Kitabı oku: «Das flüchtige Spiel. Wege und Umwege einer Frau»

Yazı tipi:

Emmy Ball-Hennings

Das flüchtige Spiel. Wege und Umwege einer Frau

Dritte Auflage

Saga

Das flüchtige Spiel. Wege und Umwege einer FrauCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1940, 2020 Emmy Ball-Hennings und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726614879

1. Ebook-Auflage, 2020

Format: EPUB 3.0

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Meinen Kindern

Annemarie und Gottfried Schütt-Hennings

zugeeignet

VORWORT

Schon vor vielen Jahren trug ich mich mit dem Plan, ein schriftliches Bekenntnis meines Lebens abzulegen. Ich machte sehr viele Aufzeichnungen, die ich immer wieder verwarf. Warum? Was ich vorbrachte, kam mir zwar zum Teil recht unterhaltsam, aber nicht genügend aufrichtig, nicht ehrlich genug vor. So neigte ich zum Beispiel dazu, die wichtigsten Fehler meines Wesens zu beschönigen, zu umschreiben oder ganz zu verschweigen. Dadurch wurde das Lebensbild unklar und unbegreiflich.

Das Aufrichtigseinkönnen scheint mir nicht nur eine Sache des guten Willens zu sein. Es gehören Unerschrockenheit und Mut dazu und noch manche Eigenschaften, die ich mir erst erobern mußte. Meiner Niederschrift geht ein Kampf voraus, den ich zum leichteren Verständnis des Folgenden nicht unerwähnt lassen möchte. Wer vor einer Beichte steht, gleichviel vor wem er sie ablegt, hat zunächst eine dem Menschen angeborene Scham in sich zu überwinden, was einer Frau vielleicht noch schwerer fallen mag als dem Manne. Unwillkürlich scheut sich der Mensch, Abgründe aufzudecken, um die Tiefen seiner Seele zu zeigen, und nur die übernatürliche Scham, die wir wohl selten so stark empfinden, als wir es möchten, vermag Herz und Zunge zu lösen. Wir befinden uns in einer Zeit, in der das Schicksal von Millionen und aber Millionen kaum im allgemeinen, geschweige denn im einzelnen Beachtung finden kann. Der Einzelne hat sich der Masse einzuordnen. Wie viele Tausende gehen sterben, bevor sie zum Leben erwacht sind! Wie viele Tausende leiden Hunger und suchen Herberge, deren tragisches Geschick unbekannt bleiben wird! Wer vermag noch an einen Einzelnen zu denken, da nur noch die Masse lebt und stirbt?

Muß da nicht notgedrungen die schwache Stimme des Einzelnen verhallen? Ist es nicht gewagt und unnötig, ein kleines, einmaliges Leben zu zeigen, das bald versinken wird? Wie oft habe ich diese Frage bedacht. Wenn ich aber hier «Ich» sage, meine ich vielleicht «Irgendwen», der irgendwo unbeachtet dieselbe Frage aufwirft und nicht zur Antwort gelangt. Das Leben jedes Einzelnen ist ja einmal einzigartig und unwiderruflich, wie es kein Menschenantlitz gibt, das einem andern völlig gleichen kann. So einzigartig erscheint mir jeder Mensch für sich, und gerade um allen dienbar zu sein, darf er seine Gesichtszüge, seine Weltanschauung nicht so sehr verwischen und verallgemeinern lassen, daß sein Leben unkenntlich und unscheinbar wird.

Ich halte mein Leben keineswegs für ein besonders interessantes oder besonders wertvolles. Vielmehr bin ich davon überzeugt, daß es unendlich viele Schicksale gibt, die aufzurufen viel wichtiger und notwendiger sein dürfte als das meine. Aber ich glaube an einen neuen, kommenden Individualismus, da sich der Einzelne klarer zur Gesellschaft bekennt, als es heute der Fall ist.

Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei. Ich will ihm eine Gesellschaft geben, die mit ihm sei. Dies war einmal die wohlmeinende Überlegung, der Plan des Schöpfers.

Einmal jedoch war und bleibt der Mensch allein und muß sich zunächst bemühen, sich selbst zu erkennen, bevor er seine Umgebung begreift, die Gesellschaft, die mit ihm sein will. Nur aus diesem Grunde trieb es mich von jeher zu sagen, wer ich bin, weil ich über das Private, über das Persönliche hinaus, irgendwie eine Ähnlichkeit mit Vielen erhoffe. Sollte ich mich in diesem Punkte irren, möge man mir verzeihen. Schaden kann ich nur mir selbst, doch darauf kommt es mir jetzt nicht an. Keinen Ruf möchte ich haben, weder einen guten noch einen schlechten. Einmal liegt uns weder an dem einen noch an dem andern. Einmal möchte unser Leben nichts anderes sein als ein kleiner Beweis der göttlichen Liebe, und würde diese nicht aus dem Menschen hervorleuchten, wäre alles vergeblich. Im Rückblick auf die Vergangenheit, die zugleich Gegenwart und Zukunft erhellt, bewundert der Mensch immer wieder die göttliche Vorsehung, die so unbegreiflich und anbetungswert ist und auch das flüchtige Spiel des Lebens auf geheimnisvolle Weise dem Ewigen dienbar macht.

Erstes Kapitel

VORSPIEL

Helga ist ein aufgehender Stern. Sie braucht keinen dramatischen Unterricht. Herrn Skule wird ein Heiratsantrag gemacht, der leider abgelehnt wird

Achtzehn Jahre war ich alt, und ich glaubte zu wissen, was ich wollte. Das aber, was ich wollte, nämlich Schauspielerin werden, war nicht durchzusetzen. Eine Achtung vor den Widerständen des Lebens war mir frühzeitig eigen, eine gewisse Ahnung, als gehörten auch Hindernisse zum Geschick des Menschen, denen man sich nicht gewaltsam widersetzen dürfe.

Mein Vater, der Seemann, war in meinem sechzehnten Lebensjahre gestorben, meine Schwester war verheiratet, und so lebte ich mit meiner Mutter beisammen, der ich in ihrem Alter Trost und Stütze werden sollte. Meine Mutter hätte wohl am liebsten gesehen, wenn ich mich zeitig verheiratet hätte. Sie wäre dann bei mir geblieben, um sich an meinem Eheglück zu erfreuen, aber davon konnte nicht die Rede sein, eben, weil mir eine ganz andere Laufbahn vorschwebte. Meine Mutter und ich hegten also recht verschiedenartige Wünsche, die meiner Meinung nach, wenn das Glück es wollte, beide zugleich in Erfüllung gehen konnten. Man konnte ja das eine tun und brauchte das andere nicht zu lassen. Ich konnte Künstlerin sein, und mich zugleich verheiraten.

Schauspielerin sein, das bedeutete für meine Mutter beinahe dasselbe als Zigeunerin werden wollen, doch hielt sie meinen Plan für eine verrückte Laune, die nur zeitig bekämpft werden mußte, um zu verschwinden. Mutter sprach gehörig auf mich ein. «Sind wir vielleicht die Leute, die sich verstellen, wie die Schauspieler es machen müssen? Das schickt sich doch nicht für uns.»

Mutter sagte immer «wir», wenn es sich um mich handelte, und in diesem Falle tat sie noch, als wäre sie die Hauptsache. Ich war es ja. Ich war die Hauptsache. Ich wollte mich meiner Mutter fügen, aber sie mußte sich auch mir fügen. So verlangte es meine Jugend. Ob ich nicht wenigstens in den Abendstunden etwas dramatischen Unterricht nehmen dürfe, damit es sich herausstelle, ob ich Talent habe oder nicht.

Da saß ich also in der Abendstunde am Tisch unter der traulichen Hängelampe, meiner Mutter gegenüber, und kam ich auf mein schauspielerisches Talent zu sprechen, das beunruhigenderweise brachlag, bot sie mir ein Stück eingemachten Kürbis an, als wäre das ein Trost für die Lorbeeren, die vielleicht schon irgendwo auf mich warteten. So um acht Uhr herum flogen so viele Vorhänge in die Höhe, und es gab so viele Bühnen, auf denen ich nicht spielen konnte. Noch nicht, noch nicht, aber es konnte werden, wenn Mutter nur so vernünftig sein wollte, mich prüfen zu lassen. Leider war sie nicht so vernünftig und mußte immer wieder aufs neue «bearbeitet» werden. Sie leistete Widerstand wie eine solide Festung, die aber doch zum Fallen, zum Erobern bestimmt war. Man durfte nur nicht nachgeben.

Mutter war zu begreifen, sie konnte nicht wissen, was in mir steckte. Ich dagegen glaubte viel zu wissen. Junge Menschen müssen viel wissen, müssen sich der Illusion des Wissens hingeben, um ihre große Unerfahrenheit, ihr Nichtwissen zu verbergen. Sie würden ja erschrecken, wenn sie eine Ahnung von ihrer wahren Ahnungslosigkeit hätten. Nun ja, von der eigenen Mutter verkannt werden, das war ein Los, das man hinnehmen mußte. Mein Talent hatte ich doch schon etwas bewiesen, da ich in verschiedenen Dilettantenaufführungen als «Venus im Grünen» bejubelt worden war, aber solche Erfolge imponierten meiner Mutter wenig. Der berühmte Schauspieler unseres Stadttheaters Alexander Valentin würde mir wahrscheinlich umsonst dramatischen Unterricht erteilen, aus purer Liebe zur Kunst. Schon hatte er meine melodische weiche Stimme, mein zierliches Figürchen, mein volles blondes Haar, meine großen blauen Augen und sonst noch manches an mir entdeckt. Er erklärte mich schlankweg als kommenden allerliebsten Stern am Bühnenhimmel und auch sonst. Ich wähnte mich im Aufgang, wollte gerne steigen, hervortreten und leuchten so gut ich konnte.

Doch möchte ich an dieser Stelle einfügen, wie ich meinen «Entdecker» kennenlernte. Ich sah ihn zunächst im Stadttheater als «Hamlet», wo die herrliche Rolle vielleicht mehr ihn trug als umgekehrt, und es kann sein, daß es eigentlich die Dichtung, daß es Hamlet war, der mir näher stand als der Schauspieler Valentin.

Ich war im photographischen Atelier von Hollesen als Kopiererin angestellt, hatte eines Tages die Bilder von Herrn Valentin, prächtige Aufnahmen, die ihn in den verschiedensten Rollen zeigten, ihm mitsamt der Rechnung ins Haus zu bringen. Da ich das Glück hatte, Herrn Valentin persönlich anzutreffen, benutzte ich die Gelegenheit, ihm mein Kompliment für seinen Hamlet zu sagen, das er sich recht erfreut anhörte. Dann sprachen wir ein paar Worte über verschiedene Schauspiele, und unversehens hatte ich Herrn Valentin anvertraut, daß ich schon die «Venus im Grünen» gespielt, daß aber die «Ophelia» eine Lieblingsrolle von mir sei. Herr Valentin staunte mich lächelnd an, und forderte mich auf, ihm eine kleine Szene vorzuspielen. Völlig unbefangen begann ich, mitten im Zimmer stehend, mich in den alten dänischen Schloßpark zu versetzen, wo im Teich unter Wasserrosen Ophelias verlorenes Leben flüstern würde. Ich sprach und sang die Worte von ihrem Liebestod, wo noch so viele blumenhafte Anmut durch den Wahnsinn schimmert.

Die lobenden Worte, die mir der Schauspieler sagte, blieben nicht ohne Eindruck auf mich. Freilich betonte er auch, daß ich noch viel zu lernen habe, wenn ich auf der Bühne spielen wolle, doch meine er, daß ich meiner Begabung sicher sein dürfe. Durfte ich das wirklich? Ich kannte nur meine jugendlich-ernsthafte Lust zu spielen und trug, wie schon erwähnt, immer wieder das Verlangen, mein Talent prüfen zu lassen, doch sollte sich dieser Wunsch nicht erfüllen. Lag ich meiner Mutter mit Bitten in den Ohren, lehnte sie ab:

«Wozu brauchst du dramatischen Unterricht? Den wirst du noch genug im Leben bekommen. Verlaß dich drauf.»

Dann schwieg ich endlich.

Ich wohnte mit meiner Mutter zusammen in der Dorotheenstraße, die nahe der Kaserne lag, an der ich täglich auf dem Wege zu meiner Arbeitsstätte mehrmals vorbeigehen mußte. Hier erinnere ich mich an etwas, das vielleicht gar keine Begebenheit von Belang ist, sondern mehr das Bewußtsein eines erstmaligen Gefühles, das ich nennen möchte. Ich hörte in der Abendstunde die Soldaten singen und stand eine Weile lauschend vor dem hohen Gitter, das die Kaserne einfriedete. Ich vernahm das bekannte Kaiserlied, auf dessen Text ich weniger achtete als auf die frischen Stimmen der Sänger. Dann aber bewegten mich urplötzlich die wenigen Worte «Liebling des Volkes zu sein» so sehr, daß ich darüber völlig vergaß, wo ich mich befand. Es war jenes unbestimmte, starke Sehnen, von dem junge Menschen manchmal befallen werden, wenn sie mit ihrem Leben noch nicht wissen, wohin es strömen soll. Ich spürte das Blut in meinen Adern rauschen wie in einem breiteren Flußbett. Es war ein Aufruhr in mir, der Lust und Schmerz zugleich war. Ich ahnte Taumel und Winde, die ich würde leben müssen. Vor dem mächtigen Überfall, der mir wie etwas völlig Fremdes vorkam, wähnte ich in weite Fernen zu vergehen. In ein Unabsehbares schien ich zu gleiten, und fand weder Ferne noch Ziel. Einer Ohnmacht nahe, schloß ich die Augen, um mich allmählich wieder zu finden. Von dieser Zeit an hatte ich oft solche Entrückungen, die aber stets wie begleitet waren von den Worten des Liedes: Liebling des Volkes zu sein. Dies vielleicht, weil ich die Worte zufällig singen hörte, als mich der erste Anfall überraschte.

Mir scheint, daß ich in dieser Zeit auffallend wenig Phantasie besaß. Da meine Mutter mir nicht erlaubte, mich der Bühne zu widmen, hielt ich mein Leben nahezu für ein verlorenes. Es war eine tiefe Enttäuschung in mir, die zu überwinden ich mich fortwährend bemühte. Ich dachte nicht daran, konnte mir offenbar nicht vorstellen, daß sich etwas in meinem Schicksal würde sonderlich ändern können.

Meine Mutter sprach oft den Wunsch aus, ich möge mich bald verheiraten. Dies empfand ich, nicht gerade stark, aber doch manchmal, mit einem kleinen Unbehagen, als eine leise Nötigung, die abzuschütteln mir nicht völlig gelang.

Nun machte ich eines Tages einem gewissen Herrn Skule einen Heiratsantrag, der zwar höflich, aber immerhin recht energisch abgelehnt wurde. Herr Skule, ein junger Mann von vielleicht fünfundzwanzig Jahren, war Musiker, hatte ein möbliertes Zimmer gemietet im Hause meiner Freundin, durch welche ich ihn kennengelernt hatte. Ich hatte ihn mehrmals wunderschön Klavier spielen hören, wußte aber sonst nicht viel von ihm. Nun hatte Herr Skule das Unglück gehabt, in kürzester Zeit zu erblinden, und darüber war er nahezu verzweifelt. Eines Sonntags morgens suchte ich ihn in seiner Wohnung auf, wo er mich freundlich empfing. Er machte mir zwar einen niedergeschlagenen, doch keineswegs hoffnungslosen Eindruck. Er versuchte sogar, mir etwas auf dem Klavier vorzuspielen, doch tastete er mehrmals, sogar schlimm, daneben. Da blieb er sinnend vor dem Klavier sitzen, schien wieder über sein Unglück nachzudenken und mich völlig vergessen zu haben. Sein nicht gerade schönes, doch kluges, interessantes Gesicht gefiel mir recht gut, obwohl seine erloschenen, matten Augen, gleich silbrigen Monden, mir ein gewisses Grauen verursachten. Ich überlegte mir, ob ich mich würde daran gewöhnen können, an diese erloschenen, silbrigen Monde, und mir war, als könnte ich die Frage mit «Ja» beantworten. Warum sollte ich nicht aus Dankbarkeit für meine gesunden Augen einen Blinden heiraten? Immer würde ich ihn führen, an der Hand, am Arm. Ganz zart würde ich ihm den Himmel beschreiben, eine Blumenwiese, viele schöne Bilder. Würde nicht mein Leben durch die Verbindung mit dem Blinden einen neuen Sinn bekommen? Wie notwendig, wie wichtig konnte ich diesem Manne sein.

Während ich dieses dachte, sah er mit seinen toten Augen noch immer auf die Tasten, auf sein geliebtes Instrument. Dann streckte er plötzlich die Hand nach mir, und ich reichte ihm in einer Aufwallung von Zärtlichkeit beide Hände, die er heftig umspannt hielt. So stand ich vor ihm, und er sah mich nicht, als ich ihn leise fragte:

«Herr Skule, möchten Sie nicht meine Hände behalten?»

Er hatte eine eigentümlich schwere, langsame Sprechweise, beinahe wie ein alter Mann.

«Ihre Hände? Behalten? Wie meinen Sie das, Fräulein Helga. . .?»

«Für immer, meine ich es, Herr Skule. Darf ich nicht bei Ihnen bleiben, immer, immer?»

«Immer?» Er hob sein bleiches Gesicht, und wie sich die Augenlider senkten, war er wunderbar anzusehen. Sein Mund war so schön, und ich hätte ihn küssen mögen, ganz leicht.

«Immer? Ja. . . wie könnten Sie bei mir bleiben, Fräulein Helga? Das geht doch nicht.»

«Warum nicht? Ich könnte Ihnen doch, wenn ich so sagen darf, meine Augen leihen, und wird es sein, als würden Sie selbst sehen. Sie würden mir alles glauben, weil Sie nicht sehen können, aber ich würde Ihnen nur die Wahrheit sagen. Wenn wir einander heiraten, würde ich mein ganzes Leben lang nie mehr lügen können, und daran hätten nur Sie die Schuld oder die Unschuld. Wie schön wäre das, Herr Skule. . . Wollen Sie? Sagen Sie, Ja‘.»

Er stand auf, behielt aber meine Hand in der seinen, und tastete mit der andern Hand nach dem Tisch und dann nach der Lehne des Sofas. Wir setzten uns nebeneinander, blieben so eine Weile still, Hand in Hand. Ich wartete auf eine Antwort.

«Wie alt sind Sie, Fräulein, Helga?»

«Ich bin achtzehn Jahre alt.»

Er lächelte, zog mich sanft an sich, indem er seinen Arm um meine Schulter legte:

«Was sind Sie für ein Kind. Wie kommen Sie nur dazu, mir dies alles zu sagen?»

«Weil ich Sie liebe.»

«Wie einfach Sie das sagen.»

«Wie ließe sich das wohl anders sagen?»

«Ja, darin haben Sie ja recht. Und glauben Sie denn, daß ich. . . nun ja. . . daß ich Sie liebe, Helga?»

«Ich hoffe es. Ich möchte es annehmen.»

«Wirklich?»

«Das ist doch wohl selbstverständlich, Herr Skule.»

Da nahm er seine Hand fort, packte mich mit beiden Händen fest an den Schultern, und sagte scharf und rauh:

«Sie irren sich. Ich kann Sie nicht lieben, und ich will Sie nicht zur Frau.»

«Weil Sie mich nicht lieben?»

«Der Grund ist meine Sache. . . Nun ja, weil ich Sie nicht lieben kann.»

«Das wäre gar nicht nötig. Es kommt darauf an, daß ich liebe.»

«Wie? Was sagten Sie da?»

«Nichts, gar nichts. Warum werden Sie so heftig? Ich habe Sie doch nicht kränken wollen, Herr Skule, oder habe ich es dennoch getan? Sind Sie mir etwa böse?»

«Um Himmels willen, auch das noch!» schrie er erregt.

Da sprang ich auf und war nun meinerseits recht schroff: «Gut. Ich gehe.»

Wieder griff er nach meinen Händen, preßte sie an sich, daß sie mich schmerzten, stieß mich von sich:

«Ja, gehen Sie nur, ich bitte Sie dringend darum. Ich muß allein sein.»

«Adieu, Herr Skule.»

«Wann kommen Sie wieder?»

«Niemals! Sie können vollständig beruhigt sein.»

«Beruhigt soll ich sein! Aber das ist ja zum Verrücktwerden. Bleiben Sie doch, ich flehe Sie an. . . Nein, gehen Sie nur. Es ist besser, wenn Sie gehen, aber wollen Sie mir nicht wenigstens die Hand zum Abschied geben?»

«Die habe ich Ihnen zur Genüge angeboten.»

Ich stand an der Tür, aber Herr Skule kam mit auffallend sicheren Schritten zur Tür geeilt und versperrte mir den Weg. Er sprach unheimlich leise: «So, die Hand haben Sie mir angeboten. Und wie ist es mit Ihrem Mund?»

«Den kann ich schließen, Herr Skule:»

«Das kann ich auch, Helga.»

«Lassen Sie mich gehen.»

«So, und da soll ich an Ihre Liebe glauben, wenn Sie mir nicht einmal einen Kuß geben können? Nun, Sie hätten mich ja schön belogen, wenn. . . nun ja.»

«Hier ist mein Mund. Bitte. Ich kann nicht lügen.»

Ich hielt mein Gesicht ganz nahe dem seinen. Dann ließ ich mich in den Arm nehmen und schloß die Augen.

«Ich bin nicht so blind, wie Sie meinen, kleines Mädchen, und ich sehe viel weiter, als Sie ahnen können.» Und dann küßte er mich lange, aber ganz leise und zart. Es war der erste Kuß, den ich empfing.

Zu unerfahren war ich, um seine Ablehnung zu begreifen. Fünf Jahre später begegneten wir einander in einer andern Stadt. Er war in Begleitung eines Freundes, der ihn führte. Dieser Freund nun machte mir in etwas auffälliger Weise den Hof, worüber. Herr Skule so wütend wurde, daß er seinem Führer eine Ohrfeige geben wollte, was ich noch rechtzeitig verhindern konnte. Die beiden Freunde gingen im Streit auseinander, und ich war schon aus diesem Grunde genötigt, mich um Skule anzunehmen. Wir blieben, bis ich den Freund wieder ausgesöhnt und über das bedauerliche Vorkommnis genügend aufgeklärt hatte, eine volle Woche beisammen. Als wir wieder auseinandergingen, klagte er in rührender Weise: «Ach, Helga, jetzt wär’s an der Zeit, daß wir einander heirateten.» Diesmal aber konnte ich nicht «Ja» sagen, doch blieben wir einander gute Freunde.

Daß ich Skule mir einmal zum Manne wünschte, geschah vielleicht aus einer unbewußten Gefälligkeit meiner Mutter gegenüber. Allerdings bezweifle ich, ob sie von einer Verbindung mit einem blinden Manne, der doch dazu in dürftigen Verhältnissen lebte, entzückt gewesen wäre.

Weil Skule mich nicht zur Frau wollte, hielt ich nicht viel von meiner weiblichen Anziehungskraft auf Männer. Das war indessen ein Trugschluß, wie sich sehr bald herausstellte.

Es wird um den Glasbläser Mommsen geworben und was das mit sich bringt

Man möge nicht meinen, daß meine Werbung um Skule ein Einzelfall geblieben ist. Nur Beharrlichkeit führt zum Ziele, aber auch nicht immer. Als Eheopfer hatte ich mir diesmal den Glashüttenarbeiter Mommsen ausgesucht, der sechs verlauste und zerzauste Kinder sein eigen nannte und sonst nicht viel. Seine Frau war ihm durchgebrannt, und ich hielt, es für das Gegebene, mich um den freigewordenen Posten zu bemühen.

Es fiel mir bedeutend leichter als bei Skule, auch ging ich auf eine Weise vorsichtiger zu Werke. Mommsen war ein Nachbar von uns, und von ihm empfangen zu werden, bedurfte es weder Einführung noch vorheriger Anmeldung. Da brauchte ich nur in der Abendstunde um die Ecke zu biegen, Vereinsstraße, das zweite Haus gleich links, und ich hatte meinen Mann vor mir, in Lebensgröße und inmitten seiner Kinderschar, die allerdings während unserer Unterredung weggeschickt wurde.

In der verwahrlosten Wohnung sah ich auf den ersten Blick, daß sich mir hier ein lohnendes Tätigkeitsfeld bieten würde. Es konnte sich um eine Vernunftehe handeln. Daß Mommsen gleich zu Anfang die vielen Kinder hatte, das war ja ein Glücksfall, mit dem ich in meinen kühnsten Träumen nie würde gerechnet haben. Was konnte es Dankbareres geben als Stiefmutter werden?

Wir sprachen langsam das schwerfällige Niederdeutsch miteinander. Was brauchte ich überhaupt noch hochdeutsch zu sprechen? Schauspielerin wurde ich jetzt nicht mehr. Das heißt, ganz genau wissen konnte man es nicht. Hier bei Mommsen gab es vielleicht unmögliche Möglichkeiten.

Mommsen war alles andere als blind. Er hatte große, fast zu große schwarze Augen, die ringsum sehr dunkel beschattet waren, das kam vielleicht vom Rauch des Feuers beim Flaschenschwingen. Er sah, wie fast alle Glasbläser, die es leicht auf der Lunge bekamen, etwas hager und leidend im Gesichte aus. Ein einfacher, netter Arbeiter, den man zunächst diskret bemitleiden mußte, daß er eine so zerstreute Frau hatte, die von sechs Kindern weg das Weite suchte, in der Welt spazierenfuhr und das Heimkommen offenbar vergaß.

Ja, es sei eine Schande, murrte Mommsen verdrießlich. Schande, das sei vielleicht zuviel gesagt, Frau Mommsen hätte ihm doch wenigstens die Kinder dagelassen. Also konnte sie doch wohl nicht ganz und gar ein verkommenes Geschöpf sein.

Mommsen starrte mich an, als wäre ich eine Erscheinung aus einer anderen Welt.

Was er dann mit den Kindern machen solle, schrie er erregt und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß die unabgeräumten Teller nur so klirrten.

«Man immer sachte. Bliewen Se mal sühnig. Ja?»

Energisch, wie es sich für eine künftige Mutter von sechs Kindern gehörte, legte ich über den Tisch hinweg meine Hand fest auf seine geballte Faust, um mir Ruhe zu verschaffen.

«Nu seggen mal blots, wat wöll’n Se denn von mi? Wat schall ik maken ohne Fru?»

«Aver Mommsen, kieken Se mi an. Bin ik viellicht en Katt? Bin ik nich ok ne Fru? Ik kann et warn, verlaten Se sek darup. Ich blieb hier un holl den Krom für Se uprecht.»

«Aver Fröken, nix för ungod. Sind Se nich doch en beten appeldwatsch?»

«Wenn Se dat meenen, laat wi de Sak unnerwegs.»

«Ik wull Se nich too neeg kaam. Da nu ok nich. Möten Se sek denn verännern? Wat is blots los mit Se? Viellicht möten Se sek verännern und denken nu, ik bin de Richtige für Se.»

«Dat sünd Se ok.»

Nach und nach kam ihm mein Vorschlag nicht so uneben vor, zumal ich mich damit begnügen wollte, bei ihm Haushälterin auf Lebenszeit zu werden. Das war immerhin etwas, wenn auch nicht das Ganze.

Was mich zu solchen Unternehmungen trieb? Ich trug ein starkes Verlangen, mich zu verpflichten, an einer verantwortungsvollen Stelle mich für immer zu binden. Hätte ich vom Wesen der Liebe zwischen Mann und Frau etwas verstanden, wäre es mir wohl kaum eingefallen, mich ohne weiteres einem Manne anzubieten. Die Liebe hielt ich für eine Sache des Willens. Eine Ehe schließen war eine Angelegenheit der Vernunft. Man heiratete aus Mitleid. oder aus sonst einem praktischen Grund. Ich sah die Ehe daraufhin an, wie groß das Wirkungsfeld war, das sich mir bieten würde, und insofern hatte ich recht, wenn ich mir Mommsen aussuchte.

Er indessen hegte nur ein Bedenken, und dies war mehr eine Hoffnung als eine Sorge: seine Frau könne zurückkommen. Das wäre ihm, trotz seines großen Ärgers über ihr Davonlaufen, nur recht gewesen. Es war die Mutter seiner Kinder, die er zurückwünschte. Daß die Kinder eine Mutter brauchten, verstand ich gut. Meine eigene Mutter hatte einen Witwer mit einem Kind geheiratet, und ich wünschte es ähnlich zu machen wie sie.

Nun begann ich abends nach Geschäftsschluß zu Mommsen hinüberzugehen, um ein bißchen Ordnung in seinem Haushalt zu machen, was wirklich dringend nötig war. Meine Mutter hatte gegen diese kleine Gefälligkeit, die ich dem verlassenen Manne und den Kindern erwies, nichts einzuwenden. Vielmehr freute sie sich über meine Hilfsbereitschaft, mehr noch, sie unterstützte mich darin. Sie half sogar persönlich die Wäsche von Mommsen in Ordnung bringen, flickte die Hemden für den Mann und für die Kinder. Sie besorgte eine Salbe gegen das Ungeziefer im Haar der Kinder, denen wir gemeinsam bei uns in der Küche die Haare wuschen und die wir ein wenig pflegten. Es war dies eine wunderschöne Zeit, die ich mit Mutter zusammen verbrachte. Ich brauche wohl kaum zu erwähnen, daß Mommsen sich nicht nur mit mir, sondern auch mit meiner Mutter sehr gut stand. Er war uns beiden in rührender Dankbarkeit ergeben. Ich erinnere mich nur, daß er uns eines Tages ein reizendes Geschenk machte. Mein seliger Vater, der Seemann, der in seinen Freistunden kleine Schiffe baute, hatte ein allerliebstes Schifflein hinterlassen, das am Bug sogar mit einer winzigen Gallione verziert war, ein Figürchen, das Vater selbst geschnitzt hatte. Das zierliche Takelzeug war ganz richtig angebracht, und die kleinen Segel hatte ich selbst als Kind einmal umsäumt. Ja, und dieses hübsche Andenken hatte Mommsen in ein meergrünes Glas gebracht, in eine Flasche, die er uns, umwunden mit einem farbigen Seidenband, ins Haus brachte. O wie sehr begann ich den Glasbläser Mommsen zu lieben!

Dieses feine Geschenk enthüllte mir das vornehme Herz dieses einfachen Mannes. Dürfte ich ihn nur mein ganzes Leben lang lieben und noch weit darüber hinaus bis in eine weiße Ewigkeit hinein. Aber wir mußten ja auf Frau Mommsen warten.

Frau Mommsen war weit vom Schuß. Sie schrieb und schrieb nicht. War das wirklich so beklagenswert für Mommsen? Wie lange wollte er auf die Frau warten? Zwei Monate noch oder zwei Jahre? Die unwiederbringliche Zeit ging dahin, und es geschah nichts. Die Geschichte mit Mommsen und mir kam und kam nicht ins Lot. Jetzt war ich bald achtzehn Jahre alt und immer noch nicht verheiratet. Nun gab es zwar bei uns viele Mädchen, die erst mit fünfundzwanzig, ja erst mit dreißig Jahren sich verehelichten. Aber eines schickt sich nicht für alle, und mir war, als müßte ich etwas rascher leben als andere Sterbliche, sozusagen mit offenen Segeln. Immer noch befand ich mich im Hafen, und dabei reizte mich eine Küstenfahrt nicht sonderlich. Man mußte das Land aus den Augen verlieren, nur Wasser und Himmel sehen, um in ein unbekanntes zu gleiten. Solche Vorstellungen waren herrlich, doch konnte ich das Leben nicht nur durch Träume berühren.

Ich stellte mir die Zukunft in einer kinderreichen Familie, und dies gewiß nicht zu Unrecht, nicht nur höchst anregend, sondern abenteuerlich vor. Und so ist es in der Tat. Innerhalb des Familienkreises läßt sich alles das erleben an Schönem und Gefährlichem, was der Mensch losgelöst und einsam unter ungünstigen Umständen in der Fremde vergeblich sucht. Es kommt darauf an, wie stark und ob ein Mensch überhaupt erleben kann. Irgendwie erlebt man ja überall nur das, was man erleben will, und nichts anderes.

Doch zurückzukehren zu meiner Geschichte. Frau Mommsen tat ihr Möglichstes, indem sie monatelang nichts von sich hören ließ, und mehr konnte man von ihr nicht verlangen. Sie stand dem Glück ihres Mannes und dem meinen nicht im mindesten im Wege. Während ich dieses Verhalten zu schätzen wußte, war Mommsen leider weit davon entfernt, sich über die Abwesenheit seiner Frau zu freuen. Vielmehr wurde er von Tag zu Tag kopfhängerischer, was doch beinahe eine Kränkung für mich war. Die Herzen der Kinder eroberte ich sofort, da ich selbst Kind genug war, um an freien Sonntagen lustig mit ihnen zu spielen. Wie sehr gefiel es mir, die Kinder am Sonntagmorgen nett anzukleiden, eines nach dem andern, ihnen zu essen zu geben, kurzum mich als Ersatzmütterchen zu fühlen. Das war reizend, und dieser kleine Posten als Fürsorgerin hätte mir genügen dürfen, aber ich wollte «höher» hinaus, ich wollte nicht nur die Kinder, ich wollte den Mann dazu, und zwar den ganzen Mann. Der aber neigte offenbar zur Schwermut, dachte an eine andere, die nicht kam. Und sowas konnte ich nicht brauchen. Oder konnte ich es vielleicht doch brauchen? Wenn ich da war, war ich da und keine andere. Konnte man sich vielleicht an einen Mann mit einem ewigen Liebeskummer gewöhnen? Ich besorgte, dies könne mir auf die Dauer langweilig werden. Wenn ich zum Beispiel den Glasbläser heiratete und er fortwährend einer anderen Frau nachweinen würde, dann konnte es doch leicht vorkommen, daß ich mich in einen andern Mann verliebte, und wenn ich es dann genau so machte wie die erste Frau Mommsen, dann fing das Drama am Ende wieder von vorne an. Man wird einsehen, daß es hier mancherlei für mich zu überlegen gab. So vollends blind konnte man weder ins Glück noch ins Unglück rennen.

Mommsen mochte mich ja sehr gern, aber er war doch noch nicht richtig bei mir auf den Geschmack gekommen. Nun ja, er hatte sechs Kinder von der anderen Frau, ein Umstand, der nicht unterschätzt werden durfte. Sechs Kinder, nun ja, das war etwas Schönes, aber mit solchen Leistungen konnte doch vielleicht auch ich imponieren. Warum denn nicht?

Schön war es, Kinder zu haben und Kinder zu bekommen, möglichst viele. Es war ja das erste Gebot des lieben Gottes: seid fruchtbar und mehret euch. Erfüllet die Erde und machet sie euch untertan. O ja, ich war bereit, die Erde zu erfüllen. Nur mit Mommsen haperte es, doch war ich schließlich nicht dazu da, jemanden mit Gewalt ins Paradies zu treiben. Nein, das nun auch nicht. Es kam auch nicht soweit.

Eines schönen Tages schrieb Frau Mommsen. Das war also die richtige Frau Mommsen, die sage und schreibe in Gumbinnen gelandet und gestrandet war. Sie verlangte, der Mann solle die Kleider schicken, zurückkommen könne sie nicht, aber im übrigen hoffe sie, daß es ihm und den Kindern wohlergehe, und so halt. Jetzt mußte der Wendepunkt kommen. Ich fragte Mommsen diskret, ob ich die Kleider einpacken solle. Nein, danke, noch nicht. Frau Mommsen konnte doch nicht ohne Kleider bleiben, die arme Frau Mommsen. Sie war beinahe zu bedauern. Aber schließlich, wenn sie mit aller Macht in Gumbinnen bleiben wollte, blieb sie dort wohl auch ohne Kleider. Sie hatte in Gumbinnen einen andern gefunden, und Liebe verpflichtete wahrscheinlich zu manchem. Da mußte man zur Not auf Blusen und Röcke, auf Hut und Wäsche verzichten. Wenn man gehörig liebte, war das alles egal, wie man daherkam. Dein die Tage, dein die Nächte, hier Haut und Haar und Bein, und über alles andere mußte Frau Mommsen einen kühnen Strich schlagen. Eine forsche Person, eine interessante Frau, die da in Gumbinnen, schon beinahe im Ausland, saß und so schlankweg auf Mann und sechs Kinder verzichten konnte um eines einzelnen willen.

Also die Kleider bekam sie nicht. Da konnte sie alt werden, wenn sie auf die Kleider warten wollte. Mommsen hatte keine Lust, auch noch dazu beizutragen, damit seine Frau einem andern besser gefiel. Wie begreiflich mir das war. Und doch, sie tat mir auch wiederum leid, die flüchtige Frau Mommsen, die sich offenbar nicht gut gesetzt hatte, in Gumbinnen. Ich war drauf und dran, ihr mein zweithübschestes blaues Kattunkleid zu schicken, heimlich, denn Liebende mußte man unterstützen, wo immer man sie antraf. Das war klar. Obzwar ich selbst nicht den blassesten Schimmer von der Liebe hatte, war ich dennoch insofern Anfängerin, da ich die Liebe liebte, die kein flüchtiges Spiel war, sondern etwas Allmächtiges, etwas für immer.

Der trübe Mommsen begann zu weinen, weil die Frau wiederkam. Dabei hatte er voller Verachtung von ihr gesprochen. Was war das nur? Wie ging das zusammen? Lieben und schimpfen, das paßte doch nicht recht. Doch, ich kam dahinter, daß es gut zusammen ging. Man konnte lieben, was man verachtete. Verrückt genug, aber es stimmte. Diese Einsicht veränderte schlagartig mein Verhalten.

Seht, da saß der arme Kerl, zog allabendlich den zerknüllten Brief aus der Tasche hervor, gab ihn mir zur Beurteilung wohl an die zehnmal zum Lesen. Was aber drin stand, das war und blieb eindeutig. Frau Mommsen war bei einem andern Mann gelandet und wollte nicht zurück. Mommsen weinte, er weinte buchstäblich. Da begannen auch die Kinder zu weinen. War das ein Zustand! Soviel Elend war nicht ruhig mitanzusehen. Es war klar, daß hier etwas geschehen mußte.

Ich ging also nach Hause, schrieb an Frau Mommsen, wie das alles hier stünde. Die Schilderung der weinenden Familie nahm wenigstens vier engbeschriebene Bogen in Anspruch. Bann kramte ich sämtliche Lebenserfahrungen vor, von denen ich je gehört und gelesen hatte. Ich sprach der Frau ins Gewissen, wie es kein Pastor hätte besser machen können. Nebenbei, und so manchmal zwischenhinein, drohte ich leise aber unheimlich mit der Konkurrenz, mit der sie zu rechnen habe, wobei ich noch hinzufügte, daß es doch himmeltraurig wäre, wenn die Kinder eine vielleicht schlechte Stiefmutter bekommen würden. Mir war, als könne der Brief nicht lang genug werden, und ich war nach dieser Leistung recht erschöpft. Ich las nochmals das Geschriebene durch, strich das mit der Rivalin weg, und war im übrigen zufrieden. Ich war völlig davon überzeugt, daß der Brief seine Wirkung nicht verfehlen würde, fügte nur noch am Rande mit großen Buchstaben, unterstrichen und mit drei Ausrufungszeichen versehen, hinzu: «Ich will kein Wort umsonst geschrieben haben.» Basta. Bann ging der Brief, eingeschrieben und mit Doppelporto versehen, nach Gumbinnen ab.

Keine acht Tage später kam Frau Mommsen deund wehmütig angerückt, aber sie brauchte, so denke ich, ihren Mann nicht lange um Verzeihung zu bitten. Er war glücklich, sie wieder zu haben, und ich mußte verzichten.

Es blieb selbstverständlich nicht ganz aus, daß ich die nähere Bekanntschaft mit Frau Mommsen machte. Mit begreiflicher Verlegenheit dankte sie mir, daß ich in ihrer Abwesenheit so hilfsbereit nach Mann und Kindern gesehen hätte.

O, das gehörte sich ja unter Nachbarn, sei nicht der Erwähnung wert.

«O doch», sagte sie. Sie sah mich errötend und leicht lächelnd ein wenig von der Seite an.

Nach diesem schlief mein Verkehr mit der Familie Mommsen ein bißchen ein.

Der retuschierte Bürgermeister

Vielleicht weil ich selbst in bescheidenen Verhältnissen lebte und aufgewachsen war, hatte ich einen besonders stark ausgeprägten Sinn für die Verlegenheiten und Nöte meiner Umgebung. Wohl jeder Mensch neigt dazu, dem Nächsten Gefälligkeiten zu erweisen, wo es gerade nötig ist. Bei mir jedoch führte diese Eigenschaft, die, an sich betrachtet, eine Zierde des menschlichen Wesens ist, zu ganz wunderlichen Übertreibungen. So kam zum Beispiel eines Tages der Bürgermeister der Stadt in unser Atelier, schon ein älterer Mann mit großen, scharfen Gesichtszügen und, was wahrlich nicht zu übersehen war, mit einer beträchtlich großen Warze am linken Nasenflügel. Der Herr Bürgermeister sollte nun zu einem bevorstehenden Dienstjubiläum photographiert werden. Bei der Aufnahme durfte ich assistieren, das heißt, einen Tisch oder einen Stuhl herbeiholen, einen Hintergrund zur Aufnahme beschaffen, meinem Chef die Kassetten mit den Platten reichen und dergleichen.

Der Herr Bürgermeister hatte seinen Spaß an meiner Dienstbeflissenheit und sagte nebenbei in scherzendem Ton: «Ich hoffe, daß Sie mein Bild recht schön machen, ich hab’s ein bißchen nötig. Das Bild soll in der Zeitung erscheinen, und man muß doch repräsentieren.»

Daß das Bild des Bürgermeisters in die Zeitung kommen sollte, das hatte bereits etwas außerordentlich Verlockendes, und es stand gleich bei mir fest, daß ich und niemand anders die Platte retuschieren müsse. Gleichsam eine Arbeit von mir öffentlich abgedruckt zu sehen, schwarz auf weiß, was man stolz überall herumzeigen konnte, o ja, das war etwas für mich. Ich mag nur sagen, daß der Bürgermeister nach meiner Retusche sein eigenes Bild nicht wieder erkannte. In meiner Zuvorkommenheit, ihn möglichst «schön» zu machen, hatte ich alle interessanten Merkmale seines Gesichtes, Falten, Doppelkinn, Warze, aufs säuberlichste vertuscht.

Ich mußte eigens zum Bürgermeister, um diesen vielbeschäftigten Mann nochmals zur Aufnahme zu bewegen. Mit verweintem Gesicht kam ich bei ihm an und klagte ihm mein Mißgeschick. Ein Glück, daß dieser liebe Herr Sinn für Humor hatte.

Er sah sich das Bild lachend an: «Na, ein Adonis ist ja ein Waisenkind dagegen. Dafür muß ich Ihnen eine ganz feine Tafel Schokolade offerieren. Oder essen Sie vielleicht keine Schokolade?»

Sogar sehr gerne. O, das war noch ein Vater unserer Stadt! Ich war des Dankes voll, als er mir versprach, nochmals zur Aufnahme zu kommen unter der Bedingung, daß ich meine gefälligen Hände von der Platte lassen wolle.

Die Verlobung aus Gefälligkeit

Bevor ich zu einem neuen Lebensabschnitt übergehe, und da ich mich ungern von meiner leichten Mädchenzeit trenne, möchte ich an dieser Stelle die Geschichte meiner Verlegenheitsverlobung einfügen, die so recht zeigt, daß ich vom Wesen der Ehe nicht die blasseste Ahnung hatte. Meine Unwissenheit auf diesem Gebiet war eine vollkommene. Meine Mutter hatte es nicht für nötig befunden, mich auch nur im geringsten aufzuklären, und ich glaube, daß die Unkenntnis der geheimnisvollen und doch wiederum einfachen Vorgänge der menschlichen Natur viel dazu beigetragen hat, mich in Gefahren zu bringen, welche die bedenklichsten Folgen nach sich zogen. Doch will ich nicht vorgreifen, sondern erzählen.

Also im Atelier Hollesen hatten wir einen Photographen namens Bebenrot, der ein recht netter Kamerad war, mit dem ich mich in freien Minuten gelegentlich über religiöse Fragen unterhielt. Er war ein langaufgeschossener, magerer Mann von etwa vierzig Jahren. In seiner etwas dürftigen, aber stets sauberen Kleidung und seinem höflichen Benehmen war er das, was man für gewöhnlich eine sympathische Erscheinung nennt. Nur seine langsame, fast feierliche Sprechweise, die er auch bei nebensächlichen Dingen anwandte, ermüdete und langweilte leicht. Dagegen war es mir nicht uninteressant, wenn er mir hin und wieder von seinen göttlichen Eingebungen sprach. Von seinen guten Beziehungen zum lieben Gott hörte ich sehr gern. Er war nicht sonderlich gesund. Er hatte, wenn ich mich nicht irre, ein Leberleiden, das recht schmerzhaft und störend war. Es wäre ihm jedoch nie eingefallen, irgendein Mittel gegen seine Schmerzen zu nehmen. Er sprach von seinen Schmerzen mit der gleichen Behutsamkeit wie von seinen Freunden. Nicht nur die Freuden, sondern auch die Schmerzen schienen seine Schwestern zu sein. Dies wollte ich mir allenfalls merken für vorkommende Fälle. Was mir ferner noch an Herrn Bebenrot imponierte, war, daß er niemals einen Arzt zu Rate zog und nie genau sein eigentliches Leiden zu wissen begehrte. Er war eine besondere Art von Kreuzträger.

Dennoch war er kein Kopfhänger. Meine Kameradinnen, Irmelin und Lena, ein paar Jahre älter als ich, waren beide vergnügte junge Mädchen. Wir drei konnten über ein Nichts lachen. Es genügte, daß das Kätzchen seine kleine Pfote vorsichtig ins Tonbad steckte, um sich enttäuscht abzuwenden, weil es keine Milch war, oder irgendeine Kundin hatte zuviel Kunstblumen auf dem Hut, kurzum, wir hatten viel Grund zu lachen. Und dann lachte auch Herr Bebenrot mit.

Er hatte eine lungenkranke Schwester im Sanatorium, für die er in der rührendsten Weise sorgte. Er wünschte diese Schwester durch die Macht des Gebetes zu heilen. Leider wurde die Schwester immer mehr krank, worüber der gute Bebenrot sich sehr wunderte. Er meinte, der liebe Gott könne gekränkt sein, weil seine Schwester unter ärztlicher Aufsicht stand. Immer wieder versuchte ich, ihn über diesen Punkt zu beruhigen.

Der liebe Gott hätte auch die Ärzte erschaffen, meinte ich. Mehr noch, der Arzt, der Mann der Wissenschaft, sei sogar ein Liebling Gottes, weil er doch seine ganze Kraft, sein Studium und sich selbst in den Dienst der leidenden Menschheit gestellt habe. Ich wußte aus den Arbeiterkreisen manche Beispiele anzuführen für die schöne Opferbereitschaft, für die Selbstlosigkeit, für die Menschenliebe des Arztes. Es gelang mir zwar nicht, Bebenrot hiervon zu überzeugen, aber es tat ihm dennoch wohl, von mir zu hören, daß der Arzt doch helfen will und sehr oft helfen kann, das Leben zu erhalten. Freilich, einmal müsse man ja sterben, ob nun etwas früher oder später. Dann nickte Herr Bebenrot tiefsinnig, mit dem ganzen Kopf nickte er. Und ich begann wieder einen leichten Ton anzuschlagen und sprach vom möglichst späten Sterben. Herr Bebenrot lächelte mir dann liebreich zu. Er mochte mich gern, und ich ihn auch.

Seine Mutter war eine sehr liebe Frau, die mich und meine Freundinnen aus dem Atelier an schönen Sonntagnachmittagen manchmal zu sich einlud. Wir bekamen dann jedesmal prachtvollen Kuchen zum Kaffee, und nachher gingen wir meistens zu fünft in den Garten, wo wir Volkslieder sangen, was Frau Bebenrot und ihrem Sohn besonders gut gefiel.

Eines Sonntags ergab es sich, daß ich mit Frau Bebenrot einige Minuten allein in der Wohnung blieb, da meine Freundinnen, Karen und Marie, sich mit Herrn Bebenrot schon in den Garten begeben hatten. Da bat Frau Bebenrot mich, doch noch ein wenig Platz zu nehmen, es gefiele ihr, mal mit mir allein zu plaudern. Sie fragte dann, so wie nebenbei, wie es meiner Mutter ginge, und wann und woran mein Vater gestorben sei, und welchen Beruf er gehabt habe. Ich gab ihr Auskunft und fragte meinerseits mehr aus Höflichkeit denn aus Wißbegierde nach dem seligen Herrn Bebenrot, nur um eine gewisse Teilnahme zu bezeigen, da ich merkte, daß dies Frau Bebenrot wohltat.

Dann kam sie auf ihren Sohn zu sprechen, und wie es sei, daß er einen Posten im Atelier Hollesen habe.

«Aber wenn er nur eine nette kleine Frau finden würde.»

Nun dachte ich nicht im entferntesten daran, daß Frau Bebenrot auf mich anspielen wollte. Ich antwortete höflich:

«Aber Frau Bebenrot, Ihr Sohn braucht doch nur zu wählen. Jedes anständige Mädchen wird sich glücklich schätzen, ihn zum Manne zu bekommen. Er muß sich nur bemühen, anfragen.»

Frau Bebenrot sah mich ungemein freundlich an, musterte mich und dann mein hübsches blaues Kleid, mein ein wenig verblaßtes Kornblumenkleid mit dem weißen Halskragen, den sie mir, da er verrutscht war, in mütterlicher Art ein bißchen gerade schob.

«Finden sie nicht, daß mein Willi etwas zu alt zum Heiraten ist? Darüber wüßte ich gerne Ihre Meinung. Er ist schon vierzig Jahre alt. Wußten Sie das?»

«Nein, das wußte ich nicht. So, er ist schon vierzig Jahre? Das hätte ich nicht gedacht. Er sieht bedeutend jünger aus.»

«Nicht wahr?» erwiderte Frau Bebenrot mit mütterlichem Stolz. «Willi hat sich gut gehalten. Das kommt vom soliden Leben. Er ist sehr solide in jeder Hinsicht. Er ist ja ein frommer Mensch und geht jeden Sonntag, den Gott werden läßt, in die Kirche. Ja, was das anbetrifft, ist nichts an ihm auszusetzen. . . Nein, nein, nicht das mindeste. . . Wenn er sich nur etwas mehr gerade halten wollte. Er geht so schrecklich mit dem Kopf vornüber. Er ist ja nicht grad krumm. Nein, verwachsen an sich ist mein Willi nicht. Wie oft aber habe ich ihm gesagt: wenn du dich nur ein bißchen besser halten wolltest.»

«Aber warum denn, Frau Bebenrot? Er ist doch über die Entwicklungsjahre hinaus. Lassen Sie ihn doch gehen, wie er Lust hat. Das geht doch keinen Menschen etwas an. Wie er geht, das muß man doch ihm überlassen. Es ist seine Privatsache.»

«Macht Ihnen das nichts aus, wie ein Mensch geht? Er schleift ja auch ein bißchen mit den Füßen. Macht Ihnen das nichts aus?»

«Nicht die Spur», versicherte ich lebhaft. «Die Hauptsache ist doch, daß er vorwärts kommt.»

«Wie vernünftig, wie großzügig Sie denken», rühmte Frau Bebenrot, «wissen Sie, mein Willi kommt nicht nur auf seinen zwei Beinen, sondern auch sonst vorwärts. Sie haben ja recht, ein gerader Charakter ist mehr wert als eine gerade Haltung, die nur äußerlich ist. Es ist nämlich so, mein Willi möchte sich gerne selbständig machen. Ein kleines Atelier will er aufmachen mit zwei bis drei Assistenten. Er kann nämlich grad jetzt eine Erbschaft antreten und bekommt eine sehr ansehnliche Summe, aber nur, wenn er verheiratet ist. Das ist eine Klausel im Testament seines Onkels.»

«Das verstehe ich weniger. Wie kann man über seinen Tod hinaus anderen Leuten Vorschriften machen, ob sie heiraten sollen oder nicht.»

«Nun ja», seufzte Frau Bebenrot, «es ist dies aber die Bedingung des Onkels, und wenn diese Bedingung nicht erfüllt ist, wird das Geld nicht ausbezahlt.»

«Dann werden Sie oder Ihr Sohn vielleicht auf das Geld verzichten müssen.»

«Ach, Fräulein Helga, verzichten, das ist leichter gesagt als ausgeführt. Wir könnten das Geld so gut brauchen.»

«Ja, Geld kann man immer brauchen», gab ich verständnisinnig zu. Es tat mir sehr leid, daß Frau Bebenrot und ihr Sohn so sehr auf das Geld angewiesen waren, aber ich konnte den beiden ja nicht helfen. Das Gespräch wurde mir ungemütlich, und ich suchte der Unterhaltung ein Ende zu bereiten, indem ich in zuversichtlichem Tone sagte: «Ihr Sohn wird sicher die passende Frau finden, aber er muß sich umsehen.»

Wenige Tage später, und zwar ausgerechnet in der Dunkelkammer, sah Herr Bebenrot sich um, und zwar nach mir. Wir waren damit beschäftigt, eine Vergrößerung zu entwickeln. Hier, mitten im Finstern, sagte mir Herr Bebenrot, daß er mich schon lange gern habe, und ob es nicht möglich wäre, daß wir ein Paar würden, und ob er mich wohl um meine Hand bitten dürfe.

Ich war verdutzt und sehr in Verlegenheit. Ausgerechnet hier mir einen Antrag zu machen, wo man die eigene Hand nicht einmal vor Augen sehen konnte. Dann schlug ich vor, wir wollten zunächst einmal unsere Arbeit verrichten, wir könnten ja später das andere besprechen. Dann bewegten wir mit vereinten Kräften die große viereckige Schale, in der sich allmählich das Bild zu entwickeln begann, hin und her.

«Was für ein gräßlicher Kerl», flüsterte ich vor mir her, erschrocken auf das Bild starrend.

«Meinen Sie vielleicht mich?» fragte Herr Bebenrot mit unglücklich-enttäuschter Stimme.

«Gott bewahre», beruhigte ich ihn, «was denken Sie auch? Sie sind doch. . . aber sehen Sie doch nur dieses unmögliche Gesicht. Nein, so etwas. Dieses schlaffe, dicke, schläfrige Gesicht. Wie kann man so etwas nur vergrößern!»

«Es ist doch der verstorbene Mann von Frau Fleth. Können Sie nicht verstehen, daß die Frau gern ein Andenken an ihren Mann haben will?»

«Andenken ist gut. Das vergißt doch die arme Frau ihr Lebtag nicht, wie der Mann aussah. Das weiß sie doch in- und auswendig. Das braucht sie doch nicht erst an die Wand zu hängen. Und dann überlebensgroß.»

«Wie herzlos Sie sprechen, Fräulein Helga.»

«Ja, ich bin nun einmal so herzlos.»

Das Bild war tatsächlich der reine Albtraum, und weil ich es nicht länger ansehen konnte, blickte ich unwillkürlich zu Herrn Bebenrot hinüber, den ich plötzlich im roten Licht im Verhältnis zu Herrn Fleth recht hübsch fand. Er sah so betrübt drein, und plötzlich dachte ich an seine Mutter und was sie mir alles erzählt hatte. Und hatte Frau Bebenrot mich nicht mit Guttaten überhäuft? Sie hatte mir Blumen aus ihrem Garten geschenkt, einen Kürbis, den Mutter eingemacht hatte. Und jetzt erst hatte ich eine Flasche Fliedersaft und ein Glas Gurken bekommen, und ein Häkelmuster hatte sie mir gezeigt, und. . . Das stand alles vor mir, und ich fühlte mich Frau Bebenrot zu Dank verpflichtet. War eine Gefälligkeit nicht der anderen wert? Freilich, heiraten war eine große Sache, aber Herr Bebenrot war ein musterhaft ordentlicher Mensch, an dem meine Mutter sicher ihre Freude haben würde. Wenn Mutter wüßte, was sich mir hier bot! Sie würde mir wahrscheinlich zureden. Die arme Frau Fleth! Womit hatte sie sich begnügen müssen? Und war ich denn etwas Besonderes? Nicht die Spur. Wann Herr Bebenrot wohl die Erbschaft ausbezahlt bekam? Vor oder nach der Heirat? Ich hätte ihn zu gerne gefragt, aber ich hätte dadurch verraten, daß seine Mutter mir anvertraut hatte, was los war.

Ich befand mich an diesem Morgen wie inmitten einem meiner Nachtträume, in denen ich einer übertriebenen Schüchternheit nicht Herr werden konnte und zu allem ja und amen sagen mußte, was mir begegnete. Was Herr Bebenrot wohl von mir gedacht hat, als ich ihm erklärte, ja, ich wolle mich mit ihm verloben, eventuell, doch möge er mich zunächst über seine finanziellen Verhältnisse unterrichten? Er wurde blutrot, als fühle er sich ertappt, oder wähnte er mich am Geld so sehr interessiert? Nach und nach erzählte er mir dann dieselbe Geschichte, die ich von seiner Mutter her schon kannte, nur fügte er hinzu, daß von den dreißigtausend Mark, die er zu erwarten habe, zweitausend Mark Schulden für seinen seligen Vater abbezahlt werden müßten.

«O, bitte, Herr Bebenrot, sprechen Sie nicht weiter. Sie sind mir doch keine Rechenschaft schuldig.»

«Aber Sie haben doch vorhin selbst gewünscht, daß ich Ihnen Auskunft gebe, Fräulein Helga, und Ihre Genauigkeit gefällt mir gut.»

«Sonst nichts?»

Dieses Gespräch fand auf dem Balkon unseres Ateliers statt, am Samstagnachmittag. Irmelin und Lena hatten sich schon verabschiedet, und so konnten wir also unsere Verbindung mit allem dafür und dagegen in aller Ruhe besprechen.

Wir saßen auf den leichten Korbstühlen und sahen uns beim Sprechen kaum an, sondern blickten auf das Häusermeer, das vor uns ausgebreitet lag.

«Fräulein Lund, Sie müssen ja nicht meinen, daß es sich für mich ausschließlich um eine Interessenheirat handelt. Es ist Zufall, daß das eine zum andern kommt. Ich habe Sie viel lieber, als ich es jetzt im Zusammenhang mit der Erbschaft sagen mag. Oder finden Sie es betrüblich, daß wir gleich etwas Geld haben würden, wenn wir heiraten?»

Ich mußte lächeln: «O, nein, das Geld muß kein Charakterfehler sein.»

«Sehen Sie. Es ist doch sehr angenehm, etwas Geld zu haben.»

Das mußte ich zugeben. Doch hätte ich gehört, daß Geld allein nicht glücklich mache.

Hierauf erwiderte er, daß er mich nicht bedrängen wolle, und ich möge mir die Sache bis morgen überlegen.

Das hörte ich gern. Es war wenigstens ein kleiner Aufschub.

Dann lud er mich ein, am nächsten Morgen mit ihm in die Kirche zu kommen, und zwar in die Klosterkirche. Ich sagte zu, und wir beschlossen, allenfalls in der Kirche gemeinsam für unser Glück zu beten.

Am nächsten Morgen, als ich meiner Mutter sagte, daß ich ausnahmsweise in die Klosterkirche gehen wolle, fragte sie mich im scherzhaften Spott, warum ich denn so gar weit pilgern müsse und ob mir unsere kleine Bethlehemskapelle nicht mehr genüge. Ob hinter diesem Kirchgang nicht eine andere Geschichte stecke?

«Was denkst du von mir?» fragte ich gekränkt zurück. «Wenn man in die Kirche geht, geht man in die Kirche.»

«So, so, ich dachte nur, du gehst vielleicht auf den Südermarkt zum Morgenkonzert.»

Mir war nicht nach Morgenkonzert zumute.

«Es soll ein so guter Prediger an der Klosterkirche sein.»

Zu meinem Schrecken sagte Mutter: «Ich hätte Lust mitzukommen. Ich möchte mir die Predigt auch anhören.»

«Ich will dir einen Vorschlag machen, Mutter. Geh du in die Bethlehemskapelle und ich gehe in die Klosterkirche, und nachher erzählen wir einander, was wir gehört haben. Wäre dir das recht?»

Mutter willigte ein, aber ich glaube nur, weil sie merkte, daß ich sie an diesem Morgen nicht brauchen konnte. Wer weiß, wie es gekommen wäre, wenn sie dabeigewesen wäre und ich ihr verfrüht meinen eventuell zukünftigen Mann hätte vorstellen müssen. Noch heute bin ich meiner Mutter dankbar, daß sie so vernünftig war, daheim zu bleiben,

Herr Bebenrot erwartete mich an der Kirchentüre. Er war völlig in Schwarz gekleidet und hatte schon zum voraus ein feierliches Gesicht aufgesetzt. Er sah mich tiefernst an, wie ein Pastor etwa die Konfirmandin ansieht. Am liebsten wäre ich weggelaufen, aber wenn man das B vermeiden will, darf man das A nicht sagen.

In der Klosterkirche fand ich es recht angenehm, daß Männer und Frauen hier nicht beisammensitzen dürfen, und der Kirchendiener hat darauf zu achten, daß keine Frauensperson auf die Männerseite geht und umgekehrt. Zunächst wollte ich in aller Unschuld mich neben Herrn Bebenrot setzen, als auch schon der Kirchendiener mich sanft am Arm nahm und mir mahnend zuflüsterte: «Sie dürfen auf keinen Fall beisammenbleiben.»

O, das machte nichts. Es war recht so. Dann saß ich also auf der Frauenseite, warf aber doch hin und wieder einen Blick auf die Männerseite, wo mit mir in derselben Reihe Herr Bebenrot gradaus vor sich hinträumte. Er sah aus wie ein langes schwarzes Gesangbuch, dann wieder wie ein Sargdeckel, und solcher Vergleiche konnte ich mich leider nicht erwehren. «Sie dürfen auf keinen Fall beisammenbleiben», ging es mir durch den Kopf. Wie wurde ich nur den Mann los, ohne ihn zu verletzen? Da saß er jetzt, ganz in Andacht versunken, und hatte keine Ahnung, was mir durch den krausen Kopf ging. Er tat mir leid. Wenn ihm doch der liebe Gott ein nettes Mädchen zuschicken wollte, mit dem er recht glücklich werden konnte. Ich gönnte ihm das Glück so sehr, wenn ich es nur nicht grad teilen mußte.

Es wurde das herrliche Lied gesungen:

«Eins ist not, ach, Herr, dies eine,

Lehre mich’s erkennen doch.

Alles andre, wie’s auch scheine,

Ist ja nur ein schweres Joch.»

Der liebe Gott möge mir verzeihen, daß ich bei jedem Wort nur an meine irdischen Verhältnisse denken konnte, und beim schweren Joch nur an eine Ehe mit Herrn Bebenrot. Ich wußte ja ganz genau, was ich nicht wollte, aber es würde schwer sein, es ihm begreiflich zu machen. Wie sag ich’s nur Herrn Bebenrot?

Der Pastor empfahl und legte die Worte aus: «Trachtet am ersten nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, dann wird euch alles andere zufallen.»

Und «alles andere» war Herr Bebenrot, mein Bräutigam und dreißigtausend Mark, die wir vielleicht noch verspekulieren würden. Ach, alles andere, es lag mir gar nichts daran. Vielleicht war meine Freundin Guschi Krümel die Richtige für Bebenrot. Ob sich das nicht einfädeln ließe? Fieber Gott, schenk ihm das Glück, doch laß mich für diesmal ledig bleiben.

Als wir uns vor der Kirchentüre wieder trafen, war ich so nervös und erregt, daß ich dem Weinen nahe war. Herr Bebenrot sah mich so treuherzig und besorgt an:

«Hat die Predigt Sie so angegriffen, Fräulein Helga? Es war herrlich, nicht wahr?»

«Ach, Herr Bebenrot, das ist es leider nicht. Es ist etwas anderes, was mich beschäftigt. Bitte, gehen wir abseits, wo weniger Menschen sind.»

Auf dem Südermarkt, an dem wir vorbei mußten, wenn ich heimwollte, waren noch viel mehr Menschen als vor der Kirche. Hier spielte das Stadtorchester «Lohengrin».

Alljährlich naht vom Himmel eine Taube,

um neu zu stärken seine Wunderkraft. . .

Das lenkte eine Weile ab, und wir hörten zu, jeder das Gesangbuch unterm Arm.

Als das Stück aus war, gab’s ein großes Gedränge, und mit Mühe erreichten wir den Holm, wo es stiller war. Beim großen Konfektionsgeschäft von Mau und Andresen blieb ich stehen und erklärte, hier auf die Straßenbahn warten zu wollen, ich müsse rasch nach Hause, ich habe meiner Mutter versprochen, ihr die Predigt zu erzählen, und er, Herr Bebenrot, habe wahrscheinlich dasselbe vor.

«Wie denn? Wünschen Sie, daß ich Sie nach Hause begleite?»

«Nein, nein, nein danke. Sie haben mich nicht recht verstanden. Sie müssen zu Ihrer Mutter, und ich zu meiner Mutter.»

Herr Bebenrot sah melancholisch auf die vier flott gekleideten Herren, die als Musterbeispiele der Eleganz siegessicher im Schaufenster standen. Jeder der Herren lächelte selig vor sich her, als sei das Leben ein Vergnügen sondergleichen. Herr Bebenrot blickte verloren und betrübt drein. Er tat mir so furchtbar leid, aber ich mußte ihm doch meinen Entschluß mitteilen.

«Herr Bebenrot, Sie kennen nicht zufällig Fräulein Krümel?»

«Nein, warum fragen Sie?»

«Ach, ich meinte nur so. Es fiel mir gerade ein. Sie ist ein so reizendes Mädchen.»

«So?»

«Ja.»

«Nein, ich kenne sie nicht.»

Da merkte ich, daß mein Anerbieten mit Guschi noch nicht reif war. Ich begann sanft und leise: «Herr Bebenrot, sagen Sie, würden Sie es mir sehr übel nehmen, wenn ich, das heißt, wenn wir unsere, Verlobung auflösten?»

«Aber wir sind doch noch gar nicht verlobt, Fräulein Helga.»

«Nein, das nicht, aber wir planen es doch, und wenn überhaupt, dann müssen Sie sich selbstverständlich sofort verloben und dann möglichst bald heiraten. Schon wegen. . . Ob aber ich gerade die Richtige für Sie bin. . .? O, bitte, liebster Herr Bebenrot, sehen Sie nicht so betrübt aus, das tut mir weh. Ach, Sie haben ja keine Ahnung. Sie können sich überhaupt nicht vorstellen. . . »

«Was? Wovon habe ich keine Ahnung?»

«…was es für ein Glück bedeuten kann, mich nicht zur Frau haben zu müssen. . . »

«Wie? Was?»

«Nein, bitte, wollen Sie mich aussprechen lassen. Ich muß es Ihnen genau sagen, das bin ich Ihnen schuldig. Sehen Sie, ein bißchen kennt sich doch jeder Mensch, nicht wahr? Nicht sehr viel, aber es gibt doch einige Hauptsachen, mit denen man bei sich Bescheid weiß. Hören Sie, ich neige nämlich dazu, immer das Gegenteil von dem zu tun, was man von mir erwartet. Das habe ich schon mehrmals an mir bemerkt.»

«Aber was erwarte ich denn von Ihnen, Fräulein Helga?»

«Unausgesprochen vielleicht sehr viel. Würde ich zum Beispiel einen solch frommen oder religiösen Menschen, wie Sie es offenbar sind, zum Manne bekommen, wär’s wahrscheinlich eine Gnade oder ein Wunder, wenn ich nicht für lebenslänglich ins Zuchthaus käme. Und das wollen Sie doch gewiß nicht, nicht wahr? Sehen Sie wohl. Aber so würde es kommen. Ich würde bestimmt etwas anstellen. Einen Diebstahl, einen Einbruch, Mord und Todschlag, kurzum, ich wäre sorglich aufs Gesetzwidrige bedacht. Warum? Weil Sie so sehr fromm sind! Ja. Und was hätten Sie davon, wenn Sie allein mit Ihrem lieben Gott in der Klosterkirche säßen, und ich, die Frau, wäre nicht mal daheim, geschweige denn in der Kirche, sondern hocke bei Wasser und Brot, in Ketten und Banden, hinter Schloß und Riegel in irgendeinem finsteren Loch. Das würde Ihnen nahegehen. Wollen wir es darauf ankommen lassen?»

«Um Himmels willen! Das sind ja schauderhafte Bilder, die Sie da entwerfen. Wo wollen Sie nur damit hinaus?»

«Nirgends hinaus. Nur bei mir selber bleiben will ich. Etwas anderes will ich ja gar nicht.»

«Nun ja, ich gefalle Ihnen nicht. Das ist nicht Ihre Schuld, und ich habe Ihnen keinen Vorwurf zu machen. Sie können mich nicht liebhaben. Das ist es. Habe ich recht, Fräulein Helga?»

«Nein, ganz und gar nicht. Das Liebhaben, das würde ich bald heraushaben. Das ist etwas, was sich lernen läßt. Das hab’ ich schon an meinen Eltern bemerkt, und auch an mir selber. Also Lieben, das ist das wenigste. . . »

Schon wollte ich mich über dieses Thema verbreiten, als ich noch rechtzeitig bemerkte, daß ich mich damit in ein gefährliches Fahrwasser begebe, und darum schwieg ich.

Wir sahen uns die Wachspuppen an, die’s da drinnen so leicht und lustig hatten. Eine Bahn nach der andern fuhr vorüber. Es war Zeit, daß ich heimkam.

«Herr Bebenrot, darf ich Sie nicht doch mit meiner Freundin bekannt machen. Sie ist Retuschöse und Kopiererin im Atelier Müller, an den Norderhofenden. Es könnte doch sein, daß sie einander gefallen.»

«Sie sind sehr liebenswürdig, Fräulein Helga. Aber Sie bemühen sich unnötig.»

«Das können Sie doch nicht wissen, ob ich mich unnötig bemühe. Werde mich vielleicht noch oft unnötig bemühen. Das ist meine Sache. Und ich tu es doch so gern für Sie. Was ich nur kann, will ich für Sie tun. Nicht ruhen werde ich, bis Sie glücklich verheiratet sind und die Erbschaft gemacht haben. Wenn ich eine Sache in die Hände nehme, ruhe ich nicht eher, bis es klappt. Die Geschichte selbst läßt mir keine Ruhe. Wissen Sie, ich habe heute früh etwas schußlich gebetet, aber Sie dürfen versichert sein, daß ich es ganz korrekt nachholen werde. Und mit Guschi Krümel werde ich morgen abend sprechen. Das kann auf keinen Fall schaden.»

«Seltsam, gestern waren Sie so entgegenkommend. Ich verstehe ja, meine Anfrage kam Ihnen etwas plötzlich. Können Sie sich nicht noch einmal prüfen, ob. . . »

«Herr Bebenrot, ich bitte, fangen Sie nicht wieder davon an. Ich habe mich genug geprüft. Gestern abend und heute morgen, und zwar gründlicher, als Sie annehmen.»

«Gut, Fräulein Lund, es ist gut. Aber müssen Sie jetzt nicht die Bahn nehmen?»

Sobald er mich losließ, hatte ich wieder Zeit für ihn. Guschi Krümel bekam er nicht zur Frau, dafür aber machte ich eine andere Freundin auf ihn aufmerksam, mit der Herr Bebenrot Glück hatte, so daß ich mich wieder frei fühlen durfte.

Die goldene Eva
Bekanntschaft mit Gaute Londelius
Aller Anfang ist leicht

Wenige Wochen später ließ ich mich einfangen, leicht, wie ein Vogel, der weder Netz noch Falle vermutet, Ich fiel in Liebe, wie man bei mir daheim zu sagen pflegt. Doch will ich berichten, wie ich fiel, und wie mein Vogelfänger mich einfing.

Es war kurz vor Pfingsten, und ich bekam eines sehr schönen Tages einen Brief folgenden Inhalts:

Sehr geehrtes Fräulein Lund!

Wir haben Sie vom Fest des Stenographenvereins Gabelsberger noch als «Venus im Grünen» in lebhafter Erinnerung. Sie würden uns eine große Freude bereiten, wenn Sie bei unserer geplanten Theateraufführung, die am dreißigsten Mai im Tivoli stattfindet, mitwirken würden. Wir wollen ,Die goldene Eva‘ zur Aufführung bringen und können uns keine bessere Vertreterin der Titelrolle denken, als Sie es sicher sein werden. Wenn Sie einverstanden sind, möchten wir Sie bitten, am fünften Mai, abends acht Uhr zur Leseprobe sich bei Herrn Albert Philipp, Angelburgerstraße 23, im Rückgebäude, zweiter Stock links, einzufinden. Sollten Sie verhindert sein, an der Aufführung mitzuwirken, was wir außerordentlich bedauern würden, haben Sie die Güte, uns möglichst postwendend Nachricht zukommen zu lassen.

Mit hochachtungsvoller Begrüßung

der Naturheilverein. Vorstand A. Zuck.

Den Ruck und Zuck, den mir dieser Brief verursachte, brauche ich wohl kaum zu schildern. Ich war vor Freude, wieder spielen zu dürfen, wie aus dem Häuschen. Selbstverständlich zeigte ich meiner Mutter sofort den Brief, sah sie so erwartungsvoll und schmeichelnd an, daß sie mir die Erlaubnis gab, mitmachen zu dürfen. «Na, meinetwegen. Schließlich bist du ja nur einmal jung.»

Die goldene Eva. . . Ich, ich war es. . . Was das wohl für ein Stück sein mochte? Hoffentlich keine allzu rasche Vertreibung aus dem Paradies. Ich stellte mir etwas Biblisches, etwas bezaubernd Schönes vor. Die goldene Eva. . . Am hellichten Tage träumte mir von einem Apfelbaum, von dem ich eine reife Frucht nahm, um sie irgendeinem entzückenden Adam zu reichen. Er nahm und aß, und ich sagte ihm nur: «Ich liebe dich.»

Er gab zur Antwort: «Ich liebe dich.»

Es war, als wäre dieses eine Wort «Liebe» unser Atem, unser Herzschlag. Wir lebten durch und von diesem Wort. Wir spielten mit dem Wort und durchkosten es in allen Varianten.

Es war keine Sünde. Es war nur schön. Der Garten blühte, und wir blühten mit. Die goldene Eva. Es lag ein Schimmer über diesem Wort. Es glänzte. Es war wie ein Traum, aber dieser Traum war das Leben. Es gefiel mir unsagbar gut, und ich konnte die wenigen Tage bis zur Leseprobe kaum abwarten.

Der fünfte Mai kam mit rührender Zuverlässigkeit heran. Um sechs Uhr früh sah ich schon zum Fenster hinaus. Es war ein köstlicher Tag. In den Kastanienbäumen, die bei uns in der Dorotheenstraße rechts und links standen, zwitscherten die Vögel, zwitscherten und sangen. Mit den Vögeln muß man singen, aber niemals mit den Wölfen heulen, ging es mir durch den gutausgeruhten Kopf, und ich sang: Der Morgen, der ist meine Freude. . . Mutter dagegen litt noch ein bißchen am sogenannten Morgengrauen, bat mich, etwas leiser zu singen. Gewiß. Gern. Ich hielt den Mund, aber es sang weiter in mir.

Ich rief ins Schlafzimmer: «Mutter, was meinst du? Das Wetter ist so schön. Ob ich heute das weiße Kleid anziehe?»

«Ja, ja, mach nur. Es wird das beste sein, zieh nur das weiße an.»

Große Ereignisse werfen offenbar ihr Licht voraus. An Schatten zu glauben, das lag mir nicht. Ich freute mich zu sehr auf die Goldene Eva. Mir war zumute, als würde ich mir selbst ganz neu und zum allerersten Male begegnen.

Als es gegen Abend ging, bat ich Irmelin, meine lustige, kleine Freundin, mich zur Leseprobe zu begleiten. Wir gingen Arm in Arm durch die Große Straße, bis wir an die Angelburgerstraße kamen, wo wir die Nummer dreiundzwanzig suchten. Wir kamen durch eine Durchfahrt, dann in einen Hof, betrachteten die dreistöckigen Häuser, die rechts, links und gradaus lagen. Im zweiten Stock vor uns sahen wir ein Fenster erleuchtet. Da saß ein junger Mann am Klavier und hinter ihm stand noch ein junger Mensch. Wir hörten die beiden dort oben spielen und singen. Das Fenster stand weit geöffnet. Irmelin sagte:

«Dort wird Herr Philipp wohnen.»

«Vielleicht. Sei still. Wir wollen horchen.»

Eine sehr helle und eine etwas tiefere Stimme.

«Die Mädchen auf der Welt

Sind falscher als das Geld

Mit ihrem Lie—ie—ben. . . »

Irmelin und ich lachten laut auf.

«Eine nette Ansicht haben die ja da oben», sagte Irmelin, und ganz keck rief sie hinauf:

«Heda! Meint ihr etwa uns?»

Die jungen Leute sahen zu uns hinab.

Ich sah hinauf, und der eine von dort oben sah mich an. Er war mir ja gar nicht so sehr nahe, und doch tauchte sein Blick tief in den meinen, und vielleicht schon in diesem Augenblick war unser beider Schicksal ineinander verschlungen. Es war mein zukünftiger Mann, es war Gaute Londelius, den ich sah und in diesem Hause kennenlernte.

Wir waren sofort, wie schlagartig von einander — ja — ich kann nicht anders sagen — bezaubert. Es war, als hätten wir seit langem aufeinander gewartet. So unwiderstehlich fühlten wir uns voneinander angezogen, wie zwei Magnete einander anziehen müssen, ob sie wollen oder nicht. Wir flogen einander zu, als triebe uns eine Macht, die weit über unsere Kräfte hinausging.

Niemals vorher und niemals später habe ich Ähnliches erlebt. Es war jene Verliebtheit auf den ersten Blick, die sich nicht erklären läßt und die auch keiner Erklärung bedarf.

Die «Goldene Eva» war nichts Biblisches, sondern ein reizendes Lustspiel in Versen. Das Stück spielte etwa im sechzehnten oder siebzehnten Jahrhundert. Ich hatte eine Goldschmiedstochter darzustellen, die auf Wunsch ihres Vaters eine Vernunftehe hätte eingehen sollen, schließlich aber eine Liebesheirat durchsetzte. Gaute spielte den verliebten Goldschmiedgesellen Peter, der am Ende die Braut heimführte.

Gaute sah bildschön aus. Er war groß und schlank, dreiundzwanzig Jahre alt, und in seinem ebenmäßig gebildeten Gesicht, das meistens einen stillen, kühlen Ausdruck hatte, waren seine großen, tiefgrünlich blauen Augen von solch seltsamer Leuchtkraft, wie ich dies sonst nirgends bei Menschen gefunden habe. Die Pupillen hatten bei näherem Hinsehen viele winzig-kleine weiße Pünktchen, die eigentümlich zu strahlen begannen, sobald Gaute lebhaft sprach oder sich sonstwie erregte. Dies war freilich etwas, das ich erst genauer entdeckte, als wir schon verheiratet waren. Gerade weil die Leuchtkraft der Augen nicht immer zu bemerken war, wirkte dieses kleine Wunder um so stärker, da es plötzlich eintrat. Sein nur leicht gebräuntes Gesicht mit dem schon erwähnten kühlen Ausdruck hatte eine ähnliche Verwandlungsfähigkeit wie die Augen. Manchmal war es mir, als bewege sich das Gesicht einer Statue und erwache zu einem Leben, das mich entzückte. Er hatte volles, weiches, schwarzes Haar, das er zurückgestrichen trug, so daß es seine schöne Stirn frei ließ.

In der Rolle des Goldschmiedgesellen trug er ein bräunliches, sandfarbenes, altdeutsches Kostüm mit ein wenig Grün besetzt, das ihm wie angegossen saß. Ich selbst bekam ein Gretchenkleid, Weiß mit Blau garniert. Der Stoff des Kleides, leichter weißer Kaschmir, war von Seidenblumen durchwoben, silbrig schimmernd. Die gebauschten Ärmel wurden von schmalen, luftblauen Streifen gehalten und in der Mitte jeden Streifens waren kleine Silbersterne angebracht, ebenso an der Tasche, die ich über dem weiten geschürzten Rock trug. Nie zuvor hatte ich ein solch schönes Kleid getragen, und man möge mir gestatten, daß ich es so ausführlich erwähne, was vielleicht nur für mich nötig ist. Es war dies aber mein erstes eigentliches Bühnenkleid, das meine Mutter mir genäht hatte mit ihren lieben, treuen Händen, und ich trug es noch viele Jahre, nachdem sie schon längst nicht mehr da war. Als habe meine Mutter es vorausbedacht, war es überaus dienstbereit und gefällig eingerichtet. Man konnte die Bänder lösen, die Ärmel fielen weit herab, und erhob man nur leicht die Hände, dachte man an Flügel oder an die Sehnsucht nach Schwingen. Dann war es das Kleid der Ophelia.

Weiß wie eine Ahnung. Einmal war es das Brautkleid der Athenaiis im «Hüttenbesitzer», dann wieder Schneewittchens Mädchengewand. Es war so vielseitig, und obwohl ich dies noch nicht wissen konnte, da ich es an jenem Abend als «goldene Eva» trug, erklärte ich es dennoch von Anfang an als mein Glückskleid, das mich in seiner rührenden Schönheit auf kommende Wunder vorbereiten wollte.

In diesem Kleide also hörte ich mir die Worte an, die Gaute mir im flüchtigen Spiel sagte. Er hatte als Goldschmied mir für einen Ring das Maß vom Finger zu nehmen, nahm statt eines Fingers die ganze Hand, und Eva und ich bemerkten es kaum. Nur einige Worte fielen mir noch nach Tagen ein.

«. . . und küß mich beim Schwören,

Und schwör mir’s beim Küssen:

Wir beide, wir müssen

Einander gehören. . . »

Und dies war Spiel, nur Spiel.

Wohin sollte es uns führen? Wir dachten wohl beide zunächst nicht daran. Wir gaben uns nur der Freude hin, die das Beisammensein uns bereitete. Gaute war Schriftsetzer an einem Zeitungsverlag. Seine Arbeitsstätte war keine fünf Minuten von der meinen entfernt. Wir konnten uns tagsüber, in der Mittagspause, nur wenige Minuten, aber doch täglich sehen. Er wohnte im Süden der Stadt, in der kleinen Wohnung seiner Mutter, die aber nicht daheim war, sondern als Wirtschafterin in einem fremden Haushalt arbeitete. Von Gaute wußte ich, daß er sich das Frühstück und manchmal auch das Abendessen selbst zubereitete, doch kam von Zeit zu Zeit eine Stundenfrau, um seine Wohnung zu reinigen.

Nun kam ich eines Sonntagnachmittags in Gautes Behausung, um ihn nach vorheriger Verabredung zu einem Spaziergang abzuholen. Ich klopfte an die Tür, aber nicht Gaute kam öffnen, sondern eine ältere Frau, die ich nach Herrn Londelius fragte:

«Was wünschen Sie von Herrn Londelius?»

Ich fand die Frage recht unpassend. Was ich von Gaute wünschte, brauchte ich ihm nicht einmal selber zu sagen, und es verdroß mich ein wenig, von der Stundenfrau so ablehnend gemustert zu werden. Weil Gaute indessen auf die Frau angewiesen war, wollte ich es auch nicht mir ihr verderben, und sagte daher als Ausrede: «Ich habe die Wäsche von Herrn Londelius in Ordnung zu bringen, ich bin nämlich seine Schwester.»

«So, so. Das ist mir nicht uninteressant zu hören. Ich bin nämlich seine Mutter.»

O Gott, war das eine Verlegenheit! Ich wußte gar nicht, was ich sagen sollte. Ja, so sei das, dann allerdings. . . Ich konnte doch nicht gut sagen, daß wir ja irgendwie alle Geschwister seien. So weit wagte ich die Verwandtschaft nicht zurückzuverlegen.

«Schon gut. Kommen Sie nur herein. Gaute kommt gleich. . . »

Dann wurde ich auf dem Sofa placiert und suchte verzweifelt nach einer Entschuldigung für meine Notlüge, aber es kam kein sterbendes Wörtlein aus mir heraus. Ich sah sie nur an, die Mutter meines Liebsten.

Endlich sagte sie: «Tja, wenn Gaute Ihr Bruder ist, müßte ja eigentlich ich Ihre Mutter sein. Wie haben wir es denn damit?»

Ich konnte nur stammeln: «Ach, wenn Sie das wollten.»

«Genau weiß ich es nicht. Wir werden mal etwas zuwarten, Es eilt wohl nicht. Oder? Etwas hat Gaute mir von Ihnen erzählt. Aber weiß Ihre Mutter, daß Sie hierher kommen?»

Nein, das wußte meine Mutter ganz und gar nicht, und meine Mutter hätte mir diese Besuche niemals erlaubt. Sie wußte noch gar nichts von Gaute. Es war mein Geheimnis, das mitzuteilen ich mich nicht entschließen konnte. So offen und ehrlich ich auch sonst meiner Mutter gegenüber war, vermochte ich ihr gleichwohl nichts von meinen Beziehungen zu Gaute zu beichten. Es war alles noch so zart und neu, es mußte heimlich bleiben.

Daher tat es mir auch leid, Gautes Mutter begegnet zu sein. Als er zurückkam, freute er sich, mich zusammen mit seiner Mutter anzutreffen. Er warb für mich bei seiner Mutter. Er wünschte, daß ich ihr gefiel. Sie verabschiedete mich dann auch recht freundlich und ließ ihren Sohn mit mir gehen.

Kaum aber war ich mit Gaute allein, machte ich ihm Vorwürfe. Er hätte seiner Mutter nichts sagen dürfen.

«Aber weshalb denn nicht?» fragte er erstaunt. «Einmal wird sie es ja doch erfahren.»

«Niemals würde sie es erfahren, wenn du geschwiegen hättest. Meine Mutter weiß nichts. Es ist doch unsere Sache, wenn wir uns liebhaben? Was haben unsere Mütter damit zu tun?»

«Gut. Sprechen wir nicht mehr von den Müttern. Vergessen wir sie für ein paar Stunden.»

Und dann streiften wir im Buchenwald umher, wo die Waldmeister dufteten und die Vögel sangen.

Gingen wir dann, oft erst spät am Abend, fröhlich heimwärts, begleitete uns selbstverständlich der gute Mond, der bewährte Freund der Verliebten. Wir standen oft am Strand der Ostsee still, betrachteten das goldene Gesicht des Mondes so lange, daß uns war, als hätten wir in seinem wunderbaren Licht gewohnt. Gaute stellte sich besonders gern vor, wie vielen Glücklichen er schon geleuchtet habe.

Dann scherzte ich: «Wenn du dir wenigstens an seiner Verschwiegenheit ein Beispiel nehmen wolltest. Der Mond hätte genug zu tun, wenn er jede Mutter unterrichten wollte, wie es mit Sohn oder Tochter bestellt sei.»

«Aber wir müssen doch heiraten, Helga. Es bleibt uns gar nichts anderes übrig. So kann es doch nicht weitergehen.»

Es ging auch so nicht weiter, und Gaute hatte völlig recht, wenn er mich zur Heirat drängte, aber er hatte nur recht von seinem Standpunkt aus gesehen.

Nun, da ich den Menschen gefunden hatte, den ich zu lieben glaubte, eilte es mir gar nicht so sehr mit der Heirat.

Dann aber verbanden sich die beiden Mütter miteinander, wodurch ich mich etwas bedrängt fühlte, was ich freilich nicht einzugestehen wagte. Verheiratet sein konnte man ein Leben lang, aber Verlobtsein, das ging rasch vorüber. Vor allem aber hatte Gaute keine Lust zu warten, und da er obendrein beide Mütter auf seiner Seite hatte, willigte ich ein. Man sagte mir damals den bekannten Spruch: «Jung gefreit, hat noch niemand gereut.» Ob dies bei uns gestimmt hat, werde ich im nächsten Kapitel erzählen.

Zweites Kapitel

DIE EHE

Wenn ich darüber nachdenke. . .

O, wie gern würde ich in diesem Kapitel eine niewiederkommende Seligkeit ein für allemal beschreiben, das Paradies der Ehe, ohne vergiftete Früchte, ohne Vertreibung, ohne Racheengel. Eine Mustergemeinschaft zwischen Mann und Frau möchte ich entwerfen, dazu das Pfand der Liebe, das Kind in der Mitte, so daß möglichst viele an dieser kleinen Dreieinigkeit auf Erden ihre Freude haben sollten. Alle Ehepaare, die mein Buch lesen, müßten ihr Glück gleichsam noch einmal in meinem Glücke lesen. Für Unerfahrene müßte es ein diskreter, aber sicherer Ratgeber sein, mit unendlich vielen kleinen Hinweisen in strittigen Fragen. Vielleicht müßte es eine Art Kochbuch sein, und besonders der geistige Wochenspeiseplan müßte berücksichtigt werden, der tägliche Umgang zwischen Mann und Frau, die Hausmannskost, die sie sich gegenseitig zu bieten haben. Etwa folgendermaßen:

Man nehme vom Mehl des guten Willens dreihundert Gramm und, wenn’s nötig ist, noch etwas mehr, zumal es nie rationiert werden wird. Ferner nehme man zweihundert Gramm Nachgiebigkeit von der feinsten Sorte, damit der Geschmack sich nicht vordrängt, weil die zu merkliche Nachgiebigkeit den Partner mehr verstimmt als erfreut, Man nehme eine Prise Lächeln, dazu die gute Würze eines gesunden, gutmütigen Humors, dann das nahrhafte Ei der Liebe, das stets frisch sein sollte, und dies verbunden und verrührt mit der sanften Milch der Bescheidenheit. Bei nicht zu starkem, aber auch nicht zu schwachem Lebensfeuer dürfte dies Gemisch eine bekömmliche Speise sein.

Aber gerade jene Lebensmittel, die man nicht für Geld haben kann, erscheinen uns unerschwinglich. Man findet sie seltener, als man annimmt. In meinem eigenen Haushalt stand es jedenfalls etwas knapp damit, und darum darf ich keine Ratschläge erteilen.

Verstünde ich dagegen trefflich zu schildern, was mir alles angebrannt und verkocht ist, könnte dies von Nutzen sein, denn es ist schon etwas wert, wenn man weiß, wie man es nicht zu machen hat.

Ein Ehekapitel sollte eigentlich von zwei Personen geschrieben werden, damit Mann und Frau beide zu Worte kommen. Wie gern würde ich meinem Manne die Feder in die Hand drücken: «Bitte, Liebling, teile mal mit, wie es dir vorgekommen ist.» Er aber ist nicht mehr da, und über Abwesende muß man noch schonungsvoller sprechen als über Anwesende.

Die Ehe kann eine Streitfrage sein und ist doch kein Rechtsfall, und wo es nicht klappt, erscheint es mir töricht, nach dem schuldigen Teil zu fragen. Jeder Übergriff, jeder kleine Eingriff, den wir uns dem Ehepartner gegenüber leisten, an seinem Wesen, an seiner Eigenart, rächt sich vor allem an uns selber, wie das Gute, das wir ihm erweisen, sich lohnt. Es scheint also eine natürliche Gerechtigkeit in der Ehe zu geben, aber man darf nicht danach fragen. Gerade derjenige Teil, der im Streitfälle immer recht behalten will, es wohl auch hat, gerade der ist im Unrecht. Der Klügere gibt nicht nach, und wie man’s macht, ist’s falsch. Fast jedes Sprichwort läßt sich in der Ehe umdrehen, es ist die reine Hexerei.

Um sicher zu gehen, würde ich sehr gern dieses Kapitel überspringen, streichen, negieren und kühn behaupten, ich sei nie verheiratet gewesen. Eine Ehe zu beschreiben, ist beinahe ebenso schwierig als sie zu führen. Es ist jedenfalls ein Griff ins Ungewisse, den ich wagen muß. Hoffen mag ich, daß diese Beklemmung, die mich anfällt, nur ein Tunnel ist, ein dunkler Engpaß, der zu einer neuen Weite führt, denn etwas Ähnliches war mir die Ehe.

Es ließ sich zunächst ganz rosenrot an. Hier ist der Anfang leicht. Meine Mutter hatte uns ihre Wohnung in der Dorotheenstraße überlassen und sich selbst in unser kleines Haus, in mein Elternhaus in der Vorstadt, zurückgezogen. Sie überließ mir fast alle Möbel, die mir seit meiner Kindheit an vertraut waren. Da hatte ich also in meiner Wohnstube die grüngeblümt bezogenen Stühle, das große Sofa mit den Fransen an der Seite, jene Fransen, aus denen ich als kleines Mädel Zöpfe flocht. Die Etagere hatte Mutter mir gelassen, auf der die bunte Nippesfigur stand, die kleine Schäferin, die ein tiefgrünes Röckchen trug, das gestreifte Schürzchen und über der weißen Bluse das bunt verschnürte Mieder. Daß mir dies kleine Figürchen jetzt gehörte, an sich ja eine Kleinigkeit, aber was mich einst als Kind beglückte, beglückte mich noch einmal als junge Frau. Daß ich «mein» sagen durfte zu allem, was sich in meiner Wohnung befand. Die Betten mit den geschnitzten Weintrauben, die frisch lackiert wurden, es machte mir eine ähnliche Freude wie als Kind die Puppenstube, die Mutter mir zu Weihnachten schenkte.

Eine Wäschetruhe bekam ich, die Mutter selbst bezogen hatte. Das war etwas sehr Vornehmes, etwas Neues für mich und doch auch wiederum nicht neu. Die Wäschetruhe war bezogen mit einem Stoffrest unserer früheren Wintergardinen. Grüne Zweige, kleine Bäume, in denen die bunten Vögel singend saßen. Noch immer hielten sie die Köpfchen ein wenig nach oben gestreckt und die Schnäbelchen wie zum Singen geöffnet. Alle Vögel sind schon da, alle Vögel, alle. . .

Es bewegte mich sehr, daß meine Mutter mir ihre schönsten Sachen geben wollte und sich einschränkte um meinetwillen. Sie sprach oft so, als hätte sie weniger Recht auf die Annehmlichkeiten des Lebens als ich.

Als ich sie während des Einrichtens meines Haushaltes oft fragte: «Mutter, sag, was bleibt dir, wenn du mir alles gibst?» dann entgegnete sie: «Ach, jetzt hast du nicht an mich zu denken. Ich geh ja doch bald aus dem Leben heraus und du gehst erst in das Leben hinein.»

Dann konnte ich wohl etwas bange erwidern: «Man kann es nicht wissen, ob es das Leben ist. Ob es das wirklich und richtig ist.» Wie munter sie da antwortete: «Natürlich ist es das. Was denn sonst? Du hast dir dein Los selbst gewählt und mußt dazu stehen.» Ich hatte ja auch den guten Willen dazu und war fest entschlossen, etwas Vernünftiges aus meiner Ehe zu machen, aber ich war noch so jung, wahrscheinlich zu jung für die Ehe.

Zu kochen verstand ich schon, das hatte ich gelernt. Auf diesem Gebiet hatte ich mir daheim und auch im Hotel genügend Kenntnisse angeeignet, doch mußte ich gleich von Anfang umlernen. Da hieß es dann etwa: «Meine Mutter hat die Klöße ganz anders zubereitet. So und so, und sie und so.»

Wie denn, das konnte natürlich Gaute nicht angeben, und ich mußte mich bei meiner Schwiegermutter nach sämtlichen Lieblingsspeisen meines Mannes erkundigen. Das tat ich selbstverständlich gern, aber Gaute hielt mir doch etwas zu oft seine Mutter als Beispiel vor, so daß ich hin und wieder ziemlich scharf bemerkte:

«Ich bin nicht deine Mutter, sondern deine Frau.»

Doch will ich zugeben, daß es für einen verwöhnten einzigen Sohn nicht ganz leicht ist, sich von seiner Mutter zu lösen. Und meinem Gaute fiel dies offenbar besonders schwer, obwohl es sich nur um Kleinigkeiten handelte.

Meine Schwiegermutter nun, sonst eine sehr liebe Frau, mit der ich gut auskam, fühlte sich recht geschmeichelt, daß ihr Gaute sich eine Frau durchaus nach ihrem Muster wünschte, und stand infolgedessen immer auf der Seite ihres Sohnes, und zwar so, daß ich nie recht dazu kam, auch gelegentlich meine Mutter auszuspielen, die doch auch eine tüchtige Hausfrau war und von der ich viel gelernt hatte.

Also versuchte ich meine Schwiegermutter in der Führung meines Haushaltes möglichst nachzuahmen, was mir denn auch bis zu einem gewissen Grade gelang. Hier verstand ich Gaute allmählich zufriedenzustellen.

Es heißt in der Bibel, der Mann wird Vater und Mutter verlassen, um seinem Weibe anzuhangen. Gewiß wünschte ich nicht, daß Gaute seine Mutter vergaß und verließ, denn jener Mann, der seine Mutter hochachtet, wird diese Achtung auch auf seine Frau übertragen, und wenn mir die Überbetonung seiner Mutter auch manchmal lästig war, so gefiel sie mir doch andererseits sogar sehr. Es war. indessen etwas ganz anderes, was mich schon im ersten Monat meiner Ehe bedrückte. Es war etwas, was ich mir selbst heimlich zum Vorwurf machte. Ich hatte Gaute vor meiner Heirat nicht genügend kennengelernt. Um es genau zu sagen, ich wußte nicht viel mehr von ihm, als daß er ein sehr schöner Mensch war, zu dem meine Sinne mich hingezogen hatten. Seine reizvolle Erscheinung hatte mich nicht darauf achten lassen, was für ein Kern in dieser schönen Hülle steckte. Jetzt war ich, mir kaum bewußt, bemüht, meine Verliebtheit in Liebe zu verwandeln.

Helga kommt mit dem Atheismus nicht voran

Die nachfolgenden Schilderungen werden vielleicht etwas drollig klingen, aber die Sache selbst, die dahinter steht, war und bleibt tiefernst. Gaute war Atheist, Sozialist und Abstinent, und dies waren Eigenschaften, die zu begreifen ich mir Mühe gab. Nun hielt ich es zwar anfangs nicht für nötig, die Ansichten meines Mannes zu teilen, aber hier stellte sich heraus, daß der eine nicht rechts gehen kann, während der andere nach links strebt. Es kam darauf an, wer der Stärkere von uns war, doch will ich dies nicht entscheiden. Es läßt sich nicht immer beurteilen, wie weit der eine den andern beeinflußt, die Folgen solcher Beeinflussung stellen sich oft später ein.

Vom Atheismus hörte ich durch Gaute zum erstenmal. Er glaubte nicht an die Existenz Gottes, setzte mir dies weitläufig auseinander und erwartete nun, daß ich ebenfalls nichts glauben solle. Ich hielt ihn für unaufgeklärt, während er dasselbe von mir dachte, nur mit dem Unterschied, daß er es mir direkt ins Gesicht sagte, während ich abzuwehren suchte, es sei nicht nötig, über etwas zu diskutieren, was es gar nicht gebe. Dem lieben Gott an sich konnten unsere kleinlichen Zweifel nichts anhaben, und unser Unglaube könne ihn in seiner ewigen Existenz nicht berühren. Dagegen sei es nur unser eigener Schaden, wenn wir versuchen wollten, ohne ihn auszukommen.

Wenn ich in dieser Weise sprach, konnte Gaute das Thema fallen lassen, doch nur, um es später wieder aufzunehmen. Obwohl ich mich nun bei solchen Gesprächen möglichst ruhig verhielt, war mir gleichwohl bange um die Gegenwart und um die Zukunft. Wohl suchte ich über die Vorträge, die er mir hielt, als wäre ich ein Schulmädel, nachzudenken. Er hatte ja sehr viel gelesen und war klüger als ich, daher ich ihm kaum widersprach. Hin und wieder kam ich sogar in ein unheimliches Schwanken, erwog bei mir, ob er nicht irgendwie recht haben könne. Es war vielleicht nicht so unannehmbar, was mir Gaute vortrug. Hinzu kam meine Sorge, unsere Ehe könne in die Brüche gehen, was ich doch allenfalls verhindern wollte, und eines Abends ging ich soweit, ihm zu erklären, ich sei jetzt eine einwandfreie Atheistin, und wir könnten also das Thema ruhen lassen.

Die Folge eines solchen Bekenntnisses war, daß ich ein sehr schlechtes Gewissen hatte und den lieben Gott dringend bat, doch ja nicht auf das zu achten, was ich Gaute in dieser Hinsicht gesagt hatte und ihm vielleicht noch sagen würde. Ich war verwirrt genug, für unumgängliche Sünden im voraus um Verzeihung zu bitten. Daß ich hierbei auch an Gaute dachte, und für ihn um Erleuchtung, um Aufklärung, wie ich es nannte, bat, ist selbstverständlich. Es half alles nichts, ich kam nun einmal nicht recht voran mit dem Atheismus, aber das wußte nur der liebe Gott selbst, während ich es meinem Manne gegenüber diplomatisch verschwieg.

Für die Sozialdemokratie zeigte ich etwas mehr Verständnis, aber auch mit Vorbehalt, und war ich einmal mit Gaute in einer Versammlung, in der es sich um zwei Pfennig Lohnaufbesserung handelte, ging es mir schon nahe, daß wir auf die zwei Pfennige angewiesen waren, aber der Protest war etwas, was meiner Art nicht entsprach. Für Bücher wissenschaftlichen Inhalts hatte ich keinen Sinn. Mich interessierte damals lediglich die schöne Literatur, und in dieser Neigung stimmten Gaute und ich gut überein. Wir lasen zusammen viel Goethe und Heine. Auch die Musik liebten wir gemeinsam. Meine verheiratete Schwester hatte uns ihr Klavier geliehen, und abends spielten und sangen wir zusammen. Hier hatte der eine Freude an der Stimme des andern.

Die Abstinenz

Gaute war Mitglied von vielen Vereinen, die aufzuzählen ich mir ersparen kann. Für mich kam hauptsächlich der Abstinentenbund in Betracht, den ich öfters mit Gaute besuchte, weil dort so schön gesungen wurde. Nun ist mir zwar nicht erinnerlich, ob auch ich das Gelübde der Enthaltsamkeit angelegt habe, doch verstand sich dies wahrscheinlich von selbst. Nirgends anderswo verspürte ich so starke Lust auf ein Glas Bier, als wenn ich an den langen Tischen ein Glas Limonade nach dem andern sah.

Machten wir an schönen Sonntagen mit den Abstinenten Ausflüge ins Grüne, saß ich also neben meinen Gaute, begann zu summen das reizende Champagnerlied aus der «Fledermaus»:

Die Könige, die Kaiser,

Die liebten Lorbeerreiser,

Doch lieben sie daneben

Den guten Saft der Reben.

Stoßt an, stoßt an

Und huldigt im Vereine

Dem König aller Weine.

Gaute nahm mir das sehr übel, aber ich merkte kaum, was ich da vor mir herträllerte.

Nun begab es sich, daß mein Schwager, der Seemann, der von unserer Abstinenz keine Ahnung hatte, mir eines Tages sieben Flaschen köstlichen spanischen Weines ins Haus brachte. Er kam mit meiner Schwester und meiner Mutter am Nachmittag zu mir. Da wurde nun am hellichten Tage eine Flasche entkorkt und reichlich zur Hälfte ausgetrunken. Es war etwas unglaublich Gutes, und ich konnte mir mit dem besten Willen nicht vorstellen, daß jemand bei solchem Wein abstinent bleiben könne. Man lebte ja ordentlich auf dabei.

Gustav, mein Schwager, lachte, als er hörte, wie es um Gaute stand. Es sei ja ein völliger Unsinn, abstinent zu sein, so hörte ich’s von drei Seiten. Solche Bemerkungen durfte ich nun wieder nicht mit anhören, ließ mir noch ein Gläschen einschenken und verteidigte Gautes Standpunkt, mehr noch, ich hielt einen kleinen Vortrag über die Gefahren des Alkohols, der mir zu völlig nüchternen Zeiten sicher nicht so gut gelungen wäre.

Wir lachten, tranken, stießen an, aber es war doch ein Glück für mich, daß meine Leute sich verabschiedeten, bevor Gaute nach Hause kam. Gustav mußte noch am selben Abend in See stechen. Wohin? Zunächst nach Amsterdam und dann nach Indien. Rebekka sollte mitfahren. Sie war so glücklich und trug ein reizendes rotes Hütchen, das sie eigens gekauft hatte, um nach Amsterdam zu fahren. Am liebsten wäre ich mitgesegelt, aber ich mußte ja auf meinem Posten bleiben.

Nachdem meine Leute mich allein gelassen hatten, stellte ich die sieben Weinflaschen im Kreise auf dem Küchentisch auf, rund um den prächtigen Blumenstrauß, den mir Rebekka mitgebracht hatte. Ein hübsches Arrangement.

Dann kam Gaute nach Hause. Was machte er? Was sagte er? Er gab mir zunächst ein paar Klapse, die mir in der Aufregung nicht einmal sonderlichen Eindruck machten. Dann aber entkorkte er eine Flasche nach der andern und goß sechs Liter Wein einfach in den Schüttstein der Wasserleitung. Da kam ich in Rage.

«Du bist wohl verrückt, diesen teuren Wein wegzuschütten. Wenn du ihn schon nicht trinken magst, hast du nicht das Recht, andere Leute mit deiner Abstinenz zu langweilen. Wir könnten den Wein doch armen Leuten schenken, denen er gut tut. Es ist doch kein Schnaps. Und es kommt sehr darauf an, bei welchem Getränk man abstinent ist. Ich bitte dich, sei doch vernünftig.»

«Laß mich! Ich werde dir meine Vernunft schon zeigen. Ich bin der Herr in meinem Hause. Daß du es nur weißt.»

«Sei was du willst, aber ich lasse mich nicht derart unterdrücken. Und wenn es dir nicht paßt, fahre ich noch heute abend nach Indien. Wenn dir dies lieber ist, brauchst du es nur zu sagen.»

Es war ihm nicht lieber, und ich blieb da. Und so leicht wir uns erregten, waren wir doch wieder rasch miteinander versöhnt.

Helga gibt Klavierunterricht

Was uns am stärksten miteinander verband und auf was wir uns gemeinsam freuten, war das Kind, das ich erwartete. Schön war es, die kleine Ausstattung vorzubereiten, die zierlichen Jäckchen zu stricken, die Windeln zu säumen und dabei an das Kommende zu denken. Im Schlafzimmer stand schon der Kinderwagen bereit, den meine Schwester mir lieh. Die Kopfkissen, die Decke, alles nähte ich so hübsch als möglich mit jener Zärtlichkeit, die jeder werdenden Mutter bekannt ist.

Da wir mit dem Geld sehr sparen mußten, hatte ich begonnen, Klavierstunden zu erteilen. Ich hatte drei Schüler, denen ich zunächst die Anfangsgründe der Musik beizubringen hatte, und da es bald eine kleine Sorge von mir wurde, meine Schüler könnten mich im Klavierspielen überflügeln, übte ich mich selbst recht fleißig, damit ich mit meinem Können nur ja nachkam. Immerhin hatte ich eine Schülerin, eine junge Frau Hilde, mit der ich früher einmal in der Pension Brünning gearbeitet hatte und die beinahe ein Wunder an Unbegabtheit war. Da gab ich mir vergebliche Mühe, Hilde über den Unterschied zwischen Konsonanzen und Dissonanzen aufzuklären. Warum Konsonanzen in ihren Bewegungen frei seien. Warum Dissonanzen sich auflösen. Warum man Akkorde abwandeln könne. Warum man hierbei den Stammakkord wahren müsse. Ei warum? Na darum. Das gehöre zur Harmonie. Es sei Glaubenssatz. Ich hatte Aussicht, meiner Schülerin noch zehn Jahre Unterricht zu erteilen, und sie würde dann genau so wenig wissen als vorher.

Hilde machte mich mit Frau Retels bekannt, der Inhaberin eines Kaffeegeschäftes. Der neunjährige Sohn Toni nahm Stunden bei mir und kam täglich auf zwei Stunden zu mir, um zu üben. Die Gänsekantate, Mädchen, warum weinst du, Guter Mond, du gehst so stille.

Angenehm, Musik zu hören,

Doch sie darf nicht ewig währen.

Wie froh war ich, als Frau Retels sich entschloß, ein Klavier anzuschaffen, und mich mit dem Kauf beauftragte.

Da machte ich mich auf, um in die Talstadt zu gehen, fand nach einigen Erkundigungen und Umhersuchen in der Rathausstraße ein neueröffnetes Geschäft.

Durch das Schaufenster sah ich mir die Ausstellung der Musikinstrumente im Verkaufsraum an. Im dämmerigen Hintergrund gewahrte ich, vor einem schwarzen Flügel sitzend, einen alten Mann, der die Flöte blies. Er hatte mir den Rücken halb zugewandt und war versunken in sein Spiel. Dieser alte Mann mit dem fast bis zu den Schultern herabwallenden weißen Silberhaar machte einen rührenden und zugleich ehrfurchtgebietenden Eindruck. Zu meiner Freude erkannte ich, was er spielte. Es war die preisgekrönte Komposition eines Gedichtes von Goethe.

An dem reinsten Frühlingsmorgen

Ging die Schäferin und sang.

Die Tür zum Verkaufsraum stand geöffnet, ein Sonnenstreifen warf eine schmale Lichtbahn auf den spielenden Mann, auf einen Feldblumenstrauß, der im Glas auf dem Flügel stand. Das sah so lieb aus, so fromm und leise, ich wagte den Mann in diesem schönen Frieden nicht zu stören, wollte abwarten, bis er sein Lied beendet hatte, oder bis er auf mich aufmerksam wurde. Ich stand also noch eine gute Weile vor der Glasscheibe, dachte über die reizenden Worte des Gedichtes nach:

Bei dem Glanz der Abendröte

Ging sie still den Wald entlang. . .

Das war wie ein junger wolkenloser Tag irgendwo, weich und leicht vergangen. Schon war ich beim Einträumen, als der alte Mann da drinnen seine Flöte beiseite legte, aufstand, einen Augenblick an den Blumen roch und sich dann umwandte. Ich nickte, lächelte ihm zu, und dann betrat ich den Verkaufsraum.

Der alte Mann schien recht verwundert, daß ich ein Klavier zu kaufen wünsche.

«Ein Klavier? Ja, ist’s möglich?»

Ich meinerseits wunderte mich, daß der Mann sich wunderte. Heute kann ich es mir besser erklären. Ich war nämlich wie eine einfache Arbeiterfrau gekleidet, trug eine große, bunte Schürze, die das Kleid bedeckte, und eine Markttasche am Arm, weil ich den Klaviereinkauf mit anderen Besorgungen verbinden wollte. Ferner befand ich mich schon im vorgerückten Stadium meiner Schwangerschaft. Da mochte es den alten Mann wohl Wunder nehmen, daß ich so ganz allein und bei heißem Wetter unterwegs war.

Ich erklärte, daß ich Klavierlehrerin sei und für einen Schüler ein nicht zu teures Klavier wünsche.

«Nun, da Sie selbst spielen, mögen Sie vielleicht dieses Instrument einmal probieren.»

Ich legte die Markttasche beiseite, setzte mich ans Klavier, schlug einen Akkord an, noch einen und noch einen und wurde scheu vor Entzücken über diesen wunderbar vollen, tiefen, weichen Ton. Dann wagte ich die Arie des Sarastro aus der «Zauberflöte» zu spielen:

In diesen heiligen Hallen

Kennt man die Rache nicht.

Die Tasten waren so leicht, so schmiegsam, als vermöchte ein Windhauch sie zu bewegen.

Der alte Mann stand lauschend neben mir, und als ich die Arie beendet hatte, sagte er mir, wie schön ich gespielt habe, so, als habe er vergessen, daß er ein Instrument verkaufen wolle. Dieses hier war leider für Frau Retels zu teuer. Dann führte der Mann mich in einen andern großen Raum, in dem ein paar herrliche Flügel standen, und dann noch ein altes Klavier in Nußbaum. Dies hatte nun freilich einen etwas dünnen, nicht ganz so freien Ton wie das andere Instrument, aber es klang doch rein und zart. Das kleine Staccato «Horch auf den Klang der Zither» machte sich auf diesem Instrument allerliebst.

Ich fragte, wieviel dieses Klavier kosten solle.

Der Mann lächelte fein, als freue er sich schon zum voraus auf meine Antwort.

«Für Sie gebe ich es um hundert Mark.»

Für mich? Ob es sonst teurer oder billiger sei?

Wieder lächelte er fein: «Nein, nein, ich könnte den Preis schon etwas höher ansetzen. Aber ich hoffe, daß Sie mit mir zufrieden sein werden und mich gelegentlich wieder besuchen. Ich will Ihnen übrigens gerne Schüler zusenden, wenn ich einmal etwas höre.»

Da mußte ich gestehen, daß ich selbst Anfängerin sei, jedenfalls nicht allzu tüchtige Schüler brauchen könne.

«Aber Sie spielen so sauber und schön. Sie werden es sicher weit bringen.»

«Nein, das werde ich bestimmt nicht, und ich gebe nur Klavierstunden, weil ich etwas Geld verdienen muß.»

Er sagte mir, daß er sein Geschäft erst gestern eröffnet habe, und daß ich seine erste Kundin sei. Da wünschte ich ihm viel Glück für die Zukunft. Frau Retels kaufte das Klavier, und der alte Herr gab mir zehn Mark Provision. Es war das erstemal, daß ich soviel Geld auf einmal verdiente, und es machte mir eine große Freude.

Auf dem Rückweg sah ich, daß bei Meesenburg «Weiße Woche» war. Im Schaufenster lag ein hübsch gemusterter Pikeestoff, der nur fünfundsiebzig Pfennige per Meter kostete. Es wäre für ein Steckkissen für mein Baby hübsch gewesen. Es war ein Palmenmuster hineingewoben, das sehr hübsch war. Doch zögerte ich mit dem Einkauf, weil ich erst meine Mutter um Rat fragen wollte, ob Pikeestoff für ein Steckkissen passend sei.

Ich betrat dennoch das Geschäft, sah mir an, was ich alles hätte kaufen können, wenn ich das Geld gleich ausgeben würde, woran ich indessen nicht dachte. Ich sah einen Hut, der mit blauen und weißen Weintrauben garniert war. Die Trauben schienen wie mit Tau bedeckt zu sein. Sehr gerne hätte ich nur eine Weintraube gekauft, eine frische zum essen. Ich verspürte große Lust darnach. Dann wieder verging die Lust, weil ich etwas ganz Wunderschönes sah, nämlich zwei Fenstervorhänge, die mir aus lauter schmalen Hölzchen zu bestehen schienen, doch interessierte mich dies nur, weil auf diese Hölzchen eine Landschaft gemalt war, die stark auf mich einwirkte. Es war ein entzückendes, lieblich grünes Tal, das von hohen Felsen zu beiden Seiten eingerahmt war, im Hintergrund in der Mitte erblickte ich Schneeberge, eine unberührte ferne Einsamkeit. Wie reizend die kleinen, braunen Häuser im Grün lagen. Und von den hohen Felsen fielen hie und da Sturzbäche herab. Was mochte dies wohl für eine Landschaft sein, in der das Große und Kühne sich mit so viel paradiesischer Anmut paarte? Das Bild erschien mir wie ein Lied, das mich bezauberte. Ich fragte die Verkäuferin, ob sie wisse, wie dieses Bild heiße. Zuerst sagte sie «nein», dann aber drehte sie es um und suchte auf der andern Seite, wo ein Streifen angebracht war, auf dem stand: «Lauterbrunnental in der Schweiz».

Ich fragte nach dem Preis, und es kostete sechs Mark, aber es gehörte noch ein Vorhang dazu, der Vierwaldstättersee. Das war auch wunderschön, und auch hier waren Berge, hohe Berge. Es machte mir kein Fernweh, es war, als wäre ich eine Weile dort. Immerhin hätte ich sehr gerne diese beiden Vorhänge gekauft, doch schob ich es auf, weil das Steckkissen notwendiger war.

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Yaş sınırı:
0+
Hacim:
260 s. 1 illüstrasyon
ISBN:
9788726614879
Yayıncı:
Telif hakkı:
Bookwire
İndirme biçimi:

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