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Die vielen Facetten der Angst

Die Angst hat viele Facetten und einige grundlegende sollen in diesem Kapitel dargestellt werden. Zunächst ist Angst eine Emotion und als solche erfüllt sie wichtige Aufgaben. Was diese sind und wie Angst diesen dient ist eine spannende Frage. Angst hat einen starken Einfluss auf unser Denken und Handeln, sie kann unsere Weltsicht prägen, teilweise ohne dass es uns bewusst wird. Wie sieht dieses komplexe Zusammenspiel der Kognition und Emotion aus? Was verrät uns die neueste neuro-kognitive Forschung? Verschiedene wichtige Theorien der Angst werden vorgestellt und durch Forschungsbeispiele ergänzt – oder auch in Frage gestellt. Zuletzt wird die Angst in ihren kulturellen Zusammenhang gestellt, und es werden einige Angststörungen vorgestellt, die nur in bestimmten Kulturen auftreten.

Angst als Emotion

Angst ist eine → Emotion, aber was ist eine Emotion?

Definition

Emotionen sind vererbte und erworbene motivationale Prädispositionen, auf bestimmte innere oder äußere Reize mit subjektivem Erleben, Kognitionen, physiologischer Erregung und Verhalten zu reagieren.

Emotionen hängen somit sowohl von unseren Genen als auch von unseren Erfahrungen ab. Sie entstehen nicht aus dem Nichts, sondern als Reaktion auf ganz bestimmte, persönlich bedeutsame Ereignisse. Diese 17liegen in uns selbst oder außerhalb, somit können z. B. auch Erinnerungen oder körperliche Empfindungen Emotionen auslösen. Emotionen sollen uns motivieren, d. h. dazu bringen, etwas zu tun. Sie legen bestimmte Reaktionen nahe (z. B. Flucht bei Angst), lassen uns aber viel Spielraum bei Art und Ausmaß der Reaktion.

Merkmale von Emotionen

Allgemein lassen sich Emotionen auf Grund ihrer Qualität (von angenehm bis unangenehm) sowie ihrer Intensität (von schwach bis stark) beschreiben. Zusätzlich hat jede Emotion eine ganz spezielle Gefühlstönung, die sie als spezifische Emotion kennzeichnet. Emotionen werden von bestimmten Mustern körperlicher Erregung sowie von spezifischen Verhaltensweisen begleitet. Sie gehen mit bestimmten Gedanken einher, wobei sich die Gedanken und Emotionen gegenseitig beeinflussen. Diese und ähnliche Definitionen finden sich in vielen Lehrbüchern der Emotionspsychologie, z. B. Carlson und Hatfield (1991), Merten (2003) oder Oatley und Kollegen (2006).

Nach Robert Plutchik (1980) sind Emotionen ererbte, adaptive Verhaltensmuster, die sich entwickelt haben, weil sie dem Individuum helfen zu überleben. Dabei ist die Evolution ultrakonservativ: Genetisch bedingte Verhaltensweisen werden auch dann weitergegeben, wenn sie in unserer modernen Welt nicht mehr → adaptiv sind. Ein Beispiel ist die Kampf-oder-Flucht-Reaktion, die durch Angst ausgelöst wird. Sie ist sehr adaptiv, falls die Bedrohung körperlich ist (z. B. durch einen Angreifer), aber bei vielen alltäglichen Herausforderungen, z. B. einem Gespräch mit einem Vorgesetzten, hilft die Angstreaktion uns weniger.

Wenn wir weiter die vorherige Definition betrachten, dann ist Angst eher eine der unangenehmen Emotionen. Sie soll uns warnen. Die typischen Symptome einer Angstreaktion sind:


Motorische AnspannungZittern, Zucken, Beben
Muskelanspannung, -schmerzen
Ruhelosigkeit
Ermüdbarkeit
Autonome HyperaktivitätAtemnot
Herzklopfen, -rasen
Schwitzen, kalte Hände
Mundtrockenheit
Schwindel, Benommenheit
Magen-Darm-Beschwerden
Hitze- oder Kältewallungen
Vermehrter Harndrang
Kloß im Hals
Wachsamkeit/VigilanzSchreckhaftigkeit
Konzentrationsstörungen
Schlafstörungen
Reizbarkeit

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Angstverhalten zur Überlebenssicherung

Das typische Verhalten zur Angst, ist Angriff oder Flucht. Dabei ist das → Vermeidungsverhalten das Verhalten, das am stärksten mit Angst und vor allem Furcht assoziiert ist. Unzählige Tierstudien zeigen, dass Tiere, denen Elektroschocks verabreicht wurden, später den Schock vermeiden oder auch Orte vermeiden, an denen ihnen der Schock zugefügt wurde. Interessanterweise vermeiden die Tiere diese Situationen auch noch nach mehreren hundert Versuchsdurchgängen, ohne dass weitere Schocks zugefügt wurden. Eigentlich würde man eine langsame → Löschung des Verhaltens erwarten. Aber das Vermeidungsverhalten, das durch Furcht ausgelöst und aufrechterhalten wird, scheint resistent gegen Löschung, es ist → persistierend. Wurde einmal gelernt etwas zu fürchten und zu vermeiden, dann wird diese Reaktion also beibehalten.

Ein Verhalten, das im Tierreich auch stark mit Furcht assoziiert ist, die Schreckstarre, wird beim Menschen kaum betrachtet. Solch eine Reaktion kann man z. B. bei Kaninchen beobachten, die völlig still verharren, während ein Beutetier an ihnen vorbei jagt. Viele Raubtiere werden durch Bewegung geleitet, somit erhöht das Stillhalten in Gefahrensituationen die Überlebenschance vieler Beutetiere. Auch beim Menschen ist das Erstarren ab und zu auch als Furchtreaktion zu beobachten, am deutlichsten bei Opfern z. B. von Vergewaltigungen. Ein großer Teil von Vergewaltigungsopfern berichtet von Phasen während der Vergewaltigung, in denen sie sich erstarrt, leblos oder auch ganz kalt und wie gelähmt fühlten. Tritt eine solche Reaktion auf, dann wehrt sich 19das Opfer nicht mehr und versucht auch nicht zu entkommen. Diese Reaktion kann hilfreich sein, um weitere Aggressionen des Angreifers zu verhindern. In Strafprozessen wird die Schreckstarre leider manchmal als implizite Einwilligung zur Vergewaltigung interpretiert. Bei Verletzungen oder dem Anblick von Blut und Spritzen kann es zu einer Angstreaktion kommen. Der Blutdruck steigt schnell an, fällt dann aber rasant wieder ab. Dies führt zu einer Ohnmacht. Auch hier wird angenommen, dass es sich um einen Mechanismus handeln könnte, der dem Überleben dient. Ist man bewusstlos, blutet man weniger und ist nicht mehr in Gefahr, durch die Verletzung in einen Schockzustand zu geraten.

Angst als Mittel der Verständigung

Emotionen dienen nicht allein dem Überleben, sondern auch der Kommunikation. Eines der ersten Werke über die Emotionen stammt von Darwin „The Expression of Emotions in Man and Animals“ (1872). Darwin sah das Ausdrucksverhalten beim Menschen, vor allem die Mimik, als den fundamentalen Aspekt von Emotionen an. Emotionen dienen seiner Meinung nach vor allem der Kommunikation. Auf dieser Betrachtungsweise aufbauend war eine lang diskutierte Frage der Emotionsforschung die nach Art und Anzahl der „grundlegenden“ universalen Emotionen. Welche Emotionen sind → Basisemotionen, die sich bei jedem Menschen und in jeder Kultur entwickeln und von allen Menschen „verstanden“ werden? Die überzeugendste Antwort auf diese Frage lieferte Paul Ekman (1972) mit seinen Untersuchungen zum emotionalen Gesichtsausdruck. Er fand, dass mindestens sechs Emotionen universell sind, d. h. überall auf der Welt auf dieselbe Weise ausgedrückt und verstanden werden: Freude, Traurigkeit, Ärger, Angst, Überraschung und Ekel (siehe z. B. Ekman, 1972). Somit gehört die Angst zu den Basisemotionen, die überall auf der Welt ausgedrückt und verstanden werden. Diese Basisemotionen werden schon von kleinen Kindern gezeigt und auch von Blinden, die die Emotionen ja nicht bei anderen sehen können. Dies unterstreicht den genetischen und kommunikativen Aspekt der Emotion.

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Wie beeinflusst das Denken die Angst?

Geht es um Emotionen, spielen auch die Kognitionen eine Rolle, denn Menschen können denken, und was sie denken beeinflusst ihre Gefühle. Ein wichtiger Vertreter der kognitiven Emotionstheorien war Richard Lazarus (1966). Er betonte, dass die kognitive Bewertung einer Situation (cognitive appraisal) entscheidend dafür ist, welche emotionale Reaktion die Situation hervorruft und wie reagiert wird. Dieselbe Situation kann ganz unterschiedlich bewertet werden, z. B. wird das Fahren in einer Achterbahn von manchen Menschen als angenehm, von anderen als bedrohlich empfunden. Entsprechend unterschiedlich fallen dann auch die emotionalen Reaktionen dieser Menschen aus. Nach Lazarus finden drei Arten der Bewertung statt: Bei der „primären Bewertung“ (primary appraisal) wird nur grob unterschieden, ob die Situation angenehm, unangenehm oder irrelevant ist. Bei der „sekundären Bewertung“ (secondary appraisal) geht es darum, welche Handlungsmöglichkeiten man hat und was man tun soll. Strategien und Handlungen, mit denen ein emotionales Ungleichgewicht behoben werden soll, werden beurteilt. Dies geschieht natürlich vor allem dann, wenn die Situation primär als unangenehm beurteilt wurde.

Zur Behebung emotionaler Störungen stehen dem Individuum grob zwei Alternativen zur Verfügung. Erstens die direkte Aktion, bei der eine Veränderung der Außenwelt herbeigeführt wird. Die zweite Möglichkeit ist die → Palliation, die Veränderung der eigenen Reaktionen (intrapsychisch oder somatisch). Hier kann man auch von → Emotionsregulation sprechen. Nachdem auf die Situation reagiert wurde, findet eine „erneute Bewertung“ (→ reappraisal) der Situation statt. Ist das Problem behoben, ist die Situation nun nicht mehr unangenehm? Je nach Beurteilung der Lage erfolgen weitere Schritte, oder der Prozess ist zum Abschluss gekommen.

Stanley Schachter (1964) ging in seiner Zwei-Faktoren-Theorie der Emotion noch einen Schritt weiter. Er postulierte, dass die undifferenzierte, körperliche Erregung, die jeder Emotion zu Grunde liegt, bestimmt, ob man eine Emotion empfindet, während kognitive Faktoren bestimmen, welche spezifische Emotion gefühlt wird. Seine Annahmen gründete Schachter auf eine Reihe von Experimenten.

Er erzeugte bei seinen Versuchspersonen einen undifferenzierten Erregungszustand, indem er ihnen Adrenalin oder eine nicht wirksame Placebo-Injektion verabreichte. Dann wurden den Versuchspersonen 21unterschiedliche Informationen über die Wirkung der Injektion gegeben, bzw. ein Verbündeter des Experimentators, der mit der Versuchsperson wartete, zeigte eine bestimmte emotionale Reaktion. Die empfundenen Emotionen der Probanden gingen dabei jeweils in die Richtung, die der Schauspieler vorgab oder entsprachen der Information. Schachter schlussfolgerte, dass sowohl Kognitionen als auch körperliche Erregung notwendige Bestandteile von Emotionen seien, und dass die körperliche Erregung den Kognitionen vorausgeht. Dabei postulierte Schachter sogar, dass neurochemische und physiologische Unterschiede zwischen den verschiedenen Emotionen irrelevant sind: Jeder körperliche Erregungszustand könne als jede Emotion wahrgenommen werden, abhängig von der Interpretation der Situation.

Was bestimmt unser Angsterleben: Denken oder Fühlen?

Selbstverständlich regte sich schnell Widerstand gegen das Postulat der Macht der Kognition über die Emotion. Robert Zajonc (1980) stellte die Gegenhypothese auf. Emotionen könnten unabhängig von Kognitionen bestehen. Laut Zajonc sind affektive Reaktionen evolutionär älter als kognitive Reaktionen, sie sind schneller, weniger aufwändig und häufig völlig ausreichend. Fühlen und Denken können unabhängig voneinander sein; einfache emotionale Reaktionen können unbewusst auftreten. Diese Position, welche der von Lazarus und Schachter diametral entgegengesetzt ist, belegte er durch verschiedene Studien, in denen er zeigen konnte, dass Menschen zuweilen mittels ihrer Gefühle bessere Unterscheidungen vornehmen konnten als mittels ihres Intellekts. Auch andere Wissenschaftler konnten in Experimenten, mit Hilfe des so genannten Affektiven Primings, emotionale Effekte ohne bewusste, kognitive Verarbeitung zeigen.

Die verschiedenen Blickwinkel, unter denen die Emotion Angst betrachtet werden kann, führen also zu anscheinend widersprüchlichen Ergebnissen. Fassen wir diese noch einmal kurz zusammen: Der evolutionäre Ansatz, von Darwin begründet, sieht Emotionen als „Überlebens- und Kommunikationsmittel“. Als Beleg für diese Perspektive wurden beispielsweise die sechs Basisemotionen genannt, die, mit ihren spezifischen Gesichtsausdrücken, in allen Kulturen (und teilweise auch im Tierreich) auftreten. Der Versuch, spezifische Reaktionen des autonomen Nervensystems an Emotionen zu koppeln (James, 1884), war 22nicht ganz so eindeutig wie die Studien zur Universalität der Gesichtsausdrücke. Im Großen und Ganzen ist jedoch die Sicht der Angst als Produkt evolutionärer Entwicklung, um das Überleben zu maximieren, recht gut belegt. Genauso gut belegt ist, dass die kognitive Beurteilung einer Situation stark beeinflussen kann welche Emotion gefühlt wird, d. h. zumindest beim Menschen ist die Emotion Angst auch kognitiv beeinflusst. Aber ebenso werden die Kognitionen von den Emotionen beinflusst. Die Vertreter der verschiedenen Richtungen sind jedoch viel zu weit gegangen: Sie verkündeten jeweils das Primat ihrer Sicht, dabei wurde die spannende Interaktion, die für uns Menschen entscheidend ist im Erleben der Emotion Angst, übersehen. Doch wie steht es mit dieser Interaktion?

Angst aus der Perspektive der Kognitionswissenschaften

Dass Emotionen und Kognitionen sich gegenseitig beeinflussen, ist keine Erkenntnis der modernen psychologischen Wissenschaft, schon die klassischen Philosophen haben sich mit diesem Thema beschäftigt. Auch die Auffassung, dass ein verändertes Denken helfen kann, unangenehme oder unangemessene Gefühle zu beherrschen oder zu verändern, ist keineswegs ein Produkt der Therapieforschung. Im 19. Jahrhundert gab es eine große → „mind cure“-Bewegung, die viele Anhänger in Amerika und Europa fand. Das „positive Denken“, welches zu körperlicher und seelischer Gesundheit führen sollte, stand dabei im Mittelpunkt. Aber ist es damit getan, einfach positiv zu denken? Kann dies heilen? Die ersten kognitiven Psychotherapien, die davon ausgingen, dass eine verzerrte, dysfunktionale Sicht auf die Welt dazu führt, dass sich psychische Störungen entwickeln und längerfristig manifestieren, gaben darauf eine deutlich differenziertere Antwort. Hier ging es um „besser“ und nicht unbedingt um „positiv“ denken. Ziel dieser Therapien war es, die Inhalte dieser dysfunktionalen Gedanken zu verändern. In der → kognitiven Therapie wird davon ausgegangen, dass nicht die Ereignisse an sich die Betroffenen ängstigen, sondern dass die entscheidende Rolle die Kognitionen spielen, d. h. die subjektive Wahrnehmung und die Interpretation dieser Ereignisse.

Aaron Beck, der Begründer der Kognitiven Verhaltenstherapie, sieht die Wahrnehmung von Bedrohung als zentrales Thema von Angstpatienten, sei sie körperlicher oder psychosozialer Art (Beck & Emery, 1985). Patienten überschätzen systematisch die Gefahren, die in der 23Umwelt auf sie lauern, d. h. sie haben ein ausgeprägtes und leicht zu aktivierendes → Gefahrenschema. In der Therapie wird dysfunktionalen Gedanken, die aus diesen Schemata entstehen, nachgespürt. Mit Hilfe von Verhaltens- oder Gedankenexperimenten werden sie, in Zusammenarbeit von Patient und Therapeut, auf ihren Realitätsgehalt überprüft. Ziel ist es, die dysfunktionalen Gedanken zu verändern, und so auch die Emotionen zu verändern, d. h. die Ängste abzubauen.

Die Rolle der Informationsverarbeitung

Es wurde bis dahin jedoch übersehen, dass nicht nur der Inhalt der Kognitionen eine Rolle spielt bei der Entwicklung psychischer Probleme, sondern auch die kognitiven Prozesse, d. h. die Art und Weise der Informationsverarbeitung. Dies ist sozusagen ein „Hardware-/Software Problem“. Die Therapien beschäftigen sich hauptsächlich mit der Software, den Kognitionen, aber die Hardware beeinflusst die Software maßgeblich, indem sie bestimmt, welche Information beachtet wird, welcher Vorrang gegeben wird, wie sie gespeichert wird, wie schnell Erinnerungen, Gelerntes verfügbar sind etc. All diese Vorgänge werden durch die kognitiven Prozesse, wie Aufmerksamkeit, Lernen, Interpretation und Gedächtnis, geregelt. Welchen Einfluss hat Angst auf die Informationsverarbeitung, oder auch umgekehrt, hat die Art wie Dinge verarbeitet werden, Einfluss darauf, ob oder wie stark Angst empfunden wird?

Automatische und strategische Prozesse der Informationsverarbeitung

Die Informationsverarbeitung läuft oft automatisch ab, ist uns wenig bewusst, und doch beeinflusst sie stark, wie wir die Welt sehen und beurteilen.

Eine der einflussreichsten Theorien bezüglich des Zusammenhangs von Informationsverarbeitung und psychischen Störungen stammt von Williams und Kollegen (1997). Diese Theorie beschäftigt sich vor allem mit Angststörungen und Depressionen und bringt diese beiden Störungsgruppen in Bezug auf kognitive Prozesse erstmals in Verbindung. Williams et al. (1997) legen dar, dass Aufmerksamkeitsverzerrungen vornehmlich bei Angstpatienten vorkommen, wohingegen bei Depressiven Gedächtnisverzerrungen im Vordergrund stehen, d. h. 24Angstpatienten richteten ihre Aufmerksamkeit auf bedrohliche Dinge (z. B. ein ärgerliches Gesicht oder Worte wie „Herzinfarkt“) und Depressive erinnerten sich leichter an Dinge, die zu ihrer negativen Stimmung passten (z. B. traurige Gesichter oder Worte wie „einsam“). Wie kommt es zu diesen spezifischen Besonderheiten in der Informationsverarbeitung? Es müssen verschiedene kognitive Prozesse unterschieden werden, und zwar dahingehend, ob es sich um → automatische oder → strategische Prozesse der Informationsverarbeitung handelt. Automatische Prozesse, die nicht der willentlichen Kontrolle unterliegen, können Verzerrungen der Aufmerksamkeit erklären, strategische Prozesse wie die so genannte Elaboration (d. h. Ausschmückung, tiefere Verarbeitung) hingegen die Gedächtnisverzerrungen. Wichtig ist, dass automatische und strategische Prozesse unabhängig voneinander sind, da sie zwei unterschiedliche Aspekte der Informationsverarbeitung betreffen. Für beide Prozesse sind Emotionen von Bedeutung, sie werden durch verschiedene Emotionen anscheinend unterschiedlich stark und spezifisch beeinflusst.

Williams et al. (1997) gehen (wie viele andere) davon aus, dass es schon auf einer vorbewussten Stufe der Informationsverarbeitung einen Entscheidungsmechanismus gibt, der die emotionale Qualität eines Stimulus bestimmt. Diese Beurteilung beeinflusst, ob und auf welche Art und Weise der Stimulus weiterverarbeitet wird. Gesunde Personen wenden ihre Aufmerksamkeit von weniger bedrohlichen Stimuli ab (z. B. Bildern ärgerlicher Gesichter), Angstpatienten hingegen richten sie auf diese Stimuli. Diese Veränderung in der Aufmerksamkeit bei Angstpatienten führt zum so genannten → Priming: Hochängstliche Personen haben die Tendenz, auf der vorbewussten Stufe der Informationsverarbeitung ihre Aufmerksamkeit bedrohlichen Reizen zuzuwenden. Anders bei der nachfolgenden Elaboration, hier tendieren sie dazu, die Beschäftigung mit bedrohlichen Reizen eher zu vermeiden. Wenn Angstpatienten die Elaboration von bedrohlichem Material vermeiden, ist es nicht verwunderlich, dass sie dieses Material später nicht so gut erinnern, also kein verbessertes Gedächtnis zeigen. Eine mittlerweile sehr große Zahl von Studien stützt diese Theorie. Dennoch gibt es Unstimmigkeiten, z. B. Studien, die eine verbesserte Aufmerksamkeit bei depressiven Patienten zeigen oder bei Patienten mit einer Panikstörung deutliche Gedächtnisverzerrungen. Letztere erinnerten sich besser an panikrelevante Wörter. Diese Widersprüche können zum einen dadurch erklärt werden, dass es einen Unterschied macht, welche Angststörung untersucht wird, z. B. ob Phobie oder Panikstörung. Die unterschiedlichen 25Angststörungen scheinen spezifische Besonderheiten in der Informationsverarbeitung zu haben. Zum anderen kann man nicht von der Aufmerksamkeit sprechen, es gibt hier ein ganzes Spektrum an Prozessen, von der → Vigilanz bis zur → Interferenz. Wichtig ist, dass es mehr oder weniger automatische Aufmerksamkeitsprozesse gibt.

Als automatische Prozesse sind vor allem Aufmerksamkeitsprozesse bei Angst und Angststörungen untersucht worden. Eine deutliche Aufgabe der Angst ist, uns vor Gefahren zu warnen und schnelle Reaktionen zu ermöglichen. Dabei kommt der Aufmerksamkeit für Bedrohung eine wichtige Rolle zu. Viele Autoren gehen davon aus, dass die Aufmerksamkeit von Angstpatienten sehr leicht von bedrohlichen Reizen „angezogen“ wird. Dieser als „Vigilanz“ bezeichnete Prozess ist reflexiv (d. h. er findet nicht willentlich statt, sondern wird von den Reizen ausgelöst) und erfolgt schnell und automatisch (innerhalb der ersten halben Sekunde). Im Gegensatz dazu stehen die Aufmerksamkeitsprozesse, die auf die Vigilanz folgen. Sie sind langsamer, kontrollierbar und der Vigilanz meist entgegengesetzt. Angstpatienten tendieren dazu, ihre Aufmerksamkeit relativ schnell wieder von bedrohlichen Reizen abzuwenden und auf andere Reize zu richten, zumindest, wenn die Bedrohung relativ harmloser Natur ist, z. B. durch ein Bild oder Wort ausgelöst wird. Das Zusammenspiel von schneller Hinwendung der Aufmerksamkeit und darauf folgender Abwendung wird als Vigilanz-Vermeidungs-Muster der Aufmerksamkeit bezeichnet (engl. vigilanceavoidance).

Viele Autoren vermuten, dass das Vigilanz-Vermeidungs-Muster der Aufmerksamkeit eine wichtige Rolle bei der Aufrechterhaltung von Ängsten und Phobien spielt: Die ständige Suche nach „gefährlichen“ Reizen erhöht das momentane Niveau der Angst, und die Vermeidung einer näheren Beschäftigung mit den Angst auslösenden Reizen verhindert eine Gewöhnung und damit die Verringerung der Angst. Zuweilen führt die schnelle Vermeidung sogar dazu, dass vor Gefahren geflüchtet wird, die bei näherer Betrachtung gar keine sind (z. B. ein Fleck an der Wand, der fälschlicherweise für eine Spinne gehalten wird).

Wie beeinflusst Angst die Sicht der Welt?

Doch nicht nur die Aufmerksamkeit ist interessant, wenn man Angstprozesse näher betrachtet, sondern auch die Interpretation (Beurteilung, appraisal) der angstauslösenden Stimuli. Wie beeinflusst Angst 26die Sicht der Welt? Somit hat die Angst Einfluss auf die Verarbeitung von Informationen, und diese Art der Informationsverarbeitung führt wieder dazu, dass mehr Angst entsteht. Der Angstpatient nimmt vermeintliche Bedrohungen schneller und häufiger wahr, dies führt zu einer Angstreaktion. Mehrdeutiges interpretiert er als gefährlich, und wieder steigt die Angst.

Konsequenzen für die Therapie von Angst

Die Informationsverarbeitung ist also äußerst wichtig zum Verständnis der Angststörungen und ihrer Entwicklung – gilt dies auch für ihre Behandlung? Wenn kognitive Verzerrungen charakteristisch sind für emotionale Störungen, dann sollten sie durch Therapie beeinflussbar sein. Wird durch eine erfolgreiche Therapie auch die Informationsverarbeitung, also die Hardware, verändert? Mehrere Studien zur Aufmerksamkeitsverzerrung zeigen, dass die Verzerrungen nach einer erfolgreichen Therapie reduziert waren. Dabei korrelierte eine Abnahme der Verzerrung mit einer Verminderung der Angst während der Therapie. Ähnliche Ergebnisse finden sich auch für Interpretationstendenzen.

Merksatz

Im Großen und Ganzen deuten die uns derzeit zur Verfügung stehenden Therapiestudien darauf hin, dass Verzerrungen von kognitiven Prozessen durch eine erfolgreiche Therapie reduziert, evtl. sogar eliminiert werden können. Dies gilt sowohl für mehr strategische Prozesse als auch für automatische Prozesse, die keiner willentlichen Kontrolle unterliegen.

Diese Effekte wurden erzielt, obwohl nicht kognitive Prozesse im Fokus der Therapie standen, sondern Verhaltensänderungen oder Veränderungen bestimmter Kognitionen.

Eine interessante Frage ist, ob diese Zusammenhänge auch in die andere Richtung auftreten. Wenn es gelänge, die kognitive Verarbeitung zu verändern, hätte dies Einfluss auf die Emotion, könnte so Angst induziert oder reduziert werden? Ethisch vertretbare Varianten mit „milden“ Induktionen kognitiver Verzerrungen sind in den letzten Jahren durchgeführt worden (siehe Mathews & MacLeod, 2005).

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Begonnen wurde zunächst mit dem Training von Aufmerksamkeitsverzerrungen. Mit Hilfe eines Computerprogramms wurde eine Gruppe von Versuchsteilnehmern trainiert, ihre Aufmerksamkeit auf Negatives zu richten und dort zu halten, während die andere Gruppe lernte, auf neutrale Stimuli zu achten. Die Experimente sahen ungefähr so aus: Die Versuchspersonen mussten so schnell wie möglich auf einen gelben Punkt, der auf dem Bildschirm erschien, reagieren. Bevor der Punkt auf dem Bildschirm erschien, wurden beiden Gruppen Bilder von lachenden oder ärgerlichen Gesichtern gezeigt. In der einen Gruppe erschien der Punkt meistens dort, wo zuvor ein lachendes Gesicht gesehen wurde. Die Versuchspersonen lernten automatisch, auf das lachende Gesicht zu achten, weil sich dahinter wahrscheinlich der Punkt verbarg. Die Gruppe, die auf negative Gesichter trainiert wurde, fand den Punkt immer hinter den ärgerlichen Gesichtern. Nach dem Training wurden die Versuchspersonen unter Stress gesetzt, indem sie schwierige oder gar unlösbare Aufgaben erhielten. Es zeigte sich, dass die Teilnehmer, die trainiert worden waren, auf die negativen Gesichter zu achten, sich ängstlicher und weniger wohl fühlten als die Teilnehmer der anderen Gruppe. Dieser Unterschied trat jedoch nur unter Stress auf; vor der stresserzeugenden Aufgabe unterschieden sich die beiden Gruppen nicht in ihrer Stimmung. Ein solches Training kann auch „präventiv“ eingesetzt werden. In einer anderen Studie wurden Immigranten trainiert auf lächelnde Gesichter zu achten, bevor sie in das neue Land einreisten. Die Gruppe, die solch ein positives Training erhielt, schaffte den Wechsel ins neue Land mit weniger Stress (See et al., 2009).

Die kognitive Verarbeitung scheint ein wichtiger kausaler Faktor bei der Entstehung von Angststörungen zu sein. Dabei sind zwei Prozesse besonders interessant. Verzerrungen der Aufmerksamkeit und der Interpretation. Die Trainingsstudien belegen den kausalen Charakter und sind daher von großer theoretischer Bedeutung. Darüber hinaus weisen sie den Weg zu neuen Behandlungsansätzen. Es ist zu erwarten, dass gerade auf diesem Gebiet in den nächsten Jahren noch viele aufschlussreiche neue Ergebnisse erzielt werden, die sowohl zum Verständnis der Störungen als auch zu neuen Therapien führen werden.

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Angst aus der neurophysiologischen Perspektive

Die neuen Erkenntnisse bezüglich der Informationsverarbeitung werden auch von neurophysiologischen Studien gestützt. Am einflussreichsten, vor allem in Bezug auf die Emotion Angst, ist die Theorie von LeDoux (1996). Er steht historisch gesehen in der Tradition der „Evolutionstheorie“ der Emotion. LeDoux geht davon aus, dass die verschiedenen Emotionen unterschiedliche Aufgaben haben und damit auch mit unterschiedlichen Hirnsystemen assoziiert sind. LeDoux (z. B. 2001) betonte, dass Verhaltensziele oft ohne Beteiligung des Bewusstseins verwirklicht werden. Emotionale Reaktionen würden überwiegend unbewusst erzeugt, und auch subjektive (bewusste) emotionale Zustände fasse man am besten als Endergebnis unbewusst ablaufender Informationsverarbeitungsprozesse auf. Dabei geht LeDoux davon aus, dass Emotionen sich evolutionär nicht als bewusste Empfindungen entwickelt haben, sondern als verhaltensmäßige und physiologische Spezialisierungen mit dem Ziel, das Überleben und die Fortpflanzung des Organismus in einer feindlichen Umwelt sicherzustellen. Das Ergebnis einer emotionalen Bewertung wird zwar bewusst (wir wissen z. B., dass wir jemanden nicht mögen), aber das heißt nicht, dass die Grundlage der Bewertung unserem Bewusstsein zugänglich sein muss (wir wissen vielleicht gar nicht, warum wir den Betreffenden nicht mögen). Das zum Bewusstsein gelangte Ergebnis beruht möglicherweise auf nichtverbalisierbaren Intuitionen, z. B. ausgelöst durch einen Geruch.

Lokalisierung der Angst im Gehirn

LeDouxs Theorie hat sich vor allem der Erforschung der Angst gewidmet. Die zentrale Schaltstelle im Gehirn für Emotionen, vor allem für Angst, ist die → Amygdala. Hier wird in Millisekunden-Geschwindigkeit entschieden, ob ein Reiz für den Organismus schädlich oder von Vorteil ist. Die zentral gelegenen Kerngebiete der Amygdala haben Verbindungen zu anderen Strukturen im Gehirn, von denen aus jene Hirnregionen angesteuert werden, die dafür verantwortlich sind, dass die körperlichen Abläufe einer Angstreaktion in Gang gesetzt werden. LeDoux konnte in Studien nachweisen, dass nicht alle sensorischen Informationen vom Thalamus zum Neocortex (der Großhirnrinde, in der die bewusste Verarbeitung stattfindet) führen. Ein kleiner Teil der Signale von Auge oder Ohr geht stattdessen nach der Aufnahme im Thalamus über eine einzige 29Synapse direkt zur Amygdala. So wird der Körper alarmiert, ohne dass der Neocortex (das Bewusstsein) aktiviert wird. Das Gehirn verarbeitet somit auditive und visuelle Eindrücke kognitiv und affektiv zugleich, allerdings erfolgt die affektive Verarbeitung ein wenig schneller.

Nehmen wir als Beispiel einen Spaziergänger an einem lauen Sommerabend im Park. Plötzlich ertönt ein lauter Knall. Der Spaziergänger schrickt zusammen, das Herz rast, er schaut sich um und sieht ein Feuerwerk. Er richtet sich auf, lacht und genießt das Schauspiel, während die körperliche Erregung langsam abflaut.

Jeder von uns kennt Situationen, in denen wir erst erschrecken und dann feststellen, dass uns keine Gefahr droht. Die an Emotionen beteiligten neuronalen Schaltkreise erlauben also eine äußerst rasche Informationsverarbeitung äußerer Reize (Gefahrenquellen) und ermöglichen dadurch eine schnelle Reaktion (im unteren Millisekundenbereich. Dass diese sehr frühen Prozesse unbewusst ablaufen, bedeutet dabei nicht, dass Emotionen „unbewusst“ bleiben müssen. Einen kleinen Moment später (im oberen Millisekundenbereich) erreichen die Signale neokortikale Strukturen wie z. B. die Großhirnrinde und Bewusstsein kommt zustande.

Das menschliche Verhalten wird also von zwei Systemen bestimmt: einem evolutionär alten System, das vor allem schnell, aber auch undifferenziert reagiert und einem wesentlich jüngeren und differenzierteren, dafür aber auch langsameren kognitiven System, das erlaubt, Verhalten besser anzupassen. Dass beide Systeme noch erhalten sind, zeigt, wie vorteilhaft sie sich ergänzen. Schließlich hat das neue System das alte nicht abgelöst, sondern ergänzt. Darüberhinaus wird deutlich, dass die Natur in Kauf nimmt, Fehlalarm auszulösen (auch wenn Personen mit einer Panikstörung dies vielleicht bedauerlich finden). Der Vorteil, schnell vorbereitet zu sein, sollte wirklich eine Gefahr drohen, ist größer, als der Nachteil, sich „umsonst“ erschreckt zu haben.

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