Kitabı oku: «Die großen Romane der Schwestern Brontë»
Anne Brontë / Charlotte Brontë / Emily Brontë
Die großen Romane der Schwestern Brontë
Agnes Grey · Jane Eyre · Sturmhöhe
Reclam
2020 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Covergestaltung: Anja Grimm Gestaltung
Coverabbildung: © shutterstock.com / Theraphosath
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2020
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961541-7
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-030066-4
www.reclam.de
Inhalt
Agnes Grey Anmerkungen Nachwort Zeittafel
Jane Eyre Anmerkungen Nachwort Zeittafel
Sturmhöhe Ahnentafel der Familien Earnshaw und Linton Nachwort Zeittafel
Agnes Grey

Anne Brontë
Agnes Grey
Übersetzung und Nachwort von Stefanie Kuhn-Werner
Bescheiden, aber wohlbehütet in einer kleinen Pfarrei in Nordengland aufgewachsen, muss die junge Agnes Grey ihre Familie verlassen, um eine Stellung als Gouvernante anzutreten. Schon bald machen ihr die verwöhnten Kinder und das respektlose Verhalten der reichen Herrschaften das Leben schwer, aber mit Großmut und Geduld gelingt es Agnes, sich und ihren Idealen treu zu bleiben. Doch dann trifft sie den jungen Hilfspfarrer Edward Weston, und in Agnes erwachen zarte Gefühle.
Kapitel 1
Das Pfarrhaus
In allen wahren Geschichten steckt ein Stück Belehrung, doch ist dieser Schatz häufig nur schwer zu entdecken und, wenn man ihn dann gefunden hat, oft so geringfügig, dass man sich fragt, ob der trockene, schrumpelige Kern überhaupt die Mühe wert war, die Nuss zu knacken. Es steht mir nicht an zu beurteilen, ob dies bei meiner Geschichte der Fall ist oder nicht. Manchmal glaube ich, sie könnte sich für einige Menschen als nützlich, für andere als unterhaltsam erweisen; aber das soll jeder selbst beurteilen. Geschützt durch meine Unbekanntheit, die mittlerweile vergangene Zeit und ein paar erfundene Namen will ich mutig darangehen, dem Leser ganz offen zu schildern, was ich nicht einmal meinem innigsten Freund enthüllen würde.
Mein Vater war ein Geistlicher aus dem Norden Englands, zu Recht geachtet von allen, die ihn kannten, und lebte in seinen jüngeren Jahren einigermaßen sorgenfrei von den Einkünften, die eine bescheidene Pfarrstelle und ein hübscher kleiner Besitz erbrachten. Meine Mutter, die ihn gegen den Willen ihrer Familie heiratete, war die Tochter eines Gutsherrn und eine intelligente Frau. Umsonst hielt man ihr vor Augen, dass sie im Falle einer Heirat mit dem armen Pfarrer auf ihre Kutsche, ihre Zofe, allen Luxus und alle Herrlichkeiten des Reichtums verzichten müsse, die für sie doch ganz selbstverständlich zum Leben gehörten. Eine Kutsche und eine Zofe waren sicherlich große Annehmlichkeiten, aber Gott sei Dank, besaß sie zwei Füße, die sie trugen, und zwei Hände, mit denen sie für sich selbst sorgen konnte. Ein vornehmes Haus und ausgedehnte Ländereien waren nicht zu verachten; sie aber würde lieber mit Richard Grey in einem kleinen Haus wohnen als mit irgendeinem anderen Mann auf der Welt in einem Palast.
Als ihr Vater merkte, dass alle Argumente nichts fruchteten, teilte er den Liebenden schließlich mit, sie sollten ruhig heiraten, wenn es ihnen gefiele; in diesem Falle aber verlöre seine Tochter auch den kleinsten Teil ihres Vermögens. Er erwartete, dass sich daraufhin die Leidenschaft der beiden abkühlen würde, aber er irrte. Mein Vater kannte den außergewöhnlichen Wert meiner Mutter zu gut, um sich nicht darüber im Klaren zu sein, dass sie allein schon ein kostbarer Besitz war; und wenn sie nur einwilligen wolle, sein bescheidenes Heim zu verschönern, wäre er glücklich, sie zu heiraten, ganz gleich zu welchen Bedingungen. Sie ihrerseits wollte lieber mit den eigenen Händen arbeiten, als von dem Manne getrennt zu sein, den sie liebte, den glücklich zu machen ihr eine Freude sein würde und mit dem sie schon jetzt eins war in Herz und Seele. So vergrößerte ihr Erbteil das Vermögen einer klügeren Schwester, die einen Krösus geheiratet hatte, während sie sich – zum Erstaunen und mitleidigen Bedauern aller ihrer Bekannten – in dem einfachen Pfarrhaus inmitten der Hügel von –– vergrub. Und doch glaube ich, dass man trotz alledem, trotz des vornehmen Wesens meiner Mutter und den Grillen meines Vaters in ganz England kein glücklicheres Paar finden würde.
Meine Schwester Mary und ich waren die beiden einzigen von sechs Kindern, die die Gefahren von Säuglingsalter und früher Kindheit überlebten. Da ich fast sechs Jahre jünger war, wurde ich immer als das Kind und der Liebling der Familie angesehen: Vater, Mutter und Schwester verwöhnten mich alle zusammen, nicht durch törichte Nachgiebigkeit, die mich widerspenstig und unbeherrscht gemacht hätte, sondern durch grenzenlose Güte, die mich hilflos und abhängig machte – untauglich, um es mit den Unbilden des Lebens aufzunehmen. Meine Mutter, die zugleich wohlerzogen, höchst gebildet und gerne beschäftigt war, übernahm die ganze Verantwortung für unsere Erziehung, mit Ausnahme von Latein, worin uns mein Vater unterrichtete, so dass wir nicht einmal zur Schule gingen; und da es in der Nachbarschaft sonst keinen Umgang gab, bestand unsere einzige Verbindung zur Welt in einer hin und wieder stattfindenden Tee-Gesellschaft mit den führenden Landwirten und Geschäftsleuten der Umgebung (um zu vermeiden, dass man uns als zu stolz einstufte, mit unseren Nachbarn zu verkehren) und einmal im Jahr einem Besuch bei unserem Großvater väterlicherseits, bei dem dieser, unsere gute Großmama, eine unverheiratete Tante und zwei oder drei ältere Damen und Herren die einzigen Menschen waren, die wir je zu Gesicht bekamen. Manchmal unterhielt uns unsere Mutter mit Geschichten und Anekdoten aus ihrer Mädchenzeit, die uns ungeheuren Spaß bereiteten und – wenigstens in mir – häufig den geheimen Wunsch weckten, ein bisschen mehr von der Welt zu sehen.
Ich dachte, dass sie sehr glücklich gewesen sein musste; doch sie schien niemals den alten Zeiten nachzutrauern. Mein Vater aber, dessen Gemüt von Natur aus weder besonders gelassen noch heiter war, quälte sich oft übermäßig bei dem Gedanken an die Opfer, die seine liebe Frau ihm gebracht hatte, und zermarterte sich den Kopf, indem er unaufhörlich Pläne schmiedete, wie er um ihret- und unseretwillen sein kleines Vermögen vermehren könnte. Vergebens versicherte ihm meine Mutter, dass sie vollkommen zufrieden sei, und wenn er nur etwas für die Kinder beiseitelegen würde, hätten wir doch reichlich von allem, jetzt und auch in Zukunft; aber Sparen war nicht die starke Seite meines Vaters. Er geriet zwar nicht gerade in Schulden (wenigstens passte meine Mutter gut auf, dass das nicht geschah), aber wenn er Geld hatte, musste er es auch ausgeben; er wollte gern ein behagliches Heim haben, seine Frau und seine Töchter sollten gut gekleidet und ihre Bedienung angemessen sein. Zudem war er barmherziger Natur und spendete gern den Armen, so wie es seinen Mitteln entsprach oder, wie manch einer denken mochte, auch darüber hinaus.
Schließlich jedoch wies ihm ein wohlmeinender Freund den Weg, wie er seinen Privatbesitz mit einem Schlag verdoppeln, ihn später sogar ins Unermessliche steigern könne. Dieser Freund war Kaufmann, ein Mann mit Unternehmungsgeist und unbestrittenem Talent, der durch einen Mangel an Kapital in seinem geschäftlichen Tatendrang etwas eingeengt war, aber großzügig vorschlug, meinem Vater einen angemessenen Anteil an seinen Gewinnen zukommen zu lassen, wenn dieser ihm nur alles anvertrauen würde, was er erübrigen könne; und wie hoch die ihm anvertraute Summe auch immer sei, er glaubte, sicher versprechen zu können, dass sie meinem Vater einen hundertprozentigen Gewinn brächte. Das bescheidene Erbvermögen wurde umgehend verkauft, der gesamte Gegenwert dem hilfsbereiten Kaufmann überantwortet, der seinerseits unverzüglich daranging, seine Fracht zu verladen und seine Reise vorzubereiten.
Mein Vater war, wie wir alle, begeistert über unsere vielversprechenden Aussichten. Denn zugegeben, gegenwärtig waren wir gezwungen, von den kargen Einkünften der Pfarrstelle zu leben. Aber mein Vater hielt es anscheinend nicht für nötig, dass sich unsere Ausgaben exakt darauf beschränkten, und so hatten wir durch einen Dauerkredit bei Mr. Jackson, einen weiteren bei Smith und einen dritten bei Hobson sogar ein besseres Auskommen als vorher. Meine Mutter vertrat allerdings die Ansicht, wir sollten im Rahmen unserer Möglichkeiten bleiben, denn letztendlich sei unsere Aussicht auf Reichtum doch recht unsicher, und wenn mein Vater sich bloß in allem ihrer Führung anvertrauen würde, solle er sich bestimmt nie eingeengt fühlen; dieses eine Mal aber war er nicht umzustimmen.
Welch glückliche Stunden verbrachten Mary und ich damit – ob wir nun mit unserer Arbeit am Feuer saßen, über die mit Heidekraut bedeckten Hügel wanderten oder unter der Hängebirke faulenzten (dem einzig bemerkenswerten Baum im Garten übrigens) –, über unser zukünftiges Glück und das unserer Eltern zu sprechen, darüber, was wir tun, sehen und besitzen würden; dabei hatten wir keine solidere Grundlage für unsere großartigen Gedankengebäude als die Reichtümer, die die erfolgreichen Spekulationen des ehrenwerten Kaufmanns uns hoffentlich bescheren würden. Unserem Vater ging es nicht viel besser als uns, nur gab er vor, die Sache nicht so ernst zu nehmen. Seine strahlenden Hoffnungen und überschwänglichen Erwartungen drückten sich in Späßen und witzigen Einfällen aus, die ich stets ausgesprochen geistreich und lustig fand. Unsere Mutter lachte vergnügt, wenn sie ihn so hoffnungsfroh und glücklich sah, aber sie fürchtete noch immer, dass sein Herz zu sehr an dieser Angelegenheit hing, und einmal hörte ich sie beim Verlassen des Zimmers murmeln: »Gebe Gott, dass er nicht enttäuscht wird! Ich weiß nicht, wie er das ertragen würde.«
Aber er wurde enttäuscht, und zwar bitterlich. Wie ein Donnerschlag traf uns die Nachricht, dass der Segler, an dessen Bord sich unser Vermögen befand, Schiffbruch erlitten habe und mit der ganzen Ladung, einem Teil der Mannschaft und dem unglücklichen Kaufmann gesunken sei. Ich grämte mich um ihn, ich grämte mich um den Einsturz all unserer Luftschlösser, aber mit der Schwungkraft der Jugend erholte ich mich bald wieder von dem Schock.
Mochte der Reichtum seine Reize haben, die Armut besaß jedenfalls keinerlei Schrecken für ein unerfahrenes Mädchen wie mich. Ja, um ehrlich zu sein, hatte der Gedanke, dass wir in die Enge getrieben und auf unsere eigene Findigkeit angewiesen waren, etwas Anregendes für mich. Ich hätte nur gewünscht, Papa, Mama und Mary wären der gleichen Ansicht gewesen; dann hätten wir alle, statt vergangenes Unheil zu beklagen, frohen Mutes darangehen können, es wiedergutzumachen, und je mehr Schwierigkeiten es gab, umso stärker würden wir dagegen kämpfen; je härter unsere derzeitigen Entbehrungen waren, umso lieber wollten wir sie ertragen.
Mary beklagte sich nicht, aber sie dachte unaufhörlich über das Unglück nach und geriet in einen Zustand der Niedergeschlagenheit, aus dem ich sie trotz all meiner Anstrengungen nicht aufrütteln konnte. Ich vermochte sie jedenfalls nicht dazu zu bringen, die Angelegenheit so wie ich von ihrer positiven Seite zu sehen; und ich fürchtete sogar, dass sie mir kindischen Leichtsinn oder blanke Gefühllosigkeit vorwerfen würde, und behielt die meisten meiner glänzenden Einfälle und aufmunternden Bemerkungen sorgsam für mich, wohl wissend, dass sie sie nicht schätzen würde.
Meine Mutter dachte nur daran, meinen Vater zu trösten, unsere Schulden zu bezahlen und unsere Ausgaben mit allen zu Gebote stehenden Mitteln einzuschränken. Meinen Vater aber hatte das Unglück vollkommen überwältigt: Gesundheit, Kraft und geistige Verfassung verschlechterten sich aufgrund des Schicksalsschlages, und er sollte sich nie wieder völlig davon erholen. Vergebens bemühte sich meine Mutter, ihn aufzumuntern, indem sie an seine Frömmigkeit, seinen Mut und seine Liebe zu ihr und uns appellierte. Gerade diese Liebe war seine größte Qual: Um unsertwillen hatte er so sehnlichst gewünscht, sein Vermögen zu vermehren, der Gedanke an uns hatte seine Hoffnungen so überstrahlt und trug nun so viel Bitterkeit zu seinem gegenwärtigen Kummer bei. Es quälten ihn Gewissensbisse, weil er den Rat meiner Mutter nicht befolgt hatte, der ihm wenigstens die zusätzliche Schuldenlast erspart hätte; vergebens machte er sich Vorwürfe, sie aus der Würde, der Behaglichkeit, dem Luxus ihres früheren Standes herausgelöst zu haben, während sie sich stattdessen an seiner Seite mit den Sorgen und Mühen der Armut abplagen musste. Es lag ihm bitter auf der Seele, diese prächtige, hochgebildete, einst so sehr hofierte und bewunderte Frau in eine emsig wirtschaftende Hausfrau verwandelt zu sehen, die sich mit Kopf und Händen unablässig alltäglichen Haushalts- und Wirtschaftsfragen widmen musste. Die Bereitschaft, mit der sie diesen Pflichten nachkam, die Heiterkeit, mit der sie den Rückschlag ertrug, die Güte, die sie davon abhielt, ihm auch nur die geringste Schuld zuzuweisen: All dies führte bei seinem selbstquälerischen Talent zu einer zusätzlichen Verschlimmerung seiner Leiden. So zehrte der Geist am Körper und brachte das Nervensystem in Unordnung, die Nerven wiederum verstärkten die geistigen Beschwerden, bis schließlich durch Wirkung und Gegenwirkung seine Gesundheit ernstlich beeinträchtigt war; und keiner von uns vermochte ihn davon zu überzeugen, dass unsere Zukunftsaussichten nicht halb so düster, so gänzlich hoffnungslos waren, wie er es sich in seiner krankhaften Phantasie vorstellte.
Der nützliche Ponywagen wurde verkauft, zusammen mit dem kräftigen, wohlgenährten Pony, unserem alten Lieblingstier, das laut einhelligem Beschluss seine Tage friedlich bei uns beenden sollte und von dem wir uns niemals hatten trennen wollen. Der kleine Wagenschuppen und der Stall wurden vermietet, der Dienstbursche und das tüchtigere der beiden Dienstmädchen (welches das kostspieligere war) wurden entlassen. Unsere Kleider wurden ausgebessert, gewendet und bis an die Grenzen der Schicklichkeit geflickt; unsere Mahlzeiten, auch bisher schon bescheiden, wurden nun in einem nie gekannten Ausmaß vereinfacht – mit Ausnahme der Lieblingsgerichte meines Vaters; Kohlen und Kerzen wurden peinlich genau eingeteilt: die zwei Kerzen auf eine einzige reduziert und auch diese nur sparsam gebraucht; auch mit den Kohlen im halbvollen Kamin gingen wir haushälterisch um; vor allem, wenn mein Vater wegen seiner Gemeindepflichten unterwegs oder krank ans Bett gefesselt war, saßen wir da, die Füße auf dem Ofenschirm, schoben von Zeit zu Zeit die verglimmenden Kohlen zusammen und schütteten gelegentlich etwas von den verstreuten Kohlestückchen und Kohlenstaub darüber, um die Glut nicht verlöschen zu lassen. Was unsere Teppiche anging, so waren sie mit der Zeit abgenützt und noch weitaus mehr geflickt und gestopft als unsere Kleider. Um die Ausgaben für einen Gärtner zu sparen, übernahmen Mary und ich es, den Garten in Ordnung zu halten; alle Küchen- und Hausarbeit, die von einem einzigen Hausmädchen nicht leicht zu bewältigen war, wurde von meiner Mutter und meiner Schwester erledigt, wobei ich sie gelegentlich ein wenig unterstützte: ich betonte ein wenig, denn obwohl ich meiner Ansicht nach bereits eine Frau war, in ihren Augen war ich noch immer ein Kind. Wie die meisten tatkräftigen, rührigen Frauen war meine Mutter nicht mit ebenso tatkräftigen Töchtern gesegnet, und zwar aus folgendem Grund: Da sie selber so klug und fleißig war, geriet sie nie in die Versuchung, ihre Angelegenheiten jemand anderem anzuvertrauen, sondern war im Gegenteil stets dazu bereit, für andere zu handeln und zu denken wie für sich selbst; und was es auch war, sie neigte stets zu der Ansicht, niemand könne es so gut erledigen wie sie selbst. Wann immer ich anbot, ihr zu helfen, erhielt ich eine Antwort wie: »Nein, Liebes, das kannst du nicht, es gibt hier wirklich nichts zu tun für dich. Geh und hilf deiner Schwester oder sieh zu, dass sie mit dir spazieren geht; sag ihr, sie soll nicht so viel herumsitzen und sich ständig im Haus aufhalten – sie wird sonst noch ganz mager und erbärmlich aussehen.«
»Mary, Mama sagt, ich soll dir helfen oder dich zu einem Spaziergang überreden; sie sagt, du wirst ganz mager und erbärmlich aussehen, wenn du ständig im Haus herumsitzt.«
»Du kannst mir nicht helfen, Agnes, und ich kann nicht mit dir nach draußen gehen – ich habe zu viel zu tun.«
»Dann lass mich dir doch helfen.«
»Das kannst du wirklich nicht, liebes Kind. Übe ein bisschen Klavier oder spiel mit dem Kätzchen.«
Es war immer genug Näharbeit vorhanden, aber ich hatte nicht gelernt, ohne fremde Hilfe ein Kleid zuzuschneiden, und so gab es außer einfachem Säumen und Zusammennähen auch auf diesem Gebiet wenig für mich zu tun. Denn beide versicherten, es sei für sie viel leichter, die Arbeit selbst zu machen, als sie für mich vorzubereiten; außerdem sähen sie es viel lieber, wenn ich mit meinen Studien fortführe oder mich amüsierte, schließlich hätte ich immer noch Zeit, wie eine würdige Matrone über meine Arbeit gebeugt zu sitzen, wenn mein kleines Lieblingskätzchen erst eine gesetzte alte Katze geworden wäre. Wenn ich auch unter diesen Umständen nicht viel nützlicher als das Kätzchen war, darf man meinen Müßiggang also nicht gänzlich verurteilen.
Trotz all unserer Sorgen hörte ich meine Mutter nur ein einziges Mal über unseren Geldmangel klagen. Als der Sommer nahte, sagte sie zu Mary und mir: »Wie schön wäre es für euren Vater, ein paar Wochen in einem Seebad zu verbringen. Ich bin überzeugt, die Seeluft und der Ortswechsel würden ihm unendlich guttun. Aber dafür haben wir freilich kein Geld«, fügte sie mit einem Seufzer hinzu. Wir beide hätten nur zu sehr gewünscht, dass dieser Plan in die Tat umgesetzt worden wäre, und beklagten zutiefst, dass dies unmöglich war. »Nun, nun«, sagte sie, »da hilft kein Jammern. Vielleicht können wir doch etwas tun, um das Vorhaben auszuführen. Mary, du kannst doch so herrlich zeichnen. Was hältst du davon, noch ein paar Bilder in deinem besten Stil zu malen, sie rahmen zu lassen und zu versuchen, sie mit den bereits fertigen Aquarellen an einen großzügigen Bilderhändler zu verkaufen, der ihren Wert zu schätzen weiß?«
»Ich würde mich freuen, Mama, wenn du sie für so gut hältst, dass man sie überhaupt verkaufen kann.«
»Zumindest ist es der Mühe wert, es zu versuchen, meine Liebe. Sorge du für die Bilder, ich will mich bemühen, einen Käufer dafür zu finden.«
»Ich wünschte, ich könnte auch etwas tun«, sagte ich.
»Du, Agnes! Nun, wer weiß? Du zeichnest doch auch ganz nett; wenn du ein einfaches Motiv wählst, wirst du, glaube ich, in der Lage sein, ein Bild zu malen, das wir alle voller Stolz ausstellen werden.«
»Aber ich dachte an etwas anderes, Mama, und zwar schon lange, nur wollte ich nicht darüber sprechen.«
»Wirklich? Dann sag uns bitte, worum es sich handelt.«
»Ich würde gern als Erzieherin arbeiten.«
Meine Mutter gab einen Ausruf des Erstaunens von sich und brach in Lachen aus. Meine Schwester ließ überrascht ihre Arbeit sinken und rief: »Du Erzieherin, Agnes! Wie kannst du dir nur so etwas ausdenken!«
»Nun, ich kann darin nichts Außergewöhnliches entdecken. Ich behaupte ja nicht, dass ich große Mädchen unterrichten kann, aber bei kleinen traue ich mir das zu, und ich würde es wirklich gern tun: Ich mag Kinder doch so sehr. Bitte erlaub es, Mama!«
»Aber Liebes, du hast noch nicht einmal gelernt, auf dich selbst aufzupassen, und es gehört mehr Verständnis und Erfahrung dazu, mit kleinen Kindern umzugehen als mit größeren.«
»Aber Mama, ich bin über achtzehn und durchaus in der Lage, auf mich und andere aufzupassen. Du weißt nur nicht, wie klug und vernünftig ich bin, weil ihr mich nie auf die Probe gestellt habt.«
»Nun überleg doch bloß mal«, sagte Mary, »was würdest du in einem Haus voll fremder Menschen anfangen, ohne dass ich oder Mama für dich sprechen oder handeln könnten, mit einer Kinderschar, auf die du wie auf dich selbst achtgeben müsstest, und ohne die Möglichkeit, jemanden um Rat zu fragen? Du wüsstest doch noch nicht einmal, was du anziehen sollst.«
»Du glaubst wohl, weil ich immer tue, was ihr wollt, ich hätte keine eigene Meinung; aber gebt mir die Gelegenheit zu zeigen, was ich kann – das ist alles, worum ich bitte.«
In diesem Augenblick kam mein Vater herein, und wir klärten ihn über den Gegenstand unserer Diskussion auf.
»Was, meine kleine Agnes als Gouvernante!«, rief er aus und musste trotz aller Niedergeschlagenheit bei dieser Vorstellung lachen.
»Ja, Papa, sag wenigstens du nichts dagegen. Ich würde es so gerne versuchen und bin überzeugt, dass es mir bestens gelingen würde.«
»Aber Liebling, wir könnten dich nicht entbehren.« Und mit Tränen in den Augen setzte er hinzu: »So groß unser Elend auch ist, diesen Schritt werden wir ganz bestimmt noch nicht tun.«
»O nein!«, sagte meine Mutter. »Es gibt überhaupt keinen Anlass dafür, es ist nur eine Laune von ihr. Also halt deinen Mund, du ungezogenes Mädchen, denn auch wenn du es so eilig hast, uns zu verlassen, so weißt du nur zu gut, dass wir uns nicht von dir trennen können.«
An diesem wie auch an vielen folgenden Tagen schwieg ich, aber ich gab meine Lieblingsidee noch immer nicht ganz auf. Mary holte ihre Malutensilien hervor und machte sich entschlossen an die Arbeit. Ich nahm meine auch, aber während ich malte, hatte ich andere Dinge im Kopf. Wie herrlich wäre es doch, Erzieherin zu sein! Ich würde in die Welt hinausgehen, ein neues Leben beginnen, selbständig handeln, meine ungenutzten Fähigkeiten einsetzen, meine unbekannten Anlagen erproben, meinen Unterhalt selbst verdienen und noch etwas darüber hinaus, um Vater, Mutter und Schwester hilfreich zu unterstützen, ganz abgesehen davon, dass ich sie von den Ausgaben für mein Essen und meine Kleidung entlastete; ich würde meinem Vater beweisen, wozu seine kleine Agnes in der Lage war, und Mama und Mary davon überzeugen, dass ich doch nicht ganz das hilflose, unbekümmerte Geschöpf war, das sie in mir vermuteten. Ach, und dann, wie reizend wäre es, mit der Betreuung und Erziehung von Kindern betraut zu sein! Was die anderen auch sagten, ich fühlte mich der Aufgabe vollauf gewachsen: Die genaue Erinnerung an die Gedanken, die ich selbst in früher Kindheit gehabt hatte, würden mir eine zuverlässigere Anleitung sein als die Lehren des erfahrensten Ratgebers. Ich brauchte lediglich das Verhalten meiner kleinen Schüler mit dem meinigen im selben Alter zu vergleichen, um es sofort zu verstehen, ihr Vertrauen und ihre Zuneigung zu gewinnen, die Reue der Sünder zu wecken, die Furchtsamen zu ermutigen, die Leidenden zu trösten, Tugend anwendbar, Belehrung wünschenswert und Religion schön und begreiflich zu machen.
– O lieblichs Tagwerk! Süß Bemühn!
Die junge, schwächliche Idee zurechtzulenken, zu formieren!
Die zarten Pflänzchen aufzuziehen und zuzusehen, wie sich die Knospen Tag für Tag entfalten!
All diese Beweggründe bestärkten mich darin, nicht nachzugeben, obwohl die Angst, meine Mutter zu verdrießen oder meinen Vater zu betrüben, mich ein paar Tage lang daran hinderte, das Thema wieder aufzugreifen. Endlich sprach ich noch einmal unter vier Augen mit meiner Mutter darüber und nahm ihr mit einiger Mühe das Versprechen ab, mich durch ihre Fürsprache zu unterstützen. Als Nächstes gab mein Vater widerstrebend seine Zustimmung, und daraufhin – auch wenn Mary noch immer seufzend ihr Missfallen bekundete – begann meine liebe, gute Mutter, sich nach einer Stelle für mich umzusehen. Sie schrieb an die Angehörigen meines Vaters und studierte die Zeitungsanzeigen – zu ihren eigenen Verwandten hatte sie schon seit langem jegliche Verbindung abgebrochen; seit ihrer Heirat bestand der einzige Kontakt in dem gelegentlichen Austausch förmlicher Briefe, und um nichts in der Welt hätte sie sich in einem solchen Falle an sie gewandt. Aber meine Eltern hatten sich so lange und so vollkommen von der Welt zurückgezogen, dass viele Wochen verstrichen, bis eine geeignete Stellung für mich gefunden wurde. Schließlich wurde zu meiner großen Freude bestimmt, dass ich die Betreuung der Kinder einer gewissen Mrs. Bloomfield übernehmen sollte, die meine gute, brave Tante Grey in ihrer Jugend gekannt hatte und die, wie sie versicherte, eine sehr nette Frau war. Ihr Mann war ein Kaufmann, der sich, nachdem er ein ansehnliches Vermögen erworben, zur Ruhe gesetzt hatte, sich jedoch nicht dazu bewegen ließ, der Erzieherin seiner Kinder mehr als fünfundzwanzig Pfund zu bezahlen. Ich aber war eher bereit, dies zu akzeptieren, als die Stelle abzulehnen – was meinen Eltern wohl lieber gewesen wäre.
Aber noch galt es, einige Wochen mit Vorbereitungen zuzubringen. Wie endlos langweilig kamen mir diese Wochen vor! Trotzdem war es im Großen und Ganzen eine glückliche Zeit, voll strahlender Hoffnungen und großer Erwartungen. Mit welch besonderem Vergnügen half ich beim Schneidern meiner neuen Kleider und später beim Kofferpacken! Aber in diese Vorkehrungen mischte sich auch ein Gefühl der Bitterkeit, und als sie beendet waren, als alles für meine Abreise am nächsten Morgen bereit war und die letzte Nacht zu Hause bevorstand, schien eine plötzliche Angst mein Herz zu weiten. Meine Lieben sahen so traurig aus und sprachen so freundlich mit mir, dass ich meine Tränen kaum zurückhalten konnte, aber ich gab immer vor, fröhlich zu sein. Ich hatte mit Mary meine letzte Wanderung übers Moor gemacht, den letzten Spaziergang im Garten und ums Haus; gemeinsam hatten wir zum letzten Mal unsere Lieblingstauben gefüttert – die schönen Tiere, die wir so zahm gemacht hatten, dass sie die Körner aus unseren Händen pickten; noch einmal hatte ich zum Abschied ihre silberglänzenden Rücken gestreichelt, als sie sich auf meinem Schoß zusammendrängten. Ich hatte meine ganz speziellen Lieblinge, die beiden schneeweißen Pfauentauben, zärtlich geküsst, den letzten Ton auf dem alten, vertrauten Piano gespielt und mein letztes Lied für Papa gesungen, d. h., wie ich hoffte, nicht wirklich das letzte, aber wie mir schien, das letzte für lange Zeit. Und wenn ich dies alles das nächste Mal tun würde, geschah es vielleicht mit ganz anderen Gefühlen; die Verhältnisse mochten sich ändern, dies Haus würde möglicherweise nie mehr meine feste Wohnstatt sein. Meine kleine Freundin, das Kätzchen, hätte sich bis dahin gewiss verändert: Schon jetzt war sie im Begriff, eine richtige Katze zu werden, und wenn ich an Weihnachten vielleicht zu einem kurzen Besuch zurückkäme, hätte sie wahrscheinlich ihre Spielkameradin und ihre eigenen fröhlichen Streiche vergessen. Zum letzten Mal hatte ich mit ihr herumgespielt, und während sie danach schläfrig in meinem Schoß lag und schnurrte, streichelte ich ihr weiches, glänzendes Fell mit einem Gefühl der Trauer, das ich nur schwer verbergen konnte. Als ich mich dann zur Schlafenszeit mit Mary in unser ruhiges, kleines Zimmer zurückzog, in dem meine Schubladen und mein Anteil des Bücherregals bereits leergeräumt waren und wo sie in Zukunft würde allein schlafen müssen – in trostloser Einsamkeit, wie sie es ausdrückte –, verzagte mein Herz noch mehr als zuvor: Ich hielt es für selbstsüchtig und unrecht, dass ich darauf bestanden hatte, sie zu verlassen, und als ich noch einmal neben unserem schmalen Bett niederkniete, betete ich inbrünstiger als je zuvor um Segen für sie und meine Eltern. Um meine Gefühle zu verbergen, vergrub ich das Gesicht in den Händen, die sogleich nass von Tränen waren. Als ich mich aufrichtete, merkte ich, dass auch sie geweint hatte. Doch keine von uns beiden sprach; schweigend begaben wir uns zur Ruhe, und in dem Bewusstsein, uns so bald voneinander trennen zu müssen, schmiegten wir uns noch enger aneinander.
Aber der Morgen weckte Hoffnung und Lebensgeister neu. Ich musste zeitig aufbrechen, damit der Wagen – ein Einspänner, den Mr. Smith, der Tuch-, Gemischtwaren- und Teehändler des Ortes, gemietet hatte – noch am selben Tag zurückkehren konnte. Ich stand auf, wusch mich und zog mich an, verschlang hastig mein Frühstück, nahm die zärtlichen Umarmungen von Vater, Mutter und Schwester entgegen, küsste zur großen Entrüstung von Sally, unserem Mädchen, die Katze, gab Sally die Hand, stieg in den Einspänner, zog den Schleier über mein Gesicht und dann, erst dann brach ich in Tränen aus. Der Wagen fuhr an; ich blickte zurück: Meine Mutter und meine Schwester standen noch in der Tür, sahen mir nach und winkten zum Abschied. Ich erwiderte den Gruß und bat Gott aus tiefstem Herzen, sie zu segnen. Dann fuhren wir den Hügel hinab, und ich konnte sie nicht mehr sehen.
»Ziemlich kalter Morgen für Sie, Miss Agnes«, bemerkte Smith, »und ein finsterer dazu; aber wenn wir Glück haben, schaffen wir es noch bis zu jenem Flecken, ehe der Regen losgeht.«
»Ja, hoffentlich«, antwortete ich, so ruhig ich konnte.
»Gestern Nacht ist auch schon ’ne schöne Menge runtergekommen.«
»Ja.«
»Aber vielleicht bläst ihn dieser kalte Wind ja weg.«
»Ja, vielleicht.«
Hier endete unsere Unterhaltung. Wir durchquerten das Tal und schickten uns an, den gegenüberliegenden Hügel hinaufzufahren. Während wir mühselig bergan krochen, sah ich noch einmal zurück: Da war der Kirchturm und dahinter das alte, graue Pfarrhaus, das von einem schräg einfallenden Sonnenstrahl in ein warmes Licht getaucht wurde – er war zwar nur schwach, aber das Dorf und die umliegenden Berge lagen in tiefem Schatten, und ich deutete diesen vorbeigleitenden Strahl als gutes Omen für mein Zuhause. Mit gefalteten Händen erflehte ich inbrünstig den Segen für seine Bewohner und wandte mich dann schnell ab; denn ich sah, dass die Sonne verschwand, und vermied tunlichst jeden weiteren Blick, um es nicht wie die übrige Umgebung im dunklen Schatten daliegen zu sehen.
Kapitel 2
Erste Lektionen in der Kunst des Unterrichtens
Als wir so dahinfuhren, hob sich meine Stimmung wieder, und ich wandte mich der Betrachtung des neuen Lebens zu, das ich nun beginnen würde. Aber obwohl die Septembermitte gerade erst überschritten war, machten die schweren Wolken und ein scharfer Nordostwind den Tag äußerst kalt und ungemütlich; auch erschien mir die Reise sehr lang, denn, wie Smith feststellte, die Straßen waren »sehr schwer«; sein Pferd war mit Sicherheit auch »sehr schwer«: Es schleppte sich die Hügel hinauf, schlich sie wieder hinunter und ließ sich nur dazu herab, in Trab zu fallen, wenn die Straßen völlig eben oder nur ganz leicht abschüssig waren, was in dieser rauen Gegend nur selten vorkam. Und so war es fast ein Uhr, als wir unseren Bestimmungsort erreichten. Doch als wir endlich das steil aufragende Eisentor passierten, gemächlich die glattgewalzte, zu beiden Seiten von grünen Rasenflächen und jungen Bäumen gesäumte Auffahrt hinauffuhren und uns dem neuen, doch stattlichen Herrenhaus von Wellwood näherten, das aus einem hochaufgeschossenen Pappelhain auftauchte, verließ mich der Mut, und ich wünschte, meilenweit weg zu sein. Zum ersten Mal in meinem Leben musste ich für mich selbst einstehen; es gab kein Zurück mehr. Ich musste dieses Haus betreten und mich mit seinen fremden Bewohnern bekannt machen. Aber wie machte man das? Sicher, ich war fast neunzehn, aber ich wusste sehr wohl, dass viele Mädchen von fünfzehn Jahren oder weniger über ein fraulicheres Benehmen und eine größere Ungezwungenheit und Selbstsicherheit verfügten, als ich sie aufgrund des zurückgezogenen Lebens und der schützenden Obhut von Mutter und Schwester besaß. Wenn Mrs. Bloomfield jedoch eine freundliche, mütterliche Frau war, würde ich auf Dauer schon Erfolg haben; mit den Kindern würde ich natürlich bald gut Freund sein und mit Mr. Bloomfield hoffentlich nur wenig zu tun haben.
»Nur ruhig, nur ruhig, egal, was kommen mag«, sagte ich mir im Innern und hielt mich so getreu an diesen Entschluss und war derart damit beschäftigt, meine Nerven zu beruhigen und das unbotmäßige Klopfen meines Herzens zu beschwichtigen, dass ich, nachdem ich in die Halle und zu Mrs. Bloomfield geführt worden war, beinahe vergaß, ihren höflichen Gruß zu erwidern. Erst später ging mir auf, dass ich meine wenigen Worte wie im Halbschlaf gesprochen hatte. Auch die Lady hatte ein etwas frostiges Verhalten an den Tag gelegt, wie ich nachher feststellte, als ich Zeit zum Nachdenken hatte. Sie war eine große, reservierte, stattliche Frau mit dichtem schwarzen Haar, kalten grauen Augen und ausgesprochen ungesunder Gesichtsfarbe.
Mit gebührender Höflichkeit zeigte sie mir jedoch mein Zimmer und ließ mir Zeit, mich etwas zu erholen. Beim Anblick meines Spiegelbildes war ich entsetzt: Durch den kalten Wind waren meine Hände angeschwollen und gerötet, meine Haare aufgelöst und zerzaust und mein Gesicht leicht purpurn gefärbt; zu allem Überfluss war mein Kragen schrecklich zerknittert, mein Kleid schlammbespritzt, und meine Füße steckten in einem Paar derber, neuer Stiefel; und da man die Koffer noch nicht heraufgebracht hatte, konnte dem allem auch nicht abgeholfen werden. Als ich mein Haar, so gut es ging, gebändigt und meinen widerspenstigen Kragen mehrmals zurechtgezupft hatte, machte ich mich daran, in den beiden Treppenfluchten meinen Weg zu suchen, wobei ich vor mich hin grübelte. Mit einiger Schwierigkeit fand ich den Raum, in dem Mrs. Bloomfield mich erwartete.
Sie führte mich ins Esszimmer, wo der Familientisch gedeckt war. Man setzte mir Beefsteak und ein paar lauwarme Kartoffeln vor. Während ich saß, saß sie mir gegenüber, beobachtete mich, wie es mir vorkam, und gab sich Mühe, eine Art Gespräch in Gang zu halten, das größtenteils aus einer Reihe von abgedroschenen Phrasen bestand, die sie mit steifer Förmlichkeit äußerte. Aber das mochte eher mein Fehler als der ihre sein, denn ich war beim besten Willen nicht in der Lage, mich zu unterhalten. In der Tat nahm das Essen meine Aufmerksamkeit fast völlig in Anspruch: nicht etwa wegen meines Heißhungers, sondern weil mir die Zähigkeit des Beefsteaks und meine klammen Finger zu schaffen machten, die fast gelähmt waren, nachdem sie fünf Stunden dem bitterkalten Wind ausgesetzt gewesen waren. Nur zu gern hätte ich die Kartoffeln gegessen und das Fleisch übriggelassen, aber da man mir ein großes Stück davon auf den Teller gelegt hatte, wollte ich nicht unhöflich sein. Nach mehreren ungeschickten und erfolglosen Versuchen, es mit dem Messer zu schneiden, mit der Gabel zu zerreißen oder mit beidem zusammen in kleine Stücke zu zerlegen, nahm ich schließlich – immer der Tatsache bewusst, dass die schreckliche Lady die ganze Prozedur verfolgte – wie ein zweijähriges Kind verzweifelt Messer und Gabel in beide Fäuste und machte mich mit all meinem bisschen Kraft ans Werk. Dies nun verlangte eine Entschuldigung, und mit dem schwachen Versuch zu lachen, sagte ich: »Meine Hände sind so taub von der Kälte, dass ich kaum mit Messer und Gabel umgehen kann.«
»Ich dachte schon, Sie fänden es kalt«, antwortete sie mit einer kühlen, stets gleichbleibenden Würde, die nicht gerade dazu angetan war, mich zu beruhigen.
Als die Zeremonie beendet war, führte sie mich ins Wohnzimmer zurück, wo sie läutete und nach ihren Kindern schickte.
»Sie werden feststellen, dass sie in ihren Kenntnissen nicht sehr weit fortgeschritten sind«, sagte sie, »denn ich hatte so wenig Zeit, mich selbst um ihre Erziehung zu kümmern, und wir dachten bis jetzt, sie seien noch zu klein für eine Gouvernante; aber ich glaube, es sind intelligente Kinder, sehr bereitwillig zu lernen, besonders der kleine Junge: Er ist, wie ich meine, der Beste von allen – ein großzügiger, edel gesinnter Knabe, der geführt, doch nicht angetrieben werden muss und der ausnahmslos die Wahrheit spricht. Betrug scheint er zu verachten.« (Nun, das hörte man gern.) »Seine Schwester Mary Ann braucht etwas Aufsicht«, fuhr sie fort, »obwohl sie im Großen und Ganzen ein sehr liebes Mädchen ist, aber ich möchte, dass sie so weit wie möglich aus dem Kinderzimmer ferngehalten wird, denn sie ist jetzt fast sechs und könnte die schlechten Angewohnheiten der Kindermädchen annehmen. Ich habe angeordnet, ihr Bett in Ihrem Zimmer aufzustellen, und wenn Sie so freundlich wären, sie beim Waschen und Anziehen zu beaufsichtigen und ihre Kleidung in Ordnung zu halten, braucht sie in Zukunft nichts mehr mit dem Mädchen zu tun zu haben.«
Ich erwiderte, dass ich das gern tun wolle, und im gleichen Augenblick betraten auch schon meine kleinen Schüler zusammen mit ihren beiden jüngeren Schwestern das Zimmer. Master Tom Bloomfield war ein hochaufgeschossener Knabe von sieben Jahren, mit drahtigem Körperbau, flachsblondem Haar, blauen Augen, einer kleinen Stupsnase und zartem Teint. Auch Mary Ann war groß, dunkelhaarig wie ihre Mutter, hatte aber ein rundes, volles Gesicht und hochrote Wangen. Die nächste Schwester war Fanny, ein sehr hübsches kleines Mädchen; Mrs. Bloomfield versicherte mir, dass sie ein besonders sanftes Kind sei und etwas Ermunterung brauche: Sie hätte bis jetzt noch gar nichts gelernt, würde aber in einigen Tagen vier Jahre alt und solle dann mit dem Lernen des Alphabets beginnen und mit den anderen ins Schulzimmer gehen. Blieb noch Harriet, ein kleines, rundes, fröhliches, verspieltes Ding von knapp zwei Jahren, zu dem es mich mehr als zu allen anderen hinzog – aber ausgerechnet mit ihr hatte ich nichts zu tun.
Ich sprach mit meinen kleinen Schülern, so gut ich konnte, und versuchte, mich liebenswürdig zu geben, aber, wie ich fürchte, ohne großen Erfolg, denn die Anwesenheit ihrer Mutter machte mich auf unangenehme Weise befangen. Ihnen dagegen ging jede Schüchternheit ab. Anscheinend waren es kecke, lebhafte Kinder, mit denen ich hoffentlich bald auf freundschaftlichem Fuße stehen würde, vor allem mit dem kleinen Jungen, von dessen vielversprechendem Charakter ich seine Mutter ja hatte sprechen hören. Mary Ann hatte ein gewisses affektiertes Lächeln und den ausgeprägten Wunsch nach Beachtung, was ich mit Bedauern registrierte. Aber ihr Bruder beanspruchte meine ganze Aufmerksamkeit für sich. Er stand, die Hände auf dem Rücken, kerzengerade zwischen mir und dem Kamin, plauderte unaufhörlich wie der größte Redner und unterbrach seinen Redefluss nur gelegentlich, um seinen Schwestern einen scharfen Tadel zu erteilen, wenn sie zu viel Lärm machten.
»O Tom, was für ein Schatz du bist!«, rief seine Mutter. »Komm her und gib deiner Mama einen Kuss. Und willst du dann nicht Miss Grey euer Schulzimmer und eure schönen, neuen Bücher zeigen?«
»Ich will dir keinen Kuss geben, Mama, aber ich will Miss Grey mein Schulzimmer und meine neuen Bücher zeigen.«
»Und mein Schulzimmer und meine neuen Bücher, Tom«, sagte Mary Ann. »Sie gehören genauso mir.«
»Sie gehören mir«, antwortete er entschieden. »Kommen Sie, Miss Grey, ich begleite Sie.«
Nachdem Schulzimmer und Bücher vorgeführt worden waren – nicht ohne Streitereien zwischen Bruder und Schwester, die beizulegen und zu schlichten ich mir die größte Mühe gab –, brachte mir Mary Ann ihre Puppe und begann, weitschweifig über deren vornehme Kleider, ihr Bett, ihre Kommode und sonstige Ausstaffierung zu schwatzen. Doch Tom hieß sie, den Mund zu halten, damit Miss Grey sich sein Schaukelpferd ansehen könne, das er unter großem Getöse von seinem Platz in der Ecke bis in die Mitte des Zimmers zog, wobei er mich mit lauter Stimme aufforderte, nun gut achtzugeben. Dann befahl er seiner Schwester, die Zügel zu halten, bestieg das Pferd und ließ mich volle zehn Minuten dastehen und zusehen, wie beherzt er mit Peitsche und Sporen umging. Während dieser Zeit bewunderte ich allerdings Mary Anns hübsche Puppe samt allem Zubehör; danach versicherte ich Mr. Tom, dass er ein ausgezeichneter Reiter wäre, aber hoffentlich Peitsche und Sporen bei einem echten Pony nicht so häufig einsetzen würde.
»Und ob ich das tue!«, sagte er und schlug mit noch größerem Eifer drauflos. »Ich werde es ihm geben wie der Teufel. Mein Wort drauf, der wird es spüren.«
Es war ganz abscheulich, aber ich hoffte, mit der Zeit eine Besserung bewirken zu können.
»Jetzt nehmen Sie Haube und Schal«, sagte der kleine Held, »und ich zeige Ihnen meinen Garten.«
»Und meinen«, sagte Mary Ann.
Tom hob mit drohender Gebärde seine Faust; sie stieß einen lauten, gellenden Schrei aus, lief auf meine andere Seite und schnitt ihm eine Grimasse.
»Du würdest deine Schwester doch wohl nicht schlagen, Tom! Ich hoffe, dass ich das nie sehen werde!«
»Das werden Sie aber manchmal: Ich bin gezwungen, es hin und wieder zu tun, um sie im Zaum zu halten.«
»Es ist aber nicht deine Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sie sich ordentlich benimmt, verstehst du, das ist –«
»Nun gehen Sie schon und setzen Sie Ihre Haube auf.«
»Ich weiß nicht – es ist so trüb und kalt, wahrscheinlich fängt es an zu regnen –, und du weißt ja, dass ich eine lange Fahrt hinter mir habe.«
»Das ist egal – Sie müssen mitkommen; ich dulde keine Ausreden«, gab der kleine Gentleman wichtigtuerisch zur Antwort. Und da es der erste Tag unserer Bekanntschaft war, dachte ich, es würde nichts schaden, ihm nachzugeben. Mary Ann der Kälte auszusetzen war zu riskant, und so blieb sie bei ihrer Mama, zur großen Erleichterung ihres Bruders, der mich ganz für sich haben wollte.
Der Garten war groß und geschmackvoll angelegt. Außer mehreren herrlichen Dahlien blühten noch einige andere schöne Blumen, aber mein Begleiter ließ mir keine Zeit, sie genauer anzusehen: Ich musste mit ihm über den nassen Rasen in einen entfernten, abgelegenen Winkel gehen, die wichtigste Stelle des ganzen Geländes; denn sie beherbergte seinen Garten. Dort gab es zwei Beete mit den unterschiedlichsten Pflanzen. In dem einen stand ein hübscher kleiner Rosenstock; ich blieb stehen, um seine lieblichen Blüten zu bewundern.
»Ach, kümmern Sie sich nicht darum!«, sagte er verächtlich. »Das ist nur Mary Anns Garten, schauen Sie, dies hier ist meiner.«
Nachdem ich jede einzelne Blume betrachtet und mir über jede Pflanze eine ausführliche Abhandlung angehört hatte, durfte ich gehen; zuvor aber pflückte er mit großer Geste eine Narzisse und überreichte sie mir, als würde er mir eine ungeheure Gunst erweisen. Ich bemerkte im Gras rings um seinen Garten gewisse Vorrichtungen aus Stöcken und Bindfäden und fragte, was das sei.
»Vogelfallen.«
»Warum fängst du die Vögel?«
»Papa sagt, sie sind schädlich.«
»Und was machst du mit ihnen, wenn du sie gefangen hast?«
»Das ist verschieden. Manchmal gebe ich sie der Katze, manchmal schneide ich sie mit meinem Taschenmesser in Stücke, aber den nächsten will ich bei lebendigem Leibe braten.«
»Und warum hast du etwas so Entsetzliches vor?«
»Aus zwei Gründen: Einmal will ich sehen, wie lange er lebt, und dann will ich wissen, wie er schmeckt.«
»Aber weißt du nicht, dass es sehr böse ist, so etwas zu tun? Merk dir: Vögel können genauso fühlen wie du, und überleg mal, wie dir das gefallen würde.«
»Ach, das macht nichts! Ich bin kein Vogel und kann auch nicht spüren, was ich mit ihnen mache.«
»Aber eines Tages wirst du es spüren, Tom: Du hast bestimmt schon gehört, wohin böse Menschen gehen müssen, wenn sie sterben, und wenn du nicht aufhörst, unschuldige Vögel zu quälen, vergiss nicht, dann musst auch du dorthin und das Gleiche erleiden, was sie deinetwegen erlitten haben.«
»Pah! Das werde ich nicht. Papa weiß, wie ich sie behandle, und schimpft niemals deswegen mit mir; er sagt, dass er als Junge dasselbe gemacht hat. Letzten Sommer hat er mir ein Nest mit jungen Spatzen gegeben und zugesehen, wie ich ihnen Beine, Flügel und Köpfe abgerissen habe, und er hat nichts dazu gesagt, nur dass es ekelhafte Biester wären, und ich solle mir nicht an ihnen die Hosen schmutzig machen. Und Onkel Robson war auch dabei; der hat gelacht und gesagt, ich wäre ein feiner Kerl.«
»Aber was würde deine Mama dazu sagen?«
»Ach, der ist das egal! Sie sagt, es sei schade, die schönen Singvögel zu töten, aber mit den frechen Spatzen, mit Mäusen und Ratten könne ich tun, was ich will. Also, Miss Grey, Sie sehen, dass es nicht böse ist.«
»Ich glaube immer noch, dass es das ist, Tom, und vielleicht würden deine Eltern das genauso sehen, wenn sie einmal gründlich darüber nachdächten. – Aber«, fügte ich in meinem Innern hinzu, »sie können sagen, was sie wollen, ich für meinen Teil habe beschlossen, dass du nichts Derartiges mehr tust, solange es in meiner Macht steht, das zu verhindern.«
Als Nächstes führte er mich kreuz und quer über den Rasen, um mir seine Maulwurfsfallen zu zeigen, dann in den Heumietenhof, um mir die Wieselfallen zu zeigen, von denen eine zu seiner großen Freude ein totes Wiesel enthielt, und schließlich in den Stall, nicht etwa um mir die edlen Kutschpferde, sondern ein kleines, struppiges Fohlen zu zeigen, das, wie er mir mitteilte, extra für ihn gezüchtet worden war und das er reiten solle, sobald es gut genug zugeritten wäre. Ich versuchte, dem kleinen Burschen eine Freude zu machen, und hörte all seinem Geplapper geduldig zu; denn ich hatte mir vorgenommen, falls es in seinem Wesen überhaupt so etwas wie Zuneigung gab, diese zu gewinnen und ihm dann allmählich die Fehler in seinem Verhalten zu erklären. Aber nach der großzügigen, edlen Gesinnung, von der seine Mutter gesprochen hatte, suchte ich vergebens; wobei ich allerdings schon erkannt hatte, dass er ein gewisses Maß an Aufgewecktheit und Verstand besaß, wenn es ihm beliebte, diese zu gebrauchen.
Als wir ins Haus zurückkamen, war es beinahe Teezeit. Master Tom sagte mir, dass er, ich und Mary Ann zur Feier des Tages den Tee gemeinsam mit seiner Mama einnehmen würden, weil sein Vater nicht zu Hause war; denn bei solchen Gelegenheiten aß sie immer mittags mit ihnen statt um sechs Uhr. Schon bald nach dem Tee ging Mary Ann zu Bett; Tom aber beehrte uns mit seiner Gesellschaft und Unterhaltung bis um acht. Nachdem er gegangen war, klärte mich Mrs. Bloomfield weiter über Anlagen und Fähigkeiten ihrer Kinder auf, darüber, was sie lernen sollten und wie ich mit ihnen umzugehen hätte, und sie schärfte mir ein, etwaige Schwächen nur ihr gegenüber zu erwähnen. Meine Mutter hatte mich dagegen davor gewarnt, gerade ihr allzu viel darüber zu sagen, da niemand gern von den Fehlern seiner Kinder höre, und ich beschloss also, vollkommenes Stillschweigen darüber zu bewahren. Gegen halb zehn lud mich Mrs. Bloomfield zu einem bescheidenen Abendessen ein, das aus kaltem Fleisch und Brot bestand. Ich war froh, als es vorüber war, sie ihre Kerze für die Nacht ergriff und sich zur Ruhe begab. Denn obwohl ich sie gern als angenehm empfunden hätte, war ihre Gegenwart doch äußerst ermüdend für mich, und ich konnte mich des Gefühls nicht erwehren, dass sie kalt, ernst und abweisend war – das genaue Gegenteil der freundlichen, warmherzigen Frau, wie ich sie mir in meinen Hoffnungen ausgemalt hatte.
Kapitel 3
Noch ein paar Lektionen
Am nächsten Morgen erhob ich mich trotz der Enttäuschungen, die ich bereits erfahren hatte, mit einem Gefühl erwartungsvoller Heiterkeit; aber Mary Ann anzukleiden stellte sich als nicht ganz einfach heraus, denn ihr dickes Haar musste mit Pomade eingerieben, zu drei langen Zöpfen geflochten und mit Bänderschleifen zusammengebunden werden: eine schwierige Aufgabe für meine ungeübten Finger. Sie sagte, ihr Kindermädchen benötige nur halb so viel Zeit dafür, und schaffte es durch ihr ständiges ungeduldiges Herumzappeln, dass ich noch länger brauchte. Als ich mit allem fertig war, gingen wir ins Schulzimmer, wo ich meinen anderen Schüler vorfand, und ich plauderte mit den beiden, bis es Zeit war, zum Frühstück hinunterzugehen. Nachdem diese Mahlzeit beendet war und ich mit Mrs. Bloomfield ein paar höfliche Worte gewechselt hatte, kehrten wir ins Schulzimmer zurück und begannen mit unserem Tagespensum. Ich fand meine Schüler in der Tat sehr zurück, doch Tom, obwohl jeder Art von geistiger Anstrengung abgeneigt, war nicht ohne Talent. Mary Ann konnte kaum ein Wort lesen und war so gleichgültig und unaufmerksam, dass ich mit ihr so gut wie gar nicht vorwärts kam. Jedoch mit viel Mühe und Geduld erreichte ich, dass im Verlauf des Vormittags ein kleines Pensum geschafft wurde, und dann begleitete ich meine Schützlinge in den Garten und die angrenzenden Parkanlagen, damit sie sich vor dem Essen ein wenig erholten. Dort kamen wir leidlich miteinander zurecht, nur stellte ich fest, dass es ihnen gar nicht einfiel, mit mir zu gehen: Ich musste mit ihnen gehen, wohin auch immer sie mich führen wollten. Ich musste rennen, gehen oder stehen, wie es ihnen gerade passte. Das, so dachte ich, stellte allerdings die natürliche Ordnung auf den Kopf, und ich empfand es als umso unangenehmer, als sie bei dieser wie auch allen späteren Gelegenheiten die schmutzigsten Stellen und grässlichsten Betätigungen zu bevorzugen schienen. Aber da half nichts: Entweder musste ich ihnen folgen oder mich ganz von ihnen getrennt halten, was geheißen hätte, meine Aufgabe zu vernachlässigen. Heute hatte es ihnen besonders ein Brunnen am untersten Ende des Rasens angetan, in dem sie über eine halbe Stunde lang mit Stöcken und Kieselsteinen herumplanschten. Ich war in ständiger Angst, ihre Mutter würde sie vom Fenster aus sehen und mir daran die Schuld geben, dass ich ihnen erlaubte, ihre Kleider zu beschmutzen und Füße und Hände nass zu machen, anstatt mit ihnen spazieren zu gehen; aber Argumente, Befehle und Bitten konnten sie nicht zum Weitergehen bewegen. Nun, wenn ihre Mutter sie nicht sah, so doch jemand anderes – ein Gentleman kam durch das Tor und weiter den Weg heraufgeritten; ein paar Schritte von uns entfernt hielt er an und befahl den Kindern in gereiztem, scharfem Ton: »Bleibt von diesem Wasser weg.« »Miss Grey«, sagte er, »ich nehme an, Sie sind Miss Grey, ich bin erstaunt, dass Sie ihnen erlauben, ihre Kleider so schmutzig zu machen! Sehen Sie denn nicht, wie Miss Bloomfield ihr Kleid beschmutzt hat? Und dass Master Bloomfields Socken ganz nass sind? Und beide ohne Handschuhe? Meine Güte! Ich möchte darum bitten, dass Sie in Zukunft wenigstens dafür sorgen, dass sie ordentlich aussehen!«, sagte er, machte kehrt und setzte seinen Ritt in Richtung auf das Haus fort. Es war Mr. Bloomfield. Ich war überrascht, dass er seine Kinder mit Master und Miss Bloomfield anredete, mehr noch, dass er mit mir, ihrer Lehrerin, einer ihm völlig fremden Person, so unhöflich sprach. In diesem Augenblick erklang die Glocke und rief uns herein. Ich aß mit den Kindern an einem Tisch, während er an einem anderen Tisch das Essen mit seiner Frau einnahm. Sein Benehmen dort ließ ihn nicht gerade in meiner Achtung steigen. Er war von mittlerer Statur, eher darunter und eher dünn als kräftig, offensichtlich zwischen dreißig und vierzig. Er hatte einen großen Mund, eine blasse, gräuliche Gesichtsfarbe, wässerige blaue Augen und hanffarbenes Haar. Vor ihm auf dem Tisch stand eine gebratene Hammelkeule: Er gab Mrs. Bloomfield, den Kindern und mir davon und bat mich, das Fleisch für die Kinder kleinzuschneiden. Dann, nachdem er den Braten einmal rundherum gedreht und aus den verschiedensten Richtungen beäugt hatte, erklärte er ihn für nicht essbar und verlangte nach kaltem Fleisch.
»Was ist mit dem Braten, Lieber?«, fragte seine Gattin.
»Er hat zu lange geschmort. Mrs. Bloomfield, schmecken Sie nicht, dass alles Gute aus ihm herausgebraten worden ist? Und sehen Sie nicht, dass der ganze schöne, rote Saft völlig eingetrocknet ist?«
»Nun, ich glaube, das kalte Fleisch wird Ihnen schmecken.«
Das Fleisch wurde ihm vorgesetzt, und er begann, daran herumzuschneiden, nicht ohne sich mit Äußerungen höchsten Missfallens darüber zu beklagen.
»Was ist mit dem Fleisch, Mr. Bloomfield? Ich weiß, dass ich es sehr zart fand.«
»Es war auch sehr zart. Ein zarteres Stück könnte es wohl nicht geben, aber es ist verdorben«, antwortete er verdrossen.
»Wie das?«
»Wie das? Na, sehen Sie denn nicht, wie es geschnitten ist? Lieber Himmel, es ist wirklich furchtbar!«
»Sie müssen es in der Küche falsch zerlegt haben, denn ich bin ganz sicher, es hier gestern Nachmittag richtig geschnitten zu haben.«
»Natürlich haben sie es in der Küche falsch zerlegt – diese Barbaren! Du meine Güte! Hat man schon jemals erlebt, dass ein so gutes Stück Fleisch so ganz und gar verdorben werden kann? Aber merken Sie sich, wenn in Zukunft ein einwandfreies Gericht diesen Tisch verlässt, dann sollen die in der Küche es nicht anrühren. Merken Sie sich das, Mrs. Bloomfield!«
Trotz des angeblich ungenießbaren Zustands des Fleisches gelang es dem Gentleman, sich ein paar wohlschmeckende Scheiben davon abzuschneiden, von denen er einen Teil schweigend verzehrte. Als er wieder sprach, geschah dies in weniger mürrischem Ton, um zu fragen, was es zum Abendessen gebe.
»Truthahn und Moorhuhn«, war die knappe Antwort.
»Und was noch?«
»Fisch.«
»Was für Fisch?«
»Ich weiß nicht.«
»Sie wissen es nicht?«, rief er, während er gebieterisch von seinem Teller aufsah und Messer und Gabel vor Verblüffung ruhen ließ.
»Nein. Ich habe der Köchin befohlen, Fisch zu besorgen – ich habe nicht genau gesagt, was für eine Sorte.«
»Nun, das setzt allem die Krone auf! Da behauptet die Lady, den Haushalt zu führen, und weiß noch nicht einmal, was für Fisch es zum Abendessen gibt, behauptet, Fisch besorgen zu lassen, und sagt nicht, welche Sorte!«
»Vielleicht, Mr. Bloomfield, bestellen Sie in Zukunft Ihr Essen selbst.«
Danach wurde nichts mehr gesprochen, und ich war froh, mit meinen Schülern den Raum verlassen zu können, denn niemals zuvor in meinem Leben fühlte ich mich so beschämt und unbehaglich wegen etwas, an dem ich keine Schuld trug.
Am Nachmittag widmeten wir uns wieder dem Unterricht, gingen danach nochmals nach draußen, tranken im Schulzimmer Tee, und ich kleidete Mary Ann zum Nachtisch um. Als sie und ihr Bruder ins Esszimmer hinuntergegangen waren, ergriff ich die Gelegenheit und begann einen Brief an meine Lieben zu Hause, aber die Kinder kamen schon wieder herauf, noch ehe ich ihn zur Hälfte fertig hatte. Um sieben Uhr musste ich Mary Ann ins Bett bringen; danach spielte ich mit Tom, bis auch er um acht nach oben ging, beendete meinen Brief, packte meine Kleider aus, wozu ich bisher noch keine Zeit gefunden hatte, und ging endlich zu Bett.
Aber dies war noch ein eher angenehmes Beispiel dafür, wie hier ein typischer Tagesablauf aussah.
Statt dass die Arbeit des Unterrichtens und Beaufsichtigens leichter wurde, weil meine Schützlinge und ich uns besser aneinander gewöhnten, wurde sie immer schwieriger, je mehr sich deren wahre Eigenschaften offenbarten. Ich fand bald heraus, dass die Bezeichnung Erzieherin, auf mich angewendet, reiner Hohn war: Meine Schüler hatten nicht mehr Lust zu gehorchen als wilde, ungezähmte Fohlen. Die ständige Angst vor dem launischen Wesen ihres Vaters und die Furcht vor den Strafen, die er verhängte, wenn er zornig war, hielt sie in seiner Gegenwart in Schranken. Auch fürchteten die Mädchen etwas den Unwillen der Mutter, und der Junge konnte gelegentlich dazu gebracht werden zu tun, was sie verlangte, weil ihm eine Belohnung winkte: Ich aber hatte keine Belohnungen anzubieten, und was die Strafen anging, gab man mir zu verstehen, dass die Eltern dieses Vorrecht für sich beanspruchten. Und trotzdem erwarteten sie von mir, dass ich meine Schüler in Schach hielt. Wenn andere Kinder sich aus Angst vor Zorn oder dem Wunsch nach Bestätigung lenken ließen: Auf diese hier hatte weder das eine noch das andere die geringste Wirkung.
Master Tom, der sich nicht damit zufriedengab, jeden Befehl zu verweigern, musste sich unbedingt selbst als Befehlshaber aufspielen und zeigte seine Entschlossenheit, nicht nur seine Schwestern, sondern auch seine Erzieherin zu disziplinieren durch den kräftigen Gebrauch von Händen und Füßen; und da er für sein Alter ein großer, starker Junge war, war das äußerst unangenehm. Ein paar richtige Ohrfeigen hätten bei diesen Gelegenheiten das Problem sicher schnell gelöst; aber da er in diesem Falle seiner Mutter sicher eine erfundene Geschichte aufgetischt und sie ihm diese auch bestimmt geglaubt hätte – denn ihr Glaube an seine Aufrichtigkeit war unerschütterlich; ich dagegen hatte schon festgestellt, dass sie gar nicht so unanfechtbar war –, beschloss ich, ihn nicht zu schlagen, selbst nicht zu meiner eigenen Verteidigung. Wenn er besonders gewalttätig gelaunt war, war es meine einzige Rettung, ihn auf den Rücken zu werfen und seine Hände und Füße festzuhalten, bis sich seine Tobsucht etwas gelegt hatte. Zu der Schwierigkeit, ihn von Dingen abzuhalten, die er nicht tun sollte, kam das Problem, ihn zu dem zu zwingen, was er tun sollte. Oft lehnte er es rundweg ab zu lernen, seine Lektionen zu wiederholen oder auch nur in sein Buch zu schauen. Auch dann wäre eine Birkenrute sicher nützlich gewesen, aber da meine Macht so begrenzt war, musste ich das Beste aus dem machen, was mir zur Verfügung stand.
Da es keine festen Stunden für Unterricht und Spiel gab, beschloss ich, meinen Schülern eine bestimmte Aufgabe zu erteilen, die sie auch mit geringer Aufmerksamkeit in kurzer Zeit erledigen konnten: und bis das geschafft war, ganz gleich wie erschöpft ich oder wie widerspenstig sie waren, sollte mich nichts außer elterlicher Einmischung dazu bringen, ihnen zu erlauben, das Schulzimmer zu verlassen, und wenn ich mit dem Rücken zur Tür auf einem Stuhl sitzen musste, um das zu verhindern. Geduld, Festigkeit und Ausdauer waren meine einzigen Waffen, und ich war entschlossen, sie bis zum Äußersten zu gebrauchen. Ich nahm mir vor, Drohungen und Versprechen strikt einzuhalten; daher musste ich vorsichtig sein und nichts androhen oder versprechen, was ich nicht einlösen konnte. Dann wollte ich darauf achten, mir jede nutzlose Reizbarkeit und Übellaunigkeit zu versagen: Wenn sie sich annehmbar aufführten, würde ich ihnen so freundlich entgegenkommen, wie ich konnte, um ihnen den Unterschied zwischen gutem und schlechtem Betragen aufs Deutlichste klarzumachen; auch wollte ich mit ihnen Dinge auf einfache, aber wirksame Weise erörtern. Würde ich sie tadeln oder mich weigern, nach einem eklatanten Fehler ihre Wünsche zu erfüllen, sollte das mehr aus Sorge als aus Zorn geschehen; ihre kleinen Lieder und Gebete wollte ich für ihre Begriffe klar und verständlich machen; wenn sie ihr Nachtgebet sprachen und um Vergebung für ihre Schuld baten, würde ich sie an die Sünden des vergangenen Tages erinnern, zwar ernst, aber voller Güte, um keinen Widerspruchsgeist zu wecken; die Ungezogenen sollten Bußlieder anstimmen, die vergleichsweise Braven Jubelgesänge, und jede Art von Belehrung würde ich ihnen so weit wie möglich im unterhaltsamen Gespräch vermitteln, so als hätte ich im Moment nur ihr Vergnügen im Auge.
Durch diese Mittel hoffte ich, mit der Zeit sowohl den Kindern zu nützen als auch die Billigung der Eltern zu erlangen und außerdem meine Lieben zu Hause zu überzeugen, dass es mir nicht so an Geschick und Klugheit mangelte, wie sie dachten. Ich wusste, dass die Schwierigkeiten, mit denen ich zu kämpfen hatte, groß waren, aber ich wusste auch – ich glaubte es zumindest –, dass sie mit unerschütterlicher Geduld und Ausdauer zu überwinden waren, und für dieses Ziel erbat ich abends und morgens göttlichen Beistand. Aber entweder waren die Kinder so unverbesserlich, die Eltern so unvernünftig oder ich verschätzte mich mit meinen Plänen oder war nicht fähig, sie zu verwirklichen: Meine besten Absichten und größten Bemühungen waren anscheinend nur dazu angetan, bei den Kindern Belustigung, bei den Eltern Unzufriedenheit und bei mir Qualen hervorzurufen.
Der Unterricht war für Körper und Geist gleichermaßen anstrengend. Ich musste hinter meinen Schülern herlaufen und sie einfangen, sie zum Tisch tragen oder zerren und sie dort oft mit Gewalt festhalten, bis eine Aufgabe erfüllt war. Häufig stellte ich Tom in eine Ecke und setzte mich auf einen Stuhl vor ihn, in der Hand das Buch mit dem Absatz, den er aufsagen oder lesen sollte, ehe ich ihn wieder freiließ. Da er nicht stark genug war, mich und den Stuhl beiseitezuschieben, stand er da und verzerrte Körper und Gesicht in den phantastischsten und seltsamsten Verdrehungen – die für einen unbeteiligten Zuschauer sicher komisch gewesen wären, aber nicht für mich – und gab lautes Geheul und empörte Schreie von sich, die Weinen vortäuschen sollten, aber von keiner einzigen Träne begleitet wurden. Ich wusste, dass er das nur tat, um mich zu reizen, und bemühte mich deshalb, sosehr ich im Innern vor Ungeduld und Ärger auch zitterte, alle äußeren Anzeichen von Unmut tapfer zu unterdrücken, und gab vor, vollkommen ruhig und gleichgültig dazusitzen und abzuwarten, bis es ihm gefiel, seinen Spaß zu beenden und seine Bereitschaft zu einem Lauf durch den Garten zu signalisieren, indem er seinen Blick aufs Buch richtete und die wenigen Worte las oder wiederholte, die von ihm verlangt wurden. Manchmal hatte er sich vorgenommen, seine Schreibaufgabe besonders schlecht zu machen, und ich musste seine Hand festhalten, um ihn daran zu hindern, die Blätter absichtlich zu beklecksen oder zu verderben. Ich drohte ihm häufig, er müsse noch eine zusätzliche Zeile schreiben, wenn er sich nicht bessere; daraufhin lehnte er es störrisch ab, auch nur diese eine Zeile zu schreiben, und um Wort zu halten, musste ich schließlich zu dem Mittel greifen, seine Finger um den Federhalter zu pressen und seine Hand mit Gewalt auf und ab zu führen, bis die Zeile trotz seines Widerstands beendet war.
Aber Tom war keinesfalls der schwierigste meiner Schüler; zu meiner großen Freude hatte er ab und zu so viel Verstand einzusehen, dass es die beste Taktik war, seine Aufgaben zu erledigen, nach draußen zu gehen und sich zu vergnügen, bis ich und seine Schwestern ihm folgten, wozu es oft überhaupt nicht kam, weil Mary Ann in dieser Hinsicht nicht sein Beispiel nachahmte: Sich auf dem Boden herumzuwälzen, zog sie jedem anderen Zeitvertreib vor. Wie ein bleiernes Gewicht ließ sie sich fallen, und wenn es mir mit vieler Mühe gelungen war, sie hochzuziehen, musste ich sie immer noch mit einem Arm aufrecht halten, während ich mit der anderen Hand das Buch hielt, aus dem sie ihre Lektion lesen oder buchstabieren sollte. Wenn das ganze Gewicht des großen sechsjährigen Mädchens für den einen Arm zu schwer wurde, hielt ich sie mit dem anderen, oder, wenn beide von der Last lahm waren, schleppte ich sie in eine Ecke und sagte ihr, sie dürfe aufstehen und herauskommen, wenn ihr klar geworden wäre, wozu Füße zu gebrauchen seien; aber im Allgemeinen blieb sie lieber bis zum Mittagessen oder Tee wie ein Hund dort liegen, um dann – ich konnte ihr ja nicht die Mahlzeiten vorenthalten und musste sie gehen lassen – mit einem triumphierenden Grinsen auf ihrem runden, roten Gesicht hervorzukriechen. Oft weigerte sie sich hartnäckig, ein bestimmtes Wort ihrer Lektion auszusprechen; und heute tut es mir leid um die vergebliche Mühe, die mich der Versuch gekostet hat, ihren Starrsinn zu brechen. Wenn ich alles als nebensächlich behandelt und übergangen hätte, anstatt, wie ich es tat, umsonst zu versuchen, die Schwierigkeiten zu überwinden, wäre es für beide Seiten besser gewesen. Aber ich hielt es für meine unbedingte Pflicht, diese schlechte Veranlagung im Keim zu ersticken, und das war es ja auch, wenn ich es nur vermocht hätte; und wären meine Befugnisse nicht so begrenzt gewesen, hätte ich sicher Gehorsam erzwingen können, aber wie die Dinge lagen, war es ein einziger Machtkampf zwischen ihr und mir, aus dem sie im Allgemeinen siegreich hervorging, und jeder Sieg trug dazu bei, sie für den nächsten Zwist zu ermutigen und zu stärken. Vergebens argumentierte, schmeichelte, flehte, drohte, schimpfte ich; vergebens hielt ich sie im Haus und vom Spiel fern oder lehnte es ab, wenn ich dazu gezwungen war, sie mit nach draußen zu nehmen, mit ihr zu spielen, freundlich mit ihr zu sprechen oder überhaupt etwas mit ihr anzufangen; vergebens versuchte ich, ihr die Vorteile vor Augen zu führen, die es für sie hätte, wenn sie gehorchte und dafür geliebt und gut behandelt würde, und die Nachteile, wenn sie auf ihrem dummen Eigensinn bestünde. Wenn sie mich manchmal bat, das eine oder andere für sie zu tun, antwortete ich:
»Ja gern, Mary Ann, wenn du nur erst das Wort sagst. Komm, am besten sagst du es gleich und hast keinen Ärger mehr damit.«
»Nein.«
»Dann kann ich natürlich auch nichts für dich tun.«
Als ich so alt war wie sie oder noch jünger, war es die schlimmste aller Strafen für mich, wenn man sich nicht um mich kümmerte und mir die Zuneigung entzog, aber auf sie machte derlei keinen Eindruck. Manchmal, wenn ich mich bis zum Äußersten verausgabt hatte, schüttelte ich sie heftig bei den Schultern, zog an ihrem langen Haar oder stellte sie in die Ecke, wofür sie mich mit lautem, schrillem Geschrei bestrafte, das wie ein Messer in meinen Kopf stach. Sie wusste, dass ich das hasste, und wenn sie aus Leibeskräften geschrien hatte, sah sie mich mit rachsüchtiger Genugtuung an und rief: »Na, sehen Sie, das ist für Sie!« Und dann schrie sie immer wieder, bis ich mir die Ohren zuhalten musste. Dieses fürchterliche Gekreische veranlasste Mrs. Bloomfield häufig, heraufzukommen und zu fragen, was denn los sei.
»Mary Ann ist ein ungezogenes Mädchen, Madam.«
»Aber weshalb dieses schreckliche Geschrei?«
»Sie schreit aus Zorn.«
»Noch nie habe ich ein so fürchterliches Gebrüll gehört! Sie werden sie noch umbringen. Warum ist sie nicht mit ihrem Bruder draußen?«
»Ich kann sie nicht dazu bringen, ihre Aufgaben zu beenden.«
»Aber Mary Ann muss doch ein braves Mädchen sein und ihre Aufgaben machen.« Dies sagte sie in sanftem Ton zu dem Kind. »Und ich werde hoffentlich nie mehr ein derart schreckliches Geschrei hören!«
Und dann heftete sie ihre kalten, starren Augen mit einem unmissverständlichen Blick auf mich, schloss die Tür und ging wieder.
Ab und zu versuchte ich, das kleine störrische Wesen zu überrumpeln, und fragte beiläufig nach dem Wort, während sie an etwas anderes dachte, und häufig fing sie auch wirklich an, es auszusprechen, um dann plötzlich mit einem herausfordernden Blick innezuhalten, der zu besagen schien: »Pah! Für Sie bin ich doch etwas zu schlau, und Sie kriegen es auch mit List nicht aus mir heraus.«
Bei einer anderen Gelegenheit gab ich vor, das Ganze zu vergessen, und redete und spielte mit ihr wie immer bis zum Abend, als ich sie zu Bett brachte. Während sie zufrieden lächelnd und gut gelaunt dalag, beugte ich mich, bevor ich ging, über sie und sagte so heiter und freundlich wie zuvor:
»Komm, Mary Ann, sag das Wort, und dann gebe ich dir deinen Gutenachtkuss; du bist jetzt ein braves Mädchen und willst es bestimmt sagen.«
»Nein, ich will nicht.«
»Dann kann ich dir auch keinen Kuss geben.«
»Das macht mir nichts aus.«
Umsonst brachte ich meinen Kummer zum Ausdruck; umsonst wartete ich auf ein Zeichen von Reue. Es machte ihr wirklich nichts aus, und ich ließ sie im Dunkel allein, während mich dieser letzte Beweis gefühlloser Halsstarrigkeit am allermeisten beschäftigte. Ich konnte mir keine schmerzlichere Strafe in meiner Kindheit vorstellen, als wenn meine Mutter mir den Gutenachtkuss verweigert hätte; allein der Gedanke war schon schrecklich. Und mehr als den Gedanken daran hatte ich nie kennengelernt, denn zum Glück hatte ich nie einen Fehler begangen, der einer solchen Strafe für wert erachtet worden wäre; aber ich erinnere mich, dass meine Mutter es einmal für angebracht gehalten hatte, wegen eines Vergehens meiner Schwester diese Strafe über sie zu verhängen: Was sie fühlte, weiß ich nicht; aber meine Tränen des Mitgefühls mit ihr werde ich nicht so bald vergessen.
Ein anderer störender Zug an Mary Ann war ihr nicht zu bändigender Hang, ins Kinderzimmer zu laufen und mit ihren kleinen Schwestern und dem Kindermädchen zu spielen. Das war ganz normal, aber da es gegen den ausdrücklichen Wunsch ihrer Mutter geschah, verbot ich es ihr natürlich und tat mein Möglichstes, sie bei mir zu halten. Aber das erhöhte nur ihre Freude am Besuch des Kinderzimmers, und je mehr ich mich bemühte, sie von dort fernzuhalten, umso öfter ging sie hin, umso länger blieb sie: zum großen Missfallen von Mrs. Bloomfield, die, wie ich wohl wusste, mir die Hauptschuld daran anlasten würde. Eine weitere Plage war das morgendliche Ankleiden: Einmal wollte sie sich nicht waschen lassen, ein andermal nicht anziehen, wenn sie nicht ein ganz bestimmtes Kleid tragen durfte, von dem ich aber wusste, dass ihre Mutter nicht wollte, dass ich es ihr gab; ein drittes Mal schrie sie und lief weg, wenn ich versuchte, ihre Haare auch nur anzurühren. Wenn ich es schließlich mit viel Mühe und Anstrengung geschafft hatte, sie hinunterzubringen, war das Frühstück oft schon halb vorüber, und finstere Blicke von »Mama« und gereizte Bemerkungen von »Papa« in meine Richtung, wenn nicht direkt an mich gerichtet, waren gewiss mein Lohn; denn nur wenig ärgerte Letzteren so sehr wie der Mangel an Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten. Zu den kleineren Ärgernissen zählte schließlich mein Unvermögen, Mrs. Bloomfield hinsichtlich der Kleidung ihrer Tochter zufriedenzustellen; und das Haar des Kindes »konnte man einfach nicht ansehen«. Manchmal, und darin lag ein ausdrücklicher Vorwurf gegen mich, übernahm sie höchstpersönlich das Amt der Ankleidefrau, wobei sie sich bitterlich über die Mühe beklagte, die sie das kostete.
Als die kleine Fanny mit ins Schulzimmer kam, hoffte ich, dass wenigstens sie lieb und harmlos wäre, aber ein paar Tage, ja, ein paar Stunden genügten, um meine Illusion zu zerstören: Ich merkte, dass sie ein boshaftes, unlenksames kleines Geschöpf war, das bereits in diesem zarten Alter mit Lüge und Betrug vertraut und darauf versessen war, ihre beiden Lieblingswaffen Angriff und Verteidigung einzusetzen, nämlich denjenigen ins Gesicht zu spucken, die sich ihren Unwillen zuzogen, und wie ein Stier zu brüllen, wenn ihre unsinnigen Wünsche nicht erfüllt wurden. Da sie sich normalerweise in Gegenwart ihrer Eltern ganz ruhig verhielt und diese den Eindruck hatten, sie wäre ein ausgesprochen braves Kind, glaubten sie ihrer Scheinheiligkeit bereitwillig, und ihr lautes Gebrüll weckte in ihnen den Verdacht, dass ich sie grob und ungerecht behandelte. Wenn dann schließlich selbst die Eltern in ihrer Voreingenommenheit auf den schlechten Charakter des Kindes aufmerksam wurden, spürte ich, dass sie alles mir zuschrieben.
»Was für ein ungezogenes Mädchen Fanny wird!«, pflegte Mrs. Bloomfield dann zu ihrem Gatten zu sagen. »Sehen Sie nicht, mein Lieber, wie sie sich verändert hat, seit sie das Schulzimmer besucht? Sie wird demnächst genauso schlimm sein wie die beiden anderen, und ich muss leider feststellen, dass sie in letzter Zeit noch ärger geworden sind.«
»Das kann man wohl sagen«, war die Antwort. »Dasselbe habe ich auch schon gedacht. Ich habe geglaubt, wenn wir eine Erzieherin für sie einstellen, würden sie sich bessern; stattdessen wird es immer schlimmer mit ihnen. Ich weiß nicht, wie es mit dem Lernen steht, ihr Verhalten hat sich jedenfalls in keiner Weise gebessert: Sie werden jeden Tag garstiger, schmutziger und ungehöriger.«
Es war mir klar, dass dies alles auf mich gemünzt war, und diese und ähnliche Anspielungen berührten mich weit stärker, als es offene Anschuldigungen getan hätten; denn Letztere hätten mich dazu angestachelt, mich zu verteidigen. So aber hielt ich es für am klügsten, jedes ärgerliche Aufbegehren, jeden Rückzug aus Empfindlichkeit zu vermeiden und beharrlich damit fortzufahren, mein Bestes zu geben. Denn so schwer meine Stellung auch war, ich wollte sie doch auf keinen Fall verlieren. Wenn ich nur mit unerschütterlicher Festigkeit und Rechtschaffenheit weiterkämpfte, so glaubte ich, würden die Kinder mit der Zeit etwas menschlicher. Jeder Monat würde dazu beitragen, sie ein bisschen klüger und folglich fügsamer zu machen; denn ein Kind, das noch mit neun oder zehn Jahren so wild und unbeherrscht wäre wie diese hier mit sechs oder sieben, wäre ganz einfach wahnsinnig.
Ich gefiel mir in dem Gedanken, dass es meinen Eltern und meiner Schwester zugutekam, wenn ich hier Ausdauer bewies, denn wenn mein Lohn auch gering war, so verdiente ich doch immerhin etwas und würde es mit äußerster Sparsamkeit leicht einrichten können, eine kleine Summe für sie zurückzulegen, falls sie mir die Gunst erwiesen, es anzunehmen. Es war schließlich mein eigener Wille, dass ich die Stellung angenommen hatte; ich selbst hatte all diese Misslichkeiten herbeigeführt, und ich war entschlossen, sie zu ertragen, ja, mehr als das, ich bereute noch nicht einmal den Schritt, den ich unternommen hatte. Jetzt sehnte ich mich erst recht danach, meiner Familie zu beweisen, dass ich tüchtig genug war, die Aufgabe zu meistern und sie bis zum Ende redlich zu erfüllen. Und wann immer ich es als erniedrigend empfand, mich stillschweigend zu fügen, oder unerträglich, mich ständig abzuplagen, richtete ich meine Gedanken auf die Heimat und sprach in meinem Innern:
»Sie können mich unterdrücken, doch sie werden mich nicht besiegen!
Ihr seid’s, an die ich denke, nicht an sie.«
Über Weihnachten durfte ich nach Hause, aber mein Urlaub dauerte nur zwei Wochen. »Denn«, sprach Mrs. Bloomfield, »ich dachte, weil Sie Ihre Lieben erst noch vor so kurzer Zeit gesehen haben, würden Sie gar keinen Wert darauf legen, länger zu bleiben.« Ich überließ es ihr, auch weiter so zu denken, aber sie wusste wohl kaum, wie lang, wie mühselig für mich diese vierzehn Wochen Abwesenheit gewesen waren, wie glühend ich meine Ferien herbeigesehnt hatte und wie tief enttäuscht ich über ihre kurze Dauer war. Aber das war nicht ihre Schuld; ich hatte niemals mit ihr über meine Gefühle gesprochen, und man konnte nicht von ihr erwarten, dass sie sie erriet. Ich war noch kein ganzes Quartal bei ihr, und sie war im Recht, mir keinen vollen Urlaub zu gewähren.
Kapitel 4
Die Großmama
Ich erspare meinen Lesern den Bericht darüber, wie froh ich war, nach Hause zu kommen, das Glück, das ich dort empfand – ich genoss die kurze Zeit der Erholung und Freiheit an diesem lieben, vertrauten Ort, unter Menschen, die mich liebten und denen ich von Herzen zugetan war –, und über meinen Kummer, erneut für lange Zeit von ihnen Abschied nehmen zu müssen.
Ich begab mich jedoch mit unverminderter Kraft wieder an die Arbeit – eine anstrengende Aufgabe, die nur für jemanden vorstellbar ist, der etwas Vergleichbares erlebt hat wie das Problem, mit der Aufsicht und Unterweisung einer Schar boshafter, wilder Rebellen betraut zu sein, die man auch mit der größten Mühe nicht zu ihren Pflichten zwingen kann; und man sich zugleich für ihr Benehmen einer höheren Instanz gegenüber verantworten muss, die von einem fordert, was nur mit Hilfe der größeren Autorität eben dieser Instanz, der Eltern, erreicht werden könnte, die diese aber aus Gleichgültigkeit oder aus Angst, sich bei der besagten aufsässigen Bande unbeliebt zu machen, verweigern. Ich glaube, es gibt nichts Nervenaufreibenderes – ob man sich nun nach Erfolg sehnt oder sich abmüht, seine Pflicht zu erfüllen –, als wenn alle Anstrengungen von den Schutzbefohlenen hintertrieben und für nichts geachtet und von den Eltern ungerecht beurteilt und verkannt werden.
Ich habe die üblen Neigungen meiner Schüler, die Sorgen, die mir aus der erdrückenden Last der Pflichten erwuchsen, nicht einmal zur Hälfte aufgezählt, um die Geduld meiner Leser nicht allzu sehr zu strapazieren, was ich allerdings vielleicht bereits getan habe. Aber als ich diese letzten Seiten schrieb, geschah dies nicht in der Absicht zu unterhalten, sondern um denjenigen zu nützen, die es unmittelbar betrifft: Wer kein Interesse daran hat, wird sie vermutlich nur flüchtigen Blickes überflogen und die Weitschweifigkeit der Autorin verwünscht haben. Wenn aber ein Vater oder eine Mutter auch nur einen brauchbaren Hinweis erhält, eine unglückliche Erzieherin auch nur den geringsten Nutzen daraus zieht, sehe ich mich für meine Mühe entschädigt.
Um Irrtümer und Verwechslungen zu vermeiden, habe ich meine Schüler und ihre verschiedenen Eigenschaften einzeln nacheinander vorgestellt. Das ergibt jedoch kein vollständiges Bild von der Situation, wenn mir alle drei auf einmal zusetzten, wenn alle drei entschlossen waren, »frech zu sein, Miss Grey zu ärgern und sie zur Raserei zu bringen«.
Bei diesen Gelegenheiten war mir manchmal plötzlich der Gedanke gekommen: »Wenn sie mich jetzt sehen könnten!«, wobei ich natürlich an meine Lieben daheim dachte. Die Vorstellung, wie sie mich bedauern würden, weckte in mir so tiefes Selbstmitleid, dass ich nur mit Mühe die Tränen zurückhalten konnte, aber ich hielt sie zurück, bis meine kleinen Quälgeister zum Nachtisch nach unten gegangen oder zu Bett gebracht worden waren, meine einzige Aussicht auf Erlösung, um mir dann im Frieden der Einsamkeit den Luxus zu gönnen, in hemmungsloses Weinen auszubrechen. Aber diese Schwäche erlaubte ich mir nicht oft, denn meine Aufgaben waren zu zahlreich und meine freie Zeit zu kostbar, um zu viel davon vergeblichem Wehklagen zu opfern.
Ich erinnere mich vor allem an einen stürmischen, verschneiten Nachmittag kurz nach meiner Rückkehr im Januar. Die Kinder waren alle nach dem Essen nach oben gekommen und hatten offen erklärt, dass sie nun vorhatten, »frech zu sein«, und an diesem Vorsatz hielten sie auch fest, obwohl ich mir die Kehle müde und heiser redete in dem vergeblichen Versuch, sie davon abzubringen. Ich hatte Tom in eine Ecke gesperrt und ihm bedeutet, dass er erst hervorkommen dürfe, nachdem er die vorgeschriebene Aufgabe erfüllt hatte. Inzwischen hatte sich Fanny über meinen Arbeitskorb hergemacht, plünderte den Inhalt und spuckte überdies noch hinein. Ich befahl ihr, die Finger davon zu lassen, aber natürlich ohne Erfolg. »Verbrenne ihn!«, schrie Tom, und diesem Befehl zu gehorchen, hatte sie es nur zu eilig. Ich sprang vor, um ihn vor den Flammen zu bewahren, und Tom stürzte zur Tür. »Wirf ihr Pult aus dem Fenster, Mary Ann!«, rief er, und schon war mein kostbarer Schreibtisch, der meine Briefe und Papiere, mein bisschen Bargeld und meine gesamten Wertsachen enthielt, in Gefahr, aus dem Fenster des dritten Stockwerks geworfen zu werden. Ich beeilte mich, ihn zu retten. Währenddessen hatte Tom das Zimmer verlassen und rannte, gefolgt von Fanny, die Treppe hinunter. Nachdem ich meinen Schreibtisch in Sicherheit gebracht hatte, lief ich ihnen nach, um sie einzuholen, und Mary Ann hetzte hinter mir her. Alle drei entkamen mir und liefen aus dem Haus in den Garten, wo sie sich in den Schnee warfen und vor übermütigem Vergnügen jauchzten und schrien.
Was sollte ich tun? Wenn ich ihnen folgte, würde ich wahrscheinlich keinen von ihnen einfangen und sie nur weiter wegtreiben; tat ich es nicht, wie sollte ich sie wieder ins Haus bringen, und was würden ihre Eltern von mir denken, wenn sie sahen oder hörten, dass die Kinder ohne Kopfbedeckung, Handschuhe und Stiefel im tiefen, weichen Schnee herumtobten? Während ich ratlos vor der Tür stand und versuchte, sie mit grimmigen Blicken und zornigen Worten so einzuschüchtern, dass sie klein beigaben, hörte ich hinter mir eine Stimme in strengem, schneidendem Ton ausrufen:
»Miss Grey! Ist es die Möglichkeit? Was, in Teufels Namen, fällt Ihnen ein?«
»Es gelingt mir nicht, sie wieder ins Haus zu bringen, Sir«, sagte ich, als ich mich umwandte und Mr. Bloomfield erblickte, dem die Haare zu Berge standen und die blassblauen Augen aus den Höhlen hervortraten.
»Aber ich bestehe darauf, dass sie hereingebracht werden!«, schrie er, während er näherkam und mich geradezu furchteinflößend ansah.
»Dann müssen Sie sie selbst rufen, Sir, denn auf mich hören sie nicht«, antwortete ich und wich zurück.
»Kommt ins Haus, ihr schmutzigen Bälger, oder ihr kriegt sie alle mit der Peitsche!«, brüllte er, und die Kinder gehorchten sofort. »Da sehen Sie es! Sie parieren beim ersten Wort!«
»Ja, wenn Sie es ihnen sagen.«
»Und ich finde es sehr merkwürdig, dass Sie sie nicht besser im Griff haben, wenn Sie sie beaufsichtigen! So, jetzt sind sie also drin, nach oben gegangen mit ihren dreckigen Schuhen! Nun gehen Sie schon hinterher und kümmern Sie sich darum, dass sie wieder anständig aussehen, um Himmels willen!«
Zu diesem Zeitpunkt weilte gerade die Mutter dieses Gentleman im Haus, und als ich die Treppe hinaufstieg und an der Tür zum Salon vorbeiging, hatte ich das Vergnügen mitanzuhören, wie sich die alte Dame etwa wie folgt lautstark gegenüber ihrer Schwiegertochter ereiferte (nur die deutlichsten Worte waren zu verstehen):
»Du liebe Güte! – noch nie im Leben –! – sicher den Tod holen –! Meinst du wirklich, meine Liebe, dass sie eine anständige Person ist? Du kannst mir glauben, dass –« Mehr hörte ich nicht, aber es war genug.
Die alte Mrs. Bloomfield war sehr aufmerksam und höflich zu mir gewesen, und ich hatte sie bis jetzt für eine nette, gutherzige, geschwätzige alte Frau gehalten. Sie kam häufig zu mir und sprach in vertraulichem Ton mit mir; dabei nickte sie und schüttelte den Kopf, gestikulierte mit den Händen und rollte mit den Augen, wie es eine bestimmte Art alter Damen zu tun pflegt. Allerdings habe ich keine zweite kennengelernt, die es mit dieser Eigentümlichkeit so weit trieb wie sie. Sie bezeugte mir sogar ihr Mitgefühl wegen meiner Last mit den Kindern, und ab und zu drückte sie mir in halben Sätzen, von Kopfnicken und vielsagendem Augenzwinkern begleitet, ihre Ansicht über das ungerechte Verhalten von deren Mama aus, die meine Macht so einschränkte und es nicht für nötig hielt, mich mit ihrer Autorität zu unterstützen. Diese Art deutlich bekundeter Missbilligung war nicht nach meinem Geschmack, und im Allgemeinen lehnte ich es ab, sie zur Kenntnis zu nehmen oder mehr zu verstehen, als das, was offen ausgesprochen wurde; zumindest ging ich nie weiter, als andeutungsweise einzuräumen, dass bei einer anderen Regelung meine Aufgabe leichter und ich eher dazu in der Lage gewesen wäre, meine Schützlinge zu lenken und zu unterweisen; nun aber musste ich doppelt vorsichtig sein. Obwohl ich sah, dass die alte Dame ihre Fehler hatte – einer davon war ihr Hang, die eigene Fehlerlosigkeit herauszustellen –, war ich bislang immer geneigt gewesen, alles zu entschuldigen, an all ihre Tugenden zu glauben, die sie laut eigener Aussage besaß, ja, mir weitere, noch nicht erwähnte dazuzudenken. Güte, jahrelang ein wesentliches Element meines Lebens, war mir in der letzten Zeit so ganz und gar versagt worden, dass ich alles mit dankbarer Freude begrüßte, was auch nur entfernt daran erinnerte. Kein Wunder also, dass ich mich von Herzen für die alte Dame erwärmte, mich jedes Mal über ihre Ankunft freute und ihre Abreise bedauerte.
Jetzt aber hatten die wenigen Worte, die ich glücklicher- oder unglücklicherweise im Vorübergehen gehört hatte, meine Meinung über sie völlig ins Gegenteil verkehrt: Nun betrachtete ich sie als scheinheilig und unaufrichtig, als Schmeichlerin, die ausspionierte, was ich sagte und tat. Zweifellos hätte es in meinem Interesse gelegen, ihr weiterhin mit dem gleichen freundlichen Lächeln, dem gleichen Ton respektvoller Herzlichkeit zu begegnen wie vorher, aber das konnte ich nicht, auch wenn ich es gewollt hätte. Mein Verhalten änderte sich zugleich mit meinen Gefühlen; ich benahm mich so kühl und zurückhaltend, dass sie nicht umhinkonnte, es zu bemerken. Sie merkte es sehr bald, und auch ihr Verhalten änderte sich: Das vertrauliche Kopfnicken wich einer steifen Verbeugung; das huldvolle Lächeln machte einem gorgonenhaften Starren Platz, ihren ungehemmten Redefluss richtete sie nun nicht mehr an mich, sondern an ihre »lieben Enkelkinder«, die sie wider alle Vernunft mehr hofierte und verwöhnte, als es deren Mutter jemals getan hatte.
Ich muss zugeben, dass mich diese Wandlung etwas beunruhigte. Ich fürchtete die Folgen ihres Missfallens und unternahm sogar einige Anstrengungen, den verlorenen Boden wiedergutzumachen, offensichtlich mit größerem Erfolg als erwartet. Einmal erkundigte ich mich mit ganz normaler Höflichkeit nach ihrem Husten; sofort entkrampfte sich ihre säuerliche Miene zu einem Lächeln, und sie beehrte mich mit einer ausführlichen Erzählung über diesen Husten und ihre anderen Krankheiten, woran sich eine Darstellung ihrer Gottergebenheit anschloss, die sie auf gewohnt eindringliche, pathetische, auf dem Papier schlecht wiederzugebende Weise vom Stapel ließ.
»Aber es gibt ein Mittel für alles, meine Liebe, und das Mittel ist, sich zu fügen (ein Zurückwerfen des Kopfes), sich dem göttlichen Willen zu fügen!« (Ausstrecken der Hände, Blicke gen Himmel.) »Das hat mir bei allen Heimsuchungen geholfen, und so wird es immer sein« (mehrmaliges Kopfnicken). »Allerdings kann das nicht jeder von sich behaupten« (Kopfschütteln); »aber ich gehöre zu den Frommen, Miss Grey!« (Vielsagendes Nicken und Zurückwerfen des Kopfes.) »Und ich war es, Gott sei Dank, schon immer« (nochmaliges Nicken), »und ich bin stolz darauf!« (Besonderes nachdrückliches Händeklatschen und Kopfschütteln.) Und mit Textbeispielen aus der Bibel, falsch zitiert oder falsch angewendet, und frommen Ausrufen, die in Vortragsweise und Ausdruck so lächerlich waren, dass ich es ablehne, sie zu wiederholen, entfernte sie sich, wobei sie – mit sich und der Welt zufrieden – ihren großen Kopf hin- und herwarf und mir immerhin die Hoffnung ließ, dass sie wohl doch eher schwach als böse war.
Bei ihrem nächsten Besuch in Wellwood House ging ich so weit, ihr zu sagen, dass ich mich über ihr gutes Aussehen freute. Dies hatte eine phantastische Wirkung: Die Worte, als Zeichen der Höflichkeit gedacht, wurden als schmeichelhaftes Kompliment aufgenommen; ihr Gesicht hellte sich auf, und von Stund an war sie – zumindest nach außen hin – so freundlich und wohlwollend, wie man es sich nur wünschen konnte. Aus dieser Erfahrung und den Erzählungen der Kinder folgerte ich, dass ich nur bei jeder passenden Gelegenheit eine Schmeichelei äußern musste, um ihre herzliche Freundschaft zu gewinnen. Das aber verstieß gegen meine Prinzipien, und da sie die Schöntuerei vermisste, entzog mir die launische alte Dame schon bald wieder ihre Gunst und fügte mir, wie ich glaube, insgeheim manchen Schaden zu.
Ihre Schwiegertochter konnte sie nicht sehr gegen mich beeinflussen, denn zwischen dieser Dame und ihr selbst bestand eine beiderseitige Abneigung, die sich bei ihr durch Herabsetzungen und Verleumdungen bemerkbar machte, bei der anderen durch ein Übermaß an kalter Förmlichkeit in ihrem Benehmen. Und keine devote Schmeichelei der Älteren konnte die eisige Mauer zum Schmelzen bringen, die die Jüngere zwischen ihnen errichtet hatte. Doch bei ihrem Sohn hatte die alte Dame mehr Erfolg: Sie konnte ihm erzählen, was sie wollte, vorausgesetzt, es besserte seine schlechte Laune und sie vermied es, ihm mit ihren eigenen Nöten auf die Nerven zu gehen, und ich habe guten Grund anzunehmen, dass sie ihn in seinem Vorurteil gegen mich gehörig bestärkte. So erzählte sie ihm beispielsweise, ich würde die Kinder schamlos vernachlässigen, und selbst seine Frau würde nicht so auf sie aufpassen, wie es nottäte, und dass er sich selbst um sie kümmern müsse, oder es wäre ihr sicheres Verderben.
Da er sich so bedrängt sah, machte er sich häufig die Mühe und beobachtete sie vom Fenster aus beim Spielen; manchmal folgte er ihnen in den Park und erwischte sie nur zu oft dabei, wie sie in dem verbotenen Brunnen herumplanschten, im Stall mit dem Kutscher sprachen oder sich im Schmutz des Wirtschaftshofes wälzten, während ich erschöpft dabeistand, nachdem ich zuvor meine Energie mit vergeblichen Versuchen, sie dort wegzuholen, verbraucht hatte. Auch steckte er oft unerwartet seinen Kopf durch die Tür des Schulzimmers, wenn die Kinder bei den Mahlzeiten waren, und sah, wie sie sich gegenseitig mit Milch bespritzten und sie über den Tisch kippten, ihre Finger in die Becher tunkten oder sich wie eine Meute junger Tiger das Essen streitig machten. Schwieg ich dazu, duldete ich insgeheim ihr ungebührliches Betragen; erhob ich aber, was häufig vorkam, gerade meine Stimme, um Gehorsam zu erzwingen, wandte ich unnötig Gewalt an und gab wegen der Schärfe von Ton und Wortwahl ein schlechtes Beispiel für die Mädchen ab.
Ich erinnere mich an einen Nachmittag im Frühling, als sie wegen des Regens nicht nach draußen konnten, aber alle – welch glücklicher Zufall! – ihre Aufgaben erledigt hatten und trotzdem nicht nach unten liefen, um ihre Eltern zu belästigen. Das war eine Angewohnheit, die mich sehr ärgerte, von der ich sie an Regentagen aber nur schwer abhalten konnte, da es unten oft Neues und allerlei Kurzweil gab, vor allem, wenn Besuch im Hause weilte; und ihre Mutter, die doch befohlen hatte, dass sie im Schulzimmer bleiben sollten, schimpfte nie mit ihnen, weil sie heruntergekommen waren, noch machte sie sich die Mühe, sie wieder zurückzuschicken. An diesem Tage jedoch waren sie anscheinend mit ihrem momentanen Aufenthaltsort zufrieden und, was noch erstaunlicher war, auch geneigt, miteinander zu spielen, ohne sich auf meine Unterhaltung zu verlassen oder zu streiten. Sie widmeten sich einer etwas rätselhaften Beschäftigung: Alle kauerten dicht beisammen auf dem Fußboden am Fenster und beugten sich über einen Haufen zerbrochenen Spielzeugs und eine Anzahl Vogeleier – oder vielmehr Eierschalen, denn das Innere war zum Glück schon daraus entfernt worden. Diese Schalen hatten sie aufgebrochen und zerstießen sie jetzt in winzige Teilchen; zu welchem Zweck konnte ich mir nicht denken, aber solange sie ruhig waren und gerade nichts anstellten, war mir das gleich. Und ungewöhnlich entspannt saß ich am Kamin, machte die letzten Stiche am Kleid für Mary Anns Puppe und dachte daran, danach einen Brief an meine Mutter zu beginnen. Plötzlich öffnete sich die Tür, und Mr. Bloomfields dunkler Kopf erschien.
»Es ist so still hier! Was macht ihr gerade?«, fragte er. »Wenigstens heute einmal keinen Unsinn«, dachte ich. Aber er war anderer Ansicht. Er ging zum Fenster und rief, als er sah, womit die Kinder sich beschäftigten, erbost aus: »Was, zum Teufel, macht ihr da?«
»Wir zerreiben Eierschalen, Papa!«, schrie Tom.
»Was fällt euch ein, einen derartigen Dreck zu machen, ihr Flegel? Seht ihr denn nicht, wie ihr den Teppich zurichtet?« (Der Teppich war ein unscheinbarer brauner Läufer.) »Miss Grey, wussten Sie, womit die Kinder sich betätigt haben?«
»Ja, Sir.«
»Sie wussten es?«
»Ja.«
»Sie wussten es also und saßen tatsächlich da und ließen sie ohne ein Wort des Tadels weitermachen!«
»Ich habe nicht angenommen, dass sie irgendwelchen Schaden anrichten.«
»Schaden! Dann sehen Sie her! Sehen Sie sich diesen Teppich an –hat es dergleichen jemals in einem christlichen Haus gegeben? Kein Wunder, dass dieses Zimmer nicht einmal als Schweinestall taugt – kein Wunder, dass Ihre Schüler schlimmer sind als ein Wurf Ferkel! – Kein Wunder – wahrhaftig, da kann einem ja wirklich der Geduldsfaden reißen!« Er ging und schlug die Tür mit einem solchen Knall hinter sich zu, dass die Kinder anfingen zu lachen.
»Mit meiner Geduld ist es auch zu Ende!«, murmelte ich, stand auf, packte den Schürhaken und stocherte damit heftig und mit ungewohnter Energie in der Asche herum und ließ so, unter dem Vorwand, das Feuer zu schüren, meinem Ärger freien Lauf.
Nach diesem Vorfall kam Mr. Bloomfield regelmäßig und sah nach, ob im Schulzimmer Ordnung herrschte; und da die Kinder ständig Überreste von zerbrochenem Spielzeug, Stöcke, Steine, Halme, Blätter und anderen Unrat auf dem Teppich umherstreuten – ich konnte sie nicht daran hindern, ihn mit hereinzubringen, oder sie zwingen, ihn aufzuheben, und die Dienstmädchen lehnten es ab, »hinter ihnen herzuräumen« –, musste ich einen beträchtlichen Teil meiner kostbaren freien Zeit darauf verwenden, auf dem Boden zu knien und alles wieder mühsam in Ordnung zu bringen. Einmal verbot ich ihnen, ihr Essen anzurühren, ehe sie alles vom Boden aufgesammelt hatten; Fanny sollte ihres erst bekommen, wenn sie eine bestimmte Menge, Mary Ann, wenn sie das Doppelte davon aufgehoben hatte, und Tom sollte den Rest wegräumen. Wunderbarerweise gehorchten die beiden Mädchen; aber Tom geriet dermaßen in Wut, dass er auf den Tisch sprang, das Brot auf den Boden warf und die Milch hinterherkippte, auf seine Schwestern einschlug, mit den Füßen die Kohlen aus dem Kohlenkasten trat, Tisch und Stühle umzuwerfen versuchte und anscheinend vorhatte, aus der gesamten Zimmereinrichtung eine Art Rumpelkammer zu machen. Doch ich griff ihn mir und hielt ihn, nachdem ich Mary Ann geschickt hatte, ihre Mutter zu holen, trotz der Tritte, Schläge, Schreie und Verwünschungen so lange fest, bis Mrs. Bloomfield erschien.
»Was ist mit meinem Jungen?«, fragte sie. Und alles, was sie tat, als ich ihr den Sachverhalt erklärt hatte, war, nach dem Kindermädchen zu schicken und ihr zu befehlen, das Zimmer in Ordnung zu bringen und Master Bloomfield seine Mahlzeit zu servieren.
»Na bitte«, rief Tom, indem er triumphierend von seinem Teller aufblickte, den Mund so voll, dass er kaum sprechen konnte. »Na bitte, Miss Grey. Sie sehen ja, dass ich mein Essen auch gegen Ihren Willen bekommen habe, und ich habe auch nicht einen Krümel aufgehoben!«
Der einzige Mensch im Haus, der mir wirklich Sympathie entgegenbrachte, war das Kindermädchen, denn sie hatte ähnliche Qualen ausgestanden, wenn auch in geringerem Maße, war sie doch weder für den Unterricht noch für das Benehmen ihrer Schützlinge verantwortlich.
»Ach, Miss Grey!«, sagte sie oft, »Sie haben ganz schön Ihre Last mit den Kindern!«
»Allerdings, Betty, und man kann wohl sagen, dass Sie da ein Wörtchen mitreden können.«
»Das schon. Aber ich reg mich nicht so auf wie Sie. Außerdem kriegen sie von mir öfters eine Ohrfeige, wissen Sie, und den Kleinen verpasse ich ab und zu ’ne ordentliche Tracht Prügel, alles andere hilft bei denen nicht, bekanntermaßen. Aber wie auch immer, ich habe deshalb meine Stellung verloren.«
»Ist das wahr, Betty? Ich habe gehört, dass Sie weggehen.«
»Ja, verdammt! Missis hat mir schon vor drei Wochen gekündigt. Vor Weihnachten hat sie mir gesagt, was passiert, wenn ich ihnen noch mal eins draufgebe. Aber mir ist einfach die Hand ausgerutscht. Wie packen Sie das nur? Miss Mary Ann ist ja doppelt so schlimm wie ihre Schwestern!«
Kapitel 5
Der Onkel
Außer der alten Lady gab es noch ein weiteres Familienmitglied, dessen Besuche mir höchst unangenehm waren, und zwar »Onkel Robson«, den Bruder von Mrs. Bloomfield. Er war ein großer, eingebildeter Mensch, dunkelhaarig und mit der gleichen fahlen Gesichtsfarbe wie seine Schwester, einer Nase, die die Erde zu verachten schien, kleinen, meist halbgeschlossenen, grauen Augen, die ihre Umgebung in einer Mischung aus echter Einfalt und gespielter Geringschätzung musterten. Er war von stämmiger, kräftiger Statur, hatte aber einen Weg gefunden, seinen Leibesumfang auf bemerkenswerte Weise zusammenzupressen, was in Verbindung mit der unnatürlichen Steifheit seines Gehabes bewies, dass der hochnäsige, männliche Mr. Robson, Verächter des weiblichen Geschlechts, über die Geckenhaftigkeit eines Korsetts durchaus nicht erhaben war. Er ließ sich selten dazu herab, mich zu bemerken, und wenn, geschah es mit einer gewissen anmaßenden Überheblichkeit in Ton und Benehmen, die mich davon überzeugten, dass er kein Gentleman war, obwohl er sicher das Gegenteil damit bezweckte. Aber nicht deswegen sah ich seinen Besuch so ungern, sondern weil der den Kindern so großen Schaden zufügte, indem er sie in all ihren schlechten Angewohnheiten bestärkte und in wenigen Minuten die bescheidenen Fortschritte zunichtemachte, die zu erreichen mich monatelange Arbeit gekostet hatte.
Fanny und die kleine Harriet geruhte er nur selten wahrzunehmen, aber Mary Ann war sein erklärter Liebling. Ständig unterstützte er ihren Hang zur Affektiertheit (den zu beheben ich mir die größte Mühe gegeben hatte), indem er von ihrem hübschen Gesicht sprach und ihr jede erdenkliche Art von eitlen Ideen über ihr Aussehen in den Kopf setzte, während ich sie doch gelehrt hatte, Äußerlichkeiten im Vergleich zu der Entwicklung von Geist und Umgangsformen als gering zu achten; und ich habe nie ein Kind gesehen, das für Schmeicheleien so empfänglich war wie sie. Alle schlechten Seiten, die sie oder ihr Bruder besaßen, bestärkte er, indem er darüber lachte oder sie sogar lobte: Die Menschen sind sich oft nicht im Klaren, welches Unrecht sie den Kindern zufügen, wenn sie über deren Fehler lachen und mit all dem ihren Scherz treiben, was ihnen ihre wahren Freunde gerade mühsam als verabscheuungswürdig dargestellt haben.
Wenn er auch nicht unbedingt ein Trinker war, so schüttete Mr. Robson doch regelmäßig größere Mengen Wein in sich hinein und trank genüsslich ab und zu ein Glas Brandy mit Wasser. Seinen Neffen lehrte er, es ihm darin, so gut er konnte, nachzutun und zu glauben, je mehr Wein und Branntwein er vertrüge und je besser sie ihm schmeckten, desto mehr bewiese er seinen kühnen, männlichen Geist und wäre seinen Schwestern überlegen. Mr. Bloomfield hatte nicht viel dagegen einzuwenden, denn sein Lieblingsgetränk war Gin mit Wasser, und davon trank er täglich – Schluck für Schluck – eine nicht unerhebliche Menge, worauf ich übrigens seine dunkle Gesichtsfarbe und sein reizbares Naturell hauptsächlich zurückführte.
Auch unterstützte Mr. Robson theoretisch und praktisch Toms Neigung zur Tierquälerei. Häufig hatte er, wenn er bei Hatz oder Jagd die Ländereien seines Schwagers überquerte, seine Lieblingshunde bei sich; er behandelte sie so brutal, dass ich, so arm ich auch war, pro Tag einen Sovereign dafür gegeben hätte mit anzusehen, wie eines der Tiere ihn gebissen hätte, vorausgesetzt, es wäre dann nicht bestraft worden. Manchmal, wenn er besonders gut aufgelegt war, machte er sich mit den Kindern auf, um Vogelnester aufzustöbern und auszunehmen, was mich außerordentlich ärgerte und störte, da ich mir schmeichelte, ihnen durch meine beharrlichen Bemühungen das Schändliche dieses Zeitvertreibs deutlich gemacht zu haben, und hoffte, in ihnen mit der Zeit ganz allgemein ein Gefühl für Gerechtigkeit und Menschlichkeit zu wecken. Aber zehn Minuten Nesträuberei mit Onkel Robson oder auch nur sein Gelächter, wenn sie von ihren früheren Grausamkeiten erzählten, genügten, um meine gesamte wohldurchdachte Taktik von Argumentation und Überzeugung mit einem Schlag zunichtezumachen. In diesem Frühjahr jedoch fanden sie mit einer Ausnahme zum Glück nur leere Nester oder Eier, da sie zu ungeduldig waren zu warten, bis die Vögel geschlüpft waren. In diesem einen Fall kam Tom, der mit seinem Onkel in der angrenzenden Schonung gewesen war, freudestrahlend angelaufen, ein paar kleine, nackte Vogeljunge in den Händen. Mary Ann und Fanny, die ich gerade nach draußen brachte, beeilten sich, seine Beute zu bewundern und jeweils einen Vogel für sich selbst zu erbetteln. »Nein, nicht einen einzigen!«, schrie Tom. »Sie gehören alle mir; Onkel Robson hat sie mir gegeben – eins, zwei, drei, vier, fünf; rührt bloß keinen davon an! Keinen einzigen, oder es gibt Ärger!«, setzte er frohlockend hinzu, während er das Nest auf den Boden legte und sich davorstellte, die Beine gespreizt, die Hände in den Hosentaschen vergraben, den Oberkörper nach vorn gebeugt und das Gesicht in wilder Freude auf absonderliche Weise verzerrt.
»Denen geb ich’s, ihr könnt euch drauf verlassen. Ehrlich, die kriegen eins verpasst! Gleich geht’s los damit. Heiliger Strohsack! Das wird ein Mordsspaß mit dem Nest.«
»Aber Tom«, sagte ich, »ich erlaube dir nicht, diese Vögel zu quälen. Sie müssen entweder sofort getötet oder dorthin zurückgebracht werden, wo du sie hergeholt hast, damit die Alten sie weiterfüttern können.«
»Aber Sie wissen nicht, wo das ist, Madam. Das wissen nur Onkel Robson und ich.«
»Wenn du es mir nicht sagst, töte ich sie selbst, wenn auch nur äußerst ungern.«
»Das wagen Sie nicht. Nie im Leben würden Sie es wagen, sie anzurühren. Weil Sie nämlich wissen, dass Papa und Mama und Onkel Robson dann böse sind. Ha, ha! Jetzt habe ich Sie, Miss!«
»Ich werde in diesem Fall das tun, was ich für richtig halte, ohne jemanden um Erlaubnis zu fragen. Wenn dein Papa und deine Mama das nicht gutheißen, soll es mir leidtun, sie zu kränken; die Ansichten deines Onkels Robson sind mir allerdings gleichgültig.«
Während ich das sagte, hob ich, getrieben von Pflichtgefühl und auf die Gefahr hin, mich zu ekeln und mir den Zorn meiner Brotherren zuzuziehen, einen dicken Stein auf, der vom Gärtner offenbar als Mausefalle gedacht war, und fragte den kleinen Tyrannen, nachdem ich noch einmal vergeblich versucht hatte, ihn zu überreden, die Vögel zurückzubringen, was er mit ihnen vorhätte. Mit teuflischem Vergnügen begann er, eine Reihe von Quälereien aufzuzählen, und noch während er damit beschäftigt war, ließ ich den Stein fallen und zerschmetterte damit seine auserwählten Opfer. Laut war das Geschrei, schrecklich die Flüche, die dieser kühnen Tat folgten. Onkel Robson kam gerade mit seinem Gewehr den Weg herauf und blieb stehen, um seinem Hund einen Tritt zu versetzen. Tom rannte auf ihn zu und schwor mir, dafür zu sorgen, dass ich anstelle von Juno getreten würde. Mr. Robson stützte sich auf sein Gewehr und lachte aus vollem Halse über den heftigen Gefühlsausbruch seines Neffen und über die bitteren Verwünschungen und gemeinen Ausdrücke, mit denen er mich überschüttete. »Na, du bist mir ja einer!«, rief er schließlich, ergriff sein Gewehr und ging aufs Haus zu. »Verdammich, aber der Junge hat Mumm. Verflucht noch mal, so einen fabelhaften kleinen Halunken habe ich ja noch nie gesehen. Weiß Gott, er ist schon übers Weiberregiment hinaus! Er widersetzt sich Mutter, Großmutter, Gouvernante, einfach allen! Ha, ha, ha! Mach dir nichts draus, Tom, ich hol dir morgen ein paar andere Junge.«
»Wenn Sie das tun, Mr. Robson, bringe ich die auch um«, sagte ich.
»Hm!«, machte er, und nachdem er mich mit einem dreisten Blick beehrt hatte, dem ich, entgegen seinen Erwartungen, ohne mit der Wimper zu zucken standhielt, wandte er sich mit dem Ausdruck tiefster Verachtung ab und stolzierte ins Haus. Gleich darauf erzählte Tom alles seiner Mama. Es war nicht ihre Art, überhaupt zu etwas viel zu sagen, aber als ich sie das nächste Mal sah, waren ihre Miene und ihr Benehmen so finster und eisig wie nie zuvor. Nach einer beiläufigen Bemerkung über das Wetter sagte sie:
»Es tut mir leid, Miss Grey, dass Sie es für nötig halten, sich in Master Bloomfields Zeitvertreib einzumischen. Er war sehr betrübt darüber, dass Sie die Vögel getötet haben.«
»Wenn Master Bloomfields Zeitvertreib darin besteht, empfindungsfähige Geschöpfe zu verletzen, halte ich es für meine Pflicht einzugreifen«, gab ich zur Antwort.
»Sie scheinen vergessen zu haben«, sagte sie ruhig, »dass alle Kreatur nur zu unserer Annehmlichkeit geschaffen wurde.«
Ich dachte, dass an dieser Theorie einige Zweifel anzumelden wären, antwortete jedoch nur:
»Auch wenn sie das wären, haben wir nicht das Recht, sie zu unserem Vergnügen zu quälen.«
»Ich glaube kaum«, sagte sie, »dass man das Vergnügen eines Kindes gegen das Wohlergehen eines seelenlosen Tieres abwägen kann.«
»Aber allein dem Kind zuliebe sollte man es nicht in dieser Art Belustigung bestärken«, sagte ich, so sanft ich konnte, um meine ungewohnte Hartnäckigkeit wettzumachen.
»Selig sind die Barmherzigen, denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.«
»Oh, gewiss! Aber das bezieht sich auf unser Verhalten untereinander.«
»Der Barmherzige ist barmherzig auch zu seinen Tieren«, wagte ich hinzuzusetzen.
»Ich glaube, Sie haben keine große Barmherzigkeit gezeigt«, sagte sie darauf mit einem kurzen, bitteren Lachen. »Die armen Vögel allesamt auf diese schreckliche Weise umzubringen und aus einer Laune heraus dem lieben Jungen einen solchen Schmerz zuzufügen.«
Ich hielt es für klug, nichts mehr zu sagen. Nie war ich einem Streit mit Mrs. Bloomfield so nahe wie in diesem Moment, und nie hatte ich seit dem Tag meiner Ankunft so viele Worte auf einmal mit ihr gewechselt.
Aber Mr. Robson und die alte Mrs. Bloomfield waren nicht die einzigen Gäste, deren Anwesenheit in Wellwood House mich störte. Alle Besucher waren mir mehr oder weniger lästig; nicht so sehr, weil sie mich übersahen – obwohl ich ein derartiges Benehmen befremdlich und unliebenswürdig fand –, sondern weil es mir einfach nicht gelang, meine Schüler von ihnen fernzuhalten, worum man mich wiederholt bat. Aber Tom musste mit ihnen reden und Mary Ann von ihnen beachtet werden. Keiner von beiden besaß auch nur die geringste Schamhaftigkeit oder ganz gewöhnliche Bescheidenheit. Laut und ungehörig unterbrachen sie die Unterhaltung der Erwachsenen, bestürmten sie mit aufdringlichen Fragen, fielen ungestüm über die Herren her, kletterten unaufgefordert auf ihre Knie, hingen sich an ihre Schultern oder plünderten ihre Taschen, zupften an den Kleidern der Damen, brachten ihr Haar in Unordnung, zerdrückten ihre Kragen und bettelten auf unangenehme Weise um irgendwelche Kleinigkeiten.
Mrs. Bloomfield hatte zwar so viel Verstand, über dieses Verhalten entsetzt und verärgert zu sein, aber nicht genug, um es zu verhindern: Das erwartete sie von mir. Aber wenn die ständig wechselnden, elegant gekleideten Gäste ihnen fortwährend schmeichelten und sie den Eltern zu Gefallen gewähren ließen, wie hätte ich mit meinen schlichten Kleidern, meinem Alltagsgesicht und meinen aufrichtigen Worten sie davon abbringen können? Ich tat mein Äußerstes, um es zu erreichen: Ich bemühte mich, sie zu unterhalten und sie so für mich zu gewinnen; ich wandte so viel Autorität an, wie ich besaß, und so viel Strenge, wie ich wagte, und versuchte, sie davon abzuhalten, die Gäste zu belästigen; ich hielt ihnen ihr ungebührliches Betragen vor, damit sie sich schämten und es nicht wiederholten. Aber Scham war ihnen fremd; für eine Autorität, die sie nicht fürchten mussten, hatten sie nur Verachtung übrig, und für Freundlichkeit und Zuneigung waren sie entweder nicht empfänglich oder ihre Herzen waren so stark gepanzert und geschickt verborgen, dass ich trotz aller Anstrengungen noch nicht herausgefunden hatte, wie ich sie erreichen konnte.
Aber in dieser Hinsicht sollten meine Leiden bald ein Ende haben, eher als erwartet und als mir lieb war. Denn an einem milden Abend Ende Mai, als ich mich über das Herannahen meiner Ferien freute und mich dazu beglückwünschte, mit meinen Schülern etwas vorangekommen zu sein – wenigstens was das Lernen anging, denn etwas hatte ich ihnen doch immerhin eingetrichtert und sie schließlich dazu gebracht, ein bisschen, ein ganz kleines bisschen vernünftiger zu sein und ihre Aufgaben rechtzeitig fertigzumachen, um noch genug Zeit zur Erholung zu haben, anstatt sich selbst und mich den ganzen Tag über sinnlos zu quälen –, schickte Mrs. Bloomfield nach mir und teilte mir kühl mit, dass man meine Dienste nach Johannis nicht mehr benötige. Sie versicherte mir, dass mein Charakter und mein allgemeines Verhalten einwandfrei seien, die Kinder jedoch seit meiner Ankunft so geringe Fortschritte gemacht hätten, dass Mr. Bloomfield und sie es für ihre Pflicht hielten, nach einer anderen Form des Unterrichts Ausschau zu halten. Obwohl aufgrund ihrer Anlagen den meisten Kindern ihres Alters überlegen, wären sie in ihren Leistungen und Fertigkeiten entschieden zurück: Sie hätten ungepflegte Manieren und aufsässige Gemüter. Und dies schrieb sie einem Mangel an Festigkeit und fleißiger, beharrlicher Betreuung meinerseits zu.
Unerschütterliche Festigkeit, aufopfernde Bereitschaft, unermüdliche Ausdauer und fortwährende Fürsorge waren genau die Eigenschaften, auf die ich insgeheim stolz war und aufgrund derer ich hoffte, alle Schwierigkeiten zu überwinden und letztlich Erfolg zu haben. Ich wollte etwas zu meiner Rechtfertigung sagen, aber als ich zum Sprechen ansetzte, versagte mir die Stimme, und da ich keine Gemütsbewegung zeigen und den Tränen, die mir schon in den Augen standen, nicht freien Lauf lassen wollte, zog ich es vor zu schweigen und alles hinzunehmen wie ein Missetäter, der von seiner eigenen Schuld überzeugt ist.
So wurde ich entlassen und kehrte nach Hause zurück. Ach, was würden sie von mir denken? Nach all meiner Prahlerei war es mir nicht einmal geglückt, meine Stelle als Erzieherin dreier kleiner Kinder, deren Mutter von meiner eigenen Tante als »ganz reizende Frau« bezeichnet worden war, auch nur ein einziges Jahr lang zu behalten. Nachdem man mich »gewogen und für zu leicht befunden« hatte, durfte ich kaum hoffen, dass sie bereit waren, mir nochmals eine Chance zu geben. Und das war ein unliebsamer Gedanke. Denn wenn ich auch gequält, geplagt und enttäuscht worden war und mein Zuhause sehr liebte und schätzte, so war mein Abenteuerdrang doch noch nicht erloschen, und ich war nicht gewillt, meine Bemühungen aufzugeben. Ich war mir sicher, dass nicht alle Eltern wie Mr. und Mrs. Bloomfield, nicht alle Kinder wie die ihren waren. Die nächste Familie musste einfach anders sein, und anders konnte in diesem Falle nur besser heißen. Die Not hatte mich abgehärtet, Erfahrung mich manches gelehrt, und ich sehnte mich danach, meine verlorene Ehre in den Augen derer wiederherzustellen, deren Meinung mir mehr als alles in der Welt bedeutete.
Kapitel 6
Zurück im Pfarrhaus
Ein paar Monate verbrachte ich friedlich zu Hause, genoss ungestört Freiheit, Ruhe und echte Freundschaft, alles Dinge, die ich lange hatte entbehren müssen, betrieb emsig meine Studien, um das, was ich während meines Aufenthalts in Wellwood House vergessen hatte, wiederaufzufrischen und einen neuen Grundstock für die Zukunft anzulegen. Die Gesundheit meines Vaters war noch immer schwach, aber im Wesentlichen nicht schlechter als beim letzten Mal, und ich war froh, dass ich ihn durch meine Rückkehr aufheitern und mit seinen Lieblingsliedern erfreuen konnte.
Niemand triumphierte ob meines Scheiterns oder sagte, ich hätte damals besser den Rat angenommen, schön brav zu Hause zu bleiben. Alle waren froh, mich wieder bei sich zu haben, und überhäuften mich mit größerer Zuneigung als je zuvor, um mich für meine Leiden zu entschädigen, doch keiner wollte auch nur einen Schilling von der Summe anrühren, die ich so gern verdient und sorgsam verwahrt hatte, in der Hoffnung, sie mit ihnen zu teilen. Durch ein wenig Knausern hier, ein bisschen Sparen da war es gelungen, unsere Schulden fast vollständig abzutragen. Mary hatte mit ihren Bildern großen Erfolg gehabt, aber auch in ihrem Fall bestand mein Vater darauf, dass sie die Früchte ihres Fleißes für sich behielt. Er wies uns an, alles, was wir von dem Zuschuss für unsere bescheidene Garderobe und den geringfügigen Nebenkosten erübrigen konnten, auf die Sparkasse zu bringen, mit der Begründung, dass wir nicht wüssten, wie bald wir vielleicht ausschließlich von diesen Reserven leben müssten, und er spüre, dass er nicht mehr lange unter uns weile, und was aus unserer Mutter und uns würde, wenn er einmal nicht mehr wäre, das wisse Gott!
Der gute Papa! Hätte er sich nicht so viele Gedanken gemacht über das Elend, welches uns nach seinem Tode drohte, ich bin überzeugt, das Gefürchtete wäre nicht so rasch eingetreten. Meine Mutter erlaubte ihm nie, über dieses Thema zu grübeln, wenn es irgend zu vermeiden war.
»Ach Richard!«, rief sie bei einer solchen Gelegenheit einmal aus, »wenn du nur diese düsteren Gedanken aus deinem Kopf verbannen würdest, würdest du genauso lange leben wie wir, zumindest so lange, bis die Mädchen verheiratet und du selbst ein glücklicher Großvater bist mit einer weinerlichen alten Dame an deiner Seite.«
Meine Mutter lachte, und mein Vater stimmte ein, aber sein Lachen ging bald in einen tiefen Seufzer über.
»Sie verheiratet – die armen Dinger! Sie besitzen keinen Penny!«, sagte er. »Ich möchte wissen, wer sie nehmen soll!«
»Nun, auf jeden Fall nur jemand, der sie verdient. War ich nicht auch mittellos, als du mich geheiratet hast? Und du hast zumindest so getan, als wärst du hocherfreut über deine Errungenschaft. Aber es ist auch gleich, ob sie heiraten oder nicht: Wir können tausend Wege finden, um unseren Lebensunterhalt rechtschaffen zu verdienen. Und ich frage mich wirklich, Richard, warum du dir über unsere Armut im Falle deines Todes den Kopf zerbrichst, als ob das von Bedeutung wäre, verglichen mit dem Unglück, dich zu verlieren – einem Kummer, der, wie du weißt, alles übersteigen würde und den du uns so lange wie möglich ersparen solltest; und außerdem: Nichts hält den Körper so gesund wie ein froher Sinn.«
»Ich weiß ja, Alice, es ist verkehrt, ständig zu klagen, aber ich kann nichts daran ändern: Damit musst du dich abfinden.«
»Aber ich finde mich nicht damit ab, solange ich dich noch ändern kann«, antwortete meine Mutter. Die Strenge ihrer Worte wurde jedoch wettgemacht durch den Ausdruck tiefer Zuneigung, mit dem sie zu ihm sprach, und ihr heiteres Lächeln, das auch ihn schließlich wieder zum Lächeln brachte, und zwar weniger traurig und flüchtig als gewöhnlich.
»Mama«, sagte ich, sobald ich eine Gelegenheit fand, mit ihr allein zu sprechen, »ich besitze nicht viel Geld, es wird nicht lange reichen. Wenn ich es vermehren könnte, würde ich Papas Sorgen wenigstens in einer Hinsicht verringern. Ich kann nicht so gut malen wie Mary, und daher wäre es das Beste, ich würde mich nach einer neuen Stellung umsehen.«
»Das würdest du also wirklich noch einmal versuchen, Agnes?«
»Zweifellos.«
»Nun, Liebes, ich dachte, es hätte dir gereicht.«
»Ich weiß, dass nicht alle Menschen wie Mr. und Mrs. Bloomfield sind –«
»Es gibt noch schlimmere«, fiel mir meine Mutter ins Wort.
»Aber ich glaube, nicht viele«, gab ich zurück, »und ich bin sicher, dass nicht alle Kinder so sind wie diese Sprösslinge, Mary und ich waren doch auch nicht so: Wir haben doch immer getan, was ihr befohlen habt, oder?«
»Im Allgemeinen ja, schließlich habe ich euch auch nicht verwöhnt. Aber ihr wart auch keine Unschuldsengel: Mary besaß eine ganz schöne Portion Verstocktheit, und du hattest auch deine Launen, aber im Großen und Ganzen wart ihr brave Kinder.«
»Ich weiß, dass ich manchmal schlecht gelaunt war, und hätte mich gefreut, diese Kinder wären es auch ab und zu gewesen, weil ich sie dann hätte verstehen können; aber sie waren es nie: Man konnte sie weder beleidigen noch verletzen noch beschämen; unglücklich waren sie nur, wenn sie wütend waren.«
»Wenn sie nichts empfinden konnten, so lag das nicht an ihnen; man kann nicht erwarten, dass ein Stein ebenso nachgiebig ist wie Ton.«
»Nein, aber es ist sehr unerfreulich, mit derart stumpfen, unzugänglichen Wesen zusammenzuleben. Man kann sie nicht lieben, und selbst wenn man es könnte, wäre diese Liebe gänzlich vergeudet: Sie wären unfähig, sie zu erwidern, sie zu schätzen und sie zu begreifen. Aber selbst wenn ich zufällig noch einmal an eine ähnliche Familie geraten sollte, was wenig wahrscheinlich ist, so kann ich mich von Anfang an auf meine Erfahrungen stützen und müsste dieses Mal eigentlich besser fertig werden. Und was der Sinn und Zweck dieser Vorrede ist: Lass es mich noch einmal versuchen.«
»Nun, wie ich sehe, lässt du dich nicht leicht entmutigen, liebes Kind. Ich freue mich darüber. Aber ich muss dir sagen, dass du sehr viel blasser und schmaler bist als damals, als du das erste Mal von zu Hause weggegangen bist, und wir können es nicht zulassen, dass du deine Gesundheit ruinierst, um für dich oder andere Geld zu horten.«
»Mary hat mir auch gesagt, ich wäre verändert, und ich wundere mich auch nicht besonders darüber, denn ich war den ganzen Tag über in einem Zustand von Erregung und Unruhe: Aber ich bin fest entschlossen, beim nächsten Mal alles gelassener anzugehen.«
Nachdem wir die Sache noch eine Weile erörtert hatten, erklärte sich meine Mutter erneut bereit, mir zu helfen, wenn ich versprach, abzuwarten und Geduld zu haben; und ich überließ es ihr, das Thema bei meinem Vater zur Sprache zu bringen, wann und wie sie es für ratsam erachtete, wobei ich ihre Fähigkeit, seine Zustimmung zu erlangen, keinen Augenblick anzweifelte. Inzwischen studierte ich mit großem Interesse die Anzeigenspalten in den Zeitungen und antwortete auf jedes »Gouvernante gesucht«, das überhaupt in Frage zu kommen schien. Aber ich zeigte alle meine Briefe, wie auch die Antworten, die ich erhielt, gehorsam meiner Mutter, und diese hieß mich, zu meinem großen Leidwesen, ein Angebot nach dem anderen auszuschlagen: Einmal waren die Leute von zu niedriger Herkunft, ein andermal stellten sie zu hohe Anforderungen oder geizten zu sehr mit dem Lohn.
»Dein Können geht weit über das hinaus, was man von der Tochter eines armen Geistlichen gemeinhin erwartet, Agnes«, pflegte sie zu sagen, »und du darfst es nicht vergeuden. Denk daran, dass du versprochen hast, Geduld zu haben. Es besteht kein Grund zur Eile; du hast noch viel Zeit und bestimmt noch genügend Möglichkeiten.«
Schließlich riet sie mir, selbst eine Anzeige in die Zeitung zu setzen und meine Fähigkeiten usw. darin aufzuführen.
»Musik, Gesang, Zeichnen, Französisch, Latein und Deutsch sind zusammengenommen keine schlechte Voraussetzung«, sagte sie, »viele werden froh sein, all diese Fähigkeiten in der Person einer einzigen Erzieherin vereint zu finden. Und diesmal solltest du dein Glück in einer etwas höherstehenden Familie, der eines wirklich kultivierten Gentleman, versuchen, denn dort wirst du wahrscheinlich weitaus eher mit dem angemessenen Respekt und Takt behandelt als von diesen protzigen Geschäftsleuten und eingebildeten Emporkömmlingen. Ich habe mehrere Adlige gekannt, die ihre Gouvernanten wie ihresgleichen behandelt haben, obwohl einige, wie ich zugeben muss, genauso überheblich und anspruchsvoll sind wie normale Sterbliche: Denn es gibt in allen Schichten gute und schlechte Menschen.«
Die Anzeige war rasch geschrieben und abgeschickt. Von den beiden Familien, die antworteten, war nur eine bereit, mir fünfzig Pfund zu zahlen, die Summe, die ich auf den Rat meiner Mutter hin als Entlohnung gefordert hatte, und in diesem Fall zögerte ich nun selbst, dort meinen Dienst anzutreten, aus Furcht, die Kinder wären zu alt und ihre Eltern suchten bestimmt jemanden, der auffallender, erfahrener und vor allem besser ausgebildet war als ich. Aber meine Mutter brachte mich davon ab, deshalb abzulehnen: Ich wäre der Aufgabe bestens gewachsen, meinte sie, wenn ich nur meine Schüchternheit ablegen und ein wenig mehr Selbstvertrauen gewinnen würde. Ich sollte lediglich meine Fähigkeiten und Voraussetzungen klar und ehrlich darlegen, meine Bedingungen nennen und dann das Ergebnis abwarten. Die einzige Bedingung, die ich zu stellen wagte, war die Bitte um zwei Monate Urlaub im Jahr, an Johannis und Weihnachten, damit ich meine Familie besuchen konnte. Die unbekannte Dame machte keine Einwände dagegen in ihrer Antwort und erklärte, dass meine Fähigkeiten zweifellos zufriedenstellend wären; aber sie betrachte derlei bei der Beschäftigung von Gouvernanten als zweitrangig, und da sie in der Nähe von O—— wohnten, sei es ein Leichtes für sie, Lehrer zu finden, die etwaigen Mängeln auf diesem Gebiet abhelfen könnten; ihrer Ansicht nach seien außer einer untadeligen Moral ein sanfter, freundlicher Charakter und ein entgegenkommendes Wesen die wichtigsten Erfordernisse.
Das gefiel meiner Mutter gar nicht, und sie hatte nun ihrerseits einiges dagegen einzuwenden, dass ich die Stelle antrat, worin meine Schwester sie lebhaft unterstützte. Aber ich wollte mich nicht nochmals aufhalten lassen und überstimmte sie beide; und nachdem ich zuerst die Zustimmung meines Vaters eingeholt hatte, der kurz zuvor über mein Vorhaben unterrichtet worden war, schrieb ich einen verbindlichen Brief an die unbekannte Schreiberin, und wir wurden uns schließlich einig.
Es wurde entschieden, dass ich am letzten Januartag meine neue Stellung als Erzieherin in der Familie von Mr. Murray in Horton Lodge bei O——, das etwa siebzig Meilen von unserem Dorf entfernt lag, antreten sollte. Diese Entfernung erschien mir ungeheuer groß, da ich im Verlauf meines zwanzigjährigen Erdenlebens noch nie weiter als zwanzig Meilen von zu Hause weggewesen war, umso mehr, da mir und allen meinen Bekannten die Familie selbst und die Leute in der Nachbarschaft gänzlich fremd waren. Aber das machte es nur umso reizvoller für mich. Ich hatte mich bis zu einem gewissen Grade von der mauvaise honte befreit, die mich früher so gehemmt hatte. Ich verspürte eine angenehme Erregung bei dem Gedanken, diese unbekannten Gefilde zu betreten und allein meinen Weg unter den fremden Menschen dort zu finden. Ich bildete mir ein, nun bald etwas von der Welt zu sehen: Mr. Murray hatte seinen Wohnsitz in der Nähe einer großen Stadt, nicht in einem Industriebezirk, wo die Leute an nichts anderes als ans Geldverdienen dachten. Soviel ich mitbekommen hatte, war er von höherem Rang als Mr. Bloomfield und zweifelsohne einer dieser wirklich gebildeten Adligen, von denen meine Mutter gesprochen hatte, der seine Gouvernante mit der gebührenden Achtung als ehrbare, wohlerzogene Dame, als Lehrerin und Leiterin seiner Kinder und nicht bloß als bessere Dienstbotin behandeln würde. Da meine Schüler älter waren, würden sie auch vernünftiger, gelehriger und weniger lästig sein als die vorigen, sie würden weniger Zeit im Schulzimmer verbringen und keine ständige Aufsicht nötig haben. Und schließlich mischten sich die herrlichsten Wunschbilder in meine Hoffnungen, die strenggenommen mit der Betreuung von Kindern und den Pflichten einer Erzieherin nur wenig oder gar nichts zu tun hatten. Der Leser mag daraus ersehen, dass ich nicht als ein Opfer kindlicher Liebe anzusehen war, das mit der alleinigen Absicht in die Welt hinausging, für das Wohlergehen und die Unterstützung seiner Eltern Geld zurückzulegen und dafür auf Frieden und Freiheit zu verzichten; auch wenn das Wohlbefinden meines Vaters und die künftige Unterstützung meiner Mutter breiten Raum in meinen Überlegungen einnahm, denn ich hielt fünfzig Pfund für keine ganz alltägliche Summe. Ich brauchte anständige Kleidung, wie es sich für meine Stellung gehörte, musste anscheinend meine Wäsche aus dem Haus geben und meine vier jährlichen Reisen zwischen Horton Lodge und zu Hause selbst bezahlen; aber wenn ich eisern sparte, würden sicher zwanzig Pfund oder etwas mehr für diese Ausgaben reichen, und es blieben dreißig oder etwas weniger für die Bank: welch nützliche Vermehrung unseres Kapitals! Ja, ich musste mich anstrengen, diese Stellung zu behalten, wie immer sie auch sein würde: um der Familie gegenüber meine Ehre zu bewahren und wegen der konkreten Hilfe, die ich ihnen leisten konnte, indem ich dort aushielt.
Kapitel 7
Horton Lodge
Der 31. Januar war ein rauer, stürmischer Tag. Es wehte ein strenger Nordwind, der ständig Schneewehen am Boden entlangfegte und durch die Luft wirbelte. Meine Lieben wollten mich dazu bringen, die Abreise zu verschieben, aber da ich fürchtete, durch einen solchen Mangel an Pünktlichkeit gleich beim Antritt meiner neuen Stelle meine Arbeitgeber gegen mich einzunehmen, bestand ich darauf, den festgesetzten Termin einzuhalten.
Ich erspare meinen Lesern die Schilderung meiner Abreise an jenem dunklen Wintermorgen: das herzliche Abschiednehmen, die lange, lange Fahrt nach O––, das einsame Warten auf Kutschen oder Züge in den Gasthäusern – denn es gab damals schon ein paar Eisenbahnen –, und schließlich in O–– das Treffen mit Mr. Murrays Diener, der mit dem Zweispänner geschickt worden war, um mich nach Horton Lodge zu bringen. Ich will nur festhalten, dass der starke Schneefall Pferde und Lokomotive beim Vorankommen so behinderte, dass es bereits mehrere Stunden dunkel war, als ich das Ziel meiner Reise erreichte, und zum Schluss noch ein heftiger Sturm aufkam, der die wenigen Meilen von O—— nach Horton Lodge zu einer äußerst beschwerlichen Fahrt machte. Ich saß ergeben da, während der kalte, beißende Schnee durch meinen Schleier drang und sich in meinem Schoß häufte, sah nichts und fragte mich, wie das arme Pferd und der arme Kutscher überhaupt vorwärtskamen; und es war in der Tat nur eine mühsame, schleppende Art der Fortbewegung, wenn man es überhaupt so bezeichnen konnte. Endlich hielten wir; auf den Zuruf des Kutschers hin vernahm man das Öffnen von Toren, die sich quietschend in ihren Angeln bewegten, die Parktore, wie ich annahm. Darauf folgten wir einem ebenen Weg, von dem aus man ab und zu riesige, weißlich-graue, aus dem Dunkeln leuchtende Umrisse wahrnahm, die ich für das Geäst schneebedeckter Bäume hielt. Nach längerer Fahrt hielten wir erneut und standen vor dem Säulengang eines großen Hauses mit hohen, bis auf den Boden reichenden Fenstern.
Mit einiger Schwierigkeit kroch ich aus der Kutsche, in der Erwartung, dass mich ein warmer, gastfreundlicher Empfang für Mühen und Plagen des Tages entschädigen würde. Ein vornehmer, schwarzgekleideter Herr öffnete die Tür und ließ mich in eine weitläufige Halle eintreten, die von einer bernsteinfarbenen Hängelampe erleuchtet wurde. Er führte mich hindurch, einen Gang entlang, öffnete die Tür zu einem nach hinten gelegenen Zimmer und erklärte, dies sei der Schulraum. Ich trat ein und sah mich zwei jungen Damen und zwei jungen Herren gegenüber, meinen zukünftigen Schülern vermutlich. Nach einer förmlichen Begrüßung fragte mich das ältere der beiden Mädchen, das müßig über einem Stück Leinen und einem Korb Stickgarn saß, ob ich hinaufgehen wolle. Ich sagte natürlich ja.
»Matilda, nimm eine Kerze und zeig ihr ihr Zimmer«, sagte sie.
Miss Matilda, ein dralles, etwa vierzehnjähriges Ding in kurzem Kittel und Hosen, zuckte mit den Schultern und verzog das Gesicht, nahm jedoch eine Kerze und ging vor mir her, erst die Hintertreppe hinauf, eine lange, dunkle doppelstiegige Flucht, dann einen endlosen, engen Gang entlang bis zu einem kleinen, aber einigermaßen behaglichen Raum. Dann fragte sie mich, ob ich Tee oder Kaffee wolle. Ich war schon im Begriff, nein zu sagen, als mir einfiel, dass ich seit heute Morgen um sieben nichts mehr zu mir genommen hatte und mich dementsprechend schwach fühlte, und ich bat um eine Tasse Tee. Die junge Dame sagte, sie werde »Brown« Bescheid sagen, und ließ mich allein; als ich gerade meinen schweren, nassen Mantel, Schal, Haube usw. abgelegt hatte, erschien ein zierliches junges Fräulein und wollte im Auftrag der jungen Damen wissen, ob ich den Tee hier oben oder im Schulzimmer nehmen wolle. Unter dem Vorwand, müde zu sein, bat ich, ihn hierherauf zu bringen. Sie ging und kehrte nach einer Weile mit einem kleinen Tablett zurück, das sie auf die Kommode stellte, die als Toilettentisch diente. Nachdem ich mich höflich bei ihr bedankt hatte, fragte ich sie, wann ich morgens aufzustehen hätte.
»Die jungen Damen und Herren frühstücken um halb neun, Madam«, sagte sie. »Sie stehen früh auf, aber weil sie vor dem Frühstück selten Unterricht haben, genügt es wohl, wenn Sie um kurz nach sieben aufstehen.«
Ich bat sie, mich doch freundlicherweise um sieben zu wecken, und mit dem Versprechen, das zu tun, zog sie sich zurück. Nachdem ich meinen langen Fastentag mit einer Tasse Tee und einer dünnen Scheibe Butterbrot beendet hatte, setzte ich mich an das schwach glimmende Feuer, gönnte mir aus tiefstem Herzen ein paar Tränen und sprach meine Gebete, um mich dann zusehends erleichtert für die Nacht zurechtzumachen. Da ich feststellte, dass man mein Gepäck noch nicht heraufgebracht hatte, machte ich mich auf die Suche nach der Klingel. Ich konnte jedoch nirgends im Zimmer ein Anzeichen für diese angenehme Einrichtung entdecken, nahm also meine Kerze und begab mich wagemutig den langen Flur entlang und die steile Treppe hinunter auf Entdeckungsreise. Dabei traf ich auf eine gutgekleidete Frau und sagte ihr, was ich wollte, allerdings erst nach einigem Zögern, da ich nicht sicher war, ob sie zum höhergestellten Dienstpersonal gehörte oder Mrs. Murray selbst war: Aber es handelte sich zum Glück um die Kammerzofe. Mit einer Miene, als würde sie mir eine ganz außergewöhnliche Gnade erweisen, sagte sie mir herablassend zu, dafür zu sorgen, dass meine Sachen heraufgeschickt würden, und nachdem ich in mein Zimmer zurückgekehrt war und lange gespannt gewartet hatte – ich fürchtete, sie hätte ihr Versprechen vergessen oder einfach nicht eingehalten, und überlegte, ob ich noch länger warten, mich zu Bett begeben oder nochmals nach unten gehen sollte –, schöpfte ich beim Klang von Stimmen und Gelächter, begleitet von Füßetrampeln im Gang, wieder Hoffnung, und prompt wurde mein Gepäck von einem derb aussehenden Mädchen und einem Mann hereingebracht, die sich beide mir gegenüber nicht gerade respektvoll benahmen. Während sich ihre Schritte entfernten, schloss ich die Tür, packte ein paar Sachen aus und ging erleichtert zu Bett, denn mein Körper und mein Geist waren gleichermaßen müde.
Am nächsten Morgen erwachte ich mit einem eigenartigen Gefühl der Einsamkeit, empfand zugleich deutlich das Neue meiner Situation und eine Art freudloser Neugier auf alles, was mir noch fremd war. Ich fühlte mich wie jemand, der durch einen Zauber hoch in die Luft gewirbelt wird und plötzlich aus den Wolken fällt und sich in einem unbekannten Land wiederfindet, ganz und gar abgeschnitten von allem, was er bisher gesehen und gekannt hat. Oder wie ein Distelsamen, den der Wind in einen abgelegenen Winkel mit ungünstigem Boden trägt, wo er lange genug liegen muss, bis er keimen und Wurzel schlagen kann und sich von dem ernährt, was seiner Natur eigentlich fremd ist: falls er es überhaupt jemals kann. Aber das gibt meine Gefühle nur unvollkommen wieder, und nur jemand, der ein ebenso zurückgezogenes, sesshaftes Leben geführt hat wie ich, kann sie möglicherweise nachempfinden; und auch nur dann, wenn er weiß, was es heißt, eines Morgens aufzuwachen und sich in Port Nelson in Neuseeland wiederzufinden, durch Wassermassen von allen vertrauten Menschen abgeschnitten.
Das eigenartige Gefühl, mit dem ich meine Jalousie hochzog und in die unbekannte Welt sah, werde ich nicht so bald vergessen. Eine riesige, weiße Wildnis war alles, was ich erblickte:
Eine weite, weiße Wüste
Und schneebeladne Bäume.
Ohne besondere Ungeduld ging ich ins Schulzimmer hinunter, um meine Schüler zu treffen, aber ich war schon etwas neugierig, was die nähere Bekanntschaft offenbaren würde. Eines hatte ich mir, neben anderen wichtigen Dingen, vorgenommen, nämlich, sie von Anfang an mit Miss und Master anzureden. Mir erschien das zwar als ein unnatürlicher Ausdruck kalter Förmlichkeit im Umgang von Kindern mit ihrer Lehrerin und täglichen Gefährtin, vor allem wenn sie noch so klein waren wie in Wellwood House; doch selbst dort hatte man es als ungebührliche Freiheit meinerseits angesehen, wenn ich die kleinen Bloomfields einfach beim Vornamen genannt hatte, was mir ihre Eltern deutlich zu verstehen gaben, indem sie sie immer, wenn sie mit mir sprachen, als Master und Miss Bloomfield bezeichneten. Ich hatte lange gebraucht, den Hinweis zu verstehen, weil mich das Ganze so absurd dünkte, aber diesmal war ich entschlossen, klüger zu sein und von vornherein mit so viel Förmlichkeit und gestelzten Manieren daherzukommen, wie sie nur irgendein Familienmitglied von mir erwartete; schließlich waren die Kinder ja auch um einiges älter, und es würde mir leichterfallen; und doch hatten die kleinen Wörter Miss und Master die verblüffende Wirkung, jede freundschaftliche, offene Vertrautheit zu unterdrücken und jeden Hauch von Herzlichkeit im Keim zu ersticken, die möglicherweise zwischen uns hätte entstehen können.
Da ich es nicht, wie Dogberry, übers Herz bringe, dem Leser meine ganze Weitschweifigkeit zuzumuten, will ich ihn nicht weiter mit allen Einzelheiten der Entdeckungen und Vorgänge an diesem und dem nächsten Tag langweilen. Er wird sich zweifellos mit der flüchtigen Beschreibung der verschiedenen Familienmitglieder und einem allgemeinen Überblick über die ersten beiden Jahre meines Lebens in ihrer Mitte vollauf zufriedengeben.
Um mit dem Familienoberhaupt zu beginnen: Mr. Murray war in erster Linie ein polternder, lärmender Landedelmann, widmete sich der Fuchsjagd, war ein geschickter Reiter und Hufschmied, ein rühriger, kräftig zupackender Landwirt und ein überzeugter Bonvivant. In erster Linie, sage ich, denn ich sah ihn eigentlich nur sonntags beim Kirchgang. Oder ich stieß zufällig beim Durchqueren der Halle oder beim Spazierengehen im Park auf die Gestalt eines großen, kräftigen Mannes mit scharlachroten Backen und karminroter Nase, der mir bei diesen Gelegenheiten, falls ich in Hörweite war, ein »Morgen, Miss Grey« oder einen ähnlich knappen Gruß gönnte, gemeinhin von einem formlosen Kopfnicken begleitet. Häufig jedoch erscholl von weit her sein lautes Lachen, und noch öfter hörte ich, wie er fluchte und den Diener, den Stallknecht, den Kutscher oder einen anderen unglücklichen Bediensteten beschimpfte.
Mrs. Murray war eine hübsche, elegante Dame von vierzig Jahren, die zweifellos weder Schminke noch Wattierungen brauchte, um ihre Reize zu erhöhen, und deren größtes Vergnügen es anscheinend war, Gesellschaften zu geben oder Feste zu besuchen und sich nach der allerletzten Mode zu kleiden. Ich sah sie erst um elf Uhr am Morgen nach meiner Ankunft, als sie mich mit einem Besuch beehrte, so wie meine Mutter in die Küche gegangen wäre, um ein neues Dienstmädchen zu begrüßen: Nein, noch nicht einmal so, denn meine Mutter hätte sie gleich nach ihrer Ankunft willkommen geheißen und nicht damit bis zum nächsten Tag gewartet; außerdem hätte sie gütiger und freundlicher mit ihr gesprochen, ihr ein paar tröstliche Worte gesagt und schlicht und einfach ihre Pflichten erklärt. Mrs. Murray tat nichts dergleichen. Auf dem Rückweg vom Zimmer der Wirtschafterin, mit der sie das Mittagessen besprochen hatte, kam sie ins Schulzimmer gerauscht, wünschte mir einen guten Morgen, stand zwei Minuten lang am Kamin, sagte ein paar Worte über das Wetter und die »doch recht unschöne« Fahrt, die ich gestern gehabt haben müsse, tätschelte ihr jüngstes Kind, einen zehnjährigen Knaben, der sich gerade Mund und Hände an ihrem Kleid abwischte, nachdem er etwas Wohlschmeckendes aus dem Vorrat der Wirtschafterin genascht hatte, erzählte mir, was für ein süßer, braver Junge er sei, und segelte mit einem selbstgefälligen Lächeln auf dem Gesicht davon, zweifellos in dem Glauben, für den Moment genug getan und sich obendrein noch äußerst leutselig gezeigt zu haben. Die Kinder waren offenbar der gleichen Ansicht, nur ich sah es anders.
Danach schaute sie ein- oder zweimal während der Abwesenheit meiner Schüler bei mir herein, um mich über meine Pflichten ihnen gegenüber zu belehren. Was die Mädchen anging, so legte sie anscheinend nur Wert darauf, deren äußere Erscheinung so attraktiv und auffallend ins Licht zu setzen, wie dies möglich war, ohne sie direkt zu behelligen oder ihnen lästig zu fallen, und dementsprechend sollte ich mich verhalten: danach trachten, sie zu unterhalten und gefällig zu sein, belehren, verfeinern und Unebenheiten abschleifen, das alles, ohne Strenge und Autorität anzuwenden und mit möglichst geringem Einsatz von ihrer Seite. Mit den beiden Jungen war es fast das Gleiche; nur war es hier nicht meine Aufgabe, auf äußerliche Vollkommenheit zu achten, sondern ihren Schädeln so viel an lateinischer Grammatik und aus Valpys Delectus einzutrichtern, um sie für die Schule vorzubereiten, die größtmögliche Menge, ohne dass sie sich selbst anstrengen mussten. John war vielleicht »ein bisschen überheblich« und Charles vielleicht »ein bisschen nervös und umständlich« –
»Aber, Miss Grey«, sagte sie, »ich hoffe, dass Sie auf alle Fälle die Ruhe bewahren und immer sanft bleiben und Geduld haben. Vor allem mit dem kleinen Charles; er ist äußerst nervös und verletzlich und ausschließlich daran gewöhnt, dass man sehr empfindsam mit ihm umgeht. Sie müssen entschuldigen, dass ich das extra erwähne, aber tatsächlich ist es so, dass sich alle, auch die besten Gouvernanten, in diesem speziellen Punkt als untauglich erwiesen haben. Es fehlte ihnen das bescheidene, ruhige Gemüt, das schon Matthäus oder ein anderer Apostel höher einstuft, als sich äußerlich zu schmücken – Sie kennen bestimmt die Stelle, die ich meine, schließlich sind Sie ja die Tochter eines Geistlichen. Aber ich zweifle nicht daran, dass Sie uns in dieser wie jeder anderen Hinsicht zufriedenstellen. Und denken Sie daran, dass immer, wenn eines der Kinder etwas Ungehöriges tut und Zureden und Ermahnungen nicht helfen, eines der anderen Kinder zu mir kommt und alles erzählt; denn ich kann doch deutlicher mit ihnen reden, als es Ihnen zukäme. Machen Sie sie so glücklich, wie Sie können, Miss Grey, und Sie werden bestimmt Erfolg haben.«
Es fiel mir auf, dass Mrs. Murray zwar äußerst besorgt um das Wohlergehen und das Glück ihrer Kinder war und ständig darüber redete, jedoch niemals von meinem Befinden sprach; dabei lebten sie doch zu Hause, von Freunden umgeben, und ich als Fremde unter Fremden. Und da ich die Welt noch nicht gut genug kannte, war ich höchst erstaunt über dieses ungewöhnliche Verhalten.
Miss Murray, oder auch Rosalie, war bei meiner Ankunft ungefähr sechzehn und unzweifelhaft ein sehr hübsches Mädchen; und im Verlauf von zwei Jahren, nachdem sie sich voller entwickelt hatte und ihre Körperhaltung anmutiger geworden war, konnte man von ihr über den herkömmlichen Begriff hinaus als von einer richtigen Schönheit sprechen. Sie war groß und schlank, aber nicht dünn und von makelloser Gestalt; ihre Haut war sehr hell, aber von einer strahlenden, rosigen Frische; ihr Haar, das sie in einer Fülle langer Locken trug, war von einem sehr hellen Braun, fast gelb; ihre Augen waren blassblau, aber so klar und leuchtend, dass sie gar nicht dunkler sein mussten; ihre übrigen Gesichtszüge waren unauffällig, nicht ganz regelmäßig und wenig bemerkenswert, aber insgesamt konnte man nicht umhin, sie als sehr hübsches Mädchen zu bezeichnen. Ich wünschte, ich könnte über ihren Geist und ihren Charakter ebenso viel Gutes sagen wie über ihre Figur und ihr Gesicht.
Aber der Leser soll nicht glauben, dass ich schreckliche Enthüllungen mache: Sie war lebhaft, heiter und konnte sehr liebenswürdig zu allein sein, die ihren Willen nicht durchkreuzten. Mir gegenüber war sie anfangs kalt und hochmütig, dann unverschämt und anmaßend; aber als wir uns näher kennenlernten, gab sie ihr Getue allmählich auf und schloss sich mir so eng an, wie ihr das bei einer Person meines Charakters und meiner Stellung möglich war: Denn selten vergaß sie länger als eine halbe Stunde, dass ich nur eine Angestellte und die Tochter eines armen Pfarrers war. Trotzdem glaube ich, dass sie mich im Großen und Ganzen mehr schätzte, als ihr selbst klar war, denn ich war der einzige Mensch im Haus, der unerschütterlich auf festen Grundsätzen bestand, immer die Wahrheit sagte und sich darum bemühte, dass erst die Pflicht, dann das Vergnügen kam. Ich sage das nicht, um mich selbst herauszustellen, sondern um den bedauerlichen Zustand der Familie zu beschreiben, in deren Diensten ich derzeit stand. Für kein Familienmitglied tat mir dieser Mangel an Prinzipien so leid wie für Miss Murray; nicht nur, weil sie ihre Vorliebe für mich entdeckt hatte, sondern vieles in ihrem Wesen so freundlich und anziehend war, dass ich sie trotz ihrer Fehler wirklich gern hatte – wenn sie nicht gerade meinen Unmut weckte oder mich verärgerte, indem sie ihren Schwächen freien Lauf ließ. Diese Schwächen aber, so redete ich mir gern ein, waren eher das Ergebnis ihrer Erziehung als ihrer Veranlagung: Niemals hatte man ihr den Unterschied zwischen richtig und falsch wirklich klargemacht; von Kindheit an hatte man ihr wie auch ihren Geschwistern erlaubt, Kindermädchen, Erzieherinnen und Dienerschaft zu tyrannisieren, und niemand hatte ihr beigebracht, ihre Wünsche einzuschränken, sich zu beherrschen, ihren Mutwillen zu zügeln oder ihr eigenes Vergnügen zugunsten von anderen zu opfern. Da sie von Natur aus einen guten Charakter hatte, war sie niemals heftig oder mürrisch, aber weil sie ständig verwöhnt worden und jeglicher Vernunft gemeinhin abgeneigt war, war sie oft reizbar und launisch; ihr Geist war nie geformt worden, ihren Verstand konnte man bestenfalls als oberflächlich bezeichnen; sie besaß beachtliche Lebhaftigkeit und eine schnelle Auffassungsgabe, auch eine gewisse Begabung für Musik und das Erlernen von Sprachen. Aber bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr hatte sie sich nicht die Mühe gemacht, etwas zu lernen; dann hatte die Lust an der Schauspielerei ihre Fähigkeiten beflügelt und sie veranlasst, sich damit zu befassen, allerdings hauptsächlich wegen des Aspekts der glänzenden Selbstdarstellung. Als ich dann kam, blieb es das Gleiche: Alles wurde vernachlässigt außer Französisch, Deutsch, Musik, Singen, Tanzen, Handarbeit und etwas Zeichnen; die Zeichnungen mussten mit möglichst geringem Aufwand die höchstmögliche Wirkung erzielen, wobei der wesentliche Teil im Allgemeinen von mir stammte. In Musik und Gesang wurde sie neben meinem gelegentlichen Unterricht vom besten Lehrer betreut, den es in der Gegend gab, und sie erlangte hierin, genauso wie im Tanzen, große Fertigkeit. Auf die Musik verwandte sie wirklich zu viel Zeit, was ich ihr auch häufig sagte, obwohl ich ihre Lehrerin war; aber ihre Mutter meinte, wenn sie es gern täte, könne sie gar nicht zu viel Zeit damit verschwenden, eine so reizvolle Kunst zu erlernen. Von Handarbeit verstand ich nur, was ich mir von meiner Schülerin und durch eigene Beobachtung angeeignet hatte, aber kaum war ich in die Anfangsgründe eingeführt, machte sie sich meine Kenntnisse auf vielfältige Art zunutze: Alle unangenehmen Aufgaben schob sie mir zu, zum Beispiel den Rahmen zu spannen, das Gitterleinen einzuheften, Wolle und Seidengarn zu sortieren, die Unterlage einzusetzen, Fäden zu zählen, Fehler auszumerzen und die Stücke fertigzustellen, zu denen sie keine Lust mehr hatte.
Mit sechzehn war Miss Murray ein rechter Wildfang, aber nicht schlimmer, als es für ein Mädchen ihres Alters normal und billig war, mit siebzehn aber ließ dieser Hang nach und wich bald ihrer einzigen, alles verzehrenden Leidenschaft: dem Ehrgeiz, das andere Geschlecht an sich zu fesseln und Bewunderung zu erregen. Aber genug von ihr: Wenden wir uns ihrer Schwester zu.
Miss Matilda Murray war ein richtig ungezogenes Ding, und es gibt wenig über sie zu sagen. Sie war über zweieinhalb Jahre jünger als ihre Schwester, ihre Gesichtszüge waren gröber, ihr Teint viel dunkler. Vielleicht würde aus ihr einmal eine schöne Frau werden, aber sie war viel zu grobknochig und linkisch, als dass man sie als hübsches Mädchen hätte bezeichnen können, und darauf legte sie derzeit auch wenig Wert. Rosalie war sich ihrer Vorzüge bewusst, hielt sie sogar für größer, als sie waren, schätzte sie aber so ein, als wären sie noch dreimal größer gewesen. Matilda war ganz zufrieden mit sich und machte sich wenig Gedanken über ihr Äußeres. Noch weniger kümmerte sie sich um ihre geistige Entwicklung und das Erlernen von künstlerischen Fertigkeiten. Die Art, in der sie ihre Aufgaben und musikalischen Übungen absolvierte, zielte darauf ab, jede Erzieherin zur Verzweiflung zu bringen. So kurz und einfach ihre Aufgaben auch waren, sie wurden, wenn überhaupt, irgendwann und irgendwie hingehudelt, meist zur unpassendsten Zeit und in einer Weise, die ihr wenig nutzte und mich nicht zufriedenstellte; die knappe halbe Stunde ihrer Klavierübungen brachte sie mit erbarmungslosem Geklimper hinter sich. Dabei sparte sie nicht mit Beschimpfungen, entweder weil ich sie unterbrach, um sie zu verbessern, oder weil ich ihre Fehler nicht schon korrigierte, noch ehe sie sie gemacht hatte, oder ähnlichem Unsinn. Ein- oder zweimal wagte ich es, ernsthaft gegen ihr unvernünftiges Benehmen zu protestieren, aber beide Male machte mir ihre Mutter solche Vorhaltungen, dass ich überzeugt war, meine Stellung nur behalten zu können, wenn ich Miss Matilda gewähren ließ.
Waren die Unterrichtsstunden jedoch vorbei, so war es im Allgemeinen auch ihre schlechte Laune: Wenn sie ihr feuriges Pony ritt oder mit den Hunden und ihren Geschwistern, vor allem ihrem geliebten Bruder John, herumtollte, war sie so munter wie ein Vogel. Hätte sie der Gattung der Tiere angehört, wäre Matilda akzeptabel gewesen in ihrer Lebhaftigkeit, Vitalität und ihrem Bewegungsdrang, als menschliches Wesen aber war sie ungeheuer einfältig, ungelehrig, gleichgültig und unvernünftig und somit eine Qual für jemanden, der die Aufgabe hatte, ihren Verstand zu entwickeln, ihre Umgangsformen zu verbessern und ihr zu helfen, sich zu schmücken und zurechtzumachen, was sie, im Gegensatz zu ihrer Schwester, wie alles andere auch verachtete. Ihre Mutter kannte teilweise ihre Unzulänglichkeiten und hielt mir so manchen Vortrag, wie ich es anstellen sollte, ihren Geschmack zu bilden, ihre noch schlummernde Eitelkeit zu wecken und zu pflegen und durch unbemerkte, geschickte Schmeicheleien ihre Aufmerksamkeit auf das gewünschte Ziel zu lenken – was ich nicht wollte; und wie ich ihr beim Lernen den Weg bereiten und ebnen sollte, damit sie ihn mühelos beschreiten konnte, ohne sich im Geringsten anzustrengen – was ich nicht konnte; denn man kann nur dann jemandem mit Erfolg etwas beibringen, wenn auch der Lernende sich etwas Mühe gibt.
Vom Charakter her war Matilda leichtsinnig, dickköpfig, heftig und Vernunftgründen nicht zugänglich. Ein Beispiel für ihre schlechten Eigenschaften war, dass sie, getreu dem Vorbild ihres Vaters, wie ein Landsknecht fluchte. Ihre Mutter war zutiefst entsetzt über diese »unschickliche Angewohnheit« und fragte sich, »wo sie das nur aufgeschnappt hatte«. »Aber Sie werden es ihr schon austreiben, Miss Grey«, sagte sie, »es ist nur eine Angewohnheit, und wenn Sie sie jedes Mal sanft ermahnen, wird sie es bestimmt bald lassen.« Ich »ermahnte sie nicht nur sanft«, sondern versuchte, ihr klarzumachen, wie falsch es war und wie schmerzlich für die Ohren anständiger Menschen. Aber vergebens; sie antwortete nur mit einem sorglosen Lachen: »Ach, Miss Grey, jetzt sind Sie schockiert! Wie lustig!« Oder: »Ich kann es nicht ändern. Papa hätte es mir eben nicht beibringen sollen. Ich habe alles von ihm und ein bisschen vielleicht auch vom Kutscher.«
Ihr Bruder John, alias Master Murray, war bei meiner Ankunft ungefähr elf Jahre alt, ein hübscher, kräftiger, gesunder Junge, im Wesentlichen offenherzig und gutmütig, aus dem bei entsprechender Erziehung ein ordentlicher Bursche hätte werden können. Nun aber war er so ungebärdig wie ein junger Bär, laut, aufsässig, charakterlos, ungebildet und, zumindest für eine Erzieherin, die unter der Aufsicht seiner Mutter stand, unbelehrbar. Vielleicht würden seine Lehrer in der Schule besser mit ihm fertig, denn dorthin wurde er zu meiner großen Erleichterung nach Ablauf eines Jahres geschickt. Sein Kenntnisstand in Latein wie auch auf brauchbareren, aber geringer eingestuften Gebieten war erschreckend niedrig, und zweifellos würde man alles der Tatsache anlasten, dass seine Erziehung einer ungebildeten Lehrerin anvertraut worden war, die sich angemaßt hatte, eine Aufgabe in die Hand zu nehmen, der sie ganz und gar nicht gewachsen war. Erst ein ganzes Jahr später befreite man mich von der Gegenwart seines Bruders; auch dieser wurde im gleichen Zustand beschämender Unwissenheit zur Schule geschickt.
Master Charles war der ganz besondere Liebling seiner Mutter. Er war ein gutes Jahr jünger als John, aber viel kleiner, blasser und weniger lebhaft und kräftig, ein mürrischer, feiger, launischer, selbstsüchtiger kleiner Kerl, der nur aktiv wurde, wenn es Schaden anzurichten galt, und sich immer dann als klug erwies, wenn er sich Lügen ausdachte: und das nicht nur, um seine eigenen Fehler zu verschleiern, sondern auch aus purer Bosheit, um andere Menschen in Verruf zu bringen. Master Charles war wirklich eine große Belastung für mich. Gut mit ihm auszukommen war eine Geduldsprobe, schwieriger noch, ihn zu beaufsichtigen, die Aufgabe, ihn zu unterrichten oder es auch nur zu versuchen, unvorstellbar. Mit seinen zehn Jahren war er nicht einmal in der Lage, die einfachste Zeile im einfachsten Buch richtig zu lesen, und auf Anordnung seiner Mutter war ich gehalten, ihm jedes Wort zu nennen, noch bevor er Zeit hatte, zu überlegen oder seine Rechtschreibung zu überprüfen. Auch sollte ich nicht versuchen, ihn durch den Hinweis anzustacheln, andere Jungen wären ihm weit voraus; so überrascht es nicht, dass er in den zwei Jahren meines Unterrichts nur geringe Fortschritte machte. Den kleinsten Abschnitt aus der lateinischen Grammatik zum Beispiel musste ich so lange wiederholen, bis es ihm einfiel zu sagen, er habe ihn jetzt verstanden, und selbst dann musste ich ihm noch helfen, ihn aufzusagen. Wenn er bei seinen einfachen Rechenaufgaben Fehler machte, musste ich ihn sofort darauf aufmerksam und an seiner Stelle die Addition machen, statt dass er sein Denkvermögen schulte und den Irrtum selbst herausfand; also gab er sich erst gar nicht die Mühe, Fehler zu vermeiden, und schrieb seine Zahlen auf gut Glück hin, ohne überhaupt zu rechnen.
Ich hielt mich nicht uneingeschränkt an diese Regeln, das wäre gegen mein Gewissen gewesen. Aber ich konnte es nur selten riskieren, auch nur leicht von ihnen abzuweichen, ohne mir den Zorn meines kleinen Schülers und folglich auch seiner Mama zuzuziehen, der er über alle meine Vergehen Mitteilung machte, böswillig übertrieben und durch Ausschmückungen bereichert. Die Folge davon war, dass ich oft kurz davor war, meine Stellung zu verlieren oder aufzugeben. Aber wegen meiner Lieben zu Hause erstickte ich meinen Stolz, unterdrückte meinen Ärger und plagte mich so lange ab, bis mein kleiner Quälgeist zur Schule geschickt wurde; sein Vater erklärte, dass der Unterricht zu Hause »bei ihm zwecklos ist, das ist offenkundig; seine Mutter verwöhnt ihn über alle Maßen, und seine Lehrerin ist außerstande, ihm etwas beizubringen.«
Noch ein paar Bemerkungen über Horton Lodge und das dortige Tun und Treiben, und ich bin fürs Erste fertig mit meiner Beschreibung. Das Haus war ansehnlich und übertraf das von Mr. Bloomfield an Alter, Größe und Pracht. Der Garten war nicht so geschmackvoll angelegt, doch anstelle des gleichmäßig gemähten Rasens, der jungen, von Holzpfählen gestützten Bäume, des hochaufragenden Pappelgehölzes und der Tannenschonung gab es einen weitläufigen Park mit Rotwild und prächtigen, alten Bäumen. Die Umgebung war an und für sich recht einladend, soweit sich dies von fruchtbaren Äckern, blühenden Bäumen, stillen, grünen Wegen und freundlichen, von wilden Blumen umsäumten Hecken sagen lässt, aber für jemanden, der in den schroffen Bergen von –– geboren und aufgewachsen war, bedrückend flach.
Das Anwesen lag fast zwei Meilen von der Dorfkirche entfernt, und deshalb wurde an jedem Samstagvormittag, manchmal auch öfter, die Familienkutsche benutzt. Mr. und Mrs. Murray hielten es im Allgemeinen für ausreichend, sich einmal am Tag in der Kirche zu zeigen, aber die Kinder wollten häufig ein zweites Mal gehen, anstatt den lieben langen Tag im Park umherzustreifen, ohne etwas zu tun. Entschloss sich ein Teil meiner Schüler, zu Fuß zu gehen und mich mitzunehmen, hatte ich Glück; ansonsten hatte ich nämlich meinen Platz in der Ecke der Kutsche, die vom geöffneten Fenster am weitesten entfernt war, und saß mit dem Rücken zu den Pferden; in dieser Lage wurde mir unweigerlich schlecht, und wenn ich nicht gezwungen war, die Kirche mitten im Gottesdienst zu verlassen, wurde meine Andacht durch ein Gefühl von Schwäche und Übelkeit und die quälende Angst, es könnte noch schlimmer kommen, beeinträchtigt. Den Rest des Tages verbrachte ich dann meist mit bohrenden Kopfschmerzen; dabei hätte er doch die höchst willkommene Ruhe und fromme, stille Freude bringen sollen. »Es ist wirklich komisch, Miss Grey, dass Ihnen immer übel wird in der Kutsche. Mir passiert das nie«, bemerkte Matilda.
»Mir auch nicht«, sagte ihre Schwester, »aber ich glaube, es wäre der Fall, wenn ich auf ihrem Platz säße – wirklich ein ekelhafter, fürchterlicher Platz, Miss Grey, wie können Sie das nur aushalten!«
»Ich muss es aushalten, weil ich keine andere Wahl habe«, hätte ich darauf antworten können, aber um ihre Gefühle nicht zu verletzen, sagte ich nur: »Ach, es ist ja nur ein kurzes Stück, und wenn mir in der Kirche nicht schlecht wird, macht es mir nichts aus.«
Es fällt mir nicht leicht, Einteilung und Verlauf eines ganz normalen Tages zu schildern. Die Mahlzeiten nahm ich mit meinen Schülern im Schulzimmer ein, immer zu dem Zeitpunkt, der ihnen gerade passte: Einmal läuteten sie nach dem Essen, obwohl es erst halb gar war, ein andermal ließen sie es über eine halbe Stunde lang auf dem Tisch stehen, um dann übellaunig festzustellen, dass die Kartoffeln kalt waren und sich auf der Soße eine steife Fettschicht gebildet hatte. Einmal bestellten sie den Tee für vier Uhr, dann wieder schnauzten sie die Dienerschaft an, weil er nicht pünktlich um fünf gebracht worden war; hielt sich das Personal an die Befehle, nachdem es zur Pünktlichkeit ermahnt worden war, ließen sie den Tee womöglich bis sieben oder acht Uhr auf dem Tisch stehen.
Mit den Unterrichtsstunden verlief es ähnlich; niemand fragte nach meiner Meinung oder meiner Bequemlichkeit. Manchmal beschlossen Matilda und John, »den ganzen verflixten Kram noch vor dem Frühstück hinter sich zu bringen«, und schickten ohne Gewissensbisse oder Entschuldigung das Mädchen um halb sechs herauf, um mich zu wecken; nachdem man mir befohlen hatte, um Punkt sechs bereit zu sein, und ich mich eiligst angezogen hatte, kam ich häufig in einen leeren Raum, um nach längerem, ungewissen Warten festzustellen, dass sie es sich anders überlegt hatten und noch im Bett lagen. An schönen Sommermorgen konnte es geschehen, dass Brown mir mitteilte, die jungen Herrschaften hätten sich heute einen freien Tag genommen und wären nach draußen gegangen; dann ließ man mich auf das Frühstück warten, bis ich einer Ohnmacht nahe war, während sie sich schon gestärkt hatten, ehe sie das Haus verließen.
Oft wollten sie ihre Aufgaben im Freien erledigen, wogegen ich im Grunde nichts einzuwenden hatte, nur erkältete ich mich häufig beim Sitzen im feuchten Gras wegen des abendlichen Taus oder eines kühlen Windes, der ihrer Gesundheit offensichtlich nicht schadete. Es war ja richtig, dass sie sich abhärteten, aber man hätte ihnen schon etwas Rücksicht auf andere abverlangen können, die nicht so robust veranlagt waren wie sie. Aber ich will sie nicht für etwas verantwortlich machen, woran ich vermutlich selbst schuld war; denn ich hatte niemals ernstlich Einspruch erhoben und mich stets da niedergelassen, wo es ihnen gefiel, und törichterweise eher das Risiko in Kauf genommen, statt sie wegen meines Wohlbefindens zu belästigen. Die ungehörige Art, in der sie ihren Unterricht absolvierten, war genauso bemerkenswert wie ihre Launenhaftigkeit bei der Wahl von Zeit und Ort. Während sie meinen Ausführungen folgten oder das Gelernte wiederholten, lümmelten sie sich auf dem Sofa, lagen auf dem Teppich, räkelten sich, gähnten, sprachen miteinander oder sahen aus dem Fenster; ich dagegen brauchte nur das Feuer zu schüren oder mein heruntergefallenes Taschentuch aufzuheben, um von meinen Schülern wegen meiner Unaufmerksamkeit gerügt zu werden und mir anhören zu müssen, dass »Mama es nicht gern hätte, dass ich so unachtsam war«.
Die Dienerschaft, die merkte, wie wenig Achtung Eltern und Kinder ihrer Gouvernante entgegenbrachten, richtete sich in ihrem Verhalten nach diesen Vorbildern. Ich habe sie oft gegen die Tyrannei und die Ungerechtigkeit ihrer jungen Herrschaft in Schutz genommen und dabei riskiert, selbst beschimpft zu werden; und ich war stets bestrebt, ihnen so wenig Mühe wie möglich zu machen: Sie jedoch kümmerten sich überhaupt nicht um meine Bequemlichkeit, übergingen geringschätzig meine Bitten und achteten nicht auf meine Anweisungen. Sicher hätten sich nicht alle Hausmädchen und -diener so verhalten, aber da Hausangestellte im Allgemeinen recht unwissend sind und nicht daran gewöhnt, nach Gründen zu suchen und Überlegungen anzustellen, lassen sie sich zu schnell von der Nachlässigkeit und dem schlechten Beispiel ihrer Vorgesetzten verleiten, und diese hier, so viel will ich vorausschicken, waren nicht gerade die Besten ihrer Gattung.
Manchmal fühlte ich mich erniedrigt durch das Leben, das ich führte, und schämte mich, so viele Demütigungen hinzunehmen, und manchmal hielt ich mich für töricht, weil ich so darunter litt, und fürchtete schon, dass mir die rechte christliche Bescheidenheit abgehe oder jene Nächstenliebe, die »langmütig und freundlich ist, nicht das Ihre sucht, sich nicht erbittern lässet, alles verträget und alles duldet«. Aber mit Zeit und Geduld wurde manches etwas besser, wenn auch langsam und fast unmerklich. Ich wurde meine männlichen Schüler los, was von nicht geringem Vorteil war, und die Mädchen wurden, wie ich schon angedeutet habe, bevor ich sie nacheinander beschrieb, weniger überheblich, begannen sogar, Anzeichen von Wertschätzung zu zeigen. »Miss Grey war ein seltsames Wesen. Sie schmeichelte ihnen nicht und lobte sie bei weitem nicht genug; wenn sie jedoch etwas Vorteilhaftes über sie sagte, konnten sie ganz sicher sein, dass ihre Zustimmung aufrichtig war. Sie war im Wesentlichen entgegenkommend, ruhig und friedlich, aber es gab Anlässe, bei denen sie in Zorn geriet: nicht dass ihnen das viel ausgemacht hätte, aber es war schon besser, sie bei Laune zu halten, denn wenn sie gut gelaunt war, sprach sie mit ihnen, war sehr liebenswürdig und manchmal geradezu amüsant auf ihre Art; die war freilich völlig verschieden von der ihrer Mama, aber zur Abwechslung auch nicht schlecht. Über alles und jedes hatte sie ihre eigenen Ansichten und hielt eisern daran fest – und was waren das oft für lästige Ansichten: Sie dachte ständig darüber nach, was richtig und falsch war, zeigte eine seltsame Ehrfurcht vor allem, was mit Religion zusammenhing, und hatte eine eigenartige Vorliebe für gute Menschen.«
Kapitel 8
Das Debüt
Mit achtzehn musste Miss Murray aus der dunklen Geborgenheit des Schulzimmers heraus in den strahlenden Glanz der eleganten Welt treten – soviel davon außerhalb Londons anzutreffen war, denn ihr Papa war nicht dazu zu bewegen, seine ländlichen Vergnügungen und Betätigungen für einen auch nur wenige Wochen dauernden Aufenthalt in der Stadt im Stich zu lassen. Ihre Einführung in die Gesellschaft sollte am 3. Januar auf einem prächtigen Ball stattfinden, den ihre Mama für den gesamten Adel und die besseren Kreise von O—— und Umgebung im Umkreis von zwanzig Meilen ausrichten wollte. Natürlich sah sie diesem Ereignis mit kaum zu bremsender Ungeduld und hochgespannten Erwartungen entgegen.
»Miss Grey«, sagte sie eines Abends, etwa einen Monat vor dem Tag aller Tage zu mir, als ich gerade einen langen, höchst interessanten Brief meiner Schwester durchlas, den ich am Morgen nur kurz überflogen hatte, um sicherzugehen, dass er keine schlechte Nachricht enthielt, und den zu lesen ich bis jetzt noch keine ruhige Minute gefunden hatte, »Miss Grey, nun legen Sie doch diesen langweiligen, dummen Brief beiseite und hören mir zu! Was ich zu erzählen habe, ist bestimmt weitaus lustiger.«
Sie ließ sich zu meinen Füßen auf einem Hocker nieder, und ich faltete den Brief zusammen, wobei ich einen gequälten Seufzer unterdrückte.
»Sie sollten Ihren Lieben zu Hause schreiben, Sie nicht mit derart langen Briefen zu belästigen«, sagte sie, »und bitten Sie sie vor allem, passendes Briefpapier zu benutzen, nicht diese großen, gewöhnlichen Blätter. Sie müssten einmal die zauberhaften kleinen, damenhaften Briefchen sehen, die Mama an ihre Freunde schickt.«
»Meine Leute zu Hause«, gab ich zur Antwort, »wissen genau, dass, je länger ihre Briefe sind, ich es umso lieber habe. Ich wäre sehr betrübt, wenn ich von ihnen ein zauberhaftes, kleines, damenhaftes Briefchen bekäme. Außerdem dachte ich, Sie wären selbst zu damenhaft, Miss Murray, um von ›Gewöhnlichkeit‹ zu sprechen, bloß weil jemand auf ein großes Blatt Papier schreibt.«
»Na ja, ich habe es auch nur gesagt, um Sie aufzuziehen. Aber jetzt will ich über den Ball reden und Ihnen gleich sagen, dass Sie Ihre Ferien unbedingt verschieben müssen, bis er vorüber ist.«
»Aber wieso denn? Ich werde an dem Ball nicht teilnehmen.«
»Das nicht, aber Sie könnten sehen, wie die Räume vorher geschmückt werden, die Musik hören und vor allem mich in meinem herrlichen, neuen Kleid bewundern. Ich werde so reizend aussehen, dass Sie mich förmlich anbeten werden – Sie müssen einfach bleiben.«
»Ich würde sehr gern sehen, wie Sie ausschauen. Aber bei den zahlreichen Bällen und Gesellschaften, die sich anschließen werden, habe ich bestimmt noch ausreichend Gelegenheit, Sie ebenso reizend zu sehen, und ich darf meine Familie nicht enttäuschen, indem ich meine Rückkehr so lange aufschiebe.«
»Ach, lassen Sie doch Ihre Familie! Sagen Sie einfach, dass wir Sie nicht gehen lassen.«
»Aber, ehrlich gesagt, wäre es eine Enttäuschung für mich. Ich sehne mich danach, sie wiederzusehen, genauso wie sie mich – vielleicht sogar mehr.«
»Gut, aber es wäre doch nur eine kurze Zeit.«
»Fast zwei Wochen, nach meiner Rechnung. Ich könnte den Gedanken auch gar nicht ertragen, Weihnachten nicht zu Hause zu verbringen, und außerdem wird meine Schwester heiraten.«
»Ja? Wann denn?«
»Erst nächsten Monat, aber ich möchte gern dort sein, um ihr bei den Vorbereitungen zu helfen und ihre Gesellschaft zu genießen, solange sie noch bei uns ist.«
»Warum haben Sie mir das noch gar nicht erzählt?«
»Weil ich es erst durch diesen Brief erfahren habe, den Sie als langweilig und dumm bezeichnen und mich nicht zu Ende lesen lassen.«
»Wen heiratet sie denn?«
»Mr. Richardson, den Pfarrer einer Nachbargemeinde.«
»Ist er reich?«
»Nein, aber er hat sein Auskommen.«
»Sieht er gut aus?«
»Nein, nur ganz passabel.«
»Ist er jung?«
»Nein, nicht mehr so ganz.«
»O Gott, welch ein Scheusal! Und wie sieht das Haus aus?«
»Es ist ein ruhiges, kleines Pfarrhaus mit einem efeuumrankten Vordach, einem altmodischen Garten und –«
»Halt, halt, mir dreht sich der Magen um. Wie kann sie das nur ertragen?«
»Ich hoffe, dass sie es nicht nur ertragen kann, sondern sehr glücklich wird. Sie haben mich nicht gefragt, ob Mr. Richardson ein guter, kluger oder liebenswerter Mensch ist; alle diese Fragen hätte ich mit ja beantworten können – wenigstens ist das Marys Ansicht, und sie wird sich hoffentlich nicht irren.«
»Aber – das arme Ding! Wie kommt sie nur dazu, ihr Leben dort eingesperrt mit diesem hässlichen alten Mann zu verbringen, ohne die Aussicht, dass sich je etwas ändert?«
»Er ist nicht alt, erst sechs- oder siebenunddreißig, und sie ist achtundzwanzig und so vernünftig, als wäre sie fünfzig.«
»Ach so, das klingt schon besser, dann passen sie ja zueinander. Aber nennen die Leute ihn auch den ›ehrwürdigen Pfarrer‹?«
»Das weiß ich nicht, aber wenn sie es tun, steht ihm das Attribut sicher zu.«
»Mein Gott, wie schrecklich! Und wird sie eine weiße Schürze tragen und Pasteten und Puddings herstellen?«
»Bei der weißen Schürze bin ich mir nicht sicher, aber dass sie ab und zu Pasteten und Puddings zubereitet, glaube ich wohl; das wird ihr aber nicht besonders schwerfallen, das hat sie bisher auch schon getan.«
»Und wird sie ein schlichtes Tuch und einen großen Strohhut tragen und die armen Pfarrkinder ihres Mannes mit religiösen Abhandlungen und Knochenbrühe versorgen?«
»Das weiß ich nicht genau, aber sie wird ihr Bestes tun, um sie an Leib und Seele zu erquicken, so wie es das Beispiel unserer Mutter sie gelehrt hat.«
Kapitel 9
Der Ball
»Und nun, Miss Grey«, rief Miss Murray sofort, als ich das Schulzimmer betrat und mich gerade nach meinem vierwöchigen Urlaub meiner Straßenkleidung entledigt hatte, »schließen Sie die Tür, setzen Sie sich, und ich erzähle Ihnen alles von dem Ball.«
»Nein, verdammt noch mal!«, schrie Miss Matilda dazwischen. »Halt deinen Mund, ja? Dann erzähle ich ihr nämlich was über meine neue Stute – ach, wie herrlich ist sie, Miss Grey, ein reines Vollblutpferd –«
»Sei endlich still, Matilda, und lass mich zuerst erzählen.«
»Nein, nein, Rosalie, du wirst dich wieder so verdammt lang damit aufhalten! Sie soll zuerst mich anhören; zum Henker, wenn sie es nicht tut.«
»Ich stelle mit Bedauern fest, Miss Matilda, dass Sie noch immer Ihre schlechten Angewohnheiten haben.«
»Ach, ich kann nichts dafür, aber ich will nie mehr ein böses Wort über die Lippen bringen, wenn Sie mir nur zuhören und Rosalie sagen, sie soll ihren verflixten Mund halten.«
Rosalie protestierte, und ich fürchtete schon, von ihnen in Stücke gerissen zu werden; da aber Miss Matilda über die kräftigere Stimme verfügte, gab ihre Schwester schließlich nach und ließ sie ihre Geschichte zuerst erzählen. Nun war ich dazu verurteilt, mir einen endlosen Bericht über ihre wundervolle Stute anzuhören, über Züchtung und Stammbaum, Schnelligkeit, Gangart und Feuer, dann über ihre eigene bewundernswerte Geschicklichkeit und den Mut, wie sie sie ritt, und schließlich die Behauptung, sie könne ein Hindernis mit fünf Stangen spielend überwinden, so dass Papa gesagt hätte, beim nächsten Mal dürfe sie an der Fuchsjagd teilnehmen, und Mama ein scharlachrotes Jagdkleid für sie bestellt hätte.
»Oh, Matilda, was du für Märchen erzählst!«, rief ihre Schwester.
»Na ja«, antwortete diese, ohne auch nur einen Moment aus der Fassung zu geraten, »ich weiß halt, dass ich ein Hindernis mit fünf Stangen schaffe, wenn ich es versuche, und dass Papa mir erlaubt, mit auf die Jagd zu gehen, und Mama das Kleid für mich bestellt, wenn ich sie darum bitte.«
»Jetzt hör aber auf«, sagte Miss Murray, »und, liebe Matilda, versuche um Gottes willen, ein wenig damenhafter zu werden. Miss Grey, ich wünschte, Sie würden ihr verbieten, solch entsetzliche Wörter in den Mund zu nehmen. Sie sagt immer ›Stute‹ zu ihrem Pferd, es ist unvorstellbar; und dann gebraucht sie auch noch so fürchterliche Ausdrücke, wenn sie von ihr spricht: Die kann sie nur von den Knechten haben. Wenn sie loslegt, kriege ich schon Krämpfe.«
»Du Esel, das habe ich alles von Papa und seinen lustigen Freunden«, sagte die junge Dame und knallte laut mit der Jagdpeitsche, die sie ständig in der Hand hielt. »Ich kann Pferde genauso gut beurteilen wie einer von denen.«
»Jetzt hör endlich auf, du schreckliches Mädchen! Wenn du so weitermachst, kriege ich wirklich noch einen Anfall. Und nun geben Sie Acht, Miss Grey, ich werde Ihnen von dem Ball erzählen. Ich weiß, dass Sie schon schrecklich gespannt sind, alles zu hören. Ach, was für ein Ball! So etwas hätten Sie sich in Ihrem ganzen Leben nicht träumen lassen, geschweige denn gesehen oder davon gehört oder gelesen. Die Dekorationen, die Unterhaltung, das Abendessen, die Musik waren einfach unbeschreiblich! Und dann die Gäste! Es waren zwei Pairs anwesend, drei Barone, fünf Damen mit Adelstiteln und zahlreiche andere Damen und Herren. Die Damen waren mir allerdings nicht so wichtig, außer dass es mich froh stimmte, dass die meisten von ihnen so hässlich und plump aussahen und, wie Mama mir versicherte, auch die Besten und Hinreißendsten unter ihnen einem Vergleich mit mir nicht standhielten. Und ich, ach, es ist so schade, Miss Grey, dass Sie mich nicht gesehen haben! Ich war einfach bezaubernd, nicht wahr, Matilda?«
»Es ging.«
»Aber ich war es wirklich, jedenfalls haben das Mama und Brown und Williamson gesagt. Brown sagte, sie wäre sicher, dass keiner der Herren bei meinem Anblick umhinkönne, sich auf der Stelle in mich zu verlieben; also muss man es mir doch nachsehen, wenn ich ein wenig eitel bin. Ich weiß, Sie halten mich für ein schreckliches, eingebildetes, leichtfertiges Mädchen, aber ich will meinen Erfolg gar nicht einzig und allein meinen persönlichen Reizen zuschreiben: Einiges bewirkte auch der Friseur, den ich wirklich loben muss, und mein außerordentlich hübsches Kleid – morgen müssen Sie es sich ansehen – aus weißem Flor über rosafarbenem Satin und so reizend geschnitten; und eine Kette und ein Armband aus schönen, großen Perlen!«
»Sie haben zweifellos ganz bezaubernd ausgesehen, aber freuen Sie sich so sehr darüber?«
»Nein, nein, nicht nur darüber. Aber ich bin so bewundert worden und habe an diesem Abend so viele Eroberungen gemacht – Sie wären überrascht zu hören, dass –«
»Aber was haben Sie davon?«
»Was ich davon habe? Wie kann eine Frau das nur fragen!«
»Nun, ich halte eine Eroberung für genug, ja sogar für zu viel, falls die Unterwerfung nicht gegenseitig ist.«
»Ach, Sie wissen doch, dass ich in diesem Punkt nicht mit Ihnen übereinstimme. Aber ich will Ihnen meine vornehmsten Bewunderer vorstellen, diejenigen, die sich an jenem Abend und danach am meisten hervorgetan haben: Ich war nämlich seitdem schon auf zwei Gesellschaften. Die beiden Pairs, Lord G–– und Lord F––, sind leider bereits verheiratet, sonst hätte ich mich herabgelassen, zu ihnen ganz besonders freundlich zu sein, aber so tat ich das nicht, obwohl Lord F––, der seine Frau verabscheut, anscheinend von mir ganz hingerissen war. Er hat mich zweimal zum Tanz aufgefordert, nebenbei gesagt, er tanzt wunderbar, ich übrigens auch, Sie glauben nicht, wie gut ich meine Sache gemacht habe – ich war selbst überrascht. Der gute Lord machte mir auch viele Komplimente, fast zu viele, so dass ich es für angebracht hielt, mich etwas hochmütig und abweisend zu geben, aber ich genoss das Vergnügen mit anzusehen, wie seine hässliche, übellaunige Frau vor Ärger und Verdruss fast verging –«
»Aber Miss Murray, Sie wollen doch nicht etwa behaupten, dass Ihnen so etwas wirklich Spaß macht! Ganz gleich, wie mürrisch –«
»Ich weiß ja, dass es verkehrt ist, aber lassen Sie nur! Ich habe fest vor, irgendwann einmal lieb und brav zu sein. Aber seien Sie so nett und halten mir jetzt keine Predigt. Ich habe Ihnen noch nicht einmal die Hälfte erzählt. Warten Sie. Ach ja, ich war gerade dabei, Ihnen zu erzählen, wer alles eindeutig zu meinen Bewunderern gezählt hat. Da war einmal Sir Thomas Ashby; Sir Hugh Meltham und Sir Broadley Wilson sind alte Käuze, die besser in die Gesellschaft von Papa und Mama passen. Sir Thomas ist jung, reich und lustig, aber trotzdem ein hässlicher, roher Mensch; Mama sagt allerdings, das würde mir nach ein paar Monaten nichts mehr ausmachen. Dann war da noch Henry Meltham, Sir Hughs jüngerer Sohn, ein recht gutaussehender Bursche, mit dem man herrlich flirten konnte, aber da er eben ein jüngerer Sohn ist, ist das auch das Einzige, was man mit ihm anfangen kann. Weiter der junge Mr. Green, ziemlich reich, aber nicht von Rang, ein großer, dummer Kerl, ein richtiger Bauerntölpel, und schließlich unser guter Pfarrer, Mr. Hatfield: Er sollte sich eigentlich als bescheidener Anbeter betrachten, aber ich fürchte, Bescheidenheit zählt nicht zu seinem Bestand an christlichen Tugenden.«
»War Mr. Hatfield auf dem Ball?«
»Aber ja. Glauben Sie, er wäre sich zu fein dafür?«
»Ich dachte, er würde es vielleicht für unvereinbar mit dem geistlichen Stand halten.«
»Keineswegs. Zwar hat er nicht getanzt und seinen Talar entweiht, aber der arme Mann konnte sich nur mit Mühe zurückhalten; die ganze Zeit über sah er aus, als würde er sich danach verzehren, mich wenigstens um einen Tanz zu bitten und – ach, er hat übrigens einen neuen Hilfspfarrer; dieser schäbige Bursche, Mr. Bligh, hat endlich seine langersehnte Pfründe erhalten und ist fort.«
»Und wie ist der Neue?«
»Ein ganz scheußlicher Mensch! Weston heißt er. Ich kann ihn in drei Worten beschreiben: Er ist ein gefühlloser, hässlicher, dummer Holzkopf. Das sind zwar vier, aber das macht nichts – genug jetzt von ihm.«
Danach kam sie auf den Ball zurück und lieferte mir einen weiteren Bericht über ihr Auftreten dort und auf den übrigen Gesellschaften, die sie seither besucht hatte, und schilderte mir genaue Einzelheiten über Sir Thomas Ashby und die Herren Meltham, Green und Hatfield und den unauslöschlichen Eindruck, den sie bei jedem Einzelnen von ihnen hinterlassen hatte.
»Nun, und welchen der vier mögen Sie am liebsten?«, fragte ich und unterdrückte zum dritten oder vierten Mal ein Gähnen.
»Ich verabscheue sie alle«, antwortete sie und schüttelte geringschätzig ihre glänzenden Locken.
»Das soll wohl heißen: Ich liebe sie alle – aber welchen am meisten?«
»Nein, ich verabscheue sie wirklich alle; aber Harry Meltham ist am hübschesten und lustigsten, Mr. Hatfield am klügsten, Sir Thomas am schlechtesten und Mr. Green am dümmsten. Aber derjenige, den ich wahrscheinlich nehmen werde, wenn ich schon einen von ihnen nehmen muss, ist Sir Thomas Ashby.«
»Das ist doch nicht Ihr Ernst, wenn er so schlecht ist und Sie ihn nicht mögen?«
»Dass er schlecht ist, stört mich nicht, ganz im Gegenteil, und was meine Abneigung betrifft, ich hätte nicht viel dagegen einzuwenden, Lady Ashby von Ashby Park zu werden, wenn ich schon heiraten muss. Aber wenn ich ewig jung bleiben könnte, würde ich ledig bleiben. Dann würde ich mich gründlich amüsieren und mit aller Welt kokettieren, bis ich so alt wäre, dass man mich fast als alte Jungfer bezeichnen könnte; um dieser Schande zu entgehen, würde ich, nachdem ich zehntausend Eroberungen gemacht und mit einer Ausnahme die Herzen aller gebrochen hätte, irgendeinen hochgeborenen, reichen, nachgiebigen Mann heiraten, den fünfzig andere Damen ihrerseits schrecklich gern hätten.«
»Nun, bleiben Sie auf jeden Fall ledig, solange Sie diese Ansichten haben, und heiraten Sie nicht: nicht einmal, um der Schmach zu entgehen, eine alte Jungfer zu werden!«
Kapitel 10
Die Kirche
»Na, Miss Grey, was halten Sie von dem neuen Hilfspfarrer?«, fragte Miss Murray auf dem Rückweg von der Kirche, nachdem wir unsere sonntäglichen Pflichten wieder aufgenommen hatten.
»Das kann ich schlecht sagen«, war meine Antwort, »ich habe ihn nicht einmal predigen hören.«
»Aber Sie haben ihn doch gesehen, oder?«
»Ja, aber ich maße mir nicht an, den Charakter eines Menschen zu beurteilen, nachdem ich sein Gesicht ein einziges Mal flüchtig gesehen habe.«
»Aber ist er nicht hässlich?«
»Er ist mir nicht als besonders hässlich aufgefallen; ich finde seinen Gesichtsausdruck nicht unsympathisch; aber das Einzige, was ich wirklich an ihm wahrgenommen habe, war die Art und Weise seines Vortrags, die mir sehr gut gefallen hat, jedenfalls unendlich viel besser als die von Mr. Hatfield. Er hat die Predigt gelesen, als legte er großen Wert darauf, jeder einzelnen Stelle Nachdruck zu verleihen, und es schien, als ob auch der Gleichgültigste einfach zuhören, der Unwissendste alles verstehen musste; und die Gebete sprach er, als würde er sie gar nicht ablesen, sondern ernst und aufrichtig sagen, was sein Herz ihm eingab.«
»O ja, das ist alles, wozu er taugt: den Gottesdienst gut über die Runden zu bringen; aber sonst hat er nichts im Kopf.«
»Woher wissen Sie das?«
»Ach, das weiß ich sehr gut: In diesen Dingen kenne ich mich aus. Haben Sie gesehen, wie er die Kirche verließ? Er stapfte hinaus, als wäre er der einzige Mensch auf der Welt, ohne nach rechts und links zu schauen, und dachte offenbar nur daran, aus der Kirche herauszukommen und vielleicht noch an sein Essen zu Hause: In seinem großen, dummen Schädel hatte bestimmt nichts anderes Platz.«
»Ich glaube fast, Sie hätten es gern gesehen, wenn er einen Blick in die Bank des Junkers geworfen hätte«, sagte ich, wobei ich über die Vehemenz ihrer Feindseligkeit lachen musste.
»Was Sie nicht sagen! Ich wäre zutiefst empört, wenn er etwas Derartiges gewagt hätte!«, antwortete sie und warf hochmütig den Kopf zurück, um dann nach kurzer Überlegung hinzuzufügen: »Schon gut! Ich glaube ja, dass er seinen Platz ausfüllt. Aber ich bin froh, dass ich nicht auf seine Unterhaltung angewiesen bin – das ist alles. Haben Sie gesehen, wie sich Mr. Hatfield beeilt hat, um ein Kopfnicken von mir zu erhaschen und uns beim Einsteigen in die Kutsche behilflich zu sein?«
»Ja«, sagte ich und fügte im Stillen hinzu: »Und ich fand es seiner Würde als Geistlicher abträglich, wie er so schnell von der Kanzel heruntergeeilt kam, um dem Junker die Hand zu schütteln und seiner Frau und den Töchtern in die Kutsche zu helfen; außerdem nehme ich es ihm übel, dass er mich fast ausgesperrt hat.« Denn obwohl ich unmittelbar vor ihm stand, direkt neben dem Trittbrett, und darauf wartete einzusteigen, bestand er darauf, es hochzuklappen und die Tür zu schließen, bis ein Familienmitglied ihm Einhalt gebot und sagte, die Gouvernante wäre noch nicht eingestiegen; worauf er ohne ein Wort der Entschuldigung ging, ihnen einen guten Tag wünschte und es dem Diener überließ, mit der Angelegenheit zu Rande zu kommen.
Nota bene. – Mr. Hatfield sprach nie mit mir, genauso wenig wie Sir Hugh oder Lady Meltham, Mr. Harry oder Miss Meltham, Mr. Green oder seine Schwestern oder irgendjemand von den anderen Damen und Herren, die die Kirche besuchten: tatsächlich kein Einziger der Besucher von Horton Lodge.
Am Nachmittag ließ Miss Murray die Kutsche erneut für sich und ihre Schwester anspannen: Um sich im Garten zu vergnügen, sei es noch zu kalt, meinte sie, und außerdem wäre Harry Meltham wahrscheinlich in der Kirche. »Denn«, sagte sie und lächelte verschmitzt ihrem hübschen Spiegelbild zu, »er hat sich an den letzten Sonntagen als äußerst eifriger Kirchgänger erwiesen: Man könnte ihn für einen richtig guten Christen halten. Und Sie können mit uns kommen, Miss Grey: Ich möchte, dass Sie ihn sehen. Er hat sich so zu seinem Vorteil verändert, seit er aus dem Ausland zurück ist – unvorstellbar! Und außerdem haben Sie dann Gelegenheit, den schönen Mr. Weston wiederzusehen und ihn predigen zu hören.«
Ich hörte ihn predigen und war sehr angetan von der evangelischen Redlichkeit seiner Lehre, der ernsten Schlichtheit seines Wesens und der Klarheit und Kraft seiner Sprache. Eine solche Predigt zu hören war wahrhaft erfrischend nach den trockenen, nüchternen Vorträgen des bisherigen Hilfspfarrers und den noch weniger erbaulichen Tiraden des Gemeindepfarrers. Mr. Hatfield kam immer den Mittelgang heraufgesegelt oder besser wie ein Wirbelwind entlanggefegt, wobei sein prachtvoller, seidener Talar hinter ihm herflatterte und raschelnd die Türen der Kirchenbänke streifte. Er bestieg die Kanzel wie ein Eroberer seinen Triumphwagen. Dann ließ er sich in einstudierter Haltung auf einem Samtkissen nieder und verharrte eine Zeitlang in dieser tiefen Verbeugung, murmelte dann ein Gebet und haspelte das Vaterunser herunter, erhob sich, zog einen leuchtend lavendelblauen Handschuh aus, um der Gemeinde den Anblick seiner funkelnden Ringe zu gönnen, fuhr sich leicht mit den Fingern durch das schöngelockte Haar, schwenkte ein Batisttaschentuch, trug dann einen ganz kurzen Abschnitt, manchmal auch nur einen einzigen Satz aus der Bibel vor, der ihm als Leitmotiv für seine Predigt diente, und hielt schließlich einen Vortrag, der für sich genommen vielleicht gut, für meinen Geschmack jedoch viel zu gelehrt und künstlich war: Die Thesen waren klar dargelegt, die Beweisführung logisch entwickelt, und doch fiel es mir manchmal schwer, die ganze Zeit über ohne ein Zeichen von Missfallen oder Ungeduld ruhig zuzuhören.
Seine Lieblingsthemen waren kirchliche Regeln, Liturgie, Zeremonien, die apostolische Nachfolge, die Pflicht zu Ehrerbietung und Gehorsam dem Klerus gegenüber, das abscheuliche Verbrechen, anders zu denken, die unbedingte Notwendigkeit, alle Formen der Frömmigkeit zu beachten, die verwerfliche Anmaßung Einzelner, die versucht hatten, in religiösen Fragen selbständig zu denken oder die Heilige Schrift auf ihre Weise auszulegen, und gelegentlich – um seine wohlhabenden Gemeindemitglieder zu erfreuen – die Notwendigkeit von Respekt und Gehorsam der Armen gegenüber den Reichen. Seine Maximen und Ermahnungen unterstrich er durchweg mit Zitaten der Kirchenväter, mit denen er offensichtlich weitaus vertrauter war als mit den Aposteln und Evangelisten und deren Bedeutung er mindestens für ebenbürtig hielt. Ab und zu jedoch hielt er uns eine Predigt völlig anderer Art, die manch einer als gut bezeichnen würde, die aber düster und streng war und Gott eher als furchtbaren Zuchtmeister denn als gütigen Vater darstellte. Doch wenn ich ihm so zuhörte, war ich geneigt zu glauben, dass der Mann in allem, was er sagte, aufrichtig war: Er musste seine Ansichten geändert haben und unzweifelhaft fromm geworden sein, finster und streng zwar, aber fromm. Diese Illusionen wurden jedoch regelmäßig zerstört, wenn ich aus der Kirche trat und seine Stimme in heiterem Gespräch mit den Melthams, den Greens oder auch den Murrays vernahm. Vermutlich lachte er über seine eigene Predigt und gab der Hoffnung Ausdruck, dem Pöbel etwas zum Nachdenken gegeben zu haben; vielleicht triumphierte er auch bei dem Gedanken, dass die alte Betty Holmes von ihrer sündigen Leidenschaft des Pfeiferauchens lassen würde, was mehr als dreißig Jahre lang ihr täglicher Trost gewesen war; dass George Higgins aus Furcht seine Sonntagabend-Spaziergänge aufgeben würde und dass Thomas Jackson nun ordentlich das Gewissen plagen würde und seine feste und sichere Zuversicht auf eine frohe Wiederauferstehung am Jüngsten Tag ins Wanken geraten war.
Aus allem konnte ich nur schließen, dass Mr. Hatfield zu jenen gehörte, die »den Menschen schwere, unerträgliche Lasten auferlegen, während sie selbst keinen Finger rühren« und die »Gottes Wort vergeblich verkünden, weil sie solche Lehren lehren, die nichts als Menschengebote sind«. Ich war froh festzustellen, dass ihm der neue Hilfspfarrer in keiner dieser Eigenheiten zu gleichen schien.
»Also, Miss Grey, was halten Sie nun von ihm?«, fragte Miss Murray, als wir nach dem Gottesdienst unsere Plätze in der Kutsche einnahmen.
»Ich finde ihn nach wie vor nicht übel«, antwortete ich.
»Nicht übel!«, erwiderte sie erstaunt. »Was meinen Sie damit?«
»Ich meine, dass ich ihn nicht schlechter finde als vorher.«
»Nicht schlechter! Allerdings – ganz im Gegenteil! Hat er nicht sehr gewonnen?«
»O ja, sehr«, antwortete ich, denn ich hatte mittlerweile gemerkt, dass sie Harry Meltham und nicht Mr. Weston meinte. Der Gentleman war eilfertig hinzugetreten, um mit den jungen Damen zu plaudern, was er in Gegenwart ihrer Mutter niemals gewagt hätte, und hatte ihnen in die Kutsche geholfen. Er hatte nicht wie Mr. Hatfield versucht, mich auszuschließen, noch hatte er mir seine Hilfe angeboten – die ich auch gar nicht angenommen hätte –, aber solange die Tür offenstand, war er einfältig lächelnd und schwatzend bei ihnen stehen geblieben, hatte dann seinen Hut gezogen und war in Richtung seines Wohnsitzes davongegangen: Doch ich hatte ihn die ganze Zeit über kaum wahrgenommen. Meine beiden Begleiterinnen aber waren aufmerksamer gewesen und erörterten während der Fahrt nicht nur seine Blicke, Worte und Taten, sondern jede Bewegung seines Mienenspiels und jedes Detail seiner Kleidung.
»Du sollst ihn nicht für dich allein haben, Rosalie«, sagte Miss Matilda am Ende des Gesprächs. »Ich mag ihn, und er wäre ein netter, lustiger Kumpan für mich.«
»O ja, du kommst ihm gerade recht«, antwortete ihre Schwester mit gespielter Gleichgültigkeit.
»Und ich bin sicher«, fuhr die andere fort, »dass er mich genauso bewundert wie dich. Stimmt’s, Miss Grey?«
»Ich weiß nicht; ich kenne seine Gefühle nicht.«
»Aber er tut es trotzdem.«
»Meine liebe Matilda! Dich wird überhaupt niemand bewundern, solange du diese derben, tölpelhaften Manieren hast.«
»Dummes Zeug! Harry Meltham mag solche Manieren, genau wie Papas Freunde.«
»Nun, du kannst vielleicht alte Männer und jüngere Söhne fesseln, ansonsten wird bestimmt nie jemand an dir Gefallen finden.«
»Das macht mir nichts aus: Ich bin sowieso nicht dauernd hinter dem Geld her wie du und Mama. Wenn mein Ehemann ein paar gute Pferde und Hunde halten kann, dann bin ich schon zufrieden. Zur Hölle mit allem anderen!«
»Wenn du solche furchtbaren Ausdrücke gebrauchst, wird es mit Sicherheit kein echter Gentleman wagen, dir auch nur in die Nähe zu kommen. Wirklich, Miss Grey, Sie sollten ihr das nicht erlauben.«
»Ich kann es wohl kaum verhindern, Miss Murray.«
»Und du irrst dich gewaltig, Matilda, wenn du glaubst, dass Harry Meltham dich bewundert. Ich versichere dir: Er denkt überhaupt nicht daran.«
Matilda setzte zu einer zornigen Antwort an, aber die Fahrt war zum Glück zu Ende, und der Streit endete jäh, als der Diener die Tür der Kutsche öffnete und die Stufen für den Ausstieg herunterklappte.
Kapitel 11
Die Häusler
Da ich nun nur eine richtige Schülerin hatte – obwohl diese es fertigbrachte, mir genauso viel Mühe zu machen wie drei oder vier andere zusammen, und ihre Schwester weiter in Deutsch und Zeichnen Unterricht nahm –, stand mir erheblich mehr Zeit zur Verfügung, als mir vergönnt gewesen war, seit ich das Joch des Gouvernantendaseins auf mich genommen hatte. Diese Zeit widmete ich zum Teil der Korrespondenz mit meiner Familie, teilweise las ich, bildete mich weiter, spielte Klavier, sang usw., oder ich machte Spaziergänge durch den Park und die umliegenden Felder, gemeinsam mit meinen Schülerinnen, wenn sie es wollten, ansonsten allein.
Wenn es gerade keine angenehmere Beschäftigung gab, zerstreuten sich die beiden Miss Murray häufig damit, die armen Häusler auf dem Gut ihres Vaters zu besuchen, um ihre schmeichelhaften Huldigungen entgegenzunehmen, von den geschwätzigen alten Frauen die alten Geschichten oder den neuesten Klatsch zu hören, vielleicht auch um der aufrichtigen Freude willen, die armen Leute zu beglücken mit ihrer aufmunternden Gegenwart und den gelegentlichen Geschenken, die man so großzügig machen konnte und die so dankbar angenommen wurden. Manchmal bat mich eine der Schwestern – oder auch beide –, sie auf diesen Besuchen zu begleiten; manchmal baten sie mich auch, allein zu gehen und ein Versprechen einzulösen, das sie zwar bereitwillig gegeben hatten, es aber nicht halten wollten, zum Beispiel ein kleines Geschenk zu überbringen oder einem Kranken oder Schwerkranken vorzulesen. Auf diese Art machte ich die Bekanntschaft einiger Häusler und besuchte sie hin und wieder auch auf eigene Faust.
Im Allgemeinen ging ich lieber allein als mit einer der beiden jungen Damen, denn aufgrund ihrer mangelhaften Erziehung benahmen sie sich ihren Untergebenen gegenüber in einer Art und Weise, die höchst unangenehm mitanzusehen war. Sie hatten sich niemals gedanklich in deren Lage versetzt und folglich auch kein Verständnis für ihre Gefühle, sahen sie sie doch als menschliche Gattung an, die von der ihren völlig verschieden war. Sie beobachteten die armen Geschöpfe bei ihren Mahlzeiten, machten unziemliche Bemerkungen über das Essen und ihre Manieren bei Tisch; sie lachten über ihre schlichten Gedanken und die ungehobelte Ausdrucksweise, bis einige kaum noch wagten, den Mund aufzumachen; die gesetzten älteren Männer und Frauen nannten sie in deren Gegenwart alte Narren und einfältige alte Dummköpfe: und alles, ohne sie direkt kränken zu wollen. Ich merkte oft, dass die Menschen durch dieses Benehmen verletzt oder verärgert waren, auch wenn die Furcht vor den »großen Damen« sie daran hinderte, ihren Unmut offen zu zeigen: Die beiden merkten nie etwas. Sie dachten, weil diese Kätner arm und ungebildet waren, müssten sie auch beschränkt und grob sein; sie glaubten, wenn sie, die Überlegenen, geruhten, mit ihnen zu sprechen, ihnen Schilling- oder Halbkronenstücke und Kleider schenkten, auch das Recht zu haben, sich auf ihre Kosten zu amüsieren; und die Leute sollten sie dann als strahlende Engel anbeten, die sich gnädig dazu herabließen, für ihre Bedürfnisse zu sorgen und Licht in ihre bescheidenen Behausungen zu bringen.
Ich unternahm die verschiedensten Versuche, meine Schülerinnen von diesen irrigen Vorstellungen abzubringen, ohne dabei an ihren Stolz zu rühren, der leicht verletzbar und nicht so schnell wieder aufzurichten war, doch ohne sichtlichen Erfolg. Und ich weiß nicht, welche der beiden man mehr tadeln musste: Matilda war zwar ungezogener und wilder, doch von Rosalies Alter und ihrem damenhaften Äußeren hätte man eigentlich mehr erwarten können; aber sie war so aufreizend gleichgültig und unbedacht wie ein leichtsinniges Kind von zwölf Jahren.
An einem schönen Tag in der letzten Februarwoche ging ich im Park spazieren und genoss den dreifachen Luxus des Alleinseins, eines Buches und des guten Wetters. Miss Matilda war auf ihrem täglichen Ausritt und Miss Murray mit ihrer Mutter zu ein paar morgendlichen Besuchen mit der Kutsche unterwegs. Aber es kam mir in den Sinn, dass ich eigentlich diesem selbstsüchtigen Vergnügen entsagen und den Park verlassen sollte, diesen herrlichen Park mit seinem strahlend blauen Firmament, wo der Westwind durch die noch kahlen Zweige fuhr, die in den Mulden verbliebenen Schneereste rasch in der Sonne schmolzen und die anmutigen Rehe und Hirsche auf den feuchten Wiesen ästen, als gäbe es schon das frische Grün des Frühlings. Stattdessen sollte ich lieber Nancy Brown besuchen, eine Witwe, deren Sohn den ganzen Tag über auf dem Feld arbeitete und die seit einiger Zeit an einer Augenentzündung litt, die ihr das Lesen unmöglich machte: sehr zu ihrem Leidwesen, denn sie war eine ernsthafte, nachdenkliche Frau. Also ging ich zu ihr und fand sie, wie gewöhnlich, allein in ihrem kleinen, engen, dunklen Haus, in dem es nach Rauch und abgestandener Luft roch, das sie aber so ordentlich und sauber hielt, wie sie konnte. Sie saß an ihrer kleinen Feuerstelle, die aus ein paar glühenden Kohlen und einem Holzscheit bestand, und strickte emsig; zu ihren Füßen lag ein Kissen aus Sackleinen für ihre sanfte Freundin, die Katze, die, den langen Schwanz um die Samtpfoten gerollt, darauf lag und mit halbgeschlossenen Augen träumerisch auf den niedrigen, gebogenen Kaminvorsatz starrte.
»Wie geht es Ihnen heute, Nancy?«
»Ach, so mittel, Miss. Mit meinen Augen isses nich’ besser, aber sonst is’ mir’n bisschen leichter zumut’«, antwortete sie und erhob sich zufrieden lächelnd, um mich zu begrüßen; ich freute mich darüber, denn Nancy war in letzter Zeit von einer Art religiöser Schwermut geplagt worden. Ich beglückwünschte sie zu diesem Sinneswandel. Sie stimmte mir zu, dass sie »richtig dankbar dafür« sei und fügte hinzu: »Wenn der liebe Gott jetzt noch meine Augen heilt und macht, dass ich wieder meine Bibel lesen kann, dann bin ich, glaub ich, so froh wie ’ne Königin.«
»Ich hoffe, das wird Er, Nancy«, antwortete ich, »und bis dahin komme ich und lese Ihnen vor, sooft ich ein bisschen freie Zeit habe.«
Mit dem Ausdruck großer Freude ging die arme Frau mir einen Stuhl holen: Als ich ihr diese Mühe abnahm, schürte sie eifrig das Feuer, legte noch ein paar Scheite in die verlöschende Glut, nahm dann ihre abgenutzte Bibel vom Regal, staubte sie sorgfältig ab und reichte sie mir. Auf meine Frage, ob ich ihr etwas ganz Bestimmtes vorlesen solle, antwortete sie:
»Also, Miss Grey, wenn’s Ihnen egal is’, dann würd’ ich gern das Kapitel im ersten Brief von Johannes hören, wo’s heißt: ›Gott ist Liebe; und wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm.‹«
Nach kurzem Suchen fand ich die Worte im vierten Kapitel. Als ich beim siebten Vers angelangt war, unterbrach sie und bat mich, indem sie sich überflüssigerweise für ihre Ungehörigkeit entschuldigte, ihn ganz langsam vorzulesen, damit sie alles in sich aufnehmen und über jedes Wort nachdenken könne; ich müsse schon verzeihen, aber sie wäre doch nur eine »einfache Person«.
»Auch der klügste Mensch«, antwortete ich, »könnte eine Stunde lang über jeden dieser Verse nachdenken und sich danach besser fühlen; und ich würde sie lieber langsam als gar nicht lesen.«
Also las ich das Kapitel, so langsam wie nötig und so eindringlich ich konnte, zu Ende; meine Zuhörerin lauschte die ganze Zeit über aufmerksam und dankte mir aufrichtig, als ich fertig war. Ich saß etwa eine halbe Stunde schweigend da, um ihr Zeit zum Nachdenken zu lassen, als sie zu meiner Überraschung das Schweigen mit der Frage unterbrach, wie mir Mr. Weston gefiele.
»Ich weiß nicht«, antwortete ich leicht bestürzt über die Direktheit der Frage, »ich glaube, er predigt sehr gut.«
»Ja, das kann er, und reden kann er auch gut.«
»Ja?«
»Ja. Vielleicht haben Sie ihn noch gar nicht getroffen und noch nicht viel mit ihm geredet?«
»Nein, ich treffe nie jemanden, mit dem ich sprechen kann – ausgenommen die jungen Damen vom Gut.«
»Sie sind nett und freundlich, die jungen Damen, aber sie können nicht so reden wie er.«
»Dann kommt er Sie also besuchen, Nancy?«
»O ja, Miss, und ich bin so dankbar dafür. Er besucht uns arme Seelen ’ne Menge öfter als Mr. Bligh oder der Gemeindepfarrer. Und es ist gut so, denn er ist immer willkommen: Das kann man vom Gemeindepfarrer nicht sagen, und es gibt viele, die ha’m richtig Angst vor ihm. Wenn er in ein Haus kommt, sagen die Leute, findet er gleich irgendwas falsch und fängt an zu schimpfen, sobald er über die Schwelle tritt: Aber vielleicht denkt er, es ist seine Pflicht, ihnen immer zu sagen, was falsch ist. Und oft kommt er auch und schimpft mit den Leuten, weil sie nicht in die Kirche gehen oder nicht knien oder aufstehen, wenn’s die andern machen, oder weil sie in die Methodisten-Kapelle gehen oder so was Ähnliches: Aber ich kann nicht sagen, dass er bei mir je viele Fehler gefunden hat. Ein- oder zweimal hat er mich besucht, bevor Mr. Weston kam, als ich so wirr im Kopf war; und weil ich doch auch sonst ziemlich schwach war, hab ich mich getraut, nach ihm zu schicken; und er kam auch prompt. Ich fühlte mich so elend, Miss Grey – Gott sei Dank, jetzt isses ja vorbei –, aber wenn ich meine Bibel in die Hand genommen habe, konnte ich gar keinen Trost finden. Das Kapitel, was Sie grade gelesen haben, das hat mir richtig Angst gemacht: ›Wer nicht liebhat, der kennt Gott nicht.‹ Es kam mir so schrecklich vor, denn ich hab weder Gott noch die Menschen so geliebt, wie man soll, und konnt’s auch nicht, wenn ich mich noch so angestrengt hab. Und das Kapitel davor, wo’s heißt: ›Wer aus Gott geboren ist, der tut nicht Sünde.‹ Und ’ne andre Stelle, wo’s heißt: »›So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung.‹ Und viele, viele andre noch, Miss, wenn ich die alle aufzählen würde, wär’s lästig für Sie. Aber alle haben mich irgendwie verdammt und mir gezeigt, dass ich nicht auf dem richtigen Weg war; und weil ich überhaupt nicht mehr gewusst hab, wie ich den finden soll, hab ich unsern Bill zu Mr. Hatfield geschickt, ob er nicht mal bei mir vorbeischauen könnt’: Und als er dann gekommen is’, hab ich ihm all meine Sorgen erzählt.«
»Und was hat er gesagt, Nancy?«
»Ach, Miss, ich glaub, er hat sich lustig über mich gemacht. Vielleicht irr ich mich, aber er hat einen Pfiff ausgestoßen, und auf seinem Gesicht lag ein Lächeln, und er hat gesagt: ›Das ist doch alles dummes Zeug! Sie waren bei den Methodisten, gute Frau.‹ Aber ich hab ihm gesagt, dass ich noch nie bei den Methodisten war. Und dann hat er gesagt:
›Also‹, hat er gesagt, ›Sie müssen in die Kirche gehen; dort wird Ihnen die Bibel richtig ausgelegt, und nicht zu Hause sitzen und über Ihrer Bibel brüten.‹
Aber ich hab ihm gesagt, dass ich, als ich noch gesund war, immer zur Kirche gegangen bin; aber bei dem kalten Winterwetter hab ich mich nicht so weit getraut, wo’s mir doch so schlecht ging mit dem Rheumatismus und allem.
Aber er hat gesagt: ›Es wird Ihrem Rheumatismus guttun, wenn Sie zur Kirche humpeln; es gibt nichts Besseres gegen Rheumatismus als Bewegung. Sie können doch auch gut im Haus umhergehen, warum also nicht in die Kirche? Der Grund ist‹, hat er gesagt, ›Sie haben sich zu sehr an Ihre Bequemlichkeit gewöhnt. Es ist immer leicht, Ausreden zu finden, wenn man sich vor seinen Pflichten drücken will.‹
Aber so war’s gar nicht, Miss Grey. Aber ich hab zu ihm gesagt, ich würd’s versuchen. ›Aber bitte, Sir‹, hab ich gesagt, ›wenn ich in die Kirche geh, geht’s mir denn dann besser? Ich will, dass meine Sünden ausgelöscht werden, und möchte wissen, dass ich ihnen nicht noch einmal begegne und dass die Liebe Gottes in mein Herz strömt. Und wenn ich nichts davon hab, zu Hause in meiner Bibel zu lesen und meine Gebete zu sprechen, was hab ich davon, wenn ich in die Kirche geh?‹
›Die Kirche‹, hat er gesagt, ›ist der von Gott bestimmte Ort für Seine Anbetung. Es ist Ihre Pflicht, so oft wie möglich dorthin zu gehen. Wenn Sie Trost haben wollen, müssen Sie ihn auf dem Weg der Pflicht suchen‹ – und er hat noch ’ne ganze Menge mehr gesagt, aber mir fallen all seine schönen Worte gar nicht mehr ein. Aber es lief darauf hinaus, dass ich so oft wie möglich in die Kirche kommen sollte und mein Gebetbuch sollt ich mitbringen, und wenn der Pfarrer gelesen hätte, immer alle Antwortgebete ablesen und aufstehen und knien und mich hinsetzen, wie es verlangt würde, und bei jeder Gelegenheit das Abendmahl nehmen und seine und Mr. Blighs Predigten anhören, dann wäre alles in Ordnung: Wenn ich weiterhin meine Pflicht täte, bekäm ich am Ende auch meinen Segen.
›Aber wenn Sie so keinen Trost finden‹, hat er gesagt, ›ist alles aus.‹
›Dann, Sir‹, hab ich gesagt, ›glauben Sie, dass Gott mich verstoßen hat?‹
›Nun‹, hat er gesagt, ›wenn Sie‹, hat er gesagt, ›alles daransetzen, in den Himmel zu kommen, und es Ihnen nicht gelingt, dann müssen Sie zu jenen gehören, die versuchen, durch die enge Pforte hineinzugelangen, und es nicht vermögen.‹
Und dann hat er mich gefragt, ob ich diesen Morgen eine der Damen vom Gut gesehen hätte. Ich hab ihm gesagt, dass ich gesehen hab, wie die jungen Misses die Moss Lane entlanggegangen sind, und da hat er meiner armen Katze einen Tritt versetzt und ist ihnen frohgemut nachgelaufen; aber ich war sehr traurig. Seine letzten Worte waren mir ins Herz gedrungen, und da lagen sie wie ein Klumpen Blei, bis ich es nicht mehr aushalten konnte. Jedenfalls hab ich seinen Rat befolgt: Ich hab gedacht, er meint alles gut und hat halt nur ’ne komische Art. Aber wissen Sie, Miss, er ist reich und jung, und die können nicht verstehen, was so ’ne arme, alte Frau wie ich denkt. Aber jedenfalls, ich hab mich angestrengt, alles zu tun, was er wollte – aber vielleicht langweile ich Sie mit meinem Geschwätz, Miss?«
»Nein, nein, Nancy! Sprechen Sie weiter.«
»Tja, mein Rheuma wurde besser – ich weiß nicht, ob vom In-die-Kirche-Gehen oder nicht, aber an einem frostigen Sonntag erkältete ich mir die Augen. Die Entzündung kam nicht von heut auf morgen, sondern nach und nach – aber ich wollte Ihnen ja nichts von meinen Augen erzählen, sondern von meiner seelischen Not, und um die Wahrheit zu sagen, Miss Grey, die wurde nicht leichter, nachdem ich wieder in die Kirche gegangen bin, jedenfalls nur wenig; meine Gesundheit hat sich gebessert, aber das hat meiner Seele nicht geholfen. Wieder und wieder hab ich mir die Pfarrer angehört und wieder und wieder in meinem Gebetbuch gelesen, aber für mich klang alles wie das Getön von Blech und Zimbel: Die Predigten konnt ich nicht verstehn, und das Gebetbuch hat mir nur immer gezeigt, wie böse ich war, wenn ich so viele gute Worte las und mich immer noch nicht besserte; und außerdem hab ich oft gedacht, was für eine große Mühe und schwere Aufgabe das doch ist anstatt eines Gebets oder einer Lobpreisung, wie’s alle guten Christen machen. Es sah aus, als wäre alles öde und trostlos für mich. Und dann die schrecklichen Worte: ›Viele versuchen hineinzugelangen, aber vermögen es nicht.‹ Sie haben meinen Geist ganz ausgehöhlt.
Aber an einem Sonntag, als Mr. Hatfield das Sakrament gespendet hat, hab ich gehört, wie er sagte: ›Wenn einer unter euch ist, der kein ruhiges Gewissen hat und weiteren Trost und Rat braucht, der soll zu mir kommen oder zu einem anderen verschwiegenen, erfahrenen Verkünder von Gottes Wort gehen und seinen Kummer offenlegen!‹ Also bin ich am nächsten Sonntagmorgen vor dem Gottesdienst in die Sakristei gegangen und hab wieder ein Gespräch mit dem Gemeindepfarrer angefangen. Ich hab’s kaum fertiggebracht, mir das herauszunehmen, aber ich hab gedacht, wenn meine Seele auf dem Spiel steht, kann ich mich nicht mit Kleinigkeiten aufhalten. Aber er hat gesagt, er hätte keine Zeit, mich anzuhören.
›Und wirklich‹, hat er gesagt, ›ich kann Ihnen auch nichts anderes sagen als bisher. Nehmen Sie das Abendmahl und tun Sie Ihre Pflicht; wenn Ihnen das nicht hilft, tut es auch nichts anderes. Und nun stören Sie mich nicht länger.‹
Also ging ich weg. Aber dann hab ich gehört, wie Mr. Weston – Mr. Weston war nämlich da, Miss, es war sein erster Sonntag in Horton, und er stand im Chorhemd in der Sakristei und half dem Pfarrer in den Talar.«
»Ja, Nancy.«
»Und ich hab gehört, wie er Mr. Hatfield gefragt hat, wer ich wäre, und der hat gesagt: ›Ach, eine ewig jammernde, alte Närrin.‹
Und das hat mich sehr gekränkt, Miss Grey; aber ich ging zu meinem Platz und versuchte, wie immer meine Pflicht zu tun: Aber wieder fühlte ich keinen Frieden. Und ich nahm sogar das Abendmahl; aber die ganze Zeit dachte ich, ich äße und tränke meine eigene Verdammnis herbei. Und so ging ich tief bekümmert nach Hause.
Aber am nächsten Tag, ich hatte noch gar nicht aufgeräumt – denn wissen Sie was, Miss, mir stand gar nicht der Sinn danach, zu fegen und aufzuräumen und Geschirr abzuwaschen – und saß einfach mitten in der Unordnung, was meinen Sie, wer zur Tür ’reinkam? Kein anderer als Mr. Weston! Da hab ich natürlich sofort angefangen, aufzuräumen und zu fegen und Gott weiß was, und ich hab gedacht, jetzt schimpft er mit mir, weil ich so müßig herumgesessen hab, wie’s Mr. Hatfield getan hätte; aber da hab ich mich geirrt: Er sagte mir nur ruhig und bescheiden guten Morgen. Also hab ich einen Stuhl für ihn abgestaubt und ein bisschen vor dem Kamin gefegt; aber ich hatte noch die Worte des Pfarrers im Sinn und sagte: ›Ich wundere mich, Sir, dass Sie sich die Mühe machen, so weit zu laufen, nur um eine jammernde, alte Närrin wie mich zu besuchen.‹
Anscheinend war er etwas bestürzt; aber er wollte mich unbedingt davon überzeugen, dass der Pfarrer nur Spaß gemacht hätte, und als er das nicht konnte, sagte er: ›Sie sollten nicht so sehr darüber nachdenken, Nancy; Mr. Hatfield war ein bisschen schlecht gelaunt; Sie wissen ja, kein Mensch auf der Welt ist vollkommen – selbst Moses hat unbesonnene Worte gesprochen. Aber nun setzen Sie sich einen Augenblick, wenn Sie Zeit haben, und erzählen Sie von Ihren Zweifeln und Ängsten; ich will versuchen, sie zu zerstreuen.‹
Also setzte ich mich ihm gegenüber. Er war ja ganz fremd für mich, Miss Grey, und noch jünger, glaub ich, als Mr. Hatfield, und ich dachte zuerst, dass er nicht so liebenswürdig wie jener aussah, fast ein bisschen mürrisch, aber er sprach so höflich mit mir, und als die Katze, das arme Ding, auf seine Knie sprang, streichelte er sie nur mit einem Lächeln; und ich hab gedacht, das ist ein gutes Zeichen. Denn als sie das einmal beim Pfarrer gemacht hat, hat er das arme Ding voller Abscheu und Zorn heruntergeworfen. Aber man kann doch von einer Katze nicht erwarten, dass sie sich in christlichen Manieren auskennt, Miss Grey.«
»Nein, natürlich nicht, Nancy. Aber was hat Mr. Weston darauf gesagt?«
»Gar nichts. Aber er hat so ausdauernd und geduldig zugehört, wie’s nur ging, und war nie verächtlich; also hab ich weitergeredet und ihm alles erzählt, was ich Ihnen grad‘ erzählt hab – und noch viel mehr.
›Nun‹, hat er gesagt, ›Mr. Hatfield hat schon recht gehabt, als er Ihnen befohlen hat, weiter standhaft Ihre Pflicht zu tun; aber wenn er Ihnen den Rat gegeben hat, in die Kirche zum Gottesdienst zu gehen usw., dann hat er nicht gemeint, dass dies die einzige Christenpflicht ist: Er dachte nur, Sie würden dort erfahren, was Sie noch tun können, und vielleicht Freude an den Andachtsübungen empfinden, statt sie als Last und Bürde anzusehen. Und wenn Sie ihn gebeten hätten, die Worte, die Sie so beunruhigen, zu erklären, ich glaube, er hätte Ihnen gesagt, dass, wenn viele versuchen, durch die enge Pforte in den Himmel zu gelangen, und es nicht vermögen, es ihre eigenen Sünden sind, die sie daran hindern; gerade so, als wenn ein Mann mit einem großen Sack auf dem Rücken durch eine schmale Gasse gehen will und dies erst kann, wenn er diesen Sack zurücklässt. Aber Sie, Nancy, wage ich zu behaupten, tragen doch nicht an Sünden, die Sie nicht freudigst abwerfen würden, wenn Sie nur wüssten, wie?‹
›Ach ja, Sir, das ist wahr‹, sagte ich.
›Nun‹, sagte er, ›Sie kennen das erste und wichtigste Gebot und das zweite, ebenso wichtige und wissen, dass von ihnen das ganze Gesetz und die Propheten abhängen? Sie sagen, dass Sie Gott nicht lieben können; aber ich habe den Eindruck, dass Sie gar nicht umhinkönnen, dies zu tun, wenn Sie genau überlegen, wer und was Er ist. Er ist Ihr Vater, Ihr bester Freund: Aller Segen, alles Gute, Angenehme oder Nützliche kommt von Ihm; und alles Böse, alles, was Sie zu Recht hassen, fliehen oder fürchten, kommt von Satan – der genauso Sein Feind ist wie der unsrige. Und darum ist Gott Fleisch geworden, um die Werke des Teufels zu zerstören; mit einem Wort: Gott ist die Liebe, und je mehr Liebe wir in uns haben, desto näher sind wir Ihm, desto mehr besitzen wir von Seinem Geist.‹
›Ja, Sir‹, hab ich gesagt, ›wenn ich immer daran denke, könnt ich Gott bestimmt lieben: Aber wie kann ich meine Nachbarn lieben, wenn sie mich ärgern und wo viele von ihnen so aufsässig und sündig sind?‹
›Es mag uns schwer vorkommen‹, sagte er, ›unsere Nachbarn zu lieben, die so viel Schlechtes an sich haben und deren Fehler oft das Böse wecken, das in uns ruht. Aber bedenken Sie, dass Er Sie geschaffen hat und dass Er Sie liebt, und wer den Schöpfer liebt, liebt auch seine Geschöpfe. Und wenn Gott uns so liebt, dass Er seinen einzigen Sohn für uns sterben ließ, sollten auch wir uns untereinander lieben. Aber wenn Sie keine wirkliche Zuneigung für diejenigen empfinden, die sich nicht um Sie kümmern, so sollten Sie zumindest versuchen, sie so zu behandeln, wie Sie selbst gern behandelt würden: sich bemühen, ihre Schwächen zu bedauern und ihre Kränkungen zu verzeihen und allen um Sie herum nur Gutes zu tun. Und wenn Sie sich daran gewöhnen, Nancy, wird allein diese Mühe schon etwas Liebe zu ihnen bewirken, ganz zu schweigen von dem guten Willen, den Ihre Freundlichkeit in ihnen weckt, auch wenn sie sonst wenig gute Eigenschaften haben. Wenn wir Gott lieben und Ihm dienen wollen, müssen wir versuchen, so zu sein wie Er, in Seinem Sinne zu arbeiten, für Seinen Ruhm zu streiten, das heißt für das Wohl der Menschheit – Sein Reich bald zu verwirklichen, das heißt, Frieden und Glück für alle Menschen auf Erden zu schaffen: Wie machtlos wir auch scheinen, wenn wir unser Leben lang nur Gutes tun, kann auch der Bescheidenste von uns viel zu diesen Zielen beitragen; und wir wollen in Liebe leben, auf dass Er in uns und wir in Ihm leben. Je mehr Glück wir schenken, desto mehr erhalten wir zurück, und umso größer wird unser Lohn im Himmel sein, wenn wir von unserer Mühsal ausruhen.‹ Ich glaube, Miss, genau das waren seine Worte, denn ich hab manches Mal über sie nachgedacht. Und dann hat er die Bibel genommen und hier und da eine Stelle draus vorgelesen und mir alles ganz genau erklärt: Und das war, als wär ein Lichtstrahl in meine Seele gefallen, und mein Herz glühte richtig, und ich hätte nur gewünscht, der arme Bill und alle Leute wären da gewesen und hätten alles gehört und sich mit mir gefreut.
Nachdem er fort war, kam Hannah Rogers, eine meiner Nachbarinnen, und bat mich, ihr bei der Wäsche zu helfen. Ich hab gesagt, jetzt könnt ich noch nicht, ich hätte noch nicht die Kartoffeln fürs Mittagessen aufgesetzt und das Frühstücksgeschirr noch nicht abgewaschen. Und da fing sie an, mich wegen meiner schlimmen Faulheit auszuschimpfen. Zuerst hab ich mich ein bisschen geärgert, aber ich hab nichts Unrechtes zu ihr gesagt; ich hab ihr bloß ganz ruhig gesagt, dass der neue Pfarrer mich besucht hätte, dass ich mich mit meinem Kram beeilen und ihr dann helfen würde. Da hat sie sich beruhigt, und ich fand sie gar nicht mehr so schlimm, und wir war’n im Handumdrehn gut Freund. Und so ist es, Miss Grey: ›Eine linde Antwort stillt den Zorn; aber ein hartes Wort richtet Grimm an.‹ Es liegt nicht nur an den Menschen, mit denen man spricht, sondern auch an uns.«
»Sehr richtig, Nancy, wenn wir nur immer daran denken könnten.«
»Ja, wenn wir das könnten!«
»Und hat Mr. Weston Sie danach noch einmal besucht?«
»Ja, oft. Und seitdem’s mit meinen Augen so schlecht ist, hat er manchmal eine halbe Stunde bei mir gesessen und mir vorgelesen: Aber Sie wissen ja, Miss, er muss noch andre Leute besuchen und andre Dinge erledigen – Gott segne ihn! Und am Sonntag drauf hat er so schön gepredigt! Sein Text war: ›Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken‹ und die zwei schönen Verse danach. Sie waren nicht da, Miss, Sie waren ja bei Ihrer Familie – aber es hat mich so glücklich gemacht. Und ich bin jetzt auch glücklich, Gott sei Dank! Ich hab meine Freude dran, den Nachbarn mit Kleinigkeiten zu helfen – wie eine alte, halbblinde Person halt helfen kann; und sie nehmen es gern an, ganz wie er gesagt hat. Sehen Sie hier, Miss, jetzt strick ich zum Beispiel ein Paar Socken; sie sind für Thomas Jackson; er ist ein komischer alter Kauz, und wir haben ’ne Menge Zank miteinander gehabt und waren oft sehr uneins. Also hab ich gedacht, könnt ich nichts Besseres tun, als ihm ein Paar warme Strümpfe zu stricken, und seitdem ich damit angefangen hab, mag ich ihn schon viel lieber, den guten Alten. Genau, wie Mr. Weston gesagt hat.«
»Nun, ich freue mich, dass Sie so glücklich und auch so klug sind, Nancy, aber ich muss jetzt gehen; ich werde auf dem Gut erwartet«, sagte ich und verabschiedete mich, nicht ohne versprochen zu haben wiederzukommen, wenn ich Zeit hätte. Ich fühlte mich fast so glücklich wie sie.
Ein andermal ging ich, um einem armen Arbeiter vorzulesen, der sich im letzten Stadium der Schwindsucht befand. Die jungen Damen hatten ihn besucht und sich irgendwie das Versprechen abringen lassen, ihm vorzulesen; aber dann war es ihnen doch zu anstrengend, und sie baten mich, an ihrer Stelle hinzugehen. Ich ging nur zu gern; und auch hier wurden zu meiner Freude wahre Loblieder auf Mr. Weston gesungen, von beiden, dem kranken Mann und seiner Frau. Der Mann erzählte mir, wie sehr ihm die Besuche des neuen Pfarrers Trost brächten und wie gut sie ihm täten. Er sah häufig nach ihm und war anscheinend eine andere Sorte Mensch als Mr. Hatfield, der ihn vor der Ankunft des anderen Pfarrers ab und zu besucht hatte. Der hatte stets darauf bestanden, dass die Haustür offenblieb, weil er für sein Wohlbefinden frische Luft brauchte, und hatte keine Rücksicht darauf genommen, dass dies dem Patienten abträglich sein könnte; dann hatte er sein Gebetbuch aufgeschlagen, hastig ein Stück aus der Krankenmesse gelesen und war schnell davongeeilt, falls er nicht noch blieb, um der bedrückten Frau einen barschen Tadel zu erteilen oder eine gedankenlose, wenn nicht gar verletzende Bemerkung zu machen, die eher dazu angetan war, den Kummer des leidgeprüften Paares zu vergrößern als zu verringern.
»Während Mr. Weston«, sagte der Mann, »ganz anders mit mir betet und zu mir spricht, wie sich’s gehört, und mir oft vorliest und wie ein Bruder an meinem Bett sitzt.«
»Ja, weiß Gott!«, rief seine Frau; »und vor drei Wochen, als er geseh’n hat, dass der arme Jem vor Kälte gezittert hat und was für’n armseliges Feuer wir hatten, da hat er gefragt, ob unser Kohlenvorrat all’ wär. Ich hab ja gesagt und dass wir kein Geld hätten, um neue zu kaufen; aber wissen Sie was, Madam, ich hab nicht dran gedacht, dass er uns helfen wollte; aber am nächsten Tag hat er uns einen Sack Kohlen geschickt, und seitdem haben wir’s immer schön warm, und das kann man diesen Winter auch gut gebrauchen. Aber so isser, Miss Grey: Wenn er zu armen Leuten geht und Kranke besucht, dann sieht er gleich, was ihnen am meisten fehlt; und wenn er denkt, die können das selbst nicht leicht besorgen, dann sagt er kein Wort und besorgt’s für sie. Und das würd’ so schnell keiner tun, der so wenig hat wie er: Denn wissen Sie was, Madam, er hat nichts zum Leben als das, was der Gemeindepfarrer ihm gibt; und das ist wenig genug, sagen die Leute.«
Mit einer Art Triumph erinnerte ich mich daran, dass er vor kurzem noch von der liebenswürdigen Miss Murray als ordinärer Mensch bezeichnet worden war, weil er nur eine silberne Uhr und Kleider trug, die nicht ganz so elegant und neu waren wie die von Mr. Hatfield.
Als sich nach Horton Lodge zurückkehrte, fühlte ich mich sehr glücklich und dankte Gott, dass ich nun etwas zum Nachdenken hatte, etwas zum Verweilen, um mich von der ermüdenden Eintönigkeit, der einsamen Mühsal meines gegenwärtigen Lebens zu erholen: denn ich war einsam. Monat für Monat, Jahr für Jahr, außer während der kurzen Ruhepausen zu Hause, war ich niemals mit jemandem zusammen, dem ich mein Herz ausschütten und in der Hoffnung auf Sympathie oder gar Verständnis freimütig meine Gedanken mitteilen konnte: niemals außer mit der armen Nancy Brown; nur bei ihr fand ich ab und zu für einen Augenblick das Glück eines wirklich ungezwungenen menschlichen Umgangs; ihre Unterhaltung war dazu angetan, mich besser, klüger und glücklicher zu machen, und auch sie hatte, nach allem, was ich sah, einen Nutzen von den Gesprächen mit mir. Meine einzige Gesellschaft hatte aus unfreundlichen Kindern und dummen, dickköpfigen Mädchen bestanden, im Vergleich zu deren unausgesetzter Torheit ich den Zustand ungestörter Einsamkeit oft als ernstlich herbeisehnte, hoch geschätzte Erleichterung empfand. Auf derartige Gesellschaft beschränkt zu sein, war für mich schon jetzt, vor allem aber im Hinblick auf die Zukunft, sehr schädlich. Nie wurde eine neue Idee, ein aufrüttelnder Gedanke von außen an mich herangetragen; stieg aber ein Gedanke in mir auf, wurde er meistens gleich im Keim erstickt oder musste unausweichlich kränkeln oder verblassen, weil niemand seinen Sinn verstand.
Ständige Gefährten üben bekanntlich großen Einfluss aufeinander aus. Die Menschen, deren Handlungen wir täglich vor Augen haben, deren Worte uns unaufhörlich zu Ohren dringen, bringen uns auch gegen unseren Willen naturgemäß dazu, mit der Zeit allmählich, vielleicht unmerklich, so zu handeln und zu sprechen wie sie selbst. Ich maße mir nicht an zu sagen, wie weit diese unaufhaltsame Macht der Anpassung geht; aber wenn ein zivilisierter Mensch dazu verurteilt würde, ein Dutzend Jahre inmitten von ungezähmten Wilden zu verbringen, und nicht die Kraft hätte, sie zu bessern, dann frage ich mich, ob er nach Ablauf dieser Zeit nicht selbst ein Barbar geworden wäre. Und da ich nicht in der Lage war, meine jungen Gefährtinnen zu bessern, fürchtete ich, ihretwegen schlechter zu werden und all meine Gefühle, Gewohnheiten und Fähigkeiten allmählich auf ihr Niveau absinken zu sehen, ohne dass etwas von ihrer Sorglosigkeit und fröhlichen Munterkeit auf mich überginge.
Schon vermeinte ich zu spüren, wie mein Verstand nachließ, mein Herz versteinerte und meine Seele verkümmerte; und mir war bang, dass unter dem verderblichen Einfluss einer derartigen Lebensweise meine moralischen Vorstellungen schließlich geschwächt, der Unterschied zwischen richtig und falsch verwischt und all meine guten Eigenschaften zunichtegemacht würden. Die dichten, irdischen Nebelschwaden umhüllten mich und brachen über mein Inneres herein; und so kam es schließlich, dass ich an Mr. Weston denken musste, der wie der Morgenstern am Horizont aufgegangen war, um mich von meiner Furcht vor der absoluten Finsternis zu erlösen; und ich freute mich, jemanden, der mir über- und nicht unterlegen war, zum Gegenstand meiner Betrachtungen machen zu können. Ich war froh, dass die Welt nicht nur aus Bloomfields, Murrays, Hatfields und Ashbys bestand und menschliche Güte nicht nur in der Phantasie existierte. Wenn man auch nur ein wenig Gutes und nichts Nachteiliges über jemanden hört, ist es einfach und schön, sich mehr vorzustellen: Kurz, es ist sinnlos, all meine Gedanken zu erforschen. Aber der Sonntag war nun ein Tag, den ich ganz besonders genoss – auch wenn ich jetzt fast immer in die Ecke der Kutsche gedrängt wurde –, denn ich wollte ihn hören – und sehen, obwohl ich wusste, dass er nicht hübsch war oder auch nur das, was man gemeinhin als ansprechend bezeichnet: Aber er war auf keinen Fall hässlich.
Er war etwas mehr als mittelgroß; die Konturen seines Gesichts waren zu scharfkantig, um es als schön zu bezeichnen, für mich aber sprachen sie von Entschlusskraft; sein dunkelbraunes Haar war nicht so sorgfältig gelockt wie das von Mr. Hatfield, sondern über der breiten, weißen Stirn schlicht zur Seite gebürstet; seine Augenbrauen waren wohl etwas zu buschig, aber die Augen unter diesen Brauen besaßen eine eigentümliche Kraft; sie waren braun, nicht groß, etwas tiefliegend, aber von auffallendem Glanz und voller Ausdruck; auch sein Mund hatte Charakter und ließ Zielstrebigkeit und den geübten Denker erkennen; und wenn er lächelte – aber davon will ich noch nicht sprechen, denn zu dem Zeitpunkt, von dem ich berichte, hatte ich ihn noch nie lächeln sehen; auch erweckte seine äußere Erscheinung in mir nicht den Eindruck, als würde er sich diese Entspannung gönnen, noch konnte ich ihn mir so vorstellen, wie ihn die Häusler beschrieben. Ich hatte mir schon früh eine Meinung über ihn gebildet und war trotz der Einschätzung Miss Murrays fest davon überzeugt, dass er ein Mann mit scharfem Verstand, festem Glauben und tiefer Frömmigkeit war, aber auch nachdenklich und unbeugsam; und die Entdeckung, dass zu all seinen guten Eigenschaften auch noch wahre Nächstenliebe und ein gütiges, rücksichtsvolles Verhalten kamen, freute mich umso mehr, da ich gar nicht darauf gefasst gewesen war.
Kapitel 12
Der Regenschauer
Den nächsten Besuch stattete ich Nancy Brown erst in der zweiten Märzwoche ab. Denn obwohl ich im Verlauf eines Tages viele freie Minuten hatte, stand mir doch selten eine ganze Stunde zur Verfügung, weil alles den Launen von Miss Matilda und ihrer Schwester überlassen blieb und es folglich keine Ordnung oder geregelte Zeiten gab. Womit ich mich auch immer beschäftigte, wenn ich nicht direkt mit ihnen oder ihren Belangen befasst war, stets musste ich parat sein, die Schuhe an den Füßen, den Stab in der Hand: Denn nicht sofort zu erscheinen, wenn man gerufen wurde, wurde als ernste, unverzeihliche Beleidigung angesehen; nicht nur von meinen Schülerinnen und ihrer Mutter, sondern auch von dem Mädchen, das atemlos heraufgestürzt kam und mir zurief: »Sie sollen sofort ins Schulzimmer kommen, Madam, die jungen Damen warten schon!!« Der Gipfel der Empörung! Sie mussten doch tatsächlich auf ihre Gouvernante warten!!!
Doch diesmal war ich ganz sicher, ein oder zwei Stunden für mich zu haben, denn Matilda rüstete zu einem längeren Ausritt, und Rosalie machte sich für eine Abendgesellschaft bei Lady Ashby zurecht. Also ergriff ich die Gelegenheit, um mich zum Haus der Witwe zu begeben, die ich in großer Sorge um ihre Katze antraf, die den ganzen Tag weggeblieben war. Ich tröstete sie, indem ich sie an den Hang des Tieres zum Umherstreifen erinnerte und ihr so viele dazu passende Geschichten erzählte, wie mir einfielen. »Ich hab Angst vor den Wildhütern«, sagte sie, »das ist das Einzige, woran ich denke. Wenn die jungen Herren noch zu Haus’ wären, hätt ich gedacht, sie hätten die Hunde auf sie gehetzt und sie totbeißen lassen, das arme Ding, wie sie’s mit den Katzen von andern armen Leuten auch gemacht haben, aber das brauch ich ja jetzt nicht zu fürchten.« Nancys Augen waren etwas besser, aber noch lange nicht geheilt. Sie hatte versucht, für ihren Sohn ein Sonntagshemd anzufertigen, sagte mir aber, dass sie nur ab und zu ein bisschen daran arbeiten könne, so dass es nur langsam damit vorwärtsging, obwohl der arme Junge es so dringend brauchte. Also bot ich an, ihr ein wenig zu helfen, nachdem ich ihr vorgelesen hätte, denn an diesem Abend hätte ich genügend Zeit und müsste erst bei Einbruch der Dunkelheit zurück sein.
»Und dann hab ich auch ein bisschen Gesellschaft, Miss«, sagte sie, »ohne meine Katze fühl ich mich ganz allein.« Als ich jedoch mit dem Lesen fertig war und gerade einen halben Saum genäht hatte – Nancys weiten Blechfingerhut hatten wir mit Hilfe eines Papierstreifens meinem Finger angepasst –, wurde ich durch den Eintritt Mr. Westons aufgeschreckt, der die erwähnte Katze auf dem Arm hatte. Nun sah ich, dass er lächeln konnte, und zwar sehr liebenswürdig.
»Ich hab Ihnen einen guten Dienst erwiesen, Nancy«, begann er und machte, als er meine Gegenwart bemerkte, eine leichte Verbeugung in meine Richtung. Für Mr. Hatfield oder jeden anderen Gentleman der Umgebung wäre ich unsichtbar gewesen. »Ich habe Ihre Katze aus den Händen oder besser vor dem Gewehr von Mr. Murrays Wildhüter gerettet.«
»Gott segne Sie, Sir!«, rief die dankbare alte Frau, und Freudentränen standen in ihren Augen, als sie ihren Liebling aus seinen Händen entgegennahm.
»Passen Sie gut auf sie auf«, sagte er, »und lassen Sie sie nicht in die Nähe der Kaninchenställe kommen; der Wildhüter hat geschworen, sie zu erschießen, wenn er sie noch einmal dort erwischt: Er hätte es heute schon getan, wenn ich nicht rechtzeitig da gewesen wäre, um ihn daran zu hindern. – Ich glaube, es regnet, Miss Grey«, fügte er ruhiger hinzu, als er sah, dass ich meine Arbeit beiseitegelegt hatte und Anstalten machte zu gehen. »Lassen Sie sich durch mich nicht stören, ich bleibe keine zwei Minuten.«
»Sie bleiben beide hier, bis der Schauer vorbei ist«, sagte Nancy, während sie das Feuer schürte und einen zusätzlichen Stuhl herbeirückte, »hier ist Platz für alle.«
»Danke, Nancy, aber ich kann hier besser sehen«, antwortete ich und trug meine Arbeit ans Fenster, wo sie mich zum Glück ungestört ließ, während sie eine Bürste holte, um die Katzenhaare von Mr. Westons Mantel zu entfernen, sorgfältig die Regentropfen von seinem Hut abwischte und der Katze ihr Fressen verabreichte, wobei sie unaufhörlich redete: Bald dankte sie ihrem geistlichen Freund für das, was er getan hatte, bald rätselte sie darüber, wie die Katze die Kaninchenställe gefunden hatte, bald jammerte sie über die vermutlichen Folgen einer solchen Entdeckung. Er hörte mit einem ruhigen, gutmütigen Lächeln zu und nahm schließlich auf ihre dringende Aufforderung hin Platz, wiederholte jedoch, dass er nicht bleiben könne.
»Ich muss noch woandershin«, sagte er, »und ich sehe – er warf einen Blick auf das aufgeschlagene Buch –, dass bereits jemand anderes Ihnen vorgelesen hat.«
»Ja, Sir. Miss Grey war so freundlich, mir ein Kapitel vorzulesen, und jetzt hilft sie mir bei einem Hemd für unseren Bill – aber ich hab Angst, ihr wird zu kalt am Fenster. Wollen Sie nicht ans Feuer kommen, Miss?«
»Nein danke, Nancy. Mir ist ganz warm. Ich muss gehen, sowie der Regen aufgehört hat.«
»Aber, Miss! Sie haben doch gesagt, dass Sie bleiben können, bis es dunkel wird!«, rief die alte Frau zu meinem Ärger, und Mr. Weston griff nach seinem Hut.
»Ach, Sir« ereiferte sie sich, »bitte geh’n Sie nicht jetzt, wo es so schüttet.«
»Aber ich habe den Eindruck, dass ich Ihre Besucherin vom Feuer fernhalte.«
»Ganz bestimmt nicht«, rief Nancy. »Hier ist doch so viel Platz!«
»Miss Grey«, sagte er halb im Scherz, als ob er es für nötig hielt, das Thema zu wechseln, auch wenn er nichts Bestimmtes zu sagen hatte, »ich wünschte, Sie würden an meiner Stelle mit dem Junker Frieden schließen, wenn Sie ihn treffen. Er war dabei, als ich Nancys Katze gerettet habe, und nicht ganz einverstanden damit. Ich sagte ihm, er könne doch sicher besser ohne all seine Kaninchen auskommen als sie ohne ihre Katze, und er bedachte mich wegen dieses kühnen Einwands mit ziemlich unfeinen Worten, die ich ihm wohl etwas zu heftig zurückgegeben habe, wie ich fürchte.«
»Du lieber Himmel, Sir! Hoffentlich haben Sie sich nicht wegen meiner Katze mit dem Herrn angelegt! Er kann’s nicht ausstehn, wenn man ihm Widerworte gibt.«
»Halb so schlimm, Nancy, ich mache mir keine Sorgen; ich habe nichts besonders Unhöfliches zu ihm gesagt, und Mr. Murray ist ja anscheinend eine kräftige Sprache gewöhnt, wenn er zornig ist.«
»Ja, Sir, leider!«
»Und jetzt muss ich wirklich gehen. Ich muss noch zu einem Haus, das eine Meile von hier entfernt liegt, und Sie wollen doch nicht, dass ich erst im Dunkeln nach Hause komme. Übrigens hat es fast aufgehört zu regnen – also guten Abend, Nancy. Guten Abend, Miss Grey.«
»Guten Abend, Mr. Weston. Verlassen Sie sich nicht auf mich, wenn Sie Ihren Frieden mit Mr. Murray wiederherstellen wollen, denn ich spreche nie mit ihm.«
»Ach nein? Da kann man nichts machen«, antwortete er im Tone schmerzlicher Resignation, um dann mit einem eigentümlichen, feinen Lächeln hinzuzufügen: »Stören Sie sich nicht daran, ich glaube, der Junker hat mehr Grund, sich zu entschuldigen als ich.« Und er verließ das Haus.
Ich fuhr mit meiner Näharbeit fort, bis ich nichts mehr sehen konnte, und verabschiedete mich dann von Nancy, wobei ich ihren lebhaften Dankesbezeugungen Einhalt gebot mit der Versicherung, ich hätte lediglich das für sie getan, was sie im umgekehrten Fall auch für mich getan hätte. Ich eilte zurück nach Horton Lodge, wo ich im Schulzimmer den Teetisch in großer Unordnung, das Tablett voller Teepfützen und Miss Matilda in höchst übler Laune vorfand.
»Miss Grey, was haben Sie denn gemacht? Ich habe mir vor einer halben Stunde den Tee bringen lassen, musste ihn selbst zubereiten und auch noch ganz alleine trinken! Kommen Sie nächstens ein bisschen eher!«
»Ich habe Nancy Brown besucht. Ich dachte, Sie wären noch nicht von Ihrem Ausritt zurück.«
»Ich möchte wissen, wie ich bei dem Regen reiten soll. Dieser verdammte Wolkenbruch war schon lästig genug – gerade als ich in vollem Galopp war –, und dann kommt man nach Hause, und keiner ist da zum Tee, und Sie wissen ja, dass ich den Tee nicht so machen kann, wie ich ihn gern trinke.«
»Ich habe nicht an den Regen gedacht«, antwortete ich; und in der Tat war mir der Gedanke gar nicht gekommen, dass sie deswegen hatte nach Hause zurückkehren müssen.
»Natürlich nicht. Sie waren ja im Trockenen und haben überhaupt nicht an andere Leute gedacht.«
Ich ertrug ihre plumpen Vorwürfe mit erstaunlichem Gleichmut, ja, fast mit Heiterkeit, denn ich war mir bewusst, dass ich für Nancy Brown mehr Gutes getan als Miss Matilda Schaden zugefügt hatte: Und vielleicht trugen auch noch ein paar andere Gedanken dazu bei, dass meine gute Laune anhielt, ich an dem kalten, schalen Tee und dem unansehnlichen Tisch Geschmack fand und, fast hätte ich gesagt, dem unfreundlichen Gesicht Miss Matildas einen gewissen Reiz abgewann. Aber sie trollte sich bald zu den Stallungen und überließ mich der stillen Freude an meinem einsamen Mahl.
Kapitel 13
Die Schlüsselblumen
Miss Murray ging jetzt immer zweimal zur Kirche, denn sie liebte Bewunderung sehr und wollte sich keine Gelegenheit entgehen lassen, sie zu genießen; und sie war sich dieser Bewunderung sicher, wo immer sie sich zeigte. Denn waren Harry Meltham und Mr. Green nicht da, dann war bestimmt ein anderer anwesend, der nicht unempfänglich für ihre Reize war, ganz abgesehen vom Gemeindepfarrer, dessen berufliche Stellung ihn ohnehin zwang zu erscheinen. Normalerweise, wenn das Wetter es erlaubte, gingen sie und ihre Schwester zu Fuß nach Hause: Matilda, weil sie die Enge der Kutsche hasste, Rosalie, weil sie die Abgeschlossenheit nicht mochte und die Gesellschaft genoss, die im Allgemeinen die erste Meile des Weges von der Kirche bis zu Mr. Greens Parktoren gemeinsam zurücklegte; dort ungefähr nahm der Privatweg nach Horton Lodge seinen Ausgang, das in entgegengesetzter Richtung lag, während die Landstraße kerzengerade zu dem noch weiter entfernt liegenden Wohnsitz von Sir Hugh Meltham führte. So bestand immer die Möglichkeit, bis dahin begleitet zu werden, entweder von Harry Meltham mit oder ohne Miss Meltham oder von Mr. Green mit einer oder beiden Schwestern und vielleicht einem männlichen Gast, der gerade zu Besuch weilte.
Ob ich mit den jungen Damen zu Fuß ging oder mit ihren Eltern fuhr, hing allein von ihren Launen ab: Wenn sie entschieden, mich mitzunehmen, ging ich zu Fuß; wenn sie aus Gründen, die sie wohl selbst am besten kannten, beschlossen, allein zu gehen, nahm ich meinen Platz in der Kutsche ein. An und für sich ging ich lieber, aber eine Art Widerwillen, jemandem meine Gegenwart aufzudrängen, der sie nicht wünschte, ließ mich bei diesen und ähnlichen Anlässen schweigen, und nie fragte ich nach den Ursachen ihrer wechselnden Launen. Und dies war wohl auch die beste Taktik, denn Sache der Gouvernante war es, sich zu fügen und gefällig zu sein, während sich die Schülerinnen nur nach ihren eigenen Wünschen zu richten brauchten. Aber wenn ich zu Fuß ging, war die erste Hälfte des Weges gewöhnlich eine Qual für mich. Da keiner der obenerwähnten Damen und Herren jemals von mir Notiz nahm, war es sehr unangenehm, neben ihnen herzugehen, so als ob ich hören wollte, was sie sprachen, oder wünschte, für eine der Ihren gehalten zu werden, während sie über mich hinweg- oder an mir vorbeisprachen; und wenn ihr Blick beim Sprechen zufällig auf mich fiel, war es, als schauten sie ins Leere, als sähen sie mich nicht oder wollten um jeden Preis diesen Anschein erwecken.
Genauso unangenehm war es, hinter ihnen herzugehen und damit meine Unterlegenheit scheinbar zu bestätigen; denn in Wahrheit hielt ich mich den Besten von ihnen fast für ebenbürtig und wollte auch, dass sie das wussten und sich nicht einbildeten, ich würde mich selbst lediglich als Angestellte betrachten, die sich über ihren Stellenwert zu gut im Klaren war, um sich anzumaßen, mit solch feinen Damen und Herren, wie sie es waren, in einer Reihe zu gehen – auch wenn ihre jungen Herrschaften sie manchmal bei sich haben wollten und sich sogar zu einem Gespräch mit ihr herabließen, wenn sonst niemand zur Verfügung stand. Wenn ich mit ihnen Schritt hielt, gab ich mir – wie ich beschämt gestehen muss – daher die größte Mühe, den Anschein zu erwecken, ihre Gegenwart überhaupt nicht zu bemerken, so als wäre ich tief in Gedanken oder in die Betrachtung irgendeines Gegenstands am Wege versunken. Wenn ich hinter ihnen zurückblieb, waren es vielleicht ein Vogel, ein Insekt, ein Baum oder eine Blume, die meine Aufmerksamkeit auf sich zogen, und nachdem ich alles genau untersucht hatte, setzte ich meinen Weg ohne Hast allein fort, bis meine Schülerinnen ihren Gefährten Lebewohl gesagt hatten und in den stillen Privatweg eingebogen waren.
Einer dieser Spaziergänge ist mir besonders gut im Gedächtnis. Es war ein lieblicher Nachmittag Ende März; Mr. Green und seine Schwestern hatten ihre Kutsche leer zurückgeschickt, um gemeinsam mit ihren Besuchern, Kapitän Dingsda und Leutnant Irgendwer, zwei Stutzern vom Militär, und den Murray-Mädchen, die sich natürlich nur zu gern anschlossen, auf einem gemütlichen Spaziergang den strahlenden Sonnenschein und die linde Luft zu genießen. Diese Gesellschaft war äußerst reizvoll für Rosalie; da sie nicht so sehr nach meinem Geschmack war, blieb ich von Anfang an zurück und begann, an den grünen Böschungen und knospenden Hecken nach Pflanzen und Insekten Ausschau zu halten, bis die Gruppe ein ganzes Stück voraus war und ich den süßen Gesang der fröhlichen Lerche hören konnte; in der milden, reinen Luft und dem warmen Sonnenschein schwand meine menschenfeindliche Stimmung bald dahin, aber stattdessen stellten sich traurige Erinnerungen an meine frühe Kindheit und die Sehnsucht nach vergangenen Freuden oder einer schöneren Zukunft ein. Während meine Blicke die steilen, mit jungem Gras und grünblättrigen Büschen bestandenen und von knospenden Hecken überwucherten Böschungen entlangglitten, wünschte ich mir sehnlichst, eine bekannte Blume zu finden, die mich an die bewaldeten Täler oder grünen Hänge meiner Heimat erinnern würde: In der braunen Heide war dies freilich aussichtslos. Bestimmt würde ich bei dem Anblick in Tränen ausbrechen; dennoch war es nun mein größtes Vergnügen. Schließlich erspähte ich hoch oben zwischen den verschlungenen Wurzeln einer Eiche drei leuchtend gelbe Schlüsselblumen, die so lieblich aus ihrem Versteck hervorlugten, dass ich schon bei ihrem Anblick feuchte Augen bekam; aber sie wuchsen so hoch oben, dass ich vergeblich versuchte, eine oder zwei zu pflücken, um sie mitzunehmen und meinen Träumen nachzuhängen: Ich hätte schon die Böschung hinaufklettern müssen, um sie zu erreichen. In diesem Moment jedoch hörte ich Schritte hinter mir und wollte weitergehen, als ich durch die im ernsten, leisen Tonfall einer wohlbekannten Stimme gesprochenen Worte aufgeschreckt wurde: »Erlauben Sie mir, sie für Sie zu pflücken.« Schnell waren die Blumen gepflückt und in meiner Hand. Natürlich war es Mr. Weston – wer sonst würde sich meinetwegen so viel Mühe machen?
Ich dankte ihm, ob herzlich oder kühl, weiß ich nicht mehr, aber sicher habe ich nicht einmal zur Hälfte zum Ausdruck gebracht, was ich fühlte. Vielleicht war ich töricht, überhaupt Dankbarkeit zu empfinden, aber mir erschien seine Tat in diesem Augenblick als bemerkenswerter Beweis für seinen guten Charakter, als Freundlichkeit, die ich ihm nicht vergelten konnte, aber nie vergessen würde: so wenig war ich an derartige Aufmerksamkeiten gewöhnt, so wenig darauf gefasst, sie von jemandem im Umkreis von fünfzig Meilen von Horton Lodge zu erfahren. Das änderte jedoch nichts an der Tatsache, dass ich mich in seiner Gegenwart leicht unbehaglich fühlte, und ich schlug einen weitaus schnelleren Schritt an als vorher, um meinen Schülerinnen zu folgen. Hätte Mr. Weston allerdings den Wink verstanden und mich ohne ein weiteres Wort ziehen lassen, hätte mir das spätestens nach einer Stunde leidgetan: Aber das tat er nicht. Was für mich beschleunigte Gangart war, bedeutete für ihn nur ganz normales Tempo.
»Ihre jungen Damen haben Sie allein gelassen«, sagte er.
»Ja, sie haben angenehmere Begleitung als mich.«
»Dann bemühen Sie sich doch nicht, sie einzuholen.«
Ich verlangsamte meinen Schritt, bedauerte es aber bereits im nächsten Augenblick. Mein Begleiter sprach nicht, und mir fiel absolut nichts ein, was ich hätte sagen können, und ich fürchtete, er wäre in der gleichen unangenehmen Lage. Schließlich jedoch brach er das Schweigen und fragte plötzlich seltsam hastig und ohne Zusammenhang, ob ich Blumen gern hätte.
»O ja, sehr«, sagte ich, »vor allem solche, die wild wachsen.«
»Ich liebe auch wilde Blumen«, sagte er, »aus anderen mache ich mir nichts, da mich mit ihnen keine besonderen Erinnerungen verbinden – höchstens eine oder zwei. Welches sind Ihre Lieblingsblumen?«
»Schlüsselblumen, Glockenblumen und Heidekraut.«
»Keine Veilchen?«
»Nein, weil ich, wie Sie sagen, keine besonderen Erinnerungen damit verbinde; auf den Hügeln und in den Tälern meiner Heimat gibt es keine lieblichen Veilchen.«
»Es muss ein großer Trost für Sie sein, ein Heim zu haben, Miss Grey«, bemerkte mein Begleiter nach einer kurzen Pause, »auch wenn es weit weg ist und Sie nicht oft dort zu Besuch sind, so haben Sie doch immer etwas, woran Sie denken können.«
»Es bedeutet mir so viel; ich könnte, glaube ich, nicht ohne dieses Zuhause leben«, antwortete ich mit einer Begeisterung, die ich sofort bereute, weil ich dachte, dass es furchtbar dumm geklungen haben musste.
»O doch, das könnten Sie«, sagte er und lächelte gedankenverloren. »Die Bande, die uns am Leben halten, sind dauerhafter, als Sie denken oder es sich jemand vorstellen kann, der noch nicht erlebt hat, wie stark man sie belasten kann, ohne dass sie zerreißen. Sie wären unglücklich ohne ein Zuhause, aber Sie könnten dennoch existieren und nicht so elend, wie Sie annehmen. Das menschliche Herz ist sehr dehnbar: Schon eine Kleinigkeit lässt es schwellen, aber es bedarf großer Anlässe, es zum Bersten zu bringen. Denn wenn auch ›schon ein wenig mehr als nichts das Herz beunruhigt, braucht’s doch kaum weniger als alles‹, es zu brechen. So wie unsere Gliedmaßen besitzt auch das Herz eine eigene lebendige Kraft, die es gegen Verletzungen von außen stark macht. Und jeder Stoß, der es erschüttert, dient dazu, es gegen kommende Schläge abzuhärten, wie ständige Arbeit die Haut der Hände unempfindlich macht und ihre Muskeln stählt, damit sie nicht in Untätigkeit verkümmern: so dass ein Tag harter Arbeit zwar die zarte Handfläche einer Frau verletzen, in der eines abgehärteten Landmanns jedoch keine Spuren hinterlassen würde.
Ich spreche aus Erfahrung, zum Teil meiner eigenen. Es gab eine Zeit, als ich so dachte wie Sie, wenigstens war ich davon überzeugt, dass nur ein Heim und Zuneigung das Leben erträglich machten und dass ohne diese das Dasein eine schwere Bürde wäre; aber nun besitze ich kein Zuhause, es sei denn, Sie wollten meine zwei gemieteten Zimmer in Horton mit dieser Bezeichnung ehren, und habe vor nicht ganz einem Jahr den letzten und liebsten Familienangehörigen verloren. Und dennoch lebe ich und fühle mich auch bei diesem Leben nicht von aller Hoffnung, allem Trost verlassen; obwohl ich zugeben muss, dass es mir jedes Mal schwerfällt, wenn ich abends eine bescheidene Hütte betrete und die Bewohner friedlich um ihren gemütlichen Herd versammelt sehe, nicht so etwas wie Neid auf ihr häusliches Vergnügen zu verspüren.«
»Sie wissen nicht, welches Glück noch vor Ihnen liegt«, sagte ich, »Sie stehen doch erst am Anfang Ihres Weges.«
»Das höchste Glück besitze ich schon«, gab er zur Antwort, »die Kraft und den Willen, mich nützlich zu machen.«
Wir kamen nun an einen Zauntritt, von dem aus ein Fußpfad zu einem Bauernhaus führte, wo Mr. Weston sich anscheinend »nützlich« zu machen gedachte; denn er verabschiedete sich abrupt, überquerte den Zauntritt und ging mit seinem gewohnt festen, elastischen Schritt den Pfad entlang und überließ es mir, über seine Worte nachzusinnen, während ich meinen Weg allein fortsetzte. Ich hatte bereits gehört, dass er nur wenige Monate, bevor er hierhergekommen war, seine Mutter verloren hatte. Sie also war die Letzte und Liebste seiner Familie; und er hatte kein Zuhause. Ich bedauerte ihn aus tiefstem Herzen: Ich weinte fast vor Mitgefühl. Und dies, dachte ich, erklärte auch den Schatten von Nachdenklichkeit, der schon jetzt seine jugendliche Stirn häufig umwölkte und ihm bei der lieben Miss Murray und ihresgleichen den Ruf eingebracht hatte, mürrisch und unfreundlich zu sein. »Aber«, dachte ich, »er ist nicht so schlimm dran, wie ich es bei einem derartigen Verlust wäre. Er führt ein tätiges Leben, und vor ihm liegt ein weites, sinnvolles Betätigungsfeld. Er kann Freundschaften schließen, und er kann, wenn es ihm gefällt, ein Heim gründen, und zweifellos wird es ihm eines Tages gefallen. Gebe Gott, dass die Frau, die dieses Heim mit ihm teilt, sich seiner als würdig erweist und ihm dieses Heim so schön macht, wie er es verdient! Und wie herrlich müsste es sein –« Aber genug von meinen Gedanken.
Ich habe dieses Buch in der Absicht begonnen, nichts zu verschweigen, damit alle, denen es darauf ankommt, einen Nutzen davon haben sollen, im Herzen eines gleichgesinnten Menschen zu lesen; doch es gibt immer einige Gedanken, die wir zwar gern den Engeln im Himmel enthüllen, aber niemals unseren Mitmenschen, selbst den besten und liebsten nicht.
Inzwischen hatten die Greens sich in ihr Haus begeben, und die Murrays waren in den Privatweg eingebogen, wohin ich ihnen eiligst nachlief. Ich fand die beiden Mädchen in einer lebhaften, erregten Diskussion über die jeweiligen Verdienste der beiden jungen Offiziere vor, aber als Rosalie mich erblickte, brach sie mitten im Satz ab und rief hämisch lachend:
»Oho, Miss Grey! Da sind Sie ja endlich! Kein Wunder, dass Sie so weit zurückgeblieben sind; und kein Wunder, dass Sie immer so nachdrücklich für Mr. Weston eintreten, wenn ich ihn schlechtmache. Jetzt ist mir alles klar!«
»Kommen Sie, Miss Murray, seien Sie nicht albern«, sagte ich und versuchte, gutmütig zu lächeln, »Sie wissen genau, dass ein derartiger Unsinn keinen Eindruck auf mich macht.«
Als sie aber nicht aufhören wollte mit ihrem unerträglichen Gerede und ihre Schwester sie noch mit eigens zu diesem Zweck erfundenen, entsprechenden Geschichten unterstützte, hielt ich es für nötig, etwas zu meiner Rechtfertigung zu sagen.
»Wie töricht ist das alles!«, rief ich. »Was ist Besonderes daran, wenn mein Weg und der Mr. Westons für ein paar Meter der Gleiche war und er im Vorbeigehen ein paar Worte mit mir gewechselt hat? Ich versichere Ihnen, ich habe bisher nur ein einziges Mal mit ihm gesprochen.«
»Wo, wo und wann?«, riefen sie ungeduldig.
»In Nancys Haus.«
»Ach, dort haben Sie ihn also getroffen«, rief Rosalie mit triumphierendem Lachen. »Also, jetzt weiß ich auch, Matilda, warum sie so gern zu Nancy Brown geht! Um mit Mr. Weston zu flirten.«
»Wirklich, es lohnt sich nicht, Ihnen zu widersprechen! Ich habe ihn nur einmal dort getroffen, und wie hätte ich wissen sollen, dass er kam?«
Obwohl ich über ihre närrische Fröhlichkeit und ihre unangebrachten Bezichtigungen verärgert war, hielt mein Verdruss nicht lange an. Nachdem sie sich gründlich ausgelacht hatten, kamen sie auf den Kapitän und den Leutnant zurück, und während sie über die beiden stritten und ihre Bemerkungen machten, kühlte mein Unmut rasch ab; ich vergaß seine Ursache und lenkte meine Gedanken in angenehmere Bahnen. So schritten wir durch den Park und betraten die Halle, und als ich die Treppe zu meinem Zimmer hinaufstieg, hatte ich nur einen einzigen Gedanken: Mein Herz war bis zum Überströmen von nur einem ernsthaften Wunsch erfüllt. Nachdem ich eingetreten war und die Tür hinter mir geschlossen hatte, fiel ich auf die Knie und sprach ein inbrünstiges, aber nicht ungestümes Gebet: Ich bemühte mich, »Dein Wille geschehe« ganz aufzusagen, aber »Vater, alle Dinge sind möglich bei Dir, und möge es Dein Wille sein« schloss sich wie selbstverständlich an. Wegen dieses Wunsches, dieses Gebets hätten mich sowohl Männer wie Frauen ausgelacht, aber ich sprach: »Aber Du, Vater, wirst mich nicht verachten!« und ich fühlte, dass dies der Wahrheit entsprach. Mir schien, als hätte ich das Wohl eines anderen Menschen genauso glühend erfleht wie mein eigenes, ja, als wäre dies sogar mein vorrangiger Herzenswunsch. Vielleicht machte ich mir etwas vor, aber dieser Gedanke gab mir das Vertrauen zu beten und die Kraft zu hoffen, dass meine Gebete erhört würden. Was die Himmelschlüssel betrifft, so stellte ich zwei von ihnen in einem Glas in mein Zimmer und behielt sie, bis sie völlig verwelkt waren und das Hausmädchen sie wegwarf; die Blüten der anderen Blume presste ich zwischen den Seiten meiner Bibel – ich habe sie noch immer und werde sie auch ewig aufbewahren.
Kapitel 14
Der Gemeindepfarrer
Der folgende Tag war genauso schön wie der vorherige. Miss Matilda hatte sich kurz nach dem Frühstück zu ihren Lieblingsplätzen, den Höfen, Ställen und Hundezwingern, aufgemacht, nachdem sie völlig sinnlos ein paar Lektionen heruntergehaspelt und hingehudelt und eine Stunde lang aus Rache auf dem Klavier herumgehämmert hatte, voller Wut auf mich und das arme Klavier, weil ihre Mama ihr keinen freien Tag genehmigt hatte; und Miss Murray hatte sich in Begleitung eines neumodischen Romans auf einen stillen Spaziergang nach draußen begeben und mich im Schulzimmer zurückgelassen, wo ich emsig an einem Aquarell arbeitete, das zu malen ich ihr versprochen hatte und das auf ihren Wunsch hin unbedingt noch heute fertig werden sollte.
Zu meinen Füßen lag ein kleiner, struppiger Terrier. Er gehörte Miss Matilda, aber sie mochte das Tier nicht und hatte vor, es zu verkaufen, weil es angeblich verzogen war. Dabei war er ein äußerst gelungenes Exemplar seiner Gattung, aber sie behauptete, dass er zu nichts tauge und noch nicht einmal klug genug sei, die eigene Herrin zu kennen.
In Wirklichkeit hatte sie ihn als kleinen Welpen gekauft und anfangs darauf bestanden, dass niemand außer ihr in seine Nähe kam; aber bald schon war ihr das hilflose, störende Hundekind lästig geworden, und sie hatte nur zu gern meinen Bitten nachgegeben, es meiner Obhut zu überlassen, und da ich das kleine Geschöpf vom Welpenalter bis zu dem Zeitpunkt, als es ausgewachsen war, fürsorglich aufgezogen hatte, hatte ich auch seine Zuneigung gewonnen: ein Lohn, den ich sehr geschätzt und der all meine Mühe reichlich aufgewogen hätte, wenn die dankbaren Gefühle des armen Schnapp ihm nicht gar manches barsche Wort, gar manche gehässigen Tritte und Püffe von Seiten seiner Besitzerin eingetragen hätten und er nun deswegen nicht in Gefahr gewesen wäre, beseitigt oder an einen groben, hartherzigen Herrn weitergegeben zu werden. Aber wie konnte ich es verhindern? Ich konnte den Hund nicht durch eine grausame Behandlung dazu bringen, mich zu hassen, und sie wollte ihn nicht durch Freundlichkeit versöhnen.
Als ich jedoch so bei meiner Arbeit saß und den Pinsel eifrig auf- und abführte, kam Mrs. Murray in den Raum gestürmt.
»Miss Grey«, begann sie, »du liebe Güte! Wie können Sie nur an einem so schönen Tag an Ihrer Malerei sitzen?« (Sie dachte natürlich, ich würde das zu meinem eigenen Vergnügen tun.) »Ich frage mich wirklich, warum Sie nicht Ihre Haube aufsetzen und mit den jungen Damen ins Freie gehen.«
»Ich glaube, Miss Murray liest, Madam, und Miss Matilda spielt mit den Hunden.«
»Ich denke, wenn Sie sich ein wenig mehr bemühten, Miss Matilda zu unterhalten, hätte sie keinen Anlass, sich so häufig mit Hunden, Pferden und Stallknechten die Zeit zu vertreiben, und wenn Sie Miss Murray gegenüber etwas freundlicher und umgänglicher wären, würde sie nicht so oft mit einem Buch in der Hand durch die Felder wandern. Aber ich will Sie nicht verstimmen«, fügte sie hinzu, vermutlich weil sie sah, dass meine Wangen brannten und meine Hand vor zorniger Erregung zitterte. »Nun seien Sie doch nicht so empfindlich, man kann ja sonst überhaupt nicht mit Ihnen reden. Und sagen Sie mir, falls Sie es wissen, wohin Rosalie gegangen ist und warum sie so oft allein sein will.«
»Sie sagt, dass sie gern allein ist, wenn sie ein neues Buch hat.«
»Aber warum kann sie es nicht im Park oder im Garten lesen? Warum braucht sie dazu Felder und Feldwege? Und wie kommt es, dass dieser Mr. Hatfield sie so oft dabei ausfindig macht? Sie hat mir erzählt, er wäre letzte Woche die ganze Moss Lane im Schritt neben ihr hergeritten, und jetzt glaube ich auch, dass er es war, den ich vom Fenster meines Ankleideraums aus gesehen habe, wie er so rasch an den Parktoren vorbei und auf das Feld zugeschritten ist, wohin sie so oft geht. Ich wünschte, Sie würden nachsehen, ob sie dort ist, und sie sanft daran erinnern, dass es sich für eine junge Dame ihres Ranges und mit ihren Aussichten nicht schickt, so alleine umherzustreifen und sich den gefälligen Reden von jedem x-Beliebigen auszusetzen, der es sich herausnimmt, sie anzusprechen; wie ein armes, vernachlässigtes Mädchen, das keinen Park hat, um darin spazieren zu gehen, und keine Familie, die sich um sie kümmert. Und sagen Sie ihr, ihr Papa wäre wütend, wenn er wüsste, in welch vertraulichem Ton sie mit Mr. Hatfield umgeht, denn ich fürchte, das tut sie! Ach, wenn Sie – wenn eine Gouvernante nur halb so viel Wachsamkeit besäße wie eine Mutter – nur halb so viel bange Sorge, dann blieben mir diese Unannehmlichkeiten erspart, und Sie würden sofort die Notwendigkeit erkennen, ein Auge auf sie zu haben und ihr Ihre Gesellschaft angenehm – ja, gehen Sie, gehen Sie, es ist keine Zeit zu verlieren«, rief sie, als sie sah, dass ich meine Malutensilien zusammengepackt hatte und in der Tür auf das Ende ihrer Ansprache wartete.
Wie sie es vorausgesagt hatte, traf ich Miss Murray in ihrem Lieblingsfeld außerhalb des Parks – und leider nicht allein, denn neben ihr schlenderte gemächlich die große, stattliche Gestalt von Mr. Hatfield.
Das brachte mich in eine schwierige Situation. Es war meine Pflicht, das Tête-à-tête zu unterbrechen: Aber wie sollte ich das anfangen? Mr. Hatfield würde sich nicht von einer so unbedeutenden Person wie mir vertreiben lassen, und mich auf der anderen Seite von Miss Murray zu postieren und meine unwillkommene Gegenwart aufzudrängen, ohne ihren Begleiter zu registrieren, war eine Unhöflichkeit, die ich nicht übers Herz brachte; auch hatte ich nicht den Mut, ihr über das Feld hinweg laut zuzurufen, dass man woanders nach ihr verlangte. Also wählte ich den Mittelweg und ging langsam, doch ohne Zögern auf sie zu, mit der Absicht, falls mein Näherkommen den Galan nicht in die Flucht schlagen würde, vorbeizugehen und Miss Murray zu sagen, dass ihre Mutter sie sehen wolle.
Sie sah wirklich bezaubernd aus, als sie so unter den knospenden Rosskastanienbäumen dahinschlenderte, deren lange Äste über die Parkumzäunung reichten, in einer Hand ihr geschlossenes Buch, in der anderen einen Myrtenzweig, der ihr als hübsches Spielzeug diente. Ihre glänzenden Locken drangen üppig unter der kleinen Haube hervor und, belebt von dem leichten Wind, glühten ihre Wangen vor befriedigter Eitelkeit, und ihre lächelnden blauen Augen blickten bald scheu auf ihren Anbeter, bald senkten sie sich auf ihren Myrtenzweig. Doch Schnapp, der vor mir herlief, unterbrach sie mitten in einer halb schnippischen, halb ausgelassenen Antwort, indem er ihr Kleid zu fassen bekam und heftig daran zerrte, bis Mr. Hatfield ihm mit seinem Spazierstock einen derben Schlag über den Schädel gab und er aufjaulend mit jämmerlichem Geheul zu mir zurücklief, was dem ehrwürdigen Gentleman großes Vergnügen bereitete. Aber da ich nun schon einmal in der Nähe war, glaubte er wohl, sich ebenso gut verabschieden zu können; denn als ich niederkniete und den Hund mit demonstrativem Mitleid streichelte, um mein Missfallen ob seiner Grobheit zu bekunden, hörte ich ihn sagen:
»Wann sehe ich Sie wieder, Miss Murray?«
»In der Kirche, denke ich«, antwortete sie, »es sei denn, Ihre Pflichten bringen es zufällig mit sich, dass Sie wieder in genau dem Augenblick hier vorbeikommen, wenn ich gerade spazieren gehe.«
»Ich könnte es immer so einrichten, dass ich hier etwas erledigen muss, wenn ich genau weiß, wann und wo ich Sie finde.«
»Aber auch wenn ich wollte, könnte ich Ihnen das nicht sagen; denn ich bin immer so inkonsequent, dass ich nicht schon heute sagen kann, was ich morgen tue.«
»Dann schenken Sie mir inzwischen dies zum Trost«, sagte er halb scherzend, halb im Ernst und streckte seine Hand nach dem Myrtenzweig aus.
»Nein, das tu ich nicht.«
»Bitte! Ich werde der unglücklichste Mensch auf Erden sein, wenn Sie es nicht tun. Sie können nicht so grausam sein und mir einen Wunsch abschlagen, der so leicht zu gewähren ist und dennoch so hoch geschätzt wird«, flehte er so eindringlich, als hinge sein Leben davon ab.
Mittlerweile war ich ein paar Meter entfernt stehengeblieben und wartete ungeduldig darauf, dass er sich entfernte.
»Also gut. Nehmen Sie ihn und gehen Sie«, sagte Rosalie.
Freudig nahm er die Gabe entgegen, murmelte etwas, worauf sie errötete und den Kopf schüttelte, aber mit einem kleinen Lachen, das verriet, dass ihr Unwille nur gespielt war; dann zog er sich mit einem höflichen Gruß zurück.
»Haben Sie jemals solch einen Mann gesehen, Miss Grey?«, fragte sie und wandte sich an mich; »ich bin ja so froh, dass Sie gekommen sind! Ich habe schon gedacht, ich würde ihn nie mehr los, und hatte schreckliche Angst, Papa könnte ihn sehen.«
»War er lange mit Ihnen zusammen?«
»Nein, nicht lange, aber er ist so furchtbar aufdringlich, und immer lungert er hier herum und behauptet, dass irgendwelche Erledigungen oder seine geistlichen Pflichten seine Anwesenheit in dieser Gegend erfordern; dabei hält er nur nach mir Ausschau und stürzt sich auf mich, wenn er mich irgendwo sieht.«
»Nun, Ihre Mama meint, Sie sollten den Park oder Garten nicht verlassen, ohne dass eine besonnene, gesetzte Person wie ich Sie begleitet und alle zudringlichen Leute fernhält. Sie hat Mr. Hatfield an den Parktoren vorbeieilen sehen und mich sofort mit dem Auftrag losgeschickt, nach Ihnen zu suchen und auf Sie aufzupassen und Sie anzuweisen –«
»Ach, Mama ist so schrecklich spießig! Als ob ich nicht auf mich selbst aufpassen könnte. Sie hat mich schon vorher mit Mr. Hatfield geplagt, und ich habe ihr gesagt, sie könne sich auf mich verlassen: Auch wegen des schönsten Mannes unter der Sonne würde ich nie meinen Rang und meine Stellung vergessen. Ich wünschte, er würde morgen vor mir niederknien und mich anflehen, seine Frau zu werden, damit ich ihr beweisen könnte, wie sehr sie sich täuscht, wenn sie glaubt, dass ich je – ach, es regt mich wirklich auf! Anzunehmen, ich könnte so närrisch sein, mich zu verlieben! So etwas ist doch unter der Würde einer Frau. Liebe! Ich verabscheue das Wort! Auf jemanden unseres Geschlechts angewendet, halte ich es geradezu für eine Beleidigung. Eine Vorliebe würde ich vielleicht zugeben, aber niemals für jemanden wie den armen Mr. Hatfield, der noch nicht einmal auf siebenhundert im Jahr kommt. Ich unterhalte mich gern mit ihm, weil er so klug und amüsant ist – ich wollte, Sir Thomas wäre nur halb so nett; außerdem brauche ich einfach irgendjemanden, mit dem ich flirten kann, und keinem außer ihm fällt es ein hierherzukommen. Und wenn wir ausgehen, will mich Mama nur mit Sir Thomas flirten lassen – wenn er da ist; und wenn er nicht da ist, werden mir praktisch Hände und Füße gebunden, aus Angst, jemand könnte hingehen und eine übertriebene Geschichte erfinden und ihm erzählen, dass ich mit einem anderen verlobt wäre oder mich verloben würde; oder, was wahrscheinlicher ist, aus Angst, seine ekelhafte alte Mutter könnte etwas von meinem Tun sehen oder hören und daraus schließen, ich wäre nicht die geeignete Frau für ihren phantastischen Sohn; als ob dieser Sohn nicht der größte Halunke der Christenheit und nicht jede Frau mit natürlichem Anstand viel zu gut für ihn wäre.«
»Ist das wirklich so, Miss Murray? Und weiß Ihre Mama das und möchte trotzdem, dass Sie ihn heiraten?«
»Selbstverständlich weiß sie das. Ich glaube, sie weiß noch mehr Schlechtes über ihn als ich, aber sie verbirgt es vor mir, um mich nicht abzuschrecken; sie weiß gar nicht, wie wenig mir so etwas ausmacht. Denn es ist ja wirklich nicht von Bedeutung: Wenn er erst verheiratet ist, wird er sich schon benehmen, sagt Mama, und bekehrte Wüstlinge geben die besten Ehemänner ab, das weiß schließlich jeder. Wenn er nur nicht so hässlich wäre – das ist das Einzige, woran ich immer denken muss, aber hier auf dem Land gibt es eben keine Auswahl, und Papa erlaubt nicht, dass wir nach London gehen –«
»Aber ich glaube, da wäre Mr. Hatfield weitaus besser.«
»Das wäre er auch, wenn er der Lord von Ashby Park wäre, daran gibt es keinen Zweifel. Aber ich muss Ashby Park einfach haben, egal, wer es mit mir teilt.«
»Aber Mr. Hatfield denkt nun die ganze Zeit, dass Sie ihn mögen. Sie haben nicht bedacht, wie bitter enttäuscht er sein wird, wenn er merkt, dass er sich getäuscht hat.«
»Nein, allerdings! Das ist die gerechte Strafe für seine Anmaßung, dafür, dass er überhaupt gewagt hat anzunehmen, ich könnte ihn mögen. Nichts wird mir lieber sein, als ihm den Schleier von den Augen zu reißen.«
»Dann tun Sie es so schnell wie möglich.«
»O nein. Ich sage Ihnen ja, dass ich gern mit ihm zu tun habe. Außerdem glaubt er nicht wirklich, dass ich ihn mag. Da passe ich gut auf, Sie wissen gar nicht, wie schlau ich vorgehe. Er maßt sich vielleicht an zu glauben, er könne mich dazu bewegen, ihn zu mögen; und dafür werde ich ihn bestrafen, wie er es verdient.«
»Dann denken Sie daran, ihm nicht zu viel Grund für diese Annahme zu geben – das ist alles«, antwortete ich.
Aber alle meine Vorhaltungen waren umsonst: Sie bewirkten nur, dass sie noch mehr darauf bedacht war, ihre Wünsche und Gedanken vor mir zu verheimlichen. Sie sprach nie mehr mit mir über den Pfarrer, aber ich merkte, dass sie in Gedanken, wenn nicht mit dem Herzen, noch immer an ihm hing und erpicht darauf war, ihn ein weiteres Mal zu treffen. Denn obwohl ich nun gemäß dem Wunsch ihrer Mutter eine Zeitlang als Begleiterin auf ihren Spaziergängen fungierte, fuhr sie fort, die Felder und Wege zu benutzen, die der Straße am nächsten lagen, und ob sie sich mit mir unterhielt oder in dem Buch las, das sie in der Hand hatte – ständig blieb sie stehen, um sich umzusehen oder die Straße entlangzublicken, ob nicht jemand käme; kam dann wirklich ein Reiter vorbeigetrabt, erkannte ich schon an der Art, wie sie diesen, egal wer es war, zu Unrecht abkanzelte, dass sie etwas gegen ihn hatte, bloß weil er nicht Mr. Hatfield war.
»Bestimmt ist er ihr nicht so gleichgültig, wie sie selbst glaubt oder andere glauben machen möchte, und die Besorgnis ihrer Mutter ist nicht so unbegründet, wie sie behauptet«, dachte ich.
Es vergingen drei Tage, ohne dass er erschien. Am Nachmittag des vierten, als wir am Zaun des Parks entlang durch das bereits erwähnte Feld gingen, beide mit einem Buch ausgestattet – denn ich achtete immer darauf, etwas bei mir zu haben, womit ich mich beschäftigen konnte, falls sie keinen Wert auf meine Unterhaltung legte –, unterbrach sie mich plötzlich in meiner Lektüre und rief:
»Ach, Miss Grey! Seien Sie doch so nett und besuchen Sie Mark Wood. Geben Sie seiner Frau eine halbe Krone von mir – ich wollte sie schon vor einer Woche vorbeibringen oder schicken, habe es aber ganz vergessen. Hier!«, sagte sie hastig und warf mir ihre Geldbörse zu. »Halten Sie sich nicht damit auf, das Geld herauszunehmen, nehmen Sie einfach die Börse und geben Sie ihnen so viel, wie Sie für richtig halten. Ich würde ja mit Ihnen gehen, aber ich möchte gern diesen Band zu Ende lesen. Ich treffe Sie dann, wenn ich damit fertig bin. Beeilen Sie sich, ja? Ach, warten Sie, sollten Sie ihm nicht etwas vorlesen? Laufen Sie ins Haus und holen Sie ein gutes Buch. Irgendeines.«
Ich tat, wie mir befohlen; da ich aber aufgrund ihres hastigen Verhaltens und der Plötzlichkeit ihrer Bitte Verdacht geschöpft hatte, blickte ich noch einmal zurück, ehe ich das Feld verließ, und sah, dass soeben Mr. Hatfield unten am Tor ankam. Sie hatte mich ins Haus geschickt, um ein Buch zu holen, damit ich ihm nicht auf der Straße begegnete.
»Macht nichts!«, dachte ich, »das wird keinen großen Schaden anrichten. Der arme Mark freut sich über die halbe Krone und vielleicht auch über das gute Buch; und wenn der Pfarrer Miss Rosalies Herz stiehlt, wird das ihren Stolz ein wenig mildern, und sollten sie schließlich heiraten, bewahrt sie das nur vor einem schlimmeren Schicksal, und sie wäre eine ganz gute Partnerin für ihn, genau wie er für sie.«
Mark Wood war der schwindsüchtige Arbeiter, von dem ich bereits erzählt habe. Mit ihm ging es nun rasch zu Ende. Durch ihre Großzügigkeit empfing Miss Murray buchstäblich den Segen von ihm, der zum Sterben bereit war; denn wenn die halbe Krone ihm auch nicht mehr viel nützte, freute er sich doch um seiner Frau und der Kinder willen, die schon so bald Witwe und Waisen sein würden. Nachdem ich ein paar Minuten bei ihm gesessen und ihm und seiner bedrückten Frau etwas zum Trost und zur Erbauung vorgelesen hatte, verließ ich sie, aber ich war noch keine fünfzig Meter gegangen, als ich Mr. Weston traf, der offensichtlich auf dem Weg ins gleiche Haus war. Er grüßte mich in seiner gewohnt ruhigen, ungekünstelten Art, blieb stehen, um sich nach dem Zustand des Kranken und seiner Familie zu erkundigen, nahm mit einem unbewussten, brüderlichen Verzicht auf Förmlichkeit das Buch, aus dem ich vorgelesen hatte, aus meiner Hand, blätterte darin, machte ein paar kurze, aber treffende Anmerkungen und gab es mir zurück; dann erzählte er mir von einem armen Kranken, den er gerade besucht hatte, sprach ein wenig über Nancy Brown, machte einige Bemerkungen über meinen kleinen, struppigen Freund, den Terrier, der um seine Füße herumsprang, und schließlich über das schöne Wetter und ging.
Ich habe es vermieden, seine Worte im Einzelnen wiederzugeben, weil ich meine, dass sie den Leser nicht so interessieren wie mich damals, nicht etwa, weil ich sie vergessen hätte. Nein, ich kann mich noch genau an sie erinnern, denn im Lauf des Tages und an vielen darauffolgenden, ich weiß gar nicht, wie oft, habe ich immer wieder über sie nachgedacht und mir den Tonfall seiner tiefen, klaren Stimme, das Aufblitzen seiner lebhaften, braunen Augen, das Strahlen seines liebenswürdigen, jedoch allzu flüchtigen Lächelns ins Gedächtnis zurückgerufen. Ich fürchte, solch ein Geständnis mutet lächerlich an, aber was macht das? Ich habe es geschrieben, und diejenigen, die es lesen, kennen die Schreiberin nicht.
Während ich so dahinschritt, glücklich im Innern und zufrieden mit allem um mich herum, kam mir Miss Murray eilig entgegengelaufen; ihr leichter Schritt, die geröteten Wangen und ihr strahlendes Lächeln verrieten, dass auch sie auf ihre Art glücklich war. Sie rannte auf mich zu, schob ihren Arm unter den meinen und begann, ohne Atem zu schöpfen:
»Also, Miss Grey, Sie können sich sehr geehrt fühlen, denn ich erzähle Ihnen jetzt eine Neuigkeit, bevor ich bei irgendjemand anderem etwas verlauten lasse.«
»Und was ist das?«
»Ach, und was für eine Neuigkeit! Als Erstes müssen Sie wissen, dass Mr. Hatfield zufällig vorbeikam, gerade als Sie gegangen waren. Ich hatte furchtbare Angst, Papa oder Mama könnten ihn sehen, aber ich konnte Sie ja nicht zurückrufen, also – ach je, ach je! Ich kann Ihnen jetzt nicht alles erzählen, denn ich sehe, dass Matilda im Park ist, und ich muss ihr unbedingt meine ganzen Neuigkeiten eröffnen. Aber auf jeden Fall war Hatfield ungewöhnlich kühn, unsagbar höflich und empfindsam wie nie zuvor – wenigstens versuchte er, es zu sein; es glückte ihm aber nicht besonders gut, denn dafür hat er keine Ader. Ein andermal erzähle ich Ihnen, was er alles gesagt hat.«
»Aber was haben Sie gesagt – das interessiert mich viel mehr.«
»Das erzähle ich Ihnen auch demnächst. Ich war zufällig gerade in bester Laune, aber obwohl ich entgegenkommend und freundlich war, achtete ich doch sehr darauf, mich nicht zu kompromittieren. Doch der eingebildete Kerl zog es vor, meine Liebenswürdigkeit auf seine Weise auszulegen, und nutzte mein Entgegenkommen schließlich so weit aus, dass er – was glauben Sie, er hat mir tatsächlich einen Antrag gemacht!«
»Und Sie –«
»Ich richtete mich voller Stolz auf und drückte mit äußerster Kühle mein Befremden über das Vorgefallene aus und sagte, dass es hoffentlich nichts in meinem Verhalten gegeben hätte, um seine Erwartungen zu rechtfertigen. Sie hätten sehen sollen, wie er die Fassung verlor! Er wurde kreidebleich. Ich versicherte ihm, dass ich ihn sehr schätzte usw., aber auf keinen Fall auf sein Angebot eingehen könnte und dass, selbst wenn ich es täte, Papa und Mama nie ihre Einwilligung geben würden.
›Aber wenn sie einwilligen würden‹, sagte er, ›würden Sie es auch?‹
›Gewiss nicht, Mr. Hatfield‹, antwortete ich mit einer kühlen Entschiedenheit, die jegliche Hoffnung seinerseits auf der Stelle zunichtemachte. Ach, wenn Sie gesehen hätten, wie schrecklich gekränkt er war, am Boden zerstört vor Enttäuschung! Wirklich, ich hatte beinahe Mitleid mit ihm.
Aber er unternahm noch einen verzweifelten Versuch. Nach einem Schweigen von beachtlicher Dauer – er strengte sich an, wieder ruhig zu werden, ich gab mir Mühe, ernst zu bleiben, denn ich verspürte den starken Drang zu lachen, was natürlich alles verpfuscht hätte – sagte er mit der Spur eines Lächelns:
›Aber sagen Sie mir doch frei heraus, Miss Murray, würden Sie mich auch ablehnen, wenn ich den Reichtum von Sir Hugh Meltham oder die Aussichten seines ältesten Sohnes hätte? Antworten Sie mir aufrichtig, auf Ehr und Gewissen.‹
›Natürlich‹, sagte ich. ›Das würde absolut keinen Unterschied machen.‹
Das war eine Riesenlüge, aber er wirkte immer noch so überzeugt von seiner Anziehungskraft, dass ich beschloss, ihn in seinen Grundfesten zu erschüttern. Er sah mir voll ins Gesicht, aber ich bewahrte so gut die Fassung, dass er einfach glauben musste, dass ich die reine Wahrheit sprach.
›Dann ist wohl alles vorbei‹, sagte er und sah dabei aus, als würde er auf der Stelle vor Kummer und tiefer Verzweiflung sterben. Aber sein Ärger war genauso groß wie seine Enttäuschung. Auf der einen Seite er, der so unsäglich litt, auf der anderen ich, die mitleidlose Ursache von allem, die so ganz und gar unempfindlich gegen das Geschütz seiner Blicke und Worte war, so unerschütterlich kalt und stolz, dass er einfach Groll empfinden musste. Und ausgesprochen bitter begann er:
›Das habe ich allerdings nicht erwartet, Miss Murray. Ich könnte einiges über Ihr Benehmen in letzter Zeit sagen und die Hoffnungen, die ich infolgedessen genährt habe, aber ich will alles für mich behalten unter der Bedingung –‹
›Keine Bedingungen, Mr. Hatfield!‹, sagte ich, jetzt wirklich empört über seine Frechheit.
›Dann bitte ich Sie um diesen Gefallen‹, antwortete er, wobei er sofort die Stimme senkte und einen bescheideneren Ton anschlug, ›ich möchte Sie dringend bitten, diese Angelegenheit vor keinem Menschen zu erwähnen. Wenn Sie Stillschweigen bewahren, braucht es für keine Seite Unannehmlichkeiten zu geben, nicht mehr, meine ich, als unvermeidlich ist: Was meine Gefühle angeht, so will ich mich bemühen, sie für mich zu behalten, falls ich sie nicht ersticken kann; ich will versuchen zu vergeben, falls ich die Ursache meiner Leiden nicht vergessen kann. Ich will nicht annehmen, Miss Murray, dass Sie wissen, wie tief Sie mich verletzt haben. Ich will nicht glauben, dass Sie es wissen; wenn Sie aber zusätzlich zu der Kränkung, die Sie mir bereits zugefügt haben – verzeihen Sie, aber ob unwillentlich oder nicht, das haben Sie –, wenn Sie also über diese unglückselige Affäre auch noch etwas verlauten lassen, ja, sie nur erwähnen, dann werden Sie merken, dass auch ich reden kann, und wenn Sie auch meine Liebe verschmäht haben, so werden Sie es kaum wagen –‹
Er hielt inne, aber er biss sich auf seine blutleeren Lippen und sah so wütend aus, dass ich es richtig mit der Angst bekam. Aber noch hielt mich mein Stolz aufrecht, und ich antwortete voller Verachtung:
›Ich weiß nicht, welches Motiv mich Ihrer Meinung nach veranlassen sollte, alles irgendjemandem gegenüber zu erwähnen, Mr. Hartfield. Wenn ich aber Lust dazu hätte, würden Sie mich nicht durch Drohungen abschrecken, und es steht einem Gentleman wohl kaum zu, dies zu versuchen.‹
›Verzeihen Sie, Miss Murray‹, sagte er, ›ich habe Sie so sehr geliebt – ich verehre Sie noch immer so tief, dass ich Sie nicht absichtlich beleidigen würde; aber obwohl ich niemals so geliebt habe und niemals wieder eine Frau so lieben kann, wie ich Sie geliebt habe, ist es ebenso gewiss, dass ich noch von keiner so schlecht behandelt worden bin. Im Gegenteil, bis jetzt habe ich das weibliche Geschlecht immer für das freundlichste, sanfteste und willfährigste unter Gottes Geschöpfen gehalten.‹ (Stellen Sie sich den eingebildeten Menschen vor, wie er das sagt!) ›Und die Neuheit und Härte der Lektion, die Sie mir heute erteilt haben, die Bitterkeit, gerade in dem einzigen Punkt enttäuscht zu werden, von dem mein Lebensglück abhing, muss als Entschuldigung für jeden Hauch von Schroffheit gelten. Wenn Ihnen meine Gegenwart lästig ist, Miss Murray‹, sagte er (denn ich schaute in die Gegend, um zu zeigen, wie wenig ich auf ihn achtete, und er dachte wohl, ich wäre seiner überdrüssig) – ›wenn Ihnen meine Gegenwart lästig ist, Miss Murray, brauchen Sie mir nur zu versprechen, meine Bitte zu erfüllen, und ich werde Sie erlösen. Es gibt viele Damen – einige sogar in dieser Gemeinde –, die mit Entzücken annehmen würden, was Sie so schmählich mit Füßen getreten haben. Sie wären selbstverständlich geneigt, ein Mädchen, dessen überströmender Liebreiz ihnen mein Herz entfremdet und mich für ihre Reize blind gemacht hat, zu hassen; und ein einziger Hinweis auf die Wahrheit gegenüber einer von ihnen würde genügen, ein derartiges Gerede über Sie in Gang zu setzen, dass Ihre Aussichten erheblich beeinträchtigt und Ihre Erfolgschancen bei jedem Gentleman verringert würden, den Sie oder Ihre Mama einzuwickeln gedenken.‹
›Was meinen Sie damit, Sir?‹, fragte ich, im Begriff, vor Wut mit den Füßen aufzustampfen.
›Damit meine ich, dass mir die ganze Angelegenheit von Anfang bis Ende wie ein Fall von durchtriebener Koketterie vorkommt, um das Mindeste zu sagen – und dass Sie es wohl recht ungern sähen, wenn alles in die Welt posaunt würde, vor allem mit den Zusätzen und Übertreibungen Ihrer Rivalinnen, die die Sache nur zu gern an die Öffentlichkeit bringen würden, wenn ich ihnen die Gelegenheit dazu gäbe. Aber ich verspreche Ihnen bei der Ehre eines Gentleman, dass kein Wort, keine Silbe über meine Lippen kommen wird, das zu Ihrem Nachteil wäre, vorausgesetzt Sie –‹
›Gut, gut, ich werde nichts sagen‹, sagte ich. ›Sie können sich auf mein Stillschweigen verlassen, wenn Ihnen das ein Trost ist.‹
›Versprechen Sie es?‹
›Ja‹, antwortete ich, denn ich wollte ihn endlich loswerden.
›Dann leben Sie wohl!‹, sagte er in einem schmerzlichen, tieftraurigen Ton; und mit einem Blick, in dem sein Stolz vergeblich die Oberhand über seine Verzweiflung zu gewinnen suchte, wandte er sich ab und ging: Zweifellos brannte er darauf, nach Hause zu kommen, um sich in seinem Arbeitszimmer einzuschließen und zu weinen – wenn er nicht schon in Tränen ausbricht, bevor er dort ist.«
»Aber Sie haben Ihr Versprechen ja jetzt schon gebrochen«, sagte ich, wahrlich entsetzt über ihren Verrat.
»Ach, doch nur Ihnen gegenüber. Ich weiß, dass Sie nichts davon wiederholen.«
»Natürlich nicht. Aber Sie haben gerade gesagt, dass Sie es Ihrer Schwester erzählen wollten, und sie wird es Ihren Brüdern erzählen, wenn sie nach Hause kommen, und auf jeden Fall sofort Brown, wenn Sie das nicht selbst tun. Und Brown wird alles in die Gegend posaunen.«
»Nein, das wird sie nicht. Wir erzählen ihr überhaupt nur etwas, wenn sie strengste Geheimhaltung gelobt.«
»Aber wie können Sie erwarten, dass sie ihre Versprechen eher hält als ihre weitaus gebildetere Herrin?«
»Schon gut, dann erfährt sie eben nichts von allem«, sagte Miss Murray leicht unwirsch.
»Aber Sie werden es doch sicher Ihrer Mama erzählen«, fuhr ich fort, »und diese Ihrem Papa.«
»Natürlich werde ich es Mama erzählen, genau das macht mir ja solchen Spaß. Jetzt kann ich sie doch überzeugen, wie falsch ihre Befürchtungen waren.«
»Ach, darum geht es Ihnen? Ich habe mich schon gefragt, worüber Sie sich so freuen?«
»Ja; und darüber, dass ich Mr. Hatfield so reizend gedemütigt habe; und darüber – nun, Sie müssen mir schon etwas weibliche Eitelkeit zubilligen: Ich will gar nicht so tun, als besäße ich diese typischste Eigenschaft unseres Geschlechts nicht. Und wenn Sie gesehen hätten, mit welch glühendem Eifer der arme Hatfield seine leidenschaftliche Liebeserklärung und seinen schmeichelhaften Antrag gemacht hat, und die seelischen Qualen, die sein Stolz auch mit der größten Mühe nicht verbergen konnte, als er sich zurückgewiesen sah – Sie hätten zugeben müssen, dass ich allen Grund hatte, zufrieden zu sein.«
»Ich denke doch, je größer sein Schmerz war, desto weniger Grund hatten Sie zur Zufriedenheit.«
»Ach, Unsinn!«, rief die junge Dame und schüttelte sich vor Ärger. »Entweder können Sie mich nicht verstehen oder Sie wollen nicht. Wenn ich nicht auf Ihre Großmut vertrauen würde, hielte ich Sie für neidisch. Aber vielleicht verstehen Sie diesen Grund meiner Freude – der so gut wie jeder andere ist –, nämlich, dass ich richtig begeistert von mir bin wegen meiner Klugheit, meiner Selbstbeherrschung und, wenn Sie so wollen, meiner Herzlosigkeit. Ich war nicht im Geringsten überrascht, verwirrt, unbeholfen oder töricht; ich habe gehandelt und geredet, wie ich sollte, und war die ganze Zeit Herrin meiner selbst. Und er ist immerhin ein äußerst gutaussehender Mann – Jane und Susan Green bezeichnen ihn als betörend hübsch –, vermutlich sind sie zwei der Damen, die ihn angeblich so gerne haben wollen; aber er war jedenfalls ein sehr kluger, geistreicher, angenehmer Begleiter – nicht das, was Sie klug nennen, aber genug, um unterhaltsam zu sein; und ein Mann, dessen man sich nirgends zu schämen braucht und den man nicht so schnell leid ist; um die Wahrheit zu sagen, ich mochte ihn ziemlich gern – in letzter Zeit sogar lieber als Harry Meltham –, und er betete mich offensichtlich an. Und dennoch besaß ich, als er mich so völlig allein und unvorbereitet traf, die Klugheit und den Stolz und die Kraft, ihn abzuweisen – und auch noch auf solch verächtliche, kühle Art: Darauf kann ich zu Recht stolz sein!«
»Und sind Sie auch stolz darauf, ihm gesagt zu haben, selbst wenn er genauso reich wäre wie Sir Hugh Meltham, wäre es für Sie das Gleiche, wenn das auch nicht stimmte, und darauf, dass Sie ihm versprochen haben, mit niemandem über sein Missgeschick zu sprechen, anscheinend ohne die leiseste Absicht, Ihr Versprechen zu halten?«
»Natürlich, was sonst? Sie verlangen doch nicht, dass ich – aber ich merke, Miss Grey, Sie sind schlecht gelaunt. Da ist Matilda; ich bin gespannt, was sie und Mama dazu sagen.«
Sie verließ mich, beleidigt über meinen Mangel an Verständnis und zweifellos in dem Glauben, dass ich sie beneidete. Das tat ich nicht, zumindest glaubte ich fest daran. Sie tat mir leid; ihre herzlose Eitelkeit erstaunte mich und widerte mich an; ich fragte mich, warum denjenigen so viel Schönheit vergönnt war, die sie so schlecht zu nutzen wussten, während sie anderen, die daraus für sich und andere einen Vorteil machen würden, versagt wurde.
Aber Gott weiß es am besten, so schloss ich. Es gibt wahrscheinlich Männer, die ebenso eitel, selbstsüchtig und herzlos sind wie Miss Murray, und vielleicht sind solche Frauen dazu da, diese Männer zu bestrafen.
Kapitel 15
Der Spaziergang
»Ach, ich wollte, Hatfield wäre nicht so voreilig gewesen!«, sagte Rosalie am nächsten Nachmittag um vier Uhr, ließ mit einem ungeheuren Gähnen ihre Wollstickerei sinken und blickte lustlos in Richtung Fenster. »Nun gibt es keinen Grund mehr, nach draußen zu gehen, und nichts, worauf man sich freuen kann. Die Tage sind so endlos und langweilig, wenn es keine Partys gibt, die sie ein wenig beleben; und soviel ich weiß, findet weder diese noch nächste Woche auch nur eine einzige statt.«
»Schade, dass du so ekelhaft zu ihm warst«, bemerkte Matilda, an die diese Klage gerichtet war. »Er kommt nun nicht mehr, und ich habe den Verdacht, dass er dir doch ganz gut gefiel. Ich hatte gehofft, du hättest ihn zu deinem Anbeter gemacht und mir den lieben Harry überlassen.«
»Pah! Mein Anbeter muss ein wahrer Adonis sein, Matilda, von allen bewundert, die ihn sehen, wenn ich mich schon mit ihm allein begnügen muss. Ich gebe zu, dass ich Hatfield nur ungern verliere; aber der erste annehmbare Mann oder auch mehrere Männer, die auftauchen und seinen Platz einnehmen, sind mir mehr als willkommen. Morgen ist Sonntag – ich bin gespannt, wie er aussieht und ob er in der Lage ist, den Gottesdienst zu absolvieren. Höchstwahrscheinlich schützt er eine Erkältung vor und lässt Mr. Weston an seiner Stelle predigen.«
»Der nicht!«, rief Matilda etwas geringschätzig. »Er ist zwar ein Narr, aber nicht so schwach, als dass es dazu käme.«
Ihre Schwester war leicht gekränkt, aber die Ereignisse gaben Matilda recht: Der enttäuschte Liebhaber entledigte sich seiner seelsorgerischen Pflichten genau wie sonst auch. Rosalie allerdings bestand darauf, dass er sehr bleich und niedergeschlagen aussähe; vielleicht war er wirklich etwas blasser, aber wenn es überhaupt einen Unterschied gab, so war dieser kaum wahrnehmbar. Was seine Niedergeschlagenheit anging, so hörte ich in der Tat weder sein sonst übliches schallendes Gelächter aus der Sakristei noch seine Stimme laut aus einer fröhlichen Unterhaltung heraustönen. Allerdings hörte ich ihn lauthals auf eine Weise den Küster schelten, die die Gemeinde in Erstaunen versetzte; und in seinem Hin- und Hergehen zwischen Kanzel und Altar lag mehr an feierlichem Gehabe und weniger von dieser unehrerbietigen, selbstzufriedenen oder besser selbstverliebten Anmaßung, mit der er normalerweise daherrauschte – und dieser Miene, die zu sagen schien: »Ihr alle verehrt und bewundert mich, ich weiß, und ich möchte keinem raten, es nicht zu tun!« Die auffallendste Veränderung aber war, dass er seinen Blicken auch nicht ein einziges Mal gestattete, in die Richtung von Mr. Murrays Kirchenbank zu schweifen, und er die Kirche erst verließ, nachdem wir gegangen waren.
Zweifelsohne hatte Mr. Hatfield einen sehr harten Schlag erlitten, doch sein Stolz zwang ihn, sich alle Mühe zu geben, die Wirkung dieses Schlages zu verbergen. Er war in der sicheren Hoffnung getäuscht worden, nicht nur eine schöne und, in seinen Augen, höchst attraktive Frau zu bekommen, sondern zugleich eine, deren gesellschaftliche Stellung und Vermögen auch weit weniger großen Reizen Glanz verliehen hätten: So war er zweifellos gleichermaßen empfindlich verletzt über seine Zurückweisung und tief beleidigt über Miss Murrays Benehmen insgesamt. Es wäre ihm kein geringer Trost gewesen, hätte er gewusst, wie enttäuscht sie darüber war, ihn so offensichtlich ungerührt zu sehen und feststellen zu müssen, dass er es im Verlauf von beiden Gottesdiensten sehr wohl unterlassen konnte, ihr auch nur einen einzigen Blick zuzuwerfen; obwohl, wie sie erklärte, dies nur bewies, dass er die ganze Zeit über an sie dachte, sonst wäre sein Blick schon rein zufällig auf sie gefallen: Hätte er aber tatsächlich zu ihr hingeblickt, hätte sie bestimmt behauptet, es sei geschehen, weil er ihrer Anziehungskraft nicht habe widerstehen können. Es hätte ihn auch bestimmt einigermaßen gefreut zu sehen, wie gelangweilt und unzufrieden sie die Woche über – jedenfalls den größten Teil davon – war, weil die Quelle, aus der sie bis dahin ihre Aufregung geschöpft hatte, nun versiegt war, und wie oft sie bedauerte, »jene so schnell aufgebraucht zu haben«, wie ein Kind, das, nachdem es seinen Pfannkuchen zu hastig verschlungen hat, dasitzt, sich die Finger leckt und vergebens über seine Gefräßigkeit jammert.
An einem schönen Morgen forderte sie mich schließlich auf, sie auf einem Spaziergang ins Dorf zu begleiten. Angeblich wollte sie in einem einigermaßen angesehenen Laden, der weitgehend von den Damen aus der Umgebung am Leben erhalten wurde, Stickwolle in verschiedenen Farbschattierungen kaufen; in Wirklichkeit – ich glaube, es ist keine Verletzung der Nächstenliebe anzunehmen, dass sie sich mit dem Hintergedanken auf den Weg machte, entweder dem Gemeindepfarrer selbst oder vielleicht einem anderen Bewunderer zu begegnen. Denn als wir so dahingingen, fragte sie sich unaufhörlich, »was Hatfield wohl täte oder sagte, wenn wir ihn träfen« usw.; als wir an Mr. Greens Parktoren vorbeikamen, fragte sie sich, »ob er wohl zu Hause wäre, der große, einfältige Dummkopf«; als Lady Melthams Kutsche an uns vorüberfuhr, fragte sie sich, »was Mr. Harry wohl an diesem schönen Tag machte«; und schließlich fing sie an, auf seinen älteren Bruder zu schimpfen, »weil er so verrückt war zu heiraten und dann in London leben wollte«.
»Wie«, sagte ich, »ich dachte immer, Sie wollten selbst gern in London leben.«
»Ja, weil es hier so langweilig ist: Aber er macht alles noch langweiliger, wenn er von hier weggeht; und wenn er nicht heiraten würde, könnte ich ihn haben statt dieses widerlichen Sir Thomas.«
Als sie auf der etwas morastigen Straße die Abdrücke von Pferdehufen entdeckte, fragte sie sich, »ob sie wohl vom Pferd eines Gentleman stammten«, und bejahte dies schließlich, weil die Abdrücke zu klein waren, um von einem großen, schwerfälligen Zugpferd zu sein; dann fragte sie sich, »wer wohl der Reiter sein könnte« und ob wir ihm auf dem Rückweg begegnen würden, denn sie war sicher, dass er erst diesen Morgen hier durchgeritten sei; und als wir schließlich das Dorf betraten und nur ein paar der einfachen Bewohner auf den Straßen trafen, fragte sie sich, »warum diese dummen Menschen nicht in ihren Häusern bleiben konnten; deren hässliche Gesichter und schmutzige, gewöhnliche Kleidung wollte sie ganz bestimmt nicht sehen – deswegen war sie nicht nach Horton gekommen!«
Ich muss gestehen, dass auch ich mich während all diesem Gerede insgeheim fragte, ob wir jemand ganz anderen treffen oder flüchtig zu Gesicht bekommen würden, und als wir an seiner Wohnung vorüberkamen, ging ich sogar so weit, mich zu fragen, ob er wohl am Fenster sein würde. Beim Betreten des Ladens bat mich Miss Murray, auf der Schwelle stehenzubleiben, während sie ihre Besorgungen machte, und ihr mitzuteilen, wenn jemand vorbeikäme. Aber, ach, niemand außer den Dorfbewohnern war zu sehen, bis auf Jane und Susan Green, die, anscheinend auf dem Rückweg von einem Spaziergang, die einzige Straße entlangkamen.
»Dumme Dinger!«, brummte sie, als sie nach Beendigung ihres Einkaufs herauskam. »Warum konnten sie nicht wenigstens ihren Tölpel von Bruder dabeihaben? Selbst er wäre besser als gar nichts.«
Sie begrüßte sie jedoch mit einem freundlichen Lächeln und beteuerte ihre Freude über das glückliche Zusammentreffen, genauso wie die Schwestern es taten. Die beiden nahmen sie in die Mitte, und alle drei gingen schwatzend und lachend davon, wie es eben junge Damen tun, wenn sie beisammen sind und auf leidlich vertrautem Fuß miteinander stehen. Aber ich, die ich mir wie das fünfte Rad am Wagen vorkam, überließ sie ihrem Frohsinn und blieb, wie meistens bei diesen Gelegenheiten, hinter ihnen zurück: Ich fand keinen Gefallen daran, neben Miss Green oder Miss Susan herzugehen wie eine Taubstumme, die weder sprechen noch angesprochen werden kann.
Aber diesmal blieb ich nicht lange allein. Zuerst kam es mir ganz sonderbar vor, dass gerade, als ich über Mr. Weston nachdachte, dieser auf mich zukam und mich begrüßte; doch dann, nach reiflicher Überlegung, fand ich daran eigentlich nichts mehr sonderbar außer der Tatsache, dass er mit mir sprach. Denn es war nur zu natürlich, dass er an einem solchen Morgen und in unmittelbarer Nähe seiner Behausung anzutreffen war; und über ihn nachgedacht hatte ich, mit kurzen Unterbrechungen, seit wir zu unserem Spaziergang aufgebrochen waren: Also lag auch darin nichts Besonderes.
»Sie sind wieder allein, Miss Grey«, sagte er.
»Ja.«
»Was für Menschen sind diese Damen – die beiden Miss Green?«
»Ich habe keine Ahnung.«
»Das ist merkwürdig, da Sie doch so nahe beieinander wohnen und sie so häufig sehen!«
»Nun, ich halte sie für lebhafte, gutmütige Mädchen, aber ich denke, dass Sie sie besser kennen als ich, denn ich habe noch mit keinem von beiden ein Wort gewechselt.«
»Ach, wirklich! Ich habe gar nicht den Eindruck, als wären sie besonders zurückhaltend.«
»Sehr wahrscheinlich sind sie das auch nicht bei Leuten ihres Standes, aber mir gegenüber sehen sie sich in einer ganz anderen Schicht angesiedelt!«
Er antwortete nicht darauf, aber nach einer kurzen Pause sagte er:
»Ich nehme an, Miss Grey, dass es diese Dinge sind, die Sie glauben lassen, dass Sie nicht ohne ein Zuhause leben können?«
»Das nicht gerade. Der Grund liegt darin, dass ich zu gesellig veranlagt bin, um ohne Freunde zufrieden zu leben; und da die einzigen Freunde, die ich besitze oder vermutlich besitzen werde, zu Hause sind, und wenn es dieses Heim oder besser sie nicht mehr gäbe, dann – ich will nicht behaupten, dass ich dann nicht mehr leben könnte, aber in einer solch trostlosen Welt möchte ich lieber nicht leben.«
»Aber warum sagen Sie: die einzigen Freunde, die Sie wahrscheinlich haben werden? Sind Sie so ungesellig, dass Sie keine Freundschaften schließen können?«
»Nein, aber ich habe bis jetzt noch keine geschlossen, und in meiner gegenwärtigen Lage besteht auch keine Möglichkeit dazu oder auch nur eine ganz normale Bekanntschaft zu machen. Die Schuld liegt vielleicht zum Teil bei mir, aber ich hoffe, nicht ganz.«
»Die Schuld liegt zum Teil bei der Gesellschaft und zum Teil, glaube ich, bei Ihren derzeitigen Nachbarn: und zum Teil auch bei Ihnen selbst, denn viele Damen in Ihrer Situation würden dafür sorgen, dass man sie anerkennt und schätzt. Aber Ihre Schülerinnen sollten doch bis zu einem gewissen Grade auch Ihre Gefährtinnen sein; sie können nicht viel jünger sein als Sie selbst.«
»O ja, manchmal hat man an ihnen gute Gesellschaft, aber ich könnte sie nie als Freundinnen bezeichnen, noch kämen sie je auf den Gedanken, mich mit diesem Namen zu beehren – sie haben andere Gefährtinnen, die mehr ihrem Geschmack entsprechen.«
»Vielleicht sind Sie ihnen zu klug. Wie vertreiben Sie sich die Zeit, wenn Sie allein sind – lesen Sie viel?«
»Lesen ist meine Lieblingsbeschäftigung, wenn ich die entsprechende Muße und Bücher habe.«
Von Büchern im Allgemeinen kam er auf verschiedene Bücher im Einzelnen zu sprechen und wechselte schnell von einem Thema zum andern, so dass schließlich im Verlauf einer halben Stunde die verschiedensten Dinge, was Geschmack und Ansichten betraf, eingehend erörtert wurden, allerdings ohne dass er sie durch Bemerkungen seinerseits bereichert hätte; offensichtlich war er weniger darauf aus, seine eigenen Gedanken und Vorlieben mitzuteilen, als etwas über die meinigen zu erfahren. Er war nicht so feinfühlig oder so listig, sein Ziel zu erreichen, indem er durch die wahre oder angebliche Darlegung seiner eigenen Gefühle und Vorstellungen die meinigen geschickt aus mir herauslockte, oder das Gespräch schrittweise unmerklich auf die Themen zu lenken, die ihm am Herzen lagen: Aber diese leichte Schroffheit, diese zielstrebige Direktheit konnten mich keineswegs beleidigen.
»Und warum interessiert er sich überhaupt für meine moralischen und geistigen Eigenschaften: Was liegt ihm daran, was ich denke oder fühle?«, fragte ich mich. Und mein Herz pochte, als ich darauf eine Antwort suchte.
Jane und Susan Green waren indes zu Hause angelangt. Da sie noch plaudernd vor den Parktoren standen und versuchten, Miss Murray zu überreden, mit ins Haus zu kommen, hätte ich gewünscht, Mr. Weston würde weitergehen, damit Rosalie ihn nicht mit mir zusammen sähe, wenn sie sich umdrehte; aber unglücklicherweise hieß ihn seine Pflicht, dem armen Mark Wood einen weiteren Besuch abzustatten und so fast bis zum Ende unseres Spaziergangs den gleichen Weg wie wir zu nehmen. Als er jedoch sah, dass Rosalie sich von ihren Freundinnen verabschiedet hatte und ich im Begriff war, ihr zu folgen, wollte er weitergehen und schlug einen schnelleren Schritt an; im Vorübergehen zog er höflich den Hut vor ihr, und zu meiner Überraschung erwiderte sie den Gruß nicht mit einem steifen, ungnädigen Kopfnicken, sondern grüßte ihn mit ihrem süßesten Lächeln und begann, während sie neben ihm herging, mit aller erdenklichen Heiterkeit und Leutseligkeit mit ihm zu plaudern. Und so gingen wir alle drei zusammen weiter.
Nachdem das Gespräch kurz ins Stocken geraten war, richtete Mr. Weston direkt an mich eine Bemerkung, die sich auf etwas bezog, was wir zuvor angesprochen hatten; doch noch ehe ich antworten konnte, antwortete Miss Murray auf seine Äußerung und ließ sich ausführlich darüber aus: Er erwiderte etwas, und von da an bis zum Ende der Unterhaltung nahm sie ihn vollkommen für sich in Anspruch. Wahrscheinlich war es meiner Torheit, meinem Mangel an Takt und Selbstsicherheit zuzuschreiben, aber ich fühlte mich ungerecht behandelt. Ich zitterte vor Besorgnis und lauschte voller Neid ihrem leichten, schnellen Redefluss und sah ängstlich das strahlende Lächeln, mit dem sie ihn von Zeit zu Zeit anblickte: denn sie ging einen Schritt vor uns her, wohl, wie ich annahm, damit man sie genauso gut sehen wie hören konnte. Auch wenn das, was sie sagte, oberflächlich und banal war, so war es doch amüsant, und es mangelte ihr nie an Gesprächsthemen oder geeigneten Worten, sie auszudrücken. Da war nichts mehr von dem schnippischen, leichtfertigen Verhalten, das sie auf den Spaziergängen mit Mr. Hatfield an den Tag gelegt hatte, nur eine leichte, spielerische Form von Lebhaftigkeit, die einem Mann von Mr. Westons Veranlagung und Temperament meiner Ansicht nach besonders gut gefallen musste.
Als er sich entfernt hatte, begann sie zu lachen und sagte zu sich selbst: »Ich dachte mir, dass ich es kann!«
»Dass Sie was können?«, fragte ich.
»Ihn an mich fesseln.«
»Was in aller Welt meinen Sie?«
»Ich meine, dass er nun nach Hause geht und von mir träumt. Ich habe ihn mitten ins Herz getroffen!«
»Woher wissen Sie das?«
»Dafür gibt es einige untrügliche Beweise: ganz besonders den Blick, den er mir beim Abschied schenkte. Es war kein unverschämter Blick – das will ich ihm nicht anlasten –, aber ein Blick voll ehrfürchtiger, zärtlicher Bewunderung. Ha, ha, er ist doch nicht der sture Dummkopf, für den ich ihn anfangs gehalten habe!«
Ich gab keine Antwort, denn das Herz klopfte mir bis zum Halse, und ich konnte mich nicht auf meine Stimme verlassen. »Lieber Gott, verhüte es«, flehte ich innerlich, »um seinet-, nicht um meinetwillen!«
Als wir durch den Park schritten, machte Miss Murray einige nichtssagende Bemerkungen, auf die ich trotz meiner Abneigung, eine einzige Spur von meinen Gefühlen erkennen zu lassen, nur einsilbig antworten konnte. Ob sie mich absichtlich quälen oder sich lediglich unterhalten wollte, konnte ich nicht sagen – es war mir auch ziemlich gleichgültig; aber ich dachte an den armen Mann mit seinem einzigen Lamm und den reichen Mann mit seinen tausend Herden und fürchtete Gott weiß was für Mr. Weston, ganz abgesehen von meinen vereitelten Hoffnungen.
Ich war von Herzen froh, ins Haus zu gelangen und einmal mehr allein in meinem Zimmer zu sein. Meine erste Regung war, mich auf den Stuhl neben meinem Bett sinken zu lassen, den Kopf im Kissen zu vergraben und in einem leidenschaftlichen Tränenausbruch Linderung zu suchen: Ich hatte das dringende Verlangen nach dieser Tröstung. Doch ach, ich musste mich zusammennehmen und meine Gefühle unterdrücken: Die Glocke ertönte – die verhasste Glocke, die die Mahlzeit im Schulzimmer ankündigte, und ich musste mit unbeteiligter Miene hinuntergehen, lächeln, lachen, Unsinn reden – ja, und, wenn möglich, auch noch essen, so als wäre alles in bester Ordnung und ich gerade von einem angenehmen Spaziergang zurückgekehrt.
Kapitel 16
Der Ersatz
Der nächste Sonntag war einer der düstersten Apriltage, ein Tag voll dicker, schwarzer Wolken und heftiger Regenschauer. Keiner der Murrays hatte Lust, nachmittags zur Kirche zu gehen, außer Rosalie: Sie war entschlossen, wie immer zu gehen. Also bestellte sie die Kutsche; ich ging mit ihr, natürlich ganz und gar nicht abgeneigt, denn in der Kirche würde ich Gelegenheit haben, ohne Angst, Spott oder Tadel die Gestalt und das Gesicht dessen zu betrachten, der mir besser gefiel als das schönste unter Gottes Geschöpfen; ungestört würde ich der Stimme lauschen können, die in meinen Ohren betörender klang als die süßeste Musik; ich würde insgeheim Zwiesprache halten mit der Seele, an der ich so tiefen Anteil nahm, und ihre reinsten Gedanken und heiligsten Ziele in mich aufnehmen; und dieses Glück würde höchstens getrübt durch die heimlichen Vorwürfe meines Gewissens, das mir allzu häufig einflüsterte, dass ich mich selbst täuschte und Gott verspottete mit der Hingabe eines Herzens, die mehr auf das Geschöpf als den Schöpfer gerichtet war.
Manchmal beunruhigten mich solche Gedanken sehr, manchmal aber konnte ich sie beschwichtigen, indem ich dachte: Es ist nicht der Mann, sondern seine Güte, die ich liebe. »Was rein ist, was lieblich, was ehrbar und was wohllautet, dem denket nach.« Wir tun wohl daran, Gott in seinen Werken zu verehren, und ich weiß keinen, aus dem so viel von Seiner Art, so viel von Seinem Geist leuchtete wie aus diesem Seinem treuen Diener, den zu kennen und nicht zu schätzen für mich, deren Herz so wenig ausgefüllt war, reine Gefühllosigkeit bedeutet hätte.
Fast unmittelbar nach dem Gottesdienst verließ Miss Murray die Kirche. Wir mussten in der Vorhalle warten, denn es regnete, und die Kutsche war noch nicht vorgefahren. Ich wunderte mich, dass sie so eilig hinausgegangen war, weil weder der junge Meltham noch Junker Green da waren, aber ich merkte schnell, dass sie es auf ein Gespräch mit Mr. Weston abgesehen hatte, sobald er die Kirche verließ, was er in ebendiesem Moment tat. Nachdem er uns beide gegrüßt hatte, wollte er weitergehen, doch sie hielt ihn zurück; zunächst mit Bemerkungen über das scheußliche Wetter, dann mit der Frage, ob er so nett wäre, morgen irgendwann bei der Enkelin der alten Frau hereinzuschauen, die das Pförtnerhaus bewohnte, denn das Mädchen läge mit Fieber zu Bett und wolle ihn gern sehen. Er versprach es.
»Und wann werden Sie etwa hingehen, Mr. Weston? Die alte Frau wird wissen wollen, wann sie Sie erwarten kann – Sie wissen ja, diese Leute achten mehr darauf, dass ihre Häuser in Ordnung sind, wenn sie Besuch von ehrbaren Leuten bekommen, als wir es uns vorstellen können.«
Welch schönes Beispiel für die Rücksichtnahme der sonst so rücksichtslosen Miss Murray! Mr. Weston nannte die Uhrzeit, zu der er versuchen wollte, dort zu sein. Inzwischen stand die Kutsche bereit, und der Diener wartete mit aufgespanntem Regenschirm, um Miss Murray über den Kirchhof zu geleiten. Ich war im Begriff zu folgen, aber auch Mr. Weston hatte einen Schirm und bot ihn mir zum Schutz an, weil es wirklich heftig regnete.
»Nein, danke, der Regen macht mir nichts aus«, sagte ich. Wie immer, wenn ich überrascht wurde, verließ mich mein gesunder Menschenverstand.
»Aber Sie haben ihn auch nicht gerade gern, nehme ich an? – Auf jeden Fall wird Ihnen ein Schirm nicht schaden«, antwortete er mit einem Lächeln, das erkennen ließ, dass er nicht gekränkt war, wie es ein Mann mit weniger gelassenem Gemüt und geringerem Einfühlungsvermögen gewesen wäre, wenn man seine Hilfe so abgelehnt hätte. Die Wahrheit seiner Aussage konnte ich nicht leugnen und ging also zusammen mit ihm zur Kutsche, wo er mir sogar die Hand reichte, um mir hineinzuhelfen: eine überflüssige Höflichkeit, die ich dennoch akzeptierte, aus Angst, ihn zu verletzen. Ein Blick, ein leichtes Lächeln zum Abschied – es war nur ein kurzer Augenblick; aber ich las darin oder, besser gesagt, meinte darin eine Bedeutung zu lesen, die in meinem Herzen das Feuer der Hoffnung stärker auflodern ließ als je zuvor.
»Ich hätte den Diener zu Ihnen zurückgeschickt, wenn Sie einen Moment gewartet hätten, Miss Grey, Sie hätten nicht Mr. Westons Schirm nehmen müssen«, bemerkte Rosalie mit einem sehr unfreundlichen Ausdruck auf ihrem hübschen Gesicht.
»Ich wäre auch ohne Schirm ausgekommen, aber Mr. Weston bot mir seinen eigenen zum Schutz an, und ich konnte sein Angebot nicht noch hartnäckiger, als ich es anfangs tat, ablehnen, ohne ihn zu kränken«, sagte ich und lächelte gelassen, denn mein inneres Glück ließ mir das als amüsant erscheinen, was mich zu einem anderen Zeitpunkt verletzt hätte.
Die Kutsche setzte sich in Bewegung. Miss Murray beugte sich vor und schaute aus dem Fenster, als wir an Mr. Weston vorbeifuhren. Er ging gleichmäßigen Schrittes über den Fußweg nach Hause und wandte nicht den Kopf.
»Dummer Esel!«, schrie sie und warf sich in ihren Sitz zurück. »Sie wissen gar nicht, was Sie verpasst haben, weil Sie nicht hergeschaut haben!«
»Und was hat er verpasst?«
»Einen Gruß von mir, der ihn in den siebenten Himmel versetzt hätte!«
Ich gab keine Antwort. Ich merkte, dass sie schlechter Laune war, und verspürte insgeheim Genugtuung, nicht weil sie verstimmt war, sondern weil sie glaubte, Grund dazu zu haben. Es brachte mich auf den Gedanken, dass meine Hoffnungen doch nicht ausschließlich meinen Wünschen und Vorstellungen entsprangen.
»Ich glaube, ich werde es mit Mr. Weston anstelle von Mr. Hatfield versuchen«, sagte meine Begleiterin nach einer kurzen Pause, in der sie ein wenig von ihrer normalen Fröhlichkeit zurückgewonnen hatte. »Der Ball in Ashby Park findet am Dienstag statt, wie Sie wissen, und Mama hält es für sehr wahrscheinlich, dass Sir Thomas mir dann einen Antrag macht: Solche Dinge passieren oft in der Heimlichkeit des Ballsaals, wenn die Herren am leichtesten zu umgarnen und die Damen am bezauberndsten sind. Aber wenn ich schon so bald heiraten werde, muss ich doch aus der Gegenwart das Beste machen: Ich habe beschlossen, dass Hatfield nicht der einzige Mann sein soll, der mir sein Herz zu Füßen legt und mich vergebens anfleht, diese bescheidene Gabe anzunehmen.«
»Falls Sie beabsichtigen, Mr. Weston zu einem Ihrer Opfer zu machen«, sagte ich mit gespielter Gleichgültigkeit, »dann müssen Sie selbst so weitgehende Angebote machen, dass es für Sie schwer sein wird, wieder zurückzustecken, wenn er Sie darum bittet, die Erwartungen zu erfüllen, die Sie geweckt haben.«
»Ich nehme nicht an, dass er mich bitten wird, ihn zu heiraten – das wünsche ich auch gar nicht, es wäre wirklich zu anmaßend; aber ich habe vor, ihn meine Macht spüren zu lassen. Er hat sie wahrlich schon gespürt, aber er soll es auch zugeben, und welche verstiegenen Hoffnungen er auch immer mit sich herumträgt, er soll sie für sich behalten und mich nur mit ihren Auswirkungen belustigen – eine Zeitlang.«
»Ach, wenn nur ein gütiger Geist ihm diese Worte ins Ohr flüstern wollte!«, rief ich innerlich aus. Ich war viel zu entrüstet, um es zu wagen, laut auf ihre Äußerung zu antworten, und an diesem Tage wurde nicht mehr von Mr. Weston gesprochen, weder von mir, noch in meiner Gegenwart. Aber am nächsten Morgen, gleich nach dem Frühstück, kam Miss Murray in das Schulzimmer, wo ihre Schwester mit ihren Studien oder besser Aufgaben beschäftigt war, denn Studien waren es wahrhaftig nicht, und sagte: »Matilda, ich möchte, dass du gegen elf mit mir einen Spaziergang machst.«
»Oh, das kann ich nicht, Rosalie! Ich muss wegen meines neuen Zaumzeugs und der neuen Satteldecke Anweisung geben und mit dem Rattenfänger über seine Hunde sprechen. Miss Grey soll mit dir gehen.«
»Nein, ich möchte, dass du mitgehst«, sagte Rosalie, und während sie ihre Schwester zum Fenster herüberrief, flüsterte sie ihr eine Erklärung ins Ohr, worauf Letztere sich bereit erklärte mitzukommen. –
Ich erinnerte mich daran, dass elf die Uhrzeit war, zu der Mr. Weston ins Pförtnerhaus zu gehen beabsichtigte, und als mir das einfiel, hatte ich den ganzen Plan durchschaut. Dementsprechend unterhielten sie mich beim Essen mit einem ausführlichen Bericht darüber, dass Mr. Weston sie überholt hatte, als sie die Straße entlanggegangen waren, dass sie lange gemeinsam mit ihm weitergegangen waren und mit ihm gesprochen hatten und ihn wirklich für einen recht angenehmen Begleiter hielten und wie entzückt er über ihre erstaunliche Herablassung gewesen sein musste und es offensichtlich auch war usw. usw.
Kapitel 17
Geständnisse
Da ich gerade dabei bin, Geständnisse zu machen, kann ich auch zugeben, dass ich zu dieser Zeit meiner Kleidung mehr Aufmerksamkeit schenkte als jemals zuvor. Das will nicht viel heißen, denn bis jetzt war ich in dieser Hinsicht etwas nachlässig gewesen: Nun aber war es nichts Ungewöhnliches, dass ich volle zwei Minuten damit verbrachte, mein Gesicht im Spiegel zu betrachten, wobei mir aus dieser Beschäftigung kein Trost erwuchs. Ich konnte in diesen ausgeprägten Zügen, den blassen, hohlen Wangen und dem gewöhnlichen, dunkelbraunen Haar keine Schönheit entdecken; die Stirn zeugte vielleicht von Verstand, und die dunkelgrauen Augen waren voller Ausdruck: Aber was bedeutet das schon? Gerade, griechische Augenbrauen und große, schwarze Augen würde man vorgezogen haben. Es ist töricht, sich Schönheit zu wünschen. Vernünftige Menschen begehren sie weder für sich selbst, noch legen sie bei anderen Wert darauf. Ist der Verstand gut entwickelt und das Herz auf dem rechten Fleck, dann fragt niemand nach dem Äußeren. Das haben uns die Lehrer in der Kindheit gelehrt, und das lehren wir die Kinder heute. Alles sehr klug und sehr richtig, ganz ohne Zweifel; aber stützen sich solche Behauptungen auch auf wirkliche Erfahrung?
Wir sind von Natur aus geneigt, das zu lieben, was uns gefällt, und was sollte uns mehr gefallen als ein schönes Gesicht – zumindest, wenn wir nichts Nachteiliges über denjenigen wissen, dem es gehört? Ein kleines Mädchen liebt seinen Vogel – warum? Weil er lebt und fühlt, weil er hilf- und harmlos ist? Auch eine Kröte lebt und fühlt und ist genauso hilf- und harmlos; aber auch wenn das Mädchen der Kröte nichts zuleide tun würde, es könnte sie nie so lieben wie den Vogel mit seiner anmutigen Gestalt, den zarten Federn und den leuchtenden, ausdrucksvollen Augen. Ist eine Frau schön und liebenswert, wird sie wegen beider Eigenschaften gerühmt, vom größten Teil der Leute aber vor allem wegen der Ersteren: Ist sie andererseits äußerlich und charakterlich unangenehm, bemängelt man im Allgemeinen ihre Unansehnlichkeit als ihren größten Nachteil, weil diese für den normalen Betrachter das größte Ärgernis darstellt; während, wenn sie hässlich und gut ist und vielleicht ein Mensch, der zurückgezogen und abgeschieden lebt, niemand außer ihren nächsten Verwandten jemals etwas von ihrem Wert erfährt. Die anderen Leute hingegen sind geneigt, ihr Gemüt, ihren Charakter negativ zu beurteilen, und sei es nur, um ihre instinktive Abneigung gegen eine Frau zu bemänteln, die von der Natur so benachteiligt wurde; umgekehrt ist es bei der Frau, deren engelgleiche Erscheinung ein böses Herz verbirgt oder einen falschen, trügerischen Charme über Mängel und Schwächen breitet, die bei einer anderen nicht toleriert würden. Diejenigen, die Schönheit besitzen, mögen dankbar dafür sein und guten Gebrauch davon machen wie von jeder anderen Anlage auch; diejenigen, die sie nicht besitzen, mögen sich trösten und, so gut es geht, ohne sie zurechtkommen: Denn Schönheit ist, auch wenn sie häufig überschätzt wird, zweifellos eine Gabe Gottes und nicht zu verachten. Viele werden so empfinden, die gefühlt haben, dass sie fähig sind zu lieben und wert, wiedergeliebt zu werden, während sie jedoch, da es ihnen an dieser oder jener Kleinigkeit mangelt, davon ausgeschlossen sind, jenes Glück zu geben und zu empfangen, das zu fühlen und zu schenken ihnen von Natur aus gegeben zu sein scheint. Ebenso könnte das bescheidene Glühwürmchen seine Leuchtkraft gering achten, ohne die jedoch ihr Anbeter, die umherschwirrende Fliege, tausendmal an ihm vorbeifliegen und sich nie bei ihm niederlassen würde: Es würde den geflügelten Liebsten um sich herumsummen hören, er hingegen vergebens nach ihm suchen, es selbst wäre voller Sehnsucht, gefunden zu werden, aber ohne die Möglichkeit, seine Gegenwart bemerkbar zu machen, ohne Stimme, um ihn zu rufen, ohne Flügel, um seinem Flug zu folgen – der ersehnte Geliebte muss sich eine andere Gefährtin suchen, das Glühwürmchen einsam leben und sterben.
Derartigen Überlegungen gab ich mich in dieser Zeit hin. Ich könnte immer weiterschreiben, noch tiefer gehen und andere Gedanken enthüllen, Fragen stellen, über deren Beantwortung der Leser rätseln würde, und Schlussfolgerungen ziehen, die sein Vorurteil wecken oder vielleicht seinen Spott erregen würden, weil er sie nicht verstehen kann. Doch ich will davon absehen.
Lassen Sie uns deshalb auf Miss Murray zurückkommen. Am Dienstag begleitete sie ihre Mama auf den Ball, selbstverständlich aufs Feinste herausgeputzt und hocherfreut über ihre Aussichten und ihr bezauberndes Aussehen. Da Ashby Park fast zehn Meilen von Horton Lodge entfernt lag, mussten sie ziemlich früh aufbrechen, und ich nahm mir vor, den Abend bei Nancy Brown zu verbringen, die ich lange nicht gesehen hatte; aber meine reizende Schülerin trug Sorge, dass ich ihn nicht dort, sondern in den vier Wänden des Schulzimmers verbrachte, indem sie mir den Auftrag gab, ein Notenblatt abzuschreiben, womit ich voll und ganz beschäftigt war, bis es Zeit war, schlafen zu gehen. Am nächsten Morgen gegen elf, sobald sie ihr Zimmer verlassen hatte, kam sie zu mir, um mir das Neuste zu verkünden. Sir Thomas hatte tatsächlich auf dem Ball um ihre Hand angehalten: ein Ereignis, das für die Klugheit ihrer Mutter, wenn nicht für ihre geschickte Planung sprach. Ich neige eher zu der Annahme, dass sie zunächst ihre Pläne geschmiedet und dann deren Erfolg vorausgesagt hatte. Der Antrag war natürlich angenommen worden, und der auserwählte Bräutigam sollte noch an diesem Tage kommen und die Angelegenheit mit Mr. Murray regeln.
Rosalie gefiel der Gedanke, Herrin von Ashby Park zu werden; sie war freudig erregt in Erwartung der Hochzeitsfeierlichkeiten, der damit verbundenen Pracht und dem Aufsehen, den Flitterwochen im Ausland und den anschließenden Lustbarkeiten, die sie in London und anderswo zu genießen hoffte; sie schien derzeit auch ganz zufrieden mit Sir Thomas zu sein, weil sie ihn soeben erst gesehen und mit ihm getanzt hatte und von ihm mit Komplimenten bedacht worden war; letztendlich aber schien sie vor dem Gedanken zurückzuschrecken, schon so bald verheiratet zu sein: Sie wünschte, die Hochzeit wenigstens einige Monate aufzuschieben, und ich wünschte es auch. Ich hielt es für schrecklich, auf diese unglückselige Heirat zu drängen und dem armen Geschöpf keine Zeit zu lassen, über den unwiderruflichen Schritt, den zu tun sie im Begriff war, in Ruhe nachzudenken. Ich maßte mir nicht an, »die wachsame, bange Sorge einer Mutter« zu besitzen, aber ich war erstaunt und entsetzt über Mrs. Murrays Herzlosigkeit oder darüber, wie wenig Gedanken sie sich über das wirkliche Glück ihres Kindes machte, und ich versuchte vergebens, mit meinen Warnungen und Ermahnungen den Schaden abzuwenden; sie blieben unbeachtet. Miss Murray lachte nur über meine Worte, und bald fand ich heraus, dass ihr Widerwille gegen eine sofortige Heirat hauptsächlich dem Wunsch entsprang, noch recht viele Eroberungen unter den jungen Männern ihres Bekanntenkreises zu machen, bis es ihr unmöglich war, in dieser Hinsicht weiteren Schaden anzurichten. Darum hatte sie mir auch, bevor sie mir das Geheimnis ihrer Verlobung anvertraute, das Versprechen abgenommen, bei niemandem ein Wort darüber zu verlieren. Und als ich das erkannte und sah, wie sie sich noch leichtsinniger als zuvor in die Niederungen gefühlloser Koketterie begab, hatte ich kein Mitleid mehr mit ihr. »Komme, was will«, dachte ich, »es geschieht ihr recht. Sir Thomas kann gar nicht zu schlecht für sie sein, und je eher sie daran gehindert wird, andere zu täuschen und zu verletzen, desto besser.«
Die Hochzeit wurde auf den 1. Juni angesetzt. Zwischen diesem Termin und dem bewussten Ball lagen nur wenig mehr als sechs Wochen, aber mit Rosalies vollendetem Geschick und ihren unausgesetzten Bemühungen konnte man sogar in diesem Zeitraum einiges erreichen; besonders weil Sir Thomas den größten Teil der Zeit in London verbrachte, wohin er gereist war, wie es hieß, um einige Dinge mit seinem Rechtsanwalt zu regeln und weitere Vorkehrungen für die bevorstehende Hochzeit zu treffen. Er bemühte sich, seine fehlende Anwesenheit durch ein wahres Feuerwerk von Liebesbriefen wettzumachen; diese aber erregten weder die Aufmerksamkeit der Nachbarn, noch wiesen sie auf die künftige Verbindung hin, wie es persönliche Besuche getan hätten; und ihr Hochmut und eine säuerliche Form der Reserviertheit hielten die alte Lady Ashby davon ab, die Neuigkeit zu verbreiten, während ihre anfällige Gesundheit sie daran hinderte, ihre zukünftige Schwiegertochter zu besuchen, so dass alles in allem weniger über die ganze Angelegenheit bekannt wurde als sonst in solchen Fällen üblich.
Manchmal zeigte mir Rosalie die Briefe ihres Verlobten, um mich zu überzeugen, was für ein netter, ergebener Ehemann er sein würde. Sie zeigte mir auch die Briefe eines anderen Individuums, des unglücklichen Mr. Green, der nicht den Mut oder, wie sie es ausdrückte, den »Mumm« aufbrachte, seinen Fall persönlich vorzutragen, dem aber eine Abfuhr nicht genügte: Er schrieb wieder und wieder. Er hätte dies sicher unterlassen, wenn er gesehen hätte, welche Grimassen seine schöne Angebetete beim Lesen seiner bewegenden Appelle an ihre Gefühle schnitt, und ihr höhnisches Gelächter und die schmählichen Bezeichnungen vernommen hätte, mit denen sie ihn wegen seiner Ausdauer überhäufte.
»Warum teilen Sie ihm nicht umgehend mit, dass Sie verlobt sind?«, fragte ich.
»Ach, ich möchte nicht, dass er das weiß«, antwortete sie. »Wenn er es wüsste, wüssten es auch seine Schwestern und alle Welt, und das wäre das Ende meiner – hm, hm! Und außerdem, wenn ich es ihm erzähle, würde er glauben, meine Verlobung wäre das einzige Hindernis und ich wollte ihn haben, wenn ich nur frei wäre; und ich könnte es nicht ertragen, dass auch nur ein Mann das denkt, er jedenfalls zuallerletzt. Außerdem stören mich seine Briefe nicht«, fügte sie verächtlich hinzu, »er kann so oft schreiben, wie es ihm Spaß macht, und meinetwegen gucken wie ein Kalb, wenn ich ihm begegne: Ich amüsiere mich höchstens darüber.«
Unterdessen kam der junge Meltham häufig ins Haus oder ritt daran vorbei: und nach Matildas Flüchen und Vorwürfen zu urteilen, schenkte ihm ihre Schwester mehr Aufmerksamkeit, als es die Höflichkeit erfordert hätte, mit anderen Worten, sie flirtete weiterhin so lebhaft, wie es die Anwesenheit ihrer Eltern erlaubte. Sie unternahm einige Versuche, Mr. Hatfield erneut zu ihrem Anbeter zu machen, als sie aber merkte, dass dies ohne Erfolg blieb, zahlte sie ihm seine hochmütige Gleichgültigkeit mit umso größerer Verachtung heim und sprach nun mit ebenso viel Geringschätzung und Abscheu von ihm wie vorher von seinem Hilfspfarrer. Aber während alledem verlor sie Mr. Weston nicht einen Moment aus den Augen. Sie ergriff jede Gelegenheit, ihn zu treffen, probierte jedes Mittel, ihn zu betören, und verfolgte ihn mit einer Hartnäckigkeit, als wenn sie wirklich ihn und keinen anderen liebte und das Glück ihres Lebens davon abhinge, ihm die Erwiderung ihrer Zuneigung zu entlocken. Für ein derartiges Verhalten hatte ich absolut kein Verständnis. Wäre es in einem Roman geschildert worden, ich hätte es für unnatürlich gehalten, hätten andere Leute es beschrieben, ich hätte es als Irrtum oder Übertreibung abgetan; da ich es aber mit eigenen Augen sah und auch darunter litt, konnte ich nur folgern, dass übermäßige Eitelkeit genau wie Trunksucht das Herz verhärtet, die natürlichen Anlagen verkümmern lässt und die Gefühle verdirbt; und dass Hunde nicht die einzigen Geschöpfe sind, die, nachdem sie sich bis obenhin satt gefressen haben, sich noch über das freuen, was sie gar nicht mehr herunterbringen, dem hungernden Bruder aber noch den kleinsten Bissen missgönnen.
Den armen Häuslern gegenüber zeigte sie sich nun äußerst wohltätig. Sie dehnte die Bekanntschaft mit ihnen aus und besuchte ihre bescheidenen Behausungen häufiger und länger. Das brachte ihr den Ruf einer leutseligen und barmherzigen jungen Dame ein, und die Loblieder über sie wurden mit Sicherheit vor Mr. Weston wiederholt, den zu treffen sie so täglich Gelegenheit hatte, ob in einem der Häuser oder auf dem Weg von einem zum anderen; und oft konnte sie durch das Geschwätz der Leute aufschnappen, wohin er zu der und der Zeit gehen würde, ob er ein Kind taufen oder die Alten, Kranken, Elenden oder Sterbenden aufsuchen würde, und geschickt richtete sie ihre Pläne danach aus. Diese Besuche machte sie manchmal zusammen mit ihrer Schwester, die sie irgendwie überredet oder bestochen hatte, sich auf ihre Machenschaften einzulassen, manchmal allein, aber niemals mehr mit mir, so dass mir die Freude versagt war, Mr. Weston zu sehen oder seine Stimme wenigstens im Gespräch mit einer anderen zu hören: Denn eine Freude wäre es gewesen, wie kränkend oder schmerzlich auch immer. Ich konnte ihn nicht einmal mehr in der Kirche sehen, denn Miss Murray beschloss unter einem nichtigen Vorwand, genau den Platz in der Familienbank einzunehmen, der von Anfang an der meine gewesen war, und wenn ich nicht so vermessen sein wollte, mich zwischen Mr. und Mrs. Murray zu setzen, musste ich mit dem Rücken zur Kanzel sitzen, was ich demzufolge auch tat.
Ich ging jetzt auch nicht mehr zu Fuß mit meinen Schülerinnen nach Hause: Sie teilten mir mit, ihre Mama fände, es sähe nicht gut aus, wenn drei Mitglieder der Familie zu Fuß gingen und nur zwei mit der Kutsche führen, und da sie es bei schönem Wetter vorzogen zu laufen, wurde mir die Ehre zuteil, mit den Eltern zu fahren. »Und außerdem«, meinten sie, »können Sie auch nicht so schnell gehen wie wir; Sie wissen ja, dass Sie immer weit zurückbleiben. Ich wusste, dass dies faule Ausreden waren, machte jedoch keine Einwände und widersprach diesen Behauptungen nie, kannte ich doch ihre Motive. Und nachmittags ging ich im Verlauf dieser sechs denkwürdigen Wochen überhaupt nicht mehr zur Kirche. Wenn ich erkältet oder etwas unpässlich war, nutzten sie diesen Vorteil, um mich zu Hause zu halten, und oft sagten sie mir, sie wollten heute selbst nicht mehr gehen, taten dann so, als hätten sie ihre Meinung geändert, und brachen auf, ohne mir Bescheid zu sagen, wobei sie ihren Aufbruch so geschickt arrangierten, dass ich ihren Sinneswandel stets zu spät entdeckte. Bei ihrer Rückkehr von einem dieser Kirchenbesuche berichteten sie mir angeregt von einer Unterhaltung, die sie unterwegs mit Mr. Weston geführt hatten. »Und er hat gefragt, ob Sie krank sind, Miss Grey«, sagte Matilda, »aber wir haben ihm erklärt, dass Sie ganz gesund sind und nur keine Lust hätten, in die Kirche zu gehen – jetzt denkt er bestimmt, Sie wären gottlos geworden.«
Auch jede zufällige Begegnung an den Wochentagen wurde sorgsam verhindert, denn damit ich nicht die arme Nancy Brown oder sonst jemanden besuchte, achtete Miss Murray darauf, mir für all meine freie Zeit ausreichend Beschäftigung zu geben. Immer war ein Bild fertig zu malen, ein Notenblatt abzuschreiben oder irgendeine andere Arbeit zu verrichten, genug, um es mir unmöglich zu machen, mir mehr als einen kurzen Spaziergang auf dem Parkgelände zu gönnen, egal ob sie oder ihre Schwester nun beschäftigt waren oder nicht.
Eines Morgens, nachdem sie Mr. Weston gesucht und ihm aufgelauert hatten, kehrten sie in Hochstimmung zurück und berichteten über ihr Gespräch mit ihm. »Und er hat sich wieder nach Ihnen erkundigt«, sagte Matilda trotz des stummen, aber gebieterischen Winks ihrer Schwester, den Mund zu halten. »Er hat gefragt, warum Sie nie mit uns kämen, und meinte, Sie wären wohl von zarter Gesundheit, weil Sie so selten nach draußen gingen.«
»Das hat er nicht, Matilda – was für einen Unsinn zu redest!«
»Oh, Rosalie, das ist gelogen! Du weißt genau, dass es so war; und du hast gesagt – hör auf, Rosalie, zum Henker! Ich will nicht, dass du mich so kneifst! Und, Miss Grey, Rosalie hat ihm erzählt, Sie würden sich ganz wohl fühlen, sich aber immer so in Ihren Büchern vergraben, dass Sie an nichts anderem Interesse hätten.«
»Was muss er nur von mir denken!«, überlegte ich.
»Und fragt die alte Nancy noch manchmal nach mir?«, fragte ich.
»Ja, und wir haben ihr gesagt, Sie wären so versessen aufs Lesen und Zeichnen, dass Sie für nichts anderes Zeit hätten.«
»Aber das ist doch gar nicht der Fall; wenn Sie ihr erzählt hätten, ich wäre zu beschäftigt gewesen, um sie besuchen zu können, wäre das der Wahrheit nähergekommen.«
»Das glaube ich nicht«, antwortete Miss Murray plötzlich gereizt, »Sie haben doch bestimmt eine Menge Zeit für sich, jetzt, wo Sie nur noch so wenig Unterricht geben müssen.«
Es hatte keinen Sinn, mit derart verwöhnten, unvernünftigen Geschöpfen Streit anzufangen: Also hielt ich den Mund. Ich war mittlerweile daran gewöhnt zu schweigen, wenn in meiner Gegenwart Dinge geäußert wurden, die mir missfielen, und auch darin geübt, ein gelassenes Lächeln zur Schau zu tragen, wenn mir tief im Innern bitter zumute war. Nur jemand, der das Gleiche erlebt hat, kann sich meine Gefühle vorstellen, wie ich gleichgültig lächelnd dasaß und mir die Erzählungen über jene Begegnungen und Gespräche mit Mr. Weston anhörte, von denen sie mir offensichtlich so gern berichteten; sie stellten Behauptungen über ihn auf, von denen ich genau wusste – denn ich kannte ja seinen Charakter –, dass sie Übertreibungen und Verzerrungen der Wahrheit, wenn nicht gänzlich falsch waren. Darstellungen, die für ihn nachteilig, für sie aber, besonders Miss Murray, schmeichelhaft waren. Ich brannte darauf zu widersprechen und zumindest meine Zweifel anzumelden, aber ich wagte es nicht, aus Angst, ich könnte zugleich mit meinem Zweifel auch mein Interesse erkennen lassen. Ich vernahm Berichte, bei denen ich spürte oder fürchtete, dass sie nur zu sehr der Wahrheit entsprachen: Aber voller Empörung über sie musste ich meine Besorgnis um ihn weiterhin hinter einer unbekümmerten Miene verbergen; dann wieder machten sie Andeutungen über etwas, das gesagt oder getan worden war, worüber ich gern mehr erfahren hätte, aber es nicht wagen durfte nachzufragen. So verging diese unerträgliche Zeit. Ich konnte mich nicht einmal damit trösten, dass ich mir sagte: »Bald ist sie verheiratet, und dann gibt es vielleicht Hoffnung.«
Bald nach ihrer Hochzeit würden die Ferien kommen, und wenn ich von zu Hause zurückkehrte, würde Mr. Weston höchstwahrscheinlich nicht mehr hier sein; denn ich hatte erfahren, dass er und der Gemeindepfarrer nicht gut miteinander auskämen (natürlich die Schuld des Letzteren) und dass er im Begriff stand, an einen anderen Ort zu ziehen.
Nein – außer meinem Gottvertrauen war es mein einziger Trost zu denken, dass, auch wenn er es nicht wusste, ich seiner Liebe eher würdig war als Rosalie Murray, so reizend und anziehend sie auch war; denn ich konnte seine vortrefflichen Eigenschaften einschätzen, sie nicht: Ich würde mein Leben dafür hingeben, ihn glücklich zu machen; sie würde wegen der flüchtigen Befriedigung ihrer Eitelkeit sein Glück zerstören. »Oh, wenn er nur den Unterschied sehen könnte!«, wollte ich ernsthaft ausrufen. »Doch nein, ich würde nicht wollen, dass er mir ins Herz blickt, aber wenn er nur ihre Falschheit, ihre nichtswürdige, herzlose Oberflächlichkeit erkennen könnte, dann wäre er sicher und ich beinahe glücklich, auch wenn ich ihn nie mehr wiedersehe.«
Ich fürchte, der Leser ist mittlerweile der Torheit und Schwäche überdrüssig, die ich so offen vor ihm ausgebreitet habe. Ich habe damals nichts verraten und hätte dies auch nicht getan, wenn ich mit meiner Schwester oder meiner Mutter in einem Hause gelebt hätte. Ich war eine verschwiegene, entschlossene Heuchlerin – zumindest in diesem einen Fall. Nur der Himmel und ich selbst waren Zeugen meiner Gebete, Tränen, Sehnsüchte, Ängste und Klagen.
Wenn wir von Sorgen und Ängsten gequält oder lange Zeit von starken Gefühlen bedrückt werden, die wir für uns behalten müssen und für die wir bei keinem Menschen Verständnis finden und suchen, die wir jedoch nicht gänzlich ersticken können oder wollen, suchen wir oft instinktiv in der Dichtung Trost und finden ihn dort auch häufig – ob in den Ergüssen anderer, die augenscheinlich mit unserem eigenen Fall übereinstimmen, oder in unseren eigenen Versuchen, jenem Denken und Fühlen Ausdruck zu verleihen, vielleicht in Versen, die weniger musikalisch, aber passender und daher eindringlicher, einfühlsamer und für den Augenblick tröstender oder wirkungsvoller sind, um das gequälte und übervolle Herz aufzurichten und von seiner Last zu befreien. Ich hatte bereits zuvor in Wellwood House und auch hier zwei- oder dreimal bei dieser Labsal des Gemüts Zuflucht gesucht, wenn ich von Heimweh und Schwermut heimgesucht worden war; nun tat ich es wieder und mit größerem Verlangen als je zuvor, weil ich es anscheinend noch dringender brauchte. Ich bewahre jene Andenken an vergangene Leiden und Erfahrungen noch immer auf wie Gedenksäulen, die man auf der Reise durch das Tal des Lebens errichtet hat, um an besondere Ereignisse zu gemahnen. Die Fußspuren sind verwischt, das Gesicht der Landschaft hat sich vielleicht verändert, aber die Säule ist noch da, um daran zu erinnern, wie alles war, als sie aufgestellt wurde. Weil der Leser nun sicher gern etwas von diesen Ergüssen erfahren möchte, will ich ihm eine kurze Kostprobe nicht vorenthalten: Mögen die Zeilen auch kühl und fern klingen, verdanken sie ihre Entstehung doch einem geradezu leidenschaftlichen Schmerz.
Ach, alle Hoffnung nahm man mir,
Die ich so still gehegt,
Darf jene Stimme nicht mehr hören,
Die mich so tief bewegt.
Dein Antlitz seh ich nun nicht mehr,
Das mich so sehr beglückt,
Dein Lächeln, deine Liebe, ach,
Wie weit sind sie entrückt!
Und wenn sie mir auch alles nehmen,
Eines bleibt gewiss für mich –
Ein Herz, das liebend an dich denkt
Und fühlt: Es gibt nur dich.
Ja, zumindest das konnten sie mir nicht nehmen: Ich konnte Tag und Nacht an ihn denken und fühlen, dass er es wert war, dass ich an ihn dachte. Niemand kannte ihn so gut wie ich; niemand schätzte ihn so wie ich, niemand konnte ihn so lieben wie ich – wenn ich es gedurft hätte, aber hier lag das Problem. Welchen Anlass hatte ich, so oft an einen Menschen zu denken, der nie an mich dachte? War das nicht töricht? War das nicht falsch? Aber wenn ich so viel Freude daran hatte, an ihn zu denken, und diese Gedanken für mich behielt und niemand anderen damit belästigte, welchen Schaden sollte das anrichten, fragte ich mich. Und solche Gedankengänge hielten mich davon ab, mir wirklich Mühe zu geben, mich von meinen Fesseln zu befreien.
Aber wenn mir diese Gedanken Freude bereiteten, so war es doch eine schmerzliche, unruhige Freude, die zu sehr mit einem Gefühl der Pein verbunden war und mich mehr kränkte, als ich merkte. Es war eine Schwäche, die sich ein klügerer, erfahrenerer Mensch zweifellos versagt hätte. Und doch, wie trostlos war es, die Augen von der Betrachtung jenes strahlenden Gegenstandes abzuwenden und sie auf die einförmige, graue, trübselige Aussicht ringsum zu richten: den freudlosen, hoffnungslosen, einsamen Weg, der vor mir lag. Es war falsch, so niedergedrückt und verzagt zu sein; ich hätte mit Gott Freundschaft schließen und es zum Mittelpunkt meines Lebens machen sollen, nach Seinem Willen zu leben, aber mein Glaube war zu schwach, die Leidenschaft zu stark.
In dieser Zeit der Not gab es für mich noch zwei weitere Gründe, betrübt zu sein. Der erste mag banal erscheinen, aber er kostete mich so manche Träne: Schnapp, mein kleiner, stummer, grimmig dreinschauender, aber glanzäugiger, warmherziger Gefährte, das einzige Wesen, das mich liebte, wurde mir weggenommen und der rauen Behandlung des dörflichen Rattenfängers überlassen, einem Mann, der dafür bekannt war, dass er brutal mit seinen Hunden umging. Der zweite war ernst genug: Die Briefe, die ich von zu Hause bekam, deuteten darauf hin, dass es mit der Gesundheit meines Vaters bergab ging. Sie enthielten keine unheilvollen Befürchtungen, aber ich war ängstlich und mutlos geworden und konnte den Gedanken nicht verdrängen, dass uns ein schreckliches Unglück bevorstand. Ich sah förmlich die schwarzen Wolken, die sich um die Hügel meiner Kindheit zusammenballten, und hörte das wütende Heulen des Sturms, der im Begriff war, unser Heim zu zerstören und zu verwüsten.
Kapitel 18
Freude und Trauer
Schließlich kam der 1. Juni heran, und Rosalie Murray wurde Lady Ashby. Sie sah außerordentlich hübsch in ihrem Brautkleid aus. Nachdem sie von der Trauung in der Kirche zurückgekehrt war, kam sie ins Schulzimmer gestürzt, mit vor Aufregung gerötetem Gesicht und einem Lachen, das meiner Meinung nach eine Mischung aus Freude und blanker Verzweiflung ausdrückte.
»Nun bin ich Lady Ashby, Miss Grey!«, rief sie. »Es ist geschehen, mein Schicksal ist besiegelt, es gibt kein Zurück mehr. Ich bin gekommen, um Ihre Glückwünsche entgegenzunehmen und Ihnen Lebewohl zu sagen, und danach geht’s nach Paris, Rom, Neapel, in die Schweiz, nach London – du liebe Zeit, was werde ich alles sehen und hören, bis ich hierher zurückkomme. Aber vergessen Sie mich nicht: Ich werde Sie nicht vergessen, auch wenn ich ein ungezogenes Mädchen gewesen bin. Kommen Sie, warum gratulieren Sie mir nicht?«
»Ich kann Ihnen erst gratulieren, wenn ich weiß, dass diese Veränderung zu Ihrem Vorteil ist«, antwortete ich, »aber ich hoffe es aufrichtig und wünsche Ihnen von Herzen Glück und allen Segen.«
»Also auf Wiedersehen, die Kutsche wartet, und man ruft mich.«
Sie gab mir einen hastigen Kuss und stürzte davon, machte aber plötzlich auf dem Absatz kehrt, umarmte mich mit größerer Zuneigung, als ich ihr zugetraut hätte, und verließ mich mit Tränen in den Augen. Das arme Mädchen! Ich hatte sie in diesem Augenblick richtig gern und verzieh ihr aus tiefstem Herzen alles Unrecht, das sie mir und anderen angetan hatte: Sicher hatte sie es halb unbewusst getan; und ich bat auch Gott, ihr zu vergeben.
Für den Rest dieses Tages voll festlicher Schwermut blieb ich mir selbst überlassen. Da ich zu durcheinander war, um mich einer gleichförmigen Beschäftigung zu widmen, ging ich, ein Buch in der Hand, einige Stunden lang spazieren, wobei ich mehr nachdachte als las, denn ich hatte über vieles nachzudenken. Am Abend nutzte ich meine Freiheit, um wieder einmal meine alte Freundin Nancy zu besuchen, mich für mein langes Fernbleiben zu entschuldigen – das ihr bestimmt gleichgültig und lieblos vorgekommen war –, indem ich ihr erzählte, wie beschäftigt ich gewesen war, um zu reden, vorzulesen oder ihr bei der Arbeit zu helfen, was immer ihr am liebsten war, und natürlich auch, um ihr die Neuigkeit dieses bedeutsamen Tages mitzuteilen: vielleicht auch, um umgekehrt etwas von ihr über Mr. Westons zu erwartenden Weggang zu erfahren. Davon schien sie nichts zu wissen, und ich hoffte wie sie, dass das Ganze nur ein Gerücht war. Sie freute sich sehr, mich zu sehen, aber zum Glück waren ihre Augen fast wieder so in Ordnung, dass sie kaum noch meiner Hilfe bedurfte. An der Hochzeit nahm sie großen Anteil, aber während ich sie mit Einzelheiten über den festlichen Tag, den Prunk der Hochzeitsgesellschaft und die Braut selbst unterhielt, seufzte sie des Öfteren, schüttelte den Kopf und wünschte, dass alles gut ausgehen möge; genau wie ich schien sie mehr einen Anlass zur Sorge als zur Freude zu sehen. Ich saß lange bei ihr und sprach darüber und über andere Dinge – aber niemand kam.
Soll ich gestehen, dass ich von Zeit zu Zeit zur Tür sah in der erwartungsvollen Hoffnung, sie möge sich öffnen und Mr. Weston eintreten, wie es schon einmal geschehen war? Und dass ich, als ich über Wege und Felder nach Hause ging, oft stehenblieb und mich umsah und langsamer ging, als es eigentlich nötig gewesen wäre – denn es war zwar ein schöner Abend, aber nicht gerade sehr warm –, und als ich schließlich auf dem Gut angekommen war, ein Gefühl der Leere und Enttäuschung verspürte, weil ich niemanden getroffen oder auch nur von fern gesehen hatte außer ein paar Arbeitern, die von ihrem Tagwerk nach Hause gingen?
Aber der Sonntag rückte näher: Dann würde ich ihn sehen, denn jetzt, wo Miss Murray fort war, konnte ich wieder meinen alten Platz einnehmen. Ich würde ihn sehen und aus seinem Aussehen, seiner Predigt und seinem Verhalten schließen können, ob ihm die Tatsache ihrer Heirat sehr nahegegangen war. Zum Glück sah ich nicht den Hauch eines Unterschieds: Er machte den gleichen Eindruck wie vor zwei Monaten – Stimme, Blick, Verhalten, alles war gleichermaßen unverändert; sein Vortrag besaß dieselbe scharfsinnige, ungetrübte Wahrhaftigkeit, seine Ausdrucksweise dieselbe zwingende Klarheit, alles, was er sagte und tat, dieselbe ernsthafte Schlichtheit, die von seinen Zuhörern nicht mit Augen und Ohren aufgenommen, sondern mit dem Herzen gefühlt wurde.
Ich ging zu Fuß mit Miss Matilda nach Hause, aber er folgte uns nicht. Matilda mangelte es nun arg an Zerstreuungen und vor allem an einer Gefährtin: Ihre Brüder waren in der Schule, ihre Schwester verheiratet und abgereist, sie selbst noch zu jung, um in die Gesellschaft aufgenommen zu werden, an der sie, Rosalies Beispiel folgend, anfing, einen gewissen Gefallen zu finden, wenigstens an der Gesellschaft einer bestimmten Art von Gentlemen; und in dieser öden Jahreszeit gab es keine Jagden mehr, nicht einmal eine Vogeljagd, denn obwohl sie nicht daran teilnehmen durfte, war es doch immerhin etwas, zuzusehen, wenn der Vater oder der Jagdhüter mit den Hunden aufbrach, oder bei ihrer Rückkehr über die verschiedenen Vögel zu reden, die sie abgeschossen hatten. Nun war ihr auch der Trost versagt, den sie in der Gesellschaft von Kutschern, Pferdeknechten, Pferden, Wind- und Vorstehhunden gefunden hatte; denn ihre Mutter, der es trotz der Nachteile eines Lebens auf dem Lande geglückt war, ihre älteste Tochter, den ganzen Stolz ihres Herzens, so zufriedenstellend an den Mann zu bringen, begann nun ernstlich, ihre Aufmerksamkeit der jüngeren zuzuwenden; und da sie zu Recht über deren ungehobelte Manieren beunruhigt war und es für höchste Zeit hielt, diese zu bessern, hatte sie sich schließlich dazu aufgerafft, ihre Autorität geltend zu machen, und den Besuch von Höfen, Ställen, Hundezwingern und Wagenschuppen strikt untersagt. Natürlich wurden ihre Anordnungen nicht ohne weiteres befolgt, aber so nachgiebig sie bis dahin gewesen war: war ihre Energie erst einmal geweckt, zeigte sie sich nicht von dem sanften Naturell, das sie von ihrer Gouvernante erwartete, und niemand durchkreuzte ungestraft ihren Willen. Nach mancherlei Streit zwischen Mutter und Tochter, manch heftigen Ausbrüchen, denen ich beschämt beiwohnte und in deren Verlauf der Vater oft herbeigerufen wurde, um kraft seiner Autorität mit Flüchen und Drohungen die missachteten Verbote der Mutter zu bestätigen –denn selbst er konnte sehen, dass »Tilly zwar einen prima Burschen abgegeben hätte, aber sich nicht gerade wie eine junge Dame benahm« –, merkte Matilda schließlich, dass es am einfachsten für sie war, sich von den verbotenen Plätzen fernzuhalten, es sei denn, sie schaffte es, ab und zu heimlich hinzugehen, ohne dass das wachsame Auge ihrer Mutter sie erspähte.
Nun darf man nicht glauben, dass ich bei alldem ohne Rügen und entsprechende Vorwürfe davongekommen wäre, die nichts von ihrem Stachel einbüßten, weil sie nicht offen ausgesprochen wurden, sondern deshalb eher noch tiefer verletzten; denn das schloss jede Selbstverteidigung aus. Häufig trug man mir auf, Miss Matilda auf andere Weise zu unterhalten und sie an die Vorschriften und Verbote ihrer Mutter zu erinnern. Das tat ich nach Kräften, aber man konnte sie nicht unterhalten, wenn sie nicht wollte und es nicht nach ihrem Geschmack war; und obwohl ich es nicht dabei beließ, sie an ihre Verhaltensregeln zu erinnern, blieben meine sanften Ermahnungen völlig ohne Wirkung.
»Liebe Miss Grey! Es ist wirklich seltsam. Sie können vermutlich nichts daran ändern, wenn es nicht Ihre Art ist – aber ich frage mich doch, ob Sie nicht das Vertrauen des Mädchens gewinnen und dafür sorgen können, dass sie Ihre Gesellschaft wenigstens so angenehm empfindet wie die von Robert oder Joseph!«
»Die beiden können am besten über das reden, was sie am meisten interessiert«, antwortete ich.
»Nun, das ist ja ein merkwürdiges Eingeständnis, vor allem aus dem Munde ihrer Erzieherin! Wer soll denn den Geschmack einer jungen Dame bilden, frage ich mich, wenn nicht die Erzieherin? Ich habe Gouvernanten gekannt, die sich so völlig mit dem Ruf ihrer jungen Damen im Hinblick auf guten Geschmack und die Schicklichkeit von Gesinnung und Benehmen identifiziert haben, dass sie erröten würden, wenn man auch nur ein Wort gegen diese sagte; und wenn man ihren Schülerinnen nur den kleinsten Fehler anlastete, war das für sie schlimmer, als wenn man sie persönlich kritisiert hätte, und ich für meinen Teil halte das nur für natürlich.«
»Wirklich, Madam?«
»Aber ja: Fertigkeiten und Eleganz einer jungen Dame sind für die Erzieherin von größerer Bedeutung als für diese selbst oder die Gesellschaft. Wenn sie in ihrem Beruf Erfolg haben will, muss sie ihre ganze Energie auf ihre Tätigkeit verwenden: All ihre Gedanken und ihr Ehrgeiz richten sich auf das Erreichen jenes einzigen Zieles. Wenn wir über den Wert einer Gouvernante befinden wollen, betrachten wir uns selbstverständlich die jungen Damen, die sie vorgibt, erzogen zu haben, und urteilen dementsprechend. Eine kluge Gouvernante weiß das: Sie weiß, dass, während sie selbst im Verborgenen lebt, die Tugenden und Mängel ihrer Schüler für jeden sichtbar sind, und wenn sie nicht vollkommen in deren Erziehung aufgeht, darf sie keinen Erfolg erwarten. Verstehen Sie, Miss Grey, es ist wie in jedem anderen Gewerbe oder Beruf: Diejenigen, die vorwärtskommen wollen, müssen sich mit Leib und Seele ihrem Beruf verschreiben, und wenn sie anfangen, träge und nachgiebig zu werden, werden sie rasch von klügeren Konkurrenten überflügelt; es ist nur wenig Unterschied zwischen einer Person, die ihre Schüler durch Vernachlässigung verdirbt, und einer, die sie mit ihrem eigenen Beispiel ansteckt. Verzeihen Sie, dass ich diese kleinen Anmerkungen gemacht habe, aber es ist nur zu Ihrem Besten. Viele Damen würden in schärferem Ton mit Ihnen reden, und viele würden sich gar nicht erst die Mühe machen, überhaupt etwas zu sagen, sondern sich heimlich nach einem Ersatz umsehen. Das wäre natürlich am einfachsten: Aber ich kenne die Vorteile, die eine Stelle wie diese für jemanden in Ihrer Situation hat, und ich habe auch nicht den Wunsch, mich von Ihnen zu trennen, weil ich sicher bin, dass Sie Ihre Sache gut machen, wenn Sie an das denken, was ich Ihnen gesagt habe, und sich nur ein wenig mehr bemühen: Ich bin überzeugt, Sie besäßen dann bald das Feingefühl, das allein fehlt, um auf Ihre Schülerin den entsprechenden Einfluss ausüben zu können.«
Ich setzte an, um die Dame darauf hinzuweisen, wie trügerisch ihre Erwartungen waren, doch sobald sie ihre Rede vom Stapel gelassen hatte, rauschte sie davon. Sie hatte gesagt, was sie wollte, und es lag nicht in ihrem Interesse, meine Antwort abzuwarten: Meine Sache war es zuzuhören, nicht zu sprechen.
Aber wie ich schon sagte, schließlich unterwarf sich Matilda bis zu einem gewissen Grad der Autorität ihrer Mutter (ein Jammer, dass diese sie nicht schon früher eingesetzt hatte), und da ihr auf diese Weise praktisch jede Form der Unterhaltung versagt war, blieb ihr nur, lange Ausritte mit dem Reitknecht und lange Spaziergänge mit der Gouvernante zu unternehmen, die Hütten und Bauernhäuser auf den Ländereien ihres Vaters zu besuchen und die Zeit totzuschlagen, indem sie mit den alten Männern und Frauen, die darin wohnten, ein Schwätzchen hielt. Auf einem dieser Spaziergänge begegneten wir zufällig Mr. Weston. Genau das hatte ich so lange herbeigesehnt, aber nun wünschte ich einen Augenblick lang, er oder ich wären nicht da: Ich fühlte mein Herz so heftig klopfen, dass ich fürchtete, man könne mir meine Erregung ansehen, doch ich glaube, er sah mich kaum an, und ich gewann schnell wieder meine Fassung. Nachdem er uns beide kurz gegrüßt hatte, fragte er Matilda, ob sie in letzter Zeit etwas von ihrer Schwester gehört habe.
»Ja«, antwortete sie, »sie hat aus Paris geschrieben, und da ging es ihr sehr gut, und sie war sehr glücklich.«
Das letzte Wort sprach sie mit Nachdruck und mit einem frechen, hinterhältigen Blick. Er schien es nicht zu bemerken, sondern antwortete mit dem gleichen Nachdruck und sehr ernst:
»Hoffentlich bleibt sie es auch.«
»Halten Sie das für wahrscheinlich?«, wagte ich zu fragen, denn Matilda war losgerannt und hetzte hinter ihrem Hund her, der einen jungen Hasen jagte.
»Das kann ich nicht sagen«, antwortete er. »Vielleicht ist Sir Thomas ein besserer Mensch, als ich glaube; aber nach allem, was ich von ihm gehört und gesehen habe, ist es doch sehr schade, dass ein so junges, fröhliches und – und interessantes Mädchen, um vieles mit einem Wort auszudrücken – deren größter, wenn nicht einziger Fehler offensichtlich ihre Gedankenlosigkeit ist – sicher kein geringer Fehler, da er denjenigen, der ihn besitzt, für fast jeden anderen anfällig macht und ihn so vielen Versuchungen aussetzt –, aber es ist doch sehr schade, dass sie an einen derartigen Mann verschwendet wird. Es war der Wunsch ihrer Mutter, nehme ich an?«
»Ja, und ihr eigener, glaube ich, denn sie lachte immer über meine Versuche, sie von diesem Schritt abzubringen.«
»Das haben Sie also versucht? Dann haben Sie wenigstens die Beruhigung zu wissen, dass es nicht Ihre Schuld ist, wenn das Ganze nicht gut ausgeht. Was Mrs. Murray betrifft, so weiß ich nicht, wie sie ihr Vorgehen rechtfertigen will: Wenn ich gut genug mit ihr bekannt wäre, würde ich sie fragen.«
»Es erscheint seltsam, aber manche Leute halten gesellschaftlichen Rang und Reichtum für das höchste Gut auf Erden, und wenn sie ihren Kindern das verschaffen können, glauben sie, sie hätten ihre Pflicht getan.«
»Das stimmt. Aber ist es nicht eigenartig, dass erfahrene Menschen, die selbst verheiratet sind, so falsch urteilen?«
Nun kam Matilda keuchend angelaufen, den zerfetzten Kadaver des jungen Hasen in der Hand.
»War es Ihre Absicht, diesen Hasen zu töten oder ihn zu retten, Miss Murray?«, fragte Mr. Weston, offenbar erstaunt über ihren Gesichtsausdruck.
»Ich habe nur so getan, als ob ich ihn retten wollte«, war sie ehrlich genug zuzugeben, »weil jetzt eigentlich Schonzeit ist, aber dann wollte ich lieber, dass er getötet wird. Aber Sie können sich beide überzeugen, dass ich nichts dazu konnte. Prinz wollte ihn unbedingt kriegen, und er packte ihn im Rücken und biss ihn sofort tot! War es nicht eine vortreffliche Jagd?«
»Ganz bestimmt! Eine junge Dame, die hinter einem jungen Hasen her ist.«
In seiner Antwort schwang ein leichter Sarkasmus mit, der ihr nicht entging. Sie zuckte mit den Schultern, wandte sich mit einem vielsagenden »Pah!« ab und fragte mich, wie mir der Spaß gefallen hätte. Ich antwortete, dass ich nichts Spaßiges an der Sache fände, räumte aber ein, dass ich nicht nahe genug am Geschehen gewesen sei.
»Haben Sie gesehen, welche Haken er geschlagen hat – wie ein alter Hase? Und haben Sie gehört, wie er geschrien hat?«
»Gott sei Dank nicht.«
»Er hat geschrien wie ein kleines Kind.«
»Das arme Geschöpf! Was wollen Sie mit ihm anfangen?«
»Kommen Sie – ich lasse ihn im ersten Haus, an dem wir vorbeikommen. Ich möchte ihn nicht mit nach Hause nehmen, damit Papa nicht mit mir schimpft, weil ich dem Hund erlaubt habe, ihn zu töten.«
Mr. Weston war gegangen, und auch wir setzten unseren Weg fort; als wir aber zurückkamen, nachdem wir den Hasen in einem Bauernhaus abgegeben und als Gegengabe Gewürzkuchen und Johannisbeerwein genossen hatten, trafen wir ihn, als auch er gerade von seiner Mission zurückkehrte, was immer das auch gewesen war. In der Hand trug er einen Strauß wunderschöner Glockenblumen, die er mir entgegenstreckte, wobei er lächelnd bemerkte, auch wenn er mich in den beiden vergangenen Monaten so selten gesehen hätte, hätte er nicht vergessen, dass Glockenblumen zu meinen Lieblingsblumen zählten. Es war ein purer Akt von Freundlichkeit, ohne Komplimente oder bemerkenswerte Höflichkeit oder Blicke, denen man »ehrfürchtige, zärtliche Anbetung« (siehe Rosalie Murray) nachsagen konnte; aber es war doch immerhin etwas, dass er sich an meine unbedeutenden Äußerungen so gut erinnerte, und es war doch immerhin auch etwas, dass er sich den Zeitpunkt so genau gemerkt hatte, von dem an ich mich nicht mehr hatte blicken lassen.
»Man hat mir erzählt«, sagte er, »dass Sie ein richtiger Bücherwurm sind, Miss Grey, so vollkommen in Ihre Studien vertieft, dass Sie für nichts anderes mehr empfänglich sind.«
»Ja, und das stimmt auch!«, rief Matilda.
»Nein, Mr. Weston, glauben Sie es nicht: Es ist eine üble Verleumdung. Diese jungen Damen stellen zu gern aufs Geratewohl und auf Kosten ihrer Freunde Behauptungen auf, und Sie sollten auf der Hut sein, wenn Sie ihnen zuhören.«
»Ich hoffe, dass wenigstens diese Behauptung grundlos ist.«
»Warum? Haben Sie grundsätzlich etwas gegen Frauen, die studieren?«
»Nein, aber ich habe etwas gegen jeden oder jede, die sich so ihren Studien widmen, dass sie alles andere aus den Augen verlieren. Außer unter ganz besonderen Umständen betrachte ich jedes eingehende, unausgesetzte Studium als Zeitverschwendung und als Schaden für Geist und Körper.«
»Nun, für derartige Übertreibungen habe ich weder Zeit noch Neigung.«
Wir verabschiedeten uns nochmals.
Was ist daran nun ungewöhnlich? Warum habe ich es berichtet? Weil es, lieber Leser, wichtig genug war, mir einen fröhlichen Abend, eine Nacht mit angenehmen Träumen und einen Morgen voll seliger Hoffnungen zu bescheren. Sinnlose Freude, närrische Träume, unbegründete Hoffnungen, werden Sie sagen, und ich wage nicht zu widersprechen: Derartige Befürchtungen gingen mir selbst häufig genug durch den Kopf. Aber unsere Sehnsüchte sind leicht entflammbar: In der Schmiede des Lebens sprühen Feuer und Stahl unaufhörlich Funken, die sofort verlöschen, wenn sie nicht zufällig mit unseren Wünschen in Berührung kommen; dann aber entfachen sie auf der Stelle ein Feuer, und die Flamme der Hoffnung leuchtet auf.
Aber ach! Noch an diesem Morgen wurde die zaghaft flackernde Flamme meiner Hoffnung in bedrückender Weise durch einen Brief meiner Mutter erstickt, der in so ernstem Ton von der fortschreitenden Krankheit meines Vaters sprach, dass ich fürchtete, es bestünde kaum mehr oder gar keine Aussicht auf Besserung; und obwohl meine Ferien doch unmittelbar bevorstanden, hatte ich Angst, sie kämen zu spät und ich würde ihn in diesem Leben nicht mehr sehen. Zwei Tage später teilte Mary mir in einem Brief mit, dass es keine Hoffnung mehr gebe und sein Ende unmittelbar bevorstehe. Daraufhin bat ich sofort um die Erlaubnis, meinen Urlaub vorzuverlegen und unverzüglich abreisen zu dürfen. Mrs. Murray sah mich groß an, wunderte sich über die ungewohnte Energie und Kühnheit, mit der ich meine Bitte vortrug, und meinte, es gebe keinen Anlass zur Eile; doch schließlich erteilte sie mir die Erlaubnis, betonte aber, dass es keinen Grund gebe, sich so aufzuregen – es könne sich immer noch alles als blinder Alarm herausstellen; und wenn nicht – nun, das war eben der Lauf der Welt: Einmal müssten wir alle sterben, und ich solle mir bloß nicht einbilden, der einzige leidende Mensch auf der Welt zu sein; und sie schloss mit den Worten, ich könne mich mit dem Zweispänner nach O—— bringen lassen. »Und anstatt zu klagen, Miss Grey, seien Sie lieber dankbar für die Vergünstigungen, die Sie genießen. So manche Familie eines armen Geistlichen würde bei seinem Tod ins Elend gestürzt, Sie dagegen haben einflussreiche Freunde, die bereit sind, Sie weiterhin zu protektionieren und in jeder Hinsicht auf Sie Rücksicht zu nehmen.«
Ich bedankte mich für ihre »Rücksichtnahme« und eilte in mein Zimmer, um rasch ein paar Vorkehrungen für meine Abreise zu treffen. Nachdem ich meine Haube aufgesetzt, ein Tuch umgelegt und einige Habseligkeiten in meinen größten Koffer gestopft hatte, ging ich wieder hinunter. Aber ich hätte alles weniger hastig erledigen können, denn außer mir war niemand in Eile, und ich musste noch beträchtliche Zeit auf den Zweispänner warten. Schließlich stand er vor der Tür, und ich fuhr davon: Aber ach, welch eine traurige Reise war das! Wie sehr unterschied sie sich von meinen früheren Fahrten nach Hause! Da es für die letzte Kutsche nach —— zu spät war, musste ich für die Strecke von zehn Meilen eine Droschke mieten und dann einen Wagen, der mich über die unwirtlichen Hügel brachte. Erst um halb elf kam ich zu Hause an. Sie waren noch auf.
Meine Mutter und meine Schwester empfingen mich am Eingang – traurig – schweigend – bleich! Ich war so bestürzt und schreckensbang, dass mir die Worte fehlten, um die Auskunft zu erbitten, die zu erhalten ich gleichermaßen wünschte und fürchtete.
»Agnes!«, sagte meine Mutter und versuchte, ihre tiefe Bewegung zu unterdrücken.
»Ach, Agnes!«, rief Mary und brach in Tränen aus.
»Wie geht es ihm?«, fragte ich und wartete verzweifelt auf die Antwort.
»Er ist tot!«
Es war die Antwort, die ich geahnt hatte, aber der Schock war darum nicht weniger furchtbar.
Kapitel 19
Der Brief
Die sterblichen Überreste meines Vaters waren beigesetzt worden; und wir saßen mit traurigen Gesichtern und dunkler Kleidung an unserem bescheidenen Frühstückstisch und machten Pläne für unser zukünftiges Leben. Die Stärke meiner Mutter war selbst unter diesem schweren Schlag nicht gewichen: Ihr Mut war zwar gedämpft, aber ungebrochen. Marys Wünschen zufolge sollte ich nach Horton Lodge zurückkehren und unsere Mutter mit ihr und Mr. Richardson im Pfarrhaus leben: Sie betonte, er wünsche das genauso wie sie und dass eine solche Regelung für alle Teile von Vorteil wäre, denn die Gesellschaft und Erfahrung meiner Mutter wären von unschätzbarem Wert für sie, und sie würden alles daransetzen, sie glücklich zu machen. Aber jedes Argument, jede Bitte waren umsonst, meine Mutter war entschlossen, nicht mit ihnen zu gehen. Nicht dass sie auch nur einen Augenblick lang die guten Wünsche und Absichten ihrer Tochter in Frage stellte, doch sie versicherte, dass, solange Gott ihr Gesundheit und Kraft beließ, sie diese nutzen und ihren Lebensunterhalt selbst verdienen und niemandem zur Last fallen wolle, ob ihre Abhängigkeit nun als Bürde angesehen werde oder nicht. Wenn sie es sich leisten könnte, als Mieterin im Pfarrhaus von —— zu leben, würde sie es allen anderen Häusern der Welt vorziehen, da ihre Verhältnisse aber nicht danach wären, wolle sie nur hin und wieder als Besucherin dort verweilen: es sei denn, Krankheit oder Not machten ihre Hilfe wirklich erforderlich oder Alter und Schwäche erlaubten es ihr nicht mehr, sich selbst zu versorgen.
»Nein, Mary«, sagte sie, »wenn Richardson und du Geld übrig habt, müsst ihr es für eure Familie zurücklegen, und Agnes und ich müssen selbst unseren Honig sammeln. Da ich glücklicherweise zwei Töchter großzuziehen hatte, habe ich nichts von meinen Kenntnissen vergessen. So Gott will, werde ich diesem fruchtlosen Klagen Einhalt gebieten«, sagte sie, während ihr die Tränen trotz aller Anstrengung unaufhörlich über die Wangen strömten; aber sie wischte sie weg, warf entschlossen den Kopf zurück und fuhr fort »Ich habe vor, mich nach einem kleinen Haus umzusehen, das günstig in einer dichtbesiedelten, aber gesunden Gegend liegt, wo wir ein paar junge Damen in Kost und Logis nehmen und unterrichten werden – falls wir welche bekommen – und so viele Tagesschülerinnen wie möglich. Die Verwandten und alten Freunde eures Vaters werden zweifellos in der Lage sein, uns ein paar Schülerinnen zu schicken oder mit Empfehlungen behilflich zu sein: An meine eigenen Verwandten werde ich mich nicht wenden. Was sagst du dazu, Agnes? Bist du bereit, deine jetzige Stellung aufzugeben und mit mir den Versuch zu machen?«
»Nur zu gern, Mama. Und mit dem Geld, das ich gespart habe, können wir das Haus einrichten. Es soll sofort von der Bank abgehoben werden.«
»Wenn es gebraucht wird; zuerst müssen wir das Haus finden und die Vorbereitungen treffen.«
Mary bot an, uns ihre geringen Ersparnisse zu leihen, aber meine Mutter lehnte ab und sagte, wir müssten sparsam beginnen; sie hoffte, dass mein Gespartes oder ein Teil davon zusammen mit dem Ertrag aus dem Verkauf der Möbel und der kleinen Summe, die unser lieber Papa nach Tilgung der Schulden für sie hatte beiseitelegen können, ausreichen würde, um uns bis Weihnachten über Wasser zu halten, und dann hätte sich hoffentlich aus unseren gemeinsamen Anstrengungen schon etwas ergeben. Auf diesen Plan einigten wir uns schließlich und darauf, sofort mit Erkundigungen und Vorbereitungen zu beginnen; während meine Mutter sich darum kümmerte, sollte ich nach Ablauf meines vierwöchigen Urlaubs nach Horton Lodge zurückkehren und erst dann endgültig kündigen, wenn alles für die baldige Eröffnung unserer Schule geregelt war.
Über all dies sprachen wir an dem besagten Morgen, etwa zwei Wochen nach dem Tod meines Vaters, als man meiner Mutter einen Brief brachte, bei dessen Anblick ihr die Röte ins Gesicht schoss – das in letzter Zeit durch banges Wachen und übergroßen Kummer blass genug geworden war. »Von meinem Vater!«, murmelte sie, als sie hastig den Umschlag aufriss. Es war Jahre her, dass sie von einem ihrer eigenen Verwandten gehört hatte. Da ich natürlich neugierig war, was der Brief enthielt, beobachtete ich ihren Gesichtsausdruck, während sie las, und war überrascht zu sehen, dass sie sich auf die Unterlippe biss und zornig die Stirn runzelte. Als sie ihn zu Ende gelesen hatte, warf sie ihn etwas respektlos auf den Tisch und sagte mit einem verächtlichen Lächeln:
»Euer Großvater war so freundlich, mir zu schreiben. Er schreibt, er hege keinen Zweifel, dass ich meine ›unglückselige Heirat‹ schon lange bereut habe, und wenn ich dies nur zugeben wolle und eingestehen, dass es ein Fehler war, seinen Rat nicht zu befolgen, und ich meine gerechte Strafe dafür bekommen habe, dann wolle er mich wieder zur Lady machen – falls dies nach einer so langen Zeit der Erniedrigung noch möglich wäre – und meine Töchter in seinem Testament bedenken. Hol meine Schreibschatulle, Agnes, und räum das Geschirr ab: Ich will den Brief sofort beantworten. Aber da ich euch beide möglicherweise um ein Erbe bringe, will ich euch vorher sagen, was ich zu schreiben gedenke. Ich werde schreiben, dass er sich irrt, wenn er annimmt, ich könnte die Geburt meiner beiden Töchter bereuen (die der Stolz meines Lebens waren und wahrscheinlich der Trost meines Alters sind) oder die dreißig Jahre, die ich gemeinsam mit meinem besten und liebsten Freund verbracht habe; – dass ich, wenn unser Unglück noch dreimal größer gewesen wäre (außer ich selbst hätte es verursacht), ich immer noch Freude daran gehabt hätte, es mit ihm zu teilen und ihn, so gut ich konnte, zu trösten; und wären seine Leiden noch zehnmal größer gewesen, könnte ich es nicht bereuen, bei ihm gewacht, ihn beruhigt und getröstet zu haben; dass, wenn er eine reichere Frau geheiratet hätte, sicher die gleichen Missgeschicke und Versuchungen über ihn hereingebrochen wären, ich aber so selbstgefällig bin zu glauben, dass keine andere Frau ihn jedes Mal wieder so hätte aufrichten können: nicht dass ich allen anderen überlegen wäre, aber ich war für ihn und er für mich geschaffen; und dass ich die glücklichen Stunden, Tage und Jahre, die wir gemeinsam verbracht haben und die keiner ohne den anderen gehabt hätte, nicht mehr bereuen könne als den Vorzug, ihn während seiner Krankheit gepflegt und in seinem Kummer getröstet zu haben.
Ist es recht so, Kinder? Oder soll ich schreiben, dass wir alle sehr bedauern, was in den vergangenen dreißig Jahren geschehen ist, und dass meine Töchter wünschten, sie wären niemals geboren; da sie aber nun einmal dieses Missgeschick gehabt hätten, wären sie für jede Kleinigkeit dankbar, die ihnen ihr Großpapa freundlicherweise zukommen lassen wolle?«
Natürlich billigten wir beide den Entschluss unserer Mutter. Mary räumte das Frühstücksgeschirr ab, ich holte das Schreibpult; der Brief wurde rasch geschrieben und abgeschickt. Und von diesem Tage an hörten wir nichts mehr von unserem Großvater, bis wir beträchtliche Zeit später seine Todesanzeige in der Zeitung lasen – seine weltliche Habe hatte er natürlich unseren unbekannten reichen Vettern und Basen hinterlassen.
Kapitel 20
Der Abschied
Wir mieteten für unser Seminar ein Haus in A––, dem eleganten Badeort, und erhielten für den Anfang die Zusage von zwei oder drei Schülerinnen. Ich kehrte Mitte Juli nach Horton Lodge zurück und überließ es meiner Mutter, den Vertrag über das Haus abzuschließen, die Möbel unseres alten Hauses zu verkaufen und das neue einzurichten.
Oft bedauern wir die Armen, weil sie nicht genügend Muße haben, um ihre verstorbenen Angehörigen zu betrauern, und die Not sie zwingt, sich auch bei tiefster Betrübnis abzuplagen: Aber ist emsige Tätigkeit nicht das beste Heilmittel, wenn einen der Schmerz übermannt, das sicherste Gegenmittel gegen die Verzweiflung? Vielleicht ist es ein schwacher Trost: Es mag hart erscheinen, sich mit alltäglichen Sorgen herumzuschlagen, wenn man keinen Sinn für die Freuden des Lebens hat; zur Arbeit angetrieben zu werden, während einem das Herz bricht und die gequälte Seele sich nur nach einer Pause sehnt, um in Ruhe weinen zu können: Aber ist Arbeit nicht besser als die Ruhe, nach der es uns verlangt? Und sind jene kleinen, lästigen Sorgen nicht weniger schmerzlich als ein ständiges Brüten über das Leid, das uns bedrückt? Zudem können wir trotz Sorgen, Ängsten und Arbeit nie ganz ohne Hoffnung sein – und sei es auch nur die Hoffnung, unsere unerfreulichen Pflichten zu erledigen, ein sinnvolles Vorhaben auszuführen oder weiterem Ärger zu entgehen. Ich war jedenfalls froh, dass meine Mutter so viel Beschäftigung hatte, wie es ihrem tatkräftigen Naturell entsprach. Unsere wohlmeinenden Nachbarn beklagten, dass sie, die einst so reich und von hohem Rang gewesen, nun in eine solche Notlage geraten war; aber ich bin überzeugt, sie hätte dreimal so viel gelitten, wenn sie im Wohlstand zurückgeblieben wäre mit der Möglichkeit, weiter in dem Hause zu wohnen, das Schauplatz ihres frühen Glücks und ihres späteren Kummers gewesen war, und ohne die finanzielle Notlage, die sie nun daran hinderte, ständig über ihren Verlust nachzudenken und zu wehklagen.
Ich will nicht zu lange bei den Gefühlen verweilen, mit denen ich das alte Haus verließ, den vertrauten Garten, die kleine Dorfkirche – die mir nun doppelt teuer war, weil mein Vater, der dreißig Jahre lang in ihren Mauern gepredigt und gebetet hatte, nun unter ihren Steinfliesen ruhte – und die alten, kahlen Hügel, wunderbar in eben ihrer Kargheit, mit den engen Tälern dazwischen, den freundlichen, grünen Wäldern und glitzernden Gewässern – das Haus, in dem ich geboren war, den Schauplatz meiner ersten Freundschaften, den Ort, der ein Leben lang den Mittelpunkt meiner irdischen Zuneigungen bedeutet hatte –, all das verließ ich, um nie mehr wiederzukehren! Sicher, ich ging zurück nach Horton Lodge, wo mir neben manchem Übel auch noch ein Anlass zur Freude blieb: Aber es war eine Freude, in die sich tiefer Kummer mischte, und ach! die Dauer meines Aufenthalts war auf sechs Wochen begrenzt. Und selbst diese kostbare Zeit verstrich Tag um Tag, ohne dass ich ihn sah: Außer in der Kirche sah ich ihn nach meiner Rückkehr zwei Wochen lang nicht. Diese Zeit erschien mir sehr lang, und da ich meine Schülerin oft auf ihren Streifzügen begleitete, blieb meine Hoffnung stets wach, um sich danach in Enttäuschung zu verwandeln, und dann sagte ich mir: »Dies ist der schlagende Beweis – wenn du nur so viel Verstand hättest einzusehen oder die Aufrichtigkeit zuzugeben, dass er sich nichts aus dir macht. Wenn er nur halb so oft an dich gedacht hätte wie du an ihn, hätte er es längst verstanden, dir zu begegnen; und das weißt du auch, wenn du dein Gefühl genau befragst. Also lass den Unsinn: Es gibt keinen Grund zur Hoffnung; verbanne sofort diese schmerzlichen Gedanken und törichten Wünsche aus deinem Sinn und konzentriere dich auf deine Pflicht und das einförmige, ereignislose Leben, das vor dir liegt. Du hättest wissen müssen, dass dir ein derartiges Glück nicht zukommt.«
Doch schließlich sah ich ihn. Er kam plötzlich auf mich zu, als ich auf dem Nachhauseweg von Nancy Brown gerade ein Feld überquerte; ich hatte die Gelegenheit zu diesem Besuch ergriffen, während Matilda Murray einen Ausritt mit ihrer unvergleichlichen Stute unternahm. Er musste von dem schweren Verlust gehört haben, den ich erlitten hatte: Er drückte mir zwar nicht sein Mitgefühl aus und enthielt sich jeder Beileidsbezeugung, doch beinah das Erste, was er sagte, war: »Wie geht es Ihrer Mutter?« Und diese Frage war nicht selbstverständlich, denn ich hatte ihm nie erzählt, dass ich noch eine Mutter hatte: Er musste es von anderen erfahren haben, wenn er es überhaupt wusste; ansonsten lag in Tonfall und Art und Weise seiner Frage aufrichtiges Wohlwollen, ja, tiefes, ergreifendes, unaufdringliches Mitgefühl. Ich dankte ihm mit der gebührenden Höflichkeit und sagte, sie fühle sich den Umständen entsprechend gut. »Was wird sie jetzt tun?«, war die nächste Frage. Manch einer würde sie als unverschämt eingestuft und eine ausweichende Antwort gegeben haben, aber dieser Gedanke kam mir gar nicht, und ich gab ihm eine knappe, jedoch klare Darstellung der Pläne und Vorstellungen meiner Mutter.
»Dann werden Sie also in Kürze von hier weggehen?«, fragte er.
»Ja, in einem Monat.«
Er schwieg eine Weile wie in Gedanken. Als er wieder sprach, hoffte ich, er würde seine Betroffenheit über meinen Fortgang ausdrücken, aber er sagte nur: »Ich nehme an, Sie sind recht froh zu gehen?«
»Ja – aus einigen Gründen schon«, antwortete ich.
»Nur aus einigen Gründen – ich möchte wissen, weswegen Sie bedauern sollten zu gehen!«
Über diese Frage war ich etwas verärgert, denn sie machte mich verlegen: Es gab nur einen einzigen Grund, es zu bedauern, und das war mein tiefes Geheimnis, und er hatte kein Recht, mich deshalb zu bedrängen.
»Warum«, fragte ich, »warum glauben Sie, dass es mir hier nicht gefällt?«
»Sie haben es mir selbst gesagt«, war die entschiedene Antwort. »Wenigstens haben Sie gesagt, dass Sie ohne einen Freund nicht zufrieden leben könnten und dass Sie hier keinen Freund haben und keine Gelegenheit, einen zu finden – und außerdem weiß ich, dass es Ihnen hier nicht gefallen kann.«
»Aber wenn Sie sich recht erinnern, habe ich gesagt oder sagen wollen, dass ich nicht zufrieden leben könnte ohne einen einzigen Freund auf der Welt: Ich war nicht so unvernünftig zu fordern, immer einen in meiner Nähe zu haben. Ich glaube, ich könnte in einem Haus voller Feinde glücklich sein, wenn –« Aber nein, diesen Satz durfte ich keinesfalls vollenden – ich hielt inne und fügte hastig hinzu: »Und außerdem kann man einen Ort, an dem man fast drei Jahre gelebt hat, nicht ohne ein Gefühl des Bedauerns verlassen.«
»Tut es Ihnen leid, sich von Miss Murray zu trennen, Ihrer einzig verbliebenen Schülerin und Gefährtin?«
»Ich glaube schon, bis zu einem gewissen Grad: Ich habe auch von ihrer Schwester voller Sorge Abschied genommen.«
»Das kann ich mir vorstellen.«
»Nun, Miss Matilda ist genauso gut – in mancher Hinsicht sogar besser.«
»In welcher?«
»Sie ist ehrlich.«
»Und die andere nicht?«
»Ich würde sie nicht als unehrlich bezeichnen, aber man muss schon einräumen, dass sie ein wenig hinterlistig ist.«
»Hinterlistig? – Ich habe bemerkt, dass sie leichtsinnig und eitel ist – und jetzt«, fügte er nach einer Weile hinzu, »kann ich mir auch gut vorstellen, dass sie hinterlistig ist, aber so geschickt, sich den Anschein äußerster Schlichtheit und grenzenloser Offenheit zu geben. Ja«, fuhr er nachdenklich fort, »das erklärt einiges, was mir bisher etwas rätselhaft erschienen ist.«
Danach brachte er das Gespräch auf allgemeine Themen. Er verließ mich erst, als wir fast bei den Parktoren angekommen waren: Mit Sicherheit war er etwas von seinem normalen Weg abgewichen, um mich so weit zu begleiten, denn nun kehrte er um und ging die Moss Lane hinunter, an deren Abzweigung wir bereits vor einiger Zeit vorbeigekommen waren. Ich bedauerte diese Tatsache ganz und gar nicht: Wenn sich überhaupt Kummer in meinem Herzen breitmachte, dann nur, weil er nun fort war, nicht länger neben mir ging und die kurze Zeit dieses schönen Zusammenseins vorüber war. Er hatte mit keinem Wort von Liebe gesprochen oder eine einzige Andeutung von Zärtlichkeit und Zuneigung gemacht, und dennoch war ich sehr glücklich gewesen. In seiner Nähe zu sein, ihn sprechen zu hören und zu spüren, dass er mich für wert hielt, so mit mir zu sprechen – für fähig, seinen Vortrag zu verstehen und richtig einzuschätzen –, das war mir genug.
»Ja, Edward Weston, ich könnte wirklich in einem Haus voller Feinde glücklich sein, wenn ich nur einen einzigen Freund hätte, der mich aufrichtig, tief und treu liebte; und wenn Sie dieser Freund wären – auch wenn wir weit voneinander entfernt lebten, nur selten voneinander hörten und uns noch seltener träfen, wenn es für mich nur Arbeit, Sorgen und Verdruss gäbe –, dann wäre das ein Glück, von dem ich nicht zu träumen wage! Aber wer weiß«, sagte ich mir, als ich durch den Park schritt, »wer weiß, was in diesem einen Monat noch alles geschieht? Ich bin jetzt fast dreiundzwanzig Jahre alt, habe bis jetzt viel durchgemacht und wenig Angenehmes erfahren: Ist es wahrscheinlich, dass mein ganzes Leben so trübe verlaufen wird? Ist es nicht möglich, dass Gott meine Gebete erhört, die dunklen Schatten auflöst und mir ein paar Sonnenstrahlen gönnt? Will Er mir all das Glück verwehren, das anderen so großzügig bemessen wird, die es weder erbitten noch dankbar sind, wenn sie es erlangt haben? Darf ich nicht weiter hoffen und glauben?« Ich hoffte und glaubte eine ganze Weile: Aber ach, die Zeit verging, eine Woche folgte auf die andere, und mit Ausnahme eines flüchtigen Blickes von weitem und zwei Begegnungen im Vorübergehen – während denen kaum ein Wort gewechselt wurde – auf meinen Spaziergängen mit Matilda, sah ich ihn nicht; außer natürlich in der Kirche.
Und nun waren der letzte Sonntag und der letzte Gottesdienst gekommen. Ich war oft im Begriff, in Tränen auszubrechen während des Gottesdienstes, des letzten, den ich von ihm hören würde, des besten, wie ich überzeugt war, den ich je von irgendjemandem hören würde. Er war vorüber – die Gemeinde verließ die Kirche, ich musste mich anschließen. Also hatte ich ihn wahrscheinlich zum letzten Mal gesehen und seine Stimme gehört. Im Kirchhof stürzten sich die beiden Miss Green auf Matilda. Sie hatten tausend Fragen über ihre Schwester und alles Mögliche andere. Ich wünschte nur, sie wären endlich fertig, damit wir uns schnell nach Horton Lodge zurückbegeben konnten: Ich sehnte mich danach, die Abgeschiedenheit meines Zimmers oder einen einsamen Winkel im Park aufzusuchen, um meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen – mein letztes Lebewohl hinauszuschluchzen und meine falschen Hoffnungen und eitlen Selbsttäuschungen zu beklagen. Nur dieses eine Mal und dann adieu, ihr vergeblichen Träume – von da an würde ich mich nur noch mit der nüchternen, soliden, traurigen Realität befassen. Aber während ich diesen Entschluss fasste, sagte eine leise Stimme dicht neben mir: »Soviel ich weiß, gehen Sie diese Woche, Miss Grey?« »Ja«, antwortete ich. Ich war sehr erschrocken, und wäre ich auch nur im Geringsten hysterisch veranlagt gewesen, ich hätte mir bestimmt eine Blöße gegeben. Zum Glück war ich es nicht.
»Nun«, sagte Mr. Weston, »ich möchte Ihnen auf Wiedersehen sagen, ich werde Sie vor Ihrer Abreise wohl kaum noch einmal sehen.«
»Auf Wiedersehen, Mr. Weston«, sagte ich. Oh, welche Mühe ich mir gab, es ruhig zu sagen. Ich reichte ihm die Hand. Er hielt sie für ein paar Sekunden in seiner fest.
»Es ist möglich, dass wir uns wiedersehen«, sagte er, »ist es für Sie von Bedeutung, ob ja oder nein?«
»Ja, ich wäre sehr froh, Sie wiederzusehen.«
Weniger konnte ich nicht sagen. Er drückte mir herzlich die Hand und ging. Nun war ich wieder glücklich – obwohl mir mehr als je zuvor danach war, in Tränen auszubrechen. Hätte man mich in diesem Moment aufgefordert zu sprechen, eine Reihe von Schluchzern wäre die unvermeidliche Antwort gewesen, und wirklich stand mir das Wasser in den Augen. Ich ging mit abgewandtem Gesicht neben Miss Murray her und versäumte mehrere Male hintereinander, auf ihre Bemerkungen einzugehen, bis sie mich anschrie, ich müsse entweder taub oder blöde sein; erst dann (nachdem ich meine Selbstbeherrschung wiedergewonnen hatte) sah ich plötzlich auf wie jemand, der aus einem Anfall von Geistesabwesenheit erwacht, und fragte sie, was sie gesagt hätte.
Kapitel 21
Die Schule
Ich verließ Horton Lodge und folgte meiner Mutter in unser neues Haus in A––. Ich fand sie bei guter Gesundheit, in ihr Schicksal ergeben und auf eine gedämpfte und ruhige Weise fast heiter vor. Wir hatten für den Anfang nur drei Kostgängerinnen und ein halbes Dutzend Tagesschülerinnen, hofften aber, wenn wir uns entsprechend bemühten und fleißig wären, die Anzahl beider bald zu erhöhen.
Ich setzte all meine Kraft daran, die Pflichten dieser neuen Lebensweise zu erfüllen. Ich bezeichne sie als neu, denn es lag ein erheblicher Unterschied darin, ob ich mit meiner Mutter in unserer eigenen Schule arbeitete oder als Angestellte unter Fremden, von Jung und Alt verachtet und mit Füßen getreten; und während der ersten paar Wochen war ich keineswegs unglücklich. »Es ist möglich, dass wir uns wiedersehen« und »Ist es für Sie von Bedeutung, ob ja oder nein?« – jene Worte klangen mir noch immer in den Ohren und hafteten in meinem Herzen: Sie waren mein heimlicher Trost und Halt. »Ich werde ihn wiedersehen. Er wird herkommen oder schreiben.« In der Tat war der Hoffnung kein Versprechen zu groß oder zu übertrieben, um es mir vorzugaukeln. Ich glaubte noch nicht einmal die Hälfte von dem, was sie mir ins Ohr flüsterte: Ich gab vor, über alles zu lachen, und doch glaubte ich selbst mehr daran, als ich mir eingestand. Warum sonst schlug mein Herz so heftig, wenn es an der Haustür klopfte und das Mädchen, das öffnete, meiner Mutter mitteilte, ein Herr wünsche sie zu sprechen? Und warum war ich für den Rest des Tages schlechter Laune, wenn sich herausstellte, dass es ein Musiklehrer war, der unserer Schule seine Dienste anbieten wollte? Und warum hielt ich einen Augenblick den Atem an, als der Postbote zwei Briefe gebracht hatte und meine Mutter sagte: »Hier, Agnes, dieser ist für dich«, und mir einen davon reichte? Und warum schoss mir das Blut heiß ins Gesicht, als ich erkannte, dass er in der Handschrift eines Mannes geschrieben war? Und warum, ach warum befiel mich dies kalte, krankmachende Gefühl der Enttäuschung, als ich den Umschlag aufriss und sah, dass es nur ein Brief von Mary war, den aus irgendeinem Grund ihr Mann adressiert hatte?
War es denn so weit gekommen: Ich war enttäuscht, weil ich einen Brief von meiner einzigen Schwester bekam und nicht von einem Menschen, der mir vergleichsweise fremd war? Die gute Mary! Und sie hatte so liebevoll geschrieben und gedacht, ich wäre froh über den Brief. Ich war es nicht wert, ihn zu lesen. Und ich glaube, in meiner Empörung über mich selbst hätte ich ihn beiseitegelegt, bis ich in einer besseren Gemütsverfassung gewesen wäre und die Ehre und das Privileg, ihn zu lesen, mehr verdient gehabt hätte: Aber meine Mutter beobachtete mich und wollte wissen, was er für Neuigkeiten enthielt; also las ich ihn, gab ihn ihr und ging dann ins Schulzimmer, mich um die Schülerinnen zu kümmern; aber während ich mich um Abschriften und Additionen sorgte, hier Fehler korrigierte und dort Pflichtversäumnisse tadelte, rief ich mich selbst innerlich weitaus strenger zur Ordnung. »Welch ein Narr du bist«, sagte mein Kopf zu meinem Herzen oder mein strenges zu meinem schwächeren Ich, »wie konntest du dir nur einbilden, er würde dir schreiben? Welchen Grund hast du zu solch einer Hoffnung – oder dass er dich sehen will oder sich um dich sorgt – oder überhaupt noch an dich denkt? Welchen Grund? – Und dann trat wieder die Hoffnung auf den Plan, erinnerte mich an unser letztes, kurzes Gespräch und wiederholte die Worte, die ich so getreulich im Gedächtnis bewahrte. »Nun, was war daran Besonderes? Hat schon jemals jemand seine Hoffnungen an einem so zarten Zweiglein aufgehängt? Lag mehr in diesen Worten, als ganz normale Bekannte zueinander sagen würden? Natürlich war es möglich, dass wir uns wiedersahen, das hätte er auch sagen können, wenn du nach Neuseeland gegangen wärest, aber es bedeutete nicht, dass er auch die Absicht hatte, dich wiederzusehen – und die zweite Frage: ein jeder hätte sie stellen können. Und wie hast du geantwortet? Eine törichte Allerweltsantwort hast du gegeben, wie du sie auch Master Murray oder sonst jemandem, mit dem du auf leidlich gutem Fuß stehst, gegeben hättest.« »Aber«, meinte die Hoffnung hartnäckig, »bedenke doch den Ton und die Art und Weise, wie er gesprochen hat.« »Ach, das ist Unsinn! Er sprach immer so eindrucksvoll, und in dem bewussten Augenblick waren die Greens und Matilda direkt vor uns, und andere Leute gingen vorbei, und er war gezwungen, dicht neben dir zu stehen und sehr leise zu sprechen, wenn er nicht wollte, dass jeder hörte, was er sagte: was er natürlich, auch wenn es gar nichts Besonderes war, lieber nicht wollte.« Aber dann vor allem dieser feste und doch zarte Händedruck, der zu sagen schien: »Vertrauen Sie mir« und vieles andere mehr – zu schön und schmeichelhaft, als dass man es auch nur für sich selbst wiederholen sollte. »Welch ungeheuerliche Torheit – so unsinnig, dass jeder Einwand überflüssig ist –, reine Eingebungen der Phantasie, für die du dich schämen solltest. Denke nur an dein wenig gewinnendes Äußeres, deine unliebenswürdige Zurückhaltung, deine lächerliche Schüchternheit, das alles lässt dich als kühl, langweilig, linkisch und vielleicht sogar verdrießlich erscheinen; wenn du dir dies beizeiten gut überlegt hättest, wären dir nie derart anmaßende Gedanken gekommen: Aber da du nun einmal so närrisch warst, bereue es, bessere dich und lass bitte ein für alle Mal Schluss damit sein!«
Zu behaupten, dass ich meine Befehle stillschweigend befolgte, wäre zu viel gesagt; diese Überlegungen hatten aber immer größeren Erfolg, als die Zeit verging und ich nichts von Mr. Weston sah oder hörte, bis ich schließlich alle Hoffnung aufgab, weil selbst mein Herz eingestehen musste, dass alles vergebens war. Aber ich dachte immer noch an ihn: Ich pflegte sein Bild in meinem Herzen und hütete in meiner Erinnerung jedes Wort, jeden Blick, jede Geste von ihm wie einen Schatz, ich dachte ständig über seine Vorzüge und Besonderheiten nach, schlicht über alles, was ich im Zusammenhang mit ihm gesehen, gehört oder mir vorgestellt hatte.
»Agnes, ich glaube, die Seeluft und der Ortswechsel bekommen dir gar nicht: Du hast noch nie so schlecht ausgesehen. Es muss daran liegen, dass du zu viel sitzt und dich zu sehr von den Schulsorgen in Anspruch nehmen lässt. Du musst lernen, die Dinge leichtzunehmen und aktiver und fröhlicher zu sein, dir Bewegung zu machen, wann immer du kannst, und mir die anstrengendsten Pflichten zu überlassen: Sie können nur dazu dienen, dass ich mich in Nachsicht übe, und vielleicht meine Geduld ein bisschen auf die Probe stellen.«
Das sagte meine Mutter, als wir eines Morgens in den Osterferien bei der Arbeit saßen. Ich versicherte ihr, dass meine Aufgaben nicht zu schwer waren, dass ich mich wohl fühlte, und wenn überhaupt etwas nicht mit mir stimmte, so wäre das vorbei, wenn wir erst einmal die unwirtliche Frühlingszeit hinter uns hätten; war erst einmal Sommer, würde ich so kräftig und gesund sein, wie sie es sich nur wünschen konnte: Doch insgeheim war ich bestürzt über ihre Bemerkung. Ich wusste, dass meine Kraft nachließ, mein Appetit versiegt und ich teilnahmslos und verzagt geworden war; – und wenn er sich wirklich nichts mehr aus mir machte und ich ihn nie wiedersehen würde, wenn es mir versagt war, zu seinem Glück beizutragen, für immer versagt, die Freuden der Liebe zu erfahren, einen Menschen glücklich zu machen und selbst glücklich zu sein – dann wäre das Leben eine Last für mich, und würde der himmlische Vater mich zu sich rufen, wäre ich froh, meine Ruhe zu finden. Aber es ging nicht an zu sterben und meine Mutter zurückzulassen. Was war ich für eine selbstsüchtige, unwürdige Tochter, sie auch nur für einen Augenblick zu vergessen! War ihr Glück nicht zu einem großen Teil meiner Verantwortung anvertraut? Und auch das Wohlergehen unserer jungen Schülerinnen? Sollte ich vor der Aufgabe, die Gott mir gestellt hatte, zurückschrecken, weil sie nicht nach meinem Geschmack war? Wusste Er nicht am besten, was ich tun und wo ich arbeiten sollte? Und sollte ich den Wunsch haben, die mir von Ihm aufgegebene Pflicht zu verweigern, noch ehe ich sie vollendet hatte, und hoffen, im Himmel Ruhe zu finden, noch bevor ich mich darum bemüht hatte, sie zu verdienen? »Nein, mit Seiner Hilfe will ich mich aufrichten und mich fleißig der mir bestimmten Pflicht widmen. Wenn es für mich auf Erden auch kein Glück geben mag, so will ich doch für das Wohl der Menschen um mich herum sorgen, und der Lohn soll mir im Jenseits zuteilwerden.« So redete ich mir innerlich zu; und von Stund an gestattete ich meinen Gedanken nur noch selten, um Edward Weston zu kreisen oder hin und wieder als Lichtblick bei ihm zu verweilen; und ob es nun wirklich der herannahende Sommer war, das Resultat meines festen Entschlusses, das Verstreichen der Zeit oder alles zusammen: Jedenfalls war meine geistige Gelassenheit bald wiederhergestellt, und auch meine körperliche Gesundheit und Kraft kehrten langsam, aber sicher zurück.
Anfang Juni erhielt ich einen Brief von Lady Ashby, der ehemaligen Miss Murray. Sie hatte mir bereits vorher zwei- oder dreimal von den diversen Stationen ihrer Hochzeitsreise geschrieben, stets gut gelaunt und mit der Betonung, sehr glücklich zu sein. Ich wunderte mich jedes Mal, dass sie mich bei all den Lustbarkeiten und Ortswechseln nicht vergessen hatte. Dann aber trat eine Pause ein, und ich hatte den Eindruck, sie hätte mich schließlich doch vergessen, denn es vergingen über sieben Monate, ohne dass ein Brief eintraf. Nun brach mir deswegen nicht gerade das Herz, obwohl ich mir oft darüber Gedanken machte, wie es ihr ergehen mochte; und als so unerwartet ein Brief von ihr kam, freute ich mich darüber. Er war von Ashby Park abgesandt, wo sie sich nun niedergelassen hatte, nachdem sie zuvor ihre Zeit zwischen dem Kontinent und der Hauptstadt aufgeteilt hatte. Sie entschuldigte sich wortreich, dass sie mir so lange nicht geschrieben hatte, versicherte mir, dass sie mich nicht vergessen und ständig vorgehabt hätte, mir zu schreiben, dass aber immer etwas anderes dazwischengekommen wäre usw. usw. Sie gab zu, ein vergnügungssüchtiges Leben geführt zu haben, und ich würde sie sicher für schlecht und gedankenlos halten; sie dächte jedoch eine ganze Menge, unter anderem auch, dass sie mich schrecklich gern wiedersehen würde. »Wir sind nun schon ein paar Tage hier«, schrieb sie. »Wir haben keinen einzigen Freund hier und werden uns wahrscheinlich sehr langweilen. Sie wissen ja, dass ich nie an dem Gedanken Gefallen fand, mit meinem Mann wie zwei Turteltauben in ihrem Nest zu leben, und wäre er auch der wundervollste Mensch, der jemals ein Jackett getragen hat; haben Sie also Mitleid und kommen Sie. Ich vermute, dass Ihre Sommerferien im Juni beginnen wie die anderer Leute auch, also können Sie sich nicht mit Zeitmangel herausreden; Sie müssen ganz einfach kommen – wirklich, ich sterbe, wenn Sie nicht kommen. Ich möchte, dass Sie mich als Freundin besuchen und möglichst lange bleiben. Wie ich schon angemerkt habe, ist niemand hier außer Sir Thomas und der alten Lady Ashby: Aber um die brauchen Sie sich keine Gedanken zu machen, sie werden uns wenig mit ihrer Anwesenheit belästigen. Und Sie werden ein eigenes Zimmer haben, falls Sie sich zurückziehen wollen, und reichlich Bücher, wenn meine Gesellschaft nicht unterhaltsam genug für Sie ist. Ich habe vergessen, ob Sie Babys mögen; wenn ja, werden Sie das Vergnügen haben, meines zu sehen – zweifellos das entzückendste Kind der Welt, umso mehr, da ich es nicht versorgen muss –, ich habe darauf bestanden, dass ich mich damit nicht herumärgern muss. Leider ist es ein Mädchen, und Sir Thomas hat mir das bis jetzt noch nicht verziehen; aber egal: Wenn Sie nur kommen, verspreche ich Ihnen, dass Sie seine Erzieherin werden sollen, sobald es sprechen kann, und Sie sollen es so aufziehen, wie es sich gehört, und eine bessere Frau aus ihm machen als seine Mama. Und meinen Pudel müssen Sie sich auch ansehen, ein reizender kleiner Kerl, den wir aus Paris mitgebracht haben; und zwei herrliche, sehr wertvolle italienische Gemälde – ich habe vergessen, wer der Maler ist. Sie werden bestimmt einiges Wunderbare darauf entdecken, was Sie mir dann erklären müssen, denn ich kann Dinge erst bewundern, wenn darüber gesprochen worden ist; und eine Menge erlesener Antiquitäten, die ich in Rom und anderswo erstanden habe, und schließlich auch mein neues Heim – das prachtvolle Haus und das Gelände, nach denen ich mich so sehr gesehnt habe. Ach ja, Vorfreude und Erwartung übersteigen doch bei weitem die Freude am Besitz. Ich werde schon rührselig! Glauben Sie mir, ich werde eine richtige alte Matrone, kommen Sie bitte, und wenn es nur ist, um sich diese wundersame Verwandlung anzusehen. Schreiben Sie postwendend, und teilen Sie mir mit, wann Ihre Ferien beginnen und dass Sie sofort am nächsten Tag kommen und hierbleiben, bis sie zu Ende sind – aus Erbarmen mit mir.
Herzlichst
Ihre Rosalie Ashby«
Ich zeigte diesen merkwürdigen Brief meiner Mutter und fragte sie, was ich tun solle. Sie riet mir zu fahren, und ich fuhr, bereit, mir Lady Ashby und ihr Baby anzusehen und alles zu tun, um ihr mit Trost und Rat zur Seite zu stehen; denn ich dachte, dass sie unglücklich sein müsste, sonst hätte sie sich nicht in dieser Form an mich gewandt; aber wie man sich leicht vorstellen kann, hatte ich doch das Gefühl, ein großes Opfer zu bringen und mir in vieler Hinsicht Gewalt anzutun, wenn ich die Einladung annahm, statt über die ehrenvolle Auszeichnung entzückt zu sein, dass die Baronin mich bat, sie als Freundin zu besuchen. Allerdings war ich entschlossen, meinen Besuch auf höchstens ein paar Tage auszudehnen, und ich will auch nicht verschweigen, dass mich der Gedanke versöhnte, dass Ashby Park nicht weit von Horton entfernt war und ich vielleicht Mr. Weston sehen oder zumindest etwas über ihn hören würde.
Kapitel 22
Der Besuch
Ashby Park war wirklich ein herrlicher Landsitz. Das Herrenhaus war von außen vornehm, innen geräumig und geschmackvoll eingerichtet; der Park war weitläufig und bestach hauptsächlich wegen der prächtigen alten Bäume, dem stattlichen Bestand an Hirschen und Rehen, den großen Wasserflächen und den uralten Wäldern, die sich im Hintergrund erstreckten: Denn es gab keine Felder, die das Gelände abwechslungsreich gemacht hätten, und nur wenige jener Anhöhen, die so sehr zum Reiz einer Parklandschaft beitragen. Dies also war Ashby Park, der Platz, den Rosalie Murray unter allen Umständen ihr Eigen nennen, dessen Herrin sie um jeden Preis werden wollte und nach dem es sie so verlangt hatte, dass es ihr gleichgültig gewesen war, mit wem sie Ansehen und Vorzüge dieses prachtvollen Besitzes teilte. Nun gut! Ich möchte sie jetzt dafür nicht tadeln.
Sie empfing mich sehr freundlich, und obwohl ich nur die Tochter eines armen Geistlichen, Gouvernante und Lehrerin war, hieß sie mich mit ungeheuchelter Freude in ihrem Haus willkommen und gab sich, was mich einigermaßen erstaunte, redlich Mühe, mir den Aufenthalt angenehm zu machen. Ich merkte natürlich, wie sehr sie darauf wartete, dass ich mich zutiefst beeindruckt von ihrer prachtvollen Umgebung zeigte, und ich muss zugeben, dass ich mich ärgerte über ihre offensichtlichen Bemühungen, mich zu beruhigen und mich daran zu hindern, von so viel Größe überwältigt zu sein, zu verschreckt bei dem Gedanken, ihrem Mann und ihrer Schwiegermutter gegenüberzutreten, oder zu befangen wegen meiner bescheidenen Erscheinung. Ich schämte mich überhaupt nicht, denn ich war zwar einfach gekleidet, hatte aber sorgfältig darauf geachtet, nicht schäbig oder ärmlich auszusehen, und hätte mich ohne die überdeutlichen Bemerkungen meiner herablassenden Gastgeberin völlig ungezwungen gefühlt; und was ihre prachtvolle Umgebung anging, so fiel mir nichts so sehr auf oder beeindruckte mich annähernd so sehr wie ihr eigenes verändertes Aussehen. Ob es nun der Einfluss ihrer mondänen, müßigen Lebensweise war oder eine andere Ursache hatte: Ein Zeitraum von kaum mehr als zwölf Monaten hatte bewirkt, was man sonst nach zwölf Jahren erwartet hätte: ihr die Rundlichkeit ihrer Gestalt, die Frische ihrer Gesichtsfarbe, die Lebhaftigkeit ihrer Bewegungen und die Munterkeit ihres Geistes zu nehmen.
Ich hätte gern gewusst, ob sie unglücklich war, dachte jedoch, dass es mir nicht zustand, danach zu fragen; ich konnte mich darum bemühen, ihr Vertrauen zu gewinnen, wenn sie aber ihre ehelichen Sorgen für sich behalten wollte, würde ich sie nicht mit aufdringlichen Fragen belästigen. Daher beschränkte ich mich zunächst auf ein paar allgemeine Fragen nach ihrer Gesundheit und ihrem Wohlergehen und auf ein paar lobende Bemerkungen über die Schönheit des Parks und über das kleine Mädchen, das eigentlich ein Junge hätte werden sollen, ein kleines, zartes Kind von sieben oder acht Wochen, das von seiner Mutter mit eben dem Maß an Interesse und Zuneigung bedacht wurde, wie es von ihr zu erwarten war.
Kurz nach meiner Ankunft beauftragte sie ihre Zofe, mich zu meinem Zimmer zu führen und dafür zu sorgen, dass ich alles bekäme, was ich wollte: Es war ein kleiner, anspruchsloser, aber gemütlicher Raum. Nachdem ich die Spuren der Reise beseitigt und meine Kleidung mit Rücksicht auf die Gefühle meiner Gastgeberin in Ordnung gebracht hatte, ging ich hinunter, und sie führte mich selbst in den Raum, den ich benutzen durfte, wenn ich allein sein wollte, sie sich um Besuch kümmern oder mit ihrer Schwiegermutter zusammen sein musste oder anderweitig verhindert war, das Vergnügen meiner Gesellschaft zu genießen, wie sie es ausdrückte. Es war ein ruhiges, schmuckes, kleines Wohnzimmer, und ich war nicht böse, dass mir ein solcher Zufluchtsort zur Verfügung stand.
»Und bei Gelegenheit«, sagte sie, »zeige ich Ihnen die Bibliothek; ich habe mir die Regale noch nicht genau angesehen, aber ich wage zu behaupten, dass eine Menge schlauer Bücher darin stehen, und Sie können dort herumstöbern, wann immer Sie Lust dazu haben. Und nun lasse ich Ihnen Tee bringen – es ist bald Essenszeit, aber ich dachte, da Sie gewöhnt sind, um eins zu speisen, hätten Sie vielleicht lieber eine Tasse Tee um diese Zeit und essen, wenn wir den Lunch einnehmen; Sie können den Tee auch hier serviert bekommen, wissen Sie, das erspart es Ihnen, mit Lady Ashby und Sir Thomas gemeinsam zu speisen, was ziemlich unangenehm wäre, nein, nicht unangenehm, sondern eher – hm, na, Sie wissen schon, was ich meine. Ich dachte, es wäre Ihnen nicht so angenehm – vor allem, weil ab und zu noch andere Damen und Herren mit uns dinieren.«
»Aber gewiss«, sagte ich, »es ist mir wirklich viel lieber so, wie Sie es sagen, und falls Sie keine Einwände haben, würde ich am liebsten alle meine Mahlzeiten hier einnehmen.«
»Warum denn?«
»Weil ich mir vorstellen kann, dass es Lady Ashby und Sir Thomas angenehmer so ist.«
»Aber ganz und gar nicht.«
»Auf jeden Fall wäre es mir angenehmer.«
Sie erhob noch ein paar schwache Einwände, gab aber schon bald nach, und ich merkte, dass mein Vorschlag eine große Erleichterung für sie war.
»Kommen Sie jetzt in den Salon«, sagte sie. »Da ist die Ankleideglocke; aber ich habe noch keine Lust zu gehen; was hat es für einen Sinn, sich umzukleiden, wenn einen doch niemand sieht; und ich möchte mich ein wenig unterhalten.«
Der Salon war gewiss beeindruckend und sehr elegant möbliert; aber ich merkte, dass die junge Herrin mich beobachtete, als wir eintraten, so als ob sie sehen wollte, wie beeindruckt ich von dem Anblick war, und ich beschloss, einen Ausdruck eisiger Gleichgültigkeit zur Schau zu tragen, so als sähe ich nichts besonders Bemerkenswertes. Aber das währte nur einen Augenblick; denn sofort flüsterte mir mein Gewissen zu: »Warum sie enttäuschen, nur um meinen Stolz zu wahren? Nein, lieber will ich meinen Stolz opfern und ihr diese harmlose kleine Freude gönnen.« Also sah ich mich um und versicherte ihr, dass es ein sehr vornehmer, sehr geschmackvoll eingerichteter Raum sei. Sie sagte nicht viel, aber man merkte, dass sie sich freute.
Sie zeigte mir ihren wohlgenährten, französischen Pudel, der zusammengerollt auf einem Seidenkissen lag, und die zwei schönen italienischen Gemälde: Sie ließ mir jedoch keine Zeit, sie näher in Augenschein zu nehmen, sondern meinte, ich solle sie mir irgendwann einmal ansehen, bestand aber darauf, dass ich die kleine, juwelenbesetzte Uhr bewunderte, die sie in Genf gekauft hatte; dann führte sie mich durch den Raum und zeigte mir verschiedene Kunstgegenstände, die sie aus Italien mitgebracht hatte: einen schönen kleinen Chronometer und mehrere zierliche, anmutige Figuren und Vasen aus gemeißeltem Marmor. Sie sprach sehr angeregt davon und nahm meine bewundernden Kommentare mit einem zufriedenen Lächeln entgegen, das aber bald verschwand und von einem melancholischen Seufzer abgelöst wurde, als ob sie darüber nachdächte, wie wenig jene Nippsachen doch dazu taugten, das menschliche Herz glücklich zu machen, und wie wenig sie genügten, seine ungestillten Wünsche zu erfüllen.
Dann streckte sie sich auf einem Sofa aus und bedeutete mir, in einem bequemen Sessel Platz zu nehmen, der gegenüberstand – nicht vor dem Kamin, sondern vor einem weit geöffneten Fenster; denn es war Sommer, wohlgemerkt, ein linder, warmer Abend in der zweiten Junihälfte. Ich saß einen Augenblick schweigend da und genoss die ruhige, klare Luft und den herrlichen Blick auf den Park, der mit seinem üppigen Grün und Blattwerk vor mir lag, getaucht in helles Sonnenlicht und noch frei von den langen Schatten des sich neigenden Tages. Aber ich musste Nutzen ziehen aus dieser Ruhepause: Es gab Fragen zu stellen, und genau wie beim Postskriptum im Brief einer Dame durfte das Wichtigste erst am Schluss kommen. Also machte ich den Anfang damit, nach Mr. und Mrs. Murray, Miss Matilda und den jungen Herren zu fragen.
Ich erfuhr, dass Papa die Gicht hatte, worüber er sehr wütend war, und dass er nicht auf seine erlesenen Weine und üppigen Mahlzeiten verzichten wollte und sich mit dem Arzt überworfen hatte, weil dieser gewagt hatte, ihm zu sagen, kein Heilmittel könne ihn kurieren, wenn er so ungezügelt lebe; und dass es Mama und den anderen gutginge. Matilda sei immer noch wild und ungestüm, aber sie hätte jetzt eine vornehme Gouvernante, und seitdem hätten sich ihre Manieren erheblich gebessert, und demnächst sollte sie in die Gesellschaft eingeführt werden; und John und Charles, die gerade die Ferien über zu Hause waren, seien nach allem, was man hörte, zwei »feine, kecke, widerspenstige und mutwillige Burschen«.
»Und was machen die anderen Leute«, fragte ich, »die Greens zum Beispiel?«
»Ach, Mr. Green leidet an gebrochenem Herzen«, antwortete sie mit einem gleichgültigen Lächeln, »er hat seine Enttäuschung noch nicht verwunden und wird es wohl auch nie. Es ist sein Los, ein alter Junggeselle zu werden, und seine Schwestern tun alles, was sie können, um sich zu verheiraten.«
»Und die Melthams?«
»Sie leben weiter in ihrem gewohnten Trott, nehme ich an, aber ich weiß nicht sehr viel über sie – außer über Harry«, sagte sie, während sie leicht errötete und wieder lächelte. »Ich habe ihn sehr oft gesehen, als wir in London waren; denn sobald er hörte, dass wir dort waren, erschien er unter dem Vorwand auf der Bildfläche, seinen Bruder zu besuchen, und folgte mir wie ein Schatten, wohin ich auch ging, oder tauchte wie mein Spiegelbild auf jedem meiner Spaziergänge auf. Sie brauchen mich nicht so entsetzt anzusehen, Miss Grey, ich war sehr vorsichtig, wirklich; aber man kann schließlich nichts dafür, wenn man angehimmelt wird. Der arme Kerl! Er war nicht mein einziger Anbeter, aber bestimmt der auffallendste und, wie ich glaube, der anhänglichste von allen. Und diesem abscheulichen – hm – und Sir Thomas beliebte es, sich über ihn aufzuregen – oder über die Höhe meiner Ausgaben oder sonst etwas, ich weiß es nicht genau – und mich unverzüglich hierher aufs Land zu schicken, wo ich wahrscheinlich den Rest meines Lebens als Einsiedlerin verbringen muss.«
Und sie biss sich auf die Unterlippe und blickte missmutig über das Gelände hin, das zu besitzen sie sich so glühend gewünscht hatte.
»Und Mr. Hatfield«, fragte ich, »was ist aus ihm geworden?«
Wieder hellte sich ihr Gesicht auf, und sie antwortete fröhlich: »Oh, er hat einer alten Jungfer den Hof gemacht und sie vor kurzem geheiratet; ihr dicker Geldbeutel hat anscheinend ihre verblichenen Reize wettgemacht, und nun hofft er, im Reichtum den Trost zu finden, der ihm in der Liebe nicht vergönnt war, ha, ha!«
»Das wäre wohl alles – mit Ausnahme von Mr. Weston: Wie geht es ihm?«
»Das weiß ich wirklich nicht. Er ist aus Horton fortgezogen.«
»Wie lange ist das her? Und wohin ist er gezogen?«
»Ich weiß nichts über ihn«, antwortete sie gähnend, »nur dass er vor etwa einem Monat weggegangen ist, ich habe nicht gefragt, wohin« (ich hätte gerne gefragt, ob auf eine eigene Pfründe oder nur in ein neues Hilfspfarramt, unterließ es aber), »und dass die Leute einen regelrechten Aufstand gemacht haben wegen seines Weggangs, zum großen Missfallen von Mr. Hatfield; Haltfield konnte ihn nämlich nicht leiden, weil er zu viel Einfluss auf die einfachen Leute hatte und ihm nicht willig und gehorsam genug war – und wegen ein paar anderer unverzeihlicher Sünden, ich weiß nicht, worum es ging. Aber jetzt muss ich wirklich gehen und mich umziehen, es wird gleich zum zweiten Mal läuten, und wenn ich in diesem Aufzug zum Essen erscheine, hält mir Lady Ashby das noch bis an mein Lebensende vor. Es ist schon komisch, wenn man nicht Herrin im eigenen Hause sein kann! Läuten Sie, ich will meine Zofe kommen lassen und Bescheid sagen, dass man Ihnen Tee bringt. Stellen Sie sich diese unerträgliche Frau vor –«
»Wen – Ihre Zofe?«
»Nein, meine Schwiegermutter – und welch folgenschweren Fehler habe ich begangen! Statt zuzustimmen, dass sie ein anderes Haus bezog, wie sie es bei unserer Hochzeit angeboten hat, war ich so dumm, sie zu bitten, weiter hier zu wohnen und an meiner Stelle den Haushalt zu führen; denn erstens hatte ich gehofft, wir würden den größten Teil des Jahres in der Stadt verbringen, und zweitens machte mir, da ich noch so jung und unerfahren war, der Gedanke Angst, ein Haus voller Dienerschaft zu beaufsichtigen, Essen zusammenzustellen, Gesellschaften zu geben und was sonst noch alles so anfällt; und ich dachte, sie würde mir mit ihrer Erfahrung zur Seite stehen; nie hätte ich geglaubt, dass sie sich als so eigenmächtig und tyrannisch, als Alptraum und Spion, als alles Scheußliche in einer Person entpuppen würde. Ich wollte, sie wäre tot!«
Dann wandte sie sich dem Diener zu, um ihre Befehle zu erteilen; er hatte seit einer halben Minute stocksteif in der Tür gestanden und den letzten Teil ihrer Vorwürfe mitangehört; und natürlich hatte er sich seine eigenen Gedanken gemacht, ungeachtet der starren, hölzernen Miene, die aufzusetzen er im Salon für angebracht hielt. Als ich sie später darauf hinwies, dass er ihre Worte mitangehört hatte, antwortete sie:
»Ach, das macht nichts. Ich kümmere mich nie um die Dienerschaft; das sind doch bloß Automaten; es kann ihnen gleich sein, was ihre Herrschaft sagt oder tut; sie werden nicht wagen, es zu wiederholen; und was sie denken – falls sie sich erlauben, überhaupt etwas zu denken –, kümmert ohnehin niemanden. Das wäre ja noch schöner, wenn man wegen der Dienerschaft den Mund halten müsste!«
Damit lief sie davon, um rasch Toilette zu machen, und überließ es mir, den Weg zurück zu meinem Wohnzimmer zu finden, wo man mir zu angemessener Zeit eine Tasse Tee servierte. Danach dachte ich über Lady Ashbys einstige und jetzige Situation nach und darüber, wie wenig Informationen ich über Mr. Weston bekommen hatte und wie gering die Chance war, noch einmal etwas von ihm zu sehen oder zu hören im Verlauf meines stillen, farblosen Lebens, das von nun an für mich nur noch die Alternative bereithielt zwischen wirklichen Regentagen und trüben, grauverhangenen Tagen, an denen kein Regen fiel. Schließlich jedoch wurde ich meiner Gedanken überdrüssig; ich hätte gern gewusst, wo sich die Bibliothek befand, von der meine Gastgeberin gesprochen hatte, und fragte mich, ob ich die ganze Zeit bis zum Schlafengehen hier mit Nichtstun verbringen sollte.
Da ich nicht reich genug war, um eine Uhr zu besitzen, konnte ich das Verstreichen der Zeit nur an den langsam länger werdenden Schatten ablesen, denen mein Blick vom Fenster aus folgte. Man sah eine Seite des Hauses und eine Ecke des Parks, eine Baumgruppe, in deren Kronen sich eine große Schar lärmender Krähen niedergelassen hatte, und eine hohe Mauer mit einem massiven Holztor, das zweifellos mit den Pferdeställen verbunden war, denn ein breiter Fahrweg führte in weitem Bogen vom Park aus darauf zu. Der Schatten dieser Mauer bemächtigte sich bald des ganzen Geländes, soweit ich es überblicken konnte, und zwang das goldene Sonnenlicht, sich immer mehr zurückzuziehen und schließlich in den Wipfeln der Bäume Zuflucht zu suchen. Es dauerte nicht lange, und auch sie lagen im Schatten – dem Schatten der fernen Hügel oder des Bodens selbst; und aus Mitleid mit den geschäftigen Bewohnern der Krähenkolonie bedauerte ich es mitanzusehen, wie ihr Aufenthaltsort, soeben noch in strahlendes Licht getaucht, die düstere, alltägliche Farbe der Erde oder meines eigenen Seelenzustands annahm. Einen Augenblick lang fiel auf die Flügel jener Vögel, die sich höher als die anderen hinaufgeschwungen hatten, ein letzter Schein und verlieh ihrem schwarzen Gefieder einen tiefen, rotgoldenen Glanz; dann verschwand auch er. Die Dämmerung sank herab, die Krähen wurden ruhiger; ich fühlte mich immer bedrückter und hätte mir gewünscht, morgen nach Hause zurückzukehren. Schließlich wurde es dunkel, und ich dachte gerade daran, mir eine Kerze bringen zu lassen und mich ins Bett zu begeben, als meine Gastgeberin erschien, sich tausendfach entschuldigte, mich so lange vernachlässigt zu haben, und die ganze Schuld dieser »widerlichen alten Frau« anlastete, wie sie ihre Schwiegermutter nannte.
»Sie würde es mir nie verzeihen, wenn ich nicht mit ihr zusammen im Salon sitze, solange Sir Thomas seinen Wein trinkt«, sagte sie; »und wenn ich im selben Moment, wenn er kommt, den Raum verlasse – was ich ein- oder zweimal getan habe –, ist das eine nicht wiedergutzumachende Kränkung ihres lieben Thomas. Sie war ihrem Mann gegenüber nie so respektlos; und was die Liebe betrifft: Daran denken die Frauen ihrer Ansicht nach heutzutage überhaupt nicht mehr; aber zu ihrer Zeit war eben alles anders; als ob es Sinn hätte dabeizubleiben, wenn er nur nörgelt und schimpft, falls er schlecht gelaunt ist, abscheulichen Unsinn redet, falls er in guter Stimmung ist, und auf dem Sofa einschläft, falls er für beides zu benommen ist, was in letzter Zeit am häufigsten der Fall ist, da er nichts anderes zu tun hat, als bei seinem Wein zu sitzen.«
»Aber könnten Sie nicht versuchen, seine Gedanken auf etwas anderes zu lenken, und ihn dazu bewegen, diese Gewohnheiten aufzugeben? Sie besitzen doch bestimmt genügend Überzeugungskraft und Begabung, um einen Gentleman zu unterhalten, worum viele Damen Sie beneiden würden.«
»Ach, Sie glauben also, ich würde mich nach Kräften bemühen, um für seine Zerstreuung zu sorgen? Nein, das entspricht nicht meiner Vorstellung von einer Frau. Es ist Sache des Ehemannes, seine Frau zufriedenzustellen und nicht umgekehrt; und wenn er sie nicht so nimmt, wie sie ist, und dankbar dafür ist, sie zu besitzen – dann ist er ihrer eben nicht würdig, fertig! Und was die Überredungskunst betrifft – damit halte ich mich ganz bestimmt nicht auf: Ich habe schon genug damit zu tun, ihn zu ertragen, wie er ist, ohne mich auch noch um eine Besserung zu bemühen. Aber es tut mir leid, dass ich Sie so lange allein gelassen habe, Miss Grey. Wie haben Sie die Zeit herumgebracht?«
»In der Hauptsache damit, die Krähen zu beobachten.«
»Barmherziger Himmel! Wie langweilig muss es Ihnen gewesen sein! Ich muss Ihnen wirklich die Bibliothek zeigen. Und Sie müssen immer läuten, wenn Sie etwas wünschen, geradeso als wären Sie in einem Gasthaus, und es sich bequem machen. Ich habe ganz selbstsüchtige Gründe, Sie glücklich zu sehen, denn ich will, dass Sie hierbleiben und nicht Ihre schreckliche Drohung wahrmachen, in ein oder zwei Tagen schon wieder davonzulaufen.«
»Gut, aber für heute möchte ich Sie nicht länger vom Salon fernhalten, denn ich bin müde und ginge gern zu Bett.«
Kapitel 23
Der Park
Etwa gegen acht am nächsten Morgen – so schloss ich aus den Schlägen einer entfernten Uhr – ging ich hinunter. Vom Frühstück war noch nichts zu sehen. Ich musste noch über eine Stunde warten, bis es kam, und hoffte weiterhin vergeblich darauf, die Bibliothek betreten zu dürfen; als ich mein einsames Mahl beendet hatte, wartete ich noch einmal eineinhalb Stunden voller Spannung und Unbehagen, unschlüssig, was ich beginnen sollte. Schließlich erschien Lady Ashby, um mir guten Morgen zu sagen. Sie teilte mir mit, dass sie gerade erst gefrühstückt hätte und nun mit mir einen Morgenspaziergang durch den Park machen wolle. Sie fragte mich, wie lange ich schon auf wäre, äußerte auf meine Antwort hin ihr großes Bedauern und versprach aufs Neue, mir die Bibliothek zu zeigen. Ich schlug vor, sie solle das am besten gleich tun, dann brauchte ich sie nicht mehr daran zu erinnern, und sie würde es nicht mehr vergessen. Sie willigte unter der Bedingung ein, dass ich mich nicht sofort mit den Büchern befassen würde; denn sie wolle mir die Gärten zeigen und durch den Park spazieren, ehe es für dieses Vergnügen zu heiß wäre: was in der Tat schon jetzt beinahe der Fall war. Ich stimmte natürlich bereitwillig zu, und wir machten demzufolge unseren Spaziergang.
Als wir durch den Park schlenderten und darüber sprachen, was meine Begleiterin auf ihren Reisen alles gesehen und gehört hatte, näherte sich ein Gentleman zu Pferde und ritt an uns vorbei. Da er sich umwandte und den Blick auf mich heftete, hatte ich die gute Gelegenheit, ihn mir genauer anzusehen. Er war groß, dünn und verlebt, hatte leicht gebeugte Schultern, ein blasses, leicht fleckiges Gesicht, gerötete Augenlider, schlaffe Gesichtszüge und insgesamt ein gelangweiltes, lustloses Aussehen, an dem nur ein düsterer Zug um den Mund und die gleichgültigen, seelenlosen Augen auffielen.
»Ich hasse diesen Mann!«, flüsterte Lady Ashby in bitterem Ton, als er langsam vorbeitrabte.
»Wer ist das?«, fragte ich, weil ich nicht glauben wollte, dass sie so von ihrem Gatten sprach.
»Sir Thomas Ashby«, sagte sie mit düsterem Gleichmut.
»Und Sie hassen ihn, Miss Murray?«, fragte ich, denn ich war so entsetzt, dass ich für den Augenblick sogar ihren Namen vergaß.
»Ja, Miss Grey, und ich verachte ihn, und wenn Sie ihn kennen würden, würden Sie mich deshalb nicht tadeln.«
»Aber Sie wussten doch, wie er war, bevor Sie ihn geheiratet haben.«
»Nein, das dachte ich nur: Ich kannte ihn nicht einmal zur Hälfte. Ich weiß, dass Sie mich gewarnt haben, und ich wollte, ich hätte auf Sie gehört; aber jetzt ist es zu spät, darüber zu klagen. Und außerdem hätte Mama es besser als wir beide wissen müssen, und sie hat nie Einspruch erhoben – ganz im Gegenteil. Und dann dachte ich, er würde mich anbeten und ließe mir meinen Willen: Anfangs tat er auch so als ob, aber inzwischen interessiert er sich überhaupt nicht mehr für mich. Das würde mir jedoch nichts ausmachen: Er könnte ruhig tun, was ihm Spaß macht, wenn ich die Freiheit hätte zu tun, was mir beliebt, und mich in London aufzuhalten oder hier ein paar Freunde zu Besuch zu haben; aber er tut, was er will, und ich muss als Gefangene und Sklavin leben. In dem Moment, als er erkannte, dass ich mich auch ohne ihn amüsieren konnte und dass es andere Männer gab, die meinen Wert besser einzuschätzen wussten als er, fing dieser selbstsüchtige Schuft an, mir Koketterie und Verschwendungssucht vorzuwerfen und Harry Meltham zu beschimpfen; dabei ist er es nicht wert, diesem die Schuhe zu putzen. Und dann hatte er nichts Eiligeres zu tun, als mich aufs Land zu schicken, wo ich das Leben einer Nonne führen muss, damit ich ihm keine Schande mache oder ihn ruiniere; als ob er nicht in jeder Hinsicht zehnmal schlimmer wäre mit seinem Wettbuch, seinem Spieltisch, seinen Mädchen von der Oper und seiner Lady Soundso und Mrs. Dingsda – ja, und mit seinen unzähligen Weinflaschen und Gläsern Punsch! Oh, ich gäbe zehntausend Welten dafür, noch einmal Miss Murray zu sein! Es ist zu schlimm, wenn man merkt, wie das Leben, Gesundheit und Schönheit sinnlos und ungenutzt verstreichen nur wegen eines solch gefühllosen Menschen!«, rief sie und brach in ihrem bitteren Kummer regelrecht in Tränen aus.
Sie tat mir natürlich unendlich leid, zum einen wegen ihrer falschen Vorstellungen von Glück und der Missachtung ihrer Pflicht, zum anderen wegen des schändlichen Partners, mit dem ihr Schicksal verknüpft war. Ich tat alles, um sie zu trösten, und gab ihr die Ratschläge, die sie meiner Meinung nach am nötigsten brauchte: Ich riet ihr, sich zunächst durch sanftes Zureden, Freundlichkeit, gutes Beispiel und Überzeugung darum zu bemühen, ihren Mann zu bessern, und sich dann, wenn sie alles versucht hätte und ihn nach wie vor für unverbesserlich hielt, von ihm zurückzuziehen, sich auf die eigene Tugend zu besinnen und sich so wenig wie möglich an ihm zu stören. Ich empfahl ihr, ihren Trost darin zu suchen, vor Gott und den Menschen ihre Pflicht zu tun, ihr Vertrauen auf den Himmel zu richten und sich mit der Pflege und Erziehung ihrer kleinen Tochter zu trösten; und ich versicherte ihr, es würde eine reichliche Entschädigung für sie sein, deren körperliche und geistige Entwicklung mitzuerleben und wahre kindliche Liebe zu erfahren.
»Aber ich kann mich doch nicht nur einem Kind widmen«, sagte sie, »es könnte sterben – was nicht einmal so unwahrscheinlich ist.«
»Aber bei der entsprechenden Pflege ist aus manchem zarten Baby ein kräftiger Mann oder eine gesunde Frau geworden.«
»Aber vielleicht wird es so schrecklich groß wie sein Vater, und dann werde ich es hassen.«
»Das ist unwahrscheinlich; es ist ein kleines Kind und ähnelt Ihnen sehr stark.«
»Trotzdem, mir wäre lieber, es wäre ein Junge – nur dass ihm sein Vater kein Erbe hinterlassen wird, wenn er es irgend selbst vergeuden kann. Was soll mir daran gefallen, ein Mädchen heranwachsen zu sehen, das mich in den Schatten stellt und all die Freuden genießt, die mir für immer versagt sind? Aber angenommen, ich wäre so hochherzig, daran meine Freude zu haben: Es bleibt doch immer nur ein Kind, und ich kann nicht all meine Hoffnung auf ein Kind konzentrieren; das ist nur eine Stufe besser, als sich mit einem Hund abzugeben. Und bei aller Klugheit und Güte, die Sie mir einflößen wollen – bestimmt ist das alles ganz richtig und passend, und wenn ich zwanzig Jahre älter wäre, würde es auch sicher Früchte tragen –, aber die Menschen müssen sich amüsieren, solange sie jung sind, und wenn andere sie daran hindern, muss man sie deswegen hassen!«
»Die beste Art, sich zu amüsieren, ist, das Rechte zu tun und niemanden zu hassen. Sinn der Religion ist es nicht, uns zu lehren, wie man stirbt, sondern wie man lebt, und je eher man vernünftig und gütig wird, umso mehr Glück kann man erlangen. Und nun, Lady Ashby, habe ich noch einen letzten Rat für Sie, nämlich, sich Ihre Schwiegermutter nicht zur Feindin zu machen. Machen Sie nicht den Fehler, sie sich vom Leibe zu halten und sie mit eifersüchtigem Misstrauen zu betrachten. Ich habe sie nie gesehen, aber Gutes und Schlechtes über sie gehört und kann mir vorstellen, dass sie, auch wenn ihr Verhalten normalerweise kalt und hochmütig ist und sie anspruchsvolle Forderungen stellt, doch jene Menschen liebt, die ihre Zuneigung gewonnen haben; und wenn sie auch ihrem Sohn blindlings ergeben ist, so ist sie bestimmt nicht ohne gute Prinzipien oder unfähig, Vernunft anzunehmen. Wenn Sie sich nur ein wenig mit ihr aussöhnen würden und auf eine freundliche, offene Art mit ihr umgingen, ihr vielleicht sogar Ihre Kümmernisse anvertrauten – echten Kummer, den vorzubringen Sie ein Recht haben –, dann bin ich fest davon überzeugt, sie wäre mit der Zeit Ihre treue Freundin und Trost und Stütze statt des Alptraums, als den Sie sie beschreiben.«
Aber ich fürchte, meine Ratschläge hatten wenig Erfolg bei der unglücklichen jungen Lady, und als ich feststellte, dass ich mich so wenig nützlich machen konnte, wurde mir der Aufenthalt in Ashby Park noch unerquicklicher. Doch diesen und den folgenden Tag musste ich noch überstehen, weil ich es versprochen hatte, bestand aber trotz aller Bitten und triftigen Begründungen, meinen Besuch länger auszudehnen, darauf, am nächsten Morgen abzureisen, indem ich erklärte, meine Mutter fühle sich einsam ohne mich und erwarte schon ungeduldig meine Rückkehr. Dennoch sagte ich der armen Lady Ashby nur schweren Herzens Lebewohl und ließ sie in ihrem fürstlichen Heim zurück. Es war nur ein weiterer Beweis dafür, wie unglücklich sie war, dass sie sich so an den Trost meiner Anwesenheit klammerte und sich dringend die Gesellschaft eines Menschen wünschte, dessen Geschmack und Vorstellungen so wenig den ihren entsprachen – den sie in ihren glücklichen Stunden vollkommen vergessen hatte und dessen Gegenwart eher störend als angenehm gewesen wäre, hätten sich ihre Sehnsüchte auch nur zur Hälfte erfüllt.
Kapitel 24
Der Strand
Unsere Schule lag nicht im Zentrum der Stadt: Betritt man A—— von Nordwesten her, kommt man an einer Reihe von ansehnlichen, zu beiden Seiten der breiten, weißen Straße gelegenen Häusern vorbei, davor ein schmales, steiles Stück Garten, Jalousien vor den Fenstern und eine gerade Treppe, die zu jeweils einer der hübschen Türen mit ihrem Messingknauf führt. In einem der größten dieser Häuser wohnten meine Mutter und ich zusammen mit den jungen Damen, die unsere Freunde und andere Leute unserer Obhut anvertraut hatten. Folglich lag das Haus in beträchtlicher Entfernung vom Meer und war durch ein Gewirr von Straßen und anderen Häusern davon getrennt. Aber das Meer war meine größte Freude, und ich durchmaß oft und gern mit schnellem Schritt die Stadt, um mir das Vergnügen zu gönnen, am Strand entlangzulaufen, ob mit den Schülerinnen oder während der Ferien allein mit meiner Mutter. Ich genoss dies immer und zu jeder Jahreszeit, vor allem aber im wilden Aufruhr einer stürmischen Brise und der klaren Frische eines Sommermorgens.
Ich erwachte früh am dritten Morgen nach meiner Rückkehr von Ashby Park; die Sonne schien durch die Jalousie, und ich stellte mir vor, wie schön es wäre, durch die stille Stadt zu gehen und einen einsamen Spaziergang am Strand zu machen, während die Hälfte der Menschheit noch im Bett lag. Ich brauchte nicht lange, um einen Entschluss zu fassen, noch ihn in die Tat umzusetzen. Natürlich wollte ich meine Mutter nicht stören, schlich geräuschlos die Treppe hinunter und öffnete leise die Tür. Als die Kirchturmuhr ein Viertel vor sechs schlug, war ich angezogen und im Freien. Selbst in den Straßen war ein Hauch von Frische und Vitalität, und in Worten lässt sich das Gefühl nicht wiedergeben, das in mir aufstieg, als ich die Stadt hinter mir gelassen hatte, meine Füße den Sand spürten und ich mein Gesicht der weiten, hellen Bucht zuwandte: Ich sah das tiefe, klare Blau von Himmel und Ozean, den strahlenden Morgensonnenschein, der auf die halbkreisförmige Barriere schroffer, von grünen, ansteigenden Hügeln überragter Klippen fiel, auf den weichen, weitläufigen Strand, die niedrigen Felsen im Meer, die in ihrem Pflanzen- und Mooskleid wie kleine, grasbewachsene Inseln aussahen, und vor allem auf die hellglitzernden Wellen. Und dann die unbeschreibliche Reinheit und Frische der Luft! Es war heiß genug, um die Brise als Wohltat zu empfinden, und eben genug Wind, um die See in Bewegung zu halten und die Wellen schäumend und funkensprühend, als wären sie besonders übermütiger Laune, ans Ufer rollen zu lassen. Nichts sonst bewegte sich – außer mir war keine Menschenseele zu sehen. Meine Schritte waren die ersten, die ihren Abdruck in dem festen, unberührten Sand hinterließen; niemand vor mir hatte ihn betreten, seit die einlaufende Flut letzte Nacht auch die tiefsten Spuren ausgewischt und ihn makellos und glatt zurückgelassen hatte, mit Ausnahme der Stellen, wo das ablaufende Wasser noch in Form von kleinen Tümpeln und Rinnsalen sichtbar war.
Erfrischt, gestärkt und voller Freude lief ich dahin, vergaß all meine Sorgen, fühlte mich wie beflügelt und glaubte, noch mindestens vierzig Meilen ohne Anzeichen von Erschöpfung weiterlaufen zu können, und empfand ein Gefühl von Heiterkeit, wie ich es seit meiner frühen Kindheit nicht mehr verspürt hatte. Etwa gegen halb sieben jedoch kamen die Reitknechte, um die Pferde ihrer Herren an die frische Luft zu führen – erst der eine, dann der nächste, bis es schließlich einige Dutzend Pferde und fünf oder sechs Reiter waren: Aber das brauchte mich nicht zu beunruhigen, denn sie gingen nie bis zu den niedrigen Felsen, denen ich mich nun näherte. Dort angekommen, ging ich über den feuchten, schlüpfrigen Seetang – wobei ich riskierte, in eine der zahllosen Lachen klaren Salzwassers zu stolpern – bis zu einem kleinen, bemoosten Felsvorsprung, der von der See umspült wurde, und sah mich um, wer wohl als Nächstes auftauchen würde. Aber noch immer sah man nur die Reitknechte mit ihren Pferden, einen einzelnen Herrn mit einem winzigen, dunklen Etwas von Hund, das vor ihm herlief, und einen Wasserkarren, der aus der Stadt kam, um Wasser für die Bäder zu holen. In ein, zwei Minuten würden sich die Badekarren im Hintergrund in Bewegung setzen, und dann würden die alten Herren mit der geregelten Lebensweise und die dunkelgekleideten Quäkerinnen kommen und ihren gesunden Morgenspaziergang machen. Doch so interessant dieses Geschehen auch war, ich konnte nicht warten, um den Anblick länger zu genießen, denn Sonne und Meer blendeten mich so sehr, dass ich mir nur einen einzigen Blick gestattete; und dann wandte ich mich wieder ab, um voller Freude zu sehen und zu hören, wie das Meer gegen meinen Felsvorsprung spritzte – mit nicht allzu großer Wucht, denn der Anprall wurde vom Gewirr des Seetangs und den unsichtbaren Felsen unter Wasser gemildert; andernfalls wäre ich längst von der Gischt durchnässt gewesen. Aber die Flut kam näher, das Wasser stieg, die Abgründe und Tümpel füllten sich, die schmalen Rinnsale wurden breiter; es war Zeit, sich nach einem sicheren Halt umzusehen; also lief, sprang und stolperte ich zurück zu dem weichen, breiten Strand und beschloss, bis zu einem besonders kühn vorspringenden Teil der Klippen weiterzugehen und dann umzukehren.
Im selben Augenblick hörte ich hinter mir ein Schnauben, und schon hüpfte und sprang ein Hund schwanzwedelnd um meine Füße. Es war mein geliebter Schnapp – der kleine, dunkle Drahthaarterrier! Als ich seinen Namen rief, sprang er mir ins Gesicht und heulte vor Freude auf. Da ich fast so begeistert war wie er selbst, nahm ich den kleinen Kerl auf den Arm und küsste ihn mehrmals. Aber wie kam er gerade hierher? Er konnte weder vom Himmel gefallen sein, noch allein den Weg hierhergefunden haben: Entweder musste ihn sein Besitzer, der Rattenfänger, oder sonst jemand hierhergebracht haben; ich ließ also von meinen Liebkosungen ab, versuchte, seinen ebenfalls Einhalt zu gebieten, sah mich um und erblickte – Mr. Weston!
»Ihr Hund erinnert sich noch gut an Sie, Miss Grey«, sagte er und ergriff herzlich meine Hand, die ich ihm entgegenstreckte, ohne zu wissen, was ich überhaupt tat. »Sie stehen zeitig auf.«
»So früh wie heute nicht oft«, antwortete ich, in Anbetracht des Geschehens mit erstaunlicher Gelassenheit.
»Wie weit gedenken Sie Ihren Spaziergang auszudehnen?«
»Ich hatte vor umzukehren – ich glaube, es ist fast Zeit dazu.«
Er sah auf seine Uhr – jetzt eine goldene – und teilte mir mit, dass es erst fünf Minuten nach sieben sei.
»Aber Ihr Spaziergang war zweifellos lang genug«, sagte er und wandte sich wieder in Richtung Stadt, in die ich nun gemächlich und mit Muße zurückging; und er ging neben mir.
»In welchem Teil der Stadt wohnen Sie?«, fragte er. »Ich konnte es nicht ausfindig machen.«
Nicht ausfindig machen? Hatte er sich denn darum bemüht? Ich nannte ihm unsere Adresse. Er erkundigte sich, wie wir mit unserer Schule vorankämen. Ich sagte ihm, dass wir großen Erfolg hätten, dass die Zahl unserer Schülerinnen nach den Weihnachtsferien beträchtlich gestiegen wäre und wir nach dem Ende dieser Ferien eine weitere Zunahme erwarteten.
»Sie müssen eine perfekte Erzieherin sein«, bemerkte er.
»Nein, es liegt an meiner Mutter«, gab ich zur Antwort; »sie wird mit allem so gut fertig und ist so umsichtig und klug und gütig.«
»Ich würde Ihre Mutter gern kennenlernen. Wären Sie bereit, mich ihr vorzustellen, wenn ich bei Ihnen vorspreche?«
»Ja, gern.«
»Und räumen Sie mir als altem Freund das Privileg ein, ab und zu bei Ihnen hereinzuschauen?«
»Ja, wenn – ich nehme es an.«
Das war eine sehr törichte Antwort, aber in Wirklichkeit dachte ich, dass ich kein Recht dazu hatte, ohne ihr Wissen irgendjemanden ins Haus meiner Mutter einzuladen; und wenn ich gesagt hätte: »Ja, wenn meine Mutter nichts dagegen hat«, hätte das so geklungen, als würde ich mehr in seine Frage hineinlegen, als er erwartete. Da ich also annahm, sie hätte nichts dagegen, fügte ich hinzu: »Ich nehme es an«, aber ich hätte natürlich etwas Klügeres und Höflicheres sagen müssen, wenn ich nur meine fünf Sinne beisammengehabt hätte. Wir setzten unseren Weg eine Minute schweigend fort, doch zu meiner großen Erleichterung brach Mr. Weston dieses Schweigen schon gleich darauf, indem er über die Klarheit des Morgens, die Schönheit der Bucht und dann über die Vorteile von A–– sprach, die es gegenüber vielen anderen eleganten Badeorten besaß.
»Sie fragen gar nicht, was mich nach A–– bringt«, sagte er. »Sie glauben doch nicht etwa, dass ich reich genug bin, um zu meinem Vergnügen herzukommen.«
»Ich habe gehört, dass Sie Horton verlassen haben.«
»Dann haben Sie also nicht gehört, dass ich die Pfarrstelle in F–– bekommen habe?«
F–– war ein Dorf, etwa zwei Meilen von A–– entfernt.
»Nein«, sagte ich, »wir leben auch hier so zurückgezogen, dass Neuigkeiten nur selten bis zu mir durchdringen, es sei denn, sie stehen in der –– Gazette. Aber ich hoffe, dass Ihnen Ihre neue Gemeinde gefällt und ich Sie zu Ihrem Amtsantritt beglückwünschen kann.«
»Ich glaube, dass mir meine Gemeinde in ein bis zwei Jahren besser gefällt, wenn ich ein paar Verbesserungen durchgeführt habe, die mir am Herzen liegen – oder wenigstens ein paar Fortschritte in dieser Richtung gemacht habe. Aber gratulieren können Sie mir schon, denn ich finde es sehr angenehm, eine eigene Gemeinde zu haben ohne jemanden, der sich dauernd einmischt, meine Pläne durchkreuzt oder mich in meinen Bemühungen hindert; und außerdem habe ich ein ansehnliches Haus in einer recht hübschen Umgebung und dreihundert Pfund im Jahr; tatsächlich ist das Einzige, was ich beklage, meine Einsamkeit, das Einzige, was ich mir wünsche, eine Lebensgefährtin.«
Bei den letzten Worten sah er mich an, und das Aufblitzen seiner dunklen Augen ließ mein Gesicht flammend rot werden: sehr zu meinem Missbehagen, denn es war unerträglich, gerade in diesem Augenblick solche Verwirrung zu bekunden. Ich gab mir also Mühe, den Schaden wiedergutzumachen und jeden Zusammenhang seiner Äußerung mit meiner Person von mir zu weisen, indem ich hastig und mit ungeschickten Worten antwortete, wenn er nur wartete, bis er in der Gegend gut genug bekannt wäre, hätte er bestimmt zahlreiche Gelegenheiten, dem Mangel abzuhelfen, ob unter den Einwohnerinnen von F–– und Umgebung oder den Besucherinnen von A––, falls er eine größere Auswahl haben wollte, und bedachte gar nicht das Kompliment, das in einer derartigen Äußerung lag, bis mich seine Antwort darauf aufmerksam machte.
»Ich bin nicht so anmaßend, das zu glauben«, sagte er, »auch wenn Sie es sagen; aber selbst wenn es so wäre, ich bin ziemlich wählerisch, was meine Vorstellung von einer Lebensgefährtin angeht, und vielleicht fände ich unter den Damen, die Sie erwähnt haben, gar keine, die zu mir passt.«
»Wenn Sie Vollkommenheit verlangen, sicher nicht.«
»Das verlange ich nicht – ich habe kein Recht dazu, da ich selbst weit davon entfernt bin.«
Hier wurde unser Gespräch durch einen vorbeipolternden Wasserkarren unterbrochen, denn wir waren nun an dem belebten Teil des Strandes angelangt, und während der nächsten acht bis zehn Minuten gab es inmitten von Karren, Pferden, Eseln und Menschen kaum Gelegenheit, sich zu verständigen, bis wir dem Meer den Rücken gekehrt hatten und den steilen Weg hinaufzusteigen begannen, der in die Stadt führte. Hier bot mir mein Begleiter seinen Arm, was ich mir gefallen ließ, aber nicht mit der Absicht, ihn als Stütze zu gebrauchen.
»Ich nehme an, Sie gehen nicht oft zum Strand hinunter«, sagte er, »denn ich bin seit meiner Ankunft dort häufig spazieren gegangen, morgens und abends, und habe Sie bis heute nie gesehen; und öfters, wenn ich durch die Stadt ging, habe ich nach Ihrer Schule Ausschau gehalten, aber an die ––straße habe ich nicht gedacht: und ein- oder zweimal habe ich Nachforschungen angestellt, aber nie die erforderlichen Informationen erhalten.«
Als wir die Böschung erklommen hatten, machte ich Anstalten, meinen Arm zurückzuziehen, aber mit einem leichten Druck des Ellenbogens gab er mir stillschweigend zu verstehen, dass er das nicht wollte, und ich unterließ es also. Während wir über die verschiedensten Themen sprachen, betraten wir die Stadt und durchquerten mehrere Straßen. Ich merkte, dass er einen Umweg machte, um mich zu begleiten, abgesehen von dem langen Weg, der noch vor ihm lag, und da ich fürchtete, dass er sich aus Gründen der Höflichkeit Unannehmlichkeiten machte, sagte ich:
»Ich fürchte, Sie begeben sich meinetwegen auf Umwege, Mr. Weston, ich glaube, die Straße nach F–– liegt in einer ganz anderen Richtung.«
»Ich bringe Sie noch bis zum Ende der nächsten Straße«, sagte er.
»Und wann werden Sie Mama besuchen?«
»Morgen – so Gott will.«
Das Ende der nächsten Straße war auch fast das Ende meines Weges. Doch er machte dort Halt, wünschte mir einen guten Morgen und rief nach Schnapp, der ein wenig unschlüssig schien, ob er seiner ehemaligen Herrin oder seinem neuen Herrn folgen sollte, aber davontrabte, nachdem Letzterer ihn gerufen hatte.
»Ich biete Ihnen nicht an, ihn wieder zurückzunehmen, Miss Grey«, sagte Mr. Weston lächelnd, »ich habe ihn nämlich liebgewonnen.«
»Oh, ich will ihn gar nicht«, antwortete ich, »jetzt, wo er einen guten Herrn hat, bin ich zufrieden.«
»Sie gehen demnach davon aus, dass ich das bin?«
Herr und Hund gingen ihres Weges, und ich kehrte nach Hause zurück, dankte dem Himmel für so viel Glück und betete darum, dass meine Hoffnungen nicht noch einmal zunichtegemacht würden.
Kapitel 25
Schluss
»Aber Agnes, du solltest nicht wieder so lange Spaziergänge vor dem Frühstück machen«, sagte meine Mutter, als sie bemerkte, dass ich noch eine zusätzliche Tasse Kaffee trank, aber nichts aß – und machte die Hitze und die Erschöpfung wegen meines ausgedehnten Marsches dafür verantwortlich. In der Tat fühlte ich mich fiebrig und müde.
»Du übertreibst immer alles: Wenn du jeden Morgen einen kurzen Spaziergang gemacht hättest und dabei bliebest, würde es dir guttun.«
»Schön, Mama, das werde ich tun.«
»Aber dies ist schlimmer, als im Bett zu liegen oder über deinen Büchern zu sitzen: Du fieberst ja geradezu.«
»Ich tu es nicht wieder«, sagte ich.
Ich zerbrach mir den Kopf, wie ich ihr von Mr. Weston erzählen sollte, denn sie musste ja wissen, dass er morgen kam. Aber ich wartete, bis das Frühstücksgeschirr abgeräumt und ich etwas ruhiger und beherrschter geworden war; dann setzte ich mich vor meinen Zeichenblock und begann:
»Ich habe heute am Strand einen alten Freund getroffen, Mama.«
»Einen alten Freund. Wer könnte das sein?«
»Zwei alte Freunde, um es genau zu sagen. Der eine war ein Hund«, und ich erinnerte sie an Schnapp, dessen Geschichte ich ihr schon früher einmal erzählt hatte, und berichtete von dem Vorfall: wie er so plötzlich aufgetaucht war und es eine so ungewöhnliche Wiedersehensszene gegeben hatte. »Und der andere«, fuhr ich fort, »war Mr. Weston, der Hilfspfarrer von Horton.«
»Mr. Weston! Ich habe nie von ihm gehört.«
»Doch, ich glaube, ich habe ihn öfters erwähnt, du hast es nur vergessen.«
»Ich weiß, dass du von Mr. Hatfield gesprochen hast.«
»Mr. Hatfield war der Gemeindepfarrer und Mr. Weston der Hilfspfarrer: Ich habe ihn mehrfach im Gegensatz zu Mr. Hatfield als den tüchtigeren Geistlichen erwähnt. Jedenfalls war er heute Morgen mit dem Hund am Strand – ich nehme an, er hat ihn dem Rattenfänger abgekauft; und er erkannte mich genauso wie der Hund – wahrscheinlich seinetwegen: Und ich hatte ein Gespräch mit ihm, in dessen Verlauf er sich nach unserer Schule erkundigte, was mich natürlich veranlasste, etwas über dich und dein Organisationstalent zu sagen; und er meinte, er würde dich gern kennenlernen und ob ich ihn dir vorstellen würde, wenn er sich die Freiheit nähme, morgen herzukommen; und ich habe ja gesagt. War das richtig?«
»Natürlich. Was für ein Mensch ist er?«
»Ein sehr ehrenhafter Mensch, glaube ich, aber du wirst ihn ja morgen sehen. Er ist der neue Vikar in F––, und weil er erst ein paar Wochen dort ist, hat er wahrscheinlich noch keine Freunde und braucht ein wenig Gesellschaft.«
Der nächste Tag kam. In welch bangem Zustand von Angst und Erwartung war ich zwischen Frühstück und Mittag – dem Zeitpunkt, an dem er erschien. Nachdem ich ihn meiner Mutter vorgestellt hatte, setzte ich mich mit meiner Arbeit ans Fenster, um dort das Ergebnis der Unterhaltung abzuwarten. Sie kamen bestens miteinander zurecht: zu meiner großen Befriedigung, denn ich hatte mich sehr darum gesorgt, was meine Mutter von ihm halten würde. Er blieb diesmal nicht lange; aber als er aufstand, um sich zu verabschieden, sagte sie, sie würde sich freuen, ihn zu sehen, wann immer er Gelegenheit fände, wieder bei uns hereinzuschauen; und als er gegangen war, hörte ich sie zu meiner Freude sagen:
»Nun, ich glaube, er ist ein sehr kluger Mensch. Aber warum hast du dich in den Hintergrund zurückgezogen und so wenig geredet, Agnes?«, fügte sie fragend hinzu.
»Weil du so gut gesprochen hast, Mama, ich dachte, du hättest meine Hilfe nicht nötig; außerdem war es dein Besuch, nicht meiner.«
Danach besuchte er uns regelmäßig – mehrmals im Laufe einer Woche. Meistens unterhielt er sich mit meiner Mutter, und das war kein Wunder, denn sie konnte ein Gespräch führen. Ich beneidete sie fast um den ungezwungenen, lebhaften Fluss ihrer Rede und die überzeugende Klugheit von allem, was sie sagte – und doch tat ich es nicht; denn obwohl ich meine Unzulänglichkeit seinetwegen hin und wieder bedauerte, hatte ich große Freude daran dabeizusitzen und zuzuhören, wenn die beiden Menschen, die ich mehr als irgendjemanden sonst liebte und verehrte, so friedlich, klug und freundschaftlich miteinander sprachen. Ich schwieg jedoch nicht immer und wurde auch keineswegs vernachlässigt. Ich wurde genauso behandelt, wie ich es mir wünschte: Es fehlte nicht an lieben Worten und noch lieberen Blicken: zu zart und sanft, um sie in Worte zu fassen, und daher unbeschreiblich – doch tief im Herzen empfunden.
Die anfängliche Förmlichkeit hörte bald auf; Mr. Weston war ein erwünschter, jederzeit gern gesehener Gast und störte nie die Ordnung unseres Haushalts. Er nannte mich sogar Agnes: Er hatte den Namen zunächst schüchtern ausgesprochen, aber als er merkte, dass niemand daran Anstoß nahm, schien er ihn dem steifen Miss Grey bei weitem vorzuziehen; und so ging es auch mir. Wie trüb und langweilig waren die Tage, an denen er nicht kam! Aber nicht traurig, denn ich hatte ja noch die Erinnerung an seinen letzten und schon die Hoffnung auf seinen nächsten Besuch, um mich zu freuen. Wenn jedoch zwei oder drei Tage vergingen, ohne dass ich ihn sah, fühlte ich mich unruhig – was lächerlich und unvernünftig war, denn natürlich hatte er seine Pflichten und Gemeindeangelegenheiten, um die der sich kümmern musste. Und ich fürchtete mich vor dem Ferienende, wenn auch meine Arbeit wieder beginnen würde und ich ihn manchmal gar nicht würde sehen können oder dann, wenn meine Mutter im Schulzimmer war, mit ihm allein sein musste: eine Situation, die ich mir im Hause ganz und gar nicht wünschte, obwohl es doch keineswegs unangenehm gewesen war, ihm draußen zu begegnen und mit ihm spazieren zu gehen.
In der letzten Ferienwoche jedoch erschien er eines Abends – unverhofft, denn ein heftiger und ausdauernder Gewitterregen am Nachmittag hatte meine Hoffnung, ihn an diesem Tag noch zu sehen, fast zunichtegemacht. Doch nun war der Sturm vorbei, und die Sonne schien strahlend.
»Ein herrlicher Abend, Mrs. Grey!«, sagte er beim Eintreten. »Agnes, ich möchte, dass Sie mit mir einen Spaziergang nach –– machen« (er nannte einen ganz bestimmten Abschnitt der Küste – zum Land hin ein steiler Hang, zum Meer hin jäh abfallende Klippen, von deren höchstem Punkt man eine wunderbare Aussicht hatte). »Der Regen hat den Staub weggespült und die Luft gereinigt und abgekühlt; der Blick muss wunderschön sein. Kommen Sie mit?«
»Kann ich gehen, Mama?«
»Ja, natürlich.«
Ich ging, um mich für den Spaziergang zurechtzumachen, und war in ein paar Minuten wieder unten; obwohl ich natürlich etwas mehr Aufmerksamkeit auf meine Kleidung verwandte, als wenn ich nur allein zum Einkaufen ausgegangen wäre. Der Gewitterregen hatte wirklich eine wohltuende Wirkung auf das Wetter gehabt, und es war ein köstlicher Abend. Mr. Weston bat mich, seinen Arm zu nehmen: Er sprach wenig, während wir durch die belebten Straßen gingen, schritt jedoch schnell aus und machte einen ernsten, geistesabwesenden Eindruck. Ich fragte mich, was wohl der Grund war, und verspürte eine unbestimmte Angst, dass etwas Unangenehmes auf ihm lastete, und meine vagen Vermutungen, worum es sich handeln könnte, beunruhigten mich nicht wenig und machten auch mich ernst und schweigsam. Aber diese Hirngespinste verflüchtigten sich, als wir den ruhigen Stadtrand erreichten: denn sobald wir in Sichtweite der ehrwürdigen alten Kirche und des ––bergs waren, unter uns die tiefblaue See, stellte sich heraus, dass mein Begleiter heiter und guter Laune war.
»Ich fürchte, ich bin zu schnell gegangen für Sie, Agnes«, sagte er, »in meiner Ungeduld, die Stadt hinter mir zu lassen, habe ich vergessen, auf Ihre Annehmlichkeit Rücksicht zu nehmen, aber jetzt wollen wir so langsam gehen, wie es Ihnen gefällt. An diesen kleinen Wolken im Westen erkenne ich, dass wir einen herrlichen Sonnenuntergang haben werden, und auch wenn wir ganz gemütlich gehen, werden wir rechtzeitig da sein, um seinen Widerschein im Meer mitzuerleben.«
Als wir den Berg zur Hälfte erklommen hatten, versanken wir wieder in Schweigen, und, wie gewöhnlich, brach er es als Erster.
»Mein Haus ist immer noch einsam, Miss Grey«, bemerkte er lächelnd, »und ich bin jetzt mit allen Damen meiner Gemeinde bekannt und auch mit vielen in dieser Stadt, und viele andere kenne ich vom Sehen und aus Erzählungen; aber keine von ihnen passt zu mir als Lebensgefährtin; es gibt tatsächlich nur einen einzigen Menschen auf der Welt, der zu mir passt, und das sind Sie; ich möchte gern Ihre Antwort hören.«
»Sprechen Sie im Ernst, Mr. Weston?«
»Im Ernst! Wie können Sie annehmen, dass ich bei einem solchen Anlass scherze?«
Er legte seine Hand auf meine, die noch auf seinem Arm ruhte: Er musste gespürt haben, wie sie zitterte, aber das war jetzt nicht mehr so wichtig.
»Ich hoffe, ich war nicht zu überstürzt«, sagte er ernst. »Aber Sie müssen gemerkt haben, dass es nie meine Art war, Komplimente zu machen und verliebten Unsinn zu reden oder auch nur die Bewunderung auszudrücken, die ich empfand, und dass ein einziges Wort, ein einziger Blick von mir mehr bedeuten als die honigsüßen Phrasen und glühenden Beteuerungen der meisten anderen Männer.«
Ich sagte irgendetwas in der Art, dass ich meine Mutter nicht allein lassen und nichts ohne ihre Einwilligung tun wolle.
»Ich habe das alles mit Mrs. Grey geregelt, während Sie Ihre Haube aufgesetzt haben«, antwortete er. »Sie sagte, ich hätte ihre Zustimmung, wenn ich die Ihre bekäme, und ich habe sie gebeten, bei uns zu leben, falls ich dieses Glück hätte, weil ich wusste, dass Ihnen das lieber wäre. Aber sie hat abgelehnt mit der Begründung, sie könne es sich jetzt leisten, eine Hilfslehrerin einzustellen, und wolle die Schule so lange weiterführen, bis sie eine genügend hohe Leibrente erworben habe, um ihren Lebensabend in einem behaglichen Zuhause verbringen zu können; bis dahin wolle sie ihre Ferien abwechselnd bei uns und Ihrer Schwester verleben und wäre damit zufrieden, Sie glücklich zu sehen. Diesbezüglich habe ich also jetzt Ihre Einwände entkräftet. Haben Sie noch andere?«
»Nein – keine.«
»Also lieben Sie mich?«, fragte er und presste inbrünstig meine Hand.
»Ja.«
* * *
Hier halte ich inne. Mein Tagebuch, das mir als Quelle für diese Seiten diente, endet kurz darauf. Ich könnte noch jahrelang weiterschreiben, will mich jedoch damit begnügen hinzuzufügen, dass ich niemals jenen herrlichen Sommerabend vergessen und immer voller Freude an jenen steilen Berg und den Rand der Klippen zurückdenken werde, wo wir beieinanderstanden und beobachteten, wie sich der großartige Sonnenuntergang in den tosenden Fluten zu unseren Füßen spiegelte – und dem Himmel dankten, die Herzen so von Glück und Liebe erfüllt, dass wir kaum eines Wortes mächtig waren.
Ein paar Wochen später, nachdem meine Mutter eine Hilfskraft gefunden hatte, wurde ich Edward Westons Frau; ich hatte nie Anlass, es zu bereuen, und weiß, dass das auch so bleiben wird. Natürlich gab es Prüfungen, und wir wissen beide, dass es sie wieder geben wird; aber wir meistern sie gemeinsam und versuchen, uns gegen die letzte, endgültige Trennung zu wappnen – die schwerste aller Prüfungen für den Überlebenden. Aber wenn wir stets daran denken, dass wir uns im Jenseits vielleicht wiederbegegnen, jenem Ort, an dem es keine Sünde und Sorge gibt, so ist auch dies sicher zu ertragen; und bis dahin wollen wir uns bemühen, im Sinne des Herrn zu leben, der uns so viel Segen beschert hat.
Edward hat durch seine emsigen Bemühungen erstaunliche Verbesserungen in seiner Gemeinde bewirkt und wird von den Bewohnern geschätzt und geliebt, so wie er es verdient; denn welche Fehler er auch als Mensch haben mag – und kein Mensch ist ganz ohne Fehler –, ich widerspreche jedem, der ihn in seiner Funktion als Pastor, Ehemann oder Vater kritisiert.
Unsere Kinder Edward, Agnes und die kleine Mary berechtigen zu den schönsten Hoffnungen; derzeit liegt ihre Erziehung hauptsächlich in meinen Händen, und sie sollen nichts entbehren, was ihnen die Fürsorge einer Mutter geben kann. Unser bescheidenes Einkommen genügt vollauf für unsere Bedürfnisse: und da wir so sparsam sind, wie wir es in härteren Zeiten gelernt haben, und nie versuchen, es unseren reicheren Nachbarn gleichzutun, gelingt es uns nicht nur, selbst behaglich und zufrieden zu leben, sondern jedes Jahr etwas für die Kinder zurückzulegen und den Menschen etwas zu geben, die es dringender brauchen. Und nun habe ich wirklich genug erzählt.
Anmerkungen
O lieblichs Tagwerk … formieren: Zitat aus: James Thomson (1700–1748), The Seasons. Spring (1728), Z. 1152 f.: »Delightful task! to rear the tender thought, / To teach the young Idea how to shoot.« Übers. von Barthold Heinrich Brockes (1680–1747), Hamburg 1745.
Sie können mich ... sie: Zitat aus: Lord Byron, Stanzas to [Augusta] (1816), Z. 22–24: »They may crush, but they shall not contemn – / They may torture, but they shall not subdue me – / ’Tis of thee that I think – not of them.«
Selig sind die Barmherzigen … erlangen: Mt. 5,7.
mauvaise honte: (frz.) falsche Schamhaftigkeit.
Dogberry: Anspielung auf William Shakespeare, Much Ado About Nothing III, 5, 19–22: »DOGBERRY. […] but truly, for mine own part, if I were as tedious as a king, I could find in my heart to bestow it all of your worship. LEONATO. All thy tediousness on me, ah?«
Valpys Delectus: Auswahl lateinischer Lesestücke, die Anne Brontë während ihrer Tätigkeit bei den Robinsons in Thorp Green im November 1843 kaufte und vermutlich auch mit ihren Schülern benutzte.
langmütig und … alles duldet: 1. Kor. 13,4–7.
den Menschen … Finger rühren: Mt. 23,4; Lk. 11,46.
Gottes Wort vergeblich … sind: Mt. 15,9; Mk. 7,7.
Gott ist Liebe … in ihm: 1. Joh. 4,16.
Wer nicht liebhat … nicht: 1. Joh. 4,8.
Wer aus Gott … Sünde: 1. Joh. 3,9.
So ist nun die Liebe … Erfüllung: Röm. 13,10.
die enge Pforte: Vgl. Mt. 7,13 f.; Lk. 13,24.
Eine linde Antwort … an: Spr. 15,1.
Kommet her … erquicken: Mt. 11,28.
Dein Wille geschehe: Mt. 6,9–13.
Vater, alle Dinge … Wille sein: Mt. 19,26; Mk. 10,27.
Aber Du, Vater, wirst mich nicht verachten: Anne Brontë, Confidence, 1. Juni 1845; Ps. 51,19.
Mann mit seinem einzigen Lamm: Vgl. 2. Sam. 12,1–4.
Was rein ist … denket nach: Phil. 4,8.
Nachwort
Agnes Grey von Anne Brontë erschien im Dezember 1847 unter dem Pseudonym Acton Bell, gemeinsam mit dem zweibändigen Roman Wuthering Heights ihrer Schwester Emily (Pseudonym Ellis Bell). Vorausgegangen war die erste Veröffentlichung der Brontës überhaupt, eine von Charlotte (Currer Bell) 1846 herausgegebene Auswahl von Gedichten aller drei Schwestern, die auf relativ geringe Resonanz stieß und ein kommerzieller Misserfolg wurde, dennoch aber für sie eine Ermutigung bedeutete, es nun mit dem ausführlicheren Genre des Romans zu versuchen. Die Wahl männlicher Vornamen stellte den Versuch dar, nicht dem damals üblichen Vorurteil weiblichen Autoren gegenüber ausgesetzt zu sein. Bereits 1845 findet sich in Annes Tagebuch die Notiz, sie habe mit dem dritten Teil von Passages in the Life of an Individual begonnen, einer Art Erfahrungsbericht, der zumindest zu großen Teilen die Grundlage für Agnes Grey bildete. Anne Brontë hatte ihr Thema also bereits vorliegen, als man gemeinsam beschloss, Romane zu schreiben, und sie, die stets im Schatten ihrer Schwestern stand, kann für sich in Anspruch nehmen, mit Agnes Grey vermutlich den ersten Roman in Haworth Parsonage verfasst und Stoff und Anregungen geliefert zu haben, die sowohl von Emily als auch von Charlotte teilweise aufgegriffen und verarbeitet wurden.
Da Agnes Grey gemeinsam mit Wuthering Heights erschien, haben die Kritiker beide Romane im Zusammenhang gesehen und beurteilt. Annes Roman wurde häufig als eine Art Nachtrag oder Anhängsel von Wuthering Heights gewertet, als ein nettes, aber unbedeutendes kleines Werk abgetan, das, schlicht und aufrichtig erzählt, seine Veröffentlichung durchaus rechtfertige. Moniert wurde jedoch der unselige Hang der Bells, immer noch Akte physischer Gewalt detailliert und übertrieben zu beschreiben – bereits Wuthering Heights war wegen der schonungslosen Darstellung von Grausamkeit und Brutalität von vielen Kritikern als Verstoß gegen die Konvention gebrandmarkt worden –, was den Leser zwangsläufig abstoßen müsse. Diese Kritik, die sich zweifellos auf die Szene bezog, in der Agnes vor den Augen ihrer Zöglinge eine Schar junger Vögel tötet, um sie vor Quälereien zu bewahren, wies Anne Brontë im Vorwort zur 2. Auflage ihres zweiten und letzten Romans The Tenant of Wildfell Hall zurück. In dieser wie auch allen anderen Szenen des Buches habe sie die Wirklichkeit getreu und ohne Überzeichnung abgebildet.
Anne, die Unbekannteste der Brontë-Schwestern, wurde am 17. Januar 1820 als jüngstes von sechs Kindern geboren. Die außergewöhnlichen Lebensumstände, unter denen die Brontës aufwuchsen, haben in ihrem literarischen Werk deutlich Spuren hinterlassen, und die Berücksichtigung dieser besonderen Gegebenheiten erleichtert den Zugang zur gesamten Brontë-Literatur.
Der Vater, Patrick Brontë, Sohn eines irischen Bauern, wurde nach einem erfolgreich abgeschlossenen Studium in Cambridge Geistlicher in England. Im Jahre 1812 heiratete er Maria Branwell, die Tochter einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie aus Cornwall. Bis 1820 kamen sechs Kinder zur Welt, fünf Töchter und ein Sohn; kurz nach der Geburt der letzten Tochter übersiedelte die Familie nach Haworth in Yorkshire, wo Patrick Brontë eine Pfarrstelle erhalten hatte. In der Abgeschiedenheit dieser Moorlandschaft, wenig berührt von den gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen ihrer Zeit, wuchsen die Brontë-Kinder auf, und hierhin kehrten alle auch im Erwachsenenalter nach jeder Abwesenheit zurück. Schon früh war ihr Leben von Sorge, Krankheit und Tod überschattet. Die Mutter starb bereits eineinhalb Jahre nach Annes Geburt, die ältesten Schwestern Maria und Elisabeth im Jahre 1825 an Schwindsucht. Nun übernahm Elizabeth Branwell, die Schwester Mrs. Brontës, die Haushaltsführung und die Erziehung der Kinder. Von allen mehr respektiert als geliebt, wandte sie ihre Zuneigung besonders Anne zu, da diese ihrer verstorbenen Mutter am meisten glich. Als strenge Methodistin verstand sie es, in Anne ein Gefühl der Sündhaftigkeit und Schuld zu wecken, mit dem diese ein Leben lang nicht fertig werden sollte. Allen Brontës war ein Hang zur Melancholie eigen, ob er nun aus der zweifach keltischen Abstammung (Irland/Cornwall) herrührte, der klaustrophobischen Enge des Pfarrhauses, der düsteren Umgebung des Moorlands oder der Tatsache, dass sie mutterlos aufwuchsen. Keiner von ihnen jedoch besaß die tiefe Religiosität Annes. Das Familienleben wurde vom Beruf des Vaters bestimmt, der die Möglichkeiten eines gesellschaftlichen Austauschs stark einschränkte. Die geringen Kontakte zur Außenwelt bewirkten den engen Zusammenhalt der Kinder untereinander, die sich gegenseitig ein Gefühl von Geborgenheit, Liebe und Wertschätzung vermittelten. Früh sich selbst überlassen, suchten sie ihre eigenen Wege aus der Isolation; sie lasen viel (die Bibel, Magazine und religiöse Zeitschriften ihrer Tante, die Werke von Scott, Byron und Shakespeare), und das Erfinden und Erzählen von Geschichten gehörte zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Mit dem Schreiben begannen sie, als der Vater den Kindern eines Tages ein paar hölzerne Soldatenfiguren mitbrachte. Um diese Holzfiguren ließen sie in ihrer Phantasie eine Scheinwelt erstehen, eine Gegenwelt zu ihrer eigenen Realität, »Angria« genannt. Jahre später schufen Emily und Anne, die sich besonders nahestanden, ihre eigene Phantasiewelt, Gondal, zwar im Südpazifik angesiedelt, aber mit eindeutigen Zügen der Heidelandschaft um Haworth ausgestattet, die beide regelmäßig zusammen durchstreiften.
In der Zeit zwischen 1835 und 1845 unternahmen alle Brontë-Schwestern mehrere Versuche, ihren Unterhalt als Lehrerin bzw. Gouvernante zu verdienen. Nach einer ersten Anstellung im April 1839 bei der Familie Ingham in Blake Hall, Mirfield, die sie bereits im Dezember des gleichen Jahres wieder aufgab, arbeitete Anne von 1840–45 bei der aristokratischen Familie Robinson in Thorp Green, hatte also Gelegenheit, ein ihr völlig neues soziales Umfeld kennenzulernen. Dorthin folgte ihr 1843 der bis dahin relativ erfolglose, labile Bruder Branwell, um eine Stelle als Hauslehrer des Sohnes der Familie anzutreten. Seine mutmaßliche Affäre mit der Frau des Hauses veranlasste Anne, Thorp Green von sich aus zu verlassen, bevor man ihrem Bruder kündigte. Trotz der unliebsamen Vorkommnisse unterhielt sie nach ihrem Weggang noch lange Zeit einen intensiven, fast täglichen Briefwechsel mit ihren ehemaligen Schülerinnen.
In der Pause zwischen ihren beiden Anstellungen fand die für sie bedeutsame Begegnung mit William Weightman, dem Hilfspfarrer ihres Vaters, statt. Anne verliebte sich in den zuvorkommenden, amüsanten jungen Mann, und obwohl Charlotte ihn schon bald als flatterhaft und eitel einstufte – offenbar verteilte er seine Gunst ziemlich gleichmäßig –, sollte Annes Idealisierung seiner Person zeitlebens anhalten. Begünstigt wurde diese beharrliche, wenn auch nie offen ausgesprochene Verehrung durch seinen frühen Tod; er starb 1842 mit sechsundzwanzig Jahren während Annes Aufenthalt in Thorp Green.
Das Jahr 1845 sah alle Geschwister wieder vereint im Pfarrhaus von Haworth. Nach dem Tod der Tante galt nun die ganze Sorge dem Vater und dem sich zusehends verschlechternden Zustand des drogen- und alkoholabhängigen Bruders. Während dieser kritischen Phase deprimierender Erfahrungen wandten sich die Schwestern verstärkt dem Schreiben zu; die zufällige Entdeckung einiger Gedichte Emilys durch Charlotte führten zu der oben erwähnten ersten Veröffentlichung, zu der Anne einundzwanzig Gedichte beisteuerte. Nach Agnes Grey schrieb sie The Tenant of Wildfell Hall (1848), in dem sie das Schicksal ihres Bruders verarbeitete; noch im Jahr der Veröffentlichung starb er, nur wenige Monate später gefolgt von Emily. Der Schmerz über den Verlust der Schwester, zu der sich Anne besonders hingezogen fühlte, verschlimmerte ihre eigene Krankheit. Bereits vom Tod gezeichnet, reiste sie in Begleitung Charlottes noch einmal nach York und an die Küste nach Scarborough, das sie besonders liebte und von dessen mildem Klima sie sich – und sei es in Form eines Wunders – eine letzte Chance der Besserung erhoffte. Doch sollten ihr nur wenige Tage bleiben; sie starb am 28. Mai 1849. Als Einzige der Brontës wurde sie nicht in Haworth, sondern auf dem Kirchhof von Scarborough beigesetzt.
In Agnes Grey schildert Anne Brontë den Werdegang einer armen Pfarrerstochter, die, nachdem der Vater sein kleines Vermögen verloren hat, beschließt, ihren Lebensunterhalt als Gouvernante zu verdienen, um zum Einkommen der Familie beizutragen. Ihre deprimierenden Erfahrungen macht sie in zwei sozial unterschiedlichen Bereichen: zunächst in einer Familie von reichen Emporkömmlingen mit gänzlich unerzogenen Kindern, wo man sie nach kurzer Zeit wegen Unfähigkeit entlässt; anschließend in einer Familie des Landadels, deren oberflächliche Lebensweise und Zielsetzungen sie abstoßen, wo sie dennoch mehrere Jahre aushält, um die finanzielle Unterstützung ihrer Eltern nicht zu gefährden. Aufgewogen werden diese fast ausnahmslos negativen Erlebnisse durch ihre Liebe zu dem jungen Geistlichen Weston, den sie nach Überwindung einer Reihe von Hindernissen und Schicksalsschlägen heiratet.
Die Handlung ist keineswegs außergewöhnlich, und im Gegensatz zu den Romanen ihrer Schwestern ist es auch nicht die Handlung selbst, die die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich zieht. Ausschnittweise und an verschiedenen Personen stellt der Roman die Unzulänglichkeit der menschlichen Gesellschaft dar. Im Mittelpunkt stehen Demütigung und Isolation, die die Protagonistin während ihrer Tätigkeit als Erzieherin erleidet. Das Thema der Gouvernante, das im Viktorianismus häufig wiederkehrt, zeigt diese als ein Wesen ohne Identität, das in einem Vakuum zwischen Familie und Dienerschaft lebt, losgelöst von ihrer früheren Vergangenheit, die anstandshalber möglichst wenig erwähnt werden sollte; die damalige Middle Class sah Geldmangel und das Fehlen von Familie und guten Beziehungen als störend an: Gerade dies aber, persönliche Bedrängnis und die plötzliche Verschlechterung der privaten Lebensumstände waren die häufigsten Ursachen, die junge Frauen dazu zwangen, ihren Unterhalt bei Menschen zu verdienen, die ihnen im Allgemeinen sozial, moralisch und geistig fast immer unterlegen waren. Den Bezügen zu ihrer Vergangenheit beraubt, fehlte ihnen auch meist eine Zukunftsperspektive, da sie gänzlich anonym lebten, am gesellschaftlichen Leben nicht teilhatten und auf ihre berufliche Funktion der Kindererziehung reduziert waren.
Dass Anne Brontë eine Gouvernante zur Hauptfigur ihres ersten Romans machte, kann nicht verwundern, wenn man in Betracht zieht, dass Lehren und Lernen ein zentrales Thema im Pfarrhaus von Haworth war und alle Geschwister einen oder mehrere Versuche unternahmen, als Lehrer oder Erzieher zu arbeiten. Anne, die sich hierin als die Ausdauerndste und Beständigste erwies, hat ihre Erfahrungen in ihren Aufzeichnungen mit dem Titel Passages in the Life of an Individual festgehalten. Diese Passages gelten gemeinhin als Vorentwurf zu Agnes Grey, und tatsächlich laufen viele Phasen der Handlungsentwicklung mit dem Leben Annes parallel, decken sich Personen, Situationen, örtliche und zeitliche Details mit den Fakten ihrer Biografie. So ist es naheliegend, in den Bloomfields die Ingham-Familie in Blake Hall zu sehen, in der sie erste Erfahrungen als Erzieherin machte. Die Kinder im Roman haben fast das gleiche Alter wie die in der Realität, und zwei von ihnen tragen die gleichen Namen. Das Vorbild für die Murrays ist mit großer Wahrscheinlichkeit die Familie des Reverend Robinson aus Thorp Green bei York, das im Roman als O—— erscheint und ziemlich genau siebzig Meilen von Haworth entfernt liegt. Die exakte Erwähnung dieser siebzig Meilen und das Gefühl von Agnes, mit der Überwindung dieser Entfernung eine Welt zwischen sich und ihre Familie gelegt und sich gewissermaßen ins Exil begeben zu haben, erinnert an das Gedicht »Lines Written in Thorp Green«, das Anne Brontë unmittelbar nach dem Antritt ihrer Stellung bei den Robinsons schrieb und in dem sie ihrer Isolation melancholischen Ausdruck verlieh. In dem eleganten Badeort A——, in dem Agnes mit ihrer Mutter eine Schule gründet und in dem schließlich das Happyend stattfindet, lässt sich unschwer Scarborough erkennen, das Anne regelmäßig mit den Robinsons besuchte und wo sie starb und beerdigt wurde. Die Gestalt des Vikars Weston basiert höchstwahrscheinlich auf der realen Person William Weightmans; Anne Brontë beschränkte sich bei seiner Darstellung aber wohl mehr auf die ernsthaften Seiten seines Charakters. Dass sie in ihn verliebt war, wird von kaum einem ihrer Biographen bestritten, uneinig ist man sich allerdings über den Grad dieser Zuneigung. Immerhin scheint er der Anlass einiger ihrer Liebesgedichte gewesen zu sein, zum Beispiel des im Text vorkommenden »Oh, they have robbed me of the hope«, und sein früher Tod inspirierte sie zu den Gedichten, in denen sie den Verlust einer Liebe beklagt.
Doch auch wenn Agnes’ wachsende Desillusionierung und ihr Kampf um geistige Unabhängigkeit und Integrität in einer schwierigen Umwelt Anne Brontës eigene Probleme, Beobachtungen und Erfahrungen nachzeichnen, ist Agnes Grey von jedem spiegelbildlichen Autobiografismus weit entfernt. Die fiktionale Umsetzung wesentlicher Elemente ihres Lebens, einer ihr vertrauten Wirklichkeit, geschieht aus der Überzeugung heraus, dass dies den Wahrheitsgehalt ihrer dichterischen Aussage erhöht. Wahrheitstreue ist ein Schlüsselwort zu ihrem Werk, und der Nachdruck, mit dem sie die Pflicht zur Wahrheit betont, wirft ein Licht auf ihre Auffassung von der Aufgabe des Autors. »All true histories contain instruction« lautet der erste Satz von Agnes Grey, auf dessen Gehalt sie im Vorwort zur 2. Auflage des Tenant näher eingeht: »Truth always conveys its own moral to those who are able to receive it.« Dieses Vorwort enthält in wenigen Sätzen ihr literarisches Credo. Es ist nicht ihre Absicht, den Leser zu unterhalten oder ein vollkommenes Kunstwerk zu schaffen, sondern es geht ihr darum, die Realität wiederzugeben, wie unangenehm auch immer sie für das viktorianische Lesepublikum sein möge (»when I feel it my duty to speak an unpalatable truth, with the help of God, I will speak it, though it be to the prejudice of my name and to the detriment of my reader’s immediate pleasure as well as my own«). Allein durch die Darstellung der Wahrheit muss es gelingen, beim Leser Besserung zu bewirken, d. h., das Gewissen des Autors, seine moralische Verantwortlichkeit, sein Pflichtgefühl sind gefordert.
Anne Brontë, deren literarische Zielsetzung zweifellos auch ihrer religiösen Einstellung entspringt, lässt keinen Zweifel an ihrem Willen zu unbedingter Pflichterfüllung: »Such humble talents as God has given me I will endeavour to put to their greatest use.« Mit der Betonung der erzieherischen Wirkung ihres Romans knüpft sie an eine Tendenz des englischen Romans an, die seit Beginn des 19. Jahrhunderts Tradition hat. Dahinter steht die Auffassung, das Leben als Verlängerung der Schule zu sehen, als eine Art ständiger geistiger und moralischer Erziehung und Entwicklung, bei der der Romanschriftsteller auf diese oder jene Weise Hilfestellung zu leisten hat (vgl. Austen, Scott, Thackeray, Dickens usw.). Diese Form der positiven Beeinflussung des Lesers versucht sie, in Agnes Grey fortzusetzen.
Die Wahl der Ich-Perspektive – die Titelheldin erzählt ihre Geschichte rückblickend einige Jahre nach ihrer Heirat ausschließlich von ihrem Standpunkt aus – dient dazu, den Eindruck von Authentizität zu erwecken. Das Ich ist doppelt anwesend: in der Form des erinnerten und des erinnernden Ich. Dieser Dualismus in der Figur der Erzählerin und Heldin verstärkt beim Leser die Illusion von Wahrheit; erhöht wird diese Illusion durch den chronologischen Ablauf, die Vergangenheitsform, die Erwähnung des Tagebuchs am Schluss und eine gewisse angestrebte Vertrautheit zwischen Erzählerin und Leser; denn Appelle an den Leser sind nicht selten. So heißt es zum Beispiel im 7. Kapitel: »As I cannot, like Dogberry, find it in my heart to bestow all my tediousness upon the reader […]« und an anderer Stelle: »I fear, by this time, the reader is well-nigh disgusted with the folly and weakness I have so freely laid before him«.
Vom ersten Satz des Romans an, in dem sie ihr Schreiben begründet und ihre Wertmaßstäbe setzt, richtet Anne Brontë ihr Augenmerk fest auf den Leser. Indem sie ihre Geschichte aus dem Blickwinkel eines weltfremden achtzehnjährigen Mädchens schildert, macht sie es dem Leser schwer, sich mit der Hauptfigur zu identifizieren, die zwar aufrichtig und offen ist, deren Jugend und offensichtliche Unerfahrenheit jedoch Zweifel an ihrer Urteilskraft aufkommen lassen. Die junge Erzieherin, die nur einen verengten Ausschnitt der Gesellschaft wiedergeben kann, aber allein aufgrund ihrer Position intime Kenntnisse von Personen und deren Verhaltensweisen hat, erhält Rückendeckung durch die Tagebuchschreiberin. Die zeitliche Distanz zwischen dem erzählenden und dem erlebenden Ich, die inzwischen gewonnene Reife, wecken Vertrauen im Leser; das Gesagte wird relativiert, die Ereignisse gewinnen an Glaubwürdigkeit.
Die Absicht des Romans und seine Erzähltechnik stehen in direktem Zusammenhang. Erzählt wird in einem zur Untertreibung neigenden, leidenschaftslosen Stil; die Schlichtheit der Sprache passt sich der Aufzählung der einfachen, unspektakulären Begebenheiten an. Selbst die raren einschneidenden Ereignisse, die für die Heldin mit großen Gemütsbewegungen verbunden sind, wie etwa der Tod des Vaters oder die Wiederbegegnung von Agnes und Weston am Strand von A––, werden äußerst zurückhaltend, weder melodramatisch noch mit Gefühlsüberschwang dargestellt. Die Erzählweise konzentriert sich strikt auf den Fortgang der Geschichte und lässt keine Sensationen zwischen den Leser und die Belange des Romans treten. Der nüchternen Art der Beschreibung entspricht die Präsentation der Romanfiguren, die nicht analysiert, sondern genau beobachtet und in geschickt gewählten Situationen vorgeführt werden. Neben dem lapidaren, oft lakonischen Erzählstil von Agnes benutzt Anne Brontë vor allem die Form des Dialogs, um die Mängel menschlichen Verhaltens anzuprangern. Die Personen und ihre Handlungsweisen sprechen für sich selbst und werden nur selten kommentiert.
Agnes steht nicht allein im Mittelpunkt des Interesses, ist nicht das absolute Zentrum des Romans. Ihre Funktion ist es auch, Personen und Geschehen zu verknüpfen und die Handlung weiterzuentwickeln. Die Ereignisse um Rosalie Murray sind ebenso wichtig, meist sogar aufregender als das, was Agnes widerfährt. An zahlreichen Stellen des Romans schaltet sich ein zweiter Erzähler ein. So erhält beispielsweise die Häuslerin Nancy Brown ausführlich Gelegenheit, die beiden Pfarrer Hatfield und Weston kontrastiv darzustellen und ihre eigenen seelischen Nöte zu beschreiben, und Rosalie darf sich in aller Länge und Weitschweifigkeit über den Antrag des armen Mr. Hatfield lustig machen. An beiden Gesprächen hat Agnes nur einen geringen Anteil in Form von kurzen Fragen und Antworten. Durch diese Dialoge wird der lineare Verlauf der Handlung unterbrochen, sachliche Information geliefert und mitunter auch eine Aussage über die seelische Gestimmtheit der Titelheldin gemacht. Letzterem Zweck dient die Unterhaltung mit Mr. Smith, dem Gemischtwarenhändler, die unmittelbar nach dem Abschied von ihrem harmonischen Zuhause und vor ihrem künftigen Aufenthalt bei den Bloomfields stattfindet und in der sie Mr. Smith’ sinnfällige Bemerkungen über das Wetter nur mit Mühe einsilbig beantworten kann.
Das Mittel, anhand von Kontrasten menschliches Verhalten aufzuzeigen, ist strukturbildendes Prinzip in Agnes Grey. Beide Familien, in denen sie arbeitet, und die Gesellschaft, in die sie eintritt, stehen in deutlichem Gegensatz zu ihrer eigenen Familie. (Agnes Grey ist übrigens der einzige aller Brontë-Romane, in dem die Hauptfigur ständig an ein glückliches Zuhause denkt und eine Mutter hat, die sie mit ihrem Rat begleitet.)
Agnes, die sich mit idealistischen Vorstellungen an ihre Aufgabe macht (»– Delightful task / To teach the young idea how to shoot!«, stößt schon bei den Bloomfields an ihre erzieherischen Grenzen. Ihre hochfliegenden Pläne geraten durch den Kontakt mit den gänzlich verzogenen Bloomfield-Kindern und ihren gefühllosen Eltern in Konflikt mit der Realität. Die Naivität ihrer Erziehungspläne – das Zurückgreifen auf die eigenen Kindheitserfahrungen erweist sich naturgemäß als nicht ausreichend –, zu weitgesteckte Ziele und eine wenig adäquate Ausbildung lassen ihr Scheitern jedoch vorausahnen. Allerdings übersteigt das Gebaren dieser Kinder jedes normale Maß, so dass man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, dass auch ein erfahrenerer Pädagoge hier keinen Erfolg gehabt hätte. Betonung liegt auf der Tatsache, dass die Kinder der Bloomfields die getreuen Abbilder ihrer Eltern sind und deren Schwächen und Defekte wiederholen. Maßlos verwöhnt von allen Erwachsenen ihrer Umgebung, können sie sich ungestraft jede Freiheit erlauben und werden in ihrem Fehlverhalten noch bestärkt. So wird Grausamkeit gegenüber Tieren entweder mit Beifall bedacht (s. Onkel Robson) oder gar als verbrieftes Recht des Menschen verteidigt. »You seem to have forgotten«, wird Agnes von Mrs. Bloomfield belehrt, »that the creatures were all created for our convenience«. Dies gibt Agnes Gelegenheit zu einem ihrer knappen, ironischen Kommentare, derenthalben man Anne Brontë häufig in die Nähe von Jane Austen gerückt hat: »I thought that doctrine admitted some doubt«.
Anne Brontë war der Überzeugung, dass das Verhalten Tieren gegenüber Rückschlüsse auf den Charakter eines Menschen zuließ. Entsprechend vollzieht sie auch an diesem Thema die Aufteilung ihrer Figuren in Gut und Böse. Onkel Robson tritt brutal seine Hunde, die Bloomfield-Kinder quälen Vögel und andere Tiere, Matilda Murray genießt es, ihren Hund einen jungen Hasen töten zu lassen, Mr. Hatfield versetzt Nancy Browns Katze einen Fußtritt und dem Terrier Schnapp einen Schlag mit dem Stock, als dieser ihn bei seinem Flirt mit Rosalie Murray stört. Auf der anderen Seite die Menschen, die Mitgefühl mit der Kreatur haben: Agnes selbst, Nancy und Mr. Weston, der erste Nancys Katze und dann Schnapp vor Unbill bewahrt – eine nicht unbedeutende Tat immerhin, denn dieser Hund sorgt schließlich für die Wiederbegegnung von Agnes und Weston am Strand von A—— und bringt damit das Denouement zustande.
Die Erziehungsmethoden, die Agnes anwendet und die einem Leser des 20. Jahrhunderts die Haare zu Berge stehen lassen, müssen auf dem Hintergrund der Zeit und auf Agnes’ unbedingtem Willen gesehen werden, ihren Zöglingen etwas beizubringen und ihnen die Verwerflichkeit ihres Tuns vor Augen zu führen. Denn nur ein Mensch, der gelernt hat, zwischen falsch und richtig zu unterscheiden, sich an festen Wertmaßstäben zu orientieren, so die Basis ihres moralischen Programms, ist auch ein guter Mensch; und nur ein guter Mensch – wie sie Master Tom erklärt, den dies allerdings wenig beeindruckt – kommt in den Himmel. Die Furcht vor der Verdammnis, von der Anne Brontë zeitlebens heimgesucht wurde, war Gegenstand vornehmlich ihrer Gedichte; in Agnes Grey ist es Nancy Brown, die sich mit ihren religiösen Zweifeln auseinanderzusetzen hat und Annes Dilemma nachvollzieht. Die ohnehin deprimierende Erfahrung völliger Wirkungslosigkeit erhält so eine andere Dimension, da Agnes glaubt, ihrer Aufgabe in moralischer Hinsicht nicht zu genügen.
Schwerer noch wiegt das Gefühl der Isolation, das sie unter ihr wesensfremden Menschen mit gänzlich anderen Wertvorstellungen empfindet. Die den Bloomfields eigene materielle Sicht der Dinge, Scheinheiligkeit und besonders der kalte bis rüde Umgangston, in dem man miteinander verkehrt, stehen in deutlichem Kontrast zu ihrem bisherigen behüteten, von Güte und Herzlichkeit geprägten Leben. Die Lunch-Episode im 3. Kapitel zeigt exemplarisch die eisige Atmosphäre, die bei den Bloomfields herrscht, und wieder ist es die Form des Dialogs, in der sich der Hausherr durch sein schlechtes Benehmen selbst entlarvt:
»he had a large mouth, pale, dingy complexion, milky blue eyes, and hair the colour of a hempen cord. There was a roast leg of mutton before him: he helped Mrs Bloomfield, the children, and me, desiring me to cut up the children’s meat; then, after twisting about the mutton in various directions, and eyeing it from different points, he pronounced it not fit to be eaten, and called for the cold beef.
›What is the matter with the mutton, my dear?‹ asked his mate.
›It is quite overdone. Don’t you taste, Mrs Bloomfield, that all the goodness is roasted out of it? And can’t you see that all that nice, red gravy is completely dried away?‹
›Well, I think the beef will suit you.‹
The beef was set before him, and he began to carve, but with the most rueful expressions of discontent.
›What is the matter with the beef, Mr Bloomfield? I’m sure I thought it was very nice.‹
›And so it was very nice. A nicer joint could not be; but it is quite spoiled,‹ replied he dolefully.
›How so?‹
›How so? Why, don’t you see how it is cut? Dear – dear! it is quite shocking!‹
›They must have cut it wrong in the kitchen, then, for I’m sure, I carved quite properly here yesterday.‹
›No doubt they cut it wrong in the kitchen – the savages! Dear – dear! Did ever any one see such a fine piece of beef so completely ruined? But remember that, in future, when a decent dish leaves this table, they shall not touch it in the kitchen. Remember that, Mrs Bloomfield!‹
Notwithstanding the ruinous state of the beef, the gentleman managed to cut himself some delicate slices, part of which he ate in silence. When he next spoke, it was, in a less querulous tone, to ask what there was for dinner«.
Die Szene enthüllt – neben der Kritik an den Bloomfields – Anne Brontës Sinn für Humor. Es ist eine verhaltene Spielart, die durch Sparsamkeit besticht und häufig in der Kunst des Weglassens besteht. So heißt es zum Beispiel, als Mrs. Bloomfield ihren Sohn Tom in den höchsten Tönen lobt und dessen Abneigung gegen jede Art von Betrug hervorhebt, knapp: »This was good news«.
Eine der Episoden, in denen Anne Brontë Kritik mit Humor verbindet, ist der Brief Rosalies, inzwischen Lady Ashby und so gelangweilt, dass sie ihre ehemalige Gouvernante anfleht, sie zu besuchen. Nachdem Rosalie sich ausführlich über Reisen, Zerstreuungen, ihren Ehemann und die alte Lady Ashby verbreitet hat, schreibt sie:
»›I forget whether you like babies; if you do, you may have the pleasure of seeing mine – the most charming child in the world, no doubt […]. And you shall see my poodle, too: a splendid little charmer imported from Paris: and two fine Italian paintings of great value – I forget the artist‹«.
Diese Aufzählung, in der Kind, Hund und Kunstgegenstände gleichberechtigt nebeneinanderstehen, beweist, dass sich ihre Wertmaßstäbe trotz der einschneidenden Veränderungen in ihrem Leben ganz und gar nicht verschoben haben; es ist die Aufzählung von Dingen, die man mit Stolz vorzeigen kann. Die Ironie liegt in der Diskrepanz zwischen ihrer offenen, unbewussten Selbstdarstellung und der Einschätzung, die ihr durch Agnes oder den Leser zuteilwird.
Die Erfahrungen, die Agnes bei den Bloomfields macht, setzen sich auf anderer Ebene fort. Denn ungeachtet der unerfreulichen Erlebnisse und der Behandlung, die man ihr dort zumutete, gibt sie nicht auf (»They may crush, but they shall not subdue me! / ’Tis of thee that I think, not of them.«. Der Gedanke an die finanzielle Unterstützung der Eltern und der Wille, sich zu behaupten, veranlassen sie, nach einer seelenstärkenden Atempause im elterlichen Pfarrhaus eine Stelle als Gouvernante bei den Murrays, Angehörigen des Landadels, anzunehmen. Die sorgfältige Auswahl der Familie – unter Beratung der Mutter, die der Ansicht ist, in einer aristokratischen Familie würde man Agnes’ Kenntnissen und Talenten mehr Anerkennung zollen – erweist sich jedoch als vergebens. Sah sie sich bei ihrer ersten Stelle mit Brutalität und körperlicher Gewalt konfrontiert, sind es nun vorwiegend Probleme im psychisch-geistigen Bereich, die ihr zu schaffen machen: die moralisch fragwürdigen Grundsätze der Murrays und wachsende emotionale und spirituelle Einsamkeit.
Die Bloomfield-Kinder in ihrer Ungezähmtheit und ihrem fast als abnorm zu bezeichnenden Verhalten bereiten den Weg für die Kinder der Familie Murray; diese sind älter, haben daher komplexere Charaktere und werden über einen längeren Zeitraum hinweg beobachtet; an ihnen, vor allem am Beispiel der ältesten Tochter Rosalie, wird das Thema fehlerhafter Erziehung und ihrer meist nicht wiedergutzumachenden Einflüsse erneut und diesmal eingehender abgehandelt. (Diesem Vorgehen entspricht im Übrigen die Aufteilung der Kapitel: Vier beschäftigen sich mit dem monströsen Verhalten der Bloomfield-Familie – mehr wollte Anne Brontë ihren Lesern offensichtlich nicht zumuten; dem diffizileren Geschehen während Agnes’ Aufenthalt bei den Murrays werden dreizehn Kapitel zugebilligt: Immerhin finden in dieser Zeit auch bedeutsame Ereignisse ihres eigenen Lebens statt.) In ihrem neuen Milieu hat Agnes zudem Gelegenheit, mit einem größeren Personenkreis zusammenzutreffen, und Anne Brontë nutzt diese Möglichkeit, um ihre Überzeugungen an diversen Personen antithetisch aufzuzeigen.
Auf Rosalies Entwicklung richtet sich das Augenmerk der Autorin; fast ebenso Zentrum des Romans wie Agnes selbst, hat sie neben dieser und Nancy Brown den größten Redeanteil. Von Beginn an wird sie als das erzieherische Produkt ihrer Mutter dargestellt. Mrs. Murrays einziges Bestreben, für Rosalie eine in finanzieller und gesellschaftlicher Hinsicht vorteilhafte Heirat zu bewerkstelligen, prägt den Stil ihrer Erziehung; der Schwerpunkt liegt auf der Vervollkommnung von Äußerlichkeiten und Talenten, mit denen man in Gesellschaft glänzen kann wie Singen, Tanzen, Klavierspielen usw. und der Erlangung eines »liebenswürdigen« Benehmens. Die Vermittlung anderer Kenntnisse ist, zum Erstaunen von Agnes, zweitrangig. Diese Jagd nach der guten Partie bleibt natürlich nicht ohne Eindruck auf Rosalie, die die Normen ihrer Mutter übernimmt und im selben Maße eitel und oberflächlich wird. Die Beschreibung ihres Äußeren ist minuziös wie die keiner anderen Gestalt in Agnes Grey; ihre über das Herkömmliche hinausgehende Schönheit, so wird angedeutet, ist ihr Kapital und die grundlegende Voraussetzung für den Verlauf ihrer Entwicklung. Sobald sie sich der Wirkung ihres guten Aussehens bewusst ist, wird ihre Neigung zur Koketterie dominierend, und ihr Eroberungswille stellt alle anderen Eigenschaften in den Schatten:
»At sixteen, Miss Murray was something of a romp, yet not more so than is natural and allowable for a girl of that age; but at seventeen, that propensity, like all other things, began to give way to the ruling passion, and soon was swallowed up in the all-absorbing ambition to attract and dazzle the other sex«.
Wie anders dagegen liest sich das Selbstporträt der Titelheldin, das dem Leser ihre bescheidene Selbsteinschätzung verrät. Die Betrachtung ihres Spiegelbildes bringt ihr erklärtermaßen keinen Trost:
»I could discover no beauty in those marked features, that pale hollow cheek, and ordinary dark brown hair; there might be intellect in the forehead, there might be expression in the dark grey eyes: but what of that?«.
Der Verschiedenheit des Äußeren entspricht die Gegensätzlichkeit im sozialen Verhalten der beiden Mädchen. Am Thema Heirat und Ehe werden die Ansichten von Agnes und Rosalie kontrastiv aufgezeigt: Der streng moralischen Auffassung von Agnes steht Rosalies materieller Standpunkt gegenüber. Eines der herausragendsten Beispiele für Anne Brontës Geschick, mit einem Minimum an Worten die völlig entgegengesetzten Wertvorstellungen zweier Menschen darzustellen und dies mit sozialer Kritik zu verbinden, ist die Unterhaltung zwischen Agnes und Rosalie über die bevorstehende Heirat von Agnes’ Schwester:
»›To whom is she to be married?‹
›To Mr. Richardson, the vicar of a neighbouring parish.‹
›Is he rich?‹
›No; only comfortable.‹
›Is he handsome?‹
›No; only decent.‹
›Young?‹
›No; only middling.‹
›O mercy! what a wretch! What sort of a house is it?‹
›A quiet little vicarage, with an ivy-clad porch, and old-fashioned garden, and‹ –
›O stop! – you’ll make me sick. How can she bear it?‹
›I expect she’ll not only be able to bear it, but to be very happy. You did not ask me if Mr Richardson were a good, wise, or amiable man; I could have answered Yes, to all these questions‹«.
Das kurze Gespräch legt Rosalies eigene Vorstellung über potentielle Ehemänner schonungslos offen; Reichtum und Titel, daran besteht kein Zweifel, rangieren bei der Wahl selbstverständlich an erster Stelle. Was hier noch in ihren Fragen implizit ist, wird später von ihr konkretisiert: »I must have Ashby Park, whoever shares it with me«. Von Zuneigung ist keine Rede, Liebe wird geradezu als Schwäche gedeutet. Damit vertritt sie die radikale Gegenposition zu Agnes, in deren Werteskala Begriffe wie Liebe, Güte und Klugheit ganz oben stehen, Liebe erst die Basis einer Ehe ist. Ausschlaggebend bei beiden ist der familiäre Hintergrund. Agnes’ Mutter hat aus Liebe auf Rang und Vermögen verzichtet, um heiraten zu können. Rosalies Mutter dagegen fädelt, auch unter dem Aspekt, selbst die gesellschaftliche Leiter ein paar Stufen höher zu erklimmen, die Heirat ihrer Tochter mit einem ungeliebten, aber reichen Adligen ein und nimmt dabei deren Unglück in Kauf.
Die Polarität der Standpunkte setzt sich in den beiden Pfarrern Hatfield und Weston fort. Wie im Moralitätenspiel verkörpert Hatfield das böse, Weston das gute Element. Hatfield entspricht dem Typus des eitlen, ehrgeizigen Geistlichen, der die sonntäglichen Auftritte dazu nutzt, seinem Hang zu Pose und Selbstdarstellung zu frönen:
»Mr Hatfield would come sailing up the aisle, or rather sweeping along like a whirlwind, with his rich silk gown flying behind him and rustling against the pew doors, mount the pulpit like a conqueror ascending his triumphal car; then, sinking on the velvet cushion in an attitude of studied grace, remain in silent prostration for a certain time; then mutter over a Collect, and gabble through the Lord’s Prayer, rise, draw off one bright lavender glove, to give the congregation the benefit of his sparkling rings, lightly pass his fingers through his well-curled hair, flourish a cambric handkerchief […]«.
Sein Interesse gilt mehr der sorgfältigen Abwicklung der äußeren Zeremonie des Gottesdienstes als dem Inhalt seiner Predigten, mehr der Einschüchterung der armen Leute, die er regelmäßig an ihre Pflicht zum Gehorsam gegenüber den Reichen gemahnt, als ihrem Seelenheil. Es zieht ihn zu den Mächtigen und Wohlhabenden; die einfachen Gemeindemitglieder und ihre Probleme sind ihm lästig, ein Mensch im Range einer Gouvernante wird von ihm schlicht übersehen. Rosalie Murray hingegen ist ein Objekt, das seine Aufmerksamkeit wert scheint. In dem Werben um sie dokumentieren sich seine gesellschaftlichen Ambitionen. Die kühle Zurückweisung seines Heiratsantrags, die seinen Stolz empfindlich verletzt, beantwortet er auf bezeichnende Weise: Der Zorn über die erlittene Kränkung lässt ihn auch vor dem Mittel der Erpressung nicht zurückschrecken. Der schnelle Wandel vom Verehrer, der seiner Angebeteten ergeben sein Herz zu Füßen legt, zum verschmähten Liebhaber, der um seinen Ruf fürchtet und ihr erbost mit Sanktionen droht, falls sie nicht Stillschweigen über den Vorfall bewahrt, wird in Hatfields Person glaubhaft dargestellt und betont Leere und Wertlosigkeit seiner Beteuerungen.
Das Verhalten beider – Rosalie hat den Antrag leichtfertig aus Koketterie provoziert – ist von Hochmut und Eigenliebe diktiert. Im Kontrast dazu wird die zurückhaltende, echte, kontinuierlich wachsende Zuneigung zwischen Agnes und Weston entwickelt. Weston vertritt die Position des aufrechten Geistlichen, der seine Gemeindepflichten sehr ernst nimmt, sonntags ohne Schnörkel seine auch für schlichte Seelen verständlichen Predigten hält und darüber hinaus an den privaten Bedürfnissen der Armen und Kranken Anteil nimmt. Er sucht sie regelmäßig in ihren bescheidenen Behausungen auf – eine Pflicht, der Hatfield nur äußerst ungern nachkommt – und befasst sich ohne Herablassung mit ihren Sorgen. Der von Hatfield und den Murray-Mädchen demonstrierten Gefühllosigkeit werden die Freundlichkeit und Nächstenliebe von Agnes und Weston gegenübergestellt; das Verständnis beider für die Kümmernisse der Armen nähert sie einander an. Schon die unromantisch-realistische Beschreibung von Westons Äußerem dient dazu, seinen Charakter von dem des weltlich gesinnten Hatfield abzugrenzen:
»In stature he was a little, a very little, above the middle size; the outline of his face would be pronounced too square for beauty, but to me it announced decision of character; his dark brown hair was not carefully curled like Mr Hatfield’s, but simply brushed aside over a broad white forehead; the eyebrows, I suppose, were too projecting, but from under those dark brows there gleamed an eye of singular power, brown in colour, not large, and somewhat deep-set, but strikingly brilliant, and full of expression«.
Zweifellos trägt der blasse Weston die Züge des »unhandsome hero«, der nur in den Augen der Heldin schön ist (s. Mr. Rochester in Jane Eyre). Die schwache Psychologie, die seine Charakterisierung bestimmt, liegt auf einer Ebene mit der Darstellungsweise, die auch die Schwestern Anne Brontës ihren männlichen Helden zuteilwerden lassen. Allerdings ist seine Hauptfunktion im Roman eher als die einer moralischen Kraft zu sehen. Für Agnes, deren anfängliche Unschuld und Naivität mittlerweile einem Gefühl ständiger Bedrückung und zunehmender Vereinsamung gewichen ist, bedeutet die Existenz Westons einen Hoffnungsstrahl am Horizont. Die Tag für Tag aufs Neue erlebte Erfahrung, nur negativen Einflüssen ausgesetzt und von allen Menschen abgeschnitten zu sein, die ebenso empfinden, denken und handeln wie sie selbst, mündet schließlich in die Befürchtung, auf Dauer geistig und seelisch zu verkümmern. Ihre Mutlosigkeit wächst, auch wenn ihr absoluter Wille zur Pflichterfüllung sie dazu zwingt, sich mit dem grauen, eintönigen Leben einer Gouvernante abzufinden. Westons Erscheinen, die Möglichkeit des Gedankenaustauschs mit einem Menschen von gleicher Denkweise und gleichen Prinzipien bewahren sie vor Resignation und bringen ihr die glückliche Erkenntnis, dass die Welt eben doch nicht nur aus Bloomfields, Murrays oder Hatfields besteht. Dieses Gefühl der Errettung aus tiefster Trostlosigkeit erklärt auch die mitunter etwas exaltierte Bildersprache mit religiösen Untertönen, die Agnes gebraucht, wenn von ihrer Liebe zu Weston die Rede ist.
In Agnes Grey besitzt die Liebe keinen leidenschaftlichen Aspekt wie in den Romanen Emily und Charlotte Brontës. Das Happyend stellt sich vielmehr als ein Triumph der Hoffnung über die Verzweiflung dar, ist Teil von Anne Brontës moralischer Absicht, didaktischer Fingerzeig an ihr Lesepublikum: Für denjenigen, der auch in Zeiten großer Bedrängnis unbeirrt seinen Weg geht und niemals aufhört zu hoffen und zu glauben, besteht die Aussicht auf Glück. Das ständige sanfte Moralisieren, bei dem sich der heutige Leser bisweilen etwas unbehaglich fühlen mag, wird aufgewogen durch den wohltuenden Mangel an Sentimentalität. Das Happyend ist nicht von der Art, auf einen immerwährenden Honigmond hinzuweisen. Auch Mr. Weston, so heißt es im sachlichen Resümee der Tagebuchschreiberin, ist keineswegs vollkommen und unfehlbar, sondern ein Mensch mit Stärken und Schwächen wie andere auch.
Das Vorurteil vieler Kritiker, Anne Brontë verdanke ihre Unsterblichkeit allein ihren Schwestern, ist noch längst nicht ausgeräumt, und tatsächlich verhinderte der berechtigte Ruhm Emily und Charlotte Brontës lange Zeit eine objektive Bewertung ihres literarischen Schaffens. Eine angemessene Einschätzung wurde von Beginn an zusätzlich durch den Umstand erschwert, dass die meisten Aussagen über Charakter und Werk Annes aus der Feder ihrer Schwester Charlotte stammen. Da von Emily und Anne kaum schriftliche Zeugnisse erhalten sind, sind es vorwiegend die Briefe und Aufzeichnungen Charlottes, auf die sich die Vorstellungen von Annes Persönlichkeit stützen. Sie verhalfen dem Leser zu dem Bild einer unauffälligen, schwachen Person (»little, gentle, sweet, delicate, resigned, pious, quiet, reserved« sind die Adjektive, mit denen sie apostrophiert wird) und einer Autorin, deren Werk der Erläuterungen der älteren Schwester bedarf, um es beim Publikum ins rechte Licht zu rücken. So entschuldigt sie sich in gewissem Sinne im Vorwort zur 2. Auflage von Wuthering Heights und Agnes Grey (»Biographical Notice of Ellis and Acton Bell«) für den zweiten Roman Annes, The Tenant of Wildfell Hall, bezeichnet die Wahl des Themas als Missgriff, betont, dass der Gegenstand des Buches dem Wesen ihrer Schwester völlig fremd sei und sie es nur aus Pflichtgefühl und als Warnung für andere geschrieben habe. Mit keinem Wort erwähnt sie die positiven Aspekte, und der Gedanke, dass sie damit manchen Kritikern den Weg wies, scheint nicht weit hergeholt. Gewiss wäre es übertrieben, in Agnes Grey oder in The Tenant of Wildfell Hall Meisterwerke viktorianischer Romankunst zu sehen; doch besitzen beide Romane eigene literarische Qualitäten, aufgrund derer Anne Brontë es verdient hätte, in einer Reihe mit ihren Schwestern genannt zu werden und nicht nur als deren blasses Abbild zu gelten. Ihr Stil, unsentimental und ohne jeden Hang zum Dramatischen, die Charakterdarstellung und die strenge Moral weisen eher ins 18. Jahrhundert; vermutlich hat sich der jahrelange Aufenthalt bei einer so weltlich eingestellten, geselligen Familie wie den Robinsons auf ihre Persönlichkeit ausgewirkt und auch die Art ihres Schreibens beeinflusst. Anklänge an die novels of manners Austen’scher Prägung sind nicht zu übersehen.
Die Gemeinsamkeiten mit den Schwestern sind unverkennbar: Wie diese schreibt sie eine einfache, ausdrucksstarke Prosa ohne überflüssige Schnörkel, betont Tugenden wie Seelenstärke und Gefühlskraft, Mut und Energie, dokumentiert Freiheits- und Wahrheitsliebe und ihre Aversion gegen unwürdige Abhängigkeit. Offen und unkonventionell beschreibt sie, was auch im Mittelpunkt der Romane ihrer Schwestern steht: den Missbrauch des Menschen durch den Menschen.
Anne besaß nicht die Visionskraft ihrer Schwester Emily, die, weltabgewandt, ein mystisches Universum der Phantasie ohne direkten Bezug zur Außenwelt schuf. Anders als Charlotte, die ihre eigene Wirklichkeit idealisiert und romantisch verfremdet darstellte, beschränkte sie sich auf die unsentimentale Schilderung der Realität, die ihr vertraut war, auf die erinnerte Erfahrung. Agnes Grey ist kein sozialkritischer Roman im eigentlichen Sinne wie die zeitgenössischen Werke etwa von Dickens (Hard Times), Disraeli (Sybil) oder Elizabeth Gaskell (Mary Barton), die sich in konkreter Form mit den sozialen und ökonomischen Missständen ihrer Zeit befassen. Anne Brontë entwickelt ihre Kritik an menschlichem Fehlverhalten und den daraus entstehenden Konsequenzen am Mikrokosmos von Ehe und Familie. Ihre Gouvernante in Agnes Grey erreicht nicht die lyrische Dimension einer Jane Eyre, doch gelingt es der Autorin durch die direkte, ehrliche, meist unkommentierte Darstellung der Denk- und Handlungsweise der Heldin und ihres personalen Umfelds, dem Leser ihre eigenen Wertmaßstäbe nahezubringen. Anne Brontë, die Radikalste der Schwestern in ihren Ansichten über Religion, Gleichberechtigung und Erziehung, vermittelt ihre Botschaft auf eindeutige, leicht verständliche Weise. Schwarz und Weiß, Gut und Böse, Falsch und Richtig: Grauzonen gibt es, ungeachtet des Namens der Titelheldin, nicht in Agnes Grey.
Der vielzitierten enthusiastischen Einschätzung George Moores (Conversations in Ebury Street), es handele sich bei diesem Roman um das »vollkommenste Stück Prosa der englischen Literatur«, wird wohl kaum jemand zustimmen wollen; der ebenfalls von ihm stammende Vergleich mit einem »schlichten, hübschen Musselinkleid« geriet ihm da schon überzeugender. Unzweifelhaft besitzt der Roman seinen eigenen Rang und ist kein unwesentlicher Bestandteil im Gesamtwerk der Brontës.
Stefanie Kuhn-Werner
Zeittafel
1820 Anne Brontë wird am 17. Januar als jüngstes von sechs Kindern in Thornton geboren. Anschließend Umzug der Familie in das Pfarrhaus nach Haworth.
1821 Tod der Mutter. Die weitere Erziehung übernimmt Tante Elizabeth Branwell.
1825 Tod der Schwestern Maria und Elizabeth.
1826 Im Juni erhalten die Brontë-Geschwister von ihrem Vater mehrere Holzsoldaten. Durch das Spiel entwickeln sie erste Phantasiewelten.
1832 Gemeinsam mit Emily Brontë entwirft sie die Phantasiewelt Gondal. Sie erhält Hausunterricht von ihrer älteren Schwester Charlotte.
1836–37 Besuch der Schule Roe Head in Mirfield.
1839 Erste Anstellung als Gouvernante bei Familie Ingham in Blake Hall (Mirfield) bis Dezember 1839.
1840 Begegnung mit dem Hilfspfarrer William Weightman, dem sie große Verehrung entgegenbringt.
1841–45 Arbeit als Gouvernante bei Familie Robinson in Thorp Green Hall bei York. Tod der Tante Elizabeth Branwell im Oktober 1842.
1846 Der von den Brontë-Schwestern gemeinsam verfasste Gedichtband Poems by Currer, Ellis and Acton Bell erscheint unter Pseudonym.
1847 Agnes Grey.
1848 The Tenant of Wildfell Hall (Die Herrin von Wildfell Hall). Reise mit ihrer Schwester Charlotte nach London und Besuch des Verlags Smith, Elder & Co., um Missverständnisse um die Autoren Bell auszuräumen. Tod ihres Bruders Branwell im September und ihrer Schwester Emily im Dezember.
1849 Reise an die Küste nach Scarborough. Anne stirbt am 28. Mai an Tuberkulose.
Jane Eyre

Anne Brontë
Jane Eyre
Eine Autobiografie
Übersetzung und Nachwort von Ingrid Rein
Die Waise Jane Eyre verlebt im Haus ihrer herzlosen Tante und im Mädcheninternat eine traurige Kindheit. Nach zahlreichen Entbehrungen und Grausamkeiten findet sie schließlich eine Anstellung auf dem abgelegenen Anwesen Thornfield Hall, wo sie die uneheliche Tochter des launischen Gutsherrn Edward Rochester unterrichtet. Zum ersten Mal in ihrem Leben erfährt Jane Wärme und Geborgenheit. Edward verliebt sich in sie, und auch Jane erwidert seine Gefühle. Doch in dem düsteren Herrenhaus passieren schreckliche Dinge, die Jane bald vor eine schwere Entscheidung stellen.
Kapitel 1
An jenem Tag konnte man unmöglich spazieren gehen. Zwar waren wir am Vormittag eine Stunde lang zwischen den kahlen Büschen und Sträuchern umhergestreift, doch seit dem Mittagessen (wenn kein Besuch da war, speiste Mrs. Reed stets zeitig) hatte der kalte Winterwind so dunkle Wolken und einen so durchdringenden Regen mitgebracht, dass ein weiterer Aufenthalt im Freien nun nicht mehr in Frage kam.
Ich war froh darüber. Lange Spaziergänge, vor allem an frostigen Nachmittagen, hatte ich noch nie gemocht: die Heimkehr im unwirtlichen Halbdunkel mit erstarrten Fingern und Zehen, das fortwährende Geschimpfe von Bessie, dem Kindermädchen, das mir das Herz schwer machte, und das demütigende Bewusstsein meiner körperlichen Unterlegenheit gegenüber Eliza, John und Georgiana Reed waren mir ein Gräuel.
Besagte Eliza, John und Georgiana waren jetzt im Wohnzimmer um ihre Mama versammelt. Sie lag auf einem Sofa in der Nähe des Kamins und sah im Kreise ihrer Lieblinge (die im Augenblick gerade einmal weder stritten noch weinten) vollkommen glücklich aus. Mich hatte sie mit der Bemerkung von der Gruppe ausgeschlossen, es täte ihr leid, mich von ihnen fernhalten zu müssen; doch ehe sie nicht von Bessie höre oder mit eigenen Augen feststellen könne, dass ich mich ernsthaft um ein umgänglicheres und kindlicheres Betragen, eine einnehmendere und heiterere Art bemühte kurz, also versuchte, etwas fröhlicher, unbekümmerter, offener und natürlicher zu sein –, müsse sie mir nun einmal die Vergünstigungen versagen, die nur zufriedenen, braven kleinen Kindern zustünden.
»Was hat Bessie gesagt? Was soll ich denn getan haben?«, fragte ich.
»Jane, ich mag diese naseweise Krittelei und Fragerei nicht. Außerdem ist es wirklich erschreckend und abstoßend, wenn ein Kind einem Erwachsenen gegenüber einen solchen Ton anschlägt. Setz dich irgendwo hin und schweig, bis du imstande bist, dich freundlich und liebenswürdig zu unterhalten.«
Neben dem Salon lag ein kleines Frühstückszimmer. Dort schlüpfte ich hinein. In dem Raum befand sich ein Bücherschrank. Bald nahm ich mir einen Band heraus, wobei ich darauf achtete, dass es einer mit Bildern war. Ich kletterte auf die Bank in der Fensternische, zog meine Füße hoch und ließ mich im Schneidersitz darauf nieder, und nachdem ich den roten Moirévorhang fast ganz zugezogen hatte, fühlte ich mich in meinem Zufluchtsort doppelt geschützt.
Falten des scharlachroten Stoffes versperrten mir die Sicht nach rechts; zu meiner Linken schützten mich die blanken Fensterscheiben vor dem trostlosen Novembertag, ohne mich indes völlig von ihm zu trennen, und wenn ich die Seiten meines Buches umblätterte, vertiefte ich mich von Zeit zu Zeit in den Anblick, den jener Winternachmittag bot. Die Ferne verlor sich in einem fahlen Nichts aus Nebel und Wolken; unmittelbar vor mir lagen der nasse Rasen und das sturmgepeitschte Gebüsch, über das der Regen, von langen, aufheulenden Windstößen angetrieben, unaufhörlich und heftig hinwegfegte.
Ich wandte mich wieder meinem Buch zu – Bewicks Britischer Vogelkunde. Um den Text kümmerte ich mich im Allgemeinen recht wenig, doch gab es ein paar Seiten, die ich selbst als Kind nicht einfach überspringen konnte. Es handelte sich um die Einleitung, in der von den Schlupfwinkeln der Seevögel die Rede war; von den »einsamen Felsen und Klippen«, die einzig und allein von diesen bevölkert werden; von der Küste Norwegens, die von ihrem südlichsten Punkt, dem Kap Lindesnes oder Naze, bis zum Nordkap mit Inseln übersät ist und
Wo das Nordmeer in unermesslichen Strudeln
die nackten Felsen des fernen Thule brodelnd umtost;
wo die mächt’gen atlantischen Wogen sich Bahn brechen
zwischen den sturmgepeitschten Hebriden.
Auch fesselte mich die Schilderung der rauen Küsten Lapplands, Sibiriens, Spitzbergens, Novaja Semljas, Islands und Grönlands mit »dem unendlichen Gebiet der arktischen Zone und jenen einsamen Regionen trostloser Weite – jenem riesigen Speicher von Frost und Schnee, wo ewiges Eis, von Wintern in Jahrhunderten zu hohen Bergen aufgetürmt, den Pol umgibt und die vielfältigen Unbilden strengster Kälte sich vereinigen«. Von diesem toten weißen Reich habe ich mir meine eigene Vorstellung gebildet: Unwirklich und schattenhaft war sie, wie alle die nur halb verstandenen Begriffe, die vage durch Kinderköpfe geistern, aber ungewöhnlich packend und eindrucksvoll. Die Worte dieser einleitenden Seiten verbanden sich mit den nachfolgenden Abbildungen und gaben dem einsam aus einem Meer von Wogen und Gischt aufragenden Felsen ebenso seine Bedeutung wie dem auseinandergebrochenen Schiff, das an einer verlassenen Küste gestrandet war, und dem kalten, gespenstischen Mond, der zwischen Wolkenbändern hindurch auf ein sinkendes Wrack herabblickt.
Ich kann die Stimmung nicht beschreiben, die über dem verlassenen Kirchhof lag mit seinem beschrifteten Grabstein, seinem Tor, den beiden Bäumen, dem niedrigen, von einer verfallenen Mauer umgürteten Horizont und der eben erst aufgegangenen Mondsichel, die den Anbruch der Nacht ankündigte.
Die beiden draußen auf dem Meer in eine Flaute geratenen Schiffe kamen mir wie Seeungeheuer vor.
Den Unhold, der die Diebesbeute auf dem Rücken festhält, überblätterte ich rasch: Er flößte mir Schrecken ein – wie auch das schwarze gehörnte Wesen, das etwas abseits auf einem Felsen saß und eine Menschenansammlung beobachtete, die sich in einiger Entfernung um einen Galgen drängte.
Jedes Bild erzählte eine Geschichte, geheimnisvoll oft für mein noch unentwickeltes Begriffsvermögen und mein kindliches Empfinden, doch stets äußerst fesselnd – so fesselnd wie die Geschichten, die Bessie zuweilen an Winterabenden erzählte, wenn sie gerade einmal gut gelaunt war. Dann stellte sie ihren Bügeltisch vor den Kamin im Kinderzimmer, ließ uns darum herum sitzen, und während sie Mrs. Reeds Spitzenrüschen bügelte und steifte und die Borten ihrer Nachthaube kräuselte, fütterte sie unsere lebhafte Phantasie mit Geschichten von Liebe und Abenteuer, die aus alten Märchen oder noch älteren Balladen stammten oder (wie ich später entdeckte) aus Pamela und Heinrich, Graf von Moreland.
Mit Bewick auf den Knien war ich damals glücklich, zumindest glücklich auf meine Art. Ich fürchtete nichts weiter, als gestört zu werden, und das geschah nur zu bald. Die Tür zum Frühstückszimmer wurde geöffnet.
»Puh! Madame Griesgram!«, ertönte John Reeds Stimme. Dann hielt er inne, denn er merkte wohl, dass das Zimmer offenbar leer war.
»Wo zum Teufel steckt sie?«, fuhr er fort. »Lizzy! Georgy!«, rief er seinen Schwestern zu, »Jane ist nicht hier. Sagt Mama, sie sei in den Regen hinausgelaufen – dieses ungezogene Gör!«
›Gut, dass ich den Vorhang zugezogen habe‹, dachte ich und wünschte inständig, er möge mein Versteck nicht entdecken. Und John Reed selbst hätte es auch nicht aufgespürt, er hatte nämlich weder scharfe Augen noch einen scharfen Verstand. Eliza dagegen steckte nur den Kopf zur Tür herein und sagte sogleich: »Sie sitzt sicher in der Fensternische, Jack.«
Ich kam sofort hervor, denn ich zitterte bei der Vorstellung, von besagtem Jack herausgezerrt zu werden.
»Was willst du?«, fragte ich zaghaft und verlegen.
»Das heißt: ›Was wünschen Sie, Master Reed‹«, lautete die Antwort. »Ich wünsche, dass du hierher kommst.« Er setzte sich in einen Lehnstuhl und forderte mich mit einer Handbewegung auf, näher zu treten und mich vor ihn hinzustellen.
John Reed war ein Schuljunge von vierzehn Jahren, also vier Jahre älter als ich, denn ich war erst zehn. Er war groß und kräftig für sein Alter und hatte eine gelbliche, ungesunde Haut, ein breites Gesicht mit groben Zügen, plumpe Gliedmaßen und große Hände und Füße. Bei Tisch schlang er für gewöhnlich so in sich hinein, dass es ihm auf die Galle geschlagen war und er trübe Triefaugen und schlaffe Wangen bekommen hatte. Eigentlich hätte er in der Schule sein sollen, aber seine Mama hatte ihn »seiner zarten Gesundheit wegen« für ein, zwei Monate nach Hause geholt. Mr. Miles, der Lehrer, behauptete zwar, es würde ihm sehr gut gehen, bekäme er weniger Kuchen und Süßigkeiten von zu Hause geschickt; doch das mütterliche Herz sträubte sich gegen ein so hartes Urteil und neigte eher zu der beschönigenden Ansicht, Johns Blässe rühre von Übereifer und vielleicht sogar Heimweh her.
John hegte keine große Zuneigung für seine Mutter und seine Schwestern und Abneigung gegen mich. Er tyrannisierte und schlug mich, und zwar nicht nur zwei-, dreimal in der Woche oder ein-, zweimal am Tag, sondern in einem fort. Jeder Nerv in mir fürchtete ihn, jede Faser Fleisches auf meinen Knochen zog sich zusammen, wenn er mir nahe kam. Es gab Augenblicke, da wurde ich vor Angst fast verrückt, denn ich hatte niemanden, an den ich mich gegen seine Drohungen oder Übergriffe um Hilfe wenden konnte: Die Dienstboten wollten ihren jungen Herrn nicht gegen sich aufbringen, indem sie für mich Partei ergriffen, und Mrs. Reed war in dieser Hinsicht blind und taub. Nie sah oder hörte sie, dass er mich schlug oder beschimpfte, obgleich er beides dann und wann sogar in ihrer Gegenwart tat, häufiger freilich hinter ihrem Rücken.
Gewohnt, John zu gehorchen, trat ich vor seinen Stuhl, und er verbrachte die nächsten drei Minuten damit, mir die Zunge so weit herauszustrecken, wie er es konnte, ohne sich dabei weh zu tun. Ich wusste, dass er gleich zuschlagen würde. Trotz der Angst, mit der ich den Schlag erwartete, studierte ich angewidert das abstoßende, hässliche Äußere desjenigen, der ihn mir sogleich versetzen würde. Ich frage mich, ob er diesen Gedanken in meinem Gesicht las, denn plötzlich schlug er, ohne ein Wort zu sagen, heftig zu. Ich wankte, und als ich mein Gleichgewicht wiedergefunden hatte, wich ich ein, zwei Schritte von seinem Stuhl zurück.
»Das ist für die Unverschämtheit, mit der du Mama vorhin geantwortet hast«, sagte er, »und für deine heimtückische Art, dich hinter Vorhängen zu verstecken, und für den Blick, mit dem du mich gerade angeglotzt hast, du Ratte!«
Ich war an John Reeds Beschimpfungen gewöhnt, und es kam mir gar nicht in den Sinn, etwas darauf zu erwidern. Meine Sorge war vielmehr, wie ich den Schlag ertragen sollte, der der Beleidigung mit Sicherheit folgen würde.
»Was hast du da hinter dem Vorhang gemacht?«, fragte er.
»Ich habe gelesen.«
»Zeig das Buch.«
Ich ging zum Fenster zurück und holte es.
»Es steht dir nicht zu, unsere Bücher zu nehmen. Du bist von uns abhängig, sagt Mama. Du hast kein Geld, dein Vater hat dir keines hinterlassen. Eigentlich solltest du betteln gehen und nicht mit Kindern feiner Leute wie uns hier leben, die gleichen Mahlzeiten einnehmen wie wir und dich auf Kosten unserer Mama kleiden. Aber ich werde dich schon lehren, meine Bücherregale zu durchstöbern – sie gehören nämlich mir. Das ganze Haus gehört mir oder wird in ein paar Jahren mir gehören. Geh, stell dich an die Tür, weg vom Spiegel und den Fenstern!«
Ich gehorchte, ohne zunächst zu erkennen, was er vorhatte. Als ich dann aber bemerkte, wie er das Buch hob, es hin und her schwang und Anstalten machte, es nach mir zu werfen, sprang ich unwillkürlich mit einem Ausruf des Schreckens zur Seite, allerdings nicht schnell genug: der Band kam geflogen und traf mich. Ich fiel hin, schlug dabei mit dem Kopf gegen die Tür und verletzte mich. Die Platzwunde blutete, ein heftiger Schmerz durchzuckte mich. Meine Angst indes hatte ihren Höhepunkt überschritten, andere Gefühle traten nun an ihre Stelle.
»Du gemeiner, grausamer Kerl!«, stieß ich hervor. »Du bist wie ein Mörder – wie ein Sklaventreiber – du bist wie die römischen Kaiser!«
Ich hatte Goldsmiths Geschichte Roms gelesen und mir meine eigene Meinung über Nero, Caligula etc. gebildet. Und still für mich hatte ich auch Parallelen gezogen, die ich jedoch nie auf diese Weise laut zu äußern vorgehabt hatte.
»Was! Was!«, rief er. »Hat sie das zu mir gesagt? Habt ihr das gehört, Eliza und Georgiana? Das werde ich Mama erzählen! Aber vorher –«
Er stürzte sich Hals über Kopf auf mich. Ich fühlte, wie er mich an Haaren und Schulter packte. Doch er war an ein zu allem entschlossenes Wesen geraten, denn ich sah in ihm wirklich einen Tyrannen, ja einen Mörder. Ich spürte ein, zwei Tropfen Blut von meinem Kopf in den Nacken rinnen und einen ziemlich stechenden Schmerz. Diese Empfindungen waren nun stärker als meine Angst, und ich setzte mich wie toll zur Wehr. Ich weiß nicht genau, was ich mit meinen Händen tat, aber er schrie »Ratte! Ratte!« und brüllte laut auf. Hilfe nahte indes schon, denn Eliza und Georgiana waren sogleich losgestürmt, um Mrs. Reed zu holen, die nach oben gegangen war. Nun tauchte sie, gefolgt von Bessie und ihrer Zofe Abbot, am Ort des Geschehens auf. Wir wurden getrennt, und ich hörte die Worte:
»Du lieber Himmel! Was für eine Furie! So auf Master John loszugehen!«
»Hat man je einen derartigen Wutanfall erlebt!«
Dann befahl Mrs. Reed: »Bringt sie ins Rote Zimmer und sperrt sie dort ein.« Sofort ergriffen mich vier Hände, und ich wurde die Treppe hinaufgezerrt.
Kapitel 2
Ich sträubte und wehrte mich die ganze Zeit: Das war etwas Neues für mich und ein Umstand, der Bessie und Miss Abbot in der schlechten Meinung, die sie sich nun einmal von mir gebildet hatten, noch bestärkte. Tatsächlich war ich ziemlich von Sinnen oder vielmehr völlig außer mir. Ich war mir bewusst, dass ich mit meinem kurzen Aufbegehren bereits außergewöhnliche Strafen auf mich gezogen hatte, und, wie jeder aufrührerische Sklave, war ich in meiner Verzweiflung entschlossen, bis zum Äußersten zu gehen.
»Halten Sie sie an den Armen fest, Miss Abbot. Sie führt sich ja auf wie eine tollwütige Katze.«
»Pfui! Schämen Sie sich!«, rief die Kammerzofe. »Was für ein unerhörtes Betragen, Miss Eyre, einen jungen Mann aus gutem Hause zu schlagen, den Sohn Ihrer Wohltäterin! Ihren jungen Herrn!«
»Meinen Herrn! Wieso mein Herr? Bin ich etwa eine Dienstmagd?«
»Nein, Sie sind noch weniger als eine Magd, denn Sie tun ja nichts, um Ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Da, setzen Sie sich hin und denken Sie über Ihr schändliches Benehmen nach.«
Sie hatten mich inzwischen in den von Mrs. Reed bezeichneten Raum gebracht und unsanft auf einen Stuhl gestoßen. Einem inneren Antrieb folgend, wollte ich wie eine Sprungfeder gleich wieder hochschnellen, doch zwei Paar Hände hielten mich augenblicklich zurück.
»Wenn Sie nicht ruhig sitzen bleiben, müssen wir Sie anbinden«, erklärte Bessie. »Leihen Sie mir Ihre Strumpfbänder, Miss Abbot, meine würde sie sofort zerreißen.«
Miss Abbot wandte sich ab, um das geforderte Band von ihrem strammen Bein zu streifen. Diese Anstalten, mir Fesseln anzulegen, und die damit verbundene zusätzliche Schmach dämpften meine Erregung etwas.
»Nehmen Sie sie nicht ab«, rief ich. »Ich werde mich nicht rühren.«
Zur Bekräftigung meiner Worte klammerte ich mich mit den Händen fest an meinen Sitz.
»Das will ich Ihnen auch geraten haben!«, sagte Bessie, und erst nachdem sie sich vergewissert hatte, dass ich tatsächlich sitzen blieb, ließ sie mich los. Dann stellten sie und Miss Abbot sich mit verschränkten Armen vor mich hin und musterten finster und argwöhnisch mein Gesicht, als zweifelten sie an meinem Verstand.
»So etwas hat sie bisher noch nie getan«, sagte Bessie schließlich zur Kammerzofe.
»Aber es steckte immer schon in ihr«, war die Antwort. »Ich hab der Gnädigen schon oft meine Meinung über das Kind gesagt, und die Gnädige hat mir zugestimmt. Es ist ein hinterhältiges kleines Ding. Noch nie hab ich ein Mädchen gesehn, das in ihrem Alter schon so falsch und verschlagen war.«
Bessie antwortete nicht, doch gleich darauf wandte sie sich an mich:
»Sie sollten sich darüber im Klaren sein, junges Fräulein, dass Sie Mrs. Reed zu Dank verpflichtet sind. Sie sorgt für Sie, und wenn sie Sie vor die Tür setzte, müssten Sie ins Armenhaus.«
Auf diese Worte hatte ich nichts zu erwidern; sie waren mir nicht neu. Derartige Anspielungen gehörten schon zu meinen frühesten Kindheitserinnerungen. Der Vorwurf meiner Abhängigkeit war in meinen Ohren zu einer abstrusen Litanei geworden, die zwar äußerst schmerzlich und niederschmetternd, mir aber nur halb verständlich war. Miss Abbot stimmte ein:
»Und Sie sollten sich nicht einbilden, mit den gnädigen Fräulein und dem jungen Herrn Reed auf einer Stufe zu stehn, nur weil die Gnädige so liebenswürdig ist und Sie mit ihnen gemeinsam aufwachsen lässt. Die jungen Herrschaften werden einmal eine Menge Geld haben und Sie keins. Ihre Stellung gebietet Ihnen, bescheiden und demütig zu sein und sich zu bemühen, ihnen stets freundlich und zuvorkommend zu begegnen.«
»Was wir Ihnen da sagen, ist nur zu Ihrem Besten«, fügte Bessie mit sanfterer Stimme hinzu. »Sie sollten versuchen, sich nützlich zu machen und liebenswürdiger zu sein, vielleicht würden Sie dann hier ein wirkliches Zuhause finden. Wenn Sie allerdings heftig und ausfallend werden, wird Sie die Gnädige ganz bestimmt fortschicken.«
»Außerdem«, sagte Miss Abbot, »wird Gott sie strafen. Er könnte sie mitten in einem ihrer Zornausbrüche tot umfallen lassen, und wohin käme sie dann wohl? Kommen Sie, Bessie, wir wollen gehen. Nicht um alles in der Welt möchte ich ihr Herz haben. Beten Sie, Miss Eyre, wenn Sie allein sind; denn wenn Sie nicht bereuen, könnte etwas Schlimmes den Kamin herunterkommen und Sie fortholen.«
Sie gingen, schlossen die Tür hinter sich und sperrten sie ab.
Das Rote Zimmer war ein Gästezimmer, in dem nur sehr selten jemand übernachtete – eigentlich nie, könnte ich sagen, wenn sich nicht gerade zufällig so viele Besucher in Gateshead Hall einfanden, dass alle verfügbaren Unterbringungsmöglichkeiten ausgeschöpft werden mussten. Dabei war es einer der größten und prunkvollsten Räume des Herrenhauses. Ein von vier massiven Mahagonipfosten getragenes, mit dunkelroten Damastvorhängen versehenes Bett erhob sich in der Mitte wie ein Tabernakel, die beiden großen Fenster, deren Läden stets geschlossen blieben, waren hinter breiten Borten und Falten aus gleichem Stoff halb verborgen. Der Teppich war rot, und auch der Tisch am Fußende des Bettes war mit einem karmesinroten Tuch bedeckt. Die Wände hatten einen hellen Braunton mit einer Nuance Rosa darin; Kleiderschrank, Toilettentisch und Stühle waren aus dunkelpoliertem, altem Mahagoni. Von diesem ringsum herrschenden Dunkel hoben sich hoch und leuchtend hell die aufgetürmten Matratzen und Kissen ab, über die eine schneeweiße gesteppte Baumwolldecke gebreitet war. Kaum weniger auffallend war ein großer, ebenfalls weißer Polstersessel mit einem Fußschemel davor, der am Kopfende des Bettes stand und mir wie ein fahler, gespenstischer Thron vorkam.
Der Raum war kalt, weil hier nur selten ein Feuer brannte; still, weil er vom Kinderzimmer und den Küchen weit entfernt lag; feierlich, weil er, wie jeder wusste, kaum betreten wurde. Nur das Zimmermädchen kam samstags hierher, um den Staub, der sich im Verlauf einer Woche geräuschlos angesammelt hatte, von Spiegeln und Möbeln zu wischen; und Mrs. Reed selbst suchte ihn in größeren Zeitabständen auf, um den Inhalt eines bestimmten geheimen Schubfaches im Kleiderschrank durchzusehen, in dem sie verschiedene Urkunden, ihre Schmuckschatulle und ein Miniaturbildnis ihres verstorbenen Gatten aufbewahrte. Und in diesen letzten Worten liegt auch das Geheimnis des Roten Zimmers – der Bann, unter dem es trotz seiner Pracht zu einem so verlassenen Ort geworden war.
Mr. Reed war vor neun Jahren gestorben. In diesem Zimmer hatte er seinen letzten Atemzug getan; hier hatte er aufgebahrt gelegen; von hier hatten die Leichenträger den Sarg fortgetragen, und seit jenem Tag hatte ein Gefühl düsterer Ehrfurcht die Hausbewohner davor zurückschrecken lassen, den Raum häufig zu betreten.
Der Sitz, auf dem Bessie und die gestrenge Miss Abbot mich wie angenagelt zurückgelassen hatten, war ein niedriges Liegesofa in der Nähe des marmornen Kaminsimses. Vor mir erhob sich das Bett; zu meiner Rechten stand der hohe, dunkle Kleiderschrank, auf dessen polierten Flächen gedämpfte Lichtreflexe unzusammenhängende Muster zeichneten; zu meiner Linken befanden sich die verhüllten Fenster und zwischen ihnen ein großer Spiegel, in dem sich die Pracht und Leere von Bett und Raum wiederholten. Ich war mir nicht ganz sicher, ob die Tür wirklich abgeschlossen war, und als ich es endlich wagte, mich zu bewegen, stand ich auf, um nachzusehen. Aber ach, sie ließ sich nicht öffnen! Kein Kerker war jemals sicherer gewesen! Auf dem Weg zurück zu meinem Platz musste ich am Spiegel vorbei, und unwillkürlich erkundete mein Blick wie gebannt die Tiefe des Raumes, die er enthüllte. In seiner unwirklichen Perspektive wirkte alles noch kälter und düsterer, als es tatsächlich war, und die seltsame kleine Gestalt, die mich daraus anstarrte, sah mit ihrem bleichen Gesicht, ihren weißen Armen, die als helle Punkte das Dunkel durchbrachen, und den glänzenden Augen, die ängstlich um sich blickten, wo alles andere in tiefster Regungslosigkeit verharrte, wie ein richtiges Gespenst aus. Sie kam mir vor wie eines jener winzigen Geisterwesen, die – halb Fee, halb Kobold – Bessies abendlichen Geschichten zufolge im Moor einsamen, farnbewachsenen Talschluchten entstiegen und vor den Augen verspäteter Reisender auftauchten. Ich kehrte zum Sofa zurück.
In jenem Augenblick beschlich mich bereits abergläubische Furcht, doch die Stunde ihres vollkommenen Sieges über mich war noch nicht gekommen: Noch war mein Blut in Wallung, noch stärkte mich die Wut des aufbegehrenden Sklaven mit ihrer Kraft der Verbitterung. Ich musste erst gegen eine reißende Flut von Erinnerungen ankämpfen, ehe mich die bedrückende Gegenwart überwältigen konnte.
Die tyrannischen Quälereien John Reeds, die hochmütige Gleichgültigkeit seiner Schwestern, die Abneigung seiner Mutter, die Parteilichkeit der Dienstboten, all das stieg in meiner geistigen Erregung in mir auf wie trübe Ablagerungen in einem verschlammten Brunnen. Warum musste ich immer leiden? Warum wurde ich ständig gescholten, beschuldigt und verurteilt? Warum konnte ich es nie jemandem recht machen? Warum war es sinnlos zu versuchen, jemandes Gunst zu gewinnen? Die eigenwillige, selbstsüchtige Eliza wurde geachtet. Der verwöhnten Georgiana mit ihrer gehässigen Boshaftigkeit und ihrem zänkischen, unverschämten Betragen brachte jedermann Nachsicht entgegen. Ihre Schönheit, ihre rosigen Wangen und goldenen Locken schienen alle, die sie sahen, zu entzücken und ihr Straffreiheit für alle ihre Ungehörigkeiten zu erkaufen. Niemand gebot John Einhalt oder strafte ihn gar, obwohl er den Tauben den Hals umdrehte, die kleinen Pfauenküken tötete, die Hunde auf die Schafe hetzte, im Gewächshaus die Weinstöcke plünderte und die Knospen der erlesensten Pflanzen im Wintergarten knickte. Auch nannte er seine Mutter »altes Mädchen«, machte sich zuweilen über ihre dunkle Haut lustig, die der seinen ganz ähnlich war, setzte sich offen über ihre Wünsche hinweg, und nicht selten zerriss oder beschmutzte er ihre seidenen Kleider: trotz alledem war und blieb er »ihr kleiner Liebling«. Ich hingegen wagte nicht, auch nur die kleinste Unachtsamkeit zu begehen; ich bemühte mich vielmehr eifrig, allen meinen Pflichten nachzukommen, und doch schimpfte man mich von morgens bis mittags und von mittags bis abends ungezogen und mürrisch, widerspenstig und hinterhältig.
Mein Kopf schmerzte und blutete noch immer von dem Schlag, den ich erhalten hatte, und dem nachfolgenden Sturz. Niemand hatte John dafür getadelt, dass er mich mutwillig geschlagen hatte; aber ich, die ich mich gegen ihn zur Wehr gesetzt hatte, um weitere unberechenbare Gewalttätigkeiten seinerseits zu verhindern, wurde von allen Seiten mit Schimpf und Schande überhäuft.
»Es ist ungerecht! Ungerecht!«, sagte meine Vernunft, die aufgrund der quälenden Gedanken rasch, wenn auch nur vorübergehend, wieder Macht über mich gewann; und von wilder Entschlossenheit ergriffen, begann ich mir ungewöhnliche Mittel zu überlegen, um der unerträglich gewordenen Unterdrückung zu entrinnen – wie etwa davonzulaufen oder, falls das nicht möglich war, nichts mehr zu essen und zu trinken, bis ich vor Entkräftung stürbe.
Wie bestürzt und verstört war meine Seele an jenem trostlosen, düsteren Nachmittag! In welchem Aufruhr befanden sich meine Gedanken, wie sehr empörte sich mein Herz! Doch in welchem Dunkel, in welch krasser Unwissenheit musste ich diesen inneren Kampf führen! Ich konnte keine Antwort auf die unablässig bohrende Frage finden, warum ich so litt. Heute, nach – ich will nicht sagen, wie vielen – Jahren, sehe ich sie ganz klar.
Ich war ein Fremdkörper in Gateshead Hall; ich war anders als all die anderen, die dort lebten. Mit Mrs. Reed, ihren Kindern oder ihren auserwählten Vasallen hatte ich nichts gemein. Wenn sie mich nicht liebten, so liebte ich sie freilich ebenso wenig. Und schließlich waren sie nicht verpflichtet, einem Wesen Zuneigung entgegenzubringen, das keine ihrer Empfindungen und Ansichten zu teilen vermochte; einem so andersartigen Wesen, das sich in Temperament, Charakter und Neigungen grundlegend von ihnen unterschied; einem nutzlosen Wesen, unfähig, ihren Interessen zu dienen oder zu ihrem Vergnügen beizutragen; einem böswilligen Wesen, das es wagte, sich über ihre Behandlung zu entrüsten und ihr Urteil zu verachten. Wäre ich – obschon gleichermaßen abhängig und ohne Freunde – ein heiteres, begabtes, anspruchsvolles Kind, ein hübscher, ausgelassener Wildfang gewesen, hätte Mrs. Reed meine Anwesenheit gewiss mit mehr Wohlwollen ertragen; ihre Kinder hätten mir gegenüber mehr Herzlichkeit und Kameradschaft empfunden und die Dienstboten weniger Neigung verspürt, mich zum Sündenbock des Kinderzimmers zu machen.
Das Tageslicht wich allmählich aus dem Roten Zimmer; es war schon nach vier, und der bewölkte Nachmittag ging in trübes Zwielicht über. Ich hörte den Regen noch immer unablässig gegen das Treppenfenster trommeln und den Wind im Wäldchen hinter dem Haus heulen. Nach und nach wurde mir eiskalt, und mein Mut begann zu sinken. Das gewohnte Gefühl von Demütigung, Selbstzweifeln und trostloser Niedergeschlagenheit legte sich wie ein feuchtes Tuch auf die letzten Funken meines erlöschenden Zorns. Alle sagten, ich sei schlecht, und vielleicht war ich es auch wirklich: Hatte ich nicht eben daran gedacht, mich zu Tode zu hungern? Das war ohne Zweifel eine schwere Sünde. War ich denn überhaupt aufs Sterben vorbereitet? Oder war etwa die Gruft unter dem Chor der Kirche von Gateshead ein verlockender Ort? In dieser Gruft, so hatte man mir erzählt, lag Mr. Reed begraben. Beim Gedanken daran kam mir all das in den Sinn, was ich über ihn erfahren hatte, und mit wachsender Beklemmung dachte ich darüber nach. Ich konnte mich nicht an ihn erinnern, doch wusste ich, dass er mein richtiger Onkel – der Bruder meiner Mutter – gewesen war und dass er mich, als ich im Säuglingsalter meine Eltern verloren hatte, zu sich genommen und noch auf dem Totenbett Mrs. Reed das Versprechen abverlangt hatte, mich wie eines ihrer eigenen Kinder aufzuziehen und für mich zu sorgen. Wahrscheinlich war Mrs. Reed sogar davon überzeugt, sie habe dieses Versprechen erfüllt, und das hat sie wohl auch, soweit ihre Natur es ihr gestattete. Aber wie sollte sie einen Eindringling wirklich liebhaben, der nicht ihrer Familie entstammte und mit dem sie nach dem Tod ihres Gatten nichts mehr verband? Es muss ihr höchst lästig gewesen sein, durch eine nur ungern gegebene Zusage gebunden, Elternstelle bei einem fremden Kind zu vertreten, das sie nicht lieben konnte, und mitanzusehen, wie eine so andersartige, unsympathische Fremde ihrem eigenen Familienkreis auf Dauer aufgedrängt war.
Ein seltsamer Gedanke stieg in mir auf. Ich bezweifelte nicht – hatte niemals bezweifelt –, dass Mr. Reed, wäre er noch am Leben gewesen, mich gut und liebevoll behandelt hätte, und als ich nun so dasaß, das weiße Bett und die im Dunkeln liegenden Wände betrachtete und mein Blick immer wieder wie gebannt zu dem mattschimmernden Spiegel wanderte, begann ich mich an das zu erinnern, was ich über Verstorbene gehört hatte, die in ihren Gräbern keine Ruhe fanden, weil man ihre letzten Wünsche missachtet hatte, und die auf die Erde zurückkehrten, um die Eidesbrecher zu strafen und die Unterdrückten zu rächen. Ich glaubte, Mr. Reeds Geist könnte, beunruhigt über das Unrecht, das dem Kind seiner Schwester zugefügt wurde, seine Ruhestätte – in der Kirchengruft oder dem unbekannten Reich der Toten – verlassen und mir hier in diesem Zimmer erscheinen. Rasch trocknete ich mir die Tränen und unterdrückte mein Schluchzen, aus Angst, jedwede Bekundung so großen Kummers könnte eine Stimme aus dem Jenseits wecken, die mir Trost zusprechen wollte, oder aus der Dunkelheit ein von einem Heiligenschein umrahmtes Antlitz heraufbeschwören, das sich aus mir unbekanntem Mitleid über mich beugte. Der Gedanke, diese eigentlich recht tröstliche Vorstellung könnte Wirklichkeit werden, erfüllte mich indes bald mit einem Gefühl des Grauens. Mit aller Macht versuchte ich, es zu verdrängen, und bemühte mich, tapfer zu sein. Ich schüttelte das Haar aus der Stirn und hob den Kopf, um mich mutig in dem dunklen Zimmer umzusehen. In diesem Augenblick fiel ein schwacher Lichtschein auf die Wand. War es, fragte ich mich, das Licht des Mondes, das durch eine Ritze im Fensterladen drang? Nein, denn Mondlicht verharrte ruhig an einer Stelle, und dieses hier bewegte sich. Vor meinem entsetzten Blick glitt es an die Decke hinauf und hielt zitternd über meinem Kopf inne. Heute kann ich mir ohne weiteres denken, dass dieser Lichtstrahl sehr wahrscheinlich von einer Laterne stammte, die jemand draußen über den Rasen trug; doch damals, als ich innerlich auf etwas Schreckliches gefasst war und meine Nerven aufgrund meiner Erregung völlig überreizt waren, glaubte ich in dem über die Wand huschenden Lichtstrahl den Vorboten einer Erscheinung aus einer anderen Welt vor mir zu haben. Mein Herz schlug wild, mein Kopf begann zu glühen. Ein Rauschen, das mir wie Flügelschlagen klang, drang an mein Ohr. Etwas schien ganz in meiner Nähe zu sein. Ich fühlte mich bedrängt, dem Ersticken nahe. Länger hielt ich es einfach nicht mehr aus. Ich stürzte zur Tür und rüttelte in verzweifelter Anstrengung daran. Eilige Schritte näherten sich draußen auf dem Flur, der Schlüssel wurde umgedreht, Bessie und Abbot betraten das Zimmer.
»Miss Eyre, sind Sie krank?«, fragte Bessie.
»Was für ein entsetzlicher Lärm! Er ist mir durch Mark und Bein gegangen«, rief Abbot.
»Lassen Sie mich hinaus! Lassen Sie mich ins Kinderzimmer!«, flehte ich.
»Warum denn? Sind Sie verletzt? Haben Sie etwas gesehen?«, forschte Bessie weiter.
»O ja! Ich habe ein Licht gesehen, und ich habe geglaubt, gleich würde ein Geist erscheinen.« Ich hatte unterdessen Bessies Hand ergriffen, und sie entzog sie mir nicht.
»Sie hat absichtlich geschrien«, erklärte Abbot entrüstet. »Und wie sie geschrien hat! Wenn sie große Schmerzen gehabt hätte, wäre es noch verzeihlich gewesen, aber sie wollte ja nur, dass wir alle herkommen. Ich kenne ihre üblen Streiche.«
»Was hat das alles zu bedeuten?«, fragte eine andere Stimme gebieterisch, und mit wehenden Haubenbändern und laut raschelnden Röcken kam Mrs. Reed den Korridor entlanggeeilt. »Abbot, Bessie, habe ich nicht strikte Anweisung gegeben, dass Jane Eyre im Roten Zimmer zu bleiben hat, bis ich selbst sie herauslasse?«
»Miss Jane hat so laut geschrien, gnädige Frau«, wandte Bessie ein.
»Lassen Sie sie los«, war die einzige Antwort. »Lass Bessies Hände los, Kind. Mit derlei Schlichen wirst du hier nicht herauskommen, das kann ich dir versichern. Ich verabscheue Verschlagenheit – vor allem bei Kindern. Es ist meine Pflicht, dich zu lehren, dass man mit List und Tücke nicht weiterkommt. Dafür wirst du noch eine Stunde länger hier bleiben, und auch dann werde ich dich nur freilassen, wenn du artig und mucksmäuschenstill warst.«
»Ach Tante! Haben Sie Mitleid! Vergeben Sie mir! Ich kann es nicht ertragen. Bestrafen Sie mich doch auf irgendeine andere Art. Ich sterbe, wenn –«
»Schweig! Diese Heftigkeit ist ja schon widerlich.« Und zweifellos empfand sie es so. In ihren Augen war ich eine frühreife Schauspielerin, und sie war aufrichtig davon überzeugt, in mir eine Mischung von bösartigen Leidenschaften, Durchtriebenheit und gefährlicher Falschheit vor sich zu haben.
Als Bessie und Abbot sich zurückgezogen hatten, stieß mich Mrs. Reed – meiner mittlerweile unbändigen Angst und meines zügellosen Schluchzens überdrüssig – plötzlich in das Zimmer zurück und schloss mich, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, erneut ein. Ich hörte sie davonrauschen, und bald nachdem sie sich entfernt hatte, muss ich eine Art Anfall erlitten haben: ich verlor das Bewusstsein.
Kapitel 3
Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist, dass ich mit dem Gefühl aufwachte, einen entsetzlichen Alptraum gehabt zu haben. Vor mir sah ich einen grässlichen grellroten Schein, der von dicken schwarzen Gitterstäben durchbrochen war. Auch vernahm ich Stimmen, die ganz hohl klangen, als würden sie durch das Rauschen von Wind oder Wasser gedämpft: Aufregung, Ungewissheit und ein übermächtiges Gefühl des Schreckens verwirrten meine Sinne. Bald wurde ich gewahr, dass jemand sich um mich bemühte, mich aufrichtete und mich beim Sitzen stützte, und dies liebevoller und behutsamer, als ich je aufgerichtet oder gestützt worden war. Ich lehnte meinen Kopf gegen ein Kissen oder einen Arm und fühlte mich wohl.
Fünf Minuten später war die Verwirrung, die meinen Geist getrübt hatte, gewichen, und ich erkannte, dass ich in meinem eigenen Bett lag und der rote Schein vom Kaminfeuer im Kinderzimmer kam. Es war Nacht; auf dem Tisch brannte eine Kerze; Bessie stand am Fußende des Bettes mit einer Schüssel in der Hand, und auf einem Stuhl neben meinem Kopfkissen saß ein Herr und beugte sich über mich.
Ich verspürte eine unsägliche Erleichterung, ein beruhigendes Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit, als ich bemerkte, dass ein Fremder im Raum war, jemand, der nicht zu Gateshead gehörte und nichts mit Mrs. Reed zu tun hatte. Ich wandte mich von Bessie ab (obgleich mir ihre Anwesenheit weitaus weniger unangenehm war, als es zum Beispiel die von Abbot gewesen wäre) und betrachtete das Gesicht des fremden Herrn. Ich erkannte ihn: Es war Mr. Lloyd, ein Apotheker, den Mrs. Reed gelegentlich holen ließ, wenn einer der Dienstboten krank war; für sich selbst und die Kinder pflegte sie stets einen Arzt zu rufen.
»Nun, wer bin ich?«, fragte er.
Ich nannte seinen Namen und reichte ihm dabei die Hand. Er ergriff sie lächelnd und sagte: »Mit der Zeit werden wir gewiss wieder ganz gesund werden.« Dann ließ er mich in die Kissen zurückgleiten und schärfte Bessie ein, darauf zu achten, dass ich während der Nacht nicht gestört würde. Nachdem er noch einige weitere Anweisungen gegeben und angekündigt hatte, dass er am nächsten Tag wiederkommen wolle, ging er zu meinem großen Leidwesen fort, denn solange er auf seinem Stuhl neben meinem Kissen saß, hatte ich mich beschützt und nicht so verlassen gefühlt; als er jedoch die Tür hinter sich schloss, wurde das ganze Zimmer wieder düster, und mein Mut verließ mich erneut: unbeschreibliche Traurigkeit machte mir das Herz schwer.
»Glauben Sie, Sie können jetzt schlafen, Miss?«, fragte Bessie mit ungewöhnlich sanfter Stimme.
Ich wagte kaum zu antworten, denn ich fürchtete, der nächste Satz könnte schon wieder barsch sein. »Ich werde es versuchen.«
»Möchten Sie etwas trinken, oder können Sie etwas essen?«
»Nein, danke, Bessie.«
»Dann werde ich jetzt wohl besser auch zu Bett gehen, es ist schon nach zwölf. Rufen Sie mich aber ruhig, wenn Sie während der Nacht etwas brauchen.«
Welch wunderbare Höflichkeit! Sie ermutigte mich, eine Frage zu stellen.
»Bessie, was ist mit mir? Bin ich krank?«
»Wahrscheinlich sind Sie im Roten Zimmer vor lauter Weinen ohnmächtig geworden. Aber sicher geht es Ihnen bald wieder besser.«
Bessie ging in die Kammer des Hausmädchens, die sich gleich nebenan befand. Ich hörte, wie sie sagte:
»Schlafen Sie doch bei mir im Kinderzimmer, Sarah; nicht um alles in der Welt möchte ich heute Nacht mit dem armen Kind allein sein; es könnte sterben. Seltsam, dass sie diesen Anfall hatte. Ich frage mich, ob sie irgendetwas gesehen hat. Die Gnädige war diesmal wirklich zu streng.«
Sarah kam mit ihr zurück; sie legten sich beide hin und flüsterten noch eine halbe Stunde miteinander, bevor sie einschliefen. Ich fing Fetzen ihres Gesprächs auf, denen ich nur allzu deutlich entnehmen konnte, worüber sie sich unterhielten.
»Etwas huschte an ihr vorbei, etwas ganz in Weiß Gekleidetes, und verschwand« – »Ein großer schwarzer Hund folgte ihm« – »Drei laute Schläge an die Zimmertür« – »Ein Licht auf dem Friedhof, genau über seinem Grab« – etc.
Endlich schliefen beide; Feuer und Kerze erloschen. Für mich aber schleppten sich die Stunden jener endlos langen Nacht in schauriger Schlaflosigkeit dahin: Auge, Ohr und Geist waren gleichermaßen angespannt in grauenvoller Furcht, wie nur Kinder sie zu empfinden vermögen.
Der Zwischenfall im Roten Zimmer hatte keine ernstliche oder längere körperliche Erkrankung zur Folge, doch meine Nerven hatten einen Schock erlitten, dessen Nachwirkungen ich noch heute spüre. Ja, Mrs. Reed, Ihnen verdanke ich manch furchtbare Seelenqual. Aber ich sollte Ihnen vergeben, denn Sie wussten nicht, was Sie taten: Sie glaubten, nur meine schlechten Eigenschaften auszurotten, während Sie mir in Wirklichkeit das Herz brachen.
Am nächsten Tag zur Mittagszeit war ich schon wieder auf und angekleidet und saß, in einen Schal gehüllt, im Kinderzimmer am Kamin. Ich fühlte mich körperlich schwach und erschöpft, aber das Schlimmste war die unsägliche Niedergeschlagenheit, unter der ich litt – eine Niedergeschlagenheit, die mich fortwährend still vor mich hinweinen ließ. Kaum hatte ich einen salzigen Tropfen von meiner Wange gewischt, folgte schon der nächste. Dabei hatte ich das Gefühl, dass ich eigentlich hätte glücklich sein müssen, denn keiner der Reeds war da – sie waren alle mit ihrer Mama in der Kutsche ausgefahren. Auch Abbot nähte in einem anderen Zimmer, und Bessie richtete von Zeit zu Zeit in ungewohnt freundlichem Ton ein Wort an mich, während sie im Zimmer hin und her lief und dabei Spielsachen wegräumte und Schubladen in Ordnung brachte. Dieser Zustand hätte mir, die ich an nichts anderes gewöhnt war als unablässigen Tadel und undankbare Schinderei, wie ein Paradies des Friedens vorkommen müssen, doch meine gepeinigten Nerven befanden sich in einer solchen Verfassung, dass weder Ruhe sie zu besänftigen noch Angenehmes sie zu erfreuen vermochte.
Bessie war in der Küche unten gewesen und brachte mir ein Stück Torte auf einem buntbemalten Porzellanteller mit herauf, auf dem ein Paradiesvogel in einem Kranz von Winden und Rosenknospen abgebildet war und den ich stets mit Hingabe bewundert hatte. Wie oft hatte ich darum gebettelt, den Teller in die Hand nehmen zu dürfen, um ihn genauer betrachten zu können, doch war ich bis dahin einer solchen Gunst nie für würdig befunden worden. Diesen kostbaren Gegenstand stellte Bessie mir nun auf die Knie und forderte mich herzlich auf, das Stückchen köstlichen Gebäcks darauf zu essen. Vergebliche Gunst! Sie kam, wie die meisten lange verweigerten und oft ersehnten Gefälligkeiten, zu spät. Ich konnte den Kuchen nicht essen, und das Federkleid des Vogels, die Farben der Blumen schienen seltsam verblasst. Ich stellte Teller und Kuchen zur Seite. Bessie fragte, ob ich ein Buch haben wolle. Das Wort Buch weckte vorübergehend meine Lebensgeister, und ich bat sie, mir Gullivers Reisen aus der Bibliothek zu holen. Dieses Buch hatte ich immer wieder mit Vergnügen gelesen. Ich hielt es für eine Schilderung wahrer Begebenheiten und entdeckte darin Dinge, die mich mehr fesselten als das, was Märchen mir zu geben vermochten. Denn was die Elfen anbetraf, so hatte ich mich, nachdem ich sie unter Fingerhutblättern und -glocken, zwischen Pilzen und in efeuumrankten alten Mauernischen vergeblich gesucht hatte, schließlich mit der traurigen Wahrheit abgefunden, dass sie England verlassen und sich in ein unwegsameres Land geflüchtet hatten, wo die Wälder noch dicht und undurchdringlich waren und nur wenige Menschen lebten. Dagegen war ich überzeugt, dass Lilliput und Brobdingnag feste Bestandteile des Globus waren, und ich bezweifelte nicht, dass ich eines Tages nach einer langen Reise mit meinen eigenen Augen die kleinen Felder, Häuser und Bäume, die zwergenhaften Menschen, die winzigen Kühe, Schafe und Vögel des einen und auch die baumhohen Getreidefelder, die mächtigen Doggen, die Riesenkatzen und turmhohen Männer und Frauen des anderen Reiches sehen würde. Doch als ich das geliebte Buch nun in den Händen hielt, als ich in seinen Seiten blätterte und in seinen wunderbaren Bildern den Zauber suchte, den ich bisher immer darin entdeckt hatte, war alles unheimlich und bedrückend: Die Riesen waren ausgemergelte Kobolde, die Pygmäen bösartige, furchterregende kleine Teufel, Gulliver ein einsamer, hoffnungsloser Wanderer in schaurigen und gefährlichen Gegenden. Ich klappte das Buch zu, in dem ich nun nicht mehr zu lesen wagte, und legte es neben den unberührten Kuchen auf den Tisch.
Bessie war mittlerweile mit Staubwischen und Aufräumen fertig, und nachdem sie sich die Hände gewaschen hatte, öffnete sie eine kleine Schublade voller herrlicher Seiden- und Satinreste und machte sich daran, Georgianas Puppe eine neue Haube zu nähen. Dabei sang sie das Lied:
»Als einst wir übers Land gezogen,
Lang, lang ist’s her.«
Ich hatte es schon oft gehört, und zwar stets mit großem Entzücken, denn Bessie hatte eine angenehme Stimme – wenigstens fand ich das. Und obwohl ihre Stimme auch an diesem Tag hübsch klang, schien mir nun mit einem Mal eine unbeschreibliche Traurigkeit in der Melodie zu liegen. Zuweilen, wenn die Arbeit ihre ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, sang sie den Refrain ganz leise und gedehnt, und dann ertönte ihr »Lang, lang ist’s her« wie der herzzerreißende Schluss einer Totenklage. Danach sang sie eine andere, diesmal wirklich traurige Ballade.
»Meine Füße sind wund und schwer meine Glieder,
Lang ist der Weg, den ich gehe geschwind.
Bald schon sinkt düster die Dämmerung nieder
Auf den Pfad, auf das arme Waisenkind.
Warum schicken sie mich fort, so einsam und weit
Ins Moor, wo nur Heide und Felsen ich find?
Die Menschen sind hart, nur die Engel vor Leid
Bewahren das arme Waisenkind.
Am Himmel funkeln die Sterne als glitzerndes Band,
Aus der Ferne weht sacht nur der nächtliche Wind:
Gott in seiner Gnade hebt schützend die Hand,
Spendet Hoffnung und Trost dem Waisenkind.
Und sollt ich auch gleiten vom morschen Steg,
Mich verlaufen im Moor, vor Irrlichtern blind,
Gott der Vater wird mich leiten auf meinem Weg,
Zu sich heimführn das arme Waisenkind.
Und wenn meine Kräfte dereinst einmal schwinden,
Geborgenheit, Familie versagt mir hier sind:
Der Himmel ist mein Zuhaus, eine Heimstatt werd ich dort finden,
Denn Gott ist ein Freund dem armen Waisenkind.«
»Aber, aber! So weinen Sie doch nicht, Miss Jane«, rief Bessie, als sie geendet hatte. Ebenso gut hätte sie zum Feuer sagen können: »Brenne nicht!« Doch wie sollte sie ahnen, welch krankhafte Niedergeschlagenheit sich meiner bemächtigt hatte! Im Laufe des Vormittags kam Mr. Lloyd wieder.
»Was, schon auf?«, sagte er, als er ins Kinderzimmer trat. »Nun, Bessie, wie geht es ihr?«
Bessie antwortete, es ginge mir schon recht gut.
»Dann sollte sie eigentlich fröhlicher aussehen. Kommen Sie einmal her zu mir, Miss Jane. Sie heißen doch Jane, nicht wahr?«
»Ja, Sir. Jane Eyre.«
»Sie haben geweint, Miss Jane Eyre. Können Sie mir sagen, weshalb? Haben Sie Schmerzen?«
»Nein, Sir.«
»Ach, bestimmt weint sie, weil sie nicht mit der Gnädigen in der Kutsche ausfahren konnte«, warf Bessie ein.
»Das glaube ich kaum! Für solche Kinderlaunen ist sie doch schon zu alt.«
Der Meinung war ich auch, und da meine Selbstachtung durch die falsche Anschuldigung verletzt worden war, erwiderte ich rasch: »Mein ganzes Leben lang habe ich noch nie wegen so etwas geweint. Ich hasse es geradezu, im Wagen auszufahren. Ich weine, weil mir so elend zumute ist.«
»Pfui, Miss!«, schalt Bessie.
Der gute Apotheker schien ein wenig erstaunt. Ich stand vor ihm, und er musterte mich aufmerksam. Seine Augen waren klein und grau und glänzten nicht sehr, doch würde ich sie heute wohl als klug bezeichnen. Er hatte harte Gesichtszüge, wirkte aber trotzdem gutmütig. Nachdem er mich ausgiebig betrachtet hatte, fragte er: »Was hat Sie gestern krank gemacht?«
»Sie ist hingefallen«, mischte sich Bessie erneut ein.
»Hingefallen? Das klingt ja schon wieder, als wäre sie noch ein kleines Kind! Kann sie denn noch nicht richtig laufen? In ihrem Alter? Sie muss doch acht oder neun Jahre alt sein.«
»Ich wurde zu Boden geschlagen«, erklärte ich unverblümt, da mein Stolz erneut verletzt worden war. »Aber das hat mich nicht krank gemacht«, fügte ich hinzu, während Mr. Lloyd eine Prise Schnupftabak nahm.
Als er die Dose wieder in seiner Westentasche verstaute, rief eine laute Glocke die Dienstboten zum Mittagessen. Auch Mr. Lloyd wusste, was das Läuten zu bedeuten hatte. »Das gilt Ihnen, Fräulein«, wandte er sich an Bessie. »Gehen Sie ruhig hinunter. Ich werde Miss Jane ins Gebet nehmen, bis Sie zurückkommen.«
Bessie wäre zwar lieber dageblieben, musste aber gehen, denn in Gateshead Hall wurde auf Pünktlichkeit bei den Mahlzeiten streng geachtet.
»Der Sturz hat Sie also nicht krank gemacht. Was war es denn dann?«, fuhr Mr. Lloyd fort, nachdem Bessie gegangen war.
»Ich war bis nach Einbruch der Dunkelheit in einem Zimmer eingeschlossen, in dem es spukt.«
Ich bemerkte, dass Mr. Lloyd lächelte, dabei aber gleichzeitig die Stirn runzelte. »Spukt! Dann sind Sie ja doch noch ein kleines Kind! Sie haben Angst vor Geistern?«
»Vor Mr. Reeds Geist schon. Er starb in dem Zimmer und wurde dort aufgebahrt. Weder Bessie noch sonst jemand geht bei Dunkelheit hinein, wenn es sich irgendwie vermeiden lässt; und es war grausam, mich dort ganz allein und ohne Kerze einzusperren – so grausam, dass ich es wohl niemals vergessen werde.«
»Unsinn! Und deshalb ist Ihnen elend zumute? Fürchten Sie sich denn jetzt am helllichten Tag auch?«
»Nein, aber es wird bald wieder Nacht werden; außerdem bin ich aus ganz anderen Gründen unglücklich – sehr unglücklich sogar.«
»Was sind denn das für Gründe? Können Sie mir ein paar nennen?«
Wie gern hätte ich diese Frage ausführlich und aufrichtig beantwortet! Wie schwer fiel es mir indes schon, überhaupt eine Antwort zu geben! Kinder sind wohl tiefer Gefühle fähig, vermögen sie aber nicht zu erklären; und selbst wenn es ihnen in Gedanken gelingt, sich wenigstens teilweise darüber klar zu werden, wissen sie doch nicht, wie sie das Ergebnis ihrer Überlegungen in Worte fassen sollen. Aus Angst, die erste und einzige Gelegenheit zu versäumen, mir meinen Kummer von der Seele zu reden und mir damit ein wenig Erleichterung zu verschaffen, brachte ich nach einer Weile angestrengten Nachdenkens allerdings doch noch eine zwar etwas dürftige, aber immerhin wahrheitsgemäße Antwort zustande.
»Erstens habe ich weder Vater noch Mutter und auch keine Geschwister.«
»Sie haben eine gütige Tante, einen netten Vetter und liebenswürdige Kusinen.«
Wieder zögerte ich. Dann platzte ich unbeholfen heraus:
»Aber John Reed hat mich zu Boden geschlagen, und meine Tante hat mich im Roten Zimmer eingesperrt.«
Mr. Lloyd holte ein zweites Mal seine Schnupftabakdose hervor.
»Finden Sie nicht, dass Gateshead Hall ein wunderschönes Haus ist?«, fragte er. »Sind Sie denn nicht zutiefst dankbar, dass Sie an einem so schönen Ort leben dürfen?«
»Es ist ja nicht mein Haus, Sir; und Abbot sagt, ich hätte weniger Recht, hier zu sein, als ein Dienstbote.«
»Pah! Sie werden doch nicht so töricht sein, von einem so herrlichen Ort fortzuwollen?«
»Wenn ich irgendwo anders hin könnte, würde ich Gateshead Hall gern verlassen; aber ich werde von hier wohl erst wegkommen, wenn ich erwachsen bin – vorher nicht.«
»Vielleicht doch – wer weiß? Haben Sie irgendwelche Verwandte außer Mrs. Reed?«
»Ich glaube nicht, Sir.«
»Keine Verwandten väterlicherseits?«
»Ich weiß es nicht; ich habe Tante Reed einmal danach gefragt, und sie sagte, möglicherweise hätte ich noch ein paar arme, heruntergekommene Verwandte namens Eyre, aber sie wisse nichts von ihnen.«
»Falls es solche Verwandte wirklich gäbe – würden Sie dann zu ihnen gehen wollen?«
Ich überlegte. Armut erscheint schon Erwachsenen als etwas Schreckliches, und Kindern noch viel mehr. Sie haben kaum eine Vorstellung von der ehrbaren Armut anständiger, arbeitsamer Menschen und verbinden den Begriff meist nur mit zerlumpter Kleidung, kärglichem Essen, kalten Kaminen, rohen Manieren und entwürdigenden Lastern. Armut war für mich gleichbedeutend mit Erniedrigung.
»Nein, zu armen Leuten möchte ich nicht gehören«, lautete meine Antwort.
»Auch nicht, wenn sie gut zu Ihnen wären?«
Ich schüttelte den Kopf; ich konnte mir nicht vorstellen, wie arme Leute es fertigbringen sollten, gut zu sein. Und dann der Gedanke, einmal so zu sprechen wie sie, ihre Umgangsformen anzunehmen, ungebildet zu sein und aufzuwachsen wie eine der Frauen, die ich manchmal im Dorf vor den Türen ihrer Hütten ihre Kinder stillen oder Wäsche waschen sah – nein, ich war nicht heroisch genug, mir meine Freiheit auf Kosten meiner gesellschaftlichen Stellung zu erkaufen.
»Aber sind Ihre Verwandten denn wirklich so arm? Sind es Arbeiter?«
»Ich kann es Ihnen nicht sagen. Tante Reed meint, wenn ich überhaupt welche hätte, so könnte es nur Bettelvolk sein, und betteln gehen möchte ich nicht.«
»Würden Sie gern zur Schule gehen?«
Wieder überlegte ich. Ich wusste kaum, was eine Schule war. Bessie sprach zuweilen davon als einem Ort, wo junge Mädchen aus vornehmem Hause mit einem Brett auf dem Rücken kerzengerade auf harten Bänken sitzen und sich schrecklich geziert und steif benehmen mussten. John Reed hasste seine Schule und schimpfte über seinen Lehrer, doch John Reeds Ansichten waren für mich kein Maßstab, und wenn Bessies Schilderungen von schulischer Zucht und Ordnung (die von den jungen Damen einer Familie stammten, bei der sie in Dienst gewesen war, ehe sie nach Gateshead kam) einerseits auch recht abschreckend waren, so hatten andererseits ihre Berichte über gewisse Fertigkeiten, die die jungen Damen dort erwarben, für mich etwas Verlockendes. Voller Stolz erzählte sie von herrlichen Landschafts- und Blumenbildern, die diese gemalt hatten; von Liedern, die sie singen, und Musikstücken, die sie spielen konnten, von Geldbörsen, die sie in feiner Filetarbeit häkelten, von französischen Büchern, die sie übersetzen konnten, bis in mir beim Zuhören schließlich das Verlangen wuchs, es ihnen gleichzutun. Für mich würde ein Schulbesuch zudem eine grundlegende Veränderung bedeuten: eine lange Reise, eine vollständige Trennung von Gateshead und den ersten Schritt in ein neues Leben.
»Ich würde sehr gern zur Schule gehen«, war die laut geäußerte Schlussfolgerung aus meinen Überlegungen.
»So, so. Nun, wer weiß, was passieren wird?«, sagte Mr. Lloyd und erhob sich. »Dem Kind würde eine Luftveränderung und eine andere Umgebung guttun«, fügte er, mehr zu sich selbst, hinzu. »Nervlich in keiner guten Verfassung.«
In diesem Augenblick kam Bessie zurück, und gleichzeitig hörte man den Wagen den Kiesweg herauffahren.
»Ist das Ihre Herrin?«, wandte sich Mr. Lloyd an Bessie. »Ich würde gern mit ihr sprechen, bevor ich gehe.«
Bessie bat ihn, im Frühstückszimmer zu warten, und führte ihn dorthin. Die späteren Ereignisse veranlassen mich zu der Vermutung, dass der Apotheker in der folgenden Unterredung meiner Tante nahegelegt haben muss, mich auf eine Schule zu schicken. Seine Empfehlung wurde ohne Zweifel nur zu bereitwillig angenommen, wie ich einer Bemerkung Abbots entnehmen konnte, die sie eines Abends machte, als sie mit Bessie im Kinderzimmer saß und nähte. Ich lag im Bett, und Bessie und Abbot, die wohl annahmen, ich schliefe schon, unterhielten sich über mich. Mrs. Reed sei gewiss überaus froh, erklärte Abbot, ein so lästiges, bösartiges Kind loszuwerden, das immer den Eindruck mache, als beobachte es alle und jeden und führe stets irgendetwas im Schilde. Ich glaube, Abbot hielt mich für eine Art kindlichen Guy Fawkes.
Bei dieser Gelegenheit erfuhr ich auch aus dem, was Miss Abbot Bessie erzählte, dass mein Vater ein armer Geistlicher gewesen war; dass meine Mutter ihn gegen den Willen ihrer Angehörigen geheiratet hatte, die die Verbindung für nicht standesgemäß hielten; dass mein Großvater Reed über ihren Ungehorsam äußerst erzürnt war und er sie bis auf den letzten Shilling enterbte; dass mein Vater ein Jahr nach der Hochzeit an Typhus erkrankte, als er Krankenbesuche bei den Armen seiner in einer großen Industriestadt gelegenen Pfarre machte, während die Seuche dort wütete, und dass meine Mutter sich bei ihm ansteckte und beide innerhalb eines Monats starben.
Als Bessie diese Geschichte hörte, seufzte sie und sagte: »Die arme Miss Jane kann einem aber auch leidtun, Abbot.«
»Ja«, erwiderte Abbot, »wenn sie ein liebes, hübsches Kind wäre, könnte man Mitleid mit ihr haben, so einsam und verlassen, wie sie ist, aber eine solch kleine Kröte kann man beim besten Willen nicht gern haben.«
»Nicht sehr, das stimmt schon«, pflichtete Bessie ihr bei, »jedenfalls würde eine Schönheit wie Miss Georgiana unter den gleichen Umständen viel rührender wirken.«
»O ja, in Miss Georgiana bin ich ganz vernarrt!«, rief Abbot begeistert. »Ein richtiger kleiner Schatz! Mit ihren langen Locken und blauen Augen und ihrem rosigen Teint sieht sie fast aus wie gemalt! – Ich hätte Lust auf eine überbackene Käseschnitte zum Nachtessen, Bessie.«
»Ich auch – mit einer gerösteten Zwiebel. Kommen Sie, wir wollen hinuntergehen.« Und damit gingen sie.
Kapitel 4
Aus meinem Gespräch mit Mr. Lloyd und der eben geschilderten Unterhaltung zwischen Bessie und Abbot schöpfte ich genügend Hoffnung, um wieder gesund werden zu wollen: eine Veränderung schien bevorzustehen – ich sehnte sie herbei und harrte schweigend aus. Sie ließ indes auf sich warten; Tage und Wochen verstrichen. Ich war inzwischen wieder völlig hergestellt, doch das Thema, das mich so beschäftigte, wurde mit keiner Silbe mehr erwähnt. Mrs. Reed musterte mich zwar zuweilen mit ernstem Blick, richtete aber nur selten ein Wort an mich. Seit meiner Krankheit zog sie eine noch schärfere Trennungslinie als früher zwischen mir und ihren eigenen Kindern: Sie hatte mir eine kleine Kammer zugewiesen, in der ich allein schlafen musste, und mich dazu verurteilt, meine Mahlzeiten für mich einzunehmen. Außerdem musste ich die ganze Zeit im Kinderzimmer bleiben, während mein Vetter und meine Kusinen ständig im Wohnzimmer sein durften. Zwar sprach sie nie davon, mich auf eine Schule zu schicken, doch fühlte ich instinktiv, dass sie mich nicht mehr lange unter ihrem Dach dulden würde, denn wenn ihr Blick auf mich fiel, so war darin deutlicher denn je eine unüberwindliche und tiefverwurzelte Abneigung zu lesen.
Eliza und Georgiana hatten offensichtlich Anweisung erhalten, so wenig wie möglich mit mir zu sprechen, und hielten sich daran. John schnitt jedes Mal Fratzen, wenn er mich sah, und einmal versuchte er sogar, mich zu schlagen. Da ich mich jedoch, angetrieben von demselben Gefühl unbändiger Wut und verzweifelten Aufbegehrens, das schon einmal den Teufel in mir geweckt hatte, augenblicklich zur Wehr setzte, hielt er es für besser, mich in Frieden zu lassen: Verwünschungen ausstoßend und beteuernd, ich hätte ihm die Nase eingeschlagen, rannte er davon. Tatsächlich hatte ich diesem markanten Körperteil mit aller Kraft, deren meine Knöchel fähig waren, einen Schlag versetzt; und als ich merkte, dass entweder dieser oder mein Blick ihn einschüchterten, hatte ich größte Lust, meinen Vorteil zielstrebig auszunutzen, aber da war er schon bei seiner Mama. Ich hörte, wie er weinerlich von »dieser niederträchtigen Jane Eyre« zu erzählen begann, die wie eine Wildkatze auf ihn losgegangen sei. Recht schroff wurde ihm Einhalt geboten:
»Erzähl mir nichts von ihr, John. Ich habe dir gesagt, du sollst nicht in ihre Nähe kommen. Sie ist es gar nicht wert, dass man sie beachtet. Ich wünsche nicht, dass du oder deine Schwestern euch mit ihr abgebt.«
In diesem Augenblick lehnte ich mich oben über das Treppengeländer und rief, ohne auch nur im Geringsten über meine Worte nachzudenken, hinunter:
»Sie sind es nicht wert, dass ich mich mit ihnen abgebe.«
Mrs. Reed war eine recht korpulente Frau, aber als sie diese unerhörte, dreiste Äußerung vernahm, kam sie behände die Treppe heraufgelaufen, fegte mich wie ein Wirbelwind ins Kinderzimmer, drückte mich auf die Kante meines Bettes nieder und befahl mir in unmissverständlichem Ton, es nicht zu wagen, mich für den Rest des Tages vom Fleck zu rühren oder auch nur eine Silbe von mir zu geben.
»Was würde Onkel Reed dazu sagen, wenn er noch am Leben wäre?«, fragte ich fast gegen meinen Willen. Ich sage fast gegen meinen Willen, denn es schien, als äußerte mein Mund Worte, ohne dass ich es wollte: aus mir sprach etwas, worüber ich keine Macht hatte.
»Was?«, stieß Mrs. Reed leise hervor. Ihre sonst so kalten, gelassen blickenden grauen Augen nahmen einen beunruhigten, ja ängstlichen Ausdruck an. Sie ließ meinen Arm los und starrte mich an, als wüsste sie wirklich nicht, ob ich ein Kind war oder ein Teufel. Mir stand nichts Gutes bevor.
»Onkel Reed ist im Himmel und kann alles sehen, was Sie tun und denken, und Papa und Mama sehen es auch. Sie wissen, dass Sie mich den ganzen Tag lang einsperren und dass Sie wünschen, ich wäre tot.«
Mrs. Reed gewann ihre Fassung rasch wieder. Sie schüttelte mich tüchtig, versetzte mir rechts und links eine Ohrfeige und ging dann ohne ein weiteres Wort hinaus. An ihrer Stelle kam Bessie herein, die mir in einer einstündigen Strafpredigt unwiderlegbar nachwies, dass ich das ungezogenste und verworfenste Kind war, das je unter einem Dach aufgezogen worden war. Ich glaubte ihr beinahe, denn ich fühlte tatsächlich nur noch böse Regungen in meiner Brust.
November, Dezember und der halbe Januar gingen vorüber. Weihnachten und Neujahr waren in Gateshead in der üblichen Festtagsstimmung begangen worden. Geschenke waren ausgetauscht, Essen und Abendgesellschaften gegeben worden. Von all den Vergnügungen war ich natürlich ausgeschlossen. Mein Anteil an der festlichen Fröhlichkeit beschränkte sich darauf zuzusehen, wie Eliza und Georgiana jeden Tag herausgeputzt wurden und wie sie in ihren dünnen Musselinkleidern und roten Schärpen und mit kunstvoll gelocktem Haar die Treppe hinunterschritten. Und danach lauschte ich den Klängen des Klaviers oder der Harfe, die aus dem Salon zu mir heraufdrangen. Ich hörte das geschäftige Hin und Her der Diener, das Klirren und Klappern von Gläsern und Porzellan, wenn Erfrischungen gereicht wurden, und zuweilen fing ich ein paar Gesprächsfetzen auf, wenn unten die Türen zum Salon geöffnet und wieder geschlossen wurden. War ich dieser Beschäftigung müde, zog ich mich vom Treppenabsatz in das verlassene, stille Kinderzimmer zurück, wo ich, wenn auch ein wenig traurig, keineswegs unglücklich war. Um die Wahrheit zu sagen, ich verspürte nicht den geringsten Wunsch, in Gesellschaft zu sein, denn dort wurde ich kaum beachtet. Und wäre Bessie nur etwas freundlicher und geselliger gewesen, hätte es mir viel mehr Freude bereitet, die Abende ruhig und beschaulich mit ihr zu verbringen, als mich unter dem furchteinflößenden Blick Mrs. Reeds in einem Raum voller feiner Herrschaften aufhalten zu müssen. Aber Bessie pflegte sich, sobald sie die jungen Damen angekleidet hatte, in belebtere Regionen wie die Küche oder die Kammer der Haushälterin zu begeben, und meist nahm sie die Kerze mit. Dann saß ich mit meiner Puppe auf den Knien da, bis das Kaminfeuer heruntergebrannt war, und ließ von Zeit zu Zeit meinen Blick durch das düstere Zimmer wandern, um mich zu vergewissern, dass kein bedrohlicheres Wesen als ich selbst dort herumgeisterte; und wenn dann die letzten Kohlen zu dunkelroter Glut zerfielen, zerrte ich, so flink ich konnte, an Knoten und Bändern, schlüpfte hastig aus meinen Kleidern und suchte in meinem Bett Schutz vor Kälte und Dunkelheit. Meine Puppe nahm ich stets mit in dieses Bett. Jeder Mensch hat das Bedürfnis, etwas liebzuhaben, und in Ermangelung eines Objektes, das meiner Zuneigung würdiger gewesen wäre, fand ich schließlich Freude daran, diesem in einem verblichenen Kleidchen steckenden Götzen, der wie eine schäbige kleine Vogelscheuche aussah, meine Liebe und Zärtlichkeit zu schenken. Heute erstaunt mich die groteske Aufrichtigkeit, mit der ich damals in dieses unscheinbare Spielzeug vernarrt war, ja mir einbildete, es sei lebendig und menschlicher Gefühle fähig. Ich konnte nicht einschlafen, ehe die Puppe nicht in die Falten meines Nachthemdes gebettet war; und erst, wenn sie sicher und geborgen bei mir lag, fühlte ich mich einigermaßen glücklich, weil ich glaubte, sie sei es auch.
Endlos erschienen mir die Stunden, während ich auf das Weggehen der Gäste wartete und lauschte, ob ich nicht Bessies Schritte auf der Treppe hören konnte. Manchmal kam sie nämlich zwischendurch herauf, um ihren Fingerhut oder die Schere zu holen oder um mir eine Kleinigkeit – ein Rosinenbrötchen etwa oder ein Stück Käsekuchen – zum Nachtessen zu bringen. Dann setzte sie sich zu mir auf die Bettkante, solange ich aß, und wenn ich fertig war, deckte sie mich fürsorglich zu; zweimal gab sie mir sogar einen Kuss und sagte: »Gute Nacht, Miss Jane.« Wenn sie so lieb zu mir war, dünkte mich Bessie das beste, hübscheste, liebenswürdigste Geschöpf auf der Welt, und ich wünschte mir inständig, sie möge immer so freundlich und nett sein und mich nie mehr herumstoßen oder grundlos schelten oder tadeln, wie sie es oft zu tun pflegte. Bessie Lee muss meiner Meinung nach ein Mädchen mit guten natürlichen Anlagen gewesen sein, denn sie war geschickt in allem, was sie tat, und hatte ein beachtliches Talent zum Erzählen – das zumindest schloss ich aus dem Eindruck, den ihre Kindergeschichten auf mich machten. Wenn mich meine Erinnerung an ihr Gesicht und ihr Äußeres nicht trügt, war sie auch hübsch: eine schlanke junge Frau mit schwarzem Haar, dunklen Augen, sehr ansprechenden Zügen und gesunder, reiner Haut. Allerdings war sie launisch und aufbrausend und hatte keinen besonders ausgeprägten Sinn für Grundsätze und Gerechtigkeit. Trotzdem zog ich sie so, wie sie war, jedem anderen in Gateshead Hall vor.
Es war am fünfzehnten Januar gegen neun Uhr morgens. Bessie war zum Frühstück hinuntergegangen, und meine Kusinen waren noch nicht zu ihrer Mama gerufen worden: Eliza setzte gerade ihre Haube auf und schlüpfte in ihren warmen Mantel, um nach draußen zu gehen und ihre Hühner zu füttern – eine Beschäftigung, die ihr ebenso viel Spaß machte wie das Verkaufen der Eier an die Haushälterin und das Horten des Geldes, das sie dafür erhielt. Sie hatte ein Talent zum Handeln und einen ausgesprochenen Hang zum Sparen, was sich nicht nur im Verkauf von Eiern und Küken zeigte, sondern auch in den harten Verhandlungen mit dem Gärtner über den Preis von Blumenzwiebeln, Samen und Setzlingen. Allerdings war dieser Bedienstete ohnehin von Mrs. Reed angewiesen worden, dem jungen Fräulein alle Erzeugnisse aus ihrem kleinen Garten abzukaufen, die sie veräußern wollte – und Eliza hätte ihr eigenes Haar verkauft, wenn sie dabei einen hübschen Gewinn hätte erzielen können. Was ihr Geld angeht, so hatte sie es anfangs, in Lappen oder alten Papierhaarwickeln eingerollt, in allen möglichen Ecken und Winkeln versteckt. Nachdem aber einige dieser Schätze vom Zimmermädchen entdeckt worden waren, willigte Eliza aus Angst, eines Tages ihr kostbares Hab und Gut zu verlieren, ein, das Geld ihrer Mutter anzuvertrauen – zu Wucherzinsen von fünfzig oder sechzig Prozent, die sie jedes Vierteljahr eintrieb. Mit peinlicher Genauigkeit führte sie über alle ihre Geschäfte Buch.
Georgiana saß auf einem Drehschemel vor dem Spiegel und frisierte sich. Dabei flocht sie sich künstliche Blumen und verblasste Federn, von denen sie eine ganze Menge in einer Kommode auf dem Dachboden gefunden hatte, in ihre Locken. Ich machte mein Bett, da ich von Bessie die strikte Anordnung erhalten hatte, damit fertig zu sein, bis sie wiederkam (Bessie zog mich jetzt häufig als eine Art Aushilfe zum Aufräumen, Staubwischen und ähnlichen Arbeiten im Kinderzimmer heran). Als ich die Bettdecke glattgestrichen und mein Nachthemd zusammengefaltet hatte, ging ich zur Fensternische, um ein paar Bilderbücher und Puppenhausmöbel, die dort herumlagen, wegzuräumen. Ein schroffer Befehl Georgianas, ihre Spielsachen nicht anzurühren (die winzigen Stühlchen und Spiegel, die zierlichen Teller und Tassen gehörten nämlich ihr), gebot meinem Tun Einhalt. Da ich keine andere Beschäftigung hatte, begann ich, die Eisblumen anzuhauchen, mit denen das Fenster überzogen war, und mir so ein freies Fleckchen zu schaffen, durch das ich in den Garten hinausschauen konnte, wo unter dem strengen Frost alles still und erstarrt dalag.
Von diesem Fenster aus konnte man das Pförtnerhäuschen und die Auffahrt zum Haus sehen, und gerade als mein warmer Atem so viel von dem silbrig-weißen Blattwerk, das die Scheiben verschleierte, aufgelöst hatte, dass ich draußen etwas erkennen konnte, sah ich, wie das Tor geöffnet wurde und ein Wagen hindurchrollte. Teilnahmslos beobachtete ich, wie er den Kiesweg heraufkam: Es fuhren oft Kutschen in Gateshead vor, aber noch keine hatte Besucher gebracht, die mich interessierten. Der Wagen hielt vor dem Haus, die Türglocke ertönte laut, und der Ankömmling wurde eingelassen. Da mir all dies recht gleichgültig war, wurde meine müßige Aufmerksamkeit bald vom Anblick eines kleinen, hungrigen Rotkehlchens angezogen, das sich laut piepsend auf den neben dem Fenster an der Hauswand festgebundenen Zweigen des kahlen Kirschbaums niedergelassen hatte. Die Reste meines Frühstücks, etwas Milch und Brot, standen noch auf dem Tisch. Ich zerkrümelte ein Stückchen Brot und mühte mich gerade ab, das Fenster hochzuschieben, um die Krumen draußen auf den Sims zu streuen, als Bessie ins Kinderzimmer gestürzt kam.
»Miss Jane, ziehen Sie die Schürze aus. Was tun Sie denn da? Haben Sie sich heute Morgen Gesicht und Hände gewaschen?«
Ich zerrte noch einmal am Fenster, ehe ich antwortete, denn ich wollte, dass das Vögelchen sein Brot bekam: Der Riegel gab nach, ich streute die Krumen hinaus – ein paar auf den Sims, ein paar auf den Ast des Kirschbaums. Dann schloss ich das Fenster und erwiderte:
»Nein, Bessie, ich bin eben erst mit Staubwischen fertig geworden.«
»Sie nichtsnutziges, nachlässiges Kind! Was tun Sie denn nun schon wieder? Sie haben ja einen ganz roten Kopf, grad so, als hätten Sie etwas angestellt. Wozu haben Sie eigentlich eben das Fenster aufgemacht?«
Die Antwort blieb mir erspart, denn Bessie schien es viel zu eilig zu haben, um sich irgendwelche Erklärungen anzuhören. Sie zog mich unsanft zum Waschtisch und schrubbte mir Gesicht und Hände erbarmungslos, aber zum Glück nur kurz mit Seife, Wasser und einem rauen Handtuch ab, bändigte mein Haar mit einer Borstenbürste und streifte mir die Schürze ab. Dann schob sie mich in aller Eile auf den Treppenabsatz hinaus und befahl mir, sofort nach unten zu gehen, da ich im Frühstückszimmer erwartet würde.
Ich wollte fragen, wer nach mir verlangte – wollte wissen, ob Mrs. Reed auch dort war, doch Bessie war schon wieder im Kinderzimmer verschwunden und hatte die Tür hinter sich geschlossen. Langsam ging ich die Treppe hinunter. Seit fast drei Monaten war ich kein einziges Mal zu Mrs. Reed gerufen worden, und da ich mich während dieser Zeit nur im Kinderzimmer hatte aufhalten dürfen, waren Frühstücks-, Speise- und Wohnzimmer für mich zu furchterregenden Orten geworden. Schon der Gedanke, sie aufsuchen zu müssen, versetzte mich in Angst und Schrecken.
Schließlich erreichte ich die leere Eingangshalle; vor mir befand sich die Tür zum Frühstückszimmer; verängstigt und zitternd blieb ich davor stehen. Zu welch einem erbärmlichen kleinen Feigling hatte mich die Furcht vor ungerechtfertigter Bestrafung damals gemacht! Ich traute mich nicht, ins Kinderzimmer zurückzugehen, und fürchtete mich, den Raum vor mir zu betreten. Unschlüssig und aufgeregt stand ich zehn Minuten da. Das energische Klingeln der Frühstückszimmerglocke ließ mir keine andere Wahl: ich musste hinein.
›Wer kann mich bloß sprechen wollen?‹, fragte ich mich, während ich mit beiden Händen den Türknauf drehte, der meinen Bemühungen ein, zwei Sekunden lang widerstand. Wen würde ich außer Tante Reed drinnen antreffen – einen Mann oder eine Frau?
Der Knauf bewegte sich, die Tür sprang auf, und als ich mit einem tiefen Knicks eintrat, blickte ich – an einer schwarzen Säule empor! So zumindest kam mir im ersten Augenblick die kerzengerade, schmale, schwarzgekleidete Gestalt vor, die sich aufrecht auf dem Teppich erhob; das grimmige Gesicht hoch oben sah aus wie eine in Stein gehauene Maske, die gleichsam als Kapitell über dem Säulenschaft angebracht war.
Mrs. Reed saß auf ihrem gewohnten Platz am Kamin; sie gab mir ein Zeichen, näher zu treten. Ich gehorchte, und sie stellte mich dem wie versteinert dastehenden Fremden mit den Worten vor: »Das ist die Kleine, derentwegen ich mich an Sie gewandt habe.«
Er – denn es war ein Mann – drehte den Kopf langsam der Stelle zu, wo ich stand, und nachdem er mich mit seinen forschenden grauen Augen, die unter einem Paar buschiger Brauen hervorblinzelten, eingehend gemustert hatte, sagte er ernst und würdevoll mit tiefer Stimme: »Sie ist klein. Wie alt ist sie?«
»Zehn Jahre.«
»So alt schon?«, war die zweifelnde Antwort, und er setzte seine Musterung noch einige Minuten lang fort. Dann wandte er sich an mich:
»Dein Name, meine Kleine?«
»Jane Eyre, Sir.«
Während ich dies sagte, blickte ich zu ihm auf; er kam mir sehr groß vor, aber ich war ja auch noch recht klein. Er hatte grobe Gesichtszüge, die, wie alles an ihm, streng und steif wirkten.
»Nun, Jane Eyre, bist du denn auch ein artiges Kind?«
Diese Frage konnte ich unmöglich mit Ja beantworten, denn in meiner kleinen Welt waren alle ganz anderer Meinung; also schwieg ich. Mrs. Reed antwortete für mich mit einem vielsagenden Kopfschütteln und fügte hinzu: »Je weniger Worte man darüber verliert, desto besser ist es wohl, Mr. Brocklehurst.«
»Es tut mir wirklich leid, das zu hören! Ich werde mich ein wenig mit ihr unterhalten müssen.« Er gab seine senkrechte Haltung auf und nahm in einem Lehnstuhl gegenüber von Mrs. Reed Platz. »Komm hierher«, forderte er mich auf.
Ich schritt über den Teppich, und er stellte mich gerade und ordentlich vor sich hin. Was für ein Gesicht er hatte! Nun, da es sich auf nahezu gleicher Höhe mit dem meinen befand, konnte ich es ganz deutlich sehen. Welch riesige Nase! Was für einen Mund! Und was für große, vorstehende Zähne!
»Es gibt keinen betrüblicheren Anblick als den eines ungezogenen Kindes«, begann er, »und besonders eines ungezogenen kleinen Mädchens. Weißt du, wohin die bösen Menschen nach ihrem Tod kommen?«
»Sie kommen in die Hölle«, war meine prompte und orthodoxe Antwort.
»Und was ist die Hölle? Kannst du mir das sagen?«
»Ein Abgrund voller Feuer.«
»Und möchtest du in diesen Abgrund fallen und auf immer und ewig darin brennen?«
»Nein, Sir.«
»Was musst du tun, um das zu vermeiden?«
Ich überlegte einen Augenblick; die Antwort, die ich dann gab, war verwerflich und anfechtbar: »Ich muss gesund bleiben und darf nicht sterben.«
»Wie willst du es denn anstellen, immer gesund zu bleiben? Täglich sterben Kinder, die jünger sind als du. Erst vor ein, zwei Tagen habe ich ein fünfjähriges Kind begraben – ein braves kleines Kind, dessen Seele jetzt im Himmel ist. Es steht zu befürchten, dass man von dir nicht das Gleiche sagen könnte, würdest du heute von hier abberufen.«
Da ich nicht in der Lage war, seine Zweifel zu zerstreuen, senkte ich nur meinen Blick und betrachtete die beiden großen Füße, die wie angewurzelt vor mir auf dem Teppich standen; dabei seufzte ich und wünschte mich weit, weit weg.
»Ich hoffe, dieser Seufzer kommt von Herzen und du bereust, deiner vortrefflichen Wohltäterin jemals Anlass zu Sorge und Verdruss gegeben zu haben.«
›Wohltäterin! Wohltäterin!‹, entrüstete ich mich innerlich. ›Alle nennen Mrs. Reed meine Wohltäterin; wenn sie das wirklich ist, dann ist eine Wohltäterin etwas Widerwärtiges.‹
»Sprichst du auch morgens und abends deine Gebete?«, setzte mein Befrager das Verhör fort.
»Ja, Sir.«
»Liest du in deiner Bibel?«
»Manchmal.«
»Gern? Bereitet es dir Freude?«
»Ich mag die Offenbarung und das Buch Daniel, auch die Schöpfungsgeschichte und Samuel und ein bisschen vom Auszug aus Ägypten und ein paar Kapitel aus den Königsbüchern und den Chroniken und Hiob und Jonas.«
»Und die Psalmen? Die magst du doch hoffentlich auch?«
»Nein, Sir.«
»Nein? Das ist ja unerhört! Ich habe einen kleinen Jungen, der ist jünger als du und kann schon sechs Psalmen auswendig; und wenn man ihn fragt, ob er lieber eine Pfeffernuss haben oder einen Vers aus den Psalmen lernen möchte, dann antwortet er: ›Oh, einen Psalmvers lernen! Engel singen Psalmen‹, sagt er, ›und ich möchte hier auf Erden ein Englein sein.‹ Dann bekommt er stets zwei Nüsse zur Belohnung für seine kindliche Frömmigkeit.«
»Die Psalmen sind nicht interessant«, bemerkte ich.
»Das beweist, dass du ein böses Herz hast. Du musst zu Gott beten und ihn bitten, es zu verwandeln, dir ein neues, reines zu schenken, dir dein Herz von Stein zu nehmen und dafür eines von Fleisch zu geben.«
Ich wollte gerade fragen, wie denn dieser Austausch meines Herzens vor sich gehen sollte, als Mrs. Reed das Wort ergriff und mir gebot, mich zu setzen; dann führte sie das Gespräch selbst weiter.
»Mr. Brocklehurst, ich glaube, ich habe in dem Brief, den ich Ihnen vor drei Wochen schrieb, bereits angedeutet, dass dieses kleine Mädchen nicht ganz den Charakter und die Anlagen besitzt, wie ich sie mir wünschen würde. Sollten Sie sie in Lowood aufnehmen, wäre es mir lieb, wenn Schulleiterin und Lehrpersonal angewiesen würden, ein wachsames Auge auf sie zu haben und sich vor allem vor ihrem schlimmsten Fehler, nämlich ihrer Neigung zu Falschheit und Hinterlist, in Acht zu nehmen. Ich sage das in deiner Gegenwart, Jane, damit du gar nicht erst versuchst, Mr. Brocklehurst etwas vorzumachen.«
Ich hatte wirklich allen Grund, Mrs. Reed zu fürchten und sie nicht zu mögen, lag es doch in ihrer Natur, mich stets aufs Neue grausam zu verletzen: nie war ich in ihrer Gegenwart glücklich gewesen. Wie eifrig ich auch gehorchte, wie sehr ich mich auch anstrengte, es ihr recht zu machen – immer wurden meine Bemühungen zurückgewiesen und mit Bemerkungen wie der obigen erwidert. Nun, da die Anschuldigung vor einem Fremden erhoben wurde, schnitt sie mir besonders tief ins Herz, und ich ahnte dunkel, dass meine Tante bereits im Begriff war, alle meine Hoffnungen zunichtezumachen, die ich an den vor mir liegenden neuen Lebensabschnitt knüpfte. Auch wenn ich das Gefühl nicht in Worte hätte fassen können, spürte ich doch, dass sie Abneigung und Lieblosigkeit auf meinen künftigen Weg säte; ich sah mich in Mr. Brocklehursts Augen als verschlagenes, verderbtes Kind gebrandmarkt, aber was konnte ich tun, um diese falsche Beschuldigung zu entkräften?
›Nichts, absolut nichts‹, dachte ich, während ich mich bemühte, ein Schluchzen zu unterdrücken, und hastig ein paar Tränen, ohnmächtige Zeugen meines Kummers, wegwischte.
»Falschheit ist in der Tat ein schlimmer Charakterfehler bei einem Kind«, erklärte Mr. Brocklehurst. »Sie ist mit der Unaufrichtigkeit eng verwandt, und das Los aller Lügner wird der Pfuhl sein, der von Feuer und Schwefel glüht. Man wird jedoch ein wachsames Auge auf sie haben, Mrs. Reed. Ich werde mit Miss Temple und den Lehrerinnen sprechen.«
»Ich möchte, dass sie ihrer künftigen Stellung entsprechend erzogen wird«, fuhr meine Wohltäterin fort, »also zu Nützlichkeit und Demut. Was die Ferien anlangt, so wird sie sie, mit Ihrer Erlaubnis, immer in Lowood verbringen.«
»Ihre Entscheidungen sind außerordentlich weise und umsichtig, gnädige Frau«, erwiderte Mr. Brocklehurst. »Demut ist eine christliche Tugend, die den Schülerinnen von Lowood in besonderem Maße ansteht; deshalb habe ich auch angeordnet, dass besondere Sorgfalt darauf verwandt wird, sie bei ihnen zu entwickeln und zu fördern. Ich habe lange darüber nachgedacht, wie man am besten das weltliche Gefühl des Stolzes in ihnen abtötet, und vor ein paar Tagen erst erhielt ich einen erfreulichen Beweis für den Erfolg meiner Methode. Meine zweitälteste Tochter, Augusta, stattete mit ihrer Mama der Schule einen Besuch ab, und bei ihrer Rückkehr rief sie begeistert: ›Ach, lieber Papa, wie schlicht und sittsam sehen die Mädchen in Lowood doch aus! Mit ihrem glatt nach hinten gekämmten Haar, ihren langen Schürzen und diesen außen an ihren Kitteln befestigten Leinentaschen wirken sie fast wie armer Leute Kinder. Und‹, fügte sie hinzu, ›sie starrten meine und Mamas Kleider an, als hätten sie noch nie ein Seidenkleid gesehen.‹«
»Dies entspricht genau meinen Vorstellungen«, erklärte Mrs. Reed. »Ich hätte wohl in ganz England keine Schule finden können, die für ein Kind wie Jane Eyre geeigneter wäre. Konsequenz, mein lieber Mr. Brocklehurst – ich bin für Konsequenz in allen Dingen.«
»Konsequenz, gnädige Frau, ist die erste Christenpflicht, und dieser Grundsatz wird in allen Anordnungen, die die Anstalt zu Lowood betreffen, befolgt: Einfache Kost, schlichte Kleidung, schmucklose Unterkünfte, abhärtende und zu Fleiß erziehende Betätigungen kennzeichnen das Leben im Haus und seiner Bewohnerinnen.«
»Ganz recht, Sir. Ich kann mich also darauf verlassen, dass dieses Kind als Schülerin in Lowood aufgenommen und dort seiner Stellung und seinen Aussichten entsprechend erzogen wird?«
»Das können Sie, gnädige Frau. Sie soll in diesem Gewächshaus ausgesuchter Pflanzen untergebracht werden, und ich hoffe sehr, dass sie sich für den unschätzbaren Vorzug, zum Kreis der Auserwählten zu gehören, dankbar zeigen wird.«
»Dann will ich sie Ihnen so bald wie möglich schicken, Mr. Brocklehurst, denn ich versichere Ihnen, dass mir sehr daran liegt, endlich einer Verantwortung enthoben zu werden, die mir allmählich recht lästig geworden ist.«
»Ohne Zweifel, gnädige Frau, ohne Zweifel. Und nun wünsche ich Ihnen einen guten Morgen. Ich werde erst im Lauf von ein, zwei Wochen nach Brocklehurst Hall zurückkehren; mein guter Freund, der Archidiakon, wird mich gewiss nicht eher weglassen. Ich werde aber Miss Temple benachrichtigen, dass sie ein neues Mädchen zu erwarten hat. Dann wird es keinerlei Schwierigkeiten mit der Aufnahme geben. Guten Tag.«
»Leben Sie wohl, Mr. Brocklehurst. Empfehlen Sie mich bitte Mrs. und Miss Brocklehurst und Augusta und Theodor und auch Master Broughton Brocklehurst.«
»Das werde ich, gnädige Frau. Und hier, kleines Mädchen, ist ein Buch für dich mit dem Titel Wegweiser für das Kind. Lies es beim Gebet, besonders den Abschnitt, der ›vom so entsetzlich plötzlichen Tod von Martha G –, einem ungezogenen Kind, das zu Falschheit und Hinterlist neigte‹, handelt.«
Mit diesen Worten überreichte mir Mr. Brocklehurst eine dünne, in einen Umschlag geheftete Schrift. Dann ließ er seinen Wagen vorfahren und ging.
Mrs. Reed und ich blieben allein zurück. Einige Minuten lang herrschte Schweigen. Sie nähte, und ich beobachtete sie. Mrs. Reed mochte damals etwa sechs- oder siebenunddreißig gewesen sein. Sie war eine stämmige, breitschultrige Frau mit kräftigen Gliedmaßen, nicht sehr groß und, obgleich korpulent, keineswegs dick; sie hatte ein etwas breites Gesicht, der Unterkiefer war stark ausgeprägt und wirkte recht gedrungen; ihre Stirn war niedrig, das Kinn breit und vorstehend; Mund und Nase waren ziemlich regelmäßig; unter ihren hellen Augenbrauen schimmerten zwei erbarmungslose Augen; ihre Haut war dunkel und stumpf, ihr Haar beinahe flachsfarben. Sie war kerngesund, Krankheit kannte sie nicht. Sie war eine gewissenhafte und tüchtige Wirtschafterin, die Haushalt und Pächter gleichermaßen fest im Griff hatte; einzig und allein ihre Kinder widersetzten sich zuweilen ihrer Autorität und machten sich über sie lustig. Sie kleidete sich stets geschmackvoll, und sowohl ihr Äußeres als auch ihr Auftreten waren dazu angetan, ihre elegante Kleidung noch besser zur Geltung zu bringen.
Ich saß nur wenige Schritte von ihrem Lehnstuhl entfernt auf einem niedrigen Schemel und betrachtete eingehend ihre Gestalt, studierte ihre Züge. In der Hand hielt ich das Büchlein mit der Geschichte vom plötzlichen Tod der Lügnerin, die als geziemende Warnung meiner besonderen Aufmerksamkeit anempfohlen worden war. Was eben geschehen war, was Mrs. Reed Mr. Brocklehurst über mich erzählt hatte, der ganze Tenor ihrer Ausführungen brannten wie eine frische offene Wunde in mir, denn so deutlich, wie ich jedes ihrer Worte vernommen hatte, so stechend war auch der Schmerz gewesen, den ich dabei verspürt hatte, und nun wüteten leidenschaftliche Rachegedanken in mir.
Mrs. Reed sah von ihrer Arbeit auf; unsere Blicke trafen sich, und gleichzeitig hielten ihre Finger in ihren flinken Bewegungen inne.
»Verlass den Raum! Geh wieder ins Kinderzimmer zurück«, lautete ihr Befehl. Sie muss meinen Gesichtsausdruck oder sonst etwas an mir als feindselig oder beleidigend empfunden haben, denn aus ihrer Stimme klang nur mühsam unterdrückter Zorn. Ich stand auf; ich ging zur Tür; kam wieder zurück; durchquerte das Zimmer; trat kurz ans Fenster und stellte mich schließlich direkt vor sie hin.
Ich musste einfach sprechen: Man hatte mich übel behandelt, und ich musste endlich einmal zurückschlagen. Aber wie? Welche Möglichkeit hatte ich denn, um mich an meiner Widersacherin zu rächen? Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen und schleuderte ihr in schonungsloser Offenheit meine Meinung an den Kopf:
»Ich bin nicht falsch und verlogen. Wäre ich es, so würde ich behaupten, ich liebte Sie. Aber ich sage offen, dass ich Sie nicht liebe; ich verabscheue Sie mehr als irgendeinen anderen Menschen auf der Welt – ausgenommen John Reed. Und dieses Buch über die Lügnerin sollten Sie lieber Ihrer Tochter Georgiana geben, denn die lügt und nicht ich.«
Mrs. Reeds Hände lagen noch immer reglos auf ihrer Näharbeit, und auch ihr eisiger Blick war nach wie vor auf mich gerichtet.
»Hast du sonst noch etwas zu sagen?«, fragte sie in einem Ton, wie man ihn für gewöhnlich wohl eher einem erwachsenen Gegner als einem Kind gegenüber anschlägt.
Ihr Blick, ihre Stimme weckten in mir eine Abneigung, wie sie tiefer nicht hätte sein können. Von unbändiger Erregung ergriffen und am ganzen Körper zitternd fuhr ich fort:
»Ich bin froh, dass Sie nicht mit mir verwandt sind. Solange ich lebe, werde ich Sie nie wieder Tante nennen. Ich werde Sie nie besuchen kommen, wenn ich erwachsen bin; und sollte mich jemand fragen, ob ich Sie mag und wie Sie mich behandelt haben, so werde ich sagen, dass mir schon übel wird, wenn ich nur an Sie denke, und dass Sie mich mit erbärmlicher Grausamkeit behandelt haben.«
»Wie kannst du es wagen, so etwas zu behaupten, Jane Eyre?«
»Wie ich es wagen kann, Mrs. Reed? Wie ich es wagen kann? Weil es die Wahrheit ist. Sie glauben, ich habe keine Gefühle und kann ohne alle Zuneigung und Freundlichkeit auskommen. Aber ich kann so nicht leben, und Sie haben kein Mitleid. Bis an mein Lebensende werde ich nie vergessen, wie Sie mich in das Rote Zimmer zurückgestoßen – roh und grob zurückgestoßen – und mich wieder eingeschlossen haben, obwohl ich Todesqualen litt, obwohl ich vor Angst fast umkam und Sie unter Tränen anflehte: ›Haben Sie Erbarmen! Haben Sie Erbarmen, Tante Reed!‹ Und diese Bestrafung haben Sie mir auferlegt, weil Ihr niederträchtiger, missratener Sohn mich geschlagen hat – mich grundlos zu Boden geschlagen hat. Jedem, der mich fragt, werde ich das erzählen. Man hält Sie für eine gute Frau, aber Sie sind böse und hartherzig. Sie sind falsch und verlogen.«
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