Kitabı oku: «1177 v. Chr.»

Eric H. Cline
1177 V. CHR.
Der erste Untergang
der Zivilisation
Aus dem Englischen
von Cornelius Hartz

Impressum
Copyright © 2014 by Eric H. Cline
Published by Princeton University Press, 41 William Street, Princeton, New Jersey 08540
In the United Kingdom: Princeton University Press, 6 Oxford Street, Woodstock,
Oxfordshire OX20 1TW
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wbg THEISS ist ein Imprint der wbg.
Sonderausgabe 2018
© der deutschen Ausgabe 2015 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt
Die Herausgabe des Werkes wurde durch die Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.
Übersetzung: Dr. Cornelius Hartz
Lektorat: Lektorat Hellmayr & Boyxen
Karten: Peter Palm, Berlin
Einbandgestaltung: Jutta Schneider, Frankfurt am Main
Satz: SatzWeise GmbH, Trier
Besuchen Sie uns im Internet: www.wbg-wissenverbindet.de
ISBN 978-3-534-27330-0
Elektronisch sind folgende Ausgaben erhältlich:
eBook (PDF): 978-3-534-74659-0
eBook (epub): 978-3-534-74660-6
Für James D. Muhly,
der sich seit fast einem halben Jahrhundert
mit diesen Themen beschäftigt
und nicht müde wird,
sie seinen Studierenden näherzubringen.
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Informationen zum Autor
Impressum
Inhalt
Vorwort zur deutschen Ausgabe
Vorwort
Danksagung
Prolog Zusammenbruch der Zivilisationen: 1177 v. Chr.
Kapitel eins: Akt I Arma virumque: das 15. Jahrhundert v. Chr.
Zurück zu den Hyksos
Rückblende: Mesopotamien und die Minoer
Entdeckung der Minoer und Überblick
Zurück nach Ägypten
Hatschepsut und Thutmosis III.
Ägypten und Kanaan in der Schlacht von Megiddo (1479 v. Chr.)
Ägypten und Mitanni
Der Aufstand von Aššuwa in Anatolien
Exkurs: Entdeckung der Hethiter und Überblick
Der Aufstand von Aššuwa und die Achijawa-Frage
Exkurs: Entdeckung der Mykener und Überblick
Ein Trojanischer Krieg vor dem Trojanischen Krieg?
Abschließende Bemerkungen
Kapitel zwei Akt II Ägypter und Ägäer: das 14. Jahrhundert v. Chr.
Die Ägäische Liste Amenophis’ III.
Die Amarna-Archive
Geschenke und Familienbande
Gold, Katzengold und hochrangige Handelsbeziehungen
Alašija und Assyrien treten auf den Plan
Nofretete und Tutanchamun
Šuppiluliuma I. und die Zannanza-Affäre
Hethiter und Mykener
Kapitel drei Akt III Für Götter und Heimatland: das 13. Jahrhundert v. Chr.
Das Schiff von Uluburun
Sinaranu aus Ugarit
Die Schlacht bei Qadeš und die Folgen
Der Trojanische Krieg
Auslandskontakte und das griechische Festland im 13. Jahrhundert v. Chr.
Der Auszug der Israeliten und die Eroberung Israels
Hethiter, Assyrer, Amurru und Achijawa
Die Hethiter überfallen Zypern
Die Schiffswracks von Kap Iria und Kap Gelidonya
Kapitel vier Akt IV Das Ende einer Ära: das 12. Jahrhundert v. Chr.
Die Entdeckung von Ugarit und Minet el-Beida
Die Handelsbeziehungen von Ugarit und seinen Kaufleuten
Zerstörungen in Nordsyrien
Zerstörungen in Südsyrien und Kanaan
Zerstörungen in Mesopotamien
Zerstörungen in Anatolien
Zerstörungen auf dem griechischen Festland
Zerstörungen auf Zypern
Kämpfe in Ägypten und die Haremsverschwörung
Fazit
Kapitel fünf Eine ganze Serie von Katastrophen?
Erdbeben
Klimawandel, Dürre und Hungersnot
Aufstände
Invasoren und der Zusammenbruch des internationalen Handels
Dezentralisierung und der Aufstieg der privaten Kaufleute
Waren es die Seevölker – und wo sind sie eigentlich hin?
Argumente für einen Zusammenbruch des Systems
Überblick über die Möglichkeiten und die Komplexitätstheorie
Epilog
Und was kam danach?
Was wäre, wenn …?
Dramatis Personae
Anmerkungen
Literaturverzeichnis
Illustrationen
Abbildungen
Tabellen
Register
Vorwort zur deutschen Ausgabe
Wendepunkte haben in der Geschichtsschreibung eine besondere Anziehungskraft. Das Jahr 1945 wird für immer mit dem Ende der dunkelsten Epoche deutscher Geschichte verbunden sein. 1914 sehen wir nicht nur als Jahr des Weltenbrands, sondern auch als Aufbruch in die Moderne. Mit der Entdeckung Amerikas 1492 wird die Welt global. Und im Jahre 476 nach Christus gingen die letzten Reste des fast tausendjährigen Römischen Reichs unter.
Aber das Jahr »1177 vor Christus«? Welches Ereignis, welcher Wendepunkt mag sich mit diesem Jahr verbinden, das einerseits doch so weit zurückliegt und sich trotzdem so exakt datieren lässt und sich damit in eine Reihe mit 476, 1492, 1914 oder 1945 zu stellen scheint?
Die Antwort auf diese Frage ist spannend, aber auch komplex. Wir verdanken sie dem renommierten Archäologen und Kulturanthropologen Eric H. Cline, der uns auf eine faszinierende Reise in die Vergangenheit mitnimmt.
Natürlich weiß der Direktor des Archäologischen Instituts an der George Washington Universität, dass es sich bei der 1177 vor Christus stattgefundenen Schlacht zwischen dem ägyptischen Pharao Ramses III. und den Seevölkern nur um eines von mehreren Ereignissen gehandelt hat, die zu jener Zeit den östlichen Mittelmeerraum und die Zivilisationen der Mykener, Hethiter und Ägypter erschütterten. Die Umwälzungen führten im gesamten anatolisch-ägäischen Raum und darüber hinaus zum Untergang bronzezeitlicher Kulturen, die sich über Jahrhunderte herausgebildet und ein beachtliches Entwicklungsstadium erreicht hatten. Auch der Fall Trojas – uns allen lebendig in den Gesängen Homers – gehört in diesen Kontext.
Was wir nicht wissen und was Generationen von Experten bewegt hat: Wie kam es zum Kollaps von Kulturen, die ihre Robustheit über 2000 Jahre lang ein ums andere Mal unter Beweis gestellt hatten? Worin lagen die Stärken und die Schwächen eines für damalige Verhältnisse hochgradig vernetzten Wirtschaftsraums? Welche minoisch-mykenischen Güter waren von solcher Anziehungskraft, dass sie aus dem heutigen Griechenland in das ägyptische Reich verschifft wurden?
Es wäre vermessen, von Eric Cline auf alle diese Fragen eindeutige Antworten zu erwarten. Sein größter Verdienst ist es jedoch, die verschiedenen modernen Erklärungsansätze zusammenzuführen. Sein Blick beginnt dabei nicht erst mit dem Verfall der betreffenden Kulturen, sondern bereits mit ihrer Blütezeit. So gesehen ist »1177 v. Chr.« von Eric Cline ein Werk, das einen faszinierenden Einblick in die Geschichte des 15. bis 12. Jahrhunderts vor Christus gibt und dabei unsere Neugier auf die kulturellen Errungenschaft einer Zeit lenkt, die uns gestern noch so unendlich fern war.
Hermann Parzinger
Vorwort
Die griechische Wirtschaft ist am Ende. In Libyen, Syrien und Ägypten ist es zu revolutionsartigen Aufständen gekommen, fremde Mächte und ausländische Soldaten gießen Öl ins Feuer. Die Türkei befürchtet, in die Konflikte mit hineingezogen zu werden. Jordanien ist überfüllt mit Flüchtlingen. Der Iran wetzt die Messer und übt sich in Drohgebärden, während es auch im Irak drunter und drüber geht. Sie glauben, dies seien ein paar Schlagzeilen aus den aktuellen Nachrichten? Das stimmt zwar. Aber genauso war die Situation bereits vor mehr als 3000 Jahren, im Jahr 1177 v. Chr., als die Zivilisationen der Bronzezeit rund um das Mittelmeer nacheinander zusammenbrachen und den Lauf der Geschichte für immer veränderten. Es war ein Wendepunkt in der Geschichte – und ein Wendepunkt für die antike Welt.
Die Bronzezeit in der Ägäis, in Ägypten und im Nahen Osten dauerte fast 2000 Jahre, von etwa 3000 v. Chr. bis kurz nach 1200 v. Chr. Als sie nach vielen Jahrhunderten kultureller und technologischer Evolution zu Ende ging, kam es im Großteil der zivilisierten Welt rund um das Mittelmeer zu einem dramatischen Stillstand – in einem Gebiet, das sich von Griechenland und Italien im Westen bis nach Ägypten, Kanaan und Mesopotamien im Osten erstreckte. Große und kleine Reiche, die Jahrhunderte gebraucht hatten, um sich zu entwickeln, zerfielen binnen kurzer Zeit. Es folgte eine Übergangsepoche, die die Forscher früher als erstes »Dunkles Zeitalter« der Weltgeschichte bezeichneten. Erst mehrere Jahrhunderte später kam es in Griechenland und anderen betroffenen Regionen zu einer kulturellen Renaissance, die die Entwicklung unserer heutigen westlichen Gesellschaft in die Wege leitete.
Auch wenn sich dieses Buch in erster Linie dem Zusammenbruch der Zivilisationen der Bronzezeit widmet und den Faktoren, die vor mehr als 3000 Jahren zu diesem Zusammenbruch geführt haben, vermittelt es hoffentlich auch Erfahrungswerte, die für die von Globalisierung und Transnationalisierung geprägten Gesellschaften von heute bedeutend sind. Sicher mag man einwenden, die Welt der späten Bronzezeit ließe sich nur schwerlich mit unserer hochtechnisierten Kultur vergleichen. Dennoch finden wir viele Ähnlichkeiten zwischen diesen beiden Epochen: diplomatische Bemühungen und Wirtschaftsembargos, Entführungen und Lösegelder, ermordete Herrscher, prunkvolle Hochzeiten und unangenehme Scheidungen, internationale Intrigen und vorsätzliche militärische Desinformation, Klimawandel und Dürren und sogar das ein oder andere Schiffswrack. Hier gewisse Ähnlichkeiten zwischen unserer Zeit und den Ereignissen, Menschen und Orten vor mehr als drei Jahrtausenden zu suchen, ist mehr als nur eine akademische Übung.1 Betrachtet man die Welt von heute, ihre globale Wirtschaft, Katastrophen wie den Tsunami in Japan, demokratische Revolutionen wie den »Arabischen Frühling« in Ägypten, Tunesien, Libyen, Syrien und Jemen, wird man feststellen, dass die politische und wirtschaftliche Entwicklung in den USA und Europa untrennbar mit einem internationalen System vernetzt ist, zu dem auch Ostasien und die erdölproduzierenden Länder des Nahen Ostens gehören. Wenn wir den Scherbenhaufen untersuchen, der beim Zusammenbruch ähnlich miteinander verflochtener Zivilisationen vor mehr als 3000 Jahren übrigblieb, können wir dadurch durchaus wertvolle Erkenntnisse gewinnen.
Solche Zusammenbrüche zu erforschen sowie den Aufstieg und Fall verschiedener Imperien zu vergleichen, ist natürlich an sich nichts Neues. Schon im 18. Jahrhundert hat Edward Gibbon in seinem Standardwerk The History of the Decline and the Fall of the Roman Empire dasselbe getan; ein Beispiel aus der jüngeren Zeit ist Jared Diamonds Werk Collapse: How Societies Choose to Fail or Suceed.2 Allerdings untersuchten jene Autoren immer nur, wie ein einziges Reich bzw. eine einzige Zivilisation unterging – die Römer, die Maya, die Mongolen usw. Wir wollen hier eine globalisierte Welt betrachten; ein System mit mehreren Zivilisationen, die alle miteinander interagierten und (zumindest teilweise) voneinander abhängig waren. Es gibt nur wenige Fälle in der Weltgeschichte, in denen ein solches globalisiertes System existierte; zu den besten Beispielen dafür gehören tatsächlich die Welt der späten Bronzezeit und die von heute. Die Parallelen zwischen diesen Epochen – besser gesagt, die Vergleichsmomente – sind mitunter wirklich faszinierend.
Ein Beispiel: Die britische Akademikerin Carol Bell stellte erst kürzlich fest, dass »Zinn in der späten Bronzezeit … ähnlich strategisch bedeutend war wie heute das Rohöl«.3 Damals kam Zinn in größeren Mengen lediglich in bestimmten Minen in Badachschan in Afghanistan vor. Das Zinn wurde über Land bis nach Mesopotamien (im heutigen Irak) und in den Norden Syriens transportiert; von dort aus brachte man es weiter nach Norden, Süden und Westen, auch über das Meer bis in die Ägäis. Dazu Bell: »Die Verfügbarkeit von genügend Zinn, um … waffenfähige Bronze herzustellen, muss für den Großkönig in Hattuša und den Pharao in Theben einen ähnlichen Stellenwert gehabt haben, wie heute für den US-Präsidenten die Verfügbarkeit von genügend Benzin für die amerikanischen SUVFahrer.«4
Die Archäologin Susan Sherratt, die früher im Ashmolean Museum in Oxford tätig war und heute an der Universität von Sheffield lehrt, sprach sich vor zehn Jahren erstmalig für einen solchen Vergleich aus. Wie sie feststellte, gibt es einige »wahrlich nützliche Analogien« zwischen der Welt von 1200 v. Chr. und der von heute – dies erstreckt sich u.a. auf eine wachsende politische, soziale und wirtschaftliche Fragmentierung und auf den direkten Austausch »auf einem bislang beispiellosen sozialen Level und über nie gekannte Distanzen hinweg«. Von besonderer Relevanz ist dabei ihre Beobachtung, dass die Situation am Ende der Spätbronzezeit eine Analogie zu unserer eigenen »immer homogeneren und dennoch immer weniger kontrollierbaren globalen Wirtschaft und Kultur« darstellt, in der »politische Unsicherheiten auf der einen Seite der Welt Volkswirtschaften beeinflussen, die sich mehrere tausende Meilen entfernt befinden«.5 Der Historiker Fernand Braudel sagte einst: »Die Geschichte der Bronzezeit bietet Stoff für ein Drama: Sie ist voll von Invasionen, Kriegen, Plünderungen, politischen Katastrophen, Beispielen eines langwierigen wirtschaftlichen Kollapses und den ersten Zusammenstößen zwischen verschiedenen Völkern.« Er wies aber auch darauf hin, dass sich die Geschichte der Bronzezeit »nicht nur als Saga der Dramatik und der Gewalt, sondern auch als Geschichte positiver Kontakte« schreiben ließe, in puncto »Handel, Diplomatie (auch schon zu dieser Zeit) und vor allem Kultur«.6
Braudels Vorschläge habe ich mir zu Herzen genommen, und so möchte ich Ihnen hiermit die Geschichte (oder besser gesagt: Geschichten) der späten Bronzezeit als Schauspiel in vier Akten präsentieren, mit vielen erzählerischen Elementen und diversen Rückblenden, die als Kontext dazu dienen werden, einige der wichtigsten Akteure jener Zeit einzuführen, und zwar jeweils an dem Punkt, wo sie die Bühne der Weltgeschichte betreten: vom Hethiterkönig Tudhalija über Tušratta, den König von Mitanni, und Pharao Amenophis III. von Ägypten bis hin zu Aššur-uballiṭ von Assyrien (ein »Dramatis Personae« betiteltes Glossar hinten im Buch soll dazu dienen, Namen und Daten schnell nachschlagen zu können).
Mitunter bedient sich die Erzählung sogar ein wenig der Stilmittel der Detektivgeschichte – mit unerwarteten Wendungen, falschen Fährten und signifikanten Indizien. Um Hercule Poirot zu zitieren, jenen legendären belgischen Detektiv aus der Feder Agatha Christies (die übrigens selbst mit einem Archäologen verheiratet war7), werden wir unsere »kleinen grauen Zellen« brauchen, um am Ende unserer Chronik die verschiedenen Stränge der Beweisaufnahme miteinander zu verweben, wenn wir versuchen werden, die Frage zu beantworten, warum ein stabiles internationales System plötzlich zusammenbrach, nachdem es mehrere Jahrhunderte lang geblüht hatte.
Um wirklich zu verstehen, was im Jahr 1177 v. Chr. geschah und warum jenes Jahr für die Geschichte des Altertums von so entscheidender Bedeutung war, müssen wir ein wenig früher ansetzen – genau wie man sich für ein echtes Verständnis der globalisierten Welt von heute mit dem 18. Jahrhundert beschäftigen muss, mit dem Höhepunkt des Zeitalters der Aufklärung, mit der Industriellen Revolution und der Gründung der Vereinigten Staaten. Zwar bin ich in erster Linie daran interessiert, die möglichen Ursachen für den Zusammenbruch der Zivilisation der Bronzezeit zu untersuchen, doch zugleich geht es auch stets um die Frage, was die Welt damals verlor, als die großen Reiche des 2. Jahrtausends v. Chr. kollabierten, und in welchem Maße es dadurch in jenem Teil der Welt zu tiefgreifenden zivilisatorischen Veränderungen, ja Rückschritten kam, die teilweise mehrere Jahrhunderte andauerten. Das Ausmaß jener Katastrophe war enorm; es war ein Verlust, wie ihn die Welt nicht mehr erleben sollte, bis das Römische Reich zusammenbrach – über eineinhalb Jahrtausende später.
Danksagung
Ich wollte schon lange ein Buch wie dieses schreiben, daher geht mein Dank in erster Linie an Rob Tempio, der das Projekt auf den Weg gebracht und maßgeblich dazu beigetragen hat, meinem Manuskript über die üblichen Kinderkrankheiten hinwegzuhelfen und es schlussendlich in den Druck geben zu können. Er bewies zudem eine enorme Geduld, als es darum ging, auf das endgültige Manuskript zu warten, denn die ursprünglich vorgesehene Deadline ließ sich nicht ganz einhalten. Ich bin hocherfreut, dass Princeton University Press dieses Werk als ersten Band seiner neuen Reihe Wendepunkte in der Geschichte des Altertums (herausgegeben von Barry Strauss und Rob Tempio) veröffentlicht.
Weiterhin gilt mein Dank dem University Facilitating Fund der George Washington University für ihr Sommerstipendium – sowie zahlreichen Freunden und Kollegen, u.a. Assaf Yasur-Landau, Israel Finkelstein, David Ussishkin, Mario Liverani, Kevin McGeough, Reinhard Jung, Cemal Pulak, Shirly Ben-Dor Evian, Sarah Parcak, Ellen Morris und Jeffrey Blomster, mit denen ich ergiebige Gespräche über viele relevante Themen führen durfte. Besonders möchte ich mich bei Carol Bell, Reinhard Jung, Kevin McGeough, Jana Mynářová, Gareth Roberts, Kim Shelton, Neil Silberman und Assaf Yasur-Landau bedanken, die mir auf Anfrage bestimmtes Material oder detaillierte Antworten auf spezifische Fragen zugesandt haben, sowie bei Randy Helm, Louise Hitchcock, Amanda Podany, Barry Strauss, Jim West und zwei anonymen Gutachtern, die das gesamte Manuskript gelesen und mit Anmerkungen versehen haben. Ich danke der National Geographic Society, dem Oriental Institute der University of Chicago, dem Metropolitan Museum of Art und der Egypt Exploration Society für die Erlaubnis, einige der Bilder, die in diesem Buch auftauchen, abzubilden.
Ein Großteil des Materials in diesem Buch besteht aus meinen eigenen Forschungsergebnissen und Veröffentlichungen zu den internationalen Beziehungen in der späten Bronzezeit, die im Laufe der letzten 20 Jahre oder etwas länger her erschienen sind und die ich hiermit auf den neuesten Stand gebracht und zugunsten einer besseren Lesbarkeit überarbeitet habe; darüber hinaus stelle ich aber selbstverständlich auch die Arbeiten und Schlussfolgerungen vieler anderer Wissenschaftler dar. Mein herzlicher Dank geht daher auch an die Herausgeber und Verleger verschiedener Fachzeitschriften und Sammelbände, in denen einige meiner früheren einschlägigen Artikel und Publikationen erschienen sind, für ihre Erlaubnis, das Material in diesem Buch zu reproduzieren, wenn auch zumeist in veränderter und aktualisierter Form. Dazu gehören u.a. David Davison von Tempus Reparatum/Archaeopress, Jack Meinhardt und die Zeitschrift Archaeology Odyssey, James R. Mathieu und die Zeitschrift Expedition, Virginia Webb und das Annual of the British School at Athens, Mark Cohen und CDL Press, Tom Palaima und Minos, Robert Laffineur und die Aegaeum-Reihe, Ed White und Recorded Books/Modern Scholar, Garrett Brown und die National Geographic Society sowie Angelos Chaniotis und Mark Chavalas. Ich habe versucht, in den Endnoten und der Bibliographie ganz eindeutig die Publikationen zu dokumentieren, in denen meine früheren Beiträge über die hierin bearbeiteten Themen zu finden sind. Sollte ich irgendeine Formulierung oder eine andere Entlehnung aus einer meiner eigenen früheren Veröffentlichungen oder einem Beitrag von jemand anderem zu belegen versäumt haben, so geschah dies gänzlich ohne Absicht und kann gerne in einer späteren Ausgabe korrigiert werden, falls erforderlich. Last, but not least, danke ich meiner Frau Diane für viele anregende Gespräche über einzelne Aspekte dieses Materials.
Sie war es, die mich u.a. in die Analyse sozialer Netzwerke und in die Komplexitätstheorie einführte, und sie entwarf einige der hier verwendeten Abbildungen. Ihr und unseren Kindern möchte ich zudem für die Geduld danken, die sie aufbrachten, während ich an diesem Buch arbeitete. Wie immer hat mein Text enorm von der fachkundigen Redaktion und dem kritischen Feedback meines Vaters, Martin J. Cline, profitiert.
Prolog
Zusammenbruch der Zivilisationen:
1177 v. Chr.
Als die Krieger die Bühne der Weltgeschichte betraten, kamen sie schnell voran und brachten Tod und Verwüstung über das Land. Die moderne Wissenschaft nennt sie kollektiv »Seevölker«, aber die Ägypter benutzten diesen Begriff nicht, sondern nannten in ihren Aufzeichnungen stets die einzelnen Gruppen, die zusammen auftraten: Peleset, Tjeker, Šekeleš, Šardana, Danunäer und Wašaš – fremd klingende Namen für fremd aussehende Menschen.1
Abgesehen von diesen Namen verraten uns die ägyptischen Aufzeichnungen nur wenig über sie. Wir wissen nicht genau, woher die Seevölker ursprünglich kamen – nach einem möglichen Szenario vielleicht von Sizilien, Sardinien und aus Italien, vielleicht aber auch aus der Ägäis oder Westanatolien, vielleicht von Zypern oder aus dem östlichen Mittelmeer.2 Es ist noch niemandem gelungen, eine antike Stätte als den Ort ihrer Herkunft oder den Ausgangspunkt ihrer Reisen zu identifizieren. Die Seevölker fuhren unaufhaltsam von Ort zu Ort und überrannten dabei ganze Länder und Königreiche. Glaubt man den ägyptischen Texten, so schlugen sie in Syrien ihr Lager auf, bevor sie die Küste von Kanaan (einen Teil der heutigen Staaten Syrien, Libanon und Israel) überfielen und schließlich ins ägyptische Nildelta vordrangen.
Das geschah 1177 v. Chr., im achten Regierungsjahr von Pharao Ramses III.3 Nach den Aufzeichnungen der Alten Ägypter und neueren archäologischen Befunden fielen einige der Seevölker auf dem Landweg ein, andere über See.4 Sie hatten keine Uniformen, keine aufwändigen Kleider. Alte Bilder zeigen eine Gruppe mit Federschmuck auf dem Kopf, eine andere mit Schädelkappen, wieder andere mit gehörnten Helmen oder ganz ohne Kopfbedeckung. Einige trugen kurze Spitzbärte und kurze Röcke, der Oberkörper nackt oder mit einer Tunika bedeckt, andere hatten keine Bärte und trugen längere, ebenfalls rockähnliche Kleidungsstücke. Diese Beobachtungen legen nahe, dass die Seevölker aus unterschiedlichen Gruppen aus verschiedenen Regionen und verschiedenen Kulturen bestanden. Sie waren mit scharfen Bronzeschwertern, Holzstangen mit glänzenden Metallspitzen sowie mit Pfeil und Bogen bewaffnet und kamen auf Schiffen, Kutschen, Ochsenkarren und Streitwagen. Auch wenn ich hier 1177 v. Chr. als Jahreszahl in den Mittelpunkt rücke, wissen wir, dass die Eindringlinge in Wellen kamen, und das über einen beträchtlichen Zeitraum hinweg. Manchmal kamen die Krieger allein, manchmal wurden sie von ihren Familien begleitet.
Wie uns die Inschriften des Ramses berichten, gab es kein Land, das in der Lage gewesen wäre, der Masse der Eindringlinge etwas entgegenzusetzen. Jeder Widerstand war zwecklos. Die damaligen Großmächte – die Hethiter, die Mykener, die Kanaaniter, die Zyprer und andere mehr – fielen ihnen eine nach der anderen zum Opfer. Manchen gelang es, nur zu überleben, indem sie vor dem Massaker flohen, andere hausten bald in den Ruinen ihrer einst so stolzen Städte; es gab aber auch Menschen, die sich den Invasoren anschlossen, ihre Anzahl weiter anschwellen ließen und zu der offensichtlichen Vielschichtigkeit des eindringenden Mobs beitrugen. Jede einzelne Gruppe der Seevölker befand sich in Bewegung, die Motivation dafür war aber offenbar recht unterschiedlich. Vielleicht war es der Wunsch nach Beute oder Sklaven, der einige antrieb; andere könnte der demographische Druck dazu gezwungen haben, den Westen zu verlassen und im Osten ihr Glück zu suchen.
An den Mauern seines Totentempels in Medinet Habu, nahe dem Tal der Könige, stehen Ramses’ prägnante Worte:
Die Fremdländischen verschworen sich auf ihren Inseln. Im Kampfgewühl wurden die Länder auf einen Schlag vernichtet. Kein Land hielt ihren Armeen stand, Ḫatti, Qadi, Qarqemiš, Arzawa, Alašija waren [auf einen Schlag] entwurzelt. Sie schlugen an einem Ort im Inneren von Amurru ihr Lager auf. Sie vernichteten die Bewohner und das Land, als habe es nie existiert. Während die Flamme vor ihnen bereitet wurde, kamen sie vorwärts gegen Ägypten. Die Länder Peleset, Tjeker, Šekeleš, Danunäer und Wašaš verbündeten sich. Sie legten Hand an alle Länder bis ans Ende der Welt; ihre Herzen waren zuversichtlich und voller Vertrauen.5
Wir kennen die Orte, die von den Invasoren angeblich überrannt wurden, sie waren im Altertum allesamt berühmte Stätten. Ḫatti war das Land der Hethiter, sein Kernland befand sich auf der Hochebene im Landesinneren von Anatolien in der Nähe des heutigen Ankara; das Reich erstreckte sich von der Küste der Ägäis im Westen bis nach Nordsyrien im Osten. Qadi lag wahrscheinlich im heutigen Südosten der Türkei (möglicherweise handelt es sich um die antike Region Kizzuwatna). Karkemiš ist eine bekannte archäologische Stätte, die von einem Archäologenteam ausgegraben wurde, dem neben Sir Leonard Woolley (den man eher durch die Ausgrabung von Abrahams »Ur in Chaldäa« im Irak kennt) auch Thomas E. Lawrence angehörte (der vor seinen Heldentaten im Ersten Weltkrieg, die ihn am Ende zum Hollywoodhelden »Lawrence von Arabien« machten, in Oxford klassische Archäologie studiert hatte). Das Land Arzawa kannten die Hethiter gut, es lag innerhalb ihres Einflussbereichs in Westanatolien. Alašija könnte die Insel gewesen sein, die wir heute als Zypern kennen – eine Insel mit großen Metallvorkommen, die vor allem für ihr Kupfererz berühmt war. Amurru lag an der Küste Nordsyriens. In den Kapiteln und in den Geschichten, die folgen, werden wir all diesen Orten noch einmal begegnen.
Die sechs Einzelgruppen, aus denen die Seevölker bei dieser Invasionswelle bestanden – die fünf oben von Ramses in der Inschrift in Medinet Habu aufgezählten sowie eine sechste Gruppe, die man Šardana nannte und die in einer weiteren Inschrift erwähnt wird – sind um einiges rätselhafter als die Länder, die sie angeblich überrannten. Sie hinterließen keine eigenen Inschriften, so dass wir sie fast ausschließlich aus ägyptischen Inschriften kennen.6

Abb. 1 Seevölker als Gefangene in Medinet Habu (nach Medinet Habu, Bd. 1, Taf. 44. Mit freundlicher Genehmigung des Oriental Institute der University of Chicago).
Die meisten dieser Gruppen sind auch in archäologischer Hinsicht nur schwer zu fassen, obwohl Archäologen und Philologen genau dies seit fast 100 Jahren immer wieder ganz tapfer versuchen – erst mittels linguistischer Versuche, in jüngerer Zeit dann anhand von Keramik und anderen archäologischen Funden. So hat man zum Beispiel die Danunäer mit Homers Danaern aus der bronzezeitlichen Ägäis identifiziert. Von den Šekeleš nimmt man immer wieder an, dass sie aus dem heutigen Sizilien stammen, die Šardana aus Sardinien – die Basis dieser Annahme ist einerseits die Ähnlichkeit der Konsonanten, andererseits Ramses’ Bemerkung über die »Fremdländischen« von den »Inseln«; bei den Šardana heißt es in Ramses’ Inschriften zudem explizit, sie wohnten »auf See«.7
Diesen Vorschlägen schließen sich allerdings längst nicht alle Wissenschaftler an. Eine ganze Forschungsrichtung ist der Ansicht, die Šekeleš und die Šardana seien gar nicht aus dem westlichen Mittelmeerraum gekommen, sondern aus Gebieten im östlichen Mittelmeer – später, nach dem Sieg der Ägypter, seien sie dann nach Sizilien und Sardinien geflüchtet; so seien diese Regionen überhaupt erst zu ihren Namen gekommen. Dafür spricht die Tatsache, dass die Šardana schon lange vor dem Aufkommen der Seevölker für und auch gegen die Ägypter kämpften. Dagegen spricht, dass Ramses III. erwähnt, die überlebenden Angreifer hätten sich in Ägypten niedergelassen.8
Von allen ausländischen Gruppen, die hier zu jener Zeit aktiv waren, ist es bislang nur bei einer gelungen, sie zu identifizieren. Es gilt als sicher, dass das Seevolk der Peleset mit den Philistern identisch ist, die laut der Bibel von Kreta stammten.9 Die linguistische Identifizierung war so offensichtlich, dass Jean-François Champollion, der die ägyptischen Hieroglyphen entschlüsselte, dies bereits vor 1836 vorgeschlagen hatte; 1899 identifizierten biblische Archäologen in Tell es-Safi, dem biblischen Gath, erstmals bestimmte Keramik- und Architekturstile sowie weiteres Material als »philistisch«.10
Auch wenn wir über Herkunft und Motivation der Angreifer nichts Genaues wissen, können wir doch immerhin feststellen, wie sie aussahen – wir kennen ihre Namen und ihre Gesichter von den Reliefs an den Mauern des Totentempels Ramses’ III. in Medinet Habu. Diese antike Stätte ist reich an Bildern und hieroglyphischen Texten. Rüstungen, Waffen, Kleidung, Schiffe und mit Habseligkeiten beladene Ochsenkarren der Invasoren sind in den Darstellungen deutlich sichtbar, und zwar in einer solchen Detailfülle, dass diverse Wissenschaftler Individuen und sogar Schiffe, die dort abgebildet sind, analysiert haben.11 Es gibt auch weitaus martialischere Bilder: Eines zeigt Invasoren und Ägypter mitten in einer chaotischen Seeschlacht; einige sind eindeutig tot – sie treiben mit dem Kopf nach unten im Wasser –, andere kämpfen weiterhin heftig aus ihren Schiffen heraus.
Seit den 1920er Jahren haben Ägyptologen vom Oriental Institute der University of Chicago die Inschriften und Bilder in Medinet Habu untersucht und sorgfältig kopiert. Dieses Institut war und ist noch heute eine der weltweit führenden Institutionen, wenn es um das Studium der antiken Zivilisationen Ägyptens und des Nahen Ostens geht. Gegründet wurde es von James Henry Breasted nach dessen Rückkehr von einer abenteuerlichen Reise durch den Nahen Osten in den Jahren 1919 und 1920; das Startkapital von 50.000 Dollar stellte John D. Rockefeller Jr. bereit. Archäologen vom OI (wie man es meistens nennt) waren an Ausgrabungen im gesamten Nahen Osten beteiligt, u.a. im Iran und in Ägypten.
Über Breasted und die OI-Projekte, die unter seiner Leitung angestoßen wurden, hat man viel geschrieben, beispielsweise über die Ausgrabungen in Megiddo (dem biblischen Armageddon) in Israel, die von 1925 bis 1939 dauerten.12 Zu den Highlights gehörten mehrere Epigraphik-Surveys in Ägypten, im Rahmen derer hieroglyphische Texte und Szenen, die die Pharaonen in ihren Tempeln und Palästen in ganz Ägypten hinterließen, von Ägyptologen akribisch kopiert wurden – eine unglaublich mühsame Arbeit. Stunden um Stunden standen die Mitarbeiter des Instituts in der prallen Sonne auf Leitern oder hockten auf Gerüsten und versuchten, die längst verblassenden Symbole an Toren, Tempeln und Säulen abzuzeichnen. Dennoch sind die Ergebnisse dieser Bemühungen von geradezu unschätzbarem Wert, vor allem da viele Inschriften seither stark unter der Erosion und dem Ansturm von Touristen gelitten haben. Hätte man diese Inschriften nicht rechtzeitig übertragen, wären sie irgendwann verschwunden und für künftige Generationen verloren. Die Abschriften von Medinet Habu wurden in mehreren Bänden veröffentlicht; der erste erschien 1930, weitere Bände in den 1940er und 50er Jahren.
Zwar diskutiert die Wissenschaft auch weiterhin über die Land- und Seeschlachten an den Mauern von Medinet Habu, aber die meisten Experten sind sich inzwischen einig, dass die dort dargestellten Szenen wahrscheinlich nahezu zeitgleich stattfanden, und zwar entweder im Nildelta oder in der Nähe von Medinet Habu. Es kann gut sein, dass sie eine einzige große Schlacht zeigen, die zugleich an Land und auf See ausgetragen wurde, und einige Forscher haben darauf hingewiesen, hier könne dargestellt sein, wie die Ägypter beide Streitmächte der Seevölker in einen Hinterhalt lockten.13 Das endgültige Ergebnis bezweifelt indes niemand – in Medinet Habu hält der ägyptische Pharao ganz eindeutig fest:

Abb. 2 Seeschlacht mit Seevölkern in Medinet Habu (nach Medinet Habu, Bd. 1, Taf. 37. Mit freundlicher Genehmigung des Oriental Institute der University of Chicago).
Der Same derer, die meine Grenze erreichten, ist ausgelöscht, mit ihren Herzen und ihren Seelen hat es auf ewig ein Ende. Diejenigen, die zusammen über das Meer gekommen waren, erwartete an den Flussmündungen die volle Flamme, während ein Meer aus Lanzen sie am Ufer umgab. Man lockte sie ins Landesinnere, schloss sie ein und tötete sie an der Küste niedergestreckt, schichtete ihre Leichname zu Haufen. Ich habe die Länder dazu gebracht, den Namen Ägyptens nicht auszusprechen; wenn sie in ihrem Land meinen Namen dennoch aussprechen, dann werden sie verbrannt.14
In einem berühmten Dokument, das man als »Großer Papyrus Harris« bezeichnet, führt Ramses dies weiter aus und nennt noch einmal die Namen seiner besiegten Feinde:
Ich stürzte die, die sie von ihrem Land aus überfielen. Ich schlug die Danunäer, die auf ihren Inseln [sind], die Tjeker und die Peleset wurden zu Asche. Die Šardana und Wašaš des Meeres – sie wurden behandelt, als hätten sie nie existiert; einmal nahm man sie fest und brachte sie als Gefangene nach Ägypten, [zahlreich] wie der Sand am Ufer. Ich setzte sie in meinem Namen in Burgen fest. Hunderttausende zählten ihre Klassen. Ich besteuerte sie alle jedes Jahr, in Kleidung und Getreide aus den Lagerhäusern und den Getreidespeichern.15
Dies war nicht das erste Mal, dass die Ägypter gegen die gesammelte Streitmacht der »Seevölker« kämpften: Bereits 30 Jahre zuvor, im Jahr 1207 v. Chr., dem fünften Jahr der Herrschaft des Pharaos Merenptah, hatte eine ähnliche Ansammlung nicht genau identifizierbarer Krieger Ägypten angegriffen. Merenptah ist Kennern des alten Orients vor allem deshalb vertraut, weil er als erster ägyptischer Pharao den Begriff »Israel« verwendete, übrigens in einer Inschrift aus exakt demselben Jahr (1207 v. Chr.). Diese Inschrift markiert zugleich die früheste Verwendung des Namens Israel außerhalb der Bibel. In der pharaonischen Inschrift ist der Name mit einer speziellen Markierung gekennzeichnet, die anzeigt, dass es sich dabei um ein Volk und nicht um einen Ort handelt. Erwähnt wird der Name im Zusammenhang mit einer knappen Beschreibung eines Feldzugs in die Region Kanaan, wo das Volk, das er »Israel« nennt, angesiedelt war.16 Die betreffenden Sätze stehen innerhalb einer viel längeren Inschrift, in der es vornehmlich um Merenptahs langwierige kriegerische Auseinandersetzungen mit den Libyern geht, Ägyptens Nachbarn im Westen. Die Libyer und die Seevölker beanspruchten die Aufmerksamkeit des Pharaos in jenem Jahr weitaus mehr als die Israeliten.
Ein Text aus Heliopolis zum Beispiel, datiert auf »Jahr fünf, Monat zwei der dritten Jahreszeit (zehnter Monat)«, teilt uns mit: »Der elende Anführer Libyens ist [mit] Šekeleš und jedem fremden Land, das ihm beisteht, eingefallen und hat die Grenzen Ägyptens verletzt«.17 Den gleichen Wortlaut finden wir in einer anderen Inschrift, die man als »Säule von Kairo« kennt.18 In einer längeren Inschrift in Karnak (dem heutigen Luxor) erfahren wir noch ein paar weitere Einzelheiten zu dieser frühen Angriffswelle der Seevölker. Die einzelnen Gruppen sind darin genau bezeichnet:
[Zu Beginn des Siegs, den seine Majestät im Land Libyen errang, kamen] Ekweš, Tereš, Lukka, Šardana, Šekeleš, alle von Ländern des Nordens, … in der dritten Jahreszeit und sagten: Der elende, gefallene Anführer Libyens … ist mit seinen Bogenschützen – Šardana, Šekeleš, Ekweš, Lukka, Tereš – ins Land der Tehenu eingefallen, wobei er die besten Krieger und jeden einzelnen Kämpfer seines Landes mitnahm
Die Liste der Gefangenen, die aus dem Lande Libyen und von den Ländern, die es mitbrachte, fortgeschafft wurden
Šerden, Šekeleš, Ekweš, die keine Vorhaut hatten, von den Ländern des Meeres:
Šekeleš: 222 Männer,
das ergibt 250 Hände.
Tereš: 742 Männer,
das ergibt 790 Hände.
Šardana: –
[das ergibt] –
[Ek]weš, die keine Vorhaut hatten, wurden erschlagen, ihre Hände wurden weggeführt, (denn) sie hatten keine [Vorhaut] –
Šekeleš und Tereš, die als Feinde Libyens kamen –
218 Männer der Qeheq und Libyer wurden lebend als Gefangene abgeführt.19
Zwei Dinge gehen aus dieser Inschrift eindeutig hervor. Erstens waren an diesem früheren Angriff der Seevölker nicht sechs, sondern fünf Gruppen beteiligt: Šardana (oder Šerden), Šekeleš, Ekweš, Lukka und Tereš; die Šardana und Šekeleš tauchen später zur Zeit Ramses’ III. wieder auf, die anderen drei Gruppen nicht. Zweitens werden die Šardana, Šekeleš und Ekweš ausdrücklich als »von den Ländern des Meeres« identifiziert, und von den fünf Gruppen heißt es kollektiv, sie seien »alle von Ländern des Nordens« gekommen. Letzteres ist nicht allzu überraschend, denn die meisten Länder, mit denen das Land zur Zeit des Neuen Reiches in Kontakt stand, lagen nördlich von Ägypten (außer Nubien und Libyen). Die Identifizierung der Šardana und Šekeleš als »von den Ländern des Meeres« verstärkt die Vermutung, dass sie in irgendeiner Weise mit Sardinien und Sizilien zu tun haben.
Dass auch die Ekweš als »von Ländern des Nordens« kommend genannt werden, hat einige Wissenschaftler zur Annahme verleitet, damit könnten die Achaier Homers gemeint sein, also die Mykener des griechischen Festlandes der Bronzezeit – eben jenes Volk, das Ramses III. in seinen Seevölker-Inschriften zwei Jahrzehnte später vielleicht mit »Danunäer« meinte. Was die letzten beiden Namen betrifft, so akzeptiert die Wissenschaft in der Regel Lukka als Verweis auf ein Volk aus dem Südwesten der Türkei, derjenigen Region, die in der klassischen Zeit »Lykien« hieß. Der Ursprung des Tereš ist ungewiss, vielleicht waren es die italischen Etrusker.20 Viel mehr geben die Inschriften nicht her, und auch über den Schauplatz der Schlacht(en) können wir nur vage Vermutungen anstellen. Merenptah sagt lediglich, der Sieg sei »im Lande Libyen« errungen worden, das er weiter als »Land der Tehenu« definiert. Indes wird ganz klar, dass Merenptah den Sieg für sich beansprucht, denn er listet getötete und gefangengenommene feindliche Krieger sowie ihre »Hände« auf. Damals war es Brauch, den getöteten Feinden eine Hand abzuschneiden und mit nach Hause zu bringen, um die übliche Belohnung für die Tötung eines feindlichen Kämpfers einzustreichen. Erst kürzlich entdeckte man einen grausigen Beweis für diese Praxis aus der Hyksoszeit, etwa 400 Jahre vor Merenptah, in der Form von 16 rechten Händen, die man beim Hyksos-Palast in Avaris im Nildelta in vier Gruben verscharrt hatte.21 Ob alle Angehörigen der Seevölker getötet wurden oder ob einige überlebten, wissen wir nicht – anzunehmen ist jedoch Letzteres, bedenkt man, dass mehrere dieser Gruppen 30 Jahre später zu einer zweiten Invasion zurückkehrten.
Im Jahr 1177 v. Chr., wie bereits 1207 v. Chr., besiegten die Ägypter die Seevölker. Sie kehrten kein drittes Mal nach Ägypten zurück. Ramses war stolz darauf, dass er den Feind »zum Kentern brachte und an Ort und Stelle überwand«: »Ihre Herzen«, schrieb er, »werden ihnen fortgenommen, ihre Seelen fliegen davon. Ihre Waffen sind auf See verstreut.«22 Dennoch war es ein Pyrrhussieg: Obwohl das Ägypten Ramses’ III. die einzige Großmacht war, die dem Ansturm der Seevölker jemals erfolgreich widerstanden hatte, war das ägyptische Neue Reich danach doch nicht mehr dasselbe. Das lag indes an anderen Problemen, denen sich zu jener Zeit wahrscheinlich der gesamte Mittelmeerraum ausgesetzt sah, wie wir im Folgenden sehen werden. Die Pharaonen, die auf Ramses III. folgten und die übrige Zeit des 2. Jahrtausends v. Chr. Ägypten beherrschten, waren damit zufrieden, ein Land zu verwalten, dessen Einfluss und Macht rapide schwanden. Am Ende war Ägypten nicht mehr als ein zweitklassiges Imperium und nur noch ein müder Abklatsch dessen, was es einst gewesen war. Erst unter dem libyschstämmigen Pharao Scheschonq I., der ca. 945 v. Chr. die 22. Dynastie gründete (und der wahrscheinlich mit dem biblischen Pharao Šišak identisch ist23) fand Ägypten wieder ein Stück weit zu seiner alten Form und Geltung zurück.
Außer Ägypten verloren fast alle Länder und Mächte in der Ägäis und im Nahen Osten – die in der späten Bronzezeit den Ton angegeben hatten – im 2. Jahrtausend v. Chr. an Bedeutung und verschwanden von der Bildfläche, entweder unmittelbar oder doch binnen weniger als einem Jahrhundert. Es war, als würde sich die Zivilisation in weiten Teilen dieser Region selbst auslöschen. In riesigen Gebieten, von Griechenland bis nach Mesopotamien, gingen viele, wenn nicht sogar alle zivilisatorischen Fortschritte der vergangenen Jahrhunderte verloren. Eine neue Epoche des Übergangs begann, die mindestens 100, in manchen Regionen vielleicht sogar 300 Jahre dauerte.
Man kann sich gut vorstellen, wie in diesen Ländern damals Angst und Schrecken herrschten. Ein ganz konkretes Beispiel dafür findet sich auf einer Tontafel, in die ein Brief des Königs von Ugarit in Nordsyrien an den (in der Hierarchie über ihm stehenden) König von Zypern eingeritzt ist:
Mein Vater, jetzt sind die Schiffe des Feindes eingetroffen. Sie stecken seither meine Städte in Brand und verwüsten das Land. Weiß mein Vater nicht, dass alle meine Fußtruppen und [Streitwagen] in Ḫatti stationiert sind und dass alle meine Schiffe im Lande der Lukka stationiert sind? Sie sind noch nicht zurückgekommen, daher liegt das Land darnieder. Möge mein Vater Kenntnis von dieser Angelegenheit haben. Jetzt haben uns die sieben Schiffe des Feindes, die gekommen sind, bereits Schaden zugefügt. Falls weitere Schiffe des Feindes auftauchen, sende mir irgendwie einen Bericht, damit ich es weiß.24
Die Forschung ist sich nicht ganz einig, ob die Tafel ihren Adressaten auf Zypern erreicht hat. Die Ausgräber, die die Tafel entdeckten, glaubten, der Brief sei wahrscheinlich gar nicht abgeschickt worden. Es hieß ursprünglich, man habe ihn zusammen mit mehr als 70 anderen Tafeln im Inneren eines Brennofens gefunden – sicherlich wollte man die Tafel brennen, damit sie die Reise nach Zypern besser überstünde.25 Die Ausgräber und andere Gelehrte vermuteten zunächst, dass die feindlichen Schiffe zurückgekehrt waren und die Stadt überfallen hatten, bevor das Hilfeersuchen auf den Weg gebracht werden konnte. So lautet die Geschichte, die die Geschichtsbücher erzählen und die einer ganzen Studentengeneration aufgetischt wurde. Dabei hat man inzwischen herausgefunden, dass die Tafel nicht in einem Brennofen lag und dass es sich (wie wir später sehen werden) nur um eine Kopie des Briefes handelt; einiges spricht dafür, dass das Original tatsächlich nach Zypern geschickt wurde.
Früher gab es in der Forschung die Tendenz, alle solche zerstörerischen Überfälle in jener Epoche den Seevölkern zuzuschreiben.26 Doch ihnen die komplette Schuld für das Ende der Bronzezeit in der Ägäis und im östlichen Mittelmeerraum zugeben, wäre sicherlich vermessen; so viel Macht werden sie kaum gehabt haben. Wir haben aber ohnehin keine eindeutigen Beweise für ihr Wirken, abgesehen von den ägyptischen Texten und Inschriften, die jedoch einen widersprüchlichen Eindruck hinterlassen. Fielen die Seevölker als organisierte Armee ins östliche Mittelmeer ein, im Sinne eines der besser organisierten Kreuzzüge im Mittelalter, die zum Ziel hatten, das Heilige Land zu erobern? Handelte es sich um eine eher locker bzw. schlecht organisierte Bande von Plünderern wie die späteren Wikinger? Oder waren sie Flüchtlinge, die vor einer Naturkatastrophe flohen und neue Orte zum Besiedeln suchten? Soviel wir wissen, könnte die Wahrheit irgendwo dazwischen liegen – vielleicht war es eine Kombination aller drei oben genannten Aspekte, vielleicht traf aber auch keiner davon zu.
Immerhin: In den letzten Jahrzehnten ist eine Fülle neuer Daten aufgetaucht, die man hier mit berücksichtigen muss.27 So sind wir uns heute durchaus nicht mehr so sicher, dass alle Orte, an denen sich Spuren der Zerstörung fanden, von den Seevölkern heimgesucht wurden. Archäologische Befunde verraten uns zuverlässig, dass eine Stätte zerstört wurde, aber nicht immer wovon oder von wem. Darüber hinaus wurden nicht alle diese Stätten zur selben Zeit zerstört, viele nicht einmal im selben Jahrzehnt. Wie wir sehen werden, erstreckte sich der kumulative Untergang über mehrere Jahrzehnte, vielleicht sogar über ein ganzes Jahrhundert.
Während wir also noch immer nicht genau die Ursache (oder alle Ursachen) dafür kennen, weshalb die Welt der Bronzezeit in Griechenland, Ägypten und dem Nahen Osten zusammenbrach, weist die aktuelle Forschungslage doch eher darauf hin, dass die Schuld nicht allein bei den Seevölkern zu suchen ist. Als wahrscheinlicher gilt, dass sie beim Zusammenbruch der Zivilisationen nicht nur Aggressoren waren, sondern zugleich auch selbst zu den Opfern gehörten.28 Eine Hypothese besagt, dass sie durch eine Verkettung unglücklicher Umstände und Ereignisse gezwungen waren, ihre Heimat zu verlassen und nach Osten auszuwandern, während sich die dortigen Königreiche und Imperien bereits im Niedergang befanden. Es ist durchaus möglich, dass sie allein deshalb in der Lage waren, diese Monarchien erfolgreich anzugreifen, eben weil sie bereits im Untergang begriffen und entsprechend geschwächt waren. Insofern könnte man den Seevölkern höchstens vorwerfen, dass sie besonders opportunistisch waren (wie es ein Forscher ausgedrückt hat). Ebenso könnte ihre Besiedlung des östlichen Mittelmeerraums weitaus gesitteter und mit weniger Blutvergießen einhergegangen sein, als man früher angenommen hat. Wir werden diese Möglichkeiten im Folgenden noch näher betrachten.
Jahrzehntelang waren die Seevölker für die Wissenschaft ein willkommener Sündenbock für eine Situation, die weit komplexer war, als man annahm, und für die sie letztlich gar nicht so viel konnten. Jetzt scheint sich das Blatt zu wenden: Mehrere Wissenschaftler haben kürzlich darauf hingewiesen, dass die »Geschichte« der katastrophalen Welle von mutwilliger Zerstörung und/oder Migration, die die Seevölker angeblich über das östliche Mittelmeer brachten, von Gelehrten wie Gaston Maspero, dem berühmten französischen Ägyptologen, in den 1860er und 70er Jahren in die Welt gesetzt wurde und sich bis 1901 in den Köpfen festgesetzt hatte. Dennoch war es niemals mehr als eine bloße Theorie auf Basis epigraphischer Zeugnisse, und sie entstand lange, bevor die zerstörten Stätten tatsächlich ausgegraben wurden. Dabei waren sich selbst die Forscher, die Masperos Annahmen folgten, uneins darüber, welche Richtung die Seevölker einschlugen, nachdem sie von den Ägyptern besiegt worden waren – einige waren der Ansicht, sie seien erst anschließend ins westliche Mittelmeer gefahren und seien gar nicht von dort gekommen.29
Heute herrscht allgemein die Überzeugung, dass die Seevölker (wie wir weiter unten sehen werden) wohl durchaus für einen Teil der Zerstörungen gegen Ende der späten Bronzezeit verantwortlich gewesen sein können. Aber es ist viel wahrscheinlicher, dass eine Verknüpfung natürlicher und menschengemachter Ereignisse – u.a. Klimawandel und Dürre, Erdbebenserien, Revolten und »Systemzusammenbrüche« – eine Kettenreaktion in Gang setzte, die zum Ende jener Epoche führte. Um wirklich zu verstehen, von welcher umwälzenden Bedeutung die Ereignisse um das Jahr 1177 v. Chr. waren, müssen wir zunächst rund 300 Jahre früher ansetzen.
Tab. 1 Im Text erwähnte spätbronzezeitliche Könige Ägyptens und des alten Orients, chronologisch nach Land/Reich.

Tab. 2 Moderne Regionen und ihre (wahrscheinlichen) Namen in der späten Bronzezeit.

Kapitel eins
Akt I Arma virumque: das 15. Jahrhundert v. Chr.
Um das Jahr 1477 v. Chr. ordnete der ägyptische Pharao Thutmosis III. den Bau eines großen Palastes mit kunstvollen Fresken an, unweit des Mittelmeeres in der unterägyptischen Stadt Peru-nefer am Nildelta. Um diese Fresken zu malen, beauftragte man minoische Künstler aus dem fernen Kreta, die weit nach Westen über das »Große Grün« (so nannten die Ägypter das Mittelmeer) segeln mussten. Sie schufen Bilder, wie man sie noch nie zuvor in Ägypten gesehen hatte – seltsame Szenen mit Männern, die über Stiere springen, wurden mit Farbe auf den noch feuchten Putz gemalt, eine Technik, bei der die Farben zu einem integralen Bestandteil der Wand werden. Diese neuen, einzigartigen Fresken aus der Ägäis kamen so in Mode, dass man sie bald nicht nur in Ägypten, sondern auch in vielen anderen Palästen entlang der Küste fand – vom Nildelta bis zur Küste von Nordkanaan in Stätten wie Kabri in Israel, Alalach in der Türkei, Qatna in Syrien und Dab’a in Ägypten.1
Peru-nefer, die Stadt im Delta, hat man als das heutige Tellel-Dab’a identifiziert. Ausgegraben wurde die Stätte ab 1966 vom österreichischen Archäologen Manfred Bietak und seinem Team. Die Stadt kannte man zuvor auch als Avaris, die Hauptstadt der Hyksos, der verhassten Invasoren, die ca. 1720 bis 1550 v. Chr. große Teile Ägyptens regierten. Aus Avaris wurde Peru-nefer, eine wichtige ägyptische Metropole, nachdem einer von Thutmosis’ Vorfahren, der Pharao Kamose, die Stadt um 1550 v. Chr. eingenommen hatte. Im Laufe von vier Jahrzehnten brachte Bietak eine einstmals wohlhabende Stadt ans Licht – unter mehreren Metern Sand und Schutt lagen großartige Fresken begraben, zu Beginn der 18. Dynastie (etwa 1450 v. Chr.) geschaffen von Minoern oder lokalen Handwerkern, die von diesen ausgebildet worden waren.2 Diese sind ein gutes Beispiel für die Internationalisierung der Welt des östlichen Mittelmeeres und der Ägäis, die nach der Vertreibung der Hyksos aus Ägypten zusammenzuwachsen begann.
Zurück zu den Hyksos
Die Hyksos waren zum ersten Mal um das Jahr 1720 v. Chr. in Ägypten eingefallen, ein Vierteljahrtausend vor der Zeit Thutmosis’ III. Sie blieben fast 200 Jahre lang dort, bis 1550 v. Chr. Als die Hyksos das Land überrannten, war Ägypten längst eine der etablierten Großmächte des alten Orients. Die Pyramiden von Gizeh waren zu diesem Zeitpunkt bereits fast 1000 Jahre alt; erbaut wurden sie während der 4. Dynastie, im Alten Reich. Der ägyptische Priester Manetho lebte in der viel späteren hellenistischen Epoche, im 3. Jahrhundert v. Chr. Er nannte die Hyksos »Hirtenkönige« – eine Fehlübersetzung des ägyptischen Begriffs hekau khasut, der eigentlich »Häuptlinge aus fremden Ländern« bedeutet. Aus »fremden Ländern« kamen die Hyksos tatsächlich, sie waren Semiten, die aus der Region Kanaan, also aus dem heutigen Israel, Libanon, Syrien und Jordanien, nach Ägypten migrierten. Bereits im 19. Jahrhundert v. Chr. gab es in Ägypten Darstellungen von Semiten, wie auf einer Wandmalerei in einem ägyptischen Grab in Beni Hasan, das »asiatische« Kaufleute und Händler zeigt, die Waren ins Land bringen.3
Mit der Invasion der Hyksos in Ägypten endete die Epoche des Mittleren Reiches (ca. 2134–1720 v. Chr.). Ihren Erfolg verdankten sie wahrscheinlich ihrem Vorsprung in der Waffentechnologie und ihrer Fähigkeit zum Erstschlag, denn sie besaßen Kompositbögen, mit denen sie viel weiter schießen konnten als es mit den traditionellen Bögen der damaligen Zeit möglich war. Zudem besaßen sie Pferdestreitwagen, wie man sie in Ägypten noch nie gesehen hatte.
Von ihrer Hauptstadt Avaris im Nildelta aus herrschten die Hyksos nach der Eroberung fast 200 Jahre lang über Ägypten, von 1720 bis 1550 v. Chr., während der sogenannten Zweiten Zwischenzeit (15.–17. Dynastie).4 Es ist eines der wenigen Male zwischen 3000 und 1200 v. Chr., dass Ägypten von Ausländern regiert wurde.
Geschichten und Inschriften ungefähr vom Ende dieser Zeit, um 1550 v. Chr., nennen einige Schlachten zwischen den Ägyptern und den Hyksos. Eine berichtet über die Auseinandersetzung zwischen zwei Herrschern, den Streit zwischen Apophis und Seqenen-Re. In dieser – höchstwahrscheinlich apokryphen – Geschichte beschwert sich der König der Hyksos, Apophis, er könne nachts nicht schlafen, weil die Flusspferde, die sich der ägyptische König Seqenen-Re in einem Teich halte (der gleichzeitig in einem anderen Teil Ägyptens regierte), so großen Lärm machten. Die Beschwerde ist schon deshalb absurd, weil Seqenen-Res Palast mehrere hundert Kilometer von dem des Apophis entfernt lag – der eine in Oberägypten, der andere in Unterägypten. Der Hyksos-König hätte die Flusspferde also unmöglich hören können, egal wie laut sie waren.5 Doch wir besitzen die Mumie von Seqenen-Re und wissen aufgrund bestimmter Schädelverletzungen, die von einer Streitaxt stammen, dass er im Kampf gefallen sein muss. War es eine Schlacht mit den Hyksos? Das können wir nicht zweifelsfrei sagen; dass Apophis und Seqenen-Re einander bekämpften, ist jedoch durchaus möglich (ob es dabei nun um Flusspferde ging oder nicht).
Wir verfügen auch über eine Inschrift von Pharao Kamose, dem letzten König der 17. Dynastie, der damals von seinem Palast in Theben in Oberägypten aus regierte. Er liefert uns um 1550 v. Chr. ein paar Informationen über die letzte siegreiche Schlacht gegen die Hyksos, die er »Asiaten« nennt:

Abb. 3 »Asiaten« in Beni Hasan (nach Newberry 1893, Taf. xxx/xxxi. Mit freundlicher Genehmigung von der Egypt Exploration Society).
Ich segelte nach Norden, um die Asiaten mit meiner Macht zu besiegen, (…) meine tapfere Armee vor mir wie ein Feuer, (…) die Bogenschützen an der Spitze, um ihre Orte zu zerstören (…) Ich verbrachte die Nacht in meinem Schiff, mein Herz war glücklich; und als der Tag anbrach, stellte ich ihm nach wie einem Falken. Bis zur Frühstückszeit hatte ich ihn gestürzt, seine Mauern zerstört und sein Volk abgeschlachtet und hatte seine Frau hinunter zum Flussufer geschickt. Meine Armee verhielt sich wie Löwen mit ihrer Beute (…) Habseligkeiten, Rinder, Fett, Honig – (…) sie teilten die Gegenstände untereinander auf, mit fröhlichem Herzen.
Von Kamose erfahren wir auch etwas über das Schicksal von Avaris:
Was Avaris an den Zwei Flüssen betrifft, so machte ich es ohne seine Bewohner dem Erdboden gleich; ich zerstörte ihre Städte und verbrannte ihre Häuser für immer zu rötlichen Ruinenhaufen, aufgrund der Zerstörungen, die sie mitten in Ägypten angerichtet hatten: Sie hatten es sich erlaubt, dem Ruf der Asiaten zu folgen; (sie) hatten Ägypten, ihre Herrin, im Stich gelassen!6
Und damit vertrieben die Ägypter die Hyksos aus ihrem Land. Sie flohen zurück nach Retjenu (einer der altägyptischen Namen für das heutige Israel und Syrien; dieselbe Region nannten die Ägypter auch Pa-ka-na-na, Kanaan). Damit wurde gleichzeitig die 18. Dynastie eingeleitet, die Kamoses Bruder Ahmose begründete und mit der die Epoche des – wie wir heute sagen – Neuen Reiches in Ägypten begann.
Avaris und das übrige Ägypten wurden zu jener Zeit wieder aufgebaut, Avaris wurde umbenannt. Zur Zeit von Hatschepsut und Thutmosis III., etwa 60 Jahre später, also um 1500 v. Chr., war es endlich wieder eine blühende Stadt. Jetzt hieß sie Peru-nefer, besaß Paläste mit Fresken im minoischen Stil, die den Stiersprung zeigten und andere Szenen, die deutlich besser in die Ägäis passten als nach Ägypten. Ein Archäologe spekulierte einmal, es habe sogar eine königliche Hochzeit zwischen einem ägyptischen Herrscher und einer minoischen Prinzessin stattgefunden.7 Es gab durchaus eine Reihe ägyptischer Pharaonen der späten 18. und der 19. Dynastie, die Prinzessinnen aus dem Ausland heirateten, in erster Linie, um diplomatische Bande zu knüpfen oder Verträge mit fremden Mächten zu zementieren, wie wir später sehen werden; die minoischen Wandmalereien in Ägypten lassen sich aber auch erklären, ohne politisch motivierte Ehen ins Spiel zu bringen, denn es gibt viele davon unabhängige Hinweise auf Kontakte zwischen dem östlichen Mittelmeer, Ägypten und, in diesem Fall, der Ägäis.
Rückblende: Mesopotamien und die Minoer
Wir wissen dank einer Vielzahl von Daten, u.a. archäologischen Artefakten, Texten und bildlichen Darstellungen, dass die Minoer von der Insel Kreta bereits lange vor ihren Beziehungen zu den ägyptischen Pharaonen des Neuen Reiches mit verschiedenen Regionen des alten Orients in Kontakt standen. Zum Beispiel kennen wir minoische Objekte, die im 18. Jahrhundert v. Chr. über die Ägäis und das östliche Mittelmeer bis ins Zweistromland, das Land zwischen den Flüssen Tigris und Euphrat, gelangten – vor fast 4000 Jahren also.
In der antiken Stätte Mari, westlich vom Euphrat im heutigen Syrien gelegen, fanden französische Archäologen in den 1930er Jahren mehr als 20.000 beschriftete Tontafeln, die solche Artefakte und ihren Handel dokumentieren. Einheimische hatten den Archäologen mitgeteilt, sie hätten einen Mann ohne Kopf gefunden – dieser stellte sich als steinerne Statue heraus, und sie war nur eine von vielen. Darunter befand sich, wie eine Inschrift bewies, das Standbild des Königs einer antiken Stadt.8 Die Tafeln waren mit Texten in Altakkadisch beschrieben und stammten aus einem Archiv mit der königlichen Korrespondenz und anderen, eher banalen Aufzeichnungen zu den Königen von Mari. Einer dieser Könige hieß Zimri-Lim und regierte ca. 1750 v. Chr. Die Tontafeln enthielten alle möglichen Informationen, die für die Verwaltung des Palastes und der Organisation des Reiches notwendig waren, und sie verraten einiges über das Alltagsleben jener Zeit.
Eine Tafel zum Beispiel beschäftigt sich mit dem Eis für Zimri-Lims Erfrischungsgetränke, zu denen Wein, Bier und Drinks aus fermentierter Gerste gehörten, die Granatapfelsaft oder Anis enthielten. Wir wissen, dass er den Bau eines Kühlhauses am Ufer des Euphrat befahl, das dazu dienen sollte, Eis, das im Winter von den schneebedeckten Bergen herangekarrt werden sollte, aufzubewahren, bis man es in den heißen Sommermonaten benötigte. Er behauptete, kein König vor ihm habe jemals ein solches Kühlhaus errichtet, und das mag durchaus der Fall gewesen sein; Getränke mit Eis zu kühlen, war jedoch alles andere als neu in der Region, auch wenn ein König einmal seinen Sohn ermahnen musste, die Diener das Eis doch bitte säubern zu lassen, bevor es im Getränk landete: »Lass sie Eis sammeln! Lass sie es waschen und von Zweigen, Dung und Schmutz befreien!«9
Die Archive enthalten Aufzeichnungen über Handel und Kontakt mit anderen Regionen des Mittelmeeres und des Nahen Ostens, und sie erwähnen ausdrücklich ungewöhnliche Gegenstände, die man erhalten hatte. Wir wissen von diesen Tontafeln auch, dass zwischen den Herrschern von Mari und denen anderer Städte und Königreiche oft Geschenke ausgetauscht wurden und dass die einen Könige mitunter die Dienste der Ärzte, Handwerker, Weber, Musiker und Sänger eines anderen Königs in Anspruch nahmen.10 Zu den Highlights der auf den Tafeln von Mari verzeichneten exotischen Importgegenstände gehören ein Dolch und andere Waffen aus Gold, verziert mit kostbarem Lapislazuli, sowie Kleidung und Textilien, hergestellt »auf kaphtorische Art und Weise«.11 Kaphtor (oder Kaptaru) war der mesopotamisch-kanaanitische Name für Kreta, das die Ägypter später Keftiu nannten. Die Objekte mussten von Kreta aus einen weiten Weg zurücklegen; sie waren aufgrund ihrer aufwendigen Verarbeitung und des hochwertigen Materials ohnehin schon Luxusgegenstände, und die lange Reise machte sie noch wertvoller.
Eine Tafel beschreibt eine ziemlich ungewöhnliche Situation: Zimri-Lim, schickte ein Paar im minoischen Kreta gefertigte Schuhe als Geschenk an König Hammurabi von Babylon. Der entsprechende Text lautet schlicht: »Ein Paar Lederschuhe im kaphtorischen Stil, das Bahdi-Lim (ein Beamter) in den Palast von Hammurabi, dem König von Babylon, brachte, die aber zurückgeschickt wurden.«12 Warum Hammurabi die Schuhe verschmähte, wissen wir nicht. Vielleicht passten sie ihm einfach nicht. Hammurabis Gesetzeskodex, in dem sich zum ersten Mal in der Literatur die Phrase »Auge um Auge, Zahn um Zahn« findet, die später durch die Bibel Berühmtheit erlangte, nennt keine Strafe dafür, wenn man Gegenstände wie Schuhe zurückgab.
Eigentlich ist es ein wenig überraschend, dass Hammurabi die Lederschuhe nicht haben wollte, ganz gleich, ob sie ihm nun passten oder nicht. In seiner Region dürften solche ledernen Schuhe nämlich eine ziemliche Seltenheit gewesen sein, bedenkt man, wie weit Kreta von Mesopotamien – mithin das heutige Griechenland von Syrien bzw. dem Irak – entfernt liegt. Eine solche Reise hätte niemand leichtfertig unternommen, und wahrscheinlich wurde sie in mehreren Etappen absolviert, über verschiedene Händler oder Kaufleute, die die Objekte jeweils transportierten. Andererseits waren solche Geschenke zwischen einander ebenbürtigen Königen im alten Orient des 2. Jahrtausends v. Chr. durchaus eine übliche Praxis.13 In solchen Fällen wurden die betreffenden Gegenstände direkt durch einen Abgesandten des Königs überbracht – heute würden wir diesen Vorgang als diplomatische Mission bezeichnen.
Entdeckung der Minoer und Überblick
Wie bereits deutlich geworden sein dürfte, standen die kretischen Minoer in der Mittel- und Spätbronzezeit, ab mindestens 1800 v. Chr., mit mehreren Regionen im alten Orient in Kontakt. Sogar die Briefe von Mari erwähnen die Minoer und weisen möglicherweise darauf hin, dass es Anfang des 18. Jahrhunderts v. Chr. einen minoischen Dolmetscher (oder auch einen Dolmetscher für die Minoer) im nordsyrischen Ugarit gab; Ugarit ließ sich aus dem östlich gelegenen Mari Zinn schicken.14 Zwischen Ägypten und den Minoern scheint es ab dem 15. Jahrhundert v. Chr., der Zeit von Hatschepsut und Thutmosis III., jedoch eine ganz besondere Beziehung gegeben zu haben – deshalb soll unsere Geschichte nun an diesem Punkt einsetzen.
Die minoische Kultur erhielt ihren Namen interessanterweise erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts von dem britischen Archäologen Sir Arthur Evans. Wie sie sich selbst nannten, ist nicht bekannt, auch wenn wir die Namen kennen, die die Ägypter, Kanaaniter und Mesopotamier ihnen jeweils gaben. Ebenso wenig wissen wir, woher sie kamen – Anatolien in der Türkei gilt heute als wahrscheinlichste Hypothese.
Sicher ist, dass sie im 3. Jahrtausend v. Chr. auf Kreta eine Zivilisation begründeten, die bis ca. 1200 v. Chr. bestand. Mitten in dieser Zeit, etwa um 1700 v. Chr., gab es auf der Insel ein verheerendes Erdbeben, nach dem mehrere Paläste auf der Insel, u.a. der in Knossos, wieder aufgebaut werden mussten. Doch die Minoer erholten sich bald, und ihre Kultur blühte, bis im Laufe des 2. Jahrtausends v. Chr. die Mykener vom griechischen Festland kamen und die Insel eroberten. Danach blieb Kreta unter mykenischer Herrschaft, bis ca. 1200 v. Chr. die Zivilisation auf der Insel zusammenbrach.
Evans begann, auf Kreta zu graben, nachdem er herausgefunden hatte, woher die sogenannten Milchsteine stammten, die man ihm auf dem Markt in Athen verkauft hatte. Griechinnen, die gerade entbunden hatten oder kurz vor der Entbindung standen, trugen damals solche Steine um den Hals. Darin waren Symbole eingraviert, die Evans noch nie gesehen hatte, die er aber als Schrift identifizierte. Es gelang ihm, ihre Herkunft bis in die Nähe der modernen Großstadt Heraklion auf Kreta zurückzuverfolgen, wo am Hügel Kephala die Stätte von Knossos verborgen lag. Schon früher hatte Heinrich Schliemann, der Ausgräber von Troja, versucht, das Grundstück zu kaufen und dort zu graben, allerdings vergebens. Evans hatte mehr Erfolg: Er kaufte das Land und begann im März 1900 mit den Ausgrabungen. Diese dauerten mehrere Jahrzehnte, und er investierte dabei den Großteil seines Privatvermögens. Am Ende veröffentlichte er seine Funde und Erkenntnisse in einem umfangreichen mehrbändigen Werk mit dem Titel The Palace of Minos at Knossos.15
Unterstützt von seinem vertrauten schottischen Assistenten Duncan Mackenzie16 entdeckte Evans einen Palast, der nur einem König gehört haben konnte. Prompt taufte er die neu entdeckte Zivilisation »minoisch«, nach dem mythischen König Minos, der, wie es hieß, Kreta in der Antike regiert hatte und in den labyrinthischen unterirdischen Gängen seines Palastes den Minotaurus (halb Mensch, halb Stier) eingesperrt hatte. Evans fand zahlreiche Tontafeln und andere Objekte mit Schrift darauf, in Linear A (noch nicht entziffert) und in Linear B (einer Frühform des Griechischen, die wahrscheinlich die Mykener mit nach Kreta brachten). Er fand jedoch nie heraus, wie sich diese Menschen selbst nannten. Bis heute wissen wir das nicht – trotz über 100 Jahre andauernder Ausgrabungen sowohl in Knossos als auch an vielen anderen Orten auf Kreta.17
Evans entdeckte in Knossos zahlreiche aus Ägypten und dem Nahen Osten importierte Gegenstände, nicht zuletzt einen Gefäßdeckel aus Alabaster mit Hieroglyphen darauf, die besagten: »der gute Gott, Seweserenre, Sohn des Re, Chajan«.18 Chajan war einer der bekanntesten Hyksos-Könige und regierte zu Beginn des 16. Jahrhunderts v. Chr. Objekte von ihm fand man im gesamten alten Orient, aber wie dieser Deckel nach Kreta kam, ist noch immer ein Rätsel.
Von Interesse ist hier eine ägyptische Alabastervase, die ein anderer Archäologe viele Jahre später in einem Grab in Katsamba ausgrub, einer Hafenstadt an der Nordküste Kretas mit Verbindungen zu Knossos. Sie trägt den Königsnamen des Thutmosis III.: »der gute Gott Men-cheper-re, Sohn des Re, Thutmosis, vollkommen in der Verwandlung«. Es ist eines der ganz wenigen in der Ägäis gefundenen Objekte, die seinen Namen tragen.19 Der griechische Historiker des 5. Jahrhunderts v. Chr. Thukydides behauptete, die Minoer hätten eine eigene Flotte besessen und zu jener Zeit das Meer beherrscht: »Minos war der Erste, von dem wir hören, dass er eine Flotte besaß, die das heute ›hellenisch‹ genannte Meer weithin beherrschte« (Thukydides, Geschichte des Peloponnesischen Krieges, 1. 3–8).
Früher nannten die Forscher diese Meereshoheit »minoische Thalassokratie« (von krátos = »Herrschaft« und thálassa = »Meer«). Auch wenn man diese Thalassokratie in ihrer Bedeutung heute anzweifelt, werden in ägyptischen Aufzeichnungen doch immerhin mehrfach »Keftiu-Schiffe« erwähnt – Keftiu war die damalige ägyptische Bezeichnung für Kreta. Es ist jedoch unklar, ob damit Schiffe gemeint waren, die aus Kreta kamen, die nach Kreta fuhren oder die vielleicht nach minoischem Vorbild gebaut waren.20
Evans’ Nachfolger in Knossos war John Devitt Stringfellow Pendlebury. Er interessierte sich sehr für die möglichen Beziehungen zwischen Ägypten und Kreta; neben Knossos grub er auch regelmäßig im ägyptischen Amarna (der Hauptstadt Echnatons, die wir im Folgenden noch kennenlernen werden). Pendlebury veröffentlichte auch eine Monographie über das Thema, mit dem Titel Aegyptiaca. Darin versammelte und katalogisierte er alle ägyptischen Importe, die man in Knossos und anderswo auf der Insel gefunden hat. Wenig später, im Jahr 1941, wurde er von Fallschirmjägern erschossen, als die Deutschen Kreta überfielen.21
Evans und Pendlebury fanden noch weitere importierte Gegenstände in Knossos, und es wurde in den folgenden Jahrzehnten immer klarer, dass die Minoer ziemlich fleißige Importeure, aber auch Exporteure waren, die in regelmäßigem Kontakt mit einer ganzen Reihe ferner Regionen standen, nicht nur mit Ägypten. Zum Beispiel hat man an verschiedenen Standorten auf Kreta Rollsiegel aus Mesopotamien und Vorratsgefäße aus Kanaan aus der Mittel- und Spätbronzezeit gefunden; andersherum hat man minoische Keramik und andere Artefakte (oder zumindest Texte, die solche Artefakte erwähnen) im heutigen Ägypten, Israel, Jordanien, Zypern, Syrien und Irak entdeckt.
Zurück nach Ägypten
Wir müssen uns dabei in Erinnerung rufen, dass die oben genannten Gegenstände nur einen kleinen Teil der Objekte darstellen, die damals das Mittelmeer überquerten. Viele der Waren, mit denen man während der späten Bronzezeit handelte, waren verderblich und haben keinerlei verwertbare Spuren hinterlassen. Getreide, Wein, Gewürze, Duftstoffe, Holz und Textilien – all das ist längst verrottet. Aus Rohstoffen wie Elfenbein, Edelsteinen wie Lapislazuli, Achat und Karneol und Metallen wie Gold, Kupfer und Zinn wurden vor Ort meist neue Objekte gefertigt, zum Beispiel. Waffen oder Schmuck. Somit sind die in der Antike am häufigsten über die internationalen Handelswege transportierten Güter verwest, verarbeitet worden oder anderweitig verschwunden. Dennoch lässt sich auch die Existenz verderblicher Handelsware belegen: durch schriftliche Zeugnisse und durch die Darstellung in Wandmalereien, die bis heute überdauert haben. Solche Bilder, Inschriften und literarischen Hinweise verraten einem eine Menge über den Kontakt zwischen verschiedenen Völkern – vorausgesetzt, man weiß sie zu interpretieren.
Insofern sind die Wandbilder mit den Darstellungen der Vertreter fremder Völker, die man in einer ganzen Reihe bemalter ägyptischer Gräber aus dem Neuen Reich, der Regierungszeit der Pharaonen von Hatschepsut bis Amenophis III., gefunden hat, von unschätzbarem Wert – sie beweisen ganz konkret, wie das diplomatische, kaufmännische und logistische Netzwerk des 15./14. Jahrhunderts v. Chr. funktionierte.22
Das erste Grab, dessen Wandmalereien Menschen aus der Ägäis zeigen, stammt aus der Regierungszeit der Hatschepsut, im 15. Jahrhundert v. Chr. In solchen Gräbern findet man häufig Minoer abgebildet, oft zusammen mit ihren Waren und mit Inschriften, die sie eindeutig als Bewohner der Insel Kreta identifizieren. So zum Beispiel im Grab des Senenmut, des Baumeisters, Beraters und (eventuell) Geliebten der Hatschepsut – dort ist eine Gesandtschaft aus der Ägäis dargestellt, bestehend aus sechs Männern, die ägäisch aussehende Metallvasen tragen.23 In einem anderen Bild, im Grab des Rechmire, des Wesirs Thutmosis’ III. (ca. 1450 v. Chr.), sehen wir Männer in kurzen Röcken in typisch ägäischem Stil, die erkennbar ägäische Objekte tragen. Daneben ist (teilweise) zu lesen: »Sie kommen in Frieden von den Anführern der Keftiu und den ›Inseln in der Mitte des Meeres‹, und sie verbeugen sich und senken den Kopf vor der Macht seiner Majestät, des Königs von Ober- und Unterägypten.«24 Ganz offenbar handelt es sich hierbei um die Darstellung einer ägäischen Gesandtschaft in Ägypten. Solche Gesandtschaften sind in mehreren ägyptischen Gräbern aus jener Zeit abgebildet.
Die Wandmalereien im Grab von Rechmire zeigen jedoch nicht nur Völker der Ägäis: In den Reihen darüber und darunter finden sich Gesandte aus Punt, Nubien und Syrien, alle mit entsprechenden Inschriften. Es ist zwar nicht bewiesen, aber durchaus wahrscheinlich, dass wir es hier mit der Darstellung eines wichtigen Ereignisses während der Herrschaft Thutmosis’ III. zu tun haben und dass die Vertreter oder Händler aus der Ägäis lediglich Teil einer internationalen Menschenmenge sind, die sich anlässlich dieses Ereignisses versammelte oder dazu eingeladen wurde. Wenn dem so ist, handelt es sich wahrscheinlich um das Sedfest, das ein Pharao erstmals nach 30 Jahren Herrschaft feierte und danach in unregelmäßigen Abständen; wir wissen, dass Thutmosis III. das Sedfest mindestens dreimal feierte, was nicht weiter verwunderlich ist, regierte er doch 54 Jahre lang.25
Insgesamt gibt es um die 14 Gräber aus der Zeit von Hatschepsut und/oder Thutmosis III., die Delegationen von Ausländern in Ägypten zeigen; sie gehören allesamt hochrangigen Beamten und Beratern. Dargestellt sind Menschen aus der Ägäis, aus Nubien und Kanaan, und alle tragen sie ausländische Objekte.26 In den neun Gräbern aus der Regierungszeit Thutmosis’ III. finden wir viele Darstellungen von Ausländern, die diplomatische Geschenke überbringen, jährliche Zahlungen leisten oder an einer Expedition teilnehmen, die Thutmosis III. in den Libanon schickte, um Zedernholz zu besorgen.27
Keftiu, Keftiu-Männer und Keftiu-Schiffe wurden in jener Zeit in Ägypten auch in vielen anderen Zusammenhängen erwähnt, u.a. in Inschriften an Tempeln und in Texten auf Papyrus. Zu den interessantesten zählt ein Papyrus aus dem 30. Regierungsjahr Thutmosis’ III. (etwa 1450 v. Chr.), der mehrere »Keftiu-Schiffe« erwähnt. Dabei geht es um den Import von Materialien für die ägyptische Flotte: »Dem Handwerker [Männername] übergeben: Schalhölzer für das Keftiu-Schiff« – »heute wie bestellt dem Handwerker Tity übergeben, für das andere Keftiu-Schiff« – »dem Handwerker Ina übergeben, für das andere (…) Keftiu-Schiff«.28 Auch eine Inschrift an der Mauer des Tempels von Karnak aus dem 34. Regierungsjahr Thutmosis’ III. erwähnt Keftiu-Schiffe.29
Auch wenn unklar ist, ob es sich dabei nun um minoische Schiffe handelte, die aus Keftiu kamen, oder um ägyptische Schiffe, die nach Keftiu fuhren – es macht deutlich, dass es einen (höchstwahrscheinlich direkten) Kontakt zwischen dem minoischen Kreta und dem Neuen Reich zur Zeit des Thutmosis III. gab. Aufgrund der in der Region herrschenden Winde – die heute die gleichen sind wie vor 3400 Jahren – kann man relativ leicht vom Süden Kretas aus nach Marsa Matruh an der Nordküste Ägyptens und von dort aus zum Nildelta segeln. Die Rückfahrt unter Segeln war aufgrund von Winden und Strömungen nicht ganz so einfach, aber zu bestimmten Jahreszeiten durchaus möglich. Ansonsten fuhr man einfach andersherum, von Ägypten nach Kanaan und Zypern, dann weiter nach Anatolien und nach Rhodos, von hier aus zu den Kykladen oder zum griechischen Festland und von da schließlich wieder nach Süden nach Kreta – und wieder nach Ägypten.
Durch eine Malerei mit Inschrift im Grab des Menkheperreseneb, des ersten Propheten des Amun,30 wissen wir, dass die Ägypter den König der Minoer kannten und gegenüber anderen ausländischen Herrschern als ebenbürtig ansahen. An den Mauern des Grabes sehen wir den »Prinz von Keftiu «(Kreta) Seite an Seite mit dem Prinzen der Hethiter (Anatolien), dem Prinzen von Tunip (wahrscheinlich in Syrien) und dem Prinzen von Qadeš (Syrien). Der Titel, mit dem die dargestellten Figuren identifiziert werden, ist bei allen der gleiche: wr, das bedeutet »Prinz« oder »Häuptling«.31 Das Bild scheint darauf hinzuweisen, dass hin und wieder Mitglieder anderer Königshäuser Ägypten besuchten, vielleicht auch zu ganz besonderen Anlässen. Kamen sie alle zur selben Zeit (möglicherweise zu eben jenem Anlass, der im Grab Rechmires dargestellt ist) oder zu verschiedenen Gelegenheiten? Das können wir nicht mit Sicherheit sagen, aber es wäre eine durchaus interessante Hypothese, dass sich die wichtigsten historischen Gestalten der späten Bronzezeit anlässlich einer großen Veranstaltung in Ägypten versammelten – so wie heute die internationalen Würdenträger eine königliche Hochzeit besuchen oder eine G-8-Konferenz.

Abb. 4 Darstellung von Ägäern in Rechmires Grab (nach Davies 1943, Taf. xx. Mit freundlicher Genehmigung des Metropolitan Museum of Art).
Denselben Begriff, wr (»Prinz« oder »Häuptling«), verwendet Thutmosis III. auch noch an einer anderen Stelle: Im 42. Jahr seiner Annalen erwähnt er den »Prinz von Tanaja«, die ägyptische Bezeichnung für das griechische Festland. Er verzeichnet eine ganze Liste von Objekten aus der Ägäis, u.a. ein silbernes Gefäß nach keftiu’scher Machart und vier Schalen mit Griffen aus Silber. Interessant ist, dass er sie inw nennt – ein Begriff, den man in der Regel mit »Tribut« übersetzt; in diesem Kontext wird es eher so viel wie »Geschenk« bedeutet haben.32 Sicherlich lag es unter der Würde des Königs, sich am »normalen« Handel zu beteiligen; der Austausch von »Geschenken« mit Gleichrangigen (oder doch beinahe Gleichrangigen) war hingegen durchaus üblich. Dies werden wir im nächsten Kapitel noch eingehender untersuchen, wenn es um den internationalen Handel in Gestalt von Geschenken im 14. Jahrhundert v. Chr. geht.
Hatschepsut und Thutmosis III.
Hatschepsut regierte direkt vor Thutmosis III., und während ihrer Regierungszeit gab es nicht nur Interaktionen mit der Ägäis, sondern auch mit anderen Regionen des alten Orients. Im Grunde war sie es, die der 18. Dynastie internationale Kontakte und globales Prestige einbrachte, indem sie die Diplomatie dem Krieg vorzog. In ihren Adern floss königliches Blut: Sie war die Tochter von Pharao Thutmosis I. und Königin Ahmose – man sollte hier jedoch nicht verschweigen, dass ihr Vater in die königliche Familie lediglich eingeheiratet hatte.
Hatschepsut heiratete ihren Halbbruder Thutmosis II., um den Status des jungen Mannes zu verbessern, da dessen Mutter nur eine Nebenfrau des Pharaos gewesen war und nicht die eigentliche Königin; die Ehe mit Hatschepsut legitimierte seinen Anspruch auf den Thron. Dennoch schenkte sie ihm lediglich eine Tochter, keinen Sohn – was sich für die Dynastie zur Katastrophe hätte auswachsen können, hätte er nicht mit einem Mädchen aus seinem Harem einen Sohn gezeugt. Dieser wuchs als Thutmosis III. auf und war dazu bestimmt, seinem Vater auf den Thron zu folgen. Doch als Thutmosis II. völlig unerwartet starb, war der Junge noch nicht alt genug, um selbst zu regieren. So übernahm Hatschepsut kurzerhand in seinem Namen die Regierungswürde. Es war nur als ein vorübergehendes Arrangement vorgesehen, doch als sie den Thron schließlich übergeben sollte, weigerte sie sich. Sie herrschte mehr als 20 Jahre lang, während Thutmosis III. (sicherlich ziemlich ungeduldig) im Hintergrund wartete.33
Bald begann Hatschepsut, den traditionellen falschen Bart und andere Requisiten des Pharaos zu tragen. Sie zog sich Männerkleider und einen Brustpanzer an, um ihre Brüste und andere weibliche Merkmale zu verbergen; dies kann man gut an ihren Statuen in ihrem Totentempel in Deir el-Bahari erkennen. Sie änderte sogar ihren Namen, gab ihm eine maskuline anstatt der eigentlichen femininen Endung und wurde so zu »Seiner Majestät, Hatschepsu«.34 Mit anderen Worten: Sie regierte als Mann, als männlicher Pharao, nicht bloß als Regentin. Deshalb gilt sie heute als eine der bemerkenswertesten Frauen des Alten Ägyptens, gleich neben Nofretete und Kleopatra. Hatschepsut scheint nie wieder geheiratet zu haben, nachdem Thutmosis II. gestorben war; möglicherweise hatte sie aber einen Geliebten: ihren Baumeister und Obervermögensverwalter Senenmut. Wir besitzen ein (möglicherweise heimlich angefertigtes) Bildnis von ihm in Hatschepsuts Totentempel in Deir el-Bahari, dessen Bau er leitete.35
Diese faszinierende Herrscherin sandte friedliche Handelsexpeditionen nach Phönizien (dem heutigen Libanon), um Holz zu besorgen, und auf den Sinai, auf der Suche nach Kupfer und Türkis.36 Doch ihre berühmteste Delegation reiste, wie uns die Mauern in Deir el-Bahari verraten, während ihres Neunten Regierungsjahres in das Land Punt. Heute noch streiten sich die Gelehrten, wo dieses mysteriöse Punt eigentlich lag. Meistens wird es in der Region von Sudan, Eritrea oder Äthiopien verortet, aber es gibt auch Forscher, die es an der gegenüberliegenden Küste des Roten Meeres suchen, u.a. im heutigen Jemen.37
Hatschepsuts Expedition war nicht die erste, die von Ägypten aus nach Punt reiste, und es sollte auch nicht die letzte sein. Während der Epoche des Mittleren Reiches hatte es mehrere solcher Gesandtschaften gegeben, und nach ihr entsandte u.a. Amenophis III. wieder eine Delegation, Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr. Doch nur im Rahmen des Berichts über diejenige von Hatschepsut wird die Königin von Punt dargestellt – der Begleitinschrift nach zu urteilen, hieß sie »Eti«. Die Abbildung der ausländischen Königin hat seit jeher Anlass zu zahlreichen Kommentaren gegeben: Sie ist kleinwüchsig, mit gekrümmter Wirbelsäule, Fettrollen am Bauch und einem großen Hintern – vielfach hat man sie in modernen Beschreibungen als Beispiel für die Steatopygie (»Fettsteiß«) angeführt, also für einen Menschen mit fleischigem Bauch, gewaltigen Oberschenkeln und ausladendem Gesäß. Daneben sind Palmen, exotische Tiere und andere Details dargestellt, die auf ein entfernter liegendes Reiseziel hindeuten, und auch die Schiffe sind abgebildet, mit denen die Ägypter nach Punt fuhren, komplett mit Masten und Takelage.
Wie uns seine Annalen verraten, schickte Thutmosis III. im 33. und im 38. Jahr seiner Herrschaft (nach 1450 v. Chr.) eigene Handelsdelegationen in das Land Punt.38 Sie gehören (zusammen mit Expeditionen in den Libanon, um Zedernholz zu holen) zu den wenigen belegbaren Beispielen für einen fortbestehenden Handel zwischen Ägypten und dem Ausland während der Herrschaft Thutmosis’ III.; allerdings ist zu vermuten, dass auch ein Großteil der »Tribute« (inw) in den Szenen in Gräbern von Adeligen aus seiner Regierungszeit in Wirklichkeit Handelsgüter waren.
Unter den fremden Ländern, mit denen Ägypten unter Thutmosis III. offenbar Handelsbeziehungen pflegte und aus denen er bei drei verschiedenen Gelegenheiten inw erhielt, gab es auch eine Region, die die Ägypter Isy nannten. Am ehesten lässt sie sich mit einem Zusammenschluss einzelner Stadtstaaten im nordwestlichen Anatolien (der heutigen Türkei) identifizieren, die wir als Aššuwa kennen, oder mit Alašija, dem bronzezeitlichen Namen von Zypern. Thutmosis’ Schriftgelehrte erwähnen Isy mindestens viermal in verschiedenen Inschriften, darunter einmal neben Keftiu im Siegeslied auf Thutmosis’ »Poetischer Stele«: »Ich bin gekommen, damit du den Westen schlägst, Keftiu und Isy erstarrten in Ehrfurcht, und ich ließ sie Ihre Majestät als einen jungen Stier sehen, fest im Herzen, mit spitzen Hörnern, denen man sich nicht nähern kann.«39
Nach den Annalen seines neunten Feldzugs im 34. Jahr (1445 v. Chr.) soll der »Häuptling von Isy« inw gebracht haben, in Form folgender Rohstoffe: reines Kupfer, Blöcke aus Blei, Lapislazuli, Stoßzähne aus Elfenbein und Holz. Ähnlich war es in seinem 13. Feldzug in seinem 38. Regierungsjahr (1441 v. Chr.): Hier erfahren wir aus den Annalen, dass der »Prinz von Isy« inw in Form von Kupfer und Pferden brachte, und beim 15. Feldzug im 40. Jahr (1439 v. Chr.) heißt es, der »Häuptling von Isy« habe inw geliefert, die aus 40 Steinen aus Kupfer, einem Stein aus Blei und zwei Stoßzähnen aus Elfenbein bestanden. Die meisten dieser Objekte waren typische Geschenke, wie sie im bronzezeitlichen Nahen Osten auf der obersten diplomatischen Ebene gerne ausgetauscht wurden.40
Ägypten und Kanaan in der Schlacht von Megiddo (1479 v. Chr.)
Vor ein paar Jahren hat man Hatschepsuts Mumie offenbar endlich identifiziert. Sie lag im Grab mit der Nummer KV 60 (KV für Kings’ Valley, also Tal der Könige) anstatt in ihrem eigenen Grab (KV 20), das sich ganz woanders im Tal der Könige befindet. Sie war eine der wenigen Frauen, die man hier jemals bestattet hat, denn das Tal der Könige war in der Regel männlichen ägyptischen Königen vorbehalten. Falls es sich bei der betreffenden Mumie tatsächlich um Hatschepsut handelt, dann litt sie im Alter unter Übergewicht, hatte Zahnprobleme und war an Krebs erkrankt.41 Als sie um 1480 v. Chr. starb, verlor Thutmosis III. keine Zeit: Er bestieg den Thron und führte noch im ersten Jahr seiner Regierung einen Feldzug an. Er versuchte, Hatschepsuts Namen aus der Geschichte tilgen zu lassen, ließ ihre Denkmäler schänden und ihren Namen, wo immer möglich, aus den Inschriften herausmeißeln. (Übrigens behaupten manche, er habe bei Hatschepsuts Tod seine Hand im Spiel gehabt.)
Als Thutmosis III. seinen ersten Feldzug in Angriff nahm – den ersten von 17 in den folgenden 20 Jahren – schaffte er es sofort in die Geschichtsbücher. Und das sogar buchstäblich, denn die Route und Details des Marschs und seiner Eroberungen im Jahr 1479 v. Chr. wurden von den täglich geführten Aufzeichnungen an die Mauer des Tempels von Karnak übertragen und für die Nachwelt festgehalten. Auf diesem Feldzug kämpfte er bei der Schlacht bei Megiddo (später besser bekannt als das biblische Armageddon) gegen mehrere rebellische kanaanitische Fürsten. Es war die erste Schlacht überhaupt, deren Einzelheiten zur Erbauung derer, die nicht dabei gewesen waren, aufgeschrieben wurden.
Der Bericht zeigt, dass Thutmosis III. mit seinen Männern von Ägypten aus zehn Tage nach Norden marschierte, bis zu einem Ort namens Jehem. Dort hielt er einen Kriegsrat ab und entschied, wie man die befestigte Stadt Megiddo und die umliegenden provisorischen Lager der örtlichen Kanaaniten-Herrscher, die nach seiner Thronbesteigung einen Aufstand gegen die ägyptische Fremdherrschaft angezettelt hatten, am besten angreifen könnte. Von Jehem aus gab es drei Möglichkeiten, nach Megiddo zu gelangen: eine nördliche Route, über die man in die Jesreel-Ebene in der Nähe von Jokneam gelangte, eine südliche Route, die in die Jesreel-Ebene in der Nähe von Ta’anach führte, und eine mittlere Route, die direkt in Megiddo endete.42
Wie berichtet wurde, schlugen seine Generäle vor, entweder die nördliche oder die südliche Route zu nehmen – diese seien breiter und weniger geeignet für einen Hinterhalt. Thutmosis antwortete, eine solche Taktik sei genau das, was die Kanaaniter von ihnen erwarteten; niemals würden sie annehmen, die Ägypter seien so dumm, sich für die mittlere Route zu entscheiden, eben weil der Weg so schmal sei, dass man hier hervorragend aus dem Hinterhalt angreifen könne. Und genauso kam es: Der Pharao marschierte mit seiner Armee komplett unbehelligt über die mittlere Route auf Megiddo. Die Ägypter benötigten zwar beinahe zwölf Stunden, um vom ersten bis zum letzten Mann den zentralen Pass zu durchqueren (der im Laufe der Zeit mal Wadi Ara, mal Nahal ’Iron, mal Musmus-Pass hieß), doch schließlich kamen sie völlig unversehrt an, und was noch besser war: Weder Megiddo noch die umliegenden feindlichen Zeltlager wurden von irgendjemandem bewacht. Die kanaanitischen Streitkräfte hatten sich komplett auf Jokneam im Norden und Ta’anach im Süden verteilt – genau wie Thutmosis III. es vorausgesagt hatte. Der einzige Fehler, den der Pharao beging, war, seinen Soldaten vor Einnahme der Stadt zu erlauben, anzuhalten und die feindlichen Lager zu plündern. Dadurch hatten die wenigen Verteidiger von Megiddo – hauptsächlich alte Männer, Frauen und Kinder – genügend Zeit, um die Stadttore zu schließen. So belagerten die Ägypter Megiddo schließlich ganze sieben Monate, bevor es ihnen gelang, die Stadt zu erobern.
Im Ersten Weltkrieg, fast 3400 Jahre später, bediente sich der britische General Edmund Allenby der gleichen Taktik wie Thutmosis III. Er war ähnlich erfolgreich wie der Pharao, gewann im September 1918 die Schlacht bei Megiddo und nahm Hunderte deutsche und türkische Soldaten gefangen. Und er hatte keinerlei Verluste zu beklagen (bis auf ein paar Pferde). Später erzählte Allenby, er habe zuvor James Breasteds Übersetzung des Berichts von Thutmosis III. gelesen und daraufhin beschlossen, die Geschichte zu wiederholen. Der Philosoph George Santayana schrieb einmal: »Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen.« Allenby bewies, dass es auch andersherum funktioniert: Er las nach, was in der Vergangenheit geschehen war, und wiederholte es mit großem Erfolg.43
Ägypten und Mitanni
Thutmosis’ III. Feldzüge führten ihn auch nach Nordsyrien, gegen das Königreich Mitanni, das um 1500 v. Chr. in jener Gegend entstanden war, als sein Vorfahre Thutmosis I. dort Krieg geführt hatte.44 Das Reich Mitanni wuchs immer weiter und verleibte sich sämtliche angrenzenden Gebiete ein, zum Beispiel das hurritische Reich Ḫabingalbat. Folglich trug das Königreich unterschiedliche Namen – je nachdem, wer wann darüber schrieb. Die Ägypter nannten es im Allgemeinen »Naharin« oder »Naharina«, die Hethiter das »Land der Hurri« und die Assyrer nannten es »Ḫabingalbat«; die Könige selbst nannten ihr Reich »Mitanni«. Seine Hauptstadt hieß Waššukanni, doch man hat sie noch immer nicht entdeckt – sie ist eine der ganz wenigen Hauptstädte des alten Orients, deren Standort die Archäologie trotz interessanter Hinweise in den archäologischen Befunden und antiken Texten bis heute nicht ermitteln konnte. Einige glauben, sie könnte in den Hügeln des syrischen Tell Fakhariyeh gelegen haben, östlich des Euphrat; bestätigen konnte man dies bislang nicht, doch das liegt nicht daran, dass man es nicht versucht hätte.45
Verschiedene Texte geben an, die Bevölkerung dieses Königreiches habe zu etwa 90 Prozent aus ortsansässigen Hurritern, wie man sie nannte, bestanden, die von den restlichen 10 Prozent regiert wurden; dies waren die Herren von Mitanni, die, wie es scheint, von indoeuropäischer Herkunft waren. Diese kleine Gruppe war offenbar von irgendwo anders eingewandert, hatte sich der indigenen hurritischen Bevölkerung bemächtigt und das Königreich Mitanni gegründet. Die militärische Elite von Mitanni nannte man marjannu (»Wagenkrieger«); diese Männer waren berühmt dafür, dass sie geschickt mit Streitwagen und Pferden umgehen konnten. Ein Text, den man in Hattuša, der Hauptstadt der anatolischen Hethiter, entdeckt hat, enthält eine um 1350 v. Chr. von einem Pferdeausbilder namens Kikkuli verfasste Abhandlung darüber, wie man über einen Zeitraum von 214 Tagen ein Pferd ausbildet. Es ist ein ziemlich aufwendiger Text, der sich über vier Tontafeln erstreckt. Dabei beginnt er ganz einfach: »So (spricht) Kikkuli, der Pferdetrainer aus dem Lande Mitanni.«46
In seinem achten Feldzug in seinem 33. Jahr (ca. 1446 v. Chr.) griff Thutmosis III. das Reich Mitanni an, und zwar zugleich zu Land und zu Wasser, genau wie vor ihm sein Großvater. Wie berichtet wird, fuhr er mit seinen Streitkräften den Euphrat hinauf, obwohl er dabei nicht nur gegen den Strom, sondern auch gegen den Wind segeln musste. Vielleicht war der Angriff eine Strafaktion, als Vergeltung für die mutmaßliche Beteiligung von Mitanni am Aufstand der Kanaaniter im ersten Jahr seiner Herrschaft.47 Er besiegte die Mitanni und ließ zur Erinnerung an seinen Sieg nördlich von Karkemiš am Ostufer des Euphrat eine beschriftete Stele aufstellen.
Doch Mitanni ließ sich nicht unterkriegen. Innerhalb von nur 15 bis 20 Jahren begann der mitannische König Sauštatar, die Grenzen des Reiches noch einmal im großen Stil zu erweitern. Er griff Aššur, die Hauptstadt der Assyrer, an und erbeutete dabei eine kostbare Tür aus Gold und Silber, mit der er seinen Palast in Waššukanni schmückte (wie wir aus einem späteren Text in den hethitischen Archiven in Hattuša wissen), und es könnte sogar sein, dass er die Hethiter angriff.48
Binnen eines Jahrhunderts, bis in die Zeit von Pharao Amenophis III. Mitte des 14. Jahrhunderts v. Chr., herrschten so gute Beziehungen zwischen Ägypten und Mitanni, dass Amenophis gleich zwei mitannische Prinzessinnen heiratete.
Mitanni, Assyrien, Ägypten. Die Welt wuchs immer mehr zusammen, wenn auch manchmal nur als Ergebnis blutiger Kriege.
Der Aufstand von Aššuwa in Anatolien
Es ist eine faszinierende Vorstellung, dass Thutmosis III. mit weit entfernten Gebieten nördlich und westlich von Ägypten in regem Kontakt stand und vielleicht sogar aktiv mit ihnen Waren austauschte. Es kann durchaus sein, dass der Kontakt Ägyptens mit Aššuwa (vorausgesetzt, dass es tatsächlich mit Isy identisch war) von Aššuwa ausging. Um 1430 v. Chr. kam es in Aššuwa zu einem Aufstand gegen die zentralanatolischen Hethiter, und es ist durchaus möglich, dass Aššuwa im Jahrzehnt vor diesem Aufstand aktiv nach diplomatischen Kontakten zu anderen Großmächten suchte.49 Bis 1991 interessierten sich nur wenige Forscher für den Aufstand von Aššuwa; doch dann stieß der Fahrer eines Bulldozers beim Straßenbau in der Nähe der antiken Stätte Hattuša (208 Kilometer östlich von Ankara) auf etwas Metallisches. Er sprang aus dem Fahrerhaus und fand im gelockerten Erdreich einen langen, dünnen und dunkelgrün gefärbten Gegenstand. Das Objekt sah aus wie ein antikes Schwert, und als die Archäologen des örtlichen Museums es reinigten, bestätigte sich ihre Annahme.
Es handelte sich jedoch nicht um eines der typischen Hethiter-Schwerter, sondern um eine Waffe, die man in dieser Region noch nie zuvor gesehen hatte. In die Klinge waren Schriftzeichen eingeritzt, und es schien zunächst erfolgversprechender, die Schrift zu entziffern, als die Herkunft des Schwertes auf andere Weise zu bestimmen. Der Text war in Akkadisch verfasst, der üblichen Diplomatensprache des bronzezeitlichen alten Orients, und zwar in Keilschrift: Er lautete wie folgt: »i-nu-ma mDu-ut-ha-li-ya LUGAL.GAL KUR URUA-as-su-wa u-hal-liq GIR HI.A an-nu-tim a-na DIskur be-li-su u-se-li.« Falls es tatsächlich Leser geben sollte, die kein Akkadisch können, hier die Übersetzung: »Als Duthalija, der Großkönig, das Land Aššuwa zerschlug, weihte er diese Schwerter dem Gott des Sturmes, seinem Herrn.«50
Die Inschrift bezieht sich auf den sogenannten Aufstand von Aššuwa, den der Hethiterkönig Tudhalija I./II. ca. 1430 v. Chr. niederschlug (man bezeichnet ihn stets als »I./II.«, da man nicht genau weiß, ob er der erste oder der zweite König mit diesem Namen war). Forschern, die sich mit den Hethitern beschäftigten, war diese Revolte bereits wohlbekannt: Sie wird in diversen Keilschrifttexten auf Tontafeln erwähnt, die deutsche Archäologen Anfang des 20. Jahrhunderts bei Ausgrabungen in Hattuša entdeckten. Das Schwert jedoch war die erste Waffe und überhaupt das erste Artefakt, das man mit diesem Aufstand in Verbindung bringen konnte. Aus der Inschrift geht hervor, dass es wahrscheinlich noch mehr solche Schwerter gibt, die noch nicht gefunden wurden. Doch bevor wir hier fortfahren, sollten wir einen Moment innehalten und uns mit den Hethitern beschäftigen, Aššuwa verorten und den Aufstand ein wenig eingehender untersuchen. Dabei geht es darum, inwiefern diese Rebellion Zeugnis eines frühen »Internationalismus« ist und – möglicherweise – ein Beweis dafür, dass der Trojanische Krieg 200 Jahre früher stattfand und aus ganz anderen Gründen, als Homer sie anführt.
Exkurs: Entdeckung der Hethiter und Überblick
Was zunächst einmal erstaunlich ist: Obwohl die Hethiter den größten Teil des 2. Jahrtausends v. Chr. von ihrer Heimat in Zentralanatolien aus ein riesiges Reich regierten, gerieten sie (zumindest in geographischer Hinsicht) komplett in Vergessenheit, bis man sie vor gerade einmal 200 Jahren wiederentdeckte.51
Bibelkennern waren die Hethiter immerhin ein Begriff, da sie in der Bibel mehrmals auftauchen, als eines von zahlreichen Völkern, deren Namen auf »-iter« endete (Hethiter, Heviter, Amurriter, Jebusiter usw.) und die gegen Ende des 2. Jahrtausends v. Chr. in Kanaan lebten, mit den Hebräern/Israeliten interagierten und ihnen am Ende unterlegen waren. Beispielsweise erfahren wir, dass Abraham von einem Hethiter namens Ephron eine Grabstätte für seine Frau Sarah kaufte (1. Mose 23: 3–20), dass König Davids Frau Bathseba in erster Ehe mit dem Hethiter Uria vermählt war (2. Samuel 11: 2–27) und dass König Salomo unter seinen Gattinnen »hethitische Frauen« hatte (1. Könige 11: 1). Dennoch waren die Bemühungen, die Hethiter in der biblischen Landschaft zu verorten, lange Zeit nicht von Erfolg gekrönt, und das, obwohl Moses in der Szene mit dem brennenden Dornbusch ziemlich genau ihren Standort erfährt: »Ich bin herabgestiegen, um sie [die Israeliten] der Hand der Ägypter zu entreißen und aus jenem Land hinaufzuführen in ein schönes, weites Land, in ein Land, in dem Milch und Honig fließen, in das Gebiet der Kanaaniter, Hetiter, Amoriter, Perisiter, Hiwiter und Jebusiter« (2 Mose 3:8).52
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts traten dann Entdecker wie Johann Ludwig Burckhardt auf den Plan, ein Schweizer, der sich seine Nachforschungen vor Ort dadurch erleichterte, dass er sich in orientalische Gewänder kleidete (und sich selbst »Scheich Ibrahim« nannte). Forscher wie er waren es, die im Inneren der Türkei die Überreste einer bisher unbekannten Zivilisation aus der Bronzezeit entdeckten. Und irgendwann zählte man endlich zwei und zwei zusammen: Im Jahr 1879 verkündete der angesehene Assyriologe Archibald H. Sayce auf einer Konferenz in London, die Hethiter hätten gar nicht in Kanaan gelebt, sondern in Anatolien, also in der Türkei und nicht im Raum Israel/Libanon/Syrien/Jordanien. Seine Ausführungen fanden allgemeine Zustimmung und besitzen noch heute Gültigkeit, auch wenn man sich fragen muss, wie die Bibel so falsch liegen konnte.
Des Rätsels Lösung ist so einfach wie logisch: So wie sich das britische Empire auf Gebiete erstreckte, die weit von den britischen Inseln entfernt lagen, gehörten auch zum Hethiterreich Regionen im Westen der Türkei und im Süden, in Syrien. Und genau so wie man in einigen Teilen des längst verschwundenen britischen Weltreiches noch heute Kricket spielt und seinen Nachmittagstee einnimmt, hielten sich auch in Teilen des ehemaligen Hethitischen Reiches im nördlichen Syrien Überreste der hethitischen Kultur, Sprache und Religion – und zwar so deutliche, dass wir jene Kultur, die im frühen 1. Jahrtausend v. Chr. blühte, als Neo-Hethiter bezeichnen. Dem heutigen Forschungsstand nach wurde das Alte Testament irgendwann zwischen dem 9. und 7. Jahrhundert v. Chr. verfasst; zu jener Zeit gab es die ursprünglichen Hethiter schon lange nicht mehr. Doch ihre Nachfolger, die Neo-Hethiter, lebten fest etabliert im Norden Kanaans. Und dort interagierten sie zweifellos mit den Israeliten und anderen Völkern der Levante. Das führte zu ihrer Erwähnung in der Bibel, was wiederum die späteren Entdecker der Suche nach den Original-Hethitern verwirrte.53
Was noch dazukam: Als die Archäologen schließlich begannen, die Stätten der Hethiter auszugraben und die zahlreichen Tontafeln, die sie dort fanden, zu übersetzen, wurde schnell klar, dass sich dieses Volk selbst gar nicht als »Hethiter« bezeichnet hatte. Der Name, den sie sich selbst gaben, war eher so etwas wie »Nēšiter« oder »Nēšier«, nach der Stadt Nēša (die heute als Kültepe Kaniš bekannte Ausgrabungsstätte in Kappadokien in der Türkei). Diese Stadt blühte etwa 200 Jahre lang, als Sitz einer lokalen indoeuropäischen Dynastie, bevor König Hattušili I. (das bedeutet »der Mann aus Hattuša«) irgendwann um 1650 v. Chr. seine Hauptstadt weiter nach Osten verlegte und ihr eben diesen Namen gab: Hattuša. Wir nennen dieses Volk nur heute noch »Hethiter«, weil dieser Name bereits seinen festen Platz in der wissenschaftlichen Literatur hatte, bevor man die Tafeln mit ihrem eigentlichen Namen entdeckte und übersetzte.54
Die Lage der neuen Hauptstadt Hattuša war sorgfältig ausgewählt. Sie war so gut befestigt und so günstig gelegen (der einzige Zugang zur Stadt war ein enges Tal), dass sie während ihrer ganzen 500-jährigen Geschichte nur zwei Mal erobert wurde, offenbar beide Male von einem benachbarten Stamm, den Kaška. Ab 1906 gruben dort deutsche Archäologen wie Hugo Winckler, Kurt Bittel, Peter Neve und Jürgen Seeher, und sie fanden Tausende von Tontafeln. Darunter sind Briefe und Dokumente aus dem offiziellen Staatsarchiv, aber auch Gedichte, Erzählungen, Geschichten, Beschreibungen religiöser Rituale und viele andere Dokumente. Diese Texte geben uns einen Einblick nicht nur in die Geschichte der hethitischen Herrscher und in ihre Interaktionen mit anderen Völkern und Königreichen; sie verraten uns auch viel über die ganz normalen Bürger und ihr tägliches Leben, über die hethitische Gesellschaft, das Glaubenssystem und die Rechtsordnung. In den letzteren Bereich fällt die faszinierende Anweisung: »Wenn jemand einem freien Menschen die Nase abbeißt, so soll er 40 Schekel Silber zahlen«55 (und man fragt sich unweigerlich, wie oft das wohl vorgekommen sein mag).
An einer Stelle heißt es, ein hethitischer König namens Muršili I., der Enkel und Nachfolger des oben erwähnten Hattušili I., sei im Jahr 1595 v. Chr. mit seiner Armee über 1000 Meilen bis nach Mesopotamien marschiert, habe die Stadt Babylon angegriffen, sie niedergebrannt und damit eine 200 Jahre alte Dynastie vernichtet, die einst durch Hammurabi, den »Gesetzgeber«, begründet worden war. Doch anstatt die Stadt zu besetzen, machte er mit seiner hethitischen Armee einfach kehrt und ging nach Hause – dies war das wohl längste drive-by-shooting der Weltgeschichte. Ein wohl eher unbeabsichtigter Nebeneffekt seines Überfalls war, dass es einem bisher unbekannten Stamm, den Kassiten, gelang, die Stadt Babylon zu besetzen und mehrere Jahrhunderte lang zu regieren.
Die erste Hälfte der hethitischen Geschichte nennt man das »alte Königreich«, und zu jener Zeit lebten berühmte Könige wie Muršili. Doch für uns ist hier eher die zweite Hälfte interessant: Während dieser Zeit, der späten Bronzezeit zwischen dem Beginn des 15. und den ersten Jahrzehnten des 12. Jahrhunderts v. Chr., blühte das hethitische Reich und stieg zu nie gekannten Höhen auf. Einer der berühmtesten Könige jener Epoche war Šuppiluliuma I., den wir im nächsten Kapitel kennenlernen werden und der den Hethitern eine herausragende Stellung im alten Orient verschaffte, indem er große Gebiete eroberte und sich als ebenbürtiger Antipode der Pharaonen des Neuen Reiches in Ägypten erwies. Eine verwitwete ägyptische Königin bat Šuppiluliuma sogar darum, ihr einen seiner Söhne als Ehemann zu senden, und verkündete, jener würde mit ihr zusammen über Ägypten herrschen. Wir wissen nicht, welche Königin bzw. wessen Witwe das war, doch wie wir später sehen werden, glauben einige Forscher, dass es sich dabei um Anchesenamun handelte und beim toten König um Tutanchamun.
Der Aufstand von Aššuwa und die Achijawa-Frage
Kehren wir noch einmal zum Jahr 1430 v. Chr. zurück, als sich die Hethiter und ihr König Tudhalija I./II. mit einer Koalition abtrünniger Staaten auseinandersetzen mussten. Diese Staaten bezeichnete man kollektiv als »Aššuwa«. Ihr Standort war der Nordwesten der Türkei, gleich bei den Dardanellen, wo im Ersten Weltkrieg die Schlacht von Gallipoli stattfand. Die hethitischen Tontafeln nennen uns die Namen aller 22 verbündeten Staaten, die sich gegen die Hethiter auflehnten. Die meisten dieser Namen sagen uns heute nichts mehr und lassen sich auch nicht verorten, mit Ausnahme der beiden letzten auf der Liste: Wilusiya und Taruisa – diese verweisen wahrscheinlich auf Troja und seine Umgebung.56 Der Aufstand begann offenbar, als Tudhalija I./II. und seine Armee von einem Feldzug in Westanatolien zurückkehrten. Als der hethitische König von der Rebellion erfuhr, kehrte er mit seiner Armee sofort um und marschierte nach Nordwesten, nach Aššuwa, um den Aufstand niederzuschlagen. Wie der hethitische Bericht uns mitteilt, stand Tudhalija persönlich an der Spitze seiner Armee und besiegte die Konföderation von Aššuwa.
Die Aufzeichnungen zeigen, dass man aus Aššuwa 10.000 Soldaten, 600 Pferdegespanne mitsamt Wagenlenkern sowie »die eroberte Bevölkerung, Ochsen, Schafe, [und] den Besitz des Landes« mit nach Hattuša brachte, als Gefangene und Beute.57 Darunter befand sich der König von Aššuwa und sein Sohn Kukkuli, ein paar weitere Mitglieder der Königsfamilie von Aššuwa und deren Angehörige. Schließlich ernannte Tudhalija Kukkuli zum König von Aššuwa und installierte Aššuwa wieder als Vasallenstaat des Hethitischen Reiches. Kukkuli jedoch hatte nichts Besseres zu tun, als seinerseits prompt zu rebellieren, nur um ebenfalls von den Hethitern besiegt zu werden. Kukkuli wurde hingerichtet, die Koalition von Aššuwa wurde zerstört und verschwand komplett von der Bildfläche. Ihr Vermächtnis lebt in erster Linie in der Bezeichnung »Asien« weiter, möglicherweise aber auch im Mythos vom Trojanischen Krieg, denn die Namen Wilusiya und Taruisa weisen nach Meinung mancher Wissenschaftler eine starke Ähnlichkeit auf zu den bronzezeitlichen Namen für die Stadt Troja/Ilion und deren umgebende Landschaft, die Troas.
Hier kommt nun das Schwert ins Spiel, das man in Hattuša fand, mit der Inschrift von Tudhalija I./II., denn – wie oben erwähnt – wurde es nicht vor Ort hergestellt. Schwerter dieser Art kennt man in erster Linie vom griechischen Festland des 15. Jahrhunderts v. Chr. Es handelt sich nämlich um ein mykenisches Schwert (oder zumindest eine sehr gute Imitation eines mykenischen Schwertes). Warum ein solches Schwert beim Aufstand von Aššuwa verwendet wurde, ist eine Frage, auf die wir keine Antwort wissen; wurde es von einem Aššuwa-Soldaten benutzt, von einem mykenischen Söldner oder vielleicht von jemand ganz anderem?
Neben einem ausführlichen Bericht gibt es noch fünf weitere hethitische Tontafeln, die Aššuwa und/oder den Aufstand erwähnen. Eine bestätigt in knappen Worten das Vorgefallene – sie beginnt: »So spricht (…) Tudhalija, der Großkönig: Als ich Aššuwa zerstört hatte und wieder zurück in Hattuša war (…)«58 Die interessanteste Tafel ist das Fragment eines Briefes, dessen Bruchstücke durchaus die Fantasie anregen, aber immerhin zweimal den König von Aššuwa erwähnen und einmal Tudhalija. Auch dieser Text bezieht sich auf einen Feldzug und erwähnt u.a. das Land Achijawa, den König von Achijawa und Inseln, die dem König von Achijawa gehören. Der Brief ist beschädigt und unvollständig, man darf also nicht allzu viel darauf geben, dass hier Aššuwa und Achijawa in ein und demselben Text auftauchen. Aber er scheint immerhin anzudeuten, dass Aššuwa und Achijawa zur damaligen Zeit in irgendeiner Art und Wiese miteinander in Verbindung standen.59
Dieser Brief trägt die Bezeichnung KUB XXVI 91 (nach seiner Erstveröffentlichung in Deutschland), und man nahm lange an, der König der Hethiter habe ihn an den König von Achijawa geschickt; kürzlich jedoch hat jemand vorgeschlagen, es könne genau andersherum gewesen sein, nämlich dass er vom König von Achijawa stammte – damit wäre dies der einzige existierende Brief, der aus dieser Region und von diesem König verschickt wurde.60 Aber um welche Region handelt es sich überhaupt, und wer war der König? Wo lag dieses Achijawa? Diese Frage hat viele Forscher einen Großteil des vergangenen Jahrhunderts lang umgetrieben. Heute sind sich die meisten Wissenschaftler darüber einig, dass Achijawa auf dem griechischen Festland lag: Es war das Reich der Mykener, wahrscheinlich mit der Stadt Mykene als Zentrum. Dies weiß man durch 25 Tontafeln aus dem hethitischen Archiv in Hattuša, die binnen eines Zeitraums von fast 300 Jahren entstanden (ab dem 15. bis Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr.) und die in verschiedenen Zusammenhängen Achijawa erwähnen. Die gründliche Untersuchung dieser Tafeln hat ergeben, dass sie sich nur auf das griechische Festland und die Mykener beziehen können.61 Bevor wir mit unserer Geschichte fortfahren, soll an dieser Stelle wieder ein kurzer Exkurs folgen, bei dem wir diesmal die Mykener kennenlernen wollen.
Exkurs: Entdeckung der Mykener und Überblick
Die mykenische Kultur trat erstmalig vor fast 150 Jahren, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in das Licht der Öffentlichkeit, und zwar dank Heinrich Schliemann, dem »Vater der mykenischen Archäologie«. Die meisten modernen Archäologen pflegen eine leidenschaftliche Abneigung gegen Schliemann – das liegt einerseits an seinen recht primitiven Grabungsmethoden und andererseits daran, dass man sich bei ihm nie ganz sicher ist, wie sehr man ihm und seinen Berichten trauen kann. Zu Beginn der 1870er Jahre grub Schliemann Hisarlık im Nordwesten Anatoliens aus, das er als Troja identifizierte. Nun, da er den Standort der trojanischen Seite des Krieges um Troja gefunden hatte (worum es später noch detaillierter gehen soll), beschloss er, es sei der geeignete Zeitpunkt, als Nächstes die mykenische Seite zu entdecken.
Mykene auf dem griechischen Festland zu finden, gestaltete sich indes weit weniger schwierig, als es die Suche nach Troja in Anatolien gewesen war. Denn anders als bei Troja standen noch überirdische Ruinen des antiken Mykene, u.a. das berühmte Löwentor, das man mehrere Jahrzehnte zuvor entdeckt und bereits teilweise rekonstruiert hatte. Als Schliemann Mitte der 1870er Jahre im nahegelegenen Dorf Mykenai eintraf, führten ihn die Einheimischen direkt zur mykenischen Stätte.
Sofort begann er mit seinen Ausgrabungen – dass er keine Grabungsgenehmigung besaß, störte ihn hier so wenig wie bereits bei anderen Gelegenheiten. Schon bald entdeckte er eine Reihe von Schachtgräbern mit Skeletten, Waffen und mehr Gold, als er sich jemals erträumt hatte. Umgehend schickte er dem König von Griechenland ein Telegramm, in dem er erklärt haben soll, er habe »ins Antlitz des Agamemnon geschaut«62. Natürlich hatte Schliemann die Gräber und anderen Funde nicht korrekt datiert – selbst wenn er Recht hatte, lag er stets grundlegend falsch. Wir wissen heute, dass diese Schachtgräber (zwei große Kreise solcher Gräber gibt es in Mykene) auf die erste erfolgreiche Epoche dieser Stadt und ihrer Zivilisation datieren (1650–1500 v. Chr.) und eben nicht auf die Zeit des Agamemnon und Achilles (ca. 1250 v. Chr.). Aber auch wenn er um vier Jahrhunderte danebenlag, so hatte Schliemann doch immerhin in der richtigen Stadt gegraben.
Schliemann war keineswegs der einzige Archäologe, der sich mit der Bronzezeit beschäftigte; zahlreiche andere Gelehrte wie Christos Tsountas und James Manatt waren ebenso emsige Ausgräber und leisteten sogar bessere Arbeit als Schliemann. Doch er war es, der mit seinen Erkenntnissen verstand die Öffentlichkeit zu begeistern, zumal in Hinblick auf seine kürzliche Entdeckung Trojas (mehr dazu später).63 Schliemann grub noch ein paar Jahre lang in Mykene, im nahegelegenen Tiryns und auch an anderen Orten, bevor er nach Troja zurückkehrte, wo er 1878 und in den 1880er Jahren weitere Ausgrabungen durchführte. Er bemühte sich auch, Grabungen in Knossos auf Kreta zu organisieren, aber ohne Erfolg. Es war ein großes Glück für die Archäologie, dass er die weitere Erforschung Mykenes anderen überließ. So waren es schließlich ein Amerikaner und ein Brite, Carl Blegen von der University of Cincinnati und Alan Wace aus Cambridge, die die Basis für eine seriöse Beschäftigung mit der mykenischen Zivilisation und ihrer Entwicklung als Ganzes schufen.
Wace leitete ab den 1920ern mehrere Jahrzehnte lang die britischen Ausgrabungen in Mykene. Blegen grub 1932 bis 1938 in Troja, aber auch im Süden von Griechenland, in Pylos. Gleich am ersten Tag ihrer Ausgrabungen in Pylos im Jahr 1939 fanden Blegen und sein Team die ersten Tontafeln eines riesigen Archivs mit unzähligen in Linear B verfassten Texten.64 Dann kam der Zweite Weltkrieg dazwischen, aber 1952 konnten die Arbeiten wieder aufgenommen werden. Noch im selben Jahr bewies der britische Architekt Michael Ventris endgültig, dass Linear B eine frühe Version der griechischen Schrift darstellte.
Die anschließende Übersetzung der Linear-B-Texte aus Stätten wie Pylos, Mykene, Tiryns, Theben und Knossos ist ein immenses Unterfangen und dauert noch heute an. Sie hat uns ein weiteres Fenster auf die Welt der Mykener geöffnet. Die Textzeugnisse ergänzten die Erkenntnisse der Ausgrabungen und fügten ihnen weitere Details hinzu. So konnten die Archäologen die Welt des bronzezeitlichen Griechenlands rekonstruieren – genau wie ihre Kollegen in Ägypten und im Nahen Osten es in jenen Ländern taten, als die altägyptischen, hethitischen und akkadischen Texte endlich übersetzt werden konnten. In einfacheren Worten: Mithilfe der Kombination aus archäologischen Funden und Texten kann die moderne Forschung die Geschichte des Altertums rekonstruieren.
Wir wissen jetzt, dass die mykenische Kultur im 17. Jahrhundert v. Chr. entstand, in etwa zur selben Zeit, als sich die Minoer auf Kreta von dem dramatischen Erdbeben erholten, das auf der Insel (nach der Terminologie der Archäologen) die erste Palastzeit beendete und die zweite Palastzeit einläutete. Wace und Blegen tauften die verschiedenen Epochen der mykenischen Zivilisation »späthelladisch« – dabei erstreckt sich Späthelladisch I und II auf das 17. bis 15. Jahrhundert v. Chr., und Späthelladisch III unterteilt sich in drei Abschnitte: III A (14. Jahrhundert v. Chr.), III B (13. Jahrhundert v. Chr.) und III C (12. Jahrhundert v. Chr.).65
Warum die mykenische Kultur sich so erfolgreich entwickelte, wird unter Archäologen immer noch diskutiert. Eine frühe Hypothese war, dass sie den Ägyptern dabei halfen, die Hyksos aus dem Land zu vertreiben, aber das glaubt man heute im Allgemeinen nicht mehr. Falls man nach den Objekten gehen kann, die in den Schachtgräbern von Mykene gefunden wurden, dann kamen einige der frühesten Einflüsse in Mykene von der Insel Kreta. Evans war noch der Überzeugung gewesen, die Minoer hätten das griechische Festland überfallen; Wace und Blegen waren der Ansicht, dass es genau andersherum war – heute wird dies in der Forschung allgemein akzeptiert. Wir wissen inzwischen, dass die Mykener Kreta eroberten und sich damit auch die internationalen Handelsrouten nach Ägypten und dem Nahen Osten sicherten. So wurden sie (relativ) plötzlich zu wichtigen Akteuren in der damaligen kosmopolitischen Welt. Diese Rolle versahen sie mehrere Jahrhunderte lang, bis zum Ende der Spätbronzezeit.
Die Ägypter bezeichneten die Mykener offenbar als Tanaja, die Hethiter nannten sie Achijawa und die Kanaaniter Hijawa (falls die Texte aus dem syrischen Ugarit hier aussagekräftig sind). Zumindest passen diese Bezeichnungen auf niemand anderen als die Mykener. Sollten damit nicht die Mykener gemeint sein, dann würden sie in den Texten der Ägypter und der anderen Großmächte der Spätbronzezeit im Nahen Osten gar nicht auftauchen. Bedenkt man, wie viele mykenische Vasen und Schiffe aus dem 14. bis 12. Jahrhundert v. Chr. in jenen Regionen gefunden wurden, wäre das doch reichlich seltsam.66
Ein Trojanischer Krieg vor dem Trojanischen Krieg?
Falls Achijawa also für das griechische Festland und die Mykener steht und falls der in Hattuša gefundene Brief KUB XXVI 91 zeigt, dass Achijawa auf irgendeine Weise am Aufstand von Aššuwa gegen die Hethiter involviert war – was können wir dann daraus schließen? Der Brief selbst und alle unsere Erkenntnisse zum Aufstand von Aššuwa datieren auf 1430 v. Chr., etwa 200 Jahre vor der Zeit, in der, wie man allgemein annimmt, der Trojanische Krieg stattfand (diesen datiert man in der Regel auf die Zeit zwischen 1250 und 1175 v. Chr.). Natürlich könnten alle diese Dinge, auch das mykenische Schwert mit der akkadischen Inschrift aus Hattuša, einfach eine Reihe von Phänomenen sein, die gar nichts miteinander zu tun haben.
Möglicherweise sind sie aber auch ein Hinweis darauf, dass Krieger aus der bronzezeitlichen Ägäis an der Seite Aššuwas gegen die Hethiter kämpften. Und falls dem so ist, könnte diese Unterstützung in den damaligen Aufzeichnungen der Hethiter und in der literarischen Überlieferung des späteren archaischen und klassischen Griechenlands ihren Niederschlag gefunden haben – nicht direkt als Trojanischer Krieg, sondern als eine Reihe von Schlachten und Überfällen in Anatolien, die man in eine Zeit vor dem Trojanischen Krieg einordnete und die ebenfalls mit Achilleus und anderen Helden der griechischen Mythologie in Verbindung gebracht wurden.67
Die Forschung ist sich heute einig, dass es sogar in Homers Ilias Berichte über Krieger und Ereignisse aus den Jahrhunderten vor der traditionellen Datierung des Trojanischen Krieges auf 1250 v. Chr. gibt. Dazu gehören der Turmschild des Kriegers Ajax – ein Schildtyp, der im 13. Jahrhundert v. Chr. längst von anderen Formen abgelöst worden war – und das »mit Silber beschlagene Schwert« (phasganon bzw. xiphos argyróēlon) verschiedener Helden, eine teure Waffe, wie sie zur Zeit des Trojanischen Krieges ebenfalls schon lange nicht mehr benutzt wurde. Und dann ist da noch die Geschichte von Bellerophon im 6. Gesang der Ilias (v. 178–240). Mit ziemlicher Sicherheit stellt Bellerophon einen prätrojanischen Typus des griechischen Helden dar. Proteus, der König von Tiryns, schickt Bellerophon von Tiryns auf dem griechischen Festland nach Lykien in Anatolien. Nachdem er drei Aufgaben besteht und zahlreiche weitere Hindernisse überwindet, erhält er schließlich sein eigenes Königreich in Anatolien.68
Darüber hinaus erwähnt die Ilias, dass lange vor der Zeit von Achilleus, Agamemnon, Helena und Hektor, nämlich zur Zeit von Priamos’ Vater Laomedon, der griechische Held Herakles Troja eroberte. Dazu brauchte er nur sechs Schiffe (Ilias 5. 638–642):
Welch ein anderer war die hohe Kraft Herakles,
Wie man erzählt, mein Vater, der trotzende, löwenbeherzte:
Welcher auch hierher kam, Laomedons Rosse zu fordern,
Von sechs Schiffen allein und wenigem Volke begleitet,
Aber die Stadt verödet, und leer die Gassen zurückließ!69
Wie ich schon an anderer Stelle erwähnt habe: Wenn man ein historisches Ereignis mit den vorhomerischen Überlieferungen achäischer Krieger, die auf dem anatolischen Festland kämpfen, in Verbindung bringen will, bietet sich der Aufstand von Aššuwa, ca. 1430 v. Chr., geradezu an – zumindest war er eines der größten militärischen Ereignisse im Nordwesten Anatoliens vor dem Trojanischen Krieg und eines der wenigen, für die man die Beteiligung der Mykener (bzw. Achijawaner) zumindest vorläufig durch Textzeugen wie den oben erwähnten hethitischen Brief KUB XXVI 9 nachweisen kann. Insofern kann man sich durchaus fragen, ob es nicht dieser Aufstand war, der die historische Grundlage für zeitgenössische hethitische Geschichten von in Anatolien kämpfenden mykenischen/achijawanischen Kriegern und Söldnern bildete und der Geschichten über militärische Anstrengungen der Achäer in Anatolien zeitigte, die vor dem Trojanischen Krieg stattfanden.70 Genauso kann man sich fragen, ob es der bevorstehende Aufstand war (den man sicherlich eine ganze Zeit lang planen musste), der Aššuwa um 1440 v. Chr. veranlasste, Kontakt zu Thutmosis III. aufzunehmen.
Abschließende Bemerkungen
Die renommierte Kunsthistorikerin Helene Kantor hat einmal gesagt: »Die Beweise, die uns über die Zeit geblieben sind, stellen nur einen Bruchteil dessen dar, was einst existiert haben muss. Jedes importierte Gefäß (…) steht für unzählige weitere, die inzwischen verloren sind.«71 Tatsächlich waren die meisten Güter, die im Warenverkehr hin und her gingen, mit Sicherheit entweder verderblicher Natur (und somit längst verrottet) oder es waren Rohstoffe, aus denen man, wie bereits erwähnt, sofort neue Objekte fertigte, zum Beispiel Waffen und Schmuck. Wir können somit durchaus annehmen, dass der Handel zwischen der Ägäis, Ägypten und dem Nahen Osten in der Bronzezeit auf um ein Vielfaches umfangreicher war, als wir es im Moment auf der Basis archäologischer Ausgrabungen festzustellen vermögen.
Vielleicht können wir in diesen Zusammenhang auch die Malereien im minoischen Stil einordnen, die Manfred Bietak im Palast von Thutmosis III. in Tell el-Dab’a im Nildelta entdeckt hat. Gewiss entstanden sie nicht unbedingt aus der Laune einer minoischen Prinzessin heraus, doch sie sind ein sicherer Beweis dafür, wie weitreichend die internationalen Kontakte, der Handel und die wechselseitigen Einflüsse rund um das Mittelmeer im 15. Jahrhundert v. Chr. waren; sie reichten bis ins minoische Kreta und wieder zurück.
Zusammenfassend können wir jenes Jahrhundert als eine Epoche beschreiben, in der über den gesamten Mittelmeerraum hinweg nachhaltige internationale Verbindungen entstanden, von der Ägäis bis nach Mesopotamien. Die Minoer und Mykener der bronzezeitlichen Ägäis waren zu diesem Zeitpunkt bereits gut etabliert, genau wie die Hethiter in Anatolien. Die Ägypter hatten die Hyksos aus ihrem Land vertrieben, und in Ägypten war mit der 18. Dynastie die Epoche angebrochen, die wir heute das »Neue Reich« nennen.
Doch wie wir weiter unten sehen werden, war dies lediglich der Auftakt zu einem regelrechten »goldenen Zeitalter« des Internationalismus und der Globalisierung im 14. Jahrhundert v. Chr. Als direkte Folge der jahrelangen Feldzüge und diplomatischen Bemühungen Thutmosis’ III., denen die friedlichen Handelsexpeditionen der Hatschepsut vorausgegangen waren,72 war Ägypten beispielsweise bald auf dem Zenit seiner internationalen Macht und erlangte einen Wohlstand, wie man ihn dort kaum jemals (wenn überhaupt) zuvor gekannt hatte. Dadurch etablierte sich Ägypten als eine der Großmächte und blieb dies auch für die restliche späte Bronzezeit, genau wie die Hethiter, die Assyrer und die Kassiten in Babylon, ganz zu schweigen von denen, die in zweiter Reihe agierten, wie Mitanni, die Minoer, die Mykener und die Zyprer. Einige von ihnen werden uns im folgenden Kapitel und auch später noch begegnen.
Kapitel zwei
Akt II Ägypter und Ägäer: das 14. Jahrhundert v. Chr.
Mehr als 18 Meter hoch sind die beiden riesigen Statuen am Eingang zum Totentempel Amenophis’ III. in Kaum al-Ḥīṭān. Seit 3400 Jahren stehen sie dort Wache, auch wenn der Tempel hinter ihnen schon längst – seiner prächtigen Steinblöcke beraubt – zu Staub zerfallen ist. Noch heute bezeichnet man sie oft als »Memnonkolosse«, infolge einer irrtümlichen Identifikation mit Memnon, einem äthiopischen Prinzen aus der Mythologie, der in Troja von Achilleus getötet wird. Beide Statuen zeigen einen sitzenden Amenophis III., der 1391 bis 1353 v. Chr. ägyptischer Pharao war. Aufgrund ihrer Fehlidentifizierung waren diese Kolosse schon vor 2000 Jahren berühmt; griechische und römische Touristen, die Homers Ilias und Odyssee kannten, besuchten sie und ritzten Graffiti in ihre Beine. Nachdem einer der Kolosse im 1. Jahrhundert v. Chr. durch ein Erdbeben beschädigt worden war, ließ er in der Morgendämmerung stets ein unheimliches Pfeifen ertönen, weil sich der Stein in der Kälte der Nacht zusammenzog und sich dann am Tag wieder dehnte. Sehr zum Leidwesen der antiken Tourismusindustrie bereiteten Restaurierungsarbeiten in der Römerzeit, im 2. Jahrhundert n. Chr., dem täglichen »Schreien des Gottes« ein Ende.1
So faszinierend sie auch sind, spielen nicht die beiden Kolossalstatuen die entscheidende Rolle für unsere Geschichte und die Ereignisse des 14. Jahrhunderts v. Chr., sondern vielmehr die fünfte von fünf Statuenbasen, die man in Nord-Süd-Richtung auf dem Gebiet des Totentempels fand. Der Tempel lag am Westufer des Nils in der Nähe des Tals der Könige, gegenüber von der heutigen Stadt Luxor. Auf diesen fünf Basen standen einst fünf überlebensgroße Statuen des Königs, die nicht ganz so groß waren wie die Kolosse am Eingang des Tempels. Den dortigen Hof säumten insgesamt 40 solcher Statuen.
Die Ägäische Liste Amenophis’ III.
Jede der fünf Basen (wie auch viele von den anderen) ist beschriftet mit einer Abfolge topographischer, in den Stein gemeißelter Begriffe innerhalb von, wie die Ägypter es nannten, »befestigten Ovalen« – aufrechten ovalen Einkerbungen mit einer Reihe kleiner Vorsprünge am Rand.
Die Form sollte eine befestigte Stadt symbolisieren (die Vorsprünge standen für Wehrtürme). Jedes befestigte Oval bildete den Unterkörper eines Gefangenen, dessen Arme auf dem Rücken an den Ellenbogen gefesselt waren; mitunter auch mit einem Strick um den Hals, der an weiteren Gefangenen vor und hinter ihm befestigt war. Dies war die traditionelle Art und Weise, wie man im Neuen Reich fremde Städte und Länder darstellte; auch wenn die Ägypter diese fremden Orte de facto gar nicht erobert hatten, geschweige denn diese kontrollierten, schrieben sie dennoch ihre Namen in solche »befestigte Ovale« – eine künstlerisch-politische Konvention, die vielleicht auch als eine Art symbolische Herrschaft gesehen wurde.
Zusammen bilden die Namen auf den Statuenbasen eine Serie geographischer Listen, die die Welt beschreiben, die den Ägyptern zur Zeit Amenophis’ III., also zu Beginn des 14. Jahrhunderts v. Chr. bekannt war. Darauf finden sich einige der wichtigsten Völker und Orte des alten Orients, u.a. die Hethiter im Norden, die Nubier im Süden und die Assyrer und Babylonier im Osten. In ihrer Gesamtheit stellen diese Listen für die Geschichte Ägyptens einen einzigartigen Fund dar.

Abb. 5 a–b Kolossalstatuen und sogenannte Ägäische Liste von Amenophis III. (Fotos: E. H. Cline und J. Strange).
Was aber an der Liste auffällt, die der Steinmetz in die Basis der fünften Statue gemeißelt hat: Hier finden sich Namen, die nie zuvor in ägyptischen Inschriften erwähnt wurden – Städte und Regionen westlich von Ägypten mit fremdländischen Namen wie Mykene, Nauplion, Knossos, Kydonia und Kythera, geschrieben links vorne und an der linken Seite der Basis, sowie zwei weitere Namen die separat auf der rechten Vorderseite der Basis stehen, als ob sie die Liste angeführt hätten: Keftiu und Tanaja.
Was war der Sinn dieser Liste, und wofür standen diese Namen? Seit 40 Jahren streiten sich Archäologen und Ägyptologen über die Bedeutung der 15 Namen auf dieser Statuenbasis, die man zusammen gemeinhin als sogenannte Ägäische Liste bezeichnet.
Deutsche Archäologen haben diese und die anderen Statuenbasen in den 1960er Jahren ausgegraben, doch leider wurde sie in den 1970er Jahren versehentlich zerstört. Erzählungen nach legten angeblich ortsansässige Beduinen unter der Basis ein Feuer und schütteten dann kaltes Wasser darüber, um den Stein zu knacken, mit der Absicht, die Platten mit den Inschriften auf dem Antiquitätenmarkt zu verkaufen. Die offizielle Version nennt einen in der Nähe entfachten Waldbrand als Ursache der Zerstörung. Doch wer oder was auch immer schuld war – die Basis zersprang in tausend Stücke. Was den Archäologen blieb, waren ein paar wenige Farbfotos von der Liste. 13 der 15 Namen dieser Liste hatte man noch nie in irgendeiner anderen ägyptischen Inschrift gefunden, und es sah ganz so aus, als würde man sie in Zukunft nie mehr sehen können.
Heute kann man dort unter der brennenden Sonne die Statuenbasen wieder bewundern und sogar die Statuen darauf, die zum ersten Mal seit über 3000 Jahren auf ihren Sockeln stehen (meistens laufen die Touristen auf dem Weg von ihrem klimatisierten Reisebus zum nahe gelegenen Tal der Könige aber achtlos daran vorbei). 1998 setzte ein internationales Forscherteam unter der Leitung der Ägyptologin Hourig Sourouzian und ihres Ehemannes Rainer Stadelmann, des ehemaligen Direktors des Deutschen Archäologischen Instituts in Kairo, die Ausgrabungen in Kaum al-Ḥīṭān fort.
Seither graben sie dort jedes Jahr, und mittlerweile ist es ihnen gelungen, die Fragmente der zerstörten Statuenbasis mit der Ägäischen Liste und die der benachbarten Basen zu bergen. All das wird noch immer rekonstruiert und restauriert; allein die 800 Bruchstücke der Ägäischen Liste zusammenzusetzen, dauerte mehr als fünf Jahre.2
Nur mit zwei Namen auf der Ägäischen Liste waren die ägyptischen Schriftgelehrten (und die modernen Ägyptologen) bereits vertraut; es sind diejenigen, die die Liste wie eine Art Titel anzuführen scheinen: Keftiu, das ägyptische Wort für die Insel Kreta, und Tanaja, anscheinend das ägyptische Wort für das griechische Festland. Diese beiden Namen tauchten zum ersten Mal zur Zeit von Hatschepsut und Thutmosis III. in ägyptischen Texten auf, fast ein Jahrhundert früher, aber nie zusammen mit konkreten Bezeichnungen für einzelne Städte und Gebiete in der Ägäis.
Die anderen Namen auf dieser Liste waren so ungewöhnlich und dennoch so gut erkennbar, dass der erste Ägyptologe, der sie auf Englisch veröffentlichte, der berühmte Professor Kenneth Kitchen von der University of Liverpool, zunächst zögerte, Übersetzungen vorzuschlagen – aus Angst, andere Forscher könnten ihn belächeln. Seine erste Beschreibung der Inschrift auf der Statuenbasis erschien in der 1965er Ausgabe der Fachzeitschrift Orientalia und war nur ein paar Seiten lang. Darin bemerkte Kitchen vorsichtig: »Ich mag das Folgende kaum zu Papier bringen; der Leser kann es gerne ignorieren, wenn er das möchte. Aber die beiden Namen ’Amnisa und Kunusa sehen verdächtig aus wie Amniso(s) und … Knossos, die berühmten antiken Siedlungen an der Nordküste von Kreta.«3
Seither hat eine ganze Reihe von Wissenschaftlern daran gearbeitet, die Namen auf der Liste zu entschlüsseln und herauszufinden, was dahintersteckt. Der deutsche Gelehrte Elmar Edel veröffentlichte im Jahr 1966 die erste gründliche Untersuchung der Listen aller fünf Statuenbasen; erst rund 40 Jahre später, im Jahr 2005, erschien eine zweite Auflage, aktualisiert und mit diversen Revisionen und Emendationen. In der Zwischenzeit hatten sich natürlich zahlreiche weitere Wissenschaftler mit der Liste und ihren möglichen Interpretationen beschäftigt.4
Nach Keftiu (Kreta) und Tanaja (griechisches Festland) erscheinen ein paar Namen wichtiger minoischer Stätten auf Kreta von Ost nach West, u.a. Knossos und seine Hafenstadt Amnisos sowie Phaistos und Kydonia. An all diesen Orten gab es einen minoischen Palast, außer in Amnisos, das aber immerhin als Hafen für einen nahegelegenen minoischen Palast diente. Als Nächstes auf der Liste kommt die zwischen Kreta und dem griechischen Festland gelegene Insel Kythera und dann wichtige mykenische Stätten und Regionen auf dem griechischen Festland, u.a. Mykene und seine Hafenstadt Nauplion, die Region Messenien und eventuell Theben in Böotien. Als Letztes folgen wieder ein paar Ortsnamen vom minoischen Kreta, dieses Mal aber von West nach Ost – darunter auch wieder Amnisos.
Die Liste sieht verdächtig nach der Route einer Rundreise aus – von Ägypten durch die Ägäis und wieder zurück. Geht man nach der Reihenfolge der Namen auf der Liste, fuhren die Reisenden von Ägypten aus zuerst nach Kreta, vielleicht, um Angehörige des minoischen Königshauses und Kaufleute zu treffen (immerhin hatten die Ägypter zu jener Zeit bereits seit fast 100 Jahren Kontakte nach Kreta). Dann ging die Reise über Kythera auf das griechische Festland, wo man die Mykener besuchte, die damals begannen, den Minoern die Handelsrouten nach Ägypten und dem Nahen Osten abzunehmen. Schließlich fuhr man über Kreta nach Ägypten zurück; dies war der schnellste und direkteste Weg. Eine der letzten Stationen auf der Heimreise war Amnisos, wo man sich (wie bereits auf der Hinfahrt) mit Wasser und Nahrungsmitteln versorgte.
Die Listen an den Statuenbasen stellen einen Katalog der gesamten, den Ägyptern zur Zeit Amenophis’ III. bekannten Welt dar. Die meisten Namen kannte man bereits aus anderen Dokumenten und Verträgen, so die Hethiter und die Kassiten/Babylonier (zu diesen später mehr) und diverse Städte in Kanaan. Die ägäischen Ortsnamen jedoch waren (und sind) außergewöhnlich und wurden in einer bestimmten Reihenfolge in den Stein gemeißelt.
Einige Namen wurden sogar überarbeitet und neu hineingehauen, entweder kurz bevor man die Statuen der Öffentlichkeit präsentierte oder sogar erst danach.5 Einige Wissenschaftler halten die Liste lediglich für Propaganda – für die eitle Prahlerei eines Pharaos, der von fernen Ländern gehört hatte und sie gerne erobert hätte oder seine Untertanen davon überzeugen wollte, er habe dies bereits getan. Andere halten dagegen, die Liste könne durchaus auf Faktenwissen und tatsächlichen damaligen Kontakten beruhen. Und die letztere Erklärung ist auch wahrscheinlicher, denn wir wissen aus den zahlreichen anderen Darstellungen in den Gräbern von Adligen aus der Regierungszeit von Hatschepsut und Thutmosis III. im 15. Jahrhundert v. Chr., dass es vielfache Kontakte mit der Ägäis gab und dass von dort immer wieder Diplomaten und/oder Kaufleute nach Ägypten kamen und Geschenke brachten.
Höchstwahrscheinlich bestanden diese Kontakte auch noch im folgenden Jahrhundert, während der Herrschaft Amenophis’ III. Falls dem so ist, könnte die Ägäische Liste die erste schriftliche Erwähnung einer Rundreise von Ägypten aus durch die Ägäis darstellen – eine Reise, die vor mehr als 3400 Jahren unternommen wurde, nur wenige Jahrzehnte, bevor der junge Tutanchamun das »ewige Land« regierte.
Dass wir es hier mit der Dokumentation einer Reise von Ägypten in die Ägäis und zurück im 14. Jahrhundert v. Chr. zu tun haben und nicht etwa mit einer Liste von Mykenern und Minoern, die nach Ägypten kamen, wissen wir aufgrund der folgenden, faszinierenden Tatsache: Es gibt eine Reihe von Objekten, in denen die Kartusche (der Königsname) Amenophis’ III. oder seiner Frau, Königin Teje, eingeritzt ist und die von Archäologen an sechs Standorten rund um die Ägäis gefunden wurden – auf Kreta, auf dem griechischen Festland und auf Rhodos. Tatsächlich finden sich vier der sechs Fundorte dieser Objekte auf der Ägäischen Liste wieder.
Bei einigen dieser beschrifteten Objekte handelt es sich lediglich um Skarabäen und kleine Stempelsiegel, doch es gibt darunter auch eine Vase. Alle tragen die Kartusche entweder des Pharaos oder seiner Frau. Am wichtigsten sind die zahlreichen Fragmente doppelseitiger Tafeln aus Fayence (das ist eine Art Mittelding aus Keramik und Glas), die man in Mykene gefunden hat, das im 14. Jahrhundert v. Chr. wahrscheinlich die führende Stadt Griechenlands war. Es gibt mindestens zwölf solcher Fragmente, und sie stammen von insgesamt neun oder noch mehr Tafeln, die alle 6–8 cm lang, etwa 10 cm breit und weniger als 1 cm dick waren. Alle trugen auf beiden Seiten in schwarzer Farbe die Titel Amenophis’ III.: »der gute Gott, Neb-Ma’at-Re, Sohn des Re, Amun ist zufrieden, Prinz von Theben, dem das Leben gegeben ist«.6
Ägyptologen kennen solche Tafeln gut, denn es war Sitte, diese beim Bau von Tempeln oder manchmal auch Statuen von Königen in einem Behältnis unter dem Fundament zu platzieren (zumindest in Ägypten).7 Noch heute verstecken ja manche Bauherren im Fundament ihres Hauses eine »Zeitkapsel«, und tatsächlich tat man dies in Mesopotamien bereits während der frühen Bronzezeit. Wahrscheinlich wollte man so sichergehen, dass die Götter, aber auch nachfolgende Generationen die Identität des Erbauers oder Stifters erfuhren und dessen Großzügigkeit preisen konnten. Zudem wurde so das Datum festgehalten, wann ein Gebäude bzw. eine Statue fertiggestellt worden war.
Das Interessante an diesen Tafeln in Mykene ist, dass sie in der Ägäis eben vollkommen einzigartig sind. Im Grunde genommen ist Mykene sogar der einzige Ort im gesamten Mittelmeerraum – außerhalb von Ägypten natürlich –, wo man jemals solche Fayence-Tafeln mit dem Namen Amenophis’ III. gefunden hat. Die ersten Fragmente in Mykene entdeckten griechische Archäologen um 1900. Sie glaubten damals, es handle sich um Porzellan; den Namen Amenophis erkannte man da noch nicht bzw. konnte ihn noch nicht eindeutig entziffern. Im Laufe der Jahre traten weitere Bruchstücke zutage. Einige davon entdeckte der berühmte britische Archäologe Lord William Taylor innerhalb des kultischen Zentrums von Mykene. Und erst vor wenigen Jahren kam ein weiteres Fragment ans Licht – die Archäologin Kim Shelton aus Berkeley fand dieses in Mykene in einem tiefen Brunnen.
Keines der Bruchstücke in Mykene wurde in seinem ursprünglichen Kontext gefunden. Anders ausgedrückt: Wir haben keine Ahnung, wie oder wozu man die Täfelchen dort benutzte. Aber die bloße Tatsache, dass es sie nur in Mykene und nirgendwo sonst in der Welt gibt, zeigt bereits, dass zur Zeit von Amenophis III. eine besondere Beziehung zwischen dieser Stadt und Ägypten existiert haben muss, zumal man in Mykene außerdem eine Vase von Amenophis III. sowie zwei Skarabäen von seiner Frau, Königin Teje, ausgegraben hat. Bedenkt man, dass sich diese Region aus ägyptischer Sicht im hintersten Winkel der bekannten und zivilisierten Welt befand, weist die Korrelation dieser Objekte mit den Namen auf der Ägäischen Liste doch stark darauf hin, dass sich während der Regierungszeit Amenophis’ III. etwas Ungewöhnliches ereignet haben muss, was die internationalen Kontakte betrifft.
Die importierten ägyptisch-orientalischen Objekte, die man in der Ägäis entdeckt hat, bilden ein interessantes Muster, das wiederum mit der Ägäischen Liste zu tun haben könnte: Das minoische Kreta war offensichtlich weiterhin das Hauptziel der Händler aus Ägypten und dem Nahen Osten in der Ägäis, zumindest noch in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts v. Chr. Da man auf Kreta jedoch in ungefähr gleichen Mengen Objekte aus Ägypten, Kanaan und Zypern gefunden hat, kann es durchaus sein, dass die Händler und Kaufleute, die zwischen Kreta und dem östlichen Mittelmeerraum hin und her segelten, zu dieser Zeit nicht mehr hauptsächlich ägyptische Waren lieferten, wie es in den Jahrhunderten zuvor der Fall gewesen war. Falls ägyptische und minoische Gesandte und Händler zuvor tatsächlich die Routen in die Ägäis dominiert hatten, so hatten sich ihnen nun Kanaaniter und Zyprer angeschlossen – oder waren vielleicht sogar an ihre Stelle getreten.

Abb. 6 Fayence-Platte von Amenophis III., in Mykene gefunden (Foto: E. H. Cline).
Diese nunmehr komplexere internationale Situation dauerte zwei Jahrhunderte an, doch bereits Ende des 14. Jahrhunderts v. Chr. kam es zu einer Verschiebung, was den Import ausländischer Waren in die Ägäis betrifft: Die Zahl der Lieferungen nach Kreta scheint schlagartig abgenommen zu haben, und die Menge der auf das griechische Festland gelieferten Waren stieg rasant an. Falls es tatsächlich eine solche Verlagerung des Handels mit orientalischen Gütern zugunsten des griechischen Festlandes gegeben hat, könnte dies mit der Zerstörung von Knossos um 1350 v. Chr. zu tun haben, nach der die Mykener die Handelswege nach Ägypten und dem Nahen Osten übernahmen (diese Annahme ist jedoch höchst spekulativ).8 Die Ägäische Liste Amenophis’ III. könnte ein Abbild dieser Situation sein, denn die auf der Statuenbasis aufgeführten Orte sind einerseits minoische Stätten auf Kreta als auch mykenische Stätten auf dem griechischen Festland. Falls Ägypten zur Zeit Amenophis’ III. eine Gesandtschaft in die Ägäis schickte, könnte sie zwei Aufgaben gehabt haben: den Kontakt zu einem alten und geschätzten Handelspartner (den Minoern) zu stärken und Beziehungen zu einer neuen aufstrebenden Macht (den Mykenern) zu etablieren.9
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