Kitabı oku: «Der Schundfilm meines Lebens»
Emmi Ruprecht
Der Schundfilm meines Lebens
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Epilog
Impressum neobooks
Kapitel 1
Ich klicke erwartungsvoll auf die Mail in meinem Postfach, die sich soeben durch ein leises Piepen angekündigt hat. Die Nachricht ist von der Filmproduktionsfirma, der ich mein neuestes Drehbuch zugeschickt habe, und ich bin sicher, dass es eine gute Nachricht ist. Das Skript muss ihnen einfach gefallen!
Vor fast zwei Wochen habe ich Herrn Hansen, der als Creative Producer unter anderem dafür zuständig ist, neue Stoffe und Konzepte für erfolgversprechende Fernsehfilme ausfindig zu machen, angerufen und mein neuestes Werk angekündigt. In kurzen Worten habe ich ihm die tiefgründige Thematik meines Drehbuchs erläutert und die psychologisch ausgefeilte Handlung anhand einiger Schlüsselszenen skizziert, um ihm einen kleinen Vorgeschmack auf das Skript zu geben.
Nun, ich muss zugeben, dass Herr Hansen zunächst nicht allzu begeistert zu sein schien. Er äußerte Zweifel an der Vermittelbarkeit des Stoffes an einen TV-Sender. Doch ich denke, da fehlte Herrn Hansen einfach die Fantasie. Ich vermute, dass er aufgrund des anspruchsvollen Themas ein langatmiges, sich in umständlichen Dialogen und düsteren Szenen verlierendes Werk erwartete. So eines, das bestenfalls Hochintellektuelle davon überzeugen könnte, nicht gleich weiterzuzappen, wenn sie versehentlich auf dem Fernsehkanal landeten, der den Film zeigte, weil ihre Lieblingssendung auf einem anderen Kanal von einer Werbepause unterbrochen wurde. Dass mein Drehbuch den zugegebenermaßen nicht ganz alltäglichen Stoff gleich einem Krimi bis zur letzten Szene spannend aufbereiten würde, konnte er bei unserem Telefonat noch nicht wissen. Aber ich wusste es und war entsprechend zuversichtlich, ihn überraschen und seine Begeisterung für das Drehbuch entfachen zu können.
„Sicher ist Herr Hansen ziemlich beeindruckt“, denke ich, auch wenn ich mich gleichzeitig zu mehr Bescheidenheit ermahne. „Dass ein derart tiefenpsychologisch fundiertes Thema so spannend erzählt werden kann, hat er bestimmt nicht erwartet.“
Mein Rechner braucht eine gefühlte Ewigkeit, um die Mail zu öffnen. Fast befürchte ich, dass das Gerät unterwegs abgestürzt ist, doch dann ist es endlich geschafft.
„Liebe Frau Wupper“, steht in der elektronisch übermittelten Nachricht, „danke für Ihr Drehbuch, das wir uns gerne angeschaut haben. Es ist tatsächlich – wie Sie bereits in unserem Telefonat ankündigten – in vielerlei Hinsicht neuartig und eine intellektuelle Herausforderung, speziell für ein Publikum mit eher traditionellen Sehgewohnheiten.“
Genau! Ich bin nämlich davon überzeugt, dass das Fernsehpublikum mental gar nicht so bequem ist, wie von vielen Programmschaffenden beklagt wird, sondern Experimente durchaus verkraftet! Auch schwierige Themen kann man Zuschauern zumuten, wenn man versteht, sie unterhaltsam zu gestalten. Das allerdings muss schon sein, denn Tiefsinniges staubtrocken zu verpacken, nur damit es noch tiefsinniger wirkt, kann jeder! Den Spagat zwischen intellektuellem Anspruch und mitreißender Unterhaltung zu schaffen ist die Kunst, die ein gutes Drehbuch ausmacht. Und genau diesen Spagat habe ich mit meinem neuesten Skript hinbekommen und ich bin sicher, dass Herr Hansen das genauso sieht!
Eilig lese ich weiter: „Die Dialoge bestechen durch eine treffsichere Wortwahl, die Charaktere der handelnden Personen sind präzise konzipiert, ausdrucksstark in Szene gesetzt und wirken dennoch nicht abgedroschen.“
Ich freue mich über das Kompliment – und ich muss ihm recht geben. Besser hätte ich es nicht ausdrücken können! Das zentrale Anliegen meiner Drehbücher ist, Persönlichkeiten in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit und Komplexität darzustellen. An dieser Stelle versagt das Fernsehen viel zu oft! Das Publikum wird mit zweidimensionalen Welten gelangweilt, in denen es nur gut und böse gibt sowie stereotype Charaktere, die man auf den ersten Blick vollständig erfasst. Mehr als eine Eigenschaft haben selbst Hauptpersonen selten, die entweder stets gutmütig, grundlos selbstherrlich oder bodenlos schlecht sind. Außerdem scheint es dem Publikum nicht zuzumuten zu sein, wenn die Heldin ausnahmsweise mal unattraktiv ist und es auch im Laufe des Films bleibt, die Karrierefrau kein Monster ist, das ihre wohlmeinende Mutter in ein Heim abschieben will, und der Arzt weder kinder- noch tierlieb daherkommt. Nicht auszudenken wäre, wenn man es den Zuschauern sogar überließe, sich eine eigene Meinung zum Geschehen zu bilden, anstatt ihnen die immer gleichen moralischen Werte und Weltanschauungen zu predigen. Die meisten Menschen – davon bin ich überzeugt! – würden auch beim Fernsehgucken selbstständiges Denken nicht grundsätzlich ablehnen. Das ist jedoch ausschließlich in Quiz-Shows gestattet, und selbst da sind die richtigen Antworten bereits vorgegeben.
„Auch der konsequent am Plot orientierte Aufbau sorgt dafür, dass die einzelnen Szenen beim Lesen des Skriptes in der Vorstellung bereits wie in einem Film ablaufen. Insgesamt überzeugt das Drehbuch durch seine professionelle Ausgestaltung, wie wir es von Ihnen nicht anders gewohnt sind ...“
Jetzt strahle ich über das ganze Gesicht. Das hört sich doch schon sehr nach einer etablierten Drehbuchautorin an! Dabei muss ich zugeben, dass ich auf diesem Gebiet noch ein Neuling bin. Zwar schreibe ich seit meiner Schulzeit Theaterstücke – erst für die Laienspielgruppe am Gymnasium und dann auch für diverse andere Amateur-Bühnen. Später kamen die ersten Drehbücher für Kurzfilme von Kunststudenten oder sonstige Low-Budget-Produktionen von Hobby-Filmschaffenden hinzu. Doch erst vor fast einem Jahr habe ich eine richtige Filmproduktionsgesellschaft für mein erstes, vollwertiges Drehbuch zu einem abendfüllenden Spielfilm interessieren können!
Dieses erste Skript handelte von einer Gruppe von Menschen, die in der Abgeschiedenheit einer italienischen Berglandschaft mit bislang verdrängten Anteilen ihrer Persönlichkeit konfrontiert wurden. Es ist eine unter die Haut gehende Darstellung persönlicher Dramen, die sich tief im Inneren ganz normaler Menschen abspielen können. Mutig wurden Themen angesprochen, die gesellschaftlich immer noch tot geschwiegen werden, weil sich niemand traut darüber zu sprechen. Ein großartiger Stoff! Ein eher leiser Film – zugegeben – aber nichtsdestotrotz von großer erzählerischer Kraft!
Die Creative Producerin Brigitte, die mein Skript damals las, war begeistert und konnte auch ihren Chef, den Produzenten und Inhaber von „Friedberts Filmfabrik“, von dem Stoff überzeugen. Gemeinsam haben Brigitte und ich das Exposé dann noch einmal nach seinen Vorgaben überarbeitet und ein Treatment, sozusagen die „Verkaufsunterlage“ für das Drehbuch, erstellt, die der Produzent nach diversen Abstimmungen akzeptiert hat. Er bot den Stoff mehreren TV-Sendern an und tatsächlich zeigte einer von ihnen Interesse! Nachdem auch dort mit der Redaktion intensiv am Skript gefeilt wurde, war der Auftrag für die Filmproduktion schon fast erteilt. Doch auf dem allerletzten Meter bekam der zuständige Redakteur im Sender kalte Füße, nachdem gerade ein ähnlich „spezieller“ – wie die Redaktion es ausdrückte – Fernsehfilm quotenmäßig gescheitert war.
Damit war mein Debütfilm Geschichte und der Sender hatte seine große Chance vertan, endlich einmal etwas Wegweisendes auf den Schirm zu bringen!
Natürlich war das sehr bedauerlich, aber wenigstens hatte ich mir mit dem Skript schon mal einen Namen gemacht. Zuversichtlich setzte ich mich deshalb an mein zweites Werk und verfasste ein Drehbuch über eine depressive Frau, die sich nach einem Suizidversuch mühsam ihren Weg zurück ins Leben erkämpft. Was für ein Stoff! Mit schonungsloser Akribie setzte ich die verstörenden Gedankenmuster der Protagonistin in irritierende Szenen um und schuf Dialoge, die in sich widersprüchlich die ganze innere Zerrissenheit der Figur eindringlich schilderten. Die Depression der Protagonistin sollte für den Zu-schauer geradezu fühlbar werden, um ihn mitzunehmen auf eine Reise in die schockierende Erlebniswelt dieser Frau. Er sollte die Welt aus der fatalistischen Perspektive einer Depressiven sehen, im Alltäglichen das Niederschmetternde erkennen und sich mitreißen lassen in die tiefen Abgründe ihres lebensverneinenden Gemüts. Ein ganz großer Ansatz, wie ich fand! Noch nie hatte sich jemand dem Thema Depression so konsequent gestellt!
Leider war meine Ansprechpartnerin Brigitte zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Drehbuchs schon im Mutterschutz und ihr Nachfolger Herr Hansen konnte dieser modernen Herangehensweise an ein sich langsam aus der Tabuzone herauswagendes Thema nicht viel abgewinnen. Seiner Meinung nach zeichnete sich das Drehbuch neben der schwer verdaulichen Thematik durch zu viel Gerede, zu viele Längen und zu wenig Handlung aus und sei mit diesen Zutaten leider nicht vermittelbar. Das waren seine Worte zu meinem zweiten Skript, die mich tief erschütterten! Ich glaube, ihm fehlt einfach der Zugang zu Inhalten, die eine Spur problematischer sind als „Die Waltons“ oder „Lassie“. Anspruchsvolle Fernsehunterhaltung ist einfach nicht sein Ding!
Nach dieser ebenso bedauerlichen wie unverständlichen Fehleinschätzung zu meinem zweiten Drehbuch hatte es ein wenig gedauert, bis ich mich so weit gefasst hatte, dass ich mein drittes Werk in Angriff nehmen konnte. Doch in diesem Skript, welches jetzt der Filmproduktionsfirma vorliegt, wird nicht nur viel geredet, sondern auch viel gehandelt! Die Heldin des Drehbuchs stößt in ihrer eigenen Familie auf ein perfekt verleugnetes, perfides Beziehungsgeflecht, welches sie nach und nach enttarnt. Es geht um Abhängigkeiten und Verstrickungen, die die einzelnen Personen auf unglückselige Weise aneinander ketten und die sich schließlich in Psychosen und Wahnvorstellungen der Heldin manifestieren. Es ist so faszinierend!
Ich weiß, dass man sich nicht selbst loben soll, doch ich finde, dass ich hier ein beeindruckendes Werk geschaffen habe. Diesem hochspannenden und gleichzeitig tiefenpsychologisch anspruchsvollen Drama wird sich kaum jemand entziehen können! Es wird beweisen, dass auch intellektuell fordernde, existenzielle Themen ihr Publikum finden können, solange sie kurzweilig aufgearbeitet sind. Selbst wenn Herr Hansen bestimmt nicht die optimale Zielgruppe für derart fundierte Drehbücher ist, so bin ich dennoch überzeugt, ihn mit diesem Stoff packen zu können. Von der ersten Szene an knistert die Spannung, die bis zum Schluss nicht nachlässt. Nervenzerfetzend! Von wegen schwer verdaulich! Hier ist die sukzessive Enthüllung unterschwellig wirkender Motive hinter ganz alltäglichem Handeln dramatisch wie ein Thriller. Da sage nochmal einer, dass anspruchsvolle Filme langweilig sein müssen!
Mit Vorfreude auf die anerkennenden Äußerungen des Producers sowie seine Botschaft, das Drehbuch dem Produzenten und Inhaber der Filmproduktionsgesellschaft bereits erfolgreich vorgestellt zu haben, der wiederum davon ausgeht, dass ihm die Fernsehsender diesen Stoff buchstäblich aus den Händen reißen werden, lese ich seine Mail weiter.
„… und bietet damit sicher eine überzeugende Grundlage für einen ambitionierten Film.“
Jaja, schon gut, das wissen wir bereits! Nun sag‘ endlich, dass ihr das Drehbuch großartig findet und sicher seid, es einem TV-Sender verkaufen zu können!
„Wie Sie wissen, ist der Markt der Fernsehunterhaltung hart umkämpft und für uns kommen deshalb nur Stoffe infrage, die sich bei einem größeren Publikum durchsetzen können. Wir haben Ihr Skript diesbezüglich ausführlich diskutiert. Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir nicht davon überzeugt sind, …“
Wie bitte? Was schreibt er da?
„… dass wir Ihr Werk bei einer der Anstalten, mit denen wir zusammenarbeiten, platzieren können, da es nicht ins übliche Anforderungsprofil passt. Bitte lassen Sie sich nicht entmutigen…“
Das kann nicht sein Ernst sein!
Entgeistert prüfe ich die Betreffzeile der Mail: Doch da steht tatsächlich der Titel meines Drehbuchs. Und ich bin der Empfänger – ohne Zweifel! Diese Absage ist an mich gerichtet!
Ich brauche ein paar Sekunden, um den Inhalt der Nachricht zu erfassen.
Wie ist das möglich? Dieses Drehbuch, von dem ich hundertprozentig überzeugt bin und das alle Zutaten zu einem Straßenfeger in sich vereint, wird sang- und klanglos abgelehnt? Warum? Selbst wenn sich einem unbedarften Zuschauer die tiefenpsychologischen Momente nicht vollständig erschließen, so ist das Skript doch fast ein Thriller! Spannung pur!
Wie betäubt lasse ich mich in meinen Schreibtischstuhl zurücksinken. Ach, du Scheiße! Und jetzt?
Langsam dringt die Bedeutung der Mail in mein Bewusstsein, und was sie bedeutet, ist niederschmetternd! Die Absage konfrontiert mich unbarmherzig mit der Tatsache, dass ich trotz meiner Leidenschaft für Drehbücher und Theaterstücke und meine bisherigen kleinen Erfolge auf diesem Gebiet noch weit davon entfernt bin, aus meinem Hobby einen Beruf machen zu können. Hinzu kommt, dass das Geld, was ich mir zur Finanzierung meines Starts in die professionelle Drehbuchschreiberei zurückgelegt habe, nur noch ein paar Monate lang meine Ausgaben decken wird. Schon bald werde ich mir also eine andere Einkommensquelle suchen müssen, wenn es im Filmgeschäft nicht klappt. Und im Moment sieht es leider ganz danach aus!
Wie Blei legt sich diese Erkenntnis auf meine Schultern. Was, wenn mein Lebenstraum platzt, noch bevor er richtig angefangen hat? Was, wenn ich das Schicksal so vieler ambitionierter Drehbuchautoren teilen muss, die sich ihre Leidenschaft für Filme mit Aushilfsjobs in der Spülküche, Taxifahren oder schlimmstenfalls mit schlecht bezahlten Nachhilfestunden für frustrierte Schüler finanzieren müssen? Was, wenn ich nun wie sie die Aussicht auf ein auskömmliches Leben mit meiner Kunst begraben muss?
Entsetzlich!
Ich muss zugeben, dass ich durch mein langjähriges Angestelltendasein mit geregeltem Einkommen hoffnungslos verwöhnt bin. Bei aller Leidenschaft für Bühne und Leinwand bezweifle ich, dass meine Liebe groß genug ist, um meinen nicht üppigen, aber durchaus komfortablen Lebensstandard zu opfern, um zukünftig in einer engen, feuchten Kellerwohnung zu hausen und bei trocken Brot und ab und zu einem welken Salatblatt Drehbücher zu verfassen, die kein Mensch lesen, geschweige denn verfilmen will. Ja, ich muss zugeben, dass ich nicht einmal schlecht bezahlte Aushilfsjobs als Zukunftsperspektive akzeptabel finde, nur um mich weiter der Illusion hinzugeben, irgendwann ein Drehbuch, welches die Grundlage für einen bedeutenden Filmklassiker schafft, an einen Sender verkaufen zu können. Also was soll ich jetzt tun? Ist es an der Zeit, mich von der Drehbuchschreiberei zu verabschieden und mich wieder einem regulären Broterwerb zuzuwenden, so wie in meinem früheren Leben?
Meine Gedanken werden davon unterbrochen, dass mein Rücken schmerzt. Kein Wunder, so wie ich auf meinem Schreibtischstuhl zusammengesunken bin! Seufzend strecke ich meine Glieder und stehe auf. Ich muss nachdenken, und das kann ich am besten bei einem Becher Kaffee und einer Zigarette auf dem Balkon.
Ich gehe in die Küche, wo der braune, bratensaftähnliche Sud schon seit mindestens zwei Stunden auf der Warmhalteplatte vor sich hin brüht, als ich ihn endlich erlöse und in meinen fröhlich gelben Becher gieße. Fröhlich ist mir selbst leider gar nicht zumute! Ich öffne die Balkontür, die von der Küche auf einen kleinen, mit schmiedeeisernem Gitter begrenzten Platz im Freien führt. Kaum mehr als ein winziger Bistro-Tisch und zwei zierliche Stühle passen hierher. Ich setze mich auf den einen von beiden, stecke mir eine Zigarette an und lege meine Beine auf dem Geländer ab, was mein Rücken wieder nicht so toll findet, aber da muss er jetzt durch: Nur eine Zigarettenlänge lang!
Der Blick in die Ferne, knapp über die Dächer der umgebenden Häuser hinweg, beruhigt mich, sodass ich mich nach einigen Zügen von meiner Zigarette erneut auf meine Situation konzentrieren kann, um eine Lösung zu finden. Was soll ich tun? Soll ich wieder eine Anstellung in der PR- und Öffentlichkeitsarbeit eines Unternehmens suchen, ähnlich dem Job, den ich vor meinem Ausstieg innehatte? Der Gedanke liegt nahe, doch mit Freude erfüllt mich diese Perspektive nicht.
Vor anderthalb Jahren habe ich noch so eine Stelle bekleidet. Die anfängliche Begeisterung für den Job war nach wenigen Jahren endgültig der Frustration gewichen – oder meiner Ankunft in der Realität, je nachdem, wie man es sehen will. Meine Ideen wurden nur allzu oft ausgebremst und stattdessen standen Intrigen unter Kollegen mehr und mehr auf der Tagesordnung. Spätestens nach der Fusion vor zwei Jahren, die mir einen neuen Chef, mit dem ich nicht warm wurde, neue Kollegen, die mich misstrauisch beäugten, und einen harten Überlebenskampf um die verbliebenen Aufgaben einbrachte, wurde es unerträglich. Eine kleine Erbschaft verschaffte mir gerade rechtzeitig den nötigen Freiraum, um mich von dieser ungemütlichen Situation zu verabschieden. Und was noch viel besser war: Sie verschaffte mir auch die Gelegenheit, einen lang gehegten Lebenstraum zu verwirklichen: endlich ein Drehbuch für einen richtigen Film zu schreiben!
Damals, also vor anderthalb Jahren, hatte ich gerade meinen vierzigsten Geburtstag gefeiert und fand: Jetzt oder nie war der Zeitpunkt für eine berufliche Neuorientierung gekommen! Ich war noch jung genug, um etwas aufzubauen, ich war flexibel genug, um Neues zu lernen, und idealistisch genug, um mich auf ein Abenteuer einzulassen, von dem meine Eltern und Freunde kopfschüttelnd abrieten. Doch der Erfolg, gleich für das erste Drehbuch schon den Produzenten eines Filmstudios begeistern zu können, gab mir ja sogar recht!
Zunächst jedenfalls.
Dann jedoch war der erfolgte Absprung des Senders und damit die Beerdigung meines Films nicht nur für meinen Ehrgeiz eine Riesenenttäuschung, sondern auch für mein Bankkonto. Das Honorar, das ich für die Vorarbeiten, insbesondere die wegen der Änderungswünsche des Produzenten und der Fernsehredaktion notwendigen Überarbeitungen, erhalten hatte, reichte gerade so eben aus, mein finanzielles Polster zur Lebensunterhaltung für zwei zusätzliche Monate zu sichern.
Doch nun neigen sich meine gesamten Ersparnisse dem Ende zu, und auf das Einkommen meines Lebensgefährten kann und will ich mich bestimmt nicht verlassen. Mich von einem Mann durchfüttern zu lassen, kommt nicht infrage! Schließlich sind wir nicht verheiratet und aus wirtschaftlichen Gründen würde ich ihn auch nicht an mich ketten wollen. Ich möchte meinen Liebsten als Partner und nicht als Versorger!
Konstantin … ich lächele bei dem Gedanken an ihn. Seit sieben Jahren sind wir nun schon ein Paar und seit fünf wohnen wir sogar zusammen in dieser großen, wenn auch durch die Schrägen sehr ungünstig zu möbilierenden Dachwohnung. Konstantin ist die Liebe meines Lebens! Ein wahr gewordener Traum! Groß, blond, gesegnet mit dem Aussehen eines Unterwäschemodels und immer bestens gelaunt!
Meistens jedenfalls.
Na ja, in letzter Zeit eher selten.
Das liegt jedoch nur an seinem Job, der momentan sehr belastend ist. Wenn sich ein wichtiges Projekt dem Ende neigt, dann steigt seine Anspannung ins Unermessliche, dann werden seine Arbeitstage immer länger und Konstantin immer wortkarger – bis der Auftrag endlich seinen guten Abschluss gefunden hat, der Druck von ihm abfällt und er wieder zum heiteren Sonnenschein wird!
Doch dieses Mal ist es leider besonders schlimm. Das Projekt und die damit verbundene, nur mit viel Liebe zu ertragende schlechte Laune meines Gefährten scheinen kein Ende nehmen zu wollen. Seit Monaten schon befindet Konstantin sich im Ausnahmezustand, ist oft abwesend, gereizt und wortkarg.
Seufzend nehme ich einen Zug von meiner Zigarette. So richtig gut läuft es gerade bei uns beiden nicht. Ob es jemals wieder bessere Zeiten geben wird?
„Hanna, du bist undankbar!“
Kopfschüttelnd rufe ich mich zur Besinnung. Schließlich habe ich den Mann meines Lebens an meiner Seite. Wir wohnen zusammen, sind gesund und Geld ist auch genügend da. Okay, bei mir wird’s langsam eng, aber dann muss ich mir eben wieder einen normalen Job suchen. Stücke schreiben kann ich schließlich auch weiterhin, wenigstens ein bisschen, soweit es mein zukünftiger Broterwerb zulassen wird.
Ich seufze noch einmal und nehme einen weiteren tiefen Zug von meiner Zigarette. Tränen steigen mir in die Augen. Ärgerlich darüber, so nah am Wasser gebaut zu haben, zwinkere ich sie weg. Doch dann gesellt sich zur Trauer ein flaues Gefühl im Magen. Die ungewisse Zukunft macht mir zu schaffen. Viel Zeit habe ich nicht mehr bis zum erzwungenen Abbruch meines Experiments. Und kann ich überhaupt davon ausgehen, eine Stelle in meinem angestammten Beruf zu finden? Heutzutage? Mit über vierzig?
Mir wird noch ein bisschen flauer im Magen. Was, wenn tatsächlich nur das Taxi bleibt? Oder die Nachhilfe?
Ich schüttele mich. Dann lieber Tellerwäscher in der Spülküche. Da habe ich wenigstens die Chance, den Beruf eines Millionärs von der Pieke auf zu lernen!
Meine Zigarette ist zu Ende. Ich stecke mir eine neue an und zwinge mich dazu, jetzt sofort eine Lösung für das Problem zu finden, wie ich meine Zukunft sichern kann! Leider führt dieses Ansinnen nur dazu, dass sich erneut angstvolle Visionen vor meinem geistigen Auge auftun, die immer wieder damit enden, dass ich ein kärgliches Lager unter einer zugigen Brücke beziehe ...
Schluss jetzt!
Ich ziehe die Notbremse und mein Gedankenkarussell kommt zum Stehen. Unwillkürlich schüttele ich mich, um die deprimierenden Bilder meiner Zukunft loszuwerden. Dabei erwacht mein Widerspruchsgeist. Wer sagt denn bitteschön, dass ich mich von nun an mit Aushilfsjobs herumschlagen und meinen Traum, als Drehbuchschreiberin zu arbeiten, begraben muss? Wer? Und vor allem warum? Schließlich kann ich Drehbücher entwickeln, und das gar nicht mal so schlecht! Hat nicht das sogar der Producer in seiner Absage bestätigt? Sprach er nicht von ausdrucksstarken Charakterbeschreibungen, treffsicheren Dialogen und einem konsequenten Aufbau „… wie wir es von Ihnen nicht anders gewohnt sind…“? Klingt so die Reaktion auf ein Drehbuch, die es nahelegt, nie wieder eines zu schreiben? Und außerdem: Wenn der Stoff von mir professionell umgesetzt wurde – was genau ist dann falsch an dem Skript? Wieso wurde es überhaupt abgelehnt?
Ich versuche mich daran zu erinnern, ob diesbezüglich etwas in der Mail stand, aber an eine Begründung kann ich mich nicht entsinnen.
Plötzlich kommt Leben in meinen zusammengesunkenen Körper. Mein Rücken strafft sich, ich nehme meine Beine vom Geländer, stelle meine Füße fest auf den Boden des Balkons und merke, wie meine Verzagtheit weicht. Warum soll ich mich entmutigen lassen von dieser Absage, wenn ich erklärtermaßen gute Drehbücher verfasse, von denen eines sogar fast schon mal zu einem Fernsehfilm wurde? Und was genau passt an einem Drehbuch nicht, wenn es doch angeblich so gut ist, dass der Film bereits beim Lesen vor dem geistigen Auge entsteht?
Ich habe keine Ahnung. Aber ich werde es herausfinden! Und dazu werde ich wohl mal mit diesem Herrn Hansen von Friedberts Filmfabrik sprechen müssen. Der kann mich doch nicht einfach mit einer Standard-Absage abspeisen. Unmöglich! Die Mühe wird er sich schon machen müssen mir mitzuteilen, warum das Drehbuch nicht „ins Anforderungsprofil“ passt!
Meine Zigarette ist erst zur Hälfte geraucht, doch diese Angelegenheit duldet keinen Aufschub. Energisch drücke ich die Fluppe im Aschenbecher aus, nehme meinen Becher mit in die Küche, schütte den ungenießbaren Rest von dem, was einmal Kaffee war, in die Spüle und schreite zur Tat, beziehungsweise in mein Arbeitszimmer, wo das Telefon auf meinem Schreibtisch darauf wartet, für Klarheit zu sorgen.
Ich unterbreche den Ruhemodus meines Rechners, indem ich den Bildschirmschoner mit der Maus zur Seite schubse. Dahinter zeigt sich sogleich die niederschmetternde Mail von Herrn Hansen. Noch einmal überfliege ich das vermaledeite Dokument, doch keine andere Nachricht als die bereits vernommene offenbart sich mir: Es ist immer noch eine Ablehnung meines Skripts. Und noch immer finde ich keine Begründung dafür!
Nach dem dritten Klingeln wird am anderen Ende der Leitung abgehoben.
„Hansen“, ertönt die Stimme des Producers.
Besonders zugänglich hört er sich nicht an, finde ich. Ich denke mit Sehnsucht an seine Vorgängerin. Vermutlich wäre das alles nicht passiert, wenn ich weiterhin mit Brigitte zu tun gehabt hätte. Vermutlich? Ganz sicher sogar! Brigitte hatte schließlich ein Händchen für Qualität! Und dieser Herr Hansen – wer ist das überhaupt? Wahrscheinlich nur der Praktikant vom Praktikanten, der auch einmal ein Drehbuch anfassen darf!
Ich fange an, Herrn Hansen nicht zu mögen, doch das muss warten. Schließlich, denke ich, sollte ich jetzt etwas sagen – vermutlich wartet er darauf.
„Hanna Wupper“, flöte ich ins Telefon. „Ich habe gerade Post von Ihnen bekommen.“
Ich meine ein Seufzen durchs Telefon zu hören, aber vielleicht täusche ich mich.
„Guten Tag, Frau Wupper“, höre ich ihn nach einer kurzen Pause sagen. „Es tut mir leid, dass wir Ihnen keine günstigere Antwort geben konnten.“
„Sie konnten mir keine günstigere Antwort geben“, verbessere ich ihn und betone damit, dass ich ihn und nicht das gesamte Filmproduktionsunternehmen für die Absage verantwortlich mache. Dann fällt mir ein, dass das vermutlich nicht ganz fair ist. Hat seiner Mail nach nicht das ganze Team über das Drehbuch diskutiert?
„Doch deswegen rufe ich nicht an. Oder eigentlich doch“, ich verhaspele mich, „also nicht wegen der Absage an sich, sondern wegen der Begründung. Die fehlt mir nämlich!“
Erneut meine ich ein nur unzureichend unterdrücktes Seufzen zu hören, und ich kann ihn verstehen. Mag sein, dass sogar Herr Hansen manchmal ein ganz netter Mensch ist und lieber Zu- als Absagen verteilt. Aber darauf kann ich jetzt keine Rücksicht nehmen, denn schließlich höre auch ich lieber Zu- als Absagen! Und da ich vorhabe, auch zukünftig Drehbücher zu schreiben, ist mir nun einmal daran gelegen zu verstehen, warum mein neuestes abgelehnt wurde. Wieder einmal!
„Liebe Frau Wupper, es tut mir wirklich leid, aber wie ich Ihnen bereits mailte, können wir … und ich natürlich auch“, betont er, „uns nicht vorstellen, dass wir einen Sender von den Vorzügen Ihres Stoffes überzeugen können. Außerdem wissen Sie ja, wie der Markt aussieht. Eine Anstalt für ein Drehbuch zu interessieren – noch dazu für eines von einem Neuling – ist nur mit viel Überzeugungs-arbeit möglich und …“
„Ist mir bekannt“, schneide ich ihm das Wort ab.
Hält er mich für so bekloppt, dass ich nicht weiß, wie umkämpft dieses Gewerbe ist, wie viele Drehbuchautoren es gibt und auf wie wenig Filme die sich verteilen müssen? Hier zu überleben gelingt nur den Besten der Besten der Besten – und oft nicht einmal denen.
„Aber bitte haben Sie Verständnis dafür, dass mir das als Begründung unmöglich ausreichen kann, um meine zukünftigen Skripte – und ich hoffe, Sie verstehen das nicht als Drohung“, setze ich scherzhaft hinzu, „so zu gestalten, dass Sie diese bei einem Sender platzieren können. Also, woran genau liegt es, dass Sie mein Drehbuch ablehnen?“
Stille am anderen Ende. Ich warte ungeduldig. Wenn er mein Skript gelesen hat, dann muss er doch jetzt auch etwas dazu sagen können!
Tatsächlich meldet er sich nach einer Weile wieder zu Wort: „Es ist eine subjektive Entscheidung, die wir gefällt haben. Dabei spielt natürlich unser Portfolio eine Rolle und auch die Bedarfe der Anstalten, mit denen wir hauptsächlich zusammenarbeiten. Das möchte ich betonen! Bei einer anderen Filmproduktionsgesellschaft hätten Sie vielleicht mehr Erfolg. Sie könnten es einfach mal probieren …“
Für wen hält sich dieser Mensch eigentlich? Oder für was? Für unwiderstehlich? Glaubt er wirklich, dass ich das nicht versucht habe? Doch, wie Herr Hansen ganz richtig bemerkt, sind die Chancen, als Neuling irgendwo ein Drehbuch verkaufen zu können, ziemlich bescheiden. Bei der Firma, bei der unglückseligerweise Herr Hansen meine liebe Brigitte auf ihrem Posten abgelöst hat, habe ich wenigstens schon einmal mit einer Arbeit überzeugen können – mit einer ziemlich gelungenen, wie ich finde! Dass dieses Werk nicht verfilmt wurde, lag schließlich weder an mir noch an der Qualität meines Drehbuchs, sondern vielmehr an der Hasenfüßigkeit des Chefredakteurs des Senders! Möge er dafür in der Hölle schmoren!
Außerdem finde ich, dass Herr Hansen vom eigentlichen Thema ablenkt. Wütend falle ich ihm ins Wort.
„Selbstverständlich könnte ich das“, antworte ich spitz. „Verzeihen Sie bitte meine Begriffsstutzigkeit, aber warum wollen Sie mich unbedingt zu Ihrer Konkurrenz abschieben, wenn ich doch angeblich so gelungene Drehbücher verfasse? Wenn ich Ihre Mail richtig gelesen habe, dann sprechen Sie von einem professionell geschriebenen Skript, bei dessen Lektüre der Film bereits im Kopf abläuft. Soweit ich weiß spricht das für eine überzeugende Arbeit! Warum, um Himmels willen, wollen Sie sie dann nicht haben? Ist Professionalität für einen TV-Sender ein unzumutbares Qualitätsmerkmal oder haben Sie mich einfach angelogen?“
Ich gebe zu – der letzte Halbsatz klingt auch in meinen Ohren etwas unhöflich, aber so langsam reißt mir der Geduldsfaden.
„Nein, natürlich nicht“, gibt der Producer zurück und klingt jetzt selbst ein wenig ungeduldig. „Also gut, ich sage Ihnen, wie es ist.“
Er macht eine Pause. Ich warte gespannt – und auch ein bisschen ängstlich. Will er mir mitteilen, dass er meine Drehbücher so grottenschlecht findet, dass er lieber nie wieder etwas von mir hören, geschweige denn lesen möchte, und mir deshalb in seiner Verzweiflung andere Filmproduktionsfirmen schmackhaft macht? Habe ich meine Qualitäten so falsch eingeschätzt? Aber warum wurde mein erstes Drehbuch dann angenommen? Etwa aus Mitleid???
Herr Hansen unterbricht meine Gedanken.
„Sehen Sie – ich weiß nicht, was Brigitte geritten hat, sich so für Ihr erstes Skript einzusetzen. Ich meine das über diese Reisegruppe in Italien, deren Mitglieder plötzlich alle den Sinn ihres Lebens erkennen und sich in endlosen Selbstreinigungsprozessen ergehen, und das ganz ohne eine nennenswerte Handlung …“
Ich ziehe deutlich hörbar die Luft durch die Nase ein.
„Sie haben mich gefragt!“, verteidigt sich Herr Hansen energisch. Dann überlegt er es sich anders und seine Stimme nimmt eine weichere Färbung an.
„Vielleicht ist das zu hart formuliert“, gibt er zu. „Aber wie dem auch sei: Solche, die Psyche erforschenden Filme … wie soll ich sagen … die gibt es natürlich auch. Doch in den seltensten Fällen lassen sich damit Quotenerfolge erzielen, und das wissen die Sender. Deshalb ist es extrem schwierig, einen Interessenten für einen – na, ich sag’s mal vorsichtig – ‚anstrengenden‘ Stoff zu finden.“
Ich stoße die Luft geräuschvoll wieder aus.
„Besonders, so lange Sie noch nicht etabliert sind. Da gehen solche Themen gar nicht! Das nimmt Ihnen keine Redaktion ab.“ Nach einer kurzen Pause ergänzt er: „Jedenfalls nicht noch einmal. Keine Ahnung, wie Brigitte das hinbekommen hat, dass Ihr Reisegruppen-Psycho-Drama überhaupt beim Sender diskutiert wurde!“
Ich fühle mich wie vom Lastwagen überfahren. Herr Hansen hält meine Drehbücher scheinbar ganz generell für unverkäuflich? Ich bin sprachlos. Ist der irre? Was glaubt er denn, was Brigitte und ich gemacht haben, damit die Redaktion bei meinem ersten Versuch Interesse zeigte? Nackig Handstand? Eine Hochschwangere und … und ich? Ich schüttele mich kurz. Wie krank muss jemand sein, um so etwas für möglich zu halten? Das muss ich erst einmal verdauen!
Nach einer Weile höre ich von Ferne eine Stimme zu mir sprechen.
„Sind Sie noch dran?“
Ich schlucke.
„Ja“, gebe ich zurück und merke, wie mir ein Frosch im Hals sitzt.
„Weinen Sie jetzt etwa?“, kommt es entsetzt aus dem Hörer.
„Nein“, fauche ich zurück, obwohl mir tatsächlich zum Heulen zumute ist. Ich fühle mich entsetzlich! Bis eben habe ich geglaubt, ich sei eine angehende Drehbuchautorin. Jedenfalls ein bisschen! Und nun bin ich nur eine Zeitverschwendung, die man lieber heute als morgen bei der Konkurrenz sehen würde!
„Solche Stoffe gehen nun einmal ganz schlecht“, erläutert mir der Mann, der eben mein mühevoll aufgebautes Selbstbild als Verfasserin intellektuell anspruchsvoller Drehbücher innerhalb von Minuten zerstört hat. „Das liegt nicht an Ihnen.“
„Woran liegt es dann?“, frage ich, redlich bemüht, jedes Zittern aus meiner Stimme zu verbannen.
„Am Stoff!“, gibt mein Gesprächspartner trocken zurück. „Ich sagte es bereits.“
Der hat Humor! Sein Leben ist ja auch noch heil – im Gegensatz zu meinem. Obwohl … vielleicht heißt das ja …
„Sie meinen also, wenn ich andere Themen verarbeitete, dann wären meine Skripte unter Umständen leichter vermittelbar?“
Ich traue mich kaum, diese Frage zu stellen, aus Angst, er könnte verneinen und meinen, dass es so oder so keinen Zweck hat und ich sollte das mit dem Filmgeschäft lieber lassen, weil Krankenschwester ja auch ein schöner Beruf sei, oder Gärtnerin oder weiß der Teufel was! Doch nun ist die Frage heraus und ich werde mir seine Antwort anhören müssen.
„Richtig.“
Ich stutze. Moment – hat Herr Hansen das gerade wirklich gesagt? Meint er das tatsächlich? Ich bräuchte nur einen anderen Stoff zu bearbeiten und hätte damit vielleicht eine Chance? Das soll das ganze Problem sein? Warum sagt er das nicht gleich!
„Und … und was sind das für Stoffe, die dafür sorgen könnten, meine Arbeit leichter zu vermitteln?“, frage ich vorsichtig. Noch kann ich nicht glauben, dass die Lösung meiner Probleme so einfach sein soll!
„Ich kann Ihnen natürlich nicht versprechen, dass Sie damit eine Garantie für die Verfilmung sozusagen schon in der Tasche haben“, wiegelt Herr Hansen eilig ab. Fast scheint es ihm leid zu tun, mir Hoffnungen gemacht zu haben. „Ich will nur sagen: Ja, Sie können Drehbücher schreiben, und sogar fernsehtaugliche! Könnten Sie das nicht, hätten Sie Brigitte niemals überzeugt. Wenn Sie es jetzt noch hinbekämen, sich einem Thema zu widmen, das sich auch einem größeren Publikum erschließt … vielleicht mit ein bisschen mehr Handlung, ein bisschen weniger Psychoanalyse, halt ein Drehbuch für einen unterhaltsamen Film, statt depressionsfördernder Kost …“
Ich sauge erneut hörbar Luft durch meine Nasenlöcher ein.
„…wenn es Ihnen also gelänge, sich einem publikumstauglichen Sujet zuzuwenden und das in ein amüsantes Drehbuch zu verpacken, das die Grundlage für einen Film bietet, den man gerne auch noch abends kurz vor dem Einschlafen sieht …“
Gleich werde ich ihn durchs Telefon ziehen, wenn er nicht aufpasst!
Ungerührt ob meiner gekränkten Künstlerseele fährt der Producer fort: „… ja dann – warum nicht? Ich halte es nicht für ausgeschlossen, dass Sie den Chef damit überzeugen könnten, und der wiederum einen Sender dazu bringt, das Wagnis einzugehen, mit einem noch unbekannten Autoren zusammenzuarbeiten und einen Film zu produzieren. Aber natürlich müssten Sie das Metier überzeugend bedienen! Ein gutes Drehbuch für eine leichte Liebeskomödie schreiben kann auch nicht jeder.“
„Eine Liebeskomödie?“, hake ich nach und schlucke meinen Unmut herunter über diesen unverschämten Schnösel, der mir gerade ziemlich deutlich an den Kopf geworfen hat, ich sei nicht amüsant und darüber hinaus nicht einmal unterhaltsam!
„Was genau verstehen Sie darunter?“
„Na ja, einen leichten Liebesfilm eben. Sowas geht immer!“, platzt Herr Hansen heraus.
Ich bin irritiert.
„Einen Liebesfilm?“, frage ich hilflos. „So etwas wie ‚Lovestory‘? Oder ‚Frühstück bei Tiffany‘?“
„Um Himmels willen – nun werden Sie doch nicht gleich schon wieder so intellektuell. Drei Nummern einfacher! Ich spreche von einer ganz normalen Liebesgeschichte, wie sie jeden Tag irgendwo um uns herum passieren kann. Sowas wie ‚Jenseits des Verlangens‘ oder ‚Liebeskummer lohnt sich nicht‘ oder eben irgendeine Verfilmung von Rosamunde Pilcher.“
Ich muss davon ausgehen, mich verhört zu haben. Das kann der Mann am anderen Ende der Leitung unmöglich gesagt haben! Herr Hansen trägt mir an, ein Drehbuch für einen waschechten Schundfilm zu schreiben? Mir? Der Frau, die souverän komplexe Charaktere und treffsichere Dialoge entwirft? Der Frau, die die Grundlage für einen psychologisch wegweisenden Film über die tiefen Abgründe in den Seelen ganz alltäglicher Menschen verfasst hat, die sich in der Abgeschiedenheit der italienischen Bergwelt auf ihren innersten Kern besinnen? Einer tiefsinnigen und feingeistigen Intellektuellen, die sich aufgemacht hat, die Qualität zurück ins Fernsehen zu bringen und Menschen und ihre berührenden Geschichten in ihrer ganzen Vielfalt, weit ab von den sattsam bekannten Stereotypen zu erzählen? Ich soll romantische Komödien schreiben? Liebesfilme? TV-Schmachtfetzen? Das ist schlimmer, als nicht unterhaltsam zu sein. Das ist vernichtend!
Ich japse nach Luft: „Das meinen Sie nicht im Ernst!“, keuche ich entsetzt in den Hörer.
Herr Hansen lässt sich davon nicht beeindrucken.
„Warum nicht? Bei so etwas wird gerne eingeschaltet. Und wenn das Skript gut geschrieben ist …“
„… gut geschrieben …“, wiederhole ich und ringe nach Luft. Wie soll denn so etwas auch noch gut geschrieben sein? „Gut geschrieben“ und „Liebesschnulze“ schließen sich aus!
„… dann sind möglicherweise sogar mehrere Sender dafür zu interessieren.“
Es ist mir unmöglich, darauf etwas zu erwidern. Ich fühle mich, als hätte mein Gesprächspartner mir angetragen, zukünftig Dialoge für Verkaufsshows von Miederwaren oder Diätprodukten zu verfassen, weil es zu mehr nicht reicht.
„Hallo?“, tönt es in mein Ohr. „Sind Sie noch da?“
„Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“, huste ich empört in den Hörer. „Sie sind doch ein seriöses Filmstudio. Sie machen sich über mich lustig!“
Nun fängt mein Gesprächspartner an, Nerven zu zeigen. Er scheint nicht sehr belastbar zu sein.
„Meine gute Frau Wupper, dann schalten Sie doch mal Ihren Fernseher an! Am besten jetzt gleich. Was sehen Sie da auf allen Kanälen, wenn‘s nicht gerade als Telenovela getarnte Daily Soaps sind? Oder Doku-Soaps, Pseudo-Doku-Soaps, Reality Shows, Sitcoms oder eben einfach die niemals aus der Mode kommenden Arztserien?“
Er macht eine Pause, wartet jedoch meine Antwort nicht ab.
„Richtig! Genau solche Filme! Nennen Sie es Schundfilme oder meinetwegen Liebesschnulzen. Sowas verkauft sich! Davon können Filmproduktionsfirmen leben und Drehbuchautoren auch! Warum schreiben Sie eigentlich? Um sich selbst zu verwirklichen oder wollen Sie damit auch Geld verdienen? Diese Entscheidung müssen Sie wohl treffen – so wie es aussieht!“
Das sitzt.
Herr Hansen hat mein Problem in einfache Worte zusammengefasst, unmissverständlich und wahr. Wenn ich meinen Traum weiter leben will, dann werde ich wohl oder übel etwas ändern müssen. Dabei sind womöglich solche Drehbücher für leichtes Heile-Welt-Fernsehen mit möglichst viel Gefühl und möglichst wenig Verstand meine einzige Chance. Diese Erkenntnis trifft mich mit voller Wucht und raubt mir fast den Atem. Ich bin erschüttert!
Ungerührt fährt mein Gesprächspartner fort: „Es ist doch gar nicht so schwer. Im Gegenteil! Sie müssen keine durchgeistigten, anstrengenden Themen, die sowieso nur für schlechte Laune sorgen, in komplizierte Handlungen überführen. Verlassen Sie sich einfach auf das Erfolgsrezept von Hunderten von Autoren. Diese Art von Filmen funktioniert immer nach dem gleichen Muster, an das Sie sich nur halten müssen. Sie schaffen das!“
„Wie … immer nach dem gleichen Muster? Wie meinen Sie das?“, frage ich hilflos.
Dabei will ich das überhaupt nicht wissen. Es scheint mir undenkbar, mich mit dieser Art von Filmen auseinanderzusetzen. Aber wenn es tatsächlich meine einzige Chance sein soll, als Autorin Fuß zu fassen, habe ich dann eine Wahl? Trotzdem fühle ich mich momentan überfordert von dem Vorschlag, Skripte für Filme zu verfassen, von denen niemand, den ich kenne, zugeben würde, sie anzusehen. Wie macht man so etwas? Habe ich selbst überhaupt schon einmal eine richtige Schnulze von Anfang bis Ende gesehen? Aus rein professioneller Neugier natürlich?
„Meine Güte, Frau Wupper – sind Sie überhaupt noch von dieser Welt, oder leben Sie tatsächlich in so einem tiefenpsychologischen Paralleluniversum, wie Ihre Filmideen vermuten lassen?“
Eine Pause entsteht, in der der Producer deutlich hörbar schnauft.
„Es tut mir leid“, sagt er dann, „war nicht böse gemeint.“
Der Filmschaffende braucht etwas Zeit, um sich zu sammeln. Dann spricht er betont langsam und deutlich, als müsse er einer begriffsstutzigen Vierjährigen die Welt erklären.
„Also mal ganz von vorne: Was sind die Zutaten für einen richtig schönen Spielfilm, wo sie sich am Ende kriegen und alle glücklich sind?“
Er macht eine kurze Kunstpause, dann rattert er sein Wissen gelangweilt herunter wie früher mein alter Geschichtslehrer, wenn er sämtliche Gebietsgewinne und -verluste der preußischen Einigungskriege von 1864 bis 1871 herunterspulte.
„Es ist doch ganz einfach: Eine Frau, möglichst eine ganz normale Frau mit einem ganz normalen Leben, stolpert für sie völlig überraschend in eine große persönliche Katastrophe. Ehemann weg, Job weg, Freunde weg, Geld weg – was Sie wollen und soviel Sie wollen. Die Frau weiß nicht, wie ihr geschieht, und ehe sie sich versieht, ist von ihrem Leben nichts mehr übrig. Nach ein paar rabenschwarzen Szenen, wo sie wirklich von allen Seiten gegrillt wird, sich von jedermann verlassen sowie hoffnungslos dem Untergang geweiht fühlt, findet sie durch irgendein Ereignis neuen Mut und beschließt, sich ihrem Schicksal zu stellen. Sie ändert ihr Leben, erkennt, zu was für großartigen Leistungen sie fähig ist und dass alles gelingt, was sie anfasst, weil sie nun die richtige Einstellung hat. Dazu muss – und das ist ganz wichtig, Frau Wupper! – eine gehörige Portion Romantik in die Geschichte einfließen. Gerne ist es ein unnahbarer, geheimnisvoller Fremder, der zufällig just im finstersten Moment im Leben der Heldin den Schauplatz betritt. Er ist gemeinhin attraktiv, wirkt ansonsten jedoch schwer vermittelbar. Zumindest die Heldin findet ihn zunächst furchtbar – auch deshalb natürlich, weil sie von Männern nach ihrer grenzenlosen Enttäuschung mit ihrem Ex nichts mehr wissen will. Doch irgendwann zeigt der unnahbare Geselle seine groß-artigen Qualitäten, als er ihr bei passender Gelegenheit aus der Patsche hilft – ganz der bescheidene, wortkarge Held, für den das eine Selbstverständlichkeit ist. Nie hätte sie so etwas von dem Mann, mit dem sie zunächst nichts anzufangen wusste, erwartet! Sie sieht ihn in einem völlig neuen Licht und erkennt, dass Vieles, was sie zunächst über ihn dachte, nur ein Missverständnis war oder einfach eine Verzweiflungstat seiner gequälten Seele, die aus einem gebrochenen Herzen resultiert, denn auch er hat Schlimmes durchgemacht und …“
„Schon gut, schon gut, ich habe verstanden!“, brumme ich missmutig in den Hörer.
Oh je, was ist das denn für einer? Frönt Herr Hansen einer geheimen Leidenschaft für derartigen Schund? Als Mann? Wer mag ihn so zugerichtet haben? Vermutlich hat er eine schlimme Kindheit bei einer Mutter hinter sich, die sich schon vormittags mit US-Serien-Wiederholungen betäubte und dabei das Mittagessen anbrennen ließ!
Doch der Experte für die anspruchsbefreite Fernsehunterhaltung ist nicht so leicht zu bremsen.
„Sorgen Sie vor allem dafür, dass die Zuschauerinnen – ja, diese Art von Filmen wird nun mal bevorzugt von Frauen gesehen – sich mit der Hauptperson identifizieren können. Die Heldin muss so sein, wie sie auch sind, und ein Leben leben, wie sie es auch führen könnten. Dabei muss sie natürlich eine wunderbare Persönlichkeit haben: grundgut, sympathisch und dazu noch sehr hübsch, nur eben viel zu bescheiden, um ihre Reize in den Vordergrund zu stellen. Eben genau so, wie sich die Zuschauerinnen selbst auch sehen: eigentlich großartig, aber in ihren heimlichen Qualitäten verkannt. Obwohl die Heldin neben all ihren wunderbaren Eigenschaften natürlich auch ein paar liebenswerte Schwächen hat, sonst wirkt es zu unrealistisch. Aber vor allem“, der Producer holt tief Luft und macht eine bedeutungsvolle Pause, „selbst wenn ihr, also der Heldin, das eigene Leben um die Ohren fliegt und das Schicksal es überhaupt nicht gut mit ihr zu meinen scheint: Sie ist keinesfalls depressiv. Niemals! Sie verdrückt vielleicht ein paar Tränen und schimpft auf die ganze Welt. Sie ist von der Liebe enttäuscht und meinetwegen auch von der besten Freundin. Aber sie hängt maximal zwei Sequenzen lang durch! Sie ist frech und lebensklug und überhaupt niemals tiefgründig! Das will keiner sehen! Niemand will zuhören, wenn sie über die Welt philosophiert oder gar den Sinn des Lebens infrage stellt. Das interessiert niemanden! Also geben Sie ihr um Himmels willen eine komplett andere Persönlichkeit als Ihren sonstigen Heldinnen. Lassen Sie sie einfach ganz normal sein!“
Ich verdrehe die Augen und presse meine Lippen zusammen. Dieser Produzenten-Knecht zerrt gerade gewaltig an meinen Nerven! Darüber hinaus scheint er in seinem Redeschwall gar nicht mehr zu stoppen zu sein.
„Egal, wie schlimm es kommt und welches Unglück auch passiert: In einem Spielfilm, der wenigstens annähernd akzeptable Einschaltquoten erreichen will, ist immer alles lösbar. Es gibt ein Happy End, und das kann gar nicht glücklich genug sein. Und um das zu erreichen, braucht die Hauptperson nicht mehr als ein bisschen Mut und Tatkraft, denn die Fernsehwelt ist bunt und sie dreht sich und alles ist möglich!“
Herr Hansen bemüht sich wirklich sehr – das weiß ich zu schätzen. Seine Begeisterung für dieses Genre ist beinahe rührend! Doch es ist mir nun einmal unmöglich zu glauben, dass eine so lieblose Aneinanderreihung von belanglosen Klischees, die darüber hinaus schon seit Jahrzehnten die Film- und Fernsehwelt beherrschen, zu einem Quoten-Hit führen soll. Es gibt doch schließlich auch noch andere Spielfilme, die von billigem Herzschmerz weit entfernt sind!
Deshalb werfe ich mich mutig in die Bresche, um wenigstens einen Funken Qualität in die Geschichte einfließen zu lassen, die der in seiner Kindheit traumatisierte Heile-Welt-Fanatiker skizziert hat. Zumindest eine Winzigkeit Intellekt muss sein dürfen! Schließlich soll ich doch nicht für den Kinderkanal schreiben. Obwohl: Bernd das Brot sehe ich eigentlich immer ganz gerne …
„Aber es gibt doch schon Tausende von diesen Streifen. Muss sich nicht auch ein Liebesfilm zumindest an irgendeiner Stelle von all den anderen unterscheiden? Vielleicht könnte die Heldin wenigstens ein bisschen reflektiert sein. Wenn sie so eine schlimme Zeit durchleidet, dann kann es doch gar nicht anders sein, als dass ihr Elend sie nach einem psychischen Zusammenbruch zu einem tiefgreifenden inneren Wandel führt, innerhalb dessen sich ihr Weltbild komplett neu zusammensetzt …“
„Um Himmels willen!“, fährt mein Gesprächspartner mir über den Mund. „Nein! Auf gar keinen Fall! Kein Weltbild, nicht tiefgreifend und mit Sicherheit nicht psychisch! Das hat alles absolut gar nichts in einer TV-Romanze verloren! Dann können Sie es gleich lassen.“
Er hört sich ein bisschen hysterisch an, so als hätte ich etwas Unsittliches vorgeschlagen. Meine Güte, von ein wenig Realitätsnähe werden die Zuschauerinnen nicht gleich Blähungen bekommen oder gar daran sterben!
Doch ich gebe mich geschlagen. Ich weiß, wann ich verloren habe, und jetzt ist es soweit. Deshalb beschließe ich, ihn einfach reden zu lassen.
„Glauben Sie mir: Dieser Stoff kommt niemals aus der Mode, auch wenn er in über zehn Millionen unterschiedlichen Variationen, in allen Studios der Welt, mit allen nur erdenklichen Namen, Figuren und Frisuren der Heldin bereits verwurstet wurde. So und nicht anders funktioniert ein Spielfilm, bei dem die Zuschauer nicht entsetzt wegzappen oder Schlafstörungen bekommen. Und ich vermute, so ein Drehbuch zu schreiben ist zurzeit Ihre einzige Chance, ins Geschäft zu kommen!“
Ich weiß, dass er recht hat. Die Wahrheit ist furchtbar und dafür hasse ich ihn. Ich bezweifle, jemals wieder eine Drehbuchzeile schreiben zu können, aber etwas in mir sagt, dass sein Vorschlag wirklich der einzige Weg ist, dem feuchten Kellerloch und dem welken Salatblatt zu entgehen. Deshalb nehme ich mir vor, zumindest ernsthaft darüber nachzudenken, das Undenkbare zu tun. Etwas, wofür mich keiner meiner Bekannten jemals wieder auf der Straße grüßen wird und was außerdem der Grund dafür sein wird, dass meine Eltern mich verleugnen werden. Aber ich habe vermutlich keine Wahl: Ich werde versuchen müssen, einen Schundfilm zu schreiben!
*
Die Dämmerung hat schon lange eingesetzt. Dicke Wolken verdunkeln den Himmel zusätzlich, weil aus dem sonnigen Spätsommertag ein nasskalter Herbstanfang geworden ist. Auf einmal peitscht der Wind auch noch Regen auf das Dachflächenfenster über meinem Schreibtisch. Erstaunt blicke ich auf, als ein Blitz über den Himmel zuckt. Ich habe gar nicht bemerkt, was für ein Unheil sich da draußen zusammenbraut. Vermutlich liegt es daran, dass das nichts ist im Vergleich zu meiner Laune!
Schon seit Stunden brüte ich vor mich hin und starre auf den leeren Bildschirm, einen halben Meter vor meinem Gesicht. Ein kleiner, schmaler, schwarzer Balken blinkt auffordernd in der oberen linken Ecke und versucht mich anzutreiben, doch bitte endlich etwas zu schreiben. Aber ich kann nicht, denn mein Kopf ist wie leer gefegt. Nur ganz weit hinten, in einem kleinen Winkel meines Hirns, jagen sich die Gedanken und fabrizieren wirres Zeug, weil ich mir nicht einmal mehr die Mühe mache, sie einzufangen und in sinnvolle Bahnen zu lenken. Ich nehme an, ich stehe unter Schock!
Der Balken blinkt immer noch. Ich schiebe mir den letzten Schokoriegel in den Mund, dann ist die Packung leer, die heute Vormittag noch nicht einmal angebrochen war. Ich werfe einen prüfenden Blick zum Aschenbecher: Ich glaube, einen Stummel könnte ich noch unterbringen, bevor sein Fassungsvermögen endgültig erreicht ist. Die Schachtel beherbergt nur noch zwei Zigaretten. Heute habe ich es definitiv übertrieben mit meiner Qualmerei! Ich zünde mir trotzdem eine von beiden an.
So kann es nicht weitergehen. Ich muss mich entscheiden: Will ich ernsthaft versuchen, ein Drehbuch zu verfassen, das zwar unterhalb jedes für mich denkbaren Niveaus liegt, das aber wenigstens die Chance auf eine Verfilmung in sich birgt? Oder will ich gleich jetzt die Jobbörsen im Internet nach passenden Angeboten durchforsten? Vielleicht habe ich Glück und gerade heute steht ein Stellenangebot im Netz, das zu meinem beruflichen Profil passt?
Ich kann mich nicht dazu durchringen, diese Idee in die Tat umzusetzen. Stattdessen starre ich weiter regungslos auf den blinkenden Cursor in dem hellgrauen Viereck. Er wartet. Leider habe ich nicht die geringste Ahnung worauf, beziehungsweise welche Buchstabenkombination ich ihm über die Tastatur anbieten soll, damit er den Anfang eines Films daraus macht. Einer schlechten Liebeskomödie. Ich seufze. Wie, um Himmels willen, fange ich so eine Klamotte an?
Entschlossen, nun endlich etwas zu schreiben, und sei es auch nur abwegiger Blödsinn, wage ich einen gedanklichen Vorstoß.
Zunächst einmal brauche ich die Hauptfigur, die Filmheldin. Die Worte des Producers kommen mir in den Sinn, dass solche Filme meistens von Frauen gesehen werden und dass diese sich mit der weiblichen Hauptrolle unbedingt identifizieren können sollen. Also muss die Protagonistin eine ganz normale Frau sein. Hm. Aber wie sieht eine normale Frau überhaupt aus?
Eigentlich müsste ich mir über ihr Aussehen überhaupt keine Gedanken machen, denn das spielt keine Rolle – jedenfalls nicht beim Verfassen eines Drehbuchs. Ich könnte ihr in der knappen Personenbeschreibung des Exposés ein Windhundgesicht, abstehende Ohren und die Figur eines südvietnamesischen Hängebauchschweins verpassen – und für einen Moment gerate ich in Versuchung, genau das zu tun! – doch das ist irrelevant. Das Aussehen wird bei der Besetzung der Rolle entschieden, und da wollen sich die Produzenten, TV-Redakteure, Regisseure und wer sonst noch alles am Set wichtig ist, bestimmt nicht von mir hineinreden lassen. Aber ich brauche ein Bild, eine Vorstellung von dieser Frau, denn in meiner Fantasie muss sie zum Leben erweckt werden. Ich muss vor mir sehen, wie sie sich bewegt, wie sie sich gibt, wie sie spricht, wie sie lacht und überhaupt wie sie ist.
Doch schon an dieser an sich vollkommen unspektakulären Herausforderung droht meine Vorstellungskraft zu scheitern. „Eine ganz normale Frau“ hat Herr Hansen gesagt. Was genau könnte er darunter verstehen?
Unwillkürlich werfe ich einen Blick nach oben ins Dachflächenfenster über meinem Kopf, das ein etwas unscharfes Bild von mir zurückwirft. Könnte eine normale Frau theoretisch so aussehen wie ich?
Mein eigenes schmales, blasses Gesicht mit tiefdunkelbraunen Augen starrt mich an. Meine glatten, dunkelbraunen Haare sind zu einem Zopf zurückgebunden und ein dichter Pony fällt mir in die Stirn und gibt meinem Gesicht etwas Mondänes – jedenfalls hat das meine Friseurin gesagt, als sie mich zu diesem Schnitt überredete. Ich selbst finde mich nicht so mondän, aber der Pony gefällt mir! Meine Figur, na ja, ein bisschen fülliger sind meine 1,72 Meter schon geworden, seit ich meinem Job Adieu gesagt habe. Die Taille war schon schlanker und die Oberschenkel sind etwas stämmig geworden. Aber haben nicht alle Frauen Gewichtsprobleme, manche vielleicht auch nur eingebildete? Dann könnte eine normale Frau theoretisch so aussehen wie ich?
Zumindest das mit dem Gewichtsproblem finde ich überzeugend. Ich notiere im Geiste: Die Hauptfigur ist mollig. Natürlich nur ein ganz klein wenig, denn sie muss ja andererseits auch umwerfend schön sein, was sie selbst in ihrer grenzenlosen Bescheidenheit nur nicht erkennt. Sie macht nicht viel aus sich, sie ist „natürlich“, mit Jeans und Pullover, Hauptsache praktisch, ohne viel Schnickschnack. Erst später wird sie zu einem zauberhaften Schwan werden, einer Schönheit, der sich kaum ein Mann entziehen kann, und schon gar nicht der Held, der schon lange ihre körperlichen Vorzüge erahnte, von denen sie selbst nie Notiz nahm.
Huch!
Erstaunt nehme ich zur Kenntnis, dass ich plötzlich genau so denke, wie man denken sollte, wenn man vorhat, eine durchschnittliche Wald-und-Wiesen-Liebesgeschichte fürs Fernsehen zusammenzubasteln. Beängstigend! Ich bin also auf einem guten Weg.
Plötzlich kommt Leben in meine Gehirnwindungen und im Geiste wird meine Filmheldin geboren: Eine Frau, ein bisschen jünger als ich – vielleicht Mitte dreißig? Das hört sich besser an als Anfang vierzig. Außerdem würde ich mich mit Hauptpersonen ab vierzig im Seniorensegment für Liebeskomödien befinden, und die funktionieren meinen spärlichen Erfahrungen als Zuschauer nach völlig anders als das, was Herr Hansen sich vorstellt, und zwar so, dass man sich stets eine betuliche Inge Meysel in der Hauptrolle vorstellen kann!
Ich versuche die Bilder aus meinem Kopf zu kriegen, die gerade entstanden sind. Reiß‘ dich zusammen, Hanna!
Also, die Filmheldin ist Mitte dreißig. Viel jünger sollte sie auch nicht sein, denn es soll ja kein Teenie-Film werden. Schließlich hat Herr Hansen von Fernsehsendern und nicht von einem YouTube-Kanal gesprochen.
Hm, und wie weiter?
Ich denke, die Heldin sollte einsfünfundsechzig Meter groß sein. Ich habe gelesen, dass das die Durchschnittsgröße deutscher Frauen ist. Ich finde das zwar erschreckend winzig, denn ich finde mich schon zu klein mit meinen einszweiundsiebzig, aber darum geht es hier nicht. Es geht um die Norm, und die ist am besten mit dem Durchschnitt abzubilden.
Dann fällt mir ein, dass für die weibliche Hauptrolle sicher eine Blondine ausgesucht wird. Blond passt einfach gut zur Heldin einer harmlosen Liebeskomödie. Schließlich ist die Heldin die Gute, und seit jeher sind die Blonden die Guten und die Brünetten die Bösen – jedenfalls in der Art von seichter Unterhaltung, die ich hier zusammenschreiben muss. Ich hingegen mit meinen dunklen Haaren, dem blassen Teint, dem schmalen Gesicht und den ernst dreinblickenden Augen würde bestenfalls in der Verfilmung eines literarischen Klassikers aus dem neunzehnten Jahrhundert die Heldin sein können. Bei einem in der heutigen Zeit angesiedelten LonA – Liebesfilm ohne nennenswerte Aussage – würde der Produzent niemals jemanden wie mich zur engelsgleichen Heldin ohne Fehl und Tadel machen!
Also fasse ich zusammen: Die Heldin hat blonde Locken, eine sehr frauliche Figur mit etwas Bauch und vielen weiblichen Rundungen, denn Weiblichkeit ist bei dieser Art von Filmen ein Muss! Und sie heißt … ach je! Wie heißt denn so jemand?
Nachdenklich kaue ich auf meinen Nägeln herum. Ein passender Name für die Protagonistin einer TV-Romanze muss her! Nicht zu modern, nicht zu altbacken. Wohlklingend, aber nicht zu verspielt, weil sie ja schon blonde Locken hat und in meiner Fantasie aussieht wie eine Putte aus dem Weihnachtssortiment eines Deko-Geschäfts. Oder wie meine ehemalige Kollegin vom Empfang meiner alten Arbeitsstelle, die sich nur für ihr Aussehen und den schönen Herrn Schubert aus dem Controlling interessierte und sich gerne hinter dem Tresen die Nägel lackierte. Wie hieß die noch gleich?
Sibille! Sibille ist gut. Vermutlich guckt so eine auch Liebesfilme?
Der Name passt also. Sie heißt Sibille. Sibille König. Genau! Das hört sich doch schon vielversprechend nach einem schlechten Film an! Außerdem wird sie von allen liebevoll „Billie“ gerufen.
Ich muss mich in Gedanken übergeben. Schrecklich! So eine gequirlte Hundeka… ähm … häufchen! Was mache ich hier eigentlich?
„Deinen Lebensunterhalt sichern“, antwortet mir eine Stimme in meinem Kopf. Sie hört sich ein bisschen wie die meiner Mutter an, was mich erstaunt. Denn unter „Lebensunterhalt sichern“ versteht meine Mama ganz sicher etwas anderes, als sich der Illusion hinzugeben, eine erfolgreiche Drehbuchautorin zu werden!
Ich schlucke, aber recht hat sie, die Stimme. Weiter geht‘s! Was ist der Plot, also das Handlungsgerüst des Films? Worum dreht es sich? Und wie fange ich die Geschichte an?
Die Worte von Herrn Hansen drängen sich mir auf: Die Heldin steckt in der Klemme und ihr ganzes Leben gerät aus den Fugen. Mann weg, Haus weg, Job weg, selbst Freunde hat sie keine.
Hm. Das ist ja echt blöd! Wie soll denn das alles passieren, und auch noch gleichzeitig? Es fällt mir schwer, mir das vorzustellen. Was, um Himmels willen, muss geschehen, um so ein fatales Ergebnis hervorzurufen?
Ich lehne mich zurück und überlasse es meinem Unterbewussten, Bilder zu dem Thema zu entwickeln. Hmmm … vielleicht hat ihr Mann einen schweren Unfall? Die Nachricht von seinem Unglück bekommt sie telefonisch, als sie gerade bügelt – sein blütenweißes Hemd, das er am nächsten Tag ins Büro anziehen will! Oh ja! Ich sehe es direkt vor mir: Bester Dinge und von nichts als dem alltäglichen Einerlei beschwert, steht Sibille mit einem fröhlichen Lächeln am Bügelbrett in ihrem schicken Wohnzimmer mit den riesigen Fenstern, die den Blick auf einen hübschen Garten freigeben. Eine kleine Idylle! Nichts rasend Schickes, aber hell und gemütlich, eben ein ganz normales Zuhause für ein sympathisches Pärchen. Sie summt vor sich hin, bearbeitet gut gelaunt das weiße Hemd auf dem Bügelbrett und will gerade zum Wäschesprenger greifen, als das Telefon klingelt.
Auf meinem Bildschirm entsteht die erste Szene:
1 INN. SIBILLES ZUHAUSE – NACHMITTAG
Wohnzimmer, hell, gemütlich, mit großen Fenstern, dahinter Garten. SIBILLE, Mitte 30, hübsch, drall, blond, bügelt ein weißes Herrenoberhemd. Das Telefon klingelt. Beiläufig greift sie nach dem Hörer und flötet gut gelaunt:
SIBILLE: Sibille König, Hallo!
Sibille klemmt den Hörer zwischen Kopf und Schulter, während sie resolut weiterbügelt. Dann verändert sich ihre Miene: Erst guckt sie erstaunt, dann zeigt sich das nackte Entsetzen auf ihrem Gesicht.
Sibille vergisst das Bügeleisen und lässt es auf dem Hemd stehen. Erst dampft es nur, dann beginnt es zu qualmen.
Genau so! Und jetzt zoomt die Kamera ganz nah an das Bügelgerät heran, damit auch niemandem entgeht, was da gerade Schicksalhaftes geschieht. Ich schreibe:
NAH
Das Bügeleisen steht auf dem Hemd, vorne, in Brusthöhe, dort, wo sonst das Herz ihres Liebsten unter dem Stoff pocht!
Was für eine schaurig-kitschige Symbolik! Mann, ist das schlecht! Begeistert schreibe ich weiter.
2 AUSS. SIBILLES ZUHAUSE – NACHMITTAG
Sibille stürzt Hals über Kopf aus der Haustür und rennt zu ihrem Fahrrad, das vor dem Haus steht.
3 INN. SIBILLES ZUHAUSE – NACHMITTAG
Um den Fuß des Bügeleisens herum brutzelt und schmurgelt es. Schwarzbraune Ränder zeigen, dass das Hemd definitiv nicht mehr zu retten ist ...
… und das Bügelbrett gleich auch nicht mehr, weil das als nächstes dem vergessenen heißen Eisen zum Opfer fällt. Später, wenn Sibille nach einem langen, tränenreichen Abend bei ihrer Freundin, zu der sie sich in ihrer Verzweiflung geflüchtet hat, zurückkehrt, werden von dem kleinen Häuschen am Stadtrand nur noch die Grundmauern stehen.
Na, es geht doch!
Obwohl – mir fällt ein, dass die Filmheldin eigentlich auch keine Freundin mehr haben darf. Schließlich ist sie richtig am Ar… ähm … sie steckt sozusagen kopfüber in der Sch…üssel und hat nichts und niemanden mehr, bei dem sie sich ausheulen kann. Nicht einmal ihren Hamster, denn den hat sie beim Bügeleisen zurückgelassen!
Ich streiche das mit dem Hamster. Das gibt nur wieder Ärger mit Tierschützern. Aber das Problem bleibt: Wie kriege ich es hin, dass Sibille nicht einmal mehr eine Freundin hat? Hm. Streiten die beiden? Aber wer streitet schon mit einer Frau, deren Mann gerade bei einem tragischen Unfall ums Leben gekommen ist?
Dazu fällt mir nichts ein. Frustriert lasse ich mich in meinen Schreibtischstuhl zurücksinken. Es ist wohl doch nicht so einfach, wie ich anfangs dachte. Einerseits brauche ich eine komplett überzogene Story, in der wirklich das ganze Leben der Heldin restlos in Bergen aus Schutt und Asche versinkt, andererseits sagte der Producer, dass die Geschichte wie aus dem Leben gegriffen sein soll – so, als könne das Ganze jedem jederzeit passieren. Wie soll das gehen?
Eine beängstigende Leere scheint sich erneut in meinem Kopf ausbreiten zu wollen und ich frage mich, wie es mir gelingen soll, mich in eine völlig unrealistisch katastrophale Situation hineinzudenken, wenn ich so etwas nicht kenne, weil in meinem Leben alles gut ist: Ich habe einen Partner, eine Wohnung, bin gesund und habe Freundinnen. Bei mir ist alles in bester Ordnung!
Jaja, gut, okay, es könnte besser laufen. Ein Drehbucherfolg, der mein Dasein durch Einkünfte bereichert, wäre schön, um nicht zu sagen notwendig. Doch ansonsten ist alles bestens! Fast würde ich sagen unspektakulär. Beinahe langweilig. In meinem Leben gibt’s keine Dramen, und eigentlich finde ich das auch ganz gut so! Als Vorlage für einen kitschigen Liebesfilm, wo die Heldin alles, außer den Hamster, weil sie keinen hat, verliert, ist es jedoch nicht zu gebrauchen. Doch wie kann dann eine ganz alltägliche Katastrophe aussehen, wenn zumindest bei mir Katastrophen nun einmal nicht alltäglich sind?
Stöhnend lasse ich meinen Kopf in die Hände fallen. So wird das nix! Ich muss anders an die Sache herangehen, und zwar muss ich mich fragen …
Genau! Ich muss mich fragen, was in meinem Leben passieren müsste, damit es zu einem katastrophalen Chaos wird. Jetzt. Hier. Von diesem Stuhl, dieser Wohnung, diesem Moment aus. Wie würde mein Leben in einem Film aussehen, wenn es hier und jetzt explodierte?
Ich schlucke. Was für eine Vorstellung! Doch es hilft nichts, da muss ich durch. Außerdem passiert es ja nicht wirklich. Ich muss es mir nur vorstellen!
Hm. Zunächst einmal würde ich vermutlich meinen Mann – beziehungsweise meinen Lebensgefährten, denn wir sind nicht verheiratet – verlieren.
Schmerzhaft verziehe ich das Gesicht. So etwas mag ich mir nicht einmal vorstellen! Sterben dürfte er auf gar keinen Fall. Aber was dann? Bliebe nur, dass er mich betrügt. Ich grinse in mich hinein, denn mein Konstantin hat nicht das geringste von einem Fremdgeher! Auch wenn er sehr attraktiv ist, groß und schlank, mit einem furchtbar sympathischen Lächeln, strahlend blauen Augen ... ich lächele glücklich vor mich hin ... so zeigt er trotzdem nicht die geringsten Ambitionen, das auszunutzen. An ihm ist so gar nichts Verwegenes, in seinem Blick ist nichts Verschlagenes und sein Verhalten ist kein bisschen geheimnisvoll. Kann so ein Mann eine Frau hintergehen? Niemals! Und außerdem glaube ich nicht, dass ein Mann, der es verdient, dass man ihn liebt, überhaupt in der Lage ist, eine so großartige Frau wie meine Filmheldin zu betrügen!
Doch leider zählen solche Spitzfindigkeiten nicht. Wenn der Mann der Hauptperson nicht sterben soll, dann muss er sie betrügen und verlassen. Punkt.
Erst zögernd, dann immer zuversichtlicher, entwickele ich die Handlung auf meinem Bildschirm: Sibilles Mann Karsten – Karsten König hört sich super an für eine TV-Romanze! – fängt ein Verhältnis an, wovon sie, Sibille, die alle nur liebevoll „Billie“ rufen, nichts ahnt. Dabei stellt er sich noch nicht einmal sehr geschickt an, um seine aushäusige Liebschaft zu verheimlichen. Die Zuschauerinnen werden ihm sofort auf die Schliche kommen! Sein abwesender Blick, wenn Sibille sich an ihn schmiegt, das verräterische Zusammenzucken, wenn sein Smartphone klingelt, und dann vergisst er auch noch, dass sie zu ihrem Jahrestag ins Theater gehen wollten. Viel zu spät kommt er heim, während sie vor dem Spiegel schon die Ohrringe anlegt, als letzten Handgriff, bevor sie startklar ist. Nölend fragt er, ob dieses Event, auf das sie sich so sehr gefreut hat, denn wirklich sein muss. Und während vor dem Bildschirm bei Prosecco und Schokolade die Stirn gerunzelt wird und jeder halbwegs versierten Zuschauerin klar ist, was die Uhr geschlagen hat, ist Sibille, die dusselige Kuh, beziehungsweise die naive Ehefrau, voll des Verständnisses für ihren hart arbeitenden Gatten und ahnt nichts. Dafür ist sie viel zu gutmütig, glaubt zu fest an die Liebe ihres Lebens und kann sich einen solchen Verrat von dem Mann, der ihr die ewige Treue geschworen hat, nicht vorstellen!
Während ich den treulosen Ehemann und seine treudoofe Gattin an meinem Rechner skizziere, schmunzele ich vor mich hin. So ein Blödsinn! Wie soll eine Frau so naiv sein, dass sie nicht merkt, wenn der eigene Mann sich umorientiert? Meinetwegen – in einem sinnentleerten Schundfilm ist das wohl möglich. Aber im wahren Leben würde jede Frau, die nicht ganz doof ist, ihrem Gatten schnell auf die Schliche kommen. Alleine schon deshalb, weil Frauen viel sensibler sind für Veränderungen im Verhalten oder im Tonfall ihres Liebsten, und erst recht für einen verräterischen Duft am oder einen Fleck auf dem Hemd! Außerdem sind sie misstrauischer, weil sie selbst auch viel gerissener sind, als Männer es mit ihrer fantasielosen Art sein können. Und da sich so eine Affäre nur selten in fünf Minuten zwischen Tür und Angel oder in der Besenkammer abspielt, braucht man Zeit und hinterlässt Spuren. Beides ist verräterisch und bringt die Sache unweigerlich ans Licht!
Missbilligend schüttele ich den Kopf. Doch trotz meiner Zweifel an der Logik der Geschichte muss ich Sibille so anlegen, dass sie selbst bei den gröbsten Schnitzern ihres Gatten zunächst nichts von seinen Umtrieben bemerkt. Nur die Zuschauerinnen werden ahnen, was da außerhalb des ehelichen Schlafgemachs vor sich geht!
Nach und nach baut sich die Handlung um die Heldin und ihren ehebrecherischen Gatten in meiner Vorstellung auf. Ich sehe die beiden vor mir, in ihrem schicken kleinen Häuschen in einer beschaulichen, von Bäumen flankierten und mit Kopfstein gepflasterten Straße. Das perfekte Paar in einer perfekten Umgebung. Sympathisch und bei Nachbarn und Kollegen gleichermaßen gut gelitten – jedenfalls sie.
Dann stelle ich mir Sibille vor, die nette, hübsche, beliebte kleine Blondine, wie sie wie jeden Tag das Haus verlässt, tief Luft holt um die morgendliche Frische zu genießen, bevor sie mit einem fröhlichen Gruß an den Rentner von nebenan, der gerade seine Rosen schneidet, aufs Fahrrad steigt und zur Arbeit fährt.
Fahrradfahren ist gut! Es zeigt Sibille umweltbewusst, naturverbunden und außerdem herrlich bescheiden.
Ihr Karsten ist da natürlich ganz anders! Gestresst und mit Blick auf seine teure Armbanduhr eilt er aus dem Haus, verschwendet keinen Blick an seine Umgebung und schon gar nicht an den alten Nachbarn von nebenan, der die Hand zum Gruß hebt und sogleich enttäuscht wieder sinken lässt, weil er realisiert, dass Karsten nur Augen für die Fernbedienung seiner Garage hat, in der sein Sportwagen auf ihn wartet. Nachlässig wirft der Ignorant seinen Mantel und die Aktentasche auf den Beifahrersitz und setzt mit so viel Schwung rückwärts aus der Garage, dass er fast eine junge Mutter mit Kinderwagen rammt, die gerade an seiner Einfahrt vorbeigeht. Die junge Frau und der Rentner schütteln nur den Kopf über so viel Rücksichtslosigkeit, während Karsten – ausschließlich mit sich selbst beschäftigt, wie er nun einmal ist – nichts von all dem bemerkt. Mit aufheulendem Motor düst er die eben noch beschaulich friedliche Straße hinunter, die auch gleich darauf wieder in ihren Dornröschenschlaf versinkt.
Es leben die Stereotype! Hier reicht bereits eine kurze Szene, um alles über ein Paar zu wissen, weil es glücklicherweise schon tausende von Filmen mit arroganten Anzugträgern wie ihm und unschuldigen jungen Frauen wie ihr gibt. Eigentlich ist nun alles gesagt und den Rest kann man sich denken. Aber es gilt ja noch die verbleibenden achtundachtzig Minuten zu füllen, und das am besten so, dass die Geschichte, die jetzt sowieso schon jeder im Kopf hat, ohne nennenswerte Irritationen bis zum glücklichen Ende ablaufen kann.
Ich grinse in mich hinein. Man stelle sich einmal vor, dass tatsächlich die nächsten sechsundachtzig Minuten wie allseits erwartet ablaufen und erst ganz zum Schluss Sibille plötzlich die Kettensäge anwirft, um ihrem Gatten ihre Argumente zu verdeutlichen, oder Godzilla einen Gastauftritt hat. Für mich wäre das ein Grund, wieder mehr fernzusehen! Doch leider ist das undenkbar und deshalb wende ich mich seufzend dem klassischen Handlungsschema zu.
Die nächste Einstellung zeigt Sibille, als sie ihr Rad vor einem großen, gläsernen Bau in der Innenstadt abschließt. Hier arbeitet sie, und der Einfachheit halber wird sie sich auch hier verlieben, nämlich in ihren Chef. Und der ist ... Au ja, der ist der Chef der PR-Abteilung! Das ist gut! Da kann ich aus dem Vollen schöpfen – schließlich habe ich selbst jahrelang in so einer Krabbelgruppe für Verhaltensgestörte gearbeitet. Eine sich langsam am Arbeitsplatz entwickelnde Romanze dürfte für mich nicht schwer zu konstruieren sein!
Ich erinnere mich an die Ausführungen von Herrn Hansen und lasse Sibilles Vorgesetzten erst einmal recht unsympathisch und kaltschnäuzig daherkommen, weil sich das schickt für den männlichen Helden. Am Ende wird sich das natürlich als Missverständnis herausstellen, wenn er zum wahren Gentleman und liebestollen Romantiker wird, der alles für die Frau seines Herzens tun und sie auf Händen tragen wird. Wahre Helden machen das sogar dann, wenn die unwiderstehliche Heldin ein paar Kilo zu viel auf den Hüften hat!
Ich bin begeistert von meinen Ideen. So passt es!
Mit großem Engagement haue ich in die Tasten und der Bildschirm füllt sich mit Buchstaben. Ich schaue erst wieder auf, als ich einen Schlüssel im Schloss der Wohnungstür höre. Schockiert stelle ich fest, wie leicht es mir plötzlich gefallen ist, mich in das Geschehen hineinzudenken. Widerwillig muss ich zugeben, dass es mir sogar Spaß gemacht hat, diese völlig abgehobene Geschichte, die jedoch realitätsnah wie aus dem wahren Leben gestohlen daher kommen muss, aufzuschreiben.
Ich schaue auf die Uhr rechts unten am Bildschirmrand. Was, schon so spät? Es ist bereits nach zehn. Mist! Eigentlich wollte ich etwas zu Essen vorbereitet haben, wenn Konstantin nach Hause kommt. In letzter Zeit verwöhne ich ihn gerne mit Aufmerksamkeiten, weil er so viel arbeiten muss und am Ende eines langen Tages kaum noch in der Lage ist, auch nur ein einziges Wort von sich zu geben.
Schnell speichere ich meine Ideen ab und fahre den Rechner herunter. Dann laufe ich in den Flur, um den Helden meines eigenen Lebens zu begrüßen. Dankbar dafür, dass er weder Sibilles Mann noch ihrem Chef ähnelt, falle ich ihm um den Hals.
Kapitel 2
Ein paar Tage später habe ich die Welt von Sibille König fertig konzipiert mit Wohnung, Arbeitsplatz, Freunden, Nachbarn, der rührigen Besitzerin eines altmodischen Einkaufsladens an der Ecke und was sonst zu einer handelsüblichen Idylle dazugehört. Ich habe auch schon die ersten Szenen geschrieben, in denen die gute Billie noch in ihrer heilen Welt lebt und nichts ahnt von dem Unwetter, das sich über ihr zusammenbraut.
Für das Unheil gibt es jedoch bereits erste Anzeichen, die die Katastrophe erbarmungslos ankündigen und dem geneigten Publikum nicht entgehen werden. So arbeite ich mit Feuereifer daran, Karstens verräterisch lange Arbeitszeiten sowie sein plötzliches Interesse an Freizeitaktivitäten, die ihn immer öfter vom trauten Heim wegführen, auffällig unauffällig ins Drehbuch einzuflechten. Es macht mir riesigen Spaß, ihm plumpe Ausreden in den Mund zu legen für seine häufigen abendlichen Abwesenheiten und dass er immer weniger Zeit findet für gemeinsame Unternehmungen mit seiner Frau. Dabei ist es wirklich eine Herausforderung, für den Zuschauer offensichtlich zu machen, was Sibille keine klitzekleine Sorgenfalte auf die immer glatte Stirn zaubert! Das verdächtige Verhalten ihres Mannes beunruhigt sie keineswegs – jedenfalls nicht in Bezug auf ihre Beziehung. Sie sorgt sich nur um ihren Liebling, weil sie befürchtet, dass er sich wegen der schier endlosen beruflichen Verpflichtungen überarbeitet.
Darüber hinaus ist sie vollauf damit beschäftigt, sich über ihren Job und ganz besonders ihren Chef aufzuregen. Als Assistentin des permanent um die Welt jettenden PR-Managers eines international tätigen Konzerns hat sie alle Hände voll zu tun, seine Reisen, seine Termine und ganz besonders seine Affären mit diversen Fotomodellen zu koordinieren, die ihn wie Fliegen umschwärmen und ständig ausgetauscht werden, kaum dass Billie sich an ihren Namen gewöhnt hat.
14 INN. BÜRO – VORMITTAG
Sibille sitzt an ihrem Schreibtisch im Vorzimmer ihres Chefs und tippt auf ihrer Tastatur. Ihr CHEF, 40, aalglatter Typ, lässig, schick und teuer gekleidet, rauscht herein.
SIBILLE (sieht kurz auf, lächelt): Guten Morgen, Chef. Hatten Sie ein schönes Wochenende?
CHEF (grinst): Das kann man so sagen! Ähm ... Blumen für die Dame wären schön.
SIBILLE (tippt bereits weiter): Geht klar, Chef!
Der Chef verschwindet in seinem Büro. Kurz danach öffnet er die Tür erneut.
CHEF: Ähm ... der Strauß geht übrigens an Betty und nicht an Lara. Habe ich Ihnen die Kontaktdaten schon gegeben?
Sibille nickt kurz.
CHEF: Bestens, bestens.
Verschwindet wieder in seinem Büro und schließt die Tür.
SIBILLE (murmelt): Danke, Herr im Himmel, dass mir so ein Schicksal erspart bleibt!
Ihr Blick fällt auf eine gerahmte Fotografie von Karsten auf ihrem Schreibtisch. Ein dankbares Lächeln huscht über ihr Gesicht. Dann wird ihre Miene sorgenvoll.
SIBILLE (seufzt): Wenn du nur nicht immer so viel arbeiten müsstest. Hoffentlich kommen bald wieder bessere Zeiten – für uns!
Während ich diese schmalztriefende Liebeserklärung Sibilles an ihren Gatten in die Tastatur hämmere, kann ich nicht anders, als genervt von diesem Schwachsinn den Kopf zu schütteln. Was muss man Menschen antun, damit sie sich so etwas freiwillig ansehen? Wie verwirrt müssen sie sein – oder wie käuflich? Ich hege ernsthafte Zweifel daran, dass die von der Gesellschaft für Konsumforschung GfK ausgewählte Zuschauerstichprobe, mit deren Hilfe die Einschaltquoten erhoben werden, wirklich so repräsentativ und manipulationsresistent ist, wie immer behauptet wird. Genauer gesagt: Ich halte es derzeit für undenkbar!
Doch all das ändert nichts an meinem Auftrag und der heißt nun einmal Volksverblödung. Ich überlege wieder einmal, ob ich das mit meinem Gewissen als rechtschaffene Drehbuchautorin vereinbaren kann, und stelle fest, dass auch dieses käuflich ist. Also mache ich weiter und arbeite an der Charakterstudie zu Sibilles Chef, der in den nächsten ein, zwei Szenen sehr von sich überzeugt, arrogant und unsensibel im Umgang mit ihr und ihren Kollegen sowie gewissenlos bezüglich der nicht enden wollenden Abfolge von Liebesaffären daherkommt. Erst viel später wird sich herausstellen, dass all das nur die nach außen gezeigte harte Schale war, hinter der er sein sensibles wahres Ich versteckte … was für ein jämmerlicher Schmachtfetzen ist das bloß, den ich da verfasse!
Mit widerstrebender Faszination überfliege ich die Seiten, die ich heute geschrieben habe, und merze ein paar Tippfehler und unschöne Formulierungen aus. Dabei versuche ich meinen Verstand davon zu überzeugen, dass es eine spannende intellektuelle Herausforderung ist, den größtmöglichen Blödsinn zum denkbar hirnlosesten Drehbuch zu verwursten. Ich vermute, dass viele Vorabendserien-Söldner und auch die Erfinder der Tele-Tubbies das Gleiche tun, um sich ihre Tätigkeit schönzureden und nicht daran zu verzweifeln.
Anschließend fahre ich schweren Herzens den Rechner herunter. Gerade war ich so schön in Fahrt! Gerne hätte ich noch weiter an Karstens schlecht getarnter Untreue und an Billies Blindheit gefeilt, doch ich erwarte heute Abend Besuch. Deshalb muss ich meine Kreativität nun statt an der Tastatur an Herd und Backofen austoben mit dem Unterschied, dass dabei hoffentlich etwas Genießbares herauskommt.
Meine Freundin Maren wird in einer Stunde vor der Tür stehen. Vor ein paar Tagen haben wir uns zu einem entspannten Abend bei mir verabredet: Lecker essen, ein bisschen klönen – nichts Aufregendes. Leider ist das mit Maren so eine Sache: Zwar ist sie eine langjährige Freundin von mir und irgendwie mag ich sie auch. Sie kann jedoch zuweilen recht anstrengend sein und dann fordert sie meine volle Konzentration. Das macht Treffen mit ihr zu einem zwiespältigen Vergnügen. Doch wie dem auch sei, es ist jetzt nicht mehr zu ändern, und deshalb muss ich mich ein wenig sputen. Ich überzeuge mich noch schnell davon, dass wir uns meistens doch irgendwie ganz nett unterhalten und versuche, mich auf den Abend zu freuen. So schlimm kann es ja nicht werden!
*
Eine Stunde später klingelt es genau zur verabredeten Zeit, als ich den Nudelauflauf aus dem Ofen hole. Eilig stelle ich die heiße Auflaufform auf einen Untersetzer und laufe zur Wohnungstür. Als ich sie schwungvoll öffne, wirft Maren sich sogleich mit ausgestreckten Armen in Pose.
„Tada! Wie findest du es?“
Sie dreht sich mit lässig über die Schulter geworfener Jacke auf unserem Abtreter im Kreis, als wäre es ein roter Teppich. Auf diese Weise trägt sie einen knielangen, weiten Faltenrock mit großen gelben und blauen Blumen zur Schau. Dazu hat sie eine tiefblaue Bluse gewählt, die es leider nicht mehr in ihrer Größe gab. Da sie eine Winzigkeit zu knapp sitzt, betont das gute Stück etwas unvorteilhaft Marens Fett-Reserven über dem Rockbund und unter dem BH. Als zweifelhaften Ausgleich verfügt die Bluse jedoch über einen riesigen Ausschnitt, der ihr nicht ganz makelloses Dekolleté reich berüscht in Szene setzt. Weiße Schühchen, die früher in den Achtzigern noch Ballerinas hießen, komplettieren das gewagte Outfit. Ach nein, fast hätte ich den Haarreifen mit der großen gelb-weißen Stoffblume übersehen! Der gehört vermutlich dazu und ist nicht versehentlich auf Marens Kopf gelandet, was die Sache jedoch nicht besser macht.
Meine Freundin trägt oft interessante Kleider, aber wo, um Himmels willen, hat sie nur diese Kollektion aufgetrieben? Kein Laden, den ich jemals betreten habe, führt so etwas – da bin ich mir sicher!
Meine Freundin strahlt mich unterdessen siegesgewiss an. Und ich finde ... ja ich finde wirklich, dass man es würdigen soll, wenn sich jemand Mühe mit seiner Erscheinung gibt. Immerhin hat sie dafür bestimmt sehr viel mehr Zeit investiert als ich, die ich einfach nur eine Jeans und einen Pullover aus dem Schrank gezogen habe. Außerdem ist sie sichtlich stolz auf ihr Aussehen – anders lässt sich ihre Pose kaum deuten – und über Geschmack lässt sich nicht streiten, oder?
Also bemühe ich mich, so gut es eben geht, mein Begrüßungslächeln auch auf Marens Outfit auszudehnen und überlege fieberhaft, was ich Nettes dazu sagen kann, ohne sie direkt anzulügen. Bei aller Toleranz, die man dem Geschmack anderer schuldet – lügen ist dann auch wieder nicht okay, finde ich.
„Wow! Was für Farben!“, stoße ich hervor. „So frisch! Mal was anderes!“ Und um meine Neugier zu befriedigen füge ich hinzu: „Woher bekommt man so etwas? Das ist ja ganz … außergewöhnlich!“
„Meine Tante hat das Zeug bei einem Versandhaus bestellt und dann festgestellt, dass es für sie doch etwas zu gewagt ist. Deshalb hat sie mich gefragt, ob ich es ihr abkaufen will. Totschick, nicht wahr?“
Ich nicke unbestimmt und lächle. Dabei überlege ich, ob ich mir vorstellen kann, die gleichen Kleider anzuziehen wie meine Tante. Da ich jedoch keine Tante habe, kann ich mir das auch nicht vorstellen. Stattdessen sage ich „Klar!“, während ich den Eingang freigebe, um Maren mit stolzgeschwellter Brust an mir vorbeischweben zu lassen. „Komm doch ´rein“, rufe ich ihr hinterher, aber sie ist schon an mir vorbeigeschossen, um sich im großen Spiegel neben der Garderobe zu bewundern. Als sie damit fertig ist, wirft sie mir einen abschätzenden Blick zu.
„Du könntest auch etwas mehr aus dir machen“, meint sie nach einer kritischen Begutachtung meines Äußeren. „Du läufst `rum wie ein Mauerblümchen. Es gibt doch sooo viele schöne Sachen heutzutage!“
„Oh, danke, ich werde darüber nachdenken“, antworte ich und beginne, mich auf den Abend zu freuen. Das kann ja heiter werden! Wenn Marens Selbstbewusstsein in dieser Hochstimmung ist, dann ist ihre Gesellschaft nicht leicht zu ertragen.
Maren und ich kennen uns schon eine halbe Ewigkeit. Obwohl wir beide sehr verschieden sind, haben wir uns in den vielen Jahren unserer Bekanntschaft nie aus den Augen verloren. So viel haben wir gemeinsam erlebt und durchgestanden: Trennungen vom Freund, Probleme bei der Arbeit, Stress mit den Eltern – immer fanden wir bei der jeweils anderen ein offenes Ohr, um unser Leid zu klagen. Auch über gute Nachrichten konnten wir uns gemeinsam freuen: Wenn eine von uns ein Date hatte, dann war die andere fast ebenso aufgeregt und starb fast vor Neugier, bis auch das letzte Detail einer Verabredung ausdiskutiert war. Und wenn sich tatsächlich einmal ein beruflicher Erfolg einstellte, dann konnten wir auch das gemeinsam feiern – von Neid und Missgunst gab es keine Spur. So eine gemeinsame Vergangenheit verbindet – daran können auch modische Differenzen nichts ändern!
Allerdings hat sich etwas verändert in den letzten Jahren, auch wenn ich nicht weiß, was es ist. Bin ich es? Ist sie es? Oder sind einfach die Umstände andere als früher? Immer häufiger meine ich kleine, gegen mich gerichtete Spitzen in ihren Äußerungen zu hören, die ich anfangs für bloße Versehen hielt. Eigentlich halte ich sie immer noch dafür und schiebe sie darauf, dass Maren ein Einzelkind und damit nach landläufiger Meinung nur unzureichend sozialisiert ist. Doch die leichtfertig hingeworfenen Sticheleien beginnen mich zu nerven und lassen mich – ganz im Gegensatz zu früher – genauer prüfen, was ich sage und was ich lieber für mich behalte.
Gleichzeitig fällt es mir immer schwerer, Marens Meinung von sich selbst zu teilen, die mich oft in Erstaunen versetzt. Häufig schüttele ich heimlich den Kopf, wenn sie mir ihr Selbstbild präsentiert, das so gar nicht zu dem Bild passt, was ich von ihr habe. Dann wiederum wage ich den Gedanken, ob man mit der Gewissheit über die eigene Unfehlbarkeit nicht viel besser durchs Leben kommt und ob ich mir daran ein Beispiel nehmen könnte. Wozu sich mit der Realität befassen, wenn Selbstbescheißung viel besser für die Stimmung ist? Wirklich deprimiert habe ich Maren jedenfalls noch nicht erlebt – im Gegensatz zu mir.
Sei‘s drum: Eine Freundschaft, die schon einige Jobs und sogar Partner kommen und gehen gesehen hat, die hält etwas aus und die hält man in Ehren, auch wenn‘s manchmal schwer fällt. Vermutlich habe ich mir über die Jahre auch schon die eine oder andere Schrulle zugelegt – zum Beispiel, mich mit gut sitzenden Jeans und einem sauberen Pulli zuhause angemessen gekleidet zu fühlen!
Ich bugsiere Maren in die Küche, wo der große, schwere Holzküchentisch anlässlich ihres Besuchs bereits mit bunten Servietten und zwei Kerzen gedeckt ist. Für Konstantin und mich betreibe ich diesen Aufwand selten, da wir unser spätes Nachtmahl sowieso meistens im Wohnzimmer vor dem Fernseher herunterschlingen.
Ich gieße Rotwein in zwei große, schlichte Weingläser und reiche Maren eines davon. Fest entschlossen, den Abend trotz nicht ganz idealer Vorzeichen zu genießen, stoße ich mit ihr an. Dann wende ich mich den letzten Vorbereitungen für das gemeinsame Essen zu und Maren erzählt mir unterdessen von den neuesten Untaten ihrer Chefin, die unserer Meinung nach schon lange und zwar dringend therapeutische Hilfe benötigt, diese Meinung jedoch nicht mit uns teilt. Für uns ist die Frau immer wieder ein willkommener Gegenstand ausgiebiger Diskussionen, was vermutlich daran liegt, dass wir uns bei diesem Thema so herrlich einig sein können.
Als ich gerade den Salat zum Auflauf in die Schüsseln fülle, erscheint auch mein Liebster in der Küche. Maren, die sich bereits an den Tisch gesetzt hat, springt auf und tänzelt auf ihn zu, um ihn zur Begrüßung zu umarmen. Dann dreht sie sich vor ihm im Kreis und wirft ihm einen auffordernden Augenaufschlag zu.
Für einen Moment befürchte ich, dass mein Schatz von der Situation überfordert ist und gar nicht weiß, was das zu bedeuten hat. Manchmal ist er recht unempfindlich in Bezug auf die Bedürfnisse anderer, wenn diese sie nicht ausdrücklich formulieren. Ich weiß, wovon ich rede! Lange habe ich gebraucht, um zu lernen, klare Botschaften zu senden und mich dabei nicht schrecklich unhöflich zu fühlen. Doch ausnahmsweise scheint mein Täubchen in diesem Moment ganz genau zu wissen, was von ihm erwartet wird.
„Was für ein Glanz in unserer armseligen Hütte“, sagt er mit übertriebener Geste, nachdem er Marens Aufmachung zur Kenntnis genommen hat. Maren kichert wie ein Schulmädchen, und ich freue mich darüber, dass alle gut gelaunt sind und Konstantin für seine Verhältnisse geradezu tiefenentspannt wirkt. Wenigstens scheint heute von seiner Seite aus kein Stimmungstief zu drohen, denke ich, und sehe dem Abendessen zuversichtlich entgegen.
„Was gibt es?“, fragt mein Engel, als ich den Auflauf auf den Tisch stelle.
„Nudelauflauf“, antworte ich – überflüssigerweise. Denn ich weiß wirklich nicht, wonach das, was da in der feuerfesten Glasform vor sich hinschmurgelt, sonst aussehen soll.
Konstantin verzieht das Gesicht.
„Ich könnte auch mal wieder ein Stück Fleisch vertragen“, nörgelt er.
Erstaunt blicke ich ihn an. Meint er das im Ernst? Es ist doch sonst nicht seine Art, mein Essen zu kritisieren! Außerdem muss er es doch nur sagen, wenn er etwas anderes haben möchte – vorzugsweise bevor ich gekocht habe!
„Sieht nach einer ziemlich üppigen Kalorienbombe aus“, seufzt er dann und schaut kritisch auf den knusprigen goldgelben Käse, der sich über Bandnudeln, Blattspinat und Champignons in einer mit einem Hauch Sahne verfeinerten Tomatensoße ergießt.
Das mit meiner Zuversicht bezüglich eines entspannten Essens hat sich erledigt. Einmal mehr wundere ich mich darüber, woher ich immer wieder meinen grundlosen Optimismus nehme!
„Ich wusste nicht, dass du seit neuestem Kalorien zählst“, gebe ich leicht angefressen zurück.
Was ist das denn? Konstantin hat sich noch nie über zu viele Kalorien aufgeregt und schon gar nicht über angeblich zu viel Käse. Gerade für ihn konnten die Aufläufe bislang nie dick genug überbacken sein! Außerdem haben wir Besuch und so finde ich seine Kritik mir gegenüber unpassend. Das hätte er sich auch für später aufheben können! Aber gut, ich beiße die Zähne zusammen. Schließlich soll auch er klare Botschaften senden dürfen und sich nicht schlecht dabei fühlen müssen!
„Wer möchte ein Stück?“, frage ich in die Runde, als sei nichts gewesen.
„Oh bitte – für mich nur ein ganz kleines“, antwortet Maren und blickt verständnisvoll zu Konstantin hinüber. „Ich esse abends nicht so fett.“
Das war mir bislang entgangen. Außerdem sieht sie eigentlich nicht danach aus, denke ich und werfe einen Blick auf ihre Pölsterchen, die sich im Sitzen noch mehr über ihren Rockbund ergießen als im Stehen.
Böse Hanna! Ich rufe mich zur Ordnung. Jetzt reicht es aber! Wegen ein bisschen Gemecker und etwas wenig Würdigung meiner Bemühungen ums Essen werde ich doch jetzt keine schlechte Stimmung aufkommen lassen! „Ich bin ein Fels der Ruhe und der Gelassenheit“, pflegte meine Mutter immer zu sagen, wenn sie mich, meinen Vater oder irgendjemanden sonst am liebsten in der Spüle ertränkt hätte, und ich habe mir ihren Umgang mit emotionalem Stress zum Vorbild genommen. Also erinnere ich mich nun daran, ein Fels zu sein, und nur ein Fels und nichts als ein Fels und schlucke meinen Ärger herunter. Manchmal bleibt einem nichts anderes übrig.
„Und du?“, wende ich mich an meinen Lebensgefährten und bemühe mich, nicht spöttisch die Augenbrauen hochzuziehen.
„Ein bisschen vielleicht“, sagt er gönnerhaft, während er mir seinen Teller hinhält. Als ich ihm dann eine Portion von der gleichen Größe wie der von Maren auf den Teller packe, rollt er mit den Augen.
„Verhungern will ich auch nicht!“, pflaumt er mich an. „Nun sei doch nicht so empfindlich! Man darf doch nochmal seine Meinung sagen, oder?“
„Natürlich darfst du das“, gebe ich mit betont sanfter Stimme zurück und bemühe mich um ein Lächeln. „Sei ein Fels, Hanna, ein Fels!“, beschwört mich meine innere Stimme. Jetzt bloß keinen Streit aufkommen lassen!
Maren kichert.
„Männer vertragen einfach mehr als Frauen. Das liegt an den vielen Muskeln. Die verbrauchen mehr Energie – sogar im Ruhezustand“, fachsimpelt sie, und fast bin ich ihr dankbar dafür, dass sie die Stimmung auflockert und Konstantin bei Laune hält. Ich bin dazu gerade nicht in der Lage.
„Du scheinst abgenommen zu haben“, plaudert sie weiter und schaut prüfend auf Konstantins Oberkörper. „Trainierst du?“, fragt sie dann mit einem Blick auf seine Oberarme, die in seinem engen weißen T-Shirt besonders gut zur Geltung kommen.
Was wird das denn jetzt?
Erstaunt blicke ich von Maren zu Konstantin. Hat er wirklich abgenommen? Ich schaue in das Gesicht meines Freundes, das jetzt geschmeichelt und ein bisschen verlegen lächelt. Sicher – er sieht zurzeit recht hager aus, aber das habe ich auf seine viele Arbeit und den Stress geschoben. Seinen Bauch kann ich gerade nicht beurteilen, weil er unter der Tischplatte verborgen ist. Kann es sein, dass mir diese Veränderungen an ihm entgangen sind?
„Ich achte auf mich“, antwortet Konstantin an Maren gewandt. „Männer in einem bestimmten Alter müssen etwas tun, um nicht aus der Form zu gehen.“
Dabei setzt er sich aufrecht hin, sodass seine breiten Schultern gut zur Geltung kommen, und grinst Maren an. Verschämt dreht sie den Kopf zur Seite und kichert.
Ich konzentriere mich auf den Auflauf auf meinem Teller. Hoffentlich reichen meine Fähigkeiten zur Anwendung der Fels-Selbsthypnose für den heutigen Abend aus! Ich finde die ganze Szenerie gerade äußerst befremdlich. Noch dazu ist es mir peinlich, dass Maren etwas bemerkt, was mir hätte auffallen müssen! Liegt es vielleicht daran, dass ich meinen Partner jeden Tag sehe und deshalb langsame Veränderungsprozesse nicht wahrnehme, wie zum Beispiel den Verlust einiger Pfunde bei gleichzeitigem Bizepswachstum?
Ich beschließe, meinen Lebensgefährten zukünftig wieder aufmerksamer anzusehen. Schließlich liebe ich ihn! Da sollten mir solche Veränderungen nicht entgehen. Er ist mir das Wichtigste, trotz seines heutigen, gewöhnungsbedürftigen Auftritts! Es könnte schließlich auch sein, dass eine Krankheit hinter seinen körperlichen Veränderungen steckt? Das würde auch sein launenhaftes Verhalten erklären, wenn er sich nicht wohlfühlte.
Sofort gewinnt die Sorge um meinen Schatz die Oberhand und ich habe ihm sein schlechtes Benehmen schon fast verziehen. Als er mir dann ein weiteres Mal den Teller hinhält, um ein Stück Auflauf einzufordern, sowieso. Wenn er mein Essen isst, dann ist doch alles in Ordnung, denke ich. Zusammen mit dem Auflauf schenke ich ihm ein strahlendes Lächeln, was Konstantin mit einem kurzen Zwinkern quittiert.
Erleichtert darüber, dass meine Welt nun wieder in Ordnung ist, fange ich an, über mein Drehbuch zu sprechen. Mittlerweile kann ich mich schon darüber amüsieren, dass ich – ausgerechnet ich! – mich dazu hinreißen lasse, das Skript für eine nullachtfünfzehn-Liebesromanze zu verfassen, wenn auch nur unter Zwang! Manche Dinge muss man mit Humor nehmen, wenn man nicht daran verzweifeln will. Also erkläre ich Maren und Konstantin, was der Creative Producer mir bezüglich der inhaltlichen Ausgestaltung geraten hat und wie ich dementsprechend die Charaktere angelegt habe. Als ich von Sibilles Chef berichte und davon, dass ich mich arg zusammennehmen muss, ihn bei all der schnöden Oberflächlichkeit und zur Schau gestellten Arroganz nicht zu unsympathisch erscheinen zu lassen, weil ich zum Schluss noch halbwegs überzeugend die Kurve vom Anti-Helden zum Frauenschwarm hinkriegen muss, bin ich bester Stimmung. Konstantin ergänzt meine Ausführungen um ein paar herrlich trockene Vorschläge zu typischen Chef-Eigenschaften und Maren lacht sehr über seine Ideen. Doch dann wendet sie sich mit ernster Miene an mich.
„Jetzt mal im Ernst, Hanna: Wie lange willst du eigentlich noch diesem Traum vom Filmemachen hinterherjagen? Wird es nicht Zeit, dass du dir wieder einen richtigen Job suchst? Es sieht ja nicht so aus, als würdest du bald von deiner Drehbuchschreiberei leben können.“
Ein sorgenvoller Blick liegt in ihren Augen.
„Wer weiß – vielleicht habe ich jetzt das Rezept für einen richtigen Blockbuster gefunden!“, antworte ich vergnügt und kippe den Rest Wein aus meinem Glas herunter. Ich will mir meine gerade wieder gebesserte Stimmung nicht vermiesen lassen – der Abend ist schließlich noch lang. Und so, wie ich meine beiden Gesellschafter bis hierher wahrgenommen habe, werden sie kaum viel zu seinem Gelingen beitragen. Darüber hinaus weiß ich selbst, dass meine berufliche Situation nicht rosig aussieht. Ich bin ja nicht plötzlich bescheuert geworden!
Doch Maren ist mit meiner Antwort nicht zufrieden und meint, mir ins Gewissen reden zu müssen.
„Na, ich weiß nicht“, unkt sie und schaut mich zweifelnd an. „Wie gut, dass du Konstantin hast und er nichts dagegen hat, dich mit durchzufüttern. Ohne ihn könntest du dir diesen Luxus nicht leisten!“
Was wird das denn jetzt? Entgeistert schaue ich Maren an. Wie kommt sie darauf, dass ich mich aushalten lasse? Wieso sagt sie so etwas?
„Ich lebe von meinen Ersparnissen. Von Konstantin nehme ich keinen Cent“, gebe ich kühl zurück und lächele gezwungen.
Sag‘ ich doch! An Abenden wie diesen gilt es, jeden halbwegs erträglichen Moment zu feiern – es könnte der letzte sein! Ich finde es unfassbar, was Maren mir unterstellt. Seit wann hat sie meinen Kontostand im Blick? Mit ihr habe ich noch nie über meine Finanzen gesprochen und habe das auch nicht vor! Oder bin ich zu empfindlich?
Ich merke, wie die Wirkung der Felshypnose nachlässt. Ich denke an meine Mutter und ertappe mich bei einem sehnsüchtigen Blick zur Spüle.
„Na klar“, antwortet Maren schnell, „aber trotzdem: Von irgendwas musst du ja leben“, ergänzt sie unbestimmt.
Ich beschließe, nicht darauf einzugehen, und mich stattdessen aufs Atmen zu konzentrieren. In schwierigen Situationen soll das wahre Wunder bewirken, hat mir einmal ein Yogalehrer erzählt. Und tatsächlich: Mit viel Konzentration und noch mehr Selbstbeherrschung schaffe ich es, mich davon zu überzeugen, dass Maren es sicher nicht böse meint, sondern einfach ist, wie sie ist, und ich sie deshalb nicht schlagen muss.
„Gibt es in deinem Drehbuch eigentlich auch eine Handlung?“
Nun ist es ausnahmsweise einmal Konstantin, der die Situation rettet.
„Bislang weiß ich nur von einer Sibille, die einen arroganten Chef hat. Verliebt sie sich zum Schluss etwa in den?“
Sofort bessert sich meine Laune. Ich freue mich darüber, dass mein Schatz Anteil an meiner Arbeit nimmt.
„Das kommt erst später. Aber prima geraten! Ich bin beeindruckt, wie gut du dich mit TV-Romanzen auszukennen scheinst“, ziehe ich ihn auf.
Sogleich doziere ich darüber, was außer einer durchschnittlichen Frau, die aber eigentlich etwas ganz, ganz Besonderes ist, und einem potenziellen Verehrer, der erst einmal ziemlich unsympathisch sein muss, noch zu einem Quotenhit im Fernsehen gehört. Ich berichte von Karsten König, dem Ehemann Sibilles, der sie nach Strich und Faden betrügt, ohne dass sie das mitbekommt. Dann erläutere ich, wie Sibille, gutmütig wie sie ist, sich sogar Sorgen um ihn macht, weil er so unglaublich viel arbeitet und immer häufiger auf Dienstreise gehen muss, sich zurückzieht, ständig müde und gereizt ist und sich auch sonst ganz anders verhält als früher. Dabei kringele ich mich vor Lachen über seine dummdreisten Ausreden, wenn Sibille ihn um ein Haar bei einer Lüge ertappt, und ihre Naivität, mit der sie jedes seiner Worte ungeprüft für bare Münze nimmt. Sogar Maren ist begeistert. Sie lässt jetzt für einen Moment ihre Seitenhiebe auf mich ruhen und lacht mit. Nur Konstantin reagiert erstaunlicherweise unwirsch.
„Wieso sollen Karstens Verhaltensweisen eigentlich so untrügliche Zeichen dafür sein, dass er seine Frau betrügt?“, fragt er beinahe aggressiv. „Darf ein Mann nicht mal länger arbeiten, ohne dass ihm gleich unterstellt wird, ein Verhältnis zu haben?“
„Natürlich nicht!“, antworte ich beschwichtigend. „Doch in dem Drehbuch muss er sie nun mal betrügen und die langen Arbeitszeiten sind sein Alibi.“
Damit gibt sich mein Schatz nicht zufrieden.
„Und wie du ihn beschreibst – als wäre er nur ein schwanzgesteuerter Idiot, der seiner vergehenden Jugend hinterher trauert. Vielleicht ist Sibille selbst nicht ganz unschuldig an dem Ganzen? Wer sagt eigentlich, dass nicht auch sie ihn betrügt?“
Jetzt wird er aber komisch! Was ist denn in meinen Konstantin gefahren?
„Aber darum geht es hier doch gar nicht! Es ist ein Film, einer von der hirnlosesten Sorte noch dazu, und der ist nun mal bis zum Anschlag gefüllt mit Klischees“, erkläre ich geduldig. „Deshalb betrügen darin die Männer die Frauen – oder zumindest der Mann die Heldin. Die ist jedoch von Grund auf gut und unschuldig, weil sich das so gehört“, sage ich und muss schon wieder grinsen. Ich scheine langsam einen Zugang zu den Gesetzmäßigkeiten von Schundfilm-Drehbüchern zu finden! Eigentlich eine bedenkliche Entwicklung, doch in meinem Fall absolut notwendig!
Auch Maren amüsiert sich und trägt ihren Teil dazu bei, Konstantin zu beschwichtigen: „Außerdem wird die Heldin als besonders treudoof hingestellt. Da würde ich lieber Betrüger sein als die dumme, gehörnte Ehefrau!“
„Auf jeden Fall!“, bekräftige ich. „Genau genommen ist so ein Film weder frauenfeindlich noch männerfeindlich, stattdessen aber eine grobe Beleidigung der Zuschauer, denen einige Sender so wenig Verstand zutrauen, dass sie es für richtig halten, immer wieder solche stumpfsinnigen Filmchen zu produzieren.“
Doch mein Lebensgefährte ist immer noch ungnädig. Langsam beginne ich daran zu zweifeln, ob er zwischen Dichtung und Wahrheit unterscheiden kann. Ist er am Ende auch einer von denen, die sich bei der Arbeit über die letzte Folge von „Rote Rosen“ austauschen, als würde die Serie in der Realität passieren? Ob zu viel Stress zu derartigen Ausfällen führen kann?
„Ich finde es bedenklich, dass du Drehbücher schreibst, in denen alle Männer skrupellose Fremdgeher und alle Frauen harmlose Engel sind. Das ist ziemlich diskriminierend!“
„Schatz, in drittklassigen Schinken sind manche Männer so. Aber das spielt doch für mich keine Rolle! Ich weiß, dass du nie so wärst. Von dir würde ich das niemals annehmen. Ausgeschlossen!“, versuche ich ihn liebevoll lächelnd zu besänftigen. Meine Güte – dieser Abend ist wirklich eine Herausforderung – sogar mit Felsmeditation! Ich bin doch hier das Opfer! Ich muss diesen Schund schreiben, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen! Und ich hoffe inständig, dass Konstantins Projekt bald abgeschlossen ist, damit er endlich wieder normal wird!
„Ich kann damit nichts anfangen.“
Unwirsch stößt mein Lebensgefährte seinen Stuhl zurück und steht auf.
„Ich gehe ins Bett. Dann könnt ihr noch ungestört über Männer herziehen, die angeblich alle schwanzgesteuerte Mistkerle sind!“
Entgeistert schaue ich ihm hinterher, als Konstantin, ohne einen weiteren Kommentar, die Küche verlässt. Wieso bin ich eigentlich bis heute davon ausgegangen, dass drei erwachsene Menschen ein ganz normales Abendessen überstehen können, ohne dass am Ende einer weint? Manchmal kann mich meine eigene Naivität noch sehr überraschen!
Die Sache wird dadurch nicht besser, dass Maren Zeugin dieses komplett überflüssigen Zwistes ist. Ich frage mich, womit ich das verdient habe, und erhalte alsbald sogar eine Antwort darauf. Mein Gewissen, eine leider hochsensible Angelegenheit, wie ich schon des Öfteren zu beklagen Gelegenheit hatte, meint mit mir darüber diskutieren zu müssen, ob ich nicht eine Mitschuld an der Situation trage. Habe ich zu sehr auf dem betrügerischen Ehemann in meinem Drehbuch herumgeritten? Hätte ich das vielleicht ebenfalls persönlich genommen, wenn Konstantin so über eine – wenn auch fiktive – Frau gesprochen hätte?
Ich kläre mein Gewissen darüber auf, dass ich mir überhaupt nicht vorstellen kann, derart sensibel auf eine frei erfundene Geschichte zu reagieren, doch es ist nicht überzeugt. Zu meiner Verteidigung führe ich an, dass das alles doch nicht meine Meinung zu Männern widerspiegelt, sondern dass so eine Konstellation eben zu einer Schmonzette dazugehört. Ob das wirklich nicht deutlich geworden ist?
Statt meines Gewissens antwortet Maren.
„Au Backe!“, bricht sie das betretende Schweigen. „Vielleicht hast du es ein bisschen zu toll getrieben.“
Entgeistert schaue ich sie an. Was ist hier eigentlich los? Sind jetzt alle verrückt geworden?
„Was habe ich getrieben?“, frage ich gereizt zurück und schließe mein Gewissen als Adressat dieser Frage mit ein. „Ich habe doch nur von meinem Drehbuch erzählt!“
„Das hat Konstantin aber wohl etwas anders aufgefasst.“
„Und was kann ich dafür?“, fauche ich meine Freundin und mein hypersensibles Gewissen gleichermaßen an.
Eine Weile sagen Maren und ich nichts. Auch mein Gewissen schweigt beleidigt. Dann tut es mir leid, dass ich so aus der Haut gefahren bin.
„Entschuldige bitte“, sage ich. „Ich wollte nicht, dass der Abend so verläuft. Irgendwie ist gerade der Wurm drin.“
„Schon gut“, sagt Maren. „Es ist sicher keine leichte Zeit für dich.“
Sofort bin ich versöhnt. Es tut gut, dass sie mich versteht. Fast fühlt es sich an wie früher, als wir nächtelang quatschten und uns über vergangene Partnerschaften oder eine unglückliche, weil nicht erwiderte Liebe austauschten.
„Aber du musst aufpassen, dass du das nicht an Konstantin auslässt!“
„Findest du, dass ich irgendetwas an ihm auslasse? Ich habe doch nur einen Scherz gemacht – über meine Arbeit, über ein Drehbuch, oder besser noch: Eine Figur aus einem Film.“
„Aber das kann doch Konstantin nicht wissen!“
Diese Bemerkung finde ich höchst unlogisch. Wieso kann er das nicht wissen? Wovon haben wir denn die ganze Zeit gesprochen? Darüber, dass ich mit einem promiskuitiven Partner gesegnet bin, der Karsten heißt, was sich ja fast wie Konstantin anhört? Meine Güte, manchmal ist es aber auch wirklich schwer, so ganz allein als Mensch unter Aliens zu leben.
„So ein Mann wie Konstantin – wirklich Hanna! Du kannst echt froh sein, dass du ihn hast!“
Da muss ich ihr recht geben. Ich bin froh, dass ich ihn habe! Er ist schließlich die Liebe meines Lebens. Das wusste ich vom ersten Moment an, als wir uns begegneten.
„So ein Mann wie er, und noch dazu so ein attraktiver ... da muss man sich eben ein bisschen anstrengen. Ich bin sicher, der könnte ganz andere Frauen haben, so, wie er aussieht. Sei froh, dass er bei dir bleibt, und verspiel‘ dir das nicht!“
Von einem Moment auf den anderen fühle ich mich wie vom Blitz getroffen. Moment mal – sagt das gerade eine Freundin von mir? Erklärt sie mir tatsächlich, dass ich Konstantin dankbar sein muss, weil er mich erwählt hat? Er, der Schöne, der mich, die Karre Mist, an seiner Seite duldet?
Ich schlucke und beschließe, diesem Abend keine weitere Chance zu geben, weil er es einfach nicht verdient. Hier gibt es nichts mehr zu gewinnen, und wenn ich nicht aufpasse, dann verliere ich auch noch etwas – nämlich meine Beherrschung!
Um mir nicht anmerken zu lassen, was für Gedanken mir durch den Kopf gehen, und weil ich jedes weitere Wort zu diesem Thema absolut überflüssig finde, schlage ich vor, nach draußen zu gehen, um eine Zigarette zu rauchen.
„Ich brauche Nikotin.“
„Gute Idee“, sagt Maren.
Wir nehmen unsere Gläser und gehen hinaus auf den mittlerweile dunklen Balkon.
Die Tage werden Ende September überraschend kurz, und ich hoffe, dass ich Gleiches auch von diesem Abend sagen und ihn baldmöglichst ohne weitere Zwischenfälle beenden kann.
*
Als Maren endlich gegangen ist – ich konnte sie ja nicht einfach hinausschmeißen, obwohl mir sehr danach war, genau das zu tun – versuche ich beim Aufräumen der Küche Klarheit in meine Gedanken zu bringen. Was ist das nur für ein furchtbar verkorkster Abend gewesen? Und warum eigentlich? Bin ich zu sensibel oder ist mein Umfeld es zu wenig? Was genau ist eigentlich schief gelaufen?
Da ich keine zufriedenstellende Erklärung finde, beschließe ich, es auf den Vollmond zu schieben. Es heißt ja, das Menschen bei Vollmond zu Werwölfen werden können. Von daher habe ich wohl noch Glück gehabt. Meine Abendgesellschaft allerdings auch!
Letztendlich jedoch scheitern meine Versuche, mit dieser naheliegenden Erklärung mein seelisches Gleichgewicht wieder herzustellen. Immer wieder wandern meine Gedanken zurück, mal zu dem einen, mal zu einem anderen Detail des Abends, das mir Unbehagen bereitet.
Beim Abwaschen der Küchenutensilien kaue ich auf Marens Bemerkung zu meinem nicht ausreichend unterwürfigen Verhalten Konstantin gegenüber herum. Wie kann sie mir nur so in den Rücken fallen? Wütend schrubbe ich immer noch auf den angesetzten Nudel- und Käseresten in der Auflaufform herum, als die sich schon längst im Spülwasser aufgelöst haben. Dabei schimpfe ich auf Frauen, die die hart erkämpften Ziele der Frauenbewegung sofort und ohne mit der Wimper zu zucken für das überhebliche Grinsen eines Mannes opfern, der sie zur Belohnung Bier holen schickt!
Doch leider bringt auch das die penetrante Stimme in meinem Kopf nicht zur Ruhe, die wohl meinem Gewissen gehört, sich aber verdächtig nach meiner Mutter anhört. Ständig wiederholt sie, dass ich die Ereignisse aus Marens Sicht betrachten sollte. Schließlich sei sie viel objektiver als ich, denn es sei meine Beziehung und ich stecke mittendrin und könne deshalb das Geschehen nur subjektiv beurteilen. Könnte es nicht sein, dass ich mehr Verständnis für Konstantins Reaktionen zeigen sollte? Dass ich wirklich zu gedankenlos auf Klischees über Männer herumgeritten bin und er sich dadurch angegriffen fühlen musste? Schließlich ist er zurzeit nicht in der allerbesten Verfassung bei dem Stress, den er beruflich hat. Außerdem hat Maren nicht ganz Unrecht, dass es sicher die eine oder andere Frau gibt, die ihn gerne übernehmen würde. Vielleicht sollte ich mich wirklich mehr um ihn bemühen?
„Du hast wohl einen Vogel!“
Meine eigene Stimme reißt mich aus meinen Gedanken und katapultiert mich zurück ins aktuelle Jahrhundert. Empört werfe ich den Spülschwamm ins Becken. Wenn ich Konstantin nicht mehr gut genug bin, dann muss er eben gehen! Ich mache mich doch hier nicht zur Eva Herrmann!
Oh je. Dieser Abend hat mich wirklich in meinen Grundüberzeugungen erschüttert. Entsetzt über mich selbst komme ich zu dem Schluss, dass es womöglich mit der Gleichberechtigung wirklich nicht weit her ist – trotz einer Kanzlerin – wenn selbst deutsche Frauen ernsthaft erwägen, sich duckmäuserisch den Launen schlecht erzogener Männer unterzuordnen, um ihnen zu gefallen. Haben wir ein paar Jahrtausende zu lang in einer patriarchalisch geprägten Kultur gelebt mit dem Effekt, dass Unterwürfigkeit fest in den weiblichen Genen verankert ist? Zumindest für Maren würde ich das sofort unterschreiben. Da war ja selbst meine Großmutter – Gott hab‘ sie selig – emanzipierter! Darüber hinaus wirkte meine Freundin mit ihrem albernen Herumstolzieren in Kleidern ihrer Tante und der ständigen Kicherei über Konstantins Bemerkungen so, als könne sie sich nichts Schöneres vorstellen, als einem Mann die Puschen hinterherzutragen. Fast hätte man meinen können, sie versuchte mit Konstantin zu flirt…
Entgeistert blicke ich vom Spülbecken auf. Also nee – nie im Leben! Doch nicht Maren! Wir kennen uns schon so lange! Außerdem entsprechen große Blonde wie mein Konstantin nicht ihrem Beuteschema. Bei jeder anderen Frau würde ich nach dem heutigen Abend vielleicht anderes vermuten, aber Maren – nicht doch! Maren ist eben Maren. Sie denkt nicht viel nach über das, was sie tut oder sagt, sondern platzt mit allem heraus, was ihr gerade in den Sinn kommt, ganz ohne Zensur!
Ein fernes Grummeln tief in meinem Bauch scheint an dieser Erklärung zu zweifeln, aber das ignoriere ich. Stattdessen besänftige ich mich mit der Binsenweisheit, dass zu einem Flirt immer zwei gehören. Schließlich kann ich beim besten Willen nicht annehmen, dass Konstantin ernsthaft an kleinen, molligen Frauen interessiert ist, die optisch als seine eigene Mutter durchgehen könnten! Schon gar nicht, wenn sie sich wie Maren im Outfit eines Blumen-Schlumpfes präsentieren, falls es so etwas gibt. Er ist doch nicht blind!
Außerdem war mein Lebensgefährte für weibliche Schmeichelei schon immer völlig unempfindlich. So etwas bemerkt er nicht einmal! Ich schmunzele in mich hinein, als ich an Konstantins diesbezügliche Naivität denke, die er schon manches Mal an den Tag legte, wenn Frauen versuchten, seine Aufmerksamkeit zu erregen. Er wunderte sich dann darüber, dass sie wissen wollten, wie spät es ist, obwohl sie eben noch auf ihrem Smartphone herum getippt hatten. Oder er konnte ihre Schusseligkeit gar nicht fassen, wenn eine Frau ihn „versehentlich“ anrempelte und sich wortreich mit strahlendem Lächeln entschuldigte, obwohl sie doch genau gesehen haben musste, dass er neben ihr stand.
Doch dann kommt mir ein ganz anderer Gedanke. Was wäre, wenn … also wie würde es sein, wenn mein Freund und meine beste Freundin … also wenn die beiden tatsächlich ein heimliches Verhältnis hätten? Würde es dann nicht vielleicht zu ganz ähnlichen Situationen kommen wie gerade eben am Küchentisch?
Ich lasse die Idee kurz auf mich wirken und bin dann begeistert. Juhu! Genau das ist es! So könnte es sich abspielen.
Begeistert schnappe ich mir das Geschirrtuch und trockne eilig meine Hände ab. Der Abwasch ist noch nicht beendet, aber das kann warten. Ich habe gerade die optimale Idee, um Sibilles Leben tatsächlich auf allen Ebenen zu erschüttern. Karsten hat eine Affäre mit Sibilles ältester und bester Freundin!
*
Am nächsten Morgen erwache ich mit Kopfschmerzen. Draußen ist der Tag längst erwacht und die Helligkeit blendet unangenehm. Müde richte ich mich auf, blinzele ins grelle Morgenlicht und frage mich, woher die Migräne kommt, an der ich sonst nur leide, wenn ich mir am Tag vorher richtig die Lampen ausgeschossen habe. Der gest-rige Abend mit Maren war jedoch schnell vorbei gewesen. Gottseidank!
Dann setzt die Erinnerung ein. In bester Laune, weil ich diesen grandiosen Einfall mit dem Verhältnis von Billies Mann und ihrer besten Freundin hatte, und weil ich meinte, es könne meiner Kreativität nicht schaden, und weil ich dachte, dass ich es nach dem vorangegangenen katastrophalen Abend verdiente, hatte ich die zweite, noch unangebrochene Flasche Rotwein aus der Küche mit an den Schreibtisch genommen. Und ich meine mich daran zu erinnern, dass heute Nacht, als mir vor dem Rechner beinahe die Augen zufielen, nicht mehr viel davon übrig war.
Mannmannmann!
Vorsichtig lasse ich mich ins Kissen zurücksinken und beschließe, mir Zeit beim Aufstehen zu lassen.
Während ich so daliege, mehr tot als lebendig, fällt mir wieder ein, wie begeistert ich letzte Nacht in die Tasten gehauen habe. Die einzelnen Szenen schienen sich wie von selbst vor mir aufzubauen. Ich musste eigentlich nur noch notieren, was gerade in dem Film passierte, der vor meinem geistigen Auge ablief! Gestern jedenfalls war ich überzeugt davon gewesen, dass meine Ideen großartig waren. Würde ich das nüchtern genauso sehen?
Ob Konstantin noch schläft?
Ich taste vorsichtig hinüber auf die andere Seite des Bettes, doch meine Hände finden nichts als eine zusammengerollte Decke, unter der niemand liegt. Ist es schon so spät?
Ich wälze mich auf die Seite, um einen Blick auf meinen Wecker zu werfen. Es ist halb zehn. Das ist doch eigentlich recht früh – für einen Sonntag?
Das Verlangen nach einem großen Becher Kaffee mit Milch treibt mich aus den Federn. Für meinen Kopf ist die Suche nach meinen Puschen unter dem Bett eine fast unlösbare Aufgabe, aber ich reiße mich zusammen. So ein kleiner Kater wird mich ja nicht gleich umbringen, hoffe ich.
Bald habe ich die Treter gefunden und schlüpfe hinein. Mit steifen Gliedern und etwas unsicher auf den Beinen, was vermutlich auch daran liegt, dass ich meine Augen immer noch nicht richtig aufbekomme, stapfe ich in die Küche. Die Kaffeemaschine ist aus, nur ein kleiner Rest kalter Kaffee fristet sicher schon seit Stunden in der Glaskanne sein geschmackvernichtendes Dasein. Von Konstantin keine Spur – auch hören tue ich nichts von ihm.
Dunkel drängt sich die Erinnerung in mein Gedächtnis, dass Konstantin heute früh mit seinen Kumpels und den Mountainbikes ins nächstgelegene Gebirge fahren wollte. Vermutlich ist er längst fort?
Ich gehe zurück in den Flur und ein Blick auf das Schlüsselbrett neben der Tür bestätigt meine Vermutung: Sein Autoschlüssel ist weg.
Ob er immer noch sauer ist?
Plötzlich erinnere ich mich daran, dass ich ihm gestern Abend einen Zettel in die Küche gelegt habe, vermutlich weil ich da noch wusste, dass er heute früh wegfahren würde. Zwar bin ich der Meinung, dass Konstantin beim Abendessen eindeutig überreagiert hat, doch nachdem ich mit viel Vergnügen und in der Überzeugung, eine grandiose Eingebung zu haben, gleich mehrere Seiten über Karsten und sein nur schlecht verheimlichtes Verhältnis zu Sibilles bester Freundin verfasst hatte, war ich in äußerst friedlicher und nachgiebiger Laune. Ich dachte, dass ein Friedensangebot – auch wenn er es nicht verdient hat! – nicht schaden könnte. Zumindest war das besser, als einen weiteren Tag lang Konstantins schlechte Laune zu ertragen, und das war es mir wert. Also hatte ich ein Blatt Papier aus meinem Drucker genommen und Konstantin geschrieben, dass nicht er mit meinen lästerlichen Bemerkungen gemeint war, sondern ein gewisser Karsten König, und dass ich ihm, meinem allerliebsten Schatz, ein solches Verhalten niemals zutrauen würde. Ich hoffte sehr, dass wenigstens dieses schriftliche Bekenntnis meiner allerhöchsten Wertschätzung für seine Integrität zu ihm durchdringen würde – sicher war ich mir dessen bei seiner momentanen Verfassung allerdings nicht.
Eilig laufe ich zurück in die Küche und suche nach dem Zettel. Richtig: Da liegt er auf dem Küchentisch. Eine kurze Nachricht ist unter meine Zeilen geschrieben:
„Entschuldigung angenommen!“
Ich bin erleichtert und ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Aber nur im ersten Moment. Dann fällt mir auf, dass ich mehr erwartet habe. Schließlich habe ich mich nicht deshalb bei ihm entschuldigt, weil ich fand, dass ich einen Grund dazu hatte, sondern deshalb, weil ich Konstantin in der schweren Zeit, die er gerade durchmacht, Verständnis signalisieren und ihm ein Stück entgegenkommen wollte. Das ist ein Unterschied! So gesehen war es eine äußerst großmütige Geste von mir, ihm diese Nachricht zu schreiben. Das Mindeste wäre gewesen, dass er sich nun seinerseits für seine überzogene Reaktion entschuldigte!
Hat er aber nicht.
Müde lasse ich mich auf den Küchenstuhl fallen. Was ist nur los mit Konstantin? Eigentlich ist doch nur dieses blöde Projekt schuld an seiner gereizten Stimmung. Wann ist das endlich vorbei? Seit gefühlt einer Ewigkeit befindet sich mein Lebensgefährte schon „im Endspurt“ des Auftrags, ist gestresst, häufig geistig abwesend und gereizt. Es würde uns beiden gut tun, wenn wir wieder Zeit für uns hätten. Einfach mal raus – wenigstens für ein Wochenende! Doch so lange mein Liebster beruflich derart eingespannt ist, kriege ich eher ein Kamel durchs Nadelöhr, als meinen übellaunigen Mitbewohner zu einem Kurzurlaub!
Seufzend schaue ich mich nach meiner Zigarettenpackung um. Kaffee – selbst wenn er ungenießbar ist – und Zigaretten helfen eigentlich in jeder Lebenslage weiter. Außerdem werfe ich einen prüfenden Blick in die Müslipackung, die Konstantin auf der Arbeitsplatte stehen gelassen hat. Der Inhalt wird doch hoffentlich noch für ein Frühstück reichen? Doch weit gefehlt: Die Packung ist leer. Früher hätte Konstantin eine leere Packung wenigstens entsorgt, anstatt sie einfach stehen zu lassen. Er hätte sogar eine neue hingestellt oder einen kleinen Rest schwesterlich mit mir geteilt. Was ist bloß aus unserer einst so liebevollen Beziehung geworden?
Von jetzt auf gleich wandelt sich meine Stimmung von frustriert in äußerst ungnädig. Ich ärgere mich furchtbar über meine Nachgiebigkeit bezüglich unserer gestrigen Auseinandersetzung und darüber, dass ich die mentale Schwäche meines Partners, nicht zwischen Film und Wirklichkeit unterscheiden zu können, auch noch unterstütze. Er ist doch kein Vierjähriger in der Trotzphase und ich bin nicht seine Mami! Das habe ich nun davon! Eine „großmütige“ Annahme meiner Entschuldigung und eine achtlos geleerte und stehen gelassene Müslipackung. Projekt hin oder her – ich bin nicht seine Nanny! Und wieso dreht sich hier eigentlich alles um ihn? Habe ich keine Sorgen und Nöte? Ist meine berufliche Situation nicht schwierig? Was wäre wohl, wenn ich darüber alles vergäße und nur noch um mich selbst kreiste, wie mein Herr Lebensgefährte das selbstverständlich tut?
Wütend ziehe ich eine Zigarette aus der Schachtel, schnappe meinen Kaffeebecher, in den ich den traurigen, kalten Rest aus der Maschine gieße, und will gerade hinaus auf den Balkon, da überlege ich es mir anders. Wenn ich mir jetzt schon alleine mit meiner Wut den Sonntag versauen muss, während Konstantin sich mit seinen Freunden amüsiert, dann kann ich diese Erfahrung auch konstruktiv verarbeiten!
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