, so zu tun, als ginge es einem gut. In diesem Fall mimte Louis einfach den Mann, der sich nicht seiner Trauer stellen will. Und falls das tatsächlich seine Art war, den Ton vorzugeben, sollte sie es ihm gleichtun. An dieser Möglichkeit störte sie, dass der Mann, der nur so tat, als verleugne er seinen Schmerz, nicht zu unterscheiden war von dem Mann, der seinen Schmerz tatsächlich verleugnete. Selbst wenn er die Verleugnung bloß vortäuschte, steckte er doch mittendrin.

Die andere Möglichkeit, die viel beunruhigender war, bestand darin, dass Louis gar keinem Skript mehr folgte und die Trauer ihn derart umgehauen hatte, dass ihm die Fähigkeit oder das Bedürfnis, sich an die Regeln zu halten, abhanden gekommen war. Nun, da sie sich einmal im Kreis gedreht hatte, dachte sie, lieferte diese Möglichkeit den stärksten Beweis dafür, dass Louis unvorstellbar litt.

Sie ging in die Küche hinüber, um Smoothies zuzubereiten – der letzte Teil der morgendlichen Routine – und während sie den Mixer hervorholte, fiel ihr auf, dass das etwas Neues war: Sie sagte sich die Schritte der Morgenroutine in Gedanken vor. Sie hatte ihre Morgen nie wirklich als Routine verstanden; sie tat es jetzt nur, weil die Routine symbolisches Gewicht erhalten hatte. Sie war sich der Norm bewusst geworden, weil sie nach jeder noch so geringen Abweichung Ausschau hielt. So erpicht war sie darauf, dass das Nachher dem Vorher ähnelte, dass sie nach einem Barometer suchte, um es zu messen.

Das bedeutete, dass sie die Abweichungen sicher größer machte, als sie wirklich waren. Dass Louis an diesem Morgen vor ihr aufgewacht war, hatte bestimmt nichts zu bedeuten. Es musste zig Morgen gegeben haben, die auch nicht nach Plan verlaufen waren. Er musste unzählige Male vor ihr aufgewacht sein. Aber in diesem Moment, da der Mixer Stücke von Fruchtfleisch zermalmte, erinnerte sie sich an keinen einzigen.

Sie trank gerade ihren Smoothie aus, als Louis die Küche betrat. Er verzog den Mund zu einer Art Kringel, die dem Smiley in der Dusche ähneln sollte. Er wollte den Rest der grünen Materie, die sich im Mixer befand, nicht, sagte er, lieber aß er einen Muffin. Die Spirulina wird schlecht, wenn du das nicht trinkst, wollte sie gerade sagen, doch sie verkniff es sich und öffnete den Toaster. Auf keinen Fall würde sie ihren zwanghaften Gedanken freien Lauf lassen; sie würde ihn nicht drängen, einen schlecht schmeckenden Smoothie zu trinken. Er durfte nicht bemerken, dass sie ihn genau beobachtete. Sie durfte seine Coolness nicht als Herausforderung sehen, denn sie hatte keinen empirischen Beweis dafür, dass er sie überhaupt herausfordern wollte – schließlich hatte sie keinen empirischen Beweis dafür, dass er litt und es vor ihr verbarg. Von außen war es unmöglich, zu unterscheiden, ob er vorgab, es ginge ihm gut, oder ob es ihm wirklich gut ging, und das Außen war alles, was sie hatte. Sie durfte nicht zugeben, dass sie sich wünschte, ihn leiden zu sehen, denn das hätte geheißen, dass sie sich wünschte, er leide. Beide Wünsche waren abartig. Sie musste sich darauf konzentrieren, ihn ganz normal zu lieben.

Weiter unten am Berg blitzte etwas Pinkfarbenes auf, als sie eine der vielen Biegungen des Pfades nahm. Sie konnte sich keinen Grund vorstellen, warum der Pfad, je nach Gelände, so kurvenreich verlaufen musste, wo doch jeder Zentimeter des Berges angelegt worden war, und also auch ein gerader Weg von oben nach unten hätte angelegt werden können. Keinen Grund, außer dem Wunsch, irgendeiner albernen Vorstellung von Natürlichkeit zu entsprechen. Als der Weg wieder geradeaus führte, sah sie Matilda, eine ihrer Nachbarinnen, die eine knallpinke Strickjacke trug. Matilda zu treffen, war eine Überraschung. Es war mindestens zwei Wochen her, dass ihr jemand begegnet war, der den Berg hinauf- oder hinablief.

»Hey«, rief Mathilda, und stieg Anja leicht keuchend entgegen. Im Arm hielt sie einen kleinen, dicken Hund mit gelbem Fell. Die Zunge hing ihm aus dem Maul, das von einem leichten Sabberrand gesäumt war. »Auf dem Weg nach oben wird er immer müde«, sagte Mathilda, als sie näherkam, und tätschelte den Hund. »Ich muss ihn immer ein Stück tragen.«

»Das kenne ich«, sagte Anja. »Ich wünschte, mich würde auch jemand tragen.«

Mathilda blieb im Abstand von einem halben Meter stehen und hob den Hund zu sich, so dass seine Schnauze nahe an ihrem Ohr war. »Wie geht’s? Wir haben euch seit Ewigkeiten nicht gesehen.«

Mit ›wir‹ meinte Matilda sich selbst und ihren Ehemann, an dessen Namen Anja sich nicht erinnern konnte. Sie waren Dänen, Mitte 40 wahrscheinlich, und beide auf stattliche Art gutaussehend.

»Ach, alles gut so weit. Bis auf, naja. Ein paar Sachen im Haus.« Sie machte eine Handbewegung den Berg hinauf.

Mathilda verdrehte die Augen und sie lachten beide. »Nun, wir wussten, worauf wir uns einlassen, nicht wahr?«

»Ja.«

Sie würden nicht über die Details sprechen, so viel war klar. Die Nachbarn gingen alle sehr diskret mit ihren Problemen um; es gab kein Gemeinschaftsgefühl unter ihnen. Vielleicht hatten Louis und sie sich auch zu sehr abgesondert, aber das glaubte sie eigentlich nicht. Alle waren zu unterschiedlichen Zeiten eingezogen und getrennt voneinander instruiert worden. »Ich bin froh, dass alle versuchen, die Illusion von Exklusivität aufrechtzuerhalten«, hatte Louis gesagt. »Lagerfeuer und Grillabende würden das Spiel ruinieren.«

»Wir dürfen hier ohnehin keine offenen Feuer machen«, hatte Anja angemerkt.

Matilda und ihr Mann lebten in dem Haus, das dem von Anja und Louis am nächsten lag, ein paar hundert Meter den Berg hinab. Sie konnten die Häuser der anderen Parteien aufgrund des Laubs von ihren eigenen Grundstücken aus nicht sehen, und es fiel Anja leicht, zu vergessen, dass sich jederzeit jemand in Hörweite befinden könnte. Zurückgezogenheit per Design.

»Es liegt auch an uns, dass wir euch nicht gesehen haben«, sagte Matilda. »Wir waren viel in Kopenhagen.«

»Wegen der Arbeit?«

»Ja, und auch aus familiären Gründen. Unsere Tochter. Wir haben immer noch unsere Wohnung dort.« Sie räusperte sich.

Hauptwohnsitz sollte The Berg ein, aber natürlich zwang sie niemand, dort Zeit zu verbringen. Viele der anderen Nachbarn hatten wahrscheinlich noch Wohnungen an anderen Orten, Wohnungen, in die sie sich zurückziehen konnten, wenn sie die lauwarmen Duschen leid waren.

»Und du?« Matilda lächelte. »Arbeitest du noch im Labor?«

Anja nickte und sagte, ja, es laufe alles sehr gut. Sie war nicht gerade dankbar für die Erinnerung. Voller Schuld dachte sie an Michel, der ihr in regelmäßigen Abständen Nachrichten schrieb. Noch nie hatte sie ihn so lange nicht gesehen wie jetzt. Sie hatte es als gegeben hingenommen, ihn von montags bis freitags in ihrem Leben zu haben. Es wäre sinnvoll gewesen, mit ihm über das zu reden, was mit ihnen geschah, gerade mit ihm, doch sie konnte sich noch nicht dazu durchringen, ihn anzurufen. Sie war sich nicht sicher, warum. Es wäre auch sinnvoll gewesen, Matilda zu fragen, ob ihr Abfallentsorgungssystem jemals funktioniert hatte, aber auch das würde sie nicht tun.

Matilda erkundigte sich nach Louis, und Anja musste sich sehr zusammenreißen, eine gelassene Miene zu wahren. Sie kannte Matilda nicht gut. Sie konnte es nicht einfach jedem erzählen.

»Dem geht es bestens«, sagte sie. »Schwer beschäftigt, wie immer.«

Die Unterhaltung war langweilig und wie zum Signal, dass es Zeit war, weiterzugehen, sahen sie aneinander vorbei.

»Ihr solltet bald mal vorbeikommen und uns besuchen«, sagte Matilda. »Wir würden gern für euch kochen.«

»Ich rede mal mit Louis darüber, welcher Tag am besten wäre.« Sie wussten beide, dass sie das nicht tun würde.

Matilda tat einen Schritt den Weg hinauf, und Anja einen Schritt den Berg hinab, dann sagten sie, wie schön es war, dass sie einander gesehen hatten. Als sie in umgekehrter Position standen, so dass Anja zu Matilda aufblickte, und Matilda zu ihr herunter, sagte Matilda. »Und wenn es dir nichts ausmacht, erzähl bitte niemandem von Cheeto.« Sie hob den Hund wieder an und ließ ihn mit seiner feuchten Schnauze an ihrer Wange entlangfahren. »Normalerweise wohnt er gar nicht bei uns. Es ist nur, du weißt schon.«

»Natürlich nicht.«

Abends hatte sie wenig zu berichten. Sie hatte den Tag damit zugebracht, mit Laura ihren Vertrag noch einmal zu lesen und Der Bachelor zu gucken.

»Laura schaut zu viel fern«, war alles, was ihr dazu einfiel. »Sie braucht einen Job.«

»Was hast du gegen Fernsehen?«, fragte Louis. »Braucht sie wirklich einen Job?«

Es war gegen Mitternacht und wie vorhergesehen war es im Haus sehr heiß. Er war spät heimgekommen, sie hatten Sex gehabt, er hatte geduscht. Sie hatte ihm zugesehen, wie er das Wasser von seinem Körper abschüttelte und an der Luft trocknete. Seine Silhouette war perfekt.

»Ja, sie braucht einen Job. Aber sie tut, als wäre fernzusehen ihr Job. Sie hängt ständig in all diesen Foren rum. Als würde sie für irgendeine Prüfung büffeln. Sie hat mich heute die ganze Zeit mit Trivia vollgequatscht, und war eindeutig zu empört, als ihre Spielerin rausgeflogen ist.«

»Ich wusste gar nicht, dass es beim Bachelor Spieler gibt. Ich dachte, das wäre eine Dating Show und keine Game Show.«

»Streng genommen heißen die auch nicht Spielerinnen.«

»Gewinnen die Geld?«

»Nee, nur einen Ehemann. Aber dann kriegen sie lauter Werbeverträge und Talk-Show-Auftritte, also gewinnen sie doch irgendwie Geld.«

»Es kam mir schon immer seltsam vor, dass Laura sich diesen Schrott anschaut. War sie nicht mal so eine Art Anarchistin?«

»Ja, früher war sie richtig schwarzer Block.«

»Was für ein Klischee: Die desillusionierte Revoluzzerin.«

»Nicht ganz. Sie geht da sehr anthropologisch dran. Sie nennt das kritisches visuelles Engagement.«

»Vielleicht sieht sie auch einfach nur gern fern. Ich könnte das besser akzeptieren, wenn sie es nicht als etwas Intellektuelles verkaufen würde.«

»Du solltest dankbar sein, dass ich wegen Laura so viel fernsehe, sonst würde ich all deine kulturellen Referenzen gar nicht verstehen.«

»Aber ich schaue nie fern.«

»Musst du auch nicht, du bist ja in den USA aufgewachsen. Du hast doch sicher ferngesehen, als du ein Kind warst.«

»Nie. Pat hat mich nicht gelassen.«

Interessant. Das war eine neue Information für ihre Sammlung.

Louis nannte seine Mutter beim Vornamen, das war ihr bekannt. Anja hatte solche Fakten über Louis nebenbei erlangt, wie durch Osmose. Anders als die meisten Paare, hatten sie keinen Background-Check betrieben, als sie zusammengekommen waren. Diese langgezogene Phase der Erzählungen über das eigene Ich und der Mitteilung biografischer Informationen, die Schlussfolgerungen über die Beschaffenheit der Psyche des Anderen zuließen, hatte zwischen ihnen nie stattgefunden. Aus früheren Beziehungen, selbst aus ihrer Zeit mit Howard, hatte sie diesen Prozess erwartet, sich sogar darauf gefreut, und war verwirrt gewesen, als Louis wenig Interesse daran zeigte, etwas über ihr früheres Leben zu erfahren, was sie als einen generellen Mangel an Interesse an ihrer Person missinterpretierte.

Doch es war offensichtlich, dass ihre Gespräche unendlich unterhaltsamer und aufschlussreicher waren als die vorgezeichneten Unterhaltungen aus dem Beziehungshandbuch; sie lernten voneinander und schrieben die abgestandenen Narrative darüber, wer sie waren, neu, anstatt sie zu verfestigen. Sie schafften neue Inhalte. War es wichtig, was Louis wirklich »passiert« war, vor ihr? Das Netz aus Referenzen, Witzen und Ideen, das sich in der Gegenwart entfaltete, war realer als diese Art von Küchenpsychologisierung des eigenen Selbst. Sie hatten interessantere Dinge zu besprechen. Sie lachten viel.

Zwei Jahre lang waren sie seitwärts nebeneinanderher getänzelt und hatten die Schritte hin zur Monogamie (Exklusivität, als Paar auf Partys zu gehen, ihre Freunde einander vorzustellen, zusammenzuziehen) ohne großes Trara geschehen lassen. Dies waren Krebsschritte in eine logische Richtung, und nicht die Art von Stufen in einer Aufwärtsbewegung, von denen Anja andere Frauen oft hatte als Errungenschaft sprechen hören. Und über diese Schritte wurde nie so diskutiert, als wären sie folgenschwere Entscheidungen. Louis war in der Lage, Pläne zu schmieden, aber er machte keine Versprechungen. Das musste er auch nicht.

Und dennoch widerstand sie nicht dem Verlangen, ein grundlegendes biografisches Gerüst für ihren Freund zusammenzubasteln. Sorgfältig sammelte sie die Fakten, die er nebenbei abwarf, Überreste anderer Geschichten. Diese Fakten fügte sie behutsam zusammen. Es war wichtig, dass sie ihn besser kannte als alle anderen.

Louis’ Vater war Maschinenbauingenieur gewesen, der in einem blau-grauen Bürogebäude auf der gegenüberliegenden Seite der Schnellstraße einer Fabrik für Dieselmotoren in Columbus, Indiana, gearbeitet und sonntags in einer frühchristlichen Kirche die Orgel gespielt hatte. Als Louis noch klein war (ca. 10 J.), hatte er sich eine Herzkrankheit zugezogen, und während einer Chorprobe eine Lungenembolie erlitten, an der er noch auf seinem Stuhl in der Kirche verstorben war.

»Lungenembolie« lautete die einzige Beschreibung, die sie jemals vom Vater erhalten hatte, nicht einmal ein Name, nur »Lungenembolie« – das Gesicht ein runder Klecks geronnenen Fettes und Bluts, Arme, die leblos an ihm herabbaumelten, oder vielleicht waren seine leblosen Handgelenke auch mit einem lauten Klappern auf die Tasten gefallen. Alles sehr morbid.

Die Mutter, die bis vor Kurzem noch am Leben gewesen war, hatte natürlich einen Namen. Pats Geschichte begann, wo die des anderen Elternteils aufhörte. Nach drei Monaten im Feld und acht Monaten in der Reha, kehrte Pat erst kurz vor der Lungenembolie von ihrem Einsatz im Irak zurück. Sie war noch im Begriff, sich an ihre neuen Beine zu gewöhnen, als sie sich plötzlich allein mit Louis wiederfand – und zur alleinerziehenden Mutter auf Lebenszeit wurde. Aber sie hatte auch übermenschliche Kräfte gewonnen: Die mechanischen Gliedmaßen, die Louis sich als hölzerne Würste vorgestellt hatte, bevor er sie zum ersten Mal sah, beeindruckten ihn zutiefst. Pat verkraftete den Verlust ihrer Beine ebenso spielend wie den ihres Ehemanns (was darauf schließen ließ, dass eine gewisse Härte oder Apathie in der Familie lag, wie Anja zur Kenntnis nahm).

In seiner Jugendzeit verehrte Louis Pat und versuchte verzweifelt, sie zu beeindrucken. Er folgte ihr zu all ihren Ehrenämtern. Sie arbeitete für die Interessenvertretung der Veteranen, den Gestaltungsbeirat der Stadt, die öffentliche Bibliothek, das Reinigungsteam der Kirche. Irgendwann wurden aus flüchtigen Sonntagsbesuchen der Episkopalkirche vier Wochentage, an denen sie sich die volle Dröhnung Religion gab.

So landete Louis in der Samstags- und Sonntagsschule, im Nachmittagschor, beim Benefiz Lunch, bei der Kirchenfreizeit und bei mehr als einer Übernachtungsparty. Er musste nicht lange überredet werden; die Kirche war ein sanktionierter Ort, an dem er Basketball spielen und Mädchen kennenlernen durfte. Er hatte nie an Gott geglaubt, aber er glaubte an diese beiden Dinge. Und er glaubte an Pat. Soweit Louis das beurteilen konnte, hatte Pat keinerlei Interesse daran, wieder zu heiraten, und bis er fortzog, um zum College zu gehen, fuhr sie ihn in ihrem vollautomatischen, von der Armee finanzierten Van zur Schule, zum Basketballtraining und zum Kino. (Dass Louis es hasste, selbst zu fahren, wurde während dieser fürchterlichen Fahrt nach Hamburg klar, als Louis mit dem Wagen von der Autobahn abkam.)

Als Louis es zum Studium nach New York geschafft hatte (Bundesstaat, nicht Stadt), lernte er als Erstes, dass eine Veteranin zur Mutter zu haben, hier nicht das gleiche moralische Gewicht hatte wie im Mittleren Westen. Er lernte seine kleinbürgerliche Erziehung herunterzuspielen, und als wollte er sie wettmachen, büffelte er wie verrückt – nicht für die Uni, die er im Schlaf hätte bewältigen können, sondern um sich die intellektuellen Referenzen anzueignen, die ihm aufgrund seiner provinziellen Herkunft so grausam verwehrt worden waren (ähnlich wie Anja sie von ihm erlangte, aus zweiter oder dritter Hand). Zum ersten Mal in seinem Leben schämte Louis sich für Pat, wenn sie ihn besuchte, und in ihrem braunen Van mit den vielen Veteranen-Aufklebern am College vorfuhr. Sie glaubte, dass er sich für ihre Behinderung schämte – auch wenn das ganz und gar nicht der Fall war – und es folgte eine Phase der Entfremdung zwischen ihnen. Sie vergrub sich tiefer in die Kirche.

Während der zwei Jahre, in denen er seinen Master of Fine Arts in Kalifornien machte, schwand die Scham über seine Herkunft. Viele der Freunde, die er an der Universität kennenlernte, stammten aus ähnlichen kulturellen Wüsten, hatten die Dünen der freien Künste erklommen und waren mit der Genugtuung, die unfairen Voraussetzungen überwunden zu haben, oben angekommen. Dieser gemeinsame Aufstieg aus der Mittelmäßigkeit war es, der ihnen das Recht verlieh, Kunst zu machen – im Gegensatz zu all diesen aufgeblasenen Söhnen und Töchtern von Sammlern und Kuratoren mit ihren eigenen Treuhandfonds. Er hieß Pat wieder in seinem Leben willkommen, sie war der Beweis, wie weit er es gebracht hatte.

In Kalifornien begann er, ernsthaft Kunst zu produzieren. Die meiste Zeit des zweiten Studienjahrs beschäftigte er sich mit einem einzigen Projekt und stellte eine Reihe winziger Drohnenhelikopter her. Die Drohnen waren mit Weitwinkelkameras ausgestattet, mit denen sie große Flächen absuchen und sich an verdächtige Zeichen von Armut heranzoomen konnten; baufällige Dächer, Müll, Entfernung zur Wasserversorgung, Nähe zu gefährlichen Abfällen. Diese Faktoren wurden in ihre Wiedererkennungssysteme für Bildmaterial aufgenommen. Anhand dessen, was die Drohne fand, war es theoretisch möglich, sagte Louis, die Gegenden zu bestimmen, in denen Entwicklungshilfe am dringendsten benötigt wurde. Bei der Ausstellung, die seine Abschlussarbeit begleitete, zeigte er wandgroße und erstaunlich hoch aufgelöste Drucke einer Gegend, die die Drohne aus der Luft aufgenommen und als Gefahrenzone markiert hatte: den Campus der Universität. Zerfallende Gebäude, Müllhaufen, und die gefährliche Nähe zu einer Chemiefabrik hatten den Campus als geeignetes Ziel für Hilfsleistungen identifiziert.

Sein Fünf-Jahres-Vertrag mit Basquiatt war nun schon zur Hälfte abgelaufen. Sie hatten ihn noch vor Ende seines Studiums eingestellt, das Ticket nach Berlin für die Woche nach seinem Abschluss gebucht. Er war der Einzige aus seinem Jahrgang, der direkt zum Berater aufstieg. Viele seiner Klassenkameraden sollten später auch diese Laufbahn einschlagen, mussten aber erst wenigstens den Anschein erwecken, etwas geleistet zu haben, das sie für einen Job im Consulting qualifizierte.

(Seine Zeit in Berlin war ziemlich klar; Anja hatte viele Daten über ihn aus den letzten drei Jahren. Jede Menge gemeinsame Freunde, denen sie Details aus den Rippen leiern konnte. Es hatte vor ihr ein paar Frauen gegeben, aber nur ein paar.)

Dies waren die Fakten, anhand derer sie sich ausmalte, wie Louis’ Rückkehr nach Indiana zur Beerdigung verlaufen war, die Geschichte, die sie sich selbst erzählte. Einige Informationen gab er von sich aus preis – Nierenversagen, zum Beispiel. Bei Frauen über 60 sei dies eine häufige Todesursache, hatte er gesagt. Sie war über 60 gewesen? 59.

Pat hatte ihn also nicht fernsehen lassen. Die Tatsache an sich war die erste Information. Aber dieses Detail hatte darüber hinaus eine weitere Bedeutung: Louis brachte das Gespräch nun von sich aus auf Pat. Er hatte ihren Namen seit seiner Rückkehr bislang nicht ausgesprochen.

»Du hast Pat noch kein einziges Mal erwähnt, seit du wieder da bist«, sagte Anja.

Er nickte. »Ich weiß, das ist schräg. Ich habe kaum über sie nachgedacht. Und ich habe auch seit der Beerdigung nicht geweint.« Er war nach dem Duschen nun völlig trocken und stieg in seine Shorts. Sie starrte ihn an.

»Du hast auf der Beerdigung geweint?«

»Ja, es ist so krass, was die mit der Kirche gemacht haben.«

»Mit der Kirche?«

»Die First Christian Church, in der mein Vater früher gespielt hat.«

Kirche, Vater, Orgel: Check.

»Was haben sie gemacht?«

»Die Kanzel abgerissen, das war so ein schöner Thron aus Holz. Scheinbar ist es für die Prediger nicht mehr angesagt, stillzustehen, sie sollen rumlaufen, als wollten sie Jesus verkaufen. Sie haben eine riesige Leinwand angebracht, um Filme zu zeigen und eine Stereoanlage für Christrock. Ich nehme mal an, die Aufmerksamkeitsspanne der meisten Leute ist nicht mehr lang genug, um für die Dauer einer ganzen Predigt stillzuhalten, wenn es keine Multimedia Show gibt. Die verstehen nur nicht, dass dieses Gebäude nicht dafür gemacht ist, es taugt nicht zur Megakirche.«

»Das ist die Kirche von Eero Saarinen, oder?« Zusatzinformationen, danke, Google. Anja wusste, dass Columbus eine Brutstätte der modernen Architektur war. Ein Leuchtfeuer der Kultur im Mittleren Westen, die großen Namen tummelten sich hier. Louis war auf dieses Thema immer wieder zu sprechen gekommen und hatte seine Bedeutung jedes Mal aufs Neue betont.

»Nein, Eliel, sein Vater. Die Kirche war die erste große Architektur in Columbus.«

»Gibt es da keinen Denkmalschutz?«

Er saß auf dem Bettrand und zog seine Socken an, die er normalerweise beim Schlafen trug. »Columbus hat so eine schräge Mischung aus anspruchsvoll und ordinär, die echt schwer zu erklären ist. Architektonische Meisterwerke zwischen Einkaufszentren, heruntergekommenen Garagen und Wohnwagensiedlungen. Die Leute merken gar nicht, dass die öffentliche Bibliothek von I.M. Pei ist, die Teenager wissen nur, dass es in ihr viele dunkle Ecken zum Rumknutschen gibt. Dann ist da noch dieser riesige Ring an Industriebauten um die Stadt, weil die Motorenfirma zwar für all die schicke Architektur gezahlt, ihre eigenen Fabriken aber nie auf Vordermann gebracht hat. Also leben und arbeiten die meisten Leute tatsächlich in diesen echt beschissenen Anlagen, aber die Stadt sieht immer noch schön aus für die Touristen.

»Die Motorenfirma hat für die Architektur bezahlt?« Sie tastete sich vor. Kein Glück.

»Das Unternehmen wollte was für die Gesellschaft tun. Philanthropie. Damals war es noch neu, dass Unternehmen so was machen.«

Sie wusste, in welche Richtung sich das Gespräch bewegte. Es bewegte sich sehr weit weg von Pat, weg vom emotionalen Inhalt, hin zum intellektuellen. Und er hatte Laura noch beschuldigt, ihr Interesse fürs Fernsehen hinter einem akademischen Anspruch zu verstecken. Er wusste, wovon er sprach.

Doch sie zog mit, spielte ihre Rolle. »Was hatten die Leute von der Motorenfirma davon, dass sie für die Architektur bezahlt haben?«

»Das ist die Sache mit dem wohltätigen Engagement von Unternehmen, es ist nicht klar, was die davon haben. Die machen das aus vielerlei Gründen, fürs öffentliche Ansehen, die Arbeitsmoral. Aber wenn man das ein bisschen allgemeiner betrachtet, ist das auch eine Art, wie sie die Leute überzeugen, dass wir die Regierungen für öffentliche Dienstleistungen gar nicht brauchen. Wenn Unternehmen wohltätig sind und Bäume pflanzen und schöne Gebäude bauen, werden die Leute nicht die Regierung unter Druck setzen, dass die ihren Job macht und mitmischt. Wie heißt es so schön, Philanthropie ist ein Grundpfeiler des Neoliberalismus.«

Er ging ins Badezimmer und kehrte mit seiner Zahnbürste in der Hand zurück. »Warte mal, wie lange läuft Der Bachelor eigentlich schon? Ist das nicht schon vor zwanzig Jahren rausgekommen?«

»Noch länger her. Das ist die älteste noch laufende Reality-TV-Sendung aller Zeiten. Außer Big Brother vielleicht.«

»Kaum zu glauben«, sagte Louis, der wieder ins Badezimmer zurückgegangen war und sich die Zähne putzte.

Sie rief ihm zu: »Aber warum interessiert sich eine Motorenfirma für moderne Architektur? Scheint mir ein bisschen ein Nischenthema zu sein.«

»Da war ein Superhirn am Werk«, gurgelte er zurück. Sie wartete, bis er ausgespuckt hatte, und sie das Wasser in den Abfluss laufen hörte.

»Ein Superhirn also.« Er kam aus dem Badezimmer und hockte sich auf die Bettkante.

»Ja, ein Vordenker!« Er lehnte sich zurück, um sie anzusehen. »J. Irwin Miller, Prototyp des ethischen Firmenbosses der Zukunft.«

Sie lachte. »Willst du mir die Geschichte erzählen?«

»Eine Gutenachtgeschichte. Lass mich kurz nachdenken.« Er fuhr sich gespielt übers Kinn, offensichtlich gab es nichts, worüber er nachdenken musste. Er war bestens vorbereitet auf die Welt gekommen. »Gehen wir zurück in die 1940er Jahre.« Sie lachte erneut.

»Wir befinden uns mitten im Zweiten Weltkrieg.«

»Okay.«

»J. Irwin Miller, in Columbus geboren und aufgewachsen, übernimmt nach dem Tod seines Onkels die Cummins Motoren Company.

»Gut. Und dann?«

»Der Company geht es nicht wirklich gut. Aber auch, wenn er keinen Schimmer davon hat, wie man so ein Unternehmen führt, bringt er sie doch schnell wieder auf Trab. Er ist von Natur aus ein großartiger Manager und alle lieben ihn. Er ist Humanist und Christ und während er bei der Navy ist und Seite an Seite mit dem gemeinen Volk schuftet, entwickelt er einen gewissen Fetisch für die Arbeiterklasse. Er setzt sich für die Arbeiterrechte ein. Er hilft sogar seinen eigenen Arbeitern, eine Gewerkschaft zu gründen.«

»Wo ist der Haken?«

»Es gibt keinen Haken.« Louis lächelte, halb ernst, wie immer. »Er ist ein guter Christ. Und schließlich ist die Firma so gewachsen, dass sich die ganze Stadt verdoppelt hat. Die Schulen und öffentlichen Gebäude sind alle nicht mehr groß genug, und die Regierung baut ganz schnell all diese beschissenen Anlagen, um die Leute unterzubringen. Also beschließt unser Held, J. Irwin, die Gewinne der Firma zu nutzen, um richtige Architekten dafür zu bezahlen, diese Gebäude zu entwerfen.«

»Und er bezahlt für alles?«

»Er stockt den Regierungshaushalt auf, um gute Architekten zu bekommen, und nicht irgendwelche Plattenbauten.«

»Also baut er zuerst eure Kirche.«

»Die Kirche ist seine ganz besondere Herzensangelegenheit. Das war so eine Art Testlauf, um die Stadt davon zu überzeugen, dass moderne Architektur schon okay ist. Die Provinzeier im Mittleren Westen ›kapieren‹ die Moderne eben nicht, wenn du ihnen das Ganze nicht mit Religion versüßt. Er überzeugt die Gemeinde, indem er den Leuten das Gefühl gibt, sie wären am Gestaltungsprozess beteiligt. Er fragt sie, was sie eigentlich von einer Kirche wollen.«

»Bürgerbeteiligung – partizipatorische Raumpraxis, bottom-up!«

»Genau.« Louis lachte. »Seiner Zeit um Lichtjahre voraus.«

»Warum weißt du so viel darüber?«

»Ich habe während des Studiums eine Arbeit dazu geschrieben.«

»Was war das für eine Arbeit?«

Er räusperte sich und tat so, als würde er eine Brille seine Nase hochschieben.

»Nun, meine These lautete, dass Irwin der Urvater der kreativen Stadtplanung ist, weil er eine Architektur bauen ließ, die kluge, junge Leute in die Einöde locken würde, um für seine Motorenfirma zu arbeiten. So begründete er das kulturelle Kapital der Stadt und konnte berühmte Architekten kennenlernen. Und gleichzeitig entwickelte er auch noch diesen aufwendigen Steuertrick. Er erfand die Unternehmensphilanthropie als Werbemaßnahme und als einen Weg, Steuern zu sparen. Er brachte öffentliche, private und persönliche Interessen in Einklang. Der perfekte Dreier.«

»Was macht Cummins heute?«

»Nichts mehr, so richtig. Die Zeit des Diesels ist vorbei. Und nach Irwins Tod haben sie ihre Innovationsbereitschaft verloren. Es war kein Geld mehr da, um neue Architektur zu bauen oder meine Kirche instandzuhalten.«

Meine Kirche. Ein sonderbarer Besitzanspruch. Ein Besitzanspruch, der einem Mangel entwuchs.

»Vielleicht brauchen die einen neuen Irwin«, sagte sie.

»Die Welt braucht einen neuen Irwin.«

»Vielleicht bist du der neue Irwin.«

»Eher nicht.« Er sah weg, in Richtung Fenster und der absoluten Dunkelheit dahinter. »Weißt du, was mir klar geworden ist, als ich zuhause war?«

»Was?«

»Ich habe keinen Grund mehr, nach Columbus zurückzukehren.«

Wie sie vermutet hatte, waren sie wieder dort angelangt, wo ihr Gespräch begonnen hatte. Sie konnte ihn mit den Händen in der Luft herumwirbeln, sich um Konzepte und seine eigenen Gedanken drehen lassen, während sie im Stillen neue Kreise zog. Irgendwann kehrte er immer zum Ausgangspunkt zurück und sie konnte entschlüsseln, warum er welchen Weg eingeschlagen hatte. Der Weg war immer ein anderer – darum ging sie überhaupt mit – aber die Methode, fortzugehen, um zurückkehren zu können, war so vorhersehbar, so ineffizient.

Zum ersten Mal verspürte sie Ärger darüber, dass Louis sich selbst immer erst hinter sich lassen musste, um dann wieder zurückkehren zu können. Wenn er die ganze Welt in Worte fassen konnte, sollte es ihm doch auch möglich sein, die eigene Existenz direkt in Worte zu fassen. Wenn er das nicht konnte, worin lag dann der Sinn all der Runden, die sie gemeinsam drehten?

5

Am Freitag wollte Louis unbedingt ausgehen. Prinz war in einer Tiki Bar im Westen und sie sollten ihn dort treffen. Das schien normal und völlig in Ordnung, und es war auch völlig in Ordnung für Anja. Auf der anderen Seite fühlte sie sich schwammig und unfähig zu Small Talk. All ihre Kleider rochen, als hätten sie zu lange in der Waschmaschine gelegen. Sie wählte ein klammes, gelbes Stricktop aus, weiße Leinenhosen und Plateausandalen mit kleinen Plastikblumen zwischen den Zehen, dann sprühte sie ihren ganzen Körper mit Febreze ein.

»Strandklamotte!« rief Louis anerkennend vom Bett herüber, während er eine Textnachricht schrieb. Er trug das Haar zu einem langen Fischgrätenzopf geflochten, eine Lederjacke hing über seinen Schultern. Er zog Jacken nie wirklich an, warf sie sich nur über, ohne die Arme einzufädeln, so dass die Ärmel leer herabbaumelten, als wäre er ein Kleiderständer.

Louis konnte alles tragen. Es war unglaublich. Er konnte Quastenslipper tragen, er konnte Surfshorts tragen, er konnte Nadelstreifenblazer tragen. Traf man ihn das erste Mal, wirkte das befremdlich – die Beliebigkeit der Kleidung, und dass er nicht das superironische Auftreten jener Personen hatte, die üblicherweise solche Klamotten trugen. Er hatte Ironie nicht nötig. Ästhetischer Trumpf war immer der Körper und die unglaubliche Feinheit der Haut auf seiner Stirn, die lange, schmale Nase, das exquisite Grübchen über der Oberlippe, der trapezförmige Torso, diese sehnigen Beine – man vergaß die Klamotten einfach; sie hoben seine Erscheinung nur noch hervor. Tweedjacke, weiße Tennissocken, mit einem Stück Kordel zurückgebundenes Haar. Es war grässlich und angeberisch, und doch wirkten sorgfältig gekleidete Männer neben ihm unbedeutend und prätentiös.

Anja bemühte sich sehr um ein stimmiges Erscheinungsbild. Mit jedem Outfit versuchte sie eine wohlkalkulierte Kombination verschiedener Referenzpunkte zu präsentieren. Gewöhnlich bestimmte ein Thema, das sie von Kopf bis Fuß einhielt, ihre Kleiderwahl. Quietschende Materialien, Grunge, Business Uncasual, Gelb, Markenklamotten, No-Name-Klamotten, Denim mit Seide. Ihr war bewusst, dass sie kleine, scharfe Gesichtszüge hatte, die den extrem akkuraten Koordinaten einer Reliefkarte zu folgen schienen, und ihr Ziel war es, diese Präzision in ihren Outfits zu spiegeln. Louis hatte einmal zu ihr gesagt, dass ihr Gesicht im Profil gesehen merklich inkongruent mit seiner Frontalansicht war, was ihn faszinierte. Es war, als existierte sie in zwei verschiedenen Dimensionen.

Ihre Strandklamotten entsprachen zwar der Wetterlage im Haus, waren jedoch die falsche Wahl für das Wetter in der Welt. Draußen war es plötzlich kühl geworden, die Feuchtigkeit gefror in der Luft und klebte an allem wie ein Hauch Frost. Es wurde spürbar kühler, als sie hinabstiegen, ganz so, als brächte der Berg sein eigenes Mikroklima hervor. In gewisser Hinsicht stimmte das auch; bei dem Versuch, die Temperatur in ihrem Inneren zu regulieren, gaben ihre Häuser wahrscheinlich Hitze ab. Sie waren schon die Hälfte des Berges hinabgestiegen, als Anja wieder zum Haus hochlaufen musste, um sich eine Jacke zu holen. »Mein kleines Modeopfer«, sagte Louis liebevoll zu ihr, als sie am Fuß des Berges wieder zu ihm stieß. Sie bemerkte, dass er die Arme durch die Ärmel seiner Jacke gesteckt hatte.

Vor der Tiki Bar hing Prinz auf einem Barhocker. Sara und Sascha hockten links und rechts von ihm. Anja sah Louis an. Die beiden Event-Tussen hatte sie hier nicht erwartet. Er zuckte mit den Schultern. Sara und Sascha konnten ziemlich nerven – da war Louis ihrer Meinung, doch gerade deswegen konnte Anja nicht verstehen, warum er Prinz so sehr liebte, wo doch in ihren Augen Prinz, Sara und Sascha vom gleichen Schlag waren. Ihr war schon mehrfach der Gedankte gekommen, dass Charaktereigenschaften wie kleinlich, manipulativ und tratschsüchtig Männern vielleicht eher nachgesehen wurden.

Der Boden im Inneren der Tiki Bar war, wie auch der Gehweg vor der Bar, mit einer dünnen Schicht Sand bedeckt. Ace of Base ertönte aus einem Lautsprecher über ihren Köpfen, verzerrte Bässe ließen den Sand leicht erzittern. Anja erklomm einen Hocker und Louis ging nach drinnen, um eine Runde Mai Thais zu bestellen.

In seiner Abwesenheit klickte die Unterhaltung ins Deutsche.

»Das Wetter!«, sagte Sara. »Oder?«

»Sorry«, sagte Sascha zu Anja. »Wir wussten nicht, dass es so kalt werden würde. Der falsche Abend für Tiki.«

»Keine Sorge«, sagte Anja. »In unserem Haus ist es so heiß, dass es draußen fast schon angenehm ist.«

»Kommst du nachher auch mit?«, fragte Sara, wie auf Stichwort.

»Das letzte Mal hatten wir so viel Spaß. Dieses Mal musst du mitkommen«, sagte Sascha, als hätte jemand einen Knopf auf ihrer Stirn betätigt. »Prinz hat Gästelistenplätze.« Man konnte sich darauf verlassen, dass Sara und Sascha ständig über Events redeten, die gerade stattgefunden hatten oder bald stattfinden würden, ohne je Substanzielles darüber zu sagen. Die einfache Tatsache, dass Events stattfanden und dass Sara und/oder Sascha davon wussten, war der Grund, warum sie überhaupt miteinander redeten. Ein weiteres Ziel bestand darin, dich (und möglicherweise einander) in einen konstanten Zustand leichter Panik zu versetzen, denn es könnte ja etwas passieren, in das du nicht eingeweiht warst. Wenn niemand sie aufhielt, trieben sie diese Art von vor- oder nachbereitenden Planungsgesprächen stundenlang, insbesondere, wenn du zu er-kennen gabst, dass es dir unangenehm war.

»Klar«, sagte Anja. »Louis hat gesagt, er will vielleicht noch ins Baron.« Prinz nickte und bestätigte, dass er sie dank der von ihm ergatterten Gästelistenplätze alle reinkriegen könnte.

S und S klatschten anerkennend in die Hände. Sie trugen das gleiche Netzoberteil in unterschiedlichen Farben. Als sie bemerkten, wie Anja von einer zur anderen blickte, sagte Sara: »Ich weiß, so peinlich. Wir haben die heute beide auf der Arbeit bekommen, und haben unsere Outfits nicht abgestimmt, bevor wir aus dem Haus sind.« Die beiden arbeiteten in einem Modeladen in Mitte und machten ihre Master in irgendetwas. Kunstgeschichte. Soziologie. Feminismus? Sara stand das Oberteil besser.

Louis kehrte mit den Drinks zurück und sie war erleichtert. Nun würde er für sie das Gespräch übernehmen. Sie konnte den Stab kreisen lassen, ohne sich verpflichtet zu fühlen, ihn selbst für mindestens eine halbe Stunde zu halten; er konnte an ihrer Stelle lustige Sachen sagen.

Alle erhoben ihre Gläser. Der künstliche Geschmack des Mai Tais erinnerte sie an eine Szene an einer Poolbar, vor langer Zeit. Eva, im Badeanzug mit Zebramuster, ausgestreckt auf einer Liege, ihre Haut gleichmäßig gebräunt und glitzernd, langsam hob und senkte sich ihr Bauch in der Sonne wie das unbehaarte Bäuchlein eines Chihuahuas. Anja fragte sich, wie Eva diese Tiki Bar wohl finden würde. Widerlich, ohne Zweifel.

»Als Teenager«, sagte Prinz gerade, »war ich ständig in dieser Bar.« Er war in Berlin aufgewachsen und erzählte gerne Geschichten, die seine besondere Beziehung zur Stadt hervorhoben. »Ich habe meine ersten Biere hier getrunken«, er sprach weiter, setzte zu einer Geschichte an. Anja hörte nur mit halbem Ohr zu, bekam aber mit, worum es ging.

Eines Tages hatte ein älterer Freund dem jungen Prinz erzählt, dass der Kellner in der Tiki Bar Gras verkaufte, und dass Fanta das Codewort war. Natürlich probierte Prinz es gleich aus. Er schwänzte die Schule, um sicherzugehen, dass er den richtigen Kellner antreffen würde, setzte sich hin und als er nach seiner Bestellung gefragt wurde, sagte er verschwörerisch das Code-Wort. Der Kellner musterte ihn von oben bis unten und schüttelte den Kopf. Haben wir nicht mehr, sagte er. Die Ablehnung machte Prinz so wütend, dass er beschloss, sich auf simple Art zu rächen. Er verbrachte den Rest des Tages damit, an der Bar Cola zu trinken, und als die Bar schloss, ging er in ein Restaurant um die Ecke, um noch mehr Flüssigkeit aufzunehmen. Sieben Stunden lang ging er nicht auf die Toilette. In den frühen Morgenstunden kehrte er an den Ort seiner Erniedrigung zurück und pinkelte in den Sand vor der Bar.

»Ach, deshalb willst du nie hierherkommen?«, fragte Sara, die den Sand zu ihren Füßen beäugte.

»Ich hab die Bar nicht mit Absicht gemieden. Hat sich danach nur immer komisch angefühlt.«

»Dein Stolz wurde verletzt«, sagte Louis. »Bei Teenagern kann Erniedrigung sehr traumatisierend wirken. Das verstehe ich gut.«

»Hey«, sagte Sara. »Wie wär’s, wenn wir jetzt Fanta bestellen? Meinst du, das funktioniert noch?«

»Definitiv nicht«, sagte Prinz. »Berlin hat sich verändert.«

»Amen«, sagte Louis. Alle schüttelten in Andacht ihre Köpfe.

»Aber was kommt als nächstes?«, fragte Sascha.

»Ich habe gehört Dublin«, sagte Sara. »Oder Vilnius?«

»Auf keinen Fall«, sagte Louis. Er legte den Arm um Anja und küsste sie auf die Wange. »Das hier ist die Endstation. Von hier geht’s nirgendwo mehr hin.«

finstere sonne, endgültige nacht/schauder (-1º )

Sie wollten ein Taxi nehmen, doch sie waren zu fünft und es war Freitagabend, bei den auf Angebot und Nachfrage abgestimmten Preisen würde sie ein Großraumtaxi so viel kosten wie drei Runden Drinks, also ließen sie davon ab und gingen zur Bushaltestelle, wo sie sich in zwei Grüppchen gedrängt in den Wind stellten: Jungs und Mädchen.

Sara trat näher und streichelte Anja über den Arm. »Ist mit Louis alles in Ordnung?« Sie triefte vor Anteilnahme. Sara warf bedeutungsvolle Blicke zu Louis und Prinz hinüber, die gerade in ein blökendes Gelächter ausbrachen.

»Es geht ihm gut«, sagte Anja. »Er kommt wirklich klar. Danke, dass du fragst.« Sie war sich nicht sicher, ob sie für die Unterbrechung des Partytalks dankbar sein oder sich angegriffen fühlen sollte.

»Er muss sooooo traurig sein«, sagte Sara. »Gibt es irgendetwas, das wir tun können?« Beide hatten eine Hand auf ihren Arm gelegt. Ihre Gesichter wirkten begierig, nicht zu helfen, sondern Informationen zu sammeln, selbst wenn es nur Informationen in Form einer emotionalen Reaktion waren. Anja wich zurück. Sie spürte, wie sie immer unwichtiger wurde, nichts weiter als ein Anhängsel. Tod als Tratsch, Tod als Währung.

»Macht euch keine Sorgen, er will einfach nur zu seinem normalen Leben zurückkehren«, sagte sie. »Ihr seid so lieb. Wirklich, macht euch keine Sorgen.«

Vorm Baron gingen sie an der Schlange vorbei, ließen die stundenlange Warterei aus, zahlten aber trotzdem Eintritt. Der Türsteher war besonders unfreundlich, auf fast schon absurde Art und Weise. Er betrachtete die E-Mail auf dem Bildschirm von Prinz’ Telefon, glich sie mit der Liste auf dem leuchtenden Tablet vor ihm ab, bevor er sie hereinwinkte. Anja konzentrierte sich auf das vertraute Stacheldraht-Tattoo, das die Fingergelenke der linken Hand des Türstehers umrankte. Eine Spinne kroch das Handgelenk der anderen Hand hoch.

Das Baron war vor einigen Jahren umgebaut worden, und sah nun im Inneren wie eine Höhle aus, samt Tropfsteinen, die von der Decke hingen, in einigen Ecken roch es nach Schwefel, und womöglich nicht nach künstlichem. Als sie drinnen waren, teilten sich Louis und Anja an die Bar gelehnt genüsslich eine Zigarette. Auf dem Berg war das Rauchen verboten. Leute zogen an ihnen vorbei, lächelten, manche hielten an, um ein paar Worte zu wechseln. Louis legte seine Hand auf Anjas Rücken, und sie besprachen flüsternd, wen sie sahen und was die Leute trugen.

»Ich fühle mich wie ein Schwamm«, sagte Anja, »Völlig durchweicht.«

»Der Körper ist eine poröse Schnittstelle«, sagte Louis und sie musste lachen, auch wenn sie sich nicht erinnerte, woher dieses Zitat stammte.

Es schien, als kämen alle, mit denen sie sprachen, gerade von einer Eröffnung, von der Anja nichts wusste, ein Verlag, der zur Fin-Start Gruppe gehörte, hatte eine neue Ebook-Reihe gelauncht.

Prozessbasierter Roman, hörte sie jemanden sagen. Vermögenswerte sind um 0,07 Prozent gestiegen. Prüfung im dritten Quartal.

Anja schrieb Dam mehrere Textnachrichten, sie wünschte sich, er wäre hier, aber er antwortete, dass er heute Abend mit den Schwulen unterwegs war, sorry. Sie war auf sich allein gestellt.

Prinz schlich sich von hinten an sie heran und flüsterte etwas in Louis’ Ohr, der wiederum den Arm um Anja legte und in Richtung Toiletten zeigte.

Die Drogen kamen in Zäpfchenform – nicht gerade geeignet für die gesellige Einnahme, aber die drei drängten sich trotzdem zusammen in eine Kabine, kichernd griffen Louis und Anja einander in die Unterwäsche.

Prinz verdrehte die Augen. »Nichts wie raus hier, Schneewittchen tritt auf.«

Die drei stolperten aus der Toilette und drängten sich durch die Menschenmenge, die sich um Schneewittchen gebildet hatte, der auf einem weißen Sockel hockte. Er trug einen Wikingerhelm, an dessen Rückseite drei blonde Plastikzöpfe geheftet waren, und über seiner Schulter hing eine E-Gitarre wie ein nutzloser, verkümmerter Arm. Er heulte eine Country Ballade in ein Handmikrofon.

Schneewittchen war Louis’ Freund Andy. Dieses Jahr lief sein Vertrag mit O’Reilly aus, und wahrscheinlich würde er sofort bei einer anderen Firma sehr weit oben einstiegen. Laut neuester Gerüchte bei Fin-Start. Bei O’Reilly hatte Andys Gegenwart vor allem verdeutlicht, wie hoffnungslos realitätsfremd die Firma geworden war. Mit seiner wohlkalkulierten Verachtung gegenüber Regeln stach er wie eine Glitzerpaillette aus dem Kader von an Eliteuniversitäten ausgebildeten Beratern mit ihren gläsernen Blicken hervor, Kids, die nie gelernt hatten, dass nur ihre Verträge zu erfüllen sie nicht weiterbringen würde – du musstest subversiv sein oder die Dinge etwas durcheinanderbringen. Einfluss nehmen eben.

Nebenbei kultivierte Andy als Teil seiner Influencer Marke eine Identität als Late-Night-Performer. Er verschaffte dem Publikum eine wohlverdiente Pause zwischen den DJ-Sets, ähnlich der Truppe glitzernder Turnerinnen, die zwischen den beiden Hälften eines Footballspiels herumspringen. Er gab Disney-Musicals zum Besten, oder Kabarett, konkrete Poesie, was auch immer zum Abend passte. Wahrscheinlich hatte Andy aufgrund seiner ständigen Präsenz auf Partys die obersten Sprossen der Erfolgsleiter für lokale Berühmtheiten erklommen – er hatte sich erstaunlicherweise einen gewissen Ruf auch außerhalb Berlins zugelegt. Darin bestand das ultimative Ziel von allen, die einen Vertrag mit Sitz in Berlin angenommen hatten. Um als erfolgreich based in Berlin zu gelten, musstest du an anderen Orten berühmt sein.

Die Menschenmenge wurde immer größer und die Leute riefen Andy Lieder zu, die er spielen sollte. »‘This Kiss’!« Anja realisierte, dass Louis es war, der das rief. War das der Titel eines Country Liedes? Aber Andy schien keine Wünsche entgegenzunehmen. Er hielt sich an sein Repertoire. Sie versuchte, den Text zu verstehen, aber es fiel ihr schwer, sich auf die Worte zu konzentrieren. Sie konnte ihr Hören kaum noch von ihrem Sehen trennen. Die beiden Sinne kamen einander in die Quere. Erst wurde Andys Gesicht scharf, dann seine Stimme. Sie bemerkte einen O’Reilly-Aufkleber an seinem Arm. Der Arm winkte im Rhythmus der Musik, doch die Bewegung schien die Klänge voranzutreiben, anstatt ihnen zu folgen. Sie spürte, dass sie wie eine Fledermaus echolotete.

Louis murmelte ihr ins Ohr: »Wusstest du, dass diese Bar früher Kit n’Caboodle’s Mix-Up Joint hieß? Als das hier noch Ostberlin war.«

Sie schüttelte den Kopf. Das ergab keinen Sinn. Optionale Optionen, variable Variablen. Ohne Stimme fragte sie ihn Worte, seine sanften Augen ihren ganz nahe. Bedeutsame Angebote klebten auf ihrer Zunge. Sollen wir? Aber wie? Sie griff nach ihm, um sicherzugehen, dass er noch da war. Er zappelte und starrte hingerissen zu Andy hinauf. Ihre Knie waren wie Eigengewichte. Sie wiegten sich weiterhin im Einklang, als bildeten ihre Gelenke die Kugeln zweier Pendel. Ihr Arschloch brannte, und sie fragte sich, ob das irgendwie auffällig war, ob andere Menschen bemerkten, dass sie darüber nachdachte. Sie sah Louis an und fragte sich, ob er so herumzappelte, weil er über seinen eigenen Arsch nachdachte.

Als sie erneut zu ihm hinübersah, war er verschwunden, also schlenderte sie zurück zur Bar, legte einen Unterarm auf das klebrige Glas und ihre Stirn auf den klebrigen Unterarm. Sie spürte einen Stupser in die Seite, bewegte sich aber nicht, dachte nur vage daran, dass sie sich morgen für diesen Moment der Selbsterkenntnis schämen würde, den Moment, in dem sie realisierte, wie high sie wirklich war. Der Gedanke zog vorüber. Das war der Grund, warum sie diese lila Päckchen mit Detox Tee gekauft hatte, für Morgen wie den morgigen. »Is’ cool«, sagte sie, zu niemandem außer sich selbst, und hob dabei kaum den Kopf.

Sara stand nur wenige Schritte entfernt. »Ich glaube fest dran!«, rief sie Anja zu. Sara kam näher und ließ sich auf sie fallen, passte sich ihrer zusammengesunkenen Form an wie ein Strom aus Lava. Gerade als Anja sich fragte, ob Sara eingeschlafen war, flüsterte sie: »Er macht das mit Absicht, ich weiß es.«

»Wer?«

»Er taucht auf, wenn ich high bin, spät nachts, wenn ich völlig, wenn ich, du weißt schon, so wie jetzt.«

»Wer, Howard?«

Sara hob den Kopf, um Anja anzusehen, und gab ihr einen Klaps.

»Mahatma, natürlich.« Sie richtete sich auf und warf einen verzweifelten Blick zum anderen Ende der Bar. Dort stand Mahatma, ein rotes Bandana um den Kopf, und unterhielt sich mit irgendeinem Mädchen.

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