Kitabı oku: «Der Säbeltänzer», sayfa 3

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Hecki und Atsche schlenderten Richtung Hauptgebäude und sondierten in Ruhe das Gelände. Die Universität von Neustadt an der Plage war perfekt zugeschnitten. Während bei anderen Unis Hörsäle, Seminarräume, Sportplätze und Wohnheime oft über das gesamte Stadtgebiet verteilt sind, war in Neustadt alles auf einem einzigen Campus-Gelände zusammengefasst, bis hin zu den vielen Studentenclubs. Es gab Fußballplätze, eine große Mensa, drei Kneipen, eine Speisegaststätte, einen Lebensmittelladen, einen Getränkemarkt, ein Russenmagazin, eine Post, ein Münztelefon: also alles, was man zum Leben braucht, und alles war fußläufig in Minuten erreichbar. Fünftausend Studenten in einem Tiegel von zwei Quadratkilometern zusammengepresst. Und das Beste daran: mehr weibliche als männliche Kommilitonen.

Der große Hörsaal war fast voll. Atsche hatte sich auf das Studium auch deswegen gefreut, weil er viel vom freien Geist und der offenen Diskussionskultur an den Universitäten gelesen hatte. Der Zahn wurde ihm bei dieser Veranstaltung recht schnell gezogen. Es war wie überall: Die politischen Dogmen dominierten auch hier alles. Das fing bereits mit der "sozialen Herkunft" an, ein wichtiges Auswahlkriterium bei der Zulassung zum Studium. Ein gewisser Prozentsatz an Arbeiterkindern musste erfüllt sein. Die geringsten Chancen auf einen Studienplatz hatte man als Abkömmling der Intelligenz. Die Crux bei der Sache, dass eben diese Arbeiterkinder und deren Nachkommen später selbst zur minderprivilegierten Intelligenz gehören würden, sprang offenbar niemandem ins Auge. Gemeinhin stellt man sich unter "Herkunft" etwas Unabänderliches vor, fix wie die DNA. Aber Atsche selbst war das beste Beispiel für die Variabilität dieses Merkmals, das in den Papieren festgehalten wurde wie in anderen Ländern die Religionszugehörigkeit. Sein Vater hatte Schmied gelernt, was Atsche bei seiner Geburt zum Arbeiterkind qualifizierte. Nach einem Fernstudium stieg der Vater zum Ingenieur auf und die soziale Herkunft seines Sohnes wurde auf "Intelligenz" herabgestuft. Und schließlich wurde mit dem Wechsel des Seniors in die Landwirtschaft aus dem zwanzigjährigen Atsche im Handumdrehen und offiziell ein Bauernkind.

In den vor ihnen liegenden Fragebögen wurde folgerichtig die soziale Herkunft abgefragt.

"Ich habe mal eine Frage.", meldete er sich artig.

"Ja bitte.", die Dame, die die Veranstaltung leitete, erteilte ihm lächelnd und scheinbar hilfsbereit das Wort.

"Wir sind doch ein Arbeiter- und Bauern-Staat, oder?", das Gesicht der freundlichen Dame erstarrte. Im besten Falle mimte dieser vorwitzige Neuling hier den Klassenkasper. Andernfalls konnte sich hinter seiner satirisch anmutenden Suggestivfrage nur eine blasphemische, konterrevolutionäre Grundgesinnung verbergen. So etwas konnte sie ausgerechnet bei dieser initialen Veranstaltung nicht gebrauchen.

"Was soll die Frage? Ja natürlich sind wir das."

"Bei der sozialen Herkunft kann man hier nur Arbeiter oder Intelligenz ankreuzen."

"Und Angestellter.", ergänzte die korrekte Dame.

"Ja, aber ich bin doch ein Bauer!", der ganze Saal brüllte.

5. Fettbach, Phenol und Vietnamesen

Der "Fettbach" war einer der diversen Studentenclubs in Neustadt, doch keineswegs nur einer von vielen. Der Fettbach war eine Institution, hatte aber einen gewichtigen Nachteil: die Entfernung. Es war der einzige Club, der nicht auf dem Campus lag, sondern im Stadtzentrum von Neustadt - mit den entsprechenden Konsequenzen. Für den Fußweg vom Fettbach ins Wohnheim benötigte man eine halbe Stunde, vorausgesetzt man war im Vollbesitz seiner geistigen und körperlichen Kräfte. Andernfalls dauerte es entsprechend länger, was die Regel war. Während man die Distanz von einem Studentenclub auf dem Campus bis ins eigene Bett im Ernstfall auf allen vieren in schicklicher Zeit bewältigen konnte, war Gleiches beim Fettbach praktisch ausgeschlossen. Und der Rückweg vom Fettbach hatte noch eine andere unangenehme Besonderheit: Die Wahrscheinlichkeit, zu nächtlicher Stunde von einer Polizeistreife angehalten zu werden, war im Stadtgebiet überdurchschnittlich hoch. Das galt in besonderem Maße für diese frechen Studenten. Ihr stets ausgelassenes, lautes Benehmen wurde von den freudlosen Volkspolizisten als überheblich wahrgenommen. In gewissen Einzelfällen lagen sie damit nicht so weit daneben.

Mittwoch, ihr dritter Tag beim Studium. Hecki und Atsche hatten sich mit vier Mädels verabredet, heute das erste Mal in den Fettbach zu gehen. Und dann war da noch ein gewisser Zerowitsch, genannt Zero. Hecki hatte den Burschen angeschleppt und war von ihm begeistert, erzählte andauernd von ihm und fand ihn supercool. Das konnte nur an Heckis Brille liegen, Atsche sah das anders: ein weichlicher Schönling, ein selbstverliebter Schwätzer vor dem Herrn, kurzum ein arrogantes, überhebliches Arschloch. Aber eins musste selbst Atsche zugeben: ein sehr gescheites überhebliches Arschloch. Zu allem Überfluss standen die Mädels auf Zero. Dabei hatte er eine eher weiche Figur, dicke Lippen und Hände wie ein Mädchen. Aber Atsche wollte sich dadurch seine gute Laune nicht verderben lassen.

Beim Eintreten empfing sie ein originelles Kellergewölbe mit einer famosen Raumaufteilung: Die einzelnen Abteilungen waren ringförmig angeordnet und so konnte der gelangweilte Besucher im Kreis wandern und kam überall vorbei: am Hauptraum mit den Tischen der Gäste, an der Bar, am Biertresen, an einem Korridor mit Stehtischen, an der Tanzfläche, an der Sitzreihe aus alten Fässern und dann wieder von vorn. Heute spielte ein vietnamesisches Duo klassische Gitarrenstücke. Atsche, der selbst an dem Anspruch, Bourrée von Johann Sebastian Bach auch nur ein einziges Mal fehlerfrei auf seiner Gitarre zu Ende zu bringen, immer wieder erbärmlich scheiterte, war vollkommen aus dem Häuschen. Unglaublich, was die beiden schmalen Jungs da aus den Saiten zauberten. Unglaublich gut war auch die Stimmung ihrer kleinen Gruppe, die Mädels waren unkompliziert und selbst Zero wirkte inzwischen nicht mehr so störend. Nicht minder atemberaubend war die Geschwindigkeit, mit der einer nach dem anderen eine neue Runde von der Bar holte.

Der Rückweg vom Fettbach zum Campus führte unweigerlich um den Teufelsteich, von der Größe her eher ein kleiner See, umsäumt von Trauerweiden mit einem Springbrunnen in der Mitte und einer großen Eisdiele direkt am Ufer. Es gab sogar einen Bootsverleih, natürlich nur tagsüber. Die Stadtverwaltung hatte hier um den Teich mit dem anschließenden Park ein Kleinod geschaffen, das sich angenehm von der Tristesse der restlichen Umgebung abhob. Als ihre kleine laute Schar am Teufelsteich anlangte und auf das andere Ufer hinüberschaute, wurde sich Hecki der Tatsache bewusst, wie lange sie noch laufen müssten, um endlich im Wohnheim anzukommen.

"Hört mal, es gibt jetzt zwei Möglichkeiten: entweder den Umweg, also den langen Drum-Herum-Weg oder den direkten Weg, den Geradeaus-Weg."

"Ich bin dabei. Etwas Erfrischung kann ich jetzt gebrauchen.", meldete sich Atsche. Zero schloss seine Teilnahme umgehend und kategorisch aus. Auch von den Mädels war keine einzige zu bewegen, sie bei der Querung des Großen Wassers zu begleiten. Das lag aber nicht daran, dass sie sich dafür hätten entkleiden müssen. Erstens war es dunkel und zweitens waren sie, ebenso wie die Jungs, durch die Schule der Gemeinschaftsdusche gegangen. Die anfängliche Scham, sich nackt vor dem jeweils anderen Geschlecht zu zeigen, war bei allen nach kurzer Zeit verflogen, vollständig. Aber sie hatten ein Argument, das nicht ganz von der Hand zu weisen war:

"Seid ihr verrückt, ihr wollt in diese Kloake steigen? Hautausschlag ist das Mindeste, was ihr euch dabei aufsackt.", in der Tat war der Teufelsteich der Zielhafen von Substanzen, die in der Natur eher selten vorkommen. In den Chemie-Labors der Uni wanderten alle Rückstände in den Ausguss: Benzol, Phenol, Toluol, Säuren, Chlor; Cadmium-, Blei- und andere Schwermetallsalze bis hin zu Arsen. Der Abfluss führte in einen Bach, der Bach sammelte in seinem Verlauf beiläufig die ungeklärten Abwässer eines Chemiebetriebes auf und mündete schlussendlich im Teufelsteich.

Seinen Namen hatte der Teufelsteich aus abergläubischen Zeiten: Der Sage nach spukte es hier um Mitternacht, wenn der Neumond auf einen Mittwoch fiel. Heute war Mittwoch, bis zum Neumond fehlten aber noch drei Tage. Die industrielle Gegenwart hatte eine plausiblere Deutung für die Namensgebung nachgeliefert: Jetzt war das Wasser schwarz wie Pech und leblos wie das Tote Meer. Auf den bunten, in der Eisdiele erhältlichen Ansichtskarten sah der Teich wie jeder andere, ja fast idyllisch aus. Schwäne, zahme Wildgänse, Blässrallen und etliche Arten, zum Teil exotischer, Wildenten hatten hier eine Heimstatt gefunden. Dennoch wedelte in seinen Wassern nicht ein einziger Fisch mit seiner Schwanzflosse. Wundersamerweise schien das Wasserfedervieh keinen körperlichen Schäden davonzutragen. Womöglich lag es daran, dass sie keine Wasserpflanzen vom Grund holten und dann verspeisten: Es gab hier keine Wasserpflanzen, schon lange nicht mehr.

"Weiber!", sagte Hecki und begann, sich auszuziehen.

"Weichei!", sagte Atsche in Richtung Zero, zog sich splitterfasernackt aus und reichte Gabi seine Sachen samt Unterhose.

"Wir sehen uns am anderen Ufer.", und die beiden Helden stürzten sich in die Fluten. Zumindest war das der Plan gewesen. Aber was am Rand wie eine normale Wasseroberfläche aussah, entpuppte sich als eine nur handbreit hohe Schicht einer undurchsichtigen Flüssigkeit, die der unvoreingenommene Beobachter für Wasser halten würde, darunter knietiefer Schlamm. Nach dreißig Metern bekamen sie endlich die Beine wieder frei, eine Handbreit Wasser unterm Kiel und konnten schwimmen. Obwohl ihre Sinne schon leicht getrübt waren, spürten sie den penetranten, unnatürlichen Geruch der gräulichen Brühe. Nach jedem Atemzug versuchten sie, diesen Gestank von sich wegzupusten. Im Licht der Gehweglaternen konnten sie die Enten und anderen Wasservögel erkennen, durch die sie sich den Weg bahnten. Die Tiere zeigten keine Scheu.

"Hecki, weißt du, dass die Warzenente die einzige Hausente ist, die aus Südamerika stammt?"

"Is' mir egal. Aber boah, die schmecken sooo gut.", Hecki hätte sich die Lippen geleckt, wenn er nicht gerade wieder den Mief vor sich wegpusten müsste.

"Hecki. Weißt du, dass es gar nicht gut ist, wenn es viel mehr Erpel als Enten gibt?"

"Kann ich mir denken, bei Menschen ist das ähnlich."

"Ja, aber bei Enten ist das fatal. Wenn fünf Erpel andauernd ein und dieselbe Ente begatten wollen, dann hat die Ente so viel Stress, dass sie sogar sterben kann. In der Natur verrecken die meisten Enten im Frühjahr, in der Paarungszeit, wenn man eigentlich denkt, der Winter ist vorbei und alles wird gut."

"Das ist echt 'n Ding. Und ich dachte immer, Frauen mögen es, wenn viele Männer um sie herum sind."

"Junge, sieh dir das nur an. Hier sind viel mehr Erpel als Enten auf dem Teich, viel mehr."

"Das ist nicht gut für die Enten, oder? Kann man denn gar nichts für die armen Enten tun?"

"Du meinst, so etwas wie eine gute Tat zum Wohle der Natur?"

Morgens kam Hecki in Atsches Zimmer gestürmt.

"Junge, ich kann das einfach nicht glauben."

"Was? Was kannst du nicht glauben?", Atsche war gerade dabei, sich anzukleiden.

"Na, dass wir in der Nacht noch diese fette, verseuchte Phenol-Ente vollständig aufgefressen haben!"

"Das war ein fetter Warzen-Erpel."

"Mann, was haben die Weiber geschimpft, als du mit diesem Viech in der Hand nackend aus dem Wasser gekommen bist."

"Bloß gut, dass wir den Schwan wieder haben laufen lassen. Dann hätten diese Mimosen noch mehr Alarm geschlagen. Aber mitgefuttert haben am Ende doch alle, und wie."

"Ey, das hat aber auch geschmeckt. Gut gekocht Atsche, wirklich gut gekocht."

"Gebraten, Meiner, gut gebraten."

"Und was hat Gabi erst gezetert, dass sie nicht einen Happen davon essen würde."

"Hör mir bloß auf mit Gabi. Die Klaferze hat von allen das meiste in sich reingeschlungen und am Ende auch noch die Knochen einzeln AB-GE-LECKT."

"Ach komm! Du bist doch nur sauer auf Gabi, weil sie in deiner alabaster-weißen Unterhose eine Bremsspur gefunden hat."

"WAS hat sie?"

"Tja, mein Lieber. Da würde ich mal sagen, bei Gabi hast du verschissen.", und nach einer genüsslichen Pause: "... im wahrsten Sinne des Wortes.", jetzt brach es aus Hecki heraus und er schlug sich vor Lachen auf die Knie.

"Es gibt genügend andere.", Atsche sah es gelassen, vorerst. Doch Hecki hatte Blut geleckt.

"Junge, was soll das denn jetzt? Du warst total scharf auf Gabi. Erst baggerst du sie im Fettbach die ganze Zeit dilettantisch an und dann erhebst du sie zu deiner Intim-Wäsche-Verwalterin. Aber, was dein Verhältnis zu Gabi angeht: Da war wohl gestern die Kacke mächtig am Dampfen, was?"

"Halt die Klappe, Heckenbauer."

"Oh Mann, Atsche. Langsam wird mir klar, warum du nie zum Schuss kommst. Übrigens hat Zero sie danach abgeschleppt. Kann ich auch irgendwie verstehen. Wahrscheinlich hat ihr die Sache mir dir am Ende doch zu sehr gestunken."

"Du dumme, dumme Sau, du elende. Halt endlich die Schnauze!", die Ermahnung war für den Moment unnötig, denn Hecki brauchte eine Weile, um wieder Luft holen zu können.

"Ach Atsche, du bist gestern eindeutig zu früh abgehauen."

"Ich war hinüber."

"Und ich habe noch die kleine Grit gevögelt."

"Was hast du? Nein! Die war so still und zurückhaltend."

"Davon hat man auf dem Berg Matratzen da hinten in der Abseite aber nichts mehr gemerkt."

"Ich glaube es einfach nicht. Wie hast du das nur angestellt?"

"Ich habe sie im Gehen bei der Hand genommen."

"Weiter nichts? Einfach so, nur an der Hand genommen? Du hast fast nicht mit ihr geredet."

"Okay, Atsche. Du wirst es auch noch lernen. Aber mal was ganz anderes: Warst du heute schon in der Küche?"

"Wie denn? Ich bin gerade erst aufgestanden."

"Junge, das sieht da drinne aus wie auf'm Schlachtfeld. Überall Blut, Federn, Eingeweide und ein Gestank, sage ich dir. Wir müssen da unbedingt sauber machen."

"Vergiss es! Seit wann putzt der Chefkoch die Küche? Wir sagen, das waren die Vietnamesen. Das glaubt uns jeder sofort aufs Wort."

6. Nicotiana tabacum

Kaum waren die Einführungsveranstaltungen gelaufen, gab es schon die erste Pause in einem Studium, das noch gar nicht begonnen hatte: drei Wochen Erntehilfe. Die Studenten wurden jeden Tag im Bus auf ein entlegenes Dorf gefahren, um die LPG[1]-Bauern bei der Tabakernte zu unterstützen, genauer gesagt: wie Tagelöhner Tabak pflücken - eine echte Scheißarbeit. Immerhin war man an der frischen Luft und die letzten Septembertage noch angenehm warm.

Nach ihrem Job auf der Plantage hatten sie abends noch ein wenig im Wohnheim gefeiert. Atsche ging spät, aber doch früher als gewohnt. War es ein Zufall, dass er die Feier gleichzeitig mit Katrin verließ? Er wertete es als solchen und dachte nicht weiter darüber nach. Er hatte kaum mit Katrin geredet, sich den ganzen Abend nur um Gabi bemüht, bis bei ihm endlich die Erkenntnis gereift war, heute wieder einmal auf das falsche Pferd gesetzt zu haben. Damit war für ihn der Reiz der Fete verflogen. Seinen begrenzten Vorrat an emotionalem Pulver hatte er verschossen, die Schlacht war verloren. Ernüchtert entschloss er sich zum Rückzug. Er ging neben Katrin den langen Flur entlang und zwang sich zu einer nichtssagenden Unterhaltung. Im Gegensatz zu ihm war das Mädchen aufgeräumt und redselig. Wenn sie bei einer Bemerkung lachte, leuchtete eine Reihe weißer Zähne zwischen ihren weichen, rosafarbenen Lippen. Ihr weiter Pullover ließ wenig von ihrer Figur erahnen und erst jetzt bemerkte Atsche ein, unter der dicken Wolle schwer auszumachendes Detail: Sie trug keinen BH. Atsche wusste genau, wie es unter dem Pulli aussah, hatte er Katrin doch noch bildhaft von seinem Besuch in der Gemeinschaftsdusche in Erinnerung. Vor seiner Zimmertür blieben die beiden stehen, das Thema Mensa war noch nicht ganz abgehakt. Doch statt einen Abschluss zu finden, ging das Gespräch auf verschlungenen Wegen zu Hunden über, auch Katrin hatte einen Teckel, und Atsches Zunge lockerte sich zusehends. Die Unterhaltung wollte und wollte nicht enden. Und je länger sie dauerte, umso mehr änderte sich ihr Charakter: Aus logischen Darlegungen wurden Anspielungen. Atsche begann allmählich aufzutauen und unterstütze seine Wortbeiträge mit übertriebenen Gesten. Katrin lehnte sich beim Reden zuweilen an die Wand, setzte ein Bein nur mit der Fußspitze auf den Boden, spielte dabei mit ihren Fingern oder strich sich eine Haarsträhne hinters Ohr. Bei einer spaßigen Bemerkung berührte sie wie nebenbei mit dem Handrücken seine Schulter. Auch beider Augenpaare wurden mehr und mehr Teil der Konversation: ungläubig geschlossen, schelmisch zusammengekniffen, zwinkernd, begeistert leuchtend, entsetzt rollend, erstaunt aufgerissen. Katrin war sicher nicht der Typ Mädchen, um berechnend kokett zu sein. Aber wenn sie sich lachend weit zurückbog und ihre hellenischen Brüste eine deutlich sichtbare Wölbung unter dem dicken Pulli bildeten - hätte der Balztanz der Kraniche eindeutiger sein können?

Atsche brach das Gespräch abrupt ab.

"So Katrin, wir müssen morgen wieder zeitig raus. Wir sollten zu Bett gehen.", das Mädchen schien etwas verwirrt.

"Ja, du hast wohl recht.", augenblicklich war die rosa Aura aus ihrem Gesicht verschwunden.

"Gute Nacht, Katrin."

"Ja dann, gute Nacht.", sie löste sich von der Wand, ließ die Arme sinken und während sich ihr Körper schon zum Gehen wandte, sah sie ihn immer noch an. Atsche merkte, wie eine Fernsteuerung in ihm seine Hand um ihren Nacken legte und er Katrin vorsichtig auf ihre erstaunten, leicht geöffneten Lippen küsste. Sie reagierte mit keinem Muskel. Ungläubig ließ er ab und sah sie an. Doch das Lächeln in ihrem Gesicht belehrte ihn, dass ihre Sekundenstarre nicht Widerstand, sondern Überraschung gewesen war. Er zog sie an sich. Erleichtert und befreit von jedem Zweifel trafen sich ihre Münder. Körper, Puls, Atem: alles reagierte und spielte miteinander. Mit seinen zwanzig Lenzen hatte er in den letzten beiden langen Jahren kein Mädchen mehr geküsst - und von den wenigen davor hatte es keine so angenehm und gefühlvoll inszeniert wie jetzt Katrin. Atsche war in dieser Beziehung völlig ausgehungert und sog jedes Detail begierig in sich auf. Eine ungewohnte, fast vergessene, wohlige Wärme stieg in ihm auf. Das tat so unvorstellbar gut. Der französische Kuss ist die wohl wunderbarste Erfindung des menschlichen Zusammenlebens. Der Grund seiner Wirkung ist schwer erklärbar, aber niemand wird leugnen, dass allein das, auf das Innere des Mundes beschränkte, Spiel der Zungen, beider Atmen und Saugen den ganzen Leib ausfüllt. In manchen Kulturkreisen wird allein der Zungenkuss schon als Ehebruch gewertet. Vielleicht, weil es neben dem Sex die einzige Möglichkeit ist, in den äußerlich abgeschlossenen Körper des jeweils anderen einzudringen.

Atsche nahm ihre Hand und zog sie in sein Zimmer. Selbst ohne Licht kannte er jede Einzelheit an ihr: ihre festen Brüste, die sparsame Schambehaarung. Doch im Unterschied zur Dusche hielt er nun diesen mädchenhaften, biegsamen Körper in seinen Armen, hatte den Duft ihrer Haare in seiner Nase und ihren schweren Atem an seinem Ohr. Sie war so eng, dass ihn die geringste seiner Bewegungen in ihr erzittern ließ. Ja, erst jetzt war er ein Mann. Erst jetzt hatte er erfahren, dass zwischen Beischlaf und Selbstbefriedigung Welten liegen konnten.

Am nächsten Morgen im Tabakbus setzte sich Katrin neben Atsche, legte wie selbstverständlich ihre Hand auf sein Knie, sah ihn freudig an und nahm dann seine Hand, als wären sie ein Paar.

"Guten Morgen, Atsche. Na, gut geschlafen?", strahlte sie ihn an, als erwarte sie eine Erwiderung auf ihre Anspielung. Atsche war überfahren und etwas hilflos. Ganz offensichtlich hatte Katrin die letzte Nacht falsch verstanden. Atsche war sich keiner Schuld bewusst, hatte ihr nichts versprochen, ihr keine süßen Worte ins Ohr gesäuselt. Er hatte nur das getan, wonach ihnen beiden gestern Abend der Sinn gestanden hatte, und er war davon ausgegangen, dass sie es ebenso sehen würde. Er war hin und her gerissen. Einerseits konnte er sich nicht vorstellen, dass Intimitäten mit irgendeinem anderen Mädel je besser sein könnten als mit Katrin. Sie vereinigte in sich die beiden Arten des gegenseitigen Eindringens scheinbar perfekt - den Kuss und die Vereinigung im Beckenbereich. Und Atsche war überzeugt, der ihr eigenen, so erregenden Enge nicht noch einmal in seinem Leben zu begegnen. Ja, wie sehr hätte ihm die ein oder andere Wiederholung dieser Übung mit Katrin gefallen. Aber andererseits, nein: So dankbar er ihr für dieses gestrige Geschenk war, so wenig passte ihre heutige Reaktion in seine Planungen. Gerade hier, frisch an der Uni, konnte er sich doch nicht gleich in den ersten Tagen festlegen. Er war anderthalb Jahre im Knast gewesen, anders kann man die Zeit in der Armee nicht bezeichnen, jedenfalls nicht in dieser Armee. Jetzt hieß es, das Versäumte nachzuholen. Darüber konnte er aber hier im prall gefüllten Bus nicht mit ihr reden. Und selbst wenn sie allein gewesen wären - er war unfähig, über solche Dinge überhaupt zu reden. Länger als ein paar Sekunden konnte er ihr seine Hand nicht überlassen. Sie war sichtlich enttäuscht. So leid sie ihm in diesem Moment tat, so unwohl fühlte er sich selbst hier dicht neben ihr. Dabei war sie frisch geduscht und ihr Duft ließ ihn nicht ungerührt. Während der Fahrt redeten sie kaum.

Um die Mittagszeit, verloren im riesigen Tabakfeld, pflückte Atsche die letzten Blätter vor der Pause. Im Augenwinkel bemerkte er eine Bewegung und unvermittelt tauchte Katrin in derselben Reihe vor ihm auf. Sie lächelte ihn an, genau wie gestern Abend. Der Tabak war so hoch wie sie selbst, niemand konnte sie sehen, niemand außer ihnen war mehr auf dem Feld. Oh Gott, warum musste sie es ihm nur so schwer machen? Da bemerkte er ein merkwürdiges Zwicken in seinem rechten Ohr. Ein winziges rotes Männlein kroch daraus hervor, es sah aus wie Hecki, bis auf die Farbe.

"Mensch Junge, lass dir das nicht entgehen! Ein Spontanfick im Tabakfeld, davon träumt jeder.", da schrie aus Atsches linkem Ohr ein grünes Männicken.

"Halt, tu das nicht! Das Mädchen ist verliebt, siehst du das nicht? Genau deswegen darfst du das jetzt nicht ausnutzen."

"Sei kein Narr! Das gestern Abend war doch der Wahnsinn gewesen, oder?"

"Atsche nicht. Du erlöst damit nur deine akute Geilheit."

"Eine himmelschreiende Schande wäre es, diese Gelegenheit auszulassen.", ließ das rote Männlein nicht locker.

"Der Preis sind Probleme, die du sicher nicht haben willst."

"Junge, wenn du das den anderen erzählst, bist du der absolute Star."

"Lass es sein! Sie hat es nicht verdient."

"Haltet die Klappe!", schrie Atsche und fuchtelte mit den Armen. Katrin war erschrocken.

"Ich habe doch nichts gesagt."

"Nein. Nein, natürlich nicht. Ich musste gerade nur an eine alte Geschichte denken. Die ganze Zeit hier im Tabak, da bekommt man ja eine Vollmeise. Ich glaube, es ist schon Mittagspause. Lass uns gehen."

Atsche konnte das nicht. Katrin war ihm sympathisch und genau darin lag das Problem - er wollte ihre Hoffnungen nicht mehren und vor allem wollte er keine Beziehung. Und es sollten in den nächsten Jahren viele ähnliche Situationen folgen: Immer, wenn er merkte, dass ein Mädel ihn mochte, konnte er keinen Sex mehr mit ihr haben. Er wollte ihnen nicht wehtun, auch wenn ihm das bei seinem späteren Materialverbrauch, wie Hecki es nannte, kaum jemand abnahm.

Was blieb von der Geschichte mit Katrin, war ein gewisser Stolz auf diese seine erste echte körperliche Erfahrung mit dem anderen Geschlecht. Er beschloss, künftig alle Mädchen in ein kleines Notizbuch einzutragen. Und obwohl Katrin theoretisch seine zweite Intimpartnerin war, bekam sie die Nummer EINS, dick unterstrichen. Und nun, nachdem der Knoten endlich geplatzt war, hielt die Uni von Neustadt, was Atsche sich versprochen und was Hecki ihm prophezeit hatte. Fast wöchentlich zelebrierte er ein oder zwei neue Eintragungen. Doch schon im Folgejahr kam ihm das Büchlein abhanden und er verlor die Übersicht.

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9783754926758
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