Kitabı oku: «Ein feines Haus»

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Ein feines Haus

Emile Zola

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Vierzehntes Kapitel

Fünfzehntess Kapitel

Sechzehntes Kapitel

Siebenzehntes Kapitel

Achtzehntes Kapitel

Erstes Kapitel

In der Rue Neuve-Saint-Augustin wurde die mit drei Koffern beladene Droschke, mit der Octave vom Gare de Lyon1 kam, durch ein Wagengedränge aufgehalten. Trotz der schon empfindlichen Kälte dieses trüben Novembernachmittags ließ der junge Mann ein Wagenfenster herunter. Er war überrascht über den jähen Einbruch der Dunkelheit in diesem Stadtviertel mit den zu engen, über und über von Menschen wimmelnden Straßen. Die Flüche der Kutscher, die auf die schnaubenden Pferde einhieben, das unaufhörliche Ellbogengestoße auf den Bürgersteigen und die dichtgedrängte Reihe der von Verkäufern und Kunden überquellenden Läden machten ihn ganz benommen; er hatte sich Paris sauberer vorgestellt, und er war auch nicht auf einen so tollen Betrieb gefaßt gewesen; er fühlte, daß diese Stadt den Begierden handfester Kerle offenstand.

Der Kutscher hatte sich herabgebeugt.

»Es ist doch in der Passage Choiseul?«

»Nicht doch, in der Rue de Choiseul ... Ein neues Haus, glaube ich.«

Und die Droschke brauchte nur um die Ecke zu biegen; es war das zweite Haus, ein großes vierstöckiges Haus, dessen steinerne Front inmitten des rostfarbenen Putzes der alten Nachbarfassaden eine kaum gerötete Blässe bewahrte. Octave war ausgestiegen und stand auf dem Bürgersteig, er musterte das Haus mit einem mechanischen abschätzenden Blick, vom Seidenwarengeschäft im Erdgeschoß und im Zwischenstock bis hinauf zu den zurücktretenden Fenstern im vierten Stock, die auf einen schmalen Altan gingen. Im ersten Stock stützten Frauenköpfe einen Balkon mit reich verziertem Gußeisengeländer. Die Fenster hatten verschnörkelte Einfassungen, die grob nach Schablonen herausgemeißelt waren; und unten entrollten über der mit Zierat noch mehr überladenen Toreinfahrt zwei Amoretten eine Zierleiste, auf der die Hausnummer stand, die nachts von einer innen angebrachten Gaslampe erleuchtet wurde.

Ein dicker blonder Herr, der aus dem Hausflur trat, blieb plötzlich stehen, als er Octave erblickte.

»Was! Sie sind schon da?« rief er. »Aber ich habe erst morgen mit Ihnen gerechnet!«

»Ja, ich bin einen Tag früher aus Plassans abgereist«, erwiderte der junge Mann. »Hat es denn mit dem Zimmer noch nicht geklappt?«

»O doch ... Ich habe es seit vierzehn Tagen gemietet und habʼs sofort eingerichtet, wie Sie mich gebeten haben. Einen Augenblick, ich werde Sie gleich hinbringen.« Trotz Octaves Einwendungen kehrte er ins Haus zurück.

Der Kutscher hatte die drei Koffer abgeladen. In der Conciergeloge2 stand ein würdevoller Mann mit langem, glattrasiertem Diplomatengesicht und überflog gewichtig den »Moniteur3«. Er geruhte jedoch, sich um diese Koffer zu kümmern, die man vor seiner Tür absetzte; und herzutretend fragte er seinen Mieter, den Architekten aus dem dritten Stock, wie er ihn zu nennen pflegte: »Herr Campardon, ist das der Betreffende?«

»Ja, Herr Gourd, das ist Herr Octave Mouret, für den ich das Zimmer im vierten Stock gemietet habe. Er wird dort oben nur schlafen und wird bei uns essen ... Herr Mouret ist ein Freund der Eltern meiner Frau, den ich Ihnen ans Herz lege.«

Octave betrachtete die mit Platten aus Stuckmarmor verkleidete Einfahrt, deren Deckengewölbe mit Rosetten geschmückt war. Der gepflasterte und auszementierte Hof im Hintergrund machte einen vornehmen, kalt-sauberen Eindruck; nur ein Kutscher rieb an der Stalltür mit einem Fell eine Kandare ab. Offenbar drang die Sonne niemals bis dort hinunter.

Unterdessen musterte Herr Gourd die Koffer. Er stieß mit dem Fuß dagegen, wurde in Anbetracht ihres Gewichts ganz eifrig zuvorkommend und sprach davon, einen Dienstmann zu holen, der sie über den Dienstbotenaufgang hinaufschaffen solle.

»Ich gehe fort, Frau«, rief er in die Conciergeloge hinein.

Diese Loge war ein kleiner Salon mit hellen Spiegelscheiben, der mit einem rotgeblümten Plüschteppich und Palisandermöbeln ausgestattet war; und durch eine halboffene Tür gewahrte man eine Ecke des Schlafzimmers, ein mit granatfarbenen Ripsvorhängen versehenes Bett. Die sehr üppige Frau Gourd, die eine Haube mit gelben Bändern aufhatte, saß lang ausgestreckt, die Hände nichtstuerisch gefaltet, in einem Sessel.

»Gut, gehen wir hinauf«, sagte der Architekt. Und als er die Mahagonitür des Hausflurs aufstieß und sah, welchen Eindruck Herrn Gourds schwarzes Samtkäppchen und seine himmelblauen Pantoffeln auf den jungen Mann gemacht hatten, setzte er hinzu: »Wissen Sie, er ist der ehemalige Kammerdiener des Herzogs von Vaugelade.«

»Aha!« machte Octave lediglich.

»Jawohl, und er hat die Witwe eines kleinen Gerichtsvollziehers aus Mort-la-Ville geheiratet. Da draußen besitzen sie sogar ein Haus. Aber sie warten, bis sie über dreitausend Francs Jahreszinsen verfügen, um sich dorthin zurückziehen zu können ... Oh, sehr anständige Conciergeleute!«

Hausflur und Treppe waren von schreiendem Luxus. Unten trug eine weibliche Figur, eine Art Neapolitanerin, die über und über vergoldet war, eine Amphora4 auf dem Kopf, aus der drei mit Mattglasglocken versehene Gasarme herausragten. Die weißen, rosa eingefaßten Stuckmarmorplatten stiegen in dem runden Treppenhaus regelmäßig empor; das mit Mahagoniholz belegte gußeiserne Treppengeländer wirkte wie Altsilber, das mit goldenem Blättergewirr verziert war. Die Stufen bedeckte ein von kupfernen Stangen festgehaltener roter Läufer. Was Octave aber beim Eintreten besonders beeindruckte, war eine Treibhauswärme, ein lauer Atem, den ihm ein Heizungsloch gleich einem Mund ins Gesicht blies.

»Nanu!« sagte er. »Die Treppe ist geheizt?«

»Aber natürlich«, erwiderte Campardon. »Das lassen sich heutzutage alle Hausbesitzer etwas kosten, die was auf sich halten ... Das ist ein sehr feines Haus, ein sehr feines ...« Er wandte sich um, als durchforsche er die Mauern des Hauses mit dem Kennerblick eines Architekten. »Sie werden ja sehen, mein Lieber, es ist ein durch und durch feines Haus ... Und ausschließlich von feinen Leuten bewohnt!«

Während sie nun langsam hinaufstiegen, nannte er die Namen der Mieter. In jedem Stockwerk waren zwei Wohnungen, die eine lag zur Straße, die andere zum Hof zu, und ihre polierten Mahagonitüren lagen einander gegenüber. Zunächst sagte er kurz ein paar Worte über Herrn Auguste Vabre: das war der älteste Sohn des Hausbesitzers; im Frühjahr hatte er das Seiden Warengeschäft im Erdgeschoß übernommen, und er bewohnte auch den ganzen Zwischenstock. Im ersten Stock hatte sodann der andere Sohn des Hausbesitzers, Herr Théophile Vabre, mit seiner Gattin die Hofwohnung inne, und die Vorderwohnung hatte der Hausbesitzer selbst, ein ehemaliger Notar aus Versailles, der übrigens bei seinem Schwiegersohn, Herrn Duveyrier, dem Appellationsgerichtsrat, wohnte.

»Ein toller Bursche, und noch keine fünfundvierzig Jahre alt«, sagte Campardon und blieb einen Augenblick stehen. »Ganz nett, was?« Er stieg zwei Stufen höher, drehte sich jäh um und setzte hinzu: »Wasser und Gas in allen Stockwerken.«

Auf jedem Treppenabsatz befand sich ein hohes Fenster, durch dessen von einer Mäanderleiste eingefaßte Scheiben helles Tageslicht auf die Treppe fiel, und unter jedem Fenster stand eine schmale Samtbank. Der Architekt machte darauf aufmerksam, daß sich betagte Leute hier ausruhen könnten.

Als er dann über den zweiten Stock hinausging, ohne die Mieter zu nennen, wies Octave auf die Tür der großen Wohnung und fragte: »Und da?«

»Ach, da«, sagte Campardon, »Leute, die man nicht zu sehen bekommt, die niemand kennt ... Auf die könnte das Haus gern verzichten. Kurzum, Flecke sind überall zu finden ...« Er blies voller Geringschätzung leise vor sich hin. »Der Herr macht Bücher, glaube ich.«

Aber im dritten Stock zeigte er wieder sein zufriedenes Lachen. Die Hofwohnung war geteilt worden: dort wohnten Frau Juzeur, eine recht unglückliche kleine Frau, und ein sehr vornehmer Herr, der ein Zimmer gemietet hatte, wo er sich einmal wöchentlich geschäftehalber aufhielt. Während Campardon noch diese Erläuterungen gab, schloß er die Tür der anderen Wohnung auf.

»Hier sind wir bei mir«, erklärte er. »Warten Sie, ich muß Ihren Schlüssel holen ... Wir werden zuerst in Ihr Zimmer hinaufgehen, und nachher können Sie meine Frau begrüßen.«

Während der zwei Minuten, die Octave allein blieb, fühlte er, wie ihn das ernste Schweigen des Treppenhauses durchdrang. Er beugte sich in der lauen Luft, die aus dem Hausflur kam, über das Geländer; er hob den Kopf und horchte, ob nicht irgendein Geräusch von oben herabdrang. Es herrschte die Totenstille eines sorgfältig abgeschlossenen bürgerlichen Salons, in den nicht ein Hauch von außen hineingelangte. Hinter den schönen Türen aus glänzendem Mahagoniholz lagen gleichsam Abgründe der Ehrbarkeit.

»Sie werden vortreffliche Nachbarn haben«, sagte Campardon, der mit dem Schlüssel in der Hand wieder zum Vorschein kam. »In der Vorderwohnung die Josserands, eine ganze Familie, der Vater Kassierer in der Kristallwarenfabrik Saint-Joseph, zwei heiratsfähige Töchter; und neben Ihnen ein kleines Angestelltenehepaar, die Pichons, Leute, die nicht gerade im Geld schwimmen, aber eine ausgezeichnete Erziehung genossen haben ... Es muß doch alles vermietet werden, nicht wahr, selbst in einem Haus wie diesem.«

Nach dem dritten Stock hörte der rote Läufer auf, und an seine Stelle trat einfache graue Leinwand. Octave fühlte sich in seiner Eigenliebe dadurch leicht gekränkt. Ganz allmählich hatte ihn die Treppe mit Ehrfurcht erfüllt; er war ganz erregt, daß er in einem so feinen Haus – wie der Architekt sich ausgedrückt hatte – wohnen sollte. Als er hinter diesem in den Gang einbog, der zu seinem Zimmer führte, gewahrte er durch eine halboffene Tür eine junge Frau, die vor einer Wiege stand. Bei dem Geräusch hob sie den Kopf. Sie war blond und hatte helle, ausdruckslose Augen; und er nahm nur diesen sehr klaren Blick mit, denn die junge Frau errötete mit einemmal und stieß schamhaft, als werde sie bei etwas überrascht, die Tür zu.

Campardon hatte sich umgewandt, um zu wiederholen:

»Wasser und Gas in allen Stockwerken, mein Lieber.« Dann deutete er auf eine Tür, die zum Dienstbotenaufgang führte. Oben lagen die Mädchenkammern. Und hinten im Gang stehenbleibend, sagte er: »Hier sind wir endlich bei Ihnen.«

Das quadratische, ziemlich große Zimmer hatte eine graue, blaugeblümte Tapete und war sehr einfach möbliert. Neben dem Alkoven war ein winziger Waschraum ausgespart, gerade groß genug, damit man sich die Hände waschen konnte. Octave ging schnurstracks zum Fenster, durch das grünliches Licht hereinfiel. Traurig und sauber versank der Hof mit seinem regelmäßigen Pflaster und seiner Wasserleitung, deren kupferner Hahn glänzte. Und noch immer kein einziges Lebewesen, kein einziges Geräusch; nichts als die gleichförmigen Fenster, ohne ein Vogelbauer, ohne einen Blumentopf, diese Fenster, die die Eintönigkeit ihrer weißen Gardinen zur Schau stellten. Um die große kahle Mauer des Hauses zur Linken, die das Viereck des Hofes abschloß, zu verdecken, hatte man auch sie mit Fenstern versehen, mit aufgemalten falschen Fenstern, deren Läden ewig geschlossen waren und hinter denen das eingemauerte Leben der Nachbarwohnungen weiterzugehen schien.

»Aber ich werde ja ausgezeichnet wohnen!« rief Octave entzückt.

»Nicht wahr?« sagte Campardon. »Ich habe ja auch alles so besorgt, als wäre es für mich; und im übrigen habe ich die Weisungen befolgt, die in Ihren Briefen standen ... Das Mobiliar gefällt Ihnen also? Es ist alles da, was ein junger Mann braucht. Später können Sie weitersehen.« Und als Octave ihm dankend die Hände drückte und sich entschuldigte, daß er ihm diese ganzen Scherereien verursacht habe, fuhr der Architekt mit ernster Miene fort: »Nur, mein Bester, keinen Krach hier, vor allem keine Frau! – Mein Ehrenwort, wenn Sie eine Frau mitbrächten, so würde das einen Aufruhr geben.«

»Seien Sie unbesorgt!« murmelte der junge Mann ein wenig beunruhigt.

»Nein, ich muß Ihnen das sagen, ich selbst würde nämlich Ungelegenheiten bekommen ... Sie haben das Haus ja gesehen. Alles gute Bürger, und dazu von einer Sittenstrenge! Sie haben sich, unter uns gesagt, sogar ein bißchen zu sehr. Niemals ein lautes Wort, niemals mehr Geräusche, als Sie soeben gehört haben ... Oje, da würde Herr Gourd bestimmt Herrn Vabre holen, und wir beide wären schön dran! Um meiner Ruhe willen bitte ich Sie, mein Lieber: halten Sie das Haus in Ehren!«

Octave, der von so viel Ehrbarkeit angesteckt wurde, schwor, es in Ehren zu halten.

Da warf Campardon einen mißtrauischen Blick um sich und dämpfte die Stimme, als könnte man ihn hören, während er funkelnden Auges hinzufügte: »Was Sie draußen machen, das geht niemand was an. Paris ist groß genug, was? Man hat ja Platz ... Ich, ich bin im Grunde genommen Künstler, mir ist das schnuppe!«

Ein Dienstmann brachte die Koffer herauf. Als alles untergebracht war, blieb der Architekt väterlich dabei, während Octave Toilette machte. Danach stand er auf und sagte:

»Jetzt wollen wir hinuntergehen zu meiner Frau.«

Im dritten Stock sagte die Zofe, ein schmächtiges schwarzbraunes und kokettes Ding, die gnädige Frau sei beschäftigt. Um bei seinem jungen Freund nicht den Eindruck entstehen zu lassen, er komme ungelegen, zeigte ihm Campardon, der übrigens durch seine Erläuterungen von vorhin in Schwung gekommen war, die Wohnung: zuerst den großen, in Weiß und Gold gehaltenen, mit aufgesetzten Gesimsen reich verzierten Salon, der zwischen einem kleinen grünen Salon, den er in ein Arbeitszimmer umgestaltet hatte, und dem Schlafzimmer lag, das die beiden jetzt nicht betreten konnten, auf dessen überaus schmale Form und malvenfarbene Tapete er Octave aber ausdrücklich hinwies. Als er ihn darauf ins Eßzimmer führte, das über und über mit imitierten, durch Rundleisten und symmetrisch bosselierte Felder überaus verschnörkelten Holztäfeleien ausgestattet war, rief Octave hingerissen aus: »Das ist ja ganz großartig!«

An der Decke durchschnitten zwei große Risse die Felder, und in einer Ecke war die Farbe abgeblättert, so daß man den Putz sehen konnte.

»Ja, das macht Eindruck«, sagte der Architekt langsam, die Augen auf die Decke geheftet. »Sie verstehen, diese Häuser hier, die sind gebaut, um Eindruck zu machen ... Allerdings sollte man die Wände nicht allzusehr abklopfen. Noch keine zwölf Jahre ist das alles alt, und schon gehtʼs ab ... Die Fassade wird aus schönem Stein mit bildhauerischen Mätzchen hingesetzt, die Treppe wird dreifach lackiert, die Wohnungen werden vergoldet und bepinselt; und das schmeichelt den Leuten, das flößt Ansehen ein ... Oh, das ist noch solide genug, solange wie wir leben, hält das immer noch!«

Er ließ ihn erneut die Diele durchqueren, die ihr Licht durch ein Mattglasfenster erhielt. Links, zum Hof zu, lag ein zweites Zimmer, in dem seine Tochter Angèle schlief; und da es ganz in Weiß gehalten war, herrschte darin an diesem Novembernachmittag Grabestraurigkeit. Hinten am Gang lag sodann die Küche, in die der Architekt ihn durchaus führen wollte, denn er sagte, man müsse alles kennenlernen.

»Treten Sie doch ein«, sagte er mehrmals und stieß die Tür auf.

Aus der Küche drang fürchterlicher Lärm. Trotz der Kälte stand das Fenster weit offen. Die Ellbogen auf die Schutzstange vor dem Fenster gestützt, beugten sich die schwarzbraune Zofe und eine fette Köchin, eine geradezu überquellende Alte, auf den engen Schacht eines Innenhofes hinaus, der die in jedem Stockwerk einander gegenüberliegenden Küchen mit Licht versorgte. Sie schrien beide zugleich herum, reckten ihre prallen Hüften, während aus der Tiefe dieses Schlauches mit Gelächter und Flüchen vermischte pöbelhafte Stimmen heraufschollen. Das war gleichsam das Abflußrohr eines Gullys: die ganze Dienerschaft des Hauses war hier versammelt und ergötzte sich. Octave entsann sich der bürgerlichen Majestät des Hauptaufgangs.

Aber von einem Instinkt gewarnt, hatten sich die beiden Frauen umgewandt. Sie standen betroffen da, als sie den Hausherrn mit einem anderen Herrn erblickten. Ein kurzes, leises Pfeifen war zu hören, Fenster schlossen sich, alles sank in Totenstille zurück.

»Was ist denn, Lisa?« fragte Campardon.

»Herr Campardon«, erwiderte die Zofe ganz aufgeregt, »es war wieder mal Adèle, diese Schmutzliese. Sie hat die Eingeweide eines Kaninchens zum Fenster hinausgeworfen ... Der Herr sollten mal mit Herrn Josserand reden.«

Campardon blieb ernst, denn er war bestrebt, sich auf nichts einzulassen. Er kehrte in sein Arbeitszimmer zurück, während er zu Octave sagte:

»Sie haben alles gesehen. Die Wohnungen sind in jedem Stockwerk gleich. Meine eigene kostet zweitausendfünfhundert Francs Jahresmiete, und das im dritten Stock! Die Mieten steigen von Tag zu Tag ... Herr Vabre muß aus seinem Haus an die zweiundzwanzigtausend Francs jährlich herausholen. Und das wird sich noch erhöhen, denn es wird davon gesprochen, daß vom Place de la Bourse bis zur neuen Oper eine breite Straße angelegt werden soll ... Ein Haus, zu dem er den Grund und Boden vor kaum zwölf Jahren umsonst gekriegt hat, als damals das Dienstmädchen eines Drogisten jenes Großfeuer verursacht hatte!«

Als sie eintraten, erblickte Octave über einem Zeichentisch im hellen Licht des Fensters ein Heiligenbild mit einem prächtigen Rahmen, eine Muttergottes, vor deren offener Brust ein riesiges Herz in Flammen stand. Er vermochte eine gewisse Überraschung nicht zu unterdrücken; er blickte Campardon an, den er in Plassans als großen Spötter kennengelernt hatte.

»Ach, das habe ich Ihnen ja gar nicht gesagt«, versetzte dieser und wurde ein klein wenig rot, »ich bin zum Diözesanarchitekten ernannt worden, ja, in Evreux. Oh, an Bezahlung bekomme ich eine Lappalie, im ganzen kaum zweitausend Francs im Jahr. Aber zu machen ist gar nichts, von Zeit zu Zeit eine Reise dahin; im übrigen habe ich einen Inspektor dort ... Und sehen Sie, es macht viel aus, wenn man ›Regierungsbaumeister‹ auf seine Visitenkarten drucken lassen kann. Sie können sich nicht vorstellen, wieviel Aufträge mir das in der feinen Gesellschaft verschafft.« Beim Reden betrachtete er die Muttergottes mit dem lodernden Herzen. »Alles in allem«, fuhr er in einer jähen Anwandlung von Offenheit fort, »sind mir ihre Mätzchen schnuppe!«

Da Octave aber angefangen hatte zu lachen, bekam es der Architekt mit der Angst zu tun. Warum sollte er sich diesem jungen Mann anvertrauen? Er warf ihm einen scheelen Blick zu, setzte eine zerknirschte Miene auf, bemühte sich, seinen Satz zurückzunehmen.

»Sie sind mir schnuppe und sind mir auch wieder nicht schnuppe ... Mein Gott, ja, ich bringe es eben zu etwas. Sie werden sehen, Sie werden sehen, mein Freund, wenn Sie ein wenig älter geworden sind, werden Sie es wie alle Welt machen.« Und er sprach von seinen zweiundvierzig Jahren, von der Leere des Daseins, gab sich melancholisch, was in schroffem Gegensatz zu seiner blühenden Gesundheit stand. An dem Künstlerkopf, den er sich mit dem lang wallenden Haar und dem nach Heinrich IV. benannten Bart5 zurechtgemacht hatte, entdeckte man den flachen Schädel und die eckige Kinnlade eines Spießbürgers mit beschränktem Verstand und gierigen Gelüsten. In jüngeren Jahren war er von einer Fröhlichkeit gewesen, die einem auf die Nerven ging.

Octaves Augen waren an einer Nummer der »Gazette de France6« haftengeblieben, die zwischen Plänen herumlag. Da läutete der immer verlegener werdende Campardon nach der Zofe, um sich zu erkundigen, ob die gnädige Frau nun endlich zu sprechen sei. Ja, der Doktor breche gerade auf, die gnädige Frau werde gleich kommen.

»Ist Ihre Gattin denn leidend?« fragte der junge Mann.

»Nein, es geht ihr wie immer«, sagte der Architekt mit verdrossener Stimme.

»Aha, und was fehlt ihr denn?«

Der Architekt, der wieder verlegen wurde, antwortete ausweichend: »Sie wissen ja, bei den Frauen geht immer was entzwei ... So geht es ihr seit dreizehn Jahren, seit ihrer Niederkunft ... Sonst ist sie kerngesund. Sie werden sogar finden, daß sie üppig geworden ist.«

Octave drang nicht weiter in ihn. Eben erschien Lisa wieder und brachte eine Visitenkarte; und der Architekt entschuldigte sich, stürzte zum Salon und bat den jungen Mann, er möge sich gedulden und inzwischen mit seiner Frau plaudern. Octave hatte durch die rasch geöffnete und wieder geschlossene Tür in der Mitte des großen in Weiß und Gold gehaltenen Raumes den schwarzen Fleck einer Soutane erblickt.

Im selben Augenblick kam Frau Campardon von der Diele her herein. Er erkannte sie nicht wieder. Früher, als er noch ein junger Bengel gewesen und sie in Plassans bei ihrem Vater, Herrn Domergue, dem Inspektor beim Brücken- und Straßenbauamt, gesehen hatte, war sie mager und häßlich gewesen und mit zwanzig Jahren so schmächtig wie ein Backfisch, dem die Pubertätskrise zu schaffen macht; und nun, da er sie wiedersah, war sie mollig, hatte die helle und ausgeruhte Gesichtsfarbe einer Nonne, zärtliche Augen, Grübchen und sah aus wie eine Naschkatze. Hatte sie auch nicht hübsch werden können, so war sie doch um die Dreißig herum gereift und hatte dabei den süßen Geschmack und den frischen Duft von Herbstobst angenommen. Es fiel Octave nur auf, daß ihr das Gehen Mühe machte und sie dabei in der Hüfte hin und her schwankte, was ihr bei dem langen, resedafarbenen seidenen Morgenrock, den sie trug, etwas Schmachtendes verlieh.

»Aber Sie sind ja jetzt ein Mann!« sagte sie fröhlich mit ausgestreckten Händen. »Wie Sie seit unserer letzten Reise gewachsen sind!« Und sie betrachtete ihn: er war groß, brünett, ein hübscher Bursche mit gepflegtem Schnurrbart und Kinnbart. Als er sein Alter nannte, zweiundzwanzig Jahre, brach sie in Verwunderung aus: er sehe mindestens wie fünfundzwanzig aus.

Er, den die Gegenwart einer Frau, selbst die des verworfensten Dienstmädchens, mit Entzücken erfüllte, lachte perlend und liebkoste sie mit dem Blick seiner samtweichen altgoldfarbenen Augen.

»Ach ja«, sagte er lässig mehrere Male, »ich bin gewachsen, ich bin gewachsen ... Erinnern Sie sich noch, wie Ihre Cousine Gasparine mir Murmeln gekauft hat?« Darauf erzählte er ihr, wie es ihren Eltern ging. Herr und Frau Domergue lebten glücklich in dem Haus, in dem sie sich zur Ruhe gesetzt hatten; sie klagten nur, daß sie recht einsam wären, sie verargten es Campardon, daß er ihnen während eines geschäftlichen Aufenthaltes in Plassans ihre kleine Rose entführt hatte. Dann suchte der junge Mann das Gespräch wieder auf die Cousine Gasparine zu bringen, denn er hatte eine alte Neugier zu befriedigen, die er als frühreifer Schlingel anläßlich eines unaufgeklärt gebliebenen Ereignisses empfunden hatte: der jähe Anfall von Leidenschaft des Architekten für Gasparine, ein schönes, großes, aber mittelloses Mädchen, und dann seine plötzliche Heirat mit der mageren Rose, die dreißigtausend Francs Mitgift bekam; und ein regelrechter Auftritt mit Tränenergüssen und ein Zerwürfnis, die Flucht der Verlassenen nach Paris zu einer Tante, die Schneiderin war.

Aber Frau Campardon, deren Sinne so abgeklärt waren, daß sie nichts mehr aus der Ruhe bringen konnte, behielt ihre rosige Blässe und schien nicht zu verstehen. Er konnte nichts Näheres aus ihr herausbringen.

»Und Ihre Eltern?« fragte nun sie. »Wie geht es Herrn und Frau Mouret?«

»Sehr gut, vielen Dank«, erwiderte er. »Meine Mutter kommt aus ihrem Garten nicht mehr heraus. Sie würden das Haus in der Rue de la Banne so wiederfinden, wie Sie es verlassen haben.«

Frau Campardon, die anscheinend nicht lange stehen konnte, ohne zu ermüden, hatte sich auf einen hohen Zeichenstuhl gesetzt und die Beine unter ihrem Morgenrock langgestreckt; und einen niedrigen Sessel heranrückend, hob Octave mit der ihm zur Gewohnheit gewordenen anbetungsvollen Miene den Kopf, um mit ihr zu reden. Trotz seiner breiten Schultern wirkte er fraulich, er hatte einen Sinn für Frauen, der ihm sogleich ihre Herzen öffnete. So plauderten sie beide denn auch nach zehn Minuten bereits wie alte Freundinnen.

»Nun bin ich also bei Ihnen in Kost?« sagte er und strich sich mit seiner schönen Hand, deren Nägel untadelig geschnitten waren, über den Bart. »Wir werden gut miteinander auskommen, das werden Sie sehen ... Es war wirklich reizend von Ihnen, sich des Bengels aus Plassans zu erinnern und sich beim ersten Wort um alles zu kümmern!«

Aber sie wehrte ab.

»Nein, mir dürfen Sie nicht danken. Ich bin viel zu träge, ich rühre mich nicht mehr vom Fleck. Achille, der hat alles geregelt ... Und genügte es denn übrigens nicht, daß meine Mutter uns Ihren Wunsch anvertraut hat, bei einer Familie in Kost zu gehen, um uns auf den Gedanken zu bringen, Ihnen unser Haus zu öffnen? Sie schneien ja nicht bei fremden Leuten herein, und wir haben dadurch ein bißchen Gesellschaft.«

Nun erzählte er von seinen Angelegenheiten. Nachdem er, um seine Familie zufriedenzustellen, endlich das Abiturientenzeugnis erlangt hatte, war er die vergangenen drei Jahre in Marseille bei einer großen Firma gewesen, die mit bedrucktem Kattun handelte und deren Fabrik in der Umgebung von Plassans lag. Der Handel war seine Leidenschaft, der Handel mit Luxusartikeln für die Frau, bei dem etwas Verlockendes mit im Spiel ist, ein langsames Besitzergreifen durch goldene Worte und schmeichlerische Blicke. Und er erzählte mit sieghaftem Lachen, wie er die fünftausend Francs verdient hatte, ohne die er sich – denn unter dem äußeren Schein eines liebenswürdigen Windhunds verbarg sich die Schläue eines Juden – niemals nach Paris gewagt hätte.

»Stellen Sie sich vor, die da hatten einen Pompadourkattun7, ein veraltetes Muster, etwas Wunderschönes ... Es biß niemand an; seit zwei Jahren lag er in den Kellerräumen ... Da kam mir, als ich gerade die Departements8 Var und Basses-Alpes abgrasen wollte, der Gedanke, den ganzen Posten aufzukaufen und ihn auf eigene Rechnung an den Mann zu bringen. Oh, das war ein Erfolg, ein toller Erfolg! Die Frauen rissen sich um die Reste; da unten gibtʼs heute nicht eine, die nicht etwas von meinem Kattun auf dem Leibe trüge ... Allerdings habe ich sie wirklich hübsch eingewickelt! Alle gehörten sie mir, ich hätte mit ihnen machen können, was ich wollte.«

Und er lachte, während ihn Frau Campardon hingerissen, verwirrt von dem Gedanken an diesen Pompadourkattun, ausfragte. Sträußchen auf ungebleichtem Grund, nicht wahr? So etwas habe sie überall für einen Sommermorgenrock gesucht.

»Zwei Jahre bin ich umhergereist, das genügt«, versetzte er. »Außerdem muß ich doch Paris erobern ... Ich werde mir unverzüglich etwas suchen.«

»Wie?« rief sie aus. »Hat Ihnen Achille nichts erzählt? Er hat doch eine Stelle für Sie, und zwar ganz in der Nähe!«

Octave bedankte sich, staunte, als wäre er im Schlaraffenland, fragte aus Spaß, ob er abends in seinem Zimmer nicht gar eine Frau und ein Vermögen mit hunderttausend Francs Jahreszinsen vorfinden würde, da stieß ein vierzehnjähriges, lang aufgeschossenes und häßliches Mädchen mit fadem Blondhaar die Tür auf und schrie leise vor Erschrecken auf.

»Komm herein und hab keine Angst«, sagte Frau Campardon. »Das ist Herr Octave Mouret, von dem du uns schon hast reden hören.« Sich zu Octave umwendend, sagte sie dann: »Meine Tochter Angèle ... Wir hatten sie bei unserer letzten Reise nicht mitgenommen. Sie war so schwächlich! Aber nun wird sie ja ein bißchen voller.«

Angèle hatte sich mit der mürrischen Befangenheit von Mädchen in diesem ungünstigen Alter hinter ihre Mutter gestellt. Sie ließ ihre Blicke über den lächelnden jungen Mann gleiten.

Fast gleich darauf kam Campardon ganz aufgekratzt wieder zum Vorschein; und er konnte nicht an sich halten, er erzählte seiner Frau in wenigen abgerissenen Sätzen von dem Glücksfall: Abbé Mauduit, Vikar an der Kirche Saint-Roch, wegen Bauarbeiten; bloß eine Reparatur, die ihn aber weit bringen könne. Er ärgerte sich zwar darüber, daß er in Octaves Gegenwart geplaudert hatte, war aber immer noch so aufgeregt, daß er in die Hände klatschte und sagte: »Hm, hm, was machen wir nun?«

»Aber Sie wollten doch ausgehen«, sagte Octave. »Ich will Sie nicht abhalten.«

»Achille«, murmelte Frau Campardon, »diese Stelle da bei den Hédouins ...«

»Ach ja, richtig!« rief der Architekt aus. »Mein Lieber, eine Stelle als erster Verkäufer in einem Modewarengeschäft. Ich kenne dort jemanden, der sich für Sie verwendet hat ... Man erwartet Sie. Es ist noch nicht vier Uhr, soll ich Sie vorstellen?«

Octave zögerte, da er wegen des Knotens seiner Krawatte besorgt war und sich bei seiner Leidenschaft für untadelige Kleidung unsicher fühlte. Er entschloß sich jedoch, als Frau Campardon ihm geschworen hatte, er sehe sehr anständig aus. Mit einer schmachtenden Bewegung hatte sie ihrem Mann die Stirn hingehalten, die dieser mit überströmender Zärtlichkeit küßte, wobei er immer wieder sagte: »Leb wohl, mein Kätzchen ... Leb wohl, mein Puttchen ...«

»Wissen Sie, wir essen um sieben Uhr zu Abend«, sagte sie, während sie beide durch den Salon begleitete, wo die Herren ihre Hüte holten.

Angèle folgte ihnen mit eckigen Bewegungen. Aber ihr Klavierlehrer wartete auf sie, und gleich darauf klimperte sie mit ihren dürren Fingern auf dem Instrument los. Octaves Stimme wurde übertönt, als er in der Diele zurückblieb, um sich abermals zu bedanken. Und als er die Treppe hinabging, schien ihn das Klavier zu verfolgen: inmitten des lauen Schweigens antworteten bei Frau Juzeur, bei den Vabres, bei den Duveyriers andere Klaviere, spielten in jedem Stockwerk andere Melodien, die fern und fromm aus der Andächtigkeit der Türen hervortönten.

Unten bog Campardon in die Rue Neuve-Saint-Augustin ein. Er schwieg, sah gedankenversunken aus, wie jemand, der nach einer Überleitung sucht.

»Erinnern Sie sich noch an Mademoiselle Gasparine?« fragte er schließlich. »Sie ist erste Verkäuferin bei den Hédouins ... Sie werden sie gleich sehen.«

Octave hielt die Gelegenheit für gekommen, seine Neugier zu befriedigen.

»Aha«, sagte er. »Wohnt sie bei Ihnen?«

»Nein, nein«, rief der Architekt lebhaft und gleichsam gekränkt aus. Da der junge Mann über seine Heftigkeit überrascht zu sein schien, fuhr er dann ziemlich verlegen und voller Sanftmut fort: »Nein, Mademoiselle Gasparine und meine Frau verkehren nicht mehr miteinander ... Sie wissen ja, wie das in den Familien so ist ... Ich bin ihr begegnet, und ich mußte ihr wohl oder übel behilflich sein, nicht wahr, zumal das arme Mädchen nicht gerade im Geld schwimmt. So kommt es, daß die beiden Frauen jetzt durch mich voneinander erfahren, wie es ihnen geht ... Bei diesen alten Streitigkeiten muß man es der Zeit überlassen, die Wunden zu heilen.«

Octave entschloß sich gerade, ihn rundheraus über seine Heirat zu fragen, als der Architekt das Gespräch kurz mit den Worten abbrach: »Da sind wir!«

Es war ein an der Ecke der Rue Neuve-Saint-Augustin und der Rue de la Michodière gelegenes Modewarengeschäft, dessen Tür zum schmalen Dreieck des Place Gaillon zu lag. Auf einem Ladenschild, das zwei Fenster des Zwischenstocks versperrte, stand in großen verblaßten Goldbuchstaben »Paradies der Damen, gegründet 1822«, während auf den Spiegelglasscheiben der Schaufenster rot aufgemalt der Firmenname »Deleuze, Hédouin & Co.« zu lesen war.

»Es hat keinen modernen Schick, ist aber ehrbar und solide«, erklärte Campardon schnell. »Herr Hédouin, ein ehemaliger Verkäufer, hat die Tochter des ältesten Deleuze geheiratet, der vor zwei Jahren gestorben ist, so daß die Firma jetzt von dem jungen Ehepaar, dem alten Onkel Deleuze und einem anderen Teilhaber, die sich, glaube ich, beide abseits halten, geleitet wird ... Sie werden Frau Hédouin ja sehen. Oh, eine Frau mit Köpfchen! – Gehen wir hinein.«

Herr Hédouin war gerade zum Einkauf von Leinwand in Lille. So wurden sie von Frau Hédouin empfangen. Sie stand da, einen Federhalter hinter dem Ohr, und erteilte zwei Ladendienern, die Stoffballen in Fächer einordneten, Anweisungen; und sie erschien Octave so groß, so bewundernswert schön mit ihrem regelmäßigen Gesicht und ihrem schlichten, glattgescheitelten Haar, so ernst lächelnd in ihrem schwarzen Kleid, von dem sich ein flacher Kragen und eine kleine Herrenkrawatte abhoben, daß er, der seinem Wesen nach doch wenig schüchtern war, zu stottern begann. Alles wurde mit ein paar Worten erledigt.

»Nun gut«, sagte sie mit ihrer ruhigen Miene in ihrer gewohnten Verbindlichkeit als Geschäftsfrau, »da Sie ja frei sind, besichtigen Sie doch den Laden.«

Sie rief einen Verkäufer und vertraute ihm Octave an; nachdem sie dann auf eine Frage Campardons höflich erwidert hatte, Fräulein Gasparine mache eine Besorgung, wandte sie sich ab, fuhr mit ihrer Arbeit fort, warf mit ihrer sanften und befehlenden Stimme Anweisungen hin.

»Nicht dorthin, Alexandre ... Legen Sie die Seidenstoffe nach oben ... Das ist nicht mehr dieselbe Marke, passen Sie doch auf!«

Zögernd sagte Campardon schließlich zu Octave, er werde wieder vorbeikommen und ihn zum Abendessen abholen.

Nun besichtigte der junge Mann zwei Stunden lang den Laden. Er fand, daß er schlecht beleuchtet, klein und mit Waren überfüllt war, die aus dem Kellergeschoß hervorquollen, sich in den Ecken stauten, so daß zwischen den hohen Mauern von Stoffballen nur überaus enge Durchgänge frei blieben. Wiederholt begegnete er dort Frau Hédouin, die geschäftig durch die schmälsten Gänge huschte, ohne je mit einem Zipfel ihres Kleides hängenzubleiben. Sie schien die lebende und ausgeglichene Seele des Hauses zu sein, dessen ganzes Personal dem leisesten Wink ihrer weißen Hände gehorchte. Octave war gekränkt, daß sie ihn nicht mehr ansah. Als er gegen drei Viertel sieben Uhr ein letztes Mal aus dem Kellergeschoß wieder nach oben stieg, sagte man ihm, Campardon sei im ersten Stock bei Fräulein Gasparine. Dort befand sich eine Wäscheabteilung, die dieses Fräulein leitete. Aber oben an der Wendeltreppe blieb der junge Mann hinter einer Pyramide aus gleichmäßig aufgestapelten Kalikoballen plötzlich stehen, als er hörte, wie der Architekt Gasparine duzte.

»Ich schwöre dir: nein!« rief er und vergaß sich dabei so weit, daß er die Stimme hob.

Es trat Stillschweigen ein.

»Wie geht es ihr?« fragte die junge Frau.

»Mein Gott, immer dasselbe. Das kommt, das vergeht ... Sie fühlt wohl, daß es jetzt aus ist. Niemals wird sich das wieder einrenken.«

Gasparine versetzte mit mitleidsvoller Stimme:

»Mein armer Freund, zu bedauern bist doch du. Da du aber schließlich auf andere Art und Weise hast zurechtkommen können ... Sag ihr, wie bekümmert ich darüber bin, daß sie stets leidend ist ...«

Ohne sie ausreden zu lassen, hatte Campardon sie bei den Schultern gepackt und küßte sie in der von der Gasbeleuchtung erwärmten Luft, die unter der niedrigen Decke bereits drückend wurde, ungestüm auf die Lippen.

Sie erwiderte seinen Kuß und murmelte: »Morgen früh um sechs, wenn du kannst ... ich werde im Bett bleiben. Klopfe dreimal.«

Octave, der wie benommen war, begann zu verstehen, er hustete und trat vor. Ihn erwartete eine weitere Überraschung: die Cousine Gasparine war vertrocknet, mager, eckig, hatte eine vorspringende Kinnlade und hartes Haar; und in ihrem erdfahl gewordenen Gesicht waren nur ihre großen, prächtigen Augen unverändert geblieben. Mit ihrer mißgünstigen Stirn, ihrem glutvollen und eigensinnigen Mund verwirrte sie ihn ebensosehr, wie ihn Rose mit ihrem späten Erblühen einer lässigen Blondine bezaubert hatte.

Gasparine war indessen höflich, doch ohne Überschwang. Sie erinnerte sich an Plassans, sie sprach mit dem jungen Mann über die Tage von einst. Als Campardon und er nach unten gingen, drückte sie ihnen die Hand.

Unten sagte Frau Hédouin zu Octave lediglich: »Bis morgen, Herr Mouret.«

Auf der Straße, wo ihn das Rollen der Droschken ganz taub machte und ihn die Passanten anrempelten, konnte der junge Mann nicht umhin zu bemerken, jene Dame sei zwar sehr schön, wirke aber nicht liebenswürdig. Auf das schwarze und schmutzbedeckte Pflaster warfen helle Schaufenster frisch dekorierter Geschäfte mit flammender Gasbeleuchtung Vierecke grellen Lichts, während alte Läden mit dunklen Auslagen den Fahrdamm durch Lücken voller Düsternis trübselig machten, Läden, die nur innen von blakenden, wie ferne Sterne brennenden Lampen erleuchtet waren. Kurz bevor die Herren von der Rue Neuve- Saint-Augustin in die Rue de Choiseul einbogen, grüßte der Architekt, als sie an einem dieser Läden vorbeikamen.

Eine schmächtige und elegante junge Frau, die sich ein Seidenmäntelchen umgehängt hatte, stand auf der Schwelle und zog einen kleinen dreijährigen Jungen an sich, damit er nicht überfahren werde. Sie plauderte mit einer alten Dame ohne Kopfbedeckung, zweifellos mit der Kaufmannsfrau, zu der sie du sagte. Octave konnte in diesem finsteren Türrahmen unter den tanzenden Reflexen der Gaslaternen in der Nähe ihre Züge nicht erkennen; sie kam ihm hübsch vor, er sah nur zwei glühende Augen, die sich einen Augenblick wie zwei Flammen auf ihn hefteten. Hinten versank der feuchte Laden gleich einem Keller, aus dem ein unbestimmter Salpetergeruch emporstieg.

»Das ist Madame Valérie, die Frau von Herrn Théophile Vabre, dem jüngeren Sohn des Hausbesitzers, Sie wissen ja, die Leute aus dem ersten Stock«, erklärte Campardon, als er einige Schritte weitergegangen war. »Oh, eine ganz reizende Dame! – Sie ist in diesem Laden geboren, eines der am besten gehenden Kurzwarengeschäfte im Viertel, das ihre Eltern, Herr und Frau Louhette, immer noch führen, damit sie was zu tun haben. Ganz hübsch haben sie da verdient, das kann ich Ihnen versichern!«

Aber Octave hatte kein Verständnis für einen derartigen Handel in diesen Löchern des alten Paris, wo ehemals ein Ballen Stoff an Stelle eines Ladenschilds genügte. Er schwor, um nichts in der Welt würde er einwilligen, auf dem Grunde einer solchen Gruft zu leben. Da müsse man sich ja schön was wegholen!

Plaudernd waren sie die Treppe hinaufgestiegen. Sie wurden bereits erwartet. Frau Campardon hatte ein graues Seidenkleid angezogen, hatte sich kokett frisiert und war sehr gepflegt in ihrer ganzen Erscheinung. Mit der Rührung eines guten Ehemannes küßte Campardon sie auf den Hals.

»Guten Abend, mein Kätzchen ... Guten Abend, mein Puttchen ...«

Und man ging ins Eßzimmer hinüber. Das Abendessen verlief reizend. Frau Campardon plauderte zunächst über die Deleuzes und die Hédouins: eine vom ganzen Viertel geachtete Familie, deren Mitglieder sehr bekannt seien: ein Vetter sei Papierwarenhändler in der Rue Gaillon, ein Onkel Regenschirmhändler in der Passage Choiseul, mehrere Neffen und Nichten seien, überall in der Umgegend verstreut, selbständige Geschäftsleute. Dann nahm das Gespräch eine andere Wendung, man befaßte sich mit Angèle, die steif auf ihrem Stuhl saß und mit eckigen Bewegungen aß. Ihre Mutter erzog sie zu Hause, das sei sicherer; und da sie nichts weiter darüber sagen wollte, blinzelte sie mit den Augen, um anzudeuten, daß die jungen Damen häßliche Dinge in den Pensionaten lernten. Soeben hatte das junge Mädchen heimlich ihren Teller schön ausbalanciert auf das Messer gestellt. Da Lisa, die servierte, ihn beinahe zerbrochen hätte, rief sie: »Daran sind Sie schuld, Mademoiselle!«

Ein gewaltsam zurückgehaltenes irres Gelächter glitt über Angèles Gesicht.

Frau Campardon hatte sich damit begnügt, den Kopf zu schütteln; und als Lisa hinausgegangen war, um den Nachtisch zu holen, sang sie eine Lobeshymne auf Lisa: sie sei sehr klug, sehr rührig, ein Pariser Mädchen, das sich stets zu drehen und zu wenden wisse. Victoire, die Köchin, die wegen ihres hohen Alters nicht mehr sehr reinlich sei, hätte man entbehren können; aber sie sei schon dabeigewesen, als Herr Campardon im Hause seines Vaters zur Welt kam, sie sei wie ein alter baufälliger Familienbesitz, den alle achteten. Dann, als die Zofe mit Bratäpfeln wieder hereinkam, fuhr Frau Campardon fort, indem sie Octave ins Ohr flüsterte: »Tadelloses Betragen. Ich habe noch nichts entdeckt ... Ein einziger Ausgangstag im Monat, damit sie ihre alte Tante besuchen kann, die sehr weit entfernt wohnt.«

Octave betrachtete Lisa. Als er sie so sah, nervös, mit flacher Brust, blau unterlaufenen Augenlidern, kam ihm der Gedanke, daß sie bei ihrer alten Tante verdammt flottmachen müsse. Im übrigen pflichtete er der Mutter nachdrücklich bei, die fortfuhr, ihm ihre Ansichten über Erziehung zu unterbreiten: ein junges Mädchen stelle eine so schwere Verantwortung dar, selbst den Hauch der Straße müsse man von ihr fernhalten.

Und währenddessen kniff Angèle Lisa jedesmal, wenn diese sich neben ihrem Stuhl herabbeugte, um einen Teller zu wechseln, in einem rasenden Verlangen nach Vertraulichkeiten in die Schenkel, ohne daß eine von beiden, die ganz ernst blieben, auch nur mit den Lidern gezuckt hätte.

»Man muß tugendhaft gegen sich selbst sein«, sagte der Architekt gelehrt, als Schlußfolgerung auf Gedanken, die er nicht äußerte. »Mir ist die Meinung der Leute schnuppe, ich bin Künstler!«

Nach Tisch blieb man bis Mitternacht im Salon. Zur Feier von Octaves Ankunft schlug man also über die Stränge. Frau Campardon machte einen sehr müden Eindruck; auf einem Kanapee zurückgelehnt, ließ sie sich nach und nach gehen.

»Hast du Schmerzen, mein Kätzchen?« fragte sie ihr Mann.

»Nein«, erwiderte sie mit gedämpfter Stimme. »Es ist immer dasselbe.« Sie schaute ihn an, dann sagte sie leise: »Hast du sie bei Hédouins gesehen?«

»Ja ... Sie hat sich nach deinem Befinden erkundigt.«

Tränen stiegen Rose in die Augen.

»Ihr geht es ja auch gut!«

»Na, na«, sagte der Architekt und drückte ihr leise Küsse aufs Haar, wobei er vergaß, daß sie nicht allein waren. »Du wirst dir noch schaden ... Weißt du denn nicht, daß ich dich trotz alledem liebe, mein armes Puttchen?«

Octave, der taktvoll zum Fenster gegangen war, als wolle er auf die Straße sehen, kam zurück und durchforschte Frau Campardons Gesicht, denn seine Neugier war wieder erwacht, und er fragte sich, ob sie Bescheid wisse.

Aber sie hatte wieder ihr liebenswürdiges und wehleidiges Gesicht aufgesetzt, sie kuschelte sich tief in das Kanapee hinein, wie eine Frau, die sich ihr eigenes Vergnügen verschafft und sich notgedrungen mit dem ihr zukommenden Anteil an Liebkosungen abfindet.

Schließlich wünschte Octave ihnen eine gute Nacht. Mit seinem Leuchter in der Hand stand er noch auf dem Treppenabsatz, als er das Rascheln von Seidenkleidern hörte, die die Stufen streiften. Aus Höflichkeit trat er beiseite. Offensichtlich waren es die Damen aus dem vierten Stock, Frau Josserand und ihre beiden Töchter, die von einer Abendgesellschaft zurückkehrten. Als sie vorübergingen, faßte ihn die Mutter, eine beleibte und stolze Frau, scharf ins Auge, während sich die ältere Tochter mit frostiger Miene abwandte und die jüngere ihn im hellen Licht der Kerze unbesonnen anlachte. Sie war reizend, diese Kleine mit ihrem unregelmäßigen, aber ansprechenden Gesicht, dem hellen Teint, dem kastanienbraunen, von blonden Reflexen vergoldeten Haar; und sie hatte eine kecke Anmut an sich, den ungezwungenen Gang einer Jungverheirateten Frau, die in einer mit Schleifen und Spitzen überladenen Toilette, wie heiratsfähige Mädchen sie sonst nicht zu tragen pflegen, von einem Ball heimkehrt. Die Schleppen verschwanden längs des Geländers, eine Tür ging zu. Octave ergötzte sich noch immer an der Fröhlichkeit ihrer Augen.

Langsam ging nun auch er nach oben. Eine einzige Gaslampe brannte, die Treppe schlief in drückender Wärme ein. Sie kam ihm jetzt andächtiger vor mit ihren keuschen Türen, ihren kostbaren Mahagonitüren, die vor ehrbaren Alkoven verschlossen waren. Kein Seufzer drang hindurch, es herrschte das Schweigen wohlerzogener Menschen, die ihren Atem anhalten. Allerdings war ein leises Geräusch zu hören; er beugte sich vor und gewahrte Herrn Gourd in Pantoffeln und Käppchen, der die letzte Gaslampe auslöschte. Da stürzte alles gleichsam in einen Abgrund, das Haus sank in die Feierlichkeit der Finsternis zurück, als löse es sich völlig auf in der Vornehmheit und der Sittsamkeit seines Schlummers.

Octave jedoch fiel es sehr schwer einzuschlafen. Er warf sich fieberhaft hin und her, sein Gehirn war mit den neuen Gesichtern beschäftigt, die er gesehen hatte. Warum zum Teufel zeigten sich die Campardons so liebenswürdig? Träumten sie etwa davon, ihm später ihre Tochter zur Frau zu geben? Vielleicht nahm ihn der Ehemann auch nur deshalb in Kost, damit er seine Frau beschäftigte und aufheiterte? Und diese arme Dame, was für eine wunderliche Krankheit mochte sie wohl haben? Dann verwirrten sich seine Gedanken noch mehr, er sah Schatten vorüberhuschen: die kleine Frau Pichon, seine Nachbarin, mit ihren hellen und ausdruckslosen Blicken; die schöne Frau Hédouin, untadelig und ernst in ihrem schwarzen Kleid; und Frau Valéries glühende Augen; und Fräulein Josserands fröhliches Lachen. Wie das alles in wenigen Stunden auf dem Pariser Pflaster emporschoß! Schon immer hatte er davon geträumt, von Damen, die ihn an die Hand nehmen und ihm bei seinen Unternehmungen helfen würden. Aber jene Frauen kamen immer wieder, verschwammen mit ermüdender Hartnäckigkeit ineinander. Er wußte nicht, welche er wählen sollte, er bemühte sich, seine zärtliche Stimme, seine schmeichlerischen Gebärden beizubehalten. Und jäh gab er niedergedrückt und erbittert seiner tief eingewurzelten Brutalität nach, der wilden Verachtung, die er unter seiner Miene verliebter Anbetung für die Frauen empfand.

»Werden sie mich nun endlich schlafen lassen!« sagte er laut und legte sich ungestüm wieder auf den Rücken. »Die erste, die will ... Welche, ist mir egal! Und von mir aus auch alle auf einmal, wenn ihnen das Spaß macht! Schlafen wir, morgen ist auch noch ein Tag.«

Zweites Kapitel

Als Frau Josserand mit ihren Töchtern, die vor ihr her gingen, die Abendgesellschaft bei Frau Dambreville verließ, die im vierten Stock eines Hauses in der Rue de Rivoli an der Ecke der Rue de lʼOratoire wohnte, warf sie in dem jähen Ausbruch eines seit zwei Stunden mühsam unterdrückten Zorns heftig die Haustür zu. Wieder einmal hatte Berthe, ihre jüngere Tochter, vorhin eine Partie verpaßt.

»Na, was macht ihr denn da?« sagte sie aufbrausend zu den jungen Mädchen, die unter den Arkaden stehengeblieben waren und vorüberfahrenden Droschken nachblickten. »So geht doch! – Glaubt ja nicht, daß wir einen Wagen nehmen! Damit noch zwei Francs ausgegeben werden, nicht wahr?«

Und als Hortense, die ältere, murmelte: »Das kann ja nett werden bei diesem Schmutz. Das überstehen meine Schuhe nicht«, entgegnete die Mutter, nun völlig wütend: »Vorwärts! Wenn ihr keine Schuhe mehr habt, dann bleibt ihr eben im Bett, ganz einfach. Es kommt ja sowieso nichts dabei heraus, wenn man euch ausführt!«

Berthe und Hortense, die den Kopf hängenließen, bogen in die Rue de lʼOratoire ein. Sie rafften ihre langen Röcke so hoch wie möglich über ihre Krinolinen, zogen die Schultern ein und bibberten unter ihren dünnen Ballumhängen. Frau Josserand ging hinterher, eingehüllt in einen alten Pelz, Fehwammen, schäbig wie Katzenfelle. Alle drei waren ohne Hut und hatten einen Spitzenschal um das Haar geschlungen, weshalb sich die letzten Passanten nach ihnen umdrehten, weil sie überrascht waren, sie in diesem Aufzug eine hinter der anderen mit krummem Buckel und auf die Pfützen gehefteten Augen an den Häusern entlangflitzen zu sehen. Und die Erbitterung der Mutter nahm noch zu, als sie an so viele ähnliche Heimwege in den letzten drei Wintern dachte, an das mühselige Gehen in den sich verheddernden Toiletten, an den schwarzen Straßendreck und an das höhnische Grinsen der Gassenlümmel, die sich noch spät in der Nacht herumtrieben. Nein, sie hatte es entschieden satt, ihre Töchter an alle vier Ecken von Paris mitzuschleppen, ohne sich den Luxus einer Droschke gönnen zu dürfen, aus Furcht, am nächsten Tag ein Gericht beim Abendessen streichen zu müssen!

»Und so was stiftet Ehen!« sagte sie ganz laut, auf Frau Dambreville zurückkommend, lediglich, um ihrem Herzen Luft zu machen, ohne sich etwa an ihre Töchter zu wenden, die in die Rue Saint-Honoré eingebogen waren. »Hübsch sind sie, ihre Ehen! Ein Haufen Zimtzicken, die wer weiß woher zu ihr kommen! Ach, wenn man nicht dazu gezwungen wäre! – Genau wie ihr neuester Erfolg, diese Jungverheiratete Frau, die sie herausgestellt hat, um uns zu zeigen, daß es nicht immer schiefgeht: ein schönes Beispiel! Ein unglückseliges Kind, das nach einem Fehltritt wieder ein halbes Jahr lang ins Kloster gesteckt werden mußte, um es wieder rein zu waschen!«

Die jungen Mädchen überquerten gerade den Place du Palais-Royal, da prasselte plötzlich ein Platzregen nieder. Nun gab es eine wilde Flucht. Sie blieben stehen, rutschten aus, patschten umher, blickten erneut nach den leer vorüberrollenden Droschken.

»Vorwärts!« schrie die Mutter unbarmherzig. »Jetzt ist es zu nahe, das lohnt keine vierzig Sous ... Euer Bruder Léon hat sich ja auch geweigert mitzukommen, aus Furcht, wir könnten ihn bezahlen lassen! Um so besser, wenn er seine Angelegenheiten bei dieser Dame erledigt! Aber anständig ist das gerade nicht, das dürfen wir wohl sagen. Eine Frau, die über die Fünfzig hinaus ist und die nur junge Leute empfängt! Ein ehemaliges nichtsnutziges Frauenzimmer, das eine hochstehende Persönlichkeit mit Dambreville, diesem Schwachkopf, verheiratet und den zum Bürochef ernannt hat!«

Hortense und Berthe trabten im Regen hintereinander her und schienen nicht zu hören. Wenn ihre Mutter sich auf diese Weise Luft machte, mit allem rausplatzte und die übertriebene Strenge der guten Erziehung vergaß, mit der sie sie umgab, war es ausgemacht, daß sie taub wurden. Doch als sie sich in die düstere und menschenleere Rue de lʼEchelle wandten, empörte sich Berthe.

»Ach, du meine Güte«, sagte sie. »Jetzt geht mein Absatz ab ... Ich kann nicht mehr weiter!«

Frau Josserand wurde böse.

»Wollt ihr wohl gehen! – Beklage ich mich denn? Kommt es mir denn zu, bei solchem Wetter zu dieser Stunde auf der Straße zu sein? – Wenn ihr wenigstens noch so einen Vater hättet, wie andere Väter sind! Aber nein, der Herr bleibt zu Hause und läßt sichʼs wohl sein. Immer bin ich dran, euch in Gesellschaft zu begleiten, nie würde er die Fron auf sich nehmen. Aber ich sage euch ein für allemal, daß mir das bis obenhin steht. Soll euer Vater euch ausführen, wenn er will; ich will des Teufels sein, wenn ich euch in Zukunft noch mal in Häuser führe, wo man mich ärgert! – Ein Mann, der mich über seine Fähigkeiten getäuscht hat und dem ich eine Annehmlichkeit geradezu herausziehen muß! Ach, Herrgott! So einen würde ich nicht heiraten, wenn ich mich noch mal entscheiden könnte!«

Die jungen Mädchen pflegten nicht mehr zu widersprechen.

Dieses unerschöpfliche Kapitel der zerschlagenen Hoffnungen ihrer Mutter kannten sie. Den Spitzenschal gegen das Gesicht geklatscht, gingen sie mit durchgeweichten Schuhen schnell die Rue Sainte- Anne entlang. Aber an ihrem Haustor in der Rue de Choiseul stand Frau Josserand eine letzte Demütigung bevor: die Kutsche der heimkehrenden Duveyriers bespritzte sie mit Straßendreck.

Obgleich Mutter und Töchter kreuzlahm und wütend waren, hatten sie ihre liebenswürdige Miene wieder aufgesetzt, als sie auf der Treppe an Octave vorbeigehen mußten. Aber nachdem sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte, schossen sie wie wild durch die dunkle Wohnung, so daß sie sich an den Möbeln stießen, und stürzten ins Eßzimmer, wo Herr Josserand beim spärlichen Schimmer einer kleinen Lampe schrieb.

»Wieder nichts!« schrie Frau Josserand und sank auf einen Stuhl hin. Und mit roher Gebärde riß sie den Spitzenschal herunter, der ihren Kopf verhüllte, warf sie ihren Pelz auf die Stuhllehne zurück und kam in einem feuerroten, mit schwarzem Atlas besetzten, sehr tief ausgeschnittenen Kleid zum Vorschein, wirkte gewaltig mit ihren Schultern, die noch immer schön waren und den glänzenden Schenkeln einer Stute glichen. Ihr vierschrötiges Gesicht mit den Hängebacken und der zu starken Nase drückte die tragische Wut einer Königin aus, die an sich hält, um nicht in die Worte eines Fischweibs zu verfallen.

»Aha!« machte Herr Josserand lediglich, ganz verdattert über dieses Hereinstürmen. Von Besorgnis erfaßt, zuckte er mit den Lidern. Seine Frau erdrückte ihn schier, wenn sie diesen Riesenbusen zur Schau stellte, den er wie einen Erdrutsch auf seinem Nacken zu spüren glaubte. Er hatte einen alten, zerschlissenen Überrock an, den er zu Hause abtrug, sein Gesicht war von fünfunddreißig Bürojahren gleichsam aufgeweicht und verblichen, und er sah seine Frau einen Augenblick mit den glanzlosen Blicken seiner geschwollenen blauen Augen an. Nachdem er dann die Locken seines angegrauten Haares hinter die Ohren zurückgestrichen hatte, versuchte er sich ganz verlegen und kein Wort herausbringend wieder an seine Arbeit zu machen.

»Aber begreifst du denn nicht?« schmetterte ihm Frau Josserand mit schriller Stimme entgegen. »Ich sage dir, daß wieder mal eine Partie im Eimer ist, und das ist nun die vierte!«

»Ja, ja, ich weiß, die vierte«, murmelte er. »Das ist verdrießlich, recht verdrießlich ...« Und um der schreckenerregenden Nacktheit seiner Frau zu entgehen, wandte er sich mit einem freundlichen Lächeln zu seinen Töchtern um.

Sie legten ebenfalls ihre Spitzenschals und Ballumhänge ab; die ältere war blau gekleidet, die jüngere rosa; und ihre allzu frei geschnittenen, allzu reich besetzten Toiletten waren gleichsam eine Herausforderung. Hortense, die einen gelben Teint hatte und deren Gesicht durch die Nase ihrer Mutter verunstaltet wurde, die ihr den Ausdruck hochnäsiger Eigensinnigkeit verlieh, war gerade dreiundzwanzig Jahre alt geworden und sah aus wie achtundzwanzig, während die zwei Jahre jüngere Berthe eine unversehrte kindliche Anmut bewahrte, denn sie hatte zwar dieselben Züge, aber sie waren bei ihr feiner und blendend weiß, und ihr drohte nur die plumpe Maske, die in der Familie um die Fünfzig herum zum Vorschein kam.

»Wenn du uns bloß alle drei ansehen wolltest!« schrie Frau Josserand. »Und laß um Gottes willen deine Schreiberei sein, die geht mir auf die Nerven!«

»Aber, meine Beste«, sagte er friedfertig, »ich mache doch Streifbänder.«

»Ach ja, deine Streifbänder zu drei Francs das Tausend! – Wenn du hoffst, etwa deine Töchter mit diesen drei Francs unter die Haube zu bringen!«

Der vom spärlichen Schimmer der kleinen Lampe beleuchtete Tisch war in der Tat mit breiten Bogen grauen Papiers übersät, mit bedruckten Streifbändern, die Herr Josserand für einen großen Verlag, der mehrere periodisch erscheinende Zeitschriften herausgab, ausfüllte. Da sein Gehalt als Kassierer keineswegs ausreichte, verbrachte er ganze Nächte mit dieser undankbaren Arbeit, sich verbergend, von Scham erfaßt bei dem Gedanken, man könnte die Geldverlegenheit der Familie entdecken.

»Drei Francs sind drei Francs«, erwiderte er mit seiner schleppenden und müden Stimme. »Diese drei Francs da erlauben euch, zusätzlich Bänder für eure Kleider zu kaufen und euren Gästen beim Dienstagsempfang Kuchen anzubieten.«

Ihm tat dieser Satz sofort leid, denn er fühlte, daß er Frau Josserand mitten ins Herz, in die empfindliche Wunde ihres Stolzes traf. Eine Woge von Blut färbte ihre Schultern purpurrot, sie schien nahe daran, in rächende Worte auszubrechen; dann stammelte sie, mühsam nach Würde ringend, lediglich: »O mein Gott! O mein Gott!« Und sie blickte auf ihre Töchter, sie zerschmetterte ihren Mann herrisch mit einem Zucken ihrer gewaltigen Schultern, als wolle sie sagen: He! Hört ihr, was er sagt? So ein Blödling!

Die Töchter schüttelten den Kopf.

Da der Vater sich geschlagen sah, legte er widerstrebend seine Feder hin und faltete die Zeitung »Le Temps9« auseinander, die er jeden Abend aus dem Büro mitbrachte.

»Schläft Saturnin?« fragte Frau Josserand schroff; sie sprach von ihrem jüngsten Sohn.

»Schon lange«, erwiderte ihr Mann. »Adèle habe ich auch weggeschickt ... Und Léon, habt ihr ihn bei Dambrevilles gesehen?«

»Mein Gott noch mal! Er schläft ja dort!« brachte sie in einem grollerfüllten Schrei hervor, den sie nicht unterdrücken konnte.

Vor Überraschung war der Vater so naiv hinzuzufügen: »Ach, glaubst du?«

Hortense und Berthe waren taub geworden. Über ihre Lippen huschte jedoch ein leises Lächeln, und sie taten so, als beschäftigten sie sich mit ihren Schuhen, die in einem jämmerlichen Zustand waren.

Um abzulenken, suchte Frau Josserand einen anderen Streit mit ihrem Mann: sie bat ihn, er solle seine Zeitung jeden Morgen wieder mitnehmen und sie nicht einen ganzen Tag lang in der Wohnung herumliegen lassen wie zum Beispiel gestern; ausgerechnet eine Nummer, in der etwas über einen abscheulichen Prozeß gestanden habe, was seine Töchter hätten lesen können. Daran erkenne sie genau seinen geringen sittlichen Wert.

»Na, gehen wir schlafen?« fragte Hortense. »Ich, ich habe Hunger.«

»Oh, und ich erst!« sagte Berthe. »Ich komme fast um vor Hunger.«

»Wie! Hunger habt ihr?« schrie Frau Josserand außer sich. »Habt ihr denn dort keine Brioches10 gegessen? Sind das dumme Gänse! Aber man ißt doch, wenn man eingeladen ist! Ich habe jedenfalls gegessen.«

Die Töchter wehrten sich. Sie hätten Hunger, sie seien krank vor Hunger. Und schließlich begleitete die Mutter sie in die Küche, um nachzusehen, ob nicht etwas übriggeblieben war. Sogleich machte sich der Vater verstohlen wieder an seine Streifbänder. Er wußte genau, daß der Luxus des Haushalts ohne seine Streifbänder dahin wäre; und deshalb harrte er trotz der Geringschätzung und der ungerechten Zänkereien eigensinnig bis zum Tagesanbruch bei dieser heimlichen Arbeit aus, glücklich wie ein rechtschaffener Mensch, wenn er sich einbildete, ein Endchen Spitze mehr könnte über eine reiche Partie entscheiden. Da man ja bereits am Essen abknapste, ohne deshalb die Toiletten und die Dienstagsempfänge bestreiten zu können, schickte er sich darein, in Lumpen gekleidet wie ein Märtyrer zu schuften, während Mutter und Töchter mit Blumen im Haar die Salons abklapperten.

»Aber hier stinktʼs ja wie die Pest!« schrie Frau Josserand, als sie in die Küche trat. »Es ist doch nicht zu sagen, daß ich Adèle, diese Schlampe, nicht dazu kriegen kann, daß sie das Fenster halb offen läßt! Sie behauptet, der Raum wäre am Morgen eiskalt.«

Sie war zum Fenster gegangen und hatte es geöffnet, und von dem engen Dienstbotenhof stieg eine eisige Feuchtigkeit empor, ein schaler, muffiger Kellergeruch. Die Kerze, die Berthe angezündet hatte, ließ riesige Schatten nackter Schultern über die gegenüberliegende Wand tanzen.

»Und wie die Küche wieder aussieht!« fuhr Frau Josserand fort, die überall herumschnüffelte, ihre Nase in alle unsauberen Ecken steckte. »Ihren Tisch hat sie seit vierzehn Tagen nicht abgewischt ... Da stehen ja noch Teller von vorgestern. Wahrhaftig, das ist ja ekelhaft! Und ihr Ausguß, seht doch mal! Riecht mir doch mal an ihrem Ausguß!« Ihr Zorn peitschte sich hoch. Mit ihren von Reispuder weiß gefärbten und mit Goldreifen überladenen Armen stieß sie das Geschirr umher; sie schleifte ihr feuerrotes Kleid mitten durch die Flecken, blieb an Küchengeräten hängen, die unter die Tische geworfen worden waren, brachte zwischen den Küchenabfällen ihren mühselig erworbenen Luxus in Gefahr. Schließlich ließ der Anblick eines schartigen Messers sie losplatzen: »Morgen früh schmeiße ich sie raus!«

»Da hast du aber was erreicht«, sagte Hortense ruhig. »Nicht eine behalten wir. Das ist die erste, die ein Vierteljahr geblieben ist ... Sobald sie ein bißchen sauber sind und eine Mehlschwitze machen können, hauen sie ab.«

Frau Josserand kniff die Lippen zusammen. In der Tat konnte es allein die gerade erst aus ihrer Bretagne frisch eingetroffene, dumme und verlauste Adèle in diesem dünkelhaften Elend von Spießbürgern aushalten, die ihre Unwissenheit und Schmutzigkeit ausnutzten, um sie schlecht zu beköstigen. Zwanzigmal schon hatten sie davon gesprochen, sie zu entlassen, wenn sie auf dem Brot einen Kamm fanden oder ein Fleischgericht so abscheulich war, daß sie Leibschneiden bekamen; dann aber fanden sie sich angesichts der Schwierigkeit, sie zu ersetzen, immer wieder damit ab, denn selbst die Diebinnen weigerten sich, bei ihnen in Dienst zu treten, in dieser Bruchbude, wo die Stücken Zucker abgezählt wurden.

»Ich sehe aber auch gar nichts!« murmelte Berthe, die einen Schrank durchwühlte.

Die Bretter zeigten die trübsinnige Leere und den falschen Luxus von Familien, bei denen man die schlechteste Sorte Fleisch kauft, um Blumen auf den Tisch stellen zu können. Dort standen nur völlig kahle Porzellanteller mit Goldrand herum, ein Tischbesen, von dessen Griff die Versilberung abging, Fläschchen, in denen öl und Essig eingetrocknet waren; und nicht eine vergessene Rinde, nicht ein Krümchen von den abgeräumten Speisen, kein Stück Obst, keine Süßigkeit, kein Käserest. Man merkte, daß Adèles nie gestillter Hunger die seltenen von der Herrschaft übriggelassenen Saucenreste so gründlich auswischte, daß sie die Vergoldung von den Schüsseln mit abkratzte.

»Aber sie hat ja das ganze Kaninchen aufgegessen!« schrie Frau Josserand.

»Allerdings«, sagte Hortense, »das Schwanzstück war noch übrig ... Ach nein, hier ist es ja. Es hätte mich auch gewundert, daß sie es gewagt haben sollte ... Wißt ihr, ich nehme es. Es ist zwar kalt, aber da ist halt nichts zu machen!«

Nun schnüffelte auch Berthe vergebens herum. Schließlich belegte sie eine Flasche mit Beschlag, in der ihre Mutter einen alten Topf Eingemachtes mit Wasser verdünnt hatte, um Johannisbeersaft für ihre Abendgesellschaften herzustellen. Sie schenkte sich ein halbes Glas davon ein und sagte:

»Halt, ich habe eine Idee! Da werde ich mir Brot drin eintunken! Wo doch weiter nichts da ist!«

Aber die besorgte Frau Josserand schaute sie streng an.

»Tu dir keinen Zwang an, schenke dir das Glas voll ein, wenn du schon mal dabei bist! Morgen setze ich den Damen und Herren Wasser vor, nicht wahr?«

Zum Glück wurde ihre Strafpredigt durch eine neue Missetat Adèles unterbrochen. Frau Josserand, die immer noch hin und her ging und suchte, was Adèle wohl sonst noch verbrochen haben könnte, gewahrte auf dem Tisch ein Buch; und nun gab es einen nicht mehr zu überbietenden Ausbruch.

»Oh, dieses Dreckstück! Schon wieder hat sie meinen Lamartine11 in die Küche mitgenommen!«

Es war ein Exemplar von »Jocelyn«. Sie nahm es, rieb daran herum, als wolle sie es abtrocknen; und sie sagte immer wieder, zwanzigmal habe sie ihr schon verboten, es überall so herumliegen zu lassen, um ihre Rechnungen darauf zu schreiben.

Berthe und Hortense hatten sich unterdessen das übriggebliebene Stückchen Brot geteilt; mit ihrem Abendbrot in der Hand zogen sie los, sie wollten sich zuerst einmal ausziehen. Die Mutter warf einen letzten Blick auf den eiskalten Herd und kehrte, ihren Lamartine unter dem überquellenden Fleisch ihres Armes fest an sich gepreßt, ins Eßzimmer zurück.

Herr Josserand schrieb weiter. Er hoffte, seine Frau werde sich damit begnügen, ihn mit einem verächtlichen Blick niederzuschmettern, wenn sie durch das Zimmer kam, um schlafen zu gehen. Aber sie ließ sich wiederum ihm gegenüber auf einen Stuhl sinken und starrte ihn an, ohne ein Wort zu sprechen. Er spürte diesen Blick, ihn überkam eine solche Bangigkeit, daß seine Feder das dünne Papier der Streifbänder zerkratzte.

»Du also hast Adèle daran gehindert, eine Cremespeise für morgen abend zu machen?« sagte sie schließlich.

Verdutzt entschloß er sich, den Kopf zu heben.

»Ich, meine Liebe?«

»Ach, du willst es wohl wieder abstreiten wie immer ... Warum hat sie dann die Cremespeise nicht gemacht, die ich ihr aufgetragen habe? Du weißt genau, daß wir morgen vor unserer Abendgesellschaft Onkel Bachelard zum Essen da haben, dessen Namenstag sehr ungünstig fällt, gerade auf einen Empfangstag. Wenn es keine Cremespeise gibt, dann muß Eis dasein, und damit sind wieder mal fünf Francs rausgeschmissen!«

Er versuchte sich nicht zu rechtfertigen. Da er seine Arbeit nicht wieder aufzunehmen wagte, fing er an, mit seinem Federhalter zu spielen. Es herrschte Schweigen.

»Morgen früh«, fuhr Frau Josserand fort, »wirst du mir den Gefallen tun, bei den Campardons vorzusprechen und sie sehr höflich – wenn du das kannst – daran zu erinnern, daß wir am Abend auf sie rechnen ... Heute nachmittag ist ihr junger Mann angekommen. Bitte sie, sie möchten ihn mitbringen. Ich will, daß er kommt, hörst du!«

»Welcher junge Mann?«

»Eben ein junger Mann; es würde zu lange dauern, dir das zu erklären ... Ich habe meine Erkundigungen eingezogen. Ich muß wirklich alles versuchen, da du mir deine Töchter ja wie einen Packen Dummheiten auf dem Halse läßt, ohne dich mehr um ihre Verheiratung zu kümmern als um die des Großtürken.« Dieser Gedanke entfachte ihren Zorn aufs neue. »Du siehst, ich beherrsche mich, aber mir stehtʼs bis obenhin, jawohl, bis obenhin! Sage nichts, mein Lieber, sage, nichts, sonst explodiere ich wahrhaftig ...«

Er sagte nichts, und sie explodierte trotzdem.

»Das ist ja nachgerade unerträglich! Laß dir das gesagt sein, ich haue eines schönen Morgens ab und lasse dich mit deinen beiden Töchtern, diesen Gänsen, sitzen ... Bin ich etwa für dieses Bettlerleben geboren? Immer jeden Heller dreimal umdrehen, sich sogar ein Paar Stiefeletten versagen, nicht einmal seine Freunde auf anständige Art und Weise empfangen können! Und das alles durch deine Schuld! – Ach, wackle nicht mit dem Kopf, bring mich nicht noch mehr hoch! Jawohl, durch deine Schuld! Du hast mich getäuscht, mein Lieber, schändlich getäuscht. Man heiratet keine Frau, wenn man entschlossen ist, es ihr an allem fehlen zu lassen. Den Prahlhans hast du gespielt, hast mit einer schönen Zukunft angegeben; du warst der Freund der Söhne deines Chefs, dieser Brüder Bernheim, die dich seitdem so schön zum besten gehalten haben ... Wie? Du wagst zu behaupten, sie hätten dich nicht zum besten gehalten? Du müßtest jetzt doch längst ihr Teilhaber sein! Du warst es doch, der ihre Kristallwarenfabrik zu dem gemacht hat, was sie ist, nämlich zu einer der ersten Pariser Firmen, und du bist ihr Kassierer geblieben, ein subalterner Angestellter, ein Lohnempfänger ... Jawohl, dir fehlt es an Mut, halt den Mund!«

»Ich habe achttausend Francs im Jahr«, murmelte der Angestellte. »Das ist ein schöner Posten.«

»Ein schöner Posten nach mehr als dreißig Dienstjahren!« entgegnete Frau Josserand. »Du reibst dich auf dabei, und du bist noch entzückt ... Weißt du, was ich getan hätte? Na, zwanzigmal hätte ich die Firma schon in die Tasche gesteckt. Das war ja so leicht, das habe ich gemerkt, als ich dich geheiratet habe; seitdem habe ich nicht aufgehört, dich dazu anzutreiben. Aber dazu hätte man eben Unternehmungsgeist und Verstand gebraucht, es kam darauf an, nicht wie ein Blödhammel auf seinem Sitzleder einzuschlafen.«

»Na, hör mal«, fiel Herr Josserand ein, »willst du mir jetzt etwa einen Vorwurf daraus machen, daß ich ehrlich gewesen bin?«

Sie stand auf und ging, mit ihrem Lamartine herumfuchtelnd, auf ihn zu.

»Ehrlich? Was meinst du damit? Sei doch erst mal ehrlich gegen mich. Dann kommen doch hoffentlich erst die anderen! Und ich sage es dir noch einmal, mein Lieber, es ist keine Ehrlichkeit, wenn man ein junges Mädchen hineinlegt, indem man sich den Anschein gibt, als sei man gewillt, einst reich zu werden, und dann tierisch dabei verblödet, indem man die Kasse anderer verwaltet. Wirklich, ich bin auf eine schöne Art und Weise angeschmiert worden! Ach, wenn ich doch noch mal vor diese Entscheidung gestellt würde und wenn ich bloß deine Familie gekannt hätte!« Sie ging ungestüm auf und ab.

Trotz seiner großen Sehnsucht nach Frieden konnte er eine aufkommende Ungeduld nicht unterdrücken.

»Du solltest schlafen gehen, Eléonore«, sagte er. »Es ist ein Uhr durch, und ich versichere dir, die Arbeit hier ist eilig ... Meine Familie hat dir nichts getan, rede nicht über sie.«

»Sieh mal an, warum denn? Deine Familie ist auch nicht heiliger als eine andere, denke ich ... Jedermann in Clermont weiß genau, daß dein Vater sich nach Verkauf seiner Anwaltspraxis von einem Dienstmädchen hat ruinieren lassen. Du hättest deine Töchter schon längst verheiratet, wenn er mit über siebzig Jahren nicht der Nutte nachgelaufen wäre. Auch so einer, der mich angeschmiert hat!«

Herr Josserand war bleich geworden. Er erwiderte mit bebender Stimme, die nach und nach anschwoll: »Hör mal, wir wollen uns doch nicht schon wieder gegenseitig unsere Familien unter die Nase reiben ... Dein Vater hat mir deine Mitgift, die dreißigtausend Francs, die er versprochen hatte, niemals ausgezahlt.«

»He? Was? Dreißigtausend Francs?«

»Allerdings, tu nicht so erstaunt ... Und wenn meinem Vater auch allerlei Unglück zugestoßen ist, so hat deiner sich uns gegenüber nichtswürdig verhalten. Bei seinem Nachlaß habe ich nie so ganz klargesehen, es sind allerlei Schiebungen dabei vorgekommen, damit das Pensionat in der Rue des Fossés-Saint-Victor dem Mann deiner Schwester zufiel, diesem schäbigen Pauker, der uns heute nicht mehr grüßt ... Wir sind bestohlen worden, als seien die Räuber über uns hergefallen.«

Angesichts der unbegreiflichen Auflehnung ihres Mannes schnappte Frau Josserand, die ganz weiß geworden war, nach Luft.

»Mache Papa nicht schlecht! Er war vierzig Jahre lang die Zierde des Unterrichtswesens. Geh doch mal in die Gegend vom Panthéon12 und frage nach dem Institut Bachelard! Und was meine Schwester und meinen Schwager betrifft, so sind sie eben, wie sie sind, sie haben mich bestohlen, das weiß ich; aber dir kommt es nicht zu, das zu sagen, das lasse ich mir nicht bieten, hörst du! Rede ich etwa über deine Schwester aus Les Andelys, die mit einem Offizier durchgebrannt ist! Oh, das geht ja sauber zu bei euch!«

»Mit einem Offizier, der sie geheiratet hat, meine Liebe ... Da ist ja auch noch Onkel Bachelard, dein Bruder, ein sittenloser Mensch ...«

»Aber du verlierst ja den Verstand, mein Lieber! Er ist reich, er verdient bei seinem Kommissionsgeschäft so viel, wie er will, und er hat versprochen, Berthe eine Mitgift zu geben ... Hast du denn vor gar nichts Achtung?«

»Ach ja, Berthe eine Mitgift geben! Wollen wir wetten, daß er nicht einen Sou rausrückt und daß wir seine widerwärtigen Gewohnheiten umsonst ausgestanden haben? Ich schäme mich für ihn, wenn er herkommt. Ein Lügner, ein Saufbruder, ein Ausbeuter, der die Situation ausnutzt, der mich seit fünfzehn Jahren, da er uns vor seinem Vermögen auf den Knien liegen sieht, jeden Sonnabend auf zwei Stunden in sein Büro mitnimmt, damit ich seine Bücher durchsehe! Dadurch spart er hundert Sous ... Wir müssen erst noch sehen, wie weit es mit seinen Geschenken her ist.«

Frau Josserand, der es den Atem verschlug, sammelte sich einen Augenblick. Dann stieß sie folgenden letzten Schrei aus: »Du hast doch einen Neffen bei der Polizei, mein Lieber!«

Es trat abermals Schweigen ein. Die kleine Lampe wurde blasser, unter Herrn Josserands fiebrigen Gebärden flogen Streifbänder umher; und er blickte seiner Frau ins Gesicht, seiner Frau in dem tief ausgeschnittenen Kleid, war entschlossen, alles zu sagen, und zitterte vor seinem eigenen Mut.

»Mit achttausend Francs kann man allerhand anfangen«, versetzte er. »Du beklagst dich immerzu. Aber du hättest den Haushalt nicht auf eine Ebene stellen sollen, die unsere Verhältnisse übersteigt. Es ist eine Krankheit von dir, Gesellschaften zu geben und Besuche zu machen, einen Empfangstag einzurichten, Tee und Kuchen zu reichen ...«

Sie ließ ihn nicht ausreden.

»Da haben wirʼs also! Sperr mich doch gleich in einen Kasten! Wirf mir vor, daß ich nicht splitternackt ausgehe ... Und deine Töchter, mein Lieber, wen sollen sie denn heiraten, wenn wir mit niemand verkehren? Viele Leute sind es sowieso schon nicht ... Opfere du dich doch mal auf und laß dich hinterher dann mit so einer Niedertracht beurteilen!«

»Alle haben wir uns aufgeopfert, meine Liebe. Léon hat vor seinen Schwestern zurücktreten müssen; und er hat das Haus verlassen, weil er nur noch auf sich selbst angewiesen war. Was Saturnin, das arme Kind, betrifft, so kann er nicht einmal lesen ... Ich selbst verzichte auf alles, ich verbringe die Nächte mit ...«

»Warum hast du Töchter gemacht, mein Lieber? – Du willst ihnen doch nicht etwa ihre Ausbildung vorwerfen? Ein anderer Mann an deiner Stelle würde sich des Lehrerinnendiploms von Hortense und der Talente von Berthe rühmen, die heute abend wieder einmal alle Welt mit ihrem Walzer ›An den Ufern der Oise‹ hingerissen hat und deren neuestes Bild morgen bestimmt unsere Gäste bezaubern wird ... Aber du, mein Lieber, du bist nicht einmal ein Vater, du hättest deine Kinder die Kühe hüten geschickt, statt sie in ein Pensionat zu stecken.«

»Ach was! Ich hatte ja für Berthe eine Versicherung abgeschlossen. Warst nicht du es, meine Liebe, die bei der vierten Prämienzahlung das Geld dazu verwendet hat, die Möbel des Salons neu beziehen zu lassen? Und inzwischen hast du sogar die eingezahlten Prämien verschachert.«

»Stimmt! Wo du uns ja verhungern läßt ... Na, du kannst dir ja in die Finger beißen, wenn deine Töchter alte Jungfern werden.«

»Mir in die Finger beißen! Aber zum Himmeldonnerwetter, mit deinen Toiletten und deinen lächerlichen Abendgesellschaften schlägst ja gerade du die Bewerber in die Flucht!« Noch nie war Herr Josserand so weit gegangen.

Erstickt stammelte Frau Josserand die Worte: »Ich, lächerlich, ich!«

Da öffnete sich die Tür: Hortense und Berthe kamen zurück, in Unterrock und Unterjacke, mit aufgelöstem Haar, die Füße in Latschen.

»Oje, bei uns ist es aber kalt!« sagte Berthe bibbernd. »Da gefrieren einem ja die Bissen im Munde ... Hier ist heute abend wenigstens Feuer gemacht worden.«

Und beide zogen Stühle heran, setzten sich an den Ofen, der einen Rest lauer Wärme bewahrte. Hortense hielt mit den Fingerspitzen ihren Kaninchenknochen, den sie kunstvoll abknabberte. Berthe tunkte Brotschnitten in ihr Glas Fruchtsaft. Im übrigen schienen die in Fahrt gekommenen Eltern ihr Eintreten nicht einmal zu bemerken. Sie zankten sich weiter.

»Lächerlich, lächerlich, mein Lieber! Lächerlich, das werde ich nicht länger sein! Den Kopf soll man mir abhacken, wenn ich noch ein Paar Handschuhe abnutze, um die Mädchen unter die Haube zu bringen ... Jetzt bist du dran! Und sieh zu, daß du dich nicht noch lächerlicher machst als ich!«

»Bei Gott noch mal, meine Liebe! Jetzt, wo du sie überall herumgeführt und bloßgestellt hast! Bringe sie unter die Haube oder nicht, mir ist das schnuppe!«

»Mir ist das noch mehr schnuppe, mein lieber Josserand! Mir ist das so schnuppe, daß ich sie auf die Straße setzen werde, wenn du mir noch länger zusetzt. Falls du nur im geringsten Lust hast, kannst du ihnen ja folgen, die Tür steht offen ... Ach, Herrgott! Da wäre ich eine schöne Last los!«

Die jungen Damen hörten seelenruhig zu, sie waren an diese lebhaften Auseinandersetzungen gewöhnt. Sie aßen immer noch, und da die Unterjacken ihnen von den Schultern gerutscht waren, rieben sie ihre nackte Haut sacht an den lauwarmen Kacheln des Ofens; und so schamlos entblößt, wirkten sie bezaubernd in ihrer Jugend, mit ihrem Heißhunger und ihren schlaftrunkenen Augen.

»Es ist sehr verkehrt von euch, daß ihr euch streitet«, sagte Hortense schließlich mit vollem Mund. »Mama kriegt vor Kummer graue Haare, und Papa wird morgen im Büro noch krank sein ... Mir scheint, wir sind groß genug, um uns allein unter die Haube bringen zu können.«

Das gab eine Ablenkung. Der Vater, der mit seinen Kräften am Ende war, tat so, als mache er sich wieder an seine Streifbänder; und er verharrte mit der Nase über dem Papier, weil er nicht imstande war zu schreiben, so sehr zitterten ihm die Hände.

Unterdessen hatte sich die Mutter, die wie eine losgelassene Löwin im Zimmer umherlief, vor Hortense aufgepflanzt.

»Wenn du dich meinst«, schrie sie, »dann bist du ganz schön blöd! Dein Verdier wird dich niemals heiraten.«

»Das ist ja meine Sache«, erwiderte das junge Mädchen unumwunden.

Nachdem sie fünf oder sechs Freier – einen kleinen Angestellten, den Sohn eines Schneiders, andere Burschen, die ihrer Meinung nach keine Zukunftsaussichten hatten – voller Verachtung abgewiesen, hatte sie sich für einen Rechtsanwalt entschieden, den sie bei Dambrevilles getroffen hatte und der bereits vierzig Jahre alt war. Sie hielt ihn für sehr tüchtig, dazu ausersehen, ein großes Vermögen zu erwerben. Das Unglück dabei aber war, daß Verdier seit fünfzehn Jahren mit einer Geliebten zusammen lebte, die in seinem Stadtviertel sogar für seine Frau galt. Hortense wußte es übrigens und zeigte sich deswegen nicht sonderlich beunruhigt.

»Mein Kind«, sagte der Vater, erneut den Kopf hebend, »ich hatte dich doch gebeten, nicht an diese Verbindung zu denken ... Du kennst die Lage ja.«

Für einen Augenblick hörte sie auf, an dem Kaninchenknochen herumzulutschen, und erwiderte ungeduldig:

»Na und? Verdier hat mir versprochen, ihr den Laufpaß zu geben. Sie ist eine dumme Pute.«

»Hortense, es ist verkehrt von dir, so zu sprechen ... Wenn dieser Bursche nun eines Tages auch dir den Laufpaß gibt, um zu der zurückzukehren, von der er sich deinetwegen getrennt hat?«

»Das ist ja meine Sache«, wiederholte das junge Mädchen in ihrer kurz angebundenen Art.

Berthe hörte zu, sie war in diese Geschichte eingeweiht, deren mögliche Wendungen sie täglich mit ihrer Schwester erörterte. Im übrigen stand sie wie ihr Vater auf der Seite der armen Frau, die nach fünfzehn Jahren gemeinschaftlichen Lebens auf die Straße gesetzt werden sollte.

Aber Frau Josserand griff ein.

»Hört bloß auf! Diese elenden Geschöpfe landen schließlich doch immer wieder in der Gosse. Allerdings wird Verdier ja doch nie die Kraft aufbringen, sich von ihr zu trennen ... Er hält dich zum Narren, meine Liebe. Ich an deiner Stelle würde keine Sekunde auf ihn warten, ich würde mich bemühen, einen anderen zu finden.«

Hortenses Stimme wurde noch schriller, während zwei fahle Flecken auf ihre Wangen traten.

»Mama, du weißt ja, wie ich bin ... Ich will ihn haben, und ich werde ihn kriegen. Niemals werde ich einen anderen heiraten, und wenn ich hundert Jahre auf ihn warten müßte.«

Die Mutter zuckte die Achseln.

»Und du schimpfst andere dumme Puten!«

Aber das junge Mädchen hatte sich bebend erhoben.

»Ach was, fall nicht über mich her!« schrie sie. »Ich bin mit meinem Kaninchen fertig, ich gehe lieber schlafen ... Da es dir ja nicht gelingt, uns unter die Haube zu bringen, mußt du uns eben gestatten, daß wir es so machen, wie es uns beliebt.« Und sie zog sich zurück, sie schlug heftig die Tür hinter sich zu.

Frau Josserand hatte sich majestätisch zu ihrem Gatten umgewandt. Sie gab folgende tiefsinnige Bemerkung von sich:

»Da siehst du, mein Lieber, wie du deine Töchter erzogen hast!«

Herr Josserand erhob keinen Einspruch; er war damit beschäftigt, sich einen Fingernagel mit Tintentüpfelchen zu besprenkeln, bis er weiterschreiben konnte.

Berthe, die ihr Brot aufgegessen hatte, tunkte einen Finger in das Glas, um ihren Fruchtsaft aufzulutschen. Ihr war behaglich zumute, der Rücken brannte ihr, und sie beeilte sich nicht, denn sie verspürte wenig Verlangen, in ihr Zimmer zu gehen und dort die zänkische Laune ihrer Schwester ertragen zu müssen.

»Aha, das ist der Lohn!« fuhr Frau Josserand fort und nahm ihre Wanderung durch das Eßzimmer wieder auf. »Zwanzig Jahre lang plackt man sich für diese Damen ab, man bringt sich an den Bettelstab, um vornehme Frauen aus ihnen zu machen, und sie bereiten einem nicht einmal die Genugtuung, sich nun so unter die Haube bringen zu lassen, wie es einem schmeckt ... Wenn man ihnen noch etwas verweigert hätte! Aber ich habe nie einen Centime für mich behalten, habe an meinen Toiletten abgeknapst, habe sie so gekleidet, als ob wir fünfzigtausend Francs Jahreszinsen zur Verfügung hätten ... Nein, das ist doch wirklich zu dumm! Wenn diese Frauenzimmer da eine sorgfältige Erziehung genossen haben, was man gerade so an Religion braucht und vom Benehmen reicher Töchter wissen muß, dann lassen sie einen im Stich und sprechen davon, Rechtsanwälte zu heiraten, Abenteurer, die einen ausschweifenden Lebenswandel führen!« Sie blieb vor Berthe stehen, drohte ihr mit dem Finger und sagte: »Wenn du etwa auch wie deine Schwester einschlägst, dann kriegst du es mit mir zu tun.« Dann begann sie wieder umherzustapfen, redete dabei mit sich selber, sprang von einem Gedanken auf den anderen über, widersprach sich mit der Bestimmtheit einer Frau, die immer recht hat. »Ich habe getan, was ich tun mußte, und müßte es noch einmal getan werden, so würde ich es noch einmal tun ... Im Leben ziehen immer nur die den kürzeren, die am schüchternsten sind. Geld ist Geld: wenn man keins hat, dann legt man sich am besten gleich schlafen. Wenn ich zwanzig Sous hatte, habe ich immer gesagt, ich hätte vierzig; denn darin liegt die ganze Weisheit, es ist besser, Neid zu erregen als Mitleid ... Man kann noch soviel Bildung genossen haben, wenn man nicht gut gekleidet ist, verachten einen die Leute. Das ist zwar nicht gerecht, aber es ist so ... Lieber würde ich schmutzige Unterröcke tragen als ein Kattunkleid. Eßt Kartoffeln, aber bringt ein Hühnchen auf den Tisch, wenn ihr Gäste zum Abendessen habt ... Und wer das Gegenteil behauptet, ist ein Dummkopf!« Sie starrte ihren Mann an, dem diese letzten Bemerkungen galten.

Erschöpft, einer neuen Schlacht ausweichend, war dieser feige genug, zu erklären:

»Das ist schon wahr, heutzutage zählt nur das Geld.«

»Da hörst duʼs«, versetzte Frau Josserand, wieder auf ihre Tochter zurückkommend. »Gehe deinen geraden Weg und versuche uns Freude zu bereiten ... Wieso hast du diese Partie schon wieder verpatzt?«

Berthe begriff, daß nun sie an der Reihe war.

»Ich weiß nicht, Mama«, murmelte sie.

»Ein stellvertretender Bürovorsteher«, fuhr die Mutter fort, »keine dreißig Jahre alt, eine prächtige Zukunft. Der bringt einem alle Monate sein Geld an; der ist zuverlässig, was Besseres gibtʼs nicht ... Hast du wieder mal irgendeine Dummheit gemacht wie bei den anderen?«

»Nein, Mama, das versichere ich dir ... Er wird sich erkundigt haben, er wird erfahren haben, daß ich keinen Sou besitze.«

Aber Frau Josserand erhob laut Einspruch.

»Und die Mitgift, die dein Onkel dir geben will? Alle Welt kennt sie, diese Mitgift ... Nein, da steckt etwas anderes dahinter, er hat zu plötzlich abgebrochen ... Während des Tanzes seid ihr in den kleinen Salon hinübergegangen.«

Berthe geriet in Verwirrung.

»Ja, Mama ... Und als wir allein waren, hat er häßliche Dinge gewollt, er hat mich geküßt und mich dabei so hier gepackt. Da habe ich Angst gekriegt und habe ihn gegen ein Möbelstück gestoßen ...«

Ihre Mutter, die wieder in Wut geraten war, unterbrach sie:

»Gegen ein Möbelstück gestoßen, ach, du Unglückselige! Gegen ein Möbelstück gestoßen ...!«

»Aber, Mama, er hielt mich ...«

»Na und? Er hielt dich, was ist denn schon groß dabei? Steckt solche Gänse doch in ein Pensionat! Sag mal, was hast du eigentlich gelernt?«

Eine Woge von Blut hatte Schultern und Wangen des jungen Mädchens überflutet. Berthe war verwirrt wie eine geschändete Jungfrau, und Tränen traten ihr in die Augen.

»Es ist nicht meine Schuld, er sah so bösartig aus ... Ich weiß doch nicht, was man tun muß.«

»Was man tun muß? Sie fragt, was man tun muß! He, habe ich dir nicht hundertmal gesagt, wie lächerlich dein scheues Getue ist? Du bist dazu bestimmt, in der Gesellschaft zu leben. Wenn ein Mann brutal ist, dann kommt es daher, daß er dich liebt, und es gibt immer Mittel und Wege, ihn auf nette Art und Weise zurechtzuweisen ... Wegen eines Kusses hinter einer Tür! Wahrhaftig, mußt du uns, deinen Eltern, das denn eigentlich erzählen? Und du stößt die Leute gegen ein Möbelstück, und du verpatzt Partien!« Sie setzte eine schulmeisterliche Miene auf und fuhr fort: »Es hat keinen Zweck, ich gebe die Hoffnung auf, du bist beschränkt, meine Tochter ... Dir müßte man alles eintrichtern, und das wird lästig. Da du nun mal kein Vermögen besitzt, mußt du die Männer eben mit etwas anderem fangen, begreife das doch. Man ist liebenswürdig, man macht zärtliche Augen, man vergißt seine Hand, man erlaubt die Kindereien, ohne sich etwas anmerken zu lassen; kurzum, man angelt sich einen Mann ... Glaubst du etwa, es ist deinen Augen zuträglich, wenn du heulst wie ein Schloßhund?«

Berthe schluchzte.

»Du regst mich auf, hör bloß auf zu heulen ... Mein lieber Josserand, befiehl doch deiner Tochter, sie soll sich mit dieser Heulerei nicht das Gesicht verhunzen. Das wäre der Gipfel, wenn sie häßlich wird!«

»Mein Kind«, sagte der Vater, »sei vernünftig, hör auf deine Mutter, die immer Rat weiß. Du darfst nicht häßlich werden, Liebes.«

»Und mich ärgert, daß sie gar nicht mal so übel ist, wenn sie will«, begann Frau Josserand wieder. »Na, wisch dir die Augen ab, schau mich an, als ob ich ein Herr wäre, der im Begriff ist, dir den Hof zu machen ... Du lächelst, du läßt deinen Fächer fallen, damit der Herr, wenn er ihn aufhebt, deine Finger streift ... Nicht so! Du plusterst dich ja auf, daß du aussiehst wie ein krankes Huhn ... Wirf doch den Kopf zurück, mach deinen Hals frei: er ist ja jung genug, daß du ihn zeigen kannst.«

»Also so, Mama?«

»Ja, das ist schon besser ... Und sei nicht steif, laß deine Taille schmiegsam sein. Bretter haben die Männer nicht gern ... Stell dich vor allen Dingen nicht albern an, wenn sie zu weit gehen. Ein Mann, der zu weit geht, ist hin, meine Liebe.«

Die Standuhr im Salon schlug die zweite Stunde; und in der Aufregung dieses lang ausgedehnten Aufbleibens und in ihrem zur Sucht gewordenen Verlangen nach einer sofortigen Verheiratung vergaß sich die Mutter so weit, daß sie laut dachte, wobei sie ihre Tochter wie eine Puppe aus Pappe hin und her drehte.

Schlaff, willenlos ließ diese sich alles gefallen; aber ihr war ganz schwer ums Herz, Angst und Scham schnürten ihr die Kehle zu. Mitten in einem perlenden Lachen, das zu versuchen ihre Mutter sie zwang, brach sie mit verstörtem Gesicht jäh in Schluchzen aus und stammelte: »Nein, nein! Das fallt mir so schwer!«

Frau Josserand stand eine Sekunde empört und verdutzt da. Seit sie von Dambrevilles weggegangen war, saß ihr die Hand locker, es lagen Maulschellen in der Luft. Da ohrfeigte sie Berthe mit vollem Schwung.

»Da! So langsam ödest du mich an! – So eine Trine! Wahrhaftig, die Männer haben recht!«

Bei dem Ruck war ihr Lamartine, den sie nicht losgelassen hatte, zu Boden gefallen. Sie hob ihn auf, wischte ihn ab und begab sich, ohne ein weiteres Wort zu sagen, ihr Ballkleid königlich hinter sich herschleppend, ins Schlafzimmer.

»Das mußte ja so enden«, murmelte Herr Josserand, der seine Tochter nicht zurückzuhalten wagte, die ebenfalls ging, sich die Wange hielt und noch heftiger weinte.

Aber als Berthe im Finstern durch die Diele tappte, traf sie auf ihren Bruder Saturnin, der aufgestanden war und barfuß herumstand und horchte. Saturnin war ein großer, schlaksiger fünfundzwanzigjähriger Bursche mit seltsamen Augen, der infolge einer Gehirnentzündung ein Kind geblieben war. Wenn er auch nicht verrückt war, so setzte er, wenn man ihn ärgerte, doch das Haus durch Anfälle blinder Gewalttätigkeit in Schrecken. Allein Berthe pflegte ihn mit einem Blick zu bändigen. Als sie eine kleine Range gewesen, hatte er sie während einer langen Krankheit gepflegt und dabei wie ein Hund ihren Launen eines leidenden kleinen Mädchens gehorcht; und seitdem er sie gerettet hatte, war er von einer Schwärmerei für sie befallen, bei der jegliche Art von Liebe mitspielte.

»Hat sie dich schon wieder geschlagen?« fragte er mit leiser und glühender Stimme.

Besorgt darüber, ihn hier zu treffen, versuchte Berthe ihn zurückzuschicken.

»Geh schlafen, das geht dich nichts an.«

»Doch gehtʼs mich was an. Ich will nicht, daß sie dich schlägt! Sie hat mich wach gemacht, so laut hat sie geschrien ... Sie soll ja nicht noch mal anfangen, sonst dresche ich zu!«

Da ergriff sie seine Handgelenke und sprach zu ihm wie zu einem aufbegehrenden Tier. Er unterwarf sich sogleich, er stammelte, während ihm wie einem kleinen Jungen die Tränen kamen:

»Es tut dir sehr weh, nicht wahr? Wo ist dein Wehweh? Ich will ein Küßchen drauf geben.« Und da er in der Dunkelheit ihre Wange gefunden hatte, küßte er sie, benetzte sie mit seinen Tränen, wobei er immer wieder sagte: »Es ist wieder heil, es ist wieder heil!«

Unterdessen hatte Herr Josserand, der allein geblieben war, seine Feder sinken lassen, da ihm das Herz vor Kummer allzu schwer war. Nach einigen Minuten stand er auf, um leise an den Türen zu horchen. Frau Josserand schnarchte. Im Zimmer seiner Töchter weinte niemand. Die Wohnung war schwarz und friedlich. Da kehrte er ein wenig erleichtert zurück. Er schraubte die blakende Lampe zurecht und begann mechanisch wieder zu schreiben. Im feierlichen Schweigen des eingeschlafenen Hauses rollten zwei dicke Tränen, die er gar nicht spürte, auf die Streifbänder hinab.

Drittes Kapitel

Gleich beim Fisch – Rochen von zweifelhafter Frische mit brauner Butter, den Adèle, diese Pfuscherin, in einer Woge von Essig ertränkt hatte – ermunterten Hortense und Berthe Onkel Bachelard, der zwischen ihnen saß, zum Trinken, schenkten abwechselnd sein Glas voll und sagten immer wieder: »Es ist dein Namenstag, so trink doch! Auf dein Wohl, Onkel!«

Sie hatten das Komplott geschmiedet, sich zwanzig Francs schenken zu lassen. Jedes Jahr setzte ihre vorsorgliche Mutter so ihren Bruder zwischen die beiden und lieferte ihn ihnen aus. Aber es war ein hartes Stück Arbeit, das die ganze Gier zweier Mädchen erforderte, denen Träume von Louis-Quinze-Schuhen13 und fünfknöpfigen Handschuhen zusetzten. Damit der Onkel die zwanzig Francs herausrückte, mußte er völlig blau sein. Innerhalb der Familie war er von wildem Geiz, während er außerhalb auf wüsten Gelagen die achtzigtausend Francs verpraßte, die er jährlich beim Kommissionsgeschäft verdiente. Glücklicherweise war er an diesem Abend bereits angetrunken eingetroffen, weil er den Nachmittag bei einer Färberin im Faubourg Montmartre verbracht hatte, die sich für ihn Wermut aus Marseille schicken ließ. »Auf euer Wohl, meine Kätzchen!« erwiderte er jedesmal mit seiner polternden, teigigen Stimme und leerte sein Glas.

Er war geradezu mit Juwelen bedeckt, hatte eine Rose im Knopfloch und nahm die Mitte der Tafel ein, wirkte gewaltig in seiner Stattlichkeit eines ausschweifenden und großmäuligen Geschäftsmanns, der sich in allen Lastern gewälzt hat. Seine falschen Zähne erhellten sein verwüstetes Gesicht, dessen große rote Nase unter dem schneeigen Käppchen seines kurzgeschnittenen Haars aufloderte, mit allzu grellem Weiß; und von Zeit zu Zeit fielen seine Lider von selbst über seine matten und trüben Augen herab. Gueulin, der Sohn einer Schwester seiner Frau, pflegte zu versichern, der Onkel sei in den zehn Jahren, die er Witwer sei, nicht nüchtern geworden.

»Narcisse, ein wenig Rochen, er ist ausgezeichnet«, sagte Frau Josserand, die angesichts der Trunkenheit ihres Bruders lächelte, obgleich sich ihr im Grunde dabei der Magen umdrehte.

Sie saß ihm gegenüber, zu ihrer Linken hatte sie den kleinen Gueulin und zu ihrer Rechten einen jungen Mann, Hector Trublot, dem gegenüber sie sich revanchieren mußte. Gewöhnlich benutzte sie dieses Familienessen dazu, gewisse Einladungen hinter sich zu bringen; und so kam es, daß auch eine im Hause wohnende Dame, Frau Juzeur, anwesend war, die neben Herrn Josserand saß. Da der Onkel sich übrigens bei Tisch sehr schlecht aufzuführen pflegte, so daß man schon sein Vermögen berücksichtigen mußte, um ihn ohne Ekel ertragen zu können, zeigte sie ihn nur vertrauten Freunden oder solchen Leuten, denen hinfort noch länger Sand in die Augen zu streuen sie für unnötig erachtete. So hatte sie zum Beispiel eine Weile an den jungen Trublot als Schwiegersohn gedacht, der zur Zeit – so lange, bis sein Vater, ein reicher Mann, ihm eine Geschäftsbeteiligung kaufte – bei einem Börsenmakler angestellt war; da Trublot aber einen stillen Haß auf die Ehe bekundet hatte, tat sie sich ihm gegenüber keinen Zwang mehr an, sie setzte ihn sogar neben Saturnin, der niemals hatte sauber essen können. Berthe, die stets an der Seite ihres Bruders saß, hatte den Auftrag, ihn mit einem Blick in Zaum zu halten, wenn er mit den Fingern allzusehr in der Sauce herumfuhr.

Nach dem Fisch erschien eine fette Pastete, und die Töchter des Hauses hielten den Augenblick für gekommen, den Angriff zu beginnen.

»So trink doch, Onkel!« sagte Hortense. »Es ist ja dein Namenstag ... Läßt du nichts springen zu deinem Namenstag?«

»Ach ja, richtig«, setzte Berthe mit unbefangener Miene hinzu. »An seinem Namenstag läßt man doch was springen ... Du wirst uns zwanzig Francs schenken.«

Als Bachelard von Geld reden hörte, stellte er sich auf einmal noch betrunkener. Das war seine gewohnte Bosheit: seine Augenlider fielen herab, er spielte den Blöden.

»He, was?« lallte er.

»Zwanzig Francs, du weißt doch, was zwanzig Francs sind, stell dich nicht dumm«, erwiderte Berthe. »Schenk uns zwanzig Francs, und wir haben dich lieb, oh, wir haben dich ganz mächtig lieb!«

Sie waren ihm um den Hals gefallen, überschütteten ihn verschwenderisch mit Kosenamen, küßten sein glühendes Gesicht ohne Widerwillen vor dem gemeinen Geruch nach ausschweifendem Leben, den er ausströmte.

Herr Josserand, den dieser ständige Dunst von Absinth, Tabak und Moschus störte, wurde von Empörung erfaßt, als er sah, wie sich der jungfräuliche Liebreiz seiner Töchter an all dem Scheußlichen rieb, das sich der Onkel auf allen Bürgersteigen aufgelesen hatte.

»Laßt ihn doch sein!« rief er.

»Warum denn?« sagte Frau Josserand, die ihrem Gatten einen fürchterlichen Blick zuschleuderte. »Sie amüsieren sich ... wenn Narcisse ihnen zwanzig Francs schenken will, so steht es ihm doch frei.«

»Herr Bachelard ist so gut zu ihnen!« murmelte die kleine Frau Juzeur gefälligerweise.

Aber der Onkel sträubte sich, tat noch stumpfsinniger, und den Mund voller Speichel, sagte er immer wieder: »Das ist drollig ... Keine Ahnung, Ehrenwort! Keine Ahnung ...«

Da wechselten Hortense und Berthe einen Blick und ließen von ihm ab. Zweifellos hatte er noch nicht genug getrunken. Und mit dem Gelächter von Dirnen, die einen Mann ausnehmen wollen, machten sie sich wiederum daran, sein Glas vollzuschenken. Ihre nackten Arme, die von anbetungswürdiger jugendlicher Fülle waren, fuhren alle paar Minuten unter die große flammende Nase des Onkels.

Unterdessen blickte Trublot als schweigsamer Bursche, der sich seine Vergnügungen allein zu verschaffen pflegte, Adèle nach, während diese schwerfällig hinter den Gästen hin und her ging. Er war sehr kurzsichtig, und so wie er sie sah, war sie hübsch mit ihren ausgeprägten Zügen einer Bretonin und ihrem Haar, das eine Farbe hatte wie schmutziger Hanf. Gerade als sie den Braten auftrug, ein in der Kasserolle geschmortes Stück Kalbfleisch, legte sie sich halb über seine Schulter, um die Mitte des Tisches erreichen zu können; und während er so tat, als wolle er seine Serviette aufheben, kniff er sie kräftig in die Wade. Das Dienstmädchen schaute ihn verständnislos an, als hätte er sie um Brot gebeten.

»Was gibtʼs?« fragte Frau Josserand. »Hat sie Sie gestoßen, Herr Trublot? Oh, dieses Mädchen! Sie ist von einer Ungeschicklichkeit! Aber das ist nun mal nicht anders. Die ist noch ganz neu, die muß erst herangebildet werden.«

»Allerdings; es ist weiter nicht schlimm«, erwiderte Trublot, der seinen starken, schwarzen Bart mit der Gelassenheit eines jungen indischen Gottes kraulte.

Die Unterhaltung wurde lebhafter in diesem Eßzimmer, das zuerst eisig war und nach und nach vom Geruch der Speisen erwärmt wurde.

Frau Juzeur vertraute Herrn Josserand wieder einmal die Traurigkeiten ihres dreißigjährigen einsamen Lebens an. Sie hob die Augen gen Himmel, sie begnügte sich mit der folgenden taktvollen Anspielung auf das Drama ihres Lebens: ihr Mann habe sie nach zehntägiger Ehe verlassen, und niemand wisse warum; weiter sage sie nichts darüber. Jetzt lebe sie allein in einer stets verschlossenen Wohnung, die daunenhaft wohlig sei und die nur Priester beträten.

»Das ist so traurig in meinem Alter!« murmelte sie schmachtend, während sie mit zierlichen Gebärden ihr Kalbfleisch aß.

»Ein recht unglückliches Frauchen«, raunte Frau Josserand mit einer Miene tiefen Mitgefühls Trublot ins Ohr.

Aber Trublot warf gleichgültige Blicke auf diese Frömmlerin mit den hellen Augen, die voller Vorbe halte und Hintergedanken steckte. Das war nicht sein Geschmack.

Es entstand eine Panik. Saturnin, auf den Berthe nicht mehr aufpaßte, da sie allzusehr mit ihrem Onkel beschäftigt war, vergnügte sich mit seinem Fleisch, das er in kleine Stückchen zerschnitt und daraus auf seinem Teller Muster zusammenlegte. Dieses arme Geschöpf brachte seine Mutter, die Angst vor ihm hatte und sich seiner schämte, zur Verzweiflung; sie wußte nicht, wie sie ihn loswerden sollte, wagte aus Eigenliebe nicht, einen Arbeiter aus ihm werden zu lassen, nachdem sie ihn seinen Schwestern geopfert hatte, indem sie ihn aus einem Internat herausnahm, wo sein eingeschlafener Verstand allzu langsam erwachte; und all die Jahre hindurch, die er unnütz und beschränkt im Haus umherschlich, stand sie tausend Ängste aus, wenn sie ihn in Gesellschaft vorführen sollte. Ihr Stolz blutete.

»Saturnin!« rief sie.

Aber glücklich über den Matsch auf seinem Teller, fing Saturnin an, höhnisch zu grinsen. Er hatte keinen Respekt vor seiner Mutter, schimpfte sie mit der Scharfsichtigkeit von Verrückten, die laut denken, freiheraus eine grobe Lügnerin und ein zänkisches Weib. Sicher hätten die Dinge eine schlimme Wendung genommen, er hätte ihr den Teller an den Kopf geworfen, wenn Berthe, die wieder an ihre Rolle dachte, ihn nicht starr angesehen hätte. Er wollte Widerstand leisten; dann erloschen seine Augen, er blieb bis zum Ende der Mahlzeit düster und schlapp, wie in einem Traum, auf seinem Stuhl sitzen.

»Hoffentlich haben Sie Ihre Flöte mitgebracht, Gueulin?« fragte Frau Josserand, die das Unbehagen ihrer Gäste zu zerstreuen suchte.

Gueulin spielte aus Liebhaberei Flöte, aber einzig und allein in Häusern, wo er sich behaglich fühlte.

»Mein Flöte, gewiß«, erwiderte er.

Er war zerstreut, sein rotes Haar und sein roter Backenbart waren noch struppiger als sonst; was die jungen Damen da mit ihrem Onkel anstellten, erregte sein höchstes Interesse. Er war bei einer Versicherungsgesellschaft angestellt, und gleich nach Büroschluß pflegte er Bachelard aufzusuchen und ihn nicht mehr zu verlassen, während er in seinem Gefolge dieselben Cafés und dieselben verrufenen Orte abklapperte. Hinter dem großen schlotterigen Körper des einen konnte man stets mit Sicherheit die fahle kleine Gestalt des anderen erblicken.

»Feste! Lassen Sie ihn nicht los!« sagte er unvermittelt wie ein Mann, der die Schläge beurteilt.

Der Onkel verlor in der Tat den Boden unter den Füßen. Als Adèle nach dem Gemüse, wäßrigen grünen Bohnen, Vanille- und Johannisbeereis auftrug, entstand unverhoffte Freude rings um die Tafel; und die Töchter des Hauses mißbrauchten die Situation, um ihren Onkel die Hälfte der Flasche Champagner trinken zu lassen, für die Frau Josserand bei einem benachbarten Kolonialwarenhändler drei Francs bezahlte. Der Onkel wurde zärtlich, er vergaß seine Schwachsinnskomödie.

»Zwanzig Francs, he! Weshalb zwanzig Francs? Ach, ihr wollt zwanzig Francs! Aber ich habe doch wahrhaftig keine. Fragt Gueulin. Nicht wahr, Gueulin, ich habe meine Börse vergessen, du hast im Café bezahlen müssen ... Wenn ich das Geld hätte, meine Kätzchen, würde ich es euch ja geben, ihr seid doch zu niedlich.«

Gueulin mit seiner kalten Miene lachte mit dem Kreischen eines schlecht geschmierten Flaschenzugs. Und er murmelte: »Dieser alte Gauner!« Dann ließ er sich mit einemmal hinreißen und rief: »Durchsuchen Sie ihn doch!«

Da stürzten sich Hortense und Berthe erneut ohne jede Zurückhaltung auf den Onkel. Das Gelüst auf die zwanzig Francs, das von ihrer guten Erziehung im Zaum gehalten wurde, machte sie schließlich toll; und sie ließen alle Rücksicht fahren. Die eine untersuchte mit beiden Händen die Westentaschen, während die andere die Finger bis zum Handgelenk in die Taschen des Überrocks versenkte.

Jedoch der Onkel kämpfte, hintenübergeworfen, noch immer; aber ihn packte das Lachen, ein von den Rülpsern des Rausches zerschnittenes Lachen.

»Ehrenwort! Ich habe nicht einen Sou ... Hört doch auf, ihr kitzelt mich ja!«

»In der Hose!« rief Gueulin energisch, den dieses Spiel erregte.

Und kurz entschlossen wühlte Berthe in der einen Hosentasche herum. Die Hände der Mädchen bebten, sie wurden beide brutal, sie hätten den Onkel noch geohrfeigt. Aber Berthe stieß einen Siegesschrei aus: aus der Tiefe der Tasche holte sie eine Handvoll Kleingeld hervor, das sie auf einen Teller streute; und dort lag in einem Haufen von Zweisousstücken und einigen Silbermünzen ein Zwanzigfrancsstück.

»Ich habʼs!« sagte sie, während sie über und über rot und mit aufgelöstem Haar das Stück in die Luft warf und wieder auffing.

Die ganze Tischgesellschaft klatschte in die Hände, fand das sehr drollig. Es entstand Getöse, das war die Fröhlichkeit des Abendessens. Frau Josserand betrachtete ihre Töchter mit dem Lächeln einer gerührten Mutter. Der Onkel, der sein Kleingeld wieder einsammelte, sagte mit lehrhafter Miene, wenn man zwanzig Francs haben wolle, dann müsse man sie verdienen. Und zu seiner Rechten und Linken schnauften müde und befriedigt die Töchter des Hauses mit noch bebenden Lippen und waren ganz entkräftet von ihrer Begierde.

Es ertönte ein Glockenschlag. Man hatte langsam gegessen, die Gäste trafen bereits ein. Herr Josserand, der beschlossen hatte, ebenfalls wie seine Frau zu lachen, pflegte bei Tisch gern etwas von Béranger14 vorzusingen; aber seine Frau, deren poetischen Geschmack er verletzte, gebot ihm Schweigen. Sie beschleunigte den Nachtisch, zumal der Onkel, der mißmutig geworden war, seit man ihm das Geschenk von zwanzig Francs abgenötigt hatte, Streit suchte, indem er sich beklagte, sein Neffe Léon habe nicht einmal geruht, sich herzubemühen und ihm zum Namenstag Glück zu wünschen. Léon sollte erst zur Abendgesellschaft kommen. Als man sich endlich erhob, sagte Adèle, der Architekt von unten und ein junger Mann seien gekommen und befänden sich im Salon.

»Ach ja, dieser junge Mann«, murmelte Frau Juzeur und nahm Herrn Josserands Arm an. »Sie haben ihn also eingeladen? Ich habe ihn heute beim Concierge gesehen. Er sieht sehr gut aus.«

Frau Josserand nahm eben Trublots Arm, als Saturnin, der allein am Tisch zurückgeblieben war und den der ganze Radau um die zwanzig Francs nicht aus dem Schlaf geweckt hatte, in den er mit offenen Augen verfallen war, in einem jähen Wutanfall seinen Stuhl umwarf und schrie: »Ich will nicht, Himmelsakrament! Ich will nicht!«

Gerade dies befürchtete seine Mutter immer besonders. Sie gab ihrem Mann einen Wink, er möge Frau Juzeur wegführen. Dann machte sie sich los vom Arm Trublots, der begriff und verschwand; aber er mußte sich wohl irren, denn er flitzte hinter Adèle drein nach der Küche hin. Ohne sich um den übergeschnappten, wie sie ihn nannten, zu kümmern, feixten Bachelard und Gueulin in einer Ecke und versetzten einander Klapse.

»Er war ganz komisch, ich habe schon geahnt, daß heute abend so etwas kommt«, murmelte Frau Josserand ganz besorgt. »Komm schnell, Berthe!«

Aber Berthe zeigte Hortense gerade das Zwanzigfrancsstück.

Saturnin hatte ein Messer ergriffen. Er sagte ein um das andere Mal: »Himmelsakrament! Ich will nicht, denen werde ich den Bauch aufschlitzen!«

»Berthe!« rief die verzweifelte Stimme der Mutter.

Und als Berthe herbeieilte, hatte sie gerade noch Zeit, Saturnin bei der Hand zu packen, damit er nicht in den Salon ging. In Zorn geraten, schüttelte sie ihn, während er ihr mit seiner Verrücktenlogik alles auseinandersetzte.

»Laß mich nur machen, sie müssen dran glauben ... Es ist besser, sage ich dir ... Ihre schmutzigen Geschichten habe ich satt. Die verraten uns alle.«

»Das ist ja nicht zum Aushalten!« schrie Berthe. »Was hast du denn? Was schwatzt du da?«

Von einer dumpfen Wut getrieben, sah er sie verstört an und stammelte: »Man will dich schon wieder unter die Haube bringen ... Niemals, hörst du! Ich will nicht, daß man dir was zuleide tut.«

Das junge Mädchen konnte nicht umhin zu lachen. Wo habe er das denn her, daß man sie unter die Haube bringen wolle?

Aber er nickte: er wußte es, er fühlte es.

Und als seine Mutter eingriff, um ihn zu beruhigen, faßte er das Messer so fest, daß sie zurückwich. Sie zitterte indessen, daß dieser Auftritt zu hören sein könnte; schnell sagte sie zu Berthe, sie solle ihn wegbringen und ihn in sein Zimmer einschließen, während er, immer närrischer werdend, die Stimme erhob.

»Ich will nicht, daß man dich unter die Haube bringt, ich will nicht, daß man dir was zuleide tut ... Wenn man dich unter die Haube bringt, schlitze ich ihnen den Bauch auf.«

Da legte ihm Berthe die Hände auf die Schultern und sah ihn starr an.

»Hör mal«, sagte sie, »verhalte dich ruhig, oder ich hab dich nicht mehr lieb.«

Er schwankte, ein Ausdruck der Verzweiflung ließ sein Gesicht weich werden, seine Augen füllten sich mit Tränen.

»Du hast mich nicht mehr lieb, du hast mich nicht mehr lieb ... Sag das nicht. O bitte, sag, daß du mich noch liebhast, sag, daß du mich immer liebhaben wirst und daß du nie einen anderen liebhaben wirst.«

Sie hatte ihn beim Handgelenk ergriffen und führte ihn weg; er war folgsam wie ein Kind.

Im Salon nannte Frau Josserand, ihre Vertraulichkeit übertreibend, Campardon ihren lieben Nachbarn. Warum habe Frau Campardon ihr nicht die große Freude bereitet mitzukommen? Und auf die Antwort des Architekten hin, seine Frau sei stets ein wenig leidend, erhob sie laut Einspruch; man hätte sie auch in Morgenrock und Pantoffeln empfangen, sagte sie. Aber ihr Lächeln ließ Octave, der mit Herrn Josserand plauderte, nicht los; alle ihre Liebenswürdigkeiten waren, über Campardons Schulter hinweg, an ihn gerichtet. Als ihr Gatte ihr den jungen Mann vorstellte, legte sie eine so lebhafte Herzlichkeit an den Tag, daß er in Verlegenheit geriet.

Es trafen Gäste ein, beleibte Mütter mit mageren Töchtern, aus dem Büroschlaf nicht richtig erwachte Väter und Onkel, die Herden heiratsfähiger Töchter vor sich her trieben. Zwei mit rosa Papier verhüllte Lampen tauchten den Salon in Dämmerlicht, und darin ertranken die schäbigen alten Möbel mit ihrem gelben Samt, das Klavier mit der stumpf gewordenen Politur, die drei verräucherten Schweizer Ansichten, die schwarze Flecken auf die kalte Nacktheit der in Weiß und Gold gehaltenen Fächer der Wandtäfelung setzten. Und in dieser geizigen Helligkeit traten die Gäste in den Hintergrund, ärmliche und gleichsam abgenutzte Gestalten mit Toiletten, die man mühselig ausstaffiert hatte, ohne sich deshalb in sein Schicksal zu ergeben. Frau Josserand trug ihr feuerrotes Kleid vom Vorabend; allein um die Leute irrezuführen, hatte sie den Tag damit verbracht, Ärmel an das Mieder zu nähen und sich einen Spitzenumhang anzufertigen, um ihre Schultern zu verdecken, während ihre Töchter in schmutziger Unterjacke neben ihr wütend die Nadel hin und her gezogen und ihre einzigen Toiletten, die sie seit dem vorigen Winter so Stück für Stück änderten, mit neuen Garnituren aufgefrischt hatten.

Nach jedem Anschlagen der Glocke kam Geflüster aus der Diele. Man plauderte leise in dem düsteren Raum, in den das gezwungene Lachen einer jungen Dame dann und wann einen falschen Ton hineinbrachte. Hinter der kleinen Frau Juzeur stießen Bachelard und Gueulin einander mit dem Ellbogen an, wobei sie Unanständigkeiten vom Stapel ließen; und Frau Josserand paßte mit beunruhigten Blicken auf die beiden auf, denn sie fürchtete, daß ihr Bruder sich vorbeibenehmen könnte. Aber Frau Juzeur konnte alles hören; ihre Lippen bebten leise, sie lächelte mit engelhafter Sanftmut über die schlüpfrigen Geschichten. Onkel Bachelard stand in dem Ruf, ein gefährlicher Mann zu sein. Sein Neffe hingegen war keusch. So schön die Gelegenheiten auch sein mochten, Gueulin lehnte die Frauen aus theoretischen Gründen ab, nicht etwa weil er sie verachtete, sondern weil er das fürchtete, was auf das Glück folgte: immer Scherereien, pflegte er zu sagen.

Endlich tauchte Berthe auf. Sie ging rasch auf ihre Mutter zu.

»Oje, hat das Mühe gekostet!« flüsterte sie ihr ins Ohr. »Er wollte nicht schlafen gehen, ich habe ihn eingesperrt und zweimal abgeschlossen ... Aber ich habe Angst, er schlägt da drin alles kaputt.«

Frau Josserand zupfte sie heftig am Kleid.

Octave, der in ihrer Nähe stand, hatte soeben den Kopf gewandt.

»Meine Tochter Berthe, Herr Mouret«, sagte sie mit ihrer holdesten Miene und stellte sie ihm vor. »Herr Octave Mouret, mein Liebes.« Und sie blickte ihre Tochter an.

Die kannte diesen Blick gut, der gleichsam ein Gefechtsbefehl war und in dem sie die Lehren vom vergangenen Abend wiederfand. Sogleich gehorchte sie mit der Willfährigkeit und Gleichgültigkeit einer Tochter, die sich nicht mehr um den Bart des Freiers zu scheren pflegt. Sie sagte ihre kurze Rolle ganz hübsch her, hatte die leichte Anmut einer bereits müden und in allen Themen bewanderten Pariserin, sprach mit Begeisterung vom Süden, wo sie niemals hingekommen war.

An das steife Benehmen der unschuldigen Mädchen aus der Provinz gewöhnt, war Octave entzückt von diesem Geschnatter eines kleinen Frauchens, das sich kameradschaftlich anvertraute.

Aber Trublot, der seit dem Ende der Mahlzeit verschwunden war, kam verstohlenen Schrittes zur Tür des Eßzimmers herein; und Berthe, die ihn bemerkt hatte, fragte ihn unbesonnenerweise, wo er herkäme. Er schwieg sich aus, sie stand betreten da; um sich aus der Verlegenheit zu helfen, stellte sie dann die beiden jungen Leute einander vor.

Ihre Mutter hatte sie nicht aus den Augen gelassen, von nun an nahm sie die Haltung eines kommandierenden Generals an, leitete die Angelegenheit von dem Sessel aus, in den sie sich gesetzt hatte. Als sie meinte, die erste Plänkelei habe ein befriedigendes Ergebnis gezeitigt, rief sie ihre Tochter mit einem Wink zurück und sagte leise zu ihr: »Warte mit deinem Musizieren, bis Vabres da sind ... Und spiele laut!«

Octave war mit Trublot allein geblieben und suchte diesen auszufragen.

»Eine reizende Person.«

»Ja, nicht übel.«

»Das Fräulein in Blau ist ihre ältere Schwester, nicht wahr? Sie sieht nicht so gut aus.«

»Bei Gott! Sie ist mager!«

Trublot, der mit seinen kurzsichtigen Augen hinschaute, ohne etwas sehen zu können, hatte die Bulligkeit eines kräftigen, in seine Geschmacksrichtung verrannten Mannestieres. Er war befriedigt zurückgekommen und knabberte schwarze Dinger, in denen Octave zu seiner Überraschung Kaffeebohnen erkannte.

»Sagen Sie mal«, fragte Trublot unvermittelt, »im Süden sind die Frauen wohl fett?«

Octave lächelte und stand sich sogleich bestens mit Trublot. Beiden gemeinsame Ansichten brachten sie einander näher. Auf einem abseits stehenden Kanapee tauschten sie Vertraulichkeiten: der eine sprach von seiner Chefin aus dem »Paradies der Damen«, von Frau Hédouin, einer verdammt schönen, aber zu kalten Frau; der andere sagte, er sei bei seinem Börsenmakler, Herrn Desmarquay, von neun bis fünf in die Korrespondenzabteilung gesteckt worden, und dort bei seinem Chef sei ein fabelhaftes Dienstmädchen.

Unterdessen hatte sich die Tür des Salons geöffnet, drei Leute kamen herein.

»Das sind Vabres«, flüsterte Trublot und beugte sich zu seinem neuen Freund hinüber. »Auguste, der große, der ein Gesicht wie ein kranker Hammel hat, ist der älteste Sohn des Hausbesitzers: dreiunddreißig Jahre alt, dauernd Kopfschmerzen, die ihm die Augen hinaustreiben und die ihn einst daran gehindert haben, weiter Latein zu lernen; ein mürrischer Bursche, der Kaufmann geworden ist ... Der andere Théophile, diese gelbhaarige Mißgeburt mit dem schütteren Bart, dieser kleine achtundzwanzigjährige Greis, der von Husten- und Wutanfällen geschüttelt wird, hat es mit einem Dutzend Berufen versucht, hat dann Madame Valérie geheiratet, die junge Frau, die vorausgeht ...«

»Ich habe sie schon gesehen«, fiel Octave ein. »Sie ist die Tochter eines Kurzwarenhändlers aus dem Viertel, nicht wahr? Wie diese kleinen Schleier doch täuschen können! Sie war mir hübsch vorgekommen ... Dabei sieht sie nur sonderbar aus mit ihrem verkrampften Gesicht und dem bleifarbenen Teint.«

»Auch so eine, die nicht mein Traum ist«, meinte Trublot. »Sie hat prächtige Augen, es gibt Männer, denen das genügt ... Oje, ist die mager!«

Frau Josserand hatte sich erhoben, um Valérie die Hände zu drücken.

»Wie!« rief sie. »Herr Vabre ist nicht mitgekommen? Und auch Herr und Frau Duveyrier haben uns nicht mit ihrem Besuch beehrt? Sie hatten uns doch zugesagt. Oh, das ist aber sehr schlimm!«

Die junge Frau entschuldigte ihren Schwiegervater, den sein Alter in seiner Wohnung zurückhalte und der im übrigen abends lieber arbeite. Was ihren Schwager und ihre Schwägerin angehe, so hätten sie ihr aufgetragen, für sie um Entschuldigung zu bitten, da sie eine Einladung zu einer offiziellen Abendgesellschaft erhalten hätten, von deren Besuch sie nicht Abstand nehmen könnten.

Frau Josserand kniff die Lippen zusammen. Sie versäumte keinen einzigen Sonnabendempfang bei diesen Angebern aus dem ersten Stock, die geglaubt hätten, sie würden sich was vergeben, wenn sie an einem Dienstag in den vierten Stock hinaufgestiegen wären. Ihre bescheidene Teegesellschaft war freilich nicht so viel wert wie deren Konzerte mit großem Orchester. Aber nur Geduld! Wenn ihre beiden Töchter erst verheiratet waren und sie zwei Schwiegersöhne mit deren Familien hatte, um ihren Salon zu füllen, würde auch sie Chöre singen lassen.

»Halte dich bereit«, flüsterte sie Berthe ins Ohr.

Es waren etwa dreißig Personen anwesend, die sich ziemlich drängten, denn der den Töchtern des Hauses als Zimmer dienende kleine Salon wurde nicht geöffnet. Die Neuankömmlinge tauschten Händedrücke mit den Anwesenden aus. Valérie hatte sich neben Frau Juzeur gesetzt, während Bachelard und Gueulin ganz laut abfällige Bemerkungen über Théophile Vabre machten, den sie einen »Taugenichts« nannten, was sie komisch fanden. In einem Winkel saß Herr Josserand, der zu Hause so sehr in den Hintergrund trat, daß man ihn für einen Gast hätte halten können und man ihn stets suchte, selbst wenn er vor einem stand, und lauschte bestürzt einer Geschichte, die einer seiner alten Freunde erzählte: Bonnaud, er kenne doch Bonnaud, den ehemaligen Chef der Buchhaltungsabteilung bei der Nordbahn, der, dessen Tochter sich im vergangenen Frühjahr verheiratet habe? Also Bonnaud habe vor kurzem entdeckt, daß sein Schwiegersohn, ein sehr gut aussehender Mann, ein ehemaliger Clown sei, der zehn Jahre lang von einer Kunstreiterin ausgehalten worden sei.

»Still, still!« murmelten eifrige Stimmen.

Berthe hatte das Klavier geöffnet.

»Mein Gott«, erläuterte Frau Josserand, »es ist ein anspruchsloses Stück, eine einfache Träumerei ... Herr Mouret, Sie lieben doch Musik, nehme ich an. Treten Sie doch näher ... Meine Tochter spielt es ziemlich gut, oh, bloß als Dilettantin, aber mit Seele, ja, mit viel Seele.«

»Jetzt hat sie ihn geschnappt!« sagte Trublot leise. »Der Dreh mit der Sonate.«

Octave mußte sich erheben und stand jetzt in der Nähe des Klaviers. Wenn man die einschmeichelnde Zuvorkommenheit sah, mit der Frau Josserand ihn umgab, so schien es, als lasse sie Berthe einzig und allein für ihn spielen.

»›An den Ufern der Oise‹«, erklärte sie. »Es ist wirklich hübsch ... Nun, wohlan, mein Liebling, und sei nicht aufgeregt. Herr Mouret wird nachsichtig sein.«

Das junge Mädchen fing ohne, jede Aufregung an, das Stück zu spielen. Im übrigen ließ ihre Mutter sie nicht mehr aus den Augen, sie sah dabei aus wie ein Unteroffizier, der bereit ist, einen Verstoß gegen die Dienstvorschrift mit einer Ohrfeige zu ahnden. Sie war verzweifelt, daß das durch fünfzehn Jahre tägliches Tonleiterüben kurzatmig gewordene Instrument nicht die Klangfülle vom großen Flügel der Familie Duveyrier hatte; und ihrer Meinung nach spielte ihre Tochter niemals laut genug.

Schon beim zehnten Takt hörte Octave, der eine andächtige Miene aufsetzte und bei den Bravourläufen mit dem Kinn wackelte, nicht mehr hin. Er betrachtete die Zuhörer, die höflich zerstreute Aufmerksamkeit der Herren und das gekünstelte Entzücken der Damen, jene ganze Abspannung, wie sie Leute empfinden, die wieder sich selbst überlassen sind, die wieder von den tagtäglichen Sorgen erfaßt werden, deren Schatten in ihre müden Gesichter steigt. Mit weit aufgerissenem Mund und blutdürstig fletschenden Zähnen träumten Mütter in einem unbewußten Sichgehenlassen sichtlich davon, daß sie ihre Töchter unter die Haube brächten; das war die Sucht in diesem Salon, eine rasende Gier nach Schwiegersöhnen, die diese Spießbürgerinnen bei den asthmatischen Klängen des Klaviers verzehrte. Die Töchter, die sehr müde waren, schliefen ein, hatten den Kopf zwischen die Schultern eingezogen und vergaßen, sich gerade zu halten. Octave, der eine Geringschätzung für junge Mädchen hegte, interessierte sich noch mehr für Valérie; sie war entschieden häßlich in ihrem merkwürdigen, mit schwarzem Atlas besetzten gelben Seidenkleid; und unruhig, trotz allem verlockt, kam er immer wieder auf sie zurück, während sie mit unstet umherirrenden Augen, durch die schrille Musik gereizt, das verzerrte Lächeln einer Kranken aufsetzte.

Aber eine Katastrophe trat ein. Es hatte geklingelt, ein Herr kam ohne jede Behutsamkeit herein.

»Oh, Herr Doktor!« sagte Frau Josserand mit zorniger Stimme.

Doktor Juillerat machte eine entschuldigende Handbewegung und blieb an Ort und Stelle stehen.

In diesem Augenblick hob Berthe mit langsamer werdendem und ersterbendem Anschlag eine kleine Phrase hervor, die von der Gesellschaft mit beifälligem Gemurmel begrüßt wurde. Ah, entzückend! Köstlich! Frau Juzeur verging vor Wonne, fühlte sich gleichsam gekitzelt. Hortense, die neben ihrer Schwester stand und die Seiten umblätterte, verharrte störrisch im prasselnden Regen der Töne und lauschte angestrengt auf das Geläute der Türglocke; und als der Doktor eingetreten war, hatte sie vor Enttäuschung eine so heftige Handbewegung gemacht, daß sie soeben eine Seite auf dem Notenhalter zerrissen hatte. Aber jäh erzitterte das Klavier unter Berthes zerbrechlichen Händen, die wie Hämmer drauflosschlugen: es war das Ende der Träumerei in einem betäubenden Getöse wütender Akkorde.

Es entstand Unschlüssigkeit. Man erwachte. War es zu Ende? Dann brachen die Komplimente los. Wunderbar! Ein außergewöhnliches Talent!

»Das gnädige Fräulein ist wirklich eine erstklassige Künstlerin«, sagte Octave, der in seinen Betrachtungen gestört wurde. »Niemals hat mir jemand ein solches Vergnügen bereitet.«

»Nicht wahr, mein Herr?« rief Frau Josserand entzückt aus. »Sie macht ihre Sache ganz gut, das muß man doch zugeben ... Mein Gott, wir haben ihr ja auch nichts versagt, der Kleinen: sie ist unser Schatz! Alle Talente, die sie sich gewünscht hat, hat sie ... Ach, Herr Mouret, wenn Sie sie erst kennen würden ...«

Von neuem erfüllte verworrener Stimmenlärm den Salon. Seelenruhig nahm Berthe die Lobreden entgegen; und sie entfernte sich nicht vom Klavier, wartete, bis ihre Mutter sie von ihrer Fron entband. Schon erzählte diese Octave, auf welche erstaunliche und schmissige Art und Weise ihre Tochter »Die Schnitter«, einen brillanten Galopp, vorzutragen pflege, da versetzten dumpfe und ferne Schläge die Gäste in Aufregung. Seit einem Weilchen waren die Stöße immer heftiger geworden, als sei jemand mit aller Anstrengung dabei, eine Tür einzuschlagen. Alle verstummten und blickten einander fragend an.

»Was ist denn das?« wagte Valérie zu fragen. »Das hat vorhin schon gegen Schluß des Musikstückes so geklopft.«

Frau Josserand war ganz bleich geworden. Sie hatte erkannt, daß Saturnin da mit der Schulter gegen die Tür stieß. Oh, dieser elende Übergeschnappte! Und sie sah ihn mitten in die Gesellschaft hineinplatzen. Wenn er weiterbumste, war wieder mal eine Partie vermasselt!

»Das ist die Küchentür, die klappt«, sagte sie mit gezwungenem Lächeln. »Adèle kann sie niemals richtig zumachen ... Schau doch mal nach, Berthe.«

Auch das junge Mädchen hatte begriffen. Sie erhob sich und verschwand. Sogleich hörten die Stöße auf, aber Berthe kam nicht sofort wieder zurück. Onkel Bachelard, der die »Ufer der Oise« in skandalöser Weise durch laute Bemerkungen gestört hatte, brachte seine Schwester vollends aus der Fassung, indem er Gueulin zurief, man öde ihn an und er gehe einen Grog trinken. Beide kehrten ins Eßzimmer zurück, dessen Tür sie geräuschvoll hinter sich schlossen.

»Der gute Narcisse, immer originell!« sagte Frau Josserand zu Frau Juzeur und zu Valérie, zwischen die sie sich setzte. »Seine Geschäfte nehmen ihn so sehr in Anspruch! Wissen Sie, er hat dieses Jahr an die hunderttausend Francs verdient!«

Octave, der endlich frei war, hatte sich eilends wieder zu dem auf dem Kanapee eingeschlummerten Trublot gesellt. In der Nähe der beiden stand inmitten einer Gruppe Doktor Juillerat, ein alter Arzt aus dem Stadtviertel, ein mittelmäßiger Mensch, der mit der Zeit aber ein guter praktischer Arzt geworden war und der allen diesen Damen bei der Entbindung beigestanden und alle diese Fräulein behandelt hatte. Er befaßte sich speziell mit Frauenkrankheiten, weshalb er abends in einer Salonecke von den Ehemännern umworben zu werden pflegte, die auf eine kostenlose Konsultation aus waren.

Eben sagte Théophile zu ihm, Valérie habe am Vortage schon wieder einen Anfall gehabt; sie bekomme dann immer keine Luft, sie klage über einen Knoten, der ihr in die Kehle steige; und auch ihm gehe es nicht gut, aber das sei ja nicht dasselbe. Da sprach er nur noch von seiner eigenen Person, erzählte von seinen Verdrießlichkeiten: er habe Jura zu studieren begonnen, habe es in der Industrie bei einem Gießer versucht, habe es in den Büros des Leihhauses mit der Verwaltung probiert; dann habe er sich mit Photographieren beschäftigt und glaubte eine Erfindung gemacht zu haben, wie nämlich Wagen von ganz allein fortbewegt werden könnten; mittlerweile vertreibe er aus Gefälligkeit Flötenklaviere, eine andere Erfindung eines seiner Freunde. Und er kam wieder auf seine Frau zu sprechen; ihre Schuld sei es, wenn bei ihnen zu Hause nichts klappe; sie bringe ihn um mit ihren dauernden Nervenzuständen.

»Verschreiben Sie ihr doch etwas, Herr Doktor!« flehte er mit haßentflammten Augen, hustend und greinend in der weinerlichen Wut darüber, daß er nichts zustande brachte.

Trublot musterte ihn voller Verachtung; und als er Octave anschaute, lachte er kurz im stillen.

Unterdessen fand Doktor Juillerat nichtssagende und beruhigende Worte: freilich, man werde der lieben gnädigen Frau Erleichterung verschaffen. Schon mit vierzehn Jahren hatte sie in dem Laden in der Rue Neuve-Saint-Augustin keine Luft bekommen; er hatte sie wegen Schwindelanfällen behandelt, die mit Nasenbluten zu enden pflegten; und als Théophile voller Verzweiflung an ihre schmachtende Sanftmut erinnerte, die sie als junges Mädchen gehabt, während sie ihn jetzt mit ihrer Wunderlichkeit peinige und sich ihre Laune zwanzigmal am Tage ändere, begnügte sich der Doktor mit einem Nicken. Nicht allen Frauen bekäme die Ehe gut.

»Mein Gott noch mal!« murmelte Trublot. »Ein Vater, der dreißig Jahre lang Nadeln und Zwirn verkauft hat und dabei zum Vieh abgestumpft ist, eine Mutter, die das Gesicht ständig voller Pickel hat, und das in einem luftlosen Loch des alten Paris – wie soll denn so was annehmbare Töchter machen?«

Octave, saß überrascht da. Er verlor ein wenig von seiner Achtung vor diesem Salon, den er als Provinzler voller Erregung betreten hatte. Neugier erwachte in ihm, als er Campardon erblickte, der nun ebenfalls den Doktor konsultierte, aber ganz leise, als ein gesetzter Mensch, der bestrebt ist, niemand in die Mißgeschicke seiner Ehe einzuweihen.

»Was ich sagen wollte, Sie wissen doch Bescheid«, bat er Trublot. »Sagen Sie mal, was für eine Krankheit hat Frau Campardon eigentlich? Ich sehe doch, daß die Leute ein untröstliches Gesicht machen, wenn von ihr die Rede ist.«

»Aber, mein Lieber«, erwiderte der junge Mann, »sie hat ...« Und er neigte sich zu Octaves Ohr.

Octave lauschte, sein Gesicht lächelte zuerst, wurde dann länger und länger, nahm den Ausdruck tiefer Verblüffung an.

»Nicht möglich!« sagte er.

Da schwor Trublot bei seinem Ehrenwort. Er kenne eine andere Dame, der es genauso gehe.

»Übrigens«, fuhr er fort, »kommt es als Folge einer Entbindung manchmal vor, daß ...« Und er begann wieder leise zu sprechen.

Octave war überzeugt und wurde traurig. Er, der einen Augenblick so allerlei Ideen gehabt, der sich einen Roman ausgedacht hatte: der Architekt sei anderswo gebunden und treibe ihn seiner Frau zu, um ihr Ablenkung zu verschaffen! Auf jeden Fall wußte er nun, daß sie wohlbehütet war. In der Erregung über diese Damenunterwäsche, in der sie wühlten, rieben sich die beiden jungen Leute aneinander und vergaßen, daß man sie hören konnte.

Gerade war Frau Juzeur dabei, Frau Josserand anzuvertrauen, welchen Eindruck Octave auf sie gemacht hatte. Sie halte ihn zweifellos für sehr anständig, aber ihr sei Herr Auguste Vabre lieber. Dieser stand in einer Ecke des Salons und verhielt sich schweigsam, weil er unbedeutend und von seiner allabendlichen Migräne geplagt war.

»Mich wundert aber doch, liebe Madame Josserand, daß Sie für Ihre Berthe nicht an ihn gedacht haben. Ein Junggeselle voller Klugheit, der sein eigenes Geschäft hat. Und er braucht eine Frau, ich weiß, daß er sich zu verheiraten trachtet.«

Frau Josserand hörte überrascht zu. In der Tat, an den Modewarenhändler hätte sie nie gedacht.

Indessen ließ Frau Juzeur nicht locker, denn sie hatte in all ihrem Unglück die Leidenschaft, auf die Glückseligkeit anderer Frauen hinzuarbeiten, weshalb sie sich um alle Herzensangelegenheiten im Hause kümmerte. Sie versicherte, Auguste schaue Berthe unaufhörlich an. Schließlich berief sie sich auf ihre Erfahrung mit Männern: Herr Mouret werde sich niemals einfangen lassen, während dieser biedere Herr Vabre sehr bequem, sehr vorteilhaft zu haben sei.

Aber Frau Josserand, die Herrn Vabre mit dem Blick abschätzte, kam entschieden zu dem Urteil, daß ein solcher Schwiegersohn nicht gerade ein Prunkstück für ihren Salon sein würde.

»Meine Tochter kann ihn nicht ausstehen«, sagte sie, »und ich werde niemals ihrem Herzen zuwiderhandeln!«

Ein großes, mageres Fräulein hatte soeben eine Phantasie über die »Weiße Dame15« vorgetragen. Da Onkel Bachelard im Eßzimmer eingeschlafen war, kam Gueulin wieder mit seiner Flöte zum Vorschein und machte eine Nachtigall nach. Man hörte übrigens nicht zu, Bonnauds Geschichte hatte sich herumgesprochen. Herr Josserand saß erschüttert da, die Väter hoben die Arme, den Müttern blieb die Luft weg. Wie? Bonnauds Schwiegersohn war ein Clown? Wem sollte man da noch trauen? Und die Eltern bekamen in ihrer Verheiratungsgier Alpträume von vornehmen Zuchthäuslern im Frack. Bonnaud hatte sich in der Tat so sehr gefreut, seine Tochter unterzubringen, daß er sich trotz seiner strengen Vorsicht als peinlich genauer Chef der Buchhaltungsabteilung begnügt hatte, flüchtige Erkundigungen einzuziehen.

»Mama, der Tee ist serviert«, sagte Berthe, die mit Adèle die beiden Türflügel öffnete.

Und während die Gäste langsam ins Eßzimmer hinübergingen, trat sie zu ihrer Mutter und flüsterte: »Jetzt langtʼs mir aber! Er will, daß ich dableibe und ihm Geschichten erzähle, sonst will er alles kurz und klein schlagen, sagt er!«

Auf einem zu schmalen grauen Tischtuch war eines jener mühselig angerichteten Teegedecke zu sehen, eine bei einem benachbarten Bäcker gekaufte Brioche, die von Petits Fours und belegten Brötchen flankiert war. An beiden Tischenden verdeckte eine Blumenpracht, wundervolle und teure Rosen, die Mittelmäßigkeit der Butter und den alten Staub auf den Biskuits. Man brach in Bewunderung aus. Neidgefühle wurden entfacht: diese Josserands richteten sich bestimmt noch zugrunde, um ihre Töchter unter die Haube zu bringen. Und während die Gäste scheele Blicke auf die Blumensträuße warfen, kippten sie sich mit saurem Tee voll, fielen ohne Vorsicht über die altbackenen Kuchen und die nicht durchgebackene Brioche her, da sie wenig zu Abend gegessen hatten und nur noch daran dachten, mit vollem Bauch schlafen zu gehen. Für diejenigen, die keinen Tee mochten, reichte Adèle Gläser mit Johannisbeersaft herum. Er sei köstlich, wurde erklärt.

Währenddessen schlief der Onkel in einer Ecke. Man weckte ihn nicht, höflich tat man sogar so, als sehe man ihn nicht. Eine Dame sprach von den Strapazen des Geschäftslebens. Berthe war eifrig bemüht, sie bot belegte Brötchen an, trug Tassen mit Tee umher, fragte die Herren, ob sie noch etwas Zucker wünschten. Aber sie konnte es nicht bewältigen, und Frau Josserand suchte ihre Tochter Hortense, da gewahrte sie diese mitten im menschenleeren Salon, wo sie mit einem Herrn plauderte, von dem nur der Rücken zu sehen war.

»Na ja«, stieß sie zornentbrannt hervor. »Endlich kommt er ja!«

Gezischel lief um. Das war dieser Verdier, der seit fünfzehn Jahren mit einer Frau zusammen lebte und darauf wartete, Hortense heiraten zu können. Jeder kannte die Geschichte, die jungen Damen wechselten Blicke; aber man vermied es, davon zu sprechen, man kniff schicklichkeitshalber die Lippen zusammen. Octave, der in Kenntnis gesetzt worden war, betrachtete mit interessierter Miene den Rücken des Herrn. Trublot kannte die Geliebte, ein braves Mädchen, eine ehemalige Fose, die solide geworden sei, die jetzt, wie er sagte, ehrbarer sei als die allerehrbarste Bürgersfrau, ihren Mann umhegte und seine Wäsche in Schuß halte; und er war von brüderlicher Sympathie für sie erfüllt. Während man sie beide vom Eßzimmer aus musterte, machte Hortense mit der ihr eigenen Verdrießlichkeit eines unberührten und wohlerzogenen Mädchens Verdier wegen seiner Verspätung eine Szene.

»Aha, Johannisbeersaft!« sagte Trublot, als er Adèle mit dem Tablett in der Hand vor sich sah. Er schnupperte daran, wollte keinen haben. Als das Dienstmädchen sich aber umdrehte, wurde es vom Ellbogen einer dicken Dame gegen Trublot gedrückt, und er kniff das Mädchen heftig ins Kreuz.

Adèle lächelte, sie kam mit dem Tablett zurück.

»Danke, nein«, erklärte er. »Nachher.«

Rings um den Tisch hatten Damen Platz genommen, während die Herren hinter ihnen im Stehen aßen. Ausrufe wurden laut, eine Begeisterung äußerte sich, die in den vollen Mündern erstickte.

Die Herren wurden herbeigerufen.

Frau Josserand rief: »Ach ja, richtig, daran habe ich gar nicht mehr gedacht ... sehen Sie doch, Herr Mouret, Sie sind doch ein Kunstliebhaber.«

»Passen Sie auf, der Dreh mit dem Aquarell!« flüsterte Trublot, der das Haus kannte.

Es war etwas Besseres als ein Aquarell. Wie zufällig stand eine Porzellanschale auf dem Tisch; auf dem Boden der Schale war, eingerahmt in die nagelneue Fassung aus überfirnißter Bronze, das »Junge Mädchen mit dem zerbrochenen Krug« in verwaschenen Farbtönen gemalt, die von hellem Lila bis zu zartem Blau reichten. Berthe lächelte inmitten des Lobes.

»Das gnädige Fräulein hat ja alle Talente«, sagte Octave mit seiner liebenswürdigen Art. »Oh, wie das abgetönt ist, und ganz genau, ganz genau!«

»Was die Zeichnung betrifft, so verbürge ich mich für sie!« erklärte Frau Josserand triumphierend. »Es ist kein Haar mehr oder weniger vorhanden ... Berthe hat das hier nach einem Stich kopiert. Im Louvre16 sind wirklich gar zu viele Aktbilder zu sehen, und das Publikum ist dort manchmal so gemischt!«

Um diese Wertung abgeben zu können, hatte sie die Stimme gedämpft, von dem Wunsch erfüllt, den jungen Mann davon in Kenntnis zu setzen, daß es, wenn ihre Tochter auch Künstlerin war, durchaus nicht in Schamlosigkeit ausartete. Übrigens mußte Octave kühl auf sie wirken, sie fühlte, daß die Schale nicht zog, und sie begann ihn mit unruhiger Miene zu belauern, während Valérie und Frau Juzeur, die bei ihrer vierten Tasse Tee angelangt waren, die Malerei mit leisen Rufen der Bewunderung musterten.

»Sie schauen sie ja immer noch an«, sagte Trublot zu Octave, als er merkte, daß dieser die Augen wieder auf Valérie geheftet hatte.

»Freilich«, erwiderte er ein wenig verlegen. »Komisch, in diesem Augenblick ist sie hübsch ... Eine feurige Frau, das sieht man ... Sagen Sie mal, ob man es riskieren könnte?«

Trublot blies die Backen auf.

»Feurig, das weiß man nie ... Merkwürdiger Geschmack! Auf alle Fälle ist das besser, als die Kleine zu heiraten!«

»Welche Kleine?« rief Octave, der sich vergaß. »Wie! Glauben Sie, ich werde mich einwickeln lassen? Aber niemals! Mein Bester, wir Marseiller heiraten nicht!«

Frau Josserand war näher getreten. Der Satz traf sie mitten ins Herz. Wieder mal ein vergeblicher Feldzug! Wieder mal ein verlorener Abend! Der Schlag war so stark, daß sie sich an einen Stuhl lehnen mußte; verzweifelt betrachtete sie den abgeputzten Tisch, auf dem nur noch das verbrannte Kopfende der Brioche herumlag. Sie zählte ihre Niederlagen schon nicht mehr, aber diese sollte die letzte sein, darauf leistete sie einen entsetzlichen Eid, und sie schwor, sie wollte nicht länger Leuten etwas vorsetzen, die einzig und allein deshalb zu ihr kamen, um sich den Bauch vollzuschlagen. Und fassungslos, erbittert überflog sie mit dem Blick das Eßzimmer, sie forschte, welchem Mann sie ihre Tochter wohl in die Arme werfen könnte, da gewahrte sie an der Wand Auguste, der ergeben dastand und nichts zu sich genommen hatte.

Eben bewegte sich Berthe mit einer Tasse Tee in der Hand lächelnd auf Octave zu. Sie setzte den Feldzug fort, sie gehorchte ihrer Mutter.

Aber diese packte sie am Arm und schalt sie ganz leise eine dumme Gans.

»Bring diese Tasse doch Herrn Vabre, der seit einer Stunde wartet«, sagte sie sehr laut voller Anmut. Dann flüsterte sie ihr wieder ins Ohr und sah sie dabei mit ihrem Schlachtenblick an: »Sei nett, sonst kriegst du es mit mir zu tun!«

Einen Augenblick war Berthe aus der Fassung gebracht, fing sich jedoch sogleich wieder. So änderte sich das oft dreimal an einem Abend. Mit dem Lächeln, das sie für Octave aufgesetzt hatte, brachte sie Auguste die Tasse Tee; sie war nett, sprach von Lyoner Seiden, gab sich zuvorkommend wie eine Frau, die sich sehr gut hinter einem Ladentisch ausnehmen würde.

Augustes Hände zitterten ein wenig, und er war rot, denn er litt an diesem Abend an heftigen Kopfschmerzen.

Aus Höflichkeit kehrten einige Leute in den Salon zurück, um noch einen Augenblick Platz zu nehmen. Man hatte gegessen, man konnte aufbrechen. Als man Verdier suchte, war er bereits fortgegangen; und mißmutig nahmen mehrere junge Mädchen nur das verschwommene Bild seines Rückens mit. Ohne auf Octave zu warten, entfernte sich Campardon mit dem Doktor, den er auf dem Treppenabsatz noch zurückhielt, um ihn zu fragen, ob wirklich keine Hoffnung mehr bestehe. Während des Tees war die eine Lampe ausgegangen und verbreitete nun einen Geruch nach ranzigem öl; und die andere Lampe, deren Docht blakte, erhellte den Raum mit einem so schauerlichen Schein, daß sich sogar Vabres trotz der Liebenswürdigkeiten erhoben, mit denen Frau Josserand sie überhäufte. Octave war ihnen in die Diele vorausgegangen, wo er eine Überraschung erlebte: Trublot, der seinen Hut nahm, war auf einmal verschwunden. Er konnte sich nur über den zur Küche führenden Gang aus dem Staub gemacht haben.

»Nanu, wo steckt er denn? Er benutzt den Dienstbotenaufgang!« murmelte der junge Mann. Aber er grübelte über dieses Vorkommnis nicht weiter nach.

Valérie war da und suchte nach einem Halstuch aus Crêpe de Chine. Die beiden Brüder, Théophile und Auguste, gingen hinab, ohne sich um sie zu kümmern.

Da Octave das Halstuch gefunden hatte, gab er es ihr nun mit der entzückten Miene, mit der er die hübschen Kundinnen im »Paradies der Damen« zu bedienen pflegte. Sie schaute ihn an, und er war überzeugt, daß ihre Augen Flammen gesprüht, als sie fest in seine Augen geschaut hatten.

»Sie sind zu liebenswürdig, mein Herr«, sagte sie einfach.

Frau Juzeur, die zuletzt aufbrach, umhüllte sie beide mit einem zärtlichen und diskreten Lächeln.

Und als Octave ganz erhitzt wieder in seinem kalten Zimmer angelangt war, betrachtete er sich einen Augenblick im Spiegel: Wahrhaftig, er konnte das Ding riskieren!

Unterdessen raste Frau Josserand stumm, wie von einem Gewittersturm fortgerissen, durch die öde Wohnung. Sie hatte ungestüm das Klavier zugeklappt, die letzte Lampe ausgelöscht; dann war sie ins Eßzimmer hinübergegangen und hatte begonnen, mit so kräftigem Atem die Kerzen auszublasen, daß die Hängelampe dabei erbebte. Der Anblick der kahlgegessenen Tafel mit ihrem wüsten Durcheinander von leeren Tellern und Tassen brachte sie noch mehr zur Raserei; und sie ging umher, warf fürchterliche Blicke auf ihre Tochter Hortense, die seelenruhig dasaß und das verbrannte Kopfende der Brioche aufaß.

»Du ärgerst dir ja schon wieder die Galle an den Hals, Mama«, sagte Hortense. »Es klappt also nicht? Ich bin jedenfalls zufrieden. Er kauft ihr Hemden, damit sie endlich geht.«

Die Mutter zuckte die Achseln.

»Was? Du meinst, das beweise nichts? Also gut, steuere du dein Schifflein, wie ich das meine steuere ... Na, das ist ja eine Brioche, die sich was darauf einbilden kann, so schlecht zu sein! Da darf man wirklich nicht zimperlich sein, um so ein Dreckzeug hinunterzuschlingen.«

Herr Josserand, der nach den Abendgesellschaften seiner Frau immer wie zerschlagen war, gönnte sich auf einem Stuhl etwas Erholung; aber er bekam Angst vor einem Zusammenstoß, er fürchtete, seine Frau könnte ihn bei ihrem wütenden Gerenne mit fortreißen; und er trat zu Bachelard und Gueulin, die Hortense gegenüber am Tisch saßen. Der Onkel hatte beim Erwachen ein Fläschchen Rum entdeckt. Er leerte es, wobei er voller Bitterkeit wieder auf die zwanzig Francs zurückkam.

»Es ist nicht wegen des Geldes«, sagte er immer wieder zu seinem Neffen, »sondern wegen der Art und Weise ... Du weißt ja, wie ich zu den Frauen bin: mein Hemd würde ich ihnen geben, aber ich will nicht, daß sie es verlangen ... Sobald sie was verlangen, wurmt es mich, und ich rücke keinen roten Heller für sie raus.« Und als ihn seine Schwester an seine Versprechungen erinnern wollte, sagte er: »Sei still, Eléonore! Ich weiß, was ich für die Kleine tun muß ... Aber, siehst du, Frauen, die was verlangen, die gehen über meine Kräfte. So eine habe ich nie lange behalten können, nicht wahr, Gueulin? Und außerdem zeigt man wirklich so wenig Rücksichtnahme! Léon hat nicht einmal geruht, mir zum Namenstag Glück zu wünschen.«

Mit verkrampften Fäusten nahm Frau Josserand ihre Wanderung wieder auf. Richtig, da war ja auch noch Léon, der immer Versprechungen machte und sie wie die anderen im Stich zu lassen pflegte. Auch so einer, der keinen Abend geopfert hätte, um seine Schwestern unter die Haube zu bringen! Soeben hatte sie einen Petit Four entdeckt, der hinter die eine Vase gefallen war, und sie verschloß ihn in eine Schublade, da brachte Berthe, die hinausgegangen war, um Saturnin zu befreien, diesen mit zurück. Sie beschwichtigte ihn, während er verstört mit mißtrauischen Augen fieberhaft in den Ecken herumstöberte wie ein Hund, der lange eingesperrt gewesen ist.

»Ist der aber dumm!« sagte Berthe. »Er glaubt, man hätte mich eben unter die Haube gebracht. Und nun sucht er den Ehemann! Wahrhaftig, mein armer Saturnin, da kannst du lange suchen ... Wo ich dir doch sage, daß es schiefgegangen ist! Du weißt genau, daß es immer schiefgeht.«

Da explodierte Frau Josserand.

»Oh, ich schwöre euch, diesmal geht es nicht schief, und wenn ich selber ihm die Pfote festbinden müßte! Einer ist da, der für die anderen büßen wird ... Ja, ja, mein lieber Josserand, du kannst mich noch so sehr mustern und dabei aussehen, als ob du nicht verstehst: die Hochzeit findet statt, und zwar ohne dich, wenn es dir nicht paßt ... Hörst du, Berthe, den da brauchst du nur aufzulesen!«

Saturnin schien nicht zu verstehen. Er schaute unter den Tisch. Das junge Mädchen deutete mit einem Wink auf ihn; aber Frau Josserand machte eine Gebärde, als wolle sie erklären, daß man ihn schon verschwinden lassen werde. Und Berthe murmelte: »Du meinst also tatsächlich Herrn Vabre? Na, mir ist es gleich ... Daß man mir allerdings kein belegtes Brötchen aufgehoben hat ...!«

Viertes Kapitel

Gleich vom folgenden Tage an befaßte sich Octave mit Valérie. Er kundschaftete aus, was sie gewöhnlich um die Zeit tat, da er Aussicht hatte, ihr auf der Treppe zu begegnen; und er richtete es so ein, daß er oft in sein Zimmer hinaufstieg, machte sich das Mittagessen zunutze, das er bei Campardons einnahm, entschlüpfte nötigenfalls unter einem Vorwand aus dem »Paradies der Damen«. Bald bemerkte er, daß die junge Frau, die ihr Kind in den Jardin des Tuileries17 auszuführen pflegte, alle Tage gegen zwei Uhr durch die Rue Gaillon ging. Da pflanzte er sich dann in der Ladentür auf, er wartete auf sie, grüßte sie mit dem ihm eigenen galanten Lächeln eines schönen Verkäufers. Bei jeder ihrer Begegnungen grüßte Valérie höflich mit einem Kopfnicken zurück, ohne jemals stehenzubleiben; aber er sah ihren schwarzen Blick vor Leidenschaft brennen, in ihrem vergrämten Gesicht und im geschmeidigen Wiegen ihrer Taille entdeckte er etwas, das ihn ermutigte.

Sein Plan stand bereits fest, der kühne Plan eines Verführers, der gewohnt ist, mit der Tugend der Ladenmädchen rücksichtslos umzuspringen. Es drehte sich einfach darum, Valérie in sein Zimmer im vierten Stock hinaufzulocken; die Treppe war stets menschenleer und feierlich, dort oben würde sie niemand entdecken; und er ergötzte sich bei dem Gedanken an die moralischen Ermahnungen des Architekten, denn eine Frau aus dem Hause nehmen war ja etwas anderes als Frauen mitbringen.

Doch ein Umstand beunruhigte Octave. Die Küche der Familie Pichon war durch den Gang von ihrem Eßzimmer getrennt, wodurch sie genötigt waren, ihre Tür häufig offenzulassen. Gleich um neun Uhr pflegte Herr Pichon ins Büro zu gehen, um erst gegen fünf Uhr wieder heimzukehren; und alle zwei Tage ging er in der Woche nach dem Abendessen noch weg, um von acht Uhr bis Mitternacht Bücher zu führen. Übrigens schlug die junge Frau, sobald sie Octaves Schritt hörte, die Tür zu, denn sie war sehr zurückhaltend, fast scheu. Er erblickte sie nur von hinten und gleichsam fliehend, mit ihrem blassen, in einen schmalen Knoten zusammengezwängten Haar. Durch diese diskreterweise stets nur einen Spalt breit geöffnete Tür hatte er bisher lediglich einige Winkel der Häuslichkeit erhascht, traurige und saubere Möbel, Wäschestücke, deren Weiß im grauen Tageslicht eines Fensters, das er nicht sehen konnte, glanzlos geworden war, die Ecke eines Kinderbetts hinten in einem zweiten Zimmer, die ganze monotone Einsamkeit einer Frau, die von morgens bis abends den stets gleichen Obliegenheiten eines Beamtenhaushalts nachgeht. Niemals übrigens ein Geräusch; das Kind schien stumm und müde zu sein wie die Mutter; kaum war dann und wann das leise Summen eines schmachtenden Liedes zu hören, das die Mutter stundenlang mit ersterbender Stimme vor sich hin trällerte. Aber nichtsdestoweniger war Octave wütend auf diese Zicke, wie er sie, nannte. Vielleicht spionierte sie ihm nach. Auf jeden Fall würde Valérie niemals hinaufkommen können, wenn die Tür von Pichons dauernd so aufging.

Gerade wähnte er die Angelegenheit im besten Zuge. Eines Sonntags war er, während der Gatte gerade abwesend war, so geschickt zu Werke gegangen, daß er sich in dem Augenblick auf dem Treppenflur des ersten Stocks befand, als die junge Frau im Morgenrock aus der Wohnung ihrer Schwägerin kam, um in ihre eigene Wohnung zurückzukehren; und sie hatte mit ihm sprechen müssen, sie waren einige Minuten verweilt und hatten ein paar höfliche Redensarten gewechselt. Kurzum, er hoffte, beim nächsten Mal in ihre Wohnung vorzudringen. Das weitere pflegte bei einer Frau mit solchem Temperament ganz von selbst zu gehen.

An diesem Abend wurde bei Campardons während des Abendessens Valérie vorgenommen. Octave suchte das Ehepaar zum Reden zu bringen. Da Angèle aber lauschte und Lisa, die im Begriff war, mit ernster Miene eine Hammelkeule aufzutragen, verstohlene Blicke zuwarf, ergingen sich die Eltern zunächst in Lobeserhebungen. Übrigens verteidigte der Architekt jederzeit die »Achtbarkeit« des Hauses mit der Überzeugung eines eitlen Mieters, der daraus eine ungeteilte Ehrbarkeit seiner eigenen Person herzuleiten schien.

»Oh, mein Lieber, anständige Leute ... Sie haben sie ja bei Josserands gesehen. Der Mann ist kein Dummkopf: er steckt voller Ideen, am Ende wird er noch etwas ganz Bedeutendes herausbringen. Was die Frau angeht, so hat sie ihr eigenes Gepräge, wie wir Künstler sagen.«

Frau Campardon, die sich seit dem Vortage wieder schlechter fühlte und halb und halb bettlägerig war, wenngleich ihre Krankheit sie nicht daran hinderte, dicke, innen noch blutige Scheiben Roastbeef zu essen, murmelte ihrerseits matt: »Der arme Herr Théophile, ihm gehtʼs wie mir, er schleppt sich so dahin ... Wahrhaftig, es ist verdienstvoll von Valérie, denn eine Freude ist es nicht, unaufhörlich einen vor Fieber zitternden Mann neben sich zu haben, den die Krankheit meistens quengelig und ungerecht macht.«

Beim Nachtisch erfuhr der zwischen dem Architekten und seiner Frau sitzende Octave mehr darüber, als er begehrte. Sie vergaßen Angèle, sie sprachen in Andeutungen, mit kurzen Blicken, die den Doppelsinn der Sätze unterstrichen; und wenn ihnen der passende Ausdruck fehlte, beugten sie sich abwechselnd zu ihm hinüber und sagten das, was sie ihm Vertrauliches mitteilen wollten, ihm unverblümt ins Ohr. Alles in allem sei dieser Théophile ein Trottel und obendrein impotent, der es verdiene, daß ihn seine Frau so behandelte. Was Valérie angehe, so tauge sie nicht viel; selbst wenn ihr Mann sie befriedigen könnte, würde sie sich ebenso schlecht aufführen, so sehr gehe die Natur mit ihr durch. Alle Welt wisse übrigens ganz genau, daß sie sich in ihrer Verzweiflung darüber, niemals ein Kind zu bekommen, und in der Furcht, ihren Anteil an der Hinterlassenschaft des alten Vabre einzubüßen, falls Théophile etwa sterben sollte, ihren kleinen Camille zwei Monate nach ihrer Verheiratung von einem Fleischergesellen aus der Rue Sainte-Anne hatte machen lassen.

Campardon neigte sich ein letztes Mal zu Octaves Ohr.

»Wissen Sie, mein Lieber, mit einem Wort: eine hysterische Frau!« Und in dieses Wort legte er die ganze schmutzige Phantasie eines Spießbürgers, das genüßliche wurstlippige Lächeln eines Familienvaters, der, plötzlich losgelassen, sich an orgiastischen Bildern weidet.

Angèle sah, als hätte sie verstanden, auf ihren Teller nieder und vermied es, Lisa anzublicken, um nicht lachen zu müssen.

Aber das Gespräch nahm eine andere Wendung, man unterhielt sich jetzt über Pichons, und die Lobesworte wollten kein Ende nehmen.

»Oh, die! Was für rechtschaffene Leute!« sagte Frau Campardon immer wieder. »Manchmal erlaube ich Marie, wenn sie mit ihrer kleinen Lilitte ausgeht, Angèle mitzunehmen. Und das schwöre ich Ihnen, Herr Mouret, all und jedem vertraue ich meine Tochter nicht an; ich muß der Moral der Leute unbedingt sicher sein ... Nicht wahr, Angèle, du hast Marie doch gern?«

»Ja, Mama«, erwiderte Angèle.

Es folgten weitere Einzelheiten. Es sei unmöglich, eine Frau zu finden, die besser und in strengeren Grundsätzen erzogen worden sei. So müsse man denn auch sehen, wie glücklich der Mann sei! Ein so nettes und sauberes einfaches Ehepaar, das einander anbete und bei dem niemals der geringste Streit zu hören sei!

»Übrigens würde man sie nicht im Hause behalten, wenn sie sich schlecht aufführten«, sagte der Architekt ernst und vergaß dabei, was er Vertrauliches über Valérie von sich gegeben hatte. »Hier wünschen wir nur ehrbare Leute ... Mein Ehrenwort, an dem Tage, da meine Tochter der Gefahr ausgesetzt wäre, Weibsbildern auf der Treppe zu begegnen, würde ich kündigen.«

An diesem Abend wollte er mit der Cousine Gasparine heimlich in die Opéra-Comique gehen. Daher holte er auch gleich seinen Hut, wobei er allerdings von einem Geschäft sprach, das ihn bis in die späte Nacht aufhalten würde.

Rose jedoch mußte über diese Geschichte Bescheid wissen, denn als ihr Mann sie mit seiner gewohnten überströmenden Zärtlichkeit küßte, hörte Octave, wie sie mit ihrer ergebenen und mütterlichen Stimme leise sagte: »Amüsiere dich gut und erkälte dich nicht nach Schluß der Vorstellung.«

Am Tage darauf kam Octave ein Gedanke: nämlich mit Frau Pichon Freundschaft zu schließen, indem er ihr gutnachbarliche Gefälligkeiten erwies; so würde sie, falls sie Valérie jemals ertappte, beide Augen zudrücken. Und noch am gleichen Tage bot sich eine Gelegenheit. Frau Pichon pflegte Lilitte, die jetzt anderthalb Jahre alt war, in einem Korbwägelchen spazierenzufahren, über das Herr Gourd in Zorn geriet; nie hatte der Concierge darin eingewilligt, daß der Wagen über die Haupttreppe hinaufgeschafft wurde, er mußte über den Dienstbotenaufgang getragen werden; und da die Wohnungstür oben zu schmal war, mußten jedesmal Räder und Deichsel abmontiert werden, was viel Arbeit machte. An diesem Tage nun kam Octave gerade nach Hause, als seine Nachbarin sich damit abmühte, die Muttern zu lösen, wobei ihr ihre Handschuhe hinderlich waren. Als sie merkte, daß er hinter ihr stand und darauf wartete, daß sie den Treppenflur frei machte, verlor sie völlig den Kopf, und ihre Hände zitterten.

»Aber Madame, warum machen Sie sich diese ganze Mühe?« fragte er schließlich. »Es wäre doch einfacher, diesen Wagen hinten im Gang hinter meine Tür zu stellen.«

Sie antwortete nicht in ihrer übermäßigen Schüchternheit, die sie in hockender Stellung verharren ließ, weil sie nicht die Kraft hatte, sich wieder aufzurichten; und er sah, wie unter dem Halbschleier ihres Huts glühende Röte den Nacken und die Ohren überflutete. Da ließ er nicht locker.

»Ich schwöre Ihnen, Madame, es würde mich keineswegs stören.« Ohne abzuwarten, nahm er den Wagen, trug ihn ganz selbstverständlich davon.

Sie mußte ihm folgen; aber sie blieb so verwirrt, so verstört über dieses in ihrem platten Alltagsleben recht beachtliche Erlebnis, daß sie bei seinem Tun zusah und nichts als Bruchstücke von gestammelten Sätzen hervorbrachte: »Mein Gott, das macht doch zuviel Mühe, mein Herr ... Ich bin beschämt, Sie werden sich den Platz verstellen ... Mein Mann wird sehr froh sein ...«

Und sie kehrte in ihre Wohnung zurück; von einer Art Scham erfüllt, schloß sie diesmal fest hinter sich zu.

Octave hielt sie für dämlich. Der Wagen störte ihn sehr, denn er war ihm beim öffnen seiner Tür hinderlich, und er mußte sich schräg in sein Zimmer zwängen. Aber seine Nachbarin schien gewonnen, zumal Herr Gourd dank Campardons Fürsprache gern diese Mißlichkeit hinten in diesem entlegenen Gang zuließ.

Jeden Sonntag kamen Maries Eltern, Herr und Frau Vuillaume, um den Tag bei ihr zu verbringen. Als Octave am nächsten Sonntag fortging, erblickte er die ganze Familie beim Kaffeetrinken; und taktvoll beschleunigte er seine Schritte, da stand Herr Pichon, nachdem sich die junge Frau rasch zu seinem Ohr hinübergebeugt hatte, eilends auf und sagte:

»Entschuldigen Sie, mein Herr, ich bin immer außer Hause, ich habe Ihnen noch nicht danken können. Aber mir liegt sehr daran, Ihnen zum Ausdruck zu bringen, wie glücklich ich war ...«

Octave wehrte ab. Kurzum, er mußte eintreten. Obgleich er bereits Kaffee getrunken hatte, nötigte man ihn, eine Tasse anzunehmen. Um ihm eine Ehre zu erweisen, hatte man ihn zwischen Herrn und Frau Vuillaume gesetzt. Gegenüber, auf der anderen Seite des runden Tisches, überkam Marie wieder eine jener Anwandlungen von Verwirrung, die ihr alle Augenblicke ohne sichtlichen Anlaß alles Blut des Herzens ins Gesicht trieb. Er betrachtete sie, denn er hatte sie sich noch nie in aller Muße ansehen können. Aber sie war, wie Trublot zu sagen pflegte, nicht sein Ideal: er fand, sie sei dürftig, farblos, habe ein ausdrucksloses Gesicht, schütteres Haar, aber feine und hübsche Züge.

Als sie sich ein wenig gefaßt hatte, lachte sie mehrmals leise und sprach wieder von dem Wagen, über den sie sich nicht genug auslassen konnte.

»Jules, wenn du gesehen hättest, wie der Herr ihn auf seinen Armen davontrug ... Ach ja, das ging ruck, zuck!«

Pichon bedankte sich abermals. Er war groß und mager, sah kränklich aus, war schon gebeugt vom maschinemäßigen Büroleben, und in seinen trüben Augen lag die stumpfsinnige Ergebenheit eines Schulpferdes.

»O bitte! Reden wir nicht weiter davon«, sagte Octave schließlich. »Das ist wirklich nicht der Mühe wert ... Madame, Ihr Kaffee ist vorzüglich, ich habe niemals so guten Kaffee getrunken.«

Sie errötete abermals, und zwar so heftig, daß selbst ihre Hände rosig wurden.

»Setzen Sie ihr keine Flausen in den Kopf, mein Herr«, sagte Herr Vuillaume ernst. »Ihr Kaffee ist gut, aber es gibt besseren. Und Sie sehen ja, daß sie sich gleich etwas drauf eingebildet hat!«

»Eingebildetsein taugt nichts«, erklärte Frau Vuillaume. »Wir haben sie stets zu Bescheidenheit ermahnt.«

Beide waren sie klein und dürr, sehr alt und sahen grau im Gesicht aus; die Frau war in ein schwarzes Kleid gezwängt, der Mann trug einen dünnen Überrock, auf dem nur der Fleck eines breiten, roten Ordensbandes zu sehen war.

»Herr Mouret«, fing Herr Vuillaume wieder an, »mir ist im Alter von sechzig Jahren an dem Tag das Kreuz der Ehrenlegion18 verliehen worden, als ich in Pension ging, nachdem ich neununddreißig Jahre lang Schriftführer im Unterrichtsministerium gewesen bin. Nun, mein Herr, an diesem Tag habe ich wie an allen anderen Tagen zu Abend gegessen, ohne daß mich Hochmut von meinen Gewohnheiten abgebracht hätte ... Das Kreuz stand mir zu, das wußte ich. Ich war lediglich von Dankbarkeit erfüllt.« Sein Dasein war klar, jedermann sollte es kennenlernen. Nach fünfundzwanzig Dienstjahren war sein Jahresgehalt auf viertausend Francs erhöht worden. Seine Pension betrug demnach zweitausend Francs. Da ihre kleine Marie aber erst spät zur Welt gekommen war, als Frau Vuillaume keine Kinder mehr zu bekommen hoffte, hatte er als Expedient mit fünfzehnhundert Francs wieder arbeiten gehen müssen. Jetzt, da das Kind versorgt war, lebten sie von der Pension, indem sie sich in der Rue Durantin auf dem Montmartre, wo das Leben weniger teuer war, mit einer kleinen Wohnung begnügten. »Ich bin sechsundsiebzig Jahre alt«, sagte er zum Abschluß, »und so istʼs eben, lieber Schwiegersohn, so istʼs eben!«

Schweigsam und müde, die Augen auf seinen Orden geheftet, sah Pichon ihn an. Ja, das würde auch seine Geschichte sein, wenn das Glück ihm hold war. Er war der jüngste Sohn einer Obsthändlerin, die ihren Laden durchgebracht hatte, damit er das Abitur machen konnte, weil das ganze Stadtviertel ihm große Klugheit nachsagte; und acht Tage vor seinem Triumph an der Sorbonne19 war sie zahlungsunfähig gestorben. Nachdem er sich drei Jahre kümmerlich bei einem Onkel hatte durchschlagen müssen, hatte er das unverhoffte Glück gehabt, ins Ministerium eintreten zu können, das ihn zum Erfolg führen sollte und wo man ihm bereits zur Heirat verholfen hatte.

»Man tut seine Pflicht, die Regierung tut die ihre«, murmelte er, während er die mechanische Rechnung aufstellte, daß er noch sechsunddreißig Jahre zu warten hatte, bis er mit dem Kreuz der Ehrenlegion ausgezeichnet wurde und zweitausend Francs Pension erhielt. Dann wandte er sich zu Octave: »Sehen Sie, mein Herr, eine Last sind vor allem die Kinder.«

»Allerdings«, sagte Frau Vuillaume. »Hätten wir noch ein zweites bekommen, wären wir niemals ausgekommen ... Denken Sie deshalb auch daran, Jules, was ich verlangt habe, als ich Ihnen Marie zur Frau gab: ein Kind, nicht mehr, oder wir würden Ärger miteinander bekommen! Nur die Arbeiter hecken Junge, so wie die Hühner Eier legen, unbesorgt darum, was das mal kostet. Freilich lassen sie sie dann ja auch draußen rumlaufen; wahre Viehherden, die mich auf den Straßen anekeln.«

Octave hatte Marie angeblickt, da er meinte, dieses heikle Thema werde ihre Wangen purpurrot färben. Aber sie blieb blaß, sie pflichtete ihrer Mutter mit der Seelenruhe eines unschuldigen Mädchens bei. Octave langweilte sich tödlich und wußte nicht, auf welche Art und Weise er sich entfernen sollte. So also pflegten diese Leute den Nachmittag in dem kleinen, kalten Eßzimmer zu verbringen, indem sie alle fünf Minuten langsam ein paar Worte kauten, in denen nur von ihren eigenen Angelegenheiten die Rede war. Selbst das Dominospiel fanden sie zu aufregend.

Jetzt setzte Frau Vuillaume ihre Ansichten auseinander. Nach einem langen Stillschweigen, das allen vieren keinerlei Verlegenheit bereitete, als hätten sie das Bedürfnis verspürt, sich neue Gedanken zurechtzulegen, meinte sie:

»Sie haben kein Kind, mein Herr? Das kommt noch ... Ach, es bedeutet Verantwortung, besonders für eine Mutter! Als die Kleine da geboren wurde, war ich neunundvierzig Jahre alt, mein Herr, ein Alter, in dem man sich glücklicherweise zu benehmen weiß. Ein Junge wächst ja noch von selbst auf, aber ein Mädchen! Und ich habe wenigstens den Trost, meine Pflicht getan zu haben, o ja!«

Nun trug sie in kurzen Sätzen ihren Erziehungsplan vor. Zunächst einmal Ehrbarkeit. Keine Spielereien auf der Treppe, die Kleine stets zu Hause und sorgfältig beaufsichtigt halten, denn die Gassenmädel haben nur Schlechtigkeiten im Sinn. Die Türen geschlossen, die Fenster zu, nur kein Luftzug, der garstige Dinge von der Straße hereinbringt. Draußen keinesfalls die Hand des Kindes loslassen, es daran gewöhnen, die Augen niedergeschlagen zu halten, um jedem schlechten Anblick zu entgehen. In Sachen der Religion keine Übertreibung, gerade so viel, wie als sittlicher Kern notwendig ist. Wenn das Mädchen dann größer geworden, Hauslehrerinnen nehmen, es nicht in Pensionate stecken, wo die Unschuldigen verdorben werden; und obendrein muß man dem Unterricht beiwohnen, auf das achtgeben, was das Kind nicht wissen darf, die Zeitungen selbstverständlich verstecken und den Bücherschrank abschließen. Ein kleines Fräulein erfährt davon noch immer zuviel, erklärte die alte Dame abschließend.

Während ihre Mutter sprach, schaute Marie mit verschwommenem Blick ins Leere. Sie sah die klösterlich abgesperrte kleine Wohnung wieder, diese engen Räume in der Rue Durantin, wo sie sich nicht mit den Ellbogen aufs Fensterbrett lehnen durfte. Es war eine verlängerte Kindheit, allerlei Verbote, die sie nicht begriff, Zeilen, die ihre Mutter in ihrer Modezeitung mit Tinte durchstrich und deren schwarze Balken sie zum Erröten brachten, von Anstößigkeiten gereinigte Lektionen, die selbst ihre Lehrerinnen in Verlegenheit setzten, wenn sie diese ausfragte. Eine sehr sanfte Kindheit im übrigen, ein schlaffes und laues Heranwachsen wie in einem Treibhaus, ein Wachtraum, in dem die Wörter der Sprache und die täglichen Begebenheiten zu albernen Bedeutungen entstellt wurden. Und noch jetzt, da sie, von diesen Erinnerungen erfüllt, verloren vor sich hin blickte, schwebte auf ihren Lippen das Lachen eines Kindes, das in der Ehe unwissend geblieben war.

»Sie können mir wirklich glauben, wenn es Ihnen beliebt, mein Herr«, sagte Herr Vuillaume, »meine Tochter hatte mit über achtzehn Jahren noch keinen einzigen Roman gelesen ... Nicht wahr, Marie?«

»Ja, Papa.«

»Ich besitze«, fuhr er fort, »die sehr schön eingebundenen gesammelten Werke von George Sand20, und trotz der Befürchtungen ihrer Mutter habe ich mich entschlossen, ihr ein paar Monate vor ihrer Verheiratung zu erlauben, den ›André21‹ zu lesen, ein ungefährliches, phantasievolles Werk, das die Seele erhebt ... Ich, ich bin für eine freisinnige Erziehung. Die Literatur hat gewiß ihre Berechtigung ... Diese Lektüre hat eine außerordentliche Wirkung auf unsere Tochter ausgeübt, mein Herr. Sie weinte nachts im Schlafe: ein Beweis dafür, daß zum Begreifen des Genies nichts besser geeignet ist als eine reine Phantasie.«

»Es ist so schön!« murmelte die junge Frau, deren Augen glänzten.

Aber nachdem Pichon die folgende Theorie dargelegt hatte: vor der Ehe keine Romane, in der Ehe alle Romane, schüttelte Frau Vuillaume den Kopf. Sie lese niemals und befände sich doch wohl dabei.

Nun sprach Marie leise von ihrer Einsamkeit.

»Mein Gott, bisweilen nehme ich ein Buch zur Hand. Übrigens sucht Jules sie für mich in der Leihbücherei in der Passage Choiseul aus ... Wenn ich wenigstens noch Klavier spielen könnte!«

Octave verspürte schon lange das Bedürfnis, einen Satz anzubringen.

»Wie, Madame!« rief er aus. »Sie spielen nicht Klavier?«

Es entstand Verlegenheit. Die Eltern schützten eine Verkettung unglücklicher Umstände vor, da sie nicht eingestehen wollten, daß sie die Kosten gescheut hatten. Übrigens versicherte Frau Vuillaume, Marie könne von Geburt aus richtig singen; als junges Mädchen habe sie allerlei sehr hübsche Lieder singen können, sie hätte die Melodien nur einmal zu hören brauchen, um sie zu behalten; und die Mutter erinnerte an jenes spanische Lied – die Geschichte einer Gefangenen, die sich nach ihrem Herzliebsten sehnt –, das sie als Kind so ausdrucksvoll vorzutragen pflegte, daß auch den verstocktesten Herzen Tränen entlockt wurden.

Aber Marie blieb untröstlich. Die Hand nach dem Nebenzimmer ausstreckend, wo ihr Töchterlein schlief, beteuerte sie: »Ach, ich schwöre feierlich, daß Lilitte Klavier spielen lernen wird, und wenn ich die größten Opfer bringen müßte!«

»Denke zunächst einmal daran, sie so zu erziehen, wie wir dich selber erzogen haben«, sagte Frau Vuillaume streng. »Gewiß, ich habe nichts gegen die Musik, sie entfaltet das Gemüt. Vor allem aber gib auf deine Tochter acht, halte die schlechte Luft von ihr fern, sieh zu, daß sie ihre Unwissenheit bewahrt ...« Sie begann wieder von vorn, sie legte sogar noch mehr Nachdruck auf die Religion, legte fest, wie oft ein Mädchen im Monat zur Beichte zu gehen habe, bestimmte die Messen, die man unbedingt besuchen müsse, und das alles unter dem Gesichtspunkt der Schicklichkeit.

Da sprach Octave erschöpft von einer Verabredung, die ihn nötige aufzubrechen. Seine Ohren sausten vor Langeweile, er war sich klar, daß dieses Gespräch in solcher Weise bis zum Abend weitergehen würde. Und er flüchtete, mochten doch die Vuillaumes und die Pichons vor immer denselben langsam ausgetrunkenen Tassen Kaffee sitzen und sich untereinander erzählen, was sie sich Sonntag für Sonntag aufs neue wiederholten. Als er ein letztes Mal grüßte, wurde Marie mit einem Schlag und ohne Grund purpurrot.

Von diesem Nachmittag an beschleunigte Octave sonntags vor der Tür der Pichons seine Schritte, besonders wenn er Herrn und Frau Vuillaumes rechthaberische Stimmen hörte. Im übrigen war er ganz mit Valéries Eroberung beschäftigt. Trotz der flammenden Blicke, deren Ziel er zu sein glaubte, wahrte sie eine unerklärliche Zurückhaltung; und darin sah er das Spiel einer koketten Frau. Eines Tages begegnete er ihr sogar wie zufällig im Jardin des Tuileries, wo sie seelenruhig über ein Gewitter vom Tage zuvor zu plaudern begann, was ihn vollends darin bestärkte, daß verteufelt viel mit ihr los sei. So ging er denn überhaupt nicht mehr von der Treppe weg und paßte den Augenblick ab, da er, zur Brutalität entschlossen, in ihre Wohnung eindringen konnte.

Sooft er jetzt vorüberging, lächelte Marie errötend. Sie wechselten freundnachbarliche Grüße. Als er ihr eines Tages gegen Mittag einen Brief hinaufbrachte, womit Herr Gourd ihn betraut hatte, um sich die vier Treppen zu ersparen, fand er sie in arger Verlegenheit: gerade hatte sie Lilitte im Hemd auf den runden Tisch gesetzt und war bemüht, sie wieder anzukleiden.

»Was gibtʼs denn?« fragte der junge Mann.

»Ach, es ist wegen der Kleinen hier!« erwiderte sie. »Mir ist der unselige Einfall gekommen, sie auszuziehen, weil sie jammerte. Und nun weiß ich nicht mehr weiter, ich weiß nicht mehr weiter!«

Er blickte sie verwundert an. Sie drehte einen Rock hin und her, suchte die Häkchen. Dann setzte sie hinzu:

»Sie verstehen, ihr Vater hilft mir doch immer morgens, bevor er geht, sie zurechtzumachen ... Allein finde ich mich in ihren Sachen ja nie zurecht. Das ärgert mich, das regt mich auf ...«

Die Kleine, die es satt hatte, im Hemd dazusitzen, und durch Octaves Anblick erschreckt war, zappelte und warf sich auf dem Tisch hintenüber.

»Geben Sie acht!« rief er. »Sie wird gleich runterfallen.«

Es war eine Katastrophe. Marie sah ganz so aus, als wage sie die nackten Glieder ihrer Tochter gar nicht zu berühren. Sie betrachtete sie unausgesetzt mit der Verblüffung einer Jungfrau, die bestürzt darüber ist, daß sie so was hat machen können. Und außer der Furcht, der Kleinen Schaden zuzufügen, gesellte sich zu ihrer Ungeschicklichkeit ein unbestimmter Widerwille vor diesem lebenden Fleisch. Doch mit Hilfe Octaves, der sie beruhigte, kleidete sie Lilitte wieder an.

»Was machen Sie bloß, wenn Sie erst ein Dutzend haben?« sagte er lachend.

»Aber wir werden ja nie mehr eins bekommen!« erwiderte sie verstört.

Da scherzte er: es sei nicht recht von ihr, das zu beschwören, ein Kind sei so schnell gemacht!

»Nein, nein!« sagte sie immer wieder hartnäckig. »Sie haben Mama neulich gehört. Sie hat es Jules doch verboten ... Sie kennen sie nicht; es gäbe endlose Streitigkeiten, wenn noch ein zweites käme.«

Octave hatte seinen Spaß an der Gelassenheit, mit der sie diese Frage erörterte. Er setzte ihr weiter zu, ohne daß es ihm gelang, sie verlegen zu machen.

Sie mache übrigens, was ihr Mann wolle. Freilich, sie liebe Kinder; hätte sich ihr Mann noch welche wünschen dürfen, so hätte sie nicht nein gesagt. Und unter dieser Willfährigkeit, die sich den Befehlen der Mutter unterordnete, stach die Gleichgültigkeit einer Frau hervor, deren Mütterlichkeit noch nicht erwacht war. Lilitte nahm sie nicht mehr in Anspruch als ihr Haushalt, den sie aus Pflichtgefühl führte. Hatte sie das Geschirr abgewaschen und die Kleine spazierengefahren, so setzte sie ihr altes, von schläfriger Leere erfülltes Jungmädchenleben fort, eingewiegt von der unbestimmten Erwartung einer Freude, die nicht kommen wollte. Als Octave gesagt hatte, immer so allein müsse sie sich doch langweilen, schien sie überrascht zu sein; nein, sie langweile sich niemals, die Tage flössen ja trotz alledem dahin, ohne daß sie beim Schlafengehen wisse, mit welcher Arbeit sie sie verbracht habe. Außerdem gehe sie sonntags zuweilen mit ihrem Mann aus; ihre Eltern kämen, oder sie lese auch. Würde sie vom Lesen keine Kopfschmerzen bekommen, so hätte sie jetzt, da sie alles lesen durfte, von morgens bis abends gelesen.

»Ärgerlich ist nur«, meinte sie, »daß sie in der Leihbücherei in der Passage Choiseul nichts haben ... So wollte ich ›André‹ haben, um ihn noch einmal zu lesen, so sehr hat es mich damals zu Tränen gerührt. Nun ja, gerade ist ihnen der Band gestohlen worden ... Dazu schlägt mir mein Vater seinen eigenen ab, weil Lilitte die Bilder zerreißen könnte.«

»Aber mein Freund Campardon«, sagte Octave, »hat die ganze George Sand ... Ich werde ihn um ›André‹ für Sie bitten.«

Sie errötete, ihre Augen glänzten. Wahrhaftig, er sei zu liebenswürdig!

Und als er sie verließ, stand sie mit baumelnden Armen, den Kopf ohne jeden Gedanken, vor Lilitte, in der Haltung, die sie ganze Nachmittage lang beibehielt. Nähen verabscheute sie, sie häkelte, und zwar immerzu die gleichen Spitzendeckchen, die auf den Möbeln herumlagen.

Am Tage darauf, einem Sonntag, brachte Octave ihr das Buch. Pichon hatte fortgehen müssen, um eine Visitenkarte bei einem seiner Vorgesetzten abzugeben. Und da der junge Mann Marie fertig angekleidet antraf – sie war gerade von einem Gang in die Nachbarschaft zurückgekehrt –, fragte er sie aus Neugierde, ob sie aus der Messe zurückkäme, denn er hielt sie für fromm.

Sie verneinte. Bevor ihre Mutter sie verheiratet hatte, habe sie sie ganz regelmäßig hingeführt. Während des ersten halben Jahres ihrer Ehe sei sie, da sie sich daran gewöhnt hatte, wieder hingegangen, in der ständigen Furcht, zu spät zu kommen. Als sie dann einige Messen versäumt habe, habe sie – warum, wisse sie nicht – den Fuß nicht mehr in eine Kirche gesetzt. Ihr Mann könne die Priester nicht ausstehen, und ihre Mutter sage zu ihr jetzt nicht einmal mehr ein Sterbenswort davon. Allerdings war sie durch Octaves Frage bewegt, als hätte er in ihr soeben Dinge wachgerufen, die unter den Trägheiten ihres Daseins begraben lagen.

»Ich muß doch demnächst mal morgens in die Kirche Saint-Roch gehen«, sagte sie. »Eine Beschäftigung, die einem fehlt, das ruft sogleich eine Leere hervor.« Und auf diesem blassen Gesicht eines spät zur Welt gekommenen, von zu alten Eltern gezeugten Mädchens tauchte die krankhafte Sehnsucht nach einem anderen Dasein auf, das einst im Land der Phantasiegebilde erträumt worden war. Sie konnte nichts verheimlichen, alles stieg ihr ins Gesicht, unter diese Haut, die wie bei Bleichsucht fein und durchsichtig war. Dann wurde sie gerührt, mit einer vertraulichen Gebärde ergriff sie Octaves Hände. »Ach, wie dankbar ich Ihnen bin, daß Sie mir dieses Buch gebracht haben! Kommen Sie morgen nach dem Mittagessen. Ich werde es Ihnen zurückgeben und Ihnen sagen, welchen Eindruck es auf mich gemacht hat ... Das wird Spaß machen, nicht wahr?«

Als Octave sie verließ, dachte er, sie sei doch immerhin drollig. Sie interessierte ihn allmählich, er wollte mit Pichon sprechen, um ihn aufzutauen und zu veranlassen, sie ein bißchen aufzurütteln; denn sicherlich brauchte dieses Frauchen nur aufgerüttelt zu werden. Gerade am folgenden Tag traf er den Beamten, als der eben fortging; und er begleitete ihn auf die Gefahr hin, selber eine Viertelstunde zu spät ins »Paradies der Damen« zu kommen. Aber Pichon erschien ihm noch weniger aufgeschlossen als seine Frau, er steckte voller beginnender Wunderlichkeiten, sein ganzes Sinnen war darauf gerichtet, sich bei Regenwetter nicht die Schuhe zu beschmutzen. Er ging auf den Zehenspitzen und sprach dabei fortwährend von seinem stellvertretenden Bürovorsteher. Octave, der in dieser Angelegenheit von brüderlichen Absichten beseelt war, ließ ihn schließlich in der Rue Saint-Honoré laufen, nachdem er ihm geraten hatte, Marie oft ins Theater zu führen.

»Warum denn?« fragte Pichon verdutzt.

»Weil es gut ist für die Frauen. Das macht sie nett.«

»Ach, meinen Sie?«

Er versprach, daran zu denken, er überquerte die Straße, wobei er schreckerfüllt nach den Droschken ausspähte, da ihn im Leben allein die quälende Angst vor Dreckspritzern plagte.

Zum Mittagessen klopfte Octave bei den Pichons, um das Buch wieder abzuholen. Marie las, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, beide Hände tief in das ungekämmte Haar vergraben. Soeben hatte sie, ohne erst ein Tischtuch aufzulegen, ein Ei aus einem Blechteller gegessen, der inmitten des Durcheinanders eines hastig gedeckten Tisches herumstand. Auf dem Boden schlief Lilitte, war dort vergessen worden und lag mit der Nase auf den Scherben eines Tellers, den sie sicher zerschlagen hatte.

»Nun?« fragte Octave.

Marie antwortete nicht sogleich. Sie hatte ihren Morgenrock anbehalten, dessen Knöpfe abgerissen waren, so daß ihr Hals zu sehen war, sah unordentlich aus wie eine Frau, die eben aufgestanden ist.

»Ich habe kaum hundert Seiten gelesen«, sagte sie schließlich. »Meine Eltern sind gestern gekommen.« Und sie sprach mühsam mit einem bitteren Geschmack im Mund: Als sie noch jung war, hätte sie gern tief in den Wäldern gewohnt. Immerzu hatte sie davon geträumt, sie träfe einen Jäger, der in sein Horn stieß. Er war näher gekommen und vor ihr in die Knie gesunken. Das war in einem Dickicht geschehen, in weiter Ferne, wo Rosen blühten wie in einem Park. Darauf waren sie mit einem Mal miteinander vermählt gewesen, und dann hatten sie ewig lustwandelnd dort gelebt. Sie war sehr glücklich gewesen und hatte sich nichts weiter gewünscht. Mit der Zärtlichkeit und Ergebenheit eines Sklaven hatte er ihr zu Füßen gelegen.

»Heute morgen habe ich mit Ihrem Mann gesprochen«, sagte Octave. »Sie gehen nicht genug aus, und ich habe ihn bewogen, Sie ins Theater zu führen.«

Aber sie schüttelte den Kopf, ein Schauer ließ sie erblassen. Es trat Schweigen ein. Sie fand sich in dem engen Eßzimmer mit seinem kalten Tageslicht wieder. Das Bild des mürrischen und korrekten Jules hatte jäh seinen Schatten auf den Jäger aus den Liedern, die sie sang, geworfen, auf den Jäger, dessen fernes Horn stets in ihren Ohren ertönte. Zuweilen horchte sie: vielleicht kam er. Ihr Mann hatte niemals ihre Füße in seine Hände genommen, um sie zu küssen; auch war er niemals niedergekniet, um ihr zu sagen, daß er sie anbete. Jedoch liebte sie ihn sehr; aber sie wunderte sich, daß die Liebe nicht mehr Süße in sich barg.

»Sehen Sie, mir benimmt es den Atem«, sagte sie, auf das Buch zurückkommend, »wenn in den Romanen Stellen vorkommen, wo die Leute einander Liebeserklärungen machen.«

Zum ersten Mal hatte sich Octave hingesetzt. Er hätte beinahe gelacht, da er gefühlsseligen Liebeleien wenig Geschmack abgewinnen konnte.

»Ich«, sagte er, »ich verabscheue leere Redensarten ... Wenn man füreinander schwärmt, ist es am besten, sich das sofort zu beweisen.«

Aber sie schien nicht zu begreifen, ihr Blick war klar.

Er streckte die Hand aus, streifte ihre Hand, beugte sich, um sich eine Stelle im Buch anzusehen, so weit zu ihr hinüber, daß sein Atem ihr durch den auseinanderklaffenden Morgenrock die Schulter wärmte, und ihr Fleisch blieb tot. Da stand er auf, von einer Geringschätzung erfüllt, in der auch etwas Mitleid lag.

Als er aufbrach, sagte sie noch: »Ich lese sehr langsam, vor morgen werde ich nicht fertig sein ... Morgen wirdʼs aber Spaß machen! Kommen Sie abends herein.«

Gewiß, er hatte nichts weiter mit ihr im Sinne, und dennoch war er in Aufruhr versetzt. In ihm entstand eine seltsame Freundschaft für dieses junge Ehepaar, das ihn aufbrachte, so blödsinnig kam es ihm dem Leben gegenüber vor. Und in ihm reifte der Gedanke, den beiden gegen ihren Willen gefällig zu sein: er würde sie zum Abendessen mitnehmen, würde sie betrunken machen, würde seinen Spaß daran haben, wenn sie sich einander an den Hals hängten. Wenn ihn diese Anwandlungen von Güte überkamen, dann warf er – der sonst keine zehn Francs verliehen hätte – das Geld leidenschaftlich gern zum Fenster hinaus, um zwei Verliebte aneinanderzuketten und ihnen Glück zu schenken.

Im übrigen brachte die Kälte der kleinen Frau Pichon Octave wieder auf die feurige Valérie zurück. Die würde sich bestimmt nicht zweimal über den Nacken blasen lassen. Er machte Fortschritte in ihren Gunstbezeigungen: als sie eines Tages vor ihm die Treppe hinaufstieg, hatte er ein Kompliment über ihr Bein gewagt, ohne daß sie böse zu sein schien.

Endlich bot sich die Gelegenheit, auf die er so lange gelauert. Es war an dem Abend, an dem er eigentlich zu Marie gehen wollte, wie er es ihr versprochen hatte: sie würden allein sein, könnten über den Roman plaudern, ihr Mann sollte erst sehr spät heimkommen. Aber von Entsetzen bei dem Gedanken an diesen literarischen Schmaus gepackt, war der junge Mann lieber ausgegangen. Dennoch wagte er sich gegen zehn Uhr hin, da traf er auf dem Treppenflur des ersten Stocks Valéries Dienstmädchen, das mit verstörter Miene zu ihm sagte:

»Madame hat einen Nervenanfall, der gnädige Herr ist nicht da, die Leute gegenüber sind alle im Theater ... Kommen Sie, ich flehe Sie an. Ich bin allein, ich weiß nicht, was ich machen soll.«

Valérie lag mit starren Gliedern ausgestreckt in einem Sessel ihres Schlafzimmers. Das Dienstmädchen hatte ihr das Korsett aufgeschnürt, aus dem der Busen hervorquoll. Übrigens ließ der Anfall fast sofort nach. Sie schlug die Augen auf, wunderte sich, daß sie Octave erblickte, benahm sich im übrigen wie in Gegenwart eines Arztes.

»Ich bitte Sie um Verzeihung, mein Herr«, murmelte sie mit noch immer erstickter Stimme. »Das Mädchen ist erst seit gestern bei mir, und sie hat den Kopf verloren.«

Die vollkommene Ruhe, mit der sie ihr Korsett ablegte und ihr Kleid wieder zunestelte, setzte den jungen Mann in Verlegenheit. Er blieb stehen, schwor sich, nicht so fortzugehen, wagte jedoch nicht, sich zu setzen. Das Dienstmädchen, dessen Anblick sie zu reizen schien, hatte sie hinausgeschickt; dann war sie zum Fenster gegangen, um die von draußen eindringende kalte Luft tief einzuatmen, wobei sie den Mund in langem nervösem Gähnen weit aufriß.

Nach einem Schweigen begannen sie beide zu plaudern.

Das habe sie mit ungefähr vierzehn Jahren bekommen, Doktor Juillerat sei es müde, an ihr herumzudoktern; bald habe sie es in den Armen, bald im Kreuz. Kurzum, sie gewöhne sich daran; das sei schließlich egal, wo doch bestimmt niemand ganz gesund sei.

Und während sie sprach und ihre Glieder schlaff waren, geriet er bei ihrem Anblick in Erregung, sie wirkte herausfordernd auf ihn mit ihrem unordentlichen Aufzug, mit ihrem bleifarbenen Teint, ihrem Gesicht, das von dem Anfall verzerrt war wie von einer langen Liebesnacht. Hinter der schwarzen Woge ihres aufgelösten Haars, das ihr auf die Schultern herabfloß, glaubte er den armseligen und bartlosen Kopf des Ehemanns zu sehen. Da streckte er die Hände aus und wollte sie mit der brutalen Gebärde, mit der er eine Dirne gepackt hätte, nehmen.

»Nanu, was denn?« sagte sie mit höchst überraschter Stimme. Nun betrachtete sie ihn ihrerseits mit so kalten Augen und ohne jede Erregung, daß er sich zu Eis erstarrt fühlte und seine Hände mit linkischer Langsamkeit wieder sinken ließ, weil er einsah, wie lächerlich seine Gebärde war. Dann setzte sie mit einem letzten nervösen Gähnen, das sie im Keime erstickte, langsam hinzu: »Ach, lieber Herr, wenn Sie wüßten!« Und ohne böse zu werden, zuckte sie die Achseln, war gleichsam zermalmt von dem Gefühl der Verachtung und des Überdrusses für den Mann.

Als Octave sah, wie sie, ihre nur lose zugebundenen Röcke nachschleifend, auf einen Klingelzug zuging, glaubte er, sie entschließe sich, ihn hinauswerfen zu lassen.

Aber sie verlangte bloß Tee; und sie bestellte ihn sehr leicht und sehr heiß.

Völlig aus der Fassung gebracht, stotterte er herum, entschuldigte sich, gelangte zur Tür, während sie sich erneut tief in ihren Sessel ausstreckte mit der Miene einer fröstelnden Frau, die ein heftiges Schlafbedürfnis verspürt.

Auf der Treppe blieb Octave bei jedem Stockwerk stehen. Also liebte sie das nicht? Er hatte soeben gespürt, daß sie gleichgültig war, ohne Begierde und ohne Auflehnung, ebensowenig gefügig wie seine Chefin, Frau Hédouin. Warum sagte Campardon, sie sei hysterisch? Es war albern, daß er ihn durch Erzählen dieser dummen Geschichte getäuscht hatte; denn ohne die Lüge des Architekten hätte er ein solches Abenteuer niemals riskiert. Und er war ganz benommen über diesen Ausgang, verwirrt in seinen Ansichten über die Hysterie und mußte an die Geschichten denken, die erzählt wurden. Trublots Bemerkung fiel ihm wieder ein: bei diesen verdrehten Weibern, deren Augen wie glühende Kohlen leuchteten, wisse man nicht, woran man sei.

Ärgerlich auf die Frauen, dämpfte Octave oben das Geräusch seiner Stiefeletten. Aber die Tür von Pichons ging auf, und er mußte sich dreinschicken. Marie wartete auf ihn, sie stand in dem schmalen Raum, den die rußige Lampe schwach erhellte. Die Wiege hatte sie an den Tisch herangezogen, dort in dem Rund gelben Lichts schlief Lilitte. Das Mittagsgedeck war anscheinend auch zum Abendessen verwendet worden, denn das zugeschlagene Buch lag neben einem schmutzigen Teller, auf dem noch Radieschenstrünke waren.

»Sind Sie fertig?« fragte Octave, erstaunt über das Schweigen der jungen Frau.

Sie schien berauscht, das Gesicht war verquollen wie beim Erwachen aus einem allzu schweren Schlaf.

»Ja, ja«, sagte sie mühsam. »Oh, einen ganzen Tag habe ich dagesessen, den Kopf zwischen den Händen, und war vertieft darin ... Wenn einen das packt, dann weiß man nicht mehr, wo man ist ... Mir tut der Hals ganz weh.« Und da sie wie gerädert war, sprach sie nicht weiter von dem Buch, so erfüllt war sie von ihrer Erregung, von den verworrenen Träumereien über ihre Lektüre, daß sie schier erstickte. In ihren Ohren sauste es bei den fernen Rufen des Horns, das der Jäger aus ihren Liedern im blauen Märchenland der idealen Liebe Blies. Darauf sagte sie ohne Übergang, sie sei am Vormittag in die Kirche Saint-Roch gegangen, um die Neunuhrmesse zu hören. Sie habe sehr geweint, die Religion sei ein Ersatz für alles. »Ach, ich fühle mich jetzt wohler«, sagte sie, wobei sie tief aufseufzte und vor Octave stehenblieb.

Es trat Schweigen ein. Sie lächelte ihm mit ihren treuherzigen Augen zu. Niemals hatte er sie so nutzlos gefunden mit ihrem dünnen Haar und ihren umflorten Zügen. Aber als sie ihn weiter betrachtete, wurde sie ganz blaß, sie taumelte; und er mußte die Hände ausstrecken, um sie zu stützen.

»Mein Gott, mein Gott!« stammelte sie aufschluchzend.

Verwirrt sah er sie an.

»Sie sollten etwas Lindenblütentee trinken ... Das kommt vom zu vielen Lesen.«

»Ja, als ich das Buch zugeschlagen habe und mich allein sah, da ist mir das auf den Magen geschlagen ... Wie gut Sie sind, Herr Mouret! Ohne Sie hätte ich mir weh getan.« Unterdessen blickte er sich suchend nach einem Stuhl um, auf den er sie setzen konnte.

»Soll ich Feuer machen?«

»Danke, dabei würden Sie sich schmutzig machen ... Ich habe wohl bemerkt, daß Sie immer Handschuhe tragen.«

Und bei diesem Gedanken hatte sie wieder die erstickende Beklemmung befallen, und auf einmal ohnmächtig werdend, küßte sie, als habe es ihr Traum gerade zufällig so gefügt, ungeschickt ins Leere hinein und streifte dabei das Ohr des jungen Mannes.

Octave empfing diesen Kuß voller Bestürzung. Die Lippen der jungen Frau waren eisig. Als sie dann mit einer Hingabe des ganzen Körpers an seine Brust gerollt war, entflammte er in einer jähen Begierde, und er wollte sie nach hinten ins Schlafzimmer tragen. Aber diese so derbe Annäherung weckte Marie aus der Bewußtlosigkeit ihres Falles; der Instinkt der Frau, der Gewalt angetan wird, empörte sich, sie sträubte sich, sie rief nach ihrer Mutter und vergaß ihren Mann, der gleich heimkehren würde, und ihre Tochter, die neben ihr schlief.

»Nicht das, o nein, o nein! Das ist verboten.«

Glühend sagte er immer wieder:

»Es wird ja keiner erfahren, ich werde es niemandem sagen.«

»Nein, Herr Octave ... Sie verderben doch das Glück, das mir die Begegnung mit Ihnen verschafft hat ... Das führt zu nichts, versichere ich Ihnen, und ich hatte mir so manches erträumt ...«

Da redete er nicht mehr, er hatte eine Vergeltung zu üben, unverblümt sagte er sich im stillen: Du, du mußt dran glauben! Da sie sich weigerte, ihm ins Schlafzimmer zu folgen, drückte er sie brutal rücklings über die Tischkante; und sie unterwarf sich, zwischen dem vergessenen Teller und dem Roman, den ein Stoß zu Boden fallen ließ, nahm er Besitz von ihr. Die Tür war nicht einmal geschlossen worden, inmitten des Schweigens stieg die Feierlichkeit der Treppe herauf. Auf dem Kopfkissen der Wiege schlief friedlich Lilitte.

Als sich Marie und Octave in der Unordnung der Röcke, wieder erhoben hatten, fanden sie einander nichts zu sagen. Sie ging mechanisch nach ihrer Tochter sehen, nahm den Teller weg, stellte ihn dann wieder hin. Er blieb stumm, von demselben Unbehagen erfaßt, so unerwartet war das Abenteuer gekommen, und er erinnerte sich, daß er die brüderliche Absicht gehabt hatte, dafür zu sorgen, daß sich die junge Frau ihrem Mann an den Hals hängte. Da er das Bedürfnis verspürte, dieses unerträgliche Schweigen zu brechen, murmelte er schließlich:

»Hatten Sie denn die Tür nicht zugemacht?«

Sie warf einen kurzen Blick auf den Treppenflur, sie stammelte: »Wahrhaftig, sie war offen.«

Ihr Gang schien gehemmt, und auf ihrem Gesicht lag Ekel.

Der junge Mann dachte jetzt, bei einer Frau ohne Gegenwehr, in dieser tiefen Einsamkeit und Dummheit, sei das eigentlich kein Spaß. Nicht einmal Lust hatte sie empfunden.

»Ach je! Das Buch ist runtergefallen!« sagte sie und hob es auf.

Aber eine Ecke des Einbandes war eingeknickt. Dies brachte sie einander näher und verschaffte ihnen Erleichterung. Sie fanden die Sprache wieder. Marie zeigte sich untröstlich.

»Es ist nicht meine Schuld ... Sie sehen ja, ich hatte es in Papier eingeschlagen, aus Furcht, es schmutzig zu machen ... Wir haben es ganz unabsichtlich hinuntergestoßen.«

»Lag es denn da?« sagte Octave. »Ich habe es gar nicht bemerkt ... Ach, was mich betrifft, mir ist das schnuppe! Aber Campardon hängt so an seinen Büchern!«

Sie reichten sich das Buch, suchten die Ecke wieder geradezubiegen. Ihre Finger umschlangen einander ohne ein Erbeben. Als sie über die Folgen nachdachten, verharrten sie wahrhaft bestürzt über das Mißgeschick, das diesem schönen Band George Sand zugestoßen war.

»Das mußte ja ein schlimmes Ende nehmen«, schloß Marie mit Tränen in den Augen.

Octave war genötigt, sie zu trösten. Er werde sich eine Geschichte ausdenken, Campardon werde ihn schon nicht fressen. Und in dem Augenblick, da sie sich trennten, setzte ihre Verlegenheit von neuem ein. Gern hätten sie einander wenigstens einen liebenswürdigen Satz gesagt; aber das Du erstickte ihnen in der Kehle. Zum Glück waren Schritte zu hören, das war der Ehemann, der die Treppe heraufkam. Schweigend faßte Octave sie wieder und küßte sie nun seinerseits auf den Mund. Abermals unterwarf sie sich willfährig, und ihre Lippen waren eisig wie zuvor.

Als er lautlos in sein Zimmer zurückgekehrt war, sagte er sich, während er seinen Überzieher ablegte, daß auch diese hier so was nicht zu lieben scheine. Was begehrte sie dann aber, und warum fiel sie den Leuten in die Arme? Die Frauen waren entschieden recht komisch.

Am folgenden Tag erklärte Octave nach dem Mittagessen bei Campardons gerade noch einmal, er habe vorhin ungeschickterweise das Buch vom Tisch gestoßen, da kam Marie herein. Sie fuhr Lilitte in den Jardin des Tuileries, sie fragte, ob man ihr Angèle anvertrauen wolle. Und ohne jede Verwirrung lächelte sie Octave zu, betrachtete sie mit ihrer unschuldigen Miene das auf einem Stuhl liegengebliebene Buch.

»Wieso denn? Ich bin Ihnen doch dankbar«, sagte Frau Campardon. »Angèle, geh und setz dir einen Hut auf ... Bei Ihnen ist mir nicht bange.«

Marie, die ganz sittsam ein einfaches dunkles Wollkleid trug, sprach von ihrem Mann, der gestern abend erkältet heimgekehrt sei, und vom Fleischpreis, den man bald nicht mehr werde erschwingen können. Als sie Angèle dann mitgenommen hatte, beugten sich alle zu den Fenstern hinaus, um sie zusammen weggehen zu sehen. Auf dem Bürgersteig schob Marie langsam mit ihren behandschuhten Händen Lilittes Wagen vor sich her, während Angèle, die sich beobachtet wußte, neben ihr einherging und die Augen niederschlug.

»Das ist doch wenigstens eine anständige Frau!« rief Frau Campardon aus. »Und so sanft! Und so ehrbar!«

Da klopfte der Architekt Octave auf die Schulter und sagte:

»Es geht doch nichts über die häusliche Erziehung, mein Lieber!«

Fünftes Kapitel

An diesem Abend war bei Duveyriers Empfang und Konzert. Gegen zehn Uhr wurde Octave, der zum ersten Mal von ihnen eingeladen worden war, in seinem Zimmer mit dem Ankleiden fertig. Er war ernst, er empfand eine dumpfe Gereiztheit gegen sich selbst. Warum hatte es mit Valérie, einer Frau mit so angesehener Verwandtschaft, nicht geklappt? Und Berthe Josserand, hätte er es sich nicht überlegen sollen, bevor er sie ausschlug? Eben in dem Augenblick, da er seine weiße Schleife umband, war ihm der Gedanke an Marie Pichon unerträglich geworden: fünf Monate Paris und nichts als dieses armselige Abenteuer! Dies schmerzte ihn wie eine Schande, denn er fühlte tief die Leere und Nutzlosigkeit eines solchen Verhältnisses. So schwor er sich denn auch, während er seine Handschuhe anzog, seine Zeit nicht mehr auf diese Weise zu vergeuden. Er war zum Handeln entschlossen, da er ja endlich in die Gesellschaft vordrang, wo es an Gelegenheiten sicherlich nicht mangelte.

Aber am Ende des Ganges lauerte Marie auf ihn, denn Pichon war nicht da, und er war genötigt, einen Augenblick einzutreten.

»Wie schön Sie aussehen!« flüsterte sie.

Sie und ihr Mann waren nie bei Duveyriers eingeladen worden, was sie mit Ehrfurcht vor dem Salon im ersten Stock erfüllte. Übrigens war sie auf niemanden neidisch, dazu fühlte sie weder den Willen noch die Kraft in sich.

»Ich werde auf Sie warten«, sagte sie und hielt ihm die Stirn hin. »Kommen Sie nicht zu spät wieder herauf, Sie können mir dann erzählen, ob Sie sich amüsiert haben.«

Octave mußte ihr einen Kuß aufs Haar drücken. Obgleich sich die Beziehungen so entwickelt hatten, daß er ganz nach seinem Gutdünken zu ihr ging, wenn ihn eine Begierde oder die Muße dazu trieb, duzten sie einander noch nicht. Schließlich ging er hinunter; und über das Treppengeländer gebeugt, blickte sie ihm nach.

Zu derselben Minute spielte sich bei Josserands ein ganzes Drama ab. Die Abendgesellschaft bei Duveyriers, zu der sie gingen, sollte nach Ansicht der Mutter über Berthes Heirat mit Auguste Vabre entscheiden. Obwohl man ihm seit vierzehn Tagen heftig zusetzte, zögerte er noch immer, weil ihn offenbar Zweifel hinsichtlich der Mitgift plagten. Daher hatte Frau Josserand auch, um einen entscheidenden Schlag zu führen, an ihren Bruder geschrieben, ihm den Heiratsplan mitgeteilt und ihn an seine Versprechungen erinnert, in der Hoffnung, er werde sich in seiner Antwort durch irgendeinen Satz festlegen, aus dem sie Vorteil ziehen könnte. Und die ganze Familie wartete um neun Uhr vor dem Ofen des Eßzimmers, war fertig angekleidet und auf dem Sprung, hinunterzugehen, da brachte Herr Gourd einen Brief von Onkel Bachelard herauf, der seit der letzten Postzustellung unter Frau Gourds Schnupftabaksdose vergessen worden war.

»Na endlich!« sagte Frau Josserand und entsiegelte den Brief.

Ängstlich sahen ihr der Vater und die beiden Töchter beim Lesen zu. Um sie herum bewegte sich die plump aussehende Adèle, die die Damen hatte ankleiden müssen, und deckte den Tisch ab, auf dem noch das Geschirr vom Abendessen herumstand. Aber Frau Josserand war ganz blaß geworden.

»Nichts, nichts!« stammelte sie. »Nicht ein klarer Satz! Später, zum Zeitpunkt der Hochzeit will er sehen ... Und er fügt hinzu, daß er uns trotz allem sehr liebhat ... So ein elender Halunke!«

Herr Josserand, der einen Frack trug, war auf einen Stuhl gesunken. Hortense und Berthe setzten sich ebenfalls, die Beine wie zerschlagen; und so verharrten sie, die eine in Blau, die andere in Rosa, in ihren ewig gleichen, einmal mehr aufgefrischten Toiletten.

»Ich habʼs ja immer gesagt«, murmelte der Vater, »Bachelard nutzt uns aus ... Er wird nie einen Sou herausrücken.«

Im Stehen las Frau Josserand, die ihr feuerrotes Kleid trug, den Brief noch einmal. Dann platzte sie los.

»Oh, diese Männer! – Den da könnte man für blödsinnig halten, nicht wahr, so unmäßig ist sein Lebenswandel. Na, keine Spur! Er kann noch so sehr tun, als ob er niemals bei Verstand wäre, sobald man von Geld zu ihm spricht, reißt er die Augen auf ... Oh, diese Männer!« Sie wandte sich zu ihren Töchtern um, auf die diese Lektion gemünzt war. »Seht ihr, es ist so weit gekommen, daß ich mich frage, wieso ihr so toll darauf versessen seid, euch verheiraten zu wollen ... Wenn es euch so bis zum Hals stünde wir mir! Nicht einer, der euch um euer selbst willen liebt und euch ein Vermögen mitbringt, ohne zu feilschen! Onkel, die Millionäre sind und die, nachdem sie sich zwanzig Jahre lang durchgefressen haben, ihren Nichten nicht mal eine Mitgift geben wollen! Ehemänner, die zu nichts imstande sind, ja, ja, mein Lieber, zu nichts imstande!«

Herr Josserand ließ den Kopf sinken. Währenddessen räumte Adèle, ohne auch nur zuzuhören, den Tisch fertig ab. Aber mit einem Schlag brach Frau Josserands Zorn über sie herein.

»Was machen Sie denn da, wollen Sie uns ausspionieren? Machen Sie die Tür von draußen zu und scheren Sie sich in die Küche!« Und sie kam zum Schluß. »Kurzum, alles für diese häßlichen Vögel und für uns eine Bürste, wenn uns der Bauch juckt ... Ach was, sie verdienen nichts weiter, als reingelegt zu werden! Merkt euch, was ich sage!«

Gleichsam durchdrungen von diesen Ratschlägen, nickten Hortense und Berthe mit dem Kopf. Schon längst hatte ihre Mutter sie von der vollkommenen Minderwertigkeit der Männer überzeugt, deren einzige Rolle es sein müsse, zu heiraten und zu zahlen. In dem rauchigen Eßzimmer, das durch das von Adèle hinterlassene heillose Durcheinander des Tischgeschirrs mit muffigem Speisegeruch erfüllt wurde, trat tiefes Schweigen ein. Die Josserands, die in großer Toilette verstreut und niedergeschmettert auf Stühlen herumsaßen, vergaßen das Konzert bei Duveyriers, dachten an die fortwährenden Enttäuschungen des Daseins. Hinten aus dem Nebenzimmer hörte man Saturnin schnarchen, den sie frühzeitig zu Bett gebracht hatten.

Endlich sprach Berthe.

»Also die Mitgift ist im Eimer ... Wollen wir uns ausziehen?«

Aber mit einem Schlag fand Frau Josserand ihre Energie wieder. He, was? Sich ausziehen? Und warum denn? Waren sie denn nicht ehrbare Mädchen, war eine Verbindung mit ihnen denn nicht ebensoviel wert wie mit einer anderen Familie? Die Heirat würde trotzdem zustande kommen, oder sie wolle lieber verrecken. Und rasch verteilte sie die Rollen: die beiden Töchter erhielten den Befehl, sehr liebenswürdig zu Auguste zu sein, ihn nicht eher loszulassen, bis er hatte dran glauben müssen; der Vater hatte den Auftrag, den alten Vabre und Duveyrier für sich einzunehmen, indem er ihnen stets recht gab, falls sein Verstand so weit reichen sollte; was sie selbst angehe, so übernehme sie, die bestrebt war, nichts außer acht zu lassen, die Frauen, sie werde es schon verstehen, sie alle in ihr Spiel einzuspannen. Sich sammelnd, mit einem kurzen Blick das Eßzimmer noch einmal überschauend, gleichsam um zu sehen, ob sie keine Waffe vergessen habe, setzte sie dann die schreckliche Miene eines Kriegers auf, der seine Töchter ins Gemetzel führt, und sagte mit lauter Stimme ein einziges Wort: »Hinab!«

Sie gingen hinab. Trotz der Feierlichkeit der Treppe war Herr Josserand voller Unruhe, denn er sah unangenehme Dinge für sein allzu enges Gewissen, das Gewissen eines biederen Mannes, voraus.

Als sie eintraten, herrschte bei den Duveyriers bereits ein solches Gedrängel, daß man sich schier erdrückte. Der gewaltige Flügel nahm ein ganzes Paneel des Salons ein; davor saßen auf den Stuhlreihen wie im Theater die Damen; und zu den weit offengelassenen Türen des Eßzimmers und des kleinen Salons fluteten zwei dichte Wogen schwarzer Fracks herein. Der Kronleuchter und die Wandarme, die sechs auf Spiegeltischchen stehenden Lampen erleuchteten den in Weiß und Gold gehaltenen Raum, in dem sich die rote Seide der Möbel und der Wandbespannungen grell abhob, mit blendender Tageshelle. Es war heiß, die Fächer wehten mit ihrem regelmäßigen Atem die durchdringenden Gerüche der Korsagen und der nackten Schultern dahin.

Aber eben setzte sich Frau Duveyrier an den Flügel. Lächelnd bedeutete ihr Frau Josserand, sie solle sich nicht stören lassen; und sie ließ ihre Töchter inmitten der Männer zurück, während sie selber einen Stuhl zwischen Valérie und Frau Juzeur annahm. Herr Josserand hatte sich in den kleinen Salon begeben, wo der Hausbesitzer, Herr Vabre, auf seinem gewohnten Platz, in der Ecke eines Kanapees, schlummerte. Dort sah man noch Campardon. Théophile und Auguste Vabre, Doktor Juillerat, Abbé Mauduit, die eine Gruppe bildeten, während Trublot und Octave, die einander wiedergefunden hatten, soeben vor der Musik in den Hintergrund des Eßzimmers geflohen waren. In ihrer Nähe, hinter der Woge der schwarzen Fracks, starrte Duveyrier, hochgewachsen und mager, seine Frau an, die am Flügel saß und auf Ruhe wartete. Im Knopfloch seines Fracks trug er in einer korrekten kleinen Schleife das Band der Ehrenlegion.

»Pst! Pst! Still!« flüsterten wohlmeinende Stimmen.

Da stimmte Clotilde ein äußerst schwieriges Nocturne22 von Chopin23 an. Sie war groß und schön, hatte prächtiges rotes Haar, ein längliches Gesicht, das bleich und kalt wie Schnee war; und allein die Musik entfachte in ihren grauen Augen eine Flamme, eine übertriebene Leidenschaft, von der sie ohne jedes andere geistige oder fleischliche Bedürfnis lebte.

Duveyrier schaute sie immer noch an; dann gleich nach den ersten Takten ließ eine nervöse Erbitterung seine Lippen schmal werden, er trat beiseite, verweilte im Hintergrund des Eßzimmers. Auf seinem glattrasierten Gesicht mit dem spitzen Kinn und den schrägstehenden Augen wiesen breite rote Flecke auf schlechtes Blut hin, auf eine dicht unter der Haut brennende ausgeprägte Schärfe.

Trublot, der ihn musterte, sagte gelassen: »Er macht sich nichts aus Musik.«

»Ich auch nicht«, erwiderte Octave.

»Oh, bei Ihnen wirkt sich das nicht so nachteilig aus ... Ein Mann, mein Lieber, der stets Glück gehabt hat. Nicht tüchtiger als jeder andere, aber von aller Welt gefördert. Aus alter bürgerlicher Familie, ein Vorfahr ehemaliger Gerichtspräsident. Gleich nach Abgang von der Hochschule der Staatsanwaltschaft zugeteilt, dann stellvertretender Richter in Reims, von dort Richter in Paris am Amtsgericht, mit dem Kreuz der Ehrenlegion ausgezeichnet und schließlich mit noch nicht fünfundvierzig Jahren Gerichtsrat ... Toll, was! Aber aus Musik macht er sich nichts, das Klavier hat ihm das Leben verleidet ... Man kann ja nicht alles haben.«

Unterdessen bewältigte Clotilde die Schwierigkeiten mit außerordentlicher Kaltblütigkeit. Sie saß an ihrem Flügel wie eine Kunstreiterin auf ihrem Pferd.

Octave interessierte sich einzig und allein für die wütende Arbeit ihrer Hände.

»Sehen Sie doch ihre Finger«, sagte er, »das ist ja fabelhaft! Das muß ihr nach einer Viertelstunde doch weh tun.«

Und beide unterhielten sich über die Frauen, ohne sich weiter darum zu kümmern, was Clotilde spielte.

Octave empfand Verlegenheit, als er Valérie bemerkte. Wie sollte er sich nachher verhalten? Sollte er mit ihr sprechen, oder sollte er so tun, als sehe er sie nicht?

Trublot legte große Geringschätzung an den Tag: noch immer keine einzige, die sein Fall gewesen wäre; und als sein Begleiter widersprach, sich suchend umblickte und sagte, da drin müßten doch welche sein, mit denen er fürliebnehmen könne, erklärte Trublot belehrend:

»Na gut, treffen Sie Ihre Wahl, und beim Auspellen werden Sie dann ja sehen ... He, nicht die dahinten mit den Federn, oder die Blonde in dem malvenfarbenen Kleid, oder die Alte da, obwohl die wenigstens noch fett ist? Ich sagʼs Ihnen ja, mein Lieber, in der Gesellschaft zu suchen ist blödsinnig. Getue und kein Vergnügen!«

Octave lächelte. Er hatte ja Karriere zu machen; er durfte nicht nur seinem Geschmack folgen wie Trublot, dessen Vater so reich war. Angesichts dieser tiefgestaffelten Reihen von Frauen überkam ihn ein träumerisches Sinnen, er fragte sich, welche er zu seiner Vermögensbildung und zu seinem Vergnügen wählen würde, wenn der Hausherr und die Hausherrin ihm erlaubt hätten, eine mitzunehmen. Wie er sie so eine nach der anderen abwägend betrachtete, war er plötzlich verwundert.

»Sieh mal an, meine Chefin! Kommt sie denn hierher?«

»Wußten Sie das nicht?« sagte Trublot. »Trotz ihres Altersunterschieds sind Madame Hédouin und Madame Duveyrier Pensionatsfreundinnen. Sie waren unzertrennlich, man nannte sie die Eisbären, weil sie immer zwanzig Grad unter Null waren ... Das sind auch so Frauen zum Amüsieren! Wenn sich Duveyrier im Winter keine andere Wärmflasche an die Füße zu legen hätte ...!«

Aber jetzt war Octave ernst. Zum ersten Mal sah er Frau Hédouin in Abendtoilette, Schultern und Arme nackt, mit ihrem über der Stirn geflochtenen schwarzen Haar; und in dem grellen Licht war dies gleichsam die Verwirklichung seiner Wünsche: eine prächtige Frau von strotzender Gesundheit, ruhiger Schönheit, die jeglichen Gewinn für einen Mann bedeuten mußte. Schon nahmen ihn verwickelte Pläne gefangen, da riß ihn ein Spektakel aus seiner Träumerei.

»Uff! Es ist aus!« sagte Trublot.

Man beglückwünschte Clotilde. Frau Josserand, die herbeigestürzt war, drückte ihr beide Hände, während die Männer erleichtert ihre Unterhaltung wiederaufnahmen und die Damen sich mit lebhafterer Hand Luft zufächelten. Duveyrier wagte sich nun wieder in den kleinen Salon zurück, wohin Trublot und Octave ihm folgten. Inmitten der Röcke beugte sich Trublot zu Octaves Ohr hinüber.

»Schauen Sie mal nach rechts ... Da fängt die Ankoberei schon an.«

Es war Frau Josserand, die Berthe auf Auguste hetzte. Er war so unvorsichtig gewesen, heranzutreten und die Damen zu begrüßen. An diesem Abend ließ ihn sein Kopf so ziemlich in Ruhe; er spürte nur einen neuralgischen Punkt im linken Auge; aber er fürchtete sich vor dem Ende der Gesellschaft, denn es sollte gesungen werden, und nichts war schlimmer für ihn.

»Berthe«, sagte die Mutter, »sag doch dem Herrn das Mittel, das du für ihn aus einem Buch abgeschrieben hast ... Oh, es wirkt unfehlbar gegen Migräne!«

Und nachdem die Partie eröffnet war, ließ sie die beiden neben einem Fenster stehen.

»Zum Teufel! Wenn sie schon bei der Apotheke angelangt sind!« murmelte Trublot.

Im kleinen Salon war Herr Josserand in dem Bestreben, seine Frau zufriedenzustellen, ganz verlegen vor Herrn Vabre stehengeblieben, denn der Greis schlief, und er wagte ihn nicht zu wecken, um sich sodann liebenswürdig erweisen zu können. Aber als die Musik aufhörte, schlug Herr Vabre die Lider auf. Er war klein und dick, vollkommen kahlköpfig, hatte zwei Büschel weißer Haare über den Ohren, ein rotes Gesicht mit wulstigen Lippen und runden Glotzaugen. Nachdem Herr Josserand sich höflich nach seiner Gesundheit erkundigt hatte, kam das Gespräch in Fluß. Der ehemalige Notar, dessen vier oder fünf Gedanken sich stets in derselben Reihenfolge abwickelten, ließ zunächst einen Satz über Versailles fallen, wo er vierzig Jahre lang seinen Beruf ausgeübt hatte; darauf sprach er von seinen Söhnen, bedauerte abermals, daß weder der ältere noch der jüngere sich fähig genug gezeigt hätte, um seine Kanzlei zu übernehmen, was ihn bewogen hatte, das Notariat zu verkaufen und nach Paris zu ziehen; schließlich kam die Geschichte seines Hauses, dessen Bau der Roman seines Daseins blieb.

»Dreihunderttausend Francs habe ich da hineingesteckt, mein Herr. Eine herrliche Spekulation, pflegte mein Architekt zu sagen. Heute habe ich große Mühe, mein Geld wieder hereinzubekommen, zumal sich alle meine Kinder bei mir einquartiert haben, mit der Absicht, mir nichts zu bezahlen, und ich nie eine Miete einnehmen würde, wenn ich mich nicht selber am Fünfzehnten meldete ... Zum Glück tröstet mich die Arbeit.«

»Sie arbeiten immer noch viel?« fragte Herr Josserand.

»Immer noch, immer noch, mein Herr«, erwiderte der Greis mit verzweifelter Energie. »Arbeit ist mein Leben.« Und er erläuterte sein großes Werk. Seit zehn Jahren werte er jedes Jahr den amtlichen Katalog der Gemäldeausstellung aus, trage unter dem Namen jeden Malers die ausgestellten Bilder auf Karteikarten ein. Er sprach darüber mit müder und gequälter Miene; das Jahr sei kaum lang genug für ihn, oft sei es eine so knifflige Arbeit, daß sie ihn überwältige: so zum Beispiel, wenn eine Künstlerin heirate und dann unter dem Namen ihres Mannes ausstelle; wie sollte er sich da noch auskennen? »Nie wird meine Arbeit vollständig fertig sein, gerade das bringt mich ja um«, murmelte er.

»Sie interessieren sich für Kunst?« fragte Herr Josserand, um ihm zu schmeicheln.

Herr Vabre schaute ihn voller Überraschung an.

»Aber nein, die Bilder brauche ich nicht zu sehen. Es handelt sich um eine statistische Arbeit ... Ach, es ist besser, wenn ich schlafen gehe, da habe ich morgen einen unbeschwerteren Kopf. Guten Abend, mein Herr.« Er stützte sich auf einen Stock, den er selbst in der Wohnung bei sich behielt, und sich mühsam fortbewegend, das Kreuz bereits halb gelähmt, zog er sich zurück.

Herr Josserand stand verdattert da: er hatte nicht recht begriffen, er fürchtete, nicht begeistert genug von den Karteikarten gesprochen zu haben.

Aber ein leichtes Stimmengewirr, das aus dem großen Salon herüberscholl, brachte Trublot und Octave wieder in die Nähe der Tür zurück. Sie sahen eine etwa fünfzigjährige Dame eintreten, sehr stark und noch immer schön, der ein korrekter, ernst aussehender junger Mann folgte.

»Was! Sie kommen zusammen!« murmelte Trublot. »Na gut, tut euch bloß keinen Zwang mehr an!«

Es waren Frau Dambreville und Léon Josserand. Sie sollte ihn verheiraten: dann hatte sie ihn einstweilen zum eigenen Gebrauch behalten; und sie waren mitten in den Flitterwochen, sie brachten sich in den bürgerlichen Salons ins Gerede. Ein Gezischel machte die Runde unter den Müttern, die Töchter an den Mann zu bringen hatten. Aber Frau Duveyrier ging Frau Dambreville entgegen, die ihr junge Leute für ihre Chöre lieferte. Sogleich entführte Frau Josserand sie ihr und überhäufte sie mit Höflichkeiten, weil sie bedachte, sie werde sie brauchen können. Léon wechselte einige kühle Worte mit seiner Mutter; gleichwohl begann diese seit seinem Verhältnis zu glauben, er werde es doch noch zu etwas bringen.

»Berthe sieht Sie gar nicht«, sagte sie zu Frau Dambreville. »Verzeihen Sie ihr bitte, sie ist im Begriff, Herrn Auguste ein Heilmittel zu nennen.«

»Aber sie vertragen sich ja sehr gut miteinander, lassen wir sie doch«, erwiderte die Dame, die auf einen Blick hin begriff.

Mütterlich betrachteten sie beide Berthe. Diese hatte Auguste schließlich in die Fensternische manövriert, wo sie ihn mit ihrem netten Gehabe festhielt. Er kam in Wallung, er nahm die Migräne in Kauf.

Währenddessen unterhielt sich eine Gruppe ernster Männer im kleinen Salon über Politik. Am Tage vorher hatte im Senat wegen der römischen Frage24 eine stürmische Sitzung stattgefunden, in der es zu einer Debatte über die Adresse25 gekommen war; und Doktor Juillerat, der atheistisch und revolutionär gesinnt war, behauptete, man müsse Rom dem König von Italien26 überlassen, während Abbé Mauduit, einer der führenden Köpfe der ultramontanen Partei, die finstersten Katastrophen voraussah, wenn Frankreich nicht sein Blut bis zum letzten Tropfen für die weltliche Macht der Päpste vergieße.

»Vielleicht könnte man noch einen beiderseits annehmbaren Modus vivendi27 finden«, bemerkte Léon Josserand, der gerade hinzutrat.

Er war zur Zeit Sekretär eines berühmten Rechtsanwalts und Abgeordneten der Linken. Da er auf keinerlei Unterstützung seitens seiner Eltern hoffen durfte, deren mittelmäßige Lebensstellung ihn überdies zur Raserei brachte, war er zwei Jahre lang im Quartier Latin28 mit blutdürstigen demagogischen Reden hausieren gegangen. Seitdem er aber Zugang bei Dambrevilles gefunden hatte, wo er seinen ersten Hunger stillte, beruhigte er sich, wandelte er sich zum doktrinären Republikaner.

»Nein, es ist keine Einigung möglich«, sagte der Priester. »Die Kirche kann keinen Vergleich schließen.«

»Dann wird sie eben verschwinden!« rief der Doktor aus.

Und obgleich sie sehr befreundet waren, da sie sich im ganzen Viertel Saint-Roch an Sterbebetten getroffen hatten, schienen sie beide – der hagere und nervöse Arzt und der feiste und leutselige Vikar – unversöhnlich zu sein. Der Priester wahrte stets, selbst wenn er die bestimmtesten Behauptungen aufstellte, ein höfliches Lächeln, als Weltmann, der dem Jammer des Daseins gegenüber tolerant war, aber auch als Katholik, der nicht gewillt war, vom Dogma etwas preiszugeben.

»Die Kirche verschwinden, na, das wäre ja noch schöner!« sagte Campardon mit wütender Miene, um dem Priester, von dem er Aufträge erwartete, den Hof zu machen.

Im übrigen war dies die Ansicht aller dieser Herren: die Kirche dürfe nicht verschwinden.

Théophile Vabre, der hustend und spuckend, vor Fieber schlotternd, vom allgemeinen Glück durch Errichtung einer menschenbeglückenden Republik träumte, war der einzige, der behauptete, sie könne sich vielleicht wandeln.

Der Priester versetzte mit seiner sanften Stimme: »Das Kaiserreich bringt sich selber um. Nächstes Jahr bei den Wahlen wird man es ja erleben.«

»Ach, was das Kaiserreich anbetrifft, so dürfen Sie uns davon befreien«, sagte der Doktor unumwunden. »Das wäre eine große Gefälligkeit.«

Da schüttelte Duveyrier, der mit unergründlicher Miene zuhörte, den Kopf. Er stammte zwar aus orléanistischer29 Familie, aber er verdankte dem Kaiserreich alles und erachtete es für angemessen, es zu verteidigen.

»Glauben Sie mir«, erklärte er schließlich streng, »erschüttern Sie nicht die Grundpfeiler der Gesellschaft, oder es stürzt alles zusammen ... Solche Katastrophen würden unausweichlich gerade uns treffen.«

»Sehr richtig!« sagte Herr Josserand, der gar keine Meinung hatte, sich aber an die Befehle seiner Frau erinnerte.

Alle sprachen auf einmal. Das Kaiserreich liebte keiner. Doktor Juillerat verurteilte die mexikanische Expedition30, der Abbé Mauduit tadelte die Anerkennung des Königreichs Italien. Doch Théophile Vabre und selbst Léon standen unruhig da, als Duveyrier ihnen mit einem neuen 179331 drohte. Wozu diese fortwährenden Revolutionen? War die Freiheit denn nicht errungen? Und der Haß auf die neuartigen Ideen, die Furcht vor dem Volke, das seinen Anteil haben wollte, dämpften den Liberalismus dieser satten Spießbürger. Wie dem auch sei, sie erklärten alle, sie würden gegen den Kaiser32 stimmen, denn ihm tue eine Lehre not.

»Ach was, die öden mich an!« sagte Trublot, der sich seit einer Weile bemühte, etwas zu verstehen.

Octave bewog ihn, zu den Damen zurückzukehren.

In der Fensternische machte Berthe Auguste mit ihrem Gelächter ganz benommen. Dieser blaßblütige große Bursche vergaß seine Angst vor den Frauen und wurde ganz rot unter den Angriffen dieses schönen Mädchens, dessen Atem ihm das Gesicht erhitzte. Frau Josserand mußte indessen wohl finden, daß sich die Dinge in die Länge zogen, denn sie sah Hortense starr an; und gehorsam ging Hortense, ihrer Schwester Beistand zu leisten.

»Sind Sie völlig wiederhergestellt, Madame?« wagte Octave Valérie zu fragen.

»Völlig, mein Herr, ich danke Ihnen«, erwiderte sie ruhig, als erinnere sie sich an nichts.

Frau Juzeur sprach mit dem jungen Mann über eine alte Spitze, die sie ihm zu zeigen wünschte, um seine Ansicht zu erfahren; und er mußte versprechen, am nächsten Tag einen Augenblick zu ihr hereinzukommen. Als dann Abbé Mauduit in den Salon zurückkehrte, rief sie ihn herbei und veranlaßte ihn mit verzückter Miene, Platz zu nehmen.

Aber die Unterhaltung war wieder in Fluß gekommen. Die Damen plauderten über ihre Dienstboten.

»Mein Gott, ja«, fuhr Frau Duveyrier fort, »mit Clémence bin ich zufrieden, ein sehr sauberes, sehr aufgewecktes Mädchen.«

»Und Ihr Hippolyte?« fragte Frau Josserand. »Wollten Sie ihn nicht entlassen?«

Hippolyte, der Kammerdiener, reichte soeben Eis. Er war groß und stark, sah blühend aus, und als er sich entfernt hatte, erwiderte Clotilde verlegen:

»Wir behalten ihn. Es ist so unangenehm, dauernd zu wechseln! Wissen Sie, die Dienstboten gewöhnen sich zusammen ein, und ich halte große Stücke auf Clémence ...«

Frau Josserand beeilte sich, dem zuzustimmen, weil sie fühlte, daß dies ein heikles Gebiet war. Man hoffte, die beiden dereinst miteinander zu verheiraten; und Abbé Mauduit, den Duveyriers in dieser Angelegenheit um Rat gefragt hatten, nickte sanft, um gleichsam über eine dem ganzen Haus bekannte Situation, von der aber niemand sprach, den Mantel der Liebe zu breiten. Die Damen schütteten übrigens ihr Herz aus: Valérie hatte am Vormittag schon wieder ein Dienstmädchen entlassen, das dritte in acht Tagen; Frau Juzeur hatte sich vor kurzem entschlossen, eine fünfzehnjährige Kleine aus dem Findelhaus zu nehmen, um sie abzurichten; was Frau Josserand betraf, so konnte sie sich nicht genug über Adèle auslassen, eine Schmutzliese, ein Taugenichts, und sie erzählte ungewöhnliche Streiche von ihr. Und im Kerzenschimmer und Blumenduft wurden die Damen schläfrig und wühlten nun alle in diesen Vorzimmergeschichten, schwenkten die fettigen Abrechnungsbücher, erhitzten sich leidenschaftlich über die Unverschämtheiten eines Kutschers oder einer Abwaschmagd.

»Haben Sie Julie gesehen?« fragte Trublot unvermittelt Octave in geheimnisvollem Ton. Und als der andere verdutzt dastand, sagte er: »Mein Lieber, sie ist fabelhaft ... Gehen Sie hin und schauen Sie sie an. Man tut so, als verspüre man ein Bedürfnis, und huscht in die Küche ... Fabelhaft!« Er sprach von Duveyriers Köchin.

Die Unterhaltung der Damen nahm eine andere Wendung, Frau Josserand beschrieb mit überschwenglicher Begeisterung ein sehr bescheidenes Anwesen, das Duveyriers bei Villeneuve-Saint-Georges besaßen und das sie lediglich von der Eisenbahn aus erblickt hatte, als sie eines Tages nach Fontainebleau gefahren war.

Aber Clotilde liebte das Land nicht, sie wohnte so wenig wie möglich dort, wartete die Ferien ihres Sohnes Gustave ab, der zur Zeit im Lycée Bonaparte in der Unterprima war.

»Caroline hat ganz, recht, daß sie sich keine Kinder wünscht«, erklärte sie und wandte sich dabei zu Frau Hédouin um, die zwei Stühle von ihr entfernt saß. »Wie diese kleinen Geschöpfe doch alle Gewohnheiten umstoßen!«

Frau Hédouin sagte, sie habe Kinder sehr gern. Sie sei aber zu sehr in Anspruch genommen; ihr Mann reise unaufhörlich an allen vier Enden Frankreichs herum; und die ganze Firma ruhe auf ihren Schultern.

Octave, der hinter ihrem Stuhl stand, durchwühlte mit einem schrägen Blick ihr kurzes, gekräuseltes tintenschwarzes Nackenhaar und in dem sehr tief ausgeschnittenen Kleid das schneeige Weiß ihres Busens, der sich in einer Woge von Spitzen verlor. Sie, die so ruhig war, brachte ihn mit ihren knappen Worten und ihrem steten schönen Lächeln vollends in Verwirrung; niemals war er einem solchen Geschöpf begegnet, selbst in Marseille nicht. Die Sache war entschieden der Überlegung wert, und wenn man noch so lange daran arbeiten sollte.

»Kinder richten die Frauen so schnell zugrunde!« sagte er, sich zu ihrem Ohr herabbeugend, da er sie durchaus ansprechen wollte und ihm nichts anderes einfiel.

Langsam blickte sie mit ihren großen Augen empor, erwiderte dann mit der schlichten Miene, mit der sie ihm im Laden eine Anweisung zu erteilen pflegte: »O nein, Herr Octave; bei mir ist es nicht deshalb ... Zeit müßte man haben, das ist alles.«

Aber Frau Duveyrier schaltete sich ein. Sie hatte den jungen Mann, als Campardon ihn ihr vorgestellt hatte, mit einem leichten Gruß empfangen; und jetzt musterte sie ihn, hörte ihm zu, ohne daß sie ihr jähes Interesse zu verbergen suchte. Als sie ihn mit ihrer Freundin plaudern hörte, konnte sie sich nicht enthalten, ihn zu fragen: »Mein Gott! Verzeihen Sie, mein Herr ... Was für eine Stimme haben Sie?«

Er begriff nicht sogleich, schließlich sagte er, er habe eine Tenorstimme.

Da geriet Clotilde in Begeisterung: eine Tenorstimme, wahrhaftig! Das sei aber ein Glück, Tenorstimmen würden so selten! So habe sie für die »Schwerterweihe33«, die man gleich singen werde, in ihrer Gesellschaft nie mehr als drei Tenöre auftreiben können, wo sie doch mindestens fünf gebraucht hätte. Und auf einmal war sie ganz aufgeregt, hatte leuchtende Augen und mußte an sich halten, um sich nicht unverzüglich an den Flügel zu setzen und Octaves Stimme auszuprobieren.

Er mußte versprechen, eines Abends zu kommen.

Trublot, der hinter ihm stand, stieß ihn mit dem Ellbogen an, und er genoß in seiner Unbeteiligtheit grimmige Freuden.

»Na, jetzt sind Sie dran!« flüsterte er, als sie sich entfernt hatte. »Bei mir, mein Lieber, hat sie zuerst eine Baritonstimme entdeckt; als sie dann sah, daß es nicht klappte, hat sie es mit mir als Tenor probiert; das hat auch nicht besser geklappt, und sie hat beschlossen, mich heute abend als Baß einzusetzen ... Ich spiele einen Mönch.«

Aber er mußte Octave verlassen, eben rief ihn Frau Duveyrier, man schickte sich an, den Chor zu singen, die Glanznummer des Abends. Es gab ein allgemeines Stuhlrücken. Etwa fünfzehn Männer – alles Musikliebhaber, alle unter den Gästen des Hauses angeworben – bahnten sich inmitten der Damen mühsam einen Weg, um sich vor dem Flügel zu versammeln. Sie blieben stehen, entschuldigten sich, ihre Stimmen wurden vom summenden Lärm der Gespräche erstickt, während sich die Fächer in der zunehmenden Hitze schneller bewegten. Schließlich zählte Frau Duveyrier die Sänger ab, es waren alle da; und sie verteilte die Noten unter sie, die sie selbst abgeschrieben hatte. Campardon stellte den Saint-Bris dar, einem jungen Auditeur34 im Staatsrat waren die wenigen Takte des Nevers übertragen worden; dann kamen acht Edelleute, vier Schöffen, drei Mönche, mit deren Rollen Rechtsanwälte, Beamte und einfache Hausbesitzer betraut waren. Sie selbst, die die Sänger auf dem Flügel begleitete, hatte sich außerdem die Partie der Valentine vorbehalten und stieß beim Anschlagen der Akkorde leidenschaftliche Schreie aus; denn sie wollte keine andere Frau in den Kreis dieser Herren hineinlassen, deren ergebene Schar sie mit der Grobheit eines Kapellmeisters leitete.

Währenddessen gingen die Gespräche weiter, ein unerträglicher Lärm kam vor allem aus dem kleinen Salon, wo die politischen Diskussionen anscheinend immer erbitterter wurden. Da zog Clotilde einen Schlüssel aus der Tasche und klopfte mehrmals leicht damit auf den Flügel. Ein Gemurmel lief um, die Stimmen ebbten ab, erneut fluteten zwei Wogen schwarzer Fracks zu den Türen herein; und über die Köpfe hinweg gewahrte man einen Augenblick Duveyriers rotgeflecktes Gesicht, auf dem ein Ausdruck von Angst lag. Octave war hinter Frau Hédouin stehengeblieben, den Blick auf die tief in die Spitzen verlorenen Schatten ihres Busens gesenkt. Aber als Schweigen eintrat, brach plötzlich ein Gelächter los, und er hob den Kopf. Das Gelächter kam von Berthe, die sich an einem Scherz Augustes ergötzte, dessen dünnes Blut sie so weit erhitzt hatte, daß er anzüglich wurde. Der Salon schaute zu ihnen hin, Mütter wurden ernst, Angehörige der Familie wechselten einen Blick.

»Ist sie denn närrisch!« murmelte Frau Josserand mit zärtlicher Miene, so laut, daß man sie hören konnte.

Hortense, die neben ihrer Schwester stand, half ihr mit willfähriger Selbstverleugnung, feuerte ihr Gelächter an, schob sie an den jungen Mann heran, während hinter ihnen durch das halboffene Fenster ein leichtes Lüftchen die großen rotseidenen Vorhänge hin und her bewegte.

Aber eine Grabesstimme erbebte, alle Köpfe wandten sich dem Flügel zu. Den Mund rund geformt, den Bart in einem lyrischen Windstoß vorgereckt, schleuderte Campardon den ersten Vers heraus: »Ja, uns versammelt hier unsrer Königin Wille.« Sogleich kletterte Clotilde eine Tonleiter hoch und wieder hinab; dann stieß sie, die Augen zur Decke gerichtet, mit einem Ausdruck des Entsetzens den Schrei aus: »Nur stille!«

Und die Szene ging an; die Nase in ihren Noten, schworen die acht Rechtsanwälte, Beamten und Hausbesitzer in der Haltung von Schülern, die eine Seite Griechisch herstottern, sie seien bereit, Frankreich zu befreien. Dieses erste Auftreten bot eine Überraschung, denn die Stimmen erstickten unter der niedrigen Decke, man vernahm nur ein Brummen, das wie das Gerassel mit Pflastersteinen beladener Karren klang, bei dem die Fensterscheiben klirrten. Aber als Saint-Brisʼ melodisches Motiv »Geheiligt sei die Rache, gehorcht der guten Sache!« das Hauptthema entwickelte, kannten sich einige Damen aus und nickten mit verständnisinniger Miene. Der Salon erhitzte sich, die Edelleute schrien mit voller Lautstärke: »So schwören wir! Wir folgen dir!«; und das gab jedesmal eine Explosion, die jeden Gast mitten in die Brust traf.

»Die singen zu laut«, flüsterte Octave Frau Hédouin ins Ohr.

Sie rührte sich nicht.

Da Neversʼ und Valentines Erklärungen Octave langweilten, zumal der Auditeur im Staatsrat ein falscher Bariton war, nahm er nun mit Trublot Verbindung auf, der ihn, in Erwartung des Auftritts der Mönche, mit einem Zusammenkneifen der Augenlider zur Fensternische hinwies, wo Berthe Auguste weiter gefangenhielt.

Jetzt waren sie allein dort in der von draußen hereinkommenden frischen Luft, während Hortense gespannt lauschend weiter vorn stand, sich an den Vorhang schmiegte, an dessen Halteschnur sie mechanisch drehte. Niemand sah mehr zu ihnen hin, selbst Frau Josserand und Frau Dambreville hatten nach einem instinktiven Blickwechsel die Augen abgewandt.

Unterdessen streckte Clotilde, die die Hände auf den Tasten hatte, mitgerissen war und keine Geste wagen konnte, den Hals vor, wobei sie folgenden für Nevers bestimmten Schwur an den Notenhalter richtete: »Für dich mein Blut von nun an spricht!«

Die Schöffen waren aufgetreten: ein Staatsanwaltsvertreter, zwei Anwälte und ein Notar. Das Quartett tobte los, das Motiv »Geheiligt sei die Rache, gehorcht der guten Sache!« kehrte erweitert, von der Hälfte des Chors gestützt, in einem steten Erblühen wieder. Campardon, der den Mund immer runder und hohler machte, erteilte mit einem fürchterlichen Rollen der Silben die Befehle zum Kampf. Und auf einmal brach der Gesang der Mönche los: Trublot psalmodierte mit dem Bauch, um die tiefen Töne herauszubekommen.

Octave, der neugierig darauf gewesen war, Trublot singen zu sehen, war ganz überrascht, als er seine Augen wieder zum Fenster hin wandte.

Vom Chor gleichsam in Wallung gebracht, hatte Hortense soeben mit einer Bewegung, die unbeabsichtigt sein mochte, die Halteschnur gelöst; und der herabfallende große rotseidene Vorhang hatte Auguste und Berthe vollständig verhüllt. Mit den Ellbogen auf die Schutzstange gestützt, standen sie dahinter, ohne daß eine Bewegung ihre Anwesenheit verriet.

Octave kümmerte sich nicht mehr um Trublot, der gerade die Schwerter weihte: »Waffen, wir segnen, heilge Waffen, euch.« Was mochten die beiden bloß hinter diesem Vorhang tun? Es begann die Stretta; auf das Gebrumm der Mönche antwortete der Chor: »Schlagt tot! Schlagt tot! Schlagt tot!«

Und Auguste und Berthe rührten sich nicht, vielleicht betrachteten sie, da ihnen heiß geworden war, lediglich die vorüberfahrenden Droschken.

Aber Saint-Brisʼ melodisches Motiv tauchte nochmals auf, nach und nach schleuderten es alle Stimmen in einer Steigerung, in einem Schlußgeschmetter von außerordentlicher Gewalt aus voller Kehle heraus. Es war gleichsam eine Bö, die sich im Hintergrund der zu engen Wohnung verfing, die Kerzen verstört flackern ließ, die Gäste, denen schier die Ohren platzten, zum Erblassen brachte. Wütend hämmerte Clotilde auf den Flügel ein, riß die Herren mit dem Blick mit; dann besänftigten sich die Stimmen, wisperten: »Leis und still! Habet acht! Mitternacht!«, und sie fuhr allein fort, sie gebrauchte das Pianopedal, ließ die taktmäßigen und verlorenen Schritte einer sich entfernenden Streifwache ertönen.

Da, in dieser ersterbenden Musik, in dieser Erleichterung nach so viel Radau, hörte man jäh eine Stimme sagen: »Sie tun mir ja weh!«

Wiederum hatten sich alle Köpfe dem Fenster zugewandt. Frau Dambreville hatte sich freundlicherweise nützlich gemacht, indem sie hinging und den Vorhang hochschob. Und der Salon betrachtete den verwirrten Auguste und die hochrot gewordene Berthe, die beide noch immer an der Schutzstange des Fensters lehnten.

»Was gibtʼs denn, mein Schatz?« fragte Frau Josserand mit eifriger Miene.

»Nichts, Mama ... Herr Auguste hat mir mit dem Fenster gegen den Arm gestoßen ... Mir war so heiß!« Sie errötete noch mehr. Es wurde verkniffen gelächelt, man verzog indigniert den Mund. Frau Duveyrier, die ihren Bruder seit einem Monat von Berthe abzubringen suchte, saß ganz blaß da, zumal der Zwischenfall die Wirkung ihres Chors beschnitten hatte. Doch nach dem ersten Augenblick der Überraschung klatschte man Beifall, beglückwünschte man sie, ließ liebenswürdige Worte für die Herren mit einfließen. Wie sie gesungen hätten! Wieviel Mühe hatte sich wohl Frau Duveyrier geben müssen, damit sie mit dieser Ensemblewirkung sangen! Wahrhaftig, im Theater erzielte man keinen größeren Erfolg! Aber unter diesen Lobeserhebungen hörte sie sehr wohl das im Salon umlaufende Gezischel: das junge Mädchen war zu sehr kompromittiert, die Heirat war perfekt.

»Eingewickelt, was!« sagte Trublot, der auf Octave zukam. »So ein Trottel! Während unserer Grölerei, da hätte er sie kneifen sollen! Ich dachte, er würde das ausnutzen. Wissen Sie, in den Salons, wo gesungen wird, da kneift man eine Dame eben, und wenn sie schreit, dann ist einem das schnuppe! Es hörtʼs ja niemand.«

Berthe, die jetzt sehr ruhig war, lachte wiederum, während Hortense mit der ihr eigenen mürrischen Miene einer jungen Dame mit Lehrerinnendiplom Auguste betrachtete; und im Triumph der beiden kamen die Lehren ihrer Mutter wieder zum Vorschein, die offen zur Schau getragene Verachtung für den Mann.

Die geladenen Herren hatten den Salon überflutet und mischten sich nun laut redend unter die Damen.

Herr Josserand, dessen Herz Berthes Abenteuer mit Unruhe erfüllte, hatte sich wieder seiner Frau genähert. Mit Unbehagen hörte er zu, wie sie Frau Dambreville für die Gütebeweise dankte, mit der diese ihren Sohn Léon überhäufte, den sie ganz entschieden zu seinem Vorteil verändere. Aber dieses Unbehagen verstärkte sich noch, als er hörte, wie sie wieder auf ihre Töchter zu sprechen kam. Sie tat so, als unterhalte sie sich leise mit Frau Juzeur, während sie für Valérie und Clotilde sprach, die in ihrer Nähe standen.

»Mein Gott, ja, heute hat es uns ihr Onkel schon wieder geschrieben: Berthe bekommt fünfzigtausend Francs. Das ist zweifellos nicht viel, aber wenn das Geld da ist, und zwar tatsächlich da ist!«

Diese Lüge empörte ihn. Er konnte sich nicht enthalten, verstohlen ihre Schulter zu berühren.

Sie schaute ihn an, zwang ihn, vor dem entschlossenen Ausdruck ihres Gesichts die Augen niederzuschlagen. Als sich dann Frau Duveyrier, die liebenswürdiger geworden war, umgedreht hatte, erkundigte sie sich interessiert bei ihr nach dem Befinden ihres Vaters.

»Oh, Papa muß schlafen gegangen sein«, erwiderte die junge Frau völlig gewonnen. »Er arbeitet so viel!«

Herr Josserand sagte, Herr Vabre habe sich in der Tat zurückgezogen, um morgen einen klaren Kopf zu haben. Und er stotterte: ein recht beachtlicher Verstand, außerordentliche Fähigkeiten, wobei er sich fragte, wo er diese Mitgift hernehmen solle und wie er wohl am Tag des Ehevertragsabschlusses dastehen würde.

Aber Stühlerücken erfüllte den Salon mit großem Lärm. Die Damen gingen ins Eßzimmer hinüber, wo der Tee serviert war. Siegreich begab sich Frau Josserand dorthin, umgeben von ihren Töchtern und der Familie Vabre. Bald blieb inmitten des heillosen Durcheinanders der Sessel nur noch die Gruppe der ernsten Männer zurück. Campardon hatte sich des Abbés Mauduit bemächtigt: es handelte sich um eine Reparatur an der Kalvarienkapelle von der Kirche Saint-Roch. Der Architekt erklärte sich gern bereit, diese Reparatur zu übernehmen, denn seine Diözese Evreux mache ihm wenig Arbeit. Dort lägen bloß der Bau einer Kanzel und der Einbau einer Heizung und neuer Herde in Monsignores35 Küchen vor, Arbeiten, zu deren Beaufsichtigung sein Inspektor genüge. Da versprach der Priester, die Angelegenheit gleich bei der nächsten Versammlung des Kirchenvorstands endgültig durchzusetzen. Und sie gesellten sich beide wieder zu der Gruppe, wo man Duveyrier eben zu der Abfassung eines Urteils beglückwünschte, als dessen Verfasser er sich bekannte; der Präsident, der sein Freund war, pflegte gewisse leichte und glanzvolle Arbeiten für ihn zu reservieren, um ihn öffentlich herauszustellen.

»Haben Sie diesen neuen Roman gelesen?« fragte Léon, der in einem Exemplar der »Revue des Deux- Mondes36« Blätterte, das auf einem Tisch herumlag. »Er ist gut geschrieben; aber schon wieder ein Ehebruch, das wird am Ende wahrhaftig langweilig!«

Und das Gespräch wandte sich der Moral zu. Es gebe sehr ehrbare Frauen, sagte Campardon. Alle stimmten zu. Übrigens komme man, nach Meinung des Architekten, in einer Ehe trotz allem zurecht, wenn man es verstehe, sich miteinander zu vertragen. Ohne sich deutlicher auszudrücken, bemerkte Théophile Vabre, das hänge von der Frau ab. Man wollte Doktor Juillerats Ansicht hören, der vor sich hin lächelte; aber er entschuldigte sich: für ihn liege die Tugend in der Gesundheit. Währenddessen stand Duveyrier versonnen da.

»Mein Gott!« murmelte er schließlich. »Diese Schriftsteller übertreiben ja, in den gebildeten Ständen ist der Ehebruch sehr selten ... Wenn eine Frau aus guter Familie stammt, so hat sie eine Blume in der Seele ...« Er war für großartige Gefühle, das Wort »Ideal« sprach er mit einer Gemütsbewegung aus, die seinen Blick verschleierte. Und er gab dem Abbé Mauduit recht, als dieser von der Notwendigkeit religiösen Glaubens bei der Gattin und Mutter sprach.

So wurde die Unterhaltung auf die Religion und die Politik zurückgeführt, zu dem Punkt also, an dem die Herren sie abgebrochen hatten. Niemals werde die Kirche verschwinden, weil sie die Grundlage der Familie und die natürliche Stütze der Regierungen sei.

»Als Aufpasserin laß ich sie meinetwegen gelten«, murmelte der Doktor.

Duveyrier liebte es übrigens gar nicht, daß bei ihm über Politik gesprochen wurde, und einen Blick ins Eßzimmer werfend, wo Berthe und Hortense Auguste mit belegten Brötchen vollstopften, begnügte er sich, streng zu erklären: »Eines ist bewiesene Tatsache, meine Herren, die alles entscheidet: die Religion gibt der Ehe eine sittliche Grundlage.«

Im gleichen Augenblick beugte sich Trublot, der auf einem Kanapee neben Octave saß, zu diesem hinüber.

»Übrigens«, fragte er, »soll ich Ihnen eine Einladung zu einer Dame verschaffen, bei der man sich amüsiert?« Und als sein Gefährte zu wissen wünschte, was für eine Art Dame das sei, setzte er, auf den Appellationsgerichtsrat deutend, hinzu: »Seine Geliebte.«

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