Kitabı oku: «Liebe im Fokus»
Emma zur Nieden
Liebe im Fokus
Liebesroman
Impressum
Texte: © Copyright Emma zur Nieden
Cover: © Buchcoverdesign: Sarah Buhr / www.covermanufaktur.de unter Verwendung Stockfotografien Checubus; invisible163 / Shutterstock sowie kwasny221; narathip12 / Adobe Stock
Mail: emmazurnieden@web.de
Homepage: https://www.emmazurnieden.de
Veröffentlichung: epubli – ein Service der neopubli GmbH, Berlin

Für Steffi, die sich vor vielen Jahren einen Roman wünschte, in der eine Krankenschwester eine Hauptrolle spielt. Ich habe deinen Wunsch hoffentlich zu deiner Zufriedenheit erfüllt.
Für Sandra, Heike und alle Krankenschwestern dieser Welt. Ich habe den größten Respekt vor euch – nicht erst seit eurer großartigen Arbeit während der Corona-Pandemie!
Vorbemerkungen
Der Roman spielt zu einem Teil auf einem Postschiff der Postbudruten – gesprochen Postbüdrüten – in Norwegen, die von Bergen nach Kirkenes führt. Früher absolvierten die Schiffe die Route ausschließlich, um die dort lebenden Menschen mit Post und Lebensmitteln zu versorgen. Heute kann man auf ihnen übernachten. Es gibt keinen Dresscode wie auf anderen Kreuzfahrtschiffen üblich. Es gibt kaum jemanden, der nicht im Freizeitlook bei den Mahlzeiten erscheint.
Wer schon einmal auf der Route gefahren ist oder sich genauer darüber informiert hat, wird feststellen, dass ich den Reiseplan für meine Zwecke ein wenig abgewandelt habe. Die geneigte Leserin möge mir dies bitte nachsehen, berufe ich mich doch auf die künstlerische Freiheit. Außerdem habe ich den Namen der Originalgesellschaft geändert, um allen eventuellen Begehrlichkeiten aus dem Weg zu gehen. – Ich habe für die weiblichen und männlichen Formen den neuerdings üblichen Asterisk (*) verwendet.
Die Kapitel des Romans in Teil 1 richten sich zunächst nach der Struktur der zwölftägigen Reise von Bergen nach Kirkenes. Es wird allenfalls eine Handvoll Häfen erwähnt, die angefahren werden. Die dargestellten Ausflüge und Orte stellen für mich die Highlights der Reise dar, die meine Frau und ich 2011 unternommen haben. Die Floßfahrt ist eine Erfindung.
Die Kapitel in Teil 2 spielen in Münster oder auf den Lofoten. Aber eigentlich geht es ja überhaupt nicht um die Kapiteleinteilungen, sondern um die Liebesgeschichte, oder?
Ich wünsche dir viel Vergnügen beim Lesen!
Deine Emma
Teil 1
Tag 1
Eine Fotografin auf Reisen
Zoe Burger, ihres Zeichens Fotografin von Beruf, erreichte mit Mühe und Not das Versorgungsschiff, das für zwölf Tage sowohl ihr Arbeitsplatz als auch ihr Zuhause sein sollte. Eine der Mitarbeiterinnen der Linie, die wie am Flughafen als einzige hinter dem Check-in-Schalter die Stellung gehalten hatte, wartete, um Zoe als Letzte auf das Schiff zu lassen. Die Wartehalle war leer. Die Passagiere waren längst auf ihren Kabinen und packten ihre Koffer aus oder beobachteten den Ladevorgang.
Die Frau am Check-in klopfte mit ihrem Zeigefinger auf das Zifferblatt ihrer Armbanduhr, um zu verdeutlichen, dass Zoe viel zu spät war. Die Fotografin hörte die Schiffsmotoren bereits auf Hochtouren laufen, um sofort ablegen zu können. Das ohrenbetäubende Geräusch des Schiffes vibrierte durch Zoes Körper. Aus den Augenwinkeln konnte sie beim Aussteigen aus dem Taxi beobachten, dass einige Passagiere auf dem Oberdeck standen und erwartungsvoll dem Ablegen entgegensahen. Die Helfer hatten ihren Platz eingenommen, um die Leinen zu lösen. Das Schiff würde pünktlich den Hafen verlassen, denn sonst geriet der gesamte Fahrplan durcheinander.
Insgesamt vervollständigten bestimmt zehn Schiffe die Flotte der historischen Versorgungsroute in Norwegen. Aus Platzgründen sollten sie nicht zusammen in einem Hafen eintreffen, weil die Schiffe der Flotte im Laufe der Jahre immer größer geworden waren. Der Beliebtheitsgrad der Postbudruten stieg von Jahr zu Jahr.
Im Laufschritt eilte Zoe auf den Schalter zu. Sie mühte sich mit ihrem schweren Gepäck ab, das an ihr zerrte. Ihr Rücken schmerzte erbarmungslos. Sie murmelte eine Entschuldigung und checkte ein. Die Verspätung ihres Fliegers von Kopenhagen nach Bergen hatte Zoe überhaupt erst in diese missliche Situation gebracht. Sie hasste Zuspätkommen an einem ihr unbekannten Ort. Vorzugsweise bezog sie Tage vor einem Shooting ein Hotel am Zielort. Dieses Mal allerdings hatte ein unaufschiebbarer Termin mit ihrer Anwältin ihren Plänen einer frühen Anreise einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Planänderung bezahlte Zoe nun mit einer verspäteten Ankunft, hinderte sie daran, Fotos vom Einchecken und dem Beladen des Schiffes zu machen.
Sicher gab es für die Mitarbeiterin am Schalter die Anweisung, auf Frau Burger zu warten, die im Auftrag der Postbudruten an Bord ging. Normalerweise transportierten die Helfer das Gepäck zu den Kabinen, doch Zoe musste ihr schweres Gepäck sowie den Rucksack den langen Weg auf das Schiff über die Passagierbrücke ohne Hilfe schleppen. Die Fotos, die ihr durch ihre Verspätung entgangen waren, würde sie nach der Reise nachholen.
Ächzend schleppte sich Zoe mit den Koffern zu ihrer Kabine. Zum Glück gab es einen Aufzug. Auf diese Weise konnte sie ein paar Kräfte sparen. Schnelles Handeln sollte ihr zumindest noch ein paar Schnappschüsse vom Ablegen ermöglichen. In weiser Voraussicht hatte sie auf der Taxifahrt ihren Koffer mit der Fotoausrüstung mit in den Fond genommen und ihre Systemkamera in den Rucksack gepackt. Zoe benutzte sie, wenn schnelles Handeln erforderlich war und manuelle Einstellungen die Arbeit behinderten.
Sie hechtete die Treppe zum Sonnendeck hinauf – es war keine Zeit gewesen, einen detaillierteren Bick in die Kajüte zu werfen. Dafür boten sich später genug Gelegenheiten. Der entsprechende Fahrstuhl schien ihr nicht schnell genug zu sein, um ans Sonnendeck zu gelangen. Zoe suchte einen freien Platz an der Reling und drückte auf den Auslöser, was das Zeug hielt. Sie bekam noch das Lösen der letzten Leinen mit.
Durch ihre Auftragsarbeiten vor allem an Bildbänden war sie es gewohnt, in aller Regelmäßigkeit unterwegs zu sein. Im Moment wäre sie ohnehin nicht scharf darauf gewesen, in ihrer leeren 150 m2 Wohnung zu sitzen und über ihre derzeitige vertrackte Situation nachzudenken. Zum Monatsende war diese Wohnung ohnehin Geschichte. Nach ihrer Rückreise aus Norwegen war sie quasi wohnungslos.
Das Schiff fuhr den Fjord entlang, um später über das offene Meer zum nächsten Meeresarm zu gelangen. Je weiter es sich von Bergen entfernte, desto mehr zeigte sich die Stadt in ihrer vollen Größe. Zoe setzte die Kamera an und fotografierte am Panorama entlang. Der Berg Fløyen bildete den Hintergrund. Zoe beschloss, nach der Reise noch ein paar Tage Urlaub in Bergen einzulegen, bevor sie sich an ihre Auftragsarbeit setzte. Vom Fløyen aus hätte sie sicher einen fantastischen Blick auf den Hafen. Solche Fotos stellten einen guten Einstieg in den Bildband dar.
Ein paar Tage ausspannen und Abstand gewinnen von den Geschehnissen während des Shootings wären ohnehin eine gute Idee, bevor Zoe sich an die Auswahl und Bearbeitung der Fotos machte. Kurz vor Weihnachten würde ihre modernere Variante des in die Jahre gekommenen Journals der bekannten Postschiff-Gesellschaft auf den Markt kommen. Als Zoe das aktuell zum Verkauf stehende Buch vorlag, sah sie ein altbackenes Journal mit Fotos aus den 50er und 60 Jahren. Das Journal vermittelte ein äußerst unmodernes, gar antiquiertes Bild von der Reise auf den Postbudruten. Die Texte lasen sich wenig flüssig, waren in einem recht hölzernen Stil abgefasst. Alles an diesem uralten Journal wirkte rückständig und überholt. Zoe hatte nicht nur über die Kleidung und Frisuren der sechziger Jahre schmunzeln müssen, sondern ebenso über die Technik der Fotoapparate, mit denen die Aufnahmen gemacht worden waren. Sie konnte mit der dieses Jahrhunderts nicht Schritt halten. Für Zoe stellte das Voranschreiten in Sachen Fototechnik einen Jahrhundertsprung dar. Die alten Fotos hielten einem Vergleich mit den digitalen Aufnahmen von heute nicht stand. Zoes Plan war, die Vielfalt der Technik einzusetzen, die ihr heutzutage zur Verfügung stand. Schon allein deshalb bekäme das Journal ein viel modernes Flair.
Zoe war eine Meisterin ihres Fachs. Zahlreiche Urkunden für ihre Reisefotos und -reportagen zierten die Wände ihres Ateliers in Münster und zogen die Bewunderung ihrer Kunden auf sich, wenn sie die Modalitäten für einen Auftrag besprachen. Diese Auszeichnungen sicherten ihr ein volles Auftragsbuch das ganze Jahr über.
Allerdings unterlag der Auftrag der Postbudruten einem besonderen Druck. Das Shooting musste angesichts ihrer unangenehmen finanziellen Lage ein Erfolg auf der ganzen Linie werden. Mehr denn je brauchte Zoe einen klaren und wachen Kopf, eine hervorragende Ausrüstung und einen funktionierenden Körper, um den Erwartungen ihrer Auftraggeber zu einhundert Prozent zu entsprechen.
Der Reederei stellte ihr eine Suite mit Balkon zur Verfügung, um damit die besten Voraussetzungen für großartige Fotos zu schaffen. Ausgesprochen nobel. Beim Betreten der Suite stockte Zoe der Atem. Sie pfiff durch die Zähne, als sie den großzügig geschnittenen Wohn-Schlafbereich und erst den Balkon betrat, der zu der Suite gehörte. Solch eine Behausung kostete ein Vermögen. Diese Außenkabine mit Balkon bot dafür aber auch unendliche Möglichkeiten für ihre Außenkameras. Nachdem sie das Ablegen in genügender Anzahl mit Bildern festgehalten hatte, installierte Zoe zwei Kameras in verschiedenen Ecken des Balkons, die alle paar Minuten auslösen konnten. Zoe würde zumindest auf dieser Seite des Schiffes kein Detail der Landschaft verpassen. Am Ende könnte sie sich zwar vor der Bilderflut kaum retten, doch erfahrungsgemäß entstanden dabei immer einige fotografische Highlights, die den hohen Aufwand allemal rechtfertigten.
Die Automatik, alle paar Minuten ein Foto zu schießen, hatte sie selbst entwickelt. Der Auslöser betätigte sich ohne Zutun einer Person. Zoe hielt einen Augenblick inne. In Afrika hatte sie diese Arbeitsweise zum ersten Mal eingesetzt. Eine der Kameras hatte sie an einem Baumstamm in der Nähe eines Wasserlochs befestigt und von allen Tieren, die sich an der kleinen Wasserstelle aufhielten, einzigartige Fotos erhalten. Die andere Kamera vor der Lodge, in der sie und Petra Quartier bezogen hatten, zeigte unglaubliche Aufnahmen der freien Wildbahn. Neben dem Wahnsinnssonnenuntergang zierten grandiose Tierbilder bei Nacht die SD-Karte. Eine Sensation, denn niemand hatte die Tiere je so nah bei der Lodge gesehen. Die Leiterin der familiären Anlage legte den Gästen nah, ab 21 Uhr keinen Fuß mehr vor die Tür zu setzen, da niemand einschätzen konnte, wie weit die Tiere tatsächlich an die Lodge herankamen.
Einen kurzen Moment blitzte Petras hämisches Grinsen vor Zoes innerem Auge auf. Wenn sie es genauer betrachtete, hatte Petra ihre Arbeit noch nie wertgeschätzt. Von Anfang an hatte ihre Freundin sie despektierlich eine „Knipserin“ genannt. Dennoch hätte Zoe bis vor kurzem ihre Beziehung als perfekt bezeichnet. Zoe liebte Petra und ging davon aus, dass sie zusammen mit ihr alt werden würde. Einer von Zoes vielen Trugschlüssen. Erst allmählich begann sie zu begreifen, wie wenig Respekt die Frau, mit der Zoe zusammen gewesen war, ihr selbst entgegengebrachte. Zoe schüttelte sich, um Petras Bild aus ihrem Kopf zu verbannen. Sie versuchte, sich auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren.
Frau Johansens Zielvorgabe nach sollten endlos viele Landschaftsaufnahmen entstehen, um aus einer Menge an Material für das neu zu gestaltende Journal schöpfen zu können. Darüber hinaus sollte Zoe bei so vielen Ausflügen wie möglich dabei sein, die die Postbudruten zu Nebenschauplätzen auf dem Reiseweg anboten. Künftige Passagiere sollten sich einen perfekten Überblick über das außergewöhnliche Zusatzangebot der Reederei samt ihrer Ziele verschaffen können. Frau Johansen stellte in Aussicht, die neu zu gestaltenden Flyer der Gesellschaft ebenfalls mit Zoes Fotos zu bestücken. Das wäre am Ende ein erkleckliches Zusatzgeschäft – ein dringend nötiges.
Nachdem Zoe sich in die Materie eingearbeitet und gesehen hatte, dass es nicht möglich sein würde, sämtliche zum Teil parallel stattfindende Ausflüge mitzumachen, einigte sie sich mit Frau Johansen auf eine Handvoll davon. Die Postbudruten hatten zugesagt, Zoe bei den Ausflügen mit einem eigenen Führer auszustatten. Dadurch konnte verhindert werden, dass Passagiere ihre Köpfe vor Zoes Linse hielten und die Fotos ruinierten. Es ging vor allem um die Schönheit und Schroffheit der Landschaft. Personen passten nicht ins Bild – außer an Stellen, an denen sich viele Menschen aufhielten, wie zum Beispiel in einer Stadt. Ohne Menschen würden solche Orte karg und öde wirken, hatte auch Frau Johansen eingesehen.
Während sie an der Reling ihres eigenen Balkons lehnte und hin und wieder ein paar Fotos schoss, spürte Zoe Ruhe in ihren Körper und Geist einkehren. Der Dauerstress der Anfahrt einschließlich eines exorbitant hohen Pulsschlages lösten sich soeben in Luft auf. Allerdings hatte ihr die Anstrengung den Auftrag gesichert, der futsch gewesen wäre, hätte sie das Schiff nicht erreicht. Mehr als nur eine mittlere Katastrophe. Zoe atmete durch und streckte sich. Die frische Luft tat gut.
Dass sie es in buchstäblich letzter Sekunde an Bord geschafft hatte, nahm sie als gutes Omen und vertraute darauf, dass das Glück auf der gesamten Reise nicht von ihr weichen würde. Es würde alles gut werden. Und da die Landschaft so aufreizend langsam an Zoe vorüberglitt, genoss sie die Ruhe und Gelassenheit, die sich in ihr einstellte. Die Erledigung eines Auftrags war stets verbunden mit permanentem Druck. Deshalb genoss Zoe dieses Gefühl der seltenen Entspannung während der Arbeit in vollen Zügen. Gelänge es ihr nicht, ein fotografisch vollkommenes Bild der Postbudruten zu zeichnen. wäre die Pleite vorprogrammiert. Zoe schob diesen äußerst unangenehmen Gedanken zur Seite. Sie sollte sich auf ihre Aufgaben konzentrieren und Motive für das perfekte Foto auftun.
Allerdings dämmerte es bereits, bis zum Mitsommer dauerte es noch ein paar Wochen. Da Zoe nicht mit Blitz arbeiten wollte – solche Fotos musste sie stets aufwändig nachbearbeiten – konnte sie auf dem Stativ Aufnahmen mit langer Belichtungszeit machen.
Zoes Magen knurrte und erinnerte sie daran, dass sie heute außer dem Frühstück keine weitere Mahlzeit zu sich genommen hatte. Sie suchte das Restaurant auf, um sich mit einer reichhaltigen Mahlzeit zu belohnen. Alle Arbeit für heute sollte ruhen – zumindest die mit dem Fotoapparat.
Tag 2
Ankunft in Ålesund
Nach einem fantastischen Abendessen schlief sie tief und fest wie lange nicht mehr. Das ständig im Hintergrund vorhandene Motorengeräusch ermöglichte offensichtlich eine Tiefenentspannung bei Zoe, die enorm zu dieser besonderen Schlafqualität beitrug. Sie hoffte auf einen so intensiven Schlaf wie in der ersten Nacht nach jedem weiteren anstrengenden Tag auf der Reise. Zu ihrer eigenen Überraschung trug die erste traumlose Nacht dazu bei, seit langer Zeit so gut erholt und erfrischt wie in den Anfängen ihrer Laufbahn als freischaffende Fotografin zu sein. In den letzten Wochen suchten sie wirres Zeug in ihren Träumen heim, die sie unruhig hin und her wälzen ließen.
Nach der Dusche saß Zoe ausgeruht und entspannt am Frühstückstisch, während sich die Landschaft in Zeitlupe an ihrem Fensterplatz vorbei bewegte. Der Kapitän begrüßte Zoe an ihrem Tisch per Handschlag und wünschte ihr gutes Gelingen für ihre Arbeit. Er bot an, ihr jederzeit für Fragen zur Verfügung zu stehen. Die Crew nahm die Mahlzeiten ebenfalls im Speiseraum ein. Der Kapitän winkte ihr zu, als er den Raum verließ. Zoe winkte lächelnd zurück. So nett wurde sie selten an einer vorübergehenden Wirkungsstätte aufgenommen. Ein wohliges Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus.
Zoe rührte in ihrem Kaffee, während sie die Stationen auf dem Plan überflog, die das Postschiff am heutigen Tag ansteuern würde. In etwa zwanzig Minuten legte das Schiff in Ålesund an. Eine heikle Angelegenheit, wie sie dem von Frau Johansen zusammengestellten Dossier entnahm. Das Papier versorgte sie zudem mit zusätzlichen Besonderheiten, damit Zoe sich darauf einstellen konnte, an welchen Stellen mit spektakulären Aufnahmen zu rechnen wäre. Das erleichterte ihr die Auswahl der Kameras enorm, die sie gleich mit nach draußen nehmen würde.
Als Zoe auf dem Sonnendeck stand, konnte sie bereits von Weitem erkennen, dass es in dem kleinen Hafen keine einzige freie Anlegestelle mehr gab. Lediglich eine winzige Lücke zwischen zwei Frachtern tat sich auf. Zoe bezweifelte, dass dieser kleine Platz für das riesige Motorschiff ausreichte, denn auch beim Näherkommen zeichnete die Lücke sich nicht durch ihre Großzügigkeit aus. Das Schiff passierte die Hafenmauern und steuerte dennoch darauf zu. Der Kapitän drehte das sperrige Fahrzeug auf der Stelle, vermutlich, um später beim Ablegen in einer besseren Position zu sein. Der Teil der Mannschaft der Polarsirkel, der verantwortlich für die An- und Ablegemanöver zeichnete, lief geschäftig an der Reling auf und ab. Jeder Handgriff musste sitzen, wenn das Schiff sich der Hafenmauer näherte. Der Auslöser an Zoes Kamera kam nicht zur Ruhe. Vor der Laderampe des Postschiffes wartete bereits eine Armada von Menschen in Overalls, um die bis obenhin beladenen Palletten in einem kurzen Zeitfenster an Bord zu bringen. Später beobachtete Zoe, wie eingespielt die Teams arbeiteten. Jeder Arbeitsgang wurde mit der Präzision eines Uhrwerks ausgeführt.
Einmal stockte Zoe während des Landemanövers der Atem, als nicht nur durch den Sucher ihrer Kamera die Häuser der Stadt bedrohlich nah kamen. Es entstand der Eindruck, als führe das Schiff mit voller Kraft auf die Häuserreihe zu. Dieser Vorgang dauerte nur den Bruchteil einer Sekunde, denn der Kapitän drosselte die Geschwindigkeit des Motorschiffs. Es trat eine Bremswirkung ein. Die Vibration der gewaltigen Kraft des Motors, der die Polarsirkel von der Havarie mit den vermutlich bewohnten Gebäuden in Ålesund abhielt, konnte Zoe in jeder Pore ihres Körpers spüren. Nicht auszudenken, was passieren würde, gelänge dieses Manöver nicht. Zoes Kopfkino ratterte los. Ganze Familien wurden von ihren Stühlen am Esstisch geschleudert. Ihr Frühstück landete sehr zur Freude der Möwen im Hafenbecken, während die Menschen schließlich vom Schutt ihrer Häuser begraben wurden. Manchmal neigte Zoe dazu, aus einer Mücke einen Elefanten zu machen. Das alles passierte nicht, denn der Kapitän parkte das sperrige Motorschiff perfekt ein.
In der Sekunde, in der Zoe den Blick von der Kamera löste, bemerkte sie, dass die Anspannung der anderen Passagiere nachließ, die offensichtlich genau wie sie auf einen Aufprall gewartet hatten. Ein deutlich hörbares, kollektives Ausatmen dokumentierte die Erleichterung aller an der Reling stehenden Menschen. Der Kapitän verneigte sich auf der Brücke vor den in euphorisches und freudiges Klatschen ausbrechenden Zuschauern. Ein Zeichen des höchsten Respekts. Mit so einem großen Pott so filigrane Manöver zu vollziehen grenzte nicht nur für Zoe an die hohe Kunst des Navigierens.
Schließlich lag das Schiff sicher im Hafen und das Löschen sowie das Einladen der Ware konnte beginnen. Die Häuser reihten sich direkt an den Hafen, zum Greifen nah, und symbolisierten damit die Enge des Anlegeplatzes, der sicher nur ausnahmsweise für das Postschiff freigegeben worden war.
Auf dem Weg zur Rezeption, von der aus man von Bord gehen konnte, dachte Zoe über die Priorität ihrer Arbeit nach. Ihr blieb höchstens eine halbe Stunde Zeit, um sowohl ein paar Bilder von dem extrem nah geparkten Schiff an der Häuserzeile als auch von der Stadt zu machen. Die knapp bemessene Liegezeit reichte nicht, um sich Ålesund ausführlicher anzusehen.
Das Städtchen brillierte vor allem durch die vielen Jugendstilbauten, die sich im Zentrum ansammelten. In der knappen halben Stunde des Aufenthalts erhaschte Zoe lediglich einige flüchtige Eindrücke von der Stadt und hielt sie auf zahllosen Fotos fest.
Frau Johansen hatte Zoe eingeschärft, bei kurzen Aufenthalten in einem Hafen in der Nähe des Schiffes zu bleiben und bei dem ersten Signal des Nebelhorns zur Polarsirkel zurückzukehren. Deshalb stand sie schon längst wieder auf dem Sonnendeck, als der Kapitän befahl, die Leinen zu lösen. Sie hielt nun auch das Ablegemanöver in Bildern fest. Wie vermutet, erschien es Zoe gegenüber dem Anlegen kinderleicht. Auch die sich zeitlupenartig entfernende Stadt hielt Zoe im Bild fest.
Ein weiteres Highlight der Tour folgte kurze Zeit später: der Eingang zum Geiranger Fjord, einem der bekanntesten, aber auch über Gebühr frequentierten Fjord Norwegens. Der beliebte Geiranger Felsen mit einem atemberaubenden Blick auf das Wasser, wie Zoe aus einem Bildband über die schönsten Fjorde Norwegens wusste, befand sich am Ende einiger anderer Fjorde oder Seitenarme, die das Schiff passierte, um den besagten Geiranger zu erreichen. Als die Polarsirkel in den Meeresarm einbog, konnte Zoe sofort nachvollziehen, warum er zum UNESCO-Weltnaturerbe gehörte. Die Schönheit und Kargheit gleichermaßen, die diesen schroffen Felsen auszeichnete, überwältigte sie. Zoe drückte ohne Unterbrechung auf den Auslöser der Kamera.
Das Schiff setzte seinen Weg unaufhörlich fort. Bei den Sieben Schwestern hielt Zoe den Atem an. Sieben nebeneinanderliegende Wasserfälle stürzten hinunter, die sie alle auf zahllose Bilder bannte, während sie aufmerksam zuhörte, was die Reiseleitung über die Lautsprecher von der Sage über die Schwestern erzählte. Weil ein Bewerber um die Hand einer Schwester nach der anderen anhielt und jedes Mal abgewiesen wurde, verfiel er dem Alkohol. Zoe setzte die Kamera ab, um die Flaschenform zu erkennen, die die Wasserfälle symbolisieren sollten. Naja, mit viel Fantasie konnte Zoe eine Flasche erkennen. Einige der sieben Wasserfälle entzogen sich dem Auge, weil das Wasser versiegte, je wärmer es wurde. Im Sommer zeigten sich gar nur vier von ihnen. Die Passagiere drängelten sich auf der Backbordseite an der Reling. Zoe hoffte, das Schiff verfügte über eine Art Pendelmechanismus, der die Verlagerung des Gewichts ausglich, wenn sämtliche Passagiere sich auf eine Seite zu einem sehenswerten Highlight begaben.
Von ihrer Position auf dem Sonnendeck aus eröffnete sich Zoe ein atemberaubender Blick auf den Zauber der Natur, den die Landschaft des Fjords ausstrahlte. Eine Gänsehaut lief über ihre Arme.
Als Zoe später ihre Kamera in der Kabine verstaut und die Bilder von der SD-Karte auf ihren PC übertragen hatte, begab sie sich zu einer der Bars, die sich über das Schiff verteilten. Eine Belohnung für die gute Arbeit heute, wie sie beim Überfliegen der Aufnahmen sehen konnte. Nur wenige Passagiere saßen dort, um ein Bier oder etwas Antialkoholisches zu trinken. Ihre Hoffnung, die süße Barkeeperin mit den raspelkurzen Haaren anzutreffen erfüllte sich. Zoe war ihr bereits auf ihren Spaziergängen über das Schiff begegnet. Sie kletterte auf einen der Barhocker.
„Hi“, begrüßte Runa sie – ihr Name stand auf dem Schild an ihrer Uniform. „Was kann ich für dich tun?“
„Hi Runa.“ Zoe lächelte sie an. „Ich hätte gern eine antialkoholische Piña Colada, er du snill.“
Runa strahlte. „Kommt sofort.“
Zoe sah der Barfrau zu, wie sie mit traumwandlerischer Sicherheit die wenigen Zutaten für den Cocktail mit einstudierten Showeinlagen in den Shaker beförderte. Das Mark einer halben Vanilleschote wanderte zusätzlich hinein. Mmmhhh. Das sah lecker aus. Runa schüttelte das Gefäß hin und her, im Wechsel dicht vor Zoes Nase und weiter entfernt. Gekonnt füllte sie ein Glas randvoll mit diesem erfrischenden Getränk, verzierte den gezuckerten Rand des Glases mit einer Ananasscheibe, setzte vorsichtig eine Physalis auf die Oberfläche, versenkte einen Strohhalm aus Bambus und stellte das Glas in schwungvollem Tempo vor Zoe ab, ohne auch nur einen Tropfen zu verschütten. Zoe reichte ihr die Bordkarte, um das Getränk ihrer Liste hinzuzufügen, die sie am Ende der Fahrt begleichen würde.
„Vær så god.“
„Takk.“ Zoe führte den Strohhalm zum Mund und zog daran. Köstlich und erfrischend. Sie schloss die Augen und schmeckte Ananassaft, Kokos, Vanille. Eine wunderbare Mischung. „Sehr, sehr lecker.“ Zoe öffnete die Augen und sah Runa an.
„Freut mich, dass dir der Cocktail schmeckt.“ Schließlich wandte die Barkeeperin sich ab, um den nächsten Gast zu bedienen, der sich zu ihnen gesellte. Schade!
Nach dem Hochgenuss der Piña Colada saß Zoe mit ihrem Laptop auf dem Schoß und einem zweiten Cocktail zum Mitnehmen auf dem Balkon ihrer Kabine. Ab und zu zog sie an dem Strohhalm, während sie gleichzeitig die Fotos von heute auf deren Niveau prüfte und die allerbesten in einen neuen Ordner speicherte.
Als sie die Vorauswahl der Fotos für heute als abgeschlossen betrachtete, gönnte Zoe sich eine Auszeit von ihren Kameras. Die nächsten Tage würden stressig genug werden, da könnte sie ihre Ausrüstung einmal ruhigen Gewissens zur Seite legen. Sie nahm eine schnelle Mahlzeit im Restaurant, schmuggelte eine Mousse in ihre Kabine und verspeiste sie auf dem Balkon, während die Landschaft einmal mehr beruhigend an ihr vorüberzog. Sie genoss die Stille. Entdeckte hin und wieder ein kleines Detail in der Landschaft wie ein Bauernhaus, in dem Licht brannte. Sie stellte sich vor, dass eine Großfamilie am Tisch saß und die Abendmahlzeit gemeinsam einnahm. Sie ignorierte ein aufkommendes Einsamkeitsgefühl. Mahlzeiten zusammen mit einer vertrauten Person einzunehmen, mit der sie sich gut verstand, fehlten ihr manchmal. Zoe schob diesen sehnsuchtsvollen Gedanken beiseite.
Hin und wieder schlich sich ihr abgeräumtes Konto in ihre Gedanken. Das auf nimmer Wiedersehen verschwundene Vermögen sorgte dafür, dass Zoe in den letzten Wochen ständig am Offenbarungseid entlangschlitterte. Dieses Schreckensszenario ergriff Besitz von ihr. Zoe musste nicht nur die Kränkung und die tiefe Wunde der Verletzung durch Petras Handeln verschmerzen, sondern rutschte außerdem an den untersten Rand des Existenzminimums.
Zoe mahnte sich, sich zu beruhigen und sich nicht in diese negative Stimmung hineinzusteigern, die den Ärger, die Wut und die Verzweiflung der letzten Wochen wieder lebendig werden ließen. Bisher verlief die Reise zu ihrer Zufriedenheit. Der Auftrag der Postbudruten würde sie in letzter Minute vor dem sicheren Absturz retten.
Zoe liebte das Fotografieren, seit sie denken konnte. Die Fotografin, die die Foto AG in der Schule geleitet hatte, war von Anfang an ihr großes Vorbild gewesen. In vielerlei Hinsicht. Viktoria stellte sich für Zoe als begnadete Künstlerin hinter der Kamera heraus. Sie wusste bereits vor dem Auftauchen eines Motivs, dass ihr etwas Überwältigendes vor die Linse käme, jederzeit vorbereitet auf das perfekte Motiv. Dieses Gespür und erst recht ihre Begeisterung für ihr Instrument, die Kamera, hatten Zoe augenblicklich angefixt und nie mehr losgelassen. Von da an hatte Zoe ein Ziel, auf das sie zielstrebig hinarbeitete. Sie wollte Fotografin werden.
Viktoria hatte Zoe außerdem in die Welt jenseits der Heterosexualität eingeführt. Erst durch deren Offenheit wurde Zoe bewusst, dass es im Leben vielfältige Arten der Erfüllung geben konnte. Schließlich verliebte Zoe sich in Viktoria, die selbst lesbisch und in einer gefestigten Partnerschaft lebte. Sie eröffnete ihr die lesbische Welt, nahm sie mit zum Lesbenschwof, stellte Zoe ihre Partnerin vor und zeigte ihr, dass eine Beziehung mit einer Frau glücklich machen konnte. Viktorias Erklärungen und ihr vorbildhaftes Beispiel nahmen Zoe quasi im Vorbeigehen die Angst vor ihrer eigenen Sexualität. Zoe lernte von ihr, zu ihrer eigenen Person und vor allem zu ihrer Sexualität zu stehen. Viktorias sehr einfühlsame, charmante Art ließen die Ablehnung ihrer Avancen nicht ganz so schmerzhaft erscheinen.
Als ihre Eltern Zoe kurz vor dem Abitur aufgrund ihrer Homosexualität der Wohnung verwiesen hatten, um es freundlich auszudrücken, war es Viktoria gewesen, die ihr zusammen mit ihrer Partnerin nicht nur ein Dach über dem Kopf gewährt, sondern ihr Sicherheit gespendet und Verständnis entgegengebracht hatte. Viktoria und ihrer Frau verdankte Zoe es, dass sie trotz aller Probleme, die von außen auf sie einprasselten, gestärkt aus der Situation hervorging und ihr Abitur mit Bravour bestehen konnte.
Zwar gab es heute einen spärlichen Kontakt zu ihren Erzeugern, doch Zoe empfand ihn als äußerst unterkühlt. Ihre Eltern missbilligten Zoes Lebensweise zutiefst und ließen sie es bei jedem ihrer seltenen Besuche spüren. Dass Zoes Weg inzwischen eine bilderbuchartige Karriere als Fotografin pflasterte, bedeutete den Eltern nichts. Sie ignorierten Zoes beruflichen Erfolg mit einer Hartnäckigkeit, die schon an Unverschämtheit grenzte.
Als sie von Zoes Trennung von Petra erfuhren, ritten sie bei jeder Gelegenheit während der häufiger werdenden Anrufen auf diesem Misserfolg herum. Zumindest betrachteten sie die Trennung aus dieser Perspektive. Als schmerzte Petras Verrat nicht schon genug, setzten ihre Eltern mit ihrer Häme und dem ´Wir haben´s dir doch gleich gesagt, dass du dieser Person nicht trauen kannst` noch einen drauf. Statt Zoe zu unterstützen, stocherten sie kontinuierlich in der Wunde herum und ignorierten Zoes Tränen darüber mit großer Beharrlichkeit. Warum Zoe dieses Mal den Kontakt nicht endgültig abbrach, konnte sie sich nicht erklären.
Tag 3
Ein Stolperer mit großer Wirkung
Nachdem Zoe den ganzen Morgen über ein Foto nach dem anderen vom Be- und Entladen verschiedener Anlaufhäfen der Postbudruten auf ihrer Speicherkarte festgehalten hatte – sowohl vom Sonnendeck als auch vom Pier aus – bereitete sie sich für den mehrstündigen Ausflug in Trondheim vor. Grandioses Wetter erwartete sie: blauer, wolkenloser Himmel. Zoe sah einer Fotosession der ganz besonderen Art entgegen – in zweierlei Hinsicht, wie sich später herausstellen sollte.
Sie verstaute drei Kameras mit unterschiedlichen Objektiven in ihrem Rucksack, um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein. Die Zeitplanung für den Ausflug war knapp bemessen, deshalb begab sie sich zeitig zur Rezeption, um die erste zu sein, die das Schiff verließ.
Die Damen hinter der Empfangstheke begrüßten sie freundlich nickend. Zoe nestelte nach ihrem Bordausweis, den man beim Verlassen des Schiffes durch das automatische Erfassungsgerät ziehen musste. Damit konnte festgestellt werden, wer von Bord ging und bestenfalls auch wieder zurückkehrte. Ob Passagiere bei der Abfahrt fehlten oder nicht, spielte keine Rolle. Das Schiff legte pünktlich ab, ob nun mit oder ohne die registrierten Passagieren. Es ging vor allem darum, bei einer Havarie zu wissen, wie viele Menschen gerettet werden mussten.
Als die Luken sich öffneten, sah Zoe ihre Vermutung bestätigt. Ein kleiner RAV 4 mit geöffnetem Verdeck wartete im Hafen. Zoe hastete mit dem schweren Rucksack auf das Fahrzeug zu, verstaute die Kameras auf dem Rücksitz und stieg auf der Beifahrerseite ein. Zu ihrer Überraschung saß eine Frau hinterm Steuer, die noch dazu vollendetes Deutsch sprach.
„Guten Tag, Frau Burger!“ Die Fremde reichte Zoe die Hand. „Ich bin Tuva und werde Ihnen die schönsten Plätze in Trondheim zeigen.“
Zoe schüttelte Tuva die Hand. „Bitte sagen Sie Zoe.“
„Okay, Zoe. Meine kleine Sightseeing-Tour wird Sie hoffentlich begeistern.“ Tuva startete den Wagen und fuhr los. „Wir werden uns zuerst ein wenig an der Peripherie der Stadt umsehen, bevor wir in ihr Innerstes vordringen. Ich führe Sie zu den schönsten Fotomotiven, die wir in Trondheim zu bieten haben. Zum Schluss zeige ich Ihnen den Nidarosdom, eines der Wahrzeichen der Stadt. Mit ein wenig Glück ist die Sonne schon herum und erleuchtet das atemberaubende Kirchenfenster. Beim Durchscheinen der Sonne entsteht eine ganz besondere Atmosphäre im Dom.“
Tuva fuhr zügig und sicher durch die Straßen Trondheims. Noch dazu entpuppte sie sich als die perfekte Reiseführerin. Sie erklärte, in welchem Stadtteil sie sich befanden oder welche Besonderheiten die Fotografin erwarteten. Sie hielt an den entsprechenden Stellen an, damit Zoe fantastische Aufnahmen machen konnte.
Der Kanalhafen fand Zoes besonderes Interesse. Die weiß leuchtend herausgeputzten Boote vermittelten vor dem Hintergrund des tiefblauen Wassers Urlaubsfeeling pur. Auch gefielen ihr die Industrieanlagen, die Zoe aus den unterschiedlichsten Perspektiven in Szene setzte. Die Skansenbrücke zum Beispiel, die Norweger nannten sie Skansenbrua, wie Zoe von Tuva erfuhr, bestand aus einer eigenwilligen Eisenkonstruktion. Die Klappbrücke erinnerte sie an die beschaulich wirkenden Brücken in Holland. Wenn ihr auch der romantische Charme der niederländischen Bauwerke fehlte, strahlte die Skansenbrua ein industrielles Flair aus. Fast könnte man sie eine Schönheit nennen. Detailaufnahmen von technischen Einzelheiten vervollständigten die Aufnahmen rund um die Brücke.
Zoe verliebte sich in die für Trondheim typischen Lagerhäuser mit ihrer ganz eigenen Ausstrahlung. Solch einzigartige Motive vor der Linse veranschaulichten ihr einmal mehr, warum sie ihren Beruf so liebte, warum sie sich völlig in ihren Motiven verlor, wenn sie so etwas Wunderbares ablichten konnte.
Etwas weiter in die Stadt hinein konnte Zoe am Kanal die sich bunt im Wasser spiegelnden Wohnhäuser im Bild festhalten, die in zig verschiedenen Farben den Kanal säumten. Eine Wahnsinnsaufnahme nach der anderen. Diese unglaublichen Motive, die eine tiefe Ruhe ausstrahlten, ließen Zoes Fotografinnenseele höherschlagen. In jenen Momenten war sie vollkommen im Flow, sie und ihre Kamera bildeten eine Einheit. Die Zeit spielte keine Rolle. Zoes SD-Karte füllte sich schnell. Sie gewann einen äußerst positiven Eindruck von der drittgrößten Stadt Norwegens. Dieses Faktum aus dem Steckbrief der Stadt hatte sie behalten. Tuva breitete die ganze Fahrt über ihr Wissen über die Stadt aus und untermalte sie mit amüsanten Anekdoten.
„Unsere letzte Station ist der Nidarosdom“, sagte Tuva mit einem Blick auf die Uhr und parkte unweit des Gebäudes ein. Ihnen blieb eine knappe Dreiviertelstunde für diesen imposanten Bischofssitz. „Das dürfte sich mit Ach und Krach ausgehen.“
Zoe schnappte sich lediglich ihre Kompaktkamera für die Aufnahmen im Dom. Ohne das schwere Gerät konnte sie sich freier bewegen und sich überall umschauen. Außerdem kostete der Umgang mit dem schweren Equipment immer Zeit, die ihr gerade nicht zur Verfügung stand. Als sie die Kirche betrat, mussten sich ihre Augen erst an die schummrige, fast dunkle Atmosphäre gewöhnen. Das Schummrige verbreitete eine Düsternis in dem Gebäude, die Zoe enttäuschte, erwartete sie doch einen lichtdurchfluteten Kirchenraum mit einem fantastischen Farbenspiel eines einzigartigen Kirchenfensters – zumindest malte Tuva es ihr während der wenigen Meter zum Dom in den buntesten Farben aus. Die Kirche erweckte den Anschein, als würde eine Nebelmaschine die leichten Rauchschwaden produzieren, die das Sehen erschwerten und eine schwere Stimmung verbreiteten.
Als Zoes Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, umrundete sie den Altar im Eiltempo und klickte ständig auf den Auslöser, um die bestmöglichen Motive in der knappen Zeit im Dom festzuhalten. Am Ende des Rundgangs näherte sie sich dem unglaublich interessanten Mosaikfenster, das im Moment nur erahnen ließ, in welch schillernden Farben es den Dom erleuchtete, wenn die Sonne hereinschien. Inzwischen fehlten nur noch wenige Zentimeter, bis Zoe einen guten Standpunkt mit Blick auf das Fenster erreichte. Wenige Augenblicke, bis die gesamte Kirche mit Licht überflutet wurde, sie gleich gänzlich erstrahlen lassen würde. Zoe konnte bereits erahnen, was für unglaubliche Aufnahmen dabei herauskommen würden. Der Auslöser stand nicht still, um jede sich verändernde Nuance des Lichts festzuhalten. Vollkommen fixiert auf das Motiv entging ihr die kleine Gruppe von Touristen, die sich mitten auf ihrem Weg versammelte, um das atemberaubende Lichtspiel des Fensters nicht zu verpassen. Zoe steuerte geradewegs, sich seitlich nach rechts bewegend, auf eine Sporttasche zu, die ihrer unaufhaltsamen Bahn ein jähes Ende setzte.
Zoe stolperte über die Tasche just in dem Moment, in dem die Sonne mit ihrer vollen Kraft das Mosaikfenster erleuchtete. Sie hörte das allseitig ausgesprochene „Oh!“ und knallte in voller Länge auf den Boden. Wie sie es schaffte, sich während des Fallens so zu drehen, dass sie auf dem Rücken landete und trotz des Sturzes weiterhin – wenn auch unkontrolliert – den Auslöser betätigte und auf diese Weise gleichzeitig die Kamera vor dem Zerschellen auf dem harten Fliesenboden der Kirche rettete, würde sie später nicht mehr rekonstruieren können. Wie sich bei der Durchsicht der SD-Karten auf dem Schiff wenig später herausstellte, hätte sie sich auf die Schulter klopfen können, denn ein paar fantastische Aufnahmen zierten die Karte.
Als sie sich auf dem Boden liegend mit ihrem linken Arm aufstützen wollte, um aufzustehen, gellte ihr Schrei durch die Kirche und erzeugte ein widerhallendes Echo. Wie auf ein vereinbartes Zeichen verstummten alle Gespräche. Für den Bruchteil einer Sekunde herrschte absolute Stille im Dom. Gleichzeitig drehten sich sämtliche Besucher der Kirche zu Zoe um und sahen sie am Boden liegen. Ein Schmerz durchfuhr ihren ganzen Körper. Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr. Tuva hielt sich während ihres Falls in der Nähe auf. Sie trat auf Zoe zu und half ihr beim Aufstehen durch beherztes Zupacken an Zoes rechtem Arm. Tuva schien zu wissen, dass Zoes rechte Seite schmerzfrei war. Zoe überprüfte die Kamera. Wie durch ein Wunder funktionierte sie einwandfrei – im Gegensatz zu Zoes Arm. Sie wollte mit dem Fotografieren weitermachen. Der beste Moment war ihr ohnehin schon durch die Lappen gegangen. Allein ihr linker Arm schmerzte so sehr, dass sie noch nicht einmal die Kamera damit halten konnte.
Zoe bat Tuva, noch ein paar Aufnahmen für sie zu machen, bevor die Sonne der Kirche ihren Zauber erneut entzog. Tuva kam dem Wunsch nach, hielt die Kamera auf das Fenster und drückte sekündlich auf den Auslöser. Ob die Fotos ihrem eigenen Standard entsprachen, würde Zoe später sehen. Notfalls konnte sie sie noch bearbeiten. Zoe bat ihre Stadtführerin, sie zum Schiff zurückzufahren. Jemand sollte sich dringend um den Arm kümmern und irgendwie dieses höllisch schmerzende Teil fixieren.
Zoe zog sich auf ihre Kabine zurück. Sie legte sich hin und versuchte die starken Schmerzen zu ignorieren. Außerdem hielt sie krampfhaft die Tränen zurück, die nach draußen drängten. Die Erinnerung an die Rückfahrt zum Schiff ließ Zoe aufstöhnen. Jeder Hubbel eine Tortur, jedes Schlagloch die Hölle für ihren Arm, obwohl Tuva merklich vorsichtiger fuhr als zu Beginn der Fahrt. Die Schmerzen ließen auch nicht nach, als sie sich längst in ihrer Kabine auf das Bett geworfen hatte. Ihr war nicht danach zumute gewesen, einen Umweg über die Krankenstation zu machen. Sie wollte sich heute Nacht gesund schlafen – spätestens übermorgen käme ein Tag auf sie zu, der mit mehr Highlights gespickt war, als der Tag Stunden hatte.
Obwohl Zoes Magen nach fester Nahrung verlangte, würde er heute jedoch darauf verzichten müssen, denn sie wollte und konnte sich keinen einzigen Millimeter mehr vorwärts bewegen. Jede Bewegung schmerzte wie verrückt und verursachte einen Weinkrampf. Sie biss in die Knöchel der Hand des unverletzten Arms. Kaum auszuhalten. Von Sich-gesund-schlafen würde heute Nacht keine Rede sein. Sie würde kein Auge zu tun. Mit schmerzverzerrter Grimasse hielt sie ihren lädierten Arm so gut es ging ruhig und hoffte, dass morgen früh wie durch ein Wunder alles wieder in Ordnung wäre.
Was für ein Trugschluss. Am nächsten Morgen verfestigte sich ihr Eindruck, die Schmerzen hätten sich verschlimmert. War das möglich? Zoe hätte noch ein paar Schnappschüsse vom Be- und Entladen im aktuellen Hafen machen wollen. Dieses Vorhaben konnte sie sich abschminken. Es gab keine Position mehr, in der sie ihren linken Arm schmerzfrei hätte halten können. Wenn nicht bald etwas geschah, das den Arm funktionstüchtig machte, könnte sie gleich von Bord springen.
Gegen acht Uhr quälte sie sich aus dem Bett und machte sich auf zur Krankenstation. Eine schnelle Gesundung musste gelingen, sonst befand sich ihr Leben finanziell, psychisch und physisch am Abgrund.
Tag 4
Ein Unglück kommt selten allein
Zoe betrat mit schmerzverzerrtem Gesicht, den linken Arm am Ellbogen stützend, die kleine als Krankenzimmer ausgestattete fensterlose Kabine. Eine Frau in weißem Kittel stand mit dem Rücken zu ihr an einer Art Arbeitsplatte. Sie schien Tablettenpackungen in einen geöffneten Schrank einzusortieren.
Zoe klopfte zaghaft mit der gesunden Hand an den Türrahmen. Dabei musste sie ihren verletzten Arm loslassen, was einen Schmerzensschrei verursachte. Die Frau, vermutlich die Krankenschwester, zuckte zusammen und drehte sich abrupt um.
„Sie haben mich vielleicht erschreckt“, sagte die Schwester mit weit aufgerissenen Augen.
„Tut mir leid. Das wollte ich nicht, aber der Arm schmerzt doch mehr, als ich mir selbst eingestehen wollte.“ Zoe sprach mit belegter Stimme. Sie war kurz vor einem Weinkrampf. „Guten Morgen!“
„Guten Morgen!“ Die Krankenschwester legte eine Tablettenschachtel zur Seite. „Wie kann ich Ihnen helfen?“
„Äh, ja …“ Zoe hielt den linken Arm in die Höhe und schrie abermals vor Schmerzen auf.
„Ich sehe mir den Arm einmal an. Bitte setzen Sie sich auf die Liege. Ich bin übrigens Schwester Malin.“
Zoe gehorchte. „Zoe Burger.“
„Frau Burger, können Sie die linke Hand bitte auf Ihrem Oberschenkel ablegen?“ Schwester Malin breitete ein Tuch über Zoes Beinen aus, vermutlich, damit die Jeans unbeschadet blieb, bei was immer die Schwester vorhatte. Als Zoe den verletzten Arm auf ihren Oberschenkel legte, kamen ihr vor Schmerzen die Tränen.
„Meine Damen und Herren, in Kürze legen wir in Bodø an. Aufgrund eines erheblichen Aufkommens an Ladung wird sich das Auslaufen auf dreieinhalb Stunden ausweiten. In der Zeit können Sie sich gerne ein wenig in der Stadt umsehen. Die Verspätung holen wir in der Nacht wieder auf.“ Zoe nahm die Durchsage der Reiseleitung nur wie durch Watte wahr, die den nächsten Halt in verschiedenen Sprachen mitteilte.
Schwester Malin durchtrennte Zoes schönstes Holzfällerhemd mit einer Schere, um besser an die Wunde heranzureichen. Der Verlust des Hemdes trat in den Hintergrund, weil dieser Vorgang wahnsinnige Schmerzen auslöste. Sie biss die Zähne zusammen, denn sie wollte vor der Schwester nicht als Weichei gelten. Malin drückte vorsichtig an Zoes linkem Unterarm entlang bis zu der Stelle, an der der Druck einen dieses Mal spitzen Schmerzensschrei auslöste.
„Der ist gebrochen“, stellte Malin sachlich fest und ließ von Zoes Arm ab.
„Dann legen Sie einen Gips an und geben mir eine Packung Schmerztabletten“, forderte Zoe. „Ich muss ein paar Fotos in Bodø machen.“
„Daraus wird nichts. Erstens gipse ich keinen Arm ein, der nicht mindestens eine Röntgenaufnahme gesehen hat und zweitens muss unbedingt eine Ärztin einen Blick auf die Aufnahme und ihren Arm werfen, bevor sie den Gips anordnet. Wir haben kein Röntgengerät an Bord.“ Schwester Malin zuckte entschuldigend mit den Schultern.
„Das können Sie nicht machen. Ich habe einen Auftrag zu erfüllen. Wenn ich in Bodø keine Fotos machen kann, bin ich erledigt und kann Insolvenz beantragen.“ Während des Sprechens hampelte Zoe mit ihren Armen herum, was den nächsten Schrei provozierte. Sie hatte schlichtweg ihren gebrochenen Arm vergessen, denn der Supergau würde eintreten, wenn sie nicht schnellstens an einen Gips kam und ihre Arbeit fortsetzen konnte.
„Sie merken selbst, dass Sie mit diesem Arm wohl in der nächsten Zeit nicht mehr werden fotografieren können?“ Ein stirngerunzelter Blick traf Zoe. Ihr wurde schwindlig bei dieser unverblümten Wahrheit, die ihr Ende als Fotografin besiegelte. Sie drohte bewusstlos zu werden. Mit sanftem Druck legte Schwester Malin Zoe auf die Liege. Zoe schloss die Augen. Ihr Kopf fühlte sich an, als säße er in der Gondel eines Karussells. Der einzige klare Gedanke, den sie treffen konnte, drehte sich um ihre Existenz.
„Ich muss.“ Zoe kämpfte mit den Tränen. Die Krankenschwester rieb vorsichtig Zoes unversehrten Arm. Zoe seufzte. Eine tröstende Geste, aber wenig hilfreich für ihr Dilemma.
„Wissen Sie was?“ Schwester Malin zog den weißen Kittel aus und schnappte sich ihren Rucksack. „Ich kenne jemanden im örtlichen Krankenhaus. Ich telefoniere kurz und kündige uns an.“
„Sie kommen mit?“ Zoe machte große Augen.
„Glauben Sie, ich lasse Sie mit einem Armbruch allein irgendwohin gehen?“
Zoe schüttelte den Kopf und schöpfte Hoffnung, dass sich doch noch alles zum Guten wenden konnte. Vor ihr stand eine Frau der Tat. Was für ein Glück. Von den Worten, die bei dem Telefonat gewechselt wurden, verstand Zoe kein Wort. Schwester Malin beendete das Gespräch.
„Welche Kabinennummer haben Sie? Wir sollten Ihnen ein paar Sachen packen. Ingrid will Sie ein paar Tage zur Beobachtung auf ihrer Station behalten.“
„Ich werde nicht im Krankenhaus bleiben. Ich komme wieder mit aufs Schiff, nachdem Ihre Freundin meinen Arm eingegipst hat.“ Zoe hielt sich gerade noch zurück, ihre Arme vor der Brust zu verschränken.
„Sie wissen, dass diese Handlungsweise unverantwortlich ihrem Arm gegenüber ist, der womöglich steif bleibt, wenn sie ihm keine Ruhe gönnen?“
Tränen liefen ungehemmt über Zoes Wangen. „Ich muss einen Auftrag erledigen. Und das heißt nun mal, dass ich unendlich viele Fotos von der gesamten Strecke der Postbudruten brauche.“ Sie sprach mit schluchzender Stimme, weil die Insolvenz bereits vor ihren Augen tanzte und ihr die Kehle zuschnürte. Sie schnappte nach Luft.
Malin kam auf sie zu und streichelte vorsichtig Zoes gesunden Arm. „Kommen Sie erst einmal mit. Nach Ingrids Befund sehen wir weiter.“
Malin nahm ihr Smartphone aus dem Rucksack und tätigte einen weiteren Anruf auf Norwegisch. Zoe verstand nur Bahnhof. Immerhin führte die zärtliche Geste der Krankenschwester dazu, dass Zoes Tränen versiegten.
„Mit wem haben Sie telefoniert?“, wollte Zoe auf dem Weg zum Ausgang wissen. Schwester Malin hatte Zoes Arm fixiert, so dass er nicht bei jeder kleinsten Bewegung schmerzte. Als Schwester und Patientin am Ausgang des Schiffes ankamen, konnten sie das Schiff ungehindert verlassen, denn die übliche Schlange, hatte sich bereits in Luft aufgelöst. Malin machte kurz an der Rezeption halt. Zoe konnte sich denken, dass sie dort Bescheid gab, dass sie eine Patientin zum Krankenhaus begleitete.
Draußen wartete ein Taxi auf sie. Malin half Zoe auf den Rücksitz, damit der verletzte Arm so wenig wie möglich schmerzte. Die Schwester nahm neben ihr Platz.
„Das ist der Grund des zweiten Anrufs. Ich habe die Taxizentrale gebeten, mir Laurin so schnell wie möglich zu schicken.“
Sie klopfte dem Taxifahrer auf die Schulter. „Morn, Laurin.“
„Morn, Malin. Til sykehus?“ Der Taxler drehte sich zu Malin um.
„Ja, takk.“ Malin zeigte auf Zoe. „En syk passasjer.“
Der Taxifahrer nickte und konzentrierte sich auf den Straßenverkehr. Zoe fiel ein, dass ihre Geldbörse im Rucksack in ihrer Kabine lag. Malin würde den Betrag nach der Fahrt auslegen müssen, und Zoe würde selbstverständlich den Betrag zurückerstatten.
Malin zeigte auf den Fahrer und flüsterte: „Laurin ist ein alter Freund von mir. Er lässt alles stehen und liegen, um mir zu helfen. Ich habe ihm mal aus der Patsche geholfen. Unter Umständen wartest du in Bodø über eine halbe Stunde auf ein Taxi. Das hätte uns zu viel Zeit gekostet.“
Zoe seufzte in sich hinein. Schwester Malin schien ihr dabei helfen zu wollen, wieder mit zurück an Bord zu kommen. Warum sonst hätte sie die Ankunft des Taxis beschleunigen sollen? Und sie war zum Du übergegangen, üblich in Norwegen. Daran fand Zoe nichts auszusetzen.
Nachdem die beiden Frauen auf dem Krankenhausgelände ausgestiegen waren, steuerte Malin sofort die Orthopädische Abteilung an. Eine Frau im weißen Kittel begrüßte sie freundlich.
„Ich bin Ingrid, deine behandelnde Ärztin.“ Ingrid hielt Zoe ihre Hand hin. Sie ergriff sie, stellte sich vor und bedankte sich, dass sie ohne lange Wartezeit behandelt wurde.
„Ich nehme dich mit zur Röntgenabteilung. Wenn die Aufnahme entwickelt ist, wissen wir, ob dein Arm tatsächlich gebrochen ist. Malin hat bereits die nötige Untersuchung vorgenommen, die ich auch mache, um einen Bruch festzustellen. Es ist deshalb nicht nötig, dir ein zweites Mal Schmerzen zuzufügen. Komm bitte mit.“ Ingrid ging voraus. „Ich habe uns bereits angekündigt. Es dürfte nicht lange dauern.“
Zoe konzentrierte sich darauf, Ingrid nicht zu verlieren, die mit strammem Schritt vorauseilte.
„Wir sind da. Nimm doch einen Moment Platz. Ich gebe die Anweisungen für den Winkel der Aufnahme.“ Ingrid verschwand in einem Raum, an dessen Tür ein Schild mit den Worten „Adgang forbudt“ klebte.
Ingrid kam wieder heraus und steuerte die kleine Sitzgruppe an. „Folge bitte der Schwester. Ich warte hier auf dich.“
Zoe tat, wie ihr geheißen. Die Dame aus der Radiologie sprach Englisch mit ihr. Liv, so stellte die Frau sich vor, gab die Anweisungen für insgesamt drei Röntgenaufnahmen aus verschiedenen Perspektiven. Schwester Liv verabreichte ihr ein leichtes Schmerzmittel, so dass sich die Tortur verschiedener Haltungen des Arms während des Röntgens in Grenzen hielt. Nach der letzten Aufnahme begleitete Zoe Ingrid zu ihrem Arztzimmer in der Orthopädie. Malin wartete in einem der bequem wirkenden Sesseln davor. Zoe bat sie mitzukommen, damit auch sie über die Art der Verletzung Bescheid wusste, um bei Schmerzen reagieren konnte. Das hoffte Zoe zumindest. Sie seufzte so laut, dass sich sämtliche Personen in weißen Kitteln auf dem Flur umdrehten.
Sich nicht weiter mit Zoes Befinden aufhaltend grinste Ingrid in sich hinein und führte die beiden in einen Behandlungsraum der Orthopädischen Abteilung.
„Entschuldige, aber bei dem schweren Seufzer vorhin musste ich einfach grinsen.“
„Kein Problem. Ich würde selbst gerne über das hier grinsen“, sagte Zoe und zeigte mit ihrem Kinn auf den gebrochenen Arm.
„Setz dich bitte auf die Liege.“ Ingrid nahm die Aufnahmen aus dem Umschlag, den Liv ihr vorhin überreicht hatte, und befestigte sie an der von hinten beleuchteten Leiste an der Wand. Zoe und Malin traten näher heran.
„Sieh hier,“ Ingrid deutete mit dem kleinen Finger ihrer rechten Hand auf die beiden Knochen des Unterarms, die vollständig durchtrennt waren. „Das sind glatte Durchbrüche sowohl bei der Elle als auch der Speiche. Man spricht von einer kompletten Unterarmfraktur.“
Ingrid sah Zoe mit einem verschmitzten Lächeln an. „Herzlichen Glückwunsch. Es ist sehr selten, dass gleich beide Unterarmknochen brechen und dann auch noch so schön gleichmäßig.“
„Was bedeutet das jetzt?“, fragte Zoe unsicher.
„Ich werde den Arm eingipsen. Du solltest mit dem Gips keine großen Anstrengungen unternehmen. Ausruhen ist angesagt. Bettruhe wäre angemessen, aber du darfst es dir auch an Deck auf einem der Liegestühle der Polarsirkel bequem machen. Es wäre ja eine Schande, diese herrliche Reise nur vom Bett aus zu erleben.“
Zoe runzelte die Stirn.
„Das ist mein voller Ernst. Solltest du gegen diese Anweisung verstoßen, wäre es durchaus möglich, dass die beiden Knochen nicht richtig zusammen wachsen. Das wiederum würde bedeuten, dass du den Arm nie wieder würdest schwer belasten können. Ganz abgesehen davon, dass dir ein Leben lang Schmerzen bevorstehen würden. Es gibt also gute Gründe, sich an meine Anweisungen zu halten.“ Ein sehr strenger Blick in Richtung Zoe deutete an, dass Ingrid nicht zu Scherzen aufgelegt war.
„Das heißt, ich kann das Fotografieren während der Reise vergessen?“
„Das solltest du, wenn dir die Funktionsfähigkeit deines linken Unterarms lieb ist. Ich könnte dich auch vorsichtshalber für ein paar Tage zur Beobachtung hier im Krankenhaus behalten. Dann wäre ich sicher, dass du nichts unternimmst, das deinem Arm schadet. Aber ich nehme nicht an, dass das in deinem Sinne wäre. Malin hat am Telefon sehr deutlich gemacht, dass sie dich wieder mitnehmen würde. Ich schlage vor, du kommst auf der Rückfahrt des Postschiffes noch einmal bei mir vorbei, und ich sehe mir den Heilungsfortschritt an. In Deutschland solltest du unbedingt einen Orthopäden deines Vertrauens aufsuchen, der schließlich den Gips entfernt, wenn er festgestellt hat, dass der Bruch – ich sollte besser sagen die Brüche – gut verheilt sind.“
Angesichts dieser Hiobsbotschaft konnte Zoe ihre Tränen einfach nicht mehr zurückhalten. Noch während Ingrid sprach, spürte sie jede einzelne ihre Wangen hinunterrinnen. Sie weinte lautlos und drehte sich weg. Wie peinlich. Als erwachsene Frau sollte sie ihre Gefühle unter Kontrolle haben, sagte zumindest ihre Mutter. Aber Bilder ihres Ruins gingen durch ihren Kopf. Das war doch ein Grund zum Weinen. Zoe spürte eine warme Hand, die sich auf ihre rechte Schulter legte. Malin. Für einen Moment fühlte sie sich getröstet.
„Ingrid legt jetzt den Gips an. Bitte dreh dich nochmal um.“ Die Stimme sprach so mitfühlend mit Zoe, dass sie nicht anders konnte, als der Bitte Folge zu leisten. Malin reichte ihr ein Taschentuch. Sie schnäuzte sich mit einer Hand. Eine gute Übung für die nächsten Wochen. Die andere Hand würde sie nicht mehr benutzen können.
Ingrid stellte die zum Anlegen eines Gipses nötigen Utensilien zusammen. Sie lagen wohlgeordnet auf der Liege, auf der Zoe saß. Zuerst legte Ingrid zum Schutz der Haut ein Polster aus Frottee um den Arm. Zoe verzog ein paar Mal das Gesicht vor Schmerzen.
Ingrid erklärte, dass sie eine Glasfaserbinde benutzen würde. Sie arbeitete schnell, weil das Material innerhalb von wenigen Sekunden auskühlte. Nachdem der Gips angelegt war, griff sie mit den Händen um das Handgelenk, um sicherzugehen, dass es durch den sich aushärtenden Stoff nicht zusammengedrückt wurde.
„Steht dir ausgezeichnet“, urteilte Ingrid. Ihr Lächeln wirkte so ansteckend, dass Zoe nicht anders konnte, als zumindest ihren Mund zu verziehen.
„Du solltest mit der linken Hand möglichst nirgendwo anstoßen oder hängen bleiben. Das Material braucht zirka eine Stunde, bis es vollständig ausgehärtet ist. Normalerweise würde ich dich hier warten lassen, aber ich weiß ja, dass euer Schiff in weniger als 30 Minuten ablegt. Euer Taxifahrer Laurin steht schon bereit.“
Zu Malin gewandt fügte Ingrid hinzu: „Wenn ihr an Bord seid, zeigst du ihr, wie sie mit der Armschlinge umgehen soll, ja.“
„Vielen, vielen Dank, dass alles so reibungslos geklappt hat.“ Zoe schüttelte Ingrid zum Abschied kräftig die Hand. „Hätte nicht eigentlich eine Krankenschwester den Gips anlegen müssen?“
„Da hast du recht. Aber wenn alles seinen normalen Gang gegangen wäre, wärt ihr jetzt nicht auf den Weg zum Hafen.“ Ingrid zuckte mit den Schultern. „Sonst würdet ihr nicht rechtzeitig wieder an Bord sein. Eine Rechnung bekommst du aber trotzdem. Ich faxe sie aufs Schiff.“ Ingrid zwinkerte Zoe zu.
Zoe lächelte. „Selbstverständlich. Und noch einmal vielen Dank. Farvel og vi sees!“ Sie hoffte, den Abschiedsgruß Auf Wiedersehen und bis bald! richtig ausgesprochen zu haben.
„Vi sees!“ Ingrid umarmte Malin und richtete noch einige norwegische Worte an sie, bevor sie sich voneinander lösten und Malin Zoe zum Ausgang begleitete.
Wenige Sekunden vor dem Ablegen erreichten sie das Schiff– die Leinen waren schon gelöst und der dritte Ruf Minuten vorher erfolgt. Der erste Offizier – eine Frau – wartete an der Rezeption und klopfte mit dem Finger auf ihre Uhr. Gleichzeitig sprach sie in ihr Funkhandy und gab wahrscheinlich an den Kapitän durch, dass sie nun ablegen konnten.
„Wo wart ihr denn so lange? Wir haben schon überlegt, ohne euch abzulegen.“ Jorna Magnussen, wie Zoe dem Schild am Revers entnahm, hielt inne, als sie Zoes Arm in Gips gewahr wurde. „Was ist denn mit Ihnen passiert?“ Schrecken zeigte sich in ihren Augen.
Bevor Zoe zu einer Erklärung ansetzen konnte, hatte Malin Lorna schon in wenigen Worten auf Norwegisch die Sachlage erklärt. Wenigstens vermutete Zoe das. Mitleid zeichnete sich auf Frau Magnussens Zügen ab.
„Das tut mir sehr leid.“ Ein weiterer mitleidiger Blick traf Zoe. Mitleid fand sie in ihrer Situation völlig unangemessen. Sie brauchte jemanden, der für sie das Fotografieren übernahm. Sie seufzte wohlweislich innerlich, um nicht die nächsten mitleidigen Blicke zu ernten.
„Komm bitte mit ins Krankenzimmer“, forderte Malin Zoe auf. „Ich gebe dir noch eine professionelle Armschlinge und zeige dir, wie du sie festzurren kannst. Das wird dir das Halten des Arms mit der rechten Hand abnehmen und ihn ein wenig fester fixieren. Ich soll dir ein Schmerzmittel geben, für den Fall, dass der linke Arm sich meldet.“
„Takk“, sagte Zoe. „… für alles.“
„Gern geschehen.“ Malins tiefblauer Blick traf Zoe unerwartet mitten ins Herz, das plötzlich in einem rasenden Rhythmus pulsierte. „Ich verabschiede mich auch gleich von dir, weil ich morgen für drei Wochen Freizeitausgleich habe. Bei Schwester Viktoria, die mich ablöst, bist du in den besten Händen. Ich werde sie bitten, ein Auge auf dich zu haben. Mach´s gut.“ Malin streckte die Hand zur Verabschiedung aus.
Diese Information versetzte Zoe für einen Augenblick in eine Schockstarre. Das durfte nicht wahr sein. Ihre Retterin verließ das Schiff? Nein! Zoe musste das um jeden Preis verhindern. Innerhalb des Bruchteils einer Sekunde bildete sich eine Idee in ihrem wirren, überforderten Hirn. Sie brauchte Malin. Unbedingt. Zoe verweigerte ihr die rechte Hand.
„Du kannst nicht gehen.“ Zoe klang sehr eindringlich und verschränkte die Arme vor der Brust und ließ sie sofort wieder hängen. Ein stechender Schmerz schoss durch ihren gebrochenen Arm. Den Schrei unterdrückte Zoes so gut es ging. „Du bist die einzige, die mich retten könnte. Ohne dich verliere ich meinen Auftrag, und damit ist meine Existenz ruiniert.“
„So dramatisch wird es schon nicht sein.“
„Du ahnst ja nicht, um wie viel dramatischer die Situation sich darstellt. Ich würde dich gerne nach deinem Dienst in meine Kabine einladen.“ Zoe sah Malin flehend an. „Auf einen Kaffee oder Tee, was auch immer du magst.“
Malin schwieg. Zoe konnte sehen, wie es in ihrem Kopf ratterte. Doch plötzlich löste sich Malins ernste Miene in ein fröhliches Lächeln.
„Ich komme zum Tee in der Hoffnung auf lose Teeblätter.“
Zoe fiel ein Stein vom Herzen. Nun würde es sich doch noch auszahlen, dass sie neben ihrer schweren Ausrüstung ebenso wenig auf ein dickes Paket Darjeeling verzichtet hatte. Einen frisch aufgebrühten Tee für zwei würde sie so gerade noch hinbekommen mit einer Hand, hoffte sie wenigstens.
„Lass dich überraschen.“ Zoe lächelte verschmitzt. „Du findest mich auf dem Deck 7 in Kabine 775.“
„Das ist eine der Suiten mit Balkon, oder?“ Malin runzelte die Stirn. Zoe konnte ihr geradezu ansehen, dass sie sich darüber zu wundern schien, dass jemand, der eine solche Suite bewohnte, sich am Existenzminimum befinden sollte. Zoe nickte. Malins Irritation würde sie aufklären, wenn Malin sie besuchte.
„Dann bis nachher.“ Zoe winkte mit der unversehrten Hand.
„Schon dich einstweilen.“
„Mach ich“, rief Zoe schon ein paar Schritte vom Krankenzimmer entfernt. Sie würde sich gute Argumente zurecht legen müssen, um Malin davon zu überzeugen, ihr während ihres wohlverdienten Freizeitausgleichs zu helfen. Zuvor würde sie eine Ausbildung als Fotografin im Zeitraffer durchlaufen. Nur wusste si noch nichts davon.
Retterin in der Not
Zwischen Stockmarknes und Skjervøy
Ein Klopfen ließ Zoe in ihrem Sessel zusammenzucken. Sie erhob sich und rieb mit der rechten Hand über ihr Gesicht. Sie gähnte, bevor sie die Tür öffnete. Der „Ausflug“ ins Krankenhaus hatte sie mehr Kraft gekostet als gedacht. Vor ihr stand eine quicklebendige Malin. Die Energie, die sie versprühte, ließ Zoe ein paar Schritte zurückweichen. Malin hinderte die Tür mit der Hand daran zuzufallen. „Darf ich eintreten?“
„Aber natürlich. Entschuldige bitte, ich muss gerade eingenickt sein.“
„Das wundert mich nicht nach all dem, was dir heute passiert ist.“
Malin schien sehr einfühlsam zu sein, denn die Tür fiel nicht mit einem lauten Geräusch in die Angel, sondern wurde sanft geschlossen, so dass kaum ein „Click“ zu hören war.
„Nimm doch bitte Platz.“ Zoe zeigte auf die Sitzecke. „Ich koche uns eben einen Darjeeling. Ich hoffe, du magst ihn.“
Als von Malin keine Zustimmung kam, drehte Zoe sich um und sah eine Frau mit offenem Mund die Suite begutachten. Durch ihre offensichtliche Sprachlosigkeit schien Zoes Frage ungehört an ihr vorbei geplätschert zu sein. Zoe überraschte das nicht. Sie selbst hatte zweimal blinzeln müssen, nachdem sie die Suite zum ersten Mal mit Verstand betreten hatte. Ungläubig war sie von einem Highlight in dem recht großen Raum zum anderen gestürmt. Gegenüber der Sitzecke befand sich ein Mini-Schreibtisch. Rechts davon konnte sie einen Blick auf das Badezimmer werfen. Darin befand sich eine Badewanne mit Duschabtrennung. Trat sie aus dem Bad heraus, konnte sie sich gemütlich in das riesige Doppelbett fallen lassen. Das Bett mit seiner harten Matratze, durch ein bis zur Decke reichendes Regal von der Sitzecke abgetrennt, stellte sich als äußerst bequem heraus. Von allen Sitzgelegenheiten aus eröffnete sich ein fantastischer Blick nach draußen durch die riesigen Glastüren, die auf den Balkon führten. Zoe wohnte in einer Luxussuite, dennoch dem Anlass vollkommen angemessen. Von hier aus konnte sie die bestmöglichen Traumfotos schießen, die die Reederei sich wünschte.
Das Wasser kochte, und Zoe bereitete den Tee zu. Er sollte zwei Minuten ziehen. Sie stellte die Stoppuhr an ihrer Armbanduhr auf zwei Minuten ein – eins der wenigen Dinge, die ihr problemlos gelangen. Den wunderbar duftenden Tee servierte sie am Tisch zwischen Sofa und Sessel. Malin saß derweil in der Sitzecke und sah fasziniert durch die Glastüren auf das Wasser. Eine ruhige Fjordlandschaft zog in Zeitlupe vorbei. Die Ruhe, die Zoe bei diesem Anblick stets ergriff, schien auf Malin überzugehen. Sie wirkte tiefenentspannt.
„Wollen wir draußen sitzen?“, fragte Zoe. „Der Blick auf den Fjord von dort aus ist atemberaubend.“
Malin nickte. Sie erhob sich, übernahm die Teetasse, die Zoe ihr reichte, und öffnete die Tür zu dem kleinen Balkon. Zoe folgte ihr. Schweigend ließen sie die Landschaft an sich vorübergleiten.
Den Blick fest auf die an ihr vorbeigleitenden Felsen des Fjords gerichtet, durchbrach Malin die Stille: „Der Tee schmeckt sehr lecker.“
Zoe und Malin schwiegen ehrfürchtig in Betrachtung einer schroffen Landschaft, die sich mit gefälligeren Passagen abwechselte, jede eine dampfende Tasse aromatischen Darjeeling Tees genießend.
Zoe brannte eine Frage auf den Lippen: „Hast du dir die Suiten auf dem Schiff, auf dem du arbeitest, noch nie angesehen?“ Malins überraschtem Blick zufolge schien Zoe die Frage durchaus berechtigt zu sein.
Malin schien sich von dem Ausblick der Zeitlupenlandschaft regelrecht losreißen zu müssen, sah Zoe in die Augen und schüttelte den Kopf. „Zumindest habe ich sie noch nie aus der Innenperspektive gesehen“, flüsterte sie. Das Blau ihrer Augen leuchtete. Zoe musste sich abwenden, sonst hätte sie sich darin verloren und wäre nicht mehr in der Lage gewesen, Malin die für ihre Existenz wichtigste Frage zu stellen. Sie räusperte sich.
„Du hast gesagt, dass du morgen von Bord gehst und drei Wochen frei hast?“
„Das stimmt. Ich freue mich sehr darauf, einige Zeit mit meiner Familie zu verbringen.“
„Das kann ich mir gut vorstellen“, sagte Zoe. „Ich habe mit einer deiner Kolleginnen an Bord gesprochen. Sie hat neben dem Service noch zwei weitere Jobs auf dem Schiff. Gilt das auch für dich als Krankenschwester?“
„Normalerweise bin ich davon befreit, weil ich jederzeit für die Passagiere da sein sollte.“ Malin nahm einen Schluck aus ihrer Tasse. „Aber wenn der Baum brennt, helfe ich überall dort aus, wo Not an der Frau ist. Und eigentlich wird immer irgendwo eine helfende Hand benötigt. Die drei Wochen sind das Minimum an Freizeitausgleich.“
„Das unterschreibe ich sofort.“ Erst, wenn Zoe einen Auftrag beendet hatte, gönnte sie sich selbst eine ausreichende Pause, um für den nächsten Auftrag Energie zu tanken.
„Du hast nicht neben diesem wunderbaren Ausblick nach draußen zufällig einen Blick nach oben geworfen?“
Malin legte ihren Kopf, die Tasse in der Hand, in den Nacken. Mit großen Augen betrachtete sie eine Kamera, die an der Ecke sichtbar wurde. Fragend sah sie Zoe an.
„Ich bin Fotografin von Beruf“, erklärte sie. „Im vorletzten Jahr habe ich für die Postbudruten die Antarktis mit der MS Antarctica fotografisch erkundet.“
„Das Antarktis-Handbuch ist von dir?“, unterbrach Malin. Ihre Überraschung und Bewunderung waren nicht zu überhören. Zoe nickte.
„Ein toller Bildband mit so guten Texten, dass ich mir überlegt habe, auf dem Schiff anzuheuern, um in den Genuss der wunderbaren Landschaft zu kommen und all die Abenteuer zu erleben, die die Fotografin in Wort und Bild festgehalten hat.“
Ein unverhohlen bewundernder Blick traf Zoe. Sie lächelte. Malins Lob tat ihr gut. „Ja, die Mitglieder der Vorstandsriege der Postschiffe kriegten sich vor Begeisterung gar nicht mehr ein. Das hat mich natürlich gefreut. Außerdem bekam ich als Folge der guten Arbeit den Auftrag, das in die Jahre gekommene Postbudruten-Journal in Wort und Bild zu überarbeiten beziehungsweise neu zu gestalten. Und möglicherweise soll zu einem etwas späteren Zeitpunkt auch noch ein Film für die Webseite entstehen, um Lust auf die Reise zu machen.“ Zoe zeigte auf den Camcorder an der Wand über ihr. „Ich habe jedenfalls vorgesorgt.“
„Das war längst fällig. Das mit dem Journal, meine ich. Dieses Journal, das heute noch tausende von Passagieren durchblättern, wird fast gar nicht mehr verkauft. Es ist so altbacken und antiquiert. Man hat fast das Gefühl, die Fotos stammten vom Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie transportieren ein ganz falsches Bild unserer inzwischen ziemlich modernen Schiffe, die technisch auf dem neusten Stand sind. Außerdem bieten wir inzwischen ja auch eine große Palette an unterschiedlichsten Ausflügen an, die es zur Entstehung des ersten Journals noch nicht gegeben hat. Die Darstellung der Postschiffe in dem alten Journal hat rein gar nichts mehr mit der neusten Flotte der Postbudruten zu tun.“
Malins leidenschaftliche Rede deutete an, wie sehr sie sich mit ihrer Arbeitsstelle identifizierte. Vielleicht wäre das ein Ansatzpunkt für Zoes Argumentation, sie zu überzeugen, statt ihrer die Fotos zu machen.
„Ich hab´s gesehen und deshalb ein Konzept erarbeitet, wie ein völlig neues Journal entstehen kann.“
Zoe schaute finster drein, denn mit ihrem gebrochenen Arm würde sie außer den Aufnahmen vom Balkon nichts von dem zustande bringen, was sie sich vorgenommen hatte. Immerhin schmerzte der Arm nicht mehr, seit sie mit einem Gips herumlief und ein paar Schmerztabletten eingenommen hatte. Auf eine ganz andere Art schmerzte allerdings der Gedanke daran, ihren Beruf aufgeben zu müssen, wenn sie es nicht schaffte, Malin für ihr Projekt zu gewinnen.
„Das ist großartig.“ Malins Augen leuchteten vor Freude über die Neuauflage des Journals. „Und wie ich beim Lesen des Antarktis-Handbuchs feststellen durfte, bist du nicht nur eine Fotografin, die ihr Handwerk versteht. Du setzt ein Objekt so fantastisch in Szene, dass ich dachte, es sei das einzige auf der Welt. Außerdem haben mich deine Texte dazu sehr berührt.“ Malin schloss die Augen.
„Danke für deine Begeisterung und das große Lob. Doch dank meines kleinen Unfalls hier“, Zoe hob den Gipsarm in die Höhe, soweit es schmerzlos möglich war, „kann ich den Auftrag nicht erledigen und die Arbeit am Bildband nicht zu Ende führen.“
„Dann verschiebst du die Reise einfach, bis dein Arm wieder einsetzbar ist“, zog Malin den naheliegendsten Schluss. „Das ist doch eine Art höhere Gewalt.“
„Tja, wenn es so einfach wäre.“ Zoe machte ein Gesicht, als hätte sie auf eine Zitrone gebissen. Vor ihrem geistigen Auge sah sie sich bereits ihr Atelier aufgeben und ihre gesamte Kameraausrüstung verkaufen. Von diesem Auftrag, der zudem Folgeaufträge nach sich ziehen würde, hing alles ab.
„Dein Arbeitgeber macht knallharte Verträge“, konstatierte Zoe. „Wenn das Manuskript nicht vor Weihnachten druckfertig auf ihrem Tisch liegt, bekomme ich kein Geld. Ich gehe mit allem in Vorleistung. Deshalb musste ich sogar einen Kredit aufnehmen.“
„Echt?“ Zoe nickte. „Aber bis Weihnachten hört sich doch nicht so schlimm an. Wir haben Mai. Das kannst du doch locker schaffen, oder? Du musst nur die Strecke noch einmal fahren, sobald dein Arm wieder einsatzbereit ist.“
„Leider ist das keine Lösung. Zum einen ist der Termin vor Weihnachten knapp bemessen, weil ich das Material sichten muss, das sich auf der Reise ansammelt. Und da wird einiges zusammen kommen, wie ich aus Erfahrung weiß. Zum anderen muss aus den tausenden von Fotos eine Auswahl getroffen werden. Unter Umständen werde ich einzelne Aufnahmen bearbeiten. Und drittens soll ja auch noch ein Text entstehen. Alle Arbeitsschritte zusammengenommen sind enorm zeitaufwändig. Dazu kommt, dass diese Traumsuite mit Balkon“ Zoe zeigte mit ihrem rechten Arm auf den Raum „nur für diesen einen begrenzen Zeitraum für mich zur Verfügung steht, damit ich optimale Bedingungen zum Fotografieren vorfinde. Eine zweite Reise müsste ich selbst bezahlen. Das kann ich mir im Moment überhaupt nicht leisten. Mal abgesehen davon, dass ich in diesem Fall den Termin bis Weihnachten nicht mehr einhalten könnte.“
„Hast du keinen Mitarbeiter?“
„Ich musste all meinen Mitarbeitern kündigen, weil ich ihnen kein Gehalt mehr überweisen konnte. Mir steht das Wasser bis zum Hals. Wenn ich diesen Auftrag vermassele, war´s das mit meinem Geschäft und meinem Lebenstraum. Wenn dieser Auftrag den Bach runtergeht, bin ich pleite und die längste Zeit Fotografin gewesen.“
Zoe schluckte trocken. Tränen drängten nach außen. Sie wollte um Himmels willen nicht vor Malin weinen. Endlich auszusprechen, was die ganze Zeit in ihrem Kopf herumgeisterte, gab der Situation eine Endgültigkeit, die sich Zoe bisher nicht mit derartiger Deutlichkeit dargestellt hatte. Sie unterdrückte ein Seufzen und atmete ein paar Mal tief ein und aus.
„Das tut mir aufrichtig leid.“
Ein mitfühlender Blick traf Zoe. Sie drehte sich weg, um nicht doch noch in Tränen auszubrechen.
„Warum erzählst du mir das alles?“, fragte Malin.
„Weil ich hoffe, dass du Verständnis für meine Situation hast.“ Zoe sah fragend zu Malin herüber.
„Ich habe schon Verständnis für deine Lage, aber mir ist nicht klar, was du mir damit sagen willst.“
Lag es nicht auf der Hand, was Zoe wollte? Ganz offensichtlich erschloss sich Malin nicht, dass sie es war, die Zoe aus der Patsche helfen könnte. Zoe musste anscheinend deutlicher werden. Ihr Herz pumpte heftig. Ängstlich wartete sie auf Malins Antwort, die mit einer Ablehnung ihres Vorschlags Zoes Leben zerstören könnte. Aber es wäre ungerecht, Malin für etwas die Schuld in die Schuhe zu schieben, für das sie keine Verantwortung trug. Um den heißen Brei herumzueiern ergab überhaupt keinen Sinn. Zoe nahm all ihren Mut zusammen und stellte die alles entscheidende Frage: „Du hast ab morgen frei, wie du gesagt hast. Und ich brauche jemanden, der mir hilft, die Kameras nicht nur auf dem Schiff, sondern auch auf den Ausflügen zu bedienen. Könntest du dir vorstellen, diese Aufgabe zu übernehmen?“
„Du meinst, ich soll meine freien Tage opfern, um deine Arbeit zu erledigen?“ Malin klang regelrecht sarkastisch. „Ich brauche diese Tage, um mich für die nächste Schicht zu erholen und wieder fit zu sein. Einmal abgesehen davon, dass ich keine Lust habe, für den Rest der Fahrt in dieser Besenkammer von Kabine zu schlafen, in der sich meine Koje befindet. Zudem übernimmt die Kollegin sie morgen. Ohne Fenster wohlgemerkt. Mir stünde gar keine eigene Koje mehr zu.“ Malin verschränkte die Arme vor der Brust. „Das kommt überhaupt nicht in Frage, so leid es mir tut. Nein!“
Trotz Malins deutlich ablehnender Haltung sah Zoe einen Hoffnungsschimmer am Horizont, weil sie glaubte, ein kurzes Flackern von Interesse in Malins Augen gesehen zu haben. Für den Hauch eines Augenblicks, für ein Tausendstel einer Sekunde. Zoe müsste nur die richtigen Argumente finden, den entscheidenden Auslöser drücken. Hoffte sie.
„Nachdem die Reise beendet ist, bleibt dir noch mehr als eine Woche zum Ausruhen.“ Dieses Argument schien nicht den richtigen Nerv zu treffen. Malin gab ihre Abwehrhaltung nicht auf, zog gar ihre Arme noch näher zusammen.
„Du würdest mir dabei helfen, meine Existenz zu retten.“
Dieser Aspekt schien Malin schon eher zu beeindrucken, denn sie löste die Arme vor der Brust ein wenig.
„Und übernachten könntest du bei mir. Wie du gesehen hast, ist das Bett groß genug.“
„Du meinst, ich soll hier mit dir in einem Bett schlafen?“ Malin kniff die Augen zusammen, als wollte sie sagen, Zoe hätte nicht alle Latten am Zaun. „Mit einer wildfremden Frau?“
„Ich schlafe auf dem Boden“, bot Zoe an.
Malin löste nun doch die Abwehrhaltung auf und schien mit Amüsement Zoes Vorschlag zu verfolgen.
„Du hättest das Bett nur für dich.“
„Ach, und ich helfe dir beim Hinlegen und Aufstehen. Das kannst du nicht allein mit dem Gipsarm.“ Malins Augen lächelten, und ihre Mundwinkel zuckten, als stellte sie sich gerade vor, wie Zoe versuchte, sich mit einem Arm hinzulegen und aufzustehen.
Zoe erhob sich, stellte ihre Tasse auf die Ablage und eilte ins Wohnzimmer. „Komm mit, ich zeig´s dir.“
Aus dem Augenwinkel konnte sie Malins verschmitztes Lächeln sehen. Ihre Arme baumelten neben ihren Hüften. Ihre Haltung lockerte sich vollständig. Jetzt musste Zoe sich nur noch auf den Boden setzen und es schaffen, ohne Hilfe aufzustehen. Sie überkreuzte ihre Füße. Eine fließende Bewegung katapultierte sie mit einem nach vorn gestreckten Arm in die Hocke. Ein stechender Schmerz durchzuckte den Arm mit dem Gips. Zoe verzog keine Miene. Und nun das Ganze rückwärts, um wieder aufzustehen. Sie musste noch nicht einmal ihre gesunde Hand zum Abstützen benutzen. Das ging ganz einfach. Zumindest hoffte sie, dass es nach außen vollkommen unangestrengt wirkte.
„Wow, ich bin beeindruckt.“ Malins Lächeln verflüchtigte sich. „Dafür brauchst du starke Muskeln in den Oberschenkeln.“ Es lag eine Spur von Bewunderung in ihrer Stimme, als hätte sie Zoe eine kräftige Beinmuskulatur nicht zugetraut.
„In meiner Freizeit klettere ich sowohl in der Halle als auch draußen an ´echten´ Felsen.“ Zoe malte Anführungszeichen mit einer Hand in die Luft. „Da braucht man viel Kraft in den Beinen.“ Sie lächelte.
„Und was bekomme ich dafür, sollte ich in Erwägung ziehen, dir zu helfen?“, wollte Malin wissen.
Zoe ballte innerlich die Faust, als hätte sie diesen Sieg schon errungen. Das klang nicht mehr nach überzeugter Ablehnung. Natürlich wollte Malin eine angemessene Entlohnung für ihre Arbeit und für die Zeit, die sie investierte. Zoe musste vorsichtig mit einem Vorschlag sein. „Ich nehme mal an, dass ich dich nicht mit Geld beeindrucken kann?“
„Du vermutest richtig. Wahrscheinlich brauchst du sowieso jeden Öre, um deine Firma zu retten.“
„Das stimmt.“ Zoe nickte.
„Dann denk dir mal was aus, das mich vom Stuhl haut.“ Malin sah sie herausfordernd an und verschränkte die Arme abermals vor der Brust. Dieses Mal sollte die Geste wohl eher so etwas wie Herausforderung symbolisieren. Zoe dachte einen Moment über eine ausgefallene Idee nach. Sie lächelte von einem Ohr zum anderen, weil ihr etwas im Kopf herumschwirrte. Das könnte die Lösung sein. Malin würde nicht ablehnen können. Zumindest glaubte Zoe inständig daran.
„Mir scheint, du bist eine Freundin der guten Fotografie“, leitete Zoe ein. Ihren Bildband von der Antarktis zumindest hatte Malin vorhin in den höchsten Tönen gelobt. Dass sie sich den Band gekauft hatte, schien ein unverbrüchliches Zeichen ihrer Affinität zu wunderschönen Aufnahmen zu sein.
„Ich liebe die Fotografie“, schwärmte Malin, löste die Arme vor der Brust wieder und wartete offensichtlich gespannt auf Zoes Offerte.
Sehr gut. „Nachdem die Arbeit vor Ort abgeschlossen ist, treffe ich eine Vorauswahl der Fotos für das neu zu gestaltende Journal. Ich biete dir an, die erste Durchsicht vorzunehmen und dir das beste Foto auszusuchen. Ich werde ein Unikat in der von dir gewünschten Größe von einem dieser Motive anfertigen. Auf Leinwand mit oder ohne Rahmen, als Poster, auf Acrylglas oder auf Holz. Hintergrundbeleuchtung ist auch möglich. Ich kann dir Beispiele in meinem Atelier zeigen, damit du die Wirkung beurteilen kannst, die ein Bild auf dem jeweiligen Hintergrund entwickelt. Du suchst dir das Material aus, auf dem das Foto in einer für dich passenden Größe aufgebracht werden soll. Ich verwende das Bild kein zweites Mal und überlasse dir also ein Unikat. Alle Rechte dafür übertrage ich auf dich. Du erhältst eine Art Einzigartigkeits-Urkunde von mir.“ Zoe konnte Malins Gesichtsausdruck nicht deuten. „Wie findest du den Vorschlag?“
Endlich hellten sich Malins Züge auf. „Das würdest du wirklich tun?“
Zoe nickte. Sie sah die kleinen Falten auf Malins Stirn arbeiten.
„Dafür mache ich es. Und du schläfst auf dem Boden.“ Das hörte sich an wie ein Befehl. „Und du klärst mit meinem Boss, ob ich während meiner freien Zeit für dich arbeiten und in deiner Suite nächtigen darf. Ich möchte deinetwegen keinen Ärger bekommen oder gar meine Stelle auf dem Schiff verlieren. Ich liebe meine Arbeit nämlich, weißt du.“
„Wie ich meine.“ Zoe flüsterte. „Ich werde das gleich mit Frau Johansen am Telefon besprechen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie etwas dagegen hat, wenn sie von meinem Missgeschick erfährt.“ Zoe hielt ihren Gipsarm in die Höhe und grinste. „Ihr wird klar sein, dass ich mit einem derartigen Handicap den Auftrag nicht ohne Hilfe zu Ende führen kann.“
Aus der Ferne erklang ein Schiffshorn. Malin hechtete auf den Balkon, um den heftig winkenden Passagieren auf dem entgegen kommenden Schiff der Postbudruten zurückzuwinken. Währenddessen fand wildes Hupen statt, mit dem die Schiffe sich abwechselten, um die Freude des Treffens auszudrücken.
Fortsetzung folgt
Das Telefongespräch mit Frau Johansen als stellvertretender Geschäftsführerin verlief in Zoes Sinne. Es stellte weder ein Problem dar, Malin das Fotografieren übernehmen zu lassen, noch deren Übernachtung in Zoes Suite zu arrangieren. Frida Johansen zeigte Verständnis für Zoes Situation und trug ihr auf, Malin für ihre Bereitschaft zu danken, einen Teil ihres wohlverdienten Urlaubs dafür einzusetzen, Zoes Arbeit weiterzuführen. Zoe wünschte sie gute Besserung.
Darüber hinaus stellte die stellvertretende Geschäftsführerin eine schriftliche Mitteilung über die Ergebnisse der getroffenen Vereinbarungen in Aussicht, die sie auf die Polarsirkel faxen wollte, damit für alle Seiten Klarheit herrschte. Den Kapitän würde sie selbst in Kenntnis setzen. Sie zeigte sich ausgesprochen entgegenkommend und drückte Zoe gegenüber ihr Mitgefühl über die Situation aus.
Frau Johansens Fax traf bereits wenige Minuten nach ihrem Gespräch ein. Der Kapitän schickte einen Mitarbeiter in Zoes Suite, um ihr die nötigen Unterlagen auszuhändigen. Frau Johansen hatte sogar einen Ausdruck für Essensmarken in ausreichender Zahl beigefügt. Malin und sie konnten also ohne ein schlechtes Gewissen gemeinsam den Speisesaal aufsuchen.
Frida Johansen sagte sogar Versicherungsschutz für den Rest der Reise für Malin zu. Besser hätte das Gespräch mit der stellvertretenden Geschäftsführerin gar nicht laufen können. Darüber hinaus ließ Frau Johansen eine Bescheinigung ausstellen, die es Malin erlaubte, sich in Zoes Kabine aufzuhalten und von Bord zu gehen. Das Telefonat hatte Zoe ins Schwitzen gebracht. Sie wischte sich den Schweiß von der Stirn. Das Glück schien ihr trotz des gebrochenen Arms hold zu sein. Zoe fiel ein Stein vom Herzen, denn nun stand Malins Einzug in ihre Suite sowie ihrer Hilfe beim Fotografieren nichts mehr im Weg.
Zoe saß draußen auf dem Balkon mit halbem Ohr an der Tür, damit sie Malins Ankunft nicht verpasste. Malins lautes Klopfen war nicht zu überhören. Zoe eilte durch die Suite, öffnete die Tür und ließ Malin mit einem dick aufgeblähten Seesack eintreten, den diese vor dem Bett absetzte.
„Ich muss noch telefonieren, damit ich in Svolvær meinen zweiten Seesack mit frischen Klamotten in Empfang nehmen kann.“ Malin zog ihr Handy aus der Hosentasche und tippte eine Nummer ein. Mit wem sie sprach, konnte Zoe aus Malins Worten nicht heraushören. Sie verstand mal wieder kein einziges Wort. Die norwegische Sprache würde ihr auf ewig verborgen bleiben – von den üblichen Floskeln wie „Bitte“, „Danke“, „Guten Morgen“ und Ähnlichem einmal abgesehen.
Malin beendete ihr Telefonat. „Meine ganze Familie kommt zum Anleger am Hafen von Svolvær, um mir den Seesack mit frischer Wäsche zu bringen und mich für die kurze Zeit des Aufenthaltes zu sehen. Sie würden dich gerne kennenlernen.“
„Ich fürchte, das müssen wir auf später verschieben.“ Voller Schuldgefühle richtete sich Zoes Blick auf den Boden. „Postbudruten hat mir einen privaten Guide gebucht, der mich an die entlegensten Stellen der Lofoten bringt, damit ich überall exklusive Fotos schießen kann. Das Schiff nimmt uns an einem Hafen auf der anderen Seite der Insel pünktlich zum Ablegen um kurz vor zehn am Abend wieder auf. Es tut mir leid, aber dir wird nicht viel Zeit für eine Verabschiedung von deiner Familie bleiben.“ Zoe hob und senkte ihre Schultern voller Schuldbewusstsein.
Malin setzte ein Gesicht auf, das wohl so etwas wie „Das darf doch wohl nicht wahr sein!“ ausdrücken sollte. Zoe tat es wirklich leid, dass Malin außer ein paar Minuten nicht mehr Zeit mit ihrer Familie verbringen konnte. Aber zu ihrem Deal gehörte eben auch, dass Malin sofort zur Verfügung stand. Außerdem durfte Zoe nicht noch weitere Zeit verlieren. So gnadenlos das Schiff seinem Fahrplan folgte, so gnadenlos zogen die zu fotografierenden Highlights an Zoe vorbei. Höchste Zeit, endlich die Arbeit fortzusetzen.
„Weißt du eigentlich, dass du die meisten Dinge auch auf der Rückfahrt fotografieren kannst?“, fragte Malin mit hängenden Schultern und einer Spur von Resignation in der Stimme. „Du machst doch die ganze Reise mit, oder?“
Zoe nickte. „Leider sind nicht so viele der Häfen auf der Rückfahrt bei Tageslicht zu sehen. Deshalb hätte ich gern schon alles im Kasten, was geht.“
„Du fotografierst noch mittels der Methode der Daguerreotypie?“ Malin grinste.
„Nein. Natürlich fotografiere ich nicht mehr mit Platten. Zu viel Aufwand, zu viel Gewicht, zu viel Gift – obwohl diese Art der Fotografie sicher sehr reizvoll wäre.“ Sie grinste ebenfalls. „Aber du wirst es nicht glauben: Eine meiner Kameras ist eine Agfa Billy Record 7,7 Klappkamera aus dem Jahr 1956 mit einem Rollfilm 6 x 9 Zentimeter. Ich habe eine ganze Reihe der Filmrollen eingepackt.“
„Ist nicht dein Ernst.“ Malin riss die Augen auf. „Werden die heute überhaupt noch hergestellt? Ich kenne niemanden, der mit Filmen arbeitet, die erst entwickelt werden müssen. Viel zu umständlich.“
Zoe lachte. „Ich mache mir diese Mühe auch nur berufsbedingt. Es gibt genügend Freaks wie mich, für die es sich lohnt, solche Filme herzustellen. Ich beziehe sie von einer Firma, die sich auf die Formate alter Kameras spezialisiert hat. Es werden sogar Original Agfa Filme angeboten. Eine meiner Leidenschaften neben solchen Auftragsarbeiten hier …“ Zoe deutete mit ihrem gesunden Arm nach draußen, „… ist die Schwarz-Weiß-Fotografie.“
„Ich wusste gar nicht, dass es einen Markt für Schwarz-Weiß-Aufnahmen gibt. Kann man damit wirklich Geld verdienen?“
„Ich kann. Es gibt einen sehr kreativen Markt dafür.“ Zoe wurde ernst. „Ich nehme die Billy Record mit zu Auftragsarbeiten und erhoffe mir die eine geniale Aufnahme mit ihr. Eine einzige Aufnahme kann leicht einen vierstelligen Betrag erzielen. Mit Rahmen versteht sich.“ Sie sah in die Ferne, als sähe sie dort das nächste geniale Bild. „Das kann ich in diesem Fall leider vergessen. Ich kann noch nicht einmal den Film dafür einlegen.“
„Das könnte ich übernehmen“, bot Malin an. „Das Einlegen und das Fotografieren.“
„Das ist wirklich nett von dir, aber unsere Ausrüstung auf Ausflügen wird ohnehin schwer genug sein. Da ist die Billy Record nur im Weg. Doch wie ich mich kenne, werde ich das ein oder andere Mal nicht widerstehen können, sie doch mitzunehmen.“
Malin stutzte. „Was heißt schwer? Eine Kamera wird schon nicht so viel Gewicht haben.“
„Leider irrst du in dem Punkt, Malin.“ Zoe kramte ihre nahezu vollständige Fotoausrüstung hervor. Sie befand sich in einem wuchtigen Koffer, für den beim Fliegen stets zusätzliche Kosten anfielen, weil es sich um Sondergepäck handelte, das tatsächlich eine Sonderbehandlung erfuhr. Wenn der Koffer auch nur ein einziges Mal geworfen werden würde, wäre die Ausrüstung ruiniert. Einige wenige Airlines garantierten den sicheren Transport solchen Sondergepäcks. Zoe öffnete den Koffer, um Malin zu demonstrieren, welches Gewicht sie demnächst mitnehmen und tragen würden.
„Wie viel Übergepäck bezahlst du dafür?“ Mit weit aufgerissenen Augen starrte Malin auf das Monstrum von Koffer und seinen Inhalt.
„Ein Vermögen.“
„Und du bist wirklich allein unterwegs?“ Malin starrte regelrecht in den Koffer mit der Ausrüstung.
„Bin ich. Habe ich dir ja schon erzählt.“
„Stimmt.“ Malin tippte sich an die Stirn.
„Ich stelle gleich erst einmal das Nötigste zusammen. Den Rest teilen wir unter uns beim Tragen auf. Zum Glück habe ich zwei Rücksäcke dabei. Damit ist der Transport zu einem interessanten Objekt leichter.“
„Puh.“ Malin zappelte mit der rechten Hand hin und her. „Noch einmal davongekommen. Die Ausrüstung auf dem Rücken zu transportieren hört sich machbar an.“
Zoe nickte.
„Warum brauchst du so viele Kameras?“, wollte Malin wissen. „Ich habe im Urlaub nur eine einzige kleine Digitalkamera dabei und habe nicht das Gefühl, damit etwas zu verpassen.“
„Jede Kamera erfüllt einen anderen Zweck“, erklärte Zoe und nahm eine Kamera mit großem Objektiv aus dem Koffer. Mit einer Hand konnte sie sie wegen ihres Gewichts kaum halten. „Die zum Beispiel hat eine Art Mega-Zoom. Sie eignet sich entweder für Ziele, an die wir nicht nah genug herankommen – zum Beispiel an den Globus, wenn wir den Polarkreis überqueren oder wenn wir die Greifvögel bei der Seeadlersafari nah genug erwischen wollen, um spektakuläre Aufnahmen zu erhalten.“
Malin nickte und nahm die Kamera entgegen, die Zoe ihr nun reichte. Sie knickte ein, um das teure Gerät nicht fallen zu lassen. „Ich kann dir jetzt schon sagen, dass ich damit nicht werde fotografieren können. Sie ist wahnsinnig schwer.“ Sie gab die Kamera an Zoe zurück, die sie auf dem Boden absetzte.
„Du musst sie auch gar nicht festhalten.“ Zoe griff sich das Stativ aus dem Koffer. Malin half ihr beim Ausklappen, was mit einer Hand recht schwierig gewesen wäre. Zoe setzte die Kamera mit einem Schwung auf das Stativ. Es ertönte ein „Klack“.
„Jetzt ist die Kamera eingerastet und kann nicht mehr herunterfallen, weil wir die Füße des Stativs breit genug ausgefahren haben. Sie ist in alle Richtungen drehbar, und du kannst das Zielobjekt damit verfolgen und im richtigen Moment abdrücken. Eine der wenigen Aufgaben, die ich mit gebrochenem Arm selbst erledigen könnte, wenn sich das Boot, das uns zur Safari bringt, nicht ständig im Wellengang bewegen würde. Genau deswegen kann ich diese Fotos nicht machen. Ich werde dir zeigen, wie du mit der Kamera das perfekte Foto schießen wirst.“
„Das werden wir noch sehen.“ Eine gehörige Portion Skepsis schwang in Malins Tonfall mit. „Aber ich brauche ja auch Platz zum Fotografieren. Die Seeadlersafari ist fast immer ausgebucht.“
„Wir bekommen ein eigenes Boot an einer anderen Stelle. Wir können also schalten und walten, wie wir wollen, ohne dass uns jemand vor der Linse her tänzelt oder mit seinem Finger vor deiner Linse herumfuchtelt und das Bild ruiniert.“
„Wow, deine Bilder sind ihnen ganz schön was wert.“ Malin schien beeindruckt. Sie zog ihre Augenbrauen nach oben.
Das sieht süß aus. Zoe, reiß dich zusammen. Diese Frau, die dir aus der Patsche hilft, süß zu nennen, ist ja wohl vollkommen daneben. Sie räusperte sich.
„Auf den Ausflug zu den Seeadlern nehmen wir noch eine zweite Kamera mit einem Objektiv mittlerer Brennweite mit. Die Polarsirkel fährt hinter uns her, wenn wir zur Safari aufbrechen. Du wirst ein paar schöne Aufnahmen dieses stattlichen Postschiffes damit machen, bevor du die Adler mit dem Riesenzoom fotografierst.“ Zoe nahm eine Kamera mit einem nicht so großen Objektiv heraus. „Ich fange gleich an, dir die Funktionsfähigkeit der letzten Kamera zu zeigen. Den Umgang damit wirst du auf dem Balkon üben. Dieser Platz eignet sich hervorragend für deine ersten Fotos.“
Zoe folgte Malin auf den Balkon.
„Profis wehren sich gegen so ein ´Hundehalsband`, aber da du keiner bist, lege ich dir den Kameragurt um den Hals. Eine reine Sicherheitsmaßnahme, damit das Gerät nicht irreparabel kaputt ist, sollte es dir aus Versehen aus der Hand fallen. Du solltest dir angewöhnen, ihn anzulegen, sobald du eine Kamera in den Händen hältst.“
Malin nickte. Erleichterung zeigte sich auf ihrem Gesicht, als fiele eine Last von ihr. Allmählich schien sie zu begreifen, welche Verantwortung auf ihr lastete. Zumindest interpretierte Zoe Malins Gesichtsausdruck in dieser Weise.
„Alle Kameras haben einen Autofocus und automatische Blendeneinstellungen. Ich benutze beides in der Regel manuell. Dir das zu erklären, halte ich für viel zu kompliziert. Deshalb stelle ich überall die Automatik ein. Darf ich?“ Zoe kam Malin näher. Ein herber Duft stieg ihr in die Nase. Mh, riecht das gut! Zoe, mehr Konzentration, bitte! Es ging hier nicht um irgendwelche herrlichen Düfte, sondern um ihre Existenz. Eilig nahm sie die manuellen Einstellungen wieder heraus und stellte auf Automatik um. „Jetzt schau doch bitte einmal durch den Sucher.“
Zoe zeigte auf das kleine gläserne Rechteck. Sie vermutete, Malin kannte nur die großen Displays, auf denen der Bildausschnitt einer kleinen Digitalkamera zu sehen war.
„Vielen Dank auch. Ich bin ja keine Idiotin. So einen Sucher hat meine Lumix auch!“
„Sorry! Die meisten Menschen wissen nicht mehr, was ein Sucher ist. Es sollte nicht so klingen, als würde ich dich für doof halten“, sagte Zoe mit einem schiefen Lächeln. „Und schon gar nicht wollte ich besserwisserisch klingen.“
„Ist schon gut!“ Malin übernahm die Kamera, schlang den Gurt um ihren Hals und hob sie an, damit ihr rechtes Auge durch den Sucher sehen konnte.
„Am rechten oberen Rand befindet sich der Auslöser. Wenn du ihn vorsichtig herunterdrückst erscheinen eine Menge Zahlen im Sucher. Das kennst du sicher von der Lumix.“
„Hmhm!“ Malins konzentrierten Gesichtsausdruck kannte Zoe schon. Sie konnte also die Zahlen sehen.
„Du ignorierst sie einfach. Suche dir ein Motiv und achte darauf, dass es scharf zu sehen ist. Dann drückst du den Zeigefinger komplett herunter.“
Ein lautes „Klick“ erklang. „Dein erstes Foto mit einem Teleobjektiv, vermute ich.“
„Diesmal vermutest du richtig. Aber die Kamera mit dem Tele funktioniert ja genau wie deine anderen Spiegelreflexkameras, außer dass diese hier megaschwer ist. “
„Das hast du vollkommen richtig beobachtet. Die Ausrüstung in meinem Koffer bringt mich regelmäßig an den Rand meiner Leistungsfähigkeit, wenn es ans Tragen geht. Außerdem hat mich der Kauf der Ausrüstung damals ein Vermögen gekostet.“ Zoe lächelte. „Die Kameras funktionieren alle ähnlich. Und wenn du einmal das Prinzip kapiert hast, ist es ein Kinderspiel, damit umzugehen.“
Zoe nahm Malin die Kamera aus der Hand, um sich das Foto anzusehen. „Schau! Das Foto ist dir gut gelungen. Mach noch ein paar und suche dir so viele Motive wie möglich.“ Sie reichte Malin die Kamera ein zweites Mal.
Zoe setzte sich auf einen der Liegestühle. Sie spürte die Anstrengung, Kameras zu heben und zu halten sowie deren Handhabung zu erklären. Außerdem schmerzte der linke Arm etwas und erinnerte sie daran, dass sie ihn ruhig halten sollte. „Ich werde sicher ab und an für ein unbewegliches Ziel die Einstellungen manuell verändern. Wir probieren einfach verschiedenes aus.“
„Klingt gut.“
Zoe sah Malin die Kamera auf Augenhöhe heben und hörte sie in kurzen Abständen auf den Auslöser drücken. Voller Enthusiasmus und Ernsthaftigkeit, wie Zoe zu beobachten glaubte. Dabei zeigte sich immer wieder Malins Zunge im rechten Mundwinkel. Niedlich. Zoe schloss die Augen, um sich von dieser mimischen Niedlichkeit ihrer Aushilfs-Fotografin nicht aus dem Konzept bringen zu lassen.
„Ach, übrigens“, Zoe versuchte, beiläufig zu klingen, als Malin nach einer erklecklichen Zahl von Fotos die Kamera aus der Hand legte – allesamt mit einem Blick fürs Wesentliche, wie Zoe bei der Durchsicht feststellte. „Ich habe vorhin ein Fax von Frau Johansen bekommen. Sie hat sämtliche Gesprächsvereinbarungen bestätigt und dir Versicherungsschutz garantiert.“
„Wow“, zeigte Malin sich beeindruckt. „Das neue Journal muss der Chefetage wirklich wichtig sein, sonst hätten sie nicht die meiner Meinung nach beste Fotografin der Welt engagiert und auch noch ihrer dilettantischen Helferin Versicherungsschutz gewährt.“
Zoe spürte die Röte vom Hals an aufsteigen und ihr Gesicht überfluten. „Was ich nur recht und billig finde. Und ob du tatsächlich dilettantisch bist, werden wir erst noch sehen.“
Schnellkurs Fotografie
Den ganzen Nachmittag über erklärte Zoe ihrer Fotoassistentin Malin, wie man mit der Kamera arbeitete und welche Möglichkeiten sie bot. Malin schoss zahllose Fotos, die Zoe anschließend mit ihr analysierte. Zoe beobachtete, dass Malin ihr aufmerksam folgte und ihre Tipps zur Optimierung ausgesprochen akribisch notierte. Ihr gefiel das kleine schwarzweiße Notizbuch, in das Malin mit einem Füllfederhalter schrieb. Sie schien es selbst gestaltet zu haben, denn eine Collage aus Zeitungsartikeln zierte Vorder- und Rückseite des Einbandes.
„Gefällt es dir?“, fragte Malin, der offensichtlich Zoes Starren nicht entgangen war.
„Sehr.“ Zoe nickte. „Es sieht selbst gemacht aus.“
„Ist es tatsächlich, …“ Malin hörte auf zu schreiben und platzierte ihren Zeigefinger zwischen die Seiten des Büchleins, „… aber nicht von mir. Ich habe es von einem mir sehr lieben Menschen geschenkt bekommen.“ Malins Blick schweifte in die Ferne, als tauchte dieser liebe Mensch vor ihrem geistigen Auge auf. Ein Ruck durchfuhr sie, und sie schien zurück in die Gegenwart zu finden.
„Ich könnte mir eine Collage als Einband für das Journal ganz gut vorstellen. Wenn du willst, helfe ich dir dabei. Was hältst du davon?“
„Bisher hatte ich eher daran gedacht, eines der Schiffe für die Einbandgestaltung zu nehmen. Ich muss darüber nachdenken.“ Zoe verpackte die Spiegelreflex in die dafür vorgesehene Tasche. „Für heute ist jedenfalls Schluss mit der Analyse. Ich bin ganz zufrieden mit dir.“ Zoe lächelte. „Du machst gute Fortschritte.“
Zoe beobachtete, dass Malins Fotos von Aufnahme zu Aufnahme an Tiefe gewannen. Nach und nach befreite sich Malin von der Freizeitfotografin, die sie bisher gewesen zu sein schien. Zumindest gewann Zoe diesen Eindruck. Malin selbst erklärte, dass ihre letzten privaten Aufnahmen nichts mit denen einer professionellen Fotografin gemein hatten. Sie wäre bisher vollkommen anders ans Fotografieren herangegangen.
Zoe freute sich darüber, dass Malin als gelehrige Schülerin ein Motiv intuitiv richtig in Szene setzte. Zoes Panik jedenfalls, die sie seit ihrem Krankenhausbesuch verfolgte, löste sich nach und nach in Luft auf. Ihre Skepsis, keine perfekte Arbeit abzuliefern, flaute mehr und mehr ab. Die Situation mit ihrem gebrochenen Arm stellte sich längst nicht so dramatisch dar wie noch beim Eingipsen ihres linken Arms. Ob Malin allerdings im freien Gelände ebenso gute Fotos gelingen würden, wagte Zoe nicht zu prognostizieren. Ihr Magen knurrte laut und deutlich. Malin und sie hatten sich bei der Arbeit keine Pause gegönnt. Zoe schlug vor, zum Essen zu gehen. Sie beide brauchten mal ein wenig Abwechslung. Im Restaurant würden sie sich dem Smalltalk hingeben.
Vollkommen erschöpft schlichen sich die beiden in den Speisesaal. Zoes konzentrierte Analyse der Aufnahmen, die Malin gemacht hatte, sowie ihre auf deren Fehler abgestimmte Tipps, wie ein Motiv perfekt festgehalten werden konnte, hatten Zoe dermaßen ermüdet, dass sie am liebsten sofort ins Bett gegangen wäre. Ein ums andere Mal unterdrückte sie ein Gähnen.
Zoe füllte den Teller am Buffet bis zum Rand und konnte ihn kaum zum Tisch tragen, so entkräftet fühlte sie sich. Malin beantwortete ihren Kolleg*innen geduldig ihre neugierigen Fragen, warum sie auf der anderen Seite des Büffets auftauchte und nicht in ihrer wohlverdienten Auszeit weilte. Der Kapitän winkte von seinem Platz aus freundlich zu ihrem Tisch hinüber. Er wusste natürlich von Malins Erlaubnis, sich als Gast im Restaurant aufhalten zu dürfen.
„Die Jungs und Mädels sind echte Informationsschleudern.“ Malin beugte sich zu Zoe hinüber. Sie flüsterte, damit nicht jeder verstehen konnte, was sie sagte. „Um nicht zu sagen Tratschweiber und -kerle. Bald wird die ganze Mannschaft wissen, warum ich nicht in meinem Urlaub bin, sondern hier mit dir am Tisch sitze.“
„Ist dir das unangenehm? Soll ich uns das Essen beim nächsten Mal lieber auf die Kabine bringen?“ Zoe runzelte besorgt die Stirn.
„Wieso sollte es? Deshalb habe ich dich ja darum gebeten, bei den Chefs das Okay für mich einzuholen, mich quasi als Passagierin auf dem Schiff bewegen zu drüfen. Ich kann ruhigen Gewissens hier mit dir sitzen. Niemand kann etwas dagegen sagen, weil ich von ganz oben die Berechtigung habe, mich am Büffet zu bedienen. Ich tue also nichts Verbotenes, was wir geheim halten müssten.“
Malin schnitt ihr Steak in zwei Teile und bewunderte andächtig – wie Zoe schien – die Perfektion der Garstufe.
„Ich bin nur froh, dass sich diese Neuigkeit dank meiner lieben Kollegen in Windeseile herumsprechen wird und ich es nicht jeder einzelnen Person in der Crew persönlich mitteilen und erklären muss.“ Sie strich ein wenig Barbecuesoße auf den Steakhappen und verputzte ihn.
„Ich wusste gar nicht, dass die Passagiere dasselbe bekommen wie wir.“ Malins Miene wirkte überrascht.
„Warum sollte es auch nicht so sein?“, fragte Zoe. „Es bleibt sicher eine Menge vom Büffet übrig.“
„Ich bin einfach davon ausgegangen, dass die Gäste exklusivere Lebensmittel serviert bekommen als die Crew.“
„Und du meinst, das Personal muss nicht so exklusiv essen?“ Zoe schob sich ein Stück vom perfekt gegrillten Lachsfilet in den Mund. Eine Explosion der Geschmäcker breitete sich in ihrem Mund aus. Für einen Moment schloss sie ihre Augen und gab sich dem Zauber hin.
Malin nickte. „Ich finde das durchaus, habe aber nicht gedacht, dass die Crew in den Augen der Reederei denselben Stellenwert hat wie die Passagiere. Ich bin positiv überrascht.“
Genießerisch leerten sie ihre Teller. Zoe holte sich ein kleines Dessert-Ensemble von Büffet. Malin blieb sitzen.
„Magst du nicht von diesem wunderbaren Dessertarrangement probieren?“ Zoe schob sich genüsslich einen Löffel mit der köstlichsten Mousse au Chocolat in den Mund, die sie je zu sich nehmen durfte.
„Lieber nicht.“ Malin hielt sich den Bauch. „Wenn ich so weiteresse wie heute, nehme ich fünf Kilo zu.“
Zoe sah Malin kopfschüttelnd an. „Selbst, wenn du so viel zunehmen würdest – was ich nicht glaube, weil du für das Fotografieren all deine Energie brauchst – hättest du immer noch eine tolle Figur.“ Zoe errötete und sah auf ihren Teller. So etwas Unangemessenes hatte sie gar nicht laut sagen wollen. Es war ihr einfach entschlüpft.
„Du kannst mir noch so wunderbare Komplimente machen, aber das Dessert werde ich nicht anrühren.“ Malin trank einen Schluck Wasser und sah aus dem Fenster. Bullaugen gab es auf diesem Schiff kaum, allenfalls auf den unteren Decks.
„Du verpasst echt was.“ Zoe sah auf und verkniff sich beim Anblick von Malins Profil mit zwei süßen Grübchen auf der Wange ein „Wie niedlich!“ und widmete ihre volle Aufmerksamkeit dieser erneuten Gaumenexplosion, denn nicht nur die außergewöhnlich leckere Mousse war das Beste der Nachtische, die Zoe bisher auf dem Schiff gegessen hatte. Die anderen Desserts standen ihm in nichts nach. Das war Küche auf höchstem Niveau.
Der erste gemeinsame Abend
Nach dem Essen machten Zoe und Malin es sich in Zoes Kabine gemütlich. Zoe schlug vor, den Abend auf dem Balkon mit einem Glas Wein ausklingen zu lassen. Malin holte sich den Schreibtischstuhl und überließ Zoe damit die Liege. Die Polarsirkel steuerte vom letzten Hafen aus in Richtung des offenen Meeres. Eine Weile zog die Fjordlandschaft an ihnen vorüber, während die beiden ihr schweigend dabei zusahen. Da die Sommersonnenwende mit Riesenschritten herannahte, wurden die Tage immer länger. Obwohl die Uhr bereits nach zehn zeigte, hätte man mit ein wenig Mühe sogar noch ein Buch ohne Licht auf dem Balkon lesen können.
Kälte kroch durch Zoes Gliedmaßen. Es gelang ihr nur mit Malins Hilfe, eine Jacke überzuwerfen. Ihr graute bereits davor, sich bei den Außenterminen warm genug anziehen zu müssen. Mit dem Gipsarm ging eine schmerzlich einschränkende Unbeweglichkeit einher. Allein würde sie es nicht hinbekommen, in ihre dicke Jacke zu schlüpfen. Dazu käme, dass sie während eines Ausflugs in wärmender Kleidung weniger wendig wäre, was das Bedienen der Kamera anging. Hat die Ärztin nicht empfohlen, deinen Arm ruhig zu halten? Zoes Gewissen meldete sich. Sie schob den Gedanken beiseite und hielt den Gips so ruhig sie konnte, das musste reichen. Malin gegenüber hatte sie etwas ähnlich gesagt, als diese darauf hinwies, sie sollte den Arm mehr schonen.
„Der Wein ist nicht aus unserem Sortiment, oder?“, fragte Malin, während sie das Etikett betrachtete.
„Nein.“ Zoe hielt ihr Glas gen Himmel, den sie durch den Weißwein hindurch sehen konnte. „Ich habe zwei Flaschen aus Ägypten mitgenommen, als ich dort an einem Bildband archäologischer Ausgrabungen gearbeitet habe.“
„Der schmeckt jedenfalls sehr kräftig. So mag ich Weißwein.“ Zoe beobachtete Malin dabei, wie sie einen kleinen Schluck nahm und die Augen schloss. Sie konnte nicht wegsehen. Sie wurde magisch angezogen von dem Licht des aufgehenden Mondes, das Malins Gesichtszüge feinzeichnete, als hätte jemand einen Weichzeichner benutzt. Wie gern hätte Zoe ihre Porträtkamera zur Hand genommen und eine ganze Serie an Fotos von diesem sie verzaubernden Gesicht gemacht. Und Zoe fand, Malins Faszination ging nicht nur von ihren feinen Gesichtszügen aus, sondern von der Person im Ganzen.
„Was für Aufträge du so bekommst. Das muss spannend sein“, ergriff Malin das Wort, während ihre Augen in die Ferne schweiften. Vor ihrem inneren Auge sah Zoe Malin mit einer Kamera an einem Ausgrabungsort herumlaufen und ein Foto nach dem anderen schießen. Zoe fühlte Malins Blick auf sich.
„Es muss doch nicht nur äußerst aufregend sein, eine Ausgrabung fotografisch zu begleiten. Du wirst dabei sicher eine Menge Geld verdienen. Wieso krebst du finanziell am Abgrund?“
Okay. Malin wollte es genau wissen. Aus deren Sicht erschien es eine berechtigte Frage. Zoe beschloss, nicht um den heißen Brei herumzureden, sondern Malin die Wahrheit zu sagen, damit sie Zoes Existenzängste nachvollziehen konnte.
„Den Auftrag in Ägypten habe ich vor meiner ersten Fahrt mit den Postbudruten in die Antarktis bekommen. Meine Partnerin und Lebensgefährtin hat mich verlassen, während ich den Auftrag auf der MS Postbudruten erledigt habe. Sie hat unser gemeinsames Konto leergeräumt. Die ziemlich beeindruckende Summe, die der Bildband über die Ausgrabungen erzielt hatte, befand sich bereits auf unserem Konto. Es war ein Leichtes für Petra, es zu plündern, weil wir natürlich beide darauf zugreifen konnten und ich während eines Auftrags etwas anderes zu tun habe, als mein Konto zu überprüfen. Ziemlich naiv – im Nachhinein betrachtet.“
„Du hast ihr vertraut.“ Malin sah sie mit großen Augen an, als fiele es ihr schwer zu glauben, dass die vertrauteste Person in jemandes Leben zu so etwas fähig sein konnte. „Warum hat sie das gemacht? Kannst du dir das Geld nicht zurückholen?“
Malin schien die Tatsache, dass Zoe mit einer Frau zusammen gewesen war, vollkommen zu ignorieren oder unbedeutend zu finden. Sie schien sich lediglich darum zu sorgen, dass Zoe um ihr hart verdientes Geld betrogen worden war. Ihr fiel ein Stein vom Herzen, dass Malin kein Gehabe darum machte, dass sie mit Frauen lebte.
„Sie hat sich in eine andere verliebt. Das Geld gehört zwar nur zur Hälfte ihr, aber ich müsste sie verklagen, um an meinen Anteil zu kommen. Ich könnte meiner Anwältin noch nicht einmal Petras neue Adresse nennen. Eine Anklage hätte deshalb wohl wenig Chancen. Sie hat sich mit der anderen Frau und meinem Geld aus dem Staub gemacht.“
Zoe wischte sich eine Träne aus dem Gesicht. Der Schmerz saß verdammt tief, obwohl Petra schon seit über drei Monaten nicht mehr in ihrem Leben war. Es tat weh, an die ehemalige Geliebte zu denken. Niemals hätte Zoe es ihr zugetraut, sie an den finanziellen Abgrund zu stoßen. Sie spürte eine warme Hand an der Schulter des gebrochenen Arms. Zoe drehte sich um. Malins Miene drückte so etwas aus wie „Es tut mir so leid.“ Malins Mitgefühl tat gut. Dazu diese betörende Wärme ihrer Hand, die Zoe geradezu entflammte. Ihr Herz klopfte bis zum Hals. Sie legte ihre gesunde Hand auf Malins und nickte ihr zu. Ein stiller Dank für diese tröstende Geste.
„Tja, und genau deshalb muss ich diesen Auftrag unbedingt zu Frau Johansens Zufriedenheit erfüllen. Sonst kann ich einpacken und einen Offenbarungseid ablegen.“
Die Tränen flossen nun doch noch. Obwohl Zoe sich so dagegen wehrte, stürzten sie nur so aus ihr heraus. Malin kam auf sie zu, kniete nieder und umarmte sie. Ihre Hände streichelten sanft über Zoes Rücken. Langsam beruhigte sie sich, wollte aber diese wunderbare Nähe zu Malin noch nicht aufgeben. Auch Malin schien keine Anstalten machen zu wollen, sich aus der Umarmung zu lösen. Stattdessen näherte sie sich Zoes Ohr und flüsterte: „Ich bin froh, dass du mir diese Geschichte erzählt hast. Ich hätte sonst geglaubt, du würdest dich mit meiner Hilfe nur noch mehr bereichern wollen. Nicht jede hat das Geld, sich so eine Suite zu leisten.“
„Ich kann dich nicht einmal bezahlen, weil ich die Einnahmen brauche, um mein kleines Unternehmen zu sanieren“, flüsterte Zoe zurück.
„Dass du mir angeboten hast, mir einen Abzug von einem deiner Bilder zu schenken, dem ich eine Wand in meinem Haus frei halte, ist für mich Lohn genug. So ein Unikat ist etwas Einzigartiges, das sonst niemand hat. Und ich darf mir sogar ein Motiv aussuchen. Das ist wirklich mehr als genug Belohnung für meine Unterstützung.“ Malin holte Luft. „Ich werde mir alle Mühe bei meiner Arbeit geben. Das verspreche ich.“
Zoe konnte förmlich den riesigen Felsbrocken von ihrem Herzen poltern hören. Malin wollte ihr Bestes geben, um Zoes Auftrag zu erfüllen. Sie hoffte nur, es würde ihren eigenen Ansprüchen genügen. Sie löste sich von Malins wärmendem Trost und schlug vor, ins Bett zu gehen. Ein anstrengender Tag lag vor ihnen, der ihre volle Konzentration erforderte.
Tag 5
Die Polarkreistaufe
Während des Frühstücks gähnten Zoe und Malin sich an. Keine von ihnen brachte ein Wort heraus. Unter den Passagieren hingegen herrschte geschäftiges Treiben. Auf dem Weg in die Kabine wunderte Zoe sich darüber. Malin erklärte ihr, dass gegen halb elf die Polarkreistaufe stattfinden würde – das Ereignis auf jedem Postschiff gen Norden.
„Das müssen wir einfach fotografieren. Dieser Spaß gehört unbedingt in das Journal.“
„Das steht gar nicht auf meinem Plan.“ Zoe runzelte die Stirn. Merkwürdig, dass Frau Johansen ein so wichtiges Detail der Reise ausgelassen hatte. Aber bei einer Taufe wären sicher eine Menge Leute anwesend. Das passte nicht in ihr Konzept. „Ich wollte eigentlich den Polarkreis ablichten. Das schaffen wir zeitlich ja gar nicht.“ Zoe überlegte, wie sie beide Ereignisse unter einen Hut bringen konnten und teilte im Geiste bereits die Kameras unter ihnen auf. Sie öffnete die Tür zur Kabine. Auf dem Weg zu ihrem Kamerakoffer spürte Zoe Malins warme Hand an ihrer Schulter. Ein wohliger Schauer lief über ihren Rücken.
„Entspann dich“, sagte Malin, die offensichtlich nicht nur das richtige Motiv, sondern auch Zoes Anspannung erspüren konnte. „Die Taufe findet kurz nach dem Passieren des Polarkreises statt, damit die Passagiere vorher ihre Fotos von der Weltkugel machen können. Außerdem kommen wir auf dem Rückweg noch einmal tagsüber daran vorbei.“
Zoe fiel eine Last von den Schultern. In diesem Punkt ließen ihre Vorbereitungen offensichtlich zu wünschen übrig. Sie beglückwünschte sich dafür, in Malin eine so fähige Assistentin an ihrer Seite zu haben, die sie auf solche Feinheiten aufmerksam machte.
Sie beschlossen, mit insgesamt drei Kameras bei der Taufe zu arbeiten. Zoe demonstrierte, wie Malin das Stativ, das sie aus dem Rucksack holte, standfest aufbauen konnte. Malin sollte es am Whirlpool platzieren. Von dort würde die Kamera alle paar Sekunden oberhalb des Polarkreistaufen-Szenarios auslösen, ohne dass eine von ihnen dabei sein musste. Malin sollte die Kamera mit einem Normalobjektiv nehmen und in der Menge herumlaufen, während Zoe selbst die Porträtkamera mit einem Einbeinstativ verwendete. Sie würde sich an der Reling gelehnt im Hintergrund halten. Die Taufe sollte nicht nur für die Passagiere eine große Rolle spielen, sondern auch zu einer guten Übung für Zoe und Malin als Team werden. Außerdem wäre es für Malin ein gutes Training mit ihrem neuen Arbeitsgerät.
Die beiden bereiteten die Kameras sowie die Standorte für die Polarkreistaufe vor. Zoe platzierte sich an der Reling. Von dort hatte sie einen guten Überblick über diese Seite des Decks. Als die Stimme der norwegischen Reiseleiterin in mehreren Sprachen verkündete, dass die Polarsirkel in Kürze den Polarkreis auf der Backbord-Seite passieren würde, geriet die Menge der Passagiere auf dem Sonnendeck in Bewegung. Wie einige andere Gäste postierten sich die beiden Fotografinnen auf der linken Seite des Schiffes an der Reling und betätigten die Auslöser an den Kameras unzählige Male, bis die Weltkugel, die den Polarkreis symbolisierte, in der Ferne verblasste. Das Passieren der Weltkugel löste ein mehr oder weniger harmonisches Klick-Konzert aus. Sobald die Kugel vorübergezogen war, war kein Fotoapparat mehr zu hören. Stattdessen setzte ein Getrappel von Schuhen ein und sämtliche Passagiere liefen im Eilschritt vor den Schornstein an Deck. Dort sollte die Polarkreistaufe stattfinden.
Zoe und Malin zogen sich zu ihren Standorten zurück, von denen aus sie die Durchführung der Taufe im Bild festhalten würden. Später in der Kabine wollten sie die Fotos sichten. Nun mussten sie sich sputen, die vorgesehenen Plätze einzunehmen, denn der Kapitän marschierte strammen Schrittes mit seinem Gefolge an der Schlange der Wartenden vorbei zum Ort des Geschehens. Ein aufgeregtes Geplapper setzte ein, während die Menge der Taufe gelassen oder nervös entgegensah.
Die benötigten Utensilien harrten bereits ihrer Verwendung. Ein riesiger Kübel mit Eiswürfeln ragte hoch auf einem Tisch heraus. Daneben reihten sich unzählige Pinnchen mit Schnaps gefüllt auf – sicher Aquavit. Zoe schüttelte sich. Mit Schnaps konnte man sie in die Flucht schlagen. Erleichterung flammte in ihr auf, auf der anderen Seite der Party zu stehen.
Es ging los. Bewegung kam in die lange Schlange von Menschen, die nun ungeduldig nach vorn drängelten. In freudiger Erwartung auf einen oder mehrere Eiswürfel im Nacken – die eigentliche Taufe – sowie einen eiskalten Aquavit, der die Kehle kühlen und den Körper wärmen sollte als Belohnung für den erlittenen Kälteschock, zappelten die Leute hin und her. Aus sicherer Entfernung schoss Zoe ein Foto nach dem anderen, begleitet von dem Gekreische der Menschen und ihren verzerrten Gesichtern, wenn die Eiswürfel auf warme Haut trafen und im Ausschnitt oder im Rücken zerschmolzen. Der Kapitän bedachte jeden einzelnen Mutigen, der sich dieser Prozedur unterwarf, mit ein paar huldvollen Worten und einem festen Händedruck. Eine Gaudi für alle Beteiligten. Sowohl der Kapitän als auch die übrigen Teilnehmenden schienen ihren Spaß zu haben – vollkommen unverständlich für Zoe, die sich in die letzte Ecke verkrochen hätte, um sich dieser Prozedur nicht aussetzen zu müssen, wäre sie ein normaler Gast gewesen.
Die Menge löste sich auf, bis auch der letzte Passagier – sich vor Vergnügen und Erschauern schüttelnd – in seine Kabine oder sonst wohin zurückzog. Zeit für Zoe und Malin, die Kamera am Pool einzusammeln und sich in die Kabine zu begeben, um sich der Qualität der Fotos zu vergewissern.
Zoe konnte ihre Begeisterung über die Güte von Malins Fotos kaum zurückhalten. Malin hatte während der Polarkreistaufe mehrfach die Position gewechselt, sich unerschrocken in die Menge gestürzt und die Menschen in allen möglichen Positionen im Bild festgehalten. Malins Aufnahmen zeichneten ein Gespür aus, den Auslöser genau im richtigen Moment zu betätigen. Das machte zum großen Teil ihre mangelnden technischen Kenntnisse über das Fotografieren wieder wett.
„Du bist ein Naturtalent“, schwärmte Zoe. „Ich frage mich gerade, warum ich eine mehrjährige Ausbildung gemacht hab und währenddessen viele Fotos und viele Fehler machen musste, um so weit zu kommen, wie du es offenbar schon an einem Tag Übung gebracht hast. Du hast nach ein oder zwei Tagen Arbeit mit der Kamera ziemlich viel über den magischen Moment, den Auslöser zu drücken gelernt.“
Zoe beobachtete die Röte, die Malin ins Gesicht schoss. „Übertreib mal nicht, sondern warte mal ab mit deinem Lob über den grünen Klee. Das `Talent´“ Malin malte Anführungszeichen in die Luft „wird sich verflüchtigen, sobald die wirklich anspruchsvollen Aufgaben auf mich zukommen.“ Sie beugte sich über den PC und sah Zoe beim Scrollen über die Schulter.
„Jo, die sind mir wohl ganz gut gelungen.“ Freude über ihren offensichtlich guten Auftakt schwang in Malins Stimme mit. Mit recht konnte sie stolz auf sich sein.
„Stell dein Licht mal nicht unter den Scheffel“, sagte Zoe. „Es ist gar nicht so einfach, einzelne Personen einer sich bewegende Menschenmenge optimal ins Bild zu setzen und sie im richtigen Augenblick abzulichten. Ich bin sehr zufrieden mit deiner Arbeit.“
Zoe erhob sich und umarmte eine augenscheinlich überraschte Malin spontan. Es dauerte ein paar Sekunden, ehe Malin sich auf die Umarmung einließ. Zoe flüsterte ihr ein „Danke!“ ins Ohr und löste sich von ihr.
Sie musste sich abwenden, denn die Umarmung brachte ihr Herz zum Davongaloppieren. Der warme und weiche Körper, der sich schließlich an sie geschmiegt hatte, weckte Gefühle in ihr, die sie lieber nicht genauer untersuchen wollte und am liebsten unter Verschluss halten würde. Sie nahm sich vor, mehr professionelle Distanz zu wahren.
Zoe setzte sich noch einmal an den Laptop, um die Fotos aus ihrer eigenen und der Kamera am Whirlpool zu sichten. Erwartungsgemäß befanden sich eine ganze Reihe verwackelter Bilder von der Kamera auf dem Stativ darunter, aber erfreulicherweise waren auch ein paar brauchbare Schnappschüsse dabei. Sogar ihre eigenen Fotos konnten sich trotz ihrer Einschränkung durch den Gips sehen lassen. Ohnehin würden von der Episode der Polarkreistaufe am Ende höchstens ein oder zwei Aufnahmen den Weg in das Postbudruten-Journal finden. Zoe war froh, dass sich für Malin die gute und unverhoffte Gelegenheit ergeben hatte, mit der Kamera zu experimentieren und sie noch besser kennenzulernen. Und Malin hatte ganz naiv mit dem Arbeitsgerät und seinen Motiven gespielt. Auf diese Weise waren ein paar sehr gute Aufnahmen entstanden.
Zoe freute sich darüber, dass Malin ihre Aufgabe wesentlich besser gemeistert hatte, als Zoe erwartet hatte. Sie konnte also ein wenig entspannen und den kommenden Aufgaben mit Zuversicht entgegensehen. Nach diesem ersten Erfolg gönnten sich die beiden eine ausgedehnte Mittagspause.
Für den Nachmittag lagen keine gravierenden Herausforderungen oder Fotomotive mehr auf dem Weg, die nicht die Kamera auf dem Balkon hätte einfangen können. Malin und Zoe saßen entspannt auf dem Balkon der Suite und erörterten diverse theoretische Besonderheiten des professionellen Umgangs mit einer Kamera. Malin stellte einige intelligente Fragen, die Zoe zeigten, dass ihre „Assistentin“ Zoes Hinweise auf die Arbeit mit der Kamera und dem Motiv verarbeitete.
„Puh“, sagte Zoe, die eine knifflige Frage so kleinteilig beantwortet hatte, dass Malin auch etwas damit anfangen konnte. „Jetzt ist Schluss mit der Theoretisiererei. Ich bin dafür, den Rest des Nachmittags zu chillen. Schließlich sind unsere nächsten Tage gespickt mit Arbeit. Ein Highlight jagt das andere, und Pausen sollten wir auch mal einlegen.“
„Diese Worte aus deinem Munde?“
Hörte Zoe da einen leicht ironischen Unterton heraus? Aber Malin hatte ja recht. Zu Beginn ihrer Begegnung war sie nicht gerade zimperlich mit ihr umgegangen; hatte sie einem großen Druck ausgesetzt, weil sie selbst voller Panik ihr Studio den Bach runtergehen sah, wenn sie nicht fortwährend in Aktion wäre angesichts des fatalen Missgeschicks, das ihr Stolpern ihr zusätzlich eingebrockt hatte.
Merkwürdigerweise fühlte Zoe sich in dieser Sekunde mit Malin neben sich auf dem Balkon sehr wohl. Sie war entspannt. Eine solche Gelassenheit während der Erledigung eines überlebenswichtigen Auftrages fühlte sich total fremd und ungewohnt an. Dennoch sorgten Malins Anwesenheit und die Tatsache, ein gewisses Talent in ihr zum Fotografieren entdeckt zu haben, dafür, dass Zoe diese wenigen unbeschwerten Stunden tatsächlich genießen konnte.
Nach längerem Schweigen drehten Zoe und Malin gleichzeitig ihre Köpfe und sahen sich für den Hauch einer Sekunde tief in die Augen. Als Zoe ihren Blick erneut auf die langsam vorbeiziehende Landschaft richtete, erschütterte und verunsicherte sie, was sie in Malins Augen gesehen zu haben meinte: ein tiefes Gefühl für sie, Zoe.
Zoes Herz konnte sich lange nicht beruhigen. Zoes eigene Gefühle versanken in ein Chaos, bevor sie sich zur Räson rief und diesen kurzen Moment in die Kategorie „Hat-nicht-stattgefunden-habe-ich-mir-nur-eingebildet“ versinken ließ.
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