Kitabı oku: «Der Traum»
Émile Zola
Der Traum
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Impressum
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Kapitel I
Während des strengen Winters 1860 fror die Oise zu, dicker Schnee bedeckte die Ebenen der unteren Picardie1; und dazu kam vor allem ein heftiger Wind aus Nordosten, der Beaumont am Weihnachtstag fast im Schnee begrub. Der Schneefall, der gleich am Morgen eingesetzt hatte, wurde gegen Abend noch stärker, und während der ganzen Nacht türmten sich die Schneemassen. In der Oberstadt, in der Rue des Orfèvres, an deren Ende die Nordfront des Querschiffes der Kathedrale gleichsam eingekeilt ist, stob der Schnee, getrieben vom Wind, und schlug an das SanktAgnesTor, das uralte romanische, beinahe schon gotische Tor, das unter dem kahlen Giebel mit Skulpturen reich verziert war. Am nächsten Morgen lag er dort bei Tagesanbruch fast drei Fuß hoch.
Die Straße schlief noch, träge von dem Feiern am Heiligen Abend. Es schlug sechs Uhr. In der Dunkelheit, die beim langsamen und beharrlichen Flockenfall bläulich wirkte, lebte nur eine undeutliche Gestalt, ein kleines neunjähriges Mädchen, das unter die Bogenrundungen des Tores geflüchtet war, dort, vor Kälte zitternd, die Nacht zugebracht und, so gut es ging, vor Wetter und Wind Schutz gesucht hatte. Die Kleine war in Lumpen gehüllt, der Kopf mit einem Stoffetzen umwickelt, die nackten Füße steckten in groben Männerschuhen. Zweifellos war sie dort erst gestrandet, nachdem sie lange die Stadt durchstreift hatte, denn sie war hier vor Müdigkeit hingesunken. Für sie war dies das Ende der Welt, niemand und nichts mehr, äußerste Verlassenheit, nagender Hunger, mörderische Kälte; und in ihrer Schwäche von der schweren Last ihres Herzens erstickt, gab sie den Kampf auf, es blieb nur dieses rein körperliche mechanische Zurückweichen, der Instinkt, hin und her zu rücken, sich in diese alten Steine zu verkriechen, wenn ein Windstoß den Schnee aufwirbelte.
Stunden um Stunden verrannen. Lange hatte sie sich an den Mittelpfeiler zwischen den beiden ganz gleichen Toröffnungen gelehnt, der eine Statue der heiligen Agnes2 trug, der dreizehnjährigen Märtyrerin, eines kleines Mädchens wie sie selbst, mit dem Palmenzweig in der Hand und einem Lamm zu seinen Füßen. Und im Giebelfeld über dem Torbogen entrollte sich als Hochrelief in naiver Gläubigkeit die ganze Legende der Jesus angelobten, kindlichen Jungfrau: wie ihre Haare länger wurden und sie umhüllten, als der Statthalter, dessen Sohn sie zurückwies, sie nackt in die verrufenen Häuser schickte; wie die Flammen des Scheiterhaufens ihren Gliedern auswichen und die Henker verbrannten, sobald sie das Holz anzündeten; die Wunder ihrer Gebeine, wie Constantia, des Kaisers Tochter, vom Aussatz geheilt wird, und die Wunder, die ihr Bildnis gewirkt, wie der Priester Paulinus, gequält vom Verlangen, ein Weib zu nehmen, auf den Rat des Papstes den mit einem Smaragd geschmückten Ring dem Bildnis hinhielt, das den Finger ausstreckte und ihn dann wieder zurückzog, den Ring behaltend, den man da noch sieht, wodurch Paulinus von aller Versuchung erlöst wurde. In der Spitze des Giebelfeldes wird Agnes im Glorienschein schließlich in den Himmel aufgenommen, wo ihr Bräutigam Jesus sich mit ihr, die ganz klein ist und so jung, vermählt, indem er ihr den Kuß ewiger Wonnen gibt.
Aber wenn der Wind durch die Straße fegte, peitschte der Schnee von vorn, weiße Packen drohten die Schwelle zu versperren; und das Kind wich nun nach den Seiten zurück, zu den Jungfrauen hin, die über dem Säulenstuhl der Leibung standen. Das waren die Gefährtinnen von Agnes, die Heiligen, die ihr Gefolge bildeten: drei zu ihrer Rechten, Dorothea3, die im Gefängnis von wunderbarem Brot ernährt wurde, Barbara4, die in einem Turme lebte, Genoveva5, deren Jungfräulichkeit Paris rettete; und drei zu ihrer Linken, Agatha6, der man die Brustwarzen abgedreht und ausgerissen hatte, Christina7, die von ihrem Vater gefoltert wurde, der ihr ihr eigenes Fleisch ins Gesicht warf, Cäcilia8, die von einem Engel geliebt wurde. Über ihnen noch mehr Jungfrauen, drei dichte Reihen von Jungfrauen stiegen mit den Bögen der Archivolten empor, schmückten die drei Bogenrundungen mit einem Blühen sieghaften und keuschen Fleisches, das hienieden gemartert, in den Folterqualen zermalmt, droben von einer Schar Cherubim empfangen wurde, beseligt vor Entzücken inmitten der himmlischen Heerscharen.
Und schon lange wurde die Kleine durch nichts mehr geschützt, als es endlich acht Uhr schlug und der Tag heraufzog. Wäre sie in den Schnee getreten, so hätte er ihr bis zu den Schultern gereicht. Das uralte Tor hinter ihr war damit überzogen, war gleichsam mit Hermelin ausgeschlagen, ganz in Weiß, und sah aus wie eine Ruhebank unten an der grauen Fassade, die so kahl und so glatt war, daß nicht eine Flocke daran hängenblieb. Die großen Heiligengestalten der Leibung vor allem waren darin eingehüllt, von ihren weißen Füßen bis zu ihrem weißen Haar, und strahlten von Reinheit. Weiter oben hoben sich die Szenen des Giebelfeldes, die kleinen Heiligengestalten der Bogenrundungen in scharfen Konturen ab, mit einem hellen Strich auf den dunklen Grund gezeichnet; und das bis zur höchsten Seligkeit, bis zur Vermählung der Agnes, die die Erzengel unter einem Regen weißer Rosen zu feiern schienen. Die Statue der kindlichen Jungfrau, die mit ihrem weißen Palmenzweig, mit ihrem weißen Lamm auf dem Pfeiler stand, war von weißer Reinheit, hatte einen unbefleckten schneeigen Leib in dieser starren Reglosigkeit der Kälte, die das mystische Emporschwingen der sieghaften Jungfräulichkeit um sie her zu Eis erstarren ließ. Und zu ihren Füßen die andere, das unglückselige Kind, das auch weiß von Schnee war, so starr und weiß, daß man hätte glauben können, es werde zu Stein, unterschied sich nicht mehr von den großen Jungfrauengestalten.
Ein Klappern an den schlafenden Häuserfronten, ein Fensterladen, der zurückschlug, veranlaßte indessen die Kleine hochzublicken. Es war rechts von ihr, im ersten Stock des Hauses, das an die Kathedrale grenzte. Eine sehr schöne Frau, eine kräftige Brünette von ungefähr vierzig Jahren, hatte sich soeben aus dem Fenster gebeugt; und trotz des schrecklichen Frostes ließ sie ihre nackten Arme eine Minute lang draußen, da sie gesehen hatte, wie sich das Kind bewegte. Mitleidsvolle Verwunderung machte ihr ruhiges Gesicht traurig. Dann schloß sie erschauernd wieder das Fenster. Sie bewahrte nur die flüchtige Vision eines kleinen blonden Mädchens mit Veilchenaugen und einem Stoffetzen um den Kopf; ein längliches Gesicht, ein vor allem sehr langer Hals von lilienhafter Anmut auf abfallenden Schultern, doch blau vor Kälte, die Händchen und Füßchen halb abgestorben, da war nichts Lebendiges mehr außer dem leichten Hauch des Atems.
Mechanisch blickte das Kind immer noch empor und betrachtete das Haus, ein sehr altes, gegen Ende des fünfzehnten Jahrhunderts erbautes schmales Haus mit nur einem Stockwerk. Es klebte an der Seite der Kathedrale zwischen zwei Strebepfeilern, wie eine Warze, die zwischen zwei Zehen einer Riesengestalt gewachsen ist. Und so angelehnt, hatte es sich erstaunlich erhalten mit seinem steinernen Unterbau, seinem mit Klinkern geschmückten Fach werk im ersten Stock, seinem Dachstuhl, dessen Gebälk einen Meter über den Giebel hinausragte, seinem vorspringenden Treppentürmchen an der linken Ecke, dessen winziges Fenster noch die Bleieinfassungen von einst hatte. Das Alter jedoch hatte Ausbesserungen erfordert. Das Ziegeldach mußte aus der Zeit Ludwigs XIV.9 stammen. Man erkannte unschwer die Arbeiten, die um jene Zeit vorgenommen worden waren: eine in die Bekrönung des Türmchens gebrochene Luke, Fensterrahmen aus Holz, die überall die Einfassungen der ursprünglichen Butzenscheiben ersetzten, die drei zusammenhängenden Fensteröffnungen im ersten Stock, aus denen man durch Vermauern der mittleren zwei gemacht hatte, was der Hausfront die Symmetrie der anderen, neueren Gebäude der Straße verlieh. Im Erdgeschoß waren die Veränderungen ebenso sichtbar, eine geschnitzte Eichentür an Stelle der eisenbeschlagenen alten Tür unter der Treppe und die große Arkade in der Mitte, bei der man den unteren Teil, die Seite und die Spitze zugemauert hatte, so daß nur noch eine rechteckige Öffnung da war, eine Art breites Fenster an Stelle der spitzbogenförmigen Fensteröffnung, die ehemals auf die Straße hinausging.
Ohne an etwas zu denken, betrachtete das Kind noch immer dieses ehrwürdige, saubergehaltene Handwerksmeisterhaus, und es las gerade die Worte, die auf einem gelben Schild, das links neben der Tür angenagelt war, in alten schwarzen Buchstaben geschrieben standen, »Hubert, Meßgewandmacher«, als das Klappen eines Fensterladens es von neuem aufhorchen ließ. Dieses Mal war es der Laden des viereckigen Fensters im Erdgeschoß: nun beugte sich ein Mann hinaus mit vergrämtem Gesicht. Adlernase, höckeriger Stirn, die von dichtem, trotz seiner kaum fünfundvierzig Jahre schon weißem Haar umkränzt war; und auch er verweilte eine Minute und betrachtete die Kleine aufmerksam, während sich eine schmerzliche Falte um seinen großen sanften Mund zog. Sodann sah sie, wie er hinter den kleinen grünlichen Fenstern stehenblieb. Er wandte sich um, er machte eine Handbewegung, seine sehr schöne Frau erschien wieder. Seite an Seite standen sie nun und rührten sich beide nicht mehr, ließen die Kleine nicht mehr aus den Augen und sahen tieftraurig aus.
Seit vierhundert Jahren bewohnte das Geschlecht der Huberts, bei denen sich das Gewerbe des Kunststickers vom Vater auf den Sohn vererbte, dieses Haus. Ein Meßgewandmachermeister hatte es unter Ludwig XI.10 bauen, ein anderer unter Ludwig XIV. ausbessern lassen; und der jetzt lebende Hubert stickte hier Meßgewänder wie alle seines Stammes. Mit zwanzig Jahren hatte er ein sechzehnjähriges Mädchen, Hubertine, mit solcher Leidenschaft geliebt, daß er sie, obgleich die Mutter, eine Beamtenwitwe, sie ihm verweigerte, entführt und dann geheiratet hatte. Sie war von wunderbarer Schönheit, das war beider ganzer Roman, beider Freude und beider Unglück. Als sie acht Monate später schwanger ans Totenbett ihrer Mutter trat, enterbte diese sie und verfluchte sie, so daß das Kind starb, das noch am selben Abend geboren wurde. Und die starrköpfige Beamtenwitwe, die nun in ihrem Sarg auf dem Friedhof lag, hatte noch immer nicht verziehen, denn das Ehepaar hatte trotz seines glühenden Wunsches kein Kind mehr bekommen. Nach vierundzwanzig Jahren beweinten sie noch immer jenes Kind, das sie verloren hatten, und gaben jetzt die Hoffnung auf, die Tote jemals zu erweichen.
Von den Blicken der beiden verwirrt, hatte die Kleine sich wieder hinter dem Pfeiler der heiligen Agnes verkrochen. Auch beunruhigte sie das Erwachen der Straße: die Läden wurden geöffnet, Leute kamen aus den Häusern. Die Rue des Orfèvres, deren Ende an die Seitenfront der Kirche stößt, wäre eine richtige Sackgasse, denn nach der Apsis hin war sie durch das Haus der Huberts verstopft, wenn nicht die Rue Soleil, ein schmaler Gang, ihr zur anderen Seite hin einen Ausgang schaffte, indem sie bis zur Hauptfassade auf dem Place du Cloître am Seitenschiff entlanglief; und es kamen zwei Kirchgängerinnen vorbei, die einen erstaunten Blick auf die kleine Bettlerin warfen, die sie in Beaumont nicht kannten. Es schneite noch immer langsam und beharrlich, die Kälte schien mit dem fahlen Tageslicht zuzunehmen, man hörte nur ein fernes Geräusch von Stimmen in der dumpfen Dichte des großen weißen Leichentuches, das die Stadt zudeckte.
Doch das Kind, das scheu war und sich seiner Verlassenheit schämte wie einer Schuld, wich noch weiter zurück, als es plötzlich vor sich Hubertine stehen sah, die aus dem Haus getreten war, um selber Brot zu holen, weil sie kein Hausmädchen hatte.
»Kleine, was machst du da? Wer bist du?«
Und sie antwortete nicht, sie verbarg ihr Gesicht. Jedoch sie fühlte ihre Glieder nicht mehr, das Leben schwand aus ihr, als wäre ihr zu Eis erstarrtes Herz stehengeblieben. Als die liebe Frau mit einer Gebärde taktvollen Mitleids den Rücken gewandt hatte, sank sie, am Ende der Kraft, auf die Knie, glitt wie ein Stückchen Stoff in den Schnee, dessen Flocken sie schweigend begruben.
Und als die Frau, die mit ihrem noch warmen Brot zurückkam, sie so auf der Erde erblickte, trat sie wiederum näher.
»Na, Kleine, du kannst doch unter diesem Tor nicht bleiben.«
Da nahm Hubert, der auch herausgekommen war und auf der Schwelle des Hauses stand, ihr das Brot ab und sagte;
»Nimm sie doch, bring sie herein!«
Ohne etwas hinzuzufügen, nahm Hubertine die Kleine in ihre kräftigen Arme.
Und das Kind wich nicht mehr zurück, es ließ sich forttragen wie einen Gegenstand, mit seinen aufeinandergepreßten Zähnen, seinen geschlossenen Augen, war ganz erfroren und leicht wie ein aus dem Nest gefallenes Vögelein.
Sie gingen wieder ins Haus, Hubert schloß die Tür, während Hubertine mit ihrer Bürde durch das zur Straße hin gelegene Zimmer ging, das als gute Stube diente und in dem vor dem großen viereckigen Fenster einige gestickte Stoffbahnen als Muster auslagen. Dann ging sie in die Küche hinüber, die fast unversehrt erhaltene ehemalige Gesindestube mit ihren hervortretenden Balken, ihrem an zwanzig Stellen ausgebesserten Fliesenboden, ihrem riesigen Kamin mit dem Steinmantel. Die Geräte, Töpfe, Kessel und Schmorpfannen auf den Brettern waren ein oder zwei Jahrhunderte alt, alte Fayencen, altes Steingut, altes Zinn. Aber im Feuerloch des Kamins stand ein moderner Herd, ein breiter gußeiserner Herd, dessen Kupferbeschläge blitzten. Er glühte rot, man hörte, wie das Wasser im Kessel kochte. Auf einer Ecke wurde eine Kasserolle mit Milchkaffee warm gehalten.
»Weiß Gott! Hier ist es besser als draußen«, sagte Hubert, indem er das Brot auf einen schweren Tisch im Stile Ludwigs XIII.11 legte, der die Mitte des Raumes einnahm. »Setz das arme Herzchen nahe an den Herd, da wird sie gleich auftauen.«
Schon setzte Hubertine das Kind hin; und beide schauten zu, wie es wieder zu sich kam. Der Schnee auf seinen Kleidern schmolz, fiel in schweren Tropfen hernieder. Durch die Löcher in den groben Männerschuhen sah man die zerschundenen kleinen Füße, während sich unter dem dünnen Kleid die starren Glieder abzeichneten, dieser erbarmungswürdige Elends und Schmerzensleib. Ein langer Schauer überlief die Kleine, sie schlug entsetzt die Augen auf und fuhr auf wie ein Tier, das sich beim Erwachen in der Falle gefangen sieht. Ihr Gesicht schien in den unterm Kinn geknoteten Lumpen zu versinken. Die Huberts glaubten, ihr rechter Arm sei verkrüppelt, so fest drückte sie ihn unbeweglich an ihre Brust.
»Beruhige dich, wir wollen dir nichts Böses tun ... Woher kommst du denn? Wer bist du denn?«
Je mehr man zu ihr sprach, um so verstörter wurde sie, und sie wandte den Kopf, als stünde jemand hinter ihr, der sie schlagen wollte. Sie musterte die Küche mit verstohlenem Blick, die Fliesen, die Balken, die blitzenden Küchengeräte; dann ging ihr Blick durch die beiden unregelmäßigen Fenster, die in der ehemaligen Fensteröffnung belassen worden waren, nach draußen, durchforschte den Garten bis zu den Bäumen des Bischofspalastes, dessen weiße Umrisse die Mauer im Hintergrund überragten, schien erstaunt darüber, dort links an einer Allee die Kathedrale mit den romanischen Fenstern der Kapellen ihrer Apsis wiederzufinden. Und von neuem überlief sie ein heftiger Schauer in der Wärme des Herdes, die sie zu durchdringen begann; und sie senkte den Blick wieder zu Boden und rührte sich nicht mehr.
»Bist du aus Beaumont? – Wer ist dein Vater?«
Da sie weiterhin schwieg, dachte Hubert, die Kehle sei ihr vielleicht so zugeschnürt, daß sie nicht antworten konnte.
»Anstatt sie auszufragen«, sagte er, »täten wir besser daran, ihr eine gute Tasse recht heißen Milchkaffee zu geben.«
Das war ein so vernünftiger Gedanke, daß Hubertine sogleich ihre eigene Tasse hinstellte. Während sie zwei große Scheiben Brot abschnitt, blieb das Kind mißtrauisch, wich immer noch zurück; doch die Qual des Hungers war stärker als alles, schließlich aß und trank die Kleine gierig. Um sie nicht zu stören, schwieg das Ehepaar und sah bewegt, wie ihre kleine Hand so sehr zitterte, daß sie den Mund nicht fand. Und sie bediente sich nur der linken Hand, ihr rechter Arm blieb hartnäckig an den Körper gepreßt. Als sie fertig war, hätte sie beinahe die Tasse zerschlagen, die sie gerade noch mit der Bewegung eines Krüppels ungeschickt mit dem Ellbogen festhielt.
»Bist du denn am Arm verletzt?« fragte Hubertine. »Hab keine Angst, zeig mal, mein Herzchen.«
Doch als sie sie anfaßte, erhob sich die Kleine ungestüm und wehrte sich; und bei diesem Ringen bewegte sie unwillkürlich den Arm. Ein kartoniertes Büchlein, das sie auf der bloßen Haut verbarg, glitt durch einen Riß ihres Mieders zu Boden. Sie wollte es schnell wieder an sich nehmen, ballte jedoch vor Wut die Fäuste, als sie sah, daß diese Unbekannten es aufschlugen und lasen.
Es war ein Zöglingsbuch, ausgestellt von der Jugendfürsorge des Departement12 Seine. Auf der ersten Seite waren unter dem Amtssiegel des heiligen Vinzenz von Paul13 folgende Rubriken vorgedruckt: Name des Zöglings, und ein einfacher, mit Tinte gezogener Strich füllte den leeren Raum; dann stand bei den Vornamen: AngéliqueMarie; bei den Daten: geboren am 22. Januar 1851, aufgenommen am 23. desselben Monats, eingetragen unter der Registriernummer 1634. So waren also Vater und Mutter unbekannt, keine Papiere, nicht einmal ein Geburtsschein, nichts als dieses Büchlein, das von verwaltungsmäßiger Kälte starrte, mit seinem Umschlagdeckel aus blaßrosa Leinen. Niemand auf der Welt und eine Eintragung in der Gefangenenliste, die numerierte und klassifizierte Verlassenheit.
»Oh! Ein Findelkind!« rief Hubertine aus.
Da begann Angélique in einem tollen Zornesausbruch:
»Ich bin mehr wert als alle anderen, ja, ich bin besser, besser, besser ... Niemals habe ich den anderen etwas weggenommen, und sie nehmen mir alles weg ... Geben Sie mir wieder, was Sie mir weggenommen haben.«
Ein so ohnmächtiger Stolz, eine solche Leidenschaftlichkeit, die Stärkere zu sein, ließen ihren Körper, den Körper einer kleinen Frau, sich aufbäumen, daß die Huberts davon tief ergriffen waren. Sie erkannten das kleine blonde Mädchen mit den veilchenfarbenen Augen und dem langen, lilienhaft anmutigen Hals nicht wieder. Die Augen waren schwarz geworden in dem bösen Gesicht, der sinnliche Hals war von einer Blutwelle geschwellt. Jetzt, da ihr warm war, richtete sie sich in die Höhe und zischte wie eine aus dem Schnee aufgelesene Natter.
»Du bist also ein schlimmes Kind?« sagte der Sticker sanft. »Es ist zu deinem Besten, wenn wir wissen wollen, wer du bist.«
Und über die Schulter seiner Frau hinweg las er in dem Büchlein, das diese durchblätterte. Auf Seite 2 fand sich der Name der Amme.
»Das Kind Angélique wurde am 25. Januar 1851 der Amme Françoise, Ehefrau des Herrn Hamelin, von Beruf Landwirt, wohnhaft in der Gemeinde Soulanges im Arrondissement14 Nevers, anvertraut; selbige Amme hat bei ihrer Abreise das Pflegegeld für den ersten Monat sowie eine Ausstattung erhalten.«
Es folgte ein vom Anstaltsgeistlichen des Fürsorgeheims unterzeichnetes Taufzeugnis; dann ärztliche Bescheinigungen beim Fortgang und bei der Ankunft des Kindes. Die vierteljährlichen Auszahlungen des Monatsgeldes füllten weiter hinten die Spalten von vier Seiten, wo jedesmal die unleserliche Unterschrift des Steuereinnehmers wiederkehrte.
»Wie, bei Nevers?« fragte Hubertine. »Du bist in der Nähe von Nevers aufgezogen worden?«
Da Angélique die beiden nicht am Lesen hindern konnte, war sie hochrot angelaufen und wieder in ihr verstocktes Schweigen verfallen. Doch der Zorn löste ihr die Lippen, sie sprach von ihrer Pflegemutter.
»Ach, sicher hätte Mama Nini Euch geschlagen. Sie, sie nahm mich in Schutz, obwohl sie mir trotzdem manchmal eine Ohrfeige gab ... Ach, bestimmt war ich nicht so unglücklich dort unten bei den Tieren ...« Ihre Stimme versagte, sie redete in abgehackten, unzusammenhängenden Sätzen weiter von den Wiesen, auf die sie die Rotschecke führte, von dem breiten Weg, auf dem sie spielten, von den Brotfladen, die sie buken, von einem großen Hund, der sie gebissen hatte.
Hubert unterbrach sie, indem er ganz laut las:
»Bei schwerer Krankheit oder schlechter Behandlung ist der Unterinspektor ermächtigt, die Kinder zu einer anderen Pflegemutter zu geben.«
Darunter stand, das Kind AngéliqueMarie sei am 20. Juni 1860 Thérèse, der Ehefrau des Louis Franchomme, beide Blumenhändler, wohnhaft in Paris, anvertraut worden.
»Aha, jetzt verstehe ich«, sagte Hubertine. »Du bist krank gewesen, und man hat dich nach Paris zurückgebracht.«
Aber so war es auch nicht gewesen, die Huberts erfuhren die ganze Geschichte erst, als sie sie Stück für Stück aus Angélique herausgelockt hatten. Louis Franchomme, der Mama Ninis Vetter war, hatte in sein Dorf zurückkehren und dort einen Monat leben müssen, um sich von einem Fieber zu erholen; und damals hatte seine Frau Thérèse, die eine große Zuneigung zu der Kleinen hegte, es durchgesetzt, sie mit nach Paris zu nehmen, und sie versprach ganz fest, sie dort den Blumenhändlerberuf lernen zu lassen. Drei Monate später starb ihr Mann, sie sah sich, da sie selber sehr leidend war, gezwungen, zu ihrem in Beaumont ansässigen Bruder, dem Lohgerber Rabier, zu ziehen. Dort war sie in den ersten Dezembertagen gestorben und hatte ihrer Schwägerin die Kleine anvertraut, die seitdem beschimpft und geschlagen wurde und ein wahres Martyrium erlitt.
»Die Rabiers«, murmelte Hubert, »die Rabiers, ja, ja! Lohgerber am Ufer des Ligneul in der Unterstadt ... Der Mann trinkt, die Frau hat einen schlechten Lebenswandel.«
»Sie schimpften mich ein hergelaufenes Kind«, fuhr Angélique empört fort, rasend vor leidendem Stolz. »Sie sagten, die Gosse sei gut genug für einen Bastard. Wenn die Frau mich krumm und lahm geschlagen hatte, stellte sie mir Futter auf die Erde, wie ihrer Katze; und oft noch ging ich ohne zu essen schlafen ... Ach, ich hätte mich schließlich noch umgebracht!« Sie machte eine Gebärde wütender Verzweiflung. »Am Weihnachtsmorgen, also gestern, da haben sie getrunken, haben sie sich auf mich gestürzt und gedroht, mir mit dem Daumen die Augen herauszudrücken, bloß so zum Spaß. Und dann ging das nicht so, wie sie es sich gedacht hatten, und sie haben sich schließlich so mächtig mit Fausthieben bearbeitet, daß ich sie für tot gehalten habe, als sie alle beide quer ins Zimmer gefallen waren ... Seit langem hatte ich beschlossen davonzulaufen. Aber ich wollte mein Buch. Mama Nini zeigte es mir manchmal und sagte: ›Siehst du, das ist alles, was du besitzt, denn wenn du das nicht hättest, hättest du gar nichts.‹ Und ich wußte, wo sie es seit dem Tode von Mama Thérèse versteckt hielten, im Schubfach oben in der Kommode ... Da bin ich über die beiden hinweggestiegen, habe das Buch genommen und bin losgerannt und habe es dabei unter meinem Arm an meine Haut gepreßt. Es war zu groß, ich bildete mir ein, alle Leute könnten es sehen, man würde es mir wegnehmen. Oh, ich bin gerannt und gerannt! Und als es stockfinstere Nacht war, habe ich unter diesem Tor gefroren, daß ich glaubte, ich sei nicht mehr am Leben. Doch das macht nichts, ich habe es nicht losgelassen, da ist es!« Und mit einem jähen Ruck entriß sie es den Huberts, gerade als diese es zumachten, um es ihr zurückzugeben. Dann setzte sie sich wieder und sank am Tisch zusammen, preßte dabei das Büchlein in ihre Arme und schluchzte, die Wange an den Umschlagdeckel aus rosa Leinen geschmiegt. Ein schreckliches Gefühl der Demut schlug ihren Stolz nieder, ihr ganzes Wesen schien in dem bitteren Schmerz über diese wenigen Seiten mit den abgenutzten Ecken dahinzuschmelzen, über dieses armselige Ding, das ihr Schatz war, das einzige, was sie noch mit dem Leben der Welt verband. Sie konnte eine so große Verzweiflung gar nicht aus ihrem Herzen herausweinen, ihre Tränen flossen, flossen ohne Ende; und in dieser völligen Zerknirschung bekam sie wieder das hübsche Gesicht eines Blondköpfchens mit dem ein wenig länglichen, sehr reinen Oval, ihre veilchenfarbenen Augen, die vor Zärtlichkeit wieder heller wurden, den zierlichen Schwung ihres Halses, der sie einer kleinen Jungfrau im Kirchenfenster gleichen ließ. Plötzlich ergriff sie Hubertines Hand, preßte ihre nach Liebkosungen gierigen Lippen darauf und küßte sie leidenschaftlich.
Den Huberts drehte es das Herz im Leibe um, während sie, selber dem Weinen nahe, stammelten: »Liebes, liebes Kind!«
Sie war also noch nicht ganz so schlimm? Vielleicht konnte man die Kleine von dieser Heftigkeit heilen, die sie beide so in Schrecken versetzt hatte.
»Oh, ich bitte Sie, bringen Sie mich nicht zu den anderen zurück!« stammelte sie. »Bringen Sie mich nicht zu den anderen zurück!«
Mann und Frau hatten sich angesehen. Seit dem Herbst hegten sie tatsächlich die Absicht, ein Lehrmädchen ins Haus zu nehmen, irgendein junges Ding, das Fröhlichkeit in das vom Schmerz der kinderlosen Gatten so traurig gestimmte Haus bringen sollte. Und es wurde sogleich alles beschlossen.
»Willst du?« fragte Hubert.
Hubertine erwiderte ohne Hast mit ihrer ruhigen Stimme:
»Ich möchte schon.«
Unverzüglich nahmen sie die Formalitäten in Angriff. Der Sticker ging zum Friedensrichter des nördlichen Stadtteils von Beaumont, um ihm die Begebenheit zu erzählen, zu Herrn Grandsire, einem Vetter seiner Frau, dem einzigen Verwandten, den sie noch besuchten; und dieser übernahm alles Weitere, schrieb an die Jugendfürsorge, wo Angélique dank der Registriernummer unschwer identifiziert wurde, erreichte, daß sie als Lehrmädchen bei den Huberts bleiben konnte, die im Rufe großer Ehrbarkeit standen. Als der Unterinspektor des Arrondissements kam, um das Büchlein auf den neuesten Stand zu bringen, schloß er mit dem neuen Brotherrn den Vertrag ab, dem zufolge dieser letztere das Kind milde behandeln, es säuberlich halten, es die Schule und die Pfarrkirche besuchen lassen und ihm ein Bett geben sollte, in dem es alleine schlafen konnte. Die Behörde dagegen verpflichtete sich, ihm der Vorschrift entsprechend eine Entschädigung zu zahlen und die Kleidung zu liefern.
Innerhalb von zehn Tagen war alles geregelt. Angélique schlief oben neben dem Dachboden im Giebelzimmer, das auf den Garten hinausging; und sie hatte schon ihren ersten Unterricht im Sticken erhalten. Am Sonntagmorgen, ehe Hubertine mit ihr zur Messe ging, öffnete sie in ihrer Gegenwart die alte Truhe in der Werkstatt, in der sie das Feingold verwahrte. Sie hielt das Buch in der Hand, sie legte es hinten in eine Schublade und sagte:
»Sieh, wo ich es hinlege, damit du es nehmen kannst, wenn du Lust hast, und damit du dich daran erinnerst.«
Als Angélique an jenem Morgen die Kirche betrat, befand sie sich abermals unter dem SanktAgnesTor. Trügerisches Tauwetter war im Laufe der Woche eingetreten, dann hatte die Kälte wieder eingesetzt, und zwar so streng, daß der halbgeschmolzene Schnee auf den Skulpturen zu einer blühenden Pracht von Trauben und Nadeln erstarrt war. Alles war jetzt Eis, durchsichtige Gewänder mit gläserner Spitze, die die Jungfrauen umhüllten. Dorothea hielt eine Fackel, deren durchsichtiges herablaufendes Wachs ihr von den Händen tropfte; Cäcilia trug eine Silberkrone, von der glänzende Perlen herniederrieselten; Agatha trug auf ihrer von der Zange zerbissenen Brust einen kristallenen Harnisch. Und es war, als stünden die Szenen des Giebelfeldes, die kleinen Jungfrauen der Bogenrundungen so seit Jahrhunderten hinter den Glasscheiben und den Edelsteinen eines gigantischen Reliquienschreines. Agnes selber schleppte einen fürstlichen Mantel nach, der aus Licht gesponnen und mit Sternen bestickt war. Ihr Lamm hatte ein Fell aus Diamanten, ihr Palmenzweig war himmelsfarben geworden. Das ganze Tor funkelte in der Reinheit der großen Kälte.
Angélique erinnerte sich der Nacht, die sie dort unter dem Schutz der Jungfrauen zugebracht hatte. Sie blickte hoch und lächelte ihnen zu.
Kapitel II
Beaumont besteht aus zwei völlig getrennten und unterschiedlichen Städten: Beaumontl˜Eglise auf der Höhe mit seiner alten Kathedrale aus dem zwölften Jahrhundert, seinem Bischofspalast, der erst aus dem siebzehnten Jahrhundert stammt, seinen kaum tausend Seelen, die zusammengedrängt, erstickt in der Tiefe seiner engen Straßen leben; und BeaumontlaVille unten am Hügel, am Ufer des Ligneul, eine ehemalige Vorstadt, welche die gedeihliche Entwicklung ihrer Spitzen und Batistfabriken reich gemacht und ausgedehnt hat, so daß sie fast zehntausend Einwohner zählt, weitläufige Plätze und eine hübsche Unterpräfektur nach neuzeitlichem Geschmack aufweist. Die beiden Stadtteile, der nördliche und der südliche, haben so fast nur auf dem Gebiete der Verwaltung Beziehungen zueinander. Obgleich Beaumontl˜Eglise nur etwa dreißig Meilen von Paris entfernt liegt, wohin man in zwei Stunden gelangen kann, scheint es noch in seine alten Festungswälle eingemauert zu sein, von denen jedoch nur noch drei Tore übrig sind. Eine seßhafte, besondere Bevölkerung lebt hier das Leben, das die Vorfahren seit fünfhundert Jahren von Generation zu Generation geführt haben.
Die Kathedrale ist die Erklärung für alles, hat alles hervorgebracht und erhält alles. Sie ist die Mutter, die Königin, riesig inmitten des Häufleins niedriger Häuser, die gleich Kücken unter ihren steinernen Flügeln fröstelnd Schutz gesucht haben. Man lebt hier nur für die Kathedrale und durch die Kathedrale; die Handwerksbetriebe arbeiten nur, die Läden verkaufen nur, um sie zu ernähren, sie zu kleiden, sie zu unterhalten, sie und ihren Klerus; und wenn man einigen Bürgersleuten begegnet, so sind es die letzten Getreuen von längst entschwundenen Massen. Die Kathedrale schlägt wie ein Herz im Mittelpunkt, jede Straße ist eine ihrer Adern, die Stadt hat keinen anderen Atem als den ihren. Daher dieser Geist eines anderen Zeitalters, dieses fromme Erstarren in der Vergangenheit, diese klösterlich abgeschlossene Altstadt, die sie umgibt und nach einem alten Wohlgeruch von Frieden und Glauben duftet.
Und von der ganzen geheimnisumwitterten Altstadt stand das Haus der Huberts, in dem Angélique von nun an leben sollte, der Kathedrale am nächsten, war mit ihr verwachsen. Die Genehmigung, dort zwischen zwei Strebepfeilern zu bauen, mußte einst von irgendeinem Pfarrer erteilt worden sein, dem daran lag, den Ahnen dieses Geschlechts von Stickern als Meßgewandmachermeister und Lieferanten für die Sakristei an sich zu binden. Auf der Südseite sperrte die riesenhafte Masse der Kirche den schmalen Garten ab: unten der Umgang der Seitenkapellen, deren Fenster auf die Beete hinausgingen, dann der schlanke Leib des von den Strebebögen gestützten Schiffes, dann das weitläufige, mit Bleiplatten gedeckte Dach. Niemals drang die Sonne in die Tiefe dieses Gartens, nur Efeu und Buchsbaum wuchsen hier kräftig; und dennoch war der ewige Schatten, der von der riesigen Chorhaube der Apsis fiel, hier sehr lieblich, ein andächtiger, grabesstiller und reiner Schatten, der gut roch. In das grünliche, von ruhiger Kühle erfüllte Zwielicht ließen die beiden Türme nur das Geläut ihrer Glocken herabhallen. Von ihrem Klang zitterte das ganze Haus, das in diese alten Steine eingegossen, mit ihnen verschmolzen war und von ihrem Blute lebte, noch lange erschauernd nach. Es erbebte bei den geringsten kirchlichen Feiern; die Hochämter, das Grollen der Orgel, die Stimme der Vorsänger, sogar das beklommene Seufzen der Gläubigen summten in jedem seiner Räume, wiegten es mit geheiligtem Atem, der aus dem Unsichtbaren kam; und durch die erwärmte Mauer schienen manchmal sogar Weihrauchdämpfe zu dringen.
Fünf Jahre hindurch wuchs Angélique dort wie in einem Kloster, fern der Welt, heran. Sie kam nur sonntags aus dem Haus, um die Siebenuhrmesse zu hören, denn Hubertine hatte es durchgesetzt, sie nicht zur Schule schicken zu müssen, weil sie dort schlechten Umgang haben könnte. Diese alte und so beengte Behausung mit dem totenstillen Garten war ihre ganze Welt. Sie bewohnte unter dem Dach eine mit Kalk geweißte Kammer; morgens ging sie zum Frühstück in die Küche hinunter; zum Arbeiten stieg sie wieder in die Werkstatt im ersten Stock hinauf; und das waren nebst der steinernen Wendeltreppe in ihrem Türmchen die einzigen Winkel, in denen sie lebte, just die ehrwürdigen, von Geschlecht zu Geschlecht erhaltenen Winkel, denn niemals betrat sie das Schlafzimmer der Huberts und ging kaum einmal durch die gute Stube im Erdgeschoß, die beiden nach dem Geschmack der Zeit renovierten Räume. In der guten Stube hatte man die Deckenbalken weiß getüncht; ein Kranzgesims aus Palmenblättern mit einer Rosette in der Mitte schmückte die Decke; die Tapete mit großen gelben Blumen stammte aus der Zeit des ersten Kaiserreiches ebenso wie der Kamin aus weißem Marmor und die Mahagonimöbel, ein Tischchen, ein Ruhebett, vier mit Utrechter Samt bezogene Sessel. Wenn sie bei den seltenen Malen, die sie hierherkam, um die Auslage, einige in das Fenster gehängte Stickereien, auszuwechseln, einen Blick nach draußen warf, hatte sie immer denselben unveränderlichen Ausblick auf die auf das SanktAgnesTor zulaufende Straße: eine Kirchgängerin stieß den Türflügel auf, der sich geräuschlos wieder schloß, die Läden des Goldschmieds und des Wachshändlers gegenüber, in denen die heiligen Ziborien und die dicken Wachskerzen aufgereiht standen, wirkten immer leer. Und der klösterliche Friede, der in ganz Beaumontl˜Eglise herrschte, in der Rue Magloire hinter dem Bischofspalast, in der Grand˜Rue, in welche die Rue des Orfèvres mündete, auf dem Place du Cloître, wo die zwei Türme sich emporrecken, war in der schläfrigen Luft zu spüren, sank langsam mit dem bleichen Tageslicht auf die menschenleere Straße nieder.
Hubertine hatte es übernommen, Angéliques Bildung zu vervollständigen. Im übrigen vertrat sie die alte Meinung, daß eine Frau genug wisse, wenn sie richtig schreiben könne und die vier Grundrechnungsarten beherrsche. Doch sie hatte gegen den Widerwillen des Kindes zu kämpfen, das unaufmerksam war und aus dem Fenster guckte, obgleich das ein mittelmäßiges Vergnügen war, da dieses Fenster auf den Garten hinausging. Angélique begeisterte sich fast nur fürs Lesen; trotz der Diktate, die einer klassischen Textauswahl entnommen wurden, gelang es ihr nie, auch nur eine Seite einwandfrei zu schreiben; und doch hatte sie eine hübsche Schrift, eine schlanke und sichere Schrift, eine jener eigenwilligen Handschriften der großen Damen von einst. In den übrigen Fächern, Geographie, Geschichte, Rechnen, blieb sie völlig unwissend. Was sollte schon das Wissen? Es war ganz überflüssig. Später, als sie vor der Erstkommunion stand, lernte sie Wort für Wort ihren Katechismus in einem solchen Glaubenseifer auswendig, daß sie die Leute ob der Sicherheit ihres Gedächtnisses in Verwunderung setzte.
Im ersten Jahr waren die Huberts trotz ihrer Sanftmut oft verzweifelt. Angélique, die eine sehr geschickte Stickerin zu werden versprach, brachte sie durch plötzliche Launen, durch unerklärliche Anwandlungen von Trägheit nach Tagen vorbildlichen Fleißes aus der Fassung. Sie wurde plötzlich gleichgültig, tückisch, stahl Zucker und hatte dunkel umränderte Augen in ihrem roten Gesicht; und wenn man sie schalt, gab sie patzige Antworten. An manchen Tagen bekam sie, sobald man sie bändigen wollte, gar Anfälle von hochfahrender Tollheit, sie wurde steif, schlug mit Händen und Füßen um sich und war drauf und dran, zu beißen und alles zu zerreißen. Angstvoll wichen sie dann vor diesem kleinen Ungeheuer zurück, sie erschraken vor dem Teufel, der in ihr tobte. Wer war sie denn? Woher kam sie? Diese Findelkinder entstammen fast immer dem Laster und dem Verbrechen. Zweimal schon hatten sie beschlossen, das Kind der Jugendfürsorge zurückzugeben, so untröstlich waren sie und so sehr bedauerten sie, es überhaupt aufgenommen zu haben. Doch jedesmal endeten diese schrecklichen Auftritte, von denen das Haus noch hinterher zitterte, mit der gleichen Tränenflut, dem gleichen überspannten Reueausbruch, der das Kind in einer solchen Gier nach Züchtigung auf den Fußboden niederwarf, daß man ihm wohl verzeihen mußte.
Nach und nach gewann Hubertine Einfluß auf sie. Sie war mit der Einfalt ihrer Seele, ihrem starken und zugleich sanften, großherzigen Wesen, ihrer gesunden Vernunft, in ihrer vollkommenen Ausgewogenheit für diese Erziehung wie geschaffen. Sie lehrte sie den Verzicht und den Gehorsam, die beide sie der Leidenschaft und dem Stolz gegenüberstellte. Gehorchen, darauf kam es an im Leben. Man mußte Gott, den Eltern, den Vorgesetzten gehorchen, eine ganze Hierarchie der Ehrerbietung, außerhalb davon geriet das Leben aus der Bahn und nahm ein schlimmes Ende. Daher auch erlegte sie ihr, um sie Demut zu lehren, bei jeder Auflehnung als Buße irgendeine niedere Arbeit auf, das Geschirr abzuwaschen, die Küche zu wischen; und sie blieb bis zum Schluß dabei stehen, ließ Angélique über die Fliesen gebeugt arbeiten, die zuerst wütend war, sich aber schließlich besiegt gab. An diesem Kind beunruhigte sie vor allem die Leidenschaft, das Feuer und die Heftigkeit seiner Liebkosungen. Mehrmals hatte sie sie dabei überrascht, wie Angélique sich selbst die Hände küßte. Sie sah, wie Bilder sie geradezu in Fieber versetzten, kleine Kupferstiche von Heiligen, Jesusbildchen, die sie sammelte; dann fand sie sie eines Abends in Tränen aufgelöst, ohnmächtig, mit auf den Tisch gesunkenem Kopf, auf die Bilder gepreßtem Mund. Als sie ihr diese Bilder wegnahm, gab es wieder einen fürchterlichen Auftritt, Schreie, Tränen, als risse man ihr die Haut vom Leibe. Und von da an hielt Hubertine sie streng, duldete nicht mehr, daß sie sich gehenließ, überhäufte sie mit Arbeit, schuf Schweigen und Kälte um sie her, sowie sie fühlte, daß Angélique erregt wurde, irre Augen und glühende Wangen bekam.
Im übrigen hatte Hubertine eine Hilfe in dem Büchlein der Fürsorgebehörde entdeckt. Alle Vierteljahre, wenn der Steuereinnehmer seine Unterschrift hineinschrieb, war Angélique deswegen bis zum Abend düster gestimmt. Stechender Schmerz krampfte ihr Herz zusammen, wenn sie eine Goldspule aus der Truhe nahm und sie dabei das Buch zufällig erblickte. Und an einem Tage, an dem sie besonders wütend und ungezogen, ihr mit nichts beizukommen war und sie in der Schublade alles durcheinanderwühlte, war sie angesichts des kleinen Buches jäh wie vernichtet zusammengesunken. Schluchzen erstickte sie, sie hatte sich den Huberts zu Füßen geworfen, sich gedemütigt und gestammelt, sie hätten unrecht daran getan, sie von der Straße aufzulesen, und sie verdiene es nicht, ihr Brot zu essen. Seit diesem Tag hielt sie der Gedanke an das Büchlein oft von ihren Zornesausbrüchen zurück.
So erreichte Angélique ihr zwölftes Lebensjahr, das Alter für die Erstkommunion. Die so ruhige Umgebung, dieses im Schatten der Kathedrale schlummernde, von Weihrauch durchduftete, von Lobgesängen erschauernde kleine Haus begünstigte die langsame Veredelung dieses wilden Schößlings, der, man wußte nicht wo, herausgerissen und in den mystischen Boden des schmalen Gartens wieder eingepflanzt worden war; und dazu kam auch das geregelte Leben, das man dort führte, die tägliche Arbeit, die Weltfremdheit, in der man dort lebte, ohne daß auch nur ein Widerhall aus dem verschlafenen Stadtviertel hier hereindrang. Aber vor allem die Sanftmut erwuchs aus der großen Liebe der Huberts, die ein unheilbarer Selbstvorwurf gleichsam hatte an Umfang zunehmen lassen. Hubert verbrachte Tag um Tag mit dem Versuch, aus Hubertines Gedächtnis den Schimpf zu löschen, den er ihr angetan, als er sie gegen den Willen ihrer Mutter heiratete. Er hatte beim Tode ihres Kindes deutlich gefühlt, daß sie ihm die Schuld an dieser Strafe gab, und er bemühte sich, Verzeihung zu erlangen. Seit langem hatte sie ihm verziehen, betete sie ihn an. Er zweifelte zuweilen daran, dieser Zweifel verhärmte sein Leben. Um sicher zu sein, daß sich die Tote, die starrsinnige Mutter, unter der Erde hatte umstimmen lassen, hätte er gern noch ein Kind gehabt. Beider einziger Wunsch war dieses Kind der Vergebung, er lebte zu den Füßen seiner Frau in abgöttischer Liebe in einer jener ehelichen Leidenschaften, die glühend und keusch wie ein immerwährender Brautstand sind. So küßte er sie in Gegenwart des Lehrmädchens nicht einmal aufs Haar, nach zwanzig Ehejahren betrat er das gemeinsame Schlafzimmer nur verwirrt und erregt wie ein Jungvermählter am Hochzeitsabend. Verschwiegen war dieses Schlafzimmer mit seiner weißen und grauen Malerei, seiner blaugeblümten Tapete, seinen mit Kretonne bezogenen Nußbaummöbeln. Niemals drang ein Geräusch nach draußen, doch es roch so gut nach zärtlicher Liebe, es erfüllte das ganze Haus mit lauer Wärme. Und von liebevoller Zuneigung gleichsam umspült, wuchs Angélique in großer Leidenschaftlichkeit und großer Reinheit auf.
Ein Buch vollendete das Werk. Als sie eines Morgens herumstöberte und auf einem staubbedeckten Regal der Werkstatt wühlte, entdeckte sie zwischen nicht mehr gebrauchten Stickerei Werkzeugen ein sehr altes Exemplar der »Legenda aurea«15 von Jacobus a Varagine. Diese aus dem Jahre 1549 stammende französische Übersetzung war sicherlich einst von irgendeinem Meßgewandmachermeister wegen der Bilder gekauft worden, die voller nützlicher Hinweise über die Heiligen waren. Lange Zeit interessierte sie selbst sich fast nur für diese Bilder, diese kindlich gläubigen alten Holzschnitte, die sie entzückten. Sowie man ihr erlaubte zu spielen, nahm sie den in gelbes Kalbsleder gebundenen Quartband und durchblätterte ihn langsam: zuerst kam der Schmutztitel, in Rot und Schwarz, mit der Anschrift des Buchhändlers, »Zu Paris, in der Rue Neufve NostreDame, im Hause ›Zum Heiligen Johannes dem Täufer‹«, dann der Titel mit den Rundbildern der vier Evangelisten zu beiden Seiten, unten durch die Anbetung der Heiligen Drei Könige, oben durch den Triumph Jesu Christi, der seinen Fuß auf Totengebeine setzt, umrahmt. Und darauf folgte Bild auf Bild, verzierte Buchstaben, große oder mittlere Kupferstiche, wie sie im Text auf die einzelnen Seiten gehörten: Maria Verkündigung, ein riesiger Engel, der eine ganz zerbrechliche Maria mit Strahlen überflutet; der Mord an den unschuldigen Kindlein, der grausame Herodes16 inmitten eines Haufens kleiner Leichname; die Krippe, Jesus zwischen der Muttergottes und dem heiligen Joseph, der eine Kerze hält; der heilige Johannes der Almosner17, der den Armen gibt; der heilige Matthias18, der ein Götzenbild zerschlägt; der heilige Nikolaus19 als Bischof, der zu seiner Rechten Kinder in einem Kübel hat; und alle die heiligen Frauen, Agnes, der man den Hals mit einem Schwert durchbohrt, Agatha, der man die Brustwarzen mit Zangen ausgerissen, Genoveva, der ihre Lämmlein folgen, Juliana20, die gegeißelt, Anastasia21, die verbrannt wurde, Maria Aegyptiaca22, die in der Wüste Buße tut, Maria Magdalena23, die das Gefäß mit wohlriechender Salbe trägt. Andere und immer wieder andere zogen vorüber, Schrecken und Gottesfurcht wurden mit jeder dieser Heiligen größer, es war wie eine jener schrecklichen und zugleich süßen Geschichten, die einem das Herz zusammenpressen und die Augen mit Tränen feuchten.
Doch mit der Zeit wurde Angélique neugierig und wollte ganz genau erfahren, was diese Kupferstiche darstellten. Die beiden enggedruckten Textspalten, deren Lettern auf dem vergilbten Papier tiefschwarz geblieben waren, erschreckten sie durch den barbarischen Anblick der gotischen Schriftzeichen. Sie gewöhnte sich jedoch daran, entzifferte die Schriftzeichen, begriff die Abkürzungen und die Zusammenziehungen, wußte die Wendungen und die veralteten Worte zu erraten; und schließlich las sie fließend, war entzückt, als dringe sie in ein Geheimnis ein, und jubelte bei jeder neuen Schwierigkeit, die sie überwand. In diesem beschwerlichen Dunkel offenbarte sich eine ganze strahlende Welt. Sie trat ein in himmlischen Glanz. Ihre paar klassischen Bücher, die so nüchtern und so kalt waren, existierten überhaupt nicht mehr. Allein die »Legenda aurea« begeisterte sie, ließ sie nicht mehr los, hielt sie fest, vornübergebeugt, die Stirn in die Hände gestützt, ganz und gar gefangen, so daß sie nicht mehr aus dem täglichen Leben heraus lebte, sondern ohne Zeitbewußtsein das große Erblühen des Traumes aus der Tiefe des Unbekannten heraufsteigen sah.
Gott ist sanftmütig, und nächst ihm sind es die heiligen Männer und die heiligen Frauen. Sie werden als Auserwählte geboren, Stimmen kündigen sie an, ihre Mütter haben strahlende Träume. Alle sind schön, stark, sieghaft. Heller Schein umgibt sie, ihr Antlitz leuchtet. Dominicus24 hat einen Stern an der Stirn. Sie lesen im Geiste der Menschen, wiederholen mit lauter Stimme, was man denkt. Sie haben die Gabe der Weissagung, und ihre Prophezeiungen treffen stets ein. Ihre Zahl ist unendlich, es gibt Bischöfe und Mönche, Jungfrauen und Huren, Bettler und vornehme Herren von königlichem Geschlecht, nackte Einsiedler, die Wurzeln essen, Greise, die mit Hindinnen in Höhlen leben. Ihrer aller Geschichte ist die gleiche, sie wachsen für Christus heran, glauben an ihn, weigern sich, den falschen Göttern zu opfern, werden gefoltert und sterben voller Herrlichkeit. Die Verfolgungen werden den Herrschern lästig. Andreas25, der gekreuzigt wurde, predigt zwei Tage lang zwanzigtausend Menschen. Bekehrungen in Massen finden statt, vierzigtausend Menschen werden auf einmal getauft. Wenn die Menschenmengen sich angesichts der Wunder nicht bekehren, fliehen sie entsetzt. Man beschuldigt die Heiligen der Zauberei, man gibt ihnen Rätsel auf, die sie lösen, man läßt sie Streitgespräche mit den Gelehrten führen, die ihnen nichts zu erwidern vermögen. Sowie man sie in die Tempel führt, damit sie Opfer darbringen, werden die Götzenbilder von einem Windhauch umgestürzt und zerbrechen. Eine Jungfrau knüpft ihren Gürtel um den Hals der Venus, die daraufhin in Staub zerfällt. Die Erde erzittert, der Tempel der Diana26 stürzt ein, vom Blitz getroffen; und die Völker begehren auf, Bürgerkriege brechen aus. Jetzt verlangen oft die Henker nach der Taufe, die Könige knien zu Füßen der in Lumpen gehüllten Heiligen nieder, die sich der Armut vermählt haben. Savina27 flieht aus dem elterlichen Hause. Paula28 verläßt ihre fünf Kinder und versagt sich das Baden. Kasteiungen, Fasten läutern sie. Weder Weizenbrot noch Öl. Germanus29 streut Asche über seine Nahrung. Bernhard30 kann die Speisen nicht mehr unterscheiden und läßt nichts anderes gelten als den Geschmack des reinen Wassers. Agathon31 behält drei Jahre lang einen Stein im Mund. Augustinus32 ist verzweifelt darüber, gesündigt zu haben, weil er Gefallen daran gefunden, einen Hund laufen zu sehen. Wohlstand, Gesundheit werden verachtet, die Freude beginnt bei den Entbehrungen, die den Leib abtöten. Und so leben sie triumphierend in Gärten, wo die Blumen Sterne sind, wo die Blätter der Bäume singen. Sie vernichten Drachen, sie rühren Stürme auf und beruhigen sie, sie werden in der Ekstase um zwei Ellen vom Erdboden entrückt. Edle Witwen sorgen für ihre Bedürfnisse, solange sie leben, empfangen im Traum die Weisung, sie zu begraben, wenn sie gestorben sind. Außergewöhnliche Dinge widerfahren ihnen, wunderbare Abenteuer, schön wie Romane. Und wenn man nach Hunderten von Jahren ihre Gräber öffnet, entweichen liebliche Düfte.
Und wider die Heiligen stehen die Teufel, die zahllosen Teufel. »Sie fliegen oft um uns wie Fliegen und erfüllen die Luft ohne Zahl. Die Luft ist ebenso voll von Teufeln und bösen Geistern wie der Sonnenstrahl voll von Atomen. Es sind ihrer wie Staubkörner so viele.« Und der Kampf, der ewige Kampf entbrennt. Stets sind die Heiligen siegreich, und stets müssen sie den Sieg von neuem erringen. Je mehr Teufel verjagt werden, um so mehr kommen wieder. Man zählt sechstausendsechshundertsechsundsechzig im Leibe einer einzigen Frau, die Fortunatus33 von ihnen befreit. Sie toben, sie sprechen und schreien mit der Stimme der Besessenen, deren Flanken sie mit einem Sturm durchrasen. Sie gehen durch die Nase, durch die Ohren, durch den Mund in sie ein, und sie fahren nach Tagen entsetzlicher Kämpfe mit Gebrüll wieder aus ihnen heraus. An jeder Wegbiegung wälzt sich ein Besessener, liefert ein Heiliger, der vorübergeht, eine Schlacht. Basilius34 kämpft Leib an Leib mit dem Teufel, um einen jungen Mann zu retten. Macarius35, der sich zwischen Gräbern schlafen gelegt hat, setzen die Teufel eine ganze Nacht hindurch zu, und er erwehrt sich ihrer. Die Engel selber sind am Bette der Toten gezwungen, die Dämonen krumm und lahm zu schlagen, um der Seelen habhaft zu werden. Ein andermal wird nur gegen den Verstand und den Geist Sturm gelaufen. Man scherzt, man wendet alle Schlauheit auf, der Apostel Petrus und Simon der Magier führen ihren Streit mit Wundern. Der herumlungernde Satan nimmt alle Gestalten an, verkleidet sich als Frau, geht sogar so weit, das Aussehen von Heiligen anzunehmen. Doch sowie er besiegt ist, erscheint er in seiner Häßlichkeit: »Eine schwarze Katze, größer als ein Hund, mit großen glühenden Augen, mit langer Zunge, die breit und bluttriefend bis zum Nabel heraushängt, den gewundenen Schwanz hoch erhoben, seinen Hintern zeigend, aus welchem ein erschrecklicher Gestank hervorgehet.« Dem Satan gilt die einzige Sorge, der große Haß. Man hat Angst vor ihm und verspottet ihn. Man geht nicht einmal ehrlich mit ihm um. Trotz der grausamen Apparatur seiner Siedekessel bleibt er im Grunde genommen der ewig Betrogene. Alle Pakte, die er eingeht, werden ihm durch Gewalt oder List entrissen. Schwache Frauen schlagen ihn zu Boden, Margareta36 zertritt ihm mit ihrem Fuß das Haupt, Juliana schlägt ihn mit der Kette und reißt ihm die Flanken auf. Heitere Ruhe geht von alledem aus, Verachtung des Bösen, weil es ohnmächtig, Gewißheit des Guten, weil die Tugend allem überlegen ist. Man braucht sich nur zu bekreuzigen, und der Teufel vermag nichts mehr, heult auf und verschwindet. Wenn eine Jungfrau das Zeichen des Kreuzes macht, stürzt die ganze Hölle zusammen.
Alsdann werden in diesem Kampf der heiligen Männer und Frauen gegen Satanas die fürchterlichen Martern der Verfolgung dargestellt. Die Henker setzen die mit Honig bestrichenen Märtyrer den Fliegen aus; lassen sie barfuß über Glasscherben und glühende Kohlen gehen; stoßen sie in Schlangengruben; geißeln sie mit Peitschen, die mit Bleikugeln versehen sind; nageln sie bei lebendigem Leibe in Särge ein, die sie ins Meer werfen; hängen sie an den Haaren auf und zünden sie dann an; gießen ungelöschten Kalk, kochendes Pech, geschmolzenes Blei in ihre Wunden; setzen sie auf erzene Sessel, die bis zum Weißglühen erhitzt werden; drücken ihnen rotglühende Helme auf den Schädel; verbrennen ihre Lenden mit Fackeln, zerbrechen die Schenkel auf Ambossen, reißen ihnen die Augen aus, schneiden die Zunge ab, zerbrechen die Finger einen nach dem anderen. Doch das Leiden zählt nicht, die Heiligen bleiben voller Verachtung, trachten voller Eile und Freude danach, noch mehr zu leiden. Im übrigen werden sie durch ein fortwährendes Wunder geschützt, sie ermüden die Henker. Johannes trinkt Gift, und es kann ihm nichts anhaben. Sebastian37 lächelt, von Pfeilen durchbohrt. In anderen Fällen bleiben die Pfeile zur Rechten und zur Linken des Märtyrers in der Luft stehen; oder, vom Bogenschützen abgeschossen, kehren sie wieder zurück und stechen diesem die Augen aus. Die Märtyrer trinken geschmolzenes Blei wie eisgekühltes Wasser. Löwen werfen sich vor ihnen nieder und lecken ihnen die Hände wie Lämmer. Der glühende Rost ist für den heiligen Laurentius38 von angenehmer Kühle. Er schreit: »Siehe, Elender, die eine Seite hast du gebraten, brate auch die andere, und iß, denn sie ist genug gebraten.« Cäcilia, die in ein siedendes Bad gesteckt wurde, »blieb darin als an einem kühlen Ort und empfand keinen Tropfen Schweißes«. Christina können die Martern nichts anhaben: ihr Vater läßt sie von zwölf Männern schlagen, bis diese vor Erschöpfung zusammenbrechen; ein anderer Henker tritt an ihre Stelle, bindet sie auf ein Rad, zündet darunter Feuer an, aber die Flamme fährt zur Seite und tötet bei fünfzehnhundert Mann; er wirft sie ins Meer, mit einem großen Stein am Hals, aber die Engel halten sie alsbald über dem Wasser; Jesus selbst kommt, sie zu taufen, danach übergibt er sie dem Erzengel Michael, der führt sie wieder an das Land zurück; ein weiterer Henker schließlich sperrt sie mit Schlangen zusammen, die sich ihr liebkosend um den Hals ringeln, läßt sie fünf Tage lang in einen feurigen Ofen sperren, darin sie singt und keinen Schaden leidet. Vincentius39, der noch mehr erduldet, leidet dennoch keinen Schmerz: man zerbricht ihm die Glieder; man reißt ihm mit eisernen Kämmen die Rippen auf, daß ihm die Eingeweide aus dem Leibe hängen; man spickt ihn mit Nadeln; man wirft ihn auf die Kohlenglut, in die das Blut aus seinen Wunden fließt; man schließt ihn wieder in den finstersten Kerker, die Füße an einen Pfahl genagelt; und zerstückelt, geröstet, mit offenem Leibe lebt er immer noch; und seine Martern werden verwandelt in die Lieblichkeit der Blumen; unermeßliches Licht vertreibt die Finsternis des Kerkers. »Da er also mit den Engeln über die Blumen schritt und Gott lobte, erscholl der süße Gesang weithin, und der liebliche Duft der Blumen breitete sich umher. Darob erschraken die Wächter und schauten durch die Spalten des Kerkers: da wurden sie gläubig von dem, was sie sahen. Als Dacianus40 das hörte, geriet er außer sich und rief: ›Was mögen wir ferner tun? Weh, wir sind überwunden.‹« Solches ist der Schrei der Folterknechte, es kann nur mit ihrer Bekehrung oder mit ihrem Tode enden. Ihre Hände werden von Lähmung befallen. Sie nehmen ein gewaltsames Ende, Fischgräten erwürgen sie, der Blitz erschlägt sie, ihre Wagen zerschellen. Und die finsteren Kerker der Heiligen werden alle licht, Maria und die Apostel dringen durch die Mauern mit Leichtigkeit hinein. Immerwährender Beistand, Erscheinungen steigen vom offenen Himmel hernieder, wo Gott sich zeigt, eine Krone aus Edelsteinen in den Händen haltend. Daher auch ist der Tod freudenreich. Sie fordern ihn heraus, die Verwandten frohlocken, wenn einer der Ihren umkommt. Auf dem Berge Ararat hauchen zehntausend Gekreuzigte ihr Leben aus. Nahe bei Köln lassen sich elftausend Jungfrauen von den Hunnen niedermetzeln. In den Arenen krachen die Knochen unter den Zähnen der wilden Tiere. Im Alter von drei Jahren erleidet Quiricus41, den der Heilige Geist wie einen Mann sprechen läßt, den Märtyrertod. Kinder an der Mutterbrust beschimpfen die Henker, Verachtung, Verabscheuung des Fleisches, des menschlichen Gelumpes, würzt den Schmerz mit himmlischer Wonne. Soll man das Fleisch nur zerreißen, soll man es zerbrechen, es verbrennen, das tut gut; mehr und immer mehr, niemals wird es genug Todesqualen leiden; und sie rufen alle, man solle ihnen das Eisen, das Schwert in die Brust stoßen, das allein sie tötet. Eulalia42 auf ihrem Scheiterhaufen inmitten eines verblendeten Pöbels, der sie verhöhnt, atmet die Flamme ein, um schneller zu sterben. Gott erhört sie, eine weiße Taube fliegt aus ihrem Munde und steigt zum Himmel auf.
Als Angélique dies las, befiel sie höchste Verwunderung. So viele Greuel und diese sieghafte Freude brachten sie vor Entzücken außer sich, entrückten sie der Wirklichkeit. Aber andere, sanftere Stellen aus der »Legenda aurea« ergötzten sie überdies, die Tiere zum Beispiel, die ganze Arche Noah und alles, was darin kreucht und fleucht. Sie nahm Anteil an den Raben und Adlern, die damit beauftragt sind, die Einsiedler mit Nahrung zu versorgen. Und dann, wie viele schöne Geschichten über die Löwen! Der dienstfertige Löwe, der das Grab für Maria Aegyptiaca gräbt; der flammende Löwe, der die Tür der verrufenen Häuser bewacht, als die Prokonsuln die Jungfrauen dorthin bringen lassen; und dann noch der Löwe des Hieronymus43, dem man einen Esel anvertraut hat, der ihm gestohlen wird und den er wieder zurückbringt. Da war auch noch der Wolf, der, von Reue gepackt, ein gestohlenes Schwein zurückbringt. Bernhard tut die Fliegen in den Bann, und sie fallen tot hernieder. Remigius44 und Blasius45 speisen die Vögel an ihrem Tische, segnen sie und geben ihnen die Gesundheit wieder. Franciscus46 predigt ihnen »voll Taubeneinfalt«, ermahnt sie, Gott zu lieben. »Neben seiner Zelle saß ein Heimlein auf einem Feigenbaum und sang; da rief Sanct Franciscus ihm und reckte die Hand nach ihm aus und sprach: ›Komm zu mir, meine Schwester Cicada‹; da war sie ihm gehorsam und flog auf seine Hand. Da sprach er: ›Sing, meine Schwester Cicada, und lobe deinen Herrn.‹ Da sang sie alsbald und ging nicht eher von ihm, als bis er ihr Urlaub gab.« Diese Stelle war für Angélique eine ständige Quelle der Erbauung und gab ihr den Gedanken ein, die Schwalben herbeizurufen, und sie war neugierig, ob sie wohl kommen würden. Dann standen darin Geschichten, die sie nicht lesen konnte, ohne krank zu werden vor Lachen. Christophorus47, der gutmütige Riese, der das Jesuskind trug, erheiterte sie bis zu Tränen. Sie erstickte fast vor Lachen bei dem Mißgeschick, das dem Statthalter mit den drei Mägden der Anastasia widerfährt, als er sie in der Küche aufsucht und die Pfannen und Kessel küßt in dem Glauben, er umarme die Mägde. »Er ging hinaus, ganz schwarz und ungestalt und mit zerrissenen Kleidern. Und als die Diener, die draußen seiner warteten, ihn also verunreinet sahen, wähnten sie, es sei der Teufel, und schlugen ihn mit Stecken und flohen von dannen und ließen ihn ganz allein.« Doch ein unbezähmbares Lachen überkam sie, wenn jemand auf den Teufel einschlug, namentlich Juliana, die ihm, als sie im Kerker von ihm in Versuchung geführt wird, mit der Kette, damit sie selber gebunden war, eine ganz gehörige Tracht Prügel verabfolgte. »Nun befahl der Richter, daß man Juliana aus dem Kerker führe. Da ging sie heraus und zog den Teufel gebunden nach sich. Der flehte sie an und sprach: ›Juliana, Herrin, ich bitte dich, laß mich nicht so gar zu Spotte werden vor den Menschen, denn ich mag sonst hinfort keine Gewalt mehr haben über irgendeinen.‹ Sie aber zog den Teufel nach sich und zog ihn über den ganzen Markt und warf ihn zuletzt in eine Latrine.«
Oder Angélique erzählte auch den Huberts beim Sticken Legenden, die sie interessanter fand als Märchen. Sie hatte sie so viele Male gelesen, daß sie sie auswendig kannte: Die Legende von den sieben Schläfern, die, als sie der Verfolgung entfliehen wollten, in einer Höhle eingemauert wurden und dort dreihundertzweiundsiebzig Jahre schliefen und deren Erwachen den Kaiser Theodosius48 über die Maßen verwunderte; die Legende vom heiligen Clemens49, endlose, unvorhergesehene und rührende Abenteuer, eine ganze Familie, Vater, Mutter und drei Söhne, durch große Unglücksfälle getrennt und schließlich durch die schönsten Wunder wieder vereint. Ihre Tränen flossen, sie träumte nachts davon, sie lebte nur noch in dieser tragischen und triumphierenden Welt des Wunders, im übernatürlichen Reich aller Tugenden, die mit allen Freuden belohnt werden.
Als Angélique zur Erstkommunion ging, schien es ihr, als schritte sie wie die Heiligen zwei Ellen über dem Erdboden dahin. Sie war eine junge Christin der Urkirche, sie befahl sich in Gottes Hände, da sie aus dem Buch gelernt hatte, daß sie nicht ohne die Gnade erlöst werden könne. Die Huberts befolgten schlecht und recht brav die Kirchengebote: sonntags gingen sie zur Messe und an den Hochfesten zur Kommunion; und das mit dem ruhigen Glauben der Demütigen, ein wenig auch aus Tradition und um ihrer Kundschaft willen, da die Meßgewandmacher von Generation zu Generation in der Osterzeit stets zur Beichte und zur Kommunion gegangen waren. Er, Hubert, hielt manchmal beim Spannen eines Stickrahmens inne, um dem Kinde beim Vorlesen seiner Legenden zuzuhören, bei denen er mit ihm erzitterte, während seine Haare im leichten Hauch des Unsichtbaren aufflogen. Er hatte etwas von ihrer Leidenschaft, er weinte, als er sie im weißen Kleide sah. Dieser Tag war wie ein Traum, beide kamen tief bewegt und müde aus der Kirche zurück. Hubertine mußte sie abends schelten, sie, die Vernünftige, die jede Übertreibung mißbilligte, selbst in den guten Dingen. Von da an mußte sie gegen Angéliques Eifer ankämpfen, vor allem gegen die Anwandlungen von Mildtätigkeit, die sie überkamen. Franciscus hatte die Armut zu seiner Herrin erwählt, Johannes der Almosner nannte die Armen allezeit seine Herren, Gervasius und Prothasius50 wuschen ihnen die Füße, Martinus51 teilte seinen Mantel mit ihnen. Und nach dem Vorbild der Lucia52 wollte das Kind alles verkaufen, um alles hinzugeben. Sie hatte sich zunächst ihrer kleinen Dinge entäußert, dann hatte sie begonnen, das Haus auszuplündern. Doch der Gipfel war, daß sie auch Unwürdigen ohne Unterschied der Person mit offenen Händen gab. Als sie eines Abends, zwei Tage nach ihrer Erstkommunion, getadelt worden war, weil sie einer Trinkerin Wäsche aus dem Fenster zugeworfen hatte, verfiel sie wieder in ihre alte Heftigkeit, bekam sie einen schrecklichen Anfall. Dann hütete sie, krank und von Scham zermalmt, drei Tage lang das Bett.
Indessen verflossen die Wochen, die Monate. Zwei Jahre waren vergangen, Angélique war vierzehn Jahre alt und wurde Frau. Wenn sie in der »Legenda aurea« las, brauste es ihr in den Ohren, pochte das Blut in den blauen Äderchen ihrer Schläfen; und nun empfand sie eine schwesterliche Zärtlichkeit für die Jungfrauen.
Jungfräulichkeit ist die Schwester der Engel, ist Besitz jeglichen Gutes, Niederlage des Teufels, Herrschaft des Glaubens. Sie verleiht die Gnade, sie ist die unbesiegbare Vollkommenheit. Der Heilige Geist macht Lucia so schwer, daß tausend Mann und fünfzig Joch Ochsen sie auf Befehl des Richters nicht zu einem verrufenen Haus zu schleppen vermögen. Ein Statthalter, der Anastasia umfangen will, wird mit Blindheit geschlagen. Bei den Folterungen wird die Reinheit der Jungfrauen offenbar, von ihrem ganz weißen Fleisch, das von eisernen Kämmen aufgerissen wird, rinnen statt Blut Ströme von Milch herab. Zehnmal kehrt die Geschichte von der ihrer Familie entfliehenden, unter einem Mönchsgewand verborgenen jungen Christin wieder, welche man anklagt, sie habe einem Mädchen aus der Nachbarschaft Gewalt angetan, und welche die Verleumdung erduldet, ohne sich zu rechtfertigen, dann aber in der jähen Offenbarung ihres unschuldigen Geschlechts triumphiert. So wird Eugenia53 vor einen Richter geführt, erkennt in ihm ihren Vater, zerreißt ihr Gewand und gibt sich zu erkennen. Ewig beginnt der Kampf der Keuschheit von neuem, immer von neuem wachsen die Stachel des Fleisches nach. Daher auch bildet die Furcht vor dem Weibe die Weisheit der Heiligen. Diese Welt ist voller Fallen, die Einsiedler gehen in die Wüste, wo es keine Frauen gibt. Sie kämpfen schrecklich, geißeln sich, werfen sich nackt in die Dornen oder in den Schnee. Ein Einsiedler, der seiner Mutter durch eine Furt hilft, umwickelt seine Finger mit seinem Mantel. Ein gefesselter Märtyrer, der von einem Mädchen in Versuchung geführt wird, beißt sich mit den Zähnen die Zunge ab und speit sie ihr ins Gesicht. Franciscus erklärt, er habe keinen ärgeren Feind als seinen Leib. Bernhard schreit »Räuber, Diebe!«, um sich einer Frau, seiner Herbergsmutter, zu erwehren. Eine Frau, der Papst Leo54 die Hostie reicht, küßt ihm die Hand; und er schneidet sich die Hand ab, und die Heilige Jungfrau fügt ihm die Hand wieder an und macht sie heil. Alle verherrlichen die Trennung der Ehegatten. Alexius55, der verheiratet und sehr reich ist, mahnt seine Frau zu möglicher Reinigkeit, dann geht er von dannen. Man vermählt sich nur, um zu sterben. Justina56, die von Cyprianus geplagt wird, widersteht, bekehrt ihn und schreitet mit ihm zur Hinrichtung. Cäcilia, die von einem Engel geliebt wird, offenbart dieses Geheimnis am Hochzeitsabend dem Valerianus, ihrem Gemahl, der sie nicht anrühren und die Taufe empfangen will, um den Engel zu sehen. »Da fand er Caecilien mit dem Engel reden in der Kammer. Der Engel aber hielt in seiner Hand zween Kränze, von Rosen und von Lilien, und gab Caecilien den einen und Valeriano den anderen und sprach: ›Die Kränze bewahret mit Lauterkeit des Herzens und Reinigkeit des Leibes.‹« Der Tod ist stärker als die irdische Liebe, das ist eine Herausforderung an das Dasein. Hilarius57 bittet Gott, daß er seine Tochter Apia in den Himmel zu sich nähme, damit sie sich nicht vermähle; sie stirbt, und die Mutter bittet den Vater, für sie dasselbe bei Gott zu erwirken; das tut er auch. Die Jungfrau Maria selber entführt den Frauen ihre Verlobten. Ein Edelmann, ein Verwandter des Königs von Ungarn, verzichtet auf ein junges Mädchen von wunderbarer Schönheit, sowie Maria auf den Plan tritt. »Plötzlich erschien Unsere Liebe Frau und sprach zu ihnen: ›Wenn ich so schön bin, wie du sagst, weshalb verlässest du mich dann um einer anderen willen?‹ « Und er verlobt sich mit ihr.
Unter all den Heiligen hatte Angélique ihre Lieblinge, jene, deren Lehren ihr bis ins Herz drangen, die sie so sehr rührten, daß sie sich besserte. So bezauberte sie die kluge, purpurgeborene58 Katherina59 durch das umfassende Wissen ihrer achtzehn Jahre, als sie mit den fünfzig Meistern der Grammatik und Rhetorik streitet, die ihr Kaiser Maximus gegenüberstellt. Sie beschämt sie, bringt sie zum Verstummen. »Sie saßen in großem Staunen als die Stummen, und ihrer keiner mehr wußte, was er sprechen sollte. Da entbrannte der Kaiser wider sie mit großem Grimm und hub an zu schelten, daß sie sich von einem Weibe also besiegen ließen.« Die fünfzig erklären ihm daraufhin, daß sie sich alle zu Christo bekehren. »Als das der Kaiser vernahm, ward er über die Maßen zornig und gebot, daß man sie alle mitten in der Stadt sollte verbrennen.« In Angéliques Augen war Katherina die unbesiegbare Gelehrte, ebenso stolz und strahlend von Weisheit wie von Schönheit, die, die sie hätte sein wollen, um die Menschen zu bekehren und sich im Kerker von einer weißen Taube mit himmlischer Speise stärken zu lassen, bevor ihr der Kopf abgeschlagen würde. Doch vor allem Elisabeth60, die Tochter des Königs von Ungarn61, wurde ihr zum ständigen Vorbild. Jedesmal, wenn ihr Stolz sich empörte, wenn die Heftigkeit sie fortriß, dachte sie an dieses Muster von Sanftmut und Einfalt; fromm schon mit fünf Jahren, verschmähte sie es zu spielen, legte sich auf die Erde nieder, um Gott Ehre zu erweisen, später die gehorsame und demütige Gemahlin des Landgrafen von Thüringen, die ihrem Gemahl ein fröhliches Gesicht zeigte, über das jede Nacht Tränen fluteten, schließlich keusche Witwe, aus ihren Ländern vertrieben, glücklich, das Leben einer Bettlerin zu führen. »Sie trug so schmählich Gewand, daß ihr grauer Mantel mit Tuch von anderer Farbe verlängert war, und waren die Löcher in den Ärmeln ihres Kleides mit andersfarbigem Tuche geflickt.« Der König, ihr Vater, sendet einen Grafen, sie heimzuführen in ihr väterliches Haus. »Da er sie nun sitzen sah in ihrem schlechten Gewand und demütig weben, da ward er von Schrecken und Wunder bewegt und rief aus: ›Nimmer sah man eines Königs Tochter in so schmählichem Gewand, noch ward je vernommen, daß eine Fürstin Wolle spann.‹« Sie ist die vollkommene christliche Demut, die von schwarzem Brot mit den Bettlern lebt, ohne Abscheu ihre Wunden verbindet, ihre Kleider trägt, auf der harten Erde schläft, barfüßig den Prozessionen folgt. »Sie wusch auch die Pfannen und ander Küchengerät und sandte dann die Mägde fort, daß sie von ihnen nicht gehindert würde. Sie sprach auch: ›Möchte ich ein ander Leben finden, das noch schnöder wäre, ich erwählte es mir.‹« So kam es, daß Angélique, die früher stocksteif wurde vor Wut, wenn man sie die Küche aufwischen hieß, jetzt auf niedere Arbeiten bedacht war, wenn sie fühlte, daß die Herrschsucht ihr zusetzte. Doch teurer noch als Katherina, teurer noch als Elisabeth, teurer noch als alle anderen war ihr schließlich eine Heilige, Agnes, die kindliche Märtyrerin. Ihr Herz erbebte, wenn sie sie in der »Legenda aurea« wiederfand, diese in ihr Haar gehüllte Jungfrau, die ihr unter dem Tor der Kathedrale Schutz gewährt hatte. Was für eine Flamme reiner Liebe! Wie sie den Sohn des Präfekten abweist, der sie anspricht, als sie von der Schule nach Hause geht! »Weiche von mir, du Futter der Sünde und Speise des Todes!« Wie sie den Geliebten preist! »Ich liebe einen, der ist viel edler und würdiger denn du; seine Mutter ist eine Jungfrau, sein Vater hat nie ein Weib erkannt; ihm dienen die Engel, und Sonne und Mond bewundern seine Schöne; sein Gut wird nie gemindert, sein Reichtum nimmt nicht ab, sein Atem macht die Toten lebendig.« Und als Aspasius gebietet, daß man »ihr ein Schwert in die Kehle« stoße, steigt sie empor zum Paradies, sich mit »ihrem weißen und roten Bräutigam« zu vereinen. Seit einigen Monaten vor allem flehte Angélique sie an in unruhigen Stunden, wenn das Blut ihr heiß in den Schläfen pochte; und sogleich schien es ihr, als sei sie erfrischt. Sie sah sie fortwährend um sich, sie war verzweifelt, daß sie oft Dinge tat und dachte, die Agnes, so fühlte sie, betrüben mußten. Als sie sich eines Abends sie Hände küßte, woran sie bisweilen noch Vergnügen fand, wurde sie plötzlich hochrot und wandte sich, obgleich sie allein war, verwirrt um, da ihr bewußt geworden, daß die Heilige sie gesehen hatte. Agnes war die Hüterin ihres Leibes.
So war Angélique mit fünfzehn Jahren ein anbetungswürdiges Mädchen. Gewiß hatten weder das klösterliche und arbeitsame Leben noch der sanfte Schatten der Kathedrale, noch die »Legenda aurea« mit den schönen heiligen Frauen einen Engel, ein Geschöpf absoluter Vollkommenheit aus ihr gemacht. Immer noch rissen hitzige Aufwallungen sie hin, äußerten sich durch unvermutete Ausbrüche Fehler in Seelenwinkeln, die zuzumauern man unterlassen hatte. Doch sie zeigte sich dann so beschämt, sie hätte so gerne vollkommen sein wollen! Und sie war so menschenfreundlich, so lebendig, so unwissend und rein im Grunde! Als sie von einem der großen Ausflüge zurückkehrten, die die Huberts sich zweimal im Jahr, am Pfingstmontag und zu Mariä Himmelfahrt, erlaubten, hatte sie einen wilden Rosenstock ausgerissen und ihn dann zu ihrem Vergnügen in dem schmalen Garten wieder eingepflanzt. Sie beschnitt und begoß ihn; er wuchs dort noch ebenmäßiger weiter, er brachte dort größere wilde Rosen mit würzigem Duft hervor; danach hielt sie Ausschau mit ihrer gewohnten Leidenschaftlichkeit, lehnte es jedoch ab, ihn zu veredeln, weil sie sehen wollte, ob er nicht durch ein Wunder echte Rosen tragen würde. Sie tanzte um ihn herum, sie sang immer wieder mit entzücktem Ausdruck: »Das bin ich! Das bin ich!« Und wenn man sie mit ihrem an der Landstraße aufgelesenen Rosenstock neckte, lachte sie selber darüber, wurde zwar ein wenig blaß und hatte Tränen an den Wimpern. Ihre veilchenfarbenen Augen waren noch sanfter geworden, ihr Mund war leicht geöffnet und ließ die kleinen weißen Zähne in dem länglichen Oval des Gesichtes sehen, das die blonden Haare, die wie Licht so leicht waren, mit goldenem Schimmer umgaben. Sie war gewachsen, ohne schmächtig zu werden, Hals und Schultern waren immer noch von stolzer Anmut, die Brust rund, die Taille biegsam; und heiter war sie, und gesund, eine seltene Schönheit von unendlichem Liebreiz, deren unschuldiges Fleisch und deren keusche Seele in Blüte standen.
Die Zuneigung der Huberts zu ihr wurde mit jedem Tag stärker. Es war ihnen beiden der Gedanke gekommen, sie zu adoptieren. Allein sie sagten nichts davon, aus Furcht, ihren ewigen Schmerz wieder aufzuwecken. Und so sank die Frau an dem Morgen, da der Gatte sich zu diesem Schritt entschloß, in ihrem Schlafzimmer auf einen Stuhl und brach in Schluchzen aus. Dieses Kind adoptieren, hieß das nicht darauf verzichten, jemals ein eigenes zu haben? Gewiß, man durfte in ihrem Alter kaum noch damit rechnen; und sie willigte ein, besiegt von dem guten Gedanken, die Kleine zu ihrer Tochter zu machen. Als sie zu Angélique davon sprachen, fiel sie ihnen um den Hals, erstickte fast vor Tränen. Es war beschlossene Sache, sie würde bei ihnen bleiben, in diesem Haus, das jetzt ganz von ihr erfüllt war, verjüngt durch ihre Jugend, frohgestimmt durch ihr Lachen. Doch schon beim ersten Schritt versetzte sie ein Hindernis in Bestürzung. Der Friedensrichter, Herr Grandsire, bei dem sie sich erkundigt hatten, erklärte ihnen, daß eine Adoptierung völlig unmöglich sei, weil das Gesetz verlangt, daß der zu Adoptierende großjährig ist. Als er ihren Kummer sah, riet er ihnen dann zu dem Ausweg, die amtliche Vormundschaft zu übernehmen: jede Person über fünfzig Jahre kann durch einen gesetzlichen Akt einen Minderjährigen unter fünfzehn Jahren an sich binden, indem er sein amtlicher Vormund wird. Die Altersvorschriften waren erfüllt, sie gingen mit Freuden darauf ein; und es wurde sogar vereinbart, daß sie ihr Mündel dann testamentarisch adoptieren würden, wie das Gesetz es gestattet. Herr Grandsire nahm sich des Antrags des Ehemannes und der Bevollmächtigung der Ehefrau an und setzte sich dann mit dem Leiter des Fürsorgeamtes, dem Vormund aller Fürsorgezöglinge, in Verbindung, dessen Zustimmung man erlangen mußte. Ein Termin fand statt, schließlich wurden die Papiere in Paris bei dem eigens dafür bezeichneten Friedensrichter hinterlegt. Und man wartete nur noch auf das Protokoll, das die Erteilung der amtlichen Vormundschaft bestätigte, als die Huberts nachträglich Bedenken bekamen.
Hätten sie sich nicht, bevor sie Angélique also adoptierten, bemühen müssen, ihre Familie ausfindig zu machen? Falls die Mutter noch lebte, woher nahmen sie dann das Recht, über die Tochter zu verfügen, ohne völlige Gewißheit darüber zu haben, daß sich wirklich niemand um sie kümmern wollte? Und dann war da im Grunde noch jenes Unbekannte, dieser möglicherweise verderbte Stamm, aus dem das Kind vielleicht hervorging, über den sie sich früher schon Gedanken gemacht hatten und der sie zu dieser Stunde von neuem mit Sorge erfüllte. Sie quälten sich so sehr damit, daß sie nicht mehr schlafen konnten.
Kurz entschlossen reiste Hubert nach Paris. Das war ein aufregendes Ereignis in seinem ruhigen Dasein. Er belog Angélique, er sagte ihr, seine Anwesenheit in Paris sei zur Regelung der Vormundschaft notwendig. Innerhalb von vierundzwanzig Stunden hoffte er alles zu erfahren. Doch in Paris verflossen die Tage, bei jedem Schritt richteten sich neue Hindernisse auf, er verbrachte dort eine Woche, wurde von einem zum anderen geschickt und lief ganz verstört und fast unter Tränen die Straßen ab. Im Fürsorgeamt empfing man ihn zunächst äußerst schroff. Die Vorschrift der Behörde besagt, daß die Kinder bis zu ihrer Volljährigkeit nicht über ihre Herkunft unterrichtet werden. An drei Vormittagen hintereinander schickte man ihn wieder fort. Er mußte hartnäckig bleiben, sein Anliegen in vier Büros auseinandersetzen, sich heiser reden, indem er sich als amtlicher Vormund vorstellte, ehe ein Abteilungsleiter, ein großer Hagerer, sich gnädigst bereit fand, ihn darüber zu unterrichten, daß genaue Unterlagen völlig fehlten. Die Behörde wußte nichts, eine Hebamme hatte das Kind AngéliqueMarie eingeliefert, ohne die Mutter zu nennen. Verzweifelt wollte er schon die Rückreise nach Beaumont antreten, als ein Gedanke ihn ein viertes Mal zu dem Amt zurückführte und ihn um Einsichtnahme in den Geburtsschein bitten ließ, der ja den Namen der Hebamme tragen mußte. Das war wiederum eine schwierige Angelegenheit. Endlich wußte er den Namen, Frau Foucart, und er erfuhr sogar, daß diese Frau im Jahre 1850 in der Rue des DeuxEcus gewohnt hatte.
Da begannen die Laufereien von neuem. Dieses Stück der Rue des DeuxEcus war abgerissen, kein Krämer in den benachbarten Straßen erinnerte sich an Frau Foucart. Hubert sah im Adreßbuch nach: der Name war nicht mehr darin zu finden. Er fand sich damit ab, weitersuchen zu müssen, er las alle Aushängeschilder und ging zu jeder Hebamme in die Wohnung hoch; und damit hatte er Erfolg, er hatte das Glück, an eine alte Frau zu geraten, die gleich losschrie:
Wie! Und ob sie Madame Foucart kennte! Eine so verdienstvolle Person, die soviel Unglück gehabt hätte! Sie wohne Rue Censier, am anderen Ende von Paris.
Er lief dorthin.
Durch die Erfahrung belehrt, hatte er sich vorgenommen, hier diplomatisch vorzugehen. Doch Frau Foucart, eine wuchtig auf kurzen Beinen stehende gewaltige Frau, ließ ihn die Fragen, die er sich vorher zurechtgelegt, nicht in schöner Reihenfolge vor ihr ausbreiten. Sowie er die Vornamen des Kindes und das Datum der Einlieferung bei der Fürsorge verlauten ließ, legte sie von selber los, erzählte sie die ganze Geschichte, entlud sich ihr ganzer Groll in einem Schwall von Worten.
Ach, die Kleine lebte! Na, sie konnte sich schmeicheln, ein tolles Luder zur Mutter zu haben! Ja, Madame Sidonie, wie man sie, seit sie Witwe war, nannte, habe sehr angesehene Verwandte, ein Bruder sei Minister, wie erzählt wurde, was sie jedoch nicht hinderte, die übelsten Geschäfte zu machen! Und sie setzte ihm auseinander, auf welche Weise sie sie kennengelernt hatte, als das liederliche Weibsbild in der Rue SaintHonore einen Handel mit Obst und Öl aus der Provence62 unterhielt, nachdem sie und ihr Mann aus Plassans nach Paris gekommen waren, um ihr Glück zu versuchen. Fünfzehn Monate nach dem Tode des Ehemanns hatte sie eine Tochter bekommen, ohne recht zu wissen, von wem sie sie eigentlich hatte, denn sie war herzlos wie eine Rechnung, kalt wie ein Wechselprotest, gleichgültig und brutal wie ein Gerichtsvollzieher. Einen Fehltritt verzeiht man, aber so eine Undankbarkeit! Hatte nicht sie, Frau Foucart, nachdem der Laden durchgebracht war, sie während ihres Wochenbettes ernährt, hatte sie sich nicht so weit aufgeopfert, daß sie ihr das Kind vom Halse schaffte, indem sie die Kleine zur Fürsorge brachte? Und zum Lohn war es ihr, als sie ihrerseits in Verlegenheit geraten, nicht einmal gelungen, das Kostgeld für einen Monat zurückzukriegen, ja nicht einmal fünfzehn Francs, die sie ihr ohne Quittung geliehen hatte. Heute hatte Madame Sidonie in der Rue du FaubourgPoissonnière einen kleinen Laden und drei Zimmer im Zwischenstock inne, wo sie unter dem Vorwand, Spitzen zu verkaufen, alles mögliche verkaufte. Ach ja, ach ja, eine Mutter von der Sorte sollte man besser gar nicht erst kennen!
Eine Stunde später schlich Hubert um Frau Sidonies Laden herum. Er erblickte dort flüchtig eine magere, bleiche Frau ohne Alter und ohne Geschlecht, angetan mit einem abgetragenen schwarzen Kleid, das Spuren von allen Arten verdächtiger Gewerbe aufwies. Die Erinnerung an ihre durch einen Zufall geborene Tochter hatte wohl niemals dieses Trödlerinnenherz erwärmt. Heimlich zog er Erkundigungen ein, erfuhr Dinge, die er niemandem wiedererzählte, nicht einmal seiner Frau. Doch zögerte er noch, ging er ein letztes Mal an dem geheimnisvollen schmalen Laden vorbei. Sollte er sich nicht zu erkennen geben, eine Einwilligung zu erreichen suchen? Ihm als ehrenhaftem Manne oblag es, zu entscheiden, ob er das Recht hatte, so das Band für immer zu durchtrennen. Jäh drehte er dem Laden den Rücken zu und kehrte am Abend nach Beaumont zurück.
Hubertine hatte soeben bei Herrn Grandsire erfahren, daß das Protokoll für die amtliche Vormundschaft unterzeichnet war. Und als Angélique sich Hubert in die Arme warf, sah er wohl an der flehenden Frage in ihren Augen, daß sie begriffen hatte, was der wahre Grund seiner Reise gewesen. Da sagte er zu ihr lediglich:
»Mein Kind, deine Mutter ist tot.«
Weinend umarmte Angélique beide voller Leidenschaft. Niemals wieder wurde darüber gesprochen. Sie war ihre Tochter.
Kapitel III
In jenem Jahr hatten die Huberts Angélique am Pfingstmontag zum Mittagessen zu den Ruinen der Burg Hautecœur mitgenommen, die zehn Meilen stromabwärts von Beaumont den Ligneul beherrscht; und am Morgen nach diesem ganzen mit Laufen und Lachen an der frischen Luft verbrachten Tag schlief das junge Mädchen noch, als die alte Standuhr der Werkstatt sieben schlug.
Hubertine mußte hinaufgehen und an die Tür klopfen.
»Na, du Faulenzerin! – Wir haben schon gefrühstückt.«
Schnell zog sich Angélique an, ging hinunter, um allein zu frühstücken. Als sie dann in die Werkstatt kam, wo sich Hubert und seine Frau soeben an die Arbeit gemacht hatten, sagte sie:
»Ach, hab ich geschlafen! Und dieses Meßgewand, das wir für Sonntag zugesagt haben!«
Die Werkstatt, deren Fenster auf den Garten hinausgingen, war ein weitläufiger Raum, der in seinem ursprünglichen Zustand fast unberührt erhalten geblieben war. Die beiden Hauptbalken und die drei hervortretenden Querbalken an der Decke hatten nicht einmal Putz abbekommen, waren stark angeräuchert, wurmstichig und ließen unter dem abgeplatzten Gips die Latten in den Zwischenräumen sehen. Einer der Kragsteine, die die Hauptbalken stützten, trug eine Jahreszahl, 1463, zweifellos das Baujahr. Der gleichfalls aus Stein bestehende, abgebröckelte und rissige Kamin bewahrte seine schlichte Vornehmheit mit seinen schlanken Pfosten, seinen Konsolen, seinem durch eine Bekrönung abgeschlossenen Rauchfang; auf dem Fries konnte man sogar noch, gleichsam zerlaufen vor Alter, eine kindliche Skulptur erkennen, einen Sankt Clarus63, Schutzpatron der Sticker. Doch der Kamin wurde nicht mehr benutzt, aus dem Feuerloch hatte man durch Anbringen von Brettern einen offenen Schrank gemacht, in dem sich Zeichnungen häuften; und jetzt wurde das Zimmer mit einem Ofen geheizt, mit einer großen gußeisernen Glocke, deren Rohr an der Decke entlanglief und in den Rauchfang mündete. Die schon wackeligen Türen stammten aus der Zeit Ludwigs XIV. Platten des alten Parketts verfaulten vollends zwischen neueren Brettchen, die eins nach dem anderen in jedes Loch eingefügt worden waren. Fast hundert Jahre hielt der oben verblichene, unten roststreifige, mit Salpeterflecken übersäte gelbe Anstrich der Wände schon. Alle Jahre sprach man davon, das Zimmer neu streichen zu lassen, ohne sich dazu entschließen zu können, weil man gegen jede Veränderung war.
Hubertine, die vor dem Stickrahmen saß, auf den das Meßgewand gespannt war, hob den Kopf und sagte:
»Du weißt, wenn wir es Sonntag abliefern, habe ich dir einen Korb voll Stiefmütterchenpflanzen für deinen Garten versprochen.«
Fröhlich rief Angélique aus:
»Das stimmt ... Oh, ich werde mich daranmachen! – Aber wo ist denn nur mein Fingerling? Das Handwerkszeug macht sich davon, wenn man nicht mehr arbeitet.« Sie schob den alten elfenbeinernen Fingerling auf das zweite Glied ihres kleinen Fingers, und sie setzte sich auf die andere Seite des Stickrahmens, dem Fenster gegenüber.
Seit Mitte des vorigen Jahrhunderts war nicht eine Veränderung in der Einrichtung der Werkstatt vorgenommen worden. Die Moden wechselten, die Stickereikunst wandelte sich, aber man fand noch immer dort an der Wand befestigt das Klappbrett, die Holzleiste, auf der der Stickrahmen aufliegt, den am anderen Ende ein beweglicher Bock trägt. In den Ecken schliefen altertümliche Handwerkszeuge: eine Goldhaspel mit ihren Zahnrädern und ihren Haspelarmen, um das Gold von den Spulen auf die Bretsche zu wickeln, ohne es zu berühren; ein Handrad, eine Art Winde, die die Fäden zusammendrehte und die man an der Wand befestigte; Tambourierrahmen in allen Größen, überzogen mit ihrem Taft und ihrem Holzreifen, auf denen man mit dem Tambourierhaken stickte. Auf einem Brett war eine alte Sammlung von Lochzangen für die Goldplättchen aufgereiht, und man sah dort auch ein Überbleibsel, einen kupfernen Blaker, den klassischen breiten Leuchter der alten Sticker. In den Ösen eines Halters, der aus einem angenagelten Riemen hergestellt war, hingen Punzen, Klöpfel, Hämmer, Messer zum Ausschneiden des Pergaments, Mennelurds64, Bossierhölzer aus Buchsbaum, um die Fäden zu modellieren, je nachdem, wie man sie verwendet. Unter dem Tisch aus Lindenholz, auf dem zugeschnitten wurde, stand eine große Garnwinde, deren zwei bewegliche Arme aus Weidenholz ein Gebinde roter Wolle spannten. Ketten von Spulen mit lebhaft farbigen Seiden hingen, aufgereiht auf einer Schnur, neben der Truhe. Auf dem Fußboden stand ein Korb mit leeren Spulen. Ein Bindfadenknäuel war soeben von einem Stuhl gefallen und hatte sich dabei entrollt.
»Ach, das schöne Wetter, das schöne Wetter!« begann Angélique wieder. »Da macht es Freude zu leben.«
Und bevor sie sich über ihre Arbeit beugte, verweilte sie noch einen Augenblick sinnend vor dem offenen Fenster, durch das der strahlende Maienmorgen hereindrang. Ein Zipfel Sonnenschein glitt vom First der Kathedrale, frischer Fliederduft stieg vom Garten der Bischofsresidenz auf. Sie lächelte geblendet, von Frühling gebadet. Als sei sie soeben eingeschlummert, fuhr sie dann zusammen und sagte:
»Vater, ich habe kein Gold für den Flachstich.«
Hubert, der die Pause eines Musters für einen Chorrock zu Ende durchstach, holte tief aus der Truhe ein Gebinde, schnitt es auf, faserte die beiden Enden aus, indem er das Gold abkratzte, das die Seide bedeckte; und er brachte das Gebinde in einer Pergamentrolle herbei.
»Das ist alles?«
»Ja, ja.«
Mit einem Blick hatte sie sich vergewissert, daß nichts mehr fehlte: die mit dem verschiedenfarbigen Gold, dem roten, dem grünen und dem blauen Gold bewickelten Bretschen; die Seidenspulen in allen Farbtönen; die Goldplättchen, Kantillen als Glanz oder Kräuselbouillon in dem Materialbehälter, einem Hutdeckel, den man als Schachtel benutzte; die feinen langen Nadeln, die Stahlzangen, die Fingerhüte, die Schere, der Wachsklumpen. All das hüpfte auf dem Stickrahmen, auf dem gespannten Stoff, den ein starkes graues Papier schützte.
Sie hatte eine Nadel mit Gold zum Flachstich eingefädelt. Doch gleich beim ersten Stich riß der Faden, und sie mußte von neuem ausfasern, indem sie ein wenig von dem Gold abkratzte, das sie in die Abfallschachtel warf, die ebenfalls auf dem Stickrahmen umherstand.
»Na endlich!« sagte sie, als sie ihre Nadel durchgestochen hatte.
Es herrschte tiefe Stille. Hubert hatte sich darangemacht, einen Stickrahmen zu bespannen. Er hatte die beiden Leisten auf das Klappbrett und den Bock gelegt, einander genau gegenüber, so daß er die karmesinrote Seide des Chorrockes, den Hubertine soeben an die Gurtstreifen angenäht hatte, fadengerade anbringen konnte. Und er schob die Schienen in die Schlitze der Leisten ein, wo er sie mit Hilfe von vier Pflöcken festmachte. Nachdem er dann rechts und links die seitliche Spannung hergestellt hatte, spannte er fertig, indem er die Pflöcke zurücksteckte. Man hörte ihn mit den Fingerspitzen auf den Stoff klopfen, der wie eine Trommel widerhallte.
Angélique war eine selten gute Stickerin geworden, von einer Geschicklichkeit und einem Geschmack, über welche die Huberts selbst ganz erstaunt waren. Abgesehen von dem, was sie sie gelehrt hatten, brachte sie ihre Leidenschaftlichkeit mit, die den Blumen Leben, den Symbolen Glauben verlieh. Unter ihren Händen belebten sich Seide und Gold, ein mystischer Seelenflug verlieh den unscheinbarsten Ornamenten Schwung, sie gab sich ganz dieser Arbeit hin mit ihrer ständig wachen Einbildungskraft, ihrem Glauben an die Welt des Unsichtbaren. Einige ihrer Stickereien hatten die Diözese Beaumont so sehr in Aufregung versetzt, daß ein Priester, der Archäologe, und ein anderer, der Gemäldeliebhaber war, sie aufsuchten und in Verzückung gerieten vor ihren Madonnen, die sie mit den naiven Gestalten der Primitiven verglichen. Es war die gleiche Aufrichtigkeit, das gleiche Empfinden für das Jenseits, gleichsam beschlossen in einer peinlich genauen Vollkommenheit der Einzelheiten. Sie hatte die Gabe des Zeichnens, ein wahres Wunder, das ihr, ohne daß sie einen Lehrer gehabt hätte, allein durch ihre abendlichen Studien beim Lampenschein oft erlaubte, ihre Muster zu verbessern, von ihnen abzuweichen, ihrer Phantasie nachzugehen und mit der Spitze ihrer Nadel schöpferisch tätig zu sein. Daher auch traten die Huberts, die erklärten, die Beherrschung des Zeichnens sei für eine gute Stickerin notwendig, trotz ihrer langjährigen Tätigkeit in dem Gewerbe hinter sie zurück. In ihrer Bescheidenheit kam es mit ihnen so weit, daß sie nur noch Angéliques Gehilfen waren, sie mit allen Arbeiten an Prunkgewändern betrauten, für die sie ihr zuarbeiteten.
Was für strahlende und gottselige Wunder gingen vom Anfang bis zum Ende des Jahres durch ihre Hände! Sie lebte nur in Seide, Atlas, Samt, in Gold und Silberstoffen. Sie stickte Meßgewänder, Stolen65, Manipel66, Chorröcke, Dalmatiken67, Mitren68, Kirchenfahnen, Vela69 für Kelche und Ziborien. Doch vor allem kehrten die Meßgewänder beständig wieder mit ihren fünf Farben: dem Weiß für die Bekenner und die Jungfrauen, dem Rot für die Apostel und die Märtyrer, dem Schwarz für die Toten und die Fastentage, dem Violett für die unschuldigen Kindlein, dem Grün für alle Feste; und auch dem Gold, das häufig verwandt wurde, da es Weiß, Rot und Grün ersetzen konnte. In der Mitte des Kreuzes waren es immer dieselben Symbole, die Namenszeichen von Jesus und Maria, das von Strahlen umgebene Dreieck, das Lamm, der Pelikan, die Taube, ein Kelch, eine Monstranz, ein blutendes Herz unter Dornen, während auf dem Kreuzesstamm und auf den Kreuzesarmen Verzierungen oder Blumen entlangliefen, die ganze Ornamentik der alten Stilarten, die ganze Flora üppiger Blumen, Anemonen, Tulpen, Päonien, Granatblumen, Hortensien. Es verging keine Jahreszeit, in der sie nicht die symbolischen Ähren und Weintrauben neu entstehen ließ, in Silber auf Schwarz, in Gold auf Rot. Für die sehr kostbaren Meßgewänder nahm sie Gemälde als Vorlage, Köpfe von Heiligen und als zentrales Bild Mariä Verkündigung, die Krippe, den Kalvarienberg. Bald wurden die Goldborten unmittelbar auf den Untergrund gestickt, bald setzte sie die Streifen aus Seide oder Atlas auf Goldbrokat oder Samt. Und diese geheiligten Herrlichkeiten erblühten, erstanden eine nach der anderen unter ihren schmalen Fingern.
Das Meßgewand, an dem Angélique zu diesem Zeitpunkt arbeitete, war ein Meßgewand aus weißem Atlas, dessen Kreuz aus einer Garbe goldener Lilien bestand und mit Rosen in lebhaften Farben aus schattierter Seide durchflochten war. In der Mitte erstrahlte in einem Kranz mattgoldener Rosen sehr reich verziert das Namenszeichen Mariens in rotem und grünem Gold.
Seit einer Stunde, da sie in Flachstich die Blätter der kleinen goldenen Rosen vollendete, hatte nicht ein Wort die Stille gestört. Doch der eingefädelte Faden riß abermals, und als geschickte Arbeiterin fädelte sie ihn unter dem Stickrahmen tastend wieder ein. Als sie dann den Kopf hob, schien sie in einem tiefen Atemzug den ganzen Frühling zu trinken, der hereindrang.
»Ach!« murmelte sie. »War das gestern schön! – Wie gut doch die Sonne tut!«
Hubertine, die gerade ihren Faden wachste, schüttelte den Kopf.
»Ich, ich bin wie gerädert, ich fühle meine Arme nicht mehr. Ich bin eben nicht mehr sechzehn Jahre wie du; und wenn man so selten rauskommt!«
Sie machte sich jedoch sogleich wieder an die Arbeit. Sie bereitete die Lilien vor, indem sie an den bezeichneten Stellen ausgeschnittene Formen aus Pergament festnähte, um ein Relief zu erzielen.
»Und außerdem machen die ersten Sonnenstrahlen einem den Kopf benommen«, fügte Hubert hinzu, der seinen Stickrahmen gespannt hatte und sich jetzt anschickte, das Muster für die Prätexta70 des Chorrockes auf die Seide durchzustechen.
Angélique blickte noch immer unbestimmt, verloren in den Sonnenstrahl, der von einem Strebebogen der Kirche herniederfiel. Und sanft sagte sie:
»Nein, nein, ich hab mich so erquickt, ich habe mich erholt bei diesem ganzen Tag an der frischen Luft.«
Sie hatte das kleine goldene Blätterwerk beendet, sie machte sich an eine der üppigen Rosen, wobei sie ebenso viele eingefädelte Nadeln wie Seidenschattierungen bereithielt, mit Spalt und Rückstichen stickend in derselben Richtung wie die Bewegung der Blütenblätter. Und trotz der Feinheit dieser Arbeit strömten jetzt die Erinnerungen an den Vortag, den sie vorhin im stillen noch einmal erlebt hatte, über ihre Lippen, brachen so zahlreich aus ihr heraus, daß sie gar nicht wieder aufhörte. Sie erzählte vom Aufbruch, vom weiten Land, vom Mittagessen dort unten in den Ruinen von Hautecœur auf den Steinfliesen eines Saales, dessen eingestürzte Mauern hoch über den Ligneul aufragten, der unten in fünfzig Meter Tiefe zwischen den Weiden dahinfloß. Sie war ganz erfüllt davon, von diesen Ruinen, von diesen unter dem Dornengestrüpp verstreuten Gebeinen, die davon zeugten, wie ungeheuer groß der Koloß gewesen, als er aufrecht dastand und die beiden Täler beherrschte. Der sechzig Meter hohe, seiner Krone beraubte, gespaltene Bergfried stand trotz allem fest auf seinen fünfzehn Fuß starken Grundmauern. Zwei Türme hatten ebenfalls widerstanden, der Turm Karls des Großen71 und der Davidsturm, die durch einen fast unversehrt erhaltenen Mittelwall miteinander verbunden waren. Im Innern fand man einen Teil der Gebäude wieder, die Kapelle, den Gerichtssaal, Gemächer; und dies schien von Riesen erbaut, die Treppenstufen, die Fenstersimse, die Bänke auf den Terrassen, in einem für die heutigen Geschlechter übergroßen Maßstab. Es war eine ganze befestigte Stadt, fünfhundert Krieger konnten hier einer Belagerung von dreißig Monaten standhalten, ohne daß es ihnen an Munition oder Lebensmitteln gefehlt hätte. Seit zwei Jahrhunderten sprengten Wildrosenbüsche die Ziegel der unteren Räume auseinander, Flieder und Goldregen blühten auf den Trümmern der eingestürzten Decken, eine Platane war im Kamin des Wachsaales gewachsen. Doch wenn bei Sonnenuntergang das Gerippe des Bergfrieds seinen Schatten über drei Meilen bebauten Landes ausstreckte und wenn die ganze Burg, die gewaltig wirkte im Abendnebel, wieder zu erstehen schien, spürte man noch die einstige Allgewalt, die derbe Kraft, welche aus ihr die uneinnehmbare Festung gemacht hatte, vor der sogar die Könige Frankreichs zitterten.
»Und ich bin sicher«, fuhr Angélique fort, »es hausen Seelen darin, die nachts umgehen. Man hört alle möglichen Stimmen, überall gibt es Tiere, die einen anschauen, und als ich mich beim Fortgehen noch einmal umdrehte, habe ich sehr wohl gesehen, wie große weiße Gestalten über den Mauern schwebten ... Nicht wahr, Mutter, Ihr kennt doch die Geschichte der Burg?«
Hubertine lächelte.
»Oh, Geister! Ich, ich habe nie welche gesehen.«
Aber in Wirklichkeit kannte sie die Geschichte, die sie in einem Buch gelesen, und sie mußte sie auf die drängenden Fragen des jungen Mädchens hin von neuem erzählen.
Das Gebiet gehörte zum Bistum Reims seit dem heiligen Remigius, der es von Chlodwig72 erhalten hatte. Ein Erzbischof, Severinus, ließ in den ersten Jahren des zehnten Jahrhunderts in Hautecœur eine Festung errichten, um das Land gegen die Normannen zu schützen, die die Oise hinaufkamen, in die sich der Ligneul ergießt. Im darauffolgenden Jahrhundert gab es ein Nachfolger des Severinus dem jüngsten Sohn des Hauses der Normandie, Norbert, zum Lehen gegen einen jährlichen Pachtzins von sechzig Sous73 und unter der Bedingung, daß die Stadt Beaumont und ihre Kirche frei blieben. So wurde Norbert I. das Oberhaupt der Marquis d˜Hautecœur, deren berühmtes Geschlecht seitdem die Geschichte erfüllte. Zur Zeit Hervés IV., der zweimal wegen Raubes von kirchlichen Gütern mit dem Bann belegt wurde, ein Wegelagerer war und mit eigener Hand dreißig Bürgern auf einmal die Kehle durchstach, ließ Ludwig der Dicke74 den Hauptturm schleifen, weil Hervé gewagt hatte, ihn zu bekriegen. Raoul I., der mit Philipp August75 an einem Kreuzzug teilnahm, kam vor Akka durch einen Lanzenstoß ins Herz ums Leben. Doch der Berühmteste war Johann V., der Große, der im Jahre 1225 die Festung wiederaufbaute, in weniger als fünf Jahren diese furchtgebietende Burg Hautecœur errichtete, in deren Schutz er eine kurze Zeit lang vom Throne Frankreichs träumte; und nachdem er den Metzeleien von zwanzig Schlachten entkommen war, starb er als Schwager des Königs von Schottland76 in seinem Bett. Dann kamen Félicien III., der barfuß nach Jerusalem pilgerte, Hervé VII., der seine Rechte auf den schottischen Thron geltend machte, andere noch, Mächtige und Edle, durch Jahrhunderte hindurch bis hin zu Johann IX., der unter Mazarin77 den Schmerz erlebte, zusehen zu müssen, wie die Burg geschleift wurde. Nach einer letzten Belagerung sprengte man die Gewölbe der Türme und des Bergfrieds, steckte man die Gebäude in Brand, in denen Karl VI.78 in seinem Wahnsinn Zerstreuung gesucht und die fast zweihundert Jahre später Heinrich IV.79 acht Tage lang mit Gabrielle d˜Estrées80 bewohnt hatte. Alle diese königlichen Erinnerungen schliefen jetzt unter dem Grase.
Ohne ihre Nadel still zu halten, hörte Angélique leidenschaftlich erregt zu, als sei die Erscheinung jener dahingegangenen Herrlichkeiten auf ihrem Stickrahmen erstanden, je mehr die Rose in dem zarten Leben der Farben darauf Gestalt annahm. Ihre Unkenntnis der Geschichte ließ die Ereignisse gewichtiger erscheinen, versetzte sie auf den Boden einer wunderbaren Legende.
Sie erbebte darob in entzücktem Glauben, die Burg erstand wieder, wuchs bis zu den Toren des Himmels empor, die Hautecœurs waren die Vettern der Heiligen Jungfrau.
»Und«, fragte sie, »unser neuer Bischof, Monsignore81 d˜Hautecœur, ist dann also ein Nachkomme dieser Familie?«
Hubertine erwiderte, der Bischof müsse von einer jüngeren Linie abstammen, da die ältere seit langem ausgestorben sei. Es sei sogar eine sonderbare Rückkehr, denn jahrhundertelang hätten die Marquis d˜Hautecœur und die Geistlichkeit von Beaumont in Fehde gelebt. Gegen 1150 nahm ein Abt den Bau der Kirche einzig mit den Geldmitteln seines Ordens in Angriff; daher auch fehlte es bald an Geld, das Bauwerk war erst bis zur Höhe der Gewölbe der Seitenkapellen gediehen, und man mußte sich damit begnügen, das Schiff mit einem Holzdach zu decken. Achtzig Jahre gingen dahin, Johann V. hatte gerade die Burg wiederaufgebaut, als er dreihunderttausend Pfund stiftete, die es, zusammen mit anderen Summen, gestatteten, den Bau der Kirche weiterzuführen. Man führte das Schiff vollends auf. Die beiden Türme und die große Vorderfront wurden erst sehr viel später, um 1430, mitten im fünfzehnten Jahrhundert, vollendet. Um Johann V. seine Freigebigkeit zu vergelten, hatte ihm der Klerus, ihm und seinen Nachkommen, das Recht der Bestattung in einer Kapelle der Apsis zugebilligt, die dem heiligen Georg82 geweiht ist und die seitdem die HautecœurKapelle genannt wurde. Doch die guten Beziehungen konnten kaum andauern, die Burg gefährdete ständig die Freiheiten von Beaumont, unaufhörlich kamen Feindseligkeiten um Fragen des Tributes und der Vorherrschaft zum Ausbruch. Eine Frage vor allem, nämlich die Erhebung von Brückengeld, womit die Burgherren die Schiffahrt auf dem Ligneul zu belegen trachteten, verewigte die Streitigkeiten, als der große Wohlstand der Unterstadt mit ihren Manufakturen feiner Leinwand zutage trat. Seit jener Zeit vermehrte sich der Reichtum Beaumonts von Tag zu Tag, während der Reichtum derer d˜Hautecœur abnahm, bis zu dem Augenblick, da, nachdem die Burg geschleift worden, die Kirche triumphierte. Ludwig XIV. machte eine Kathedrale aus ihr, ein Bischofssitz wurde auf dem ehemaligen Anwesen der Mönche erbaut: und der Zufall wollte es heute, daß ausgerechnet ein Hautecœur als Bischof zurückkam, dieser immer noch aufrecht dastehenden Geistlichkeit zu gebieten, die nach vierhundert Jahren des Kampfes seine Ahnen besiegt hatte.
»Aber«, sagte Angélique, »der Bischof ist verheiratet gewesen. Er hat einen erwachsenen Sohn von zwanzig Jahren, nicht wahr?«
Hubertine hatte die Schere genommen, um eine der Musterformen aus Pergament zurechtzuschneiden.
»Ja, Abbé Cornille hat mir das erzählt. Oh, eine recht traurige Geschichte ... Der Bischof ist mit einundzwanzig Jahren Hauptmann unter Karl X.83 gewesen. Mit vierundzwanzig Jahren nahm er 1830 seinen Abschied, und man behauptet, er habe bis in seine vierziger Jahre ein vergnügungssüchtiges Leben geführt, voller Reisen, Abenteuer, Duelle. Eines Abends begegnete er bei Freunden auf dem Lande der sehr reichen, wunderbar schönen Tochter des Grafen de Valencay, Paula, die kaum neunzehn Jahre alt war, also zweiundzwanzig Jahre jünger als er. Er liebte sie bis zum Wahnsinn, und sie betete ihn an, man mußte die Heirat beschleunigen. Damals kaufte er die Ruinen von Hautecœur für ein Spottgeld zurück, für zehntausend Francs, glaube ich, in der Absicht, die Burg instand zu setzen, denn er träumte davon, sich mit seiner Frau dort niederzulassen. Neun Monate lang hatten sie tief in einem alten Besitztum in Anjou84 verborgen gelebt und sich geweigert, irgend jemand zu sehen, weil ihm die Stunden zu rasch verrannen ... Paula bekam einen Sohn und starb.«
Hubert, der gerade die Zeichnung mit weißen Fäden umstoch, sah sehr blaß aus, als er aufblickte.
»Ach, der Unglückliche!« murmelte er.
»Man erzählt, er wäre fast daran gestorben«, fuhr Hubertine fort. »Eine Woche später trat er in den Orden ein. Das ist zwanzig Jahre her, und heute ist er Bischof ... Aber man erzählt sich auch noch, er habe sich zwanzig Jahre lang geweigert, seinen Sohn zu sehen, jenes Kind, das seine Mutter das Leben gekostet hatte. Er hatte es sich vom Halse geschafft, indem er es bei einem Onkel seiner Frau, einem alten Abbé, unterbrachte, wollte nichts mehr von dem Kind erfahren und suchte es ganz zu vergessen. Eines Tages, als man ihm ein Bild des Kleinen schickte, glaubte er seine geliebte Tote wiederzusehen, man fand ihn starr auf dem Fußboden liegend, als habe ein Hammerschlag ihn niedergestreckt ... Und dann haben wohl das Alter, das Gebet jenen tiefen Gram gemildert, denn der gute Abbé Cornille sagte mir gestern, der Bischof habe jetzt endlich seinen Sohn zu sich gerufen.«
Angélique, die die Rose vollendet und so frisch gestaltet hatte, daß Duft dem Atlas zu entströmen schien, schaute wieder aus dem besonnten Fenster, mit traumversunkenen Augen. Sie wiederholte mit leiser Stimme:
»Der Sohn des Bischofs ...«
Hubertine beendete ihre Geschichte.
»Ein junger Mann, schön wie ein Gott, scheint es. Sein Vater wünschte einen Priester aus ihm zu machen. Aber der alte Abbé hat nicht gewollt, weil es dem Kleinen gänzlich an Berufung dazu fehlt ... Und Millionen! Fünfzig Millionen, nach dem, was man erzählt! Ja, seine Mutter soll ihm fünf Millionen hinterlassen haben, die in Grundstücken in Paris angelegt wurden und jetzt einen Wert von mehr als fünfzig ausmachen sollen. Kurzum, reich wie ein König!«
»Reich wie ein König, schön wie ein Gott«, wiederholte unbewußt Angélique mit ihrer verträumten Stimme. Und gedankenverloren nahm sie vom Stickrahmen eine mit Goldfaden bewickelte Bretsche, um sich an das Übersticken einer großen Lilie zu machen. Nachdem sie den Faden in den Spalt der Bretsche gelegt hatte, befestigte sie sein Ende mit einem Seidenstich ganz dicht an der Kante des Pergaments, was die plastische Stärke bewirkte. Dann sagte sie noch, während sie arbeitete, ohne ihren Gedanken zu Ende zu führen, versunken ins Unfaßliche ihres Verlangens: »Oh, ich, ich wünschte, ich wünschte ...«
Tiefe Stille sank wieder herab, durch die nur der gedämpfte Gesang aus der Kirche tönte. Hubert übertrug seine Zeichnung, indem er mit einem Pinsel über alle durchgestochenen Linien der Pause fuhr; und die Ornamente des Chorrockes erschienen so in Weiß auf der roten Seide. Er war es, der zuerst wieder sprach:
»Jene alten Zeiten, wie herrlich war es damals! Die vornehmen Herren trugen Gewänder, die ganz steif waren von Stickereien. In Lyon verkaufte man den Stoff bis zu sechshundert Pfund die Elle. Man muß die Satzungen und Vorschriften der Stickermeister lesen, in denen gesagt wird, daß die Sticker des Königs das Recht haben, mit bewaffneter Gewalt die Arbeiterinnen der anderen Meister zu requirieren ... Und wir hatten Wappenschilder: blaues Feld mit goldgemustertem Balken, begleitet von drei ebensolchen Lilienblüten, zwei im Schildhaupt, eine im Schildfuß ... Ach, war das damals schön, aber es ist schon lange her!« Er schwieg, klopfte mit dem Fingernagel auf den Stickrahmen, um die Stäubchen davon zu entfernen. Dann fuhr er fort: »In Beaumont berichtet man von den Hautecœurs noch eine Sage, die meine Mutter mir oft erzählte, als ich klein war ... Eine furchtbare Pest verheerte die Stadt, die Hälfte der Einwohner war schon umgekommen, als Johann V., jener, der die Festung wiederaufgebaut hat, gewahr wurde, daß Gott ihm die Kraft sandte, die Geißel zu bekämpfen. Da begab er sich barfuß zu den Kranken, kniete nieder, küßte sie auf den Mund; und sobald seine Lippen sie berührt hatten und dabei sprachen: ›So Gott will, so will auch ich‹, waren die Kranken geheilt. Deshalb sind diese Worte der Wahlspruch der Hautecœurs geblieben, die alle seit jener Zeit die Pest heilen ... Ach! Stolze Männer! Ein fürstliches Geschlecht! Er, der Bischof, nannte sich Johann XII., bevor er in den Orden eintrat, und dem Vornamen seines Sohnes muß gleichfalls eine Zahl folgen, wie dem eines Fürsten.«
Jedes seiner Worte wiegte Angélique in ihrer Träumerei und ließ sie sie weiterträumen. Sie wiederholte mit derselben singenden Stimme:
»Oh! Ich wünschte, ich, ich wünschte ...« Während sie die Bretsche hielt, ohne den Faden zu berühren, sprengte sie das Gold, indem sie es wechselnd über die Form herüber und hinüber führte und es bei jeder Wendung mit einem Seidenstich befestigte. So erblühte nach und nach die große goldene Lilie. »Oh! Ich wünschte, ich wünschte, ich könnte einen Prinzen heiraten ... Einen Prinzen, den ich nie gesehen habe, der eines Abends, wenn der Tag sich neigt, kommt, mich bei der Hand nimmt und mich in einen Palast führt ... Und ich wünschte, er wäre sehr schön, sehr reich, oh, der Schönste, der Reichste, den die Erde jemals getragen hat! Pferde, die ich unter meinen Fenstern wiehern höre, Edelsteine, deren Flut auf meine Knie herabrieselt, Gold, ein Regen, eine Sündflut von Gold, das aus meinen beiden Händen fällt, sobald ich sie auf tue ... Und dann wünschte ich noch, mein Prinz müßte mich bis zum Wahnsinn lieben, und auch ich müßte ihn wie wahnsinnig lieben. Wir müßten sehr jung sein, sehr rein und sehr edel, immerdar, immerdar!«
Hubert hatte von seinem Stickrahmen abgelassen und war lächelnd näher getreten, während Hubertine dem jungen Mädchen freundschaftlich mit dem Finger drohte.
»Ach, du Eitle! Ach, du Unersättliche! Bist du denn unverbesserlich? Du hast ja eine blühende Phantasie mit deinem Wunsch, Königin zu sein. Dieser Traum da ist zwar weniger garstig als das Stehlen von Zucker oder unverschämte Antworten, aber im Grunde steckt der Teufel dahinter, Leidenschaft und Hoffart sind es, die da sprechen.«
Fröhlich sah Angélique sie an.
»Mutter, Mutter, was sagt Ihr da? – Ist es denn Sünde, zu lieben, was schön und reich ist? Ich liebe es, weil es schön ist, weil es reich ist und weil es mich, so scheint mir, da im Herzen wärmt ... Ihr wißt recht wohl, daß ich nicht eigennützig bin. Das Geld, ach! Ihr würdet sehen, was ich mit dem Gelde machte, wenn ich viel davon hätte. Es würde nur so über die Stadt regnen, es würde zu den Armen fließen. Ein wahrer Segen, keine Armut mehr! Zuerst würde ich Euch reich machen, Euch und Vater, ich würde Euch mit Kleidern und Gewändern aus Brokat sehen wollen wie eine vornehme Dame und einen vornehmen Herrn aus der alten Zeit.«
Hubertine zuckte die Achseln.
»Kleine Närrin! – Aber, mein Kind, du bist arm, du, du wirst einmal nicht einen einzigen Sou Mitgift bekommen. Wie kannst du von einem Prinzen träumen? Du würdest also einen Mann heiraten, der reicher ist als du?«
»Und ob ich ihn heiraten würde!« Und auf ihrem Gesicht malte sich höchstes Erstaunen. »Ach ja, ich würde ihn heiraten! – Da er ja dann Geld hätte, wozu sollte ich dann welches haben? Ich würde ihm alles verdanken, ich würde ihn nur um so mehr lieben.«
Diese siegreiche Schlußfolgerung entzückte Hubert. Er zog gern mit dem Kind auf Wolkenflügeln davon. Er rief:
»Sie hat recht.«
Doch seine Frau warf ihm einen unzufriedenen Blick zu. Sie wurde streng.
»Meine Tochter, du wirst schon noch sehen, du wirst das Leben noch kennenlernen.«
»Das Leben, das kenne ich.«
»Wo hättest du es kennenlernen sollen? – Du bist zu jung, du kennst das Böse nicht. Geh, das Böse ist da, und es ist allmächtig.«
»Das Böse, das Böse ...« Angélique sprach dieses Wort langsam aus, um seinen Sinn zu durchdringen. Und in ihren reinen Augen stand die gleiche unschuldige Verwunderung. Das Böse, sie kannte es wohl, die »Legenda aurea« hatte es ihr zur Genüge gezeigt. War nicht der Teufel das Böse? Und hatte sie nicht gesehen, wie der Teufel immer wieder erstand, aber immer wieder besiegt wurde? Bei jeder Schlacht blieb er, krumm und lahm geschlagen, jämmerlich am Boden liegen. »Das Böse, ach, Mutter! Wenn Ihr wüßtet, wie wenig es mich kümmert! – Man braucht sich nur zu überwinden, und man lebt glücklich.«
Hubertine machte eine Gebärde kummervoller Besorgnis.
»Du wirst es mich noch bereuen lassen, daß ich dich in diesem Hause erzogen habe, nur mit uns, abseits von allen, so unwissend über das Leben ... Von was für einem Paradies träumst du denn? Wie stellst du dir die Welt vor?«
Das Gesicht des jungen Mädchens wurde von einer unermeßlichen Hoffnung erhellt, während es, vornübergeneigt, mit der gleichen stetigen Bewegung die Bretsche führte.
»Ihr haltet mich wohl für recht dumm, Mutter? – Die Welt ist voller braver Leute. Wenn man rechtschaffen ist und arbeitet, wird man dafür immer belohnt ... Oh, ich weiß, es gibt auch einige schlechte Menschen. Aber zählen die denn? Man verkehrt nicht mit ihnen, sie werden schnell bestraft ... Und dann, seht Ihr, die Welt, die wirkt von weitem wie ein großer Garten auf mich, ja, wie ein unermeßlicher Park voller Blumen und Sonne. Es ist so schön zu leben, das Leben ist so süß, daß es gar nicht schlecht sein kann.« Gleichsam berauscht vom Glanz der Seiden und des Goldes, ereiferte sie sich. »Das Glück, das ist etwas sehr Einfaches. Wir, wir sind glücklich. Und warum? Weil wir uns lieben. Seht Ihr, schwerer ist das nicht ... Auch wenn derjenige kommt, den ich erwarte, dann werdet Ihr es ja erleben. Wir werden uns gleich erkennen. Ich habe ihn nie gesehen, doch ich weiß, wie er sein muß. Er wird eintreten und sagen: ›Ich komme, dich zu holen.‹ Dann werde ich sagen: ›Ich habe dich erwartet, ich folge dir.‹ Ich werde ihm folgen, und es wird sein für immerdar. Wir werden in einen Palast ziehen und in einem goldenen, mit Diamanten besetzten Bett schlafen. Oh! Das ist doch sehr einfach!«
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