Kitabı oku: «Garibaldis Fuss»

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Als er im Kanton Glarus lebte, erhielt Emil Zopfi ab und zu einen kleinen Geldbetrag von der Zopfi-Stiftung in Schwanden. Ein Dr. Samuel Zopfy (1804–1890) hatte verfügt, dass ab dem hundertsten Jahr nach seinem Tod alle erwachsenen «männlichen und weiblichen Glieder des Zopfi-­Ge­schlech­tes» im Kanton jährlich in den Genuss der Zinsen des Stiftungsvermögens kommen sollten.

Bei Recherchen zu einem anderen Buch stösst Zopfi auf eine interessante Geschichte: Im Oktober 1862 wird Dr. Zopfy mit den berühmtesten Ärzten Europas nach La Spezia ans Krankenlager des italienischen Freiheitshelden Giuseppe Garibaldi gerufen, um über dessen Schussverletzung zu be­raten. Wie kam der Hausarzt, Chirurg, Zahnarzt und Homöopath aus dem Glarnerland, der sich auch als Weinbauer, Fabrikant und Erfinder betätigte, zu diesen Ehren?

Mit Hilfe vieler Quellen und seiner Imagination erzählt Emil Zopfi die ­Geschichte eines armen Bäckerssohns, der es mit Bildung zu Wohlstand und einem Renommee als Arzt und Homöopath brachte, sich im Alter aber zunehmend verkannt fühlte, vor allem in seiner Heimat.


Emil Zopfi, geboren 1943, studierte nach einer Berufslehre Elektrotechnik und arbeitete als Computerfachmann und Erwachsenenbildner für Infor­matik und Sprache. 1977 ­erschien im Limmat Verlag sein erster Roman «Jede Minute kostet 33 Franken». Seither hat er zahlreiche Romane, Sachbücher, Hörspiele, ­Kinder- und Jugendbücher verfasst. Er lebt heute als Schriftsteller in Zürich. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Schweizer Jugendbuchpreis, dem Kulturpreis des Kantons Glarus und dem Albert Mountain Award. Foto Marco Volken

www.zopfi.ch

Emil Zopfi

Garibaldis Fuss

Aus dem Leben des Homöopathen Samuel Zopfy 1804–1890

Limmat Verlag

Zürich


Garibaldi fu ferito

fu ferito ad una gamba

Garibaldi che comanda

che comanda il battaglion

Grande Consulto

Am 29. Oktober 1862 versammelten sich die berühmtesten Ärzte Europas in der ligurischen Hafenstadt La Spezia am Lager des Generals und Freiheitshelden Giuseppe Garibaldi. Eine Gewehrkugel war ihm zwei Monate zuvor bei einem Gefecht auf dem Aspromonte in Kalabrien in den rechten Fuss gedrungen. Der «Grande Consulto», wie man die Konferenz der Ärzte nannte, sollte entscheiden, ob eine Amputation notwendig sei oder ob es andere Möglichkeiten der Heilung gebe. Unter den siebzehn medizinischen Kapazitäten, die den menschlich und po­litisch folgenschweren Entscheid zu fällen hatten, war auch ein Schweizer. Der Hausarzt, Chirurg, Zahnarzt und Homöopath Dr. Samuel Zopfy aus dem Dorf Schwanden im Kanton Glarus.

Die Stiftung

Ich erinnere mich, wie mich mein Vater auf dem Friedhof der reformierten Kirche von Schwanden vor ein Grabmal aus schwarzem Marmor führt und erklärt, hier liege der berühmte Doktor Zopfy begraben, der Begründer der Zopfi-Stiftung. Wenn ich erwachsen sei und im Glarnerland wohne, würde ich von seiner Stiftung jedes Jahr Geld ­erhalten. Zopfy hatte verfügt, dass ab dem hun­dertsten Jahr nach seinem Tod alle im Kanton lebenden erwach­senen «männlichen und weiblichen Glieder des Zopfi-Geschlechtes» alljährlich in den Genuss der Ausschüttung aus dem durch Zinsen gemehrten Stiftungsvermögen kommen würden. «Zur künftigen ökonomischen Besserstellung des Zopfi-Geschlechtes, das mit irdischen Glücksgütern spärlich ausgestattet», heisst es in der Stif­tungs­ur­kun­de.

Während der Jahre, in denen ich mit meiner Fami­lie im Kanton Glarus wohnte, wurde mir einige Male ein Be­trag von etwa vierzig Franken überwiesen. Einmal nahm ich an einer Jahresversammlung der Stiftung teil und schrieb darüber einen Bericht in einer Zeitung. Zwei Dut­zend Zopfis hatten sich in der Gaststube der «Sonne» eingefunden, Frauen waren nicht dabei. Das Gasthaus befindet sich neben dem Rothaus, das einst dem Doktor Zopfy gehört und in dem er ab den 1830er-Jahren seine erste medizinische Praxis geführt hatte. Protokoll und Jahresrechnung wurden ­abge­nommen, der Verstorbenen ge­dacht, über Geld­an­lagen diskutiert, der Vorstand bestätigt. Ver­eins­ge­schäfte. Anschliessend lud die Stiftung zu einem Imbiss mit Sauerkraut und Speck ein. Man trank Wein und Bier, unterhielt sich, rauchte. Bei Kaffee und Schokoladentorte erzählte mir ein älterer Zopfi, dass vor Jahren ein Onkel meines Vaters, Polizist in Schwanden, den Antrag gestellt hatte, auf den tra­­ditionellen Imbiss zu verzichten. Heisst es doch in der Stiftungsurkunde: «Das Kapital darf niemals, unter keinerlei Titel noch ­Vorwand, verteilt oder geschmälert werden.» Die männlichen «Glieder des Zopfi-Geschlechtes» lehnten den Antrag ab, speisten weiter an den Versamm­lungen, denen der «Landjäger Zopfi» von da an aus Protest fernblieb.

Doch wer war dieser kuriose Doktor, der laut Nach­ru­fen auch mit Grundstücken handelte, seinen eigenen Wein kelterte, eine Seidenspinnerei und -weberei betrieb, die eines Nachts abbrannte, der eigentlich Ingenieur ha­be werden wollen, nebenbei Erfindungen machte und an einer Flugmaschine bastelte? Über seine sechzigjährigen Erfahrungen als Mediziner und Homöopath gab er im hohen Alter ein 670 Seiten umfassendes Werk im Selbstverlag heraus, Zopfys «Heilkunde».

An der Wand in der Gaststube der «Sonne» hing ein gemaltes Porträt des Stifters in einem Goldrahmen. Es zeigt einen nachdenklich dreinblickenden alten Mann mit Stirnfalten, grossen Ohren und einer vorspringenden Nase, wie sie nicht selten ist bei uns Zopfi-Männern. Die leicht nach vorn geneigte Haltung wirkt etwas resigniert und müde, melancholisch beinahe. Lachfältchen, die von den blauen Augen ausstrahlen, lassen jedoch vermuten, dass der Herr Doktor auch eine heitere Seite besass, vielleicht sogar Humor. Das kahle Haupt umgibt ein Kranz schütterer Haare. Der weisse Bart unter den schmalen Lippen, der in einer dunklen Jacke verschwindet, ist dem Maler schlecht gelungen, er sieht aus wie angeklebt. Zopfy wirkt auf diesem Gemälde wie ein strenger, aber im Grunde gütiger Sankt Nikolaus.

Durch einen Zufall beim Recherchieren einer ganz anderen Geschichte bin ich darauf gestossen, dass Zopfy zu den Teilnehmern des «Grande Consulto» am Krankenlager des verwundeten Generals Garibaldi gehört hatte. Ich sammelte weitere Informationen, und allmählich begann ich mir ein Bild dieses eigenartigen und eigenwilligen Angehörigen unseres Geschlechtes zu machen, der seinen Namen mit einem vornehmen Y schmückte. Die wenigen und zum Teil widersprüchlichen Fakten, die von ihm überliefert sind, bilden eine Art homöopathischer Grundsubstanz meiner Erzählung.

Der General

Ich stelle mir vor: ein Tag in Schwanden im Herbst 1890, Zopfys letztem Jahr. Zum Beispiel Samstag, der 27. September, es ist Kirchweih, die traditionelle «Schwander Chilbi».

Sein Mund ist trocken, als er erwacht. Die Zunge fühlt sich rau und dick an. Mit der rechten Hand tastet er über die Decke, aber da ist nichts. Das Bett neben ihm ist leer. Er wischt sich Tränen aus den Augen, starrt in die Dunkelheit. Seine Lippen bewegen sich. «Anna Maria.» Fahl schimmert das Viereck des Fensters an der Südseite der Kammer. Anna Maria ist tot, dämmert ihm allmählich. Tot, im Himmel oder wo immer. All seine Arznei und Erfahrung hatte ihr nicht helfen können. Wozu denn alles, das Studium, die Praxis, die lebenslange Erfahrung, wenn man seinen Nächsten, seinen Liebsten in ihrem Leiden nicht beistehen kann? Ihren Schmerz nicht einmal lindern, ihre Not nicht besänftigen. Wozu, wozu?

Mit dem Handrücken fährt er sich über die Wangen, die feuchten Stoppeln. Er dreht sich zur Seite, schiebt die Decke weg, tritt mit blossen Füssen auf den kalten Boden. Tastet mit den Zehen nach den Pantoffeln, findet nur den einen. Einer ist besser als keiner. Mit ausgebreiteten Armen wankt er durch die Kammer zur Tür. Sich an den Möbeln abstützend, ertastet er wie ein Blinder den Weg zur Küche. Im Herd glimmt Asche, es riecht nach Bratfett und Kohl. Er streicht ein Zündholz an, die Flamme zittert, verlöscht. Noch eines, dann brennt der Docht des Kerzenleuchters auf dem Tisch. Mit einer Kelle schöpft er Wasser aus dem Kessel neben dem Herd, trinkt und schöpft nach. Das trockene Gefühl im Mund bleibt, die Zunge geschwollen. Über die Laube schlurft er zum Abtritt, hebt den Deckel. Der Geruch, der ihm entgegenschlägt, raubt ihm den Atem. Faule Eier, Ammoniak. Man müsste das Jauchegas in Behältern fassen und verwerten, geht ihm durch den Kopf. Durch eine Öffnung in der Wand des Aborts sieht er über dem Dorf die schwarzen Konturen der Berge, ihre Spitzen und Grate zeichnen sich wie ein Scherenschnitt in den fahlen Himmel. In den Fabriken auf der andern Seite des Flüssleins Sernf brennt schon Licht in einer Reihe von Fenstern. Elektrisches Licht!

Eine neue Zeit ist angebrochen, das Zeitalter der Elektrizität, der sogenannte Fortschritt. Was wird er brin­gen? Die Häuser geheizt und hell erleuchtet mit elektrischem Strom, der das Kochen zum Kinderspiel machen soll. Eine Welt, die sich heute niemand vorstellen kann, so wie man sich in seiner Kindheit weder Glühbirnen noch von Wasserrädern getriebene Spinnmaschinen und Webstühle vorstellen konnte. Geschweige denn die Ei­sen­bahn, die das Tal an die Welt bindet. Selbst von Lokomotiven liest man, die mit elektrischem Strom statt mit Dampf getrieben werden. Schneller und heller alles, die Nacht wird zum Tag, die Welt zum Dorf.

Mit dem Kerzenleuchter in der Hand wankt er mit kleinen Schritten in die Stube. Er stellt den Leuchter auf das Bufett unter das Bild des Generals. Im flackernden Kerzenlicht scheint er lebendig zu werden. Die Brust wölbt sich unter dem roten Hemd, eine Hand stützt er in die Seite, die andere hält den Degen. Rötlich der Bart, schüttere Haare über der hohen Stirn. Die stahlblauen Augen scheinen den Betrachter zu hypnotisieren. So hat er ihn damals angeschaut, durchbohrt mit seinem Blick. Und dann dieser feine, ironische Anflug eines Lächelns. Er nickt ihm zu, die Lippen bewegen sich.

«Zopfy, Sie waren der Beste!»

Der alte Mann strafft sich, murmelt: «Danke, mein General.»

Er bläst die Kerze aus. Tastet sich mit der Hand das Bufett entlang zur Kammertür, streift den einen Pantoffel ab, kriecht unter die Decken und rollt sich ein.

Ein Traum

Der Duft von frischem Brot dringt in seine Träume. Immer die gleichen wiederkehrenden Bilder. Fliegen kann er, weit über die Berge hinweg, über das graue Gestein, die Felswände, die weissen Firne. Fliegen wie Ikarus, von dem Lehrer Tschudi in der Schule erzählt hat. Der Sonne entgegen.

Er hebt den Kopf. Licht dringt durch den Vorhang in die Kammer, es ist wohl spät. Er fühlt sich müde, lässt den Kopf sinken und dreht sich gegen die Wand. Das Bett ist zerwühlt, er hat geschwitzt. Wieder diese Trockenheit im Mund, als habe er Staub geschluckt. Fieber? Kein Fieber. Er schliesst die Augen, hört im Halbschlaf das Bimmeln von Glöcklein. Hell und aufgeregt, die Ziegen, die der Geissbub ins Niederental treibt.

Wie gern wäre er als Kind mitgegangen, früh am Morgen, wenn die Bergspitzen im ersten Licht leuchteten, als seien sie aus lauterem Gold. Die Ziegen aus den Ställen hinter den Häusern der Arbeiter drängten zur Herde, der Geissbub lockte sie mit seinen Rufen. Eine seltsame Sehnsucht erfasste ihn. Welch freies Leben müsste es sein dort oben auf den Weiden der Mettmenalp. Man müsste den Geissvogt fragen, aber der Vater wollte davon nichts wissen. Geissbub, das war etwas für Dummköpfe. Wir sind bessere Leute als die Fabrikarbeiter mit ihren Ziegen und Scharen von schwindsüchtigen Kindern. Dabei war der Bäcker Heinrich Zopfi kein Glückspilz, stand unter Vormundschaft. Ein Fallit, konnte nichts bestimmen ohne seinen Beistand. Die Mutter, eine starke Frau aus dem Kleintal, arbeitete sich krumm.

Zwischen Traum und Tag ist er wieder der kleine Sämeli, der auf dem Strohsack unter der Decke lag, die von Schaben zerfressen war, nach Schweiss roch und am Hals kratzte. Er hörte den Vater unten in der Backstube den Teig schlagen. Die Mutter rückte die Stühle in der Gaststube zurecht. Bis spät in der Nacht hatten Männer im «Rössli» Karten gespielt, geraucht, getrunken, gestritten. Sämeli hatte seltsame Wörter vernommen. «Revoluti­on», «Napoleon», «Metternich». Vom Kaiser von Russland war die Rede und von Franzmännern, die raubten und töteten und den Frauen nachstellten. Tausend Waisenkinder hat man aus dem Tal in andere Kantone verschickt, zu reichen Familien in den Städten im Unterland oder zu Bauern in den Ebenen. Pflegekinder, Verdingkinder, ausgebeutet, geschunden, verschwunden. Sämeli fürchtete sich, so allein in der Nacht. Die Schwestern lagen im Bett der Eltern in der Kammer nebenan, flüsterten und kicherten, ihre Strohsäcke knisterten. Gegen Morgen stieg der Duft des Brotes bis in seine Kammer unterm Dach her­auf. Ein Geruch, der ihn zeitlebens immer wieder Kind werden lässt. Der kleine Sämeli mit seiner grossen Sehnsucht.

Nun ist er wach, stemmt sich unter Schmerzen hoch. Die Gelenke sind eingerostet, Gicht plagt ihn. Eine Maschine ohne Öl. Er sucht auf dem Nachttisch nach der Taschenuhr, findet sie nicht. Mit nackten Füssen schlüpft er in den einen Pantoffel, findet den zweiten unter dem Fenster, streift sich den Morgenmantel über. Der Krug auf der Kommode ist mit Wasser gefüllt. Er fährt sich mit einem nassen Lappen übers Gesicht, kämmt den Bart und die spärlichen Kopfhaare. Dann setzt er sich an den Tisch in der Stube. Das Frühstück ist aufgedeckt, Silberbesteck, die Serviette im Ring. Frisches Brot, Butter, Konfitüre, Kaffee, ein Ei im Becher. In einem Tellerchen fein geriebenen Schabzieger. Barbara, der gute Geist, macht sich in der Küche zu schaffen. Seit seine geliebte Anna Maria im März des vergangenen Jahres verstorben ist, dient ihm die Tochter des Geissvogts Zopfi im Haushalt. Ein fleissiges, stilles Kind. Ihr linkes Bein ist von Geburt an verkürzt, darum taugt sie nicht für die Fabrik.

Zopfy streicht sich ein Butterbrot, tunkt es in den Schabzieger. Der würzige Geschmack regt den Appetit und die Verdauung an. Er kaut bedächtig, das fördert die Gesundheit. Nach München, wo als er als Student ein Zimmer mit Frühstück bezog, hatte er ein Stück Schabzieger aus der Heimat mitgebracht, in Fettpapier gewickelt. Die Hausmutter schaute ihm am ersten Morgen zu, wie er sein «Ziegerbrütli» mit Genuss verspeiste. Sie schnupperte, rümpfte ihre Nase. Eine Spezialität aus der Heimat, erklärte er, wollte sie überreden, einen Bissen zu versuchen. Doch sie liess sich nicht herbei. «Mein Herr! Ein solcher Stinkkäs kommt mir nicht mehr auf den Tisch!»

Heute fehlt ihm der Appetit. Der Zieger brennt auf der Zunge. Er klingelt Barbara, schaut zu, wie die Jungfer mit anmutigen Bewegungen das fast unberührte Frühstück wieder abträgt. Stumm und mit gesenktem Blick. Um die Haare hat sie ein Tuch gebunden, kleine Brüste zeichnen sich ab unter ihrem Kleid.

«Du isst dann auch genug, gell», sagt Zopfy, «bist ja so mager.»

«Danke, Herr Doktor», flüstert sie und verschwindet in der Küche.

Der Zahnarzt

Zopfy setzt sich auf die Chaiselongue, nimmt ein Buch zur Hand, das ihm der Buchhändler Füssli aus Zürich ­geschickt hat. «Memorie autobiografiche» von Giuseppe Ga­ribaldi. Die Erinnerungen des Generals, vor zwei Jahren in Florenz erschienen. Er legt das Buch zur Seite, als die Hausglocke klingelt, dreht sich zum Fenster und hebt mit einem Finger den Vorhang. Auf der Treppe unter dem Vordach steht eine junge Frau, die geflickte Arbeitsschürze wölbt sich über ihrem Bauch. Ein Bub klammert sich an ihren Rock.

Zopfy steht auf, hält sich an der Tischkante fest, bis sich der leichte Schwindel nach der raschen Bewegung legt. Nochmals klingelt es, ungeduldig.

«Was wollt ihr? Die Praxis ist geschlossen.»

Für immer, wollte er zu der Schwangeren sagen, aber dann sieht er die Enttäuschung in ihren grossen, braunen Augen.

«Herr Doktor, bitte …»

Sie schaut auf seine Füsse in den schäbigen Pan­toffeln. Ihre Hand, mit der sie die Arbeitsschürze über ihrem Bauch zusammenhält, ist rot verfärbt. Eine Arbeiterin aus der Stoffdruckerei.

Zopfy schaut über sie hinweg ins Tal. Der Himmel ist verhangen, die Luft dumpf und schwer. Dimmerföhn nennt man dieses Wetter. Von der Stoffdruckerei auf der Halbinsel «i der Müli», wo Sernf und Linth zusammenfliessen, treibt eine Dampffahne den bewaldeten Abhang entlang gegen das Niederental. Der Hochkamin raucht. An den Hängetürmen blähen sich blaue und rote Stoffbahnen im Wind. Die Berge, versunken im Grau, die Laubwälder in düsterem Braun. Ein Fetzen Musik weht herauf. Es ist Kilbi im Dorf, drei Tage lang wird getrunken, getanzt, karessiert und gesündigt.

«Bitte, Herr Doktor …» Die junge Frau packt den Buben am Schopf, schiebt ihn nach vorn. «Er hat Zahnweh.»

Ein schmales Gesicht, zerzauster Haarschopf, die Na­se verrotzt. Zopfy tippt mit dem Finger auf die geschwollene Backe. Der Bub zuckt zusammen, stösst einem gequälten Laut aus.

«Geh zum Doktor Hösli. Ich mache das nicht mehr.»

«Bitte, Herr Doktor …»

Zopfy wischt sich mit dem Ärmel des Morgenmantels einen Tropfen von der Nase. «Ists deiner?»

Sie nickt, starrt unverwandt auf seine Pantoffeln. Er seufzt, fasst den Buben an der Schulter. «Wie heisst du?»

Der weicht zurück, drückt sich an seine Mutter. Sie schiebt ihn weg. «Bälzli heisst er.»

Sie wird bald gebären. Morgen ist Vollmond, dann werden die Wehen einsetzen. Von den Ureinwohnern in Amerika hat er das gelernt, und seine Erfahrung hat es bestätigt.

«Dein Name?»

«Agatha Zopfi.»

«Aha? Von welchen Zopfi?»

«Aus dem Zügersten.»

«Bist verheiratet?»

Agatha läuft rot an, schaut auf. «Ja, ja. Jetzt schon.»

«So, jetzt schon.»

Also auch so ein armer Balg, der Bälzli, wie sein Neffe. Für solche Kinder hat er das Wort ergriffen an der Landsgemeinde im Mai, hat sich starkgemacht «für die Gleichstellung der ausserehelichen Kinder im Erbrecht». Dafür hat er in der Zeitung Häme geerntet. Nicht mal seinen Namen schreiben die Zeitungsfinken, wie es sich gehört. Sie ignorieren das Y, um ihn zu kränken. Im Tal hat man getuschelt und getratscht. Der Doktor Zopfy hat doch keine Kinder. Oder etwa doch? Irgendwo, heimlich vielleicht? Und jetzt, wo seine Frau verstorben ist, will er sein Vermögen einem Bastard vermachen. Schon an der Landsgemeinde im Jahr dreiundsiebzig hat er sich in Erbsachen ereifert, erinnert ihr euch?

«Also, dann kommt.»

Er geht voran ums Haus, am Garten vorbei. Im Gras unter dem Baum liegt ein Apfel. «Lies ihn auf», sagt er zum Buben. «Ist besser für die Zähne als das Schleckzeug von der Kilbi.»

Der Bub rümpft seine Rotznase, bückt sich widerwillig nach der Frucht. Agatha steckt sie in die Tasche ihrer Schürze. «Danke, Herr Doktor.»

Zopfy öffnet im Behandlungszimmer ein Fenster, stösst einen Laden auf. Licht fällt herein, frische Luft. Der Tisch ist überstellt mit Schalen, Gläsern, einem Mörser und dem Mikroskop. In einer Vitrine reihen sich Flaschen und Fläschchen mit Etiketten, das Büchergestell daneben ist vollgestopft mit ledergebundenen Werken, Papierbündeln und Manuskripten, auf denen Staub lagert. Beim Fenster zappelt eine Fliege in einem Spinnennetz. Man müsste aufräumen, vieles fortwerfen. Er mag nicht, ist müde, alt. Die gute Anna Maria, die hier Ordnung geschaffen hat, verstorben. Nach über fünfzig Jahren Ehe.

Zopfy schiebt eine Bohrmaschine mit Tretrad zur Seite, bedeutet dem Jungen, auf dem Stuhl daneben Platz zu nehmen. Er fährt ihm übers Haar. Bälzli zieht den Kopf ein, wischt sich mit dem Handrücken den Rotz von der Nase.

«Halt ihn fest!»

Agatha legt ihre Hände auf die Schultern des Buben. Der windet sich, drückt die Augen zu. Glaubt wohl, dass er so unsichtbar werde, unantastbar. Seine schwarz geränderten Fingernägel krallen sich in die Lederpolster der Stuhllehnen. Zopfy bückt sich zu ihm hinab. «Schau mich an! Und mach deinen Mund auf.»

Bälzli presst seine Lippen zusammen, dreht den Kopf zur Seite. Agatha redet leise auf ihn ein, streichelt seinen Nacken, während Zopfy aus einer Schublade Werkzeuge hervorkramt und auf einem Tuch bereitlegt, Zangen, Häklein und einen kleinen Spiegel mit Stiel.

«Mund auf jetzt!»

Der Bub bäumt sich auf, will sich dem Griff der Mutter entwinden. Zopfy packt zu, presst ihm mit zwei Fingern die Nase zusammen, sodass er nach Luft schnappt. Rasch stösst er ihm ein keilförmiges Holzstück zwischen die Zähne. Nun kann er beissen und zappeln, soviel er will. Zopfy dreht den Keil, zwängt den Mund des Buben auf. Mit einem Stab tippt er Zahn um Zahn an. Bei einem Stockzahn schreit der Bub auf.

«Aha!» Mit dem kleinen Spiegel betrachtet Zopfy den bösen Zahn von allen Seiten. Das Zahnfleisch ist entzündet und vereitert. Er fasst den Zahn vorsichtig mit einer Zange, bewegt ihn hin und her, während der Bub gurgelnde Schmerzenslaute von sich gibt. Mit einem scharfen Ruck zieht er den Zahn aus. Der Bub reisst sich los, rennt zur Tür und ins Freie. Eine Spur von Blutstropfen zieht sich über den Boden.

Zopfy hält den Zahn mit der Zange in die Höhe wie eine Trophäe. Seine Augen sind noch gut, im Juli hat er am Eidgenössischen Schützenfest in Frauenfeld teilgenommen und geschossen, auch wenn er nicht mehr ins Schwarze getroffen hat wie einst.

«Faul bis zur Wurzel. Ein Milchzahn, wird wieder nachwachsen. Gibst du den Kindern Schleckzeug?»

Agatha zuckt mit den Schultern. «Das können wir uns doch gar nicht leisten.»

«Was arbeitet dein Mann?»

«Spinner. Beim Paravicini in der Herren.»

«Und du schaffst beim Blumer in der Müli, gell.»

«In der Farbküche.» Sie hebt den Kopf. «Aber jetzt gibts gerade keine Arbeit.»

Zopfy weiss es. Die goldenen Jahre der Stoffdruck­industrie sind vorbei. Die Türken, einst die wichtigsten Kunden, kaufen die bunten Stoffe für ihre Turbane und Schleier anderswo. Holländer und Franzosen drucken mit Maschinen viermal so schnell wie die Glarner mit ihren Holzmodeln. Deutschland und Frankreich haben Schutzzölle eingeführt. Die Einrichtungen der hiesigen Stoffdruckereien sind veraltetet, ihre Produkte auf dem Weltmarkt zu teuer. Die einst so stolze Industrie im Tal liegt danieder. Die Glarner Herren haben die Entwicklung verschlafen, schöne Villen gebaut, opulent gespeist, haben sich und ihre feinen Damen herausgeputzt und vierspännig durchs Tal kutschieren lassen.

Agatha greift in die Schürzentasche, legt ein paar Münzen den Tisch. Traurige Augen hat sie. Das Gesicht verhärmt, mattes, strähniges Haar, zum wiederholten Mal schwanger. Jung ist sie und sieht schon aus wie eine alte Frau.

«Schon gut.» Zopfy schiebt die Münzen zurück.

«Danke, danke, Herr Doktor», sagt sie, greift hastig nach dem Geld, dreht sich um und eilt ihrem Buben nach.

Zopfy wirft den Zahn in einen Kübel. Mein Letzter, denkt er. Wie lange habe ich das gemacht? Sechzig Jahre beinahe. Er tritt ans Fenster, atmet die frische Luft ein. Versinkt in Gedanken. Die Kirchglocke im Dorf schlägt die Stunde.

Das Mandat

Das Datum hat sich in seinem Kopf eingeprägt wie kein anderes. Vieles ist vergessen, allzu vieles. So ist das Alter. Es ist, als werfe das Gehirn Ballast ab wie ein Ballonfahrer den Sand, um leichter zu werden, höher zu steigen.

Es war der 26. August 1832, als Samuel Zopfy nach dem Gottesdienst in der reformierten Kirche von Pfarrer Leuzinger ein Mandat verlesen liess. «Er empfiehlt sich einem hochzuverehrenden Publikum, dass er zum medizinischen und chirurgischen Beruf sich auch noch mit der Zahnheilkunde beschäftige …»

Er sass bei den jungen Männern in einer hinteren Reihe im Kirchenschiff. Blicke streiften ihn, während der Pfarrer den Text mit seltsamen Betonungen verlas, als handle es sich um eine fremde Sprache, «… und verbindet hiermit die Anzeige, dass er das sichere Ausziehen hohler, abgebrochener, schmerzhafter Zähne und unter dem Zahnfleisch sitzender Stifte versteht, wenn es die Noth erfordert. Und dass er das Einsetzen einzelner Zähne, Reihen und ganzer Zahngebisse mit allen nur mög­lichen Ressorts, wie es die Kunst nur vermag, von ihm selbst verfertigt, versteht.»

Der Pfarrer schürzte seine Lippen, machte eine Pause. Zahnlücken, schwarze Stummel, stellte Samuel fest. Es schien, als seien die Sätze dem Pfarrer unangenehm, weil sie ihn an seine eigenen Zahnschmerzen erinnerten. Und an die Kosten, die eine Reparatur seines verrotteten Gebisses verursachen würde.

Die Leute tuschelten. Samuel war heimgekehrt nach Jahren in der Fremde, Deutschland, Frankreich. Auch in Amerika war er gewesen, Philadelphia, Zentrum der medizinischen Wissenschaft der Vereinigten Staaten. Dort hatte er seinen Doktor gemacht. Aus dem verträumten Sohn des Gastwirts und Bäckers Heinrich Zopfi war ein weltgewandter Arzt geworden, der sich in mehreren Sprachen verständigen konnte. Ein feiner Herr in einem Anzug, von einem Schneider in Heidelberg auf Mass ge­fertigt. Die Freunde aus der Schule hielten Abstand, gaben ihm zu spüren, dass sie ihn nicht mehr als einen der ihren betrachteten, als einen «Hiesigen». Es kam ihm vor, als habe er sich im Ausland mit einer Seuche angesteckt. Gewiss, er war in der Schule schon ein Einzelgänger gewesen, ein Streber und Bücherwurm, der immer alles wusste, immer die besten Noten im Zeugnis hatte. Nun schrieb er sogar seinen Namen anders als die Verwandten und die über fünfzig Familien mit Namen Zopfi im Ort. Das hob ihn noch mehr ab als der feine Anzug, die gewählte Sprache, die vornehmen Manieren. Schon als Student in Heidelberg, München und Leipzig hatte er sich als «Zopfy» immatrikuliert. Und sich mit dem Y auf eine Stufe gehoben mit den Notabeln im Tal, den Trümpy, den Zwicky, den Tschudy.

Noch immer las Pfarrer Leuzinger vom Blatt, schmatz­te und fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Gewiss, er wäre ein Kunde. «Er reinigt die Zähne mit möglichs­ter Sorgfalt von dem so schädlichen Weinstein, welcher, wenn er sich sehr anhäuft, das Zahnfleisch zurückdrängt und den Untergang der Zähne bewirkt, auch einen sehr üblen Geruch aus dem Mund verbreitet.»

Vornübergebeugt sass Samuel in der Kirchenbank, schwitzte und klammerte sich ans Gesangsbuch. Zwischendurch warf er verstohlene Blicke hinüber zur Frauenseite, wo zuhinterst am Mittelgang die Anna Maria sass. Die Tochter des Bäckers Tschudi, ein Kind noch fast, in einem weiten Sommerrock mit Rüschen und Spitzen. Sie hatte den gleichen Vornamen wie seine schaffige Mutter. Ihre Blicke trafen sich, und er glaubte, den Anflug eines Lächelns in ihrem Gesicht mit den Sommersprossen zu erkennen.

Er war zurückgekehrt in sein Heimatdorf als Arzt, Chirurgus, Zahnarzt und kundig in der neuen Lehre der Homöopathie. Er war heimgekehrt, um den Menschen in seinem Tal zu helfen, sie zu heilen von ihren vielen Krankheiten und Gebrechen und um eine Familie zu gründen. Hier war er Bürger, hatte Anteil am gemeinsamen Nutzen, am «Tagwen», konnte an der Landsgemein­de und an der Ortsgemeinde das Wort ergreifen. Hier war er ein freier Mensch. Im vom Adel beherrschten Deutschland der Könige und Fürsten war er ein Fremdling ohne Rechte gewesen. Vor der medizinischen Kommission des Kantons hatte er nach seiner Heimkehr eine Prüfung abgelegt, ein paar Fragen beantwortet, Papiere vorgelegt. Nun war er ermächtigt, seinen medizinischen und chi­rurgischen Beruf auszuüben. Er war nicht nur in der Wissenschaft auf dem Stand der Zeit, er hatte auch geschickte Hände.

«Hohle Zähne füttert er mit Gold, Platina oder andern Substanzen nach Beschaffenheit der Höhle des Zahnes aus, dass das Eindringen der Luft und Speisen verhindert werde.»

Der Pfarrer verlas weitere Mandate, Zopfy hörte nicht hin. Die Gemeinde sang, betete, er faltete die Hände, bewegte seine Lippen. Seine Gedanken waren bei der schönen Anna Maria, ihren dunklen Augen, ihrem verhaltenen Lächeln. Er hatte sie als Kind gekannt, manchmal stand sie im Laden bei der Mutter, wenn ihn sein Vater geschickt hatte, beim Tschudi Hefe auszuleihen, weil sie ihm ausgegangen war. Die braunen Haare zu zwei Zöpfen geflochten, die Nase zierte ein Tupfer Mehlstaub. Nun versteckte sie ihre Haare unter einer Haube, wie es Brauch war. Die Sommersprossen kaschierte sie mit Puder.

Die Glocken läuteten zum Ende des Gottesdienstes. Man trat ins Freie, erst die Frauen, dann die Männer. Draussen schien die Sonne auf die steilen Hänge und Felsen am Glärnisch. Er stand bei den Männern im Kirchhof, Hände auf dem Rücken gefaltet. Ein Weisshaariger sprach ihn an, gratulierte ihm zu seinen erfolgreichen Studien, dem Doktortitel aus Philadelphia, wie er vernommen habe, und wünschte ihm Glück mit der neuen Praxis. Es war sein alter Schulmeister Fridolin Tschudi, der auf ihn einschwatzte, von Politik und den grossen Veränderungen sprach, die bald hereinbrechen und die alte Ordnung hinwegfegen würden. In Zürich hätten die Liberalen nach der Macht gegriffen. Die Landschaft mucke auf gegen die noblen Herren aus der Stadt. Johannes Hegetschweiler, ein Arzt aus Stäfa, sei in die Regierung eingetreten, nach einer grossen Rede in Uster im November des vorletzten Jahres. «Ein Freund des Glarnerlandes übrigens, der mehrmals versucht hat, den Tödi zu besteigen. Im Bad Stachelberg in Linthal ist er abgestiegen, hat das dortige Schwefelwasser analysiert und darüber einen Bericht verfasst.»

«Ich weiss. Habe davon gehört.» Samuels Gedanken waren anderswo. Tschudi schwatzte ohne Unterlass weiter.

«Es gibt Kräfte, die auf einen Einheitsstaat drängen, auch im Glarnerland. Ist ja ein Anachronismus, drei Landsgemeinden, eine katholische, eine reformierte und eine gemeinsame. Dieses Gerangel um Ämter und Pfründe ohne Ende, sinnloses Palaver. Die neue Zeit …»

«Gewiss, Herr Tschudi, ganz Ihrer Meinung.»

Ob er in Heidelberg mit dem Jungen Deutschland in Kontakt gekommen sei? Ob er gar vor der Repression der Obrigkeit gegen die freiheitlichen Bewegungen geflohen sei in die Heimat? So wie der Dichter Heinrich Heine, der jetzt in Frankreich lebe.

«Habe mich vor allem auf mein Fach konzentriert, meine klinischen Studien. Und die Homöopathie», antwortete Zopfy. «Keine Zeit gehabt für studentische Kneipereien und Politik.»

Er sah sich um, die Frauen hatten sich zerstreut, Anna Maria war verschwunden. Die Männer strebten dem Hotel Adler und den Wirtshäusern zu, er verabschiedete sich von seinem alten Lehrer, schritt in Tagträume versunken zum Rothaus an der Strasse nach Schwändi, das seinen Eltern gehörte und in dem er ein einfaches Behandlungszimmer eingerichtet hatte.

Im Weinberg

Neben der Tür lehnt ein Stock, ein knotiger Buchenast aus dem Niederental. Der Griff ist poliert vom Spazieren und Wandern, der Schaft mit Schnitzereien verziert, Edelweiss und Gemsköpfe. Zopfy greift nach ihm. Sich bewegen ist die beste Medizin. Ein paar Schritte, Atem schöpfen, frische Luft. Die Hüftgelenke schmerzen und sein rechtes Knie. Gicht. In letzter Zeit häufig Kopfschmerzen und Schwindel. Symptome, die er sich nicht erklären kann. Ach, man wird alt. Der Rachen trocknet aus in der Nacht, auch das kein gutes Zeichen. Beim ­Gehen scheint der Boden unter den Füssen leicht zu schwanken. Wie das Deck des Schiffs damals, auf der Überfahrt nach New York.

Hinter dem Haus steigt der Hang des Erlenbergs steil an gegen Sool hinauf. Stufen aus Schieferplatten, Terrassen, Trockenmauern. Sein Weinberg, ein Jammer. Unkraut wuchert zwischen den Rebstöcken, die Blätter sind von der Reblaus zerfressen. Da und dort hängt eine kümmerliche Traube im gelben Laub. Wie mein Körper, denkt Zopfy, alles löst sich auf. Humus für kommende Generationen. Das neue Jahrhundert, das in zehn Jahren anbricht, würde er nicht mehr erleben. Die Tafel am Weinberg, die er vor Jahrzehnten hat aufstellen lassen, ist von Rostflecken übersät. Buben haben mit Steinen Zielübungen gemacht. Der Text ist kaum mehr zu lesen.

«Rechtbott: Unter Hinweisung auf die Bestimmungen der Art. 72–76 der Civ. Pr. Ordn. lässt hiermit Herr Dok­tor Samuel Zopfi in Schwanden Jedermann auf Recht ­verbieten, durch und über seinen eigenthümlich besitzenden Weinberg zu gehen, zu fahren, zu holzen oder ihn sonst auf irgend eine Weise zu beschädigen.»

Er hat seinen eigenen Wein gekeltert, in der Trotte aus dem siebzehnten Jahrhundert gepresst. Erlenberger! Hat ihn in der Gastwirtschaft im Rothaus ausschenken lassen. Eine Liebhaberei, die ihm finanziell nichts einbrachte. Dafür Scherereien mit Nachbarn, Nachtbuben und Leuten, die seinen Privatbesitz nicht respektierten. Er hatte das Rothaus und die Wirtschaft vom Vater übernommen, später versteigert. Schliesslich war er Arzt, nicht Wirt. 1856 hat er das Wohnhaus am Fuss des Weinbergs neben der alten Trotte bauen lassen. In bester Lage am Sonnenhang über dem Dorf. Wie es sich für seinen Stand gehört.

Zopfy bleibt stehen. Der Atem geht schwer, die Kopfschmerzen bohren heftiger, trotz der frischen Luft. Der Föhn. Er weht Geräusche vom Dorf herauf, Rufe da und dort, Kindergeschrei, Hämmern, Axtschläge, Stampfen von Wasserrädern, der lang gezogene Pfiff der Dampf­lokomotive, die in den Bahnhof einfährt, das Kreischen der Räder auf den Geleisen.

Schwanden, Hauptort des Glarner Hinterlandes. Die mechanische Textilindustrie breitet sich aus nach Jahrzehnten der wirtschaftlichen Depression, verdrängt die Manufakturen des Stoffdrucks. Maschinenhäuser wachsen aus dem Boden, drei- und vierstöckige Spinnereien und Webereien mit Giebeldächern und gleichförmigen Fensterreihen. Hochkamine qualmen. Das Wachstum schafft Arbeit, stopft Mäuler, sodass die Menschen nicht mehr auswandern müssen wie durchs ganze vergangene Jahrhundert. Auch er ist hinübergefahren, im Jahr achtundzwanzig, aber aus andern Gründen. Nach Philadelphia, ins Zentrum der medizinischen Kunst in den Vereinigten Staaten. Zurück kam er mit einem Diplom auf Pergament, das ihn als Doktor der Medizin auswies.

Zopfy stützt beide Hände auf die Mauer, der Atem beruhigt sich. Nach Sool hinauf würde er es nicht mehr schaffen. Er schreitet eine Reihe Reben entlang, betrachtet die Stecken, die er mit einem Quecksilberpräparat ­behandelt hat, homöopathisch. Keine Fäulnis, kein Pilz, das Holz unversehrt. Im Gegensatz zu den Stangen der Telegrafenleitung, die nach wenigen Jahren umgestürzt sind, weil sie durchgefault und vom Pilz und Würmern zerfressen waren.

Die Telegrafenverwaltung in Bern hat sein «Rezept zum Schutze der Telegraphenstangen gegen Fäulnis» abgelehnt. Versuche hätten sich nicht bewährt. Darauf hat er Bundesrat Emil Welti, Vorsteher des Post- und Eisenbahndepartements, einen Brief geschrieben. Die Antwort steht noch aus. Der hohe Magistrat ist wohl zu sehr beschäftigt mit dem Skandal um seine Schwiegertochter Lydia, die mit dem Kunstmaler Stauffer nach Rom durchgebrannt ist. Dabei könnte der Staat grosse Summen einsparen mit seinem Rezept auf der Basis von Quecksil­berchlorid. In einer Zeit des rasenden Fortschritts, wo elektrische Leitungen und Telegrafendrähte schon bald das ganze Land überspinnen, braucht es Stangen, Stangen, Stangen. Ein Vermögen könnte er mit seinem Verfahren machen. Aber er braucht kein Vermögen mehr, hat schon einen Teil des Seinigen gestiftet, und auch das Geld für sein Rezept würde der Stiftung zugute kommen.

Ob der Brief überhaupt zum Bundesrat gelangt ist? Oder ob sein Schreiben im Papierkorb eines verschlafenen Beamten gelandet ist? Man nimmt ihn nicht mehr ernst, weder in Bern noch in Glarus. Einst galt der alte Mensch als Weiser, dessen Meinung respektiert wurde. Heute ist er nur noch ein Clown, der die Zeit nicht mehr versteht und den Jungen auf der Tasche hockt.

Zopfy beginnt die Treppe hinabzusteigen, tastet vorsichtig mit dem Stock über die Stufen. Nur nicht hinfallen, die alten Knochen sind brüchig, wachsen nicht mehr zusammen. Er hat schon viele Alte an einem Beinbruch sterben sehen.

Vor dem Haus setzt er sich auf die Bank, schliesst die Augen. Von der Stoffdruckerei der Blumer «i dr Müli» jenseits des Sernf dringt das rollende Pochen der Druckmodel herüber. Es gehört zum Leben wie hier der Föhn, der in Wellen durch die Wälder über dem Dorf streicht und die Weidenbüsche über dem Weinberg niederbiegt, sodass die Blätter silbern aufschäumen. Die Textilfabrik in der «Herren» am Eingang zum Kleintal wird bald auch nachts ihre Maschinen laufen lassen. Ringspinnmaschinen, neueste Technik aus England. Die Herren Paravi­cini schwärmen vom elektrischen Strom, den sie mit einem Turbinenrad und einem Generator erzeugen. Seit Kurzem beleuchten sie mit Edisonlampen die Maschinensäle und die Brücke über den Sernf. Bald schon werden elektrische Motoren die Maschinen antreiben, sagen sie, die gefährlichen Transmissionen ersetzen.

Wie aus Wasser Strom wird, hat einer der Herren in einem Vortrag im Gewerbeverein erklärt. Zopfy kann sich das nicht vorstellen, niemand hat den elektrischen Strom je gesehen. Das Wesen dieser neuen Technik ist unsichtbar, kein Mikroskop enträtselt ihr Geheimnis. Nochmals jung müsste man sein, Ingenieur, das ist die Zukunft. Doch er steht mit dem Rücken zur Wand. Auch wenn er hundert Jahre alt wird, das Leben ist gelebt. Im Januar war sein 86. Geburtstag, und nun ist schon wieder Herbst. Die Zeit rast immer schneller, die Gedanken bleiben zurück, wandern immer öfter in die andere Richtung, als flöhen sie vor dem Ende, dem Unvermeidlichen. Die Vergangenheit wird gegenwärtiger als die Ge­genwart.

Homöopathie

Im Halbschlaf hatte Sämeli das Wort zum ersten Mal vernommen: «Revolution!» In den Kneipen von Heidelberg war es später in aller Munde. Flugschriften forderten Demokratie und soziale Gerechtigkeit. Der reaktionäre Adel sollte entmachtet, die Fürstentümer und König­reiche zu einer Deutschen Republik vereinigt werden. Deutschland endlich eine Grossmacht wie Frankreich oder England. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die Ide­ale der Französischen Revolution sollten zwischen Rhein und Elbe wieder auferstehen nach den Jahrzehnten der Reaktion, dem Diktat von Metternich und Konsorten. Im Juli waren in Frankreich Handwerker, Bürger und Studenten auf die Barrikaden gestiegen, Frauen und Männer hatten mit der Waffe in der Hand die Macht des Adels gebrochen, den König verjagt und den Bürgerkönig Louis Philippe von Orléans auf den Thron gehoben. In Deutschland scheiterten die demokratischen Bewegungen, ihre Schriften wurden verboten, ihre Vorkämpfer gingen ins Exil oder wurden verhaftet.

Doch Politik interessierte den Studenten Samuel Zopfy nur am Rande. Er wollte lernen, wollte weiterkommen, konnte nicht in den Kneipen hocken wie die Söhne von betuchten Bürgern und fürstlichen Beamten. Auch fehlten ihm die Mittel. Er hatte seine Studien am Medizinisch-Chirurgischen Institut in Zürich begonnen, auch dort hatte schon eine aufgekratzte Stimmung geherrscht. Alles sprach von der politischen Wende, die sich anbahne, von einer grossen Landsgemeinde in Uster, welche die Regierung stürzen und allen Bürgern in Stadt und Land gleiche politische Rechte bringen werde. Vor seiner Abreise ins Ausland hatte er im August 1830 an einem Schiessen «der Herren Studierenden am Gymnasium und politischen Institute in Zürich» teilgenommen. Die Radikalen forderten in jenen Wochen die Gründung ei­ner Universität mit medizinischer Fakultät. Doch er moch­te nicht warten. Hatte sich im Herbst 1830 an der Ludwig-Maximilians-Universität in München immatrikuliert, nach einem Jahr an die Universität Heidelberg gewechselt. Mitten im revolutionären Aufbruch.

Doch seine Revolution war von anderer Art. Im Se­zier­saal war einer neben ihn getreten, als er eben ein Schweineherz mit dem Skalpell zerlegte.

«Was Sie hier lernen, mein Herr, ist von gestern.»

Zopfy hielt inne, wischte sich die blutigen Händen an einem Tuch ab. «Wie meinen Sie das?»

Der Kommilitone nahm Haltung an, zog die Mütze und hielt sie vor die Brust. Stellte sich vor, ein Landsmann aus Zürich. Er trug Farben, Bierzipfel am Band, Mitglied einer schlagenden Verbindung, ein Schmiss im Gesicht.

«Eine Revolution der Medizin meine ich.»

Dann vernahm er zum ersten Mal das Wort, das ihn nicht mehr loslassen würde: «Homöopathie!»

Die Medizin, wie sie heutzutage gelehrt und prak­tiziert werde, bringe Menschen um, statt sie zu heilen. Aderlässe, Trepanationen und chirurgische Eingriffe führten zu Wundbrand, verursachten unnötiges Leiden. Falsch dosierte Arzneien vergifteten die Patienten. Blutegel und Schröpfen? Der pure Aberglaube! Der Kommilitone lachte. «Selbst Beten ist besser als das, was Sie hier lernen!»

Später sassen sie beim Bier in der Kneipe, im Tabakqualm, Stimmenlärm, Gesang und Grölen der Studenten. Der Landsmann beugte sich über den Tisch, schrie Samuel durch den Lärm ins Ohr, berichtete von der Heilkunde, der Erfahrung eines Doktor Hahnemann. «Heisst übrigens Samuel, wie Sie, mein Freund. Leibarzt bei Her­zog Friedrich Ferdinand von Anhalt-Köthen.»

Es gelte nach Hahnemanns Lehre nicht, die Ursachen von Krankheiten im Innern der Körper zu ergrübeln, wie das die Medizin seit zweitausend Jahren ver­suche. Dagegen stelle er die Erfahrung des Arztes, der einem Krankheitsbild die richtigen Arzneimittel zuordnet. Hahnemann habe das Prinzip entdeckt, dass Ähnliches durch Ähnliches geheilt werden solle. «Simila similibus curentur.» Ein wirksames Arzneimittel rufe an Gesunden ähnliche Symptome hervor wie die Krankheit am Kranken. Die Natur heile oft eine Krankheit durch ei­ne ähnliche. «Hahnemann hat das zuerst an sich selber ausprobiert, hat ein Präparat aus Chinarinde eingenommen und dabei die Symptome von Wechselfieber verspürt.»

«Und damit soll es geheilt werden?»

«Gewiss! Hahnemann hat zudem die Erfahrung gemacht, dass die Arznei stark verdünnt werden muss, ­damit sie ihr inneres Wesen, ihre geistige Kraft entfalten kann. Das Verdünnen der Grundsubstanz potenziert die heilende Wirkung und schwächt unerwünschte Gift­stoffe.»

Zopfy war interessiert. Besuchte Vorlesungen des Phy­siologen Johann Wilhelm Arnold und vertiefte sich neben der Chirurgie in die homöopathische Lehre. Er lern­te aus Pflanzen, Mineralien oder tierischen Rohstoffen durch Verschütteln oder Verreiben sogenannte Urtinkturen herstellen, diese dann mit Trägersubstanzen verdünnen. Neugierig, wie er war, erprobte er die Wirkung der Arzneien an sich selber. Eine Tinktur aus den hochgiftigen Wurzelknollen des Blauen Eisenhuts rief bei ihm heftige Gelenkschmerzen hervor. Damit hatte er eine homöopathische Arznei zur Behandlung von Arthritis, Gicht und Rheuma entdeckt – Jahrzehnte später würde er sie dem General Garibaldi verabreichen.

Nach Ende des Semesters reiste er nochmals nach München zu Medizinalrat Franz Seraph Widnmann, ei­nem Schüler Hahnemanns. Er war Leibarzt des Herzogs Eugen Beauharnais gewesen, einem Stiefsohn Napoleons und seinerzeit Vizekönig von Italien. Widnmann stellte kritische Fragen zu Hahnemanns Lehre, die Frage nach der richtigen Verdünnung etwa, die Zopfy dann zeitlebens beschäftigte.

Dann hatte ihn die Krankheit vieler Schweizer im Ausland befallen. Heimweh. Und dagegen half weder die homöopathische noch die allopathische Medizin. Wenn frühmorgens ein Pferdegespann vor dem Fenster seiner Bude vorbeirumpelte, begleitet von hellem Schellengeläut, dann hörte er die Geissen ins Niederental ziehen. Er vermisste die Berge und das Tal, das so lieblich und grün war im Sommer, träumte immer wieder vom Fliegen. Schwerelos durch die Lüfte schweben, den Rhein hinauf nach Basel und weiter den Bergen entgegen. Schliesslich wanderte er zu Fuss zurück in die Heimat. Seine Praxis als «homöopathischer Arzt und Wundarzt in Schwanden» liess sich von Anfang an gut an, trotz der schwierigen Zeiten.

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