Kitabı oku: «Spurlos»

Foto Marco Volken
Emil Zopfi, geboren 1943, studierte nach einer Berufslehre Elektrotechnik und arbeitete als Computerfachmann und Erwachsenenbildner für Informatik und Sprache. Autor von Romanen, Hörspielen, Kinder-und Jugendbüchern sowie Bergmonografien. Er lebt heute als Schriftsteller in Zürich. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem King Albert Mountain Award und dem Glarner Kulturpreis. Im Limmat Verlag sind seit 1977 zahlreiche Bücher erschienen, u.a. die Andrea-Stamm-Trilogie «Steinschlag», «Spurlos» und «Finale».
«Emil Zopfi ist DER deutschsprachige Bergschriftsteller der Gegenwart. Er erreicht mit seinen Werken nicht nur Bergsteiger, sondern auch das breite Publikum.» King Albert Mountain Award
Emil Zopfi
Spurlos
Roman

I CLIMB EVERY MOUNTAIN
I CROSS EVERY SEA
TO LAY IN YOUR ARMS FOR ETERNITY
BONNIE TYLER
1
Sie trug seine Asche auf den Berg. Es war Frühling, noch lag Schnee in den Mulden der Alp. Der Himmel blass. Stille.
Sie hörte nur ihren Atem und ihre Schritte in den nassen Stauden der Alpenrosen und später, während sie über die Geröllhalden anstieg, das Knirschen des Schotters unter den Sohlen. Musik, tausendmal gehört, der Klang des Bergs.
Ihr Vater war gestorben, als sie in Patagonien am Cerro Torre kletterte. Per Funk war die Meldung ins Camp gekommen, sie war sogleich abgereist. Obwohl es zu spät war für alles. Er hatte sich nach dem Mittagessen hingelegt wie jeden Tag, war auf dem Sofa eingeschlafen. Sanft hinübergeschlummert, ohne Abschied und mit einem Lächeln im Gesicht, wie es seine Art war. Am gleichen Tag hatten sie am Cerro Torre ihren höchsten Punkt erreicht, zweihundert Meter unter dem Gipfel, dann war ein Sturm aufgezogen.
Auf dem Weg zur Hohen Platte, der unter den Wänden von Sila und Plattenburg nach Westen führt, fasste Andrea spontan den Entschluss, direkt durch die Westwand zu klettern. Es war noch kalt, aber das machte ihr nichts aus, in Patagonien hatte sie im Sturm härteste Seillängen geführt. Sie stieg an, über steilen Hartschnee einem Rinnsal folgend. Eine alte Route, die niemand mehr ging, brüchiger Fels, Schluchten, Bänder, Risse. Sie stieg schnell, Geröll löste sich unter ihren Schuhen, kollerte in die Tiefe. Das war Musik, Hard Rock. Die Route hatte sie längst verloren, sie kletterte in der Falllinie höher und höher, einer Reihe von Kaminen folgend, manchmal fast im Innern des Bergs, der sie umfing wie ein Mutterschoss.
Dann die Sonne, ein kurzer Blockgrat, eine Senke und dahinter der Gipfel mit dem schiefen Holzkreuz. Eine rostige Konservenbüchse steckte zwischen den Felsbrocken des Steinmanns, darin ein Notizbuch. Nur wenige Leute besuchten diesen Gipfel. Einsam und schwer zugänglich, passte er zu ihrem Vater. Sie ass einen Getreideriegel, trank Wasser, die Urne hatte sie neben sich auf die Steine gelegt. Ein Zylinder aus gebranntem Ton, sehr leicht. Das war von dem schweren Mann übrig geblieben. Sie hatte sich vorgenommen, die Urne vom Gipfel in den Abgrund zu schleudern, sie würde zerschellen, seine Asche in Klüften zerstäuben, die nie ein Mensch betrat. Sie hob die Urne auf, legte sie wieder hin. Sie brachte es nicht übers Herz, das Gefäss in die Tiefe zu schmettern. Irgendwie müsste ich Abschied nehmen vom alten Herrn, dachte sie, aber sie wusste nicht wie. Augen schliessen, sich nochmals an ihn erinnern, an das Schöne und Gute, und alles andere vergessen? Sie legte den Kopf auf die Knie und weinte leise.
Dann stieg sie über den Blockgrat gegen Süden ab, fand einen Spalt unter einem Felsabsatz, schob die Urne hinein und verschloss die Öffnung mit grossen Steinen.
«Auf Wiedersehen Robert», sagte sie, dann kletterte sie über Felsstufen hinab zu einem Ringhaken, zog das Seil ein und glitt hinab ins Joch. Es war Nachmittag, sie war keinem Menschen begegnet.
2
Ein Stein fiel, hoch über ihm in der Wand. Magnus erschrak, duckte sich hinter einem Block. Seine Knie zitterten. Vorsichtig hob er den Kopf, zog den Feldstecher aus dem Futteral, stützte die Ellbogen auf und suchte den Berg ab. Eine Gestalt glitt wie eine Spinne am seidenen Faden durch die Felswand in die Tiefe. Metall klirrte, als sie sich anklinkte, am Seil zog. Es löste sich, kringelte über Absätze und Stufen, Steine rieselten herab. Dann hüpfte die Spinne wieder weg vom Fels, schwebte in die Tiefe, landete in einer Scharte des Grates, der von der Wand gegen das Joch zog. Eine Frau in gelber Windjacke. Leicht setzte sie über die Zacken und Türme des Grates hinweg. Ein Tanz über dem Abgrund. Magnus stockte der Atem. Sonnenlicht fiel unvermittelt durch ein Wolkenloch, die gelbe Jacke leuchtete auf. Dann verschwand sie hinter einer Kante. Magnus suchte mit dem Feldstecher den Grat ab, glaubte, sie sei gestürzt. Da schwang sie sich über die Kante, direkt über ihm. Er hörte ihren Atem, das Klirren der Karabinerhaken an ihrem Gürtel.
Er zog den Kopf ein, schob den Feldstecher ins Futteral. Gelegentlich hatte er Bergsteiger beobachtet, wenn er durch die Gegend streifte. Keiner bewegte sich so leicht und so sicher wie die kleine Frau. Wie eine Artistin im Zirkus, den er mit seiner Mutter besucht hat, unten in Pratt. Mit einem Sprung setzte sie über eine Scharte, balancierte mit ausgebreiteten Armen auf der Gratschneide, hüpfte über Zacken hinweg, als spiele sie Himmel und Hölle.
Dann stand sie im Joch, wenige Schritte von seinem Felsblock entfernt. Magnus hielt den Atem an. Hörte, wie sie ihren Rucksack ablegte, einen Schluck aus einer Flasche nahm, ihr Kletterzeug einpackte, das Seil rollte. Er drückte sich an den feuchten Fels, der nach Meer roch, Fisch und Salz und Seetang. Er hatte gelesen, dass die Berge vor Millionen Jahren aus einem Meer wuchsen. Er hatte Steine gefunden, auf denen sich die Schalen von Muscheln abzeichneten. Den schönsten, geformt wie eine Schnecke, trug er im Hosensack.
Mit der Zunge leckte Magnus den feuchten Fels, schmeckte das Salz des Meeres, das er noch nie gesehen hatte. Nur in seinem Kopf, in seinen Träumen existierte es.
Die Frau hatte ihn nicht entdeckt. Er atmete tief, verliess sein Versteck. Vom Joch aus sah er sie weit unten, wo der Weg über die Felsstufe mit dem Drahtseil führte. Wie eine Gämse eilte sie zu Tal. Mit dem Feldstecher schaute er ihr nach, bis sie den Weg verliess, über ein Schneefeld abrutschte und verschwand.
3
Im Dorf parkte Andrea vor der «Alpenrose». Wolken waren aufgezogen, frühe Dämmerung lag über den Blockhäusern und der Kapelle mit dem frei stehenden Glockenturm. Aus Gewohnheit hatte sie angehalten, wie immer nach einer Bergtour. Doch heute gab es keinen Kaffee, das Restaurant war geschlossen. Anita, die Wirtin, lag im Spital.
Andrea blieb im Jeep sitzen, kein Mensch liess sich blicken, das Dorf schien ausgestorben. Dann bemerkte sie das Schild an der Tür. Sie stieg aus. Zu verkaufen stand darauf, dazu eine Telefonnummer. Anita würde also nicht mehr zurückkehren. Andrea hatte sie besucht, bevor sie nach Patagonien verreist war. Sie war zuversichtlich gewesen, hatte von einer Therapie auf natürlicher Basis gesprochen, einer Kur mit Mistelpräparaten.
Andrea lehnte sich an den Zaun am Rand des Parkplatzes, betrachtete das grosse Haus. Es musste sehr alt sein. In den Kellergewölben hatte Anita eine Kunstgalerie eingerichtet. Die Grundmauern aus Bruchstein waren meterdick, darauf stand Fachwerk, mit Schindeln verkleidet, die sich im Laufe der Jahrzehnte silbergrau verfärbt hatten. Der Dachstuhl war eingesunken.
«Interessiert Sie das Objekt?» Ein Mann trat hinter ihrem Jeep hervor, sie hatte ihn nicht bemerkt. Er war nicht viel grösser als sie, blond, mit nach hinten geklebten Haaren, trug einen Pullover aus Naturwolle unter der schwarzen Lederjacke, schwarze Jeans. «Peter Frey. Ich bin der Gemeindeverwalter.» Sein Händedruck war ohne Kraft.
«Andrea Stamm.»
«Ich habe von Ihnen gehört. Die Bergführerin, oft unterwegs in der Gegend.»
«Warum wird die ‹Alpenrose› verkauft?»
«Eine traurige Geschichte. Die Gemeinde musste das Haus übernehmen.»
Frey nahm seine Brille von der Nase, rieb die Gläser mit zwei Fingern am Pullover. «Das Haus wäre doch eine Basis für Ihre Kletterschule.» Er setzte die Brille wieder auf, trat so nahe neben Andrea, dass sie einen Schritt zurückwich.
«Leider bin ich ziemlich knapp bei Kasse.»
«Überlegen Sie es sich. Es ist ein Schnäppchen, unter uns gesagt. Ich kann Ihnen Kontakt zur Regionalbank vermitteln. Für Investitionen im Berggebiet gibt es Hypotheken zum Vorzugszins.»
Andrea griff nach der Türklinke des Jeeps, sah dann nochmals zur «Alpenrose». Düster und leblos die Fassade, die Fenster blind, vom Rauch vergilbte Vorhänge. Ein Fensterflügel hatte sich gelöst, schwang mit einem leichten Windstoss gegen den Rahmen. Sie dachte an Anita, die Wirtin und Künstlerin, die im Spital um ihr Leben rang. Die «Alpenrose» war ihr Traum gewesen. Und da kam einer und sprach von Schnäppchen und von Vorzugszins.
«Denken Sie in Ruhe über meinen Vorschlag nach.» Der Gemeindeverwalter zog eine Karte aus der Brieftasche. Dr. Peter Frey. Unternehmensberater. Eine Adresse im Dorf, eine zweite in der Stadt. E-Mail, Website, Mobilnummer.
Andrea steckte die Karte ein, übersah die ausgestreckte Hand, stieg in den Jeep. Er nickte ihr zu, lächelte breit und zeigte dabei sein Gebiss. Dann schritt er zum Glockenturm hinüber, neben dem ein silbergrauer BMW stand. Im Rückspiegel sah sie, wie er bei der Feriensiedlung am Dorfeingang den Blinker setzte und bergwärts abbog zu einer der Villen, die auf Betonpfeilern an den Hang gebaut waren. Schwer vorzustellen, warum sich ein Unternehmensberater in diesem abgelegenen Tal niederliess und die arme Gemeinde verwaltete.
Während Andrea durch die Dämmerung ins Tal fuhr, den Knopf ihres iPod im Ohr, begleitete sie Bonnie Tylers raue Stimme. It’s a heartache, nothing but a heartache. Hits you when it’s too late. Hits you when you are down.
Sie dachte an Vaters Reihenhaus in der Stadt. Ob es ein Testament gab? Vielleicht hatte er Erspartes oder eine Lebensversicherung hinterlassen. Ning, seine Partnerin im Alter, würde einen Teil erben. Den andern sie, die einzige Tochter, zumindest den gesetzlichen Pflichtteil. Sie hatte sich um all diese Fragen noch nicht gekümmert, seit sie zurückgekehrt war.
4
Der Vater stand am Fenster der Werkstatt. Fahles Licht auf dem Gesicht voller Falten und Bartstoppeln. Er schaute hinüber zur «Alpenrose». Seine Hände fuhren in den Hosentaschen unruhig auf und ab, wie Maulwürfe, die sich in die Erde bohren.
«Magnus?» Seine Stimme war belegt. Er sah sich nicht um.
Magnus murmelte einen Gruss. Hängte Rucksack, Faserpelz und Hut an einen Haken beim Kanonenofen. Das Feuer aus Abfallholz war am Verglimmen. Angenehm warm strahlte das Abzugsrohr. Er holte eine Zeitung vom Stapel, stopfte die nassen Schuhe aus, stellte sie aufs Blech neben den Ofen.
«Die ‹Alpenrose› wird verkauft», sagte der Vater gegen das Fenster.
«Ich weiss.»
Magnus hatte das Schild gesehen. Am Morgen hatte es der Verwalter hingehängt. Er war an ihm vorbeigegangen, hatte nicht gegrüsst. Ein geschniegelter Herr, keiner von hier.
«Wo bist du gewesen?» Der Vater trat vom Fenster weg, stützte sich mit einer Hand auf die Hobelmaschine. In seinem Bart hingen Holzspäne. Er hatte gearbeitet. Ein kleiner Auftrag nur. Wenn er keinen hatte, drechselte er Spindeln und Speichen und fertigte Spinnräder. Magnus schwieg.
«Auf der Alp?»
Er nickte. Wärmte die Hände am Ofenrohr, ohne das heisse Metall zu berühren.
«Liegt noch Schnee dort oben?»
«Nicht mehr viel.»
Der Vater begann, die Werkbank aufzuräumen. Er blies Späne von einem Drechselstahl, hängte ihn an seinen Platz im Werkzeugschrank, klappte ein Metermass zusammen, schob es in die schmale Tasche am Hosenbein. Holte Kehrichtschaufel und Wischer und fegte die Bank. Uraltes Holz, speckig braun glänzte es, mit Kerben und Rissen. Schon Grossvater hatte hier geschreinert. Er war gestorben, bevor Magnus auf die Welt kam.
Magnus schaute zu, wie der Vater mit dem Besen Späne am Boden zu einem Haufen zusammenkehrte. Er ging zu seinem Rucksack, löste die Riemen der Klappe, unter der ein Bündel Zweige klemmte, legte sie auf die Werkbank.
Der Vater stellte den Besen neben die Tür, griff sich einen Zweig. «Weidenkätzchen. Wo hast du sie gefunden?»
«Am Alpweg.»
«Ich geb sie Sandra. Sie soll sie einstellen.» Er strich mit dem Finger über eines der silbergrauen Pelzbällchen, die wie Perlen aufgereiht auf dem Zweig sassen.
Heftig schüttelte Magnus den Kopf. «Für das da.» Er griff in den Rucksack, zog das Buch von den Waljägern heraus. Anita hatte es ihm geschenkt. Und das Fernglas.
«Morgen geh ich in die Stadt», sagte der Vater leise. «Ich nehme die Kätzchen mit.» Er holte ein Messer aus dem Werkzeugschrank, schnitt die Stile schräg an. Dann zupfte er ein paar Fasern aus einem Büschel Flachs, das über der Werkbank hing, band den Strauss. Er stellte ihn in eine Blechbüchse. «Ich hol dann noch Wasser.»
Magnus schlüpfte in ein Paar Filzpantoffeln, schlurfte durch die Werkstatt zur Treppe, die zur Wohnung führte. Das Buch hielt er unter den Arm geklemmt.
5
Das Krankenzimmer lag im Halbdunkel, Licht filterte durch Lamellenstoren, warf ein Streifenmuster aufs Bett, das von Apparaten umstellt war. Monitore und Messgeräte, verbunden mit Kabeln und Schläuchen. Andrea blieb bei der Tür stehen, glaubte für einen Augenblick, sie habe sich im Zimmer geirrt. Das Gesicht auf dem Kopfkissen war ihr fremd. Bleiche Pergamenthaut spannte sich über Wangenknochen, der Kopf war kahl bis auf einen Kranz von Stoppeln am Haaransatz. Anita blinzelte mit einem Auge ins Licht der offenen Tür, das andere blieb geschloss en, das Lid schien am Augapfel zu kleben. «Andrea. Welche Überr aschung.» Von ihrer kräftigen Stimme war nur ein heiseres Krächzen geblieben.
Sie tippte mit einem Finger auf eine Taste. Summend fuhr die Kopfstütze hoch. Sie versuchte zu lächeln, ihr Mund verzerrte sich. Die Gesichtshälfte mit dem verklebten Auge bewegte sich nicht, sie war gelähmt.
Andrea trat ans Bett, beugte sich über Anita, küsste sie flüchtig auf beide Wangen. Der Schweissgeruch der Kranken stiess sie ab. «Wie geht es dir?»
«Ich mach Fortschritte. Schau mal.» Anita hob unter der Decke ein Knie ein wenig an. «Ich kann es wieder bewegen. Die neue Therapie hilft.» Fast ganz gelähmt sei sie gewesen, Metastasen im Hirn. Die Mistelkur habe nichts gebracht, jetzt versuche sie eine Krebsdiät auf Leinölbasis. Leinöl enthalte gute Fette, die zusammen mit Eiweiss den Stoffwechsel in der Leber anregten und die Krebs erzeugenden Stoffe unwirksam machten. «Die klassischen Mediziner belächeln mich, aber sie lassen mich machen. Schaden kann es ja nicht, sagen sie. Noch mehr Chemo und Bestrahlung vertrage ich nicht.» Ihr Atem ging keuchend, das Reden erschöpfte sie.
Andrea betrachtete das Plakat, das an der Wand über dem Bett hing. Anitas letzte Ausstellung, Bergzauber – Zauberberg. Flammend rotgelbe Pinselstriche, in denen man einen Berg erkennen konnte, wenn man wollte, oder den zornigen Wunsch, die Krankheit über alle Berge zu verbannen. Etwas in der Art hatte ein gescheiter Mensch an der Vernissage erklärt und dann offiziell bekannt gegeben, dass Anita an Lungenkrebs erkrankt sei. Schneller als sonst waren rote Punkte aufgetaucht unter ihren Bildern.
Die Tür öffnete sich, eine Pflegerin trat ins Zimmer, eine attraktive Frau mit roten Nägeln und getuschten Wimpern. «Schön, dass Sie Besuch haben, Frau Bender.» Sie machte sich an den Apparaturen zu schaffen, wechselte die Flasche für die Infusion, die über dem Bett hing, setzte eine Ampulle mit einem Medikament ein. «Frau Bender ist gut aufgehoben bei uns. Nicht wahr?»
Mit geschlossenen Augen deutete Anita ein Nicken an. «Daniel besucht mich.»
«Doktor Meyer vom Notfall», erklärte die Pflegerin. «Wollen Sie sich nicht setzen?» Sie deutete auf einen Stuhl.
Andrea schüttelte den Kopf. Sie musste gehen, Daniel wollte sie auf keinen Fall begegnen. Keine alten Geschichten aufwärmen.
Die Pflegerin hob Anitas Kopf sacht an, liess die Kopfstütze zurückfahren, beugte sich über sie und träufelte Tropfen in ihre Augen. Dann verliess sie das Zimmer.
«Gestern war ich im Dorf», sagte Andrea, weil ihr nichts anderes einfiel.
«Mein Gott, ist schon Frühling dort oben?» Anita seufzte.
«Auf der Alp liegt noch etwas Schnee.»
«Ich möchte wieder mal auf die Alp.» Tränen liefen über Anitas Wangen. Vielleicht waren es die Augentropfen.
Andrea setzte sich auf die Bettkante, ergriff ihre Hand, streichelte die welke Haut. Sie trug ihre indischen Fingerringe mit den bunten Steinen und Silberreifen am Handgelenk. «Sie wollen mir die ‹Alpenrose› wegnehmen», flüsterte sie, schloss ihre Augen. «Mein Haus, meine Galerie, mein Traum.»
Andrea erinnerte sich an eine Vernissage in den Kellergewölben der «Alpenrose», Leute aus der Kunstszene der Stadt waren gekommen. Eine Sängerin. Und sogar Einheimische, zu denen Anita einen Draht gefunden hatte.
«Der Gemeindeverwalter war hier. Möchtest du die ‹Alpenrose› übernehmen?»
«Ich hab doch kein Geld.»
«Es wäre schön …» Anitas Stimme war nur noch ein heiseres Hauchen. «Da ist nur … der Glockenturm …» Ihr Kopf sank zur Seite, sie bewegte sich nicht mehr, war weggetaucht, sah vielleicht den Turm der Kapelle vor sich, hörte im Dahindämmern den harten Klang der Glocke, der sie während Jahren Tag und Nacht begleitet hatte.
Andrea verliess das Zimmer leise. Im Korridor kam ihr ein Mann entgegen, leicht vorgebeugt mit unsicherem Schritt. Sein Blick glitt über den Boden, als klafften unter dem Linoleum versteckte Gletscherspalten. Er kam ihr bekannt vor, sie war ihm vielleicht schon begegnet, ein Hüttenwart oder Senn auf einer Alp. Sein rötlicher Bartkranz war zerzaust, ein Manchesteranzug schlotterte um seine Glieder. Sie sah sich um. Vor Anitas Zimmer blieb er stehen, klopfte. In der Hand trug er einen Bund Weidenkätzchen.
6
Daniel erkannte sie sogleich, folgte ihr durch den Korridor, sein Mantel wehte offen. Er war versucht, ihren Namen zu rufen, hoffte, sie blicke sich um, doch sie schritt weiter, klein und hartnäckig wie immer. Er war sicher, dass sie es war, obwohl sie die Haare nun lang trug, zu einem Pferdeschwanz gebunden. Bestimmt sparte sie sich die Coiffeuse, sie musste immer sparen und würde auch noch sparen, nachdem sie einen Millionär geheiratet hätte. Das Karge und Einfache war ihr eingeprägt, wie ihre weiten und leichten Schritte und die etwas nach links abfallende Schulter, auf die sie, wie er wusste, einen blauen Schmetterling tätowiert hatte. Blue Mountain. Sie rauchte nicht, trank keinen Alkohol, fuhr einen angerosteten Cherokee Jeep; ihre Leidenschaft zeigte sich nur am Berg, sonst verbarg sie sich unter ihrer widerborstigen Kraft. Daniel war nicht sicher, was er von ihr wollte, sie hatte ihn auf schwierigen Routen geführt, sie hatten sich geküsst und einmal miteinander eine Nacht verbracht, in einer Hütte unter Wolldecken, eng umschlungen, aber vielleicht hatte er auch nur geträumt, sie hätten miteinander geschlafen. Seit seinem Unfall in Israel kletterte er nicht mehr, seit seiner Affäre mit Marit hatte er nie mehr mit einer Frau ein Verhältnis gehabt, von einem gelegentlichen One-Night-Stand abgesehen. Er folgte Andrea bis zum Foyer, sah sie durch die Flügeltür ins Freie treten. Auf dem Vorplatz beim steinernen Engel blieb sie stehen. Es schien, als denke sie darüber nach, was sie vergessen haben könnte. Er hoffte, sie kehre nochmals um, dann würde er sie begrüssen wie eine alte Bekannte, sie würden sich küssen, Erinnerungen austauschen, sich verabreden. Sie zögerte, zog ihr Handy aus der Tasche ihrer Windjacke, tippte eine SMS. Er war sicher, dass sie einen Freund hatte, eine Frau wie sie unter lauter Männern, die sie bewunderten, vielleicht den Manager, den sie einmal aufs Matterhorn geschleppt hatte. Daniel war noch immer eifersüchtig auf jenen Geck, auch wenn er sich sagte, dass er zuallerletzt Grund dafür habe. Doch für Gefühle, das wusste er, gab es keine Gründe, und keine Medizin half, wenn sie einen heimsuchten. So war das mit Marit gewesen, der Kollegin im Rabin Medical Center in Tel Aviv. Sie hatte ihn nach seinem Unfall zusammengeflickt.
«Doktor Meyer!» Die Stimme einer Pflegerin hallte durch den Korridor.
«Bin gleich da!» Er trat in die Toilette, liess Wasser in seine Hände laufen, kühlte sich das Gesicht. Er riss ein Papierhandtuch aus der Box, trocknete sich ab. Betrachtete die Narbe, die sich vom Haaransatz der linken Stirnhälfte zum Nasenrücken zog. Kaum mehr sichtbar, trotz der vierzehn Stiche. Marit hatte exzellente Arbeit geleistet, er hatte von der erfahrenen Traumatologin viel gelernt in den zwei Jahren in Israel. Und in den Monaten ihrer Affäre. Er hatte alles vergessen, das alte Leben, die Berge, die Heimat und Andrea. Wie einst auf schwierigen Kletterrouten hatte es für ihn nur das Hier und Jetzt gegeben, die verzweifelte Hektik in der Klinik nach einem Attentat, die ohnmächtigen Versuche, zerfetzte Körper am Leben zu erhalten, die Nächte in Marits Wohnung über dem Hafen von Jaffa.
Er trat in den Korridor, die Pflegerin, die ihn gerufen hatte, war verschwunden. Er schritt über die Passerelle zum Neubau der Onkologie, grüsste flüchtig einen Patienten, der mit stumpfem Ausdruck den Galgen mit dem Tropf vor sich herschob und seinem Blick auswich. Er klopfte an Anitas Zimmertür und schaute hinein. An ihrem Bett sass ein Mann auf einem Stuhl, vornübergebeugt, hielt ihre Hand. Sie hatte die Augen geschlossen, vielleicht schlief sie. Auf der Bettdecke lag ein Bund Weidenkätzchen. Der Frühling war angekommen in den Bergen.
Der Mann liess Anitas Hand los, sah sich um. Einer aus dem Dorf, dachte Daniel. Er kannte ihn nicht, nickte ihm zu und schloss die Tür wieder.
7
Andrea trat durchs Gartentor, blieb auf dem Plattenweg stehen, betrachtete das kleine Haus. Bald würde auch hier ein Schild hängen: Zu verkaufen. Ning suchte eine Wohnung, und sie selber würde nie zurückkehren. Zu viele Erinnerungen belasteten diesen Ort. Ihre Jugend, der Tod der Mutter, die sich nie wohl gefühlt hatte in der Stadt, der Vater, als Polizist immer unterwegs.
Sie hörte Stimmen. Die Haustür sprang auf, Ray stürzte heraus, Nings Sohn, die Schulmappe unterm Arm. «Andrea!» Er liess die Mappe fallen, sprang an ihr hoch, klammerte sich an ihren Hals mit seinen dünnen Armen und küsste sie heftig auf beide Wangen. «Ray, gross bist du geworden. Du wirfst mich um!»
«Du bist doch stark, Andrea!» Er lachte laut, küsste sie nochmals.
«Musst du nicht zur Schule?»
«Schule? Oh, ich komme zu spät!» Ray liess sie los, packte seine Mappe und hüpfte über die Platten davon. Seine Mundart klang, als hätte er nie irgendwo anders gelebt als in diesem Arbeiterquartier der Stadt. Das Hüpfen auf einem Bein über jede zweite Platte war ein Spiel, das ihm Andrea beigebracht hatte.
Ning lud sie zum Tee ein. In ihrem Gesicht war weder Trauer noch sonst ein Gefühl zu lesen. Sie trug kein Schwarz, das war in ihrer Heimat wohl nicht üblich. Wie immer zeigte sie ihre liebenswerte lächelnde Maske. Trotzdem glaubte Andrea, dass auch sie traurig war über Roberts plötzlichen Tod.
Nach dem Tee legte Andrea die Verträge des Maklers auf den Tisch, der das Haus verkaufen würde. Ning blätterte sie durch, stellte keine Fragen, unterschrieb, ohne zu zögern. Sie war mit allem einverstanden, was Andrea vorschlug. Ein Testament hatte Robert nicht verfasst, sie hatten beschlossen, nach Gesetz zu teilen. Die Hälfte die Tochter, die Hälfte die Ehefrau. Ein Glück, dass beiden Geld wenig bedeutete.
«Hast du eine Wohnung gefunden?», fragte Andrea.
«Wohnung und Arbeit.»
Ning half seit einiger Zeit in einem Hotel an der Rezeption aus, sie hatte gut Deutsch gelernt, sprach neben ihrer Muttersprache auch Englisch und etwas Chinesisch. Das Hotel offerierte ihr eine Teilzeitstelle. Andrea hatte das Gefühl, Roberts Tod habe sie von einer Last befreit, obwohl sie ihn sehr gern gehabt hatte. Seinen «Schutzengel» hatte er sie genannt, und ihren Sohn Ray den «Sonnenschein meines Alters».
Ihr Blick fiel auf das Sofa, auf dem ihr Vater eingeschlafen war. Es stammte aus der Aussteuer ihrer Mutter, die Federn hingen durch, der Lack der hölzernen Armlehnen war zerkratzt. Die Sitzbank, der Clubtisch, der Kachelofen mit der Messingtür, alles erinnerte sie an früher. Selbst der Geruch seiner Zigarren hing noch in den Vorhängen und Polstern. Sie raffte die Verträge zusammen und steckte sie in ihre Hängetasche.
Ning sah sie erstaunt an: «Du weinst ja.»
Ein heftiges Schluchzen hatte Andrea gepackt.
Ning reichte ihr ein Taschentuch. «Robert hat geraucht, viel.»
Es kam ihr vor, als habe Ning ihre Gedanken gelesen.
«Der Arzt hatte verboten.» Er hatte geraucht, trotz zwei Infarkten.
Ning schien irritiert, dass sie jetzt weinte, während sie bei Roberts Abdankung im Krematorium gefasst und ohne Tränen geblieben war. Andrea erzählte, dass sie seine Asche auf einen Berg getragen habe.
«Hast du zerstreut?»
«Ich hab’s nicht übers Herz gebracht.»
Ning lächelte. «Er ist immer nahe bei dir, wenn du auf den Berg steigst.»
«Ja, vielleicht.» Andrea wischte sich mit dem Papiertaschentuch die Augen, verabschiedete sich rasch, schritt über die Platten zum Gartentor. Dort blieb sie stehen, schaute zurück. Ning stand unter der Tür und winkte. In ihrem weiten Batikkleid sah sie aus wie ein Teenager.
Andrea kehrte nochmals um, umarmte Ning und küsste sie. Dann hüpfte sie auf einem Bein der Brombeerhecke entlang über den Plattenweg und schloss das Gartentor ein letztes Mal hinter sich.
8
«Wo willst du hin?» Sie stand vor ihm, die Fäuste in die Hüften gedrückt. Sie roch nach Pfefferminze, kaute einen Kaugummi mit offenem Mund. Er sah ihre gelben Zähne.
«Geht dich nichts an», presste Magnus hervor, nestelte an den Schnürsenkeln, die verknotet waren.
«Willst du wieder hinüber?»
Hatte sie die Schnürsenkel geknüpft? Damit er nicht weglaufen konnte? Der Knoten war nass und festgezogen, er mühte sich ab.
«Schau mich an, wenn ich mit dir rede!»
Magnus kniete vor ihr, ihre Beine schoben sich heran. Schenkel, prall wie Würste, von blauen Adern durchzogen.
Sandra ist eine Nutte, hatte einer im Dorf gespottet und vor ihm auf den Boden gespuckt. Dein Alter hat sie gekauft, in Pratt, im Puff. Magnus schlug mit beiden Fäusten zu, bis der andere am Boden lag und aus der Nase blutete.
Eines Tages war sie eingezogen, hatte sich ins Doppelbett an den Platz seiner Mutter gelegt. Sandra ist jetzt unsere Mama, sagte Vater. Er traute sich nicht, Magnus in die Augen zu schauen. Kaum ein Jahr nach Mutters Unfall war das. Nachts hörte er durch die Täferwand, wie sie stöhnte und das Bett knarrte. Da hatte er ein erstes Mal seinen Rucksack gepackt, war losgezogen über die Berge. Mutter stammte von drüben, hatte ihm von dem grossen Fluss erzählt. Von den Lastschiffen, die bis zum Meer fuhren.
«Was streunst du in den Bergen herum? Was treibst du dort oben?» Sandra schrie. Vater konnte sie nicht hören, wenn die Drechselmaschine oder die Bandsäge kreischte. Er wollte nicht hören. Er wusste, dass sie ihn plagte, seit er wieder zu Hause war. Warum sagte er nichts? Warum hatte er sie ins Haus gebracht? Warum war Mutter mit dem Auto in die Schlucht gestürzt, in jenem Winter? Die Strasse vereist. Zu schnell gefahren. Absichtlich, munkelten die Leute, schauten ihn scheel an. Dass er es nur höre.
Endlich konnte er den Knoten mit den Fingernägeln lösen, die Schnürsenkel binden. Er stand auf, schlüpfte in die Riemen des Rucksacks, hängte den Feldstecher um, drückte den Hut auf den Kopf.
«Warum kannst du nicht etwas Vernünftiges arbeiten? Zum Beispiel deinem Vater in der Werkstatt helfen. Andere in deinem Alter lernen einen Beruf.»
«Hab’s versucht. Ging nicht.»
«Dumm geboren und nichts dazugelernt. Du bucklige Missgeburt, du gehörst in eine Anstalt.»
Er zog die Oberlippe zwischen die Zähne. «Lieber eine Missgeburt als eine Nutte.» Er duckte sich, ihre Hand schlug ins Leere.
«Dein Vater ist krank. Der Kummer wegen dir bringt ihn um.»
Magnus hasste sie. Seit sie eingezogen war, ekelte ihn alles im Haus. Er musste hinaus, fort, hinüber. Das letzte Mal war er nur bis in ein Dorf gekommen. Zwei Bauern in Lodenjacken hatten ihn angehalten, zur Polizei gebracht. Im Heim hatte er gelernt, sich zu wehren. Sich durchzuschlagen. Zwei linke Hände habe er, sagte sein Lehrmeister. Aber stark waren sie. Er würde sich nicht mehr anfassen lassen von zwei Dorftrotteln.
In der Werkstatt sirrte die Drechselmaschine. Ein Stück Kirschbaumholz rotierte, Vater führte den Drechselstahl, Späne schälten sich ab in Locken. Eine Speiche für ein Spinnrad. Zwei waren schon fertig, mit einem Leintuch zugedeckt neben der Werkbank. Als Anita noch in der «Alpenrose» wirtete, stand immer ein Spinnrad in der Gaststube. Touristen kauften gelegentlich eines. Früher hätten die Leute im Dorf Flachs gesponnen, erzählte Vater einmal. Sie sassen im Winter in der Stube, arbeiteten und erzählten Geschichten. Fernsehen gab es noch nicht. Auch Grossvater hatte schon Spinnräder gebaut.
Vater trug eine Schutzbrille, er blickte nicht von der Maschine auf, als Magnus vorbeiging. Er würde den Drechselstahl erst absetzen, wenn die Spindel fertig war, dann die Maschine ausschalten, ans Fenster treten, hinausstarren. Zum Glockenturm, zur «Alpenrose». Vielleicht sah er gar nichts, dachte an Mutter, an Grossvater, an früher. Er war wirklich krank. Schmal, grau und verkrümmt war er geworden. Dafür wurde Sandra immer fetter. Es war, als fresse sie ihn auf.
Magnus schritt bergan. Nach einer halben Stunde erreichte er den Wald. Er öffnete das Tor im Viehzaun, hängte den Drahtring wieder ein, mit dem es geschlossen war, setzte sich auf einen Stein. Der Himmel war bedeckt, kalter Wind zog durchs Tal herauf. Bald begann er zu frieren.
9
Ein Gemisch aus Schnee und Regen fiel aus schwerem Gewölk. Es will nicht Frühling werden, dachte Andrea, während sie über die mit Matsch bedeckten Felsplatten hinunterstieg. Trotz des Wetters war sie zur Hohen Platte aufgestiegen, hatte den Klettersteig kontrolliert, Bohrhaken ersetzt, Drahtseile festgemacht. Ein Auftrag des Tourismusvereins von Pratt. Sie war froh darüber, wegen der Reise nach Patagonien hatte sie keine Aufträge für den Frühling gebucht, und in dieser verregneten Saison meldeten sich die Sommergäste nur zögernd. Rock’n’Ice, ihre Kletterschule, steckte wieder mal tief in den roten Zahlen.
In der Blockwohnung in Pratt fühlte sie sich gefangen und gelähmt, sie hockte vor dem Computer, klickte im Internet herum. Buchhaltung? Nein danke! Ihren Freunden war am Cerro Torre eine Erstbesteigung geglückt, berichteten sie in einer E-Mail. Und sie? Sie hatte die Asche ihres alten Herrn auf den Berg getragen und sich mit Ämtern und Immobilienmaklern herumgeschlagen. Roberts letzte Rechnungen waren bezahlt, das Haus stand zum Verkauf.
Während sie auf dem Fusspfad zu Tal schritt, flötete ihr Handy, sie zog es aus der Windjackentasche, sah auf das Display. Eine unbekannte Nummer.
«Andrea?» Eine aufgekratzte Stimme. Es war Daniel.
«Ja», sagte sie, blieb stehen, starrte ins Schneetreiben.
«Wo bist du?»
«Am Berg.»
«Du hast Anita besucht. Ich hab dich gesehen.»
«Na und?» Sie hörte Stimmen im Hintergrund, Klappern und Klirren. Spitalgeräusch.
«Bist du noch dran?», fragte er nach einer Weile.
«Ja.»
«Es geht Anita nicht so gut.»
«Wird sie’s schaffen?»
«Ein bisschen Hoffnung gibt es immer.»
«Die Krebsdiät?»
«Gelegentlich hilft der Glaube, wenn die Wissenschaft versagt.»
Andrea schob mit der Schuhspitze den Schneematsch vom Weg, lauschte dem Klirren und Murmeln im Hörer und dem Rauschen des Bachs in der nahen Runse.
«Bist du noch da, Andrea?», fragte Daniel.
«Ja sicher», sagte sie.
«Ich wollte dich ansprechen im Spital, aber …»
Er schwieg, und auch Andrea blieb stumm. Seit ihrem Besuch bei Anita hatte sie seinen Anruf erwartet, hatte sich Antworten zurechtgelegt. Wir wollen doch nicht wieder von vorn beginnen. Du gehst deinen Weg, ich geh meinen, okay? Doch jetzt fand sie keine Worte, ihr Hirn war leer und ihr Herz klopfte.
«Können wir uns sehen?», fragte Daniel nach einer Weile.
«Wozu?»
«Ich möchte dich sehen. Einfach so …»
«Eigenartig», sagte sie vor sich hin.
«Was ist daran so eigenartig?»
Sie hatte sich vom Wind abgedreht, sah ihre Spur im Matsch auf dem Weg, der über Felsbändern zur Runse führte und zum Bach, der über eine Wandstufe sprang und im Nebel verschwand.
«Hier war früher kein Empfang mit dem Handy.»
«Wo bist du?»
«Auf dem Weg, wo wir damals die Frau geborgen haben.»
«Bist du sicher?»
«Hier war’s, beim Übergang über die Runse.»
«Sag mal, was suchst du dort oben bei dem Sauwetter?»
«Damals war hier noch kein Empfang. Man hat das überprüft bei der Untersuchung.»
«Es werden ständig neue Antennen aufgestellt.»
«Aber doch nicht hier im Tal. Wozu denn?»
«Damit ich dich erreiche.» Er lachte.
«Du hättest mich immer erreichen können.»
«Ich erklär dir alles. Wann sehen wir uns?»
Andrea hörte, wie jemand nach ihm rief.
«Hallo, Andrea? Ich muss leider … Ich ruf dich an.» Er hängte auf.
«Ich ruf dich an», sprach sie ins stumme Handy. Das hatte er gesagt, bevor er verreist war. Ich ruf dich an. So beginnen Beziehungen und so enden sie.
Bevor sie das Gerät einsteckte, sah sie auf das Display. Es zeigte ein starkes Signal. Sie schreckte auf, Steine fielen durch die Runse, schlugen unweit von ihr auf den Weg. Im nebligen Licht sah sie ein Tier den Hang queren. Es floh nicht, sondern blieb auf einem vorspringenden Felsen stehen. Ein Steinbock. Eine Weile betrachteten sie sich auf Distanz, der Bock neigte seinen Kopf, als wolle er seine mächtigen Hörner zeigen.
Andrea begann abzusteigen, blieb nach ein paar Schritten nochmals stehen, schaute sich um. Der Steinbock stand unbewegt wie eine Statue im Schneetreiben.
10
Der Espresso schmeckte wie Spülwasser. Daniel spürte ein leichtes Zittern in der Hand, als er die Tasse an die Lippen führte. Er fühlte sich ausgelaugt, überarbeitet. Das Gespräch mit Andrea war ihm vorgekommen wie Funkkontakt mit einem fernen Planeten. Ein Regenschwall peitschte gegen die Fenster der Cafeteria, die Glasfassade des Bettenhauses gegenüber verschwamm im Muster der Regentropfen, die über die Scheiben rannen. Er stellte sich Andrea vor, hoch am Berg auf jenem abschüssigen Weg, den er selber Dutzende Male gegangen war. Bei dem Gedanken spürte er, wie verbraucht er war, ohne Lust auf Abenteuer. Andrea trieb sich weiterhin in jener einsamen Welt herum, es war ihr Beruf. Daniel fragte sich, ob sie noch immer mit ihrem Manager zusammen war. Vielleicht hätte er um sie kämpfen müssen, sich nicht einfach aus dem Staub machen, den Beleidigten spielen und nichts mehr von sich hören lassen.
Eine Pflegerin trat an seinen Tisch, ein Tablett mit Kaffee und Kuchen in der Hand. «Ist es erlaubt?»
«Wenn ich nein sagen würde?»
«Du doch nicht, Doktor.» Sie rückte den Stuhl schräg zum Tisch, setzte sich, schlug die Beine übereinander. Ihre weissen Hosen rutschten hoch, gaben schmale Fesseln frei, ihr Fuss steckte in weissen Mokassins und wippte kokett. «Biene Maya» nannte man die Pflegeleiterin aus der Onkologie. Sie galt als zuverlässig und unnahbar, eine strenge Schönheit mit einem Plüschbären, der auf ihrem Bett auf sie wartete. «Alles klar bei den Karzinomen?», fragte er.
Sie stach mit der Gabel die Spitze der Schokoladetorte ab, schob sie in den Mund. «Man sieht dich ja häufig bei uns auf der Station.»
«Fachliche Weiterbildung.»
«Sagt man dem jetzt so?» Sie griff sich mit spitzen Nägeln den Schokoladebatzen mit dem Schriftzug Sacher, schob ihn in den Mund. «Anita Bender ist natürlich ein interessanter Fall. In jeder Beziehung.»
Die Vergangenheit, hatte er einmal gelesen, holt einen immer wieder ein. Anita, Wirtin und Künstlerin aus der «Alpenrose», die alten Geschichten. Mayas Anspielung irritierte ihn. Er war wohl einfach zu müde, um zu verstehen.
Sie stocherte in ihrer Sachertorte. «Einer aus dem Dorf hat sie besucht.»
«Schmeckt’s?», fragte Daniel.
«Man muss sich gelegentlich was gönnen.»
Sie spiesste ein Stück auf die Gabel, schenkte ihm einen Augenaufschlag. «Möch test du versuchen?»
Daniel wehrte mit beiden Händen ab. «Danke, danke.» Er rieb sich den Bauch. «Ich wundere mich immer über deine Figur, bei deiner Lust auf Süsses. Eine Taille wie eine Biene.»
«Sehr witzig.» Sie legte die Gabel neben die Krümel, schob den Teller von sich. «Der Mann ist bei uns in Behandlung.»
«Welcher Mann?»
«Der aus dem Dorf. Hörst du mir überhaupt zu, Doktor?»
«Natürlich, Oberschwester Maya. Anita hatte viele Männer, aber ich war nie mit ihr im Bett, ich steh nicht auf mollig. Wir kennen uns von früher, aus meinem letzten Leben sozusagen.»
«Schwestern gibt es bei uns nicht mehr.»
«Bin ich schon so alt?» Er zog eine Zigarettenpackung aus der Tasche, liess das Feuerzeug schnappen. «Du erlaubst?»
«Aber doch nicht hier! Das Spital ist rauchfrei.»
«Sorry, ich war wohl in Gedanken in Israel. Ohne Zigaretten hätten wir den Stress dort nicht durchgestanden.»
Er sah das Kind vor sich, beide Arme und ein Bein weggerissen, drängte das Bild aus seinem Kopf. Das Feuerzeug in seiner Hand schnappte auf und zu. «Ein Souvenir, Charly’s Coffee Shop, Shenkin Street. Warst du schon mal in Tel Aviv?»
Maya schob sich eine Haarsträhne mit zwei Fingern hinters Ohr. Schön geformte kleine Ohren, Goldkettchen mit Kreuz um den Schwanenhals, kein Ring am Finger. «Woran leidet denn der Mann aus dem Dorf?»
«Bauchspeicheldrüse. Die Daten hab ich nicht im Kopf.»
Daniel steckte die Zigaretten und das Feuerzeug wieder ein, riss ein Zuckerbriefchen auf, schüttete sich den Zucker in die hohle Hand und schleckte ihn auf.
«Also auch ein Süsser.»
«Ich lad dich mal zu Kaffee und Kuchen ein. Mit Sahne und allem Drum und Dran, was meinst du?»
Sie rückte ihren Stuhl näher zum Tisch. «Frau Bender hat mit dem Mann über Strahlen gesprochen. Elektromagnetische Strahlen, die Krebs erzeugen.»
«Was soll dort oben strahlen? Es gibt keine Hochspannungsleitung, keine Atommülldeponie, keine Sendemasten.»
«Ein Kirchturm, hab ich gehört.»
«Ach so, ein alter Aberglaube!» Daniel lachte.
«Frau Bender glaubt offenbar daran.»
Daniel stand auf. «Der Mensch sucht stets nach einer Erklärung für das Unerklärbare.» Er liess die Espressotasse stehen. «Kranke fragen, warum es gerade sie getroffen hat.» Er dachte wieder an das verstümmelte Mädchen, ein hübsches Kind mit langen schwarzen Haaren, Mandelaugen. Warum sie? Das hat te er sich auch gefragt. Es gab keine Antwort.
Die Pflegerin ergriff seine Tasse mit zwei Fingern, hob sie auf ihr Tablett, rief ihm nach: «Ich räume gerne für Sie ab, Herr Doktor.» In der Cafeteria drehten sich Köpfe.
Daniel wartete im Foyer auf sie. «Spitäler machen die Menschen krank, nicht Kirchtürme.»
Sie zog ihre Augenbrauen hoch. «Das sagt der Arzt?»
«Das sagt der Arzt. Denk mal drüber nach. Und grüss deinen Bären.» Er tippte mit dem Zeigefinger auf ihre Oberlippe. «Hier klebt noch ein Krümel Schokolade.»
Sie warf ihm einen empörten Blick zu, tupfte sich mit einem Papiertaschentuch unter der Nase.
«Meine Einladung zu Kaffee und Kuchen steht.»
Während er durch den Korridor schritt, dachte er an Anita und den Mann aus dem Dorf. Sehnsucht nach jenen Bergen ergriff ihn, nach jenen Felswänden über weissen Schuttströmen, doch er war nicht sicher, ob er je wieder klettern konnte. Seit Israel hatte er keinen Fels mehr berührt. Er fuhr mit dem Lift in den obersten Stock des Neubaus, trat auf einen Balkon, auf dem ein Wagen mit Putzkübeln, Besen und Schrubbern stand. Der Regen hatte nachgelassen, die Berge im Süden waren verhangen. An die Mauer gelehnt, steckte er sich eine Zigarette an. Dann trat er an die Brüstung, sah in die Tiefe, meinte, der Boden unter seinen Füssen beginne zu schwanken wie damals über dem Wadi am Toten Meer. Er klammerte sich ans Geländer, die Zigarette fiel in die Tiefe und verglühte im Wind.
11
In der Kletterhütte deponierte Andrea Bohrhaken, Briden und das Werkzeug für den Klettersteig, machte Feuer im Herd für einen Kaffee. Sie blätterte durchs Hüttenbuch, stellte fest, dass sie die erste Besucherin im Jahr war. Die Hütte wurde kaum noch benutzt, die Solaranlage funktionierte nicht mehr. Die Bergführer von Pratt fuhren ihre Gäste mit einem Kleinbus am Morgen vor einer Tour auf die Alp, Hüttenromantik war nicht gefragt. Die Kletterfreaks übernachteten im Zelt oder im Freien. Küche und Schlafraum waren vergammelt, die Wolldecken zerwühlt, schmutziges Geschirr stand in der Spüle. Am Boden lagen Erdstücke aus Profilsohlen wie ausgestochenes Weihnachtsgebäck. Wahrscheinlich hatten Leute übernachtet, ohne die Taxe zu bezahlen.
Andrea holte einen Besen, wischte den Boden und faltete die Wolldecken. Eine Idee ging ihr durch den Kopf. Wenn sie die «Alpenrose» übernehmen würde, könnte sie die Hütte für ihre Kletterschule benutzen. Vielleicht würde sie eine zweite Bergführerin finden, die sich an Rock’n’Ice beteiligte. Immer mehr Frauen machten die Ausbildung. Die Zweizimmerwohnung in Pratt war ihr zu eng geworden, sie musste sich verändern. Wieder auf Reisen oder etwas Neues anpacken.
Während sie Kaffee trank und über ihre Zukunft nachdachte, vernahm sie Schritte auf den Steinplatten vor der Hütte. Jemand suchte nach dem Schlüssel, dann ging die Tür. Ein Bursche stand auf der Schwelle, einen Jägerhut mit schlappem Rand auf dem Kopf, sein grüner Faserpelz und die Bundhosen waren nass. Er trat ein mit Schuhen, an denen Gras und Erde klebte.
«Gib acht, ich habe geputzt!», sagte Andrea.
Der Junge stolperte einen Schritt rückwärts über die Schwelle. «Ist das Ihre Hütte?», nuschelte er. Eine schlecht vernarbte Hasenscharte verunstaltete seine Oberlippe.
«Noch nicht, aber bald», sagte Andrea so überzeugt, dass der Junge ohne ein weiteres Wort unter das Vordach zurücktrat, Hut und Faserpelz ausschüttelte und an einen Nagel hängte, der in der Hüttenwand steckte. Er zog seine Schuhe aus, trat in die Hütte in einem viel zu grossen Pullover mit geflickten Ellbogen. Seine nassen Socken hinterliessen Fussabdrücke auf dem Boden. Er suchte sich Hüttenschuhe aus dem Gestell, ging zum Herd und wärmte seine Hände vor dem Feuerloch.
«Woher kommst du bei dem Wetter?»
«Von drüben.»
«Übers Joch?»
Er nickte.
«Ohne Regenschutz?»
Seine Schultern zuckten, er schaute auf den Boden. «Am Morgen war’s noch besser.»
Andrea holte eine Tasse vom Gestell. «Magst Kaffee?»
Er murmelte etwas, das wie «ja, gerne» klang, setzte sich auf die Bank hinter den Tisch, verdeckte mit gefalteten Händen seine Hasenscharte.
«Ich bin Andrea.» Sie schenkte ein, schob ihm die Tube mit der Kondensmilch hin.
«Magnus.»
Er löffelte sich Zucker in den Kaffee, drückte Kondensmilch dazu, rührte andächtig. Sie wunderte sich, warum er übers Joch gekommen war, mochte ihn aber nicht ausfragen. Bei solchem Wetter kam niemand zum Vergnügen über die Grenze. Er musste sich auskennen, der Weg auf der Nordseite der Bergkette war noch mit Schnee bedeckt, steil und nicht einfach zu finden. Ein Bergsteiger war er nicht, seine Ausrüstung sah eher wie die eines Jägers oder Strahlers aus.
«Du kennst dich aus in der Gegend?»
«Bin aus dem Dorf.»
«Hab dich aber noch nie gesehen.»
Er schob die Tasse von sich, stand auf. «Danke. Muss jetzt.» Als er zur Tür ging, sah sie, dass sein Rücken einen leichten Buckel bildete. Deshalb schaute er immer auf den Boden.
«Du kannst mit mir fahren. Ich hab meinen Jeep auf der Alp.»
«Ich geh zu Fuss.»
«Na dann …»
Er stellte die Hüttenschuhe ins Gestell, trat ins Freie und schlüpfte in den Faserpelz.
Der Regen hatte nachgelassen, nasse Felsen schimmerten schwarz zwischen treibenden Nebelfetzen. Magnus kauerte nieder, schnürte seine Militärschuhe.
Andrea trat neben ihn. «Hast du in der Hütte übernachtet?»
Magnus hielt für einen Augenblick inne, dann nestelte er hastig und ungeschickt weiter. Seine Ohren liefen rot an.
«Du kannst es mir ruhig sagen.»
«Zwei- oder dreimal», presste er hervor, richtete sich auf, ohne den Schuh fertigzuschnüren, hängte sich den Armeerucksack an eine Schulter und eilte mit ungelenken Schritten den Weg hinab.
«Das nächste Mal räumst du auf», rief ihm Andrea nach. Er drehte sich nicht um, liess die Schnürsenkel um seine Knöchel schlenkern. Als er die Alpstrasse im Sattel erreichte, hielt er an, stellte einen Fuss auf einen Stein und band seine Schuhe richtig. Dann zog er einen Feldstecher aus dem Rucksack, richtete ihn zur Hütte. Andrea hob ihre Hand. Schnell drehte er sich weg und verschwand.
12
Vater sass auf einem Hocker, vor sich auf der Werkbank eine Flasche Bier. Er liess den Verschluss schnappen, setzte an, trank. «Sandra ist beim Verwalter, putzen.»
Er wischte sich mit dem Handrücken den Schaum von den Lippen. Sein Gesicht war gelb und mager, faltige Haut und Knochen. «Setz dich zu mir. Möchtest du einen Schluck?»
Magnus nickte, er hatte Durst. Ohne den Hut vom Kopf zu nehmen, hockte er auf eine Kiste.
«Schon zurück?» Der Vater füllte Bier in ein Glas, Schaum schwappte über den Rand.
«Nebel», sagte Magnus, griff nach dem Glas, stürzte das Bier so hastig, dass es ihm vom Kinn tropfte. Der Vater schenkte nach.
Eine Weile sassen sie schweigend. Magnus fuhr mit dem Daumen über die Spindel, die auf der Werkbank lag. Wie Samt fühlte sich das Holz an. Birnbaum. Manchmal wünschte er sich, er könnte auch drechseln. Hätte er nicht zwei linke Hände. Im Dorf jenseits der Berge gab es einen Souvenirladen, Gasthäuser, Skilifte, Touristen. Man könnte die Spinnräder dort verkaufen. Er würde sie übers Joch tragen, über die Grenze. Mit Geld zurückkehren.
«Ich muss dir mal was sagen.» Der Vater rang sich die Worte ab. Sein Atem ging in Stössen, als ob ihm etwas den Hals einschnürte und ihn würgte. «Ich bin krank, Sandra hat recht.»
«Was kann ich dafür?»
«Du kannst nichts dafür, Magnus.» Er griff sich die Spindel, setzte sie zwischen seinen Handflächen in Schwung, liess sie über die Werkbank surren wie einen Kreisel. «Es ist der Glockenturm.»
«Was ist mit dem Turm?» Magnus hob seinen Kopf, schaute durchs Fenster hinüber.
«Vor fünfhundert Jahren haben ihn fromme Menschen gebaut. Drunten im Land hat man sie verfolgt», erzählte der Vater mit brüchiger Stimme. «In diesem Tal haben sie Schutz gesucht und ihren Frieden gefunden.»
«Bis die weisse Frau gekommen ist.»
«Das ist eine Sage.»
Mutter hatte ihm die Geschichte erzählt. In Vollmondnächten steigt eine Frau in weissem Gewand vom Berg herab. Die Tür des Turms öffnet sich, sie zieht am Strang, die Glocke klingt silberhell, ganz anders als sonst. Die weisse Frau bringt Unglück.
«Mutter hat sie gesehen», sagte Magnus.
«Sie konnte nicht mehr schlafen, seit Antennen im Turm sind.»
«Wozu Antennen?»
«Für Mobiltelefone. Aber Mutter hat die Wellen gespürt. Sie hatte so dünne Haut.»
«Es gibt doch hier keine Wellen.»
«Sie sind unsichtbar. Sie sind in der Luft, überall. Deshalb machen sie so Angst.»
Der Vater legte Magnus die Hand auf die Schulter, sein Atem streifte ihn, er roch säuerlich. «Ich hab Mutter nicht geglaubt. Seit sie noch stärkere Antennen eingebaut haben, spüre ich die Wellen auch. Der Glockenturm macht uns krank.»
«Das sagt Anita», stiess Magnus hervor. «Weil sie bald stirbt.» Seine Nase lief, er wischte sie mit dem Ärmel seiner Jacke ab.
Der Vater griff nach der Flasche, umspannte sie mit einer Hand. Die Sehnen traten aus seinem Handrücken hervor. «Vielleicht werde ich auch sterben.»
«Hier gibt es keine Wellen», wiederholte Magnus trotzig. Er stand auf, stiess die Kiste mit dem Fuss unter die Werkbank.
«Sandra glaubt das auch nicht.» Der Vater riss einen Streifen Schleifpapier ab, begann die gedrechselten Radspeichen zu polieren, die auf einem Stofflappen auf der Werkbank lagen. Zärtlich zog er das feine Schmirgelpapier über das Holz, blies den Staub weg, legte die Speiche sachte auf den Stofflappen zurück, als könne sie zerbrechen.
Die Tür ging, Sandra trat in die Werkstatt. Sie atmete schwer und schwitzte. Ihre Zöpfe hatte sie um den Kopf gebunden, sie war parfümiert und trug einen weiten Rock mit Puffärmeln, eine Schürze und weisse Kniestrümpfe.
Magnus ging an ihr vorbei, warf sich den Rucksack über die Schulter und ging die Treppe hinauf zur Wohnung.
«Grüsst der junge Herr nicht mehr?», rief sie ihm hinterher. Er drehte sich nicht um.
13
Ning stand in einem blauen Blazer mit dem Signet der Hotelkette auf der Brusttasche hinter der Rezeption, ihre schwarzen Haare hatte sie zu einem Knoten gebunden. «Die Herren sind schon im Café.» Sie lächelte Andrea zu. «Ich komme gleich.» Dann unterhielt sie sich in Englisch mit einem Paar, das ein Zimmer bezog.
Das Café des Hotels war fast leer. Zwei Herren in dunklen Anzügen sassen am Fenster, durch das man über die Stadt hinweg in die Ferne sah. Dunst schwebte über den Dächern, die Berge am Horizont standen im Schatten. Einer der Herren federte vom Stuhl, als er Andrea erblickte: «Frau Stamm. Wir kennen uns.»
Andrea erkannte die gedrungene Gestalt nicht gleich.
«Sie erinnern sich? Peter Frey.» Er wollte ihr die Windjacke abnehmen.
«Es geht schon», wies ihn Andrea zurück. «Sie sind der Gemeindeverwalter.»
Er stand dicht vor ihr, sein Atem roch nach Weisswein. «Die Gemeinde steht unter Kuratel. Ich bin von der Regierung abgeordnet.»
«Kuratel? Was heisst das?»
«Sie ist bankrott, wird vom Staat verwaltet. Weil ich im Dorf ein Haus besitze und Mitglied des Grossen Rates bin, hat man mich mit der Aufgabe betraut. Kein leichter Job. Ehrenamtlich sozusagen.»
Sie traten an den Tisch, auf dem ein aufgeklappter Laptop stand, einige Schriftstücke lagen daneben ausgebreitet.
«Herr Grieco. Von der Lévi AG», stellte Frey einen rundlichen Herrn mit schwarzem Kraushaar vor. Das Jackett spannte über seinem Bauch, die rote Krawatte war schief geknotet. Ein unerwartet harter Händedruck liess Andrea zusammenzucken. Lévi AG, der Name weckte Erinnerungen. Unangenehme. Das Zementwerk hatte den Lévis gehört, der Kalksteinbruch und die grösste Baufirma der Gegend. Sie setzte sich auf die Kante des Stuhls, den ihr Frey rückte. «Wir warten noch auf Frau Stamm.»
«Ich bin Frau Stamm», gab Andrea zurück.
«Entschuldigen Sie. Ich meinte die Gattin Ihres verstorbenen Vaters. Sie trägt Ihren Familiennamen, wenn ich mich nicht irre?»
«Sie irren sich nicht.»
«Ihr versteht euch gut, habe ich vernommen.»
«Sie vernehmen viel, Herr Frey.»
«Das ist leider nicht selbstverständlich. Sie ist ja sozusagen Ihre Stiefmutter. Was trinken Sie?»
«Kaffee bitte.»
Frey winkte die Kellnerin herbei.
Grieco zog eine Packung Zigaretten aus der Jackentasche, tippte eine heraus, hielt sie Andrea hin. «Rauchen Sie?» Seine Finger waren breit, die Nägel kurz geschnitten. Eine Arbeiterhand, die nicht zu den goldenen Manschettenknöpfen passte.
Andrea lehnte ab.
«Aber Sie erlauben?» Er klemmte die Zigarette zwischen die Lippen, zog sie aus der Packung.
«Lieber nicht. Eine Freundin liegt mit Lungenkrebs im Spital.»
«Die Wirtin der ‹Alpenrose›», bemerkte Frey.
«Tut mir leid.» Grieco legte die Zigarette auf den Rand des Aschenbechers, in dem schon einige Stummel lagen. Ning trat leise an den Tisch, setzte sich neben Andrea. Ihr Parfümduft verdrängte den Tabakgeruch.
«Die Lévi AG interessiert sich für Ihr Haus», eröffnete Frey das Gespräch. «Sie kennen die Firma?»
«Eine Besitzerin ist in den Bergen umgekommen», bemerkte Andrea, «Claudia Baumberger-Lévi. Ich war bei der Bergung dabei.»
«Richtig.» Grieco beugte sich vor, kämmte sich mit seinen dicken Fingern das Kraushaar. «Nach ihrem tragischen Tod und dem …», er suchte nach dem richtigen Wort, «… dem Hinschied ihres Gatten haben leitende Angestellte das Unternehmen übernommen. Ich war Lévis Bauführer und bin nun für den Immobilienbereich zuständig.»
«Management Buyout», erklärte Frey. «Ich berate das Unternehmen in Finanz- und Steuerfragen. Sehen Sie nun den Zusammenhang?»
Andrea nickte. Baumberger hatte damals seine Frau auf dem Weg unter der Plattenburg erschlagen, jedoch Steinschlag vorgetäuscht. Er selber war kurz darauf in eine Leitplanke gerast, wahr scheinlich Selbstmord.
«Robert wollte nicht verkaufen», sagte Ning leise.
«Sie haben also schon meinem Vater ein Angebot gemacht? Er hat mir nie davon erzählt.»
Grieco klemmte ein Zündholz zwischen die Zähne, liess es auf und ab wippen. «Wir haben versucht, mit ihm zu verhandeln. Aber Sie kannten ihn ja.»
Kannte sie ihn? Sie sah ihn vor sich, wie er die Makler abgeputzt hatte, in seiner ruppigen Art. Er konnte verletzen, er konnte lieben, niemand kannte ihn wirklich. Sie sagte: «Töchter haben oft härtere Köpfe als ihre Väter.»
Die Männer lachten, als habe sie einen Scherz gemacht.
Grieco tippte auf die Tasten des Laptops, drehte ihn um, damit sie den Bildschirm sehen konnte. Ein Plan erschien, grüne, braune, gelbe Flächen und Linien. «Die Lévi AG plant eine grosse Überbauung an Stelle der alten Häuschen. Moderne, sonnige, soziale Wohnungen für Familien, Alterswohnungen, ein Kindergarten …»
«Die Behörden unterstützen das Projekt. Eine gute Sache», unterbrach ihn Frey, «absolut keine Spekulation. Wir haben hier ein Schreiben der Stadtverwaltung.» Er legte einen Brief neben den Computer, Stadtwappen, Unterschriften. Dr. Peter Frey, Grossrat, Gemeindeverwalter.
Andrea überflog das Papier, sah zwischendurch auf den Bildschirm. War das eine gute Sache? Erinnerungen wirbelten in ihrem Kopf durcheinander. Lévis, die Zementbarone. Baumberger, eingeheiratet in die Familie, der seine Frau mit einem Stein erschlagen hatte, im Suff in die Leitplanke gekracht. Claudias Leiche auf dem Felsband unter dem Weg.
«Ich kann mir vorstellen, was Sie denken», sagte Grieco mit gedämpfter Stimme. «Ich habe Baumberger gekannt. Mein Vater war Schichtführer im Zementwerk des alten Lévi. Silikose, kein schöner Tod.» Er griff nach der Zigarette, drehte sie zwischen seinen Fingern. «Vergessen Sie die Vergangenheit. Wir kommen nicht weiter, wenn wir ständig am Alten hängen.»
«Rauchen Sie», sagte Andrea. «Es stört mich nicht mehr.»
Grieco steckte sich die Zigarette in den Mund, ein Zündholz flammte auf, zitterte in seiner Hand. «Danke, Frau Stamm. Ich glaube, wir verstehen uns.»
Frey lehnte über den Tisch und wandte sich mit überlauter Stimme an Ning. «Haben Sie mitbekommen, worum es geht?»
Sie nickte. «Sie bauen Wohnungen. Für Familien, Kinder, alte Leute.»
«Wir werden eine schöne Wohnung für Sie und Ihren Sohn reservieren. Zu Vorzugsbedingungen.»
Ning lächelte. «Danke, danke vielmals.» Sie legte ihre Hand auf Andreas Arm.
«Die Lévi AG macht Ihnen ein faires Angebot.» Frey lehnte sich zurück, faltete seine Hände im Nacken. «Überlegen Sie sich das in Ruhe. Ein besseres werden Sie nie mehr erhalten.» Er schob ein zweites Schreiben über den Tisch, Briefkopf der Lévi AG. Andreas Augen glitten über Buchstaben, Absätze, blieben zuunterst an einer Zahl hängen, fett gedruckt. Eine Zahl, bei der ihr schwindelte. Meine Kindheit, dachte sie, Vater, Mutter, der Garten mit dem Plattenweg, die Beerenstauden und Gemüsebeete. Alles würde verschwinden unter Beton, alle Erinnerung würde zugedeckt und ausgelöscht, zurück blieb diese abstrakte Zahl auf einem Bankkonto. Aber wollte sie sich erinnern? Hatte sie nicht schon Abschied genommen? Wollte sie nicht etwas ganz Neues beginnen? Die «Alpenrose», die Kletterhütte, ihre Kletterschule. Endlich einmal Tritt fassen irgendwo.
«Sie müssen sich nicht heute entscheiden.» Grieco klappte den Laptop zu. «Reden Sie miteinander, wir wollen Sie nicht drängen. Obwohl wir sehr interessiert sind an dem Projekt.»
«Die ‹Alpenrose› wäre Ihnen», bemerkte Frey beiläufig und stand auf. «Ohne Hypothek. Mitsamt einer ordentlichen Renovation.»
Die Herren bezahlten, packten ihre Aktenkoffer, verabschiedeten sich.
Andrea legte Ning den Arm um die Schulter und trat mit ihr ans Fenster. «Ning», flüsterte sie ihr ins Ohr. «Ning. Sollen wir das Haus verkaufen? Willst du das?»
Eine Klingel ertönte, Ning wurde an der Rezeption verlangt.
«Ich will, was du willst, Andrea.» Sie wand sich los, ihr Lächeln war eingefroren. Was wollte sie wirklich? Warum sagte sie «Ja» zu allem, was ihr begegnete? Andrea mochte sie, aber sie verstand sie nicht. Und Robert? Ihr Vater war ein anderer Mensch geworden in der kurzen Zeit, in der er mit ihr gelebt hatte, scheinbar ruhig und glücklich und noch fremder als zuvor. Jetzt ruhte er auf dem Berg mit all seinen Geheimnissen.
14
Den Weg war er noch nie gegangen. Unter schroffen Felswänden stieg er an gegen Westen. Er überquerte eine Runse mit einem Bach, dann wurde der Pfad steinig und schmal. Führte hart dem Abgrund entlang. Ein blauer Pfeil zeigte in eine Felskehle, die gegen den Grat hinaufzog. Die Wände glatt, ausgewaschen, der Grund mit Geröll gefüllt. Magnus stieg durch rutschigen Schotter und über eingeklemmte Blöcke hinweg bis in eine Scharte. Kalter Wind fuhr ihm ins Gesicht.
Er hatte gehofft, auf der Nordseite führe der Pfad hinunter ins Dorf jenseits der Grenze. Doch die Flanke fiel steil ab, war mit Schnee bedeckt. Keine Spur zu erkennen. Zwischen vorspringenden Felsblöcken schimmerte blaues Eis. Tief unten lag eine Ziegenalp im Schatten, das Dorf blieb in einem bewaldeten Kes sel versteckt.
Von der Scharte schwang sich der Grat auf wie der Bug eines Schiffes. Der Dreimastsegler der Waljäger in seinem Buch. Die Drahtseile und Eisenleitern auf dem Grat glitzerten in der Sonne. Mit dem Feldstecher hatte er schon Leute beobachtet, die da hochkletterten. Bedächtig stiegen sie, klinkten sich mit Karabinerhaken an die Seile. Es reizte ihn, hinaufzuklettern auf das steinerne Schiff. Doch er besass weder Seil noch Karabinerhaken, nur den alten Rucksack und die Militärschuhe.
Der Berg machte Angst. Die Südflanke im Sonnenlicht senkrecht und glatt, die Nordseite düster und kalt. Scharf trennte der Grat Licht und Schatten, abweisend und steil ragte er in den Himmel.
Über aufgetürmte Felsblöcke kletterte Magnus zum ersten Aufschwung, eine Leiter war einzementiert. Es ging leichter, als er sich vorgestellt hatte. Ein Drahtseil führte weiter über einen geneigten First. Er fasste es mit beiden Händen, das kalte Metall schnitt ins Fleisch. Er wandte den Kopf, sein Blick fiel in die Tiefe, fand keinen Halt. Ihm war, als wolle ihn eine Kraft in den Abgrund reissen.
«Nein», presste er hervor, blickte in die Höhe, wo der Felsenbug vor ihm aufragte. Wie Gischt flocken Wolkenfetzen über ihn hinweg. Magnus klammerte sich mit beiden Händen ans Drahtseil. Es war, als gewinne das Schiff an Fahrt. Er hörte Rauschen und Zischen von Wind und Wellen. Sein Herz schlug heftig, Schweiss rann ihm übers Gesicht, brannte in den Augen. Er presste seine Stirn gegen den kalten Stein. Träumte er, wie so oft, er sei ein Matrose und klammere sich an ein Tau am schwankenden Mast?
Ein Satz aus dem Buch fiel ihm ein. Die Welt ist ein Schiff, das den Anker lichtet. Jetzt verstand er ihn. Die ganze Welt war ein Schiff geworden.
Er nahm allen Mut zusammen, kletterte weiter, Seilen und Leitern entlang, dann auf allen Vieren über ein flaches Gratstück, bis ihm ein Steinhaufen den Weg verstellte. Kein Seil, keine Leiter, nur noch Luft. Es war der Gipfel, der Ausguck des grossen Schiffs. Magnus’ Herz machte einen Sprung. Er packte einen Felsbrocken, schleuderte ihn mit einem Schrei über die Wand und hörte, wie er aufschlug und eine Steinlawine mit in den Abgrund riss.
Es war kein Traum. Er hatte einen Berg bestiegen. Ohne Seil, ohne Karabinerhaken, nur mit seinen Händen und seinem Mut. Er stand im Top, im Ausguck, zuoberst auf dem Schiff, das die Welt war.
Die Luft fühlte sich an wie Glas. Gegen Süden glitt sein Blick über Hügel, Täler und Höhenzüge hinweg zu blauen Gipfeln. Wellen eines versteinerten Meeres. Im Westen wand sich die glitzernde Schlange eines Flusses durch die Ebene, eine Stadt lag versunken in Rauch und Dunst. In der Ferne stieg eine feine Dampfsäule in den Himmel. Die Welt war unendlich weit und gross, und jetzt war sie wieder in Ruhe, fest verankert. Er blickte hinab. Die Kühe, tief unten auf der Alp, grasten wie Flöhe im grünen Pelz. Der Wohnbus des Hirten ein Spielzeug auf dem Parkplatz. Mit dem Feldstecher suchte Magnus die Gegend ab, entdeckte Alpen mit Hütten, Dörfer, Strassen durch Täler und über Pässe, Berggipfel, deren Namen er nicht kannte.
Dann spürte er, wie müde und hungrig er war. Brot und Käse hatte er längst aufgegessen, die Flasche war leer. Er legte sich ins Geröll neben den Steinmann, bettete seinen Kopf auf den Rucksack, fühlte die Sonne auf dem Gesicht, roch das Gestein und stellte sich vor, das grosse Schiff lichte die Anker und trage ihn weiter bis ins Meer, das im Süden hinter den fernen Bergkämmen lag.
Ein Luftzug weckte ihn. Faseriges Gewölk hatte sich vor die Sonne geschoben. Zeit zum Absteigen. Er klammerte sich ans Drahtseil, das Gesicht nahe am Fels, tastete mit den Füssen nach Halt. Tritt um Tritt kletterte er vorsichtig tiefer. Die Bergführerin kam ihm in den Sinn, die wie eine Spinne am Seidenfaden vom Berg herabschwebte. Wenn er das auch könnte! Sich ohne Angst, sicher und beschwingt über Abgründen bewegen.
Allmählich kam er besser voran, fühlte sich sicherer. Fiel sein Blick über die Felswände in die Tiefe, spürte er ein luftiges Flattern im Bauch. Ein Gemisch aus Angst und Lust. Wie als sie heimlich gekifft hatten im Heim.
Die Sonne stand tief, als er die Scharte erreichte. Die Ziegenalp auf der Nordseite war im Schatten versunken. Durch Schotter rutschte er die Felskehle hinab zum Weg. Bei der Runse kniete er nieder, schöpfte mit beiden Händen kaltes Wasser aus dem Rinnsal und trank, bis sein Bauch schmerzte.
Es dämmerte, als er zur Alphütte kam. Die Tür stand offen, ein Glatzkopf und eine junge Frau mit Rastalocken sassen am Tisch. Sie drehten Spaghetti auf Gabeln, tranken Wein. Kerzen brannten. Erstaunt blickten sie auf, als Magnus eintrat. Der Glatzkopf legte seine Gabel auf den Teller, wischte sich mit der Hand den Mund, stand auf. Gehänge wie Löffel baumelten an seinen Ohrläppchen. Er musterte Magnus von Kopf bis Fuss: «Das darf ja nicht wahr sein! Der Magnus.»
Magnus wich einen Schritt zurück. An der schrillen heiseren Stimme erkannte er den Alphirten. Iwan Zemp, sein Wohngruppenleiter. Im Heim hatte er blonde Haare bis auf die Schultern getragen. Christkind nannten sie ihn.
15
Sie war zu früh im Dorf, lehnte auf dem Parkplatz vor der «Alpenrose» am Jeep und betrachtete das Haus. Eine Nomadin wird sesshaft, dachte sie. Robert hatte einmal behauptet, ihre Mutter stamme von Fahrenden ab. Andrea war in der Welt «herumzigeunert», wie er das nannte. Jene Zeit lag hinter ihr, etwas Neues tat sich auf, so unbekannt wie der Weg durch die Felswand in Patagonien, den noch nie ein Mensch betreten hatte. Man sagte, die Sesshaften seien stärker als die Nomaden, die sie überall auf der Welt verdrängt und ausgerottet hatten.
Vom Turm schlug es drei Uhr. Gleich danach parkte Frey seinen BMW neben ihrem Jeep, stieg aus. Die Lichter seines Wagens blinkten auf, als er abschloss. Er begrüsste sie, gratulierte zu ihrem Entscheid. «Herr Kernen wird gleich da sein.»
«Wer ist das?»
«Der Dorfschreiner. Bei öffentlich-rechtlichen Vertragsabschlüssen habe ich immer einen Vertreter der Gemeinde dabei.»
Andrea erkannte den Mann im blauweiss gestreiften Überkleid und dem Christusbart, der sich vom Glockenturm her näherte. Er war ihr im Stadtspital begegnet, mit einem Bund Weidenkätzchen hatte er Anita besucht. Ein zukünftiger Nachbar. Er blieb in gehörigem Abstand stehen, blickte auf den Boden, während er einen Gruss murmelte.
Frey zog einen schweren Schlüssel aus seinem Aktenkoffer, schloss die Eingangstüre zur «Alpenrose» auf. Feuchtmuffige Luft schlug ihnen aus dem Treppenhaus entgegen. Noch habe ich nicht unterschrieben, ging Andrea durch den Kopf. Noch kann ich zurück. Ein Klumpen sass ihr im Hals. Der Kauf war ein Entscheid aus dem Bauch gewesen.
«Das Haus stand längere Zeit leer», erklärte Frey, «einmal gut durchlüften, dann müffelt es nicht mehr. Die Substanz ist gut.» Die Treppenstufen knarrten, Andrea war bisher nie aufgefallen, wie ausgetreten sie waren. Holzwürmer hatten winzige Krater aus weissem Staub aufgehäuft. Putz war auf die Stufen und Zwischenböden gefallen, Risse durchzogen die geweisselte Wand wie Spinnweben. Die Gaststube sah aus, als wären eben die letzten Stammtischgäste aufgestanden und ins Freie getorkelt. Klebrige Ringe auf dem runden Tisch, auf einem andern standen zwei Gläser auf Biertellern mit eingetrocknetem Schaum und eine angebrochene Flasche.
«Anita konnte nicht mehr aufräumen, man hat sie nach der letzten Untersuchung gleich im Spital behalten.» Freys Stimme hallte in der Gaststube. Der Schreiner brummte etwas und zupfte seinen Bart.
An der hinteren Wand hingen noch immer Aquarelle von Anita neben den vergilbten Fotos, die Andrea früher oft betrachtet hatte. Sie stammten von Töni, dem legendären Wirt und Bergführer. «Haben Sie den Töni gekannt?», fragte sie den Schreiner.
Er sah auf die Fotos, nickte. «Ich arbeitete auswärts, als er starb.» Er deutete mit dem Daumen über die Schulter in Richtung der Berge. «Drüben.»
Frey rief vom Fenster her: «Die Aussicht fasziniert mich jedes Mal, diese Stimmung.» Die Wolken hatten sich gehoben, ein Stück Himmel zeigte sich. Die schroffen Hänge der andern Talseite erschienen im Licht der Sonne sanfter. «Möchten Sie nochmals einen Rundgang machen, oder wollen wir gleich den Papier kram erledigen?»
Andrea hatte die «Alpenrose» mit einem Architekten und Kletterkumpel, der mit ihr in Patagonien gewesen war, vom Keller bis unters Dach abgeschritten. Reto Kocher kannte sich mit Altbauten aus. Der Zustand des Hauses sei nicht schlecht, da und dort faules Holz, das Gebälk zum Teil verwurmt, das Dach müsste gelegentlich erneuert werden, die Kellergewölbe entfeuchtet. Schimmelpilz hatte sich angesetzt. Zum Glück kein Hausschwamm. Doch die Substanz sei gut, ein historisches Objekt, im Kern ein paar hundert Jahre alt, das unbedingt erhalten werden müsse. Höchste Zeit, dass etwas geschieht, hatte Reto gesagt und sich anerboten, ein Projekt auszuarbeiten. Er hatte die Kosten einer sanften Renovation abgeschätzt und bei Frey den Preis nochmals gedrückt. So viel sei allein schon das Grundstück wert, meinte Reto. Eine gute Investition also.
«Machen wir’s kurz.» Andrea setzte sich an den runden Tisch, Frey und Kernen nahmen gegenüber Platz. Der Verwalter wischte mit einer Hand Staub weg, legte die Verträge hin.
«Müsste nicht ein Notar dabei sein?», fragte Andrea.
«Nicht nötig. Ich bin amtliche Urkundsperson. Herr Kernen unterschreibt als Vertreter der Bürgergemeinde.»
Sie überflog den Kaufvertrag, bemerkte keine Veränderungen gegenüber dem Text, den der Architekt mit Frey ausgehandelt hatte. Steuerbefreit für die ersten zwei Jahre, das war schon etwas wert. Sie unterschrieb, Frey setzte seinen schwungvollen Schnörkel darunter, schob Kernen das Papier zu. Der zögerte. «Was soll ich …?»
«Unterschreiben, Herr Kernen.»
«Damit übernehme ich doch keine Verpflichtungen?»
«Absolut nicht, Herr Kernen.» Frey tippte mit dem Zeigefinger auf das Papier. «Lesen Sie hier. Sie bestätigen lediglich, dass Frau Stamm und ich persönlich unterschrieben haben. Als Zeuge sozusagen.»
Das Wort «Zeuge» schien Kernen zu verunsichern, doch er setzte Vornamen und Namen in einer regelmässigen Schülerschrift auf das Dokument.
«Gratuliere! Das Haus gehört Ihnen.» Frey stand auf, überreichte Andrea mit einer Verbeugung den Schlüssel. «Viel Glück für Ihr Unternehmen. Wie heisst Ihre Kletterschule schon wieder?»
«Rock’n’Ice.»
«Toll! Das wird Leute und Leben ins Dorf bringen. Und Arbeit fürs Handwerk, nehme ich an.» Kernen schaute aus dem Fenster, Freys Geschwätz war ihm offensichtlich peinlich.
«Mein Architekt wird mich beraten», sagte Andrea.
«Selbstverständlich sind Sie in der Wahl der Handwerker frei.»
Frey sah auf die Uhr: «Ich muss jetzt leider. Habe noch einen Termin.»
Gemeinsam traten sie ins Freie, redeten noch etwas übers Wetter, das nun hoffentlich besser werde, dann fuhr er weg.
Der Schreiner blieb stehen, als habe er noch ein Anliegen, die Hände in den Taschen seiner Überhosen. «Schönes Haus», sagte er mit belegter Stimme. «Gut, dass Sie es übernehmen und nicht ein Spekulant. Sie kennen die Berge und das Leben hier.»
«Die Berge kenne ich», sagte Andrea. «Das Leben noch nicht.»
Er wühlte in seinem Hosensack, zog ein Päcklein Kaugummi hervor, riss einen auf und steckte ihn in den Mund. «Ich habe das Rauchen aufgegeben. Mögen Sie?»
Andrea nahm sich einen Kaugummi. «Natürlich werden wir Sie anfragen, Herr Kernen, wenn es um Schreinerarbeiten geht.»
«Schon gut.» Er riss einen zweiten Kaugummi auf, schob ihn zwischen die Zähne, drehte das Papier zwischen seinen Fingern zu einer Kugel.
«Ist noch was?», fragte Andrea.
Er atmete tief durch. «Ich würde so gerne noch einmal auf den Berg.»
«Auf welchen Berg?»
«Die Plattenburg. Als Junge war ich mal oben. Mit dem Töni.»
«Dann haben Sie ihn also gut gekannt.»
«Er war mein Onkel.» Kernen presste eine Hand in die Hüfte, als fahre ein plötzlicher Schmerz durch seine Seite. «Wir sind über den Südgrat geklettert, vom Joch aus.»
«Töni muss ein guter Bergsteiger gewesen sein», sagte sie. «Die Erstbesteigung der Westwand war in jener Zeit eine grosse Sache.»
Kernen sah an ihr vorbei, seine Kinnladen mahlten versunken den Kaugummi. Sie wartete, ob er noch etwas erzähle von seinem Onkel, doch er schwieg.
«Sie hören von mir», sagte Andrea.
Kernen nickte. «Ich danke Ihnen.» Sein Händedruck war feucht und kraftlos.
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