Kitabı oku: «100.000 km zwischen Anchorage, Neufundland, dem Pazifik und New Mexico - Teil 3»
Erhard Heckmann
100.000 km zwischen Anchorage, Neufundland, dem Pazifik und New Mexico
Teil 3
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2014
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Copyright (2014) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
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Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
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Gewidmet meiner Frau Sabine und Tochter Dörthe

St.Luke‘s Anglican Church, Newtown, Neufundland. Weil das Dorf am Nordende der Bonavista Bay auf vielen kleinen Inseln erbaut wurde, nennt es sich auch „Venedig des Nordens”
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Tracy Arm und Russisch Alaska
Busch und Großstadt – Kitimat Mountains und Montreal
Nordatlantik und französischer Charme im Reiseland Ostkanada
Halifax und Nova Scotia
Neufundland – wo sich Himmel, Wasser und Klippen die Hand reichen
Die Kartoffelinsel, Kanadas Geburtsplatz
Über New Brunswick in die Provinz Québec
Durch die Adirondacks, White Mountains, die Neuengland-Staaten und zurück nach Nova Scotia

„Autoritäten …“
Vorwort
Kanada ist ein großartiges Land. Es hat mich begeistert und mein Herz gewonnen mit seiner grandiosen Natur, seiner Weite, Einsamkeit und seinen Tieren. Mit Alaska war es ähnlich.
Im einstigen „Wilden Westen“ kreuzten meine Frau und ich die Spuren der Indianer, die im Strom der Völker und Kulturen mitschwimmen, der Goldgräber, Pelzhändler, Seefahrer und Siedlungspioniere, ritten tagelang am Rande des Machbaren durch unendliche, schöne Wildnis, lernten die Buschflieger schätzen und saßen mitten unter lachsfischenden Grizzly Bären. Wir erlebten die berühmte Inside Passage, sahen Gletscher kalben, umrundeten Eisberge im hohen Norden, waren gefesselt vom Spiel der Wale und von der Einsamkeit, mit der sich der Dempster Highway durch die Tundra bis hinauf zum mächtigen Mackenzie windet, der in der Nähe von Inuvik seine Wasser über ein weites Delta in die Beaufort See entlässt.
Nordamerika ist auch ein Kontinent der Nationalparks, Wohnmobile und Allradtrucks, der Bären, Elche, Bergschafe, wunderschöner Seevögel, eisiger Gletscher, schneebedeckter Gipfel, bunter Alpenwiesen, tiefer Küstenregenwälder, türkisfarbener Bergseen und klarer Flüsse, in denen Millionen Lachse alljährlich zu ihren Geburtsgewässern ziehen. Im Osten stehen facettenreiche, karge Landschaften wie Neufundland oder Labrador im krassen Gegensatz zu den Metropolen der Großstädte, den farbenfrohen Wäldern im Indian Summer, den tosenden Niagarafällen oder den wogenden Getreidefeldern der endlosen Prärien, auf denen einst Millionen von Büffel weideten.
Es waren Erfahrungen, die neben erlebter Schönheit, Begeisterung und Freude aber auch verändern, nachdenken lassen, wenn man von den harten Zeiten der Erforschung des kontinentalen Nordwestens erfährt, und zusätzlich lehren, dass wir unsere Kinder verstärkt in die Natur hinausführen müssen. Woher sonst sollen sie später wissen, wenn sie selbst Entscheidungen zu treffen haben, wie mit diesem wertvollen Kleinod Natur umzugehen ist? Denn nur wenn der Mensch es zulässt, wird nicht nur die grandiose Natur Nordamerikas eine dauerhafte Zukunft haben.
Alles in einem Buch niederzuschreiben hätte das technisch Machbare weit überschritten. Der Anfang dazu wurde mit den beiden ersten Teilen gemacht, die sich hauptsächlich mit dem Nordwesten des Kontinents beschäftigten, während dieses Buch die Erzählung über die Reisen durch Nordamerika unter gleichem Titel fortsetzt und mit Ostkanada und den Neuengland-Staaten zwei Schwerpunkte kennt. Den Schlusspunkt setzt Teil 4, der hauptsächlichst durch die Nationalparks des westlichen Amerikas führt und seine Reise von San Francisco nach Seattle beginne.
Im Teil 1 stand unsere erste große Reise durch Kanada im Mittelpunkt, doch war auch von Alaska, Pionieren, Grizzlys, Buschfliegern, vom Pelzhandel, Goldrausch und dem „Yellowstone“ die Rede, so dass auch einige Wege über den 49. Breitengrad führten. Teil II setzt diese Erzählungen fort und berichtet auch von Trail-Ritten in die kanadische Wildnis, der Nordwestpassage, den Rockies und dem einsamen Dempster Highway.
Montana, Idaho, Oregon, Washington oder, gemeinsam mit den maritimen Provinzen des kanadischen Ostens, waren auch die Neuenglandstaaten Zugaben am Rande unserer Wege, die uns Kanada und Alaska erschlossen, und auf die wir neugierig geworden waren, nachdem uns Amerikas mittlerer und südlicher Westen mit seinen grandiosen Naturdenkmälern bis hin nach New Mexico auf einer der ersten selbst konzipierten Überseereisen in seinen Bann gezogen hatte.
Vor der Begeisterung für Wohnmobil und Übersee erfüllten Zelt, Auto und Europa diese Rolle, ehe uns Mietwagen auf eigenen Wegen Südafrika, Zimbabwe, Botswana und Namibia erkunden, oder Blicke in den Mittleren und Fernen Osten werfen ließen. Letztendlich aber war es die Wohnmobilbegeisterung, die uns zu Reisefans werden und immer wieder aufbrechen ließ, bis hin nach Australien oder Neuseeland.
Tracy Arm und Russisch Alaska
Der Bus der White Pass & Yukon Route startete auf die Minute genau um 8 Uhr und brachte uns mit Gepäck für 74 Dollar nach Skagway. Genauer gesagt bis Frazer, denn dort wird der Pass kontrolliert und auf die Eisenbahn umgestiegen. Die allerletzten Kilometer im Ort überbrückt der kostenlose Van der kleinen Gold Rush Lodge, deren roter Holzbau einfach wirkt, sich aber als ordentlich und sauber erweist, und dessen Besitzer an viele kleine Annehmlichkeiten gedacht hat. Skagway ist für uns, wie auch morgen Juneau, nur kurze Zwischenstation. Das eigentliche Ziel an der Inside Passage heißt Prince Ruppert, und dorthin wird uns die „Taku“ bringen. Dieses Schiff haben wir ganz bewusst gewählt, denn es ist das einzige der Flotte, das derzeit Sitka – das ehemalige Paris des Nordens – am Tage anläuft. Während in Juneau noch eine Tour in den Tracy Arm ansteht, werden wir uns heute in Skagway nur unters Volk mischen und den Unabhängigkeitstag mit all denen feiern, die das auch tun. Und dazu ist der „Red Onion Saloon“ die richtige Destination; historisch, urig, und die Band mit Sängerin mischt ordentlich auf. Auf die Preise wirkt sich dieser Service aber nicht aus, denn für zwei Portionen Chilibohnen und sechs große dunkle Bier standen am Ende ganze neun Dollar auf der Rechnung, und das sind momentan weniger als fünfeinhalb Euro. Rechnerisch kann das eigentlich nicht stimmen, doch listet die Getränkekarte nur die Biersorten auf, aber keine Preise. Da bleibt also nur anzunehmen, dass es heute Freibier gibt, und lediglich die Bohnen zu bezahlen waren. Mysteriös ging es hinter diesen alten Holzwänden aber schon immer zu, und der Grund, weswegen der Red Onion Saloon heute als „National Historic Building“ geführt wird, ist dann auch eher ein schmunzelnder: 1897 aus Planken gebaut, die Skagways Gründer Capt.William Moore im Wald selbst geschlagen hatte, entwickelte sich das ein Jahr später eröffnete „Business“ zum exklusivsten Bordell des Ortes. Während im Parterre Alkohol ausgeschenkt wurde, hatten die zehn kleinen Räume der zweiten Etage neben drei Ausgängen – zwei davon in das jeweilige Nebenzimmer – auch je eine Kupferrohrverbindung vom Fußboden des Zimmers zum „Cash Register“ an der Bar, wo jeweils eine Puppe pro Zimmer signalisierte, welche der Damen Besuch hatte oder nicht. Wenn das Geschäft blühte, legte der Mann hinter dem Tresen die Figur solange auf den Rücken, bis das Geld durch das Kupferrohr an der Bar angekommen war und dem Minipüppchen wieder auf die Beine verhalf. Die Sicherheit des Honorars, üblicherweise fünf Dollar in Gold, garantierte der Barkeeper, der es solange verwahrte, bis Birdie Ash, Big Dessie, Popcorn Lil, The Oregon Mare, Babe Davenport, Pea Hull Annie, Kitty Faith, The Bell of Skagway – auch die berühmte Klondike Kate soll dabei gewesen sein – ihre Münze abholten. Als das Geschäft 1899 zu stagnieren begann, zogen die meisten der Damen nach Norden, wo sie in Dawson den Goldfeldern wesentlich näher waren und Casinos, Spiel- und Tanzhallen von erheblichem Aufwind beflügelt wurden. Der Red Onion Saloon selbst veränderte sich auch, denn die Eisenbahn begann das Geschäft in Skagway zu bestimmen, und viele der Geschäfte rückten nun näher an die Station heran. Auch der „Red Onion“, für den ein einziges Pferd genügt haben soll, um die Konstruktion von der 6th- / State Street zum heutigen Broadway-Standplatz zu ziehen, machte den Transport mit. Unglücklicherweise soll das um die letzte Ecke herum rückwärts erfolgt sein, so dass Front- und Rückseite demontiert und umgetauscht werden mussten, damit vorn wieder vorn war und nicht hinten. Zur Zeit des Zweiten Weltkrieges diente das Gebäude unterschiedlichen Zwecken. Es war Wäscherei, Bäckerei, Armeebaracke, Fernsehstation und Souvenir-Laden. Erst als Jan Warentmore 1980 eine „Liqueur-Licence“ erwarb, eröffnete es wieder als Saloon, in dem heute kaum ein Platz zu bekommen war. Immerhin ist uns nun auch das „Frontcover“ der Speisekarte klar, dass eine flotte Dame durch eine Sprechblase lächelnd sagen lässt: „ So you thought I was the only dish at the Red Onion Saloon“ …
Eine Institution war auch das „Pullen House“, das für ein halbes Jahrhundert den Ruf genoss, das beste Hotel in Alaska zu sein. Verdankt hat es diesen der unermüdlichen Harriett Pullen. Die vierfache Mutter kam im September 1897 nach Skagway, arbeitete im Zeltrestaurant und formte an den ersten Tagen Büchsen zu Pfannen, um darin „Dried Apple-Pie“ zu backen. Der Apfelkuchen schlug ein, sie holte ihre Kinder nach und ging mit deren Hilfe ins Horse-packing Geschäft. Auch damit verdiente sie gut, kaufte Captain William Moore’s großes Heim und änderte es in ein Hotel um, das sie fünfzig Jahre lang führte. Der Frau, die sich als Witwe ausgab und 1947 zu Skagway starb, hatte durch Courage und harte Arbeit sich sehr schnell Respekt und Ansehen verschafft, und überall dort, wo ihr Markenzeichen, der bespannte Landauer anhielt, öffneten sich ihr die Türen. Sie kaufte zu Dea die „Historic Townside“, hielt Milchkühe, schützte die Gold Rush Struktur und führte Gäste auf Touren nach dort. 1970 verkauften ihre Nachfahren diesen Besitz an den National Park Service, womit das Erbe dieser tapferen Frau in die richtigen Hände weitergegeben wurde.

Skagway, Alaska –Anfang oder Ende der Inside Passage
Clever und fleißig war auch ein anderer Pionier: G. Brackett baute 1897 mit 250 bis 300 Arbeitern – Unqualifizierte verdienten am Tag 2.50 Dollar, Zimmerleute einen mehr – unterhalb der heutigen Eisenbahnschienen eine Wagenstraße, die bis zum White Pass führen sollte. Als sein Geld ein Jahr später alle war und die Eisenbahn Interesse zeigte, verkaufte er seine Straße für 100.000 Dollar. Danach hatten britische Geldgeber innerhalb von 26 Monaten den Wandel des Transportsystems vom primitiven Trail zur Moderne des 19. Jahrhunderts ermöglicht und J.Heney mit 2.000 Arbeitern in Handarbeit am 29.7.1900 umgesetzt, was er den Investoren vorher versprochen hatte: „ Geben Sie mir genug Geld und Dynamit, und ich baue auch eine Straße zur Hölle“. Heute ist Skagway einer der am meisten besuchten Orte der Welt. Sein alter Ortsteil vermittelt einen Hauch Goldgräberzeit und steht als „Klondike Goldrush National Historical Park“ unter Denkmalschutz. Und das Städtchen verbindet auch den Alaska Highway mit Südostalaska, denn es ist nördlichste Endstation der weltberühmten Inside Passage, und somit ein Bindeglied zwischen der Pionierzeit und dem 21.Jahrhundert.
Am nächsten Morgen fährt uns der Hotelbus zum Schiff, und dort bringen wir sofort unsere Koffer unter Verschluss, um uns während der etwa sechs Stunden bis Juneau frei bewegen zu können. Die meiste Zeit verbringen wir draußen an der Reling, lauschen zwischendurch aber auch einem Rancher, der in der Lounge seinen Gästen allerlei Interessantes erzählt. So auch, dass sich Mountain Goats von Dall Schafen – deren zirkuläres Horn 8 Jahre bis zur vollen Entwicklung benötigt – dadurch unterscheiden, dass ihre Haare länger, die Brust tiefer und die Hörner schwarz sind; ein Weißkopfseeadler erst mit sieben Jahren seine volle Federpracht entwickelt hat; Wölfe eine komplexe, soziale Hierarchie haben; Karibus mit 3.000 Meilen pro Jahr mehr wandern als jedes andere Landtier; Moschusochsen Mitte der 1800er Jahre fast ausgerottet waren und fast alle, der heute in Alaska lebenden 2.000 Tiere, auf 34 Exemplare zurückgehen, die zur Erhaltung der Art von Grönland eingeführt worden waren; Stachelschweine in Nordamerika seit 3 Millionen Jahren leben; ein Elchgeweih jährlich abgeworfen wird und bis zu 50 Pfund wiegt; Seeotter das dichteste und weichste Fell aller Säugetiere besitzen; ein Grizzly 900 Kilo wiegen kann; Kodiak Amerikas größte Insel vor Hawaii ist; Schamanen als Mittler zwischen Menschen und Göttern gelten, und Tlingit-Indianer nach der Hochzeit zur Sippe der Frau, nicht zum Clan des Mannes ziehen. Und der Ranger weiß auch, weshalb der Chilkat River im Bereich des Adlerschutzgebietes nicht zufriert: Der Flussboden ist felsig, das Gletscherwasser hat ihn über Millionen Jahre ausgewaschen und viele tiefe Stellen geschaffen, die das Wasser beruhigen und am Fels wieder hochtreiben. Zurückkommend in tieferes Gewässer ist es wärmer und verhindert die Eisbildung. Und das wissen neben dem Ranger auch die Lachse, Adler und neuerdings auch wir. Kurz bevor unsere Fähre vor der Nordspitze des Admiralty Islands einen Linksschwenk macht, um die Auke Bay anzusteuern, begleitet steuerbords ein Buckelwal unsere Fähre, die in den vergangenen Stunden durch wunderschöne Natur fuhr, mit Bergketten, weiß betupft, grün umhüllt oder felsig und von unterschiedlichen Farben geprägt. Zwischen Gletschern und Wasserfällen zeigten sich kleine und große Täler, Wald und grüne Uferstreifen. Und als das Schiff eindreht, taucht auch der Wal nochmals auf und bläst seine Atemluft als Fontänen mehrmals Richtung Himmel, während sein Rücken das ruhige Wasser ganz gemächlich durchpflügt. Dann wölbt der mächtige Säuger plötzlich den Rücken und zeigt seinen Reisepass: Für Bruchteile von Sekunden steht die mächtige Schwanzflosse, so einmalig wie ein Fingerabdruck, in voller Größe senkrecht über dem Wasser, lässt die Auslöser klicken und verschwindet Augenblicke später wieder in der Tiefe.
In Juneau holt uns der kostenlose Zubringerbus der Driftwood Lodge, unser Stadthotel für zwei Nächte, von der Auke Bay ab, denn das gehört zum Service. Der Rest des Tages verläuft ohne Programm, zum Teil aber wieder in einem „berühmten“ Saloon, dem „Red Dog“, denn auch ihn kann kein Tourist auslassen. Mit Sägespänen auf dem Fußboden, ordentlicher Lifemusik, Bieren wie Saloon Amber oder King’s Ale und Drinks, die unter den Namen „Cheap Shit (pretty good staff)“, „Regular Shit“, „Expensive Shit“ und „Realley Expensive Shit“ angeboten werden und zwischen fünf und sieben Dollar kosten, lässt sich schon erahnen, dass auch hier die raue Vergangenheit mitschwingt. Tanz und Unterhaltung soll der Saloon schon zu Juneaus „glorious mining heydays“ geboten haben, als „Ragtime Hattie“ mit weißen Handschuhen am Piano für Stimmung sorgte, oder Gordie Kanouse mit seinem Maultier an der Bootsanlegestelle stand und die ankommenden Besucher mit einem Schild an seinem Vierbeiner aufforderte „follow my ass to the Red Dog Saloon“. In den zeitigen Siebzigern des letzten Jahrhunderts kaufte die Harris-Familie das Gebäude und erweiterte es um eine dritte Etage, doch ist „der Laden“ viel weniger historisch, als er vorgibt zu sein. Originell ist dieser Country-Pup aber auf jeden Fall, und gejubelt und getanzt wird dort auch heute noch recht ordentlich. Größtenteils sind es Kreuzfahrt-Touristen, die ihre Shopping-Tour hinter sich haben und noch ein paar Stunden feiern möchten, ehe ihr elegantes Schiff wieder zur Rückkehr und Etikette auffordert. Der Saloon ist randvoll, doch finden wir Platz am Tisch zweier Schwestern, deren Mutter auf dem Schiff geblieben war. Der Grund für die Kreuzfahrt war Christin, die in Australien lebt, nach langen Jahren erstmals wieder in ihre kanadische Heimat gekommen war, um Schwester und Eltern in Vancouver zu besuchen. Es waren zwei lustige Erdenbürger, und als wir uns nach einigen Stunden Spaß und guter Laune von den etwa Vierzigjährigen mit dem üblichen „have a nice time and hope to see you again“ verabschieden, hatten wir auch die Adressen getauscht und uns gegenseitig eingeladen. Realisierbar ist das durchaus, denn Anne wohnt in Vancouver und Chris in Melbourne, Städte, in denen wir sicherlich erneut landen werden.
Tags darauf heißt unser Programm „Tracy Arm“. Um diesen Fjord aus den Küstengebirgen heraus zu hobeln brauchten Gletscher zweieinhalb Millionen Jahre, und was sie nach ihrem Rückzug siebzig Kilometer südlich von Juneau geschaffen hatten, war meisterhafte Arbeit: Vierzig Kilometer lang, 400 m tief und an beiden Seiten von bis zu eintausend Meter steilen Felswänden begrenzt, von denen Wasserfälle von Kante zu Kante über die Klippen springen. Am Ende des Tracy Arms setzt die 250 Meter hohe doppelzüngige Eiskante des Sawyer Gletschers eine endgültige Barriere, während der südliche Bruder, der mehr als eine halbe Meile bedeckt, fast immer kalbt und die zu Eis gefrorene Vergangenheit krachend in sich zusammenstürzen lässt. Eisig kalt, weiß bis mittelblau leuchtend und abweisend richtet sich die Abbruchkante des Gletschers auf. Davor schaukeln und treiben ungezählte Bruchstücke im Wasser, deren Tage gezählt sind und auf denen sich Hunderte von Harbour Seals wohlfühlen. Dieser, im Tongas National Forest an der Stephens Passage – einer Meerenge im Alexanderarchipel – liegende Tracy Arm wurde 1980, gemeinsam mit seinem parallelem Nachbar Endicott Arm und 2.640 Quadratkilometer Umgebung, zur „Tracy Arm-Fjords Wilderness Area“ erklärt, womit ihm die höchste Stufe amerikanischen Naturschutzes zuerkannt wurde.
Unterwegs nimmt unser Skipper auf der fast zehnstündigen Tour alles mit, was sich anbietet. Er fährt haarscharf an Wasserfälle heran, steuert zum Rand, wenn er dort Bergziegen oder Bären entdeckt, die auf dem Schwemmlandstreifen unterhalb der steilen Granitwände nach Muscheln suchen, stoppt unter Adlerhorsten oder nähert sich vorsichtig Robben und anderen Fotomotiven. An die beiden Gletscher schippert Steve Weber – auf seiner Brücke darf man Platz nehmen – seine 17 Meter lange „Adventure Bound“ nur so nahe heran, wie es die Sicherheit erlaubt. „Im Ziel“ schaltet der Steuermann dann die 625 PS-Motoren für eine Weile ab, damit seine Gäste dieses Stück Natur in aller Stille bestaunen können. Der Blick auf die beiden Gletscher ist ein großartiger und das Kalben wohl immer ein Erlebnis. Es beginnt mit Knistern und Knacken in der Wand des bläulich leuchtenden, zerklüfteten Eises, und wenn es wie Kanonendonner gewaltig knallt, dann hat sich bereits ein haushoher, zitternder Koloss von ihr abgelöst, reißt und platzt auseinander, in große und kleine Säulen, Platten oder kantige Gebilde. Diese ganze Masse fällt schließlich in sich zusammen und stürzt mit ungeheurer Wucht ins das grüne Wasser, das gewaltig und druckvoll nach oben ausweicht, an Kraft verliert und weiß schäumend wieder aufklatscht. Die Druckwellen, die sich schnell ausbreiten, lassen auch unser Schiff, auf dem die Motoren bereits wieder arbeiten, ordentlich schaukeln und spüren, wie viel Kraft in ihnen steckt. Mit dem Glacier Bay National Park steht dieser Fjord natürlich nicht auf gleicher Höhe, aber ein schlechter Ersatz ist er keinesfalls, sondern ein wunderschönes Erlebnis, das im Vergleich äußerst preiswert ist und auf das man in Juneau, neben den Bären auf Admiralty Island, keinesfalls verzichten sollte. Der Glacier Bay National Park, mit mehreren Gletschern, Regenwald mit riesigen Fichten, Wanderwegen, zahlreichen Tieren und von Gustavus aus zu erreichen, ist wesentlich größer und vielfältiger. Mit Standort Gustavus lässt sich auch gleichzeitig das grandiose Schauspiel in der Icy Strret ansteuern, wenn die Wale – die richtige Jahreszeit und etwas Glück vorausgesetzt – beim gemeinsamen Heringsfang mit offenen Mäulern aus dem Wasser schießen. Andererseits lässt sich der „Glacier“ auch mit einem Buschflugzeug ab Haines erkunden, und das kostet einen Bruchteil an Zeit und Geld dessen, was für eine Tour mit Standort Gustavus (sehr schöne Lodge) ab Juneau verlangt wird.
Für uns wird es auch Zeit, uns vom lustigen Leben in „Little San Francisco of the North“ zu verabschieden und die Lodge anzusteuern. Das „Wake-Up Call“ wird uns viertel nach ein Uhr schon wieder wecken, um rechtzeitig auf der Taku zu sein, die um vier Uhr morgens in Auke Bay ausläuft. Juneau kennen wir sehr gut, und deshalb fällt der Abschied von diesem hübschen 3.000-Einwohner-Ort, zu dem keine Straßen führen, auch nicht schwer. Wir haben hier schon alles abmarschiert, die viktorianischen und historischen Häuser oder die achteckige Kirche, die in Sibirien gebaut und 1894 hier wieder zusammengesetzt wurde. Wir kennen auch jene Straßen, die für Autos zu steil sind oder an Treppenstufen enden und haben seinen Gletscher wie den Hausberg Mt.Roberts besucht, zu dem sich die gleichnamige Seilbahn müht. Juneau hat vor der Haustür auch den schmalen Gastineau Channel mit den Kreuzfahrtschiffen fast im Zentrum, Elche in den Wäldern, 80 Kilometer Wanderwege, auf Admiralty Island die weltbekannten Bären und im Sommer, wenn Touristen aus aller Welt hier unterwegs sind, lockt das Eisfeld auch mit Hundeschlittenfahrten und Helikopterflügen auf das eiskalte Dach von Alaskas Hauptstadt. Gold legte einst den Grundstein. 1963 stieß das Alaska Marine Highway System die Tür in ein neues Zeitalter auf. Als das Öl 1977 durch die Trans-Alaska-Pipeline floss, wurde die Staatskasse gefüllt. Schließlich konnte die Steuerstruktur reformiert werden, und das Alaska Native Land Claims Gesetz zahlte den Eingeborenen fast eine Milliarde Dollar und gab ihnen 44 Millionen Acker Land zurück. In Juneau wurde die Nugget Mall eröffnet, der Egan Drive gebaut und das Mendenhall Valley entwickelt. Der Büro- und Hausbau boomte, das lokale Geschäft wuchs und internationale Handelsketten zogen ein. Ab 1990 hatten auch die Touristen die Stadt am Wasser entdeckt, und seit 2000 bringen Fähren und Kreuzfahrt-Luxusliner jährlich mindestens 600.000 davon auch nach Juneau. Eine einzige Sache müssen wir auf dem Weg zur Lodge aber doch noch erledigen: Einer Institution Adieu zu sagen, die, in Bronze gegossen, noch immer die Luxusliner an den Juneau Docks begrüßt, „Patsy Ann“. Der Terrier, der im Alter von 14 Jahren an Rheuma und Übergewicht starb, war der Liebling der Einheimischen. Sie fütterten ihn mit allem was es gab, und die Zeitungen druckten viele Geschichten über diesen Hund. Von den 1930er Jahren bis zu ihrem Tod 1942 hat die Hündin alle Schiffe begrüßt, die anlegten. Fuhren sie vorbei, soll sie nachgeschwommen sein, um ihr Ritual dennoch zu vollziehen. Auch im Dog hat sie sich angeblich niemals geirrt, höchstens die Menschen. Notfalls wartete Patzy Ann auch ganz allein, aber eben dort, wo das Schiff wirklich anlegte. Und vor dieser Legende, die in Juneau noch immer „lebendig“ ist, wollten wir ganz bewusst einen Augenblick verweilen.
Nach unserer kurzen Nacht gab’s gleich richtig Ärger, denn der Fahrer des Hotelbusses war zum Dienst nicht erschienen, das Ersatz-Taxi viel zu klein, und als endlich der gerufene Kleintransporter eintraf schlief ein dreimal von seiner Familie geweckter Sechszehnjähriger noch immer. Glücklicherweise war der Fahrer ein handfester Typ, der das „Please- Wait-Gejammere“ abwinkte und mit den übrigen Gästen Gas gab. Somit waren wir, wie später auch die Fähre, absolut pünktlich, und während sie in einen wunderschönen Morgen startet, richten wir uns in der Kabine 24 B ein. Neun Stunden bis Sitka, 30 bis Prince Ruppert wird das 107 Meter lange und 23 Meter breite Motorschiff brauchen, um 2.624 Tonnen Gesamtlast – 370 Personen und 420 Fahrzeuge inklusive – an sein Ziel zu bringen. Getrieben wird die in Seattle gebaute und 1963 in Dienst gestellte Taku von zwei 4.000 PS starken Mak-Dieselaggregaten. Die Fähre, die 18 Jahre später renoviert wurde, ist eins von neun Schiffen, die das Alaska Marine Highway System auf seiner 3.500 Meilen-Route im Dienst hat, um 33 Häfen anzulaufen. Was 1963 mit der kleinen M/V Chilkat zwischen Skagway / Haines und Prince Ruppert im Süden begann, schließt heute auch Kodiak Island, Kenai Peninsula, Prince Williams Sound und die Aleuten-Inseln ein, wie auch die Versorgung der Dörfer in Südost-Alaska. Die Inside Passage und die Süd-Ost-Routen verbinden aber nicht nur die Häfen, sondern auch das kontinentale Straßensystem, und in knapp 61 Stunden wird über Wasser auch das amerikanische Bellingham erreicht, von dem es nur noch ein Katzensprung bis nach Seattle ist. Wenn auch der Luxus eines Kreuzfahrtschiffes auf diesen Fähren nicht geboten werden kann – es ist ein öffentliches Transportsystem – und die Liegezeiten in den Häfen limitiert sind, so reist man doch recht angenehm und äußerst preiswert. Von Skagway (über Sitka) bis Prince Ruppert sind die 438 US-Dollar, die wir inklusive der Vierbettkabine, die unabhängig von der Personenzahl mit 114 Dollar enthalten ist, für zwei Personen keine teure Angelegenheit. Auch für alles andere bietet das Schiff mit Auto-, Kabinen-, Passagier- und Sonnendeck, was gebraucht wird: Lounges, Bar, Selbstbedienungs- und Bordrestaurant (hier wird auch das Frühstück serviert) mit Menüauswahl, Cafeteria, Snack Bars, Kinosaal, Duschen für Passagiere ohne Kabine, verschließbare Kofferfächer oder Souvenirladen.
Nach dem Erkundungsgang geht’s mit einem Becher heißen Kaffee an die Reling des Sonnendecks, wo uns frische Morgenluft empfängt, zarte Nebelschleier über dem glatten Wasser schweben und sich die Sonne am Horizont bemüht, der Berge unter sich zu lassen. Hinter der Taku schwingt ein breiter, weiß gekräuselter Streifen aufgewühlten Wassers in Dreiecksform auf und ab, eilt seitwärts weg und verliert sich, wie der Hafen von Juneau, in der Ferne. Unser Schiff stampft dabei gemächlich nordwärts, denn es muss dort, wo der einsame Leuchtturm am Point Retreat den Weg weist, um die Spitze von Admiralty Island herum, ehe es in südlicher Richtung durch das klare Wasser des Chatham Channels gleiten kann. Nach einigen Stunden wird die Fähre abrupt nach Westen drehen, sich von Bergen bedrängt durch die Perilstrait schleichen, danach, mit plötzlicher Kursänderung, wieder nach Süden schwingen und sich im Schritttempo durch die Sergius Narrows tasten. Nach einem Moment des freien Blicks auf den Pazifischen Ozean werden die Whitestone Narrows die Fahrrinne erneut in ein enges Korsett zwängen, ehe hinter einem Schärengürtel an der Westküste von Baranof Island Sitka „in Russisch Alaska“ auftaucht. Auf der weiteren Fahrt nach Süden muss die Fähre dann erst wieder zurück in die Chatham Strait und dabei die, zwischen den Inseln Chigagof und Baranof gelegenen gefährlich schmalen Narrows, als auch die Tongas-Enge erneut passieren. Erst dann kann sie über die südliche Chatham Strait und den Frederick Sound Petersburg anlaufen. Vor Wrangell zwingen die gleichnamigen Engen dann erneut zu behutsamer Navigation, und danach wartet Ketchikan auf das Schiff. Sechs Stunden wird es nach dem letzten Auslaufen dann noch dauern, bis die Taku den Revillagigedo Channel und Chatham Sound hinter sich gebracht und Prince Ruppert, wo für Sabine und mich diese Schiffsreise zu Ende gehen wird, erreicht hat.
Für uns ist es, nur entgegengesetzt, die zweite Reise auf dieser Route und eine mehr auf der Inside Passage, doch die erste bei richtig gutem Sonntagswetter. Und das ist in Alaskas Regengürtel niemals eine Garantie. Heute jedenfalls stimmt alles, um den Liegestuhl in Position zu rücken und die Situation zu genießen: Große Kreuzfahrtschiffe, Segler, Fischerboote, Schlepper, die unten auf dem Meer ausschauen, als würden sie ihre riesigen Baumstamm-Flöße durch ein Spielzeugland ziehen oder Berge, Wälder, Inselchen und herrlich klares Wasser. Es ist, als würde vor den Augen ein Film ablaufen, unbeschreiblich schön, dreidimensional und ohne Kunstgriffe. Und mit den Buckelwalen, die unterwegs ihre Bahn ziehen und mit ihrer warmen Atemluft ganz persönliche „Rauchzeichen“ setzen, ehe sie beim Abtauchen ihre gewaltigen Schwanzflossen aus dem Meer wippen lassen, wird die Choreographie perfekt. Zwei von ihnen schienen unterwegs zusammen zu spielen, wuchteten sich zweimal aus dem Wasser heraus, drehten sich und schlugen dann mit voller Wucht ins nasse Element zurück. „Erwischt“ haben wir sie leider nicht, weder mit der Kamera noch mit dem Foto. Aber irgendwann wird die große Flosse auf dem Foto schon einmal unten, statt oben erscheinen, denn es ist auch hierbei ein wenig wie mit den Elchen auch. Ein Bulle ist erst im Herbst, wenn er seine gewaltigen Schaufeln trägt, so richtig fotogen. Was nützt es dann, ihn im Sommer ganz nahe vor der Linse zu haben?
Meine Frühstücksbestellung im Café-Shop – Hash Browns mit Eier und Speck – war die falsche Wahl, denn die mit den Schweizer Rösti und dem deutschen Kartoffelpuffer verwandten Fladen sind ein matschiger Reinfall, und das wabbelige Graubrot lässt sich auch auf Walnussgröße zusammendrücken. Morgen gibt’s die gekürzte Version – Kaffee, Butter, Marmelade und Toast für 2.70 Dollar, mit der Sabine schon heute zufrieden ist, sich aber ein Grinsen wegen meiner „Habgier“ nicht verkneifen kann. Natürlich lasse ich mir nichts anmerken, aber das Unpassende „enjoy your meal“ wurmt mich schon, und das weiß sie. Kurz darauf muss ich aber lachen, und aus Sabines triumphierendem Blick wird ein fragender, denn jetzt bin ich es, der grinst und anfügt „schau mal nach rechts hinten“. Dort saßen zwei Damen, unter dreißig, aber sicher über 95, wenn man an Kilos denkt, die heute Morgen mit der Wasserflasche in der Hand 15 bis 20 Runden an der Reling entlang dackelten, und über die wir uns ein wenig lustig gemacht hatten. Jetzt aber gab es für die Sportlichen die Belohnung, und zwar im klassischen Stil. Mit aufgestützten Ellenbogen wird ein „Dreifach-Burger“ von den Fingern beider Hände jeweils bissgerecht zusammengedrückt, bevor die Zunge absolutes Wohlbefinden signalisiert und die Gesichter tiefe Zufriedenheit ausstrahlen. Der mit Ketchup beträufelte Weichling scheint aber nur die Ouvertüre zu sein, denn neben einer großen Portion Pommes wartet auf jedem Tablett auch noch ein doppelter Sandwich. Und weil Seeluft auch durstig macht, dürfen zwei halbe Liter Cola nicht fehlen. Der „Marsch“ heute Morgen war wohl doch sehr anstrengend, und der Tag ist noch lang …
Die Fähre hat längst ihren Kurs geändert, und die Inseln in der Fahrrinne, bewaldet oder reiner Fels, sind zahlreicher geworden. Berge, Klippen und Ufer scheinen ebenfalls nach dem Schiff greifen zu wollen und lassen ihm kaum noch Platz. Unten am Bug gibt ein Crewmitglied Zeichen nach oben zum Steuermann, der Schritttempo anschlägt und die Taku immer wieder um etliche Grad hin und her drehen muss, um dem Inselgewirr in den Sergius Narrows auszuweichen. In dieser sehr engen Passage, in der man die Äste der großen Uferfichten fast mit den Händen greifen kann, erreicht der Gezeitenstrom mit 12 Kilometer Geschwindigkeit eine erheblich Strömung, sodass der Fahrplan den Gezeitenwechsel berücksichtigt. Und genau das ist der Grund, weswegen die Taku diesen Abschnitt durchfährt, wenn die Strömung ihre Richtung ändert und dadurch an Kraft verliert. Langsam, leise, aber zügig tastet und drängt sich die Fähre hier vorwärts, und als der Kurs Süd-West verkündet und sie wieder an Fahrt gewinnt, begleiten uns beiderseits bewaldete Berge, kugel- oder keilförmig, oder langgezogen und allmählich ins Meer eintauchend.
In Sitkas zerklüfteter Bucht ist es windstill, herrlich warm wie im besten deutschen Hochsommer, und der Himmel über dem einstigen „Paris des Nordens“ ist blitzblank geputzt. Grüne Kegelberge kennzeichnen den Vordergrund, dahinter erheben sich die weißen Spitzen ihrer großen Brüder. Von der Anlegestelle bis in die Stadt sind es 11 km, und es erscheint praktisch, von den 4 Stunden Liegezeit die gute Hälfte für eine angebotene Rundtour zu verwenden, um die wichtigsten Sehenswürdigkeiten gezielt ansteuern zu können. Sehr viel davon hat der Ort, der als Indianerdorf Shee Attika begann ehe russische Pelzjäger 1799 in der Nachbarschaft ihr Fort St.Michael erbauten, ohnehin nicht zu bieten. Das Schönste ist eigentlich seine landschaftliche Lage, mit Booten, die in der Bucht schaukeln, den Bergen des Tongass-Waldes, dem Vulkankegel Mount Edgecumbe, 3.271 Meter hoch und vor 8.000 Jahren letztmalig ausgebrochen, und den goldenen Kreuzen der St.Michaels Kathedrale. Der Ort selbst macht einen sehr angenehmen, freundlichen Eindruck, und die meisten Geschäfte im Zentrum dienen dem Tourismus, wobei das angebotene indianische Kunsthandwerk auch hier hohe Qualität besitzt und entsprechend ausgepreist ist. Das absolute Muss in der Stadt ist natürlich die Kathedrale – ein echter Nachbau des 1966 abgebrannten orthodoxen Originals -, das 1844 bis 1848 hier entstanden war. Die erste Kirche ihrer Art in Nordamerika war sie allerdings nicht, denn die wurde bereits 1774 auf Kodiak Island erbaut. Der Stolz des Sitka-Gotteshauses sind seine wertvollen Ikonen, gegen die sich das Äußere des Holzbaues mit seinem Grau-Weiß und den beiden grünen Türmen, auf denen zwei goldene Kreuze glänzen, eher bescheiden darstellt, und die kleine St.Peter’s By the Sea Episcopal Church verträumter und romantischer wirkt. Historisch sind unweit der Cathedrale der alte russische Friedhof – die Frau des letzten russischen Gouverneurs, Prinzessin Maksutov ruht hier – und der Castle Hill. Auf diesem stand einst die Residenz des russischen Gouverneurs Baranof, dessen Einzugsgebiet von den Aleuten-Inseln bis in die Gegend von San Francisco reichte, wo sich die Russen nördlich davon im Fort Ross etabliert hatten. In dessen Mauern wurde 1867 auch der Verkauf Alaskas an die USA zelebriert, nachdem William Seward den amerikanischen Kongress vom Erwerb hatte überzeugen können, und die 7,2 Millionen Dollar für „Sewards-Icebox“ bei den Russen eingegangen waren.
Heute hält der Tourbus auf dem Hügel nur noch wegen der guten Aussicht, und für mehr Vergangenheit muss man sich im Visitor Center des Sitka National Historical Parks den dort gezeigten Displays zuwenden. An gleicher Stelle kann man in den zugehörenden Werkstätten auch den Künstlern – Schnitzer, Silberschmieden, Schneidern – bei ihren traditionellen Arbeiten über die Schulter schauen. Pflicht sind auch die Totempfähle der Tlingit und Haida, die über einen Wiesenweg im Regenwald zu erreichen sind und dort in der Gesellschaft von gewaltigen Zedern und Sitkafichten wie Geister wirken. Ihr Blick geht in Richtung der ankommenden Kreuzfahrtliner und bewirkt vielleicht auch, dass die New Archangel Dancers in der Harigan Centennial Hall von diesen Touristen genug Zuspruch erhalten, wenn jene ihre russischen Volkstänze darbieten. Am Ende der kleinen Halbinsel verdient auch noch der „Battle Ground“ – eine Wiese im Wald – einen Gedanken, denn hier wurde 1804 die letzte Schlacht zwischen Baranof und den Kiksadi-Tlingit Indianern geschlagen, die schon 1802 das Fort zerstört hatten und die Russen zurückschlugen. Nach einer Woche Beschuss durch die Fregatte Neva blieb aber auch diesen Eingeborenen letztlich nur noch der Rückzug. Sehenswert ist auch das 1842 erbaute Russian Bishop’s House, das als Zentrum der russisch orthodoxen Kirche fungierte und 1969 geschlossen wurde. 48 Monate später begann bereits eine 16 Jahre andauernde Rekonstruktion, um das Gebäude wieder so herzustellen, wie es sich 1853 darbot. Heute ist es eins von vier verbliebenen russischen Colonial-Architekturen in Nordamerika und verkörpert die dominierende Herrschaft der Russen im Nordpazifik für mehr als 125 Jahre. Und was hat die 9.000-Einwohnerstadt, deren Hafen als der geschäftigste an der Ostseite des Pazifiks in Alaska gilt, als größte des Alexander Archipels noch anzubieten? Je drei Häfen, Campingplätze, Flugplatz und Alaskas einzige, zur Universität gehörende Bowling Akademie. Im Sheldon Museum wird Völkerkunde geboten und, in dessen Shop, sehr gutes Kunsthandwerk verkauft. Gefeiert wird auch hier: Im Juni musizieren etwa 25 Künstler aus Asien, Europa und Nordamerika beim Musik Festival, und Anfang November werden die etwa 80 Buckelwale bejubelt, die alljährlich von Mitte September bis Mitte Januar im Haven „parken“, um anschließend ihre Reise in die Tropen fortzusetzen, wo sie ihre Jungen gebären und sich paaren. Stars in Südostalaska sind auch Bären, Otter und andere Vierbeiner, denn ein reichhaltiges Nahrungsangebot und niedrige Bevölkerungszahlen machen diesen Landstrich zu einem der besten Plätze für diese Tiere. Auch die Lachse und der Regenwald gehören zu den lokalen Attraktionen wie die Charterboote, die die dortigen Hütten erschließen. Für uns reicht die Zeit aber nur noch für ein paar schnelle Schritte zur O’Connell Brücke, um das Foto von der Waterfront und dem Hafen mit nach Hause nehmen zu können, denn dann heißt es, sicherlich auch für immer, Abschied zu nehmen von dem Städtchen mit dem freundlichen Flair, das heute vom Tourismus, der Holzverarbeitung und der Fischerei lebt. Es ist auch ein Abschied vom Herz der Geschichte Alaskas, denn hier unterhielt die Russian-American-Company schon eine geschäftige Ansiedlung, baute Schiffe und trieb mit den Indianern Pelzhandel, als Chicago nur ein Blockhaus, und San Francisco nicht mehr als eine Missionsstation waren.
Wenn wir morgen früh Petersburg, das auf den Norweger Peter Buschmann zurückgeht, der 1897 mit Sägewerk und Fischkonservenfabrik den Grundstein legte, gegen drei Uhr erreichen, werden wir sicherlich noch schlafen, denn der Ort ist ohnehin nicht aufregend. Es sei denn, man begeistert sich für seine große Kutterflotte, die mit etwa 400 Booten nicht nur Heilbutt anlandet, oder man möchte unbedingt das wunderschöne Panoramafoto vom „Hammer Slough“ haben. Lohnenswert ist Letzteres auf alle Fälle, doch braucht es auch die passende Tages- und Liegezeit. Jetzt werden wir vom Rest des wunderschönen Tages noch etwas an der Reling verbringen und die an uns vorüberziehende Natur genießen, in der das Bergmassiv der Coast Mountains mit seinen schneebedeckten Gipfeln und eisblauen Gletschern den Blick weit in die Ferne lenkt. Aber auch das Schiff selbst, seine Fahrt durch das klare Wasser unter uns und der bezaubernde Abendhimmel, dessen Färbung von Türkis bis zu hellem, klarem Blau ganz oben reicht, fesseln Gedanken und Blick. Dazwischen glänzen, von der tief stehenden Sonne angestrahlte, vereinzelte hohe Wolken in zartem Gelb-Rosa. Die leichte Brise, das eintönige Rauschen des durchpflügten Wassers und die fast greifbare Ruhe und Unendlichkeit fesseln ebenfalls. Derartige Momente beeindrucken, machen zufrieden aber auch nachdenklich und lassen vermuten, was die Suquamish-Indianer mit ihrem Sprichwort „ die Erde haben wir nicht von unseren Eltern geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen“, gemeint haben könnten.
Gestern Abend habe ich meinen Wecker doch noch auf drei Uhr dreißig gestellt, denn die 37 Kilometer der kritischen Wrangell Narrows, die die Taku in den nächsten eineinhalb Stunden zwischen den Inseln Kupreanof und Mitkof passieren muss, wollte ich doch nochmals erleben. Die Passage wird sehr schnell gewaltig eng, und eine ganze Armada von Seezeichen weist den Weg. Oft bleiben nur eine schiffsbreite Rinne oder ein Slalom übrig, bei dem Bootsführer Kommandos schreien, mit langen Stangen hantieren oder Kuttersirenen aufheulen, um sich unserem Koloss gegenüber bemerkbar zu machen. Ich persönlich finde es grandios, wie sich die Taku „Schritt für Schritt“ durch dieses Gewirr aus Inseln und Stein windet, und danach sehr schön, dass ich mir nach der erheblichen Frische an der Reling die Bettdecke nochmals über die Ohren ziehen kann.
In Wrangell gehen nur wenige Leute von Bord, wir zum Frühstück, die drei oder vier LKW sind schnell verstaut, und nach kurzem Tuten drehen die Motoren der Taku schon wieder hoch. Für uns heißt das Fensterplatz, vor uns ein ordentliches Frühstück und sechs Stunden gemütliche Fahrt, mit Wald, Wasser und Inseln. Die Clarence Strait wirkt hier zwar wie offenes Meer, doch ist es immer noch die Inside Passage, und die hat heute zur Rechten das Prince of Wales Island, ein Paradies für Fischer und Wanderer, und hält kurz vor Ketchikan die Tongass Narrows bereit. Ketchikan, das sich auf schmalem Streifen zwischen Meer und Dear Mountain ausbreitet, hat im Zentrum neben Häusern auch „Straßen“ auf Stelzen, besitzt viele Totempfähle und kann sich über Regenmangel nicht beklagen. Nach wie vor lebt der langgezogene Ort von Fisch und Holz, und der Regenwald beginnt direkt hinter der Haustür. Das dritte Standbein, der Tourismus, hat sich aber schon gewaltig bemerkbar gemacht. Mit dem Flieger lässt sich auch von hier aus alles und schnell erreichen, von Anchorage bis Seattle, mit Haines, Juneau, Skagway oder ganz speziellen Attraktionen dazwischen. Ketchikan zeigt sich auch mit seinen Wasserflugzeugen, die ihre Rundfluggäste auch direkt abholen und längsseits der Kreuzfahrtschiffe landen, sehr geschäftig. Für uns spielen diese Möglichkeiten heute jedoch keine Rolle. Wir waren schon hier, wollen direkt weiter. Die eine Stunde Liegezeit reicht gerade aus, um von dem im Zentrum gelegenen Fährterminel 300 Meter über die Straße zum Supermarkt zu sprinten und für die nächsten beiden Tage Proviant einzukaufen. Was wir dort für fünfzehn Dollar bekommen – Wurst, Käse, Baguette, Croissants, Tomaten, Paprika, knackige Schwarzkirschen, Bananen und einen 6er-Pack Budweiser – war äußerst billig. Eintopf und Gebratenes zum Mitnehmen wurde auch angeboten, doch kostet eine Schüssel Chilibohnen mit viel Fleisch auf der Fähre auch nur 1.75 Dollar.
Im Schritttempo legt unser Schiff rückwärts wieder ab und wird in etwa sechs Stunden Prinz Ruppert erreichen. Momentan scheint Ebbe zu herrschen, denn die nassen Steine am Rand, über denen hohen Fichten wie Frontsoldaten zwischen Meer und Land in Reihe und Glied dem Wind trotzen, signalisieren, dass der Wasserstand in der letzten Stunde erheblich gesunken sein muss. Eine Rolle spielt das hier, wo uns im Revillagigedo Channel rechterhand die Inseln Anette und Duke als größere Gebilde begegnen, aber nicht. Auf der Westseite des Chatham Sounds wird sich uns noch Dundas Island zeigen und linkerhand auch der Südzipfel der im Tongass National Forest liegenden Misty Fjords National Monument Wilderness, deren 2,3 Millionen Acker völlig unerschlossen sind. Ab Ketchikan starten allerdings Wasserflugzeuge und zeigen Touristen, was unter ihnen zu sehen ist: Bis zu 300 Meter tiefe Fjorde, Granitwände, 1.000 Meter hoch und senkrecht abfallend, von Gletschern rund geschliffenen Berge der Boundary Ranges und Regenwald, in dem Sitkafichten und Hemlocks dominieren. In das Herz des Wildnisgebietes zieht auch ein langer und tiefer, von Tourbooten genutzter Wasserweg, während für die Benutzung der von der Forstverwaltung im Schutzgebiet unterhaltenen Hütten Führer und Seekajak unbedingte Voraussetzungen sind, um die mit Grizzlys, Schwarzbären, Maultierhirschen, Bergziegen, Elchen und Wölfen bestückte Wildnis sicher zu erleben.
Unterwegs hat es heute Nachmittag fast immer leicht geregnet, doch könnte der helle Himmel im Süden signalisieren, dass es morgen wieder besser wird. Mit dieser Hoffnung verdrücken wir uns in die Snack-Bar und bestellen zwei große Schüsseln Chilibohnen, die wir mit der Creme Fresh aus dem Supermarkt noch etwas aufwerten. Es ist letztlich ein guter Eintopf mit viel Fleisch und zwei Scheiben Toastbrot für jeweils 1.76 Dollar. Kostenlos ist allerdings das „Amüsement“ am Tisch gegenüber. Dort sitzen „zwei Vierecke“, die uns später erzählen, dass sie Mutter und Tochter sind, aus Manitoba kommen, und die Jüngere Lehrerin in Yellowknive bei den Eskimos ist. Beide haben sehr hübsche Gesichter, aber auch – ist man gnädig – jeweils etwa fünfzig Kilo zu viel. Das drückt die Kürnote und bestätigt den uralten Spruch, dass von Nichts auch Nichts kommt. Was das Essen angeht, so hat „das Kind“ ordentlich aufgeladen: Einen großen Nudelsalat, zwei doppelte Burger und eine große Portion Pommes, auf die noch ordentlich Ketchup kommt. Beim abschließenden roten Wackelpudding scheint das Girl dann recht zufrieden zu sein, denn sie nickt uns lächelnd zu, tippt mit dem Löffel auf die Süßspeise und meint „it’s great, you should try it“. Dass so viel Futter auch durstig macht, war zu vermuten, dass Frau Lehrerin aber neben dem Halben-Liter-Kaffeebecher auch noch ein Stück Kuchen zum Tisch mitbringt, eher nicht. Schnauf, schnauf. Auf den letzten Meilen verliert sich der Eindruck vom offenen Meer. An seine Stelle treten kleine Inseln, und die Fähre steuert direkt auf eine „grüne Wand“ aus bewaldeten Bergen zu. Kurz vorher, dort wo die Grain-Mill steht, dreht sie 90 Grad nach links und tastet sich im ausgesteckten Gewässer zwischen zwei Inseln langsam vorwärts, ehe sie nach rechts zum Dock abbiegt und rückwärts anlegen muss. Eine Meisterleistung, denn der trichterförmige Liegeplatz passt auf Anhieb haargenau.
Wieder festen Boden unter den Füßen streichen wir kurzerhand den Hotelbus und sind fünf Minuten später für sechs „Taxi-Dollar“ im „Howard Johnson“, dass uns für insgesamt 73 Dollar ein ordentliches Doppelzimmer für zwei Nächte reserviert hat. Dieses Hotel hatten wir gezielt gewählt, weil „National Car Rentals“ dort ein Büro hat, und damit unser „MG Impala Full Size“ morgen früh sieben Uhr auf dem Hotelparkplatz abholbereit steht. Damit wollen wir dann erst in die Stadt zu Adventure Tours, denn bei Dough und Debbie Davis haben wir für 240 Dollar eine Bootstour ins Grizzly-Schutzgebiet Khutzeymateen Valley gebucht, und am späten Nachmittag weiter nach Terrace, wo wir „Harry“ treffen, um mit ihm in sein einsames Camp zu fliegen.

Mit Harry‘s Guide im Bärenland

Für Schneeziegen ist das Fernrohr nötig

La Basilique Notre Dame, Montreal
Busch und Großstadt – Kitimat Mountains und Montreal
Das Khutzeymateen, 45.000 Hektar groß, ist Kanadas erstes und einziges „Grizzly-Bear-Sanctuary“, das 1994 zum Schutz dieser Vierbeiner 45 Kilometer nördlich von Prince Ruppert in der gleichnamigen Bucht gegründet worden ist. In der Sprache der Tsimshian Nation, die an der Gebietsverwaltung beteiligt ist, bedeutet der Name „ein Ort der Bären und Lachse“. Die Besucherzahlen sind strikt limitiert und der Zutritt nur mit professionellen Guides per Boot erlaubt. Unser Skipper ist ein von vielen Sommersprossen geprägter Mittdreißiger, äußerst lustig und hier aufgewachsen. Sein Boot steuert er durch ein Gewirr von Inseln und erreicht nach zwei Stunden Fahrt das auch von Elchen, Wölfen, Wasservögeln, Orcas und Buckelwalen bewohnte Khutzeymateen Tal, in dem sich Berge, Wald, Inseln, viele saftig-grüne „Pockets“ und Wiesenränder finden, die den etwa 50 Grizzlys genügend Futter anbieten. Fünf von ihnen können wir auf der sechsstündigen Tour, die für die Rückfahrt eine andere Route benutzt, auch aus der Nähe beobachten, denn der Mann am Steuer stellt dann stets den Motor ab und lässt sich ganz sanft bis auf etwa 20 Meter ans Ufer treiben. Ob diese Tour ihr Geld wert war? Ich denke schon, denn der Tag war sonnig, die Fahrt durch diese Landschaft sehr schön und die Grizzlys eine nette Zugabe. Wer hier mehr möchte, kann auch das haben, allerdings ganz exklusiv und zu ganz anderen Preisen. Zwischen 1.700 und 3.600 Dollar bietet das Familienunternehmen „Ocean Light II Adventures“ mit Skipper Chris Tulloch und seiner Segeljacht Touren zwischen vier und zwölf Tagen an, wobei das Non Plus Ultra die geführte „Great Bear Tour“ sein dürfte, die in 8 bis 11 Tagen die Regenwaldregion der B.C.-Küste vom Skeena River bis zum Rives Inlet erkundet. Dieser größte intakte temporale Küstenregenwald der Erde ist mit seiner Vielfalt und seinem Leben – alte Hemlock- und Zedernwälder, Grasregionen, Wasserfälle, wilde Bäche, achtzig Flüsse voller Lachse, Küstengebirge, Wölfen, Grizzly und Kermode Bären – auf einem Segler ganz gewiss ein großartiges Erlebnis.
Wieder zurück in Prince Ruppert steuern wir unseren Sechszylinder „Full Size“, dessen Kofferraum unsere zwei Hartschalenkoffer und die Reisetaschen bequem schluckt, nach einem kurzen Imbiss auf dem Yellowhead Highway entlang des Skeena Rivers. Unser Ziel ist das 150 Kilometer entfernte Terrace, wo wir gegen 18 Uhr 30 mit Harry McCowan im Hotel verabredet sind. Zusammen mit Straße und Fluss zwängt sich hier auch die Eisenbahn durch den schmalen Spalt, den die Gletscher einst durch das Küstengestein schabten, und der auf beiden Seiten von steilen, bewaldeten Hängen gesäumt wird. Es ist eine schöne Fahrt, auf der sich auch Angler, Brücken und Wasserfälle ins Blickfeld drängen. Terrace, ein überaus nettes, sauberes und größeres Städtchen als erwartet, ist eine der am längsten dauerhaft besiedelten Gegenden der Welt und war, lange bevor die Europäer kamen, eine der am dichtesten besiedelten Region nördlich von Mexiko. Der Skeena River bot den hier lebenden Tsimshian Nahrung, Schutz und diente ihnen als Transport- und Kommunikationsstraße. Ihre Kanus, die 4.000 Pfund tragen konnten und fünf Ruderer verlangten, mussten sie „kaufen“, denn auf den Bau dieser Boote waren die Haidas auf den Queen Charlotte Islands spezialisiert. Terrace hat aber nicht nur das Skeena River Tal als Pluspunkt, sondern mit schneebedeckten Bergzügen, Wäldern, dem grünen Sleeping Beauty und dem felsigen Thornhill Mountain oder dem von sandigen Ufern gesäumten Lakelse Lake auch eine nahezu perfekte Umgebung, die Outdoor Fans begeistert. Mit der Shames Mountain Ski Area und dem Onion Lake Ski Trail für Langläufer und Snowmobile muss sich der Winter vor dem Sommer aber auch nicht verstecken. Hinzu kommt die nördliche Lebensart mit gemäßigtem Tempo, Freundlichkeit und Sicherheit, und der nahe Ozean und die Küstenberge garantieren warme Sommer und schneereiche, milde Winter. Und die Fahrt oder der Flug nach hier stimmen bereits auf Urlaub ein.
Terrace ist auch ein Platz der roten Fische und weißen Bären. Bei den Schwimmern sind es vornehmlich Chinook-Lachse, die jedes Jahr aus dem Ozean in die von Gletschern gespeisten Flüsse, Bäche und Seen zurückkehren, um hier zu laichen und, wenn der Nachwuchs gesichert ist, auch zu sterben. Vierzig bis sechzig Pfund schwere Lachse sind im Skeena- oder Kitimat River keine Seltenheit, doch kam der hiesige Rekordfisch aus den The Remo Flats und wog stolze 92 Pfund. Liliputaner sind dagegen die Eulachons, ein fingergroßer Fisch, der nach der Eisschmelze ebenfalls zum Laichen in die Flüsse Skeena und Naas kommt, und dem, wie den großen Brüdern, auch die Räuber folgen: Seelöwen, Robben, Adler und Möwen, der Mensch sowieso. Jahrtausende lang stellten die Indianer dem Winzling nach, um aus ihm Fischöl für ihren Handel zu gewinnen. Dass er den Beinamen „Candle-Fish“ erhielt lag an seiner Eigenschaft, im getrockneten Zustand wie eine Kerze zu brennen.
Der Skeena Fluss, den die Ureinwohner „K’shian“ – Wasser aus den Wolken – nannten, und an dessen Ufern zur Laichzeit Angler neben Angler seiner Lieblingsbeschäftigung nachgeht, ist jedoch ein Gewässer, das Respekt verlangt. Sein Pegel kann sich an einem einzigen Tag um fünf Meter steigern und insgesamt um mehr als 18 Meter schwanken. Er riss auch schon Löcher in die Planken der Flussdampfer, deren Kapitäne sich schon damals darüber einig waren, dass er wohl der raueste Fluss in Nordamerika ist. Mit 152 Zentimeter Gefälle pro Meile, Stromschnellen, Whirlpools, unbekannten Kanälen, Canyons und sich stetig verändernden Sandbänke sorgten er dafür, dass die Dampfer, die ihn einst befuhren, für unsere heutige gemächliche Neunzig-Minutenfahrt 35 Stunden brauchten, um den gleichen Abschnitt zu bewältigen. Diese „Riverboats“ operierten auf dem 180 Meilen langen Gebirgsstrom aber nur für 22 Jahre, und als Letzter stellte der Sternwheeler „Inländer“ seinen Dampfkessel ab, als im September 1912 die Eisenbahn die Geschäfte übernahm.
Eine der großen Segeltouren mit der Ocean Light II Adventures hätte mich schon gereizt, aber um die Schönheiten eines Landes kennen zu lernen, dazu braucht man keinen Luxus, das geht auch rustikal und ist dann oft viel schöner. Und eine solche Alternative fanden wir mit „Harry“, bei dem die Anzahl der Tage in seinem Buschcamp, als auch die Unternehmungen mit ihm, ausschließlich von unseren Wünschen abhingen. Und Harry, groß, hager, Mitte vierzig und sehr kühl wirkend, erschien, wie verabredet, in der Hotel-Lobby des Terrace-Inn auf die Minute pünktlich. „Kühl“ war der Mann aber keinesfalls, nur absolut korrekt, und auf die kurze Begrüßung folgt wie in einem Satz: „Die Übernachtung hier könnt ihr vergessen, alles schon geregelt. Bei diesem Superwetter fliegen wir sofort zu meinem Camp. Mein Truck steht draußen, fahrt mir einfach nach.“ Dann dreht er sich schon wieder zur Tür, marschiert raus, und wenige Minuten später folgen wir schon seinem roten Pickup, der nach einigen Kilometern den Yellowhead Highway verlässt und auf die „37“ Richtung Kitimat einbiegt. Am Lakelse Lake Provincial Park biegt Harry erneut ab, und über einen von hohen Fichten gesäumten Schotterweg erreichen wir sein Seegrundstück. Dort scheint er sofort zu merken, dass ich beeindruckt bin und meint, dass er das (sehr schöne) Blockhaus erst kürzlich fertiggestellt hätte, ich die Hälfte des Grundstücks kaufen und „mein“ Haus darauf bauen könnte. Zwanzig Jahre jünger hätte ich den Kaufvertrag für die Hälfte dieser traumhaften zweitausend Quadratmeter mit gewaltigen Zedern, Fichten und Tannen wohl sofort unterschrieben, zumal die umgerechneten 180.000 Euro, die Harry für Haus und Grund bezahlen musste, für deutsche Verhältnisse ein geschenkter Preis sind. Dazu den See, das nette Städtchen Terrace und die majestätische Umgebung, zu der auch die Lyton Hot Springs gehören, die volumenmäßig zu den größten heißen Quellen der Welt zählen. Die Natur hat hier aber noch mehr zu bieten. So den 90 Kilometer langen, von Fels und Regenwald gesäumte Douglas Channel mit Seelöwen, Orcas, riesigen Heilbutts, Lachsen, Grabben und Adlern, Gribbell Island mit seinen Kermote Bären oder die, im traditionellen Haisla Territorium liegende Kitlope Heritage Conservancy mit ihren bis zu 800 Jahre alten Bäumen. In unmittelbarer Nähe verläuft auch die Inside Passage und etwas entfernter, aber immer noch vor der erweiterten Haustür, der Yukon und Alaska. Mehr Natur kann man nicht erwarten. Zu schön, um davon zu träumen, für einen Neuanfang ist das aber zu spät.
Vor Ort geht dann alles sehr flott. Ob wir die Koffer ins Haus bringen, oder im Auto lassen möchten, sei völlig egal. „Hier kommt nichts weg, du brauchst auch gar nicht abschließen“. Also Reisepapiere, Pass und Travellers Schecks (um die Fuhre zu bezahlen), Jacken, Pullover, Wanderschuhe … und ein kleines Gastgeschenkt in den Rucksack, Koffer wieder zu, Auto abschließen und ab zum Flieger am Bootssteg, denn der war schon startklar. Sabine nach hinten (sie braucht Rundumsicht für die Kamera), ich neben Harry, Kopfhörer auf, anschnallen, Fenster zu und ab geht’s. Das Ding flitzt wie auf Schienen über das glatte Wasser, ist am Seeende schon weit mehr als 100 Meter in die Lüfte geklettert, und vor uns liegen etwa fünfzig großartige Minuten. Auf Englisch würde man sagen “jaw-dropping scenery awaits you around every turn“. Und genauso ist es auch. Was unter uns liegt, ist eine ganz andere Welt. Berge, grün bewachsen bis zur Spitze, recken sich 2.000 Meter vom Seelevel fast bis zu uns herauf oder grüßen seitlich von höherer Warte mit Gletschern und steilen Felswänden , deren Granitmassen sich unüberwindlich kreuz und quer stellen. An ihrer Basis ungezählte Seen und Täler, die Gletscher über Jahrmillionen geformt und den Fels geschliffen haben, und in denen sich Wälder ausbreiten und an die Hänge klammern, soweit das Auge reicht. Zahllose Bäche stürzen hier zu Tal und springen den, sich wie glänzende Bänder durch die Täler windenden Flüssen oder smaragdgrün schillernden Seen entgegen. Was wir hier sehen ist eine grandiose Wildnis, unwahrscheinlich schön, aber auch absolut menschenleer, ohne Wege, abweisend, unzugänglich und Fehler nicht verzeihend. Und das da unter uns ist die Kitimat Range, eine der drei Küstensubregionen Kanadas, die vom Naas River im Norden bis Bella Coola im Süden reicht und im Osten an die Hazelton Mountains grenzt. Sie ist zwar niedriger als der südliche Nachbar, die Pazifik Region, aber wesentlich rauer und mit zahlreichen Küsteneinschnitten und fjordartigen Seetälern auf der Interiorseite des Gebirgszuges versehen. Bedenkt man, dass allein die 58.000 Hektar große Gitnadoix River Recreation Area, wo sich ähnlich wie im kalifornischen Yosemite Valley die Szenerie vom Talgrund bis hinauf in die Granitspitzen durch alle Vegetationszonen ausdehnt, nur ein kleiner Flecken in den Kitimat Bergzügen darstellt, begreift man ihre Weite.
Die Chesna fliegt hier über ähnliches Gebiet, und meist eng an den Hängen entlang. Wegen der Thermik, nehme ich an. Und wenn Harry Bergziegen entdeckt, dreht er eine Extrarunde um oder über den Berg, um uns die schwer auszumachenden, und von weitem mit Schneeflecken zu verwechselnden Tiere aus der Nähe zu zeigen. Das führt auch unweigerlich zum „Luftanhalten“ weil man glaubt, der Viersitzer könnte die Bergspitze streifen. Der schnelle Blick auf das entsprechende Instrument lässt zwar sofort wieder durchatmen, doch kommt die eigentliche Gänsehaut erst nach dem Gipfel, denn dort stürzen Fels und Blick mindestens 2.000 Meter in die Tiefe. Auch wenn das nur für einen Moment gilt bis sich der nächste Klotz wieder aufrichtet, über den es hinweg oder vorbei geht, es ist gewöhnungsbedürftig. Auf vielen dieser Bergplateaus glitzern kleine, in vielen Nuancen schimmernde Seen oder große Pfützen. Anderswo hängen Schneebretter am Granit oder füllt Eis eine Senke. Für Sabine heißt das „Arbeit“, denn bei so viel Anmut hat sie alle Hände voll zu tun und rutscht vom linken zum rechten Fenster und wieder zurück, um ja nichts zu versäumen.
Als Harry nach 50 Minuten irgendwo zwischen den Bergen zur Landung auf einem See ansetzt, an dem es nur ihn und sein Camp gibt und Nachbarn sowieso nicht, waren wir eigentlich schon restlos zufrieden, denn es war eine wunderbare Welt, die er uns gezeigt hatte. Der See hat keinen Namen und keine Fische, ist eiskalt und kristallklar, und der Pilot nennt ihn „Europe Lake“. Warum er diesen Namen wählte, weiß er auch nicht mehr, einfach so. Ist ja auch egal. Ringsum Natur pur, das reicht. Ehefrau Carol und Guide Wayne winken uns zu, und ziehen die Maschine rückwärts an ihren Liegeplatz damit wir trockenen Fußes über „Schwimmballons“ ans Ufer gelangen können, wo auf einer Holztafel die Hausnummer 44 vermerkt ist. Gebaut hat das unser Gastgeber alles selbst. Mit der Chesna den Platz gefunden, Boot und Säge eingeflogen, Bäume gefällt, Bretter und Rundhölzer geschnitten und zu Blockhütten zusammengefügt. Betten, Tische, Regale und die Kücheneinrichtung entstanden auf die gleiche Art, in Handarbeit der McCowan-Familie. Nur der Gasherd, sein Betriebsstoff und der Benzinvorrat kamen wie wir auch, per Wasserflugzeug. „Schön“ im europäischen Sinne ist das alles sicherlich nicht, aber perfekt praktisch, wie die Weinlagerung in der Hundehütte lustig, funktionell und blitzsauber. Die Küche dient gleichzeitig als Aufenthaltsraum und hat an der hinteren Wand zwei Doppelstockbetten für die Familie. Eins der beiden untersten ist besonders lang, und daran steht „Koch & Pilot“, Harrys Doppelfunktion. In den Gästehütten mit je zwei Doppelstockbetten, Waschbecken, Dusche, Regalen, Schuhbank, Kleiderhaken, Gasofen und elektrischem Licht ist Notwendiges vorhanden, denn das Wichtigste ist hier die Natur, nicht der Wohnkomfort. Bleiben noch zwei Dinge: Strom erzeugt ein Generator, und die Wasseraufbereitungsanlage bedient sich aus dem See. Der überdachte Boardwalk nach dort ist mit Lichtsensoren ausgestattet, wie auch der dreißig Meter lange Weg zum WC. Das „Häuschen“ hat allerdings nur zwei Wände, eine im Rücken, die andere links als Tür, die gleichzeitig auch die Frei- oder Besetztfunktion übernimmt, und eine offene „frei“ signalisiert. Die beiden anderen Seiten sind natürlicher Art, tiefster, dichter Busch. Aber was soll’s, die Hygiene stimmt, und unterwegs ist hier ohnehin niemand, denn hinter der Hauswand beginnt die Wildnis. Mit Jahrhunderte altem Wald, Vogelgezwitscher, Adlern und Bären. Selbst Forststraßen fehlen hier, und in weite Teile dieser Gegend hat bisher noch nie ein Mensch seinen Fuß gesetzt, weder Harry noch Wayne. Und als abends die Steaks auf dem Grill liegen und wir mit einem Glas Rotwein mit unseren Gastgebern auf die neue Freundschaft und ein paar schöne Tage anstoßen, hätte es die Welt mit uns kaum besser meinen können.
Gekommen waren wir wegen der Natur und des besonderen Erlebnisses. Das Programm überließen wir zwar dem Hausherrn und die Führung Wayne, doch unsere ganz speziellen Wünsche für die kommenden Tage, die wollten sie aber schon hören: Bären, Elche, Schneeziegen, Gletscher, einsame Seen, Hochtäler, Wasserfälle, Fjorde, Lachszüge, Wale und Kermode-Bären. Auf unseren Streifzügen zeigten sich diese weißen „Spirit-Bären“ allerdings nicht, und ein zusätzlicher Ausflug nach Gribbell – oder Princess Royal Island, wo sie verstärkt auftreten und man einen ortskundigen Führer braucht, hätte nicht nur unser Budget überstrapaziert, sondern auch den Zeitplan gesprengt. Alles andere wurde aber erfüllt. In wasserdichten Neopren-Latzhosen mit angeschweißten Gummistiefeln standen wir im Fluss und sahen die Lachse um uns herum vorbeiziehen; marschierten durch taufrisches, mannshohes Gras, um Elchen zuzusehen, wie ihnen Wasserpflanzen schmeckten; standen auf namenlosen Gletschern, saßen inmitten blühender alpiner Wiesen und genossen das mitgebrachte Vesper; kletterten auf Bergrücken, suchten den Weg durch dichten Regenwald über umgestürzte, von dickem Moos bewachsene Baumriesen, zwängten uns an gewaltigen Felsbrocken vorbei und durch dichten Bewuchs; lehnten an uralten Zedern oder ließen uns die köstlichen Salmon-Berries munden. Wir sahen mächtige Weißkopfseeadler von der Thermik getragen ihr Reich inspizieren, Bergziegen spielerisch leicht an Felswänden nach oben verschwinden und Bären mit und ohne Nachwuchs. Und wir genossen auch die stillen Stunden, in denen das Kajak fast lautlos über den See glitt, und die Chesna erlaubte Blicke, die sich gegenseitig an Schönheit überschlugen. Wir holten mit Harry die Krabben-Reuse ein und flogen zum „Carol-See“, der sich am Fuße eines namenlosen Gletschers befindet und seine eigene Story hat: Vor Jahren haben unsere Gastgeber diese Gegend erkundet und mussten wegen eines Motorschadens dort landen, übernachten und warten, bis ein anderer Pilot das benötigte Ersatzteil brachte. In jener Nacht hat Harrys Frau so erbärmlich gefroren, dass er diesen See nach ihr benannte. Auf alle Fälle hatten wir „hier im Busch“ eine großartige Zeit, die ihr Geld wert, und viel zu schnell vorbei war. Carols Kaffee war erstklassig wie alles andere im Detail auch. Dass Kombination oder Reihenfolge beim Frühstück in Europa ganz anders geordnet wären, was soll’s. Mich störten auch süßes Rosinenbrot mit Grillwürstchen, oder Honig-Eierkuchen mit Eier und Speck nicht. Man muss nur seine eigene Reihenfolge finden, erst das Süße, danach die herzhaften Dinge, oder umgekehrt. Absolut einig waren wir uns aber bei den 27 fangfrischen Krabben, die waren absolut köstlich. Auf dem Weg zurück zum Auto fliegt Harry eine ganz andere Route. Und wieder leuchten Flüsse wie silberne Bänder zu uns herauf, glitzern Seen grün und blau, huschen Berge, Gletscher und verschneite Kämme vorbei, und die Landschaft zieht wie ein wundervolles Gemälde vorüber. Und als die rot-weiße Maschine auf dem Lakelse See wieder aufsetzt, gehen für uns ganz besondere Tage zu Ende, die wir sicherlich nie vergessen werden. Ehe wir uns jedoch verabschieden und einen kurzen Trip nach Kitimat unternehmen, ist Harry gleich wieder der absolut Korrekte: Vor dem Abflug hatte er sofort die offene Hand ausgestreckt und bemerkt, dass ich die Tour bisher nur angezahlt hätte. Jetzt kam er unaufgefordert auf mich zu und hielt mir die 50 Dollar entgegen, die ihm vor einigen Tagen als Wechselgeld gefehlt hatten …
Kitimat ist zwar auch ein „Tor zur Wildnis“, und in seinem Radley Park steht mit der „Giants Spruce“ die älteste Fichte des Tales, doch gilt sein 1950 bis 1954 gebauter „Alcan Kitimat Works Aluminium Smelter“ (geführte Touren) als die eigentliche Attraktion. Diese Schmelzanlage ließ damals die Stadt, den Kenny Damm im Nechako River Canyon und das Kemano Kraftwerk mit diversen Nachfolgeeinrichtungen mitten in der Wildnis entstehen und sorgte für schnellen Aufwärtstrend des neuen Ortes. Seine berühmte Sitka-Fichte, die 1983 als größter Baum British Columbias gesetzlich unter Schutz gestellt wurde, stand auch längst an ihrem Platz, als die weißen Newcomer auftauchten und dieses Land mit den Indianern teilten. Inzwischen gelten für den Baum mit den zwei bis drei Zentimeter langen, harten und scharf zugespitzten Nadeln mehr als 500 Jahre Vergangenheit und, in Metern ausgedrückt, 50.32 Höhe, 11.2 Umfang und 3.35 Durchmesser als Fakten. Die Sitka Spruce, eine Fichtenart, die sich an das feuchte Küstenklima angepasst hat, wächst entlang der pazifischen Nordwestküste und auf den angrenzenden Inseln. „Sitka“ entstammt der Tlingitsprache und bedeutet „am Meer“. Wegen ihrer starken und elastischen Fasern wird sie von der Flugzeugindustrie bevorzugt, als auch zum Bau von Segelmasten und Gitarren verwendet, während die Indianer aus ihren Wurzelfasern Körbe flochten. Für diese Fichten gibt es aber auch noch einen anderen Namen, den der Haisla Indianer im Kitimat Village, die sie Su-su-kaas nennen. Das 9.000-Seelen-Städtchen hat aber nicht nur diesen alten Baum zu bieten, sondern auch Outdoor-Möglichkeiten: So die Lachszüge im Kitimat River, die von Juli bis September in der Folge Chinook, Chum und Coho eintreffen, Wanderwege wie den Pine Creek Trail, die Mount Layton Hot Springs nördlich an der Nr. 37, die Kitlope Heritage Conservancy Protected Area oder das Indianerdorf Kitamaat auf der Ostseite des Douglas Channels, dessen Schule sich in der Form eines Fisches präsentiert. Während die Haisla-Indianer im Kitimat Valley schon seit Jahrhunderten lebten und das Tal der „People of the Snow“ nennen, führt heute, neben individuellen Ausflügen per Wasserflugzeug, auch eine fünftägige Tour in das mehr als 320.000 Hektar große Schutzgebiet, auf dessen mehrstündiger Anreise (Gardener Kanal-Kitlope River-Kitlope Lake) auch Wale, Robben, Bergziegen oder Bären zufällige Begleiter sein können. Entgegengesetzt und nördlich von Terrace etabliert, bietet sich für einen Ausflug noch das Dorf New Aiyansh der Nisga’a Indianer an, denn die nach dort führende Straße zieht durch schöne Natur, und im „Nisga’a Memorial Lava Bed Park“ steht man dort, wo im Herbst 1750 ein Vulkan explodierte, der im Tal mehr als 2.000 Indianer und ihre Dörfer begrub.
So schön der Flug von Prince Ruppert, mit Anschluss nach Montreal, über die Küstengebirge nach Vancouver auch war, mit der „Travel Lodge“ am Rene-Levesque-Boulevard im Zentrum der Großstadt und in der Nähe von China Town hatten wir einen absoluten Fehlgriff gelandet. Das Hotel liegt nicht nur in einer unschönen Ecke, sondern der „gesamte Laden“ schien so unprofessionell zu sein, wie das Personal unfreundlich. Es bedurfte jedenfalls einiger Energie, die uns zugedachte Bleibe gegen ein Zimmer zu tauschen, dass die Bezeichnung „Standard“ wenigstens in Ansätzen erfüllte. Damit war der Start in der Millionenmetropole zwar ein ärgerlicher, doch für den Rest unserer vier Tage konnten wir der werbenden Überschrift des Stadtplanes uneingeschränkt zustimmen: Beautiful, exciting, friendly…
Die zweitgrößte französischsprachige Stadt liegt, mit 4,3 Millionen Einwohnern in der Provinz Quebec auf einer Insel im mächtigen St.Lorenz Strom dort, wo der Ottawa River in ihn einmündet. Die Stadt ist, acht Flugstunden von Paris entfernt und dazwischen der Atlantik, die Schnittstelle der beiden Gründervölker. Kulturell und kulinarisch gesehen, befindet sich der markante Höhenzug Mount (Mont) Royal auf der Ile de Montreal aber direkt neben dem Mountmatre. Die Abbruchorgie überlebten nur ein paar alte Gebäude, die heute den Lebensraum mit Glaspalästen amerikanischen Ursprungs teilen. Die Weltausstellung 1967 und die Olympischen Spiele neun Jahre später waren Triebfedern des Fortschritts, dessen eigentlicher Start 350 Jahre früher erfolgte, als der Franzose Samuel de Champlain 1611 unterhalb der Lachine-Stromschnellen des St.Lorenz Stromes einen Handelsposten errichtete. Die ersten Wege in dieses Gebiet hatte allerdings sein Landsmann Jacques Cartier schon 1535 geebnet, als er diesen Fluss mit seinem Segler befuhr und auf ein Indianerdorf namens Hochelaga traf, das damals auf der Höhe der heutigen Millionenstadt lag, für die inzwischen auch Hochseeschiffe längst zum Alltag geworden sind. Bis zur Stadtgründung sollte aber ein weiteres halbes Menschenleben vergehen, denn erst 1642 legte Paul de Chomedey Sieur de Maisonneuve mit seinen Siedlern und Soldaten dort an, wo sich heute die Altstadt präsentiert, am Pointe-a-Calliere. Lange konnten sich die Franzosen ihrer „kanadischen Kolonie“ aber nicht erfreuen, denn beim „Frieden von Paris 1763“ fiel das drei Jahre früher eroberte Land an die Briten. 1825 und 1836 gingen ebenfalls in die Geschichte der jungen Stadt ein: Zunächst mit dem Bau des „Canal de Lachine“, der die gefährlichen Stromschnellen umging und den St.Lawrence River auf seinem Weg vom Lake Ontario zum Atlantischen Ozean nach Norden weiter schiffbar machte. Danach war es die Eisenbahn, die ihrerseits für weiteren Aufschwung in der kommenden Metropole sorgte.
Von historischer Bedeutung, und wiederbelebt durch Restauration und Tourismus, ist in Montreal nur das Altstadtviertel Vieux-Montreal mit dem Place Jacques-Cartier und seinem Nelson Denkmal unten am Fluss. Mit Kutschfahrten auf Kopfsteinpflaster, Pubs, Clubs, Restaurants, Straßencafés, Souvenirläden und Blumenbeeten ist es Anziehungspunkt wie der Vieux-Port mit dem 1922 erbauten Uhrturm, vor dessen oberstem Aussichtsdeck 192 Stufen liegen. Der Blick auf das Stadtviertel an der alten Hafenfront, die vom Meer etwa 1.600 Kilometer entfernt ist und als Freizeitzentrum eine neue Bedeutung erlangte, lohnt sich aber doch. Unten auf der Promenade fährt die Jugend wie in Kalifornien auf Rollerplates entlang der alten Dogs und Lagerschuppen. Schattige Gassen der Altstadt mit traditionell französischem Charme laden zur Besinnlichkeit ebenso ein, wie die Basilique Notre-Dame-de-Montreal. Diese Meisterleistung der Baukunst, die im Herzen von Vieux-Montreal auch äußerlich prachtvoll in den kanadischen Himmel ragt, Gläubige und Touristen mit elf Tonnen schwingendem Metall – der gewaltigsten Glocke Nordamerikas – zur Andacht in ihr Inneres ruft, bietet 3.500 Menschen Platz und hat vom Eingang bis zum Altar auf der gegenüberliegenden Seite ein Gefälle von vier Metern. Ein blauer, mit Sternen übersäter künstlicher Himmel bewacht einen herrlichen Altar mit Holzschnitzereien und ähnlich gearbeiteten Kanzeln und Emporen. Sakrale Skulpturen, elf bunte Glasfenster, Gemälde und Goldverzierungen setzen weitere Höhepunkte, und gemeinsam mit einer großartigen Akustik schaffen sie eine märchenhafte Pracht und vereinigen sich mit neugotischer Architektur zu einer faszinierenden Komposition. Diese Schönheit betört, die handwerkliche Kunst lässt staunen, und die Atmosphäre zwingt förmlich zur Ruhe, Einkehr und zum Nachdenken. Und wenn die Casavant-Orgel, mit 6.772 Pfeifen eine der größten des Kontinents, ertönt, fühlt man sich klein, winzig klein. Als das Gotteshaus 1829 von dem New Yorker Architekten James O’Donnel gebaut wurde, war es die größte Kirche Nordamerikas, während heute die der Basilika angeschlossene Chapelle du Sacre Coeur mit ihrem bronzenem Altar ganz besonders bei Hochzeitsgesellschaften Anklang findet. Unweit dieser Basilika, an der Nordostecke des 1657 angelegten Place Royal, erhebt sich mit dem Museum für Archäologie und Geschichte ein architektonisch extravaganter Bau, der über die Ursprünge der Stadt informiert, und dessen Turm einen sehr schöne Blick auf den Hafen gewährt.
Unsere nächsten Schritte führen zum Rathaus, dem Hotel de Ville, das mit seinem grünen Dach und Turm 1967 für Aufsehen sorgte, als Charles de Gaulle anlässlich der EXPO der versammelten Menge ein „freies Quebec“ zurief, und damit die Frage nach der Staatszugehörigkeit der Provinz anheizte. Weiter geht es zur Chapelle de Notre Dame, dem Marche Bousecours mit seiner silbernen Kuppel, und danach zum Chateau de Ramezey. Das unmittelbar neben dem bunten Obst- und Gemüsemarkt liegende älteste Gotteshaus der Stadt, die Kirche der Matrosen, ist nach ihrem Bau 1657 mehrfach abgebrannt, als Holz- und auch als Steinkonstruktion. Die heutige, von deren Decke von Seefahrern gespendete Schiffsmodelle herabhängen, die sie nach ihren Gebeten zurückließen, in denen sie um eine glückliche Heimkehr baten, stammt von 1885. Der „Marche“ bietet zwar immer noch Obst und Gemüse an, aber seine ganz große Geschäftigkeit verlor er schon 1964, als diese in das moderne Stadtzentrum abwanderte, und sich auch das „Chateau“, das für den 11.Governeur Montreals errichtet worden war, zum Museum gewandelt hatte. Vorbei am Vieux Palais de Justice von 1856 und, gleich nebenan und an der Ecke zum Boulevard St.Laurent, wo – am Place d‘Armes – Alt und Neu zusammentreffen und sich auch modernste Hochhäuser nach oben recken, lohnt noch ein Blick auf das Denkmal des Stadtgründers.
Das Chinesenviertel mit kleinen Läden, Ständen und Restaurants, das sich in der Nähe der Altstadt um die Rue de La Gouchetiere ausbreitet, ist eher wenig aufregend, sodass wir schon recht bald über den Boulevard Rene Levesque in das moderne Geschäftszentrum marschieren, dass sich völlig anders als die Altstadt zeigt. Es ist der Business Distrikt der Wolkenkratzer, der großen Hotels und Einkaufszentren mit dem unverwechselbarem Place Ville Marie, wo sich auf einem kreuzförmigen Grundriss ein verspiegelter Hochhauskomplex erhebt, für den der chinesisch-amerikanische Stararchitekt Ieoh Ming Pei verantwortlich zeichnete, der auch Hongkongs Bank of China und die Louvre-Pyramide in Paris entworfen hat. Hochmodern ist auch der Glaspalast, der mit einer öffentlichen Eislaufbahn im Voyeure empfängt, an der Rue de la Gouchetiere 1000 – seine Hausnummer – dessen Stockwerke beim Bau 1992 auf 50 begrenzt werden mussten, weil kein Bau in der Stadt den Mount Royal übertreffen darf.
Trotz aller Modernität wurde, in der Nähe des Eaton Centers, auch Altes wunderbar integriert. Hier steht, vor moderner Spiegelglasarchitektur, die kleine, gotisch inspirierte Christ Church Cathedral, der man aus Gewichtsgründen 1927 eine Turmspitze aus Aluminium spendierte, um das Problem des nachgebenden Bodens zu lösen. 1987 fand man eine intelligentere Idee und setzte die „Promenades de la Cathedral“ unter das Gotteshaus, womit die Kirche nun sicher auf dem Dach diese Shopping Mall steht. Spätestens hier, im modernen Geschäftszentrum, wird man auch daran erinnert, dass es im kanadischen Winter bitterkalt wird und stellt fest, dass das Labyrinth unterirdischer Shopping-Center zwischen den Plätzen Ville-Marie, Canada und Bonaventure auch aus dieser Sicht eine geniale Idee war. Dreißig Kilometer sollen es insgesamt sein, verflochten, quer verbindend, verwirrend und unendlich erscheinend, ihre Wege in der Tiefe suchend. Das „Ville Souterraine“ ist eine gewaltige Maulwurfsburg der modernen Konsumgesellschaft, und sie verbindet Kaufhäuser, Bürotürme, Metrostationen, Modeläden, Gemüsestände, Restaurants, Drogerien, Hotels oder Kinos miteinander. Der Sommer jedoch gehört der Lebensfreude, und die Großstadt zeigt sich von einer ganz anderen Seite, ziemlich französisch und leger, mit Segeln, Golf, Jazz- und Filmfestivals, Straßencafés, großen Sportveranstaltungen, Feuerwerk oder auch nur durch Ausgelassenheit. Im Sommer wird in vollen Zügen genossen, denn das Leben findet draußen statt, in zahllosen Parks oder dem bewaldeten Mount Royal, der majestätisch über der Stadt thront und einen grandiosen Rundblick über das Häusermeer und den St.Lorenz Strom gewährt. Eingeschlossen sind dann auch die „Bank von Montreal“ mit ihrem protzigem Portal und die „Banque Nationale de Paris“ mit der Menschengruppe „Illuminated Crowd“ vor dem Wolkenkratzer aus Glas und Beton, dessen Türme Macht verkünden. Die Blicke streichen dann auch über zahllose Museen für Geschichte, Kunst und Architektur, Kinos, Theater, das Studentenviertel „Quartier Latin“, die berühmten Einkaufstempel „Centre Eaton“ – eine fünfstöckige Galerie mit Restaurants, Geschäften und dem gleichnamigen Kaufhaus nebenan – und seinen Konkurrent La Baie, dessen Wurzeln zur berühmten Hudson‘s Bay Company zurückführen, und auf die McGill Universität. Ins Blickfeld rücken dabei auch Kirchen wie die „Cathedrale Marie-Reine-du Monde“, die sich an Roms Petersdom anlehnte und Sitz des Erzbischofs von Montreal ist, oder, am Place du Canada, die „Eglise anglicaine St.-George“ mit sehenswerten Holzarbeiten und Wandteppichen aus der Londoner Westminster Abbey.
Nach einer Bootsfahrt und dem erstaunten Blick auf ein ziemlich hässliches Wohnprojekt aus verschachtelten Betonkästen, errichtet zur Weltausstellung und „Habitat 67“ genannt, bleiben noch ein Bummel zur Rue St. Catherine, wo Montreals altes Einkaufsviertel pulsiert, und zum Place de Arts, an dem ein Ensemble aus Theatern, Konzertsälen und Ausstellungsräumen mit Treppen und Springbrunnen zum Innehalten animiert. Danach heißt unser Restprogramm Biotom, Botanischer Garten – die 1931 eröffnete Anlage, auf der eine kleine Bahn den Rundgang erleichtert, ist die größte ihrer Art in Nordamerika und präsentiert auf 70 Hektar mehr als 25.000 Pflanzenarten – und Olympiastadion, dessen 190 Meter hoher, geneigter Turm der Konstruktion eine kühne Architektur verleiht.
Insgesamt waren unsere Tage in der Stadt mit den zwei Gesichtern – amerikanische Hochhausarchitektur und französische Lebensart – voller Aktivitäten. Um hier und dort auch verweilen und den Moment genießen zu können, nutzten wir neben der große Stadtrundfahrt auch Ausflugsboot, Bus und Fähre, vor allem aber „Schusters Rappen“, um die Mischung aus Alt und Neu in diesem pulsierenden Zentrum der Province Quebec zu erleben. Wer des Französischen nicht mächtig ist, dem wird innerhalb der Stadt auch auf Englisch weitergeholfen. In der Provinz ist das aber nicht immer so, zumal man dort unbedingt „Franzose“ sein will und noch nicht vergessen hat, dass die Briten Montreal einst eroberten, und die Franzosen, die den Grundstein des späteren Pelzhandelszentrums gelegt hatten, vor rund 250 Jahren die Macht an die Sieger abgeben mussten.
Heute Abend werden wir uns in der Altstadt ein schönes Straßenrestaurant suchen, die französische Atmosphäre noch einmal genießen und in aller Ruhe Abschied nehmen. Nicht nur von Montreal, sondern auch von wunderschönen Wochen, die wir in diesem großartigen Land wieder erleben durften. Und wenn wir morgen in den Flieger nach Düsseldorf steigen, dann mit der Gewissheit „wir kommen wieder, ganz bestimmt“.
Nordatlantik und französischer Charme im Reiseland Ostkanada
Ostkanada, ja oder nein? Und wenn, müssen es dann nicht der Indian Summer mit seiner explodierenden Farbenpracht und die großen Metropolen der Millionenstädte sein, die wir schon kennen? Oder beides und die Niagarafälle? Oder hat das zweitgrößte Land der Erde auch im Osten, zwischen Atlantik, Hudson Bay, Manitoba und den großen Seen auch seine ganz besonderen Reize, die eine große Rundtour lohnen? Es hat sie. Ostkanada ist nur anders als der vielbesuchte Westen mit seinen Prärien, gigantischen Bergen, Touristenhochburgen und den unglaublichen Weiten, die sich Yukon oder North-West-Territories nennen. Auch Quebecs und Ontarios Norden sind fast unbewohnt, und wer mit der Fähre von St.Barbe nach Blanc-Sablon auf Labrador übersetzt wird feststellen, wie wenige Kilometer Straßen sich dort vorwärtstasten. Und so unterschiedlich die großen Städte sind – Toronto als amerikanisch geprägte Businessmetropole, Quebec eher eine charmante Lady und Montreal als französisch orientiert irgendwie mittendrin – so verschieden sind Sprache, Kultur und Natur. Vereint bieten sie aber ein Reiseland, das, wie generell in Kanada, einige Wochen „der schönsten Zeit des Jahres“ wert ist.
Jenseits von Quebec lockt ganz im Osten „Atlantic-Canada“ mit vier Provinzen und 2,4 Millionen Einwohnern, dem kleinen, rustikalen Charme versprühendem Prince Edward Island, New Brunswick mit Akadien-Dörfern und Nova Scotias Küste mit dem stürmischen Atlantik. Im Süden begeistert das Juwel „Bay of Fundy“, und im Norden sind die Panoramastraße auf Cape Breton Island und sein Highlands National Park Aushängeschilder. Das karge Neufundland bietet nicht nur seinen Vicking Trail, der hinauf in die Nachbarschaft Labradors zu den Vickinger Häusern von L’Anse-aux-Meadows und nach St.Anthony führt, wo Eisberge, Wale und Elche zu Hause sind, sondern auch sturmumtoste Klippen, Wälder und Einsamkeit. Sein Gros Morne National Park hält wunderschöne Touren zu Fuß oder per Schiff bereit, und hinter Namen wie Twillingate oder Bonavista verbergen sich typische Fischerorte, während im Süden das Cape St.Mary’s begeistert, auf dessen Felsen Millionen Seevögel brüten. In der Provinz Quebec, weiter innen im Lande, wo der gewaltige St.-Lorenz-Strom als Lebensader dieses Landstriches seine Bahn zieht und sich Flusslandschaften ausbreiten, schlägt das Herz „der Franzosen“. Und der Charme der lieblichen Gaspé Halbinsel steht ganz im Kontrast zu Niagaraon-the-Lake, das „very british“ wirkt. Ostkanada hat spiegelnde Wolkenkratzer aus Stahl und Beton, winzige Orte wie das felsige, bunte Peggys Cove oder das landschaftlich schöne Percé mit seinem felsigen Wahrzeichen „Rocher Percé“. Auch weite Felder, einsame Seen, reißende Flüsse und tiefe Wälder; strahlende Kathedralen, verträumte Kirchen und einsame Leuchttürme; alte Holzsägemühlen und historische Freilicht-Dörfer wie „Acadien“ an der „Baie des Chaleurs, National- und Provinzparks, wo Gezeiten den Flusslauf umkehren oder Wasserwanderer mit dem Kajak uneingeschränkte Möglichkeiten haben gehören ebenfalls zum Bild. Fisch, Krabben, Austern und Hummer gibt es in Hülle und Fülle, wie die Freundlichkeit der Menschen. Diese ist lediglich unterschiedlich in der Sprache und im Gemüt, britisch höflich oder französisch leger. Und in diesen Teil Kanadas flog uns – über Düsseldorf und Frankfurt – die Condor nach Halifax. Der Flug war angenehm, die Sitze eher nicht. Dafür geht auf dem kleinen Provinzflughafen alles sehr schnell, und nach einer reichlichen Stunde bestellen wir im sehr ansprechenden „Holiday Inn Selected“ schon unser Steak und können einen ziemlich langen Tag gegen 21 Uhr Ortszeit beenden.
Halifax und Nova Scotia
Der neue Morgen sieht uns in „Atlantic Canadas“ größter Stadt früh auf den Beinen, um das Wichtigste in Nova Soctias Hauptstadt zu erkunden. Den Rest heben wir uns für die Rückkehr am Ende der Reise auf, weil uns „Frazerway“ schon am frühen Nachmittag abholt, um im nahen Bedford unser Wohnmobil in Empfang zu nehmen. Am Hotel geht es gleich rechts um die Ecke und die Straße entlang, denn sie führt direkt zur sternförmigen Zitadelle und damit ins Zentrum, das sich um die George Street ausbreitet. Die City Hall, das Province House – Einheimische bezeichnen es als Kanadas schönstes Beispiel für „Georgian Architecture“ – , das Maritime Museum und die Wharf Historic Properties an der Waterfront des eisfreien Naturseehafens setzen hier die Eckpunkte. In den alten, schön restaurierten Häuserreihen kann man essen, in Boutiquen einkaufen, feiern und auch auf die Schnelle rustikal frühstücken. Zwei Gebäude, das „Pear 21“ und das „Privateers Warehouse“ (heute ein Pub, in dem man die Nacht zum Tag machen kann) haben in diesem Häuserkomplex besondere historische Bedeutung. Das Steingebäude, über dessen Eingangsportal „Pear 21“ prangt, fungierte als Einwanderungsgebäude (1928 bis 1971) und erzählt die Geschichte der Ankömmlinge an der Schwelle eines neuen Lebens mit Ausstellungen, Dokumentationen und Displays, die die Abläufe erklären, die vor den mehr als eineinhalb Millionen Immigranten lagen, als sie erstmals ihren Fuß auf kanadischen Boden setzten. Das Warenhaus von 1813 ist noch fünf Jahre älter als der Sitz der Provinzregierung in der George Street, mit dem das erst 1888 erbaute Rathaus zeitlich gesehen gar nicht mithalten kann. Das „Maritime Museum of the Atlantic“ erklärt Seefahrergeschichte, zeigt Schiffe und erzählt auch von der Titanic und der großen Explosion von 1917, als im Hafen ein französisches Munitionsschiff mit einem belgischen Versorgungsdampfer zusammenstieß und anschließend 2.000 Tote zu beklagen waren.
Gegründet wurde Halifax 1749 vom Gouverneur Edward Cornwallis und seinen 2.500 Siedlern als britisches Gegenstück zur französischen Festung Louisbourg. Damit wurde auch die alte Hauptstadt Annapolis Royale an der Bay of Fundy abgelöst, und seither kam die Stadt auf etwa 115.000 Einwohner. Rechnet man die Nachbarstadt Dartmouth, 1750 gegründet und wegen ihrer 23 Seen „City of Lakes“ genannt, und Ortschaften wie Bedford und Sackville dazu, dann erhöht sich diese Zahl auf 320.000 Menschen. Mit so vielen Einwohnern schwingt sich der Regierungssitz von Nova Scotia auch gleichzeitig zur Metropole der Provinz auf, in der Wirtschaft, Banken, Theater, Galerien, Märkte, Messen, Sport, die Nachkommen der frühen Einwanderer – Schotten und Franzosen – und die Mi’kmaq Ureinwohner prägend wirkten. Halifax verbindet Vergangenheit und Gegenwart, die auch in seiner Skyline verschmilzt. Elegante Architektur des 18. und 19. Jahrhundert verbindet sich mit ultramodernen Türmen aus Glas und Stahl, und dreispurige Straßen und Brücken bewältigen den Verkehr. Auch Nordamerikas ältestes Salzwasser-Fährsystem findet sich hier, und in seinem Terminal, das direkt hinter der Cable Wharf liegt, legen Boote für Hafenrundfahrten oder zum Tiefseefischen an, wie auch das Wassertaxi, das zum lieblichen McNab’s Island verbindet. Internationale Restaurants, die Sandsteinfassade der Art Gallery of Nova Scotia, die St.Paul’s Anglican Church von 1750 als ältestes Gebäude der Stadt, Parks und Seitenstraßen-Cafés gehören ebenfalls zum pulsierenden Stadtbild.
Auf dem Weg zurück zum Hotel führt der Kurzbummel die Treppen zur „Old Town Clock“ hoch, die auf Anweisung von Prince Edward, der die britischen Truppen der Stadt einige Jahre befehligte, gebaut wurde, und deren Uhrwerk unter einem kleinen grünbedachten, dreistöckigem Türmchen unterhalb der Zitadelle seit 1803 den Takt der Zeit verkündet. Die „Halifax Citadel National Historic Site“, vom Berg auf Altstadt und Hafen herunterschauend, zeigt von außen kaum mehr als einen Wall mit Schießscharten, die wie Einbuchtungen im gepflegten englischen Rasen anmuten. Für neun Dollar Eintritt gibt es innerhalb der sternförmigen Festung – eine Rundstraße schwingt außen die Spitzen aus – aber mehr, denn hier wird die Geschichte wieder zum Leben erweckt, mit stilgerechter Vergangenheit, dicken Mauern, Gräben, Geschützen der Royal Artillery oder britischem Militärleben, das Studenten in den roten Uniformen der „78. Highländer“ inszenieren. Ausstellungen, Signalmast, Wachablösung und Schottenröcke, Mannschafts- und Munitionsräumen, Armeemuseum, Regiments-Dudelsäcke und Trommeln, Schulraum, Sandwichbar, Visitor Center im Cavalier Building, Andenkenläden und der „Noon Gun“, dem alltäglichen 12 Uhr Mittagsschuss, der ab1856 zur Tradition wurde, gehören ebenfalls dazu. In Betrieb war die Festung, die nie einen Angriff erlebt hat, nur 50 Jahre. Gedauert hat dieser Bau, der vierte aus einer Serie britischer Forts auf diesem Platz, zwar 336 Monate, doch wurde er 1906 auch schon wieder aufgegeben. Heute ist die renovierte Vergangenheit ein Markenzeichen der Stadt und erinnert an die Schlüsselrolle, die Halifax als Marinestation des British Empire spielte.
Unser 22-Fuss-Wohnmobil steht bei Fraserway in Bedford, ist erstklassig ausgestattet und hat weniger als 7.000 Kilometer auf dem Tacho. Bedford, das sich am ruhigen Nordende des Hafenbeckens ausbreitet, ist eine der am schnellsten wachsenden Ortschaften in den Atlantikprovinzen, und ein dreispuriger Highway bringt uns schnell in den Ort, in dem sich viele Artisten, Studios, Restaurants, Geschäfte und allerlei Gewerke angesiedelt haben. Am Highway, der dem Bedford Basin folgt, liegt auch der Hemlock Ravine Park, der an eine der größten Liebesromanzen Nova Scotias erinnert und eine Brücke nach Europa schlägt. Auf diesem Parkgelände hatte einst Prince Edward, Duke of Kent, für seine französische Geliebte Julie St.Laurent ein Anwesen errichtet, von dem nur noch der nicht der Öffentlichkeit zugängliche Musikpavillon die Zeit überdauert hat, während die verwundenen Parkwege auch heute noch dort zusammentreffen, wo sich der herzförmige „Julie’s Pond“, ein Geschenk des Engländers an seine Geliebte, befindet. Ein gutes Ende konnte die Geschichte allerdings nicht nehmen, denn die königliche Stellung des Briten verbot die Heirat mit dieser Französin. An ihre Stelle trat 1818 offiziell die deutsche Prinzessin Victoria zu Sachsen-Coburg-Saalfeld, die der Prinzessin Alexandrina Victoria zu Kent das Leben schenkte und nach dem Tot von König Wilhelm IV. von 1837 bis 1901 selbst als Königin im Amt war. Prince Edward starb nach kurzer Krankheit schon 1820, sechs Tage vor seinem eigenen Vater King George III., und nur ein Jahr nach der Geburt seiner Tochter.
In Bedford fahren wir, wie am Anfang einer solchen Reise üblich, sofort zum Supermarkt, wo wir nach zwei Stunden für 300 kanadische Dollars alles in den beiden großen Einkaufswagen haben, was für die nächsten Tage an Lebensmitteln und Grundsätzlichem gebraucht wird, bis hin zu Alufolie und Alupfannen für den Grill und ausgerichtet auf „schnelle Küche“. Danach wartet dann „die große Freiheit“, fast uneingeschränkt von Zeit und nur der eigenen Wunschroute folgend. Und diese verläuft durch Nova Scotia auf dem Marine Drive entlang der Ostküste Richtung Norden. Um sich diese kanadische Provinz ganz oder teilweise mit dem Fahrzeug zu erschließen, bieten sich viele Möglichkeiten, auf einer Rundfahrt oder ausgesuchten Abschnitten. Letztere nennen sich Glooscap-, Evangeline- und Sunrise Trail, Halifax Metro, Marine Drive, Lighthouse Route, Cape Breton Island und Cabot Trail. Unser Konzept heißt: Wir werden am Anfang, auf dem Weg nach Neufundland, einen großen Teil Nova Scotias erkunden, und uns dem südlichen Rest am Ende unserer Reise widmen, wenn wir aus den USA Richtung Halifax zurückfahren. Von den beiden Möglichkeiten, die sich für Letzteres anbieten – über Land oder mit den Fähren, die in Bar Harbor, Maine und Saint John, New Brunswick starten und Nova Scotia an deren Südspitze zu Yarmouth oder in Digby, in der Bay of Fundy, erreichen – haben wir die Fähre nach Dingby gebucht.
Nova Scotia ist mit 7.600 Kilometern Küstenlinie und vielen unterschiedlichen Landschaften ein Küstenparadies mit uralten Fichten, Seevögeln, Robben und Walen, und nirgendwo in der Provinz ist man weiter als zwei Autostunden von dem, auf Klippen und Sandstrände treffenden Ozean entfernt. Von den 250 Stränden ähnelt kaum einer dem anderen, denn sie sind von weißem Sand, Dünen, groben Kiesel und steilen, senkrechten Klippen gekennzeichnet. Das Wasser kann abschreckend kalt, aber auch warm sein und zum Schwimmen einladen, und 71 der Provinzparks haben Strandzugang. Neu-Schottland ist auch eine kleine Insel mit großem Herz, mit schottischen Wurzeln, Farmland, Wäldern, lieblichen und wilden Landstrichen. Es gibt verträumte Buchten, das Anapolis Valley, dessen Äpfel schon seit 1882 in England beliebt sind, einsame Fischerdörfer, eine Südküste mit 32 Leuchttürmen, Hummerfang und sympathische, nette Menschen, die ihre Musik auch als Sprache ansehen, und die jährlich im Juli (2013 zum 150. Male) zu Antigosh nach schottischer Tradition ihre „Highland Games“ mit Dudelsack und Tänzen oder zu Shediac das große Lobsterfest feiern.
Vom Cape North auf Cape Breton Island, das den kleinsten Teil der Provinz ausmacht, bis an die südlichste Spitze am Cape Sable streckt sich „Neu Schottland“ über 600 Kilometer. Die größte Fläche liegt auf der südlichen Halbinsel, die mit dem Nachbar New Brunswick nur durch eine schmale Landenge verbunden ist. Als Besonderheiten gelten die 300 Kilometer lange Panoramastraße Cabot Trail, das Sherbrooke Village, das Besuchern einen Blick in vergangene Zeiten erlaubt, das von der UNESCO geschützte Lunenburg, die französische Festung Louisbourg als lebendiges Freilichtmuseum und die Bay of Fundy mit ihren Walen, 200 Meter hohen Klippen und dem höchsten Tidenhub der Welt. Diese 12 Meter Unterschied werden in der Chignecoto Bay, einem schmalen, langen Ausläufer der Bay of Fundy, noch um drei weitere übertroffen.
Aller sechs Stunden lässt er dann Flüsse optisch rückwärts fließen oder Boote auf dem Trockenen sitzen und gibt nebenbei auch noch 100.000 Acker roten Meeresboten zum betreten frei, wo sich Stunden vorher noch Wale tummelten. Die Provinz ist mit Hunderten von Seen und Flüssen, oder an Küstenabschnitten, wie sie entlang der Northumberland Strait und an der Ostküste zu finden sind, auch ein Paradies für Paddler und Segler, doch kommen auch Surfer, Wanderer und Radfahrer nicht zu kurz. Bequem finden es Letztere auf der Lighthouse Route zwischen Halifax und Yarmouth, während die Evangeline und Gloosscap Trails spektakuläre Aussichten auf die Bay of Fundy bieten. Und je mehr dabei das Land vom Cape Chignecto ansteigt, desto stärker wird die Anstrengung belohnt.
Auf Cape Breton lockt der Cabot Trail besonders Motorrad- und Autofahrer an, während der Wanderer fast überall seiner Leidenschaft nachgehen kann. Auf Cape Breton sind es der Highlands National Park mit Millionen Jahre altem Gestein und dem steilwandigen North River Canyon, der sich ins Inland gegraben hat, und sein Fluss, der Neuschottlands höchsten Wasserfall 35 Meter in die Tiefe schickt, während im Süden der Kejimkujik Nationalpark einlädt. Der mit 4.200 Hektar größte Park des Landes ist der Cape Chignecto Provinzpark, der 28 Kilometer Küstenlinie mit tiefen Tälern, altem Wald und einem guten Wegesystem schützt. Wer im Vive Island Provincial Park (nordwestlich von Thuro) unterwegs ist, blickt auf die Bay of Fundy und Sandsteinformationen, die noch aus einer Zeit stammen, als es hier ähnlich warm war, wie im heutigen Arizona. Neben Elchen und Schwarzbären, zwei der 55 ansässigen Säugetierarten, sind auf Nova Scotia auch viele Vögel zu Hause, residierend oder nur vorübergehend, denn auch die Atlantik Flugroute berührt dieses Land. Und als einer der besten Beobachtungsplätze der möglichen 445 Arten gilt hier unter Liebhabern das an der Südspitze der Halbinsel liegende Cape Säble Island.
Aus der Hauptstadt heraus hatten wir uns gestern in Dartmouth gegen den besseren, in Musquodoboit Harbour endenden Highway 107 und für die Nr.7 entschieden, die dort holpernd ihre ersten Kilometer als „Marine Drive“ hinter sich bringt; ohne Grand Hotels, aber mit Küstenschönheit, Salzmarschen, rollenden Hügeln, kleinen Fjorden und lohnenden Seitenstraßen. Diese, durch tief eingeschnittene Küste nach Nordosten kurvende Straße wollten wir unbedingt befahren und hier und dort auch einen kleinen Abzweig oder Umweg mitnehmen. Zu verträumten, abseits liegenden Fischerdörfern mit ihren farbenfrohen Booten in kleinen Häfen oder, wie bei Musquodoboit Harbour, über die East Petbeswick Road zum Martinique Beach Provincial Park, der mit Dünen und Nova Scotias längstem Sandstrand (fünf Kilometer) lockt. Und natürlich wollten wir auch an einer der wildromantischen Strandbuchten wieder unseren Kaffee kochen, worauf spätestens die Gegend um Jeddore Oyster Pond und der Blick auf die lange Bucht von Ship Harbour einstimmt und unzählige weiße Bojen darauf hinwiesen, dass dort eine der größten nordamerikanischen Muschelfarmen ihre Existenzgrundlage hat. Das dazwischen liegende, zum Clam Harbour Beach führende Seitensträßchen würde sich nur Mitte August lohnen, wenn es beim Festival Kunstwerke aus Sand zu bewundern gibt, heute jedoch nicht. Kurz hinter Tangier, wo zwischen 1860 und 1890 Nova Scotias erstes Gold gefunden wurde – heute gilt es als erstklassige Kajak-Destination – fanden wir in Spry Bay im Wald unseren ersten Campingplatz auf dieser Reise und freuten uns am Lagerfeuer, dass wir gut angekommen sind und in den nächsten Wochen wieder der Weg das Ziel ist. Morgen steht zunächst das „Sherbrooke Village“ auf unserem Programm, das ein lebendes historisches Museum und die am meisten besuchte Attraktion am Marine Drive ist. Danach werden wir landeinwärts über die „7“ zur Westküste nach Antigonish rollen und dort auf der „104“ ostwärts zum Cape Breton Island unsere Fahrt fortsetzen. Vorher statten wir aber der steinernen und katholischen St.Ninian’s Cathedral in der Stadt noch einen Besuch ab, die nach siebenjähriger Bauzeit am 13.9.1874 eingeweiht wurde und 1.500 Gläubigen Platz bietet. Ihre Orgel kam einst aus Boston, die Glocken aus Dublin, und an der Frontseite zieren sie zwei viereckige Türme, die sich ernst und mit mehreren Fenstern 38 Meter himmelwärts recken.
Sicherheitshalber werfen wir beim nächsten Frühstück noch einen schnellen Blick in den Reiseführer und lesen erneut nach, was uns an Besonderheiten erwarten würde, blieben wir bis ans Ende der Strait of Canso auf dem Marine Drive: Richtung Canso, dem Städtchen am östlichen Ende der Chedabucto Bay, wird die Szenerie mit tiefen Fichtenwäldern, Sümpfen, Wildblumen, Akadier-Dörfer und Granitblöcken etwas „wilder“; Isaac’s Harbour, dessen hohe Kirchturmspitzen sich in der tiefen Ozeanbucht spiegeln, gilt als Bilderbuchort; im Tor Bay Provinzpark (Picknickplätze, Trails, Sandstrände) erinnert eine Plakette daran, dass 1875 hier die erste Transatlantische Telegrafenleitung das Festland Nordamerikas erreichte, während der heutige Ort Canso mit seiner Gründung von 1605 zu den ältesten Siedlungen des Landes gehört. Das kleine Canso Island nutzten schon vorher französische Fischer als Camp, doch wurde das grüne Inselchen im Krieg zwischen England und Frankreich 1744 ziemlich ramponiert. Der Marine Drive zieht dann entlang der Chedabucto Bay, wo am Aussichtspunkt in Halfway Cove an Prince Henry Sinclair von den Orkney Inseln erinnert wird, von dem man annimmt, dass er schon 100 Jahre vor Columbus, 1338, einer der ersten Transatlantik-Reisenden gewesen ist. Guysborough, am Ende der Bucht, und Mulgrave wären die letzten Stationen, um den Trans-Canada (104) wieder zu erreichen. Diese „Kurve“ hat uns jetzt jedoch ebenso wenig überzeugt, wie schon vor einigen Monaten bei der Ausarbeitung dieser Tour, und somit folgen wir dem Marine Drive und seiner zerklüfteten Küste nur noch bis dorthin, wo die „7“ nach Norden und Sherbrook abbiegt. An Liscombe und Golden Ville kann man durchaus auch vorbeifahren. Ersteres ist mit seinen Stromschnellen im gleichnamigen Fluss eher für Paddler interessant, doch können sich auch Touristen auf den wenigen Kilometern, die der Rivertrail offeriert, die Füße vertreten und Hängebrücke, Wasserfall und Fischleiter erkunden. Golden Ville hatte seine Tage hinter sich, als 1941 die Mine geschlossen wurde und von den einst 1.000 Einwohnern fast alle abwanderten. Immerhin blieb das alte Haus des Minenmanagers unterhalb der Kirche erhalten, in der auch ein kleines Museum an die alte Zeit erinnert.
Sherbrooke Village ist ein lebendiges und schönes historisches Museum, ein Dorf, belassen wie es einst war, teils rekonstruiert und mit dem Flair des 19.Jahrhunderts ausgestattet, als der Ort mit den ausgedehnten Waldbeständen zwischen 1860 und 1890 durch Holz, Sägemühlen, Schiffsbau und Goldminen boomte. Die einstigen Dorfbewohner zogen fast alle aus und ließen sich nebenan im neuen Ort nieder, der, benannt nach dem einstigen königlichen Administrator von Nova Scotia, neben 400 Einwohnern auch eine Lodge und Restaurants zu seinen Neuerungen zählt, während im St.Mary’s River noch immer Lachse in ihrem Geburtsgewässer laichen. Auf schattigen Wegen bummeln wir in Sherbrooke Village durch ein vergangenes Jahrhundert. Die 36 Gebäude mit Gericht, Postamt, Kirche, Cumminger’s Store, Apotheke, kleinen weißen Holzhäusern und ansehnlicheren für die damalige Prominenz, Gefängnis, Hotel, Schneider, Schmied, Druckerei, Schreinerwerkstadt, Schule, Farm oder Sägemühle laden ebenso ein, wie authentisch gekleidete Bewohner, die nicht nur für „Atmosphäre“ in der zurückgedrehten Zeit sorgen, sondern auch von jener berichten oder alte Handwerkstechniken zeigen. In der Apotheke wird aus Bor, Rosenwasser und Mineralöl eine einst gängige Handcreme gemixt, anderswo wird gebuttert, geschustert, aus Flachs Leinentuch gewoben, dem Stellmacher, Klöpplerinnen, Druckern, Töpferern, Seifenund Kerzenmachern über die Schulter gesehen, oder beim Schmied „gelernt“, wie dieser alte Wagenräder beschlägt oder glühendes Eisen zu Pflugscharen und Hufeisen formt. Zusätzlich sorgen auch Pferdegespanne und kostümierte Guides für Zeitgeist, und selbst das am Eingang platzierte Kunsthandwerksgeschäft hat altes Kolonialwarenladen-Flair. Vor der Weiterfahrt verdient noch die Sherbrooke Mill einen kurzen Besuch, die in unmittelbarer Nähe mit Wasserkraft – das Nass kommt über einen kleinen Kanal vom Sherbrooke Lake und fließt in den St.Mary’s River ab – die Säge treibt und demonstriert, wie und was damals aus den geschlagenen Baumstämmen entstand.

Im Sherbrooke Village wird die alte Zeit erhalten und von mehr als 100 „Bediensteten“ vorgelebt.
In Antigonish, ein nettes Städtchen schottischen Ursprungs mit kleiner Universität, der Kathedrale und den alljährlichen Highland Games machen wir eine kurze Pause um den 5.000-Einwohnerort etwas näher kennen zu lernen, ehe wir nach Osten abbiegen und durch liebliche Landschaft mit Mischwald, Seen, kleinsten Orten und landwirtschaftlich genutzten Flächen weiterfahren und uns der 1955 eröffnete Canso Causeway hinüber nach Port Hastings auf die Insel bringt. Diese 1.370 Meter lange Konstruktion gehört zu den tiefsten Dammbrücken der Welt, und seine Mauern reichen bis 66 Meter hinab in den Meeresgrund. Vor 11.000 Jahren, als der Meeresspiegel wesentlich niedriger war als heute, hätte man sie gar nicht gebraucht, sondern trockenen Fußes nach Cape Breton Island weitermarschieren können. Neben dieser Landverbindung wurde auch eine Schleuse geschaffen, die den Schiffsverkehr zwischen Atlantik und dem Golf von St. Lawrence regelt.
Cape Breton Island, das sind Berge, alte Wälder, Tundra, wilde Orchideen, Seen, steile Klippen, stürmische Küsten und stille, einsame Buchten; fast 1.000 Kilometer Küstenlinie, Fischerdörfer, Hochland und Schluchten; Hummer, Fisch, Elche, Schwarzären, Coyoten, Weißkopfseeadler und Wale; traditionelle Kulturen der Schotten, Akadier und Mi’kmaq-Indianer; das Seglerparadies „Bras d’Or Lakes“, Wanderwege, Wasserfälle, Golfplätze, die Panoramastraße „Cabot Trail“, der einsame Cape Breton Island National Park, die Stadt Sydney und das historische, französische Fort Louisbourg. Das alles wollen wir uns in den nächsten Tagen ansehen, hier und dort kleine Wanderungen unternehmen und anschließend nach Neufundland übersetzen. Auf der Insel angekommen verlieren wir den Trans-Canada Highway und landen auf der „4“, die, weil geflickt und strapaziert, rumpelnd nach St.Peter’s zieht und uns auf der Südseite des Bras d‘ Or Lakes nach Norden bringt, während der TCH seinen Weg westlich des St.Patricks Channels Richtung St.Anns Bay sucht, ehe er westwärts dreht, um North Sydney zu erreichen. St.Peter’s, das sich mit einem schmalen Landstreifen zwischen See und Atlantik begnügen muss, wurde als San Pedro von portugiesischen Fischern gegründet, und sein St.Peters Canal ist als einziger Kanal in Atlantic-Canada historisch geschützt. Aber schon lange vor der ersten Besiedlung von „Saint-Pierre“ in den 1630er Jahren, trugen auch hier die Mi’kmaq Indianer ihre Kanus schon über diese schmale Landenge. Hier kann man sich für die Fahrt nach Norden auch noch für den Heur-de-lis-Trail entscheiden, der über insgesamt 220 Kilometer an der südlichen Ostküste der Insel nach Louisbourg zieht und bereits am Canso Causeway begann. Dieser hätte auch den Ceilidh Trail erlaubt, der an der Westseite am Meer nach Margaree Harbour führt und neben Buchten, Klippen und Farmland auch Orte mit schottischen Wurzeln wie Craigmore, Inverness oder Glenora berührt, wo Namen wie McKinnen oder McLoyd häufig auftreten. Geprägt wird diese Gegend auch von 300 hohen Küstenhügeln und dem im Inland liegenden Lake Ainslie, Neuschottlands größtem Süßwassersee, mit der traditionellen und restaurierten Siedlerfarm „Mac Donald House. Wir bleiben jedoch weiter auf der „4“, folgen dem Südufer des Bras d’Or-Sees und ziehen weit nach 21 Uhr und 333 Tageskilometern zu Ben Eoin den Zündschlüssel aus dem Schloss.
Die Uferstraße, die sich als „Bras d‘Or Lakes Szenic Drive“ im Herzland der Insel um das Gewässer schlängelt, wo Berge, Wald, Wiesen, Farmen, Dörfer und abwechselnde Panoramen das Gesamtbild zeichnen, war auf dem von uns bisher befahrenen Teil eine angenehme Strecke mit schönen Aussichtspunkten, doch ist der See durch angrenzenden Privatbesitz nicht überall zugänglich. Traditionell ist das Gebiet auch die Heimat von Nova Scotias Mi’kmaq-Indianern, die heute in vier Reservaten rund um den See leben, mit Ende der letzten Eiszeit in die Atlantik Provinzen kamen und als geschickte Jäger und Handwerker ein halbnomadisches Leben führten. Eine eigene Sprache brachten sie nicht hervor, sondern ritzten nach der Heimkehr von ihren Jagdzügen Gesehenes und Erlebtes in Stein, um es den Kindern und Daheimgebliebenen zu lehren und zu erklären. Schöne Blicke gibt es auch im Ben Eonin Provinzpark, in dessen Nähe die Aussichtsstraße zurückschwingt, die Landzunge umkurvt und den Buchten folgt, während die „4“ nach Norden weiterzieht. Wer jene wählt und die Barre Strait Brücke hinter sich lässt, um nach Iona abzubiegen, kann im Highland Village Museum 200 Jahre schottische Siedlungsgeschichte verfolgen, gällische Aktivitäten erleben und zehn renovierte historische Gebäude besuchen. Sehr beliebt ist der buchtenreiche große See auch bei Seglern, die seine nebelfreien Gewässer schätzen, während die mehr als 200 Paare der hier heimischen Weißkopfseeadler wohl eher durch das reichliche Nahrungsangebot verwöhnt sind.
Als wir auf unseren Campingplatz am See rollten, gähnte dort absolute Leere, denn wegen der frühen Jahreszeit ist er in dieser Woche offiziell noch geschlossen. Dennoch können wir bleiben, denn bei „Roadtraffic“ macht man eine Ausnahme, sogar mit Strom- und Wasseranschluss und dem Zusatz: „Wenn ihr etwas braucht, kommt einfach rüber zu mir“, so die Dame am Empfang, die heute aber keinen weiteren „Durchgangsverkehr“ mehr abfertigen muss. Freundlich war nach kalter Nacht auch der nächste Morgen, an dem die kleinen Wellenkämme friedlich in der Sonne glitzern und wir einem herrlichen Tag entgegensehen, der uns nach Sydney, zum Fortress of Louisbourg und, am späten Abend, noch nach North Sydney bringen soll, wo morgen früh unsere gebuchte Fähre nach Neufundland ablegen wird. Die Fahrt Richtung Norden führt durch liebliche Landschaft, in deren Mischwäldern das Grün der Birken hell glänzt und die kurzen Äste der Nadelbäume auffallen. Ab und an huschen eine Farm mit Rindern, kleine Häuser, Seen oder herrschaftliche Anwesen mit parkähnlichen Grundstücken am Autofenster vorbei, mit Blumen im englischen Rasen oder im geschmiedeten Eisentor. In Sydney führt die „125“ südostwärts und der Ausgang „8“ zur „22“, die uns nach 30 Kilometern in Louisbourg ankommen lässt. Das städtische Sydney, nach Halifax und Dartmouth drittgrößte Stadt dieser Provinz, ist das industrielle Herz der Insel, wurde 1785 von Col. J.F.W.DesBarres gegründet und zunächst von Loyalisten aus dem Staat New York besiedelt, ehe 20 Jahre später Schotten aus den heimischen Highlands einwanderten. Reich wurde die Stadt durch riesige Kohlevorkommen und nachfolgende Stahlwerke. Das erste „feste schwarze Gold“ wurde in den 1720er Jahren zu Port Morien gefördert, doch erst als die „General Mining Association of England“ 1829 ihre Mine zu Dominion eröffnete, wurde Kohle zu einem wichtigen Industriezweig der Region. In den späten 1800ern kam Stahl hinzu, und an der Wende des Jahrhunderts war das neue Werk der „Dominion Steal and Coal Company“ in Sydney das größte in Nordamerika. Tourismus und Freizeit sind modernere Trendsetter im wirtschaftlichen Leben und das Fort einer der Hauptanziehungspunkte.
„Fortress of Louisbourg“ ist ein Schritt zurück in die Vergangenheit. Genauer gesagt, in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts, als Louisbourg einer der geschäftigsten Seehäfen Nordamerikas war, als auch der größte Stützpunkt Frankreichs in der Neuen Welt und wohlhabende Hauptstadt der „Ile Royale“ (Cape Breton Island). Heute steht die Festung für Nordamerikas größte historische Rekonstruktion, nachdem die Ruinen des 1760 von den Briten zerstörten Forts lange Zeit den Kräften der Natur ausgesetzt waren. Erst in den 1960er Jahren wurde ein Viertel des ursprünglichen Louisbourg in akribischer Kleinarbeit wieder aufgebaut, und heute schlagen innerhalb der massiven Steinmauern das Jahr und das Leben dieser französischen Stadt von 1744. Kostümierte Waschfrauen, Soldaten, Schmiede, Brotverkäufer, Edelmänner, Handwerker und Musikanten gehen ihren täglichen Geschäften nach und erfüllen die Straßen mit Leben, wie Kommandos den Exerzierplatz. Zusätzlich laden zahlreiche Gebäude ein, sich in der Vergangenheit umzuschauen, so das Kings Storehouse, Unterkünfte von Arbeitern und Soldaten, Häuser von wohlhabenden Händlern und reichen Ansässigen, Bäckereien oder Restaurants der „lower“ und „upper class“, mit entsprechenden Gerichten und Tischmanieren. Sehr beeindruckend ist im Admin-Building auch ein großes Gemälde, das das Leben im Fort in jenen Tagen meisterhaft darstellt: Im Hafen liegen viele Schiffe, kleine und Ozeansegler, die ent- oder beladen werden, nur schweigsam ankern oder vor den Hafenmauern auf ihre Einfahrt warten. Im Fort selbst herrscht Hochbetrieb, mit Pferdegespannen und Ochsenkarren, Säcke schleppenden Männer, Frauen und Kindern, die ihrer Wege gehen, feilschenden Händlern, marschierenden Soldaten oder elegant gekleideten Herrn, die mit einer Zeitung unter dem Arm ihrem Ziel zustreben oder Zigarre rauchend im Straßen-Café das Geschehen betrachten. Jeder hat hier seinen Platz und man glaubt, dass das Bild lebt. Der Bummel durch das Fort ist interessant und einer durch eine alte, französisch geprägte Zeit, die hier am Leben erhalten wird. Sei es durch die restaurierten Gebäude, eine Klöpplerin, Kanonen, Restaurants, die Militärbäckerei, in der man eine „Soldatenration“ kaufen kann, oder das moderne Informations-Center, dessen Multimedia-Shows auch darüber aufklären, dass Frankreich, als es 1713 (Friede von Utrecht) seine akadischen Kolonien an Großbritannien abtreten musste, nur noch die „Ile Royal“ behalten durfte. Eingeklemmt zwischen den britischen Hoheitsgebieten Neuschottland und Neufundland war die Lage jedoch eine heikle, sodass die Franzosen 1719 mit dem Bau der Festung begannen, die die Briten 1745 einnahmen, beim Frieden von Aachen (1748) wieder zurückgaben und es zehn Jahre später endgültig eroberten. Im zugehörigen Park und im neuen Louisbourg lässt sich ebenfalls gut bummeln, und ein Foto vom Fort bietet sich am Lighthouse Point an, wo einst Kanadas erster Leuchtturm stand. Die 250 Gebäude, die meisten aus Holz, die zur Blütezeit in der Garnisonsstadt und Festung standen, bekommt man heute zwar nicht mehr aufs Bild, denn von der einstigen Größe des Forts – es wurde nie richtig fertig, weil die Baukosten ins Unermessliche stiegen – wurde nur ein Viertel für die Nachwelt wieder errichtet. In der Nordamerikanischen Geschichte der Briten gehört es ganz sicher auch zu den dunklen Punkten, dass sie damals nicht wenige Akadier auf Schiffe gezwungen und in die Carolinas und andere US-Staaten deportierten. Viele dieser gewalthaft Vertreibenden kamen später in ihre neugewählte Heimat auch wieder zurück, und der Wind, das Meer, das Licht, die Farben und die Zeit ließen jene traurigen Tage langsam verblassen, nicht aber vergessen. Heute ist Nova Scotia ein raues, aber friedliches Stück Erde, und seine Menschen, deren Wurzeln in Schottland, Frankreich, Deutschland, der Schweiz oder anderswo zu finden sind, sind nach wie vor traditionsbewusst, aber sie sind auch Kanadier und leben ihre Träume in Freiheit und Toleranz.
Auf der Rückfahrt von Louisbourg nutzen wir die Küstenstraße nach Main-a-dieu und weiter über Mira zur Glace Bay. Hier könnte man die Führung zu einem Kohlestollen unter dem Ozean wahrnehmen, doch wir müssen unsere Tickets für die Überfahrt abholen und fahren direkt weiter nach North Sydney zum Fährhafen. Dort gibt es eine gute und eine schlechte Nachricht: Die gebuchte Fähre, morgen früh 9 Uhr, hat gefährliche Fracht an Bord und darf keine Fahrzeuge laden. Und weil das so ist, gibt es den vollen Fahrpreis zurück und eine kostenlose Überfahrt morgen Nacht 24 Uhr. Und das heißt, dass wir den Capot Trail schon morgen ins Programm nehmen und jetzt zum Campingplatz „Arm of Gold“ fahren, der ganze zehn Minuten vom Fährterminal entfernt und gut ausgestattet ist. Und dort beginnt der neue Tag grau und diesig, als wir schon vor sechs Uhr auf der „105“ den nach dem großen Seefahrer John Cabot (Giovanni Caboto) benannten kurvigen und spektakulären Weg entgegen des Uhrzeigers ansteuern. In den 1930er Jahren eröffnet, zieht die Panoramastraße im Osten entlang der Cabot Strait, wird im Westen von der Steilküste des Golfs von Sankt Lorenz begleitet und kurvt um die felsige Nordküste durch Hochland. Einsam und hoch über den Klippen, oder unten am Meer entlang, auf und ab, oder geruhsam über das Plateau des rauen, windigen und menschenleeren Nordens, wo sich der Highlands Nationalpark mit Tundra, Sümpfen und Wäldern schweigsam in einer kargen Gegend ausbreitet. Im Westen kurvt der Highway an den Bergen entlang, die sich hoch über dem schimmernden Wasser des Gulf of St.Lawrence erheben, in dem hier und dort die Atem-Fontainen der Wale und Weißkopfseeadler zu sehen sind, die die Aufwinde für ihre Kreise über der rauen Küstenlinie nützen.
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