Kitabı oku: «Blume und Flamme. Geschichte einer Jugend»
Emmy Ball-Hennings
Blume und Flamme. Geschichte einer Jugend
Geschichte einer Jugend
Vierte Auflage
Saga
Blume und Flamme. Geschichte einer JugendCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1938, 2020 Emmy Ball-Hennings und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726614862
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
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Erster Teil
STRASSE, GARTEN UND ELTERN
Da ich das Verlangen trage und im Begriff stehe, ein Stück Lebensgeschichte einzufangen, tauchen tausendundein Bedenken in mir auf, so daß ich genötigt bin, mir meine Umständlichkeit ein wenig vom Herzen zu schreiben. Ich hege starke Zweifel, ob mir mein Unternehmen gelingen wird, denn ich gehöre nicht zu jenen Menschen, die sicher und sorglos von ihrem Können überzeugt sind. Die kühne Behauptung: «So war es und nicht anders» ist etwas, was mir nicht liegt. Eine Lebensgeschichte schreibt sich nicht an einem Tag. Was mir in einer Stunde hell und schön erscheint, erblicke ich ein andermal dunkel und tief, und schon oftmals hatte ich Grund, meinen eigenen Augen zu mißtrauen. Es gibt Erlebnisse, die ich immer wieder von verschiedenen Seiten aus betrachte, und ich weiß, daß es nicht aufrichtig wäre, wenn ich mich für eine klare Eindeutigkeit entscheiden wollte.
Unübersehbar erscheint mir mein Leben, und ich weiß nicht, ob ich es verstanden habe. Wenn ich die Vergangenheit betrachte, geschieht es mit den Augen der Gegenwart. Da sich der Mensch nur bis zu einem gewissen Grade zurückverwandeln kann, stehe ich meiner Erkenntnis skeptisch gegenüber. Werde ich noch einmal die Augen wiederfinden, mit denen ich zum erstenmal voller Vertrauen in die Welt blickte? Wie wäre dies möglich! Wie könnte ich die Summe der Jahre und die Last der Erfahrungen vergessen? Mein Gedächtnis, die Erinnerung, ist eine Dichterin. Ich weiß, es kann manches, es kann alles anders gewesen sein.
Wie ein Traum erscheint mir alles, was ich sah, und diesen Traum möchte ich so getreu als möglich mir noch einmal erzählen, bevor ich ihn vergesse und bevor ich selbst vergessen bin.
Vielleicht ist es nur heute, daß ich den Anfang nicht finden kann. Einen großen Teil des Lebens, die früheste Kindheit, habe ich wohl in einem Märchen verbracht, das versunken ist. Vielleicht ist dies das Schönste gewesen, was mir nie ins Bewußtsein kam. Woran mag es liegen, daß mir ist, als habe ich gerade in jener Zeit das Kostbarste empfangen, das ich doch nicht bewußt aufzunehmen fähig war? Manchmal ist es, als umwehe mich noch der Duft aus einem fernen Traumgarten; aber ich kenne die Blumen nicht mehr, die mich blühend grüßten und mich stumm ansahen, mein frühes Leben, ein Leben ohne Worte. Wann war das? Es muß eine Zeit hegen wie hinter weißen Schleiern. Wo mögen sie geblieben sein, die ersten, hellen Lichtjahre der Liebe? Mein Gott, tausend Jahre sind vor dir wie der Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache. Und aus vieltausendjährigem Schlaf bin ich vielleicht erwacht, um in einen anderen Schlaf zu fallen. Und eine Welt ist es, die mit mir zu träumen scheint.
Langsam tauchen die ersten frühen Bilder aus meiner Kindeszeit auf, und ich sehe zunächst eine kleine, ungepflasterte Straße, weit draußen im Vorort der kleinen Hafenstadt. Eigentümlich verschollen wirkt diese Gegend, einsam, als wäre hier die Welt zu Ende, oder als wäre sie am Anfang, denn irgendwo muß sie doch beginnen. . . Kinder spielen im Kreis und sagen einander, daß der Himmel heut so niedrig hängt, und daß man vielleicht bald auf Gewölk gehen könne. Auf Gewölk? Es gibt Wolken, die weiße Schwäne sind und sich dann in ein Boot verwandeln, das eine Weile im Blauen schwimmt, und dann ist plötzlich alles fort. Sieht man nach oben, ist alles weich und weiß, fließend und blau. Sieht man nach unten, verändert sich rein gar nichts. Da bleibt die Erde dunkel und still. «Dort oben soll heute unten sein, und unten soll oben sein. Und hier, hier fängt die Welt an.» So bestimmt ein kleines Mädel mit glattem Blondhaar und blauen Augen. Sie ist fünf Jahre alt und hat schon vergessen, wo rechts und links ist. Vor einigen Wochen hat sie es noch genau gewußt, weil sie an der rechten Hand einen kleinen, braunen Fleck hatte.
Also, wo der Fleck sitzt, ist rechts, hat der Vater gesagt, und die andere Seite, wo kein Fleck sitzt, ist links. Danach konnte man sich sehr gut richten; aber leider geht das nicht mehr, weil der Fleck spurlos verschwunden ist und man nicht mehr weiß, an welcher Hand er einmal gesessen hat. Man weiß auch nicht, wo der Fleck hingekommen ist. Das ist beinahe, als wäre er nie gewesen. Jetzt kann es vorläufig nicht mehr rechts und links geben. Damit ist es aus. Schade; aber es gibt manche Dinge, die man mehr als einmal in der Welt lernen muß, bis man sie vielleicht endgültig vergißt. Daß aber hier in der kleinen Straße einmal die Welt anfing, das vergißt sich nicht leicht.
Es hat viel für sich, in einer kleinen Straße geboren worden zu sein. Zwei Häuser rechts und zwei Häuser links, das ist leicht zu überblicken. In jedem Hause wohnen vier Familien, deren Geschichte man kennt, und was man nicht kennt, errät man. Jedes zweistöckige Haus hat an der Vorderfront acht Fenster, während es auf der Rückseite, nach dem Hof und Garten zu, vier Fenster hat, und überall hängen Tüllgardinen mit mehr oder weniger interessanten Mustern. Es waren Wege, die in Wälder führten, in eine Gegend, in der noch kein Mensch gewesen war, nur ich, nur ich. Die Gardinen, hinter denen ich geboren bin und die ich als Kind Tausende von Malen bewundert habe, muß ich erwähnen. Es waren Wintergardinen und daher aus dunkelbraunem Kattun. Das Muster war entzückend. Grüne Zweige, kleine Bäume, in denen viele bunte Vögel singend saßen. Daß sie sangen, war leicht zu sehen, denn sie hatten die Köpfchen ein wenig nach oben gestreckt und die Schnäbel geöffnet. Es war der reine Frühling im Winter. Ein Blütenwald mitten im Januar, und oft habe ich die Gardinenvögel angesungen, wenn die Fenster noch halb mit Eisblumen bedeckt waren: Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle. . .
An den Fenstern nach der Straße zu sieht man rote Geranien und grüne Blattpflanzen, und wo junge Mädchen im Hause sind, auch die Myrte, die für den Brautkranz großgezogen wird. Ja, die Fenster machen schon viel aus, machen viel Staat in der Straße. Manchmal am Abend werden brennende Lichter auf die Fensterbänke gestellt, wenn Hochzeit ist, oder wenn ein Kind geboren wird, was ziemlich oft vorkommt. Dann also werden die Kerzen abends angezündet. Das soll ein Gruß für das Neugeborene sein und vielleicht auch sagen: Licht vom Licht, aus Gott geboren.
Ich weiß, daß dieses Licht auch einmal für mich geflammt hat. Schade, daß ich die freundliche Illumination nicht persönlich ansehen konnte. Ich hätte den Nachbarn auf ihren lieben Gruß antworten mögen: Ja, ich bin gern hier geboren worden, und es wird mir niemals leid tun, daß ich hierhergekommen bin, und hoffentlich wird’s auch euch immer recht bleiben.
Es ist keineswegs gleichgültig, ob ein Kind unter reichen oder dürftigen Verhältnissen aufwächst. Nun habe ich das große Glück gehabt, das Kind sehr reicher Eltern zu sein, denn sie waren anspruchslos. Und die Genügsamkeit meiner Eltern, in der ich erzogen wurde, ist ein Erbgut, das mir zugefallen ist und das ich vorzüglich habe brauchen können. Es ist sehr wichtig, wenn beide Eheleute gleichzeitig von diesem Kapitel mit in die Ehe bringen; denn es trägt die schönsten Zinsen, die man sich nur denken kann, nämlich die Zufriedenheit, das Glück selbst.
In welch hohem Maße besaßen meine Eltern die Gabe, mit wenigem glücklich zu sein! Heute, als gereifter Mensch, vermag ich dies zu beurteilen, wofür ich als Kind wenig Verständnis hatte, da es mir an Vergleichen mangelte. Auch dort, wo ich Kinder reicher Eltern sah, ist mir der Unterschied kaum je aufgefallen. Ich hielt meine Eltern für reich, was meine Ansicht geblieben ist, nur daß ich dies heute anders begründe. Reich waren wir, weil wir neben unseren zwei Zimmern noch ein Dachstübchen hatten. Das Bild eines Schiffes, ein Ölgemälde, war eine Kostbarkeit, um die ein feiner Admiral gewiß froh gewesen wäre. In unserer besten Stube hatten wir einen runden Tisch mit einer grünen Sammetdecke, während die Möbel mit blaßrotem Rips bezogen waren. Wir hatten eine Etagere, auf der eine kleine bunte Nippfigur stand, eine Schäferin, die ein tiefgrünes Röckchen trug, ein gestreiftes, allerliebstes Schürzchen und über einer weißen Bluse ein wundernettes, bunt verschnürtes Mieder. Oh, das war etwas sehr Feines, etwas für immer. Und in der Schlafstube hatten wir an unseren Betten am Kopfende eine große, kunstvoll geschnitzte Weintraube. Das hatten die Nachbarn alle nicht. Begreiflicherweise können nicht alle Weintrauben an den Betten haben, aber wir waren gesegnete Leute.
Unser Garten war ein Paradies im kleinen, doch muß ich hier, um einem Irrtum vorzubeugen, erwähnen, daß dieses Paradies nicht viel größer war als eine mäßig große Wohnstube. Aber wir hatten einen Wall anschließend am Garten, und auf diesem Wall standen vier Holunderbäume, und das war ein Wald mit Grün und Sonnenspielen zwischen dem Grün, und der Himmel, den man durch das Gezweige erblicken konnte, dieses Stück gehörte auch eigens zu unserem Hause. Im Garten selbst war in der Mitte ein kleines Rundbeet, in dem ein Rosenbaum stand. Mit sieben Jahren wußte ich, daß das Paradies ähnlich angelegt war wie eben unser Garten, aber wir hatten natürlich keinen Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen. Statt dessen stand bei uns der entzückende Rosenbaum, der rote Rosen hervorbrachte, was ja weit schöner war als die gefährlichen Früchte. Um den Rosenbaum herum wuchsen Primeln und Aurikeln, und das war ein großer, reizender Kranz. Die Stiefmütterchen blickten einen immer so lustig an, daß man ihnen unwillkürlich zulächeln mußte.
Etwas hatte unser Garten noch dem Paradies voraus. Wir hatten die Beete höchstwahrscheinlich besser geordnet, als es dort gewesen sein mochte, nämlich das Karotten- und Petersilienbeet. Auch war es fraglich, ob es im Paradies Rhabarber gegeben hatte, von den Stachelbeeren ganz zu schweigen. Wir hatten eine hohe Stange, an der oben ein großer Reifen mit fünf kleinen Schiffen angebracht war, Segelschiffe mit kleinen Segeln gleich Schmetterlingsflügeln, und bei gutem Wind fuhren die Schiffchen durch die Luft wie durch ein sehr nachgiebiges Meer. O ja, wir konnten es gut aushalten. Uns fehlte nie etwas.
Mein Vater arbeitete auf der Schiffswerft. Dort war er Rigger oder Takler. Er hatte die Hißtaue an den Schiffsmasten anzubringen und alles zu ordnen, was mit dem Segelwerk und dem Stapellauf eines Schiffes zu tun hat. Mein Vater war aber nicht immer Rigger gewesen. Schon in seinem zwölften Jahre war er zur See gegangen und hatte als kleiner Schiffsjunge schon sehr weite Reisen gemacht. Er war in allen Erdteilen der Welt gewesen, zufällig nicht in Grönland, aber da war auch nicht viel los. Was hätte er in Grönland sollen? Nach und nach hatte er sich dann zum Steuermann emporgearbeitet, und das war keine Kleinigkeit, denn es ist keine einfache Sache, ein Schiff zu steuern, zumal wenn es ein Segelschiff ist. Abends bastelte mein Vater ein wunderbares Segelschiff, das größer war als mein siebenjähriger Arm. Oh, es war ein Traum von einem Schiff, und ähnlich der «Santa Maria», jenem herrlichen Schiff, mit dem Kolumbus sein Land entdeckt hatte.
Über die Hälfte seines Lebens hat mein Vater auf dem Meere verbracht, und erst nach meiner Geburt, vielleicht mehr meiner Mutter zuliebe als aus eigenem Antrieb, ist er auf dem Lande geblieben. Für mich jedoch blieb er meine ganze Kindeszeit über vor allem der weitgereiste Seemann, den ich liebte und bewunderte, und in einer gewissen Hinsicht hegte ich manchmal ein seltsames Mitleid für ihn.
Als einmal ein großes neues Schiff Stapellauf hatte, war es aus irgendeinem Grunde notwendig, daß mein Vater als Rigger dieses Schiff ein Stück Wegs aus der Förde hinausgeleitete. Er kehrte dann am nächsten Tag in einem kleinen Boot allein zurück. Von der Schiffstaufe brachte mein Vater, wie er dies manchmal zu tun pflegte, kleine bunte Seidenbänder mit, die an der Weinflasche befestigt waren, die als Zeichen der Taufe an das Schiff geworfen wurde. An diesen bunten Seidenbändern nun fand ich ein großes Gefallen. Ich bewahrte sie sorglich in meinem «Wertkasten», in dem auch einige glitzernde Muscheln, einige Lieblingsgedichte und getrocknete Blätter, die eine besonders schöne Form besaßen, ihren Platz gefunden hatten. Diesmal war das eine Band golddurchwirkt. Mein Vater mußte wohl ein beträchtliches Ansehen genießen, daß man ihm ein solch köstliches, goldenes Band zum Andenken an das Schiff überließ. In der Tat war dieses Band sogar besonders billig, aber einem achtjährigen Kinde ist noch alles Gold, was glänzt. Während ich nun am Tisch saß und mich an diesem Glanz erfreute, bemerkte ich plötzlich, daß mein Vater mir gegenüber das Gesicht etwas traurig hatte. Vielleicht war er müde vom langen Rudern, ich aber deutete sein in sich gekehrtes Wesen ganz anders. Vater war betrübt, weil er nicht ins offene Meer hinausdurfte. Es gelang ihm nicht, mich davon zu überzeugen, daß dies nicht der Grund seiner Niedergeschlagenheit sei. Ich war der Meinung, mein Vater verschweige nur Mutters wegen seine Sehnsucht nach dem Meer, und dieser Verzicht aus Rücksicht für einen andern Menschen begann mir zu imponieren. Da ich Vater für einen heimlichen Dulder hielt, nicht immer, aber von Zeit zu Zeit, steigerte sich meine Bewunderung für ihn. Und wie um ihm einen Ersatz zu bieten für sein Leben auf dem Bande, lobte ich sein vergangenes Seemannsleben nicht nur ihm, sondern auch den andern Kindern gegenüber.
Gestehen muß ich, daß ich es hierbei mit der Wahrheit nicht sehr genau nahm, doch kam es mir selten zu Bewußtsein, daß meine Erzählungen nicht stimmten. Ich konnte nicht leben, ohne zu verehren und zu bewundern, und dafür war mein Vater, der mir ja der Nächste war, sehr geeignet. Von den Reisen meines Vaters wußte ich jedenfalls viel mehr oder doch vieles anders als er selbst. An den Kindern in unserer Straße fand ich für meine Reiseberichte das denkbar beste Publikum. Nach meinen Schilderungen hätte mein Vater es mit Sindbad, dem Seefahrer, und Robinson ganz gut aufnehmen können; solchen Vergleichen wäre er gewachsen gewesen, obwohl ich weder von Sindbad noch von Robinson wußte und ähnliche Bücher in meiner Kindeszeit nie gelesen habe. Ich hatte für meine Erzählungen genügend Anhaltspunkte, und man darf mir diesmal Glauben schenken, wenn ich sage, daß mein Vater wirklich sehr große und gefahrvolle Reisen zu Wasser ausgeführt und nicht nur China, Japan, Amerika und Australien, sondern auch sehr abgelegene Inseln kennengelernt hat. Wir hatten ein Album, in dem eine Anzahl Bilder von sehr fremdartigen Personen war, aus China und Japan; und einige Australneger waren Vaters besondere Freunde. Diese Reisebekanntschaften hatten natürlich auch ihre besonderen Geschichten, und mein Vater war sogar in Buschklepperfamilien gut eingeführt. Manchmal war mein Vater vielleicht ähnlich dem Mann, der «in Neapel fremd einherspazierte», fremd, sehr fremd. Und dieses Fremde war es, das zu schildern mir leicht gelang. Wo meine Phantasie den Stoff hernahm, ist mir allerdings noch heute ein Rätsel. Der Duft der fernen Länder, die mein Vater einmal sah, muß mir ins Blut gegangen sein; denn wie anders wäre es sonst zu erklären, daß ich darüber aussagen konnte? Schön wie exotische Blumen waren die Menschen dort, wo Vater gewesen war, und ihre Sprache war wie Vogellaut, und die Vögel einer fernen Insel, die noch nie Menschen gesehen hatten, kannten kein Mißtrauen. Sie kamen den Seeleuten nahe, ganz nahe. Sie setzten sich auf die Schultern, wollten Grüßgott sagen. Und solch zutrauliche Vögel waren meinem Vater begegnet. Diese Vögel waren ähnlich denjenigen, die man auf unserer Wintergardine erblicken konnte, aber sie waren noch, bunter, noch beschwingter als diese. Meine Vögel sangen und liebten, kurzum, sie lebten, und dennoch halte ich es für möglich, daß ich diesen stummen Gardinenvögeln mancherlei zu danken habe.
Schiffbruch, das war so ziemlich das Tollste, was einem begegnen konnte. Mein Vater hatte ja zweimal die Reise um die Erde gemacht, wobei er aber nicht an Grönland vorbeigekommen war. Was Grönland mir bedeutete, das kann ich noch heute nicht sagen. In dieser Gegend muß es einmal Eisberge gegeben haben, deren Unheimlichkeit meine Phantasie nicht gewachsen war. Jedenfalls suchte ich Grönland in meinen Berichten möglichst zu vermeiden, und ich glaube, es wäre schlimm gewesen, wenn zufällig eines der Kinder mich auf Grönland aufmerksam gemacht hätte.
Mein Vater hat zweimal Schiffbruch erlitten. Er hat dies zwar in meiner Gegenwart niemals genau erzählt. Ich glaube jedoch, daß gerade seine knappen Andeutungen, die meiner Kindesphantasie einen weiten Spielraum ließen, mich zu den wunderlichsten und schauerlichsten Märchen inspiriert haben. Märchen, die abgründig und dunkel waren und denen meine Spielkameraden wie hinweggenommen mit weit geöffneten Augen und offenen Mündern und sehr scharfen Ohren lauschten. Nach vielen Jahren, als ich wieder einmal in meine Heimat kam, sind mir einige meiner Gespielinnen wieder begegnet, und da fragten sie mich, ob ich mich noch an die Abenteuer meines Vaters erinnere, von denen meine Freundinnen manche besser behalten hatten als ich selbst.
Sehr richtig ging ich als kleines Mädel von der Voraussetzung aus, daß mein Vater als Seemann zu denen gehörte, die ohne Vorsicht leben müssen. Am Meer geboren, wußte ich, daß das Meer weich und wild ist, schmiegsam und zugleich gefährlich, zärtlich und grausam. Die Förde ließ sich zwar übersehen, zumal meine gesunden Augen recht weit reichten; aber ich wußte, daß die Förde nur der Beginn des großen Meeres ist, und auch das Meer selbst hatte ich schon kennengelernt. In meinem vierten Lebensjahr machte ich mit meiner Mutter eine Reise nach Jütland, wo ich von der ungeheuerlichen Größe des Meeres den ersten Eindruck empfing, obwohl ich diesen Eindruck noch heute nicht in Worten wiedergeben kann. Ich kann nur sagen: Ich kenne das Meer, weil ich ein Kind vom Meer bin, und weil das Meer das eigentliche Element meines Vaters war, dem er sich anvertrauen mußte. Und dieser mein heldenhafter Vater war in Schiffsnot gewesen. Meine Vorstellung von dieser Not war sehr klar, und ich könnte das Bild noch heute genau malen, wie ich es mit acht Jahren sah. Mein Vater trieb auf einer Planke, die von den hohen Wellen auf und ab geschaukelt wurde. Ach, keine Luftschaukel auf dem Jahrmarkt konnte mich so hoch werfen und so tief hinabsausen lassen als die gewaltige Welle, die ihr Spiel mit meinem Vater trieb. «Die Wellen gingen haushoch», so bemerkte mein Vater wie nebenbei. Wagte ich dann zu fragen: «Vater, wie hoch meinst du dieses Haus?» Dann antwortete Vater sehr sachlich: «Nun ja, genau kann ich’s nicht angeben, aber jedenfalls gingen die Wellen höher, als unser Haus ist.» Herrgott noch einmal, daß es solche Wellen geben konnte! Und bei Gelegenheit sah ich mir unser Haus darauf hin an. Das mußten ja unheimlich hohe Wellen gewesen sein. . . mitten in der Nacht. Der Himmel bewölkt. Sturm und Dunkelheit. Und nur ein Stern am Himmel. Und mein armer Vater, schmal und lang und schlank, treibend auf einer Planke. Kaum wage ich zu sagen, daß dieser ungemütliche Zustand zwei Tage und zwei Nächte gedauert hat. Nicht auszudenken, aber es war Tatsache. Ein Segen, daß nachts dieser Stern am Himmel zu sehen war. Das konnte ja nur Jesus höchstpersönlich gewesen sein, der diesen Stern hatte leuchten lassen.
Nirgends Rettung, nirgends Land
Vor des Sturmwinds Schlägen. . .
Wo denn sonst als bei dem Herrn
Sehet ihn, den Rettungsstern!
Christ, Kyrie! Erschein uns auf der See!
Man hätte meinen mögen, dieses herrliche Lied sei eigens für meinen Vater gedichtet worden.
O wieviel Unbegreifliches gab es bei den Schiffsnöten meines Vaters zu bedenken! Er hatte ihn vielleicht nicht gesehen, ihn, der über Wellen stand und über Wellen ging, da Petrus im Sinken begriffen war. Er war der Stern aller Meere, der jedes Fahrzeug und jedes Wrack zu lenken wußte. Einen armen, schiffbrüchigen Steuermann, der da nachts einsam auf einer Planke trieb bei haushohen Wellen, einen solchen zu retten, das war ihm eine Kleinigkeit. Fürchte dich nicht, glaube nur! Ach, das Fürchten paßte ja gar nicht zum Beruf meines Vaters. Die Furcht geziemte dem Seemann nicht. Es gab allerdings Fälle, über die schwer zu entscheiden war. Wo der Privatmut aussetzte, begann der Glaube, das unbesiegbare Vertrauen in die Allmacht Gottes. Ach, es war ein Privatmut, der noch nicht wußte, noch nicht gleich erkannte, daß er nicht aus sich selbst entstanden, sondern aus einer Güte geboren und geschenkt war. Doch ist dies etwas, was ich erst sehr spät einsehen lernte, daß nämlich alle Lust, alle Kühnheit, jeder Mut und jedes Gefallen am Abenteuer von Gott stammt und nicht das Verdienst des Menschen ist.
Mein Vater hieß mit Vornamen Matthias, ein Name, der zwar keineswegs selten in meiner Gegend ist, den ich aber für selten hielt, weil er mir zufällig nicht begegnet war. Der Evangelist hieß Matthäus, und sonderbar, wie Kinder sein können, faßte ich mir eines Tages ein Herz, um mich bei meinem Lehrer nach dem Privatleben des hl. Matthäus zu erkundigen. Der Lehrer, ziemlich erstaunt über mein Interesse, konnte mir erst am nächsten Tag Auskunft geben, die aber dann zu meiner höchsten Zufriedenheit ausfiel. An sich betrachtet, war es nicht viel, was ich in Erfahrung brachte; doch fand ich es wunderschön, daß der hl. Matthäus noch nach seinem Tode eine Reise übers Meer gemacht hatte und man seine heiligen Gebeine von Äthiopien nach Salerno überführte, wo ich ihn einmal nach vielen Jahren an seinem Festtag, am 21. September, besucht habe. Da ich meinem Lehrer sagte, daß mein Vater den Namen Matthias trage und ich mich nach der Bedeutung des Namens erkundigte, hörte ich, daß Matthias «Geschenk Gottes» heißt, und dies zu wissen, erfüllte mich mit besonderer Freude.
Meine Mutter, Anna Dorothea, stammte, wie mein Vater, aus einer Seemannsfamilie. Von der Mutter weiß ich, daß sie das Meer fürchtete; doch hatte sie hierfür einen triftigen Grund, da sie ihren Lieblingsbruder und vor allem ihren ersten Gatten schon früh an das Meer verloren hatte. Mutter stand in ihrem neunundzwanzigsten Lebensjahr, unmittelbar vor ihrer Hochzeit, als ihr Bruder mit seinem Schiff und der gesamten Mannschaft versank. Dies war für Mutter ein schwerer Verlust. Noch härter mag es für sie gewesen sein, daß kaum ein Jahr später ihr Mann «ausblieb», wie man unter Seeleuten sich ausdrückt, was besagen will, daß er nicht wiederkam.
Meine Mutter hatte ein schwarzes, fein gebundenes Buch, in das sie mit ihrer zarten, sorglichen Handschrift eine Anzahl Gedichte eingetragen hatte, die sie ihrem Manne Johannes bei seiner Rückkehr für die nächste Reise zum Geschenk mitgeben wollte. Es waren einige geistliche Lieder und Gedichte von volkstümlicher Frömmigkeit. Da stand zu lesen:
An einem Sommermorgen ward ich jung.
Da fühlt’ ich meines Lebens Puls
Zum erstenmal, — und wie die Liebe sich
In tiefere Entzückungen verlor,
Erwacht’ ich immer mehr. . .
Ach, noch so viele unbeschriebene Blätter hat das Buch, das schon ein wenig vergilbt ist. Es wurde aber nicht weitergeschrieben, weil Johannes, für den das Buch bestimmt war, auf den Korallengrund sank. Und die letzte Eintragung meiner Mutter klang so traurig, sogar die Schrift, die Buchstaben schienen zu weinen:
Ach, die Welle hat verschlungen
Junges, schönes, erstes Glück.
Lenz und Liebe sind verklungen.
Nur Erinn’rung blieb zurück.
Und doch heilte dieses erste, junge Leid, da Mutter meinen Vater kennenlernte.
Jede Ehe ist ein Heiligtum und ein Geheimnis, das niemand zu berühren wagt, und doch habe ich schon als Kind darüber nachgedacht, in welch seelischer Verfassung meine Eltern wohl einander begegnet sein mögen. Mutter selbst hat mir erzählt, wie Vater sich um ihre Hand bewarb, und ich konnte mir leicht vorstellen, wie schön das gewesen sein mußte. Es war einige Jahre nach dem Tode des ersten Mannes, um den Mutter noch immer trauerte, wenn sie auch nicht mehr das schwarze Kleid trug. Es war kein Blumenstrauß, den Vater bei seiner Werbung mitbrachte, und wie es sich vielleicht sonst gut gemacht hätte.
Nein, er brachte etwas anderes mit, das seinen Antrag so gut unterstützte, daß meine Mutter dem Vater gleich ihr Jawort gab. Ein Kind, ein winzig kleines Mädchen, das noch kaum gehen konnte. Es war das Töchterchen meines Vaters aus seiner ersten Ehe, Rebekka, meine spätere Schwester. Mutter sah das süße Kind auf den Armen meines Vaters, und es kann sein, daß ihr zärtliches Herz zunächst Mitleid für beide empfand, und daß dieses schöne Mitleid sich nach und nach in eine frohe Liebe verwandelte. Jedenfalls war es wirklich eine gute und glückliche Ehe, die meine Eltern miteinander führten. Ich kann mich nicht entsinnen, daß sie sich auch nur einmal ernstlich miteinander gezankt hätten.
Mein Vater war eine stille und nachgiebige Natur, während meine Mutter in ihrer Art energischer war. Indessen war mein Vater keineswegs ein schwächlicher Mensch, nur andern gegenüber zeigte er sich von einer Gutmütigkeit, die meiner Mutter manchmal zu weit ging. Von einem gütigen Menschen sagt man: Er gibt sein letztes Hemd weg, und diese Redensart traf beinahe buchstäblich auf meinen Vater zu. Heimlich, wie ein Kind, das nicht ertappt werden will, holte er ein Hemd nach dem andern aus dem Schrank, um es irgendeinem armen Kollegen zu geben. Bemerkte meine Mutter dann: «Es ist ja kaum mehr ein Hemd von dir im Schrank», stellte mein Vater sich fremd, murmelte etwas vor sich: «Irgendwo werden die Hemden wohl sein.» Dann konnte es aber passieren, daß meine Mutter einem Nachbarn begegnete, der das Hemd meines Vaters trug, was leicht zu erkennen war, da es aus Flanell oder Baumwolle war und gemustert. Stellte Mutter dann meinen Vater zur Rede, sagte er: «Warum sollte Jensen nicht zufällig dasselbe Hemd haben wie ich? Du hast ihm doch hoffentlich nichts gesagt?» Nein, das hatte Mutter nicht gemacht, aber sie wußte Bescheid. Wenn sie für Vater eine Winterjacke gestrickt hatte, war sie genötigt, ihm zu sagen, daß er sie nur nicht gleich verschenken solle; denn Vater pflegte nicht das wegzugeben, was für ihn wertlos geworden war, sondern oft gerade das, was er selbst nötig brauchte und sich keineswegs leicht anschaffen konnte, da er nur 18 Mark Wochenlohn verdiente.
Das Haus freilich war unser Eigentum, und wir hatten drei kleine Wohnungen an einfache Familien vermietet. Da die Mieter die Freigebigkeit meines Vaters sehr genau kannten, kam es ihnen nicht darauf an, hin und wieder den Zins nicht zu zahlen. Dann mußte Vater nach Feierabend auf Mutters Geheiß das Geld holen. Es ging stundenlang, bis mein Vater zurückkam, und meistens ohne Geld. War Mutter dann ungehalten, sagte Vater: «Möchte nur wissen, wozu du unbedingt das Geld brauchst. Es läuft dir doch nicht weg.» Es lief aber doch manchmal weg, und das Typische an diesen kleinen Sreitereien war, daß meine Eltern beide recht hatten.
Meine Mutter war in ihrer Weise ebenso freigebig wie mein Vater. Wie schön ist es, wenn eine Mutter über den kleinen Kreis der Familie hinaus auch an andere denkt! Dies zu beobachten, scheint mir für Kinder ein sehr wertvolles Erlebnis zu sein. Mutter war sehr gefällig anderen gegenüber. Ja, sie suchte und fand Gelegenheit, unseren Nachbarn, oder wem sie sonst begegnete, Gefälligkeiten und Dienste zu erweisen, wobei sie keine Mühe scheute.
Sie nähte für die kinderreichen Familien der Verwandtschaft, wußte aus alten, unscheinbaren Stoffen Neues und Nettes zu machen. Die Nachbarinnen kamen zu uns, damit Mutter ihnen die Kleider zuschnitt oder selbst nähte, wenn die Frauen keine Zeit hierfür hatten. Mutter war zwar selbst viel beschäftigt, doch verstand sie die Stunden auszunutzen.
Einmal kam ein armes, kleines Mädchen an unsere Tür, eine kleine Hausiererin, die recht dürftig gekleidet war.
In eins, zwei, drei hatte Mutter dem Kinde Maß genommen, und während das Mädelchen in den Straßen seinem Geschäfte nachging, änderte Mutter mit geschickten Händen zwei Kleider von mir, die sich das Kind später abholte. Und wie sorglich Mutter darauf achtete, daß die Kleider dem Kind doch ja richtig paßten!
Fünf Jahre über blieben meine Eltern mit der kleinen Rebekka allein, während ich mir noch in den Gefilden der Ewigkeit das Kommen überlegte. Daß ich so spät geboren wurde! Es ist ja auf eine Weise immer spät oder immer früh, da wir weder an der Vergangenheit noch an der Zukunft so teilnehmen können, wie wir dies vielleicht gerne möchten.
Vergleicht man einmal das Leben mit einem Kunstwerk, das wir nach gottgegebenen Anlagen und nach der Freiheit unseres Willens, nach einer bedingten, in Gott gegründeten Freiheit bis zu einem gewissen Grade selbst gestalten können, dann werden wir die Kindheit als die erste, kräftig angelegte Skizze bezeichnen dürfen, und dem erwachsenen Menschen bleibt nur die Ausführung des Kunstwerkes. Gewiß ist, daß jede Kindheit prophetisch ist, und wenn wir einmal im späteren Leben uns nicht begreifen können, kann uns sehr oft die Erinnerung an die Kinderzeit Aufschluß geben.
Du lieber Gott, es sieht danach aus, als wäre ich immer noch nicht geboren worden. Als warte ich noch. . . Ich habe nämlich so lange auf meine Geburt warten müssen, infolgedessen gewiß auch meine Leser einige Geduld aufbringen werden. Wir haben ja Zeit. Wir haben viel Zeit, weil wir Ewigkeit haben, und wir dürfen mit liebender Langsamkeit zu Werke gehen. Meine lieben Eltern haben einmal sehnsüchtig auf mich gewartet, und ich kam und kam nicht, vielleicht, weil ich anderswo unabkömmlich war. Schließlich wurde mit meiner Ankunft nicht mehr gerechnet.
Als meine Mutter mich nicht mehr erwartete, gefiel es mir urplötzlich zu kommen. Mutter stand in ihrem zweiundvierzigsten Lebensjahr, als sie mich zu ihrem höchsten Erstaunen in die Welt brachte. So seltsam es klingen mag, aber es ist Tatsache: sie war sehr zage auf meine Ankunft vorbereitet. Ich war ihr erstes Kind und bin auch ihr einziges geblieben. Mein Vater war bei meiner Geburt schon fünfzig Jahre alt, und ich kenne ihn nur mit den friedlich-weißen Silberfäden, die sein dunkles Haar leis durchzogen. Meine Mutter dagegen behielt ihr blondes, reiches Haar bis in ihr hohes Alter.
Meine frühesten Erinnerungen, kleine, vorüberwehende Bilder, gleichen Blumen ohne Wurzeln. Die Bäume im Garten warfen helle und grüne Schatten, und jeder Zweig war eine große Welt für sich. Vom Schlafstubenfenster aus sah ich vierjährig, wie sich die Zweige leise bewegten, ohne daß man hätte entdecken können, was es war, das die Zweige bewegte. Sie wollten nur grüßen, und ich bewegte dann die Hände ähnlich wie der Zweig. Meine Arme rauschten sachte hin und her, und wenn Mutter mich einmal bei solchem Tun überraschte, war es nicht leicht zu erklären, warum ich den Baum grüßte. Und in der Dämmerung lebten auch fremde Wesen im Baum. Warum? Ich wußte es nicht. Ich sah es nur und grüßte, eine kleine Hirtin des fremden, leisen Lebens. Es blühte an einem sehr fernen Saum.
Vaters großer Bart war wie der Wald, wie die Marienhölzung, aber ganz nahe, und Mutters Seidenband, das sie im Haar trug, war ein Regenbogen, war derselbe Regenbogen, den man mir einmal zeigte und der so hoch war, daß man die Augen davor schließen mußte. Das Haarband meiner Mutter war ein verwandelter Regenbogen, nach dem man hätte tasten können, und die Augen liebkosten das Band, das eine Brücke war über blonden Wellen, so weich war dieses Haar. Und die Stimme meiner Mutter war blau, und das Haar war weich wie die Stimme, wenn sie mich singend rief. Vielleicht hätte ich antworten mögen: «Meine blonde, meine blaue, meine weiche Heimat», aber ich wußte nicht, wie man dies sagt, obwohl ich schon sprechen konnte; doch habe ich es, wie meine Mutter mir oft erzählt hat, sehr spät gelernt.
Dunkel kann ich mich besinnen, welch starken Eindruck mir die Sprache machte, und welch Behagen ich an den ersten Lauten empfand. Ich war aber schon über drei Jahre alt, und obwohl ich schon mancherlei zu sagen gelernt hatte, äußerte ich mich, sobald mich nur etwas freudig bewegte, in einem Taubengurren, das einige Minuten anhielt. Meine Eltern waren lange Zeit in einer leisen Besorgnis, ich könnte an einer Sprachstörung leiden, weil ich teilnahmsvoll und aufgeweckt schien und mich doch nicht recht zum Sprechen bequemen konnte. Dann eines Tages kam ich auf den Geschmack der Sprache und fand Gefallen daran, manches Wort wie ein kleiner Papagei einfach nachzusprechen und oft zu wiederholen. Eine Spieluhr, die nur wenige Klänge hat, eine kleine Melodie, die der Spieluhr selbst vollauf genügt und mit der auch die Zuhörer wohl oder übel zufrieden sein müssen. Mit der Zeit, nach und nach, ließ ich mich herbei, meinen leicht übersehbaren Wortschatz etwas zu vergrößern. Das Drollige hierbei war, daß ich winziges Persönchen nicht geneigt war, mich belehren zu lassen, wenn ich nicht auch selbst ein wenig belehren durfte. Ich hielt den Sprachunterricht offenbar für ein Spiel, bei dem auch meine Eltern richtig mitmachen mußten. Forderten sie mich auf, dies oder jenes zu sagen, und kam ich diesem Wunsche nach, hörte ich stets das zufriedene Lob meiner Eltern: «Das war richtig.» Danach ersuchte ich: «Sag Aijalu. . .»
Hörte ich dann, was ich zu hören wünschte: «Aijalu . .», entgegnete ich befriedigt: «Das war richtig.» Wollten meine Eltern mir etwas beibringen, mußten sie sich auch, für meine Privatkindessprache interessieren, jene Sprache, die sich von selbst in mir gebildet hatte und die nach Aussage meiner Eltern gar nicht so dürftig war, wie man bei einem kleinen Kind annehmen möchte. Aus dem ersten, unwillkürlichen Lallen des Kindes entsteht jene kleine Sprache, die den Erwachsenen süß wie Vogellaut klingt und die ich erst in meinem vierten Lebensjahr nach und nach aufgegebenhabe, um mich der Sprache meiner Umgebung anzuschließen.
Sehr deutlich weiß ich mich an einige Spiele zu erinnern, besonders an Kreisspiele, die ich zusammen mit anderen Kindern auf der Straße machte. Von den vielen Liedern, die ich fünfjährig lernte, werde ich kaum eines vergessen haben; aber gerade das erste Lied, das ich kennenlernte, ist mir besonders lieb geblieben. Ich fand es so schön und geheimnisvoll, daß ich es noch mit sieben Jahren ohne Bedenken als Abendgebet benutzte, wie ich überhaupt zwischen dem Morgen- und Abendgebet von Zeit zu Zeit dem lieben Gott irgendein kleines Gedicht anbot, das mir gefiel. Meine Beziehung zum lieben Gott war, wie wohl bei den meisten Kindern, die denkbar einfachste. Er war ja so leicht zu erreichen, er hatte so feine Ohren. Nur leise brauchte man ein Gebet zu sprechen, und der liebe Gott vernahm es in weiter Ferne, so daß man über diese Entfernung nicht nachzudenken brauchte. Das Wettermachen war ihm eine Kleinigkeit, und weil ich helles Wetter und den Sonnenschein gern hatte, saß ich bei Regenwetter am Fenster und bettelte:
Laß die Sonne scheinen,
Sonst wird das Kindlein weinen.
Manchmal half es, aber auch nicht immer. Es half nicht, wenn vielleicht Mathiessen eigens um Regen gebeten hatte. Ich erlebte nämlich, gerade was das Wetter anbelangt, daß die Wünsche verschieden sein können. Mathiessen hatte einmal Regen bestellt. Wir Kinder, die wir ja nichts anderes zu tun hatten, beschäftigten uns viel mit Wettermachen. Wir besangen den Regen:
Regen, Regen, rutsch.
Der König fahrt in der Kutsch.
Laat de Regen öwergahn.
Laat de Sünn man wedder kam.
Regen, Regen, rutsch . . .
Weil der König in der Kutsche fuhr, mußte der Wettergott ein Einsehen haben und Sonne schicken. Als ich nun mit meinen Gespielinnen in der Haustür sitzend beim Wettermachen war, kam Mathiessen vorbei, der unser Lied, das wir der besseren Wirksamkeit halber oft wiederholten, sich grade anhörte.
«So meint ihr’s also?» sagte Mathiessen, «unsereins ist froh, wenn’s regnet, weil wir den Regen nötig haben fürs Land, und ihr, kleines Volk, sitzt da und singt gegen den Regen an.» Wir waren in diesem Fall rücksichtsvoll genug, zugunsten von Mathiessen, der seinen Regen brauchte, auf unser Schönwettermachen zu verzichten. Blieb meine Bitte um Sonnenschein erfolglos, hatte ich, da ich noch nicht weit denken konnte, Mathiessen in Verdacht, daß vielleicht er derjenige sei, der das Regenwetter verursacht hatte. Er war für mich der Regenmann, während ich das kleine Sonnenmädchen war. Schade, daß nicht jeder sein Privatwetter bestellen und haben konnte, so daß das Wetter des einen nicht mit dem des andern zusammenzustoßen brauchte. Weil es bei uns viel regnete, hatte ich für die Regenlieder ein besonderes Interesse. Das erste Regenlied, das von mir zum Nachtgebet erhoben wurde, lautete:
Es regnet auf der Brücke, und ich ward naß.
Ich hab’ etwas vergessen, ich weiß nicht, was.
Schöne Jungfrau, zart und fein,
Schließ mich in den Reigen ein.
Unter deinem Schirm laß mich behütet sein.
Wie mich dieses schlichte Verslein beschäftigt hat! Durch Jahre hindurch hat es mich begleitet, kam immer wieder. Zunächst mögen es Tonfall und Melodie gewesen sein, die mich gefangennahmen. Dann aber war es der Sinn der Worte, in den ich mich versenkte. Eine Welt, die geneigt war, mich zauberisch zu umfangen. Ach, im Grunde werde ich es nicht erklären können, warum mir dieser kleine Kindervers soviel bedeutet hat. Ich weiß nicht das Warum, ich kenne nur das Wie.
«Ich hab’ etwas vergessen, ich weiß nicht, was. . .»
Ich lernte das Lied kennen in jener Zeit, da ich einen Begriff gewonnen hatte vom Vergessen. Wie ich schon erwähnte, hatte ich von einem Tag zum andern vergessen, was rechts und links ist. Dies nur, weil mir der kleine braune Fleck der rechten Hand abhanden gekommen war. Ich wußte den Grund meines Vergessens, und vor allem beschäftigte mich das Vergessenkönnen an sich. Es war mir gar nicht so wichtig, darüber aufgeklärt zu werden, daß man sich rechts und links auch ohne braunen Fleck merken konnte. Meine Großmutter, die damals bei uns im Hause war, klagte täglich über Vergeßlichkeit, und noch dazu vertraute sie das mir kleinem Mädel an, wobei sie nicht im entferntesten daran dachte, wie sehr bereit ich war, auf dieses Thema einzugehen. Die Vergeßlichkeit war der erste Fehler, den ich an mir erkannte, und ich hatte den Wunsch, mit dem Vergessen aufzuhören. Da meine Großmutter so gar oft darüber jammerte, mußte es doch etwas Schlimmes sein, diese Vergeßlichkeit. Vielleicht war es etwas, was sich vermeiden ließ. Sobald ich nun vom Vergessen hörte, wenn’s auch nur nebenhin erwähnt wurde, tauchte in meiner Vorstellungswelt das Regenlied auf, das zum Bild wurde, und dieses habe ich nie vergessen können.
Ich sehe die Jungfrau, die weiße Schleierfrau auf einer Brücke. Sie steht im Sonnenregen und trägt über sich einen hellgrünen Schirm, durch den ein seltsam schönes Licht fällt, ein sehr zartes seidiges Licht, noch hellgrüner, noch lieblicher als das Grün des schönen Schirmes. Am Ufer jenseits sehe ich ein tieferes Grün, einen Wiesenstreifen, auf den langsam ein feierlicher Schatten fällt. Das Bild bewegt sich in mir; es lebt und verwandelt sich. Und über der Brücke, über der Schirmfrau erscheint plötzlich der Regenbogen, dieses große, leichte Luftzeichen.
So hat sich mir das Bild im Laufe meines Lebens immer wieder gezeigt, oftmals und meistens, wenn ich es nicht erwartete. In einer Fiebernacht, als ich einmal in einer fremden Stadt allein und krank lag, kam das Bild zu mir, trostreich, ein Gruß aus der Märchenferne meiner Kindheit. Es war noch dasselbe Bild, wie ich es zum ersten Male in mich hineingeträumt haben muß.
Schon oft konnte ich es halten mit einer Bitte: «Verweile, bleibe noch», und dann sah es mich an mit einem Blick, der mir befreundet und vertraut und dennoch fremd und rätselhaft war.
Ich hatte mehrere Jahre ein und dieselbe Puppe, die Liese hieß und einen gemalten Holzkopf hatte, der jede Weihnachten aufgefrischt wurde. Auch das Kleid wurde oft erneuert, weil Liese, obwohl sie etwas bunten Putz liebte, dennoch nicht genug auf sich achtete. Sie hatte nur wie ihre Puppenmutter kleine Anwandlungen von Eitelkeit, die rasch wieder verflogen. In meinem siebenten Jahr machte Liese mir viel Sorge.
Sie erhielt von einem Tag zum andern den Namen Toni Minde, und zwar nur, weil ich zufällig ein Gespräch über eine gewisse Toni Minde angehört hatte, das gar nicht für meine Ohren bestimmt war. Meine Toni war auf Reisen gegangen. Wahrscheinlich hielt sie sich in Hamburg auf, doch wußte ich als Mutter nichts Näheres darüber. Toni saß hoch oben auf der Sofalehne, während ich ihr den Rücken zugewandt hielt, denn ich wußte ja nicht, wo sie sich zur Zeit aufhielt. Toni fuhr sowohl mit der Bahn als auch zu Schiff, sie war immer unterwegs; aber ich, die Mutter, konnte sie nicht begleiten, eben weil ich nie eine sichere Adresse wußte.
Als Frau Minde hatte ich eine Nachbarin in Form eines dicken Sofakissens, das Frau Marquardsen genannt wurde. Um ihre Taille hatte ich eine dicke Schnur gebunden, die ich sehr gut verknoten mußte, damit Frau Marquardsen nicht immer wieder von der unbefugten Hand meiner Mutter auseinandergenommen wurde, was mir eine Qual war, sooft ich das entdecken mußte. Sonst hielt Frau Marquardsen sich recht wacker, und es störte mich wenig, daß auf ihrem molligen Kleid «Nur ein Viertelstündchen» zu lesen stand.
Frau Marquardsen kam zu mir zu Besuch und nahm an dem traurigen Geschick, das ich mit meiner Tochter hatte, den innigsten Anteil.
«Haben Sie Nachricht von Ihrer Tochter Toni erhalten?»
«Ja, aber es ist schon ziemlich lange her. Sie unterschreibt sich jetzt Ditha, und es kann sein, daß es gar nicht mehr meine Toni ist.»
«O Frau Minde, was machen Sie sich für Gedanken! Natürlich ist sie es. Es gibt Leute, die ihren Namen wechseln.»
«Wirklich?»
«Bestimmt. Aber wie geht es ihr denn?»
«Sie ist Seiltänzerin in Hamburg, auf der Reeperbahn.»
«Was?! Seiltänzerin? Was ist denn das?»
«Nun, sie geht zwischen Himmel und Erde. Damit verdient sie ihr Geld, aber leider nicht genug. Sehen Sie, dieses Kontobuch hat sie mir geschickt. Betrachten Sie sich das mal in Ruhe, Frau Marquardsen, und sagen Sie mir dann, wie Sie denken. Es sind die Schulden meiner Tochter, die ich zu zahlen habe. Dabei habe ich selbst kein Geld. Es ist ein Kreuz mit meiner Toni. Sie kommt nämlich immer weiter herunter.»
Während Frau Marquardsen sich mit dem Kontobuch befaßte, eilte ich rasch zu meiner Puppe, um sie mit der Sicherheitsnadel etwas mehr in der Mitte des Sofas zu befestigen, weil ich mir so das «Herunterkommen» vorstellte.
Dann wandte ich mich Frau Marquardsen zu, die sehr gerne die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hätte, wenn sie Hände gehabt hätte.
«Tz, tz, tz», machte Frau Marquardsen vor Schreck.
Dann aber wurde sie zu einer spitzen Bemerkung veranlaßt, über die Frau Minde sich sehr ärgerte.
«Sagen Sie, Frau Minde, ist Seiltanzen nicht ein ziemlich ruppiges Brot?»
Frau Minde suchte sich zu beherrschen, war aber doch sehr verschnupft.
«Frau Marquardsen, Brot ist Brot. Und meine Tochter verdient es ehrlich genug. Ich lasse nichts auf sie kommen.»
«Nun, ich meinte ja auch nur. Seine Meinung wird man doch wohl sagen dürfen.»
«Nicht immer.»
«Gut, dann kann ich ja vor meiner eigenen Türe kehren.»
«Ich rate es Ihnen. Hier ist Ihr Besen.»
«Dann will ich also gehen, Frau Minde.»
«Nach Belieben. Ich halte Sie nicht, Frau Marquardsen.»
Dann wurde das Sofakissen unter das Bett geschleudert, wo Frau Marquardsen wahrscheinlich zu kehren hatte. Am nächsten Tag wurde das Spiel fortgesetzt, bis das Thema erschöpft war; aber die Puppe mußte angesteckt an der Sofalehne hangenbleiben, weil sie noch nicht weit genug «heruntergekommen» war, und niemand wußte, weshalb.
Ein kleiner Holzschemel war mir beinahe noch lieber als meine Toni-Liese. Er stellte mein Brüderchen vor, das ich am liebsten auf dem Arm mit mir herumtrug. Wußte ich mich unbeobachtet, küßte ich den Schemel: «Du kleiner Liebling, gib acht, wie fein das wird, wenn du erst laufen kannst.» Meine große Schwester hörte einmal zufällig diese Worte, und da sie nichts von diesem Spiel verstehen konnte, begann sie hellauf zu lachen, was mich sehr verletzte; doch war das Lachen meiner Schwester nicht fähig, mich von einem Augenblick zum andern aus der Illusion zu reißen. Ich war verwirrt und bestürzt, und da es für mich eben mein Brüderchen war, über das man sich lustig gemacht hatte, flüsterte ich ihm rasch zu: «Mach dir nur ja nichts draus, mein Siurlai, Kleines.» Der Schemel aus Holz weinte nicht, nur ich begann zu weinen.
Am schönsten aber war das Spiel im Garten, das mehr einem Traume glich. Auf dem Wall unter den dunklen Fliederbäumen blühten ein paar blasse Blumen, deren Verlassensein mich rührte. Es waren keine Blumen, die von Vaters Hand gesät waren. Sie waren von selbst gekommen und so bescheiden, daß sie nicht etwa bei den dicken Pfingstrosen blühten, sondern halb im Schatten, wo sie nicht einmal vorherwissen konnten, daß ich sie entdecken würde. Es waren ungewöhnlich feine und zarte Blumen. Sie waren zwar vollkommen still, aber sie hätten weinen können, die süßen Blumen. Ich sah es ihnen an, daß sie ein Weinen in sich zurückhielten. Oh, diese schluchzende Blässe der kleinen Blumen! Ich sah sie lange an in meinem ohnmächtigen Mitleid, und dann glitt ein kleines Lächeln aus jeder Blüte, ein weißschimmerndes Lächeln. So, also so lächelten Blumen.
Es duftete dunkel nach Erde. Wie gut das tat, diesen seltsam dunklen Duft tief einzuatmen und daneben die Blumen schimmern zu sehen, die in dieser duftenden Erde wurzelten! Die Blumen wünschten, daß ich am nächsten Tag wiederkomme. Sie sagten mir dies zwar nicht direkt, aber es war ihnen leicht anzusehen. . . Bevor ich aus dem Garten ging, trug ich noch ein paar Steine von der Grotte auf den Wall. Die «Grotte» war ein kleines Arrangement von bunten Steinen, das ich aber sehr groß sah, — was mir schon mit sieben Jahren begegnete, daß ich die Dinge manchmal klein, ein andermal dieselben Dinge ungeheuer groß sah. Ich nahm von der Grotte einen bläulichen Stein und einen Bergkristall, wie es deren mehrere dort gab. Gerade als ich mich mit meinen Steinen zum Wall begeben wollte, traf das Licht den hellen Stein. Das machte mich träumen. Ich sah wie unter Wasserschleiern einen Mann, den ich nicht kannte, aber ich hielt ihn für Johannes, für den ersten Mann meiner Mutter. Er lächelte und sah mich an, und da ich zurücklächeln wollte, zerrann das Bild, und ich stand mitten im Garten. Der bläuliche Stein war mir entfallen, und ich hob ihn auf und trug dann beide Steine hinauf auf den Wall zu den Blumen.
Am übernächsten Tag war es oben auf dem Wall bei den weißen Blumen ein Beet, ein kleiner Garten für sich geworden, das war das Reich des Johannes. Einige Muscheln hatte ich noch hierhergetragen, und obwohl ich sie doch selbst auf den Boden legte, wußte nur Johannes, was dies bedeuten sollte. Das heißt, ich wußte es wohl, ich konnte es nur nicht lesen. Johannes aber verstand die Inschrift. Es war der Name meiner Mutter: Anna Dorothea.
Er war der Versunkene, der in der Tiefe träumend schlief, und zugleich schien es hier zu spielen. Spielte er denn mit mir? Ich sah ihn, als wäre ich selbst gar nicht dabei. Er war auf einer Insel, die mit einigen Rauschbäumen bewachsen war, die mit ihren wogenden Kronen, mit ihren großen, weich wehenden Blättern sich vom weiten blauen Himmel abhoben. Wie herrlich es hier war! Das Meer duftete. Ich wähnte den Salzgeschmack auf den Lippen zu spüren. Das Meer war nahe. Es war wirklich sehr nahe. Johannes besaß eine Muschel, eine schöne, sehr große Muschel, und legte man diese Muschel ans Ohr, rauschte und sang es. Vielleicht rief es aus den Wellen: «Anna Dorothea». Es war Johannes, der meine Mutter liebhatte, ganz für sich allein. Der einsame Strand gehörte ihm, und an diesem einsamen Strand wußte niemand von meiner Mutter. Eine hohe Felswand schimmernd im Licht. Als hätte diese Wand den Namen vernommen: «Anna Dorothea». Ich war es selbst, die träumend auf dem Wall saß, die Muschel am Ohr und das Meer belauschend, während die weißen Blumen mich umblühten.
DER KINDERGARTEN
Vielleicht hat die Vergangenheit oder ein Traum den Tag verwandelt, an dem ich zum erstenmal den Kindergarten besuchte. Noch sehe ich das schöne Fräulein, die Tante Petersen, vor mir, der meine Mutter mich anvertraute. Tante Petersen trug ein rosenrotes Kleid und eine weiße, ärmellose Schürze. Ein Kleid von der Farbe der Heckenrosen. Das ganze Fräulein duftete leise nach Blumen, nach Heckenrosen, wie sie bei uns am Waldrand blühten. Wie beglückend, daß dieses fremde Fräulein meine Tante war, die Tante von vierzig Kindern, mit denen ich nur durch die Kindergärtnerin verwandt war. Von einem Tag zum andern hatte ich viele kleine Schwestern und viele kleine Brüder, mit denen ich spielen lernte.
Es gab einen großen Hof, der von hohen Bäumen eingefriedet war, und wo Tante Petersen uns singen lehrte:
So gemeinsam wir spielen,
So gemeinsam im Kreis.
Die schöne Stimme der Kindergärtnerin muß ihrem Herzen ähnlich gewesen sein. Man hätte wohnen mögen in dieser Stimme. Klar und froh klang alles, was sie sagte und sang. Ein Lied der jungen Jahre, das mir geblieben ist und das noch klingen mag, süß und lieb wie einst.
Aus weißem Meersand bauten wir kleine Gärten. Winzige Zweige wurden zu Rauschbäumen. Die zierlichen Wege, die wir anlegten, erschienen mir weit, und jeder Weg führte zu einer Überraschung. Da gab es plötzlich kleine Steingrotten, eine Hütte aus glitzernden Muscheln, ein Blumenbeet, einen kleinen Sternenhimmel auf der Erde, schimmernd in allen Farben. Ich erinnere mich an die vielen bunten Strohblumen, mit denen wir spielten, die Farben sangen. Selbst die stillen, kleinen Geräte, Eimer, Schaufel, Formen, alles schien zu sprechen: Nimm mich, spiele mit mir.
Zutraulich waren die Vögel, wenn wir ihnen Brosamen zuwarfen. Zwitscherte dann einer «Kiwitkiwitt», hieß das «danke schön». Manchmal hieß es: «Habt ihr noch mehr? Das Brot war gut. Kiwit-kiwitt.» Dann wieder rief einer: «Sieh, wie ich fliegen kann. Kiwit-kiwitt», breitete die Schwingen aus und im leichten Fluge ging’s bis in die Baumspitze. Die Vögel waren eigens von Tante Petersen hierherbestellt und wußten ganz genau, daß sie zum Kindergarten gehörten. Es waren keine Waldvögel, sondern richtige Kindergartenvögel. Sie hörten zu, wenn Tante Petersen sang, und um ihre Lieder zu hören, kamen sie manchmal eigens in den großen Saal, wo wir an langen Bänken und vor schmalen Tischen saßen.
In diesem Saal, wo wir uns bei Regenwetter aufhielten, machten wir verschiedene kleine Arbeiten. Wir flochten Körbchen aus buntem Glanzpapier, die wir mit heimnehmen durften und die um Weihnachten an den Baum gehängt wurden. Wir fertigten Silberketten an, formten kleine Kelche aus Stanniol, das war das Silberpapier, das köstlich anzusehen war.
Es hing ein Bild an der Wand, von dem Tante Petersen uns sagte, daß es «Wandersmann und Lerche» hieß. Das Bild stellte eine sommerliche Gegend dar, ein Kornfeld unter einem ruhigen, blauen Himmel. Ein Weg war da und ein Wanderer, der wohl nicht daran dachte, wohin er ging. Es war ihm gewiß nur ums Wandern zu tun. Er sah nach oben, wo in der blauen Luft die Lerche flog. Tante Petersen wußte ein Gedicht für dieses schöne Bild. Durch das geöffnete Fenster drang von den nahen Feldern der Duft von frischem Heu, während sie uns das Gedicht vorsprach.
Lerche, wie früh schon fliegest du
Jauchzend der Morgensonne zu?
Will dem lieben Gott mit Singen
Dank für Leben und Nahrung bringen.
Das ist von alters her mein Brauch.
Wanderer, deiner doch wohl auch?
Der Wanderer träumte, er sei ein Vogel, und der Vogel war mit dem Menschen befreundet. Wie die beiden einander verstanden. Oh, das war reizend! Es war, als dürfte ich unsichtbar in diesem Bilde weilen. Das war im Sommer und es duftete nach Heu. Die Mohn- und Kornblumen blühten.
Eines Tages saß ich Tante Petersen ganz nahe, so nahe, daß ich mich in ihren Augen spiegeln konnte. Warum sie mich zu sich ans Pult rief, weiß ich nicht mehr. Sie muß sehr schöne Augen gehabt haben, da ich noch heute geneigt bin, dieses Augenpaar mit dem Herzen zu verwechseln. Das stille Blühen dieser blauen Bergseeaugen muß dem Herzen dieses Mädchens ähnlich gewesen sein. Wie anders wäre die Macht eines flüchtigen Augenblickes erklärbar? Augen, in denen ich das eigene Gesicht sah.
Tante Petersen sang vom Engel. Wie aber hätte ich mir einen Engel vorstellen können, da ich bisher nur flüchtig von Engeln gehört und nicht wissen konnte, wie dem Menschen die Vogelschwingen wachsen. Gewiß hätte Fräulein Petersen weniger schön sein können, und ich hätte sie leicht mit einem Engel verwechselt, aber sie war in der Tat schön wie ein Engel. Darum war mir auch, als sänge sie ihr eigen Lied. Sie glich der Saite einer Harfe, die sich unscheinbar macht, während sie klingt und schwingt.
Noch sehe ich sie vor mir, die kleine Kindergärtnerin, wie sie saß und sang, die schlanken, weißen Hände lagen wie Blumen im Schoß. Dann war sie Stimme, nur Stimme.
Es geht durch alle Lande
Ein Engel still umher.
Kein Auge kann ihn sehen.
Doch alles siehet er.
Der Himmel ist sein Vaterland.
Vom lieben Gott ist er gesandt.
Er geht von Haus zu Hause,
Und wo ein gutes Kind
Bei Vater oder Mutter
Im Kämmerlein sich findt,
Da wohnt er gern und bleibet da
Und ist dem Kinde immer nah.
Und geht das Kind zur Ruhe,
Der Engel weichet nicht.
Er hütet treu sein Bettchen
Bis an das Morgenlicht.
Er weckt es auf mit stillem Kuß
Zur Arbeit und zum Frohgenuß.
O lieber Engel, führe
Auch mich den Kindern zu,
Die du so gern geleitest
Zu Arbeit, Spiel und Ruh.
Bei solchen Kindern, lieb und fein,
Da möcht’ ich auch so gerne sein.
Von dieser Zeit an glaubte ich an Engel wie an die letzte und schönste Möglichkeit des Menschen. Es war der erste Wendepunkt in meinem Leben, da ich zu ahnen begann, daß es auch auf dieser dunklen Erde irgendwo Engel ohne Flügel gibt. Meine kleine Kindergärtnerin gehörte dazu. Es war pure Bescheidenheit, daß sie sich nicht der Flügel bediente. Sie hätte fliegen können wie die Lerche oder wie ein Engel ohne Saum, wenn sie gewollt hätte; aber daß sie zu Fuß ging, war mir viel erstaunlicher und versetzte mich in weit größere Bewunderung als der Traumengel, den ich fliegen sah. Auf was für Sohlen die Engel gehen? Heute weiß ich es nicht mehr so genau, aber damals, fünfjährig, ließ ich mich nicht durch den Augenschein verblüffen. Tante Petersen trug schlichte Lederschuhe mit halbhohen Absätzen, aber damit konnte sie mich nicht täuschen. Ich wußte ja, daß sie ein Engel in Menschengestalt war.
DIE SCHULE
Es war ein schöner Frühlingsmorgen um die Osterzeit, als meine Mutter mich zum ersten Male in die Schule brachte. Die Bäume an der Apenrader Landstraße standen im ersten jungen Grün, und mir ist, als hätten die Weißdornhecken, an denen ich in der Vorstadt auf meinem Schulweg vorüberkam, geduftet. Im Garten der Bresdorfschen Villa blühten die Osterglocken, und das Primelnbeet wurde besorgt, als wir vorübergingen. Weiter oben im Park stand das weiße Birkenhaus mitten im Grün der hohen Bäume. Dies war das Gartenhäuschen, das einmal klein und einmal groß war. Es hatte die seltsame Eigenschaft, sich verwandeln zu können. Sehr gern hätte ich einmal den Augenblick der Verwandlung beobachtet. Ob das nicht jetzt in früher Morgenstunde vor sich gehen konnte? Ich blieb am Gitter stehen, wie ich es jedesmal zu tun pflegte, wenn ich hier vorüberkam. Meine Mutter ließ mich eine Weile gewähren. Vögel zogen in langen Ketten in der reinen Morgenluft über den Garten hinweg.
«Komm, Kind, wir haben keine Zeit länger. Sieh, die Vögel fliegen in die Schule, um singen zu lernen.»
Kurz vor dem Nordertor ragte das Schulhaus, dunkel und sehr hoch. Ich hatte schon in der Stadt große Häuser gesehen. Das Schulhaus musterte ich jedoch mit besonderer Aufmerksamkeit, um dann meiner Mutter zu erklären, es sei mir zu groß, und ich wolle da nicht hinein. Mutter lachte, ja, man könne jetzt kein Schulhaus extra für mich anschaffen, und «sieh dir die Kinder an, wie die vergnügt in die Schule gehen.» Das stimmte freilich, und ich gab schließlich, wenn auch etwas widerstrebend, nach, das Schulhaus zu betreten. Vorher hatte ich mich gesperrt wie ein bockiges Kälbchen, und der Lehrer hatte dies beobachtet. Freundlich kam er auf uns zu, begrüßte meine Mutter und wandte sich dann lächelnd mir zu, ob ich nicht Lust hätte, etwas Rechtes zu lernen, oder ob ich lieber dumm bleiben wolle. Eigentlich wollte ich lieber dumm bleiben, denn es mußte wohl auch Dumme in der Welt geben; doch merkte ich, daß man nicht gesonnen war, mit mir eine Ausnahme zu machen, obwohl ich es sehr darauf angelegt hatte, die Schule zu umgehen. Es war gewiß nur das Unbekannte, die große Veränderung, die mich beängstigte.
Der Lehrer, ein langer, junger Mann, betrachtete mich lächelnd, und es fiel mir ein, daß Mutter mir aufgetragen hatte, ihm die Hand zu geben. Ich holte das nach, aber zum Knix, den Mutter gleichfalls bei mir bestellt hatte, kam es nicht, weil mir der Lehrer die Hand auf den Kopf legte und mir sagte: «Nun, Gott segne dich, mein Kind.» «Ja, danke, gleichfalls», erwiderte ich, zwar noch etwas beklommen, aber durch solch liebenswürdigen Gruß begann ich doch schon etwas Vertrauen zu fassen.
«So, Helga, wirst du jetzt auch immer schön brav und fleißig sein und dem Lehrer auch immer richtige Antworten geben?» Ja, das wollte ich. Daran sollte es nicht fehlen. Es konnte nur darauf ankommen, was der Lehrer von mir zu wissen begehrte. Das Allernächstliegende nämlich, den eigentlichen Zweck der Schule, habe ich lange nicht zu begreifen vermocht, und mir scheint, daß es hier bei vielen Kindern nicht mit wenigen erklärenden Worten getan ist. Weil nun der Lehrer selbst über sein Amt nichts oder nur sehr wenig sagte, hegte ich die absurdesten Meinungen über ihn. Mich wunderte, daß er Gefallen daran fand, vierzig Kinder die Kreuz und die Quere auszufragen über so manche Dinge, die ihn doch eigentlich gar nichts angingen. Die kleine vorläufige Intelligenzprüfung verstand ich vollkommen daneben. Der Herr Lehrer war recht neugierig und machte nicht den mindesten Hehl daraus. Er fragte nach den Berufen unserer Väter, und war das nicht doch etwas vorwitzig? Wie entzückt war er, von einem kleinen Mädchen — leider nicht von mir — zu vernehmen, daß zwei und zwei vier sind. Das Rechnen schien seine schwache Seite zu sein, und in diesem Punkt war er mir ähnlich. Aber etwas konnte er, und daheim lobte ich gern, was zu loben war: das herrliche Geigenspiel des Lehrers. Es wäre mir sehr recht gewesen, wenn er sich darauf beschränkt hätte, uns den lieben langen Vormittag etwas vorzugeigen, doch konnte er offenbar nicht lange bei der Sache bleiben. Es gab jeden Morgen nur einen kleinen Happen Musik, der Lust nach mehr erweckte. Am zweiten Morgen war er so entgegenkommend, zu seinem Geigenspiel zu singen. Oh, das war herrlich, diese warme, braune Stimme zu hören:
«Lobet den Herren, den mächtigen König der Ehren. Lob ihn, o Seele, mit Jauchzen, das ist mein
Begehren.
Kommet zuhauf! Psalter und Harfe, wacht auf! Lasset den Lobgesang hören.»
Oh, wie das rauschte! Wie kühn das hinanstieg! Wie leicht war ich hinweggenommen! Wie leicht hinangetragen! Leichter war ich als ein Wölklein, das sich auflöst.
Nein, dieser Lehrer war ein Spielmann des lieben Gottes, dem man keine Vorschriften machen konnte. War es nicht möglich, sich mit der Musik zu begnügen, mußte man es einem solchen Herrn nicht überlassen, womit er sich außerdem noch beschäftigen wollte? Seines Geigenspiels und seiner begnadeten Stimme wegen konnte man ihm manche Wunderlichkeit hingehen lassen. «Was für was», pflegt man bei uns zu sagen, wenn man für eine Wohltat sich erkenntlich zeigen will. «Was für was.»
In den ersten Schultagen waren es lediglich die musikalischen Genüsse, die mich in das hohe dunkle Haus zogen. Was mir widrig war, die Rechnerei, nahm ich gleichsam mit in den Kauf.
Wenn nur die Zahlen nicht so unerquickliche Geschöpfe gewesen wären! Sie wurden uns manchmal in gedruckten Lettern schwarz auf weiß vorgeführt. Jede Zahl war eine steife Behauptung: So bin ich, so bleibe ich, und zwar unerbittlich und unabänderlich. Merkwürdig, wenn der Lehrer eine Zahl auf die Wandtafel malte und sie nachher mit dem Schwamm auswischte, kam’s mir vor, als ärgere sich die Zahl darüber, daß sie ausgelöscht wurde. Und irgendwo spukte sie ungeniert weiter. Das war unangenehm, sehr unangenehm. Nach und nach kam es mir unbescheiden vor, mit Zahlen umzugehen. Nun ja, bis zu zehn mochte man zählen, wenn es durchaus sein mußte und sein sollte, aber allzuweit hätte es nicht gehen dürfen. Nicht so weit, wie es bei uns in der Klasse ging. Es war für mich jedenfalls ein höchst betrübliches und beunruhigendes Kapitel und nicht abzusehen, wie sich das noch weiterentwickeln würde. Unser Lehrer machte auffallende Fortschritte im Rechnen. Er entwickelte eine Kenntnis, wie ich sie niemals einem Menschen vorher zugetraut hätte. Die Ansichten über meinen Lehrer änderten sich von Tag zu Tag, so daß ich meiner eigenen Meinung kaum mehr nachkommen konnte. Daran war nur der Lehrer selbst schuld, der mich von einer Verblüffung in die andere versetzte. Das war nun einmal seine Art. Es war nicht leicht, sich daran zu gewöhnen.
Wohin mochte das führen, wenn man gleich in den ersten zwei Wochen so klug gemacht wurde? Da ging ich langsam und nachdenklich von der Schule nach Hause, beladen mit einer ungeheuerlichen Wissenschaft. Die Nachbarinnen nickten mir vergnügt und in schwer begreiflicher Harmlosigkeit zu: «Tag, Helgalein, na, wie geht’s in der Schule? Kommst auch hübsch voran?»
Ob ich gut vorankam? Es war der reine Hohn. Ich wußte ja schon die unerhörtesten Dinge. Ich wußte etwas Übergewaltiges. Ich wußte, wie die Welt entstanden war. Ich wußte um das Paradies. Ich wußte um Gott, um Adam und Eva wußte ich. Um den ersten grausamen Engel wußte ich, der mit seinem flammenden Schwert die Pforte des Paradieses bewachte, damit nur ja die armen Menschen, die man ohne Kündigungsfrist vor die Tür gesetzt hatte, sich dort nicht wieder blicken ließen. Vor dem Bresdorfschen Garten stellte ich mich auf, um die Last meiner Wissenschaft ein wenig zu ordnen. In solchem Birkenhaus hatten wahrscheinlich Adam und Eva gewohnt. Das war anzunehmen. Dieses ungewöhnlich hübsche Haus war immer leer. Nie sah ich jemand hinein- oder herausgehen, bis mein Kindesherz das reizende Birkenhaus eines Tages belebte. Aber das war später, viel später. Nach Jahren erst. Ich hatte ja nicht das Verfügungsrecht über das schöne Birkenhaus. Es gehörte Herrn Bresdorf, dem Direktor von der Werft. Ich wußte nur, daß niemand das Gartenhaus lieber haben konnte als ich. Es war eine Liebe auf den ersten und auf den letzten Blick, und es konnte niemandem schaden, wenn ich es für mich als «mein Birkenhaus» bezeichnete. Einmal war es mein Schloß, dann wieder meine Laube. Das Haus hatte, wie gesagt, die wunderbare Eigenschaft, von einem Tag zum andern groß oder klein zu erscheinen, wie uns manchmal das Leben selbst vorkommen kann, einmal klein und einmal groß.
Daheim machte ich meinen Eltern bei Tisch die Mitteilung, daß ich genug wisse, und es sei besser, wenn ich jetzt mit dem Lernen aufhöre und die Schule nicht länger mehr besuche. Meine Eltern werden ihren Ohren nicht getraut haben, oder sie nahmen meine Erklärung für den unberechenbaren Einfall eines Kindes, den man belächeln kann, dem man jedoch keine sonderliche Beachtung zu schenken braucht. Ich war keinesfalls ein bequemes Kind, das sich unter irgendwelchen Vorwänden von der Schule drücken wollte. Ich war geneigt, fleißig zu lernen, indem ich meine Schulaufgaben mit der größten Gewissenhaftigkeit ausführte. Ich hatte nur eine große Furcht, das Gelernte innerlich nicht bewältigen zu können, weil es zu große Anforderungen an meine Verstandeskräfte und vor allem an meine Phantasie stellte, Forderungen, denen ich nicht gewachsen war. Die instinktive Abwehr vor dem Zuviel, die ich zeitlebens behalten habe, wurde mir später bewußt, und ich bin mit dem, was ich an geistiger Nahrung zu mir nahm, stets vorsichtiger gewesen als mit der Nahrung, die ich meinem Körper zuführte. Eine Magenverstimmung läßt sich viel leichter kurieren als eine geistige Überladung. Es gibt Menschen, die mit großer Sorgfalt ihren Speisezettel zusammenstellen und die jede unbekömmliche Speise streng vermeiden, während sie geistig mit vollendeter Unbedenklichkeit alles verschlingen, was ihnen geboten wird und wonach sie zufällig Appetit verspüren. Solche Menschen lesen gute und schlechte Bücher, und dies in erstaunlichen Mengen und mit einem Heißhunger, daß man annehmen möchte, sie gieren bei dem einen Buch bereits nach dem andern. Sie besuchen Gesellschaften, Theater, Kino, Versammlungen, kurzum, sorgen dafür, daß sie niemals zur Ruhe und Einkehr kommen, und die eigentliche Empfindsamkeit, das klare eigene Denken gehn durch dieses Zuviel selbstverständlich verloren, von anderen geistigen Schäden ganz zu schweigen. Mit dem Studium wird es sich ähnlich verhalten, obwohl ich zugeben will, wie ja auch die Erfahrung es lehrt, daß es starke Menschen gibt, die Verschiedenes zugleich aufzunehmen imstande sind; doch mögen dies besonders begabte Ausnahmen sein, während im allgemeinen das Zuviel-auf-einmal-lernen-wollen nur auf Kosten der Gründlichkeit geschehen kann.
Indessen half mir mein Sträuben gegen die Schule wenig, und es genügte meiner Umgebung keineswegs, daß mir selbst mein Wissen genügte. Ich wurde oft gehänselt, weil ich, wie Vater es nannte, gern eine Analphabetin bleiben wollte. Ich war es ja, aber ich bin’s dann doch nicht geblieben. Wäre ich in Sizilien oder Sardinien geboren, hätte ich meinen Willen vielleicht durchgesetzt und hätte nur gelernt, statt meines Namens ein Kreuzlein zu zeichnen; so aber, wie es gekommen ist, bin ich imstande, sowohl Geschriebenes als auch Gedrucktes zu lesen; doch erwarte ich nicht, daß man mich deswegen sonderlich bestaune. Nur ich selbst wundere mich manchmal, daß ich sogar wider meinen Willen einiges gelernt habe.
In der ersten Klasse saß ich neben meiner Kusine Doris, nicht gerade als Allerletzte, aber doch als Vorletzte, aber da wir beide keinen Ehrgeiz kannten, schien uns der letzte Platz genau so gut wie der erste. Doch will ich hier gleich hinzufügen, daß ich mit 14 Jahren sogenannte Klassenerste war, als ich die Schule verließ. Das heißt, ich war auch hier die Vorerste gewesen und bekam den ersten Platz, nachdem meine Nachbarkollegin Alegine in eine höhere Schule versetzt wurde, da sie Lehrerin werden wollte. Mit meiner Kusine Doris hatte ich bisher wenig gemeinsame Interessen, obwohl wir doch nahe miteinander verwandt waren und nebeneinander Haus an Haus wohnten. Doris war ein flottes Persönchen und schon mit kaum fünf Jahren sehr «praktisch» veranlagt. Ihre und meine Mutter, die einander Schwestern waren, hatten eines Tages nach Frauenart über das Mittagessen gesprochen, wobei meine Tante, die auch Doris hieß, bemerkte, daß sie einige Eier brauchen könnte, die im Laden zufällig nicht zu haben waren. Daraufhin erwähnte meine Mutter, daß sie soundso viele Eier im Küchenschrank habe, und nebenbei sagte sie, daß sie fortgegangen sei, ohne die Tür zu schließen. (Das Gespräch fand nämlich an der Straßenecke statt.) Die kleine Doris, die völlig unbeachtet neben ihrer Mutter stand, schlich sich heimlich davon und holte meiner Mutter sämtliche Eier bis auf eines aus dem Küchenschrank und brachte die Eier wohlbehalten in die Küche ihrer Mutter, während diese noch eine Weile mit meiner Mutter weiterplauderte. In diesem Alter konnte Klein-Doris kaum wissen, was «mein» und «dein» ist, aber mit sieben Jahren hatte sie schon eine Ahnung davon.
Sehr klar erinnere ich mich, daß sie am ersten Schultag ihre Mappe, für die es unter der Bank einen eigenen Platz gab, den ganzen Vormittag über auf dem Arm behielt und mich aufforderte, es genau so zu machen. Gut. Ich wußte zwar nicht, warum, doch hielt ich es genau wie Doris, holte mir die Mappe aus dem Fach, und so saßen wir dicht an dicht nebeneinander, jedes sein Gepäckstück am Arm. Der Lehrer, der acht Bänke weit von uns entfernt saß, auf seinem hohen Pult, bemerkte, wie wenig einfach wir es uns machten, kam zu uns, um zu erklären, wie wir unsere kleinen Siebensachen verstauen könnten. Er legte sogar persönlich unsere Mappen in das Fach. Kaum hatte er den Rücken gedreht, gab Doris mir mit den Augen ein bedeutungsvolles Zeichen, holte die Mappe wieder heraus, hängte sie sich an den Arm, und ich mußte dasselbe tun. Der Lehrer bemerkte es bald und kam freundlich nochmals zu uns zurück, da er uns für etwas schwer von Begriff hielt; ich kann nur sagen, daß der Lehrer uns gegenüber eine Geduld zeigte, für die ich damals wenig Verständnis hatte. Er war wirklich ein Kinderfreund und daher auch ein guter Lehrer, aber es war nicht leicht, aus uns klug zu werden. Wir, meine Kusine und ich, haben später oft darüber gelacht, wie wir den Lehrer veranlaßten, dreimal erfolglos hin- und herzulaufen, bis Doris ihm in ihrem drolligen Plattdeutsch erklärte, wir müßten unsere Mappen am Arm behalten, da sie uns leicht gestohlen werden könnten. Ich weiß nicht, ob Doris nach dieser Richtung hin schon Erfahrungen gemacht hatte. Ich wußte nur, daß sie selbst meiner Mutter die Eier aus dem Schrank geholt hatte, aber das war ja etwas, was in der Familie blieb. Dieses Eiernehmen war nicht ganz in der Ordnung, aber Doris hatte wohl nur ihrer Mutter gefällig sein wollen. Meine Kusine meinte es sehr gut mit mir; doch klang es immerhin etwas beunruhigend, wenn sie sagte: «Man muß sehr auf seine Sachen aufpassen.»
«Jaja», pflichtete ich bei, «das muß man schon.» Trotzdem verstand ich nicht, was gemeint war, doch wollte ich mich einer so gewandten Kusine, die schon soviel Erfahrung hatte, gern ebenbürtig zeigen. Doris hatte so viele Geschwister, daß sie nicht einmal genau wußte, wie viele es waren. Ihre Brüder und Schwestern, schon erwachsen, waren zum Teil in der Fremde. Ein Bruder war von der Wanderschaft nach Hause gekommen, hatte an die Tür geklopft, und Klein-Doris hatte diesen großen Bruder mit den Worten empfangen: «Wir geben nichts.»
«Nanu?» hatte der Bruder gelacht. «Also so seid ihr hier? Ihr gebt nichts? Das ist ja niedlich. Und warum gebt ihr nichts?»
«Wir haben selbst nichts. Wir brauchen, was wir haben.»
«Das sind ja schöne Aussichten. Aber einen Kuß könnte ich vielleicht bekommen, oder steht’s auch damit knapp?»
Klein-Doris wußte noch nicht recht, daß einem Menschen manchmal an einem Kuß viel mehr gelegen sein kann als an einem Stück trockenen Brot oder an einem kühlen Zweipfennigstück. Sie ließ den fremden Mann, den sie für einen Handwerksburschen hielt, an der halboffenen Tür stehen, beugte sich übers Treppengeländer und rief hinab:
«Mutter! Komm mal rasch herauf. Hier ist ein Mann, der einen Kuß will. . .»
Tante Doris, die sich unten mit der Nachbarin unterhielt, rief zurück: «Was will er?»
«Einen Kuß!!!»
«Ich komme sofort!»
Es stellte sich dann rasch heraus, daß der fremde Mann ein Bruder von Doris war.
Mit ihrer großen Schwester war es ihr ähnlich gegangen, und ich fand es recht interessant, eine so schwer übersehbare Familie zu haben. Mit den Brüdern, die sich auf der Wanderschaft befanden, beschäftigten wir uns besonders. Es mußte ja herrlich sein, durch ganz Deutschland zu spazieren und nur hin und wieder ein bißchen als Zimmergeselle zu arbeiten, nur um etwas Geld zum Weiterwandern zu verdienen. Man konnte auch für den Anfang etwas Brot in der Umhängedose mitnehmen, und später, im Laufe der Wanderung, würde man auf dem Lande bei den Bauern genügend zu essen bekommen, so daß man also nicht zu verhungern brauchte. Allerdings mußte man bereit sein, den Bauern bei den Landarbeiten zu helfen, aber das war ein Vergnügen. Wir würden Borsdorfer Äpfel auflesen und blaue Pflaumen, wie sie in üppiger Fülle in den Obstgärten von Kalleby gediehen. Man mußte wohl nicht gerade jede Frucht in den Korb werfen. O ja, das Auswandern hatte entschieden viel für sich. Doris wußte großarig mit allem Bescheid, und für mich war die Auswanderei notwendig geworden, da ich in der Rechenstunde mehr rückwärts als vorwärts kam. Der Lehrer hatte mich gefragt, wieviel zehn und zehn zusammen ausmachen, und das hatte ich in der Eile nicht gewußt. Als der Lehrer mir dann gesagt, daß zehn und zehn zwanzig sind, hatte ich betrübt den Kopf geschüttelt und gesagt: «Ich kann’s nicht glauben.» Für solche aufrichtige Antwort hatte ich dann einen Klaps auf die Finger bekommen, womit sogar meine Eltern einverstanden waren, was mich sehr kränkte. Nein, Doris und ich wollten auswandern, so jung wir waren. Das Alter spielte dabei keine Rolle. Es kam ja auf uns an, wie wir uns dabei hielten.
Es gab bei diesem Plan nur ein Hindernis, und das war der Geburtsschein, den man nach Doris’ Kenntnissen überall vorzeigen mußte. Nun war mir zufällig noch nie etwas von Geburtsscheinen zu Ohren gekommen, aber Doris suchte mir einen Überblick zu geben von der großen Scheinwirtschaft, die es ja tatsächlich gibt. Da ich ein wenig dazu neigte, nur an das zu glauben, was mir paßte, paßte es mir mit dem Geburtsschein ganz und gar nicht. Der liebe Gott hatte Adam und Eva doch auch keinen Geburtsschein ausgestellt. Wäre dies der Fall gewesen, hätte der Lehrer eine solch wichtige Sache sicher erwähnt. Ja, es sei inzwischen manches anders geworden, wußte Doris mich aufzuklären.
«Ach, wir gehen ohne Geburtsschein», bettelte ich.
«Dann kommt die Polizei und fängt uns ein, und damit ist uns nicht gedient.»
Dagegen ließ sich nichts einwenden. Vom Polizisten ahnte ich freilich, daß er eine sehr große Macht besaß, Londelius war von einem Polizisten eines Abends aus der Wohnung geholt worden und war so ruhig neben ihm gegangen, so, als wisse Londelius genau, daß jeder Widerstand vergeblich sei.
Mein letzter Vorschlag war:
«Wir gehen ohne Hut und behalten die Schürze an, und dann denkt die Polizei und denken überhaupt alle Menschen, daß wir überall wohnen und zu Hause sind. Wir spielen Ball und nehmen noch unser Springseil mit.»
Leider beharrte Doris auf dem unerläßlichen Geburtsschein, von dem ich genau wußte, daß meine Mutter ihn mir nicht gutwillig aushändigen würde. So kam es, daß wir unsere vorzeitige Wanderlust bis zu einer besser passenden Gelegenheit unterdrückten. Auf der Schulbank saßen wir nebeneinander wie zwei unschuldig Verurteilte im Gefängnis, bis wir dann nach und nach Geschmack am Lernen fanden und uns der schöne Sinn der Schule allmählich aufging.
Eines Tages gab es einen seltsamen Himmel. Es war nicht mehr der Himmel vom Tag zuvor. Es war nicht nur der weiche, blaue Himmel, in dem die Vögel in leichten Scharen zur Schule flogen. Sie lernten singen:
Lobt froh den Herrn, ihr jugendlichen Chöre.
Er höret gern ein Lied zu seiner Ehre.
Das sangen die Vögel und wußten es nicht. Ich aber wußte es. Oh, ich wußte so viel. Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Man sah es plötzlich dem Himmel an, daß der liebe Gott ihn erschaffen hatte.
Auch die Sonne war anders geworden. Am Strand bemerkte ich es, angesichts der unzählbaren Wellenstreifen. Es war, als wolle die große Sonne am Himmel mit ihren unzähligen Strahlen sich in jeder Welle fortsetzen, und die vielen Wellensonnen strahlten ein demantenes Licht. Und die große Ursonne selbst blendete. Man konnte sie nicht ansehen, ohne die Augen zu schließen. Daß sie durch ein Wort entstanden war! Es werde Licht! Und es ward Licht. Hervorgerufen durch ein Wort. Oh, es war so tief erstaunlich! Die einsame Stimme des Schöpfers, da sein Geist noch über den Wassern schwebte. Oh, noch immer über der Förde meiner Heimat. Die vielen Sonnen über den Wellen. Sie glitzerten. Sie sprangen und tanzten, als hätten sie jubeln mögen. Wie vom Munde des lieben Gottes geweht, entstand wieder und immer wieder das Licht. Siehe, es war sehr gut, hatte der liebe Gott selbst gesagt. O ja, es war unendlich gut. Es war schön, bezaubernd schön. Es war der Himmel des lieben Gottes und das Licht des lieben Gottes. Und ich wußte darum.
Wir hörten in der Schule die Schöpfungsgeschichte, wie sie im Alten Testament zu lesen steht. Unser Lehrer versuchte nicht, das überirdisch Große zu verkleinern. Er ließ zunächst die ehrfurchtgebietende Majestät der biblischen Sprache auf unsere jungen Herzen einwirken, die vor dieser Größe in Andacht erbebten. Erst nachher gab er uns einige Erklärungen, die unserem kindlichen Verstand entsprachen. In dieser Zeit lernte ich rasch lesen und schreiben. Die Aussicht, in der Bibel lesen zu dürfen, war es, die meinen Eifer beflügelte. Ich erinnere mich deutlich an meine kleine Lesefibel, in der gleich beim ersten Buchstaben, beim A, ein Apfel abgebildet war, und wie ich diesen Apfel oft betrachtete und mir dabei dachte, daß ich schon bald die Geschichte von Adam und Eva würde lesen können, die seltsame Geschichte, die ich schon kannte.
Einen Tag lang versetzte mich die Vertreibung aus dem Paradies in eine unbeschreibliche Kümmernis. Es war, als arbeite das, was ich vernahm, selbständig in mir, ohne daß ich etwas dazu tat. Von einer großen Freude wurde ich plötzlich in einen tiefen Gram versetzt, und ich stand meinen eigenen Empfindungen machtlos gegenüber. Was mir sonst noch in der Schule geboten wurde, erschien mir belanglos gegen dieses eine, das mir einzig zu wissen wichtig schien. So viele Jahre sind seitdem vergangen; doch ist mir, als wäre es gestern gewesen, was ich an einem Mittwochmorgen vernahm: «Du bist Erde und sollst zu Erde werden.»
In welche Betrübnis versenkte mich dies Wort! Am Nachmittag war ich mit einem Nachbarskind, mit Martha, einer kleinen Freundin, auf dem Kartoffelacker, wo wir bei der Ernte helfen durften. Es waren die großen mehligen, sogenannten Rosenkartoffeln, die wir in große Körbe legten. An einer Staude befanden sich zwölf bis achtzehn schöne Kartoffeln. Ich zählte, weil ich an das Wort dachte: Dornen und Disteln soll dir der Acker tragen . . . Ich fand, es war nicht so schlimm . . . Der liebe Gott war milde in unserer Gegend . . . Es war eine schöne Ernte.
Es wurde einiges dürre, von der Sonne versengte, trockene Kraut auf dem Felde verbrannt, und in der Abendstunde lagen und saßen wir um dieses Feuer herum. Es war so schön, in die Flamme zu sehen. Man hätte bitten mögen: Verlösche nicht. . . Der Himmel war silbern, und schon zeigte sich die blasse Mondsichel am Himmel. Es war zunehmender Mond, und ich wußte, woran man dies erkennt. Ich wußte ja so viel. . . Meine kleine Freundin Martha war so lieb. Sie saß neben mir. Es tat gut, sie nahe zu fühlen, ganz nahe. Ich sah, der Flammenschein fiel über ihr Gesicht, spielte in ihren flachsblonden Haaren. Nur die Erde, auf der wir saßen, war dunkel. Du bist Erde und sollst zu Erde werden. Es war nichts dagegen zu machen. Unabänderlich, es gab soviel Erde, und der leere Acker war ein Schatten, ein großer, dunkler Schatten. Gedankenlos ließ ich eine Handvoll Erde durch meine kleinen Hände rinnen. Sie duftete gut, diese dunkle Erde. Dann wieder sah ich in die Flamme, die am Verglühen war, aber sie hielt sich noch ein wenig. Noch spielte ein wenig Licht in Marthas hellem Haar. Ein letzter Glanz, nach dem ich verlangend griff. Ich haschte danach und zog meine kleine Freundin an mich: Ich hab’ dich heut so lieb. Sie schmiegte sich an mich. Und dann tauchten die ersten Sterne aus dem Silber des Himmels auf. Das waren die Lichter an der Feste des Himmels. Es gab ein großes Licht, das den Tag regierte, und ein kleines, das die Nacht regierte. Und diese Lichter schieden Tag und Nacht voneinander, gaben Zeichen und Zeiten, Tage und Jahre. Und an diesem Tag stand der Mond im zunehmenden Zeichen. Wir bemerkten es mit leiser Freude.
ADVENT
Wie soll ich dich empfangen
Und wie begegn’ ich dir,
O aller Welt Verlangen,
O meiner Seele Zier?. . .
Wie gern habe ich dieses Lied im Advent gesungen, allabendlich um vier Uhr in der Schule mit vielen andern Kindern zusammen. Der hehrer selbst sang mit, und unsere jungen Stimmen klangen so froh, als wollten sie einander umarmen.
Wie wundervoll ist es, in der Freude mit vielen einig zu sein und in Erwartung zu singen: Wie soll ich dich empfangen?!
Das ist die Liebesfrage im Advent, die immer wieder in uns auftaucht, wenn das Weihnachtsfest nahe bevorsteht.
Es wurde früh dunkel, und doch war es irgendwo licht und hell. Durch das hohe Fenster sah man am Himmel den ersten Stern schimmern. Jeden Abend war er da, wenn wir sangen. Es war der Herold unter den Sternen, der Millionen kommende Sterne ankündigte. Dann wieder war es Gabriels und Mariens Stern. Oder es war derselbe Stern, den die fremden Könige einst gesehen. Die heiligen Drei Könige, die einem Sterne nachgegangen waren, und mit ihnen war die Sehnsucht der fernen Völker gewandert, die noch nichts vom Jesuskinde wußten und sich doch schon nach ihm sehnten. Denn die Sehnsucht nach Erlösung lag in jedem Menschen. Das war uns gesagt worden, und jetzt wußten wir es für immer. So sehrvon weitem waren sie gekommen, die drei Weisen aus dem Morgenlande, umgeben von fremdländischem Duft, beladen mit Gold, Weihrauch und Myrrhen, singend auf dem Wege: O aller Welt Verlangen . . . Wie reich sie doch waren, diese Sternerfüllten, reich an Liebe und an Gold! Irgendwo aber mußten sie doch ihre Paläste verlassen haben, ihre stolzen, glänzenden Häuser ließen sie leer stehen, da sie nach Bethlehem gingen. Sie waren ja Könige, und doch schienen sie ihre Kronen vergessen zu haben um Jesu willen.
Jeder König sang dasselbe, was wir in der Schule sangen:
Mein Herze soll dir grünen
in stetem Lob und Preis,
Will deinem Namen dienen,
So gut es kann und weiß. . .
Noch stand das Zeichen am Himmel, und nichts war leichter als Sterndeuten. Beim Nachhauseweg von der Schule ging immer der Stern mit mir. Er eilte mir voraus oder folgte mir. Der Stern behielt den Menschen im Auge. Und einmal hatte er über dem Stall zu Bethlehem gestanden, zwischen den Zweigen eines Palmbaumes geglänzt. Wir haben seinen Stern gesehen im Morgenlande und sind gekommen, ihn anzubeten.
Oh, ich erinnere mich, wie meine liebe Mutter von der Geburt Jesu erzählte. Was waren alle Märchen gegen dieses eine, das die Wahrheit aller Wahrheiten enthielt? Die Kunde war mir noch neu, und ich hatte noch nicht gar viel von Jesus gehört. Es war so tief erstaunlich und schön, daß das Jesuskind alles von mir wußte, immer gewußt hatte. Und daß es dann so klein war, daß man das Verlangen trug, es wie ein Brüderchen zu betrachten.
Nicht genug konnte man davon zu hören bekommen, und Mutter wußte so lieb Bescheid, als wäre sie dabeigewesen. Alles, aber auch alles ließ sie sich abfragen.
«Mutter, sag, warum ist das Jesuskind nicht daheim geboren worden im Hause seiner Eltern? Hätte der liebe Gott nicht machen können, daß Maria und Joseph nicht in Wohnungsnot kamen? Der liebe Gott hätte auch die Volkszählung leicht verlegen können, meine ich. Und daß die beiden mit ihrem Kinde fliehen mußten! Mutter, du hast vergessen zu sagen, ob wohl ein Ofen im Stall zu Bethlehem war. Wenn das Kind auch gut eingehüllt war in Windeln und Wolle, kann es doch nicht recht warm gehabt haben. Und Maria und Joseph. Ob es nicht kalt war in der Nacht?»
Bei uns im Wohnzimmer glühte und wärmte das Feuer. Die Ofentür stand geöffnet, und wir saßen um den Ofen und sahen in die schönste Glut. Die Lampe war noch nicht angezündet. Mutter liebte es, uns Kindern in der Dämmerung zu erzählen, und man sah und dachte nichts anderes als an die wundersame Geschichte von der Geburt Jesu. Wie lieb und warm war es bei uns! Wie leicht hätte hier ein Kind geboren werden können! Es hätte in meinem Kinderbett schlafen können, unter der hübschen blauen Decke. Wie schade, daß wir damals nicht in Bethlehem waren! Wie sehr ich dies bedauerte! Meine Eltern hätten bestimmt das Jesuskind aufgenommen mitsamt seiner hohen Mutter und dem heiligen Joseph. Dies wäre schon gegangen, wenn man sich ein wenig eingeschränkt hätte. Wir hatten ja oben eine Dachkammer, und dann die kleine Abseite, und ich hätte mit Rebekka leicht im Holzraum schlafen können. Rebekka war dazu bereit, daran fehlte es nicht. Und in der Küche, auf unserem Herd mit drei Kochlöchern und einem Wasserschiff war es eine Kleinigkeit, für zwei Familien zu kochen. Einige Teller und Schüsseln hätten wir vielleicht noch gebraucht, aber das war das wenigste. Das hätten die Nachbarn uns ja auch zur Not geliehen. Etwas Geld hätte Vater sich zum voraus geben lassen können vom Werftdirektor, dem man ja leicht erklären konnte, warum man Geld brauchte und wer bei uns zu Gaste war. Onkel Erich, der gleich nebenan wohnte, war Zimmerer und hatte eine eigene große Werkstatt, und ob der heilige Joseph nicht bei Onkel Erich Arbeit annehmen würde? Mutter hielt dies nicht für ausgeschlossen. Onkel Erich hätte den heiligen Joseph so gut wie zum Meister machen können, und beide würden sich dabei nicht schlecht gestanden haben. Aber bei uns hätten alle drei wohnen müssen. O wie wundervoll! Wie unausdenkbar schön! Ob die Heilige Familie wohl einverstanden gewesen wäre? Wenn sie gesagt hätten: «Ja, wir kommen ganz gern —!»
«Mutter, meinst du, daß sie ,Jaʻ gesagt hätten?»
«Ich weiß es nicht, mein Kind. Es kann sein.»
Es kann sein. Es hätte sein können! Ach, wir konnten ja auch nicht dafür, daß wir in eine so späte Zeit geraten waren. Schade, wirklich schade. Aber man konnte doch durch die Jahrhunderte zurücklaufen wie durch eine Allee, bis man nach Bethlehem kam, wo das göttliche Kind im Stall lag.
«Und warum lag es im fremden Stall?»
«Es geschah nach dem Willen Gottes. Und das Jesuskind wollte wohl dadurch zeigen, daß es nur ein Gast und ein Fremdling auf der Erde war. Es kam doch vom Himmel und war bei seinem Vater im Himmel daheim. Auch wir sind nur zu Gaste hier, und einmal müssen auch wir das Haus verlassen. . .»
Und dann brach Mutter das Gespräch ab, um uns das schöne Adventslied zu singen: «Vom Himmel hoch, da komm’ ich her. . .»
DIE SCHWESTER
Jetzt weiß ich nicht, ob es unbedingt nötig ist, daß ich etwas von meiner Schwester Rebekka erzähle, aber es kann vielleicht nicht schaden. Wie oft schon habe ich über dieses Thema nachgedacht, im innigen Verlangen es zu verstehen; doch muß ich bekennen, daß es mir bisher nicht gelungen ist.
Meine Schwester war mit 15 Jahren ein schönes Mädchen, hoch und schlank gewachsen, mit schwerem, glattem, streng gescheiteltem Haar und einem sehr fein geschnittenen Gesicht, jedoch mit einem etwas gleichgültigen, manchmal sogar abwehrenden Gesichtsausdruck. Im Typus war sie der vollendete Gegensatz zu mir. Vielleicht war sie in Wirklichkeit nicht so dunkel, wie ich sie als Kind sah, was daran gelegen haben kann, daß in meiner Gegend durchweg blonde oder dunkelblonde Menschen sind. Wir waren jedenfalls sehr verschieden voneinander, und dies nicht nur äußerlich, sondern auch und wohl hauptsächlich im Wesen, worüber ich freilich als Kind wenig nachgedacht habe. Viele Jahre später erst, als ich erwachsen war, erfuhr ich, daß Rebekka nur meine Halbschwester war und daß wir eigentlich nur den Vater gemeinsam hatten. Doch glaube ich, daß ihr dies ebensowenig bedeutet hat wie mir, zumal unsere Mutter genau so zärtlich an ihr hing, ja sie in manchen Dingen noch mehr verwöhnte als mich. Meine Schwester legte größeren Wert auf schöne Kleidung, und wo Mutter nur konnte, gab sie Rebekka stets nach, wenn sie sich etwas Besonderes wünschte. Ich kann mich nicht entsinnen, daß meine Schwester auch nur ein einziges Mal mit mir gespielt hätte. Sie war freilich sieben Jahre älter, und das ist bei Kindern eine lange Zeit. Oh, ich hätte sehr viel darum gegeben, wenn sie nur um einige Jahre jünger gewesen wäre, damit ich als Spielkameradin wenigstens ein klein wenig für sie hätte in Betracht kommen können. Es war an sich so köstlich, eine große Schwester zu haben, und obwohl ich mich bemühte, es zu verbergen, hegte ich eine starke Bewunderung für sie, die aber hauptsächlich dem schönen Äußeren galt. Zu gerne wäre ich ihr ein wenig gefällig gewesen. Einmal, als sie ein englisches Gedicht auswendig zu lernen hatte, erlaubte ich mir, ihr zu soufflieren. Sie sah verwundert auf und fragte, ob ich denn das Gedicht kenne. Glückstrahlend und mit naivem Stolz sagte ich ihr die Strophe her, von der ich zwar nicht eine Silbe verstand; doch hatte ich mit sieben Jahren ein Gedächtnis, daß, wenn ich einen Vers nur einmal richtig gehört hatte, ich ihn ohne jegliche Mühe auswendig sagen konnte. Meine Schwester ärgerte sich offenbar, daß ich als siebenjähriges Mädel das englische Gedicht leichter lernen konnte als sie, die Vierzehnjährige. Verdrießlich warf sie das Buch auf den Tisch und schickte mich in die Küche. Ich ging tiefbetrübt meiner Wege und konnte nicht verstehen, daß ich nicht das Rechte getroffen hatte.
Wie ich’s anstellte, war’s falsch. Einmal putzte ich ihre Schuhe mit Ofenglanz. Ich hatte entdeckt, daß dies dem Schuhzeug einen silbrigen Glanz gab, der mir ungemein gefiel und den ich für extra vornehm hielt; aber das wurde mir nicht nur von meiner Schwester, sondern sogar von Mutter selbst als Schabernack ausgelegt, da ich bemerkte, ich hätte dies eigens gemacht. Ich sagte allerdings nicht, warum. Eigenlich sollte man ja alle Schuhe mit Ofenglanz putzen, aber bei uns daheim hatte niemand Sinn dafür.
Ich leistete mir noch etwas, von dem ich mir viel versprach. Meine Schwester besaß ein Nähkästchen aus schönem braunen Holz. Nun sah ich, wie Mutter eines Tages eine Gipsfigur, die ährensammelnde Ruth, vergoldete. Diese Ruth war ein Prunkstück auf unserer Kommode. Da Ruth nicht alles Gold in Anspruch genommen hatte, kam ich auf den Gedanken, der Rest der Goldbronze könnte für das Nähkästchen meiner Schwester reichen, und solche edlen Vorsätze sind bekanntlich dazu da, um ausgeführt zu werden. Ich räumte also das Kästchen aus und begann, es von außen zu vergolden. Das Gold reichte gerade, eben und eben. Sehr gerne hätte ich nun auch das Innere des Kästchens vergoldet, aber das Gold reichte nur noch für einen schönen Stern mit ungefähr acht Zacken. Ich war sehr zufrieden mit meinem Werk. Es war ein Vergnügen sondergleichen, sich das Kästchen anzusehen. Es war eine Wundertruhe, ein Schatzkästchen. Beinahe zu schade, Nadel und Faden hineinzulegen, aber für meine Schwester war nicht leicht etwas zu gut. Sie würde staunen. Sie würde ja ihren Augen nicht trauen ob solcher Pracht.
Rebekka staunte wirklich, und sie traute ihren Augen tatsächlich nicht, aber sie staunte leider ganz anders, als ich erwartet hatte. Ich mag nicht sagen, wie. . . Sie war gar nicht mit dem goldenen Kästchen einverstanden, und ich merkte, daß ich anders Vorgehen müßte, um ihr Herz zu gewinnen.
Der Zufall oder das Schicksal kam mir entgegen. Ich wurde krank. Es waren zwar anfangs nur die Masern, die mich befielen; doch schloß sich an die Kinderkrankheit eine wochenlange Schwäche, von der ich nicht sagen kann, ob sie von den Masern die Nachwirkung oder eine Krankheit für sich war.
Eine gewisse Schwermut hatte mich befallen, von der ich jedoch glaube, daß sie einen besonderen Grund hatte. Kurz vor dem Ausbruch meiner Krankheit war mir das Trommelfell des rechten Ohres durchstoßen worden, was eine schmerzliche Entzündung mit sich brachte. Ich hatte nämlich in der Schule eine Zeichnung zu machen, irgendein Blatt, das Blatt eines Baumes. Während ich nun über diese Zeichnung nachdachte, zerstreute ich mich, und ehe ich mich’s versah, war eine kleine Himmelsleiter entstanden mit einem träumenden Jakob, der seinen Kopf an die unterste Sprosse lehnte. Wie ich dazu kam, die Zeichnung zu machen, weiß ich nicht. Die Himmelsleiter und Jakob waren im weißen Papier verborgen, und der Bleistift spielte von selbst in meiner Hand. Da ich nun aber nicht die gewünschte Blattzeichnung abliefern konnte, kam der Lehrer sehr ungehalten an meine Bank und war im Begriff, mir meiner Unfolgsamkeit wegen eine Ohrfeige zu geben. Hierbei suchte ich mich ängstlich mit der Hand, die immer noch den Bleistift hielt, zu schützen. Der Lehrer gab mir einen Stoß, wobei die Spitze des Bleistiftes mir durchs Ohr fuhr. Ich empfand einen ungemein heftigen Schmerz, vor dem ich sehr erschrak und der mir schwer erträglich schien, obwohl ich mich schon an Schmerzen gewöhnt hatte, da ich beinahe täglich in der Schule sogar hart gezüchtigt wurde, weil ich nicht mehr die kleinste Rechenaufgabe lösen konnte, was der Lehrer für Eigensinn halten mochte, da ich in andern Fächern gute Fortschritte machte. Mein gutes Gedächtnis erstreckte sich leider nicht im mindesten auf Zahlen. Ich konnte mit neun Jahren viele Psalmen, Gedichte, sogar Prosastücke fehlerfrei aufsagen, was zu lernen zum Teil gar nicht verlangt wurde; dagegen verursachte mir die einfachste Rechenaufgabe die größten Schwierigkeiten, obwohl ich mir immer wieder Mühe gab, das Rechnen zu erlernen. Es nützte aber alles nichts. Ich mag noch heute nicht sagen, wie ich gezüchtigt wurde, doch geschah es oft mit einer Grausamkeit, vor der ich erbebte. Daß es so etwas Hartes und Häßliches geben konnte! Mit den Schmerzen verstand ich ein wenig umzugehen. Ich wußte sie manchmal zu beschwichtigen, indem ich entweder meine geschwollenen Fingerspitzen küßte, mir das Haar streichelte, manchmal auch vor mich hin mit meinem Rücken sprach. Die kleinen heimlichen Selbstgespräche halfen viel, bis ich eines Tages merkte, daß ein Gedicht oder die Kirchenmusik, die Orgel imstande waren, alles Zerrissene und Wunde, auch alles Häßliche und Schwere in mir für eine Weile zu heilen, aufzuheben, vergessen zu machen.
Es stand also insofern nicht so schlimm mit mir, da ich auf dem besten Wege war, mir ein wirkungsvolles System auszudenken, eine gute Methode gegen Schmerzen auszuprobieren. Der liebe Gott, der mein Vertrauter war, schien nicht immer Zeit für mich zu haben. Doch wollte ich ihm dies auf keinen Fall übelnehmen. Er hatte wohl seine Gründe, wenn er schweigsam blieb. Die Dichtung aber schwieg nicht. Vielmehr lernte ich ihre Tröstungen kennen. Ach, du süße, kleine Sternliese, und du gesegneter Dichter, wieviel ich euch verdanke! Und dann gab es noch vieles, was ich hier nicht alles aufzählen kann. In einer schmerzlichen Kindesnacht schwor ich jedem edlen Dichter, der mir zum Trost wurde, Dankbarkeit auf Lebenszeit; es ist ein Gelübde, das ich gehalten habe bis auf den heutigen Tag.
Nach der Zeichenstunde jedoch kam ich lahmer denn je nach Hause, und verwundet legte ich mich ins Bett, um zu sterben. Warum? Ich weiß es nicht. Wenige Tage vorher hatte ich ein Gedicht gefunden, das ich säuberlich abgeschrieben hatte, um es meiner Schwester zu schenken. Es gefiel mir zwar im Ton nicht besonders, und ich erinnere mich sehr deutlich, daß es das erstemal war, daß ich ein Gedicht mit einer gewissen Kritik betrachtete. Ich fand, daß es an diesem Gedicht einiges auszusetzen gab, aber man konnte darüber hinwegsehen, weil der Sinn des Gedichtes schön war.
Wenn mit ihrem Pfunde
Fromme Poesie
Einer Erdenstunde
Himmelsduft verlieh,
Ehret ihre Sendung.
Achtet stets den Geist.
Scheltet nie Verschwendung,
Was den Schöpfer preist.
Nun hielt ich dieses Gedicht für eines der notwendigsten, die es je geben konnte. Es enthielt eine Aufforderung, die mich rührte und gepackt hielt. Mit fünfzehn Jahren trug ich dieses Gedicht, das ich mit neun Jahren schon kannte, begeistert in mein Tagebuch ein.
Ich saß, obwohl ich mich vor Schmerzen kaum aufrecht halten konnte, in der Mittagsstunde noch mit den andern bei Tisch; doch spürte ich schon, daß ich mich würde ins Bett legen müssen. Ich schob meiner Schwester das Gedicht hin: «Hab’ ich dir mitgebracht.» So, als käme ich von einer weiten Reise. Während Rebekka das Blatt betrachtete, bildete die Hafergrütze in der Milch seltsame Weltteile. Eine helle Landkarte. War das nicht Grönland? Nun, ich hatte mich wohl geirrt. Ich hörte jemand sprechen: «Ja, was soll ich denn mit diesem Unsinn?» Eisberge ragten auf, und das Meer war grün und kalt. Und dann wußte ich nichts mehr von mir. Ich wurde ohnmächtig.
Wochenlang lag ich krank, verwirrt und halb bewußtlos. Nur sehr langsam erholte ich mich, da ich kaum Nahrung zu mir nehmen mochte oder konnte. Meine Schwester fragte nichts nach mir. Sie mochte mich nicht leiden. Dagegen war nichts zu machen. Dergleichen gab es wohl in der Welt. Es würden mir vielleicht noch manche Menschen begegnen, die mich nicht gern haben würden. Es war sehr schwer, sich dieses Unabänderliche, Schmerzliche bewußt zu machen. Wie wohl jedes Kind hatte ich ein starkes Bedürfnis nach Liebe; doch setzte ich dieses Bedürfnis auch bei anderen voraus, und hierbei war es eine herbe Enttäuschung, einsehen zu müssen, daß meine nächste Umgebung nicht so liebebedürftig war, wie ich es mir wünschte. Immer wieder hoffte ich mich zu irren, aber das Schlimme war, daß ich mich eben nicht irrte. Ich war der Meinung, daß dieses «Nichtgeliebtwerden» meine eigene Schuld sei. Da es mir nicht gelungen war, die Zuneigung meiner Schwester zu erringen, um die ich mich so sehr bemühte, wie würde es mir dann gelingen, die Liebe der anderen Menschen zu erwerben? Dies beschäftigte mich, während ich krank im Bette lag, lange, lange Zeit, bis diese Frage sich allmählich selbst von mir ablöste. Es kam vielleicht nicht so sehr darauf an, geliebt zu werden. Wer darauf verzichten könnte! Es kam darauf an, selbst liebzuhaben. Trotz der Kälte.
Viele Monate später erzählte mir Mutter, ich hätte auf verschiedene Fragen immer nur eine und dieselbe Antwort gegeben: Es ist kalt in Grönland. Dann fragte Mutter mich, ob mir denn so viel von Grönland geträumt habe, aber davon wußte ich nichts. Als ich wieder mit bei Tisch sitzen konnte, berührte meine Schwester einmal meine Hände, indem sie sagte: «Wie deine Hände mager geworden sind!» Diese Liebkosung durchzuckte mich. Ich versuchte zu scherzen: «Ich bin also doch nicht ganz umsonst krank gewesen.» Meine Schwester lächelte, aber sie verstand mich nicht.
Über der Kommode hing ein Bild. Es war Werthers «Lotte», die große, mütterliche Schwester, die, umgeben von einer fröhlichen Kinderschar, ihren kleinen Geschwistern Brot schnitt. Diesem schönen Mädchen hätte ich ähnlich sein mögen. Lotte trug ein weißes Kleid, mit freundlichen Flatterschleifen besetzt. Wie aus Gefälligkeit für die Kinder hatte sie sich eine kleine Rose ins Haar gesteckt, das war reizend. Wie schön mußte es sein, so viele Geschwister zu haben, in einem Zimmer, in dem alles ein wenig sorglos drunter und drüber ging. Das Kleinste saß im hohen Kinderstuhl, ein Stück Schwarzbrot in den kleinen Patschhänden. O dieser reizende kleine Pausback! Man hätte ihn aus dem Bild herausnehmen mögen, um ihn nur ein einziges Mal ans Herz zu drücken, ihm einen Kuß auf seine runden Wangen zu geben.
Eines Tages bekam ich die Möglichkeit, selbst ein wenig Lotte zu sein, weil Frau Jessen, unsere Nachbarin, in der Stadt Besorgungen zu machen hatte und mir für einige Stunden die Aufsicht über ihre Kinder anvertraute, Es war mir recht, daß Frau Jessen sieben Kinder hatte, eines kleiner als das andere. Das war ein großes, unvorhergesehenes Glück für mich, das ich nach jeder Richtung hin gründlich genoß, da es mir selten geboten wurde. Da gab es eine kleine Amelie im Wagen, die «labla» und «aigü» sagen konnte und so drollig mit den Beinchen zappelte, und wenn man sehr freundlich auf sie einsprach, hatte sie ein entzückendes Lächeln, das hervorzulocken Freude machte. Und mit den andern Kindern ließ sich so reizend spielen, daß der Nachmittag im Fluge verging. Sogar Brot hatte ich schneiden dürfen, zwar nicht wie Lotte mit einem breiten Messer, sondern mit einer Brotschneidemaschine, was aber ungefähr auf dasselbe hinauslief. Daheim erzählte ich Mutter, das Brot bei Jessens sei gewiß schwerer und härter als das Brot bei Lotte, und damit zeigte ich nach dem Bild, um Mutter zu zeigen, warum Lotte keine Brotschneidemaschine brauchte.
Weiter unten, am Ende der Straße, war die biblische Gegend oder der Rand der Welt. An sich betrachtet, war es kein gesunder, kein eigentlich behaglicher Spielplatz, weil Schutt und Asche hier abgeladen wurden, aber das störte uns Kinder nicht im mindesten. Die Gegend war vielseitig und anregend, das Blütentum gleich neben dem Gerümpel. Ein grünbewachsener Wall und ein schmaler Wiesenstreifen ganz nahe dem Scherbenfeld. Zur Linken neben dem Wall, wohl zwanzig Schritte von ihm entfernt, sah man in den geöffneten Raum einer Glashütte, wo Männer an langen Stangen glühende Flaschenkolben hin und her schwangen. Der geöffnete Ofen warf einen rotgelben Flammenschein auf die nackten Oberkörper der Glasbläser. Das sah schön und zugleich schrecklich aus. Die Glashütte wurde von uns Kindern als Hölle bezeichnet, doch kam sie nur zum Ansehen in Betracht, und hinein kam niemand von uns. Der Zutritt war streng verboten.
Der Wall, auf dem spärlich einige Markblumen und Löwenzahn wuchsen, war der Himmel, und hier regierte Kalle Hattenberg kühn genug als «lieber Gott». Unterhalb des Walles befanden sich sechs Schweineställe nebeneinander, und diese Partie hieß «die Verbannung» oder «die Fremde». Zwischen den Schweineställen und dem Wall gab es einen Jauchegraben, der beim Spiel von dem verlorenen Sohn und der verlorenen Tochter eine wichtige Rolle spielte. Um nämlich aus der Verbannung in den Himmel zu gelangen, war man genötigt, diesen Graben zu überspringen, eine Kunst, in der wir uns unwillkürlich übten. Einige Jungen fanden es flott, sich beim Springen einer Stange zu bedienen; aber ich lehnte für meine Person solche Hilfsmittel ab, freilich erst, nachdem ich zwei Vorhangstangen von daheim zerbrochen hatte. Es gab allerdings auch eine Möglichkeit, auf bequemeren Wegen in den Himmel zu gelangen; aber das war etwas für die ganz Kleinen, die den gefährlichen Sprung noch nicht wagen konnten. Alles, was noch nicht im Himmel war, mußte sich entweder in den Schweineställen oder doch in der allernächsten Umgebung der Ställe aufhalten, bis einer der Wallengel oder Kalle Hattenberg selbst zum Kommen rief. Wer über den Graben sprang, galt, bevor er das Ziel erreicht hatte, als verlorener Sohn oder als verlorene Tochter.
Vom Wall her hörte man bis in den Schweinestall das Lied der Seligen:
«Paradies, Paradies,
Wie ist deine Frucht so süß.»
Was noch nicht in Sicherheit war, sang sehnsüchtig zurück:
«Wie wird’s sein, wie wird’s sein,
Wenn ich zieh’ in Salem ein,
In die Stadt der goldnen Gassen?
O mein Gott, ich kann’s nicht fassen,
Was das wird für Wonne sein.»
So ging es im Wechselgesang hin und her, bis einer sich zum Sprung entschlossen hatte.
Als ich das erstemal als verlorene Tochter in diesen gräßlich stinkenden Graben fiel, konnte mich dieses unangenehme Vorkommnis gleichwohl nicht aus der Illusion herausbringen. Ich versuchte, zum Vergnügen meiner Spielkameraden hinaufzuklettern, kam einen Schritt vorwärts, fiel wieder zurück, immer singend:
«Hätt’ ich Flügel, hätt’ ich Flügel,
Flög’ ich auf zu meinem Herrn,
Über Meere, Täler, Hügel,
Sonder Schranke, sonder Zügel
Folgt’ ich immer meinem Stern.»
Aus den «Harfenklängen» wußte ich eine Menge von diesen Heimwehliedern, die ich allen andern vorzog, und die ich, im Graben hockend, meinen Freunden vorsang.
Mein bester Spielkamerad, der etwa elfjährige Fiete Krey, gehörte zu den Engeln erster Ordnung. Er hatte eine hübsche kräftige Stimme, sprang vorzüglich und war auch sonst ein tüchtiger Junge. Als Engel nämlich gelüstete es ihn manchmal, einem von uns persönlich beim großen Sprung behilflich zu sein, wogegen jedoch Kalle Hattenberg meistens protestierte, was er sich ja als «lieber Gott» leisten konnte.
«Nein, das gibt’s nicht. Wer im Himmel ist, soll im Himmel bleiben und damit Punktum. Erzengel Fiete, es geht nicht an, daß du dich nachträglich in der Fremde herumtreibst, sonst gibt es ein Durcheinander, in dem man sich nicht mehr auskennt.» Dabei war es doch die Hauptaufgabe Kalle Hattenbergs, sich «auszukennen». Fiete Krey aber, der sich möglichst viel betätigen wollte, meinte: «Ach was, ich brauche ja nicht direkt in den Schweinestall hineinzugehen, wenn es dir nicht paßt, aber die Engel fliegen doch auch über Gräben und Sümpfe hinweg. Das ist doch wohl klar.» Dagegen konnte «der liebe Gott» dann nichts einwenden, aber es kam doch vor, daß der Engel mitsamt seinem Schützling in den Graben fiel. Manchmal wurde der brave, daheimgebliebene Bruder fortgeschickt, um den verlorenen zu holen, und wenn der Brave hierzu keine Lust verspürte, kam er längst nicht so glimpflich davon, wie es uns aus der Biblischen Geschichte bekannt ist, wo er doch nur den milden Vorwurf des lieben Gottes sich anhören muß: «Du sollst fröhlich und guten Mutes sein, denn dieser dein Bruder war tot und ist wieder lebendig geworden. Er war verloren und ist wiedergefunden.»
Wir wollten Geschwister sein, die einander wirklich liebhaben, und es konnte für uns keinen Himmel geben, wenn nicht alle daran teilhaben durften. Wie hübsch war es, wenn Engel und Sünder miteinander befreundet waren. Schön war es, wenn wir alle auf dem Wall nebeneinander singend saßen, in das zarte Blau eines Sommertages hinein:
«Unter deinen Lebensbäumen
Wird uns sein, als ob wir träumen.
Bring uns, Herr, ins Paradies.»
Meine Schwester hatte in ihrem neunzehnten Jahre wohl eines der wichtigsten Erlebnisse, die ein junges Mädchen nur haben kann. Sie hatte sich verliebt, und wenn ich auch als Zwölfjährige diese Liebesgeschichte nicht in den Einzelheiten kannte und, selbst wenn ich einiges darüber gewußt hätte, dies gar nicht recht hätte verstehen können, sah ich dennoch etwas von der Wirkung dieser Liebe. Das Gesicht meiner Schwester war sanfter, weicher geworden. In ihren Augen lag ein Glanz heimlicher Freude. Sie lächelte manchmal vor sich hin, wenn sie, über eine Handarbeit gebeugt, am Fenster saß. Sie kümmerte sich freilich nach wie vor nicht viel um mich, aber sie war doch freundlich mit mir. Auf dem Fensterbrett stand im Blumentopf eine kleine Myrte, und ich wußte ja sehr wohl, was die Myrte bedeutete, doch ließ ich mir nichts merken. Die Myrte hatte schon sieben kleine Zweiglein. Sie war nicht als Abstecker gesetzt, sondern schon als richtiges Pflänzlein mit der Wurzel aus dem Blumenladen geholt worden. Heimlich für mich suchte ich zu berechnen, wieviel Zweiglein wohl zu einem Brautkranz gehören mochten. Was zu sehen war, reichte freilich noch nicht, aber es war doch schon ein nettes, stattliches Bäumlein. Daß Rebekka nicht selbst die Wurzel im Wasserglas gezogen hatte? Nun, hierfür mochte sie ihre Gründe haben. Es war Rebekkas Aufgabe, die Myrte zu pflegen; aber einmal, als mir der Boden etwas trocken vorkam, goß ich ein wenig Wasser, und meine Schwester kam gerade darüber hinzu. Ich sagte, daß ich nicht ganz kaltes Wasser genommen habe, weil dies den Myrten nicht bekömmlich sei.
Meine Schwester sah mich an und lächelte. Oh, sie war schön! Sie war sehr schön, und es war gewiß das Glück, das meine Schwester so schön machte.
Der junge Mann, den sie liebte, war der Sohn des Papierwarenhändlers, bei dem ich meine Schulhefte kaufte. Der Vater meines zukünftigen Schwagers, ein alter, stiller, grauhaariger Mann, der sehr sorglich und höflich bediente, kannte mich wohl vom Sehen und von meinen kleinen Einkäufen her, doch hatte er noch keine Ahnung davon, in welchem verwandtschaftlichen Verhältnis wir bald zueinander stehen würden. Ich aber wußte dies und bat daher mit besonderer Bescheidenheit um eine weiche Schreibfeder. Mußte er diese dann eigens suchen, wehrte ich beinahe verlegen ab: «O bitte, bemühen Sie sich nicht eigens. Ich kann auch mit harter Feder schreiben. Es ist ja nur Gewohnheit. Die harten Federn haben auch etwas für sich. Übrigens werden die harten Federn auch mit der Zeit weich.»
«Nein, nein, ich habe schon weiche Federn. . . Wenn ich nur wüßte. . .» Dann suchte der alte Mann, bald mein nächster Verwandter, die weichen Federn und achtete kaum darauf, daß ich unentwegt die harten Federn lobte, so daß er sich hätte wundern können, warum ich denn überhaupt eine weiche Feder begehrt hatte, wenn die harte so vorzüglich war.
Hatte der liebe alte Mann dann endlich die richtigen Federn gefunden, kosteten zwei Stück nur einen Pfennig. Ich lernte plötzlich rechnen. Was konnte Herr Michelsen an diesen Federn verdienen? Er mußte ja zusetzen. Solch eine nette Feder zu fabrizieren, war keine Kleinigkeit. Es steckte doch ein Betrieb dahinter, denn schließlich mußten jene Menschen, die die Federn herstellten, doch auch verdienen. Mußten leben. Ob Herr Michelsen sich nicht im Preis geirrt hätte? Seelenruhig gab er zur Antwort:
«Nein, nein. Warum?»
Nun, dies zu erörtern, hätte zu weit geführt. Ich warf nur scherzhaft die allgemeine Klage hin, die ich schon oft gehört hatte:
»Jaja, das Leben wird immer billiger. Wohin das wohl noch einmal führen soll. . .?»
Es konnte ja nicht schaden, wenn Herr Michelsen merkte, daß ich eine Person war, mit der man schon ein vernünftiges Wort sprechen konnte. Ich war ja erfahren nach mancherlei Richtung hin, hatte eine Schwester, die heimlich verlobt war und die eine bald blühende Myrte auf dem Fensterbrett stehen hatte. Schade, daß ich mich Herrn Michelsen nicht zu erkennen geben durfte, obwohl wir doch bald einander du sagen würden. Er sagte ja du zu mir, aber so sprach er auch die andern Kinder an. Nein, verraten durfte ich nicht, wie es mit uns, mit Herrn Michelsen und mir, stand, das wäre eine Indiskretion gewesen. Eine heimliche Verlobung mußte einigermaßen heimlich bleiben, leider.
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