Kitabı oku: «Lourdes», sayfa 8

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Die Stimme Pierres war noch rührender geworden, denn wenn er auch den geistig Armen, die ihm zuhörten, nicht alles sagte, so verlieh doch die menschliche Erklärung, die er diesen Wundern zu geben versuchte, seiner Erzählung eine Färbung, durch die brüderliche Sympathie hindurchschimmerte. Er liebte Bernadette wegen des Reizes ihrer Vision, die sie mit so vollendeter Liebenswürdigkeit bei ihrem Erscheinen und Verschwinden begrüßt hatte. Das große Licht zeigte sich zuerst, dann bildete sich die Erscheinung, ging, kam, verneigte sich und bewegte sich in leichter, unmerklicher Weise. Als sie verschwand, blieb das Licht noch einen Augenblick da, dann verlosch es wie ein Stern, der stirbt.

Pierre erzählte dann die anderen Erscheinungen. Die vierte und die fünfte hatten am Freitag und Sonnabend stattgefunden. Die von einem Strahlenkranze umflossene Jungfrau, die ihren Namen noch immer nicht genannt hatte, begnügte sich, zu lächeln und zu grüßen, ohne ein Wort zu sprechen. Am Sonntag weinte sie und sagte zu Bernadette: »Betet für die Sünder!« Am Montag machte sie dem Kinde den großen Kummer, nicht zu erscheinen, ohne Zweifel, um sie zu prüfen. Am Dienstag vertraute sie ihr ein persönliches Geheimnis an, das niemals bekanntwerden durfte. Dann endlich teilte sie ihr den Auftrag mit, den sie ihr erteilen wollte: »Geh und sage den Priestern, daß hier eine Kapelle gebaut werden muß.« Am Mittwoch murmelte sie zu wiederholten Malen: »Buße! Buße! Buße!« was das Kind wiederholte, indem es die Erde küßte. Am Donnerstag sagte sie: »Geh und trinke aus der Quelle und wasche dich darin, und essen sollst du von dem Grase, das daneben steht«, Worte, die die Seherin erst dann begriff, als eine Quelle im Hintergrunde der Grotte hervorsprudelte. Das war das Wunder des Zauberbrunnens. Dann verfloß die zweite Woche. Am Freitag erschien sie nicht, stellte sich aber an den fünf folgenden Tagen pünktlich ein, wiederholte ihre Befehle und betrachtete lächelnd das demütige Mädchen, das sie erwählt hatte und das bei jeder Erscheinung den Rosenkranz betete, die Erde küßte und auf den Knien bis an die Quelle herankroch, um daraus zu trinken und sich darin zu waschen. Endlich am Donnerstag, dem 4. März, dem letzten Tage dieser geheimnisvollen Zusammenkünfte, forderte sie den Bau einer Kapelle, damit die Völker in feierlicher Prozession wallfahrten sollten von allen Punkten der Erde. Dennoch aber hatte sie bis jetzt auf alle Bitten der Bernadette sich geweigert, zu sagen, wer sie wäre; erst drei Wochen später, am Donnerstag, dem 25. März, sagte die Jungfrau, indem sie die Hände faltete und die Augen zum Himmel aufschlug: »Ich bin die Unbefleckte Empfängnis!« Noch zweimal in ziemlich langen Zwischenräumen, am, 7. April und am 16. Juli, erschien sie: das erstemal wegen des Wunders mit der Kerze, über die das Kind aus Unachtsamkeit die Hand gehalten hatte, ohne sich zu verbrennen. Das zweitemal, um Abschied zu nehmen, um ihr das letzte Lächeln und den letzten Gruß voll liebenswürdiger Anmut zu spenden. Das waren achtzehn Erscheinungen. Seitdem zeigte sie sich niemals wieder.

Pierre hatte sich gleichsam geteilt. Während er sein schönes Märchen, das die Unglücklichen so gern hörten, erzählte, erweckte er für sich selbst die bedauernswerte und liebe Bernadette, deren Leidensblume so schön geblüht hatte. Nach dem brutalen Ausspruche eines Arztes war dieses vierzehnjährige Mädchen, das in seiner verspäteten Reife von Schmerzen gequält wurde und vom Asthma zugrunde gerichtet war, nichts als eine geistig und körperlich Entartete. Wie viele Schäferinnen hatten schon vor Bernadette in derselben kindlichen Weise die Heilige Jungfrau gesehen! War es nicht immer dieselbe Geschichte: die lichtumflossene Jungfrau, das anvertraute Geheimnis, die hervorsprudelnde Quelle, die zu erfüllende Mission, die Wunder, deren Zauber die Massen bekehren soll? Und immer war es der Traum eines armen Kindes, dieselbe Schilderung des Pfarrgeistlichen, immer das Ideal, aus Schönheit, Sanftmut und Freundlichkeit gebildet, dieselbe Kindlichkeit der Mittel und der gleiche Zweck, Befreiung von Völkern, Erbauung von Kirchen und Wallfahrt von Gläubigen! Gleichartig sind auch alle vom Himmel gesprochenen Worte, Ermahnungen zur Buße und Verheißungen der göttlichen Hilfe. Hier war etwas Neues hinzugekommen, nämlich die außerordentliche Erklärung: »Ich bin die Unbefleckte Empfängnis!«, die wie die nützliche Anerkennung des Dogmas von Seiten der Heiligen Jungfrau selbst klang, des Dogmas, das drüben am päpstlichen Hofe drei Jahre vorher verkündet worden war. Es war nicht die unbefleckte Jungfrau, die erschienen war, sondern die Unbefleckte Empfängnis, die Abstraktion selbst, die Sache, das Dogma. Daß Bernadette die anderen Worte gehört und in einem unbewußten Winkel ihres Gedächtnisses bewahrt hatte, war möglich. Woher aber stammte denn dieses Wort, daß es dem noch umstrittenen Dogma den gewaltigen Beistand des Zeugnisses der Mutter, die ohne Sünde empfangen hat, lieh? Pierre, der von der vollkommenen Glaubwürdigkeit der Bernadette überzeugt war, der sich dagegen wehrte, sie für das Werkzeug eines Betruges anzusehen, wurde von Unruhe gepeinigt, und sein klares Denken verwirrte sich, da er fühlte, daß seine These ins Schwanken geriet.

In Lourdes war ungeheure Aufregung. Scharen von Menschen strömten herbei, Wunder fingen an zu geschehen, während die unvermeidlichen Verfolgungen nicht ausblieben, die den Triumph der neuen Glaubenssätze bestätigten. Der Kurat von Lourdes, Abbé Peyramale, ein gelehrter, ehrenwerter Mann mit rechtschaffenem Sinne und gesundem Verstande, konnte mit vollem Recht sagen, er kenne dieses Kind gar nicht, da er es noch niemals im Katechismusunterricht gesehen habe. Wo war also die treibende Kraft, die eingelernte Lektion? Es lag nichts anderes vor als die in Bartrès verlebte Kindheit, der erste Unterricht durch den Abbé Ader, vielleicht Gespräche, religiöse Zeremonien zur Ehre des neuen Dogmas oder eine Medaille, wie man sie in Unmengen verbreitet hatte. Niemals durfte der Abbé Ader sich zeigen, der die Mission der Seherin prophezeit hatte. Er sollte der Geschichte der Bernadette fernbleiben, nachdem er der erste gewesen war, der gemerkt hatte, wie diese kleine Seele unter seinen frommen Händen sich zu regen anfing. Die unbekannten Kräfte des weltverlorenen Dorfes, dieses grünen Erdenwinkels, voll von Beschränktheit und Aberglauben, fuhren fort, sich geltend zu machen, indem sie die Sinne verwirrten und die ansteckende Krankheit des Mysteriums verbreiteten. Man erinnerte sich, daß ein Schäfer von Argelès bei einem Gespräche über den Felsen von Massabielle vorausgesagt hatte, daß sich große Dinge dort ereignen würden. Kinder gerieten in Verzückung, wobei ihre Glieder von Krämpfen geschüttelt wurden. Aber sie sahen den Teufel. Ein Wahnsinnsrausch schien die ganze Gegend gepackt zu haben. In Lourdes erklärte eine alte Dame, Bernadette sei nichts als eine Hexe. Sie habe den Krötenfuß in ihrem Auge gesehen. Für die anderen, für die Tausende der herbeigeströmten Pilger war sie eine Heilige, deren Kleider sie küßten. Lautes Schluchzen ertönte und eine wilde Glaubensraserei bemächtigte sich aller Seelen, wenn sie vor der Grotte auf die Knie niederfiel, in der rechten Hand eine brennende Kerze haltend, während sie durch ihre linke Hand die Perlen ihres Rosenkranzes im Gebete gleiten ließ. Sie wurde dann sehr blaß, sehr schön und wie verklärt. Langsam kam Leben in ihre Züge. Sie nahmen einen Ausdruck ungewöhnlicher Seligkeit an, während sich ihre Augen mit Glanz füllten und der halbgeöffnete Mund sich bewegte, als wenn er Worte aussprechen wollte, die niemand hören konnte. Es stand fest, daß sie nicht mehr ihren eigenen Willen hatte, daß ihr Traum sie ganz erfüllte, so daß sie ihn selbst im wachenden Zustand fortträumte, daß sie ihn für die unanfechtbare Wirklichkeit ansah, bereit, diese um den Preis ihres Lebens zu bekennen, sie immer wiederholend und so mit allen Einzelheiten in ihren Gedanken festhaltend. Sie log nicht, denn es lag ihr fern, etwas anderes zu wollen, sie konnte es gar nicht und wollte es auch gar nicht.

Pierre vergaß sich jetzt und entwarf ein reizendes Bild von dem alten Lourdes, dem kleinen, frommen Städtchen, das am Fuße der Pyrenäen schlummerte. Früher war das Schloß, auf einem Felsen am Kreuzungspunkt der sieben Täler des Lavedan gelegen, der Schlüssel der Berge. Jetzt aber ist es geschleift und nur noch ein altes Mauerwerk am Eingange eines engen Tales. Hier stieß das moderne Leben gegen die furchtbare Mauer der gewaltigen schneebedeckten Bergriesen. Nur die transpyrenäische Eisenbahn würde, wenn man sie erbaut hätte, etwas Bewegung in das Leben gebracht haben, das in diesem weltverlorenen Winkel träumte. Von der Welt vergessen, schlummerte Lourdes glücklich und träge in seinem jahrhundertelangen Frieden mit seinen engen Straßen, mit seinen schwarzen Häusern und seiner marmornen Umrahmung. Die alten Häuser gruppierten sich um den östlichen Fuß des Schloßberges, die Straße nach der Grotte, die Rue du Bois hieß, war ein verlassener, unbefahrbarer Weg. Die Häuser gingen nicht bis zum Gave hinunter, der damals seine schäumenden Wellen durch eine tiefe Einsamkeit von Weiden und hohen Gräsern rollte. Auf der Place du Marcadal sah man selten Menschen, Hausfrauen, die rasch dahineilten oder kleine Rentner, die ihre Mußezeit zum Spazierengehen verwendeten. Man mußte warten, bis ein Sonntag oder die Meßzeit kam, um auf dem Gemeindeplatz die sonntäglich gekleidete Bevölkerung zu finden. Während der Badesaison brachten die Badegäste von Cauterets und Bagnères etwas Leben. Zweimal täglich passierten Postwagen die Stadt. Sie kamen auf einem abscheulichen Wege von Pau und mußten den Lapaca, der oft über seine Ufer trat, auf einer Furt durchfahren. Dann ging es den steilen Abhang der Rue Basse hinauf und an der Terrasse entlang, auf der die von hohen Ulmen beschattete Kirche lag. Tiefer Friede herrschte in dieser alten Kirche. Sie war in spanischem Stile erbaut und angefüllt mit alten Skulpturen, Säulen, Bildern und Statuen, bevölkert von goldumwobenen Visionen und von alten Wandbildern, die im Laufe der Zeit so verblichen waren, daß man sie nur wie im Schimmer mystischer Lampen sah. Von der Bevölkerung wurde sie viel besucht, Ungläubige gab es nicht; das Volk hatte seinen Glauben bewahrt. Jede Zunft scharte sich um die Fahne ihres Heiligen; Bruderschaften aller Art vereinigten die ganze Stadt an Feiertagen zu einer einzigen christlichen Familie, Große Sittenreinheit herrschte, einer wunderbaren Blume gleich, die in einer auserlesenen Vase emporgesproßt war. Die jungen Männer fanden keine Gelegenheit, sich, zu vergessen, denn alle jungen Mädchen wuchsen in dem Dufte und der Schönheit der Unschuld unter den Augen der Heiligen Jungfrau auf.

So begreift man, daß Bernadette, eine Tochter dieser frommen Gegend, emporblühte wie eine natürliche Rose; die an den wilden Rosenstöcken am Wegesrande sich entfaltet. Sie war die Blüte dieses Landes altväterlichen Glaubens und altväterlicher Ehrbarkeit. Sie konnte nur dort entstehen. Sie konnte sich nur dort so entwickeln in dem friedlichen Schlummer eines noch im Kindesalter stehenden Volkes unter der moralischen Zucht der Kirche. Und welche Liebe war sofort für sie aufgeflammt, welch blinder Glaube an ihre Sendung, welch unermeßlicher Trost und welche Hoffnungen seit den ersten Wundern! Lauter Jubel der Erleichterung begrüßte die Heilung des alten Bourriette, der sein Augenlicht wieder bekam, und des kleinen Justin Bouhohorts, der in dem eisigen Wasser des Brunnens wieder zum Leben erwachte. Die Heilige Jungfrau trat ins Mittel zugunsten der Verzweifelten und zwang die Rabenmutter Natur, gerecht und barmherzig zu sein. Es war die neue Herrschaft der göttlichen Allmacht, die die Gesetze der Welt umstürzte zum Heile für die Leidenden und für die Armen. Die Wunder vermehrten sich; sie wurden von Tag zu Tag immer außerordentlicher und leuchteten hell und klar als unanfechtbare Beweise der Wahrhaftigkeit der Bernadette.

Pierre war bis dahin gekommen. Er erzählte von neuem die Wunder und wollte eben in seinem Berichte über den Triumph der Grotte fortfahren, als Schwester Hyacinthe plötzlich aus der Verzauberung aufwachte, in der sie die Erzählung gefesselt hielt und rasch aufstand.

»Das ist aber wirklich nicht mehr vernünftig ... Es wird jetzt bald elf Uhr schlagen.«

Es war richtig, man hatte schon Morceux passiert und kam nach MontdeMarsan. Schwester Hyacinthe klatschte in ihre Hände.

»Ruhe, meine Kinder, Ruhe!«

Diesmal wagte man nicht zu widersprechen, denn sie hatte recht, es war nicht mehr vernünftig. Aber wie sehr bedauerte man es, daß man mitten in der schönen Geschichte stehenbleiben mußte. Die zehn Frauen in der letzten Abteilung ließen sogar ein Murmeln des Mißfallens laut werden, während die Kranken mit gespanntem Gesicht noch immer zuzuhören schienen. Die Wunder, die ohne Unterbrechung aufeinander folgten, erfüllten sie mit unendlicher, überirdischer Freude.

»Daß ich also jetzt keine einzige Silbe mehr höre!« fügte die Nonne in scherzendem Tone hinzu; »sonst müßte ich strafen.«

Frau von Jonquière lächelte freundlich und sagte:

»Seid folgsam, meine lieben Kinder! Schlaft, schlaft ruhig, damit ihr morgen die Kraft habt, aus vollem Herzen in der Grotte zu beten!«

Dann trat Stillschweigen ein, niemand sprach mehr und man hörte nur das Rasseln der Räder, das Rütteln des Zuges, der durch die tiefschwarze Nacht dahin rollte.

Pierre konnte nicht schlafen. Neben ihm schnarchte Herr von Guersaint und lächelte glückselig trotz der harten Bank. Lange hatte der junge Priester Mariens Augen weit geöffnet gesehen, erfüllt von dem Glänze der Wunder, die er soeben erzählt hatte. Ihre Blicke ruhten heiß auf ihm. Dann hatte sie ihre Augen geschlossen und er wußte nicht, ob sie schlief oder ob sie bei geschlossenen Augenlidern das Wunder noch einmal an ihrem Geist vorüberziehen ließ. Viele von den Kranken träumten laut. Bald lachten sie, bald stießen sie, ohne es zu wissen, Klagen aus. Vielleicht sahen sie, wie die Erzengel in ihr Fleisch schnitten, um ihr Übel herauszureißen. Andere waren von Schlaflosigkeit gequält. Sie warfen sich hin und her, seufzten tief und schwer und starrten unverwandt in das Halbdunkel. Pierre, der sich in großer Aufregung befand, verwünschte schließlich seine Vernunft und war entschlossen zu glauben. Was hatte die physiologische Untersuchung über Bernadette, die so verwickelt und so voller Lücken war, für einen Zweck? Warum wollte er sie denn nicht für eine Auserwählte des göttlichen Unbekannten ansehen? Die Ärzte waren Stümper mit rohen Händen, während es herrlich sein mußte, in dem Glauben der Kinder, in dem Zaubergarten des Unmöglichen einzuschlummern. Er versuchte nicht mehr, sich etwas zu erklären, und nahm die Seherin, wie sie war, mit all ihrem überreichen Gefolge von Wundern und überließ es dem lieben Gott, für ihn zu denken und an seiner Stelle zu wollen. Er blickte durch das Fenster hinaus, das man der Schwindsüchtigen wegen nicht zu öffnen gewagt hatte. Er sah in die tiefe Nacht, die sich auf die Gefilde herabgesenkt hatte, durch die der Zug raste. Der nächtliche Himmel war von einer wunderbaren Reinheit. Helle Sterne funkelten auf dunklem Samt und beleuchteten mit ihrem geheimnisvollen Lichte die stummen Gefilde. Durch die Heiden, durch die Täler und an den Hügeln vorüber rollte der Zug voller Elend und Leiden weiter und weiter, überheiß und verpestet, bejammernswert, inmitten der Reinheit dieser hehren, so schönen und süßen Nacht.

Um ein Uhr morgens hatte man Riscle passiert. Tiefes Stillschweigen herrschte, das nur von den regelmäßigen Stößen der Wagen und von den gelegentlichen Seufzern eines Kranken unterbrochen wurde. Um zwei Uhr in Vic de Bigorre begann dumpfes Stöhnen und Klagen, der schlechte Zustand der Bahn verursachte den Kranken viele Beschwerden. In Tarbes endlich unterbrach man um zwei und ein halb Uhr das Stillschweigen. Man sprach die Morgengebete, obgleich es noch vollständig Nacht war. Das Vaterunser, das Ave und das Credo wurden gebetet und Gott angefleht um das Glück eines ruhmwürdigen Tages. O mein Gott! Gib mir genug Kraft, auf daß ich alles Schlimme vermeiden, alles Gute ausüben und alle Schmerzen ertragen kann!

Jetzt wurde nicht wieder angehalten als in Lourdes selbst. Noch dreiviertel Stunden, und Lourdes zeigte sich, mit seinem hoffnungsreichen Glanze in die lange und bange Nacht hinausstrahlend. Beim Erwachen bemächtigte sich aller eine heftige Aufregung. Die Leiden begannen von neuem.

Besonders beunruhigte sich Schwester Hyacinthe des fremden Mannes wegen. Er hatte bis jetzt noch gelebt. Sie war bei ihm geblieben, ohne einen Augenblick die Lider zu schließen. Auf den leisesten Atemzug hatte sie aufgepaßt, da es ihr sehnlichster Wunsch war, ihn wenigstens noch lebend nach Lourdes zu bringen.

Plötzlich bekam sie Angst und wandte sich daher an Frau von Jonquière mit den Worten:

»Ich bitte Sie, reichen Sie mir rasch die Flasche mit dem Weinessig herüber ... Ich höre ihn gar nicht mehr atmen.«

In der Tat hatte der Mann seit einem Augenblick sein leises Atmen ganz eingestellt. Seine Augen waren immer fest geschlossen und sein Mund halb geöffnet. Seine Blässe aber hatte nicht zunehmen können. Er war kalt und sein Gesicht von der Farbe der Asche.

»Ich werde ihm die Schläfen reiben«, begann die Schwester von neuem. »Bitte, helfen Sie mir.«

Plötzlich fiel der Mann bei einem heftigen Stoße des Wagens mit dem Gesicht nach vorn.

»O mein Gott! Helfen Sie mir doch, richten Sie ihn doch wieder in die Höhe!«

Man richtete ihn wieder empor. Er war tot. Man mußte ihn in eine Ecke zurücksetzen und seinen Rücken gegen die Scheidewand lehnen. Er blieb sitzen, sein Körper war schon steif geworden, nur der Kopf wackelte noch etwas bei jedem Stoße. Der Zug raste weiter, während die Lokomotive gellende Pfiffe ausstieß, die wie ohrenzerreißende Fanfaren durch die Stille der Nacht hallten.

Eine nicht enden wollende halbe Stunde in Gesellschaft des Toten folgte, und dann war die weite Reise zu Ende. Dicke Tränen waren über die Wangen der Schwester Hyacinthe herabgerollt. Dann hatte sie die Hände gefaltet und zu beten angefangen. Der ganze Wagen zitterte vor Entsetzen über diesen schrecklichen Gefährten, den man zu spät zur Heiligen Jungfrau brachte. Aber die Hoffnung war stärker als der Schrecken, der Jubelgesang ertönte nicht weniger laut bei dem Einzug in das Land des Wunders. Die Kranken stimmten unter Tränen, die ihnen ihre Schmerzen auspreßten, das Ave Maria Stella an. Ihr Schmerzensschrei nahm zu, bis sich die Klagen in Hoffnungsschreie auflösten.

Marie hatte die Hand Pierres wieder zwischen ihre kleinen, fieberheißen Finger genommen.

»O mein Gott! Nun ist der Mann gestorben, und ich fürchtete so sehr, sterben zu müssen, bevor wir das Ziel erreichten ... Aber jetzt sind wir da, jetzt sind wir endlich da!«

Der junge Priester zitterte vor tiefer Ergriffenheit.

»Sie müssen geheilt werden, Marie, und auch ich werde wieder genesen, wenn Sie für mich beten.«

Die Lokomotive ließ einen gellenden Pfiff durch die blaue Finsternis erschallen. Man hatte das Ziel erreicht, die Lichter von Lourdes erglänzten am Horizont, und der ganze Zug sang die Geschichte der Bernadette, ein endloses Klagelied, in dem der englische Gruß als Refrain wiederkehrte, ein Gesang, der den Himmel der Verzückung öffnete.

Zweiter Tag

I

Die Bahnhofsuhr zeigte drei Uhr zwanzig Minuten. Unter dem Schutzdach, das in einer Länge von ungefähr hundert Metern den Bahnsteig bedeckte, kamen und gingen Schatten in geduldiger Erwartung des Zuges. Weit draußen sah man in dem dunklen Gefilde ein rotes Signalfeuer blinken.

Zwei auf und ab wandelnde Männer blieben stehen. Der größere von ihnen, der ehrwürdige Pater Fourcade, Direktor der nationalen Pilgerfahrt, der schon am vorhergehenden Tage eingetroffen war, war ein Mann von sechzig Jahren. Sein schöner Kopf mit klaren, gebieterischen Augen und einem dichten, ergrauten Barte glich dem eines Feldherrn, aus dem das Siegesbewußtsein spricht. Er schleppte das eine Bein etwas nach, da er an der Gicht litt, und stützte sich auf die Schulter seines Begleiters, des Doktor Bonamy, der als Arzt bei dem Büro zur Feststellung der Wunder angestellt war, eines untersetzten, stämmigen Mannes mit einem breiten, rasierten Gesicht und ruhigen, etwas groben Zügen.

Pater Fourcade hatte den Bahnhofsvorstand, der mit raschen Schritten aus seinem Büro herausgetreten war, gefragt:

»Hat der weiße Zug viel Verspätung?«

»Nein, ehrwürdiger Vater, höchstens zehn Minuten. Er wird in einer halben Stunde hier sein ... Was mich aber beunruhigt, das ist der von Bayonne kommende Eilzug, der schon durchgefahren sein müßte.«

Er eilte fort, um einen Befehl zu erteilen. Dann kam er wieder zurück, ganz abgehetzt von der Aufregung, die ihn zur Zeit der Pilgerfahrten am Tage und bei der Nacht auf den Beinen hielt. Heute erwartete er, abgesehen von seinem gewöhnlichen Dienste, achtzehn Züge mit mehr als fünfzehntausend Reisenden. Die zuerst von Paris abgefahrenen Züge, der graue und der blaue, waren zur vorschriftsmäßigen Stunde eingetroffen. Die Verspätung des weißen Zuges war um so unangenehmer, als auch der Expreßzug aus Bayonne noch nicht angemeldet war. Man begriff die Aufregung, in der das Bahnpersonal lebte.

»Zehn Minuten also?« wiederholte Pater Fourcade.

»Ja, zehn Minuten, wenn wir nicht genötigt sind, die Strecke zu sperren«, rief der Bahnhofsvorstand, der nach dem Telegraphenbüro eilte.

Der Mönch und der Arzt nahmen ihren Spaziergang wieder auf. Sie waren mit Recht erstaunt, daß sich noch niemals ein ernster Unglücksfall bei diesem Durcheinander ereignet hatte, besonders in den letzten Jahren, in denen eine unglaubliche Unordnung herrschte. Der Pater erinnerte sich an die erste Pilgerfahrt, die er im Jahre 1875 geleitet hatte, an die schreckliche, endlose Fahrt ohne Kopfkissen, ohne Matratzen, mit halbtoten Kranken, bei denen man gar nicht wußte, wie man sie ins Leben zurückrufen sollte. Und vollends die Ankunft in Lourdes! Nicht das geringste Transportmaterial war hergerichtet, weder Tragbahren, noch Wagen. Heute war alles auf das beste geordnet, ein Hospital erwartete die Kranken, die man nicht mehr in Wagenschuppen auf Stroh zu legen brauchte. Welche Qual war das damals für jene Unglücklichen! Welche Willenskraft mußte der Mann besitzen, der sie dem Wunder zuführte! Der Pater lächelte sanft bei dem Gedanken an das Werk, das er vollbracht hatte.

Er fragte jetzt den Arzt, auf dessen Arm er sich stützte:

»Wie viele Pilger haben Sie denn im letzten Jahre gehabt?«

»Ungefähr zweimalhunderttausend. Das ist seither die Durchschnittssumme gewesen. Im Jahre der Krönung der Jungfrau stieg die Zahl auf fünfmalhunderttausend. Das war natürlich ein Ausnahmefall, der sicherlich beträchtlicher Anstrengungen der Propaganda bedurft hat. Selbstverständlich wird sich eine solche Menschenmenge nicht so leicht wieder hier zusammenfinden.«

Eine kurze Pause entstand, dann murmelte der Pater:

»Ohne Zweifel ... Das Werk ist gesegnet, es gedeiht von Tag zu Tag. Wir haben mehr als zweimalhunderttausend Frank Almosen für die Reise zusammengebracht. Gott wird mit uns sein, und ich bin überzeugt, wir werden morgen zahlreiche Heilungen zu konstatieren haben.«

Dann unterbrach er sich und fuhr nach einer Weile fort:

»Ist der Pater Dargelès nicht gekommen?«

Doktor Bonamy machte eine Bewegung mit der Hand, die besagen sollte, daß er es nicht wüßte. Der Pater Dargelès war mit der Redaktion des »Journal de la Grotte« betraut. Er gehörte dem Orden der Väter von der Unbefleckten Empfängnis an, die vom Bischof in Lourdes angesiedelt und dort unumschränkte Herren waren. Wenn aber die Väter von Mariä Himmelfahrt den nationalen Pilgerzug aus Paris hergebracht hatten, dem sich die Gläubigen aus den Städten Cambrai, Arras, Chartres, Troyes, Reims, Sens, Orleans, Blois und Poitiers anschlossen, hatte es den Anschein, als ob sie vollständig verschwunden wären. Man merkte ihre Allmacht weder in der Grotte noch in der Basilika. Sie schienen mit der Ablieferung aller Schlüssel auch jede Verantwortlichkeit von sich abzuwälzen. Allein wenn auch die Väter von der Unbefleckten Empfängnis verschwunden waren, so spürte man sie trotzdem wie die verborgene und höchste Kraft, die ohne Ermüdung an dem siegreichen Gedeihen des Hauses arbeitet. Sie machten sich nützlich bis zur eigenen Erniedrigung.

»Es ist wahr«, begann Pater Fourcade von neuem das Gespräch in einem heiteren Tone; »es ist wahr, man muß bei guter Zeit aufstehen, schon um zwei Uhr morgens ... Aber ich wollte doch da sein. Was würden denn sonst meine armen Kinder gesagt haben?«

»Drei Uhr fünfundzwanzig, noch fünfundzwanzig Minuten«, sagte Doktor Bonamy, der nach der Uhr sah und ein Gähnen unterdrückte und trotz seiner unterwürfigen Haltung im Grunde doch verdrießlich darüber war, daß er sein Bett zu so früher Morgenstunde hatte verlassen müssen.

Müßige Leute, in Gruppen geteilt, Geistliche, Herren in Überröcken und ein Dragoner offizier kamen und gingen auf dem matt erleuchteten Bahnsteig auf und ab. Andere saßen auf Bänken und plauderten oder schauten mit erwartungsvollen Blicken in die finstere Landschaft. Die hellerleuchteten Wartesäle öffneten ihre Pforten. Die Lichter in dem Restaurationszimmer wurden angezündet. Man bemerkte Marmortische und das mit Brot und Fruchtkörben, mit Flaschen und Gläsern beladene Büfett.

Am rechten Ende des Schutzdaches herrschte ein gewaltiges Durcheinander. Dort befand sich ein Tor für die Wagen, mit denen man die Kranken, wegschaffte. Eine Unmenge von Tragbahren und kleinen Wagen, ein Berg von Kissen und Matratzen versperrte den Bahnsteig. Drei Abteilungen von Sänftenträgern waren da, Männer aus allen Klassen, besonders junge Leute aus den besseren Ständen. Alle trugen auf ihren Röcken das rote, orangefarbengeränderte Kreuz. Die einen rauchten, während die anderen es sich in ihren kleinen Wagen bequem gemacht hatten und schliefen oder bei dem Lichte einer der Gasflammen eine Zeitung lasen.

Plötzlich grüßten die Sänftenträger. Ein Mann von väterlichem Aussehen, mit schneeweißen Haaren, einem guten, dicken Gesicht und großen, gläubigen Kinderaugen erschien. Es war der Baron Suire, Besitzer eines der größten Vermögen und großer Liegenschaften in Toulon, der Präsident der Hospitalität NotreDame de Salut.

»Wo ist Berthaud?« fragte er jeden mit geschäftiger Miene. »Wo ist Berthaud? Ich muß mit ihm sprechen.«

Jeder antwortete, und jeder gab einen andern Bescheid. Berthaud war der Direktor der Sänftenträger. Die einen hatten den Direktor soeben mit dem ehrwürdigen Pater Fourcade gesehen, die anderen behaupteten, er wäre auf dem Bahnhofsplatze und besichtige die Krankenwagen.

»Wenn der Herr Präsident wünscht, daß wir den Herrn Direktor holen sollen ...«

»Nein, nein, ich danke! Ich werde ihn wohl selbst finden.«

Während dieser Zeit saß Berthaud auf einer Bank am andern Ende des Bahnhofs und plauderte in Erwartung der Ankunft des Zuges mit einem jungen Freunde, Gérard de Peyrelongue. Er war ein Mann von vierzig Jahren mit schöner, großer und ebenmäßig gebauter Gestalt, der aus Liebhaberei ein Amt übernommen hatte. Einer streitbaren legitimistischen Familie angehörend und selbst von sehr reaktionärer Gesinnung, war er Staatsanwalt der Republik in einer Stadt des Südens, bis er am Tage nach der Veröffentlichung der Dekrete gegen die geistlichen Orden sich gewissermaßen selbst entlassen hatte durch einen aufsehenerregenden, beleidigenden Brief an den Justizminister. Er hatte die Waffen aber nicht aus der Hand gelegt, sondern war wie zum Protest der Hospitalität Notre Dame de Salut beigetreten und kam jedes Jahr nach Lourdes, überzeugt, daß die Wallfahrten der Republik unangenehm und schädlich wären, und daß Gott allein die Monarchie wieder herstellen konnte durch eines der Wunder, mit denen er in der Grotte so freigebig war. Im übrigen war er ein sehr vernünftiger Mann, er lachte gern und bewies eine liebenswürdige Barmherzigkeit für die armen Kranken, für deren Transport er während der drei Tage der nationalen Wallfahrt zu sorgen hatte.

»Also für dieses Jahr steht deine Heirat fest, mein lieber Gérard?« fragte er den jungen Mann, der neben ihm saß.

»Ohne Zweifel, wenn ich die Frau finde, die ich brauche«, antwortete dieser. »Vorwärts, Vetter! Gib mir einen guten Rat!«

Gérard de Peyrelongue, ein kleiner, magerer Mann mit rötlichbrauner Gesichtsfarbe, kräftig ausgebildeter Nase und stark hervorstehenden Backenknochen, stammte aus Tarbes, wo sein Vater und seine Mutter vor kurzem gestorben waren und ihm eine Rente von mehr als achttausend Frank hinterlassen hatten. Von starkem Ehrgeiz beseelt, hatte er in seiner Provinz die Frau nicht finden können, die er wollte, eine Frau aus einer vornehmen Familie, durch deren Verwandte er hoch steigen und es weit bringen würde. Auch er war der Hospitalität NotreDame de Salut beigetreten und begab sich ebenfalls jedes Jahr nach Lourdes in der unbestimmten Hoffnung, daß er dort unter der Menge der Gläubigen die Familie finden würde, deren er bedurfte, um seinen Weg in dieser Welt hienieden zu machen. Aber obgleich ihm schon mehrere junge Mädchen zu Gesicht gekommen waren, hatte doch noch keine ihn vollständig befriedigt.

»Nicht wahr, du wirst mir einen guten Rat geben ... Da ist zuerst Fräulein Lemercier, die mit ihrer Tante hierherkommt. Sie ist sehr reich, man spricht von mehr als einer Million. Aber sie stammt nicht aus unseren Kreisen, und ich halte sie für einen argen Tollkopf.«

Berthaud hob den Kopf.

»Ich habe dir schon gesagt, ich, für meine Person, ich würde Fräulein von Jonquière nehmen, die kleine Raymonde.«

»Aber sie hat ja keinen Sou.«

»Das ist wahr, kaum so viel, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Aber ihre Person allein genügt schon vollständig. Sie ist vortrefflich erzogen und hat keine Neigung zum Verschwenden. Das ist ausschlaggebend, denn was hat es für einen Zweck, eine Reiche zu nehmen, wenn sie alles verbraucht, was sie dir mitbringt? Und dann, siehst du, kenne ich diese Damen gut, denn ich treffe sie während des Winters in den Salons von Paris. Du darfst schließlich auch den Onkel nicht vergessen, den Diplomaten, der den traurigen Mut gehabt hat, im Dienste der Republik zu bleiben, und der aus dem Neffen machen kann, was er will.«

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