Kitabı oku: «Seine Exzellenz Eugene Rougon»
Seine Exzellenz Eugène Rougon
Emile Zola
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Inhaltsverzeichnis
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Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Kapitel VII
Kapitel VIII
Kapitel IX
Kapitel X
Kapitel XI
Kapitel XII
Kapitel XIII
Kapitel XIV
Kapitel I
Noch stand der Präsident, umgeben von der leichten Unruhe, die sein Kommen soeben hervorgerufen hatte. Dann setzte er sich, wobei er halblaut und wie unbeteiligt sagte: »Die Sitzung ist eröffnet.«
Und er ordnete die Gesetzentwürfe, die vor ihm auf dem Präsidiumstisch lagen.
Zu seiner Linken verlas, die Nase dicht am Papier, ein kurzsichtiger Schriftführer mit eiligem Gestammel, dem kein Abgeordneter zuhörte, das Protokoll der letzten Sitzung. In dem Getöse, das im Saal herrschte, drang diese Verlesung nur zu den Ohren der Huissiers1, die im Gegensatz zu der nachlässigen Haltung der Mitglieder des Abgeordnetenhauses sehr würdig, sehr korrekt wirkten.
Es waren keine hundert Abgeordnete anwesend. Die einen lehnten sich mit ausdruckslosen Augen, bereits schläfrig, halb auf den roten Samtbänken zurück. Andere, wie unter dieser ärgerlichen Fron einer öffentlichen Sitzung am Rand ihrer Pulte zusammengesunken, klopften leise mit den Fingerspitzen auf das Mahagoniholz. Durch die Glasscheiben des Oberlichts, das einen grauen Halbmond aus dem Himmel schnitt, drang, senkrecht einfallend und die prunkvolle Strenge des Saals gleichmäßig erhellend, der ganze regnerische Mainachmittag herein. In einer breiten rötlichen Bahn von düsterer Pracht fiel das Licht, hier und da in den Winkeln der leeren Bänke in rosigem Widerschein aufleuchtend, auf die stufenweise ansteigenden Sitze, während auf der Nacktheit der Statuen und sonstigen Skulpturen hinter dem Präsidenten helle weiße Flächen glänzten.
Ein Abgeordneter in der dritten Bank rechts war in dem engen Gang stehengeblieben. Er rieb mit der Hand über seine harte, ergrauende Bartfräse und sah sorgenvoll aus. Und da gerade ein Huissier heraufkam, hielt er ihn an und stellte ihm halblaut eine Frage.
»Nein, Herr Kahn«, erwiderte der Huissier, »der Herr Staatsratspräsident ist noch nicht gekommen.«
Daraufhin setzte sich Herr Kahn. Dann wandte er sich plötzlich an seinen Nachbarn zur Linken und fragte: »Sagen Sie doch, Béjuin, haben Sie heute morgen Rougon gesehen?«
Herr Béjuin, ein kleiner, magerer, schwarzhaariger Mann mit einem stillen Gesicht, war mit seinen Gedanken ganz woanders und hob, unruhig um sich blickend, den Kopf. Er hatte die Schreibfläche seines Pults herausgezogen. Auf blauen Geschäftsbriefbogen mit dem Aufdruck »Béjuin & Ce, Kristallfabrik von SaintFlorent« erledigte er seine Korrespondenz.
»Rougon?« wiederholte er. »Nein, ich habe ihn nicht gesehen. Ich hatte keine Zeit, in den Staatsrat zu gehen.«
Und er machte sich bedächtig wieder an seine Arbeit. Bei dem verworrenen Gemurmel des Schriftführers, der gerade die Verlesung des Protokolls beendete, zog er ein Notizbuch zu Rate, schrieb seinen zweiten Brief.
Herr Kahn verschränkte die Arme und lehnte sich zurück. Sein Gesicht mit den kräftigen Zügen, dessen wohlgebildete Nase jüdische Abstammung verriet, blieb mißgestimmt. Er betrachtete die goldenen Rosetten an der Decke, starrte auf den rauschenden Platzregen, der sich gerade auf die Scheiben des Oberlichts ergoß; dann schien er mit versunkenem Blick aufmerksam die vielfältigen Verzierungen der großen Wand zu studieren, die er vor sich hatte. Einen Moment lang wurde er durch die mit vergoldeten Emblemen und Einfassungen überladenen Wandbespannungen aus grünem Samt an ihren beiden Enden gefesselt. Nachdem er dann mit einem Blick die Säulenpaare gemessen hatte, zwischen denen die allegorischen Statuen der Freiheit und der öffentlichen Ordnung ihre Marmorgesichter mit den leeren Augen zeigten, vertiefte er sich schließlich in die Betrachtung des grünseidenen Vorhangs, der das Fresko verhüllte, das LouisPhilippe2 darstellt, wie er den Eid auf die Verfassung leistet.
Unterdessen hatte sich der Schriftführer hingesetzt. Das Getöse im Saal dauerte an. Der Präsident blätterte, ohne sich zu beeilen, noch immer in Schriftstücken. Mechanisch legte er die Hand auf den Drücker der Glocke, deren heftiges Klingeln nicht eine einzige der Privatunterhaltungen störte. Er hatte sich in dem Lärm erhoben und verhielt sich einen Augenblick abwartend.
»Meine Herren«, fing er an, »ich habe einen Brief erhalten ...«
Er unterbrach sich, um abermals die Glocke ertönen zu lassen; wieder wartend, überragte er mit seinem ernsten und gelangweilten Gesicht den riesigen Präsidiumstisch, dessen rote Marmorplatten, die von weißem Marmor eingefaßt waren, sich unter ihm aufbauten. Sein zugeknöpfter Gehrock hob sich von dem hinter dem Tisch angebrachten Basrelief ab, wo er einen schwarzen Streifen durch die Peplons3 der mit antiken Profilen dargestellten symbolischen Gestalten von Ackerbau und Gewerbe zog.
»Meine Herren«, begann der Präsident aufs neue, nachdem er sich etwas Ruhe verschafft hatte, »ich habe einen Brief von Herrn de Lamberthon erhalten, worin er sich entschuldigt, daß er nicht an der heutigen Sitzung teilnehmen kann.«
In einer der Bänke, der sechsten dem Tisch gegenüber, gab es ein leises Gelächter. Ein ganz junger Abgeordneter, höchstens achtundzwanzig Jahre alt, blond und bezaubernd, erstickte mit seinen weißen Händen seine perlende Heiterkeit, die Heiterkeit einer hübschen Frau. Einer seiner Kollegen, ein ungeheuer großer Mann, kam von drei Plätzen weiter zu ihm, um ihm die Frage ins Ohr zu flüstern: »Hat Lamberthon wirklich seine Frau gefunden? Das müssen Sie mir erzählen, La Rouquette.«
Der Präsident hatte eine Handvoll Papiere ergriffen. Er sprach mit monotoner Stimme; Satzfetzen drangen bis hinten in den Saal: »Es liegen Urlaubsgesuche vor ... Herr Blachet, Herr BuquinLecomte, Herr de la Villardière ...«
Und während das befragte Abgeordnetenhaus die Urlaube gewährte, hatte sich Herr Kahn, der es offenbar müde geworden war, die vor das aufrührerische Bild LouisPhilippes gespannte grüne Seide anzusehen, halb umgedreht, um die Tribünen zu betrachten.
Oberhalb des Sockels aus gelbem, mit Lack geädertem Marmor zeigte ein einziger Tribünenrang zwischen Säulen Brüstungen aus amarantfarbenem Samt, während es ganz oben einem Bogenbehang aus gaufriertem4 Leder nicht gelang, die Leere zu verbergen, die durch die Abschaffung des zweiten, vor dem Kaiserreich den Journalisten und dem Publikum vorbehaltenen Ranges entstanden war. Zwischen den dicken, vergilbten Säulen, die rings um das Halbrund ihre etwas schwerfällige Pracht entfalteten, taten sich die tiefen schmalen Logen auf, voll dunkler Schatten, fast leer, nur von drei oder vier hellen Frauenkleidern aufgeheitert.
»Sieh da! Oberst Jobelin ist gekommen«, murmelte Herr Kahn.
Er lächelte dem Oberst zu, der ihn bemerkt hatte. Oberst Jobelin hatte den dunkelblauen Gehrock angelegt, den er seit seiner Pensionierung als Ziviluniform zu tragen pflegte. Ganz allein saß er in der Quästorenloge5, seine Rosette eines Offiziers der Ehrenlegion6 war so groß, daß sie dem Knoten eines seidenen Halstuches glich.
Herrn Kahns Augen hatten sich soeben auf ein junges Paar geheftet, das sich weiter links in einer Ecke der Staatsratsloge zärtlich aneinanderschmiegte. Der junge Mann beugte sich alle Augenblicke vor und sprach, den Mund fast an ihrem Halse, mit der jungen Frau, die sanft lächelte, ihn aber nicht ansah, sondern auf die allegorische Figur der öffentlichen Ordnung starrte.
»Hören Sie mal, Béjuin«, flüsterte der Abgeordnete, seinen Kollegen mit dem Knie anstoßend.
Herr Béjuin war mit seinem fünften Brief beschäftigt. Er hob verstört den Kopf.
»Gucken Sie mal, sehen Sie nicht da oben den kleinen d'Escorailles und die hübsche Frau Bouchard? Ich wette, er kneift sie in die Hüften. Sie macht Schmachtaugen ... Alle Freunde Rougons haben sich also ein Stelldichein gegeben. Dort auf der Publikumstribüne sind auch noch Frau Correur und die beiden Charbonnels.«
Jetzt ertönte ein längeres Glockenzeichen. Ein Huissier rief mit schöner Baßstimme: »Ruhe, meine Herren!« Man merkte auf. Und der Präsident sprach folgenden Satz, von dem kein Wort verlorenging: »Herr Kahn bittet um Druckgenehmigung für die Rede, die er bei der Debatte über den Gesetzentwurf bezüglich der Einführung einer städtischen Steuer auf die in Paris laufenden Fahrzeuge und Pferde gehalten hat.«
Durch die Bänke lief ein zustimmendes Gemurmel, und dann wurden die Unterhaltungen wieder aufgenommen. Herr La Rouquette hatte sich neben Herrn Kahn gesetzt.
»Sie arbeiten also für die Bevölkerung?« fragte er scherzend. Dann fügte er, ohne eine Antwort abzuwarten, hinzu: »Haben Sie Rougon nicht gesehen? Haben Sie nichts gehört? – Alle Welt spricht davon. Es scheint noch nichts gewiß zu sein.«
Er wandte sich um und blickte auf die Uhr.
»Schon zwanzig Minuten nach zwei! Ich würde mich jetzt davonmachen, wenn nicht die Verlesung dieses verflixten Berichts bevorstünde! – Findet die wirklich heute statt?«
»Man hat uns alle davon benachrichtigt«, antwortete Herr Kahn. »Ich habe nichts davon gehört, daß etwas anderes angeordnet worden wäre ... Sie werden gut daran tun, hierzubleiben. Man wird gleich über die vierhunderttausend Francs für die Taufe abstimmen.«
»Zweifellos«, entgegnete Herr La Rouquette. »Der alte General Legrain, der zur Zeit auf beiden Beinen lahmt, hat sich von seinem Diener hertragen lassen; er wartet im Konferenzsaal auf die Abstimmung ... Der Kaiser7 verläßt sich mit Recht auf die Ergebenheit des gesamten Corps législatif8. Bei diesem feierlichen Anlaß soll ihm keine einzige unserer Stimmen fehlen.«
Der junge Abgeordnete hatte sich sehr angestrengt, sich das ernsthafte Aussehen eines Politikers zu geben. Er plusterte sich auf und wiegte sein Zierpuppengesicht, das ein paar blonde Barthaare schmückten, leicht über seiner Krawatte. Einen Augenblick lang schien er die beiden letzten rhetorischen Phrasen, die er zustande gebracht hatte, auszukosten. Dann brach er plötzlich in Lachen aus.
»Mein Gott«, sagte er, »wie grotesk diese Charbonnels doch aussehen!«
Daraufhin witzelten Herr Kahn und er auf Kosten der Charbonnels. Die Frau hatte einen ausgefallenen gelben Schal um; ihr Gatte trug einen jener Provinzgehröcke, die mit der Axt zugehauen zu sein scheinen; und beide, wohlbeleibt, rotbäckig und zusammengesunken, lagen fast mit dem Kinn auf dem Samt der Brüstung, um besser der Sitzung folgen zu können, aus der sie, sosehr sie auch die Augen aufsperrten, nicht klug zu werden schienen.
»Wenn Rougon auffliegt«, murmelte Herr La Rouquette, »gebe ich keine zwei Sou für den Prozeß der Charbonnels ... Ebenso ist's mit Frau Correur ...«
Er beugte sich zu Herrn Kahns Ohr und fuhr sehr leise fort: »Kurz gesagt, Sie kennen doch Rougon, erzählen Sie mir also mal ganz genau, was es eigentlich mit Frau Correur auf sich hat. Sie hat ein Hôtel geführt, nicht wahr? Damals hat Rougon bei ihr gewohnt. Es heißt sogar, sie habe ihm Geld geliehen ... Und was für ein Gewerbe betreibt sie jetzt?«
Herr Kahn war sehr ernst geworden. Mit zögernder Hand rieb er seine Bartfräse.
»Frau Correur ist eine hochachtbare Dame«, sagte er nachdrücklich.
Dieses Wort setzte Herrn La Rouquettes Neugier ein Ende. Er verzog die Lippen wie ein Schüler, dem soeben ein Verweis erteilt worden ist. Ein Weilchen betrachteten beide schweigend Frau Correur, die in der Nähe der Charbonnels saß. Sie hatte ein sehr auffallendes Kleid aus malvenfarbener Seide an, mit vielen Spitzen und viel Schmuck; ihr Gesicht war allzu rosig, die Stirn von blonden Puppenlöckchen bedeckt, und ihr fülliger, trotz ihrer achtundvierzig Jahre noch sehr schöner Hals war unverhüllt.
Auf einmal aber hörte man im Hintergrund des Saales eine Tür klappen und Kleider rauschen; alle Köpfe wandten sich danach um. Ein großes junges Mädchen, eine wunderbare Schönheit, recht seltsam angezogen mit einem schlechtsitzenden Kleid aus seegrünem Atlas, hatte soeben in Begleitung einer bejahrten Dame in Schwarz die Loge des diplomatischen Korps betreten.
»Sieh da, die schöne Clorinde«, murmelte Herr La Rouquette und stand auf, um sich auf gut Glück zu verbeugen.
Auch Herr Kahn hatte sich erhoben. Er neigte sich zu Herrn Béjuin hinüber, der damit beschäftigt war, seine Briefe in die Umschläge zu stecken.
»Sehen Sie doch, Béjuin«, flüsterte er, »die Gräfin Balbi und ihre Tochter sind da ... Ich werde hinaufgehen und fragen, ob sie nicht Rougon gesehen haben.«
Am Präsidiumstisch hatte der Präsident eine neue Handvoll Papiere ergriffen. Ohne sich im Lesen zu unterbrechen, warf er der schönen Clorinde Balbi, deren Erscheinen ein allgemeines Geflüster im Saal hervorgerufen hatte, einen Blick zu. Und während er gleichzeitig die Blätter eins nach dem anderen an einen Schriftführer weiterreichte, sagte er punkt und kommalos und so, als würde es nie ein Ende nehmen: »Vorlage eines Gesetzentwurfes, betreffend die Weitererhebung eines Aufschlags auf die städtische Steuer der Stadt Lille ... Vorlage eines Gesetzentwurfes bezüglich der Vereinigung der Gemeinden Doulevant lePetit und VilleenBlaisais im Departement Haute Marne zu einer einzigen Gemeinde ...«
Als Herr Kahn wieder herunterkam, war er tiefbetrübt.
»Es hat ihn wahrhaftig niemand gesehen«, sagte er zu seinen Kollegen Béjuin und La Rouquette, die er am unteren Ende des halbkreisförmigen Saales traf. »Man hat mir versichert, der Kaiser habe ihn gestern abend rufen lassen, aber ich weiß nicht, wie die Unterredung ausgegangen ist ... Nichts ist so ärgerlich wie nicht zu wissen, woran man ist.«
Herr La Rouquette drehte sich um und flüsterte dabei Herrn Béjuin ins Ohr: »Dieser arme Kahn hat eine schöne Angst, daß sich Rougon mit den Tuilerien9 überwirft. Dann könnte er seiner Bahnstrecke nachlaufen.«
Da gab Herr Béjuin, der sich selten zu äußern pflegte, gewichtig den Satz von sich: »An dem Tag, an dem Rougon aus dem Staatsrat ausschiede, würden alle einen Verlust erleiden.«
Und er winkte einen Huissier herbei, um ihn zu bitten, die Briefe, die er soeben geschrieben hatte, in den Kasten zu werfen.
Die drei Abgeordneten blieben links am Sockel des Präsidiumstisches stehen. Sie unterhielten sich vorsichtig über die Ungnade, die Rougon drohte. Es war eine verwickelte Geschichte. Ein entfernter Verwandter der Kaiserin10, ein gewisser Rodriguez, forderte seit 1808 einen Betrag von zwei Millionen von der französischen Regierung. Während des Spanischen Krieges war ein mit Zucker und Kaffee beladenes Schiff dieses Rodriguez, der Reeder war, im Golf von Biscaya durch eine unserer Fregatten, die »Vigilante«, gekapert und nach Brest gebracht worden. Auf Grund der Untersuchung, die die örtliche Kommission vornahm, erkannte der Intendanturoffizier auf Rechtsgültigkeit der Aufbringung, ohne dem Prisengericht darüber Bericht zu erstatten. Herr Rodriguez jedoch hatte sich beeilt, beim Staatsrat Verwahrung einzulegen. Später war er gestorben, und sein Sohn hatte unter allen Regierungen vergebens versucht, die Angelegenheit vor einen anderen Gerichtshof zu ziehen, bis zu dem Tage, da ein Wort der inzwischen allmächtig gewordenen Tochter seiner Großkusine bewirkte, daß der Fall endlich zur Verhandlung kam.
Über ihren Köpfen hörten die drei Abgeordneten die monotone Stimme des Präsidenten, der fortfuhr: »Vorlage eines Gesetzentwurfes, betreffend die Ermächtigung des Departements Calvados, eine Anleihe von dreihunderttausend Francs aufzulegen ... Vorlage eines Gesetzentwurfes, betreffend die Ermächtigung der Stadt Amiens, eine Anleihe von zweihunderttausend Francs zur Schaffung neuer Promenaden aufzulegen ... Vorlage eines Gesetzentwurfes, betreffend die Ermächtigung des Departements CôtesduNord, eine Anleihe von dreihundertfünfundvierzigtausend Francs aufzulegen, dazu bestimmt, die Defizite der letzten fünf Jahre zu decken ...«
»Wahr ist«, sagte Herr Kahn, seine Stimme noch mehr dämpfend, »daß besagter Rodriguez einen sehr schlauen Einfall gehabt hat. Er besaß gemeinsam mit einem seiner Schwiegersöhne, der in New York ansässig war, Zwillingsschiffe, die beliebig unter amerikanischer oder spanischer Flagge reisten, je nach den Gefahren der Überfahrt ... Rougon hat mir versichert, daß das aufgebrachte Schiff tatsächlich dem Rodriguez gehörte und daß keineswegs ein Anlaß bestand, seinen Forderungen stattzugeben.«
»Um so weniger«, fügte Herr Béjuin hinzu, »als das Vorgehen unangreifbar ist. Der Intendanturoffizier von Brest war nach dem Gewohnheitsrecht des Hafens durchaus befugt, auf Rechtsgültigkeit zu erkennen, ohne dem Prisengericht darüber Bericht zu erstatten.«
Ein kurzes Schweigen trat ein. Herr La Rouquette, der mit dem Rücken gegen den Marmorsockel lehnte, hob den Kopf und versuchte, die Aufmerksamkeit der schönen Clorinde auf sich zu ziehen.
»Weshalb aber«, fragte er naiv, »will Rougon nicht, daß man diesem Rodriguez die zwei Millionen gibt? Was macht ihm das schon aus?«
»Das ist eine Gewissenssache«, sagte Herr Kahn ernst.
Herr La Rouquette blickte seine beiden Kollegen nacheinander an; als er aber ihre feierlichen Mienen sah, lächelte er nicht einmal.
»Außerdem«, fuhr Herr Kahn fort, als wolle er etwas verteidigen, das er nicht offen aussprach, »hat Rougon Ärger, seit Marsy Innenminister ist. Sie haben einander nie leiden können ... Rougon hat mir gesagt, daß er sich ohne seine Anhänglichkeit an den Kaiser, dem er bereits so viele Dienste erwiesen, längst ins Privatleben zurückgezogen hätte ... Kurz, er fühlt sich nicht mehr wohl in den Tuilerien und hält es für notwendig, ein neues Leben anzufangen.«
»Er handelt als Ehrenmann«, wiederholte Herr Béjuin mehrmals.
»Ja«, sagte Herr La Rouquette mit schlauer Miene, »wenn er sich zurückziehen will, ist die Gelegenheit günstig ... Aber immerhin, seine Freunde werden untröstlich sein. Sehen Sie doch den Oberst da oben, wie beunruhigt er aussieht; er hat so fest damit gerechnet, sich am nächsten 15. August11 das rote Band um den Hals binden zu können! ... Und die hübsche Frau Bouchard, die darauf geschworen hatte, daß der biedere Herr Bouchard vor Ablauf von sechs Monaten Abteilungschef im Innenministerium sein werde! Der kleine d'Escorailles, Rougons Goldkind, sollte am Namenstag der Frau Bouchard die Ernennungsurkunde ihres Gatten unter dessen Serviette legen ... Nanu, wo sind denn der kleine d'Escorailles und die hübsche Frau Bouchard geblieben?«
Die Herren suchten sie. Schließlich entdeckten sie die beiden im Hintergrund der Loge, auf deren erster Bank sie bei Eröffnung der Sitzung gesessen hatten. Sie hatten sich dorthin ins Dunkle zurückgezogen, hinter einen alten kahlköpfigen Herrn; und beide verhielten sich sehr ruhig, waren sehr rot.
In diesem Augenblick beendete der Präsident die Lesung. Mit etwas matter gewordener Stimme, die sich in der barbarischen Holprigkeit des Satzes verhedderte, sprach er die letzten Worte: »Vorlage eines Gesetzentwurfes, dessen Gegenstand die Genehmigung der Erhöhung des Zinsfußes einer mit Gesetz vom 9. Juni 1853 genehmigten Anleihe und eine außerordentliche Steuerauflage durch das Departement Manche bilden.«
Herr Kahn war gerade einem Abgeordneten entgegengeeilt, der soeben den Saal betreten hatte. Er führte ihn zu den anderen und sagte: »Da ist Herr de Combelot ... Er hat wohl Neuigkeiten für uns.«
Herr de Combelot, ein Kammerherr, den das Departement Landes auf einen ausdrücklich vom Kaiser geäußerten Wunsch hin zum Abgeordneten ernannt hatte, verbeugte sich zurückhaltend und wartete darauf, daß man Fragen an ihn richte. Er war ein hochgewachsener, schöner Mann, sehr hellhäutig, mit einem tiefschwarzen Bart, der ihm große Erfolge bei Frauen verschaffte.
»Nun also«, fing Herr Kahn an, »was sagt man im Schloß? Wie hat sich der Kaiser entschieden?«
»Mein Gott«, erwiderte Herr de Combelot mit schnarrender Stimme, »man sagt allerlei ... Der Kaiser ist dem Herrn Staatsratspräsidenten äußerst zugetan. Die Zusammenkunft ist bestimmt sehr freundschaftlich verlaufen ... Ja, sie ist sehr freundschaftlich verlaufen.«
Und nach diesem mit Bedacht gesprochenen Wort hielt er inne, um festzustellen, ob er sich nicht zu weit vorgewagt habe.
»Die Demission ist also zurückgezogen?« fragte Herr Kahn mit leuchtenden Augen.
»Das habe ich nicht gesagt«, entgegnete der Kammerherr sehr beunruhigt, »ich weiß nichts. Sie werden verstehen, ich bin in einer besonderen Lage ...«
Er beendete den Satz nicht, sondern begnügte sich mit einem Lächeln und beeilte sich, zu seiner Bank hinaufzugehen. Herr Kahn zuckte mit den Achseln und wandte sich an Herrn La Rouquette. »Aber da fällt mir ein, Sie müßten ja auf dem laufenden sein! Erzählt Ihnen Ihre Schwester, Frau de Llorentz, denn nichts?«
»Oh, meine Schwester ist noch verschwiegener als Herr de Combelot«, sagte der junge Abgeordnete lachend. »Seit sie Palastdame ist, ist sie ernst wie ein Minister ... Allerdings hat sie mir gestern versichert, das Rücktrittsgesuch werde angenommen ... Dazu gibt es eine nette Geschichte. Man hat, scheint's, eine Dame zu Rougon geschickt, um ihn zu erweichen. Und wissen Sie, was Rougon getan hat? Er hat der Dame die Tür gewiesen, und dabei war es eine sehr reizvolle Dame.«
»Rougon ist keusch und züchtig«, erklärte Herr Béjuin feierlich.
Herr La Rouquette wurde von einem tollen Lachen gepackt. Er erhob Einspruch; er könne Tatsachen anführen, wenn er wolle.
»Frau Correur nämlich ...«, murmelte er.
»Niemals!« sagte Herr Kahn. »Sie kennen diese Sache nicht.«
»Nun gut, dann die schöne Clorinde!«
»Hören Sie doch auf! Rougon ist viel zu gescheit, um sich mit diesem Satan von einem Mädchen zu vergessen.«
Und die Herren traten nahe zueinander und vertieften sich mit recht derben Worten in eine gewagte Unterhaltung. Sie erzählten sich die Anekdoten, die über die beiden Italienerinnen, Mutter und Tochter, halb Abenteuerinnen und halb vornehme Damen, in Umlauf waren; man traf sie überall an, wo es lebhaft zuging: bei den Ministern, in den Proszeniumslogen der kleinen Theater, in den gerade modernen Seebädern, in entlegenen Gasthöfen. Die Mutter, behauptete man, entstamme einem königlichen Bett; die Tochter, deren völlige Unkenntnis unserer französischen Konventionen einen originellen und sehr schlecht erzogenen »Satan von einem jungen Mädchen« aus ihr gemacht hatte, ritt beim Rennen Pferde zuschanden, zeigte sich an Regentagen mit schmutzigen Strümpfen und schiefgetretenen Stiefelchen auf der Straße, suchte mit dem dreisten Lächeln einer reifen Frau zu einem Ehemann zu kommen. Herr La Rouquette berichtete, sie sei zu einem Ball beim italienischen Botschafter, dem Cavaliere Rusconi, als Jagdgöttin Diana so entblößt erschienen, daß ihr tags darauf der alte Herr de Nougarède, ein sehr lüsterner Senator, beinahe einen Heiratsantrag gemacht hätte. Und bei dieser Geschichte blickten die drei Abgeordneten immer wieder zu der schönen Clorinde hinauf, die, ungeachtet der Hausordnung, die Mitglieder der Kammer der Reihe nach durch ein großes Opernglas betrachtete.
»Nein, nein«, wiederholte Herr Kahn, »so verrückt würde Rougon niemals sein ... Er sagt, sie sei sehr klug, und er nennt sie lachend ›Fräulein Machiavelli‹. Sie amüsiert ihn, das ist alles.«
»Wie auch immer«, schloß Herr Béjuin, »Rougon tut nicht recht daran, sie nicht zu heiraten ... Das verleiht einem Mann Ansehen.«
Dann einigten sich alle drei über die Frau, die Rougon brauche: eine nicht mehr ganz junge Frau, mindestens fünfunddreißig Jahre alt, die reich sein müsse und imstande, sein Haus nach den Prinzipien vornehmer Ehrbarkeit zu führen.
Unterdessen wurde es ringsum immer lauter. Die Herren hatten bei ihren schlüpfrigen Anekdoten so sehr alles andere vergessen, daß sie gar nicht merkten, was um sie her geschah. Von weitem, aus der Tiefe der Wandelgänge, hörte man die fernen Stimmen der Huissiers rufen: »Zur Sitzung, die Herren, zur Sitzung!« Und durch die Türen aus massivem Mahagoni, deren Flügel weit offenstanden und die goldenen Sterne ihrer Füllungen zeigten, kamen von allen Seiten Abgeordnete herbei. Der bis dahin halbleere Saal füllte sich nach und nach. Die kleinen Gruppen, die sich gelangweilt von Bank zu Bank unterhielten, die Schläfrigen, die ihr Gähnen unterdrückten, wurden geradezu überschwemmt von der steigenden Flut und der Menge der Händedrücke. Während die Mitglieder zur Rechten wie zur Linken ihre Plätze einnahmen, lächelten sie einander zu, sie hatten eine gewisse Familienähnlichkeit: Gesichter, die alle in gleicher Weise von der Pflicht durchdrungen waren, zu deren Erfüllung sie hierherkamen. Ein dicker Mann auf der letzten Bank links, der zu fest eingenickt war, wurde von seinem Nachbarn geweckt, und nachdem dieser ihm etwas ins Ohr geflüstert hatte, rieb er sich schleunigst die Augen und nahm eine angemessene Haltung an. Die Sitzung, die sich bisher mit für diese Herren sehr langweiligen Fragen hingeschleppt hatte, gewann jetzt das größte Interesse.
Von der Menge geschoben, gelangten Herr Kahn und seine beiden Kollegen zu ihren Bänken, ohne zu wissen wie. Sie plauderten noch immer, bemüht, ihr Lachen zu unterdrücken. Herr La Rouquette erzählte eine neue Geschichte von der schönen Clorinde. Sie hatte eines Tages den erstaunlichen Einfall gehabt, ihr Zimmer mit schwarzen, von silbernen Tränen übersäten Behängen ausschlagen zu lassen und dort, auf dem Bett liegend, ganz vergraben unter ebenfalls schwarzen Decken, aus denen nur ihre Nasenspitze hervorschaute, ihre nächsten Freunde zu empfangen.
Als Herr Kahn sich setzte, kam er plötzlich zur Besinnung.
»Dieser La Rouquette mit seinem Altweibergeschwätz ist blödsinnig«, murmelte er. »Jetzt habe ich Rougon verpaßt!«
Und sich mit wütender Miene zu seinem Nachbarn umwendend, sagte er: »Hören Sie, Béjuin, Sie hätten mich wirklich aufmerksam machen können!«
Rougon, den man soeben mit dem üblichen Zeremoniell eingeführt hatte, saß bereits zwischen zwei Staatsräten auf der Bank der Regierungsvertreter, einer Art riesiger Mahagonilade, die unten vor dem Präsidiumstisch aufgestellt war, genau dort, wo früher die nun abgeschaffte Rednertribüne gestanden hatte. Seine breiten Schultern sprengten fast seine Amtstracht aus grünem Tuch, die am Kragen und an den Ärmeln überreich mit Gold bestickt war. Das Gesicht dem Saal zugewandt, das dichte ergrauende Haar über der viereckigen Stirn gescheitelt, versteckte er seine Augen hinter schweren, stets halbgesenkten Lidern; und seine große Nase, seine sehr fleischigen Lippen, die langen Backen, auf denen seine sechsundvierzig Jahre keine einzige Falte eingezeichnet hatten, waren von abstoßender Gewöhnlichkeit, die nur hin und wieder blitzartig von der Schönheit der Kraft verklärt wurde. Angelehnt, das Kinn im Frackkragen, saß er ruhig da, mit gleichgültigem, ein wenig müdem Ausdruck, und schien niemanden zu sehen.
»Er sieht aus wie immer«, murmelte Herr Béjuin.
Die Abgeordneten auf den Bänken beugten sich vor, um festzustellen, was für ein Gesicht er mache. Vorsichtige Bemerkungen liefen im Flüsterton von Ohr zu Ohr. Vor allem aber rief Rougons Erscheinen starkes Aufsehen auf den Tribünen hervor. Um zu zeigen, daß sie anwesend seien, streckten die Charbonnels ihre entzückten Gesichter so weit vor, daß die beiden fast in den Saal hinabgestürzt wären. Frau Correur hatte gehüstelt und dabei ein Taschentuch gezogen, das sie unter dem Vorwand, es an die Lippen zu führen, leicht schwenkte. Oberst Jobelin hatte sich wieder gestrafft, und die hübsche Frau Bouchard, die rasch zur ersten Bank hinuntergestiegen war, schnaufte ein wenig, als sie ihr Hutband neu knüpfte, indes sich Herr d'Escorailles schweigend und sehr verstimmt hinter ihr hielt.
Was die schöne Clorinde betraf, so tat sie sich keinerlei Zwang an. Da sie sah, daß Rougon den Blick nicht hob, klopfte sie in deutlich vernehmbaren kleinen Schlägen mit ihrem Opernglas auf den Marmor der Säule, an die sie sich lehnte; und als er sie auch weiterhin nicht beachtete, sagte sie mit so heller Stimme, daß man es im ganzen Saal hörte, zu ihrer Mutter: »Er schmollt also, der plumpe Duckmäuser!«
Ein paar Abgeordnete drehten sich lächelnd um. Rougon entschloß sich, der schönen Clorinde einen Blick zu schenken. Darauf klatschte sie, während er ihr ein unmerkliches Zeichen mit dem Kopf gab, triumphierend in die Hände, bog sich lachend hintenüber und sprach dabei laut zu ihrer Mutter, ohne sich auch nur im allergeringsten durch die vielen Menschen da unten, die sie musterten, stören zu lassen.
Rougon hatte, bevor er die Lider wieder sinken ließ, langsam an den Tribünen entlanggesehen, wo sein Blick gleichzeitig Frau Bouchard, Oberst Jobelin, Frau Correur und die Charbonnels umfaßte. Sein Gesicht blieb unbewegt. Er versenkte wieder das Kinn in den Frackkragen, schloß halb die Augen und unterdrückte ein leichtes Gähnen.
»Ich werde doch ein Wort mit ihm reden«, hauchte Herr Kahn Herrn Béjuin ins Ohr.
Doch als er aufstand, gab der Präsident, der sich seit einem Weilchen vergewisserte, daß alle Abgeordneten zur Stelle waren, ein energisches Glockenzeichen. Und plötzlich herrschte tiefe Stille.
In der ersten Sitzreihe, deren gelbe Marmorpulte Auflagen aus weißem Marmor hatten, stand ein blonder Herr. In der Hand hielt er ein großes Blatt Papier, von dem er beim Sprechen kein Auge ließ.
»Ich habe die Ehre«, sagte er mit singender Stimme, »einen Bericht über den Gesetzentwurf vorzulegen, welcher dem Staatsministerium für das Finanzjahr 1856 die Bereitstellung eines Betrages von vierhunderttausend Francs vorschlägt, um die Kosten der Taufe des Kaiserlichen Prinzen12 und der aus diesem Anlaß zu feiernden Feste zu bestreiten.«
Und gerade schickte er sich mit verhaltenem Schritt an, den Bericht zu übergeben, als alle Abgeordneten in völliger Einmütigkeit riefen: »Verlesen! Verlesen!«
Der Referent wartete, bis der Präsident entschieden hatte, daß die Verlesung stattfinden sollte. Und dann begann er in beinahe ergriffenem Ton: »Meine Herren, der Gesetzentwurf, der uns hier vorgelegt wird, ist einer von denen, welche die üblichen Formen einer Abstimmung als zu langsam erscheinen lassen, weil sie den spontanen Begeisterungsschwung des Corps législatif hemmen.«
»Sehr richtig!« riefen mehrere der Mitglieder.
»In den bescheidensten Familien«, fuhr der Referent fort, wobei er jedes Wort sorgfältig modulierte, »ist die Geburt eines Sohnes, eines Erben, mit allen Vorstellungen des Fortbestehens, die mit diesem Namen verknüpft sind, eine Veranlassung zu so süßer Freude, daß die Prüfungen der Vergangenheit vergessen werden und einzig die Hoffnung über der Wiege des Neugeborenen schwebt. Aber was soll man von diesem Familienfest sagen, wenn es zugleich das Fest einer großen Nation ist und zudem ein europäisches Ereignis!«
Da brach ein allgemeines Entzücken aus. Dieses rednerische Glanz stück riß die Kammer hin. Rougon, der zu schlafen schien, sah auf den vor ihm ansteigenden Bänken nur freudestrahlende Gesichter. Einige Abgeordnete lauschten, die Hände an den Ohren, mit übertriebener Aufmerksamkeit, um sich nichts von dieser gepflegten Prosa entgehen zu lassen.
Nach einer kurzen Pause fuhr der Referent mit erhobener Stimme fort: »Hier, meine Herren, ist es in der Tat die große französische Familie, die alle ihre Mitglieder auffordert, ihrer Freude Ausdruck zu verleihen; und welcher Pracht bedürfte es nicht, wäre es überhaupt möglich, daß die äußeren Kundgebungen der Größe ihrer gerechtfertigten Hoffnungen zu entsprechen vermöchten.« Und abermals legte er eine Pause ein.
»Sehr richtig! Sehr richtig!« riefen die gleichen Stimmen.
»Das ist sehr fein gesagt«, bemerkte Herr Kahn, »nicht wahr, Béjuin?«
Herr Béjuin wiegte leicht den Kopf, den Blick auf den Kronleuchter geheftet, der vor dem Präsidiumstisch vom Oberlicht herabhing. Er genoß.
Auf der Tribüne ließ sich die schöne Clorinde, das Opernglas fest auf den Referenten gerichtet, keinen Wechsel seines Mienenspiels entgehen; die Charbonnels hatten feuchte Augen; Frau Correur saß in der aufmerksamen Haltung einer wohlerzogenen Frau da, während der Oberst zustimmend nickte und die hübsche Frau Bouchard sich ganz hingegeben auf die Knie des Herrn d'Escorailles lehnte. Am Präsidiumstisch aber hörten der Präsident, die Schriftführer und auch die Huissiers regungslos und feierlich zu.
»Hinfort«, sprach der Referent weiter, »verbürgt die Wiege des Kaiserlichen Prinzen die Sicherheit der Zukunft; denn indem sie der Dynastie, der wir alle zugejauchzt haben, Dauer verleiht, garantiert sie die Wohlfahrt des Landes, seine Ruhe in der Stabilität und eben dadurch die Ruhe des übrigen Europas.«
Bei diesem rührenden Bild von der Wiege mußten einige »Pst!« Begeisterungsausbrüche verhindern.
»Auch in einer anderen Epoche schien ein Sprößling dieses erlauchten Blutes zu einer großen Zukunft bestimmt zu sein, aber die Zeiten haben keinerlei Ähnlichkeit miteinander. Der Frieden ist das Ergebnis der weisen und weitblickenden Herrschaft, deren Früchte wir ernten, ebenso wie das Genie des Kriegers jenes Heldengedicht schrieb, welches das Erste Kaiserreich begründete.
Bei seiner Geburt begrüßt von den Kanonen, die vom Norden bis zum Süden den Erfolg unserer Waffen verkündeten, wurde dem König von Rom13 nicht einmal das Glück zuteil, seinem Vaterlande zu dienen: so wollte es damals die Vorsehung.«
»Was sagt er denn da? Er verliert sich«, murmelte der skeptische Herr La Rouquette. »Diese ganze Passage ist ungeschickt. Er wird sich sein Kunstwerk verderben.«
Tatsächlich wurden die Abgeordneten unruhig. Wozu diese geschichtliche Rückerinnerung, die ihrem Eifer abträglich war? Einige putzten sich die Nase. Der Referent aber lächelte, als er spürte, welche Kälte sein letzter Satz verbreitet hatte. Er erhob die Stimme; sorgfältig die Worte wägend, fuhr er, seiner Wirkung gewiß, in seiner Gegenüberstellung fort.
»Doch zur Welt gekommen an einem dieser feierlichen Tage, da die Geburt eines einzelnen als das Heil aller betrachtet werden muß, scheint das Kind Frankreichs uns, und ebenso den künftigen Generationen, heute das Recht zu schenken, am heimatlichen Herd zu leben und zu sterben. Das ist hinfort das Unterpfand der göttlichen Gnade.«
Das war ein rauschender Fall erlesener Sätze. Alle Abgeordneten verstanden, was er sagen wollte, und ein freudiges Gemurmel durchlief den Saal. Die Gewißheit ewigen Friedens war wahrhaft süß. Beruhigt nahmen die Herren wieder die Haltung von Politikern an, die entzückt in Literatur schwelgen. Sie hatten Muße vor sich. Europa gehörte ihrem Herrn.
»Der Kaiser, zum unumschränkten Gebieter über Europa geworden«, fuhr der Referent mit erneuter Weitschweifigkeit fort, »war gerade im Begriff, jenen großmütigen Friedensvertrag14 zu unterzeichnen, der, indem er die produktiven Kräfte der Nationen wieder vereint, sowohl das Bündnis der Völker wie auch das der Könige bedeutet, als es Gott gefiel, sein Glück zugleich mit seinem Ruhm auf den Gipfel zu führen. Ist es nicht erlaubt, zu denken, daß er von diesem Augenblick an zahlreiche glückliche Jahre vorausahnt, wenn er die Wiege betrachtet, darin, so klein noch, jener ruht, der seine großartige Politik fortsetzen wird?«
Auch dies war ein sehr hübsches Bild. Und das war gewiß erlaubt; etliche Abgeordnete bestätigten es, indem sie langsam nickten. Aber der Bericht schien allmählich etwas zu lang. Viele Mitglieder wurden wieder ernst, einige sahen sogar verstohlen zu den Tribünen hinauf, als erfahrene Leute, die es ein wenig verdroß, sich so zu zeigen, nämlich in der wahren Gestalt ihrer Politik. Andere waren zerstreut, dachten mit erdfahlem Gesicht an ihre eigenen Angelegenheiten, klopften erneut mit den Fingerspitzen auf das Mahagoni ihrer Pulte; und verschwommen zogen in ihrer Erinnerung frühere Sitzungen vorüber, frühere Ergebenheitserklärungen, die einem in der Wiege liegenden Kind Vollmachten übertrugen. Herr La Rouquette wandte oft den Kopf, um auf die Uhr zu sehen; als der Zeiger Viertel vor drei zeigte, machte er eine verzweifelte Gebärde; er verpaßte eine Zusammenkunft. Seite an Seite saßen mit verschränkten Armen regungslos Herr Kahn und Herr Béjuin und ließen mit blinzelnden Lidern den Blick von den großen grünsamtenen Wandbespannungen zu dem Basrelief aus weißem Marmor wandern, auf das der Gehrock des Präsidenten einen schwarzen Fleck zeichnete. Und in der Diplomatenloge hatte sich die schöne Clorinde, das Opernglas noch immer gezückt, wieder darangemacht, lange und aufmerksam Rougon zu betrachten, der in der prächtigen Haltung eines schlummernden Stiers auf seiner Bank saß.
Der Referent jedoch beeilte sich nicht, las zu seinem eigenen Vergnügen, mit einem rhythmischen und zufriedenen Wiegen der Schultern: »Haben wir also volles und ganzes Vertrauen, und möge sich der Corps législatif bei diesem wichtigen und ernsten Anlaß daran erinnern, daß er gemeinsam mit dem Kaiser zur Macht gelangte, was ihm fast ein größeres Familienrecht als den anderen Körperschaften des Staates gibt, an den Freuden des Herrschers teilzunehmen.
Wie er hervorgegangen aus dem freien Wunsch des Volkes, wird daher der Corps législatif in dieser Stunde zur Stimme der Nation, um dem erlauchten Kinde die Huldigung einer unwandelbaren Ehrerbietung, einer allen Prüfungen gewachsenen Ergebenheit und jener grenzenlosen Liebe darzubringen, die aus der politischen Überzeugung eine Religion macht, deren Pflichten man preist.«
Da nun von Huldigung, Religion und Pflichten die Rede war, mußte es wohl bald zu Ende sein. Die Charbonnels wagten jetzt, im Flüsterton ihre Eindrücke auszutauschen, während Frau Correur ein Hüsteln in ihrem Taschentuch erstickte. Frau Bouchard begab sich verstohlen wieder in den Hintergrund der Staatsratsloge zu Herrn Jules d'Escorailles.
Tatsächlich änderte der Referent plötzlich die Stimme, ging von dem feierlichen Ton zum familiären über und stammelte rasch: »Wir schlagen Ihnen vor, meine Herren, den Gesetzentwurf so, wie er vom Staatsrat vorgelegt worden ist, ohne Einschränkung und Veränderung anzunehmen.«
Und inmitten eines großen verworrenen Getöses setzte er sich hin.
»Sehr richtig! Sehr richtig!« rief der ganze Saal.
Laute Bravorufe ertönten. Herr de Combelot, dessen lächelnde Aufmerksamkeit keine Minute lang nachgelassen hatte, schrie sogar: »Es lebe der Kaiser!«, was in dem Lärm unterging. Und beinahe hätte man Oberst Jobelin, der ganz allein am Rande der Tribüne stand und, ungeachtet der Hausordnung, selbstvergessen mit seinen vertrockneten Händen Beifall klatschte, eine Ovation bereitet. Das ganze Entzücken, das die ersten Sätze hervorgerufen hatten, kam jetzt mit einer neuen Flut von Beglückwünschungen wieder zum Vorschein. Das war das Ende der Fron. Von einer Bank zur anderen wechselte man liebenswürdige Worte, während ein Strom von Freunden auf den Referenten zustürzte, um ihm kräftig beide Hände zu drücken.
Dann herrschte in dem Tumult bald ein Wort vor: »Beratung! Beratung!«
Der Präsident, der hochaufgerichtet am Tisch stand, schien auf diesen Ruf gewartet zu haben. Es gab ein Glockenzeichen, und in dem jäh von Ehrerbietung erfüllten Saal sprach er: »Meine Herren, eine große Anzahl Mitglieder fordert, daß unverzüglich zur Beratung geschritten wird.«
»Ja, ja!« bestätigte die gesamte Kammer mit einem einzigen Geschrei.
Und es fand keine Beratung statt. Man stimmte sofort ab. Die beiden Artikel des Gesetzentwurfes, über die man nacheinander abstimmen ließ, wurden durch Sitzenbleiben und Aufstehen angenommen. Kaum hatte der Präsident die Lesung des Artikels beendet, als sich von oben bis unten auf allen Bänken sämtliche Abgeordneten, wie vom Schwung der Begeisterung emporgerissen, mit lautem Füßescharren wie ein Mann erhoben. Dann machten die Urnen die Runde, Huissiers gingen zwischen den Bänken hindurch und sammelten in den Zinkkästen die Stimmen ein. Die Summe von vierhunderttausend Francs war einstimmig von zweihundertneununddreißig Abgeordneten gebilligt worden.
»Das nenne ich ganze Arbeit«, sagte Herr Béjuin naiv und fing dann an zu lachen, weil er glaubte, etwas Witziges von sich gegeben zu haben.
»Es ist drei Uhr durch, ich verdrücke mich«, murmelte Herr La Rouquette, als er an Herrn Kahn vorbeiging.
Der Saal leerte sich. In aller Stille gelangten Abgeordnete zu den Türen, schienen in den Wänden zu verschwinden. Auf der Tagesordnung standen Gesetze von örtlichem Interesse. Bald saßen auf den Bänken nur noch die gutwilligen Mitglieder, solche, die zweifellos an diesem Tage nichts anderes vorhatten; sie setzten ihren unterbrochenen Schlummer fort, sie nahmen ihr Geplauder genau dort wieder auf, wo sie es abgebrochen hatten, und die Sitzung ging, so wie sie begonnen, in ruhiger Gleichgültigkeit zu Ende. Sogar der Stimmenlärm verebbte nach und nach, als sei der Corps législatif in einem Winkel des schweigenden Paris vollständig eingeschlafen.
»Hören Sie mal, Béjuin«, bat Herr Kahn, »versuchen Sie doch, beim Hinausgehen Delestang zum Reden zu bringen. Er ist zusammen mit Rougon gekommen, er muß etwas wissen.«
»Ah ja, Sie haben recht, das ist Delestang«, murmelte Herr Béjuin, während er den Staatsrat betrachtete, der links von Rougon saß. »Ich erkenne ihn nie, das kommt von diesen verteufelten Amtstrachten.«
»Ich gehe nicht fort, denn ich will unseren großen Mann zu fassen bekommen«, fügte Herr Kahn hinzu. »Wir müssen unbedingt Bescheid wissen.«
Der Präsident ließ über eine nicht endende Reihe von Gesetzentwürfen abstimmen, über die durch Sitzenbleiben und Aufstehen entschieden wurde. Die Abgeordneten standen mechanisch auf, setzten sich wieder, ohne mit Plaudern, ja sogar ohne mit Schlafen aufzuhören. Es wurde so langweilig, daß die wenigen Neugierigen auf den Tribünen weggingen. Nur Rougons Freunde blieben da. Sie hofften noch immer, daß er sprechen würde.
Plötzlich erhob sich ein Abgeordneter mit dem korrekten Backenbart eines Provinzadvokaten. Das brachte den eintönigen Gang der Abstimmungsmaschine mit einmal zum Stillstand. In lebhafter Überraschtheit wandten sich die Köpfe.
»Meine Herren«, sagte der Abgeordnete, in seiner Bank stehend, »ich bitte, mich über die Gründe auslassen zu dürfen, die mich gezwungen haben, der Mehrheit der Kommission sehr wider meinen Willen nicht zuzustimmen.«
Seine Stimme war so grell, so komisch, daß die schöne Clorinde ein Lachen hinter der vorgehaltenen Hand erstickte. Aber unten bei den Herren nahm das Erstaunen zu. Was war denn da los? Weshalb redete er? Durch Fragen erfuhr man schließlich, daß der Präsident soeben den Entwurf eines Gesetzes zur Debatte gestellt hatte, durch welches das Departement PyrénéesOrientales ermächtigt werden sollte; eine Anleihe von zweihundertfünfzigtausend Francs für den Bau eines Justizpalastes in Perpignan aufzunehmen. Der Redner, der dem Generalrat15 dieses Departements angehörte, sprach gegen den Gesetzentwurf. Das schien interessant zu werden. Man hörte zu.
Der Abgeordnete mit dem korrekten Backenbart ging unterdessen mit außerordentlicher Vorsicht vor. Seine Sätze, in deren Verlauf er vor allen nur denkbaren Autoritäten den Hut zog, waren voller Vorbehalte. Aber die Lasten des Departements seien schwer; und er entwarf ein vollständiges Bild der finanziellen Lage der PyrénéesOrientales. Außerdem scheine ihm die Notwendigkeit eines neuen Justizpalastes nicht besonders erwiesen. Auf diese Weise sprach er fast eine Viertelstunde lang.
Als er sich setzte, war er sehr erregt. Rougon, der die Augenlider gehoben hatte, ließ sie langsam wieder sinken.
Dann kam der Referent an die Reihe, ein kleiner, sehr lebhafter Greis, der als ein seiner Sache sicherer Mann mit klarer Stimme sprach. Zunächst richtete er ein höfliches Wort an seinen ehrenwerten Kollegen, mit dem er zu seinem Bedauern nicht übereinstimme. Allein, das Departement PyrénéesOrientales sei weit davon entfernt, so verschuldet zu sein, wie man behaupten wolle; und mit anderen Zahlen entwarf er ein neues vollständiges Bild der finanziellen Lage des Departements. Zudem könne die Notwendigkeit eines Justizpalastes nicht geleugnet werden. Er teilte Einzelheiten mit. Der alte Palast liege in einem so dicht bevölkerten Viertel, daß der Straßenlärm die Richter daran hindere, die Anwälte zu verstehen. Außerdem sei er zu klein; deshalb müßten sich die Zeugen, wenn bei Schwurgerichtsprozessen sehr viele geladen seien, auf einem Treppenabsatz aufhalten, was sie gefährlichen Zudringlichkeiten aussetze. Der Referent schloß damit, daß er als unwiderstehliches Argument verkündete, der Justizminister selber habe die Vorlage des Gesetzentwurfes bewirkt.
Rougon, die Hände auf den Schenkeln gefaltet, den Nacken gegen die Mahagonibank gelehnt, rührte sich nicht. Seit Beginn der Auseinandersetzung schien seine breitschultrige Gestalt noch schwerfälliger geworden. Und als der erste Redner Miene machte, erwidern zu wollen, erhob Rougon langsam seinen massigen Körper, ohne sich ganz bis zum Stehen aufzurichten, und sprach mit belegter Stimme den einzigen Satz: »Der Herr Referent vergaß hinzuzufügen, daß der Innenminister und der Finanzminister dem Gesetzentwurf zugestimmt haben.« Er sank auf seinen Sitz zurück, verfiel von neuem in die Haltung eines schlummernden Stiers. Manche der Abgeordneten hatte ein leichter Schauer überrieselt. Der Redner setzte sich wieder, wobei er grüßend den Oberkörper neigte. Und das Gesetz wurde angenommen. Die wenigen Mitglieder, die der Debatte neugierig gefolgt waren, machten gleichgültige Gesichter.
Rougon hatte gesprochen! Von einer Loge zur anderen zwinkerten Oberst Jobelin und die beiden Charbonnels einander zu, während sich Frau Correur anschickte, die Tribüne zu verlassen, wie man eine Theaterloge vor dem Fallen des Vorhangs verläßt, sobald der Held des Stückes seine letzte Tirade von sich gegeben hat. Herr d'Escorailles und Frau Bouchard waren schon gegangen. Clorinde, die an der Samtbrüstung stand und den Saal mit ihrer prachtvollen Erscheinung beherrschte, hüllte sich langsam und majestätisch in einen Spitzenschal, wobei sie den Blick rings um das Halbrund schweifen ließ. Der Regen trommelte nicht mehr auf die Scheiben des Oberlichts, aber der Himmel war noch düster von großen Wolken. Bei dem trüben Licht wirkte das Mahagoniholz der Pulte schwarz; wie ein Brodem stieg Dunkelheit längs der Bänke auf, wo nur noch die kahlen Schädel der Abgeordneten weiße Flecken bildeten; und auf dem Marmor der Sockel unterhalb der verschwommenen Blässe der allegorischen Gestalten zeichneten sich der Präsident, die Schriftführer und die in einer Reihe stehenden Huissiers als starre Schattenspielfiguren ab. In diesem so plötzlich abnehmenden Tageslicht versank die Sitzung.
»Lieber Gott, es ist zum Umkommen hier drin«, sagte Clorinde und drängte ihre Mutter zum Verlassen der Tribüne.
Und sie verwirrte die auf dem Treppenabsatz eingenickten Huissiers durch die seltsame Art, in der sie sich ihren Schal um die Hüften gewickelt hatte.
Unten im Vestibül trafen die beiden Damen den Oberst und Frau Correur.
»Wir warten auf ihn«, sagte der Oberst, »vielleicht kommt er hier heraus ... Auf jeden Fall habe ich Kahn und Béjuin einen Wink gegeben, damit sie mir hierher Nachricht bringen.«
Frau Correur hatte sich der Gräfin Balbi genähert. Nun sagte sie mit trostloser Stimme: »Ach, das wäre ein großes Unglück«, ohne sich weiter auszulassen.
Der Oberst hob den Blick gen Himmel.
»Männer wie Rougon braucht das Land unbedingt«, meinte er nach einem kurzen Schweigen. »Der Kaiser würde einen Fehler machen.«
Und wieder schwiegen alle. Clorinde wollte in die große Wandelhalle hineinschauen, aber ein Huissier schloß jählings die Tür. Sie kehrte also zu ihrer Mutter zurück, die stumm unter ihrem kleinen schwarzen Schleier dastand. Sie murmelte: »Warten ist schrecklich langweilig.«
Soldaten kamen. Der Oberst teilte mit, daß die Sitzung beendet sei. Tatsächlich erschienen oben auf der Treppe die Charbonnels. Hintereinander stiegen sie vorsichtig am Geländer entlang herunter. Als Herr Charbonnel den Oberst gewahrte, rief er: »Er hat nicht viel gesagt, aber er hat ihnen schön das Maul gestopft!«
»Es fehlt ihm an Gelegenheiten«, flüsterte der Oberst dem Biedermann ins Ohr, als dieser dicht bei ihm war, »sonst sollten Sie ihn hören! Er muß erst in Hitze geraten.«
Unterdessen hatten die Soldaten vom Sitzungssaal bis zu der Galerie des Präsidiums, die auf das Vestibül hinausführt, Spalier gebildet. Und während die Tamboure einen Marsch schlugen, näherte sich ein feierlicher Zug. An der Spitze schritten zwei schwarzgekleidete Huissiers, den Chapeau claque unter dem Arm, die Kette um den Hals, den Degen mit dem stählernen Knopf an der Seite. Dann kam der Präsident, den zwei Offiziere geleiteten. Die Schriftführer des Präsidiums und der Generalsekretär seiner Kanzlei folgten. Als der Präsident an der schönen Clorinde vorbeiging, lächelte er ihr als Mann von Welt trotz des feierlichen Aufzuges zu.
»Ach, hier sind Sie«, rief Herr Kahn, der ganz bestürzt angelaufen kam.
Und obwohl die große Wandelhalle damals für das Publikum gesperrt war, führte er sie in die Nische einer der hohen Glastüren, die auf den Garten hinausgehen. Er schien rasend zu sein.
»Ich habe ihn wieder verfehlt«, sagte er. »Er ist nach der Rue de Bourgogne davon, während ich ihm im Saal des General Foy16 auflauerte ... Aber das tut nichts, wir werden trotzdem etwas erfahren. Ich habe Béjuin hinter Delestang hergejagt.«
Und nun wartete man wieder, gute zehn Minuten lang.
Zwischen den beiden großen Windfangwänden aus grünem Tuch, welche die Türen verbargen, kamen lässig die Abgeordneten heraus. Einige verweilten, um sich eine Zigarre anzustecken. Andere blieben lachend, Händedrücke tauschend, in kleinen Gruppen stehen. Frau Correur war unterdessen an die Laokoongruppe herangetreten, um sie zu betrachten. Und während die Charbonnels weit den Hals zurückbogen, um eine Möwe zu sehen, die die spießbürgerliche Phantasie des Malers so, als sei sie aus dem Bild herausgeflogen, auf den Rahmen eines Wandgemäldes gemalt hatte, interessierte sich die schöne Clorinde, die vor der großen bronzenen Minerva stand, für die Arme und den Busen dieser riesigen Göttin. In der Nische der Glastür unterhielten sich Oberst Jobelin und Herr Kahn lebhaft im Flüsterton.
»Ah, da ist Béjuin!« rief letzterer.
Alle traten mit gespannten Gesichtern näher. Herr Béjuin atmete schwer.
»Nun?« fragte man ihn.
»Nun – die Demission ist angenommen worden, Rougon tritt zurück.«
Das wirkte wie ein Keulenschlag. Es herrschte tiefe Stille. Clorinde, die, um ihre unruhigen Finger zu beschäftigen, die Enden ihres Schals zusammenknüllte, erblickte gerade hinten im Garten die hübsche Frau Bouchard, die langsam am Arm des Herrn d'Escorailles dahinwandelte, den Kopf ein wenig auf seine Schulter geneigt. Die beiden waren vor den anderen hinuntergegangen, hatten sich eine offene Tür zunutze gemacht und führten nun in diesen zu ernsthaftem Nachsinnen bestimmten Alleen ihre Verliebtheit unter dem Spitzengewebe des jungen Laubes spazieren. Clorinde winkte sie mit der Hand herbei.
»Der große Mann zieht sich zurück«, sagte sie zu der lächelnden jungen Frau.
Frau Bouchard ließ jäh den Arm ihres Kavaliers fahren, wurde ganz bleich und ernst, indes Herr Kahn inmitten der bestürzten Gruppe der Freunde Rougons dadurch Einspruch erhob, daß er verzweifelt die Arme zum Himmel emporreckte, ohne ein Wort herauszubringen.
Kapitel II
Am Morgen hatte im »Moniteur«17 der Rücktritt Rougons gestanden, der »aus Gesundheitsgründen« demissioniert habe. Er war nach dem Frühstück in den Staatsrat gekommen mit der Absicht, seinem Nachfolger schon diesen Abend den Platz aufgeräumt zu hinterlassen. Und in dem großen rot und goldenen Arbeitszimmer, das dem Präsidenten vorbehalten war, leerte er, vor dem riesigen Schreibtisch aus Palisanderholz sitzend, die Schubfächer und ordnete Papiere, die er mit rosafarbenen Bindfäden bündelte.
Er klingelte. Ein Türhüter trat ein, ein prachtvoll gewachsener Mann, der bei der Kavallerie gedient hatte.
»Bringen Sie mir eine brennende Kerze«, bat Rougon.
Und als der Türhüter, nachdem er einen kleinen Leuchter vom Kamin auf den Schreibtisch gestellt hatte, gehen wollte, rief Rougon ihn zurück.
»Merle, hören Sie! – Lassen Sie niemanden herein. Verstehen Sie, niemanden.«
»Jawohl, Herr Präsident«, antwortete der Türhüter und schloß geräuschlos die Tür.
Rougon lächelte leicht.
Er wandte sich zu Delestang um, der am anderen Ende des Raumes vor einem Schrank mit Pappschubfächern stand, die er sorgfältig durchsah.
»Der brave Merle hat heute morgen den ›Moniteur‹ nicht gelesen«, murmelte er.
Delestang schüttelte, da er nichts zu sagen wußte, nur den Kopf. Er hatte einen wundervollen Kopf, sehr kahl, aber mit einer dieser frühzeitigen Glatzen, die den Frauen gefallen. Sein nackter Schädel, der die Stirn übermäßig hoch erscheinen ließ, gab ihm den Anschein umfassender Intelligenz. Sein rosiges, ein wenig viereckiges Gesicht ohne ein einziges Barthaar erinnerte an jene korrekten und gedankenvollen Gesichter, wie phantasiebegabte Maler sie gern den großen Politikern verleihen.
»Merle ist Ihnen sehr ergeben«, sagte er schließlich.
Und er versenkte wieder den Kopf in das Pappfach, das er gerade durchstöberte. Rougon, der eine Handvoll Papiere zusammengedreht hatte, zündete sie an der Kerze an und warf sie dann in eine große Bronzeschale, die auf einer Ecke des Schreibtisches stand. Er sah zu, wie sie verbrannten.
»Delestang, die unteren Fächer rühren Sie mir bitte nicht an«, sagte er. »Darin sind Akten, in denen nur ich mich auskenne.«
Dann setzten beide eine reichliche Viertelstunde lang schweigend ihre Tätigkeit fort. Es war sehr schönes Wetter, die Sonne schien durch die drei großen Fenster, die auf die Uferstraße hinausgingen. Eines der Fenster, das einen Spalt breit offenstand, ließ den leichten kühlen Luftzug von der Seine herein, der mitunter ein wenig die seidenen Fransen der Vorhänge hob. Zerknitterte, auf den Teppich geworfene Papiere flatterten mit leisem Rascheln weiter.
»Hier, sehen Sie doch mal dies«, sagte Delestang und reichte Rougon einen Brief, den er soeben gefunden hatte.
Rougon las den Brief und zündete ihn gelassen an der Kerze an. Es war ein delikater Brief. Und sie plauderten in abgerissenen Sätzen, sich jeden Augenblick unterbrechend, die Nase in allerlei Papierkram. Rougon dankte Delestang dafür, daß er gekommen sei, ihm zu helfen. Dieser »liebe Freund« war der einzige, mit dem er unbekümmert die schmutzige Wäsche seiner fünf Präsidentschaftsjahre waschen konnte. Er hatte ihn in der Gesetzgebenden Versammlung kennengelernt, wo sie nebeneinander auf derselben Bank gesessen hatten. Dort hatte er eine echte Zuneigung zu diesem schönen Mann empfunden, wobei er ihn gleichzeitig köstlich dumm, hohl und stolz fand. Für gewöhnlich pflegte er mit überzeugter Miene zu sagen, daß »dieser verteufelte Delestang es weit bringen« werde. Und er förderte ihn, band ihn durch Dankbarkeit an sich, benutzte ihn wie ein Möbel, in das er alles verschloß, was er nicht mit sich herumtragen konnte.
»Wie dumm ist man doch, daß man Papiere aufhebt!« meinte Rougon, während er ein anderes überquellendes Schubfach öffnete.
»Da ist ein Brief von einer Frau«, sagte Delestang mit einem Augenzwinkern.
Rougon lachte herzlich. Seine ganze breite Brust schütterte. Protestierend nahm er den Brief. Sobald er die ersten Zeilen überflogen hatte, rief er: »Den hat der kleine d'Escorailles versehentlich hiergelassen! – Hübsche Zettelchen übrigens, solche Briefchen! Man bringt es weit mit drei Zeilen von einer Frau.«
Und während er den Brief verbrannte, fügte er hinzu: »Sie wissen, Delestang, man soll sich vor den Frauen hüten!«
Delestang senkte den Kopf. Immer steckte er in irgendeiner heiklen Liebesaffäre. 1851 hätte er sogar fast seine politische Zukunft gefährdet; damals war er leidenschaftlich in die Frau eines sozialistischen Abgeordneten verliebt, und um sich ihrem Gatten angenehm zu machen, stimmte er meist für die Opposition, gegen das Elysée18. Daher traf ihn der 2. Dezember19 wie ein wahrer Keulenschlag. Zwei Tage lang schloß er sich ein, hilflos, am Ende, zerschmettert, zitternd vor Angst, daß jeden Augenblick jemand kommen und ihn verhaften würde. Rougon hatte ihn aus dieser bösen Klemme retten müssen; er hatte ihn veranlaßt, nicht mehr bei den Wahlen in Erscheinung zu treten, und ihn ins Elysée gebracht, wo er eine Stellung als Staatsrat für ihn ergatterte. Delestang, Sohn eines Weinhändlers aus Bercy, ehemals Anwalt, Eigentümer eines Musterguts in der Nähe von Sainte Menehould, war mehrere Millionen schwer und bewohnte in der Rue du Colisée ein äußerst elegantes Stadthaus.
»Ja, hüten Sie sich vor den Frauen«, wiederholte Rougon, der nach jedem Wort eine Pause machte, um einen Blick in die Aktenstücke zu werfen. »Wenn die Frauen einem keine Krone aufs Haupt setzen, legen sie einem einen Strick um den Hals ... In unserem Alter muß man nämlich mit seinem Herzen ebenso pfleglich umgehen wie mit seinem Magen.«
In diesem Augenblick erhob sich im Vorzimmer großer Lärm. Man hörte die Stimme Merles, der jemandem den Eintritt verwehrte. Und plötzlich kam mit den Worten: »Zum Teufel, ich muß ihm die Hand drücken, diesem teuren Freund«, ein kleiner Mann herein.
»Sieh da, Du Poizat!« rief Rougon, ohne aufzustehen.
Und als Merle heftige Gebärden machte, um sich zu entschuldigen, befahl er ihm, die Tür zu schließen.
Dann sagte er ruhig:
»Ich glaubte Sie in Bressuire ... Man läßt also seine Unterpräfektur im Stich wie eine alte Geliebte.«
Du Poizat, ein schmächtiger Mann mit einem kleinen, verschlagenen Gesicht und sehr weißen, unregelmäßig stehenden Zähnen, zuckte leicht mit den Achseln.
»Ich bin seit heute morgen geschäftlich in Paris und wollte Ihnen erst abends in der Rue Marbeuf die Hand drücken. Ich hätte Sie zum Essen eingeladen ... Aber nachdem ich den ›Moniteur‹ gelesen hatte ...«
Er zog einen Sessel an den Schreibtisch heran, ließ sich ungeniert Rougon gegenüber nieder.
»Hören Sie mal, was geht denn eigentlich vor? Da komme ich von weit hinten aus dem Departement DeuxSèvres ... Ich hatte zwar da unten schon von irgendwas Wind bekommen. Aber ich war weit davon entfernt, zu ahnen ... Warum haben Sie mir nicht geschrieben?«
Jetzt zuckte Rougon seinerseits mit den Achseln. Es war klar, Du Poizat hatte dort unten erfahren, daß Rougon in Ungnade gefallen war, und kam nun angerannt, um zu sehen, ob es hier keinen Strohhalm gäbe, an den er sich klammern könnte. Rougon blickte ihm bis in die Seele, als er sagte: »Ich hätte Ihnen heute abend geschrieben ... Reichen Sie Ihren Rücktritt ein, mein Bester ...«
»Das ist alles, was ich wissen wollte, ich werde meinen Rücktritt einreichen«, erwiderte Du Poizat nur.
Und vor sich hin pfeifend, stand er auf.
Als er mit kleinen Schritten auf und ab ging, bemerkte er Delestang, der inmitten eines wüsten Haufens von Pappschachteln auf dem Teppich kniete. Schweigend gab er ihm die Hand. Dann zog er eine Zigarre aus der Tasche und steckte sie an der Kerze an.
»Da man umzieht, darf man auch rauchen«, sagte er, während er sich abermals in den Sessel niederließ. »Umziehen ist lustig!«
Rougon war in einen Stoß Papiere vertieft, die er mit größter Aufmerksamkeit las. Er sortierte sie sorgfältig, verbrannte die einen, bewahrte andere auf. Du Poizat blies mit zurückgelehntem Kopf dünne Rauchfäden aus dem Mundwinkel und sah Rougon bei seinem Tun zu. Sie hatten sich ein paar Monate vor der Februarrevolution kennengelernt. Damals wohnten beide bei Frau Mélanie Correur, im Hôtel Vanneau in der Rue Vanneau. Du Poizat lebte als ihr Landsmann dort; er war ebenso wie Frau Correur in Coulonges, einer kleinen Stadt im Arrondissement Niort, geboren. Sein Vater, ein Gerichtsvollzieher, hatte ihn zum Rechtsstudium nach Paris geschickt, wohin er ihm monatlich hundert Francs für den Lebensunterhalt zahlte, obgleich er schöne runde Summen verdiente, indem er Geld auf kurze Zeit zu hohen Zinsen auslieh; das Vermögen dieses Biedermannes blieb selbst in seiner Heimatgegend so unerklärlich, daß man ihn verdächtigte, in irgendeinem alten Schrank, dessen gerichtliche Beschlagnahme er durchgeführt hatte, einen Schatz gefunden zu haben. Seit den ersten Anfängen der bonapartistischen Propaganda machte sich Rougon diesen mageren Burschen zunutze, der wütend und mit beunruhigendem Lächeln seine monatlichen hundert Francs aufbrauchte; und sie beteiligten sich gemeinsam an den verfänglichsten Unternehmungen. Als später Rougon in die Gesetzgebende Versammlung einzutreten wünschte, war es Du Poizat, der mit aller Gewalt seine Wahl im Departement DeuxSèvres durchsetzte. Nach dem Staatsstreich arbeitete dann Rougon seinerseits für Du Poizat, indem er ihn zum Unterpräfekten in Bressuire ernennen ließ. Der junge Mann, kaum dreißig Jahre alt, hatte in seiner Heimat seinen Erfolg auskosten wollen, ein paar Meilen von seinem Vater entfernt, dessen Geiz ihn seit seinem Abgang vom Gymnasium marterte.
»Und wie geht's dem Papa Du Poizat?« fragte Rougon, ohne aufzusehen.
»Zu gut«, antwortete der andere geradeheraus. »Er hat sein letztes Dienstmädchen weggejagt, weil sie drei Pfund Brot gegessen hat. Jetzt hat er zwei geladene Gewehre hinter der Tür stehen, und wenn ich zu ihm gehe, muß ich mich über die Hofmauer hinweg in Unterhandlungen einlassen.«
Während der Unterhaltung hatte sich Du Poizat vorgebeugt und wühlte mit den Fingerspitzen in der Bronzeschale, in der noch halbverbrannte Papierstücke lagen. Rougon, der dieses Spiel bemerkt hatte, hob mit einem Ruck den Kopf. Er hatte vor seinem ehemaligen Kampfgefährten, dessen unregelmäßig stehende weiße Zähne denen eines jungen Wolfs glichen, immer eine leise Angst empfunden. Einst, als sie noch zusammen arbeiteten, war er stets sehr darum besorgt gewesen, ihm auch nicht das geringste kompromittierende Aktenstück in den Händen zu lassen. Deshalb warf er jetzt, als er sah, daß jener die unversehrt gebliebenen Wörter zu lesen versuchte, eine Handvoll brennender Briefe in die Schale. Du Poizat verstand vollkommen. Aber er lächelte, scherzte.
»Das ist das Großreinemachen«, meinte er. Und er ergriff eine lange Schere und bediente sich ihrer als Pinzette. Er steckte die Briefe, die am Erlöschen waren, aufs neue an der Kerze an, ließ die allzu fest zusammengedrückten Papierknäuel in der Luft verbrennen und rührte in den glimmenden Überresten wie in dem flammenden Alkohol einer Punschbowle. In der Schale flogen leuchtende Funken umher, indes bläulicher Rauch aufstieg und langsam zu dem offenen Fenster zog. Die Kerze begann zuweilen zu flackern und brannte dann wieder mit einer ganz geraden, sehr hohen Flamme.
»Ihre Kerze sieht aus wie ein Kirchenlicht«, sagte Du Poizat grinsend. »Oh, was für ein Begräbnis, mein armer Freund! Wie viele Tote muß man in die Asche betten!«
Rougon war im Begriff zu antworten, als abermals Lärm aus dem Vorzimmer drang. Zum zweitenmal verwehrte Merle jemandem den Eintritt. Und als die Stimmen lauter wurden, sagte Rougon: »Delestang, seien Sie doch so liebenswürdig und sehen Sie nach, was da vor sich geht. Wenn ich mich blicken lasse, fällt man über uns her.«
Delestang öffnete behutsam die Tür, die er hinter sich wieder schloß. Aber fast im selben Augenblick steckte er den Kopf herein und flüsterte: »Kahn ist hier.«
»Nun gut, soll er hereinkommen«, entschied Rougon. »Aber nur er, hören Sie!«
Und er rief Merle herbei, um diesem seine Anordnungen zu wiederholen.
»Ich bitte um Entschuldigung, mein lieber Freund«, sagte er, sich Kahn zuwendend, als der Türhüter hinausgegangen war. »Aber ich bin so beschäftigt ... Setzen Sie sich neben Du Poizat und rühren Sie sich nicht, sonst werfe ich Sie alle beide hinaus.«
Den Abgeordneten schien dieser ungehobelte Empfang nicht im geringsten zu berühren. Er war an Rougons Eigentümlichkeiten gewöhnt. Er nahm einen Sessel, setzte sich neben Du Poizat, der sich eine zweite Zigarre ansteckte. Nachdem er wieder zu Atem gekommen war, begann er: »Es ist schon heiß ... Ich komme aus der Rue Marbeuf, ich glaubte, Sie noch zu Hause anzutreffen.«
Rougon antwortete nicht, es entstand eine Pause. Er zerknüllte Papiere und warf sie in einen Korb, den er zu sich herangezogen hatte.
»Ich muß mit Ihnen reden«, fing Herr Kahn an.
»Reden Sie, reden Sie«, sagte Rougon. »Ich höre Ihnen zu.«
Aber der Abgeordnete schien ganz plötzlich die Unordnung zu bemerken, die im Zimmer herrschte.
»Was machen Sie denn?« fragte er mit vollendet gespieltem Erstaunen. »Wechseln Sie das Arbeitszimmer?«
Er hatte den Ton so gut getroffen, daß Delestang die Freundlichkeit besaß, aufzustehen, um Herrn Kahn einen »Moniteur« hinzureichen.
»O mein Gott!« rief Herr Kahn, sobald er einen Blick auf die Zeitung geworfen hatte. »Ich dachte, die Sache sei seit gestern abend beigelegt. Das ist ein wahrer Blitzschlag ... Mein lieber Freund ...«
Er war aufgesprungen und drückte Rougon die Hände. Der sah ihn schweigend an; auf seinem vollen Gesicht zogen sich zwei große spöttische Falten scharf an den Mundwinkeln vorbei. Und da Du Poizat den Gleichgültigen spielte, vermutete er, daß sich die beiden am Vormittag getroffen hätten, um so mehr, als Herr Kahn versäumt hatte, erstaunt zu scheinen, als er den Unterpräfekten erblickte. Der eine mußte in den Staatsrat gegangen sein, während der andere in die Rue Marbeuf lief. Auf diese Weise waren sie sicher, ihn nicht zu verfehlen.
»Nun, Sie hatten mir etwas zu sagen?« fragte Rougon in seiner gelassenen Art.
»Sprechen wir nicht mehr davon, mein lieber Freund«, rief der Abgeordnete. »Sie haben Verdrießlichkeiten genug. Ich werde Sie an einem solchen Tage ganz gewiß nicht mit meinen kleinen Kümmernissen quälen.«
»Nein, lassen Sie sich dadurch nicht stören. Reden Sie nur.«
»Je nun, es ist wegen meiner Angelegenheit. Sie wissen ja, wegen dieser verwünschten Konzession ... Ich bin sogar froh, daß Du Poizat hier ist. Er wird uns einige Aufschlüsse geben können.«
Und er setzte lang und breit auseinander, wie weit seine Angelegenheit gediehen war. Es handelte sich um eine Eisenbahnlinie von Niort nach Angers, einen Plan, den er seit drei Jahren hegte. Allerdings führte der Schienenstrang über Bressuire, wo er Hochöfen besaß, deren Wert sich dadurch verzehnfachen sollte; einstweilen hielt sich das Unternehmen nur gerade so, wegen der Transportschwierigkeiten. Ferner bot die Verwirklichung des Projekts die Aussicht, höchst erfolgreich im trüben fischen zu können. Deshalb entfaltete Herr Kahn eine ungeheure Betriebsamkeit, um die Konzession zu erhalten; Rougon unterstützte ihn nachdrücklich, und die Konzession sollte gerade erteilt werden, als Herr de Marsy, der Innenminister, einerseits ärgerlich darüber, daß er an dem Geschäft, bei dem er prächtige Spekulationsgewinne witterte, nicht beteiligt war, andererseits sehr begierig darauf, Rougon Unannehmlichkeiten zu bereiten, den ganzen Einfluß seiner hohen Stellung dazu verwandte, gegen den Plan anzukämpfen. Er hatte sogar kürzlich mit der Dreistigkeit, die ihn so gefürchtet machte, die Konzession durch den Minister für öffentliche Arbeiten dem Direktor der WestbahnGesellschaft anbieten lassen; und er verbreitete das Gerücht, einzig diese Gesellschaft sei imstande, den Bau einer Zweigbahn, der ernsthafte Garantien erfordere, erfolgreich durchzuführen. Herr Kahn würde dabei hart mitgenommen werden. Der Sturz Rougons mußte ihn vollends ruinieren.
»Gestern habe ich erfahren«, sagte er, »daß ein Ingenieur jener Gesellschaft beauftragt worden ist, eine neue Streckenführung zu prüfen ... Haben Sie davon Wind gehabt, Du Poizat?«
»Gewiß«, antwortete der Unterpräfekt. »Man hat sogar schon mit der Prüfung angefangen ... Man versucht, den Bogen zu vermeiden, den Sie machen wollten, um Bressuire zu berühren. Die Strecke wird in gerader Richtung über Parthenay und Thouars verlaufen.«
Der Abgeordnete machte eine mutlose Gebärde.
»Das ist ja Schikane«, knurrte er. »Was würde es ihnen ausmachen, die Strecke an meinem Hüttenwerk vorbeizuführen? – Aber ich werde Einspruch erheben, ich werde eine Denkschrift gegen ihre Streckenführung verfassen ... Ich fahre mit Ihnen nach Bressuire zurück.«
»Nein, warten Sie nicht auf mich«, entgegnete Du Poizat lächelnd. »Ich werde wohl meinen Rücktritt einreichen.«
Herr Kahn ließ sich, wie von einer endgültigen Katastrophe getroffen, in seinen Sessel sinken. Mit beiden Händen rieb er seine Bartfräse und blickte flehend Rougon an. Der hatte seine Akten hingelegt. Die Ellbogen auf den Schreibtisch gestützt, hörte er zu.
»Sie möchten einen Rat haben, nicht wahr?« sagte er schließlich mit harter Stimme. »Nun gut, verhalten Sie sich ganz still, meine teuren Freunde, bemühen Sie sich darum, daß die Dinge auf ihrem derzeitigen Stand bleiben, und warten Sie ab, bis wir die Herren sind ... Du Poizat wird seinen Rücktritt einreichen, weil er, wenn er das nicht tut, vor Ablauf von vierzehn Tagen seine Entlassung erhalten wird. Was Sie betrifft, Kahn, so schreiben Sie an den Kaiser, verhindern Sie mit allen Mitteln, daß die Konzession an die WestbahnGesellschaft vergeben wird. Sie werden sie jetzt bestimmt nicht bekommen, aber solange sie niemandem gehört, kann sie später mal Ihnen gehören.« Und da die beiden Männer den Kopf schüttelten, fuhr er noch brutaler fort: »Das ist alles, was ich für Sie tun kann. Ich liege am Boden, lassen Sie mir Zeit, mich wieder zu erheben ... Mache ich ein trauriges Gesicht? Nein, nicht wahr? Also gut, machen Sie mir das Vergnügen, nicht mehr so auszusehen, als gingen Sie hinter meinem Leichenwagen her ... Ich bin geradezu entzückt, ins Privatleben zurückzukehren. Endlich werde ich mich doch ein wenig ausruhen können!«
Die Arme verschränkt, den großen Körper wiegend, atmete er tief. Und Herr Kahn sprach nicht mehr von seiner Angelegenheit. Er ahmte Herrn Du Poizats gleichgültige Miene nach, bestrebt, vollständige Unbefangenheit an den Tag zu legen. Delestang hatte einen anderen Kasten in Angriff genommen, er machte hinter den beiden Sesseln so wenig Geräusch, daß man es zuweilen für das leise Geraschel einer Schar Mäuse halten konnte, die in den Aktenstößen spielten. Die Sonne, die über den roten Teppich wanderte, schnitt in den Schreibtisch einen Winkel blonden Lichts, in dem noch immer ganz bleich die Kerze brannte.
Inzwischen hatte ein vertrauliches Geplauder begonnen. Rougon, der jetzt wieder Bündel verschnürte, versicherte, die Politik sei nichts für ihn. Er lächelte gutmütig, während seine Lider, wie vor Müdigkeit, wieder über das Flammen seiner Augen sanken. Er hätte gern riesige Ländereien zu bestellen gehabt, mit Feldern, die er nach seinem Belieben bearbeiten würde, mit Viehherden, Pferden, Rindern, Schafen, Hunden, deren unumschränkter Gebieter er wäre. Und er erzählte, daß einst in Plassans, als er noch nichts weiter als ein kleiner Provinzadvokat gewesen, seine größte Freude darin bestanden habe, im Kittel loszuziehen und tagelang in den Schluchten der Seille zu jagen, wo er Adler abgeschossen habe. Er nannte sich einen Bauern, sein Großvater habe noch auf dem Felde schuften müssen. Dann fing er an, den der vornehmen Welt überdrüssigen Mann zu spielen. Die Macht langweile ihn. Er werde den Sommer auf dem Lande verbringen. Nie habe er sich unbeschwerter gefühlt als seit diesem Morgen; und er zuckte so gewaltig mit seinen starken Schultern, als würfe er eine Last ab.
»Was haben Sie hier als Präsident gehabt? Achtzigtausend Francs?« fragte Herr Kahn.
Rougon bejahte mit einer Kopfbewegung.
»Und nun bleiben Ihnen nur Ihre dreißigtausend Francs als Senator.«
Was ihm das ausmache! Er könne von nichts leben, denn er habe keine Laster, was übrigens stimmte. Weder Spieler noch Schürzenjäger, noch Schlemmer. Er sehne sich nur danach, Herr in seinem Hause zu sein, nach nichts sonst. Und unausweichlich kam er auf seine Idee von einem Bauernhof zurück, wo ihm alle Tiere gehorchen würden. Sein Ideal sei, eine Peitsche zu haben und zu befehlen, allen überlegen, klüger und stärker als alle zu sein. Nach und nach wurde er lebhaft, sprach von den Tieren, wie er von Menschen gesprochen haben würde, und behauptete, die Massen liebten den Stock, die Hirten lenkten ihre Herden nur mit Steinwürfen. Er verwandelte sich förmlich, seine dicken Lippen blähten sich vor Verachtung, das ganze Gesicht strotzte von Kraft. In der geballten Faust schwang er ein Aktenbündel und schien nahe daran zu sein, es Herrn Kahn und Herrn Du Poizat, die dieser plötzliche Leidenschaftsausbruch in Unruhe und Verlegenheit versetzte, an den Kopf zu werfen.
»Der Kaiser hat sehr schlecht gehandelt«, murmelte Du Poizat.
Da beruhigte sich Rougon plötzlich. Sein Gesicht wurde wieder grau, sein Körper sackte mit der Plumpheit eines fettleibigen Mannes zusammen. Er begann den Kaiser in übertriebener Weise zu loben: der besitze einen mächtigen Verstand, einen Geist von unglaublicher Tiefe. Du Poizat und Herr Kahn wechselten einen raschen Blick. Aber Rougon überbot sich noch, indem er von seiner Ergebenheit redete und ganz demutsvoll sagte, er sei immer stolz darauf gewesen, nichts weiter als ein einfaches Werkzeug in den Händen Napoleons III. zu sein. Schließlich machte er sogar Du Poizat, einen Burschen von unangenehmer Lebhaftigkeit, ungeduldig. Und ein Streit entspann sich. Du Poizat sprach bitter von all dem, was Rougon und er von 1848 bis 1851 für das Kaiserreich getan hätten, während sie bei Frau Mélanie Correur am Hungertuch nagten. Er erzählte von den schrecklichen Tagen, vor allem während des ersten Jahres, Tagen, die sie damit verbrachten, im Schmutz von Paris herumzupatschen, um Parteigänger zu werben. Später hatten sie zwanzigmal ihre Haut zu Markte getragen. War es nicht Rougon gewesen, der sich am Morgen des 2. Dezember an der Spitze eines Linienregiments des PalaisBourbon20 bemächtigt hatte? Bei diesem Spiel ging es um den Kopf. Und heute gab man ihn preis, wurde er das Opfer einer Hofintrige. Aber Rougon widersprach; man habe ihn nicht preisgegeben; er ziehe sich aus persönlichen Gründen zurück. Als dann Du Poizat, vollends in Schwung geraten, die Leute in den Tuilerien »Schweine« schimpfte, brachte ihn Rougon zum Schweigen, indem er dem Palisanderschreibtisch einen solchen Faustschlag versetzte, daß es krachte.
»Dumm ist das alles!« sagte er nur.
»Sie gehen ein wenig zu weit«, murmelte Herr Kahn.
Delestang, sehr bleich geworden, hatte sich hinter die Sessel gestellt. Leise öffnete er die Tür, um nachzusehen, ob niemand lausche. Doch im Vorzimmer bemerkte er nur die hohe Silhouette Merles, dessen ihm zugewandter Rücken wie die Verschwiegenheit selber wirkte. Rougons Worte hatten Du Poizat erröten lassen; nüchtern geworden, verstummte er nun und kaute mit verdrossener Miene auf seiner Zigarre herum.
»Zweifellos hat der Kaiser nicht die richtigen Leute um sich«, fing Rougon nach einer Pause wieder an. »Ich habe mir erlaubt, ihm das zu sagen, und er hat gelächelt. Er hat sogar zu scherzen geruht, indem er hinzufügte, daß meine Umgebung nicht mehr tauge als die seine.«
Du Poizat und Herr Kahn lachten gezwungen. Sie fanden den Ausspruch sehr hübsch.
»Aber ich wiederhole«, fuhr Rougon in einem eigentümlichen Ton fort, »ich ziehe mich aus freien Stücken zurück. Wenn man Sie fragt, die Sie zu meinen Freunden gehören, so versichern Sie, daß es mir noch gestern abend freigestanden habe, meine Demission zurückzunehmen ... Erklären Sie auch das Altweibergeschwätz für Lüge, das in bezug auf die RodriguezAngelegenheit umgeht, aus der man, wie es scheint, einen ganzen Roman macht. Vielleicht habe ich in dieser Sache nicht mit der Mehrheit des Staatsrates übereingestimmt, und das hat gewiß zu Reibungen geführt, die meinen Rücktritt beschleunigt haben. Aber ich hatte ältere und schwerwiegendere Gründe. Ich war schon lange entschlossen, die hohe Stellung aufzugeben, die ich dem Wohlwollen des Kaisers verdankte.«
Diesen ganzen Erguß begleitete er mit einer Geste der rechten Hand, wie er sie im Übermaß anzuwenden pflegte, wenn er vor der Kammer sprach. Seine Erklärungen waren augenscheinlich für die Öffentlichkeit bestimmt. Herr Kahn und Du Poizat, die ihren Rougon kannten, versuchten durch schlau geführte Reden, die eigentliche Wahrheit in Erfahrung zu bringen. Der große Mann, wie sie ihn unter sich vertraulich nannten, mußte irgendein ungeheures Spiel treiben. Sie brachten das Gespräch auf die Politik im allgemeinen. Rougon machte sich über das parlamentarische System lustig, das er den »Misthaufen der Mittelmäßigkeiten« nannte. Die Abgeordnetenkammer genieße seiner Ansicht nach noch eine sinnlose Freiheit. Dort werde viel zuviel geredet. Frankreich müsse von einem gut zusammengesetzten Apparat regiert werden, an der Spitze der Kaiser, unten, auf die Funktion eines Räderwerks beschränkt, die großen Körperschaften und die Beamten. Er lachte, und seine Brust hüpfte, während er mit einer rasenden Verachtung für die Dummköpfe, die eine starke Regierung forderten, sein System übertrieben pries.
»Aber«, unterbrach ihn Herr Kahn, »der Kaiser oben, alle anderen unten, das ist nur für den Kaiser vergnüglich!«
»Wenn man sich langweilt, geht man eben«, sagte Rougon gelassen.
Er lächelte und fügte dann hinzu: »Man wartet ab, bis es unterhaltsam wird, und kommt dann wieder.«
Eine lange Pause trat ein. Herr Kahn begann seine Bartfräse zu reiben, zufrieden, weil er erfahren hatte, was er zu erfahren wünschte. Er hatte tags zuvor in der Abgeordnetenkammer richtig geraten, als er zu verstehen gab, Rougon sei in der Erkenntnis, daß sein Ansehen in den Tuilerien erschüttert war, von sich aus einer Entlassung zuvorgekommen, um ein neues Leben anzufangen; die Sache mit Rodriguez bot ihm eine prachtvolle Gelegenheit, als Ehrenmann zu fallen.
»Und was sagt man?« fragte Rougon, um das Schweigen zu brechen.
»Ich bin gerade erst angekommen«, antwortete Du Poizat. »Immerhin habe ich soeben in einem Café einen ordengeschmückten Herrn Ihren Rücktritt lebhaft billigen hören.«
»Béjuin war gestern sehr ergriffen«, erklärte Herr Kahn, als die Reihe an ihm war. »Béjuin ist Ihnen äußerst zugetan. Er ist ein etwas farbloser Bursche, aber von großer Zuverlässigkeit. Selbst der kleine La Rouquette schien sich mir sehr angemessen zu verhalten. Er spricht vortrefflich von Ihnen.«
Und sie setzten die Unterhaltung über diese und jene Leute fort. Rougon stellte ohne die geringste Befangenheit Fragen, ließ sich einen genauen Bericht von dem Abgeordneten erstatten, der ihm willfährig und bis ins einzelne seine Beobachtungen über das Verhalten des Corps législatif in bezug auf ihn mitteilte.
»Heute nachmittag«, unterbrach ihn Du Poizat, dem es schmerzlich war, daß er nicht mit Auskünften dienen konnte, »werde ich durch Paris bummeln, und morgen früh, sobald ich aufgestanden bin, werde ich Ihnen viel zu erzählen haben.«
»Dabei fällt mir ein«, rief Herr Kahn lachend, »ich vergaß, Ihnen von de Combelot zu erzählen! – Nein wirklich, ich habe noch nie einen verlegeneren Menschen gesehen ...«
Doch er brach ab, weil Rougon mit einem Augenzwinkern auf den Rücken Delestangs wies, der gerade auf einen Stuhl gestiegen und damit beschäftigt war, den Oberteil eines Bücherschrankes auszuräumen, wo sich Zeitungen häuften. Herr de Combelot war mit einer Schwester Delestangs verheiratet. Letzterer litt, seit Rougon in Ungnade gefallen war, etwas unter seiner Verwandtschaft mit einem Kammerherrn; deshalb wollte er gern etwas Keckheit beweisen. Er wandte sich um und sagte mit einem Lächeln: »Warum sprechen Sie nicht weiter? – Combelot ist ein Dummkopf. So, nun wissen Sie Bescheid.«
Diese unbekümmerte Aburteilung eines Schwagers erheiterte die Herren sehr. Als Delestang seinen Erfolg sah, trieb er es so weit, daß er sich über de Combelots Bart lustig machte, den berüchtigten schwarzen Bart, der bei den Damen so berühmt war. Dann sagte er ohne jeden Übergang, während er ein Bündel Zeitungen auf den Teppich warf, ernst: »Des einen Kummer ist des andern Freude.«
Dieser Ausspruch ließ den Namen des Herrn de Marsy in der Unterhaltung auftauchen. Rougon, den Kopf gebeugt, als sei er angelegentlich mit einer Aktenmappe beschäftigt, deren einzelne Taschen er sorgfältig durchsah, ließ seine Freunde sich ihren Groll vom Herzen reden. Sie sprachen von de Marsy mit dem Ingrimm von Politikern, die über einen Gegner herfallen. Es hagelte nur so von groben Worten, abscheulichen Beschuldigungen, bis zur Lüge übertriebenen wahren Geschichten. Du Poizat, der Marsy schon früher, vor dem Kaiserreich, gekannt hatte, versicherte, jener sei damals von seiner Geliebten ausgehalten worden, einer Baronin, deren Diamanten er innerhalb von drei Monaten durchgebracht habe. Herr Kahn behauptete, es gebe an der Pariser Börse kein einziges anrüchiges Geschäft, in dem man nicht Marsys Finger finde. Und sie feuerten sich gegenseitig an, warfen einander immer stärkere Tatsachen zu: bei einem Grubenunternehmen habe Marsy Bestechungsgelder in Höhe von fünfzehnhunderttausend Francs eingestrichen, letzten Monat habe er der kleinen Florence vom »Les Bouffes21« ein vornehmes Stadthaus spendiert, eine Bagatelle von sechshunderttausend Francs, sein Anteil aus einem unsauberen Handel mit Aktien der marokkanischen Eisenbahnen; schließlich sei vor noch nicht acht Tagen das große Geschäft mit den ägyptischen Kanälen, das von seinen Kreaturen aufgezogen worden sei, mit einem ungeheuren Skandal zusammengebrochen, nachdem die Aktionäre erfahren hätten, daß in den zwei Jahren, in denen sie Geld eingezahlt, noch kein Spatenstich getan worden war. Dann fielen sie über seine persönlichsten Dinge her, bemühten sich, sein vornehmes Äußere, das eines eleganten Abenteurers, herabzusetzen, sprachen von früheren Krankheiten, die ihm später noch einen bösen Streich spielen würden, und gingen so weit, die Gemäldesammlung anzugreifen, die er damals zusammenbrachte.
»Das ist ein versehentlich in die Haut eines Possenschreibers geratener Bandit«, sagte abschließend Du Poizat.
Rougon hob langsam den Kopf. Er sah die beiden Männer aus seinen großen Augen an.
»Was soll denn die ganze Rederei«, sagte er. »Marsy macht seine Geschäfte, zum Teufel, wie Sie ja auch die Ihren machen möchten ... Wir verstehen einander nicht besonders. Ja, wenn ich ihm eines Tages das Genick brechen könnte, würde ich es gern tun. Aber alles, was Sie da erzählen, ändert nichts daran, daß Marsy enorm tüchtig ist. Wenn es ihm gerade einfiele, würde er sehr leicht mit Ihnen beiden fertig werden, lassen Sie sich das gesagt sein.«
Und des Sitzens überdrüssig, stand er aus seinem Sessel auf und reckte die Glieder. Dann fügte er unter heftigem Gähnen hinzu: »Das um so mehr, meine lieben Freunde, als ich nicht mehr eingreifen könnte.«
»Oh, wenn Sie wollten«, murmelte Du Poizat mit einem dünnen Lächeln, »könnten Sie sehr viel bei de Marsy erreichen. Sie haben hier bestimmt irgendwelche Papiere, die er hoch bezahlen würde ... Sehen Sie, da unten das Aktenstück Lardenois, jenes Abenteuer, bei dem er eine so sonderbare Rolle gespielt hat. Ich kenne da einen Brief von ihm, einen sehr merkwürdigen, den ich selber Ihnen seinerzeit gebracht habe.«
Rougon ging zum Kamin und warf die Papiere hinein, mit denen er nach und nach den Korb gefüllt hatte. Die Bronzeschale reichte nicht mehr aus.
»Man schlägt einander tot, aber man fügt einander keine Nadelstiche zu«, sagte er mit einem verächtlichen Achselzucken. »Jedermann hat solche dummen Briefe geschrieben, die bei anderen herumliegen.«
Und er nahm den Brief, steckte ihn an der Kerze in Brand, benutzte ihn als Fidibus, um den Stoß Papiere im Kamin anzuzünden. Einen Augenblick lang blieb er dort zusammengekauert, dennoch riesenhaft, hocken und bewachte die brennenden Papiere, die bis auf den Teppich rollten. Einige Verwaltungsakten aus dickem Papier wurden schwarz, drehten sich zusammen wie dünne Bleiplatten; mit häßlichen Handschriften besudelte Briefe und Zettel brannten mit kleinen blauen Flammenzungen, während in der Feuerglut, mitten in einem Gewimmel von Funken, ganz versengte Stücke heil und noch lesbar blieben.
In diesem Augenblick ging die Tür weit auf. Eine lachende Stimme sagte: »Gut, gut, ich werde Sie entschuldigen, Merle ... Ich gehöre zum Hause. Wenn Sie mich hindern wollten, hier einzutreten, würde ich, bei Gott, den Weg durch den Sitzungssaal nehmen!«
Das war Herr d'Escorailles, den Rougon vor sechs Monaten zum Auditeur22 beim Staatsrat hatte ernennen lassen. An seinem Arm führte er die hübsche Frau Bouchard mit herein, die in einer hellen Frühjahrstoilette strahlte.
»Das hat mir gerade gefehlt! Jetzt auch noch Frauen!« brummte Rougon.
Er ging nicht gleich vom Kamin fort. Er blieb auf dem Fußboden hocken, in der Hand die Schaufel, mit der er aus Angst vor einem Brand die Flamme erstickte. Und mit verdrossener Miene hob er sein großes Gesicht.
Herr d'Escorailles ließ sich dadurch nicht aus der Fassung bringen. Er und die junge Frau hatten schon beim Überschreiten der Schwelle aufgehört, einander anzulächeln, und statt dessen eine der Gelegenheit angemessene Haltung angenommen.
»Teurer Meister«, sagte er, »ich bringe Ihnen eine Ihrer Freundinnen, die Ihnen unbedingt ihr Bedauern aussprechen möchte ... Wir haben heute morgen den ›Moniteur‹ gelesen ...«
»Sie haben den ›Moniteur‹ gelesen, Sie alle«, knurrte Rougon, der sich endlich entschloß aufzustehen. Aber da gewahrte er jemanden, den er noch nicht bemerkt hatte. Nach einem Blinzeln murmelte er: »Ah, Herr Bouchard!«
Es war in der Tat ihr Ehemann. Still und würdevoll war er hinter den Röcken seiner Frau eingetreten. Herr Bouchard war sechzig Jahre alt, hatte einen völlig weißen Kopf und einen erloschenen Blick; sein Gesicht wirkte wie abgenutzt von seinen fünfundzwanzig Jahren Verwaltungsdienst. Er sprach kein Wort. Mit tief ergriffener Miene faßte er Rougons Hand, die er dreimal kräftig schüttelte.
»Na ja«, sagte Rougon, »es ist sehr nett von Ihnen, daß Sie alle zu mir gekommen sind; nur stören Sie mich entsetzlich ... Kurz, setzen Sie sich da drüben hin ... Du Poizat, geben Sie der gnädigen Frau Ihren Sessel.«
Als er sich umdrehte, sah er sich nun Oberst Jobelin gegenüber. »Auch Sie, Oberst!« rief er.
Die Tür war offengeblieben, und Merle hatte sich dem Eintreten des Obersten, der unmittelbar hinter den Bouchards die Treppe heraufgekommen war, nicht widersetzen können. Der Oberst hielt seinen Sohn an der Hand, einen großen Schlingel von fünfzehn Jahren, damals Schüler der dritten Klasse des Gymnasiums LouisleGrand.
»Ich wollte Ihnen Auguste herbringen«, erklärte er. »Im Unglück geben sich die wahren Freunde zu erkennen ... Auguste, gib die Hand.«
Aber Rougon stürzte zum Vorzimmer und schrie: »Machen Sie doch die Tür zu, Merle! Wo haben Sie denn Ihre Gedanken! Ganz Paris wird noch hereinkommen.«
Der Türhüter wandte ihm sein ruhiges Gesicht zu und sagte: »Das kommt davon, daß man Sie gesehen hat, Herr Präsident.«
Und er mußte beiseite treten, um die Charbonnels vorbeizulassen. Sie kamen nebeneinander herein, aber nicht untergefaßt, nach Atem ringend, tief unglücklich, bestürzt. Sie sprachen beide zugleich.
»Wir haben soeben den ›Moniteur‹ gelesen ... Ach, welche Nachricht! Wie verzweifelt wird Ihre arme Mutter sein! Und wir – in welch traurige Lage versetzt uns das!«
Diese zwei, naiver als die anderen, fingen sofort mit ihren unwichtigen Angelegenheiten an. Rougon brachte sie zum Schweigen. Er schob einen unter dem Türschloß verborgenen Riegel vor, wobei er murmelte, jetzt könne man die Tür seinetwegen einschlagen, und als er dann sah, daß offenbar nicht einer seiner Freunde sich entschließen mochte, das Zimmer zu verlassen, ergab er sich und versuchte, inmitten der neun Personen, die den Raum füllten, seine Arbeit zu Ende zu bringen. Das Ausräumen der Papiere hatte das Zimmer schließlich völlig in Unordnung gebracht. Auf dem Teppich lag ein wirres Durcheinander von Akten, so daß der Oberst und Herr Bouchard, die zu einer Fensternische gelangen wollten, die allergrößte Vorsicht walten lassen mußten, um auf dem Wege dorthin nicht irgend etwas Wichtiges zu zertreten. Auf allen Sitzgelegenheiten häuften sich verschnürte Bündel; einzig Frau Bouchard hatte sich auf einen leergebliebenen Sessel setzen können; und sie lächelte zu den Artigkeiten Du Poizats und Herrn Kahns, während Herr d'Escorailles, der keine Fußbank mehr fand, ihr einen dicken blauen, mit Briefen vollgepfropften Umschlag unter die Füße schob. Die in einer Ecke auf einen Haufen umgestürzten Schubfächer ermöglichten es den Charbonnels, sich für einen Augenblick hinzuhocken, um wieder zu Atem zu kommen, indes der junge Auguste, entzückt davon, in dieses Umzugsdurcheinander geraten zu sein, umherschnüffelte und hinter dem Berg von Schubfächern verschwand, in dessen Mitte sich Delestang verschanzt zu haben schien. Letzterer machte viel Staub, indem er von oben die Zeitungen aus dem Bücherschrank herunterwarf. Frau Bouchard hüstelte.
»Sie tun nicht gut daran, sich in diesem Schmutz aufzuhalten«, sagte Rougon, damit beschäftigt, die Schubfächer zu leeren, die nicht anzurühren er Delestang gebeten hatte.
Aber die junge Frau, ganz rosig vom Husten, versicherte ihm, daß sie sich sehr wohl fühle und ihr Hut den Staub vertragen könne. Und die Clique konnte ihre Anteilnahme gar nicht genug bekunden. Der Kaiser kümmere sich wahrlich nicht um das Wohl des Landes, wenn er sich von seines Vertrauens so wenig würdigen Männern umgarnen lasse. Frankreich erleide einen Verlust. Übrigens sei das immer so: gegen einen großen Geist verbündeten sich stets alle Mittelmäßigen.
»Regierungen sind undankbar«, erklärte Herr Kahn.
»Um so schlimmer für sie!« sagte der Oberst. »Sie treffen sich selbst, wenn sie ihre Diener schlagen.«
Aber Herr Kahn wollte das letzte Wort behalten. Er wandte sich zu Rougon um.
»Wenn ein Mann wie Sie stürzt, trauert das ganze Volk!«
Die Clique bestätigte: »Ja, ja, dann trauert das ganze Volk!«
Bei diesen plumpen Lobsprüchen hob Rougon den Kopf. Seine grauen Backen bekamen einen roten Schimmer, sein ganzes Gesicht lächelte verhalten vor Befriedigung. Er war so eitel auf seine Macht, wie es eine Frau auf ihre Anmut ist; und er liebte es, wenn die Schmeicheleien seine breite Brust, die so stark war, daß kein Pflasterstein sie zerschmettern konnte, aus nächster Nähe trafen. Unterdessen wurde es offensichtlich, daß seine Freunde einander im Wege waren; sie belauerten sich mit Blicken, versuchten sich gegenseitig zu verdrängen, wollten nicht deutlich reden. Jetzt, da der große Mann gezähmt zu sein schien, mußte man sich beeilen, ihm ein Versprechen zu entreißen. Und als erster faßte der Oberst einen Entschluß. Er führte Rougon, der, ein Schubfach unter dem Arm, widerstandslos mitging, in eine Fensternische.
»Haben Sie an mich gedacht?« fragte er ihn im Flüsterton, mit einem liebenswürdigen Lächeln.
»Gewiß, Ihre Ernennung zum Kommandeur der Ehrenlegion ist mir noch vor vier Tagen versprochen worden. Nur werden Sie wohl einsehen, daß es mir heute unmöglich ist, irgend etwas zuzusichern ... Ich fürchte, ich gestehe es Ihnen, meine Freunde werden die Folgen davon, daß ich in Ungnade gefallen bin, zu spüren bekommen.«
Die Lippen des Obersten zitterten vor Erregung. Er stammelte, man müsse kämpfen, er selber werde kämpfen. Dann drehte er sich plötzlich um und rief: »Auguste!«
Der Schlingel kauerte auf allen vieren unter dem Schreibtisch und war damit beschäftigt, die Aufschriften auf den Aktendeckeln zu lesen, was ihm ermöglichte, leuchtende Blicke auf Frau Bouchards Stiefelchen zu werfen. Er kam rasch herbei.
»Da ist mein munterer Sprößling«, sagte der Oberst leise. »Sie wissen, daß ich dieses Wurm da eines Tages irgendwo unterbringen muß. Ich rechne dabei auf Sie. Ich schwanke noch zwischen der Gerichts und der Verwaltungslaufbahn ... Gib deinem guten Freund die Hand, Auguste, damit er sich deiner erinnert.«
Inzwischen hatte sich Frau Bouchard, die vor Ungeduld an ihrem Handschuh knabberte, erhoben und das Fenster zur Linken erreicht; Herrn d'Escorailles hatte sie mit einem Blick befohlen, ihr zu folgen. Ihr Gatte war bereits dort; die Ellbogen auf die Schutzstange gestützt, genoß er die Aussicht. Ihm gegenüber zitterte das Laub der großen Kastanienbäume des Tuileriengartens in der heißen Sonne, während von der Pont Royal bis zur Pont de la Concorde die Seine ihr blaues, ganz mit Lichtflittern übersätes Wasser wälzte.
Auf einmal wandte sich Frau Bouchard um und rief: »Oh, Herr Rougon, sehen Sie doch nur!«
Und als sich Rougon beeilte, den Oberst zu verlassen, um ihrem Wunsch zu entsprechen, zog sich Du Poizat, der der jungen Frau nachgegangen war, diskret zurück und gesellte sich wieder zu Herrn Kahn, der am Mittelfenster stand.
»Sehen Sie doch, der mit Ziegeln beladene Kahn da wäre beinahe gekentert«, plapperte Frau Bouchard.
Rougon blieb bereitwillig dort in der Sonne stehen, bis Herr d'Escorailles, auf einen abermaligen Blick der jungen Frau hin, zu ihm sagte: »Herr Bouchard will um seine Entlassung einkommen. Wir haben ihn mitgebracht, damit Sie ihm Vernunft predigen.«
Darauf erklärte Herr Bouchard, daß ihn die Ungerechtigkeiten empörten.
»Ja, Herr Rougon, ich habe als Sekretär im Innenministerium angefangen, und ich habe es bis zum Bürovorsteher gebracht, ohne etwas der Begünstigung oder irgendwelchen Ränken zu verdanken ... Bürovorsteher bin ich seit dem Jahre siebenundvierzig. Nun gut! Inzwischen ist der Posten des Abteilungschefs schon fünfmal frei geworden, viermal während der Republik und einmal unter dem Kaiserreich, ohne daß der Minister an mich, der ich der Rangordnung nach Anspruch darauf habe, gedacht hätte ... Jetzt werden Sie das Versprechen, das Sie mir gegeben haben, nicht mehr einlösen können, und ich will lieber abgehen.«
Rougon mußte ihn beschwichtigen. Der Posten sei immerhin noch nicht an einen anderen vergeben; wenn er ihm auch diesmal entgehe, so sei das nur eine verpaßte Gelegenheit, eine Gelegenheit, die sich gewiß wieder einmal ergeben werde. Dann ergriff Rougon Frau Bouchards Hände und machte ihr auf eine väterliche Art Komplimente. Das Haus des Bürovorstehers war das erste gewesen, wo er nach seiner Ankunft in Paris empfangen worden war. Dort hatte er den Oberst getroffen, ein Geschwisterkind des Bürovorstehers. Später, als Herr Bouchard mit vierundfünfzig Jahren seinen Vater beerbte und ganz plötzlich von dem Wunsch gepackt wurde, sich zu verheiraten, hatte Rougon Frau Bouchard, geborene Adèle Desvignes, einer sehr wohlerzogenen jungen Dame aus einer angesehenen Familie in Rambouillet, als Trauzeuge gedient. Der Bürovorsteher hatte ein junges Mädchen aus der Provinz haben wollen, weil er auf Ehrbarkeit hielt. Adèle, blond, klein und bestrickend mit der ein wenig faden Naivität ihrer blauen Augen, war nach vier Ehejahren bei ihrem dritten Liebhaber angelangt.
»Nun, machen Sie sich keinen Kummer«, sagte Rougon, der noch immer ihre Handgelenke mit seinen großen Händen umklammert hielt, »Sie wissen genau, daß man alles tut, was Sie wünschen ... Jules wird Ihnen an einem der nächsten Tage berichten, wie die Dinge stehen.«
Und er nahm Herrn d'Escorailles beiseite und teilte ihm mit, daß er selber an diesem Morgen an dessen Vater geschrieben habe, um ihn zu beruhigen. Der junge Auditeur solle ruhig seine Stellung beibehalten. Die Familie d'Escorailles war eine der ältesten Familien in Plassans, wo sie allgemeine Verehrung genoß. Deshalb setzte Rougon, der früher in schiefgetretenen Schuhen an dem Palais des alten Marquis, des Vaters von Jules, vorbeigegangen war, seinen Stolz darein, den jungen Mann zu protegieren. Die Familie trieb noch immer einen frommen Kult mit Heinrich V.23, gleichzeitig aber ließ sie es zu, daß sich ihr Kind dem Kaiserreich verband. Das kam von den abscheulichen Zeiten.
Am Mittelfenster, das sie geöffnet hatten, um besser abgesondert zu sein, unterhielten sich Herr Kahn und Du Poizat und sahen dabei auf die fernen Dächer der Tuilerien hinaus, die in dem flimmernden Sonnenlicht bläulich schimmerten. Sie fühlten einander auf den Zahn, gaben abgerissene, von großen Pausen unterbrochene Worte von sich, Rougon sei zu heftig, er hätte sich nicht über die RodriguezAngelegenheit ärgern dürfen, die sich so leicht beilegen lasse. Dann murmelte Herr Kahn mit abwesendem Blick, als spräche er zu sich selber: »Man weiß, daß man fällt, aber man weiß nie, ob man wieder aufsteht.«
Du Poizat tat, als habe er nichts gehört. Und lange danach sagte er: »Oh, er ist ein sehr starker Kerl.«
Da drehte sich der Abgeordnete plötzlich um und sprach, den anderen fest ansehend, sehr schnell: »Unter uns gesagt, mir ist bange um ihn. Er spielt mit dem Feuer ... Gewiß, wir sind seine Freunde, und es ist nicht die Rede davon, ihn im Stich zu lassen. Ich lege nur Wert darauf, festzustellen, daß er bei dem allen sehr wenig an uns gedacht hat ... So habe ich zum Beispiel ungeheuer große und wichtige Dinge unter den Händen, die er mit seinem unüberlegten Vorgehen gefährdet hat. Er hätte kein Recht, es mir zu verübeln, wenn ich jetzt an eine andere Tür klopfte, nicht wahr? Denn schließlich erleide nicht ich allein Schaden, sondern auch die Bevölkerung.«
»Man muß an eine andere Tür klopfen«, wiederholte Du Poizat mit einem Lächeln.
Herr Kahn aber rückte, von plötzlichem Zorn ergriffen, mit seiner wahren Meinung heraus.
»Soll man es für möglich halten! – Dieser verteufelte Bursche bringt einen mit jedem auseinander. Wenn man zu seiner Clique gehört, ist es, als stände es einem an der Stirn geschrieben.«
Er beruhigte sich, seufzte und schaute zum Are de Triomphe hinüber, dessen leicht graue Steinmasse über die grünen Flächen der ChampsElysées hinausragte.
Bedächtig sagte er: »Was will man machen? Ich bin nun mal von einer blödsinnigen Treue.«
Seit einem Augenblick stand der Oberst hinter den beiden Herren.
»Die Treue ist der Pfad der Ehre«, sprach er mit seiner soldatischen Stimme.
Du Poizat und Herr Kahn traten auseinander, um dem Oberst Platz zu machen, der fortfuhr: »Rougon lädt heute eine Schuld gegen uns auf sich. Rougon ist nicht mehr sein eigener Herr.«
Diese Worte hatten eine ungeheure Wirkung. Nein, Rougon war gewiß nicht mehr sein eigener Herr. Und man mußte ihm das deutlich sagen, damit er seine Pflichten begriff. Alle drei senkten die Stimme, trafen heimliche Vereinbarungen, machten einander Hoffnungen. Von Zeit zu Zeit wandten sie sich um, warfen einen raschen Blick in das große Zimmer, um zu sehen, ob nicht einer der Freunde den großen Mann zu lange mit Beschlag belege.
Jetzt sammelte der große Mann die Aktenstöße zusammen, wobei er sich gleichzeitig mit Frau Bouchard weiterunterhielt. Die Charbonnels aber waren in der Ecke, wo sie sich bis dahin stumm und verlegen aufgehalten hatten, in einen Wortstreit geraten. Zweimal hatten sie versucht, Rougons habhaft zu werden, der sich von dem Oberst Und der jungen Frau hatte entführen lassen. Schließlich schob Herr Charbonnel seine Frau auf ihn zu.
»Heute morgen«, stammelte sie, »haben wir einen Brief von Ihrer Mutter erhalten ...«
Er ließ sie nicht ausreden. Er selber führte, abermals die Akten ohne übermäßige Gereiztheit im Stich lassend, die Charbonnels in die rechte Fensternische.
»Wir haben einen Brief von Ihrer Mutter erhalten«, wiederholte Frau Charbonnel.
Und sie wollte ihm den Brief vorlesen, als er ihn ihr wegnahm, um ihn mit einem Blick zu überfliegen.
Die Charbonnels, ehemalige Ölhändler aus Plassans, waren die Schützlinge Frau Félicités, wie man Rougons Mutter in der kleinen Stadt, in der sie lebte, zu nennen pflegte. Sie hatte die Charbonnels anläßlich eines Gesuchs, das sie dem Staatsrat einreichen wollten, zu ihm geschickt. Der Sohn eines Vetters von ihnen, ein gewisser Chevassu, Anwalt in Faverolles, der Hauptstadt des benachbarten Departements, hatte bei seinem Ableben den Schwestern von der Heiligen Familie ein Vermögen von fünfhunderttausend Francs vermacht. Die Charbonnels, die niemals mit dieser Erbschaft gerechnet hatten, nun aber plötzlich durch den Tod eines Bruders des Verblichenen zu Erben geworden waren, klagten laut über Erbschleicherei; und als die Gemeinde vom Staatsrat die Ermächtigung erbat, das Legat anzunehmen, verließen sie ihren alten Wohnsitz Plassans und eilten nach Paris, wo sie sich im Hôtel du Périgord in der Rue Jacob einmieteten, um ihre Angelegenheit aus der Nähe zu verfolgen. Und diese Angelegenheit zog sich schon sechs Monate hin.
»Wir sind sehr traurig«, seufzte Frau Charbonnel, während Rougon den Brief las. »Ich wollte ja nichts von diesem Prozeß hören. Aber mein Mann sagte immer wieder, mit Ihrer Hilfe sei uns das Geld sicher, Sie brauchten nur ein Wort zu sagen, und die fünfhunderttausend Francs flössen in unsere Tasche ... Nicht wahr, Charbonnel?«
Der ehemalige Ölhändler schüttelte hoffnungslos den Kopf. »Das war ein Betrag«, fuhr die Frau fort, »dafür lohnte es sich, seine bisherige Lebensweise auf den Kopf zu stellen ... Ach ja, sie ist auf den Kopf gestellt worden, unsere Lebensweise! Denken Sie doch, Herr Rougon, noch gestern hat sich das Zimmermädchen geweigert, uns frische Handtücher zu geben! Das mir, die ich in Plassans fünf Schränke voll Wäsche habe!«
Und sie beklagte sich weiter bitter über Paris, das sie verabscheue.
Sie waren für acht Tage hierhergekommen, später hatten sie sich, da sie von Woche zu Woche hofften, abreisen zu können, nichts nachschicken lassen. Jetzt, als die Sache kein Ende nahm, ließen sie es eigensinnig bei ihrem möblierten Zimmer bewenden, aßen, was das Hausmädchen ihnen gerade brachte, und saßen ohne Wäsche, ja fast ohne Kleidungsstücke da. Sie hatten nicht einmal eine Bürste, und Frau Charbonnel frisierte sich mit einem zerbrochenen Kamm. Zuweilen setzten sie sich auf ihren kleinen Koffer und weinten vor Erschöpfung und Wut.
»Und dieses Hôtel hat so zweideutige Gäste!« murmelte Herr Charbonnel mit großen verstörten Augen. »Da wohnt ein junger Mann neben uns. Man hört da Sachen ...«
Rougon faltete den Brief zusammen.
»Meine Mutter«, sagte er, »gibt Ihnen den ausgezeichneten Rat, sich zu gedulden. Ich kann Sie nur auffordern, sich mit einem neuen Vorrat an Mut zu wappnen ... Ihr Prozeß scheint mir gut zu stehen; aber nun bin ich abgegangen, und da wage ich Ihnen nichts mehr zu versprechen.«
»Morgen verlassen wir Paris!« schrie Frau Charbonnel in einem Anfall von Verzweiflung.
Doch kaum hatte sie diesen Schrei ausgestoßen, als sie ganz blaß wurde. Herr Charbonnel mußte sie stützen. Und einen Augenblick lang standen sie wortlos da, sahen einander mit zitternden Lippen an und hätten am liebsten geweint. Es wurde ihnen schwach, ein jäher Schreck befiel sie, als seien ganz plötzlich die fünfhunderttausend Francs vor ihren Augen zerronnen.
Rougon fuhr herzlich fort: »Sie haben es mit einem starken Gegner zu tun. Monsignore24 Rochart, der Bischof von Faverolles, ist persönlich nach Paris gekommen, um die Eingabe der Schwestern von der Heiligen Familie25 zu unterstützen. Ohne sein Dazwischentreten hätten Sie schon lange gewonnenes Spiel. Der Klerus ist heute leider sehr mächtig ... Aber ich lasse hier Freunde zurück, ich hoffe, etwas tun zu können, ohne selber in Erscheinung zu treten. Sie haben so lange gewartet, daß, wenn Sie morgen abreisten ...«
»Wir werden bleiben. Wir werden bleiben«, beeilte sich Frau Charbonnel zu stammeln. »Ach, Herr Rougon, diese Erbschaft wird uns teuer zu stehen kommen!«
Rougon machte sich eifrig wieder an seine Papiere. Er ließ einen befriedigten Blick durch den Raum schweifen, erleichtert, weil er niemanden mehr sah, der ihn noch in eine Fensternische hätte führen können; die ganze Clique war abgespeist. In wenigen Minuten brachte er seine Arbeit ein gutes Stück weiter. Er besaß eine brutale Heiterkeit, mit der er sich über die Leute lustig machte, um sich für den Verdruß zu rächen, den man ihm verursachte. Eine Viertelstunde lang wurde er furchtbar für seine Freunde, deren Geschichten er sich eben noch mit soviel Wohlwollen angehört hatte. Er trieb es so weit, er zeigte sich so schroff gegen die hübsche Frau Bouchard, daß sich die Augen der jungen Frau mit Tränen füllten, obwohl sie nicht zu lächeln aufhörte. Die Freunde, an solche Keulenschläge gewöhnt, lachten. Niemals war es besser um ihre Angelegenheiten bestellt als in den Stunden, da Rougon seine Fäuste auf ihrem Nacken übte.
In diesem Augenblick wurde leise an die Tür geklopft.
»Nein, nein, machen Sie nicht auf!« rief er Delestang zu, der aufgesprungen war. »Will man mich etwa zum Narren halten! Mir dröhnt schon der Kopf!«
Und als man die Tür heftiger erschütterte, knurrte er zwischen den Zähnen: »Ach, wie würde ich diesen Merle hinauspfeffern, wenn ich hierbliebe!«
Es klopfte nicht mehr. Auf einmal aber tat sich in einer Ecke des Zimmers eine kleine Tür auf, durch die sich ein riesiger Frauenrock aus blauer Seide rücklings hereinzwängte. Und dieser sehr helle, reich mit Bandschleifen verzierte Rock verhielt dort einen Augenblick, halb schon im Zimmer, ohne daß man etwas anderes sah. Draußen sprach lebhaft eine ganz zarte Frauenstimme.
»Herr Rougon!« rief die Dame, endlich ihr Gesicht zeigend. Es war Frau Correur in einem mit einem Rosensträußchen garnierten Hut.
Rougon, der wütend, die Fäuste geballt, näher gekommen war, ergab sich in sein Schicksal, drückte der Eintretenden die Hand und dienerte.
»Ich habe Merle gefragt, wie es ihm hier gefällt«, sagte Frau Correur und ließ dabei ihren Blick zärtlich auf dem großen Kerl von Türhüter ruhen, der aufrecht und lächelnd vor ihr stand. »Und Sie, Herr Rougon, sind Sie mit ihm zufrieden?«
»Aber ja, gewiß doch«, erwiderte Rougon liebenswürdig.
Merle behielt sein verzücktes Lächeln, die Augen starr auf Frau Correurs üppigen Hals gerichtet. Sie warf sich in die Brust, brachte mit einer Hand die Locken an den Schläfen in Ordnung.
»Es geht also gut, junger Mann«, sagte sie. »Wenn ich jemanden unterbringe, möchte ich, daß alle zufrieden sind ... Und wenn Sie einen Rat brauchen sollten, so kommen Sie zu mir, morgens, Sie wissen ja, zwischen acht und neun. Also, seien Sie brav.«
Und mit den an Rougon gerichteten Worten: »Nichts geht über die ehemaligen Soldaten«, trat sie ganz in das Arbeitszimmer. Dann gab sie ihn nicht mehr frei; sie führte ihn mit kleinen Schritten zu dem Fenster am anderen Ende und zwang ihn so, den ganzen Raum zu durchqueren. Sie schalt ihn, weil er nicht aufgemacht hatte. Wenn sich Merle nicht bereit gefunden hätte, sie durch die kleine Tür hereinzulassen, hätte sie also draußen bleiben müssen? Doch Gott wisse, wie nötig es für sie sei, ihn zu sprechen! Denn schließlich könne er doch nicht einfach weggehen wollen, ohne ihr zu sagen, wie es um ihre Bittgesuche stehe. Sie zog ein kleines, sehr kostbares, in rosa Moiré gebundenes Notizbuch aus der Tasche.
»Ich habe den ›Moniteur‹ erst nach dem Frühstück gesehen«, sagte sie. »Ich habe sofort eine Droschke genommen ... Hören Sie, wie steht es mit der Angelegenheit von Frau Leturc, der Hauptmannswitwe, die um einen Tabakladen bittet? Ich habe ihr für nächste Woche eine Entscheidung versprochen ... Und die Sache jener jungen Dame, Sie wissen schon, Herminie Billecoq, eine frühere Schülerin von Saint Denis26, die ihr Verführer, ein Offizier, zu heiraten eingewilligt hat, falls irgendeine ehrliche Seele die vorgeschriebene Mitgift vorstrecken will. Wir hatten an die Kaiserin gedacht ... Und all die anderen Damen, Frau Chardon, Frau Testanière, Frau Jalaguier, die seit Monaten warten?«
Rougon antwortete in aller Ruhe, erklärte die Verzögerungen, ging auf die geringsten Einzelheiten ein. Er gab Frau Correur jedoch zu verstehen, daß sie von nun an sehr viel weniger auf ihn zählen dürfe. Da wurde sie tieftraurig. Es beglücke sie doch so sehr, anderen zu helfen! Was denn aus ihr und allen diesen Damen werden solle? Und sie endete damit, von ihren persönlichen Angelegenheiten zu sprechen, die Rougon genau kannte. Sie wiederholte, daß sie eine Martineau sei, von den Martineaus in Coulonges, einer guten Familie aus der Vendée, in der man bis zu sieben aufeinanderfolgende Generationen Notare nachweisen könne. Niemals ließ sie sich deutlich darüber aus, wie sie selber zu dem Namen Correur gekommen war. Im Alter von vierundzwanzig Jahren war sie mit einem Metzgerburschen durchgebrannt, nachdem sie sich einen ganzen Sommer lang mit ihm in einem Schuppen getroffen hatte. Ihr Vater hatte unter dem Schlag dieses Skandals, einer Ungeheuerlichkeit, von der man noch jetzt in jener Gegend sprach, sechs Monate lang mit dem Tode gerungen. Seit jener Zeit lebte sie in Paris, für ihre Familie sozusagen gestorben. Zehnmal hatte sie an ihren Bruder, der jetzt dem Notariat vorstand, geschrieben, ohne ihn zu einer Antwort bewegen zu können; und dieses Schweigen legte sie ihrer Schwägerin zur Last; »eine Frau, die es mit den Pfaffen hält, die diesen Dummkopf Martineau an der Nase herumführt«, sagte sie. Eine ihrer fixen Ideen war, wie Du Poizat nach Coulonges zurückzukehren, um sich dort als sehr wohlhabende und geachtete Frau zu zeigen.
»Noch vor acht Tagen habe ich geschrieben«, murmelte sie. »Ich wette, sie wirft meine Briefe ins Feuer ... Dennoch müßte sie mir, wenn Martineau stürbe, das Haus ganz weit auftun. Sie haben keine Kinder, ich würde wichtige Angelegenheiten zu regeln haben. Martineau ist fünfzehn Jahre älter als ich und leidet, wie man mir erzählt hat, an Gicht.«
Dann änderte sie plötzlich den Ton und sagte: »Nun, denken wir nicht mehr an all das ... Jetzt geht es darum, daß man sich für Sie einsetzt, nicht wahr, Eugène? Und man wird sich einsetzen, das werden Sie sehen. Es ist unbedingt nötig, daß Sie alles sind, damit wir überhaupt etwas sind ... Erinnern Sie sich noch an einundfünfzig?«
Rougon lächelte. Und als sie ihm mütterlich beide Hände drückte, neigte er sich zu ihrem Ohr und flüsterte: »Falls Sie Gilquin sehen, sagen Sie ihm, er solle vernünftig sein. Hat er es sich doch in der vorigen Woche einfallen lassen, nachdem er sich so benommen hatte, daß man ihn auf die Wache brachte, meinen Namen anzugeben, damit ich hingehen und seine Freilassung fordern sollte!«
Frau Correur versprach, mit Gilquin zu reden, einem ihrer früheren Mieter aus jener Zeit, da Rougon im Hôtel Vanneau wohnte, einem sehr nützlichen Burschen, wenn es darauf ankam, der aber von einer recht kompromittierenden Liederlichkeit war.
»Ich habe eine Droschke unten, ich mache mich davon«, sagte sie mit einem Lächeln und sehr laut, während sie in die Mitte des Zimmers zurückkehrte.
Und trotzdem blieb sie noch einige Minuten, von dem Wunsch erfüllt, die ganze Clique mit ihr zugleich fortgehen zu sehen. Um einen allgemeinen Aufbruch herbeizuführen, bot sie sogar an, jemanden in ihrer Droschke mitzunehmen. Der Oberst nahm an, und man kam überein, daß der kleine Auguste neben dem Kutscher sitzen solle. Dann begann ein großes Händeschütteln. Rougon hatte sich in die Nähe der weit offenen Tür gestellt. Alle, die an ihm vorbeigingen, sprachen ihm noch einmal mit ein paar phrasenhaften Worten ihre Anteilnahme aus. Herr Kahn, Du Poizat und der Oberst reckten den Hals, flüsterten ihm ganz leise etwas ins Ohr, damit er sie nicht vergäße. Die Charbonnels waren schon auf der obersten Treppenstufe, und Frau Correur plauderte im Hintergrund des Vorzimmers mit Merle, während sich Frau Bouchard, auf die in ein paar Schritt Entfernung Herr d'Escorailles und ihr Gatte warteten, noch sehr anmutig, sehr sanft bei Rougon versäumte und ihn fragte, zu welcher Stunde sie ihn ganz allein in der Rue Marbeuf sprechen könne, weil sie in Gegenwart anderer allzu blöd sei. Als aber der Oberst sie diese Bitte äußern hörte, machte er plötzlich kehrt; die anderen folgten ihm, alle kamen wieder herein.
»Wir alle werden Sie besuchen!« rief der Oberst.
»Sie dürfen sich nicht vergraben«, sagten mehrere Stimmen.
Herr Kahn bat mit einer Handbewegung um Ruhe. Dann gab er den großartigen Satz von sich: »Sie gehören nicht mehr sich selbst, Sie gehören Ihren Freunden und Frankreich.«
Und endlich brachen sie auf. Rougon konnte die Tür wieder schließen. Er stieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus. Da kam Delestang, den er ganz vergessen hatte, hinter dem Haufen Pappkästen hervor, in dessen Schutz er soeben als gewissenhafter Freund das Ordnen der Papiere beendet hatte. Er war ein wenig stolz auf seine Leistung. Er handelte, indes die anderen redeten. So nahm er denn auch mit wahrem Genuß die lebhaften Dankesbezeigungen des großen Mannes entgegen. Nur er verstehe wirklich, einem hilfreich zu sein; er habe Sinn für Ordnung und eine Arbeitsweise, womit er es weit bringen werde. Und Rougon fand noch mehrere andere schmeichelhafte Dinge, ohne daß sich erkennen ließ, ob er sich nicht lustig machte. Dann, sich umwendend und einen Blick in alle Winkel werfend: »Aber nun sind wir, glaube ich, dank Ihrer fertig ... Man braucht nur noch Merle den Auftrag zu geben, diese Bündel da zu mir bringen zu lassen.«
Er rief den Türhüter, bezeichnete ihm seine persönlichen Akten.
Auf alle Anweisungen antwortete der Türhüter: »Jawohl, Herr Präsident!«
»Ach, Sie Trottel«, schrie Rougon schließlich gereizt, »nennen Sie mich doch nicht mehr Präsident, ich bin es ja nicht mehr!«
Merle verbeugte sich, machte einen Schritt auf die Tür zu und blieb zögernd stehen. Er kehrte zurück und sagte: »Unten ist eine Dame zu Pferde, die wünscht, Herrn ... Sie hat lachend erklärt, sie würde bestimmt heraufreiten, wenn nur die Treppe breit genug wäre ... Sie wollte dem Herrn nur die Hand drücken.«
Rougon ballte schon die Fäuste, weil er es für einen Scherz hielt. Aber Delestang, der durch ein Fenster des Treppenabsatzes geschaut hatte, kam angelaufen und murmelte mit sehr erregtem Gesicht: »Fräulein Clorinde!«
Da ließ Rougon ihr ausrichten, daß er hinunterkomme. Als Delestang und er dann nach ihren Hüten griffen, sah er ihn, erstaunt über seine Erregung, mit gerunzelten Brauen und argwöhnischer Miene an.
»Hüten Sie sich vor den Frauen!« wiederholte er.
Und von der Schwelle aus schenkte er dem Arbeitszimmer einen letzten Blick. Durch die drei offengebliebenen Fenster fiel das volle Tageslicht herein, beleuchtete grell die ausgeräumten Schränke, die umherliegenden Schubfächer, die verschnürten und mitten auf dem Teppich aufgehäuften Bündel. Das Arbeitszimmer sah sehr groß, sehr trübselig aus. Im Kamin hatte die Masse der in ganzen Packen verbrannten Schriftstücke nur eine kleine Schaufel voll schwarzer Asche zurückgelassen. Als er die Tür schloß, erlosch die auf einer Ecke des Schreibtisches vergessene Kerze, wobei der kristallene Leuchtereinsatz mit lautem Klang in der Stille des leeren Zimmers zersprang.
Kapitel III
Nachmittags gegen vier Uhr pflegte sich Rougon zuweilen für kurze Zeit zur Gräfin Balbi zu begeben. Er ging als Nachbar hin, zu Fuß. Die Gräfin bewohnte ein kleines Palais, ein paar Schritte von der Rue Marbeuf entfernt, an der Avenue des ChampsElysées. Übrigens war sie selten zu Hause; und wenn sie zufällig anwesend war, lag sie zu Bett und ließ sich entschuldigen. Das verhinderte nicht, daß das Treppenhaus des kleinen Palais von einem Heidenlärm geräuschvoller Besucher erfüllt war und daß unaufhörlich die Türen der Salons schlugen. Ihre Tochter Clorinde empfing in einem langen schmalen Raum, einer Art Maleratelier, das nach der Avenue zu große verglaste Öffnungen hatte.
Fast drei Monate lang hatte sich Rougon mit der Brutalität eines keuschen Mannes dem entgegenkommenden Verhalten dieser Damen gegenüber, die sich ihm auf einem Ball des Ministeriums für Auswärtige Angelegenheiten hatten vorstellen lassen, sehr ablehnend benommen. Er begegnete ihnen überall, stets zeigten die beiden das gleiche auffordernde Lächeln, immer schwieg die Mutter, sprach das junge Mädchen anmaßend und sah ihm gerade in die Augen. Und er war standhaft, er mied sie, schlug die Augen nieder, um sie nicht zu sehen, lehnte die Einladungen ab, die sie ihm zukommen ließen. Immer wieder bedrängt, verfolgt bis in sein Haus hinein, an dem Clorinde mit Vorliebe vorbeizureiten schien, zog er dann Erkundigungen ein, bevor er sich zu ihnen wagte.
In der italienischen Botschaft äußerte man sich zu ihm sehr günstig über diese Damen: den Grafen Balbi habe es tatsächlich gegeben; die Gräfin unterhalte hohe Beziehungen in Turin; die Tochter schließlich sei noch im vergangenen Jahr nahe daran gewesen, einen kleinen deutschen Fürsten zu heiraten. Aber als sich Rougon anschließend an die Herzogin Sanquirino wandte, sah die Sache ganz anders aus. Dort versicherte man ihm, Clorinde sei zwei Jahre nach dem Tode des Grafen geboren; übrigens gehe eine sehr verwickelte Legende über das Ehepaar Balbi um, der zufolge Mann und Frau eine Menge Abenteuer hinter sich hätten, beiderseits Ausschweifungen, eine in Frankreich ausgesprochene Scheidung, eine in Italien überraschend vollzogene Aussöhnung, nach der sie in einer Art wilder Ehe gelebt hätten. Ein junger Botschaftsattaché, sehr auf dem laufenden über das, was sich am Hofe Viktor Emanuels27 zutrug, wurde noch deutlicher: wenn die Gräfin dort unten noch Einfluß besitze, so verdanke sie das seiner Ansicht nach einem früheren Liebesverhältnis mit einer sehr hochgestellten Persönlichkeit; und er ließ durchblicken, daß sie in Turin geblieben sein würde, hätte sich nicht ein gewisser ungeheurer Skandal ereignet, über den er sich nicht näher auslassen könne. Rougon, allmählich von dem Reiz seiner Nachforschungen gepackt, ging bis zur Polizeipräfektur, wo er nichts Genaues ermitteln konnte; die Akten über die beiden Ausländerinnen stellten diese lediglich als zwei Frauen dar, die auf großem Fuß lebten, ohne daß etwas von einem ihnen gehörenden soliden Vermögen bekannt gewesen wäre. Sie behaupteten, Güter in Piemont zu besitzen. Tatsächlich war es zuweilen mit ihrem Aufwand plötzlich zu Ende; dann verschwanden sie auf einmal, um bald in neuem Glanz wieder aufzutauchen. Kurz, man wußte nichts über sie; man zog es vor, nichts zu wissen. Sie verkehrten in der besten Gesellschaft, ihr Haus wurde als neutraler Boden anerkannt, auf dem man Clorindes Überspanntheit als eine fremdländische Blüte duldete. Rougon entschloß sich, diese Damen zu besuchen.
Beim dritten Besuch hatte die Neugier des großen Mannes zugenommen. Er war von einer schwerfälligen Sinnlichkeit, die nur sehr langsam erwachte. Was ihn zunächst an Clorinde anzog, war das Prickelnde des Unbekannten, ihre ganze Vergangenheit, eine sie völlig beherrschende Zukunftsvorstellung, die er auf dem Grunde dieser großen Augen, den Augen einer jungen Göttin, zu lesen vermeinte. Wohl hatte man ihm abscheuliche Geschichten erzählt von einer ersten Schwäche für einen Kutscher und von einem später mit einem Bankier abgeschlossenen Geschäft, der die Scheinjungfräulichkeit des Fräuleins aus dem kleinen Palais der ChampsElysées bezahlt habe. Aber in manchen Stunden erschien sie ihm so kindlich, daß er zu zweifeln begann, sich fest vornahm, sie zu Geständnissen zu bewegen, und wiederkam, um das Geheimnis dieses seltsamen Mädchens zu ergründen, die, ein lebendes Rätsel, ihn schließlich ebensosehr beschäftigte wie ein schwieriges Problem der hohen Politik. Bis dahin war er ein Frauenverächter gewesen, und die erste, an die er geriet, war bestimmt der komplizierteste Mechanismus, den man sich vorstellen konnte.
Am Tage nach jenem, an dem Clorinde auf ihrem Mietspferd erschienen war, um Rougon an der Tür des Staatsrats teilnahmsvoll die Hand zu drücken, hatte er ihr einen Besuch gemacht, den sie übrigens nachdrücklich gefordert hatte. Sie müsse, hatte sie gesagt, ihm etwas zeigen, das ihn aus seiner trüben Stimmung reißen werde. Er nannte sie lachend »mein Laster«; er vergaß gern bei ihr die Zeit, belustigt, geschmeichelt, aufmerksamen Geistes, um so mehr, als er noch an ihr herumbuchstabierte, womit er noch nicht weitergekommen war als am ersten Tag. Als er um die Ecke der Rue Marbeuf bog, warf er einen Blick in die Rue du Colisée, auf das Stadthaus Delestangs, den er schon mehrmals dabei ertappt zu haben glaubte, wie er, das Gesicht zwischen den halb geöffneten Sommerläden, von der anderen Seite der Avenue aus nach Clorindes Fenstern spähte; aber die Läden waren geschlossen, Delestang mußte wohl morgens auf sein Mustergut La Chamade gefahren sein.
Die Tür des Palais Balbi stand stets weit offen. Rougon traf am Fuß der Treppe eine kleine, dunkelhäutige, schlecht frisierte Frau in einem zerlumpten gelben Kleid, die wie in einen Apfel in eine Orange biß.
»Antonia, ist Ihre Herrin zu Hause?« fragte er sie.
Sie antwortete nicht, da sie den Mund voll hatte, bewegte nur heftig und lachend den Kopf. Ihre Lippen waren ganz verschmiert vom Orangensaft; sie kniff die kleinen Augen zusammen, die wie zwei Tintenflecke auf ihrer braunen Haut aussahen.
Rougon, bereits an die schlampige Dienerschaft des Hauses gewöhnt, ging hinauf. Im Treppenhaus kam er an einem baumlangen Diener mit dem Aussehen eines Banditen und einem langen schwarzen Bart vorbei, der ihn ruhig ansah, ohne ihm die Geländerseite freizugeben. Auf dem Treppenabsatz des ersten Stocks fand er sich dann allein drei offenen Türen gegenüber. Die zur Linken führte in Clorindes Zimmer. Er war so vorwitzig, einen langen Hals zu machen. Obwohl es bereits vier Uhr war, war das Zimmer noch nicht aufgeräumt; ein vor dem Bett aufgestellter Wandschirm verdeckte zur Hälfte die herunterhängenden Decken, und über den Wandschirm geworfen, trockneten die untenherum ganz mit Schmutz bespritzten Röcke vom Tage zuvor. Vor dem Fenster stand auf dem Fußboden die mit Seifenwasser gefüllte Waschschüssel, während die Katze des Hauses, ein grauer Kater, zusammengerollt auf einem Haufen Kleidungsstücke schlief.
Clorinde hielt sich meist im zweiten Stock auf, in jenem Raum, aus dem sie nacheinander ein Atelier, ein Rauchzimmer, ein Treibhaus, einen Sommersalon gemacht hatte. Je weiter Rougon hinaufstieg, um so stärker vernahm er Stimmenlärm, helles Gelächter, das Gepolter stürzender Möbelstücke. Und als er vor der Tür angelangt war, unterschied er schließlich, daß ein schwindsüchtiges Klavier den Lärm anführte, während eine Stimme sang. Er klopfte zweimal, ohne Antwort zu erhalten. Da entschloß er sich, einzutreten.
»Ah! Bravo, bravo! Da ist er ja!« rief Clorinde und klatschte in die Hände.
Er, der für gewöhnlich schwer aus der Fassung zu bringen war, blieb einen Augenblick lang staunend auf der Schwelle stehen. Vor dem alten Klavier, auf das er wütend einhieb, um ihm weniger dünne Töne zu entlocken, saß der Cavaliere Rusconi, der italienische Botschafter, ein schöner Mann, brünett und, wenn es ihm gerade paßte, ein ernsthafter Diplomat. In der Mitte des Raumes walzte der Abgeordnete La Rouquette mit einem Stuhl, dessen Rücklehne er zärtlich mit den Armen an sich drückte, so hingerissen von seinem Schwung, daß er das Parkett mit umgestürzten Sitzgelegenheiten bestreut hatte. Und im grellen Licht eines der Fenster stand, einem jungen Mann gegenüber, der sie mit Reißkohle auf eine Leinwand zeichnete, mitten auf einem Tisch Clorinde mit nackten Schenkeln, nackten Armen, nackter Brust, völlig nackt und mit gelassener Miene Modell als Jagdgöttin Diana. Auf einem Kanapee saßen drei tiefernste Herren, rauchten dicke Zigarren und betrachteten, die Beine übereinandergeschlagen, das junge Mädchen, ohne ein Wort zu sprechen.
»Lassen Sie, rühren Sie sich nicht«, rief der Cavaliere Rusconi Clorinde zu, die vom Tisch herunterspringen wollte. »Ich werde die Vorstellung übernehmen.« Und von Rougon begleitet, sagte er scherzend, als sie an Herrn La Rouquette vorbeigingen, der atemlos in einen Sessel gesunken war: »Herr La Rouquette, den Sie kennen. Ein künftiger Minister.«
Dann fuhr er, sich dem Maler nähernd, fort: »Herr Luigi Pozzo, mein Sekretär, Diplomat, Maler, Musiker und Verliebter.«
Die drei Herren auf dem Kanapee vergaß er. Doch als er sich umwandte, bemerkte er sie; und er gab seinen scherzenden Ton auf, verneigte sich in ihrer Richtung und murmelte dabei in formvollendetem Ton: »Herr Brambilla, Herr Staderino, Herr Viscardi, alle drei politische Flüchtlinge.«
Die drei Venetianer verbeugten sich, ohne ihre Zigarren aus der Hand zu legen. Der Cavaliere Rusconi kehrte gerade ans Klavier zurück, als Clorinde ihn heftig schalt und ihm vorwarf, er sei ein schlechter Zeremonienmeister. Und ihrerseits auf Rougon weisend, sagte sie einfach, aber mit einer besonderen, sehr schmeichelhaften Betonung: »Herr Eugène Rougon.«
Man verbeugte sich abermals. Rougon, der einen Augenblick lang irgendeinen unpassenden Scherz befürchtet hatte, war überrascht von dem plötzlichen Takt und der Würde dieses großen Mädchens, das da halbnackt in seinem Gazegewand stand. Er setzte sich und erkundigte sich nach dem Befinden der Gräfin Balbi, wie es seine Gepflogenheit war; er tat sogar bei jedem Besuch so, als gelte er der Mutter, was ihm schicklicher erschien.
»Ich hätte mich sehr gefreut, ihr persönlich meine Aufwartung machen zu dürfen«, fügte er hinzu, die Formel anwendend, die er in diesem Fall zu gebrauchen pflegte.
»Aber Mama ist ja hier«, sagte Clorinde, mit dem Ende ihres Bogens aus vergoldetem Holz auf eine Ecke des Raumes deutend.
Und die Gräfin war tatsächlich da; hinter Möbelstücken verborgen, lag sie in einem großen Sessel. Das löste allgemeines Erstaunen aus. Auch die drei politischen Flüchtlinge hatten offenbar nichts von ihrer Anwesenheit gewußt; sie standen auf und verbeugten sich. Rougon ging zu ihr und reichte ihr die Hand. Er blieb bei ihr stehen, und sie, immer noch ausgestreckt, antwortete einsilbig, mit jenem ständigen Lächeln, das sie niemals verließ, nicht einmal wenn sie litt. Dann versank sie wieder in ihre Schweigsamkeit, war zerstreut, blickte seitlich auf die Avenue hinaus, wo ein Strom von Wagen entlangrollte. Sie hatte sich zweifellos hierhergesetzt, um dem Verkehr zuzusehen. Rougon ließ sie allein.
Inzwischen suchte der Cavaliere Rusconi, der wieder am Klavier saß, leise die Tasten anschlagend und mit halber Stimme italienische Worte vor sich hin singend, nach einer Melodie. Herr La Rouquette fächelte sich mit seinem Taschentuch. Clorinde hatte sehr ernst ihre Pose wieder eingenommen. Und Rougon ging in der plötzlich entstandenen Stille gemächlich auf und ab und betrachtete die Wände. Der Raum war mit einem erstaunlichen Durcheinander von Gegenständen vollgestopft: allerlei Möbelstücke, ein Schreibtisch, eine Truhe, mehrere Tische – alles in die Mitte geschoben –, schufen ein Labyrinth enger Gänge; an einem Ende welkten, schief aneinandergelehnt, ausrangierte Treibhauspflanzen, deren herabhängende grüne Wedel ganz von Rost zerfressen waren; am anderen Ende aber lag ein großer Haufen trocken gewordenen Tons, zwischen dem man noch die zerbröckelten Arme und Beine einer Statue erkannte, an der sich Clorinde versucht hatte, als sie eines schönen Tages von der Laune gepackt worden war, Künstlerin zu werden. Der sehr ausgedehnte Raum bot in der Tat an freiem Raum nur einen kleinen Platz vor einem der Fenster, eine Art viereckiger Lücke, die man mit zwei Kanapees und drei nicht zueinander passenden Sesseln in einen kleinen Salon verwandelt hatte.
»Sie dürfen rauchen«, sagte Clorinde zu Rougon.
Er dankte, er rauche nie. Sie, ohne sich umzuwenden, rief: »Cavaliere, drehen Sie mir doch eine Zigarette. Tabak muß vor Ihnen auf dem Klavier stehen.«
Und während der Cavaliere die Zigarette drehte, trat wieder Schweigen ein. Rougon, ärgerlich darüber, all diese Leute hier zu finden, wollte gehen und seinen Hut holen. Er trat jedoch wieder vor Clorinde hin, den Kopf erhoben, fragte lächelnd: »Haben Sie mich nicht gebeten, vorbeizukommen, weil Sie mir etwas zeigen wollten?«
Sehr ernst, ganz mit dem Modellstehen beschäftigt, antwortete sie nicht sogleich. Er mußte nochmals fragen: »Was wollten Sie mir denn zeigen?«
»Mich«, sagte sie.
Sie sagte das in einem überlegenen Ton, ohne jede Geste, in ihrer Göttinnenpose auf dem Tisch stehend. Rougon, nun seinerseits sehr ernst, trat einen Schritt zurück, betrachtete sie lange. Und sie war wirklich prachtvoll mit ihrem reinen Profil, ihrem schlanken Hals, den eine abfallende Linie mit den Schultern verband. Vor allem besaß sie jene königliche Schönheit, die Schönheit der Büste. Ihre runden Arme und Beine schimmerten wie Marmor. Ein wenig gebogen dadurch, daß sie die linke Hüfte leicht vorgeschoben hatte, streckte sie die rechte Hand in die Luft und bot so den Blicken eine lange, sehr wirkungsvolle und geschmeidige, in der Taille eingebogene, am Schenkel ausgebogene Linie von der Achselhöhle bis zur Ferse. Mit der anderen Hand stützte sie sich in der ruhig kraftvollen Haltung der antiken Jagdgöttin auf ihren Bogen, unbekümmert um ihre Nacktheit, der Liebe der Männer nicht achtend, kalt, hoheitsvoll, unsterblich.
»Sehr hübsch, sehr hübsch«, murmelte Rougon, der nicht wußte, was er sagen sollte.
In Wahrheit war ihm ihre statuenhafte Regungslosigkeit unbehaglich. Sie schien so sieghaft, so davon überzeugt, klassisch schön zu sein, daß er, wenn er es gewagt hätte, Kritik an ihr geübt haben würde wie an einem Marmorbild, das seine spießbürgerlichen Augen durch gewisse Effekte beleidigte; er hätte eine zierlichere Taille, weniger breite Hüften, eine höher angesetzte Brust vorgezogen. Dann wandelte ihn ein brutales Gelüst an, ihr in die Wade zu greifen. Er mußte etwas zurücktreten, um diesem Gelüst nicht nachzugeben.
»Haben Sie genug gesehen?« fragte Clorinde, immer noch ernst und von sich überzeugt. »Warten Sie, jetzt kommt etwas anderes.«
Und auf einmal war sie nicht mehr Diana. Sie ließ ihren Bogen fallen, sie wurde Venus. Die Hände hinter den Kopf gehoben und in ihren Haarknoten verschlungen, den Oberkörper etwas zurückgebogen, so daß sich die Spitzen der Brüste hoben, lächelte sie, öffnete ein wenig die Lippen und ließ den Blick schweifen, das Gesicht plötzlich wie in Sonne gebadet. Sie wirkte kleiner und als habe sie fleischigere Glieder, ganz vergoldet von einem Schauer des Begehrens, dessen warme Wellen er über ihre seidige Haut rieseln zu sehen vermeinte. Sie kauerte dort, bot sich dar, machte sich begehrenswert, sah aus wie eine unterwürfige Geliebte, die in einer Umarmung ganz und gar genommen werden will.
Herr Brambilla, Herr Staderino und Herr Viscardi spendeten ihr ernsthaft Beifall, ohne ihre finstere Verschwörerstarre aufzugeben.
»Bravo! bravo! bravo!«
Herr La Rouquette brach in Begeisterungsrufe aus, indes der Cavaliere Rusconi, der sich dem Tisch wieder genähert hatte, um dem jungen Mädchen die Zigarette zu reichen, mit verzücktem Blick stehenblieb und leicht den Kopf wiegte, als schlage er damit den Takt seiner Bewunderung.
Rougon sagte nichts. Er schlang die Hände so fest ineinander, daß seine Finger knackten. Ein leichter Kälteschauer hatte ihn soeben vom Nacken bis zu den Fersen überlaufen. Jetzt dachte er nicht mehr daran, fortzugehen; er richtete sich auf Bleiben ein. Sie aber hatte bereits laut lachend, die Zigarette rauchend und mit hochfahrend geschürzten Lippen ihren durch keine Kleidung behinderten Körper wieder aufgerichtet. Sie erzählte, daß sie brennend gern Schauspielerin geworden wäre, alles hätte sie darstellen können, Zorn, Zärtlichkeit, Keuschheit, Entsetzen; und mit einer Haltung, einem Mienenspiel deutete sie Charaktere an. Dann sagte sie ganz plötzlich: »Herr Rougon, möchten Sie, daß ich Sie spiele, wie Sie im Corps législatif reden?«
Sie blähte sich auf, warf sich in die Brust, schnaufend, die Fäuste vorwärtsschleudernd, mit einer so drolligen Mimik, so wahr in der Übertreibung, daß alle vor Entzücken vergingen. Rougon lachte wie ein Kind; er fand sie anbetungswürdig, sehr durchtrieben und sehr beunruhigend.
»Clorinda, Clorinda«, murmelte Luigi und klopfte leicht mit dem Malstock auf seine Staffelei.
Clorinde bewegte sich so viel, daß er nicht weiterarbeiten konnte. Er hatte die Reißkohle beiseite gelegt, um in der bemühten Art eines Schülers dünne Farben auf die Leinwand zu streichen. Inmitten des Gelächters blieb er ernst, warf flammende Blicke auf das junge Mädchen und sah mit einer schrecklichen Miene die Männer an, mit denen sie scherzte. Es war sein Einfall gewesen, sie in diesem Gewand der Jagdgöttin Diana zu malen, von dem seit dem letzten Botschaftsball ganz Paris sprach. Er bezeichnete sich als ihren Vetter, weil sie beide in derselben Straße von Florenz geboren waren. »Clorinda!« wiederholte er in zornigem Ton.
»Luigi hat recht«, sagte sie. »Sie sind nicht ganz gescheit, meine Herren; Sie vollführen einen Lärm! Arbeiten wir, arbeiten wir!«
Und sie nahm wieder ihre olympische Stellung ein. Abermals wurde sie zu einem schönen Marmorbild. Die Herren verharrten auf ihren Plätzen, regungslos, wie angewurzelt. Einzig Herr Rouquette wagte es, mit den Fingerspitzen einen leisen Trommelwirbel auf der Armlehne seines Sessels zu schlagen. Rougon, den Rücken weit hintenübergebogen, sah Clorinde an und geriet nach und nach ins Träumen, von Phantasien überfallen, in denen das junge Mädchen ins Maßlose wuchs. Eine Frau war trotz allem ein seltsamer Mechanismus! Nie war es ihm eingefallen, es zu erforschen. Er begann ungewöhnliche Schwierigkeiten zu ahnen. Für Sekunden hatte er ein sehr deutliches Vorgefühl von der Macht dieser nackten Schultern, die wohl fähig waren, eine Welt ins Wanken zu bringen. Clorinde dehnte sich vor seinen getrübten Augen immer mehr aus, versperrte ihm mit ihrer zu einer riesigen Statue gewordenen Gestalt das ganze Fenster. Doch er schloß und öffnete die Lider, und da fand er sie, sehr viel weniger groß als er selber, wieder auf dem Tisch. Nun mußte er lächeln; wenn er es gewollt hätte, würde er ihr wie einem kleinen Mädchen die Rute gegeben haben; und er wunderte sich, daß er sich einen Augenblick lang vor ihr gefürchtet hatte.
Unterdessen erhob sich am anderen Ende des Raumes ein gedämpftes Stimmengeräusch. Rougon hörte, wie es seine Gewohnheit war, aufmerksam hin, vernahm aber nichts als ein schnelles Murmeln italienischer Silben. Der Cavaliere Rusconi, der sich soeben hinter die Möbel geschlichen hatte, stützte sich, ehrerbietig der Gräfin zugeneigt, mit der Hand auf die Rücklehne ihres Sessels und schien ihr irgend etwas mit allen Einzelheiten zu erzählen. Die Gräfin begnügte sich damit, zustimmend zu nicken. Einmal jedoch machte sie eine Gebärde heftigen Abstreitens, und der Cavaliere beugte sich noch tiefer, beschwichtigte sie mit seiner singenden Stimme, die wie Vogelgezwitscher dahinplätscherte. Dank seiner Kenntnis des Provenzalischen erhaschte Rougon schließlich ein paar Worte, die ihn ernst stimmten.
»Mama«, rief plötzlich Clorinde, »hast du dem Cavaliere die gestern abend gekommene Depesche gezeigt?«
»Eine Depesche!« wiederholte der Cavaliere ganz laut.
Die Gräfin hatte aus einer ihrer Taschen einen Packen Briefe gezogen, in dem sie lange herumsuchte. Endlich reichte sie ihm ein ganz zerknittertes Stück blaues Papier. Sobald er es überflogen hatte, machte er eine überraschte und zornige Bewegung.
»Nanu!« rief er, die anwesende Gesellschaft vergessend, auf französisch, »das wissen Sie seit gestern! Ich aber habe diese Nachricht erst heute morgen erhalten!«
Clorinde brach in lautes Lachen aus, was ihn vollends ärgerlich machte.
»Und Frau Gräfin lassen mich ihr die Geschichte lang und breit erzählen, als wisse sie nichts davon! – Da ja der Sitz der Botschaft hier ist, werde ich jeden Tag herkommen und die Korrespondenz durchsehen.«
Die Gräfin lächelte. Sie blätterte noch immer in ihrem Briefpacken, nahm ein anderes Schriftstück heraus und ließ es ihn lesen. Diesmal schien er sehr befriedigt zu sein. Und die leise geführte Unterhaltung begann von neuem. Er hatte zu seinem ehrerbietigen Lächeln zurückgefunden. Als er die Gräfin verließ, küßte er ihr die Hand.
»So, damit wären die ernsten Angelegenheiten erledigt«, sagte er halblaut, als er sich wieder ans Klavier setzte.
Er hieb aus Leibeskräften einen in jenem Jahr sehr beliebten Gassenhauer herunter. Dann sprang er, nachdem er auf die Uhr gesehen hatte, plötzlich auf, um seinen Hut zu holen.
»Sie gehen?« fragte Clorinde.
Sie winkte ihn heran, stützte sich auf seine Schulter, um ihm etwas ins Ohr zu flüstern. Lachend schüttelte er den Kopf. Er murmelte: »Ganz großartig, ganz großartig ... Das werde ich denen da unten schreiben.« Und nachdem er sich verbeugt hatte, ging er hinaus.
Luigi hatte Clorinde, die auf dem Tisch hockte, durch einen Schlag mit seinem Malstock veranlaßt, sich wieder aufrecht hinzustellen.
Der Strom der Wagen, der die Avenue entlangrollte, langweilte die Gräfin auf die Dauer zweifellos, denn sobald sie das Kupee des Cavaliere, das inmitten der Landauer, die aus dem Bois de Boulogne28 kamen, verschwand, aus den Augen verloren hatte, zog sie an einer Klingelschnur hinter ihr. Der baumlange Diener mit dem Banditengesicht trat ein und ließ die Tür offen. Die Gräfin vertraute sich seinem Arm an, durchquerte, zwischen den Herren, die sich vor ihr verbeugten, hindurchschreitend, langsam den Raum. Sie dankte mit einem Kopfneigen, mit ihrem Lächeln. Auf der Schwelle wandte sie sich dann um und sagte zu Clorinde: »Ich habe meine Migräne, ich will mich ein Weilchen hinlegen.«
»Flaminio«, rief das junge Mädchen dem Bedienten zu, der ihre Mutter wegführte, »legen Sie ihr ein heißes Bügeleisen an die Füße!«
Die drei politischen Flüchtlinge nahmen nicht wieder Platz. Sie blieben noch einen Augenblick lang in einer Reihe stehen und kauten ihre Zigarren zu Ende, die sie alle mit der gleichen korrekten und wohlgezielten Bewegung in einen Winkel hinter dem Tonhaufen warfen. Und sie defilierten an Clorinde vorbei, gingen in feierlichem Zuge fort.
»Mein Gott«, sagte La Rouquette, der gerade ein ernstes Gespräch mit Rougon begonnen hatte, »ich weiß genau, daß die Zuckerfrage von großer Bedeutung ist. Es handelt sich dabei um einen ganzen Zweig der französischen Industrie. Das Unglück ist, daß, wie mir scheint, niemand in der Kammer diese Materie von Grund auf studiert hat.«
Rougon, den er langweilte, antwortete nur durch Kopfbewegungen. Der junge Abgeordnete trat näher an ihn heran und fuhr, seinem Zierpuppengesicht plötzlich Würde verleihend, fort: »Sehen Sie, ich habe einen Onkel in der Zuckerindustrie. Er besitzt eine der ertragreichsten Raffinerien von Marseille ... Nun, ich habe drei Monate bei ihm verbracht. Ich habe mir Notizen gemacht, oh, sehr viele Notizen. Ich unterhielt mich mit den Arbeitern, kurz, ich machte mich mit allem vertraut! – Sie verstehen, ich wollte vor der Kammer sprechen ...«
Er spielte sich vor Rougon auf, er gab sich ungeheure Mühe, ihn von den einzigen Dingen zu unterhalten, die, wie er glaubte, jenen interessieren mußten, war dabei allerdings sehr bestrebt, sich im Lichte eines gediegenen Politikers zu zeigen.
»Und Sie haben nicht gesprochen?« fiel ihm Clorinde ins Wort, die Herrn La Rouquettes Anwesenheit ungeduldig zu machen schien.
»Nein, ich habe nicht gesprochen«, erwiderte er mit leiserer Stimme, »ich glaubte, nicht sprechen zu sollen ... Im letzten Moment fürchtete ich, meine Zahlen könnten nicht ganz genau sein.«
Rougon sah ihn fest an und sagte dabei ernst: »Wissen Sie die Anzahl der Zuckerstücke, die pro Tag im Café Anglais verbraucht werden?«
Einen Augenblick lang riß Herr La Rouquette verblüfft die Augen auf. Dann brach er in Lachen aus.
»Ach, reizend, reizend!« rief er. »Ich verstehe, Sie scherzen ... Aber das, das ist die Frage des Zuckerhandels; ich sprach von der Frage der Zuckerindustrie ... Reizend! Sie gestatten mir wohl, den Ausspruch zu wiederholen, nicht wahr?«
Er wippte vor Vergnügen in seinem Sessel. Er bekam wieder ein rosiges Gesicht, fühlte sich wieder wohl und suchte nach gefälligen Worten. Clorinde aber zog ihn der Frauen wegen auf. Sie habe ihn noch vor zwei Tagen im Théâtre des Variétés29 mit einer kleinen, sehr häßlichen, wie ein Pudel struwweligen Blondine gesehen. Zuerst leugnete er. Dann aber, ärgerlich über die grausame Art, in der sie von dem »kleinen Pudel« sprach, vergaß er sich, verteidigte diese Dame, eine sehr wohlerzogene Person, die gar nicht so übel sei, und er erzählte von ihrem Haar, ihrem Wuchs, ihren Beinen. Clorinde wurde unausstehlich. Herr La Rouquette rief schließlich: »Sie erwartet mich, und ich gehe zu ihr.«
Als er dann die Tür hinter sich geschlossen hatte, klatschte das junge Mädchen frohlockend in die Hände und sagte wiederholt: »Weg ist er, glückliche Reise!«
Und sie sprang munter vom Tisch und lief auf Rougon zu, dem sie beide Hände reichte. Sie tat sehr sanft; sie sei sehr verdrießlich, daß er sie nicht allein angetroffen habe. Welch eine Mühe habe es sie gekostet, die ganze Gesellschaft wegzuschicken! Die Leute begriffen nichts, wirklich! Dieser La Rouquette mit seiner Zuckerindustrie sei reichlich lächerlich! Aber jetzt werde man sie vielleicht nicht mehr stören, und sie könnten plaudern. Sie habe ihm so viel zu sagen! Während sie so sprach, führte sie ihn zu einem Kanapee. Er hatte sich hingesetzt, ohne ihre Hände loszulassen, als Luigi hart mit seinem Malstock aufklopfte und dabei in ärgerlichem Ton wiederholte: »Clorinda! Clorinda!«
»Ach ja, richtig, das Porträt!« rief sie lachend.
Sie entschlüpfte Rougon, ging hin und beugte sich auf eine zärtlich geschmeidige Art von hinten über den Maler. Oh, wie hübsch das sei, was er da gemacht hatte! Das komme sehr gut heraus. Aber sie sei wirklich etwas müde, und sie bitte um eine Viertelstunde Ruhe. Übrigens könne er ja am Gewand malen, dafür brauche sie doch nicht Modell zu stehen. Luigi warf funkelnde Blicke auf Rougon, fuhr fort, übellaunige Worte zu murmeln. Da sagte sie mit gerunzelten Brauen, aber immer noch lächelnd, sehr schnell etwas auf italienisch zu ihm. Und er schwieg, führte aufs neue vorsichtig seinen Pinsel.
»Ich schwindle nicht«, versicherte sie, während sie zu Rougon zurückkehrte und sich neben ihn setzte, »mein linkes Bein ist mir völlig eingeschlafen.«
Sie klopfte sich auf das linke Bein, um das Blut wieder in Umlauf zu bringen, wie sie sagte. Durch die Gaze sah man als rosigen Fleck ihre Knie. Sie hatte jedoch vergessen, daß sie nackt war. Nachdenklich neigte sie sich ihm zu, die Haut ihrer Schulter an dem rauhen Tuch seines Überziehers scheuernd. Auf einmal aber ließ ein Knopf, auf den sie unerwartet traf, ihr einen heftigen Schauder über den Busen laufen. Sie sah an sich herab, wurde sehr rot. Und eilig holte sie irgendein Stück schwarze Spitze, das sie um sich schlang.
»Mir ist ein bißchen kalt«, sagte sie, nachdem sie einen Sessel vor Rougon geschoben und sich hineingesetzt hatte.
Außer einem schmalen Streifen ihrer bloßen Handgelenke ließ sie nichts unter der Spitze hervorschauen. Sie hatte sich das Gewebe so um den Hals gewunden, daß es eine große Krawatte bildete, in die sie das Kinn vergrub. In dieser Hülle, die die Brust gänzlich verdeckte, war sie jetzt bis auf ihr wieder bleich und ernst gewordenes Gesicht ganz und gar schwarz.
»Nun, was ist mit Ihnen geschehen?« fragte sie. »Erzählen Sie mir alles.«
Und mit der Freimütigkeit kindlicher Neugier forschte sie ihn aus, wieso er in Ungnade gefallen sei. Sie betonte die Ausländerin, ließ sich bis zu drei Malen Einzelheiten wiederholen, die sie nicht verstanden zu haben behauptete. Sie unterbrach ihn mit Ausrufen in italienischer Sprache, während er in ihren dunklen Augen jeder Regung folgen konnte, die sein Bericht hervorrief. Weshalb er sich mit dem Kaiser überworfen habe? Wieso er auf eine so hohe Stellung habe verzichten können? Wer denn seine Feinde seien, daß er sich so habe unterkriegen lassen? Und da er zögerte, als sie ihn mit der Behauptung, er wolle irgend etwas nicht gestehen, in die Enge trieb, sah sie ihn mit so rührender Treuherzigkeit an, daß er sich gehenließ und ihr die Geschichte vollständig erzählte. Bald hatte sie zweifellos alles erfahren, was sie zu wissen wünschte. Sie warf noch ein paar Fragen hin, die sehr wenig mit dem Thema zu tun hatten und deren Seltsamkeit Rougon erstaunte. Dann saß sie mit gefalteten Händen da und schwieg. Sie hielt die Augen geschlossen. Sie dachte tief nach.
»Nun?« fragte er lächelnd.
»Nichts«, murmelte sie, »es hat mich traurig gemacht.«
Er war gerührt und versuchte, abermals ihre Hände zu fassen, doch sie verbarg sie unter der Spitze, und das Schweigen dauerte an. Nach Verlauf von zwei langen Minuten hob sie die Lider wieder und sagte: »Sie haben also irgendwelche Pläne?«
Er sah sie fest an. Flüchtig tauchte ein Verdacht in ihm auf. Aber sie war jetzt so anbetungswürdig, wie sie da in der Haltung einer Leidenden tief im Sessel lag, als hätten die Kümmernisse ihres »lieben Freundes« sie aller Kraft beraubt, daß er sich nicht an das leichte Frösteln kehrte, das ihm soeben über den Nacken gerieselt war. Sie schmeichelte ihm sehr. Gewiß werde er nicht lange abseits bleiben, eines Tages werde er wieder der Herr sein. Sie sei überzeugt, daß er sich mit großen Gedanken trage und seinem Stern vertraue, denn das stehe ihm an der Stirn geschrieben. Weshalb er sie nicht zu seiner Vertrauten mache? Sie sei so verschwiegen, es würde sie so beglücken, seine Zukunft mit ihm zu teilen! Berauscht, immer noch bestrebt, die kleinen Hände, die sich in der Spitze verbargen, wieder zu erwischen, sprach Rougon weiter, sprach immerzu, gab schließlich alles preis, seine Hoffnungen, seine Gewißheiten. Sie drängte ihn nicht mehr, ließ ihn ungestört weiterreden, rührte sich nicht, aus Angst, er könnte dann aufhören. Sie betrachtete ihn forschend, zergliederte ihn Stück für Stück, untersuchte seinen Schädel, wog seine Schultern, maß seine Brust. Das war entschieden ein starker Mann, der sie, so kräftig sie auch war, sich mit einem Handgriff auf den Rücken geworfen und sie ohne weiteres so hoch hinaufgetragen haben würde, wie sie gewollt hätte.
»Ach, der liebe Freund!« sagte sie plötzlich. »Was mich betrifft, ich habe nie gezweifelt!«
Sie hatte sich halb erhoben, hatte die Arme ausgebreitet und die Spitze zu Boden gleiten lassen. Nun kam sie wieder zum Vorschein, noch nackter, bot sich widerstandslos dar, ließ die Schultern mit einer so geschmeidigen Bewegung einer verliebten Katze aus der Gaze schlüpfen, daß sie aus dem Oberteil ihres Gewandes herauszuspringen schien. Es war eine jähe Vision, als gewähre sie Rougon eine Belohnung und ein Versprechen. Und war nicht nur das Stück Spitze herabgeglitten? Schon hob sie es auf, schlang es fester um sich.
»Pst!« flüsterte sie, »Luigi wird böse.«
Und sie lief zu dem Maler hin, beugte sich abermals über ihn und sprach, den Mund dicht an seinem Halse, sehr schnell auf ihn ein. Rougon rieb sich, als sie nicht mehr bebend vor Lebendigkeit bei ihm war, heftig die Hände, war nervös, beinahe ärgerlich. Sie rief bei ihm ein seltsames Prickeln auf der Haut hervor. Und er fluchte auf sie. Mit zwanzig Jahren hätte er sich nicht dümmer anstellen können. Sie hatte ihm soeben wie einem Kind Geständnisse entlockt, ihm, der seit zwei Monaten versuchte, sie zum Reden zu bringen, ohne ihr etwas anderes abzugewinnen als herzliches Gelächter. Sie hatte ihm nur einen Augenblick lang ihre Hände zu entziehen brauchen, und schon hatte er sich soweit vergessen, alles zu erzählen, damit sie sie ihm wieder reichte. Jetzt – das wurde ihm klar – würde sie ihn erobern; sie erwog wohl schon, ob es noch der Mühe lohne, ihn zu verführen.
Rougon lächelte mit der Überlegenheit eines starken Mannes. Er würde sie zerbrechen, wenn er es wollte. War nicht sie es, die ihn herausforderte? Und unredliche Gedanken stiegen in ihm auf, ein ganzer Verführungsplan, in dessen Verfolg er sie sitzenlassen würde, nachdem er sie besessen. Er konnte wahrlich nicht diesem erwachsenen Mädchen gegenüber, die in solcher Art ihre Schultern zeigte, die Rolle eines Einfaltspinsels spielen. Dennoch war er nicht mehr ganz sicher, ob die Spitze nicht von selber herabgeglitten war.
»Finden Sie, daß ich graue Augen habe?« fragte Clorinde, die wieder zu ihm kam.
Er stand auf, sah sie aus nächster Nähe an, ohne dadurch die klare Ruhe ihrer Augen zu trüben. Doch als er die Hände vorstreckte, gab sie ihm einen leichten Schlag. Es sei nicht nötig, daß er sie berühre. Sie war jetzt sehr kalt. Mit einer Schamhaftigkeit, die sich über die kleinsten Lücken beunruhigte, wickelte sie sich in ihren Spitzenlappen. Mochte er auch seinen Spott mit ihr treiben, sie necken, Miene machen, Gewalt zu gebrauchen, sie verhüllte sich nur um so mehr, stieß kleine Schreie aus, wenn er die Spitze streifte. Außerdem wollte sie sich nicht wieder hinsetzen.
»Ich möchte lieber ein bißchen gehen«, sagte sie, »das macht meine Beine gelenkig.«
Da begleitete er sie. Sie wanderten zusammen auf und ab. Er versuchte, ihr nun seinerseits Geständnisse zu entlocken. Für gewöhnlich antwortete sie nicht auf Fragen. Sie hatte eine Art, sprunghaft zu plaudern, unterbrochen von Ausrufen, untermischt mit Geschichtchen, die sie niemals zu Ende erzählte. Als er sie mit List über eine zweiwöchige Abwesenheit in Gesellschaft ihrer Mutter im Monat zuvor befragte, reihte sie eine nicht endende Folge von Anekdoten über diese Reisen aneinander. Sie sei überall gewesen, in England, Spanien, Deutschland; alles habe sie gesehen. Daran schloß sich ein Regen unwichtiger kindischer Beobachtungen über das Essen, die Moden, das jeweilige Wetter. Zuweilen begann sie etwas zu erzählen, wobei sie sich mit bekannten Persönlichkeiten, deren Namen sie anführte, in Szene setzte. Rougon spitzte die Ohren, glaubte, sie werde sich endlich eine vertrauliche Äußerung entfahren lassen; aber die Erzählung schlug in Kinderei um oder blieb wohl auch ohne Abschluß. Auch an diesem Tage erfuhr er nichts. Auf ihrem Gesicht lag das Lächeln, hinter dem sie sich verbarg. Sie blieb trotz all ihren geschwätzigen Ergüssen undurchdringlich.
Betäubt von diesen verwirrenden Mitteilungen, von denen die einen die anderen Lügen straften, wußte Rougon schließlich nicht mehr, ob er ein zwölfjähriges, bis zur Dummheit unschuldiges Mädelchen vor sich habe oder eine sehr gescheite Frau, die aus Raffinement zur Einfalt zurückgekehrt war.
Clorinde unterbrach sich in der Erzählung eines Abenteuers, das sie in einer kleinen spanischen Stadt erlebt hatte, wo sie das Bett, das ein Reisender ihr aus Ritterlichkeit angeboten, habe annehmen müssen, während er auf einem Stuhl schlief. »Sie sollten nicht in die Tuilerien zurückkehren«, sagte sie ohne jeden Übergang. »Man muß Sie dort vermissen.«
»Danke schön, Fräulein Machiavelli«, erwiderte er lachend.
Sie lachte lauter als er. Aber dennoch fuhr sie fort, ihm ausgezeichnete Ratschläge zu geben. Und als er wieder versuchte, sie wie im Spiel in den Arm zu kneifen, wurde sie böse, schrie, man könne keine zwei Minuten lang ernsthaft reden. Ach, wenn sie ein Mann wäre. Wie gut würde sie es verstehen, ihren Weg zu machen! Die Männer hatten so wenig Verstand!
»Kommen Sie, erzählen Sie mir die Lebensgeschichten Ihrer Freunde«, fing sie wieder an und setzte sich auf die Tischkante, während Rougon vor ihr stehen blieb.
Luigi, der den Blick nicht von ihnen wandte, schloß heftig seinen Malkasten.
»Ich gehe weg«, sagte er.
Aber Clorinde eilte auf ihn zu, holte ihn zurück, schwor, sie werde ihm gleich wieder Modell stehen. Sie mußte sich wohl davor fürchten, mit Rougon allein zu bleiben. Und als Luigi nachgab, versuchte sie Zeit zu gewinnen.
»Sie werden mich doch etwas essen lassen. Ich habe solchen Hunger! Ach, nur zwei Bissen.«
Sie öffnete die Tür und rief: »Antonia! Antonia!«
Und sie erteilte auf italienisch eine Anordnung. Kaum hatte sie sich wieder auf die Tischkante gesetzt, als Antonia eintrat, auf jeder Hand ein Butterbrot. Die Dienerin hielt sie ihr hin wie auf einem Tablett, mit dem ihr eigenen Lachen einer albernen Person, die man gerade kitzelt, einem Lachen, das ihren roten Mund in dem dunklen Gesicht aufriß. Dann ging sie, die Hände an ihrem Rock abwischend, hinaus. Clorinde rief sie zurück, um ein Glas Wasser zu verlangen.
»Wollen Sie mithalten?« fragte sie Rougon. »Butter ist etwas sehr Gutes. Manchmal streue ich Zucker darauf. Aber man darf nicht immer ein Leckermaul sein.«
Das war sie in der Tat nicht. Rougon hatte sie eines Morgens beim Frühstück überrascht, als sie im Begriff war, ein Stück kalten Eierkuchen vom Tage zuvor zu essen. Er verdächtigte sie des Geizes, eines italienischen Lasters.
»Drei Minuten, nicht wahr, Luigi?« rief sie, während sie in die erste Schnitte biß.
Und sich wieder Rougon zuwendend, der immer noch vor ihr stand, fragte sie: »Nun, was hat zum Beispiel Herr Kahn für eine Geschichte, wieso ist er Abgeordneter?«
In der Hoffnung, ihr irgendeine unfreiwillige Eröffnung abzunötigen, ließ Rougon bereitwillig dieses neue Verhör über sich ergehen.
Er wußte, daß sie sehr neugierig auf das Leben eines jeden war, die Ohren nach allen unvorsichtigen Äußerungen spitzte, unaufhörlich auf der Lauer lag nach den verwickelten Intrigen, von denen sie ständig umgeben war. Hochgestellte Leute interessierten sie besonders.
»Oh!« erwiderte er lachend, »Kahn ist als Abgeordneter geboren. Er muß bereits seine Zähne auf den Bänken des Abgeordnetenhauses bekommen haben. Unter LouisPhilippe saß er schon im rechten Flügel des Zentrums und unterstützte mit jugendlicher Leidenschaft die konstitutionelle Monarchie. Nach achtundvierzig ist er zum linken Flügel übergegangen, übrigens nach wie vor sehr leidenschaftlich; er hat in erhabenem Stil ein republikanisches Glaubensbekenntnis verfaßt. Jetzt ist er wieder zum rechten Flügel zurückgekehrt und verteidigt leidenschaftlich das Kaiserreich ... Außerdem ist er Sohn eines jüdischen Bankiers aus Bordeaux, steht einem Hochofenwerk bei Bressuire vor, hat sich zum Spezialisten für finanzielle und industrielle Fragen ausgebildet, lebt in Erwartung des Vermögens, das er eines Tages erwerben wird, recht mittelmäßig, wurde am letzten 15. August zum Offizier der Ehrenlegion befördert ...«
Und Rougon richtete den Blick ins Leere und überlegte.
»Ich habe, glaube ich, nichts vergessen ... Nein, Kinder hat er nicht ...«
»Wie? Er ist verheiratet?« rief Clorinde aus.
Sie deutete durch eine Handbewegung an, daß Herr Kahn sie nicht weiter interessiere. Das sei ein Duckmäuser; niemals habe er seine Frau vorgeführt. Darauf erklärte ihr Rougon, daß Frau Kahn sehr zurückgezogen in Paris lebe. Und dann begann er, ohne eine Frage abzuwarten, von neuem: »Wünschen Sie jetzt den Lebenslauf Béjuins?«
»Nein, nein«, sagte das junge Mädchen.
Aber er fuhr dennoch fort: »Er ist aus der Ecole polytechnique30 hervorgegangen. Er hat Broschüren geschrieben, die kein Mensch gelesen hat. Er leitet die Kristallfabrik in SaintFlorent, drei Meilen von Bourges ... Entdeckt hat ihn der Präfekt31 des Departements Cher ...«
»Hören Sie doch auf!« schrie sie.
»Ein würdiger Mann, der richtig wählt, niemals redet, sehr geduldig wartet, bis man an ihn denkt, immer da ist und einen ansieht, damit man ihn nicht vergißt ... Ich habe ihn zum Ritter der Ehrenlegion ernennen lassen ...«
Sie mußte ihm den Mund zuhalten; ärgerlich geworden, sagte sie: »Ach, der ist auch verheiratet! Er ist langweilig ... Ich habe bei Ihnen seine Frau gesehen, ein Trampel! Sie hat mich aufgefordert, ihre Kristallfabrik bei Bourges zu besichtigen.«
Sie steckte den Rest ihrer ersten Brotschnitte mit einmal in den Mund. Dann trank sie einen großen Schluck Wasser. Ihre Beine hingen von der Tischkante herunter, und ein wenig zusammengesunken, den Hals zurückgebogen, baumelte sie mit ihnen in einer mechanischen Bewegung, deren Rhythmus Rougon genau verfolgte. Bei jedem Hin und Herschlenkern schwollen die Waden unter der Gaze an.
»Und Herr Du Poizat?« fragte sie nach einer Pause.
»Du Poizat war Unterpräfekt«, antwortete er nur.
Erstaunt über die Kürze der Geschichte, sah sie ihn an. »Ich weiß wohl«, sagte sie. »Was weiter?«
»Weiter wird er später Präfekt werden, und dann wird er das Kreuz der Ehrenlegion erhalten.«
Sie begriff, daß er nicht mehr darüber sagen wollte. Außerdem hatte sie den Namen Du Poizat beiläufig hingeworfen. Jetzt zählte sie die Herren an den Fingern her. Beim Daumen beginnend, murmelte sie: »Herr d'Escorailles: der ist nicht ernst zu nehmen, er liebt alle Frauen ... Herr La Rouquette: überflüssig, den kenne ich zu gut ... Herr de Combelot: noch ein Verheirateter ...«
Und als sie beim Ringfinger haltmachte, da ihr niemand mehr einfiel, sah Herr Rougon sie fest an und sagte: »Sie vergessen Delestang.«
»Da haben Sie recht!« rief sie. »Erzählen Sie mir also von dem?«
»Das ist ein schöner Mann«, erklärte er, ohne sie aus den Augen zu lassen. »Er ist sehr reich. Ich habe ihm stets eine große Zukunft prophezeit.«
In dieser Tonart fuhr er fort, übertrieb die Lobsprüche, verdoppelte die Summen. Das Mustergut La Chamade sei zwei Millionen wert. Delestang werde bestimmt eines Tages Minister. Aber Clorinde behielt einen geringschätzigen Zug um den Mund.
»Er ist sehr dumm«, murmelte sie schließlich.
»Sieh da!« sagte Rougon mit einem verschlagenen Lächeln. Er schien von dem Ausspruch, den sie sich hatte entschlüpfen lassen, entzückt zu sein.
Dann stellte sie mit einem jener jähen Sprünge, an die er schon gewöhnt war, eine neue Frage, wobei sie ihn nun ihrerseits fest ansah.
»Herrn de Marsy kennen Sie ja wohl sehr genau?«
»Ja, ja, wir kennen einander«, bestätigte er, ohne mit der Wimper zu zucken, als ergötze ihn das, was sie ihn da fragte, noch mehr.
Doch er wurde wieder ernst. Er wurde sehr würdevoll, sehr gerecht.
»Das ist ein Mann von ungewöhnlichem Verstand«, behauptete er. »Ich rechne es mir zur Ehre an, ihn zum Feind zu haben ... Er hat sich mit allem befaßt. Mit achtundzwanzig Jahren war er Oberst. Später begegnete man ihm als Leiter einer großen Fabrik. Dann hat er sich nacheinander mit Landwirtschaft, Finanzen und Handel beschäftigt. Man behauptet sogar, er habe Porträts gemalt und Romane geschrieben.«
Clorinde vergaß zu essen; sie war ins Träumen geraten.
»Ich habe neulich abends mit ihm geplaudert«, sagte sie leise. »Das ist ein Prachtkerl ... Er ist eben der Sohn einer Königin32.«
»Meiner Ansicht nach«, fuhr Rougon fort, »schadet es ihm, daß er so geistreich ist. Ich habe eine andere Vorstellung von Kraft. Ich habe ihn unter sehr ernsten Umständen mit Wortspielen witzeln hören. Immerhin, er hat es zu etwas gebracht, er regiert nicht weniger als der Kaiser. All diese Bastarde haben Glück! – Das Persönlichste an ihm ist sein schneidiges Vorgehen, eine eiserne Hand, kühn, entschlossen, sehr zart und dennoch sehr schlagfertig.«
Unwillkürlich hatte das junge Mädchen den Blick auf die groben Hände Rougons gesenkt. Er merkte es und sagte lächelnd: »Oh, ich habe Pranken, nicht wahr? Deshalb haben Marsy und ich einander nie verstanden. Er säbelt die Leute elegant nieder, ohne seine weißen Handschuhe zu beflecken. Ich – erschlage sie.«
Er hatte die Fäuste geballt, fleischige Fäuste mit behaarten Fingergliedern, und er schüttelte sie, froh über ihre ungeheure Größe.
Clorinde griff nach dem zweiten Butterbrot, in das sie, immer noch verträumt, die Zähne grub. Endlich hob sie die Augen zu Rougon auf.
»Nun, und Sie?« fragte sie.
»Meine Geschichte wollen Sie wissen?« sagte er. »Nichts ist leichter erzählt. Mein Großvater verkaufte Gemüse, ich selber habe bis zu meinem achtunddreißigsten Jahr als kleiner Advokat meine abgetragenen Schuhe durch meine heimatliche Kleinstadt geschleift. Gestern war ich noch ein Unbekannter. Ich habe nicht, wie unser Freund Kahn, meine Schultern damit abgenützt, sämtliche Regierungen zu stützen. Ich bin nicht, wie Béjuin, aus der Ecole polytechnique hervorgegangen. Ich laufe weder mit dem schönen Namen des kleinen Escorailles noch mit der schönen Gestalt dieses armen Combelot herum. Ich habe keine so angesehenen Verwandten wie La Rouquette, der seinen Abgeordnetensitz seiner Schwester verdankt, der Witwe des Generals de Llorentz, die heute Palastdame ist. Mein Vater hat mir nicht, wie es Delestang geschah, ein im Weinhandel erworbenes Vermögen von fünf Millionen hinterlassen. Ich bin nicht, wie der Graf de Marsy, auf den Stufen eines Throns geboren und bin nicht, am Rock einer gelehrten Frau hängend, unter den Liebkosungen Talleyrands33 aufgewachsen. Nein, ich bin ein neuer Mann, ich habe nichts als meine Fäuste ...«
Und laut lachend schlug er, die Sache ins Scherzhafte ziehend, seine Fäuste aneinander. Aber er hatte sich hoch aufgerichtet, er schien zwischen seinen geschlossenen Fingern Steine zu zermalmen. Clorinde bewunderte ihn.
»Ich war nichts; jetzt werde ich sein, was mir gefällt«, fuhr er fort, alles um sich her vergessend, nur für sich selber redend. »Ich bin eine Macht. Und ich kann nur die Schultern zucken über die andern, wenn sie sich auf ihre Ergebenheit für das Kaiserreich berufen! Lieben sie es etwa? Haben sie es im Gefühl? Würden sie sich nicht allen Regierungsformen anpassen? Ich bin mit dem Kaiserreich groß geworden; ich habe es geschaffen, und es hat mich geschaffen ... Ich wurde nach dem 10. Dezember34 zum Ritter der Ehrenlegion ernannt, zum Offizier im Januar 1852, zum Kommandeur am 15. August 1854, zum Großoffizier vor drei Monaten. Unter der Präsidentschaft war ich für kurze Zeit Minister für öffentliche Arbeiten; später hat mich der Kaiser mit einer Mission in England beauftragt; dann bin ich in den Staatsrat eingezogen und in den Senat ...«
»Und wo werden Sie morgen einziehen?« fragte Clorinde mit einem Lachen, hinter dem sie ihre brennende Neugier zu verbergen trachtete.
Er sah sie an, brach jäh ab.
»Sie sind recht neugierig, Fräulein Machiavelli«, sagte er. Da baumelte sie noch heftiger mit den Beinen. Eine Pause entstand. Als Rougon sie abermals in tiefe Träumerei versunken sah, hielt er den Augenblick für günstig, um etwas aus ihr herauszulocken.
»Die Frauen ...«, begann er.
Doch sie unterbrach ihn; mit verschleiertem Blick, leicht ihren Gedanken zulächelnd, sprach sie halblaut: »Oh, die Frauen haben anderes.«
Das war ihr einziges Geständnis. Sie aß ihr Butterbrot auf, leerte in einem Zuge das Glas klaren Wassers und stand mit einem Sprung, der von ihrer Reitergeschicklichkeit zeugte, auf dem Tisch.
»Also Luigi!« rief sie.
Der Maler hatte sich, vor Ungeduld auf seinem Schnurrbart kauend, seit einem Weilchen erhoben und war um sie und Rougon herumgetrappelt. Mit einem Seufzer setzte er sich wieder, griff nach seiner Palette. Aus den drei Minuten Gnadenfrist, die Clorinde erbeten hatte, war eine Viertelstunde geworden. Jetzt aber stand sie, immer noch in das Stück schwarze Spitze gehüllt, auf dem Tisch. Als sie dann wieder in ihre Stellung zurückgefunden hatte, entblößte sie sich mit einer einzigen Bewegung. Sie wurde wieder zum Marmorbild, sie empfand keine Scham mehr.
In den ChampsElysées rollten die Wagen spärlicher. Die sinkende Sonne füllte die Avenue mit einem Geflimmer, das die Bäume bestäubte, als hätten die Räder diese Wolke rotgelben Lichts aufgewirbelt. In dem durch die hohen Fenster fallenden Tagesschein wurden Clorindes Schultern von goldenen Reflexen überspielt. Und allmählich verblich der Himmel.
»Ist die Heirat des Herrn de Marsy mit jener walachischen Fürstin noch immer beschlossen?« fragte sie nach einer kleinen Weile.
»Ich denke doch«, antwortete Rougon. »Sie ist ungeheuer reich. Marsy fehlt es stets an Geld. Übrigens erzählt man, er sei in sie vernarrt.«
Die Stille wurde nicht mehr gestört. Rougon blieb, fühlte sich wie zu Hause, dachte nicht mehr daran, fortzugehen. Er überlegte, nahm sein Umherwandern wieder auf. Diese Clorinde war wirklich ein sehr verführerisches Mädchen. Er dachte so an sie, als habe er sie schon seit langem verlassen; und die Augen aufs Parkett geheftet, versank er in undeutliche Gedanken, sehr angenehme Gedanken, deren inneres Prickeln ihm Genuß bereitete. Es kam ihm vor, als entsteige er mit einer köstlichen Mattigkeit der Glieder einem lauen Bad. Ein eigentümlicher Duft von fast zuckriger Strenge drang auf ihn ein. Er hätte sich gern auf eines der Kanapees gelegt, um dort in diesem Duft einzuschlafen.
Er wurde jäh durch den Laut von Stimmen aufgeschreckt. Ein hochgewachsener Greis, den er nicht hatte eintreten sehen, küßte Clorinde, die sich lächelnd über den Rand des Tisches hinabbeugte, auf die Stirn.
»Guten Tag, meine Kleine«, sagte er. »Wie schön du bist! Du zeigst wohl alles, was du hast?«
Er grinste ein wenig, und als Clorinde verwirrt ihr Stück schwarze Spitze aufraffte, meinte er lebhaft: »Nein, nein, es ist sehr hübsch so, du kannst alles sehen lassen, glaub's nur! – Ach, mein armes Kind, ich habe ganz andere gesehen!«
Dann wandte er sich zu Rougon um, den er mit »lieber Kollege« ansprach, drückte ihm die Hand und fügte hinzu: »Ein wildes Mädelchen, das sich, als sie noch klein war, mehr als einmal auf meinen Knien vergessen hat! Jetzt hat sie einen Busen, der einen geradezu blendet!«
Es war der alte Herr de Plouguern. Er zählte siebzig Jahre. Unter LouisPhilippe vom Departement Finistère in die Kammer entsandt, gehörte er zu den legitimistischen Abgeordneten, welche die Wallfahrt zum Belgrave Square35 machten; und anschließend an die entehrende Abstimmung, von der seine Gefährten und er überrascht wurden, reichte er seinen Rücktritt ein. Später, nach den Februartagen, bekundete er seine plötzliche Liebe zur Republik, der er auf den Bänken der Verfassunggebenden Versammlung kräftig Beifall zollte. Jetzt war er, seit ihm der Kaiser im Senat eine wohlverdiente Zuflucht gesichert hatte, Bonapartist. Nur verstand er sich darauf, es als Edelmann zu sein. Seine große Unterwürfigkeit gestattete sich zuweilen den Reiz eines Anflugs von Opposition. Undankbarkeit ergötzte ihn. Skeptiker bis ins Mark, verteidigte er dennoch Religion und Familie. Er glaubte, das seinem Namen, einem der glänzendsten der Bretagne, schuldig zu sein. An manchen Tagen fand er das Kaiserreich unmoralisch und sprach das ganz laut aus. Er selber hatte sehr ausschweifend, sehr erfinderisch und die Genüsse verfeinernd, ein Leben voll anrüchiger Abenteuer geführt; man erzählte trotz seiner Jahre Geschichten von ihm, die in den jungen Leuten Träume weckten. Auf einer Reise durch Italien hatte er die Gräfin Balbi kennengelernt, deren Liebhaber er fast dreißig Jahre lang blieb; nach jahrelangen Trennungen taten sie sich in den Städten, wo sie einander zufällig trafen, für drei Nächte wieder zusammen. Es wurde erzählt, Clorinde sei seine Tochter; aber weder er noch die Gräfin wußten zuverlässig etwas davon, und seit das Kind zu einer fülligen und begehrenswerten Frau heranwuchs, betonte er, daß er früher viel mit ihrem Vater verkehrt habe. Er blickte sie mit seinen noch immer funkelnden Augen zärtlich an und erlaubte sich bei ihr sehr freie Vertraulichkeiten eines alten Freundes.
Herr de Plouguern, groß, dürr und knochig, hatte Ähnlichkeit mit Voltaire, den er insgeheim verehrte.
»Pate, siehst du dir mein Porträt nicht an?« rief Clorinde.
Sie nannte ihn aus Anhänglichkeit Pate. Er war hinter Luigi getreten und blinzelte kennerhaft.
»Köstlich!« murmelte er.
Rougon kam näher heran, und Clorinde selber sprang vom Tisch, um das Bild zu betrachten. Und alle drei wollten vor Entzücken vergehen. Die Malerei war sehr sauber. Der Künstler hatte bereits die ganze Leinwand mit einer leichten, durchsichtigen Farbschicht in Rosa, Blau und Gelb bedeckt, die den blassen Schimmer eines Aquarells hatte. Und das Gesicht lächelte mit einer hübschen Puppenmiene, mit seinen geschwungenen Lippen, den an den Enden aufwärtsgebogenen Brauen, den von zartem Zinnoberrot überhauchten Wangen. Es war eine Diana wie für den Deckel einer Konfektdose.
»Oh, sehen Sie doch, dort neben dem Auge das kleine Leberfleckchen«, sagte Clorinde, vor Bewunderung in die Hände klatschend. »Dieser Luigi, nichts vergißt er!«
Rougon, den Gemälde in der Regel langweilten, war hingerissen. In diesem Augenblick begriff er die Kunst. In sehr überzeugtem Ton gab er das Urteil ab: »Das ist vortrefflich gezeichnet.«
»Und die Farbgebung ist hervorragend«, sagte Herr de Plouguern. »Diese Schultern sind wirkliches Fleisch ... Sehr reizend die Brüste. Besonders die linke ist frisch wie eine Rose ... Ah, welche Arme! Diese Kleine hat erstaunliche Arme! Besonders gefällt mir die Schwellung über der Ellbogenbeuge; das ist vollendet herausmodelliert.«
Und zum Maler gewandt, fügte er hinzu: »Herr Pozzo, mein höchstes Kompliment. Ich habe schon eine ›Badende‹ von Ihnen gesehen. Aber dieses Porträt wird noch bedeutender ... Weshalb stellen Sie nicht aus? Ich kannte einen Diplomaten, der wunderbar Geige spielte; das hat ihn nicht gehindert, erfolgreich seinen Weg zu machen.«
Luigi, sehr geschmeichelt, verbeugte sich. Inzwischen nahm das Tageslicht ab, und da er, wie er sagte, ein Ohr noch fertigmalen wollte, bat er Clorinde, ihre Stellung für längstens zehn Minuten nochmals einzunehmen.
Herr de Plouguern und Rougon fuhren fort, sich über Malerei zu unterhalten. Letzterer gestand, daß ihn Spezialstudien davon abgehalten hätten, die Entwicklung der Kunst während der letzten Jahre zu verfolgen; aber er betonte nachdrücklich seine Bewunderung für schöne Werke. Er kam darauf zu sprechen, daß die Farbe ihn ziemlich kaltlasse; eine schöne Zeichnung befriedige ihn vollkommen, eine Zeichnung, die imstande sei, die Seele zu erheben und große Gedanken einzuflößen. Was Herrn de Plouguern anlangte, so liebte dieser nur die Alten; er habe alle Museen Europas besucht, er verstehe nicht, wie man so kühn sein könne, sich noch ans Malen zu wagen. Dennoch habe er im vergangenen Monat von einem Künstler, den niemand kenne und der wirklich viel Talent besitze, einen kleinen Salon ausschmücken lassen.
»Er hat mir Amoretten, Blumen, Laubwerk ganz ausgezeichnet gemalt«, sagte er. »Tatsächlich glaubt man, die Blumen pflücken zu können. Und es gibt da Insekten, Schmetterlinge, Fliegen, Maikäfer, die man für lebend halten könnte. Kurz, das Ganze ist sehr heiter ... Ich liebe die heitere Malerei.«
»Die Kunst ist nicht zum Langweilen da«, meinte Rougon abschließend.
In diesem Augenblick, wie sie so nebeneinander gemächlich umhergingen, zerdrückte Herr de Plouguern unter dem Absatz seines Halbstiefels irgend etwas, das mit dem leichten Geräusch einer Knallerbse zersprang.
»Was ist denn das?« rief er.
Er hob einen Rosenkranz auf, der von einem Sessel geglitten war, auf den Clorinde wohl ihre Taschen entleert hatte. Eine der Glasperlen dicht beim Kreuz war zu Pulver zermalmt; am Kreuz selber, einem winzigen silbernen Kreuz, war einer der Arme umgebogen und plattgedrückt. Der Greis schwenkte den Rosenkranz mit höhnischem Lächeln und sagte: »Kleine, weshalb läßt du denn dieses Spielzeug herumliegen?«
Aber Clorinde war purpurrot geworden. Mit aufgeworfenen Lippen und vor Zorn getrübten Augen sprang sie mit einem Satz vom Tisch, verhüllte eilig ihre Schultern, stammelte: »Der Rose! Der Rose! Er hat meinen Rosenkranz kaputtgemacht!«
Und sie entriß ihm den Rosenkranz. Sie weinte wie ein Kind.
»Na, na«, sagte Herr de Plouguern, noch immer lachend. »Sieh einer meine Betschwester an! Neulich morgens hat sie mir fast die Augen ausgekratzt, weil ich sie, als ich hinten in ihrem Alkoven einen Palmzweig entdeckte, gefragt habe, was sie denn mit dem kleinen Besen da fege ... Weine doch nicht mehr, kleines Schaf! Ich habe dem lieben Gott nichts gebrochen.«
»Doch, doch«, schrie sie. »Sie haben ihm weh getan.«
Sie duzte ihn nicht mehr. Mit zitternden Händen entfernte sie den Rest der Glasperle. Dann wollte sie unter verstärktem Schluchzen das Kreuz in Ordnung bringen. Sie wischte es mit den Fingerspitzen ab, als habe sie Blutstropfen auf seinem Metall perlen sehen. Sie flüsterte: »Der Papst hat ihn mir geschenkt, als ich ihn zum erstenmal mit Mama besuchte. Er kennt mich gut, der Papst; er nennt mich ›seinen schönen Apostel‹, weil ich ihm eines Tages gesagt habe, daß ich gern für ihn sterben würde ... Ein Rosenkranz, der mir Glück brachte. Jetzt wird er keine Kraft zum Guten mehr haben, er wird den Teufel herbeiziehen ...«
»Komm, gib ihn her«, fiel ihr Herr de Plouguern ins Wort. »Du wirst dir die Fingernägel verderben, wenn du das in Ordnung bringen willst ... Silber ist hart, meine Kleine.«
Er hatte den Rosenkranz wieder an sich genommen, er versuchte, den Querbalken des Kreuzes geradezubiegen, behutsam, um es nicht zu zerbrechen. Clorinde weinte nicht mehr, mit starren Augen sah sie ihm gespannt zu. Auch Rougon streckte mit einem Lächeln den Kopf vor; er war von einer erbärmlichen Ungläubigkeit, in einem solchen Maße, daß das junge Mädchen schon zweimal nahe daran gewesen war, wegen unangebrachter Scherze mit ihm zu brechen.
»Donnerwetter«, sagte Herr de Plouguern halblaut, »weich ist er nicht, dein lieber Gott! Ich habe nur Angst, ihn mitten entzweizubrechen ... Du sollst deinen lieben Gott ersetzt bekommen, Kleine.«
Er machte einen neuen Versuch, das Kreuz brach glattweg durch.
»Ach, das tut mir leid!« rief er aus. »Diesmal ist es entzweigegangen.«
Rougon hatte zu lachen begonnen. Da wich Clorinde mit tiefschwarzen Augen und verzerrtem Gesicht zurück, sah die beiden starr an, stieß sie dann mit geballten Fäusten wütend weg, als wolle sie sie zur Tür hinauswerfen. Wie von Sinnen beschimpfte sie sie auf italienisch.
»Sie schlägt uns, sie schlägt uns«, sagte Herr de Plouguern fröhlich.
»Da sieht man die Früchte des Aberglaubens«, stieß Rougon zwischen den Zähnen hervor.
Der Greis hörte auf zu scherzen, zeigte plötzlich eine ernste Miene; und als der große Mann fortfuhr, lauter hergebrachte Redensarten über den verabscheuungswürdigen Einfluß des Klerus, über die erbärmliche Erziehung der katholischen Frauen, über den Niedergang des den Priestern ausgelieferten Italiens vorzubringen, erklärte er mit schroffer Stimme: »Die Religion bewirkt die Größe der Staaten.«
»Wenn sie die Staaten nicht wie ein Geschwür zerfrißt«, erwiderte Rougon. »So steht die Sache. Wenn der Kaiser die Bischöfe nicht in Schach hält, wird er es bald mit ihnen allen zu tun kriegen.«
Da wurde Herr de Plouguern seinerseits ärgerlich. Er verteidigte Rom. Er sprach von den Überzeugungen seines ganzen Lebens. Ohne Religion würden die Menschen in den Zustand wilder Tiere zurücksinken. Und er ging dazu über, die große Sache der Familie zu verteidigen. Die gegenwärtige Epoche nehme eine Wendung zum Grundschlechten; noch nie habe sich das Laster schamloser zur Schau gestellt, noch nie habe die Ruchlosigkeit solche Verwirrung in den Gewissen angerichtet.
»Reden Sie mir nicht von Ihrem Kaiserreich«, rief er schließlich. »Es ist ein Bastard der Revolution ... Oh, wir wissen Bescheid, Ihr Kaiserreich träumt von der Demütigung der Kirche. Aber wir sind auch noch da, wir werden uns nicht wie Hammel abschlachten lassen ... Machen Sie nur mal einen kleinen Versuch, mein lieber Herr Rougon, Ihre Ansichten im Senat einzugestehen.«
»Ach, antworten Sie ihm nicht mehr«, sagte Clorinde. »Wenn Sie ihn reizen, wird er schließlich noch Christus anspucken. Er ist ein Verdammter.«
Rougon gab sich besiegt, er verbeugte sich. Es entstand eine Pause. Das junge Mädchen suchte auf dem Parkett das kleine vom Kreuz abgebrochene Stück; als sie es gefunden hatte, wickelte sie es mit dem Rosenkranz zusammen sorgfältig in ein Stück Zeitung. Sie beruhigte sich.
»Hör mal, Herzchen«, begann plötzlich Herr de Plouguern, »ich habe dir noch nicht erzählt, weshalb ich hier heraufgekommen bin. Ich habe für heute abend eine Loge im PalaisRoyal36, und ich nehme dich mit.«
»Dieser Pate!« rief Clorinde aus, vor Vergnügen wieder ganz rosig geworden. »Man muß Mama wecken.«
Und sie küßte ihn, »zur Belohnung«, wie sie sagte. Lächelnd, mit ausgestreckter Hand, wandte sie sich Rougon zu und sagte mit einem köstlichen Schmollgesicht: »Sie sind mir doch nicht böse? Bringen Sie mich also nicht wieder zum Rasen mit Ihren heidnischen Ideen ... Ich werde ganz dämlich, wenn man mich mit der Religion neckt. Ich könnte meine besten Freundschaften in Gefahr bringen.«
Luigi, der einsah, daß er das Ohr an diesem Tage nicht mehr fertigmalen konnte, hatte unterdessen seine Staffelei in eine Ecke geschoben. Er griff nach seinem Hut, kam und berührte das junge Mädchen an der Schulter, um sie darauf aufmerksam zu machen, daß er weggehe. Und sie begleitete ihn bis zum Treppenabsatz, sie selber zog die Tür hinter sich und ihm zu; aber sie verabschiedeten sich so geräuschvoll voneinander, daß man einen leichten Schrei Clorindes vernahm, der sich in einem unterdrückten Lachen verlor. Als sie wieder ins Zimmer trat, sagte sie: »Ich gehe mich umziehen, es sei denn, der Pate will mich so ins PalaisRoyal mitnehmen.« Und alle drei amüsierten sich über diesen Einfall. Die Abenddämmerung war hereingebrochen. Als Rougon aufbrach, ging Clorinde mit ihm hinunter und ließ Herrn de Plouguern für einen Augenblick allein, so lange wie sie brauchte, um ein Kleid anzuziehen. Im Treppenhaus war es schon völlig dunkel. Ohne ein Wort zu sagen, ging sie so langsam voraus, daß er die leise Berührung ihres Gazeüberwurfes an seinen Knien spürte. Als sie dann vor der Tür ihres Schlafzimmers angelangt war, trat sie ein; sie machte zwei Schritte, bevor sie sich umwandte ... Er war ihr gefolgt. Dort erhellten die zwei Fenster das ungemachte Bett, die stehengebliebene Waschschüssel, die noch immer auf dem Haufen Kleidungsstücke schlafende Katze mit einem bleichen Schimmer.
»Sie sind mir nicht böse?« wiederholte sie mit fast flüsternder Stimme, wobei sie ihm die Hände hinstreckte.
Er schwor, es nicht zu sein. Er hatte ihre Hände ergriffen, ließ die seinen an ihren Armen bis über die Ellbogen hinaufgleiten, wobei er sich vorsichtig unter der schwarzen Spitze vorwärtstastete, damit seine plumpen Finger weiter gelangten, ohne etwas zu zerreißen. Sie hob die Arme ein wenig, als wünsche sie, ihm diese Bemühung zu erleichtern. Sie standen im Schatten des Wandschirms, keiner sah das Gesicht des anderen. Und in diesem Zimmer, dessen dumpfe Luft ihm das Atmen erschwerte, verspürte er wieder jenen Duft von fast zuckriger Schärfe, der ihn schon zuvor berauscht hatte. Doch sobald er über ihre Ellbogen hinaufgelangt war und seine Hände brutal wurden, fühlte er, wie sich Clorinde ihm entzog, und er hörte sie durch die hinter ihnen offengebliebene Tür rufen: »Antonia! Licht, und bringen Sie mir mein graues Kleid.«
Als sich Rougon wieder auf der Avenue des ChampsElysées befand, blieb er einen Augenblick wie betäubt stehen und atmete die frische Luft ein, die von der Höhe des ArcdeTriomphe heranwehte. Die Avenue, durch die jetzt keine Wagen mehr fuhren, ließ eine nach der anderen ihre Gasflammen aufleuchten, deren plötzliche Helligkeit das Dunkel mit einem Lauffeuer funkelnder Sterne tüpfelte. Ihm war, als habe er soeben einen Blutsturz gehabt, er strich sich mit den Händen übers Gesicht.
»Ach nein«, sagte er ganz laut, »das wäre zu dumm!«
Kapitel IV
Der feierliche Taufzug sollte um fünf Uhr vom Pavillon de l'Horloge aufbrechen. Sein vorgesehener Weg führte durch die große Allee des Tuileriengartens, über den Place de la Concorde, die Rue de Rivoli, den Place de l'Hôtel de Ville, die Pont d'Arcole, die Rue d'Arcole zum Place du Parvis.
Schon um vier Uhr hatte sich an der Pont d'Arcole eine ungeheure Menschenmenge angesammelt. In dem freien Raum, den der Fluß mitten in der Stadt geschaffen hatte, konnte eine ganze Volksmasse unterkommen.
Dort bot sich unvermittelt ein großer Ausblick, weit weg sah man die Spitze der Ile SaintLouis, über die wie ein Querbalken der schwarze Strich der Pont LouisPhilippe lief; zur Linken verlor sich der schmale Arm der Seine zwischen dicht zusammengedrängten niedrigen Gebäuden; zur Rechten tat der breitere Arm eine von blaßviolettem Dunst verhüllte Ferne auf, in der man den grünen Fleck der Räume des Port auxVins37 erkennen konnte. Dann zogen sich auf beiden Seiten, vom Quai SaintPaul bis zum Quai de la Mégisserie, vom Quai Napoléon bis zum Quai de l'Horloge, die Bürgersteige längs breiter Fahrstraßen hin, während gegenüber der Brücke der Place de l'Hôtel de Ville seine ebene Fläche dehnte. Und über diese unermeßlichen Räume spannte der Himmel, ein Junihimmel von warmer Reinheit, eine riesige Bahn seiner blauen Unendlichkeit.
Als es halb fünf schlug, wimmelte es überall von Menschen. Die Bürgersteige entlang standen nicht endende Reihen Neugieriger gegen die Brüstungen gedrückt. Ein Meer von Menschenköpfen erfüllte in immer noch wachsender Flut den Place de l'Hôtel de Ville. Gegenüber waren in den alten Häusern des Quai Napoléon in den schwarzen Lücken der weit offenen Fenster Gesichter zusammengepfercht, und sogar aus der Tiefe der dunklen, auf den Fluß zu führenden Gäßchen, der Rue Colombe, der Rue Saint Landry, der Rue Glatigny, beugten sich Frauenhauben mit im Winde flatternden Rändern vor. Die dichtbesetzte Pont NotreDame zeigte eine Reihe von Zuschauern, die Ellbogen auf den Stein gestützt wie auf den Brüstungssamt einer kolossalen Tribüne. Am anderen Ende, ganz weit fort, belebte sich die Pont LouisPhilippe mit einem Gekribbel schwarzer Punkte, während die entferntesten Fenster, die kleinen Streifen, die in regelmäßigen Abständen die gelben und grauen Fassaden des Häuserkaps an der Spitze der Insel durchbrachen, für Augenblicke von dem lichten Fleck eines Kleides erhellt wurden. Menschen standen zwischen den Schornsteinen auf den Dächern. Leute, die man nicht sah, schauten durch Operngläser hoch von ihren Terrassen am Quai de la Tournelle herab. Und das sich weithin ergießende, schräg einfallende Sonnenlicht war wie das Erschauern dieser Menge; in ihm wogte das erregte Lachen dieser Dünung von Köpfen; grellfarbige Sonnenschirme, wie Spiegel gehalten, standen gleich runden Gestirnen in dem buntscheckigen Gemisch von Frauenkleidern und Überziehern.
Doch was man von überallher sah, von den Quais, den Brücken, den Fenstern aus, das war am Horizont ein auf die kahle Mauer eines sechsstöckigen Hauses der Ile SaintLouis al fresco gemalter riesiger grauer Gehrock in Seitenansicht, den linken Ärmel im Ellbogen gekrümmt, als habe das Kleidungsstück die Haltung und die Rundungen eines Körpers bewahrt, der jetzt verschwunden war. Diese monumentale Reklame dort in der Sonne, über dem Gewimmel der Spaziergänger, gewann eine außerordentliche Bedeutsamkeit.
Ein doppeltes Spalier ermöglichte es jedoch, daß sich der feierliche Zug mitten durch die Menge fortbewegen konnte; zur Rechten reihten sich die Nationalgarden, zur Linken Soldaten der Linienregimenter. Das eine Ende dieses Spaliers verlor sich in der mit Fahnen geschmückten Rue d'Arcole, wo aus den Fenstern kostbare Stoffe hingen und in weichem Wallen an die dunklen Häuser schlugen. Inmitten der Überflutung auch des kleinsten Winkels war die leergelassene Brücke der einzige Streifen nackten Bodens, und in ihrer Leere und Leichtigkeit machte sie mit ihrem sanft geschwungenen eisernen Bogen einen seltsamen Eindruck. Unten aber, auf den steilen Uferböschungen, fing das Gedränge wieder an; sonntäglich herangeputzte Bürger hatten ihre Taschentücher ausgebreitet, hatten sich dort neben ihren Frauen hingesetzt, warteten ab und ruhten sich von einem ganzen Nachmittag des Umherschlenderns aus. Jenseits der Brücke, mitten in der verbreiterten, ganz blauen, am Zusammenfluß der beiden Arme grün moirierten Fläche des Flusses, plagte sich eine Bootsmannschaft in roten Matrosenblusen damit ab, ihr Boot durch Ruderschläge auf der Höhe des PortauxFruits38 zu halten. Außerdem war da noch dicht am Quai de Gèvres ein großes Waschschiff mit vom Wasser grün gewordenen Planken, aus dem man das Gelächter der Wäscherinnen und das Klopfen ihrer Schlegel hörte. Und die drei bis vierhunderttausend Köpfe dieser zusammengeballten Menschenmenge hoben sich zuweilen, blickten nach den Türmen von NotreDame, die ihre viereckige Masse über den Häusern des Quai Napoléon aufreckten. Die Türme, von der sinkenden Sonne vergoldet, rostfarben gegen den hellen Himmel stehend, zitterten in der Luft, ganz Klang geworden von einem ungeheuren Geläute.
Zwei oder dreimal bereits hatte blinder Alarm ein heftiges Drängen und Stoßen in der Menge verursacht.
»Ich versichere Ihnen, daß sie nicht vor halb sechs vorbeikommen werden«, sagte ein langer Kerl, der in Gesellschaft von Herrn und Frau Charbonnel vor einem Café am Quai de Gevres saß.
Es war Gilquin, Théodore Gilquin, der ehemalige Mieter der Frau Mélanie Correur, Rougons schrecklicher Freund. An diesem Tage war er ganz in gelben Zwillich gekleidet, einen kompletten Anzug für neunundzwanzig Francs, zerknittert, fleckig, an den Nähten aufgeplatzt; und dazu trug er zerrissene Stiefel, hell havannafarbene Handschuhe, einen großen Strohhut ohne Band. Wenn Gilquin Handschuhe anlegte, war er »angezogen«. Seit der Mittagszeit führte er die Charbonnels umher, deren Bekanntschaft er eines Abends bei Rougon in der Küche gemacht hatte.
»Sie werden alles sehen, meine Kinder«, wiederholte er, mit der Hand seinen langen Schnurrbart abwischend, der eine schwarze Schmarre in sein Säufergesicht zeichnete. »Sie haben sich meinen Händen anvertraut, nicht wahr? Nun gut, lassen Sie mich die Anordnung und den Verlauf des kleinen Festes regeln.«
Gilquin hatte schon drei Glas Kognak und fünf Schoppen Bier getrunken. Seit zwei vollen Stunden hielt er die Charbonnels hier unter dem Vorwand fest, daß man unter den ersten zur Stelle sein müsse. Es war ein kleines, ihm bekanntes Café, wo man, wie er sagte, ausgezeichnet aufgehoben sei; und er duzte den Kellner. In ihr Schicksal ergeben, hörten die Charbonnels ihm zu, sehr überrascht von der Weitschweifigkeit und Mannigfaltigkeit seines Geredes; Frau Charbonnel hatte nur ein Glas Zuckerwasser haben wollen; Herr Charbonnel nahm ein Glas Anisette, wie er es zuweilen im Kaufmannsklub zu Plassans tat. Unterdessen sprach Gilquin ihnen so von der Taufe, als habe er den Vormittag in den Tuilerien verbracht, um Näheres darüber zu erfahren.
»Die Kaiserin ist sehr zufrieden«, sagte er. »Sie hat eine prächtige Niederkunft gehabt. Oh, das ist eine lustige Frau! Sie werden sehen, wie stattlich sie aussieht ... Der Kaiser ist vorgestern von Nantes zurückgekommen, wohin er wegen der Überschwemmungen gefahren war ... Ach, welch ein Unglück sind solche Überschwemmungen!«
Frau Charbonnel schob ihren Stuhl zurück. Sie hatte ein wenig Angst vor der Menschenmenge, die in immer dichteren Massen an ihr vorbeiströmte.
»Wieviel Leute!« murmelte sie.
»Bei Gott«, rief Gilquin, »es sind mehr als dreihunderttausend Fremde in Paris! Seit acht Tagen bringen Sonderzüge die ganze Provinz hierher ... Sehen Sie, das dort sind Leute aus der Normandie und das dort Gascogner, und die da drüben sind aus der FrancheComté. Oh, so etwas rieche ich sofort! Ich bin ganz schön herumgekommen.«
Dann erzählte er, daß die Gerichte nicht arbeiteten, daß die Börse geschlossen sei, daß alle Behörden ihre Angestellten beurlaubt hätten. Die gesamte Hauptstadt feiere die Taufe. Und er ging dazu über, Summen zu nennen und auszurechnen, was die kirchliche Feier und die Festlichkeiten kosten würden. Der Corps législatif habe vierhunderttausend Francs bewilligt; aber das sei eine Lappalie, denn ein Stallknecht der Tuilerien habe ihm tags zuvor versichert, daß allein der Festzug annähernd zweihunderttausend Francs kosten werde. Wenn der Kaiser nicht mehr als eine Million aus der Zivilliste hinzufügen müsse, werde er sich glücklich schätzen dürfen. Die Taufausstattung allein sei hunderttausend Francs wert.
»Hunderttausend Francs!« wiederholte Frau Charbonnel verblüfft. »Aber woraus besteht sie denn? Was hat man denn bloß dazu verwendet?«
Gilquin lachte selbstgefällig. Es gebe so teure Spitzen. Er sei früher einmal Reisender in Spitzen gewesen. Und er fuhr in seinen Berechnungen fort: fünfzigtausend Francs seien ausgesetzt als Beihilfe für die Eltern ehelicher Kinder, die am selben Tage wie der kleine Prinz geboren wurden und bei denen der Kaiser und die Kaiserin Pate und Patin sein wollten; fünfundachtzigtausend Francs sollten für den Kauf von Medaillen für die Schöpfer von Kantaten, die in den Theatern gesungen würden, aufgewendet werden. Schließlich teilte er Einzelheiten über die hundertzwanzigtausend Erinnerungsmedaillen mit, die an die Gymnasiasten, an die Kinder in den Elementarschulen und den Kleinkinderbewahranstalten, an die Unteroffiziere und an die Soldaten der Pariser Garnison verteilt worden waren. Er besaß eine, er wies sie vor. Es war eine Medaille von der Größe eines Zehnsoustücks, die auf einer Seite die Profile des Kaisers und der Kaiserin zeigte, auf der anderen das des Kaiserlichen Prinzen, dazu das Datum der Taufe: 14. Juni 1856.
»Würden Sie sie mir überlassen?« fragte Herr Charbonnel.
Gilquin willigte ein.
Als ihm aber der Biedermann, in Verlegenheit wegen des Preises, ein Zwanzigsoustück gab, lehnte er es großartig ab und meinte, sie dürfe wohl kaum mehr als zehn Sou wert sein. Unterdessen betrachtete Frau Charbonnel die Profile des Kaiserpaares. Sie wurde gerührt.
»Sie sehen sehr freundlich aus«, sagte sie. »Sie wirken hier so dicht nebeneinander wie schlichte, rechtschaffene Leute ... Sehen Sie doch, Charbonnel, man könnte meinen, zwei Köpfe auf demselben Kissen, wenn man die Münze auf diese Weise anschaut.«
Dann kam Gilquin wieder auf die Kaiserin zu sprechen, deren Mildtätigkeit er pries. Im neunten Monat ihrer Schwangerschaft habe sie ganze Nachmittage auf die Gründung einer Erziehungsanstalt für arme junge Mädchen weit oben im Faubourg SaintAntoine verwendet. Soeben habe sie die Annahme von achtzigtausend Francs verweigert, die fünfsouweise im Volk gesammelt worden waren, um dem kleinen Prinzen ein Geschenk darzubringen, und dieser Betrag solle auf ihren Wunsch dazu dienen, hundert Waisenkindern eine Lehrzeit zu ermöglichen. Gilquin, schon leicht benebelt, machte schreckliche Augen, während er sich bemühte, seiner Stimme einen zarten Klang zu geben und Ausdrücke zu finden, in denen sich die Ehrfurcht des Untertanen mit der leidenschaftlichen Bewunderung des Mannes vereinte. Er erklärte, daß er zu Füßen dieser edlen Frau gern sein Leben opfern würde. Aber um ihn her erhob niemand Einspruch. Das Getöse der Volksmenge klang von weitem wie das sich in einem ununterbrochenen Geschrei ausbreitende Echo seiner Lobpreisungen. Und die Glocken von NotreDame wälzten in vollem Schwung die Lawine ihrer ungeheuren Freude über die Häuser.
»Vielleicht wäre es allmählich an der Zeit, uns einen Platz zu suchen«, meinte zaghaft Herr Charbonnel, den das Sitzen langweilte.
Frau Charbonnel war aufgestanden und raffte ihren gelben Schal um den Hals zusammen.
»Gewiß«, murmelte sie. »Sie wollten als einer der ersten da sein, und nun bleiben wir hier sitzen und lassen uns alle Leute zuvorkommen.«
Aber Gilquin wurde ärgerlich. Er schlug mit der Faust auf den kleinen Zinktisch und schimpfte. Kenne er etwa sein Paris nicht? Und während Frau Charbonnel eingeschüchtert wieder auf ihren Stuhl sank, rief er dem Kellner zu: »Jules, einen Absinth und Zigarren!«
Als er dann seinen dicken Schnurrbart in den Absinth getaucht hatte, rief er den Kellner wütend nochmals zurück.
»Machst du dich etwa über mich lustig? Nimm gefälligst diesen Schund weg und stell mir die andere Flasche hin, die von Freitag! Ich bin in Likören gereist, mein Alter. Théodore läßt sich nicht reinlegen.«
Er beruhigte sich, als ihm der Kellner, der Angst vor ihm zu haben schien, die Flasche gebracht hatte. Dann klopfte er den Charbonnels freundlich auf die Schulter, nannte sie Papa und Mama.
»Was, Mama, jucken uns die Füßchen? Warten Sie nur, Sie werden von jetzt bis heut abend genug Zeit haben, sie zu brauchen ... Nun, zum Teufel, mein Dicker, haben wir es nicht gut hier vor dem Café? Wir sitzen, wir sehen zu, wie die Leute vorbeikommen ... Ich sage Ihnen, wir haben Zeit. Lassen Sie sich etwas bringen.«
»Danke, wir sind befriedigt«, erklärte Herr Charbonnel.
Gilquin hatte sich gerade eine Zigarre angesteckt. Er lehnte sich zurück; die Daumen in den Ärmelausschnitten seiner Weste, wiegte er sich mit vorgewölbter Brust auf seinem Stuhl. Selige Zufriedenheit feuchtete seine Augen. Plötzlich kam ihm ein Einfall.
»Wissen Sie was?« rief er. »Nun, morgen früh um sieben Uhr bin ich bei Ihnen und hole Sie ab, ich werde dafür sorgen, daß Sie das ganze Fest sehen. Das ist doch nett, nicht?«
Die Charbonnels blickten einander höchst beunruhigt an. Er aber setzte lang und breit das Programm auseinander. Er hatte eine Stimme wie ein Bärenführer, der marktschreierisch seine Vorführung anpreist. Vormittags Frühstück im PalaisRoyal und Spaziergang durch die Stadt. Nachmittags auf der Esplanade des Invalides militärische Vorführungen, Klettermasten; dreihundert Ballons, die Tüten mit Bonbons mit sich führten, wollte man aufsteigen lassen und einen großen Ballon mit Zuckerzeugregen. Abends Essen bei einem ihm bekannten Weinhändler am Quai de Billy, Feuerwerk, dessen Hauptstück eine Taufkapelle darstellen solle, Bummel durch die illuminierten Straßen. Und er erzählte ihnen von dem feurigen Kreuz, das man auf dem Hôtel de la Légion d'honneur aufrichte, von dem feenhaften Palast auf dem Place de la Concorde, für den man neunhundertfünfzigtausend farbige Gläser benötigt habe, von dem Tour Saint Jacques, dessen Statue hoch droben einer brennenden Fackel gleichen werde. Als die Charbonnels noch immer zögerten, neigte er sich vor und dämpfte die Stimme.
»Auf dem Heimweg werden wir dann in einem kleinen Milchladen in der Rue de Seine Station machen, wo man eine wirklich großartige Käsesuppe bekommt.«
Da wagten die Charbonnels nicht mehr, es ihm abzuschlagen. Ihre rund gewordenen Augen drückten kindliche Neugier und kindliches Erschrecken zugleich aus. Sie fühlten, wie sie völlig abhängig wurden von diesem schrecklichen Mann. Frau Charbonnel beschränkte sich darauf, zu murmeln: »O dies Paris, dies Paris! – Da wir nun einmal hier sind, müssen wir schließlich wohl alles sehen. Aber wenn Sie wüßten, Herr Gilquin, wie ruhig wir in Plassans gelebt haben! Dort habe ich Eingemachtes, das verkommt, Konfitüren, Kirschen in Branntwein, Pfeffergürkchen ...«
»Hab nur keine Angst, Mama«, beruhigte sie Gilquin, der so vergnügt wurde, daß er sie duzte. »Du gewinnst deinen Prozeß, und dann lädtst du mich ein, ha, wir werden alle hinfahren und über das Eingemachte herfallen.«
Er goß sich ein neues Glas Absinth ein. Er war völlig betrunken. Einen Moment lang heftete er einen gerührten Blick auf die Charbonnels. Wenn es nach ihm ginge, sollte man sein Herz auf der Hand tragen. Plötzlich stand er auf, schwang seine langen Arme und rief mehrmals: »Pst! Heda!« Auf dem gegenüberliegenden Bürgersteig kam in einem Kleid aus taubenhalsfarbener Seide Frau Mélanie Correur vorüber. Sie wandte den Kopf; es schien sie sehr zu verdrießen, Gilquins gewahr zu werden. Dennoch überquerte sie den Fahrdamm, wobei sie sich mit der Würde einer Fürstin in den Hüften wiegte. Und als sie am Tisch stand, ließ sie sich lange bitten, ehe sie etwas annahm.
»Wie wär's mit einem Gläschen Cassis?« fragte Gilquin. »Den mögen Sie doch ... Sie erinnern sich, Rue Vanneau? Lustig ist's zugegangen zu jener Zeit! Ach, die gute dumme Correur!«
Als sie sich schließlich hinsetzte, lief ein ungeheures Jubelgeschrei durch die Menge. Wie von einem Windstoß davongewirbelt, stürmten die Spaziergänger mit dem Stampfen einer ausbrechenden Herde dahin. Die Charbonnels waren unwillkürlich aufgestanden, um einen Anlauf zu nehmen. Aber die schwere Hand Gilquins nagelte sie wieder auf ihren Stühlen fest. Er war puterrot. »Rühren Sie sich doch nicht, alle Wetter! Warten Sie auf den Befehl ... Sie sehen doch, daß all diese Dummköpfe sich unnütz die Nase einrennen. Es ist erst fünf Uhr, nicht wahr? Was jetzt kommt, ist der Kardinallegat. Auf den pfeifen wir, auf den Kardinallegaten! Ich finde es kränkend, daß der Papst39 nicht persönlich gekommen ist. Entweder man ist Pate, oder man ist es nicht, scheint mir! Ich schwöre Ihnen, daß das Knirpschen nicht vor einer halben Stunde vorbeikommt.« Allmählich verlor er in der Trunkenheit den Respekt. Er hatte seinen Stuhl umgedreht, er blies den Leuten den Rauch ins Gesicht, zwinkerte den Frauen zu und sah die Männer mit herausfordernden Blicken an. An der ein paar Schritt entfernten Pont NotreDame entstand ein Wagengedränge; die Pferde stampften vor Ungeduld, goldbestickte, mit Orden besäte Uniformen hoher Beamter und Offiziere zeigten sich an den Wagenschlägen.
»Was für eine Menge Lametta!« murmelte Gilquin mit dem Lächeln eines überlegenen Mannes.
Aber als vom Quai de la Mégisserie her ein Kupee kam, hätte er fast mit einem Satz den Tisch umgeworfen. Er schrie: »Sieh da! Rougon!«
Und stehend grüßte er mit seiner behandschuhten Hand. Dann nahm er, da er befürchtete, nicht bemerkt zu werden, seinen Strohhut und schwenkte ihn. Rougon, dessen Senatorentracht sehr beachtet wurde, ließ sich schnell tief in eine Ecke des Kupees sinken.
Da rief ihn Gilquin an, die halbgeschlossene Faust als Sprachrohr benutzend. Gegenüber auf dem Bürgersteig rottete sich die Menge zusammen, um zu sehen, auf wen dieser verteufelt lange Kerl in gelbem Zwillich es abgesehen habe. Endlich konnte der Kutscher auf sein Pferd lospeitschen, das Kupee fuhr auf die Pont NotreDame.
»Seien Sie doch still!« mahnte mit gedämpfter Stimme Frau Correur und packte Gilquin beim Arm.
Er wollte sich nicht sofort hinsetzen, sondern reckte sich in die Höhe, um dem zwischen den anderen Wagen dahinfahrenden Kupee mit dem Blick zu folgen. Und er schickte den fliehenden Rädern einen letzten Satz nach.
»O der Treulose, das kommt davon, daß er jetzt Gold auf seinem Überrock hat! Das ändert nichts daran, mein Dicker, daß du dir mehr als einmal Théodores Stiefel gepumpt hast!«
Rings um ihn her an den sechs oder acht Tischen des kleinen Cafés rissen Bürger mit ihren Damen weit die Augen auf; besonders eine Familie am Nachbartisch, Vater, Mutter und drei Kinder, hörte ihm mit tiefinteressierten Mienen zu. Entzückt davon, ein Publikum zu haben, blähte er sich auf. Langsam ließ er den Blick über die Gäste wandern und sagte, während er sich wieder hinsetzte, sehr laut: »Rougon! Den habe ich gemacht!«
Da ihn Frau Correur zu unterbrechen versucht hatte, rief er sie nun als Zeugin an. Sie wisse doch alles ganz genau! Das sei bei ihr geschehen, in der Rue Vanneau, im Hôtel Vanneau. Sie werde wohl nicht abstreiten, daß er dem da zwanzigmal seine Stiefel geliehen habe, damit er zu feinen Leuten gehen und sich an einem Haufen von Geschäften beteiligen konnte, von denen niemand etwas verstand. Rougon habe zu jener Zeit nur ein Paar alte, schiefgetretene Schuhe besessen, die kein Lumpenhändler mehr hätte haben wollen. Und er beugte sich mit Siegermiene zum Nachbartisch hinüber, zog die Familie mit ins Gespräch, rief aus: »Bei Gott, sie wird nicht nein sagen! Sie war es, die ihm in Paris das erste Paar neue Stiefel bezahlte.«
Frau Correur drehte ihren Stuhl, damit es so aussehen sollte, als gehöre sie nicht zu Gilquins Gesellschaft. Die Charbonnels saßen ganz bleich da, weil sie auf solche Art von einem Manne reden hörten, der ihnen fünfhunderttausend Francs in die Tasche schaffen sollte. Gilquin aber war einmal im Zuge, er erzählte mit unendlichen Einzelheiten von Rougons Anfängen. Sich selber nannte er einen Philosophen; er lachte jetzt, zog die Gäste der Reihe nach ins Gespräch; rauchend, spuckend, trinkend erklärte er ihnen, er sei an die Undankbarkeit der Menschen gewöhnt; ihm genüge, wenn er selber Hochachtung vor sich habe. Und er wiederholte, daß er Rougon gemacht habe. Zu jener Zeit sei er Parfümeriereisender gewesen. Aber der Handel habe infolge der Republik nicht floriert. Alle beide seien sie im selben Stockwerk fast vor Hunger krepiert. Da habe er den Einfall gehabt, Rougon dazu zu veranlassen, sich von einem Gutsbesitzer in Plassans Olivenöl schicken zu lassen; und sie hätten sich, jeder für sich, mit Ölproben in den Taschen auf die Beine gemacht und bis zehn Uhr abends das Pflaster von Paris getreten. Rougon sei nicht geschickt gewesen, dennoch habe er zuweilen schöne Aufträge mitgebracht, die er von den großen Leuten hereingeholt habe, zu denen er zur Abendgesellschaft ging. O dieser Schuft Rougon! In allerlei Dingen dümmer als eine Gans, und dabei bösartig! Wie hatte er später Théodore für seine Politik schuften lassen! Hier dämpfte Gilquin ein wenig die Stimme, blinzelte, denn schließlich hatte auch er selber zu der Clique gehört. Er habe die Kneipen vor den Toren belaufen und dort geschrien: »Es lebe die Republik!« Ei ja, man mußte schon Republikaner sein, um Leute zu werben. Das Kaiserreich sei ihm wirklich einen Blumentopf schuldig. Je nun, das Kaiserreich sage nicht einmal danke schön zu ihm. Während Rougon und seine Clique den Kuchen unter sich teilten, habe man ihn, Gilquin, wie einen räudigen Hund vor die Tür gejagt. Ihm sei es recht so, er bleibe lieber unabhängig. Eins aber bedaure er doch, nämlich daß er nicht bis ans Ende mit den Republikanern gegangen sei, um jenes ganze Lumpengesindel mit Flintenschüssen hinwegzufegen.
»Genau wie der kleine Du Poizat, der so tut, als kennt er mich nicht mehr!« sagte er abschließend. »Ein schwächlicher Kerl, dem ich öfter einmal unter die Arme gegriffen habe! Du Poizat! Unterpräfekt! Ich hab ihn im Hemd gesehen mit der großen Amélie, die ihn mit einer Ohrfeige zur Tür hinausbeförderte, wenn er nicht artig war.«
Einen Augenblick lang schwieg er, plötzlich gerührt, mit vor Trunkenheit schwimmenden Augen. Dann fing er, die Gäste um ihn her befragend, aufs neue an: »Kurz, Sie haben soeben Rougon gesehen ... Ich bin ebenso groß wie er. Ich stehe in seinem Alter. Ich schmeichle mir, einen etwas weniger schurkischen Kopf zu haben als er. Ei nun, würde ich mich nicht in einem Wagen, den ganzen Körper mit vergoldeten Dekorationsstücken behängt, besser ausnehmen als dieses dicke Schwein?«
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