Kitabı oku: «Finale»

Foto Marco Volken
Emil Zopfi, geboren 1943, studierte nach einer Berufslehre Elektrotechnik und arbeitete als Computerfachmann und Erwachsenenbildner für Informatik und Sprache. Autor von Romanen, Hörspielen, Kinder- und Jugendbüchern sowie Bergmonografien. Er lebt heute als Schriftsteller in Zürich. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem King Albert Mountain Award und dem Glarner Kulturpreis. Im Limmat Verlag sind seit 1977 zahlreiche Bücher erschienen, u.a. die Andrea-Stamm-Trilogie «Steinschlag», «Spurlos» und «Finale».
«Emil Zopfi ist DER deutschsprachige Bergschriftsteller der Gegenwart. Er erreicht mit seinen Werken nicht nur Bergsteiger, sondern auch das breite Publikum.» King Albert Mountain Award
Emil Zopfi
Finale
Roman

SENZA PARLAR IO SON INTESO
SENZA RUMOR L’ORA PALESO
OHNE ZU SPRECHEN WERD’ ICH VERSTANDEN
OHNE ZU LÄRMEN ZEIG’ ICH DIE STUNDEN
Motto auf einer Sonnenuhr
Piazza Garibaldi, Finalborgo, Finale Ligure
1
Der Morgen war grau. Satte Wolken zogen vom Meer her über den Felsrücken, der sich vom Dorf Orco gegen Süden erstreckt. Der Wind roch nach Salz und Regen.
Andrea parkte ihren Cherokee bei der Kirche, blieb am Steuer sitzen und wartete. Es war der letzte Tag der Kletterwoche in Finale Ligure, einer schwierigen Woche. Insgeheim wünschte sie sich Regen, dann würden sie packen und nach Hause fahren. Sie fühlte sich unwohl, der Cappuccino beim Frühstück in der Bar Centrale in Finalborgo hatte ihr widerstanden, die Brioche lag ihr auf dem Magen. Nach ein paar Jahren gerät jeder Bergführer in die Krise, hatte ihr einmal ein Kollege vorausgesagt. Der Beruf wird zur Routine. Ende des Traums.
Ein Camper mit rot-weiss karierten Vorhängen parkte neben ihrem Jeep. Volker und Sabine stiegen aus, ein deutsches Paar. Die drei andern folgten im Volvo, der Felix gehörte, einem älteren Herrn. Er, Tom und Hina logierten in einem Hotel in Finalborgo. Andrea informierte kurz. Eine Dreiviertel Stunde Anmarsch zur Falesia del Silenzio, einem interessanten Sportklettergebiet. «Löchriger Kalk, etwas für starke Finger. Nehmt Tape mit.»
«Super!» Tom klopfte sich auf die Schenkel. Er trug ein T-Shirt mit der Aufschrift Hard Rock Café, hatte den Rucksack schon auf den Schultern, ein Seil aufgeschnallt. Während die andern Klettergürtel, Karabiner und Expressschlingen sortierten, Windjacken, Proviant und Wasserflaschen einpackten, balancierte er über das Metallgeländer der Mauerbrüstung am Rand des Parkplatzes.
«Willst du jetzt schon abstürzen?», rief ihm Sabine zu. Hinter der Mauer fiel der Hang steil ab zur Autobahn, die in zwei Tunnelröhren unter dem Bergdorf durchführte.
«No problem. Ich bin im Gleichgewicht.»
«Angeber!» Volker warf die Hecktür des Campers zu. «Können wir endlich los?»
Hina kniete am Boden, wo ihre Ausrüstung verstreut herumlag, durchwühlte ihren Rucksack. «Ich finde meine Kletterschuhe nicht.»
Die andern standen herum, Hände in den Hosentaschen.
Sie richtete sich auf, zupfte ihre Stulpen. «Ich hab sie im Hotel gelassen.»
«Wir holen sie.» Felix trat zu seinem Wagen. «In einer halben Stunde sind wir wieder da.»
«Und wir erfrieren hier inzwischen?» Tom hüpfte vom Geländer herunter.
«Du kannst ja noch etwas Zirkus spielen.» Volker zog den Rotz hoch, spuckte ins Gebüsch.
Andrea zwang sich, ruhig zu bleiben. «Ich gebe dir ein Paar von meinen Kletterschuhen. Die sollten dir passen.»
Hina zog einen Schmollmund, stopfte ihre Sachen in den Rucksack zurück.
Andrea schritt auf dem Schotterweg voran, der dem Friedhof entlangführte. Das Gittertor in der Mauer gab den Blick auf eine Wand mit Gräbern frei. Ein lichtes Gehölz folgte, das vor Jahren abgebrannt war. Einige Föhren hatten überlebt, die angekohlten Stämme dick mit Harz verklebt. Kastanien wuchsen nach, Ginster und Dornengestrüpp wucherte. Tom ging neben ihr, erkundigte sich nach Routen und Schwierigkeitsgraden.
Sie mochte nicht reden und war froh, als sie den Steinmann erreichten, bei dem der Pfad abzweigte, der auf die Höhe des Felsrückens führte. Durch dichtes Gebüsch mussten sie hintereinandergehen. In der Nacht hatte es geregnet, die Blätter waren nass, das Laub auf dem Weg glitschig.
Hinter Andrea folgte Felix, ein Senior mit drahtigem Körper, das schüttere Haar leicht angegraut. Ein Anfänger, so hatte er sich vorgestellt, pensionierter Lehrer. Für sein Alter kletterte er recht gut. Er bedankte sich, als sie einen Zweig festhielt, damit er ihm nicht ins Gesicht schlug. An einer Stelle, wo neben dem Weg das Laub aufgewühlt war, bemerkte er: «Wildschweine. Sie suchen Morcheln.»
«Du kennst dich aus?»
«Mein Schwiegervater war Italiener. Wir sammelten oft Pilze, wenn wir ihn besuchten.»
Auf der Höhe des Felsrückens lichtete sich das Gebüsch, ein Tal öffnete sich gegen das Meer: Val Cornei. Durch die bewaldeten Steilhänge auf beiden Seiten zogen sich Felsbänder aus grauem Kalk. Die Terrassen eines Olivenhains schlossen das Tal an seinem oberen Ende ab. Unter Windstössen wallten die Zweige und Blätter wie silberne Gischt. Irgendwo knatterte eine Motorsäge, ein Hund bellte.
«Das ist Italien», sagte Felix. Seine Stimme hatte einen melancholischen Klang, doch Andrea mochte nicht fragen. Sie liebte diese Felsen über dem Meer, den Geruch von Pinienharz und Eukalyptus. Sie liebte die Kletterwochen in Finale. Doch an diesem Morgen wünschte sie sich, sie wären schon auf dem Rückweg. War es die Krise, die schwierige Gruppe, der Streit mit Daniel vor der Abreise?
Schweigend warteten sie auf der Höhe, bis alle aufgeschlossen hatten. Tom schwatzte auf Sabine ein, Volker stapfte missmutig hinterher. Hina folgte mit einigem Abstand, eingehüllt in Faserpelz und Windjacke, eine Wollmütze mit Ohrklappen auf dem Kopf.
Sie hauchte in die Hände. «Scheisskälte.»
«Unter der Wand der Falesia del Silenzio sind wir im Windschatten», erklärte Andrea. «Vorsicht, der Abstieg ist etwas heikel.»
Sie folgten dem Felsrücken, bis ein Stück Seil, an einen Baum geknotet, den Einstieg in eine senkrechte Wandstufe wies. Hina trat auf die Kante zu, hielt sich an dem Stamm fest: «Da hinunter?»
«Es sieht schlimmer aus, als es ist.»
Andrea griff nach dem Seilstück, hangelte hinab bis zu einer Reihe von Eisenklammern, die in den Fels zementiert waren. Sie schaute nach oben, winkte Hina, sie solle folgen. Ein leichter Schwindel ergriff sie bei dieser Bewegung, ein Gefühl, als ob die Wand schwanke im Wind. Mit beiden Händen hielt sie sich an einer Eisenklammer fest, spürte ihr Herz klopfen. Sie atmete tief durch, überzeugte sich, dass ihre Schuhe nicht rutschten. Das Tal, der Wald, die Felsstufe, alles stand fest. Die Brioche vom Frühstück stiess ihr auf, liess einen sauren Geschmack in ihrem Mund zurück.
«Hilf mir.» Hina tastete mit dem Fuss nach einem Tritt. Andrea packte ihren Schuh, setzte ihn auf eine Eisenklammer. Stufe um Stufe kletterten sie so hinab.
Ein Pfad führte die Felswand entlang, steiler Kalk mit Löchern, Leisten und Sintersäulen unter gelben Überhängen. Bei einer Gruppe junger Eichen stellte Andrea den Rucksack ab. «Hier geht’s los.»
Am Fuss der Wand waren sie geschützt vor dem Wind, der in Wellen über die Büsche und Bäume in der Höhe strich. Andrea erklärte die Kletterrouten, die im Abstand von wenigen Metern die Wand hochführten, gut gesichert mit Bohrhaken.
Sie ass einen Apfel und fühlte sich wieder besser.
2
Felix knüpfte das Seil mit einem Achterknoten an den Gürtel, zwängte seine alten Füsse in die Kletterschuhe. Wenn sie nicht schmerzen, sind sie nicht eng genug, hatte der Verkäufer im Sportgeschäft gesagt. Alles war anders als einst. Zu seiner Zeit hatte man das Seil um Bauch oder Brust gebunden, Wollsocken getragen, Bergschuhe mit Profilsohle.
Hina sass auf ihrem Rucksack, putzte mit der Spitze einer Nagelschere ihre Fingernägel, von denen der schwarze Lack blätterte. Einige Fingerglieder hatte sie mit Tape umwickelt. Den ganzen Vormittag waren sie zusammen geklettert. Jetzt fühlte er sich schlapp, der Mittagsschlaf fehlte ihm, und ein guter Kaffee. Trotzdem wollte er nochmals anpacken, die letzte Route. Er reichte Hina das Seil, damit sie ihn sichere.
«Augenblick noch.» Sie griff in ihren Rucksack, zog eine schmale Bandschlinge heraus. «Häng die bitte oben ein für mich.» Dann stand sie auf, klinkte das Seil ins Sicherungsgerät an ihrem Gürtel. «Na, dann los.»
Felix hängte sich die Schlinge über die Schulter, warf einen Blick auf das Grigri, mit dem sie sicherte, und vergewisserte sich, dass sie das Seil richtig eingelegt hatte. «Pass gut auf.»
«Ist doch klar, oder?» Ihre Stimme klang beleidigt. Mit einer Hand hielt sie das Grigri locker, mit der andern gab sie Seil aus.
Felix begann zu klettern. Die Route setzte steil an, der Fels war grau und löchrig. Einst Klippe im Meer, dachte er, zernagt vom Wellenschlag von Jahrtausenden. Die Löcher waren trügerisch, einige scharfkantig, boten guten Griff, andere stumpf, die Finger glitten ab. Er versuchte, während des Kletterns regelmässig und tief zu atmen, sich ruhig und kontrolliert zu bewegen. Nie hätte er sich träumen lassen, noch einmal Fels zu berühren, harten festen Fels. Er klinkte eine Expressschlinge vom Gürtel, hängte den einen Karabiner in den ersten Bohrhaken, das Seil in den andern, schaute hinab. Hina lehnte an einem Baum. Ihre roten Pulswärmer schimmerten hell im Zwielicht unter den Bäumen.
«Hab eingehängt.»
«Ich pass schon auf.»
Es ärgerte ihn, dass sie nicht heraufblickte. Immer den Kletterer beobachten beim Sichern, hatte ihnen die Bergführerin eingeschärft. Hina hielt sich nicht daran, sie bekomme Nackenschmerzen, wenn sie ständig nach oben schaue. Eine eigenartige Frau, oft zickig und abweisend, dann suchte sie wieder Nähe, drängte sich an ihn und kicherte wie ein Teenager. Ihr Körper war schmal und knochig, als wäre sie magersüchtig. Er traute ihr nicht zu, zuverlässig zu sichern, kletterte bedächtig, prüfte jeden Griff, versicherte sich bei jedem Tritt, dass er nicht rutschte. Gelegentlich griff er ins Magnesiasäcklein am Gürtel und puderte seine Finger ein. Er folgte der Hakenreihe, die sich die Wand hochzog bis zu einem Überhang und darüber zur Kette der Umlenkung. Die neue, sportliche Art des Kletterns hatte ihn vom ersten Tag an begeistert. Er fühlte sich wieder jung, wollte mithalten mit den andern, mit Tom und mit den Deutschen, die gut kletterten. Die Bergführerin bewunderte er, in seinem früheren Leben hatte er viele Kletterer gesehen, aber ihre Leichtigkeit, ihre Sicherheit, das war ein ganz neuer Stil. So zu klettern musste ein Wunschtraum bleiben. Er war achtundsechzig, seine Zeit ging zu Ende.
Der Überhang war gelb und griffig, Sinterfels, ein Spreizschritt nach links brachte ihn zur Kante zu einem Haken. Früher hätte er sich daran festgehalten, doch nun wollte er die Stelle frei schaffen. Er nahm seine ganze Kraft zusammen, zog sich an einer Leiste hoch und erreichte an guten Griffen die Kette. Mit einem Schraubkarabiner hängte er das Seil ein, die Bandschlinge mit einem zweiten Karabiner daneben und rief Hina, sie solle ihn hinunterlassen. Wieder am Boden, band er sich los, zog das Seil ab. Seine Handgelenke schmerzten, die Fingerkuppen waren nach der Woche durchgeklettert, die Knöchel aufgeschürft. Er war müde, es war die letzte Route, und er hatte sie geschafft, sechster Grad, eine stolze Leistung für den Anfänger, als den er sich ausgab. Opa nannten ihn die andern, obwohl er nie erwähnt hatte, dass er wirklich Grossvater war.
«Du kannst gehen.» Er griff nach dem Seil.
Hina zog ihre Schultern hoch, blickte zu Boden. «Mit diesen Schuhen schaff ich das nicht.»
«Komm schon, für dich ist das ein Klacks.»
«Ich mag jetzt nicht, ich friere.»
Noch immer trug sie den Faserpelz und die Wollmütze. Eigentlich kletterte sie besser als er, ihre Bewegungen waren geschmeidig, sie hatte von Joga erzählt, Aerobic und Jazztanz, doch verlor sie im Vorstieg oft die Nerven und blieb hängen.
«Jemand muss nochmals hoch, das Material herunterholen.»
«Für das haben wir doch eine Führerin.» Hina zog einen Beutel aus ihrem Rucksack, schüttete Tabak auf ein Papier, feuchtete es mit der Zunge an, legte einen Filter ein und rollte sich eine Zigarette. Klemmte sie sich zwischen die Lippen, die mit zwei Piercings geschmückt waren, liess ein Feuerzeug aufschnappen. Die Flamme spiegelte sich in ihren dunklen Augen.
«Du rauchst zu viel.» Das hatte Felix oft zu seiner Tochter gesagt. Sie war in Hinas Alter, hatte zwei Kinder und lebte in Kalifornien. Seit dem Tod seiner Frau hatte er sie nie mehr gesehen. Seine Enkel würde er nicht mehr kennen.
Hina nahm einen tiefen Zug, blies den Rauch durch Mund und Nase aus, schnippte die Asche auf den Boden. Dann begann sie zu kichern.
«Was ist?»
«Ach, nichts.»
Felix setzte sich auf einen Baumstumpf, trank den letzten Schluck Wasser aus seiner Flasche. Es war kühl geworden. Die Sonne schimmerte durch fahles Gewölk über dem Felsrücken jenseits des Tals, hinter dem das Meer lag. Er war müde, Hände und Glieder schmerzten, doch er war zufrieden. Er war gut geklettert, hatte wieder Tritt gefasst.
3
Tom nervte. Er war der stärkste Kletterer der Gruppe, trainierte in der Kletterhalle und im Fitnessstudio. Das gab er den andern zu spüren. Hina hatte sich geweigert, mit ihm zu klettern. Ich hasse diesen Werbefuzzi, hatte sie gesagt. Selbständiger Grafiker, hatte er sich vorgestellt, ein Typ mit Pferdeschwanz und Dreitagebart, der Anschluss suchte. Kurz zuvor von seiner Partnerin getrennt, hatte er verkündet. Am Abend in einer Pizzeria hatte er sich an Andrea gedrängt und auf sie losgequatscht. Ihre Website sei bieder und verstaubt. Er würde ihr einen trendigen Redesign machen. Als er mit der Hand ihren Rücken berührte, hatte sie ihn weggeschoben.
Jetzt balzte er um Sabine, sie schien es zu geniessen, wetteiferte und flirtete mit ihm. Volker hockte abseits, stopfte Wurstbrote in sich hinein. Er war der Geniesser, ein gemütlicher Schwabe, Sozialarbeiter in Karlsruhe. Sabine dagegen ehrgeizig, eine angehende Juristin. Andrea versuchte, die Gruppenspiele zu ignorieren. Ich bin Bergführerin, nicht Psychologin, sagte sie sich. Vielleicht war der Brechreiz am Morgen ein Zeichen, dass sich etwas ändern muss. Wie lange führe ich nun schon? Wie viele Male bin ich schon in Finale gewesen mit einer Gruppe wie dieser, in der es oft ein zerstrittenes Paar, einen eingebildeten Schwätzer, eine frustrierte Single und einen melancholischen Alten gibt? Der Tag ging zu Ende, sie war froh darüber.
Hina rief nach ihr. Sie kletterte mit Felix an einer Wand nebenan und winkte ihr. «Holst du uns die Express runter?»
Auch das noch. Andrea beherrschte sich. «Willst du es nicht versuchen? Ich geb dir Tipps.»
«Ich mag nicht mehr, ich friere.» Hina hielt Andrea das Seilende hin. Zwischen ihren Lippen klebte eine selbstgedrehte Zigarette.
«Na dann.» Andrea seilte sich an, es war ihr Job. Die Kundin war Königin, auch am Berg.
«Ich steig dann toprope nach. Bitte fädle ein an der Umlenkung, die Schlinge hängt schon.»
Bequemer geht’s nicht mehr, dachte Andrea. Hina kletterte nicht schlecht, sie war gelenkig und leicht, im Vorstieg eher ängstlich, launisch und oft unkonzentriert am Fels. Sie rauchte viel und kiffte gelegentlich. Erst kurz vor der Kletterwoche hatte sie sich per Mail angemeldet, ein Entschluss aus dem Bauch heraus. Sie war im Zug angereist, weil ihr auf einer langen Autofahrt schlecht werde.
«Ich muss schnell verschwinden.» Hina warf die Zigarette auf den Boden, trat sie aus, reichte Felix das Seil zum Sichern. «Hast du ein Grigri?»
«Ich mach’s mit Halbmastwurf.» Er klinkte den Bremsknoten in den Karabiner an seinem Gurt, schraubte ihn zu.
Andrea setzte den Helm auf, wie sie das von den Teilnehmern verlangte. Sie prüfte Felix’ Bremsknoten. «Gut so.»
Dann stieg sie vor, eine mittelschwere Route, mit Bohrhaken gut gesichert. Steil erst, dann plattig, zum Schluss ein kleiner Überhang, etwas abgespeckt die Griffe. Sie kletterte routiniert, dabei wanderten ihre Gedanken. Daniel. Seit ihrem Streit vergangene Woche war Schweigen, kein Anruf, keine sms. Auch sie bockte. Ihre Beziehung brauchte Veränderung. Am Stand hängte sie sich die Bandschlinge in den Karabiner an ihrem Gürtel. Sie sah hinab. Felix stand zum Sichern dicht an der Wand, schaute herauf. Ein zuverlässiger Mann. Hina war verschwunden.
Andrea hob den Daumen. «Stand!»
Sie zog ein Stück Seil nach, klinkte es mit einem Mastwurf in den Schraubkarabiner, band sich los und fädelte das Seilende durch den Ring der Umlenkung, lehnte sich dabei zurück. Unvermittelt glitt ihr das Seil durch die Finger, sie fasste nach, spürte, wie es über ihren Handballen streifte, sich in die Haut brannte. Dann ist es weg, sie schnappt danach, greift ins Leere. Ihr Herz macht einen Sprung, als habe es Flügel bekommen. Die Wand kippt nach hinten, die Wolkenschlieren am Himmel drehen sich, Baumwipfel purzeln kopfüber bis zum Grund des Tales, und es ist, als gleite sie schwerelos auf sie zu. Ich stürze, ich falle. Wo bleibt der federnde Widerstand des Seils? Schatten von Fels und Gebüsch wirbeln vorbei, gelb und grün und grau. Ein Gedanke zuckt durch ihren Kopf. Nein! Nur nicht jetzt, nur nicht hier! Sie schreit, spürt einen Schlag auf ihr linkes Bein, prallt mit einer Hand auf den Fels, zieht ihren Kopf ein, krümmt sich zusammen, hört ein Zischen und Kratzen und einen dumpfen Aufschlag.
Ein Bild blitzte auf. Sie sah ihren Körper neben dem Weg liegen, als schwebe sie über ihm. Sie sah sich selber, ohne die Augen zu öffnen. Sekunden nur, dann stürzte sie weiter in die Tiefe, in Dunkelheit und Stille. Sie lag in einem Feuer aus Kälte und Schmerz, ihr Leib brannte.
4
Die Müdigkeit hatte Felix für einen kurzen Moment übermannt, als ein kratzendes Geräusch in der Wand seinen Blick nach oben riss. Ein Schatten stürzte auf ihn zu, in einem Reflex duckte er sich. Ein Block ist ausgebrochen, schoss es ihm durch den Kopf. Er hörte einen dumpfen Aufprall, das Klirren von Karabinern, die auf den Fels schlugen. Es war kein Stein, es war ein Körper, der stürzte. Wie eine Stoffpuppe schleuderte ihn der Aufprall von der Wand weg. Felix’ Hände krampften sich ums Seil, er erwartete den Ruck, der seine Haut aufriss, seine Handflächen verbrannte. Doch das Seil blieb schlaff. Der Körper krachte ins Gebüsch dicht neben ihm, Zweige knickten und barsten, Laub regnete herab. Es schien, als bleibe er im Buschwerk hängen, doch dann drehte er sich kopfüber, schlug mit dem Helm auf den Weg. Ein hohler, hässlicher Ton. Dann Stille.
Felix kauerte am Einstieg, das lose Seil in Händen, das noch immer durch die Karabiner der Expressschlingen die Wand hochzog. Er verstand nicht, was geschehen war. Ein Tier ist vom Grat gestürzt oder ein Wanderer hat sich verirrt und einen Fehltritt gemacht, dachte er. Er schaute hinauf, suchte die Bergführerin, die eben noch an der Umlenkkette hantiert hatte. Dann erst begriff er. Sie war gestürzt.
Er klinkte den Sicherungskarabiner vom Gürtel, richtete sich langsam auf, sah ihren Körper neben dem Weg liegen. Starrte ihn an, gelähmt vom Schock. Der blaue Helm, das hellbraune T-Shirt, die schwarzen Hosen. «Ich träume», stammelte er, seine Hände begannen zu zittern, immer heftiger. Ich träume, wie damals am Eiger. Ich will träumen, weil das, was ich sehe, nicht wahr sein darf. Die Bergführerin lag auf der Seite, den Kopf auf einem Arm, ein Blutstreifen zog vom Mundwinkel über ihre Wange. Ein Bein angezogen, das andere ausgestreckt, der Fuss seltsam verdreht und nackt. Der Aufprall hatte den Kletterschuh weggerissen. Sie friert, dachte er, ich muss sie wärmen. Sie darf nicht so daliegen, so ungeschützt, so verletzlich. Sonst war sein Kopf leer.
«Verdammt, was geht hier ab?» Felix fuhr zusammen. Tom stand neben ihm, warf ihm einen Blick zu, als habe er ihn bei einer schlimmen Tat ertappt. Als sei er schuld an Andreas Absturz. Eine Bergführerin stürzt nicht einfach so. Tom kniete nieder, neigte seinen Kopf über ihr Gesicht, lauschte, griff nach ihrem Handgelenk, fühlte den Puls. «Sie atmet, sie lebt. Gott sei Dank.»
Felix’ Mund war trocken, als er hervorpresste: «Sie ist gestürzt. Ganz plötzlich.»
«Das gibt’s nicht», schleuderte ihm Tom entgegen, «sie war doch am Seil!»
Felix sah auf seine Hände. Keine Brandspuren vom Seil, keine Hautabschürfung. «Das gibt’s nicht», wiederholte er tonlos. Es war kein Traum. Andrea lag da, das T-Shirt war über dem Klettergürtel hochgerutscht und zerfetzt, ihr Rücken war zerkratzt und blutete. Der Busch hatte den Sturz gedämpft, sonst wäre sie jetzt tot. Felix sah auf ihrer Schulter einen blauen Schmetterling eintätowiert. Bleib hier, dachte er, flieg nicht weg.
«Du hast Scheisse gebaut beim Sichern!» Tom schrie.
Felix biss sich auf die Lippen. Ihm fehlte jede Vorstellung, wie der Unfall geschehen konnte. Andrea war am Seil, er hatte korrekt gesichert, glaubte er. Hatte keinen Ruck, hatte nichts verspürt. Ihm, dem grossen Alpinisten von einst, musste das passieren.
«Wach auf, Opa!» Tom griff ihn an der Schulter, schüttelte ihn. «Wir müssen was unternehmen. Ein Helikopter muss her, subito. Hast du ein Handy, eine Notfallnummer?»
«Vielleicht im Kletterführer …»
«Und wo ist der?»
«In Andreas Rucksack, denke ich.»
Tom eilte davon.
Felix beugte sich über die Verletzte. «Andrea, hörst du mich? Hast du Schmerzen?»
Sie gab keine Antwort. Ihr Gesicht war leichenblass, mit schweren Atemzügen rang sie nach Luft. «Andrea, wir sind da. Hab keine Angst. Es wird schon wieder.»
Er ergriff ihre Hand, sie war so kalt, dass ihn schauderte. Tom hatte recht. Sie mussten etwas unternehmen. Aber was? Andrea jedenfalls auf der Seite liegen lassen, nicht bewegen, falls ihr Rücken verletzt war. Bei ihr bleiben, mit ihr reden, sie warmhalten. Vor Jahrzehnten hatte er einen Nothelferkurs besucht, Seitenlagerung und Mund-zu-Mund-Beatmung geübt und Herzmassage. Nun war alles weg, keine Erinnerung mehr, Blackout. Noch immer heftig zitternd, wankte er zu seinem Rucksack, holte sein Mobiltelefon aus der Deckeltasche. Schaltete ein. Es verlangte den Code, doch sein Gedächtnis versagte auch jetzt. Vier Ziffern, von 1111 bis 9999, also 8888 Möglichkeiten. Stimmt das nach dem Gesetz der Permutation? Oder waren es 8889? Das lernte man im ersten Semester am Gymnasium. Jahrzehntelang hatte er Mathematik unterrichtet, er liebte sein Fach, das Spiel mit Zahlen und Zeichen, doch die Schüler begriffen das nicht. Sie hassten Mathematik, und sie hassten ihn, weil er seine Begeisterung nicht weitergeben konnte. Was denke ich für einen Unsinn, ich rechne und überlege und sollte doch etwas tun. Wenn Andrea überleben soll, kommt es auf jede Minute an. Sein Code wollte ihm nicht einfallen. Der brillante Mathematiker scheiterte an vier Ziffern.
Tom eilte atemlos herbei, hinter ihm die Deutschen. Sabine kniete nieder, strich Andrea Haare aus der Stirn, sprach leise auf sie ein. Dann stand sie auf, Tränen im Gesicht.
«Hast du die Bergwacht angerufen?», fragte Volker.
«Am Meer gibt’s keine Bergwacht.»
«Dummkopf!», schrie Tom. «Es muss eine Rettungsorganisation geben.»
«Hast du die Nummer gefunden?»
«Andrea hat die Notnummern bestimmt in ihrem Handy gespeichert.»
«Und wo ist das?»
«Keine Ahnung.»
Tom hatte Andreas Rucksack angehängt, warf ihn auf den Boden, durchwühlte ihn, fand eine Taschenapotheke, aber weder den Kletterführer noch ein Telefon.
«Der hat ja sein Handy in der Hand.» Volker packte Felix am Ärmel. «Mann, versuch doch den Euronotruf, 112.»
«Akku leer», murmelte Felix. Er lehnte sich an einen Baum, zermarterte sein Hirn. Tausend mathematische Formeln purzelten durch seinen Kopf, Matritzen, Differentialgleichungen, Eulersche Zahl, Binominalkoeffizienten, nutzloses Schubladenwissen, mit dem er ein Leben lang seine Studenten gequält hatte. Er schlug mit der Stirn gegen den Baumstamm, als ob er seine grauen Zellen wachrütteln könnte. 8889 Möglichkeiten gab es, doch die vier Ziffern des Codes waren aus seinem Gehirn gelöscht.
«Hina hat doch ein Handy dabei.»
«Wo steckt sie denn?» Tom sah sich um. Rief nach ihr, bekam keine Antwort.
«Ich lauf mal der Wand entlang, bestimmt sind noch andere Kletterer in der Nähe.» Sabine hatte sich gefasst, Volker eilte ihr nach.
Felix holte seine Sturmjacke aus dem Rucksack. «Wir müssen Andrea warm halten.»
Tom half ihm, die Jacke vorsichtig unter ihren Körper zu schieben. Mit Watte und Merfen aus der Apotheke tupften sie ihren zerschundenen Rücken ab, bedeckten ihn mit ihrer Regenhaut und dem Faserpelz. Felix zog ihr den Helm aus, löste den Klettverschluss des Kletterschuhs, streifte ihn vorsichtig von ihrem rechten Fuss, der unversehrt schien. Der linke war blauschwarz unterlaufen, mehrfach gebrochen wohl. Er redete leise auf sie ein. So, wie er manchmal mit seiner Frau sprach, wenn er sich vorstellte, sie sei noch am Leben. Einmal glaubte er, Andrea krümme die Zehen des unverletzten Fusses, gebe ihm ein Zeichen, dass sie ihn höre, dass seine Stimme ihr versunkenes Bewusstsein erreiche. Laut sprach er sie an, und erneut krümmte sie fast unmerklich die Zehen. Die Bewegung liess hoffen, dass ihr Rückenmark nicht oder doch nicht schwer verletzt war. Felix holte ihre Socken aus den Turnschuhen, die sie zum Klettern ausgezogen hatte, streifte sie ihr über die Füsse, zog dann ihren leeren Rucksack darüber. So hatte er es am Eiger gemacht, als er allein auf einer Eisstufe biwakierte, nachdem sein Freund abgestürzt war. Tausend Meter, und da war kein Busch gewesen, der seinen Sturz aufgefangen hätte.
Tom begann am Kletterseil zu zerren, das noch immer in der Wand hing. Er schüttelte es, die Karabiner der Expressschlingen klirrten.
«Es ist verklemmt. Irgendwas stimmt da nicht.»
Stimmen näherten sich, zwei junge Kletterer eilten herbei, fragten auf Italienisch, was geschehen sei. Felix deutete zur Wand. «È caduta.»
«Habt ihr Alarm durchgegeben?»
Felix schüttelte den Kopf. Einer der beiden zog sein Mobiltelefon aus der Tasche, stellte eine Nummer ein, redete schnell, gab Erklärungen in einem lokalen Dialekt, den Felix nicht verstand.
«Die Feuerwehr schickt einen Helikopter von Savona.»
«Die Feuerwehr?»
Der Junge schnitt ein Gesicht. «Hier ist die Feuerwehr für Rettungen zuständig. Mi dispiace.»
«Was heisst das?»
«Das wirst du schon noch sehen.» Der Kletterer deutete mit dem Daumen nach unten.
«Du sprichst gut Italienisch», bemerkte der andere.
«Meine Frau stammte aus der Toscana.»
«Ist sie das da?» Der Kletterer deutete mit der Spitze seines Turnschuhs auf Andrea.
«Nein, das ist unsere Bergführerin.»
«Mamma mia. Wie konnte das passieren? Habt ihr nicht richtig gesichert?»
Felix hob die Schultern.
«Die meisten Unfälle passieren hier beim Sichern.»
Sabine und Volker kehrten zurück in Begleitung von zwei Italienern. Sie gaben ihre Faserpelzjacken her, um die Verletzte zuzudecken. Mehr konnten sie nicht tun, bis der Hubschrauber eintraf.
Nach einer Weile tauchte Tom auf. Er habe Hina gefunden, völlig ausser sich kauere sie am Fuss der Eisenleiter, heule und sei kaum ansprechbar. «Steht unter Schock. Hat wohl zugesehen, wie Andrea gestürzt ist.»
Sabine wollte sich um sie kümmern, nahm Andreas Taschenapotheke mit. Vielleicht brauche Hina ein Beruhigungsmittel. Volker begleitete sie.
«Sie soll eins kiffen», rief ihnen Tom nach. «Das hilft.»
Volker drehte sich um, tippte mit dem Finger an die Schläfe.
«Mein Ernst», gab Tom zurück. «Cannabis beruhigt. Das ist wissenschaftlich erwiesen.»
Vom Meer her schoben sich Wolkenbänke über den Grat jenseits des Tals. Felix schaute auf die Uhr, später Nachmittag, doch es schien schon zu dämmern. Die Kälte nahm zu. In seinem Rucksack fand er Dörrfrüchte, bot den Italienern an. Sie erzählten, drüben an der Rocca di Corno hänge eine Gedenktafel für einen jungen Deutschen. «Dirk Voigt, 1995.» Sein Kollege habe die Sicherung gelöst und ihn fallen lassen, weil er glaubte, Dirk seile sich selber ab von der Umlenkung. Ein fatales Missverständnis. Sie schauten Felix an, als ob sie von ihm eine Erklärung erwarteten. Er kaute eine gedörrte Aprikose und schwieg.
Einige Zeit später drang aus dem Tal das Wimmern von Sirenen herauf.
«Ambulanz und Polizei», bemerkte einer der Italiener. «Ich sause mal hinab.»
«Wo bleibt der Helikopter?»
Die Jungen zuckten die Schultern.
«Subito, haben sie gesagt. Aber was heisst das schon in diesem Land.»
5
Sie schwebt. Hoch über den Wolken der Cerro Torre. Sie spürt ihre Füsse nicht mehr, kalt, kalt, nach Tagen in der Wand aus goldgelbem Fels und sprödem Eis, das auf dem glatten Granitpanzer klebt. Prekärer Weg auf die Spitze der Pagode aus Urgestein. Verrückter Weg, unmöglicher Weg. Mehr Traum als Wirklichkeit. Dreimal versucht, dreimal gescheitert. Sie hatten eine Linie gefunden, Südwand, Seillänge um Seillänge durch Risse, Platten, über Eisbalkone. Über ihnen glimmt der Gipfel, wenn das Licht durchs Gewölk bricht, ein zerbrechlicher Eispilz. Ganz nah scheint er, doch unerreichbar im Sturm. Gescheitert, das Leben umsonst aufs Spiel gesetzt, aufgegeben, kurz vor dem Ziel. Aufgegeben für immer.
Hingestreckt liegt sie und zittert und der Sturmwind wimmert und weint, und fernes Pochen schlägt einen Takt, als steige ein Hubschrauber auf und hole sie aus dieser mörderischen Wand. Ein Schlagen und Klopfen an unsichtbare Türen aus Luft, ihr Herz, gepeitscht vor Angst und Sehnsucht. Ich will leben, leben, leben. Daniel … Stimmen reden in fremden Sprachen auf sie ein, schreien ihr Worte ins Ohr, die sie nicht versteht, Halluzination. Sie greift nach dem Seil, doch da flammt dieser lodernde Schmerz in der Seite auf, im Kreuz, im Bein, ein Höllenfeuer. Der Fuss kalt und leblos. Erfroren. Ist er überhaupt da? Links oder rechts? Warum? Wo bin ich, fragt sie, aber kein Laut dringt aus ihrer Kehle. Keine der fremden Stimmen antwortet. Wo bin ich, wo bin ich? Sie schreit, sie ruft, sie flüstert. Nichts. Eingetrocknet alles, ausgetrocknet, ausgedörrt. Kein Wasser mehr, kein Brennstoff, um Schnee zu schmelzen. Nur dieser unstillbare Durst.
Cerro Torre, Patagonien. Die Zeit tropft. Wie das Wasser von den Eisschwertern über ihnen. Sie liegen im Biwaksack und der Sturm tobt, und sie umklammern sich, um sich zu wärmen. Körper an Körper, eng umschlungen, ineinander verkrallt. Nicht aus Liebe, es ist der verzweifelte Wille, den Lebensfunken warmzuhalten, diese Hölle zu überleben, die Hölle, durch die der Weg in den Himmel führt. Zu Mutter. Hoch oben sitzt sie, auf der Spitze des gleissenden Bergs, auf dem Eispilz, blickt herab und zeigt ihr schneeweisses Lächeln. Weisst du noch, damals, als du gestürzt bist im Garten, auf die Kieselsteine. Dein Knie blutete, du hast geweint. So klein warst du noch, so klein und so tapfer. Ich hab dich aufgehoben, ins Haus getragen, aufs Sofa gelegt, verbunden, hab dich getröstet, geküsst. Ja, so war das. Und dann sind wir zusammen auf Berge gestiegen. Weisst du noch? So hat alles begonnen, und so wird alles enden. Im Mutterschoss.
6
Es dauerte lange, bis der italienische Kletterer zurückkehrte, begleitet von einem Sanitäter in einer orangeroten Jacke und einem Feuerwehrmann in Uniform. Felix sah auf die Uhr, seit mehr als einer Stunde lag Andrea neben dem Weg, reglos und schwer atmend. Die Gesichter der Retter waren erhitzt vor Anstrengung. Der Sanitäter schleppte einen Koffer mit einem Beatmungsgerät. In Halbschuhen hatte er sich vom Tal den Steilhang hochgekämpft, ein miserabler Weg, schimpfte er, Gestrüpp und Geröll, ein Bachbett. Zum Schluss an einem Seil um einen Felssporn herum. «Porca miseria!» Er wischte sich den Schweiss mit einem Tuch von der Stirn. Dann wandte er sich der Verletzten zu, betastete sie, stellte Fragen. «Come va, signorina? Ha dolori?» Andrea drehte ihren Kopf etwas zur Seite, bewegte die Lippen.
«Sie ist bei Bewusstsein», sagte er, «hat Glück gehabt.»
Der Feuerwehrmann trug feste Lederstiefel, die Jacke mit breiten gelben und silbernen Streifen stand offen. Er trat auf einen Felsabsatz hinaus, sprach in ein Funkgerät.
«Wo bleibt der Heli?», fragte Felix.
«Wird gleich kommen.»
Die italienischen Kletterer, die herumstanden, wiederholten: «Verrà fra poco.» Sie stiessen sich an, einer grinste. «Braucht ihr uns noch?»
Sie froren in ihren T-Shirts und halblangen Kletterhosen.
«Bleibt bitte hier, bis der Heli eingetroffen ist.»
«Verstehe. Ihr traut unseren Staatsorganen nicht.» Sie drängten sich an der Felswand, die noch etwas Wärme ausstrahlte, zusammen und schwatzten.
Sabine kam zurück, berichtete. Mit einem Seil gesichert, hatten sie Hina die Eisenleiter hinaufbugsiert. Volker begleite sie über den Felsrücken zurück nach Orco, werde sie ins Hotel fahren. «Sie hat eins gekifft, das hat sie wirklich beruhigt.»
Sabine setzte sich neben Felix auf den Boden. «Wie geht’s Andrea?»
«Schwer zu sagen.»
Andreas Atem ging ruhiger, so schien ihm. Von Zeit zu Zeit zog ein Schauer durch ihren Körper. Sabine sprach sie an, bekam keine Antwort.
«Habt ihr Rettungsfolien dabei?», fragte Felix den Sanitäter. «Die Verletzte friert.»
«Mal schauen.» Der Mann klappte seinen Koffer auf. Er enthielt Sauerstoffflaschen, eine Atemmaske, aber keine Spritze, kein Schmerzmittel, keine Folie, keinen Verbandstoff. Es sei sein erster Einsatz, entschuldigte er sich. Er gehöre zu einer Organisation von freiwilligen Samaritern. Er tippte mit einem Finger auf das Signet auf seiner Jacke, ein grünes Kreuz. Croce Verde Italia.
«Der Heli kommt!», rief Tom.
Vom Meer drang das Dröhnen der Rotoren herauf, schwoll an. Der Helikopter tauchte über dem Felsrücken jenseits des Tals auf, blieb über dem Grat stehen, als suche er den Weg, drehte dann gegen Orco ab und verschwand.
«Er sucht bei Feglino», rief der Sanitäter dem Feuerwehrmann zu. «Gib ihm die richtigen Koordinaten durch.»
«Keine Verbindung im Augenblick.» Der Mann fingerte an seinem Funkgerät herum, fluchte vor sich hin.
Die italienischen Kletterer riefen ihm, er solle sein Telefonino benutzen. Sie machten sich über den unerfahrenen Mann lustig. Er blieb auf dem Felsabsatz stehen, brüllte ins Mikrofon: «Pronto, pronto …»
Der Sanitäter setzte sich auf seinen Koffer. Er steckte sich eine Zigarette an, hielt Felix die Packung hin, doch er lehnte ab. Das Rotorengeräusch des Helikopters hatte ihn an jenen Morgen in der Nordostwand des Eigers erinnert. In der Dämmerung war er aufgebrochen von seinem Eisbalkon, mit steifen Gliedern von der kalten Nacht. Schritt für Schritt auf den Frontzacken der Steigeisen. Später streifte hoch über ihm die Sonne den Grat, Seilschaften kletterten darauf wie Ameisen. Er war allein, der Freund lag in der Tiefe. Er schläft, sagte er sich. Er wird erwachen, aufstehen, wir werden wieder miteinander auf Berge steigen. Er musste sich das einreden, sonst würde er seinen Pickelhammer fahren lassen, ihm folgen. Dann das vibrierende Pochen, das nicht aus seinem Herz kam. Ein rot-weisser Helikopter schraubte sich die Wand entlang hoch, überhöhte ihn, der Rotorwind peitschte ihm Schneekristalle ins Gesicht. Drohte, ihn aus dem Gleichgewicht zu schleudern. Doch er gab das Zeichen: Brauche keine Hilfe. Stieg weiter, zum Gipfel und zurück in sein anderes Leben.
Deutlich vernahm er das schlagende Dröhnen des Hubschraubers wieder, spürte den Luftzug, Staub im Gesicht. Aufgeschreckt aus den Bildern der Vergangenheit sah er den Sanitäter seine orangerote Jacke über dem Kopf kreisen. Der Heli stand wenige Meter vom Hang entfernt in der Luft, schwankte leicht, dürres Laub wirbelte auf, das Gebüsch wallte wie Brandung, eine junge Zypresse bog sich im Rotorwind. Felix konnte die Aufschrift lesen: Vigili del Fuoco. Blau war die Maschine, nicht rot-weiss. Vierzig Jahre waren vergangen.
Der Helikopter drehte weg, zog eine Schleife über dem Tal, näherte sich etwas höher wieder dem Abhang. «Er kann hier nicht landen», erklärte der Sanitäter.
«Haben sie keine Seilwinde?»
Er machte eine Kopfbewegung gegen den Felsabsatz hinaus. «Der da draussen müsste es wissen.»
Felix trat neben den Feuerwehrmann, der durch den Rotorlärm ins Funkgerät schrie. Luftstösse fuhren ihm ins Gesicht, blähten seine Kleider. Er sah den Piloten mit den Kopfhörern im Cockpit, neben ihm einen Uniformierten, der beide Hände hob. Er schien zu bedauern.
«Warum setzen sie die Seilwinde nicht ein?»
Der Feuerwehrmann gab keine Antwort, sah dem Heli nach, der abdrehte, talauswärts flog und in den Schatten tauchte. Vergeblich versuchte er nochmals Verbindung zu bekommen. Dann liess er das Funkgerät sinken, murmelte unablässig vor sich hin, Schaum in den Mundwinkeln. Es war plötzlich so still, dass Felix das Knistern der Blätter im Wind hörte.
«Was geht hier vor?»
Der Feuerwehrmann blieb stumm, hob das Funkgerät wieder ans Ohr, bekam endlich Verbindung, schrie ins Mikrofon. Felix verstand. Die Seilwinde war kaputt. Landen war unmöglich in diesem Gelände.
«Aspettiamo.» Der Mann spuckte auf den Boden. Die höhnischen Zurufe seiner Landsleute beachtete er nicht, machte ein paar Schritte zur Seite, knöpfte den Hosenschlitz auf und pisste ins Gebüsch.
Sabine trat neben Felix. «Was nun?»
«Wir müssen warten.»
Sie streckte ihre flache Hand aus. «Es beginnt zu regnen.»
Der Wind hatte nachgelassen. Im Tal glommen Lichter auf, Blaulicht pulsierte. Die Ambulanzen und Polizeiautos in der Tiefe sahen aus wie Leuchtfische am Grund des Meeres.
7
Nach Mailand lag Nebel über der Autobahn. Die Rücklichter eines Lastwagens waren das Einzige, was Daniel erkennen konnte. Er starrte auf die roten Punkte, die vor ihm im Dämmergrau dahintrieben. Es kam ihm vor, als bewegten sie sich nur noch im Schritttempo vorwärts. Immer wieder war er versucht, das Gaspedal durchzudrücken, loszupreschen. Die Vernunft hielt ihn zurück. In regelmässigen Abständen auftauchende Markierungen am Rand der Fahrbahn warnten, dass er bei dieser Sicht nicht schneller als fünfzig fahren dürfte. Sein Tacho zeigte achtzig. Bald würde die Nacht hereinbrechen, und wenn sich der Nebel bis zum Apennin hinzog, würde die Fahrt eine Stunde länger dauern.
Er schob eine cd ein, hämmerte mit einer Hand den Takt aufs Lenkrad. You’re walking. And you don’t always realize it, but you’re always falling … Laurie Anderson, Andreas bevorzugte Songwriterin. Vor einigen Jahren waren sie zusammen nach Finale gefahren, hatten eine intensive Woche verbracht. Das Meer glatt und klar, die Felsen warm, das Essen und der Wein vorzüglich. Spätherbst, die Nächte schon kühl, sternenklar. Dann war er nach San Diego berufen worden. Nach seiner Rückkehr war ihre Beziehung schwierig geblieben. Er fast rund um die Uhr in der Klinik, sie ständig unterwegs mit Gästen oder mit ihren Kumpels auf wilden Expeditionen. Zu individualistisch beide, zu egoistisch auf ihren eigenen Weg fixiert, da machte er sich nichts vor. Eine Familie gründen, Kinder in die Welt stellen? In diese Welt? Sie waren wohl nicht die geborenen Eltern.
Nach der Brücke über den Po begann sich der Nebel aufzulösen, trieb in grauen Fetzen über die Ebene. Da und dort ein Traktor auf dem Feld, ein einsames Gehöft, ein Hochspannungsmast. Daniel überholte den Lastzug, blieb auf der linken Spur. Wählte Andreas Nummer, wie schon unzählige Male seit seiner Abfahrt. Das Pfeifsignal, die synthetische Stimme: «Sie sind verbunden mit der Mailbox von …» Andreas Nummer folgte. «Bitte hinterlassen Sie eine Nachricht.»
Er hinterliess einen Kraftausdruck. Warum meldete sie sich nicht? Was war los? Während des Nachmittags hatte ihn von ihrer Nummer eine eigenartige sms erreicht. Es war nicht ihre Art zu schreiben. Er kannte ihre Kurzmitteilungen zu gut, ihre kleinen Orthografiefehler und geheimen Zeichen, ihre verhaltenen Gefühle. Hatte sie jemals das Wort «Liebe» verwendet, hatte er es? Er konnte sich nicht erinnern.
Andrea gestürzt. Das ist der Preis der Liebe. Il Silenzio.
Für diese paar Worte fand er keine Erklärung. Andrea stürzte nie, niemals. Nicht in Finale in einer Kletterwoche mit Anfängern. Das war nicht wahr, das durfte nicht wahr sein. Finale war Routine für sie. Wessen Preis sollte das sein? Welche Liebe? Gab es Nebenbuhler? Die Kumpels, mit denen sie im Winter in Patagonien herumgeklettert war? Sie sprachen nie darüber, stillschweigend waren sie übereingekommen, dass diese Dinge tabu seien. Die zwei Jahre in Kalifornien hatte er sein Leben gelebt, sie das ihre. Er war kein Engel und sie keine Klosterschülerin. Beide hatten sie wilde Zeiten durchlebt, waren gereift, hatten ihren Weg gefunden. Egal, was immer sie an der Südspitze Südamerikas trieb in den Wochen, während Schneestürme tobten und sie mit ihren Freunden auf die wenigen Sonnentage für die Kletterei wartete. Er war doch nicht etwa eifersüchtig? Il Silenzio, das Schweigen? War sie der Mafia in die Hände geraten, Omertà? Und mit der nächsten sms kam die Lösegeldforderung? Preis der Liebe? Blödsinn! Sie war gestürzt, hatte einen Knöchel gebrochen oder die Hand verstaucht.
Die Frauenstimme aus dem GPS holte ihn aus den Gedanken. Rechts abzweigen auf die A 26 Richtung Savona und Ventimiglia. Wenig später kündete eine Tafel einen Autogrill an. Er brauchte einen Kaffee, setzte den Blinker. An der Bar der Raststätte standen Leute herum, der Espresso schmeckte nach Teer. Trotzdem bestellte er einen zweiten, schüttete viel Zucker hinein, schob sich eine fettige, mit Marmelade gefüllte Brioche in den Mund. Seit er nicht mehr rauchte, war er süchtig nach Gebäck und allem Süssen, hatte ein paar Pfunde zugelegt. Schwer war er geworden, fand kaum mehr Zeit fürs Bergsteigen oder einen andern Sport. Dafür hatte sich Andrea, so schien ihm, umso hartnäckiger in ihre Kletterprojekte verbissen, plante Expeditionen, wilde Erstbesteigungen. Vielleicht gab es wirklich einen andern. Etwa den Typen, mit dem sie schon dreimal eine neue Route am Cerro Torre versucht hatte. Sie war ziemlich schweigsam zurückgekehrt von der letzten Expedition.
Eine halbe Stunde nach der seltsamen SMS hatte Daniel eine Vertretung organisiert, Silke Braun, eine tüchtige und karrierebewusste Ärztin aus Dresden, die wusste, dass er wahrscheinlich bald der neue Chef war im Haus. Seiner Sekretärin hatte er zwischen Tür und Angel zugerufen: «Ich muss dringend weg.»
«Professor Smits wollte dich morgen sprechen, wegen der Kommissionssitzung am Montag.»
Daniel tat, als habe er nicht gehört, obwohl die Sitzung entscheidend war für seine Berufung zum Chefarzt. Der Klinikchef hatte ihn als Nachfolger vorgeschlagen. Das war der eine Grund, weshalb er aus San Diego zurückgekehrt war in die Provinz. Der andere war Andrea. Ein Dilemma, denn als Chef der Klinik würde er noch weniger Zeit für sie haben, ihre Beziehung würde noch mehr strapaziert. Wegen dem Assessment hatte er die Kletterwoche abgesagt. Er müsse sich vorbereiten, doch das war ein Vorwand gewesen. Andrea hatte wohl etwas geahnt, war wütend und traurig abgereist, hatte sich nicht mehr gemeldet. Und nun? Nach der SMS hatte er keine Sekunde gezögert. Er musste fahren, er musste wissen, warum sie nicht mehr antwortete und was die ominöse Nachricht bedeutete, die jemand in ihr Mobiltelefon getippt hatte.
Zwischen Gestellen, die überladen waren mit Weinflaschen, Olivenöl, Parmaschinken, Parmesan und Teigwaren, suchte er den Weg zur Kasse und zum Ausgang. Es war schon dunkel, Nebelbänke schoben sich über den Kamm des Apennin. Neben seinem Saab stand ein Typ mit fettigen Haaren, wollte ihm eine gefälschte Rolex für fünfzig Euro andrehen. Er lehnte ab. Der Mann trat näher, er hatte schlechte Zähne und sein Atem roch nach Tabak. Daniel schaute ihm ins graue Gesicht, packte ihn hart an der Schulter und schob ihn zur Seite. Der Mann knurrte einen Fluch und verzog sich.
Als Daniel auf die Autobahn einspurte, begann es zu regnen.
8
Weitere Helfer waren eingetroffen, Kletterer aus andern Gebieten, die von dem Unfall gehört hatten, und freiwillige Retter, die aus dem Tal heraufgestiegen waren. Sie lehnten an Bäumen, hockten auf dem Boden, unterhielten sich. Zigaretten glommen auf. Felix hörte Italienisch, Deutsch und holpriges Englisch, wenn sich die verschiedenen Nationalitäten untereinander verständigten. Alle warteten, dass etwas geschehe, dass sie Hand anlegen, sich nützlich machen konnten. Er sass auf seinem Rucksack, musste immer wieder die gleiche Frage beantworten: «Wie ist es passiert?»
«Ich weiss es nicht.» Er deutete auf das Seil, das in der Wand hing.
Ein Kletterer zog am Seil, doch es blieb verklemmt. «Da ist noch ein Knoten drin.»
«Sie hat sich zum Umfädeln losgeseilt, ohne sich zu sichern, und ist dabei ausgerutscht.»
«Bestimmt nicht, sie war Bergführerin.»
«Oder der Typ da hat sie fallen lassen, hat sie losgebunden und das Seil wieder nachgezogen.»
«Vielleicht ist der Stand ausgebrochen.»
Einer wollte hinaufklettern und nachsehen, doch die andern hielten ihn zurück. Es war schon zu dunkel, die Felsen nass. «Ein Absturz genügt für heute.»
Zwei Sanitäter brachten eine Schaufelbahre, die man in zwei Teile zerlegen konnte und damit die Verletzte anheben, ohne ihre Wirbelsäule zu gefährden. Für den Transport gehöre eine Schale aus Kunststoff dazu, die sei noch unterwegs, erklärten sie. Sie trugen Helme mit Stirnlampen, leuchteten Andrea ins Gesicht. Der Blutstreifen aus ihrem Mundwinkel war eingetrocknet, sie kniff ihre Augen zusammen, als sie das Licht blendete. Die Sanitäter hockten auf den Boden, rissen eine Dose Bier auf, reichten sie hin und her.
Wenig später rollte unvermittelt das Dröhnen eines Helikopters über die Wand. Er war aus einem andern Tal aufgestiegen, schwebte dicht über dem Grat, schaltete Scheinwerfer ein. Die knorrigen Stämme von Zwergeichen ragten ins grelle Licht. Steine, Laub und Föhrennadeln prasselten herab. Die Seitentür wurde aufgeschoben, zwei Gestalten sprangen heraus.
«Was soll das? Was macht ihr dort oben?», rief einer der jungen Italiener hinauf.
Der Hubschrauber entfernte sich von der Wand, leuchtete den Fels an. Ein Seil kringelte herab. Ein Mann seilte sich ab, der zweite folgte. An einer Föhre machten sie Zwischenstand, zogen das Seil ab, warfen es wieder aus. Die Enden klatschten zwischen den Wartenden auf den Boden. «Bravo!», rief jemand. «Viva i pompieri! Viva l’Italia!»
Ein Feuerwehrmann glitt am Seil herab. Er trug eine Uniformjacke mit Gradabzeichen, einen Kletterhelm, am Gürtel pendelten Karabinerhaken aus Stahl und ein Beil. Ein Offizier offenbar, mit gepflegtem Schnauz und energischem Gesichtsausdruck. Er leuchtete mit seiner Stirnlampe in die Runde, trat kurz zur Verletzten. «Warum liegt sie noch hier? Wo ist die Bahre?»
Ein Sanitäter erklärte ihm, dass die Transportschale zur Bahre noch nicht eingetroffen sei. Der Mann, der sie herauftragen sollte, hatte offenbar den Weg verfehlt. Der Offizier stiess wüste Flüche aus, telefonierte. «Was stehst du herum? Geh suchen!», fuhr er den Sanitäter an.
«Es ist unmöglich, die Verletzte da hinunterzutragen», wandte der andere ein. Da gibt’s eine Felswand mit Seilen.»
«Wer sind wir denn?», brüllte der Offizier. «Packt an. Ein paar sollen schon vor, eine Seilbahn einrichten. Ihr seid doch Bergsteiger, oder nicht?» Dann begann er, mit seinem Beil einen Busch wegzuhacken, der ihm den Weg zu verstellen schien. Sein Kollege zog das Seil ab, schoss es auf und warf es einer Gruppe von Kletterern vor die Füsse. «Dai, dai, bewegt euch!»
«Was sollen wir?» Tom griff sich das Seil.
«Den Weg hinab, irgendwo hat es einen Fels, dort sollt ihr eine Seilbahn einrichten», übersetzte Felix.
«Und wie geht das?»
«Der Feuerwehrmann wird es dir zeigen.»
Tom warf sich das Seil über die Schulter, hängte sich seinen Rucksack an. Hinter dem Feuerwehrmann schritt er davon, ein paar Leute folgten. Andere blieben unschlüssig stehen.
«Warum ziehen wir sie nicht die Wand hoch und tragen sie nach Orco?»
«Was ist mit dem Helikopter? Hat der keine Seilwinde?»
Stimmen in mehreren Sprachen redeten durcheinander, machten Vorschläge. «Übersetz das! Frag den Meister.» Jemand stiess Felix in die Seite. «Du kannst doch Italienisch.»
Er fragte den Offizier, ob man die Verletzte nicht besser nach Orco bringe.
«Niente Orco. Wir tragen sie hinab.»
Noch immer schwebte der Hubschrauber über dem Tal, strahlte mit Scheinwerfern den Abhang an. Sein Licht blendete, die Baumstämme warfen bizarre Schatten auf den bleichen Fels. Die Menschen waren nur noch als schwarze Schemen zu erkennen, wenn sie ins Licht traten, sonst blieben sie von der Nacht verschluckt.
Endlich traf der Mann mit der Transportschale ein, eine Art Boot aus Kunststoff. Die Sanitäter zogen die Teile der Schaufelbahre auseinander, setzten sie auf beiden Seiten der Verletzten an, schoben sie vorsichtig unter ihren Körper. Als sie die Bahre anhoben, stöhnte Andrea leise. Sie fühlte wohl, dass die Rettung begann. Felix hob die Kleider auf, die sie unter ihren Körper geschoben hatten. Er polsterte die Schale mit zwei Jacken, mit den andern Kleidern deckte er Andrea zu. Die Sanitäter schnallten sie fest. Vier Kletterer hoben die Transportschale an und setzten sich vorsichtig in Bewegung. Im Rhythmus ihrer Schritte schwankte sie hin und her wie ein Boot bei leichtem Seegang.
Der Hubschrauber löschte seine Scheinwerfer, drehte ab und flog talauswärts davon. Stille und Dunkelheit senkten sich über den Abhang. Nur noch das Schleifen der Schritte auf dem steinigen Pfad war zu hören, das Kratzen von Ästen an den Kleidern der Männer, die die Bahre trugen, und die Rufe, mit denen sie sich verständigten, die Axthiebe der Feuerwehrleute, die den Weg freihackten, das Wimmern einer Ambulanz oder eines Polizeifahrzeugs in der Tiefe. Felix suchte in der Dunkelheit seinen Rucksack, sammelte das Klettermaterial ein, das noch herumlag. Er stopfte Andreas Schuhe und Expressschlingen in ihren Rucksack, schnallte ihn auf seinen. Dann folgte er dem Lichtschein einer Stirnlampe talwärts.
9
Ein Wort. Es kehrt wieder. Immer wieder: Seilbahn. Stimmen, Rufe, Schreie, eine Kakophonie. Was soll das? Jemand will eine Seilbahn bauen, man will mich hinübersenden, übers Tal und über den Fluss. Ein Pferd ist ertrunken im Wildwasser, das zwischen uns und dem Leben tobt. Wer wagt sich durch den reissenden Strom. Daniel? War er dabei, damals in Patagonien?
Daniel baut die Seilbahn mit linker Hand, er war ein Freak, ein starker Kletterer, stark ist er noch immer, und wir haben gestritten. Worüber eigentlich? Er verlässt mich, immer wieder. Muss zum Notfall, muss zur Sitzung, muss zur Konferenz, muss einen Artikel schreiben fürs New England Journal of Medicine. Er jettet nach San Diego, zu einer Tagung von Traumatologen oder zu seiner Geliebten. Kein Wort darüber, wir schweigen. Meine Geliebte ist die Medizin, sagt er. Und ich, was bin ich? Ist es die Scham oder die Eifersucht, die uns entfremdet? Zur Kletterwoche wollte er mich begleiten, eine Woche im Süden, eine Woche für uns. Und dann? Dann war da etwas. Etwas Unausgesprochenes, Verschwiegenes. Lügen? Ausflüchte? Finale.
Nun bauen andere die Seilbahn. Gute Kumpels, meine Freunde. Hammerschläge auf Haken, Klirren von Karabinern, Rufe. Hinüber! Flussabwärts finden wir das tote Pferd, halb im Sand vergraben. Wir weinen. Andrea fährt sich mit der Hand über die Augen. Sieht über sich Lichtstrahlen durch die Nacht fingern, bleicher Fels, ein tropfender Überhang. Ihr Kopf liegt tief, hingebettet hat man sie, auf abschüssigen Grund. Vergessen. Verlassen. Ein kalter Tropfen schlägt ihr ins Gesicht, sie schreit auf, doch niemand hört sie. Schatten hasten vorüber, Zweige knacken, Steine kollern, Atem hechelt dicht neben ihr, jemand spuckt aus, einer pisst ins Gebüsch. Sie vernimmt die Geräusche wie durch Kopfhörer. Bewegt die Lippen, versucht zu sprechen. Nach Orco, bringt mich nach Orco, dort steht mein Wagen. Der gute alte Cherokee. Geschenk meines Vaters. Aber noch immer keine Stimme. Und wieder das Wort: Seilbahn. Mit einem Ruck hebt man sie an, etwas schleift über Schotter, sie schwebt, hoch über dem wilden Wasser des Flusses. Drüben, die Rettung. Und das tote Pferd.
10
Der Pfad endete in einer Nische unter einer überhängenden Wand. Felix sah, dass es schwierig würde, eine Seilbahn um die Felsstufe einzurichten. An einem Felshaken war ein ausgefranstes Hanfseil befestigt, mit Reepschnurstücken aus Kunstfaser verknotet und verstärkt. Es führte als Geländer aus der Nische um einen Felspfeiler herum, zwanzig Meter, die man hangelnd überwinden musste. Für die Füsse waren Tritte in den Fels gemeisselt. Der Pfeiler sprang weit vor gegen das Tal hin, es war kaum möglich, ein Seil zu spannen und zu verankern. Niemand hatte Felshaken oder eine Bohrmaschine dabei. Die Träger hatten die Bahre abgestellt, ein Dutzend Leute standen in der Dunkelheit herum, redeten durcheinander, rauchten und riefen Vorschläge in die Runde, wie man die Schale mit der Verletzten um den Felspfeiler herumtransportieren könnte. Abseilen zum nächsten Band, mit Flaschenzug heraufziehen durch den felsigen und mit Gestrüpp bewachsenen Abhang. Der Offizier hieb mit der stumpfen Seite seines Beils auf den rostigen Felshaken ein, als ob er damit sicherer würde.
«Lass das», sagte Felix, «du lockerst ihn nur.» Er hatte Erfahrung mit dem alten Material. Der Mann gab einen grunzenden Laut von sich, hörte mit dem sinnlosen Hämmern auf.
Tom schlug vor, ein zweites Geländerseil zu legen, an Bäumen festgebunden und nur leicht gespannt. Drei oder vier starke Männer sollten sich mit ihren Klettergürteln dranhängen, die Schale auf ihre Arme nehmen und sie dann miteinander Schritt um Schritt um den Felspfeiler herummanövrieren. Die Bahre würde mit zusätzlichen Seilen gesichert.
Felix übersetzte, der Offizier zupfte seinen Schnurrbart, liess sich schliesslich überzeugen, einen Versuch zu wagen. Per Funk sprach er sich mit seinen Leuten im Tal ab. Während Tom und ein paar Männer die Seile spannten, begann auf der andern Seite des Felsens ein Stromaggregat zu knattern, ein Scheinwerfer leuchtete auf.
«Gefechtsfeldbeleuchtung», sagte jemand. «Wie im Krieg.»
Ein deutscher Kletterer beugte sich über Andrea, die reglos in der Transportschale lag, fühlte ihr den Puls. Er tippte Felix auf die Schulter. «Ich bin Arzt. Sie müsste dringend ein Schmerzmittel bekommen. Und eine Infusion, damit ihr Kreislauf durchhält. Sag das dem Kommandeur.»
Felix informierte den Offizier, der befahl einem Sanitäter, per Funk eine Spritze anzufordern. «Puntura», vernahm Felix. «No», rief er, «Infusione.» Der Offizier riss dem Sanitäter das Funkgerät aus der Hand, schrie selber ins Mikrofon. Der Deutsche musste nochmals erklären, was er wünschte, Felix übersetzte. Während der Konfusion fiel ihm ein Kinderlied ein, das Anna ihrer Tochter gesungen hatte. Ecco il dottore che fa la puntura, mamma ho paura, mamma ho paura … Die einfache Melodie und die Worte wiederholten sich unablässig in seinem Kopf, mit Wehmut dachte er an seine Tochter, mit der er kaum noch Kontakt hatte. Gelegentlich eine E-Mail, zu Neujahr oder wenn sie Geld brauchte.
Während die Kletterer sich bereit machten, Karabinerhaken einschnappten, Kommandos und Rufe durch die Dunkelheit hin- und herflogen, lehnte er an einen Baum, stützte seinen Kopf auf die Arme und schloss die Augen. Er fühlte sich elend und sterbensmüde, hörte dem geschäftigen Hin und Her der Retter zu, bis eine Hand seine Schulter berührte.
«Was ist?» Sabine stand hinter ihm.
«Nichts.» Felix wischte sich mit dem Ärmel seiner Jacke über die Augen. «Ich bin nur sehr müde.»
«Wie das nur passieren konnte?»
«Ich weiss es nicht. Es ging so schnell.»
«Hina sagte, du hättest das Sicherungsgerät falsch herum eingeklinkt.»
«Sie hat doch nichts gesehen.»
«Behauptet sie aber …»
«Ich habe mit einem Bremsknoten gesichert.»
«War der Knoten richtig? Bist du sicher?»
Er gab keine Antwort mehr. Sabine blieb eine Weile stehen, dann verschwand sie im Schatten zwischen den Bäumen.
Die Lichtkegel von Stirnlampen richteten sich auf die Höhle. Drei Männer ergriffen die Schale mit der Bahre von der Talseite her, Tom in der Mitte. Sie klinkten sich in das Geländerseil. Im Chor riefen sie: «Ooo … op!», hoben die Schale mit einem Ruck auf Brusthöhe. Die Sicherungsseile an beiden Enden strafften sich. Schritt für Schritt bewegten sich die drei Träger über dem Abgrund, Helfer leuchteten ihnen mit Stirnlampen, damit sie die Tritte im Fels nicht verfehlten. Geschrei setzte ein, wenn sich die Schale nach einer Seite neigte. An der Kante des Felspfeilers traten die Träger in den Lichtkegel des Scheinwerfers. Wie in einem Schattentheater bewegten sie sich als schwarze Gestalten die Wand entlang, Insekten schillerten im grellen Licht über ihren Köpfen. Der vorderste Mann, geblendet wohl, machte einen Fehltritt, ein Fuss rutschte weg. Die Schale kippte mit der Spitze nach unten, drohte in den Abgrund zu stürzen. «Tira, tira!», schrien die Männer an den Sicherungsseilen. Zwei Mutige kletterten hinaus, unterstützten, ohne sich zu sichern, die Träger, denen allmählich die Kraft ausging. Langsam schwebte die Schale um die Kante.
Felix lehnte noch immer am Baum, versuchte, sich den Absturz in Erinnerung zu rufen. Hatte er wirklich richtig gesichert? Den Halbmastwurf hatte man zu seiner Zeit noch nicht gekannt, man hatte in alter Manier über die Schulter gesichert oder das Seil einfach durch einen Karabiner laufenlassen. Er erinnerte sich nicht mehr, wie er den Knoten in den Sicherungskarabiner gehängt hatte. Er hatte Andrea zugeschaut, wie sie geklettert war, so gewandt und sicher wie immer. Sie hatte den Stand erreicht, die Umlenkung eingerichtet. Sie hatte ihm etwas zugerufen. Und dann? Dann kam ihm nur noch der Schatten in den Sinn, der sich plötzlich aus der Wand gelöst hatte, das Knacken und Brechen der Zweige, als sie in den Busch stürzte, dann vornüberkippte und mit dem Kopf auf den Boden prallte. Und wie er vergeblich versucht hatte, den Code seines Mobiltelefons zu erinnern. Jetzt war er wieder da. 4181, das zwanzigste Glied der Fibonacci-Folge.
Die Männer mit der Bahre waren auf einer Felsplattform angekommen. Die Helfer lösten die Knoten, sammelten die Seile ein, schossen sie auf. Dann folgte einer hinter dem andern dem Geländerseil entlang auf die andere Seite. Felix war der Letzte. Er trug noch immer den Klettergürtel, Expressschlingen baumelten daran. Er klinkte sich ein, hangelte sich die Wand entlang, tastete im Dunkeln vorsichtig auf den feuchten Tritten nach Halt für die Schuhe. An der Kante blendete ihn das Scheinwerferlicht, Mücken tanzten zwischen glitzernden Regentropfen.
11
Die Bar Centrale in Finalborgo war ein Treffpunkt der Kletterszene. Daniel trat ein, sah sich um. Am Tresen standen drei Männer in Fliesjacken, Kletterhosen und Turnschuhen, Biergläser in der Hand. Auf einem Stuhl bei der Tür hockte ein Einheimischer vor einem leeren Glas, glotzte ihn an. Im Raum nebenan sassen an runden Tischen ein paar Bergsteiger oder Mountainbiker und unterhielten sich lautstark. In einer Ecke lief der Fernseher, ohne dass jemand hinschaute.
Daniel bestellte einen Espresso. Die junge Frau hinter der Theke lächelte ihm zu, zeigte ihre leicht vorstehenden Zähne. Ob sie sich erinnerte? Mit Andrea war er hier zum Frühstück eingekehrt oder zum Bier am Nachmittag nach dem Klettern. Die Frau war damals noch ein Teenager gewesen, inzwischen war sie rundlich geworden, trug ihre schwarzen Haare kurz geschnitten, war jetzt wohl verheiratet und Mutter. Ihr Vater, ein hagerer Mann, der aussah wie ein pensionierter Professor, bediente die Kaffeemaschine. Zur weissen Schürze trug er eine rote Krawatte. Bedächtig klopfte er den Kaffeesatz aus dem Kolben in einen Behälter, füllte neues Pulver ein, drückte es fest. Der Kaffee tropfte in die Tasse und verbreitete den Duft, der typisch ist für die italienischen Bars.
«Bitte, mein Herr. Ihr Kaffee.» Die junge Frau stellte die Tasse auf einen der bereitstehenden Unterteller.
Daniel löffelte Zucker aus der Dose, rührte. «Sie sprechen sehr gut Deutsch.»
«Mamma stammt aus Köln.»
Daniel fragte, ob sie von einem Kletterunfall gehört habe. Sie wandte sich an die drei Männer. Er verstand ihre Antworten nicht, die sie mit ausschweifenden Gesten unterstrichen, dabei zu ihm herüberschauten. Der Alte hörte ihnen zu, wischte sich die Hände an der Schürze. Immer wieder fiel das Wort «Silenzio».
Silenzio, Preis der Liebe. Das hatte in der kryptischen sms gestanden. Abgeschickt von Andreas Handy, das seither verstummt war. Die einzige Nachricht seit dem Streit kurz vor ihrer Abreise zur Kletterwoche. Er hatte sie versetzt, hatte die Sitzung der Berufungskommission vorgeschoben, um abzusagen. Den wahren Grund hatte er verschwiegen. Er hatte keine Worte gefunden und den richtigen Moment verpasst. Seit dem Scheitern ihrer Expedition zum Cerro Torre wirkte sie bedrückt und verschlossen. Sie müssten sich aussprechen, doch ihre Wege strebten auseinander. Sie floh in die Berge, er in die Arbeit. War das der Preis der Liebe?
Die Ahnung, der Unfall sei kein Zufall, peinigte ihn seit der Abfahrt. Eine letzte Botschaft, nein, das war nicht Andreas Stil, beruhigte er sich. Dafür kannte er sie zu gut. Aber kannte er sie wirklich? Liebte er sie?
Die junge Frau polierte mit einem Tuch die Granitplatte der Theke. «Es habe einen Unfall gegeben an der Falesia del Silenzio. Eine Frau sei abgestürzt, verletzt.»
Daniel war es, als hätte ihn ein Felsblock auf den Kopf getroffen. Eine Frau. Das konnte nur Andrea sein. Il Silenzio, das war der Schlüssel. Er kannte das Felsband, sie hatten dort geklettert, in gelben Überhängen an Löchern, die nur für einen oder zwei Finger Platz boten. Andrea leicht und locker wie eine Artistin am Trapez. Er hatte sich abgemüht, war viel zu schwer geworden. Dass sie an jenem Fels stürzte, konnte er sich nicht vorstellen. Sie war erfahren, die Routen waren gut gesichert.
«Weiss man mehr? Wer die Frau war, wohin man sie brachte?»
Die drei Kletterer waren zu ihm getreten. «English?», fragte einer.
«Yes, of course.»
Sie hatten von dem Unfall gehört. Ein Gerücht, sagten sie, Genaues wüssten sie nicht. Es gebe immer wieder Kletterunfälle in der Gegend, meist Fehler beim Sichern. An der Rocca di Corno sei vor Jahren ein junger Deutscher deswegen zu Tode gestürzt. Oft passiere das den Deutschen, weil sie manchmal abseilten, statt umzulenken. Das gebe viele Missverständnisse.
«Wo bringt man die Verletzten hin?», unterbrach Daniel den Redeschwall des Italieners, der gut englisch sprach und das offensichtlich gerne zeigte.
«Pietra Ligure, Ospedale Santa Corona.»
Er erklärte den Weg. Hinab zur Küste, dann auf der Aurelia rechts ab. «Soll ich mitkommen? Es ist nicht weit.»
«Nicht nötig. Ich habe GPS.»
Daniel kippte den Espresso, der kalt geworden war, bezahlte, trat ins Freie.
Die Steinfliesen der Piazza waren nass. Die Fassaden der Palazzi wirkten im Licht der Lampen kalt und abweisend. Die Geschäfte und der Kletterladen rockstore hatten ihre Gittertüren verschlossen. Daniel schritt über den Platz, sah in einer Spaghetteria ein paar Leute sitzen. Er war hungrig, doch die Unruhe trieb in weiter. Ein Junge auf einem Moped fuhr über den Platz, bog in eine Seitengasse. Auf dem Kirchturm beim Stadttor schlug die Glocke die Stunde, zehn träge, metallen klingende Schläge.
12
«Wie heisst du? Sag mir deinen Namen!»
«An… Andrea.»
«Deinen Nachnamen?»
«Stamm.»
«Wie bitte?»
«Andrea Stamm.»
«Weisst du, wo du bist?»
Was soll diese doofe Fragerei? Wo ich bin? Cerro Torre? Oder an der Sila, im Winter damals. Daniel hat mich empfangen, unsere erste Nacht. War es das? Ist doch egal. Es ist so kalt, kein Gefühl in den Gliedern, nur Schmerz wie Feuer und Eis. Aber ist nicht Frühling?
«Wo ich bin?»
«Erinnerst du dich nicht?»
«Finale? Ist das Finale?»
«Finale, richtig. Welcher Tag ist heute?»
«Deine Fragerei nervt. Hör auf.»
«Entschuldige, Andrea … Es ist wichtig …»
Grelles Licht stach ihr in ein Auge. Sie fuhr zusammen, wollte ihr Gesicht mit der Hand schützen. Eine glühende Nadel bohrte sich durch den Arm zur Schulter, durchstach ihren Hals und stocherte im Hirn. Sie versuchte sich aufzurichten, fiel zurück und eine violette Welle schwappte über sie hinweg. Sie ertrank. Rang nach Luft, wollte schreien. Doch nur ein Röcheln drang aus ihrer Kehle. Jemand drückte ihr eine Maske auf Mund und Nase, sie rang nach Luft, Sauerstoff zischte. Tausend Dolche stachen bei jedem Atemzug in die Lungen.
«Es gibt einen kleinen Stich.» Eine Stimme, nahe an ihrem Ohr. Ein Deutscher. Was tat der hier? Was machte der sich an ihr zu schaffen? «Was ist los? Wo bin ich?»
«Finale. Du bist gestürzt. Falesia del Silenzio, erinnerst du dich?»
«Gestürzt? Warum?»
«Keine Ahnung. Pass auf, ich stecke jetzt die Infusion.»
Sie spürte nichts. Abgestorben der ganze Leib. Doch gleich schlug das Flammenschwert wieder zu, säbelte an ihrem Bein, riss ihre Brust auf, schnitt ihr das Herz aus dem Leib. «Ich sterbe», sagte sie. So war das also. Man hat sich das oft vorgestellt. Ein Freund hatte einmal gesagt: Man stirbt, wie man gelebt hat. Im Tod vollzieht sich das Leben. Da war nun der ganze Schmerz ihres Lebens versammelt in ihrem Körper. Die Krankheit der Mutter, die Asche des melancholischen Vaters, die Gesichter der Männer, die sie geliebt und gehasst hatte. Und die Toten, denen sie begegnete. Die ermordete Frau auf dem Felsband, der Schreiner, in einer Höhle verendet, der alte Bergführer, erstickt in der Lawine. Die Qualen der grossen Berge, der Stürme, der heissen Felsen. Mein Schmerzkörper. Das Wort hatte sie irgendwo gelesen. Nun war er da, nur noch er. Nur noch Schmerz war sie.
«Du stirbst nicht.» Die deutsche Männerstimme klang sanft, ganz nah an ihrem Gesicht. «So ’nen Quatsch will ich nicht mehr hören! Du reisst dich jetzt zusammen. Bist noch zu jung, um abzutreten.»
«Und du? Wer bist du?»
«Herbert. Ich bin Arzt. Hab dir eine Infusion gesteckt. Dein Körper braucht Flüssigkeit. Jetzt schau ich nach deinem Bein. Okay?»
«Mach, was du willst. Ich …» Ich krepiere, wollte sie sagen, aber das duldete er ja nicht, der deutsche Doktor. Behutsam machte er sich an ihrem Bein zu schaffen, doch bei der leisesten Berührung schrie sie auf. «Hör auf, du tust mir weh!»
«Schrei nur, das tut gut.»
«Gemeiner Kerl!»
Der Deutsche lachte. «Weiter so! Du lebst!»
Doch sie war erschöpft. Sie fror. Sie schwitzte. Versuchte sich zu erinnern. Finale, ja. Die Kletterwoche. Mit wem? Wer war da nur? Sie mochte nicht mehr denken. Der Schmerz packte sie wieder so heftig und umfassend, dass alle Energie aus ihrem Körper entwich. Es war, als schrumpfe sie zu einem Punkt, der sich wieder ausdehnte, ein heller Klecks im schwarzen Himmel, ein blauschillerndes Gebilde, das sich von ihr ablöste, in die Höhe stieg. Ihr ganzes Leben, zart und zerbrechlich. Flügel wuchsen ihr.
Dann war da wieder diese Stimme. Herbert, der Folterknecht. «Wir müssen dein Bein strecken. Du hast mehrere Brüche, die Gefahr besteht, dass beim Transport Knochensplitter durchs Gewebe stechen. Es wird wehtun, kurz und heftig, aber dann wird es besser.»
«Macht, was ihr wollt.»
Sie biss ihre Zähne zusammen, ihre Zunge war dick geschwollen und brannte, ihr Mund schmeckte nach Blut. Sie spürte Hände auf ihrem Körper, und dann schrie sie nur noch, heulte und versuchte, mit der Faust nach den Typen zu schlagen, die sie quälten. Sie rissen ihr das Bein weg, sie zerrten es aus der Hüfte, sie hieben die Knochen in Stücke. Andrea versuchte sich hochzustemmen, doch ihre Hand knickte ein, als sei sie gar nicht vorhanden. Der Schmerz in ihrem Bein löschte jeden Gedanken in ihrem Kopf. Nur eines wusste sie: Gleich bin ich tot. So ist das also, drüben. Ein schwarzes Meer von Schmerz.
Und dann diese Stille. Weit weg Stimmen. «Weiter!»
Sie war kein Mensch mehr, ihre Seele hatte sich gelöst aus ihrem Leib, der Schmetterling auf ihrem Schulterblatt hatte abgehoben, trug sie mit sich davon. Blue Mountain, das Tattoo von der Venice Beach, Los Angeles. Der Schmetterling ihrer wilden Jahre. Ihren Körper schleppten sie da unten auf der Erde dahin. Sie vernahm Rufe, hörte Steine fallen, tief unter sich.
«Passt auf! Nicht so schnell!»
«Vorn höher, höher! Lasst sie nicht fallen!»
«So ist gut, ja.»
«Und da hinüber, nein, nicht über den Fels, direkt die Rinne hinab.»
«Haltet euch fest, gleich kommen die Fixseile.»
Der Schmerz war von ihr gefallen, und der Schmetterling schwebte höher und höher, samtblau mit sanften Flügelschlägen im weissen Licht.
13
Andreas Wagen stand auf dem Parkplatz bei der Kirche von Orco. Der Cherokee mit dem Schriftzug rock’n’ice und dem Signet ihrer Kletterschule, der Seiltänzerin zwischen zwei Bergspitzen. Ein gelber Volvo parkte daneben, Schweizer Nummer, die andern Plätze waren leer. Im Tal unter dem Dorf rauschte das Lichterband der Autobahn. Daniel erinnerte sich, dass der Weg den Friedhof entlangführte, dann über eine Anhöhe zur Falesia del Silenzio. Im Spital in Pietra Ligure hatte er die Auskunft bekommen, die Rettung sei noch im Gang.
Er holte eine Stablampe aus dem Handschuhfach, fand im Kofferraum einen Knirps. Bei seinem hastigen Aufbruch hatte er weder Regenschutz noch feste Schuhe eingepackt. Er ging um Andreas Cherokee herum, alle Türen waren verschlossen. Im Friedhof auf der andern Strassenseite brannten elektrische Lämpchen vor einer Wand mit Grabplatten. Eine schwarz verhüllte Gestalt stand davor und schien zu beten. Daniel folgte dem Schotterweg ohne Licht, auf der Anhöhe trieb ihm der Wind Regentropfen ins Gesicht. Er spannte den Schirm auf, schritt weiter durch die Nacht, atemlos und von Angst getrieben. Was war geschehen? Warum dauerte die Rettung so lange? Er fand keine Erklärung, stolperte über einen Baumstamm, der quer über den Weg lag. Wenn ich mitgefahren wäre, wäre nichts passiert, warf er sich vor. Immer wieder.
Der Schotterweg führte in eine Senke, ein Pfad zweigte nach rechts ab, zur Falesia, vermutete Daniel. Er knipste die Stablampe an, zwängte sich durchs Gebüsch. Feuchte Zweige schlugen ihm ins Gesicht, bald war er nass bis auf die Haut. Auf der Höhe riss ihm ein Windstoss den Knirps beinahe aus der Hand. Er klappte ihn zu, der Regen hatte nachgelassen. Am Horizont schimmerte ein heller Streifen zwischen dem Meer und tiefliegenden Wolken.
Der Weg führte in ein Tal hinab, das dunkel und schweigend vor ihm lag. Eine gottverlassene Gegend, für die sich nur Kletterer und andere Verrückte interessierten. Der Pfad wurde wieder schmal, Dornengebüsch zerkratzte ihm die Hände, mit denen er sein Gesicht schützte. Er leuchtete den Boden ab. Da und dort war er aufgewühlt, von Wildschweinen wahrscheinlich. Er hatte den Weg verloren. Vorsichtig arbeitete er sich durchs Dickicht talwärts in der Hoffnung, auf ein Felsband zu stossen. Dem entlang würde er die Falesia erreichen. Das Licht der Lampe begann flackernd nachzulassen, er knipste sie aus. Schritt um Schritt kämpfte er sich weiter, bis er glaubte, die Wildschweine zu riechen. Falls er in einen Einstand mit Jungen geriet, könnte es gefährlich werden. Er versuchte, die Stelle zu umgehen, traf auf Felsabsätze, wagte es jedoch nicht, in der Dunkelheit hinunterzuklettern.
Durch den Grund des Tals drang das Wimmern einer Sirene herauf. Eine zweite mischte sich dazu, eine dritte. Blaulicht blitzte auf wie fernes Wetterleuchten, spiegelte sich in den nassen Felsen der andern Talseite. Das Ende der Rettung, dachte er. Man bringt Andrea weg, nach Pietra Ligure, Ospedale Santa soundso.
«Ich muss sofort da hin, die bauen sonst Mist», sagte er laut vor sich hin. Den italienischen Spitälern und Ärzten traute er nicht, er hatte Horrorgeschichten gehört. Sinnlose Operationen, Organdiebstahl, selbst Amputationen, ohne die Patienten zu informieren, kamen vor, um Versicherungsgelder zu kassieren. Vor Kurzem war ein Skandal aufgeflogen, Ärzte und Versicherungsangestellte waren darin verwickelt. Die Mafia. Er musste Andrea herausholen.
Er folgte einem Felsband, bis zu einer Trockenmauer. Dahinter schien offenes Gelände zu sein. Er kletterte über die Mauer, ein Steinbrocken löste sich unter seinen Füssen, kollerte den Hang hinab. Dann gelangte er in einen Olivenhain, sah hoch über den Terrassen Licht in einem Steinhaus. Als er sich näherte, sprang ihm ein schwarzes Tier in den Weg, duckte sich und knurrte. Er blieb stehen, seine Hand krampfte sich um den Knirps. Das Biest musste sein Herzklopfen hören, seinen Angstschweiss riechen. Er versuchte, einen Stein aufzuheben, doch bei jeder Bewegung fletschte das schwarze Ungeheuer die Zähne, als wolle es ihm gleich an die Kehle.
«Chi è?» Die Stimme eines alten Mannes. Der Hund sprang auf, lief auf die Gestalt zu, die sich zwischen den Olivenstämmen näherte, Hut auf dem Kopf, eine Flinte unter dem Arm.
«I missed the way», stammelte Daniel. Der Schock hatte ihm beinahe die Sprache verschlagen.
Der Alte antwortete in Englisch mit amerikanischem Akzent. Er sei dreissig Jahre Koch in New York gewesen. Man nenne ihn l’Americano. Die Leute meinten, er sei reich. Man habe ihn auch schon überfallen. «Deshalb das Ding hier.» Er strich mit der flachen Hand über den Doppellauf seiner Flinte. Dabei seien die Oliven sein einziger Reichtum, «gli ulivi e il lavoro». Er gab ein glucksendes Lachen von sich, machte eine Kopfbewegung zur Steinhütte hin. Daniel folgte ihm, der Hund trottete hinterher.
Daniel erzählte, warum er durch die Gegend geirrt war, trank bei Kerzenlicht ein Glas sauren Wein, ass dazu Brot und salzige Oliven. Dann begleitete ihn der Alte zurück zum Friedhof von Orco.
14
Eine Kette von Lichtern kroch wie ein Glühwurm den steilen, von Felsstufen durchsetzten Hang hinab. Immer wieder rollten Steine in die Tiefe, gefolgt von Warnrufen und Geschrei. Felix hangelte sich an einem Seil hinab, das an einen Baum geknüpft war. Es war alt und ausgewaschen, einige Knoten gaben Halt. Der Weg war durch die Erosion zum Bachbett geworden, gefüllt mit losem Geröll. Er beeilte sich, damit er die Transportschale nicht aus den Augen verlor. Andrea war bei Bewusstsein und stöhnte leise, wenn einer der Träger ausrutschte und die Bahre umzukippen drohte. Kletterer aus verschiedenen Ländern lösten sich beim Tragen ab. Einer stolperte nebenher, hielt den Infusionsbeutel in die Höhe. Durch das Sprachengewirr schallten die Kommandos des Offiziers. «Capo», nannten ihn die Italiener.
«Avanti! En avant! Vorwärts!», krähte er. «Wenn wir unten sind, habe ich auch noch Deutsch gelernt.»
«Vorwärts ist ja schon unsere halbe Sprache», gab ein Deutscher zurück. Einige lachten.
Am Fuss der Schuttrinne erkannte Felix im Lichtkegel eines Scheinwerfers Tom und Sabine. Sie sassen auf einem Absatz, Tom stützte den Kopf in die Hände, wirkte erschöpft. Sabine massierte seinen Rücken. Sie sind ein Paar, dachte Felix. Volker hatte Hina ins Hotel begleitet. Während der Woche hatte er sich ständig mit Sabine gestritten. Er war wohl eifersüchtig, weil sie stärker kletterte, mit Tom wetteiferte und schäkerte. Tom, der eitle Kerl, war bei Andrea abgeblitzt, hatte auch bei Hina gescharrt. Doch sie liess sich nicht einmal sichern von ihm. Spiele junger Leute, oder war es mehr? Felix fiel ein, dass Tom die Unglücksroute vor ihm geklettert war. Vielleicht hatte er etwas manipuliert an der Umlenkung, schob nun die Schuld auf ihn. Ein absurder Verdacht, den er gleich von sich wies. Es war ein Unfall. Aus Erfahrung wusste er, dass Bergführer oft in banalen Situationen verunglückten. Sie stürzten unangeseilt in Gletscherspalten, rutschten auf Hüttenwegen aus, endeten unter Schneebrettern. Andrea war ihm den ganzen Tag schon unkonzentriert, in Gedanken abwesend erschienen. Etwas bedrückte sie.
Die Transportschale stockte, Träger wechselten sich ab. Felix trat heran: «Wie geht’s?»
«Okay», presste Andrea hervor.
«Schmerzen?»
«Es geht.»
«Wir sind bald unten.»
Sie schloss die Augen, ihre Gesichtszüge verkrampften sich.
Frische Träger packten an. Im gleichen Augenblick stockte der Generator, das Scheinwerferlicht ging aus. Rufe flogen durch die Dunkelheit hin und her, Steine krachten herab. Jemand schrie auf und fluchte, offenbar getroffen. Der Brennstoff war ausgegangen. Der Capo brüllte ins Telefonino, orderte Benzin.
«Keiner bewegt sich!», befahl er. Ohne Licht sei der Transport zu gefährlich, Steinschlag, Absturzgefahr. Die wenigen Stirnlampen, die noch funktionierten, genügten nicht. Also warten.
Sie befanden sich in der Nähe eines Bachs auf Felsplatten, die mit Moos bewachsen und glitschig waren. Zigaretten glommen auf. Eine Frau ging herum, verteilte Kaugummi. Felix zog sich einen, bedankte sich, rollte das Papier zwischen den Fingern und schnippte es weg.
«Unten gibt’s Freibier und Pizza», rief jemand. Gelächter kam auf, man erzählte Witze und Anekdoten, eine aufgeräumte Stimmung machte sich breit. Die Nationen Europas hatten sich zur Rettung vereint wie einst am Eiger, als man am Stahlseil den Italiener Claudio Corti aus der Nordwand holte, seinen Begleiter Stefano Longhi jedoch hängen und sterben lassen musste. Die Eigerwand war das Ziel gewesen, damals. Aber der Freund hatte sich am Vorabend unwohl gefühlt, und so waren sie zur Nordostwand ausgewichen. Sie hätten die Nordwand geschafft, davon war Felix überzeugt, sein Freund hätte überlebt, und auch sein Leben wäre anders verlaufen. Expeditionen, Achttausender, Anden. Er spuckte den Kaugummi aus.
Die Träger hatten die Transportschale abgesetzt, schief lag sie auf den Felsplatten in der Dunkelheit. Felix sass auf einem Baumstrunk, rieb sich Hände und Arme. Er hatte geschwitzt, nun fror er. Seine Kleider waren feucht, die Vliesjacke hatte er als Polster für die Verletzte weggegeben. Endlich setzte das Knattern des Aggregats ein, der Schweinwerfer ging wieder an.
«Forza, ragazzi! Vorwärts!» Die Männer hoben die Bahre hoch, langsam glitt sie auf die ausgewaschenen Felsen am Talgrund zu, über die ein Rinnsal floss. Auf der andern Seite des Bachs empfing sie eine Schar Neugieriger, die schwatzten und glotzten. Der Kommandant schritt voraus, scheuchte sie mit rudernden Armbewegungen zur Seite. Pfleger in weissen Kitteln kamen ihnen entgegen, Zigaretten zwischen den Lippen. Sie folgten der Bahre, die in einem langen Zug von Menschen daherschwebte wie eine Trophäe nach einer erfolgreichen Jagd. Blitzlicht zuckte auf, Journalisten mischten sich unter die Retter. Bei einer Steinbrücke erreichte die Kolonne die Fahrstrasse. Mehrere Feuerwehrfahrzeuge, zwei Ambulanzen, Polizeiwagen und Privatautos parkten in einer langen Kolonne. Polizisten in Uniform regelten mit Leuchtstäben den Verkehr. Die Zuschauer klatschten, als die Rettungsmannschaft eintraf. Presseleute drängten sich um den Offizier, der sich in der Rolle des Helden und Retters in Pose warf, nach allen Seiten Auskunft gab, Hände schüttelte.
Ein Arzt in grünem Kittel und feinen Schuhen dirigierte die Träger mit der Transportschale zu einer Ambulanz. Wieder blitzten Kameras. Pfleger hoben die Bahre aus der Schale auf einen Rollwagen, schoben ihn ins Fahrzeug. Sirenen gingen an, Blaulicht begann zu kreisen, die Ambulanzen fuhren los.
Felix lehnte an die Brüstung der Steinbrücke, ein Schwächegefühl hatte ihn ergriffen, die Erleichterung nach der stundenlangen Anspannung. Nun spürte er Hunger und einen bohrenden Schmerz im Kopf, weil er schon lange nichts mehr getrunken hatte.
Ein junger Mann in Jeans und Faserpelzjacke trat auf ihn zu. «Sie waren beim Unfall dabei?» Er zeigte einen Ausweis. «Polizia di Stato. Ispettore Milani. Sie sprechen Italienisch?»
«Certo, Ispettore.»
Es gebe ein Protokoll, wie immer nach Rettungen. «Versicherungen und so weiter, Sie verstehen.» Milani fuhr sich mit der Hand über den blanken Schädel, zog aus der Gesässtasche einen kleinen Block, notierte Name, Adresse, Hotel, Handynummer. Felix zeigte seine Identitätskarte. Schilderte kurz den Hergang des Unfalls aus seiner Sicht.
«Die Frau hat die Umlenkung erreicht und ist dann gestürzt. Warum?»
«Das kann ich mir nicht erklären.»
«Sie haben doch gesichert.»
«Ich habe keinen Zug verspürt. Das Seil blieb einfach hängen.»
«Haben Sie etwas fasch gemacht beim Sichern? Das kommt hin und wieder vor.»
«Bestimmt nicht.»
«Ihre Kollegen glauben das aber.»
Er hatte Tom und Sabine befragt. Sie seien überzeugt, Felix habe einen Fehler gemacht beim Sichern.
«Sie kletterten auf einer andern Route, können nichts gesehen haben.»
«Gab es Augenzeugen ausser Ihnen?»
«Eine Teilnehmerin war in der Nähe. Ob sie etwas gesehen hat, weiss ich nicht. Sie ist ins Hotel zurückgekehrt.»
Milani machte eine Notiz. Dann sah er Felix an: «Sie seien ein wenig erfahrener Kletterer, sagen Ihre Kollegen. Stimmt das?»
Felix zog mit dem Schuh eine Linie in den sandigen Grund. «Als junger Mensch war ich ab und zu in den Bergen. Ist aber schon lange her.»
Der Inspektor reichte ihm eine Visitenkarte. «Melden Sie sich bitte morgen Vormittag auf der Questura in Savona, Via dei Partigiani. Fürs Protokoll, eine Formalität.»
«Werde ich.»
«Bringen Sie die Frau mit, die noch dabei war. Wie hiess sie?»
«Hina. Mehr weiss ich nicht.»
Der Inspektor stutzte, als er den ungewöhnlichen Namen hörte. Dann fragte er, ob er Felix ins Hotel bringen könne.
«Danke, ich gehe zu Fuss.»
Milani bestieg einen blau-weissen Alfa, ein Polizist in Uniform sass am Steuer. Es war das letzte Auto, das wegfuhr. Felix blieb allein auf der Brücke zurück. Auch Tom und Sabine waren verschwunden. Nacht und Stille lagen über dem schwarzen Tal, die Felsbänder in den steilen Abhängen schimmerten bleich. Bei einer Gruppe von Häusern an der Strasse sah er das Schild Pizzeria Cornei, doch war nirgends mehr Licht. Die Deichseln eines alten Bauernkarrens, der im Garten stand, ragten in die Luft wie Kanonenrohre. Felix merkte, dass er noch immer den Klettergürtel trug, Expressschlingen daran und das offene Magnesiasäcklein. Er zog den Gürtel aus, stopfte ihn in den Rucksack.
Während er auf der Strasse gegen das Meer schritt, redete er zu seiner Frau. «Warum musste ich alter Esel wieder mit Klettern beginnen? Verzeihst du mir, Anna?» Sie schwieg, wie immer. Ihre Antwort kannte er, es wäre dieselbe gewesen wie damals. Ich oder der Berg. Entscheide dich, Felice.
Er hatte sich für Anna entschieden. Für die grosse Liebe und ein langweiliges Leben als Gymnasiallehrer. Warum ihn die Lust gepackt hatte, die jahrzehntelang verdrängte Passion wieder aufzunehmen, konnte er sich nicht wirklich erklären. Er war vor einem Schaufenster gestanden, hatte Seile gesehen, Expressschlingen und moderne Kletterschuhe mit schwarzer Sohle ohne Profil. Er hatte den Laden betreten, sich nach Kletterkursen erkundigt, Schuhe, Gürtel und ein paar andere Dinge gekauft. Er hatte die Website von rock’n’ice studiert und sich für die Kletterwoche angemeldet.
Ein Auto kam ihm entgegen, blendete ab, fuhr vorbei. Wasser spritzte aus einem Schlagloch an seine Hosenbeine. Die ersten Häuser tauchten auf, eine Brücke führte über das Flussbett, an dessen Grund lange Schilfrohre wuchsen. Die Luft roch nach Abwasser und Schlamm.
15
Sie versuchte sich zu erinnern. Was war geschehen? Wie war sie in dieses Gefährt gekommen, das sie durchschüttelte, als bebe die Erde? Sie lag hingestreckt, angeschnallt, gefesselt. Wenn der Wagen über Schlaglöcher sprang, fuhren Stiche durch ihren Körper, vom Bein durchs Gesäss und durch den Rücken ins Gehirn. In einer Metallschale hüpften Scheren und Pinzetten auf und ab, ihr Klirren schmerzte in den Ohren. Jemand hatte ihr eine Klammer an einen Finger geklemmt, ein hektisches Zirpen zeigte ihren Herztakt. Manchmal stockte er. Dann hielt sie den Atem an und dachte: Jetzt ist es so weit. Eine Nadel steckte in ihrem Arm, mit Heftpflaster festgeklebt, über ihr pendelte an einem Haken ein Behälter voll klarer Flüssigkeit. Eine Halskrause hinderte sie daran, den Kopf zu drehen. Aufs Rad geflochten bin ich. Ihr war speiübel, sie fürchtete, gleich kotzen zu müssen. Panik packte sie. Auf dem Rücken liegend werde ich am Erbrochenen ersticken. «Vomit, vomit …», würgte sie hervor. Ein ersticktes Gurgeln drang aus ihrem Mund.
Ein rundes Gesicht beugte sich über sie, schwarze Augen. «Vomit, no problem. We help you.»
Ein Schwarzer in weissem Overall. Er kauerte neben sie, fasste ihre Hand. Die Schlaglöcher wurden seltener, die Fahrt schneller und sanfter. Wenn sie die Augen verdrehte, sah sie blaue Blitze über bleiche Hausfassaden zucken. Sirenen wimmerten.
«Stellen Sie diesen Lärm ab!»
«Cosa?» Der Schwarze hielt seine Hände als Trichter hinter seine Ohrmuscheln.
«Wo bin ich? Where are we? Dove siamo?»
«Ambulanza. Santa Corona. Tutto bene, tutto bene.» Das breite Lächeln hatte etwas Beruhigendes. Sein Händedruck war fest. Lange, knochige Finger.
Sie versuchte sich zu erinnern. Finale, eine Kletterwoche. Wenige Anmeldungen, doch sie hatte sich gefreut. Daniel wollte mitkommen. Dann hatten sie sich gestritten. Er müsse sich vorbereiten auf eine Sitzung wegen seiner Berufung … Ein Vorwand, sie hatte es in seinem Gesicht gelesen. Da war etwas anderes … Er hatte zu einer Erklärung angesetzt, doch sie war aufgestanden. Deine Karriere ist alles, und ich bin dir gleichgültig. Er hatte Patagonien entgegnet, ihre verrückten Touren, die Kumpels, mit denen sie wochenlang in den Wänden hing. Eifersucht. Er war doch auch ein Freak gewesen, nur Fels im Kopf, und nun? Chefarzt will er werden. Die Tür hinter ihr war ins Schloss geknallt, unabsichtlich. Es hatte ihr leid getan, sie hatte im Treppenhaus gewartet, Flattern im Bauch, doch er war ihr nicht gefolgt. Schluss.
Die Ambulanz hielt an, Türen gingen, Gerät klirrte, ihre Bahre kippte nach hinten. Das gleiche Gefühl, wie vor dem Sturz … Der Himmel, dann der Blick ins Tal und der Moment, als sie glaubte, ihre Seele verlasse ihren Leib. Aber was war zuvor? Sie erinnerte sich, dass der Alte sicherte, der Mann, den sie Opa nannten. Wie war sein Name? … Eigenartig. Ein Pensionierter, der klettern will. Anfänger, sagte er. Ein neues Leben beginnen wahrscheinlich. Fit im Alter, mit sechsundsechzig Jahren, da fängt das Leben an. Und so weiter. Er hatte wenig von sich erzählt. Mit der Jungen, die immer fror, hatte er japanische Zahlenrätsel gelöst. Wie hiessen die? Ein seltsamer Namen, der ihr nicht mehr einfallen wollte. Schwarze Ponyfransen, Stupsnase und immer diese Stulpen an den Handgelenken. Kifferin. Magersüchtig. Verwöhnte Göre.
Andrea riss die Augen auf. Über ihr zogen Neonröhren dahin, eine perforierte Decke, Drähte hingen aus einem Loch herab. Rollen summten über glatten Boden. Der Geruch von Desinfektionsmittel, Spital. Grün vermummte Gestalten beugten sich über sie, betasteten sie am ganzen Körper, murmelten hinter Masken. Eine Lampe blendete. Eiskalt fuhr ein Gerät über ihren Bauch, farbige Flecken schwammen über einen Bildschirm. Was stellen die mit mir an? Schläfrig wurde sie. Man hatte ihr ein Mittel in die Infusion gemischt, Morphium vielleicht. Klirren hörte sie, Skalpelle, Pinzetten, Scheren. Die sägen mir mein Bein ab. Sie begann zu schreien: «Stopp, nein! Daniel! Mein Mann! Mio marito …»
«Si calmi, signorina.» Eine Stimme, ruhig und sicher.
Das Vollmondgesicht des Schwarzen schob sich vor das grelle Licht. «Everything okay, Missis.» Wie die Sonnenfinsternis damals auf dem Weisshorngipfel. Die plötzliche graue Kälte, der Weltuntergang.
Man hob sie an, sie schwebte, man legte sie auf einen Tisch, Operationstisch oder Schlachtbank. Sie schrie, sie schlug um sich, bis die grün Maskierten sich auf sie stürzten, sie packten, festhielten, an Händen, Armen, Schultern, Kopf, Beinen. Der Schmerz jagte so brutal durch ihren Körper, dass ihr Bewusstsein schwand. Nach einem Augenblick oder nach Stunden kam sie wieder zu sich, sah eine Hand direkt vor ihrem Gesicht, mit einem Gerät, das einer Pistole glich. Eine Bohrmaschine, wie man sie in den Felswänden benutzte, um Haken zu setzen. Was wollten die damit. Sie war doch nicht am Klettern, keine Erstbegehung, sie lag auf einem Schragen, festgehalten, festgebunden, gefesselt, hilflos. Hände packten ihr Bein, hoben es an, zerrten und rissen, und der Bohrer drang durch ihre Ferse. Sie wusste nicht, ob sie heulte und fluchte, ob sie träumte, ob sie noch lebte oder schon tot war, ertrunken im schwarzen Schmerzenmeer. Dann lag sie im Dunkeln, wie in Watte gebettet, in heissglühende Stahlwatte. Es roch nach verbranntem Fleisch und Knochenmehl. Über ihrem Gesicht summte eine Mücke.
16
Daniel fuhr dem Meer entlang nach Westen, bis die Stimme aus dem GPS auf einem Kreisel «Rechts abbiegen» befahl. Die Leuchtschrift auf dem Portalbogen vor dem Spital war defekt: ANTA CORONA SPEDALE. Eine Barriere sperrte die Zufahrt. Daniel zog ein Ticket, die Schranke ging hoch. Er stellte den Wagen unter Palmen neben einem Informationsstand ab. Mitternacht. Auf dem Parkplatz standen nur wenige Autos. Die spärliche Beleuchtung spiegelte sich in Pfützen. Ein Lichtschimmer fiel auf einen Lageplan neben dem Kassenautomaten. Lesen konnte er nichts, aber er sah, dass das Spital eine grosse Zahl von Gebäuden umfasste. Neben einem zweistöckigen Ambulatorium führte eine Rampe zur Notaufnahme, Pronto Soccorso. Das Gebäude mit dem breiten Tor glich einer Autowaschanlage. Gedämpftes Licht drang aus einem Glasverschlag, in dem ein Mann vor einem Fernseher sass. Über den Bildschirm hüpften leicht bekleidete Girls im Kreis, schwangen ihre Hinterteile, ihre kräftigen Busen wippten im Takt. Ein Privatsender des Ministerpräsidenten, vermutete Daniel.
Er klopfte an die Scheibe. Der Pförtner schreckte auf, erhob sich umständlich und öffnete den Schalter einen Spalt. «Che c’è?»
«English?»
Der Mann schüttelte den Kopf: «Poco, poco.» Sein Uniformkittel war aufgeknöpft, auf dem Tisch lag ein angebissenes Sandwich in einem fleckigen Papier neben einer Büchse Bier.
Daniel versuchte, sich in einer Mischung von Englisch, Deutsch und italienischen Brocken verständlich zu machen. Ob die verunfallte Frau eingeliefert sei?
«Sì, signore.»
Wie sie heisse. «Il nome?»
Der Mann tippte mit nikotingelben Fingernägeln auf den Bildschirm über seinem Pult: «Verrà operata domani. Tomorrow operazione.»
«No operation here!», rief Daniel aus. Versuchte, dem Mann klarzumachen, dass er mit dem verantwortlichen Arzt sprechen möchte, dass er die Patientin sehen müsse, sogleich, er sei ihr Partner und selber Arzt, doch der Pförtner legte sein Gesicht in Falten. «Mi dispiace, mi dispiace …»
Endlich griff er zum Telefon, wenig später schlurfte eine Pflegerin herbei, mit verschlafenem Gesicht. Die blonden Haare hingen ihr offen über die Schultern. Immerhin verstand sie Englisch. Dottoressa Khalifa habe sich hingelegt nach dem hektischen Tag, vierzehn Stunden ohne Pause, dann dieser Unfall. Sie dürfe nur bei Notfällen geweckt werden. Die Patientin sei gut versorgt und schlafe. Er könne sie morgen früh besuchen.
«Ich muss meine Frau jetzt sehen.» In seiner Erregung hatte Daniel Andrea als seine Frau bezeichnet. Zum ersten Mal.
Die Pflegerin tuschelte mit dem Pförtner, sie wollte ihn begleiten, glaubte Daniel zu verstehen. Der Mann griff nach einem Papier in einer Sichtmappe, tippte mit dem Zeigefinger auf eine Stelle.
«Er darf niemanden einlassen. Vorschrift, wegen Terroristen oder andern Verbrechern. Wenn Sie Arzt sind, werden Sie verstehen. Kommen Sie morgen früh.»
Die Pflegerin zog ihren Piepser aus der Brusttasche, als habe er Signal gegeben. «Mi dispiace, signore. A domani.» Sie ging weg.
Vom Wagen aus rief Daniel seine Klinik an, bekam seine Stellvertreterin an den Apparat. Er erklärte Silke, was geschehen war, und bat sie, mit der Rettungsflugwacht Kontakt aufzunehmen, damit sie für den kommenden Nachmittag einen Jet bereitstellte. Die Bettenstation solle ein Privatzimmer vorbereiten.
«Du brauchst eine Bestätigung der lokalen Klinik, dass die Patientin transportfähig ist.»
«Klar, werde ich organisieren.»
Daniel schlüpfte in seinen Berufskittel, den er beim Aufbruch auf den Rücksitz geworfen hatte. Dosimeter und Piepser steckten in der Brusttasche, der Badge baumelte daran. Er ging zurück über den Parkplatz, an der Rampe vorbei und sah, dass von der Notaufnahme eine Passerelle zu einem mehrstöckigen Altbau führte. Der Pförtner hatte sich wieder dem Fernsehschirm mit den hopsenden Girls zugewandt, sein Kopf war gesenkt, er war eingenickt. Daniel trat leise ein, ging an der Pförtnerloge vorbei. Der Mann bewegte sich nicht.
Im Treppenhaus jenseits der Passerelle fand er eine Orientierungstafel. Traumatologia las er, dritter Stock. Er stieg eine Treppe höher, ein schwach beleuchteter Korridor wirkte wie eine Baustelle. Deckenelemente fehlten, Kabel hingen lose herab. Eine Pflegerin kam ihm mit einer Bettschüssel in der Hand entgegen. Er beschleunigte seinen Schritt, rauschte mit wehendem Kittel an ihr vorbei, nickte ihr zu. Sie schenkte ihm ein Lächeln. Er öffnete Türen, sah sich um in Mehrbettzimmern, in denen Männer oder Frauen schliefen, schnarchten, stöhnten. «Dottore …», rief jemand.
Rasch zog er die Tür wieder zu.
Zuhinterst im Korridor stand ein Kaffeeautomat. Er warf Münzen ein, drückte sich einen Espresso. Lehnte sich an die Mauer und trank. Schritte näherten sich. Es war die blonde Pflegerin. Die Haare gekämmt und geschminkt, glich sie den jungen Frauen aus der Fernsehshow des Premierministers. Sie blieb stehen. «Dottore … ?»
Dann erkannte sie ihn, wich einen Schritt zurück: «You?»
Daniel tippte mit dem Zeigefinger auf seine Unterlippe. «Where is my wife?»
Sie starrte ihn an, brachte endlich ein Wort hervor. «Quarantasei.» Sie drehte sich um und eilte davon. Ob sie den Pförtner weckte oder diese Dottoressa Khalifa oder Terroralarm schlug, Daniel war es egal. Er riss die Tür zur Nummer 46 auf, die Ausdünstung schlafender Patientinnen schlug ihm entgegen. Im Licht der Nachtlampe erkannte er sechs Betten, der Wand entlang aufgereiht, einige umstellt mit den üblichen Geräten und Monitoren. Kontrolllichter leuchteten, Bildschirme zeichneten flackernde Linienmuster. Im Bett beim Fenster ragten weisse Laken in die Höhe. Sie bedeckten ein Bein, an dem an einem Seilzug Gewichte hingen. Die Patientin war bis zum Hals zugedeckt, das Gesicht bleich, halb zur Seite gedreht, so dass er den winzigen Diamanten in ihrem Nasenflügel erkennen konnte. Es war Andrea. Daniel wollte ihre Hand ergreifen, sie war mit einer Schiene fixiert und verbunden.
«Mein Gott, Andrea», rief er aus.
«Silenzio!», kreischte eine Frauenstimme aus einem Bett bei der Tür. Ein wütender Wortschwall folgte. Daniel kümmerte sich nicht darum.
«Andrea. Was ist geschehen?»
Spärliches Licht fiel durchs Fenster auf ihr Gesicht, es schien entspannt, der Kopf unversehrt. Die Augen hielt sie geschlossen. Leise sprach er auf sie ein.
«Daniel, du?», murmelte sie. Er glaubte, ein Lächeln spiele um ihren Mund. Sie war mit Schmerzmitteln vollgepumpt, schien aber gut versorgt. Daniel schlug die Decke zurück, betrachtete ihr Bein, das von Hämatomen und Schürfungen bedeckt war. Gewiss mehrfach gebrochen, doch nirgends stiess Knochen durch die Haut. Das beruhigte ihn. Der Seilzug war an einem Dorn befestigt, den die Notfallärzte durch ihre Ferse getrieben hatten. Er trat auf die andere Seite des Bettes, nahm ihre unversehrte Rechte in beide Hände. «Andrea. Was ist geschehen?»
«Ich bin gestürzt.»
«Warum?»
«Keine Ahnung. Es ist schön, dass du da bist.»
«Ich lass dich nicht im Stich, Andrea. Nie mehr.»
Ihre Mundwinkel zuckten, ob sie sich freute oder weinte, konnte er nicht erkennen. Sie wirkte zerbrechlich, so hilflos, wie sie dalag, aber sie war eine starke Frau, das wusste Daniel. Sie würde alles durchstehen, mit ihrem Willen und ihrer Verbissenheit, sie würde weiterhin auf Berge steigen.
Die Tür ging. Ein Lichtstreifen fiel ins Zimmer, die blonde Pflegerin trat neben Daniel. «Sie müssen gehen», zischte sie. Die Frau im Bett bei der Tür begann wieder zu keifen. Die Pflegerin beruhigte sie flüsternd. Auch andere Patientinnen wurden unruhig, begannen zu murren. Angehörige, die neben ihnen auf Stühlen Nachtwache hielten, erhoben sich, unterhielten sich halblaut.
Daniel küsste Andrea auf die Stirn. «Ich bring dich nach Hause. Alles wird gut.»
Im Korridor erwartete ihn die Pflegerin. «Nehmen Sie den Lift ins Untergeschoss, dann den Hinterausgang.»
«Thank you», sagte Daniel.
Bei der Kassenstation bezahlte er das Ticket, fuhr nach Finale zurück. In der Nähe des Strandes hielt er an. Mit geöffneter Tür lauschte er der Brandung, den Wind vom Meer her im Gesicht. Zwischen fliegenden Wolken zeigte sich ein Stern. Nach einer Weile begann er zu frieren und fühlte, wie verschwitzt und durchnässt er war. Er zog die Tür zu, stellte den Sitz tief und versuchte einzuschlafen.
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