Kitabı oku: «Der kleine Mann»
Erich Kästner
Der kleine Mann
Illustrationen von Horst Lemke

Das erste Kapitel
Meine erste Begegnung mit dem kleinen Mann / Pichelstein und die Pichelsteiner / Mäxchens Eltern wandern aus / Wu Fu und Tschin Tschin / Geburtsort: Stockholm / Vom Eiffelturm geweht / Zwei Chinesenzöpfe werden begraben / Professor Jokus von Pokus hält eine schöne Rede.

Er wurde der kleine Mann genannt und schlief in einer Streichholzschachtel. Eigentlich hieß er ja Mäxchen Pichelsteiner. Doch das wussten die allerwenigsten. Und auch ich wüsste es nicht, wenn er mir’s nicht selber erzählt hätte. Das war, wenn ich mich nicht irre, in London. In Garlands Hotel. Und zwar im Frühstückszimmer mit den vielen bunten Vogelbauern an der Decke. So ein Gezwitscher! Man konnte kaum sein eignes Wort verstehen.
Oder war es in Rom? Im Hotel Ambassadore an der Via Veneto? Oder im Speisesaal des Hotels Excelsior in Amsterdam?
Ich glaube, mein Gedächtnis lässt nach. Schade. Manchmal sieht es in meinem Kopf aus wie in einer unaufgeräumten Spielzeugkommode. Eines steht jedenfalls fest: Mäxchens Eltern und Großeltern und Urgroßeltern und sogar die Urururgroßeltern stammten, alle miteinander, aus dem Böhmerwald, wo er am waldigsten ist. Dort gibt es einen hohen Berg und ein kleines Dorf und beide heißen Pichelstein. Ich habe vorsichtshalber in meinem alten Lexikon nachgeschlagen. Dort steht klar und deutlich:
Pichelstein. Böhmisches Dorf. 412 Einwohner. Winziger Menschenschlag. Größte Körperlänge 51 Zentimeter. Ursachen unbekannt. Berühmt durch Turnverein (T.V.Pichelstein, gegründet 1872) und das sogenannte Pichelsteiner Fleisch (Näheres siehe Band IV unter »Eintopfgerichte«). Alle Einwohner heißen seit Jahrhunderten Pichelsteiner. (Empfehlenswerte Literatur: »Pichelstein und die Pichelsteiner« von Pfarrer Remigius Dallmayr, 1908, im Selbstverlag. Vergriffen.)
Ein seltsames Dorf, werdet ihr sagen. Aber ich kann’s nicht ändern. Was in meinem alten Lexikon steht, stimmt fast immer.
Als Mäxchens Eltern ein Jahr verheiratet waren, beschlossen sie, ihr Glück zu machen. Sie hatten, so klein sie waren, große Rosinen im Kopf. Und weil das Dorf Pichelstein im Böhmerwald für ihre Pläne und Wünsche nicht ausreichte, fuhr das Ehepärchen mit Sack und Pack, nein, mit Säckchen und Päckchen, in die weite Welt hinaus.
Sie wurden, wohin sie auch kamen, gewaltig angestaunt. Die Leute sperrten den Mund auf und brachten ihn kaum wieder zu. Denn Mäxchens Mutter war zwar eine bildhübsche junge Frau und sein Vater hatte einen prächtigen schwarzen Schnurrbart, aber sie waren nicht größer als zwei fünfjährige Kinder. Kein Wunder, dass man sich wunderte!

Was hatten sie vor? Sie wollten, weil sie so vorzüglich turnen konnten, Akrobaten werden. Und tatsächlich, nachdem sie dem Herrn Direktor Brausewetter vom ›Zirkus Stilke‹ am Reck und an den Schweberingen ihre Kunststücke vorgeführt hatten, klatschte er begeistert in die weißen Glacéhandschuhe und rief: »Bravo, ihr Knirpse! Ihr seid engagiert!« Das war in Kopenhagen. Im Tivoli. An einem Vormittag. In einem auf vier riesigen Masten errichteten Zirkuszelt. Und Mäxchen lebte damals noch gar nicht.
Obwohl seine Eltern in Pichelstein Vorturner gewesen waren, mussten sie noch viel lernen und hart trainieren. Erst ein Vierteljahr später wurden sie der chinesischen Akrobatentruppe ›Familie Bambus‹ zugeteilt. Eigentlich war das ja keine richtige Familie. Und richtige Chinesen waren’s schon gar nicht. Die zwölf geflochtenen Zöpfe, die ihnen an den zwölf Hinterköpfen baumelten, waren so echt wie falsches Geld. Doch als Artisten waren sie erstklassig und gehörten zu den geschicktesten Jongleuren und Akrobaten, die jemals in einem Zirkus aufgetreten sind.

Sie jonglierten mit zerbrechlichen Tellern und Tassen auf dünnen, wippenden Stäben aus gelbem Bambus so rasch, dass den Zuschauern Hören und Sehen verging. Die Kleineren kletterten wie die Wiesel an glatten armdicken Bambusstangen empor, die von den größten und kräftigsten Chinesen hochgestemmt wurden, und machten hoch oben Handstand und, bei gedämpftem Trommelwirbel, Kopfstand. Ja, sie drehten sogar, zehn Meter über der Manege, Saltos! Sie überschlugen sich in der Luft, als sei’s ein Kinderspiel, und schon standen sie wieder mit beiden Füßen auf den schwankenden Bambusspitzen und winkten lächelnd ins Publikum hinunter. Die Kapelle spielte einen dreifachen Tusch, und die Leute klatschten, bis sie dicke rote Hände kriegten!
Mäxchens Eltern hießen jetzt, auf den Plakaten und in den Programmheften, Wu Fu und Tschin Tschin und trugen falsche Zöpfe und bunt bestickte Kimonos aus knisternder Seide. Sie reisten mit dem zusammengerollten Zirkuszelt, den Elefanten und Raubtieren, den Feuerschluckern, Clowns und Trapezkünstlern, mit den Araberhengsten, Stallburschen, Dompteuren, Balletteusen, Mechanikern, Musikanten und Herrn Direktor Brausewetter aus einer Großstadt in die andere, hatten Erfolg, verdienten Geld und freuten sich mindestens zwanzigmal am Tag, dass sie nicht mehr in Pichelstein waren.

In Stockholm kam dann Mäxchen zur Welt. Er war so winzig klein, dass ihn die Krankenschwester um ein Haar mit dem Waschwasser in den Ausguss geschüttet hätte. Glücklicherweise brüllte er wie am Spieß und so ging noch einmal alles gut. Der Stationsarzt betrachtete ihn lange durch ein Vergrößerungsglas, lächelte und sagte schließlich: »So ein hübscher und gesunder Junge! Ich gratuliere!«
Als Mäxchen sechs Jahre alt war, verlor er seine Eltern. Das war in Paris und es geschah ganz plötzlich und unerwartet. Die beiden fuhren mit dem Lift auf den Eiffelturm, um die schöne Aussicht zu bewundern. Doch kaum dass sie auf der obersten Plattform standen, erhob sich ein Sturm, der sie in die Luft zerrte und im Nu fortwehte!
Die anderen Besucher konnten sich, da sie größer waren, an den Gittern der Brüstung festklammern.
Aber um Wu Fu und Tschin Tschin war es geschehen. Man sah noch, dass sie sich fest an der Hand hielten. Dann waren sie auch schon am Horizont verschwunden.
Tags darauf schrieben die Zeitungen: ›Zwei kleine Chinesen vom Eiffelturm geweht! Trotz Einsatz von Hubschraubern unauffindbar! Schwerer Verlust für Zirkus Stilke!‹
Am schwersten war der Verlust freilich für Mäxchen, der seine Eltern sehr, sehr lieb gehabt hatte. Er weinte viele winzige Tränen in seine winzigen Taschentücher. Und zwei Wochen später, als man auf dem Friedhof, in einem Elfenbeinkästchen, die zwei schwarzen Chinesenzöpfchen begrub, die ein portugiesischer Dampfer hinter den Kanarischen Inseln aus dem Ozean gefischt hatte, da wäre Mäxchen vor lauter Kummer am liebsten mitgestorben.
Es war ein seltsames Begräbnis. Alle Zirkusleute nahmen daran teil: die Familie Bambus in ihren Kimonos, der Dompteur der Löwen und Tiger mit einem Trauerflor an der Peitsche, der Kunstreiter Galoppinski auf seinem Rapphengst Nero, die Feuerschlucker mit brennenden Fackeln, der Herr Direktor Brausewetter mit Zylinder und schwarzen Glacéhandschuhen, die Clowns mit ernst geschminkten Gesichtern und vor allem, als Redner, der berühmte Zauberkünstler Professor Jokus von Pokus.

Zum Schluss seiner feierlichen Ansprache sagte der Professor: »Die zwei kleinen Kollegen, um die wir trauern, haben uns ihr Mäxchen als Vermächtnis hinterlassen. Kurz vor ihrem verhängnisvollen Ausflug auf den Eiffelturm brachten sie den Jungen in mein Hotelzimmer und baten mich, auf ihn gut aufzupassen, bis sie wiederkämen. Heute wissen wir nun, dass sie nicht wiederkommen können. Deshalb werde ich auf ihn achtgeben müssen, solange ich lebe, und ich will es von Herzen gerne tun. Ist dir das recht, mein Kind?«
Mäxchen, der aus der Brusttasche des Zaubererfracks herausschaute, rief schluchzend: »Jawohl, lieber Jokus! Es ist mir recht!«
Da weinten alle anderen vor Schmerz und Freude. Und den Clowns verschmierten die Tränen die Schminke in den Gesichtern. Dann zauberte der Professor fünf große Blumensträuße aus der Luft und legte sie auf das kleine Elterngrab. Die Feuerschlucker steckten die brennenden Fackeln in den Mund, sodass die Flammen auslöschten. Die Zirkuskapelle spielte den Gladiatorenmarsch. Und schon liefen alle, vom Kunstreiter Galoppinski auf dem Rappen Nero angeführt, schnell ins Zirkuszelt zurück. Denn es war Mittwoch.
Und mittwochs, samstags und sonntags sind, wie jedermann weiß, auch am Nachmittag Vorstellungen. Für Kinder.
Zu verbilligten Preisen.

Das zweite Kapitel
Die Streichholzschachtel auf dem Nachttisch / Minna, Emma und Alba / Sechzig Gramm Lebendgewicht und trotzdem kerngesund / Der kleine Mann will in die Schule gehen / Ärger in Athen und Brüssel / Unterricht auf der Bockleiter / Bücher, klein wie Briefmarken.
Dass Mäxchen nachts in einer Streichholzschachtel schlief, habe ich wohl schon erzählt. Anstelle der sechzig Streichhölzer, die üblicherweise drinliegen, enthielt sie ein Maträtzchen aus Watte, ein kleines Stück Kamelhaardecke und ein Kopfkissen, nicht größer als der Nagel meines Mittelfingers. Und die Schachtel blieb halb geöffnet, weil ja der Junge sonst keine Luft gekriegt hätte.
Die Streichholzschachtel stand auf dem Nachttisch neben dem Bett des Zauberkünstlers. Und jeden Abend, wenn sich Professor Jokus zur Wand gedreht hatte und leise zu schnarchen begann, knipste Mäxchen das Lämpchen auf dem Nachttisch aus, und es dauerte nicht lange, dann schlief auch er.
Außer den beiden schliefen im Hotelzimmer noch die zwei Tauben Minna und Emma und, in seinem Spankorb, das weiße Kaninchen Alba. Die Tauben hockten oben auf dem Schrank. Sie hatten die Köpfe in die Brustfedern gesteckt, und wenn sie träumten, gurrten sie.
Die drei Tiere gehörten dem Professor und halfen ihm, wenn er im Zirkus auftrat. Dann flatterten die Tauben plötzlich aus seinen Frackärmeln und das Kaninchen zauberte er aus dem leeren Zylinder.
Minna, Emma und Alba konnten den Zauberkünstler gut leiden und in den kleinen Jungen waren sie geradezu vernarrt. Wenn sie morgens zu fünft gefrühstückt hatten, durfte sich Mäxchen sogar manchmal auf Emmas Rücken setzen, und dann machte sie mit ihm einen Rundflug durchs Zimmer.
Eine Streichholzschachtel ist sechs Zentimeter lang, vier Zentimeter breit und zwei Zentimeter hoch. Das war für Mäxchen gerade das Richtige. Denn er maß, auch mit zehn und zwölf Jahren noch, knapp fünf Zentimeter und passte genau hinein. Er wog, auf der Briefwaage des Hotelportiers, sechzig Gramm, hatte immer Appetit und war nie krank gewesen. Die Masern hatte er allerdings gehabt. Aber die Masern zählen eigentlich nicht. Die hat ja jedes zweite Kind.
Mit sieben Jahren hatte er natürlich in die Schule gehen wollen. Aber die Schwierigkeiten waren allzu groß gewesen. Erstens hätte er jedes Mal, wenn der Zirkus weiterzog, die Schule wechseln müssen. Und oft sogar die Sprache! Denn in Deutschland wurde ja deutsch unterrichtet, in England englisch, in Frankreich französisch, in Italien italienisch und in Norwegen norwegisch. Das hätte der kleine Mann vielleicht noch geschafft. Weil er gescheiter war als die meisten Kinder in seinem Alter. Dazu kam nun aber noch, dass seine Mitschüler allesamt viel, viel größer waren als er und dass sie sich einbildeten, Größersein sei etwas Besonderes.

Deswegen hatte er mancherlei ausstehen müssen, der Ärmste.
In Athen zum Beispiel war er einmal von drei kleinen Griechenmädchen während der großen Pause in ein Tintenfass gesteckt worden. Und in Brüssel hatten ihn ein paar belgische Lümmel auf die Gardinenstange gesetzt. Er war zwar gleich wieder hinuntergeklettert. Denn klettern konnte er damals schon wie kein Zweiter. Aber gefallen hatten ihm solche Dummheiten gar nicht. Und so erklärte der Zauberkünstler eines Tages: »Weißt du, was? Das Beste wird sein, wenn ich dir Privatstunden gebe.«
»O fein!«, rief Mäxchen. »Das ist eine gute Idee! Wann geht’s los?«
»Übermorgen um neun«, sagte Professor Jokus von Pokus. »Aber freu dich nicht zu früh!«
Es brauchte einige Zeit, bis die beiden herausfanden, wie sie es am geschicktesten anstellen mussten. Aber allmählich kamen sie dahinter und nun machte ihnen der Unterricht von Tag zu Tag immer mehr Spaß. Das Wichtigste außer dem Lesebuch und dem Schreibheft waren eine Bockleiter mit fünf Stufen und eine scharfe Lupe.
Beim Lesenlernen kraxelte Mäxchen auf die höchste Sprosse der Leiter, weil ja die Buchstaben, wenn er mit der Nase vorm Buch saß, für ihn viel zu groß waren. Erst wenn er auf der Leiter hockte, konnte er das Gedruckte bequem überblicken.
Beim Schreiben war es ganz anders. Dann setzte er sich an ein winziges Pult. Das winzige Pult stand oben auf dem großen Tisch. Und der Professor saß neben dem Tisch und betrachtete Mäxchens Krickelkrakel durch die Lupe. Sie vergrößerte das Geschriebene um das Siebenfache, und nur so konnte er die Buchstaben und Wörter überhaupt erkennen. Ohne die Lupe hätten er und der Zimmerkellner und das Stubenmädchen das Geschreibsel für Tintenspritzer oder Fliegendreck gehalten. Dabei waren es, wie man durch die Lupe ganz deutlich sehen konnte, hübsche und zierliche Schriftzeichen.
Beim Unterricht im Rechnen war es nicht anders. Auch bei den Zahlen brauchten sie die Leiter und die Lupe. Und so war Mäxchen, was er auch lernte, immer unterwegs. Bald saß er auf der Leiter, bald an seinem Pult auf dem Tisch.

Eines schönen Vormittags sagte der Zimmerkellner, der das Frühstücksgeschirr wegtragen wollte: »Wenn ich nicht genau wüsste, dass der Junge lesen und schreiben lernt, dächte ich bestimmt, er hätte Turnstunde.« Da mussten sie alle lachen. Auch Minna und Emma, die auf dem Schrank saßen, lachten mit. Denn es waren Lachtauben.
Mit dem Buchstabieren hielt sich Mäxchen nicht lange auf. Schon nach kurzer Zeit las er so flink, als hätte er’s schon immer gekonnt. Und nun wurde er im Handumdrehen zur Leseratte. Das erste Buch, das ihm Jokus von Pokus schenkte, waren Grimms Märchen. Und womöglich hätte er sie in einer knappen Woche ausgelesen gehabt, wenn nicht die verflixte Bockleiter gewesen wäre!
Jedes Mal, wenn er umblättern musste, blieb ihm gar nichts weiter übrig, als die Leiter hinunterzuklettern, auf den Tisch zu hopsen, die Seite umzuwenden und die Leiter wieder hochzukrabbeln. Erst dann erfuhr er, wie das Märchen weiterging. Und zwei Seiten später musste er schon wieder zum Buch hinunter! So ging das in einem fort: umblättern, die Leiter hoch, zwei Seiten lesen, die Leiter hinunter, auf den Tisch, schnell umblättern, die Leiter hinauf, die nächsten zwei Seiten lesen, die Leiter hinunter, umblättern, hinauf – es war zum Auswachsen!
Eines Nachmittags kam der Professor gerade dazu, wie der Junge zum dreiundzwanzigsten Mal die Leiter hochkraxelte, sich wütend die Haare raufte und schrie: »Das ist ja fürchterlich! Warum gibt es denn, um alles in der Welt, keine kleineren Bücher? Mit klitzekleinen Buchstaben?«
Erst musste der Professor über Mäxchens Zorn lachen. Dann wurde er nachdenklich und meinte: »Eigentlich hast du ganz recht. Und wenn es solche Bücher noch nicht gibt, werden wir sie für dich drucken lassen.«
»Gibt es denn jemanden, der das kann?«, fragte der Junge.
»Ich hab keine Ahnung«, sagte der Zauberkünstler. »Aber im März gastiert der Zirkus in München. Dort lebt der Uhrmacher Unruh. Bei dem werden wir uns erkundigen.«
»Und wieso weiß es der Uhrmacher Unruh?«
»Ich weiß nicht, ob er es weiß. Aber er könnte es wissen, weil er sich mit solchen Dingen beschäftigt. So hat er vor zehn Jahren Schillers ›Lied von der Glocke‹ auf die Rückseite einer Briefmarke geschrieben. Und das Gedicht ist immerhin 425 Zeilen lang.«
»Donnerwetter!«, rief Mäxchen begeistert. »Bücher, nicht größer als Briefmarken, das wäre für mich genau das Richtige!«
Um es kurz zu machen: Der Uhrmacher Unruh kannte tatsächlich eine Druckerei, die so kleine Bücher drucken konnte! Das war allerdings ein teurer Spaß. Doch der Professor verdiente als Zauberkünstler eine ganze Menge Geld und Mäxchens Eltern hatten Ersparnisse hinterlassen. So dauerte es gar nicht lange und der Junge hatte eine hübsche winzige Bibliothek beisammen.
Nun brauchte er nicht mehr auf der Leiter herumzuturnen, sondern konnte sich’s beim Lesen bequem machen. Am liebsten las er abends, wenn er in der Streichholzschachtel lag und der Professor eingeschlafen war und leise vor sich hin schnarchte. Ach, war das gemütlich! Oben auf dem Schrank gurrten die beiden Tauben. Und Mäxchen schmökerte in einem seiner Lieblingsbücher, im ›Zwerg Nase‹, im ›Kleinen Däumling‹, im ›Nils Holgersson‹ oder, am allerliebsten, im ›Gulliver‹.
Manchmal knurrte der Professor im Halbschlaf: »Lösche das Licht aus, du Bengel!«
Dann flüsterte Mäxchen: »Sofort, Jokus!« Mitunter dauerte das Sofort eine halbe Stunde. Aber schließlich knipste er die Lampe dann doch aus, schlief ein und träumte von Gulliver im Lande Liliput, wo ihn die Bewohner für einen Riesen hielten.
Und dieser Riese, der über die Stadtmauern stieg und die feindliche Kriegsflotte kaperte, war natürlich kein anderer als Mäxchen Pichelsteiner.
Das dritte Kapitel
Er will Artist werden / Lange Menschen und große Menschen sind nicht ein und dasselbe / Ein Gespräch in Straßburg / Über den Beruf des Dolmetschers / Der Plan des Professors scheitert an Mäxchens Starrsinn.

Je älter der kleine Mann wurde, umso öfter unterhielten sie sich darüber, was er einmal werden wolle. Jedes Mal erklärte er: »Ich will zum Zirkus. Ich werde Artist.« Und jedes Mal schüttelte der Professor den Kopf und sagte: »Aber Junge, das geht doch nicht! Dafür bist du ja viel zu klein!«
»Du redest manchmal so und manchmal anders«, murrte Mäxchen. »Immer wieder erzählst du mir, wie viele berühmte Männer klein gewesen sind. Napoleon und Julius Caesar und Goethe und Einstein und ein Dutzend andere. Du hast auch gesagt, lange Menschen seien nur ganz selten große Menschen! Ihre Kraft schießt ins Kraut, hast du gesagt, und wenn sie zwei Meter lang sind, bleibt für ihr Gehirn nicht mehr viel übrig.«
Der Professor kratzte sich am Kopf. Schließlich erklärte er: »Trotzdem wären Caesar und Napoleon und Goethe und Einstein keine guten Artisten geworden. Caesar hatte so kurze Beine, dass er kaum auf dem Pferd sitzen konnte!«
»Ich will ja gar nicht auf einem Pferd sitzen«, antwortete der Junge ärgerlich. »Waren meine Eltern schlechte Artisten?«
»Behüte! Sie waren erstklassig!«
»Und waren sie groß?«
»Nein. Sie waren sogar sehr klein.«
»Also, lieber Jokus?«
»Da gibt’s kein Also«, sagte der Zauberkünstler. »Sie waren klein, aber du bist zehnmal kleiner. Du bist zu klein! Das Publikum würde dich, wenn du in der Manege stündest, überhaupt nicht sehen!«
»Dann sollen sie Operngläser mitbringen«, erklärt der kleine Mann.
»Weißt du, was du bist?«, fragte der Jokus grimmig. »Du bist ein großer Dickschädel.«
»Nein. Ich bin ein kleiner Dickschädel, und …«
»Und?«, fragte der Professor gespannt.
»Und ich werde Artist!«, rief Mäxchen so laut, dass Alba, dem weißen Kaninchen, das grüne Salatblatt, an dem es knabberte, vor Schreck aus dem Maul fiel.
Eines Abends saßen sie, nach der Zirkusvorstellung, im Restaurant ihres Hotels in Straßburg, und der Herr Professor Jokus von Pokus ließ sich die getrüffelte Gänseleberpastete gut schmecken. Er aß meist erst nach der Vorstellung, weil ihm, wenn er vorher aß, der Frack zu eng wurde. Und das störte ihn beim Zaubern. Denn in seinem Frack steckten ja vielerlei Dinge. Zum Beispiel vier Päckchen Spielkarten, fünf Blumensträuße, zwanzig Rasierklingen und acht brennende Zigaretten. Außerdem die Tauben Minna und Emma, das weiße Kaninchen Alba und alles, was er sonst noch für seine Kunststücke brauchte. Da ist es besser, wenn man mit dem Abendbrot wartet.
Jetzt saß er also am Tisch, aß Straßburger Gänseleberpastete und geröstetes Brot, und Mäxchen saß, dicht neben dem Teller, oben auf dem Tisch und ließ sich kleine Brocken abgeben. Dann gab es ein Wiener Schnitzel, Fruchtsalat und schwarzen Kaffee. Sogar vom Kaffee bekam der kleine Mann ein Viertelschlückchen. Schließlich waren sie satt und zufrieden und streckten die Beine von sich, der Professor unterm Tisch und der kleine Mann auf dem Tisch.
»Ich weiß jetzt, was du wirst«, sagte der Jokus, nachdem er einen bildschönen weißen Ring aus Zigarrenrauch in die Luft geblasen hatte.
Mäxchen blickte bewundernd hinter dem Rauchkringel her, der immer größer und dünner wurde, bis er am Kronleuchter zerflatterte. Dann meinte er: »Du weißt es erst jetzt? Ich weiß es schon immer. Ich werde Artist.«
»Nein«, knurrte der Professor. »Du wirst Dolmetscher!«
»Dolmetscher?«
»Das ist ein sehr interessanter Beruf. Du kannst jetzt bereits Deutsch und ziemlich viel Englisch und Französisch und ein bisschen Italienisch und Spanisch und …«
»Holländisch und Schwedisch und Dänisch«, fuhr der kleine Mann fort.
»Eben, eben«, sagte der Professor eifrig. »Wenn wir noch ein paar Jahre mit dem Zirkus in Europa herumkutschiert sind, wirst du alle diese Sprachen noch viel besser sprechen. Dann machst du in Genf, in der berühmten Dolmetscherschule, deine Prüfung. Und sobald du sie bestanden hast, fahren wir zusammen nach Bonn. Dort lebt ein guter Freund von mir.«

»Ist der auch Zauberkünstler?«
»Nein, der ist etwas viel Besseres. Er ist Beamter. Er ist Pressechef in der Bundeskanzlei. Dem zeige ich dein Genfer Diplom, und dann wirst du, wenn alles klappt, Dolmetscher beim Auswärtigen Amt oder sogar beim Bundeskanzler selber. Das ist der wichtigste und mächtigste Mann. Und weil er oft im Ausland ist und mit anderen Kanzlern sprechen muss, braucht er einen tüchtigen Dolmetscher.«
»Aber keinen Däumling!«
»Doch, doch!«, entgegnete der Professor. »Je kleiner, umso besser! Er nimmt dich zum Beispiel nach Paris mit, weil er mit dem französischen Präsidenten etwas bereden muss. Etwas ganz Geheimes. Etwas furchtbar Wichtiges. Weil der deutsche Kanzler aber die französische Sprache nicht gut versteht, braucht er einen Übersetzer, der ihm erklärt, was der französische Präsident sagt.«
»Und das soll ausgerechnet ich sein?«
»Jawohl, mein Kleiner!«, erklärte der Professor. Er war von seinem Einfall sehr angetan. »Du setzt dich in das Ohr des Kanzlers und flüsterst ihm jedes Mal auf Deutsch zu, was der Präsident auf Französisch gesagt hat.«
»Da fall ich ja runter«, sagte Mäxchen.
»Nein. Erstens hat er vielleicht so große Ohren, dass du in seiner Ohrmuschel sitzen kannst.«
»Und zweitens? Wenn er nun niedliche Öhrchen hat?«
»Dann hängt er sich eine feine, dünne Goldkette ums Ohrläppchen, du setzt dich in die Kette, wirst Ministerialrat Max Pichelsteiner, und die Leute nennen dich ehrfürchtig ›den Beamten, der dem Ohr des Kanzlers am nächsten ist‹. Wäre das nicht schön?«
»Nein!«, sagte Mäxchen energisch. »Das fände ich grässlich! Ich werde kein kleiner Mann im Ohr. Nicht in Deutschland, nicht in Frankreich und nicht am Nordpol. Du vergisst die Hauptsache.«
»Und was ist die Hauptsache?«
»Ich werde Artist.«
Das vierte Kapitel
Der kleine Mann will Dompteur werden / Sind Löwen denn keine Katzen? / Abenteuer mit Hackfleisch und Peitsche / Mäxchen im Zahnputzglas / Bericht von einem außergewöhnlichen Fußballspiel / Der Jokus springt durch einen brennenden Reifen.
Als der Zirkus Stilke wieder einmal in Mailand gastierte, sagte Mäxchen am dritten Tage ganz aufgeregt: »Jokus, hör zu, die Hotelkatze hat Junge. Vier Stück. Sie sind acht Wochen alt und hüpfen im Zimmer 228 von den Sesseln auf den Tisch, und wenn sie oben sind, hüpfen sie wieder herunter.«
»Na ja«, meinte der Professor, »ich halte das für ganz vernünftig. Sie können doch nicht dauernd auf dem Tisch bleiben!«
Doch der kleine Mann hatte heute keinen Sinn für Späße. »Das Stubenmädchen hat sie mir gezeigt«, erzählte er eifrig. »Sie sind gestreift und sehen aus wie viel zu kleine Tiger.«
»Haben sie dich gekratzt?«
»Überhaupt nicht!«, versicherte der Junge. »Wir waren sogar sehr nett zueinander. Sie haben geschnurrt und ich hab sie mit ein bisschen Hackfleisch gefüttert.«
Der Professor musterte ihn von der Seite. Dann fragte er: »Was hast du vor? Hm? Was führst du im Schilde? Heraus mit der Sprache!«
Mäxchen holte tief Luft und erklärte nach einer Pause: »Ich werde sie dressieren und im Zirkus vorführen.«
»Wen? Das Stubenmädchen?«
»Nein!«, rief der Junge erbost. »Die Kätzchen!«
Jokus von Pokus setzte sich verblüfft auf den Stuhl und schwieg zwei bis drei Minuten. Schließlich schüttelte er den Kopf, seufzte und sagte: »Katzen kann man nicht dressieren. Ich dachte, du wüsstest das.«
Mäxchen lächelte siegesgewiss. Dann fragte er: »Sind die Löwen keine Katzen?«
»Doch, doch. Sie gehören zu den Raubkatzen. Da hast du recht.«
»Und die Tiger? Und die Leoparden?«
»Das sind auch Raub- und Großkatzen. Da hast du schon wieder recht.«
»Setzen sie sich, wenn der Dompteur es will, auf hohe Podeste? Springen sie durch Reifen?«
»Sogar durch brennende Reifen«, ergänzte der Professor.
Der Junge rieb sich vergnügt die Hände. »Da hast du’s!«, rief er triumphierend. »Wenn man so riesige Katzen dressieren kann, dann kann man doch Kätzchen erst recht dressieren!«
»Nein«, sagte der Professor energisch, »das kann man eben nicht!«
»Und warum nicht?«
»Ich habe keine Ahnung.«
»Aber ich weiß den Grund«, erklärte Mäxchen stolz.
»Nun?«
»Weil es noch kein Mensch versucht hat!«
»Und du willst es versuchen?«
»Jawohl! Ich habe schon einen Namen für die Nummer! Auf den Plakaten wird stehen ›Mäxchen und seine vier Kätzchen, der atemraubende erstmalige Dressurakt!‹. Vielleicht erscheine ich mit einer schwarzen Maske! Und eine Peitsche zum Knallen brauche ich außerdem. Aber die habe ich schon. Ich nehme die Peitsche von meiner alten Spielzeugkutsche.«
»Na, dann viel Spaß, junger Freund!«, sagte der Herr von Pokus und schlug die Zeitung auf.
Schon am nächsten Morgen stellte das Stubenmädchen vier niedrige Fußbänke ins Zimmer 228. Die vier kleinen Katzen schnupperten neugierig an den Bänkchen herum, trollten sich aber bald wieder in ihren Korb zurück und rollten sich faul zusammen.
Dann erschien der Etagenkellner. In der linken Hand trug er einen Teller mit Schabefleisch, in der rechten Hand hielt er Mäxchen. Und dieser hielt in der rechten Hand die lackierte Spielzeugpeitsche und in der linken einen spitzen Zahnstocher. »Zum Abwehren der Raubtiere«, erklärte er. »Falls sie den Dompteur angreifen sollten. Und fürs Aufspießen vom Futter.«
»Soll ich hierbleiben?«, fragte der Kellner freundlich.
»Nein, bitte nicht«, sagte der kleine Mann. »Das erschwert die Dressur. Es lenkt die Tiere ab.«
Der Kellner ging also wieder.
Der Dompteur war mit seinen vier Opfern allein. Sie blinzelten zu ihm hin, gähnten lautlos, streckten sich und begannen einander zu putzen, als wären sie seit einer Woche nicht mehr gewaschen worden.
»Jetzt hört einmal gut zu«, rief der Junge schneidig. »Mit dem faulen Leben ist es vorbei. Ab heute wird gearbeitet. Habt ihr mich verstanden?«
Sie putzten sich weiter und taten, als seien sie schwerhörig. Er pfiff. Er schnalzte mit der Zunge. Er klemmte die Lackpeitsche unter den Arm und schnippte mit den Fingern. Er klemmte den Zahnstocher unter den anderen Arm und klatschte in die Hände. Er knallte mit der Peitsche. Er stampfte mit dem Fuß auf. Die Katzen stellten nicht einmal die Ohren hoch.
Erst als Mäxchen mit Hilfe des Zahnstochers einige Brocken Fleisch auf die Fußschemel bugsiert hatte, wurden die vier lebendig. Sie hüpften aus dem Korb heraus, sprangen auf die Schemel, verschlangen die Bröckchen, leckten sich die Lippen und blickten ihren Dompteur erwartungsvoll an.
»So ist’s recht!«, rief er begeistert. »Bravo! Nun müsst ihr Männchen machen! Allez hopp! Die Vorderpfoten hoch!« Er stieß die Peitsche in die Luft.
Aber die Kätzchen hatten ihn wohl missverstanden. Oder sie hatten gerochen, dass es im Zimmer 228 noch mehr Hackfleisch gab. Jedenfalls sprangen sie in hohem Bogen von den Schemeln hinunter, liefen schnurstracks zum Teller und machten sich darüber her, als seien sie kurz vorm Verhungern.
»Nein!«, schrie der kleine Mann empört. »Lasst das sein! Auf der Stelle! Könnt ihr denn nicht hören?«
Sie konnten nicht hören. Sogar, wenn sie gewollt hätten.
Doch sie wollten ja gar nicht. Sie schmatzten, dass der Teller zitterte. Mäxchen zitterte noch viel mehr. Aber er zitterte vor Zorn.
»Das Schabefleisch kriegt ihr erst später! Vorher müsst ihr Männchen machen! Und im Gänsemarsch laufen! Und von einem Schemel auf den nächsten springen! Habt ihr mich verstanden?«
Er schlug mit der Peitsche auf den Teller.
Da nahm ihm eine der Katzen die hübsche Lackpeitsche weg und biss sie mittendurch.

Als Professor Jokus von Pokus, in Gedanken versunken, den Hotelkorridor entlangkam, hörte er aus dem Zimmer 228 kleine spitze Hilferufe. Er riss die Tür auf, schaute sich suchend um und begann zu lachen.
Die vier Katzen saßen unten vor dem Waschbecken und blickten gespannt in die Luft. Ihre Schnurrbärtchen waren gesträubt. Die Schwänzchen klopften den Fußboden. Und oben, auf dem Beckenrand, hockte Mäxchen in einem Zahnputzglas und weinte. »Hilf mir, lieber Jokus!«, rief er. »Sie wollen mich fressen!«
»Ach, Unsinn!«, sagte der Professor. »Du bist doch nicht aus Hackfleisch! Und eine Maus bist du auch nicht!« Dann holte er den Jungen aus dem Zahnputzglas heraus und betrachtete ihn gründlich und von allen Seiten. »Dein Anzug ist ein bisschen zerrissen und auf der linken Backe hast du einen Kratzer. Das ist alles.«
»So ein Gesindel!«, schimpfte Mäxchen. »Erst haben sie meine Peitsche zerbrochen und den Zahnstocher zerkaut und dann haben sie Fußball gespielt!«
»Wer war denn der Fußball?«
»Ich! Ach, lieber Jokus! Sie haben mich in die Luft geworfen und aufgefangen und unters Bett geschossen und wieder vorgeholt und übers Parkett getrieben und wieder hoch in die Luft geschleudert und wieder unters Bett geschossen und vorgeholt und unterm Teppich verbuddelt und wieder herausgeangelt, es war furchtbar! Wenn ich nicht das Handtuch erwischt hätte und aufs Waschbecken und ins Zahnputzglas geklettert wäre, wer weiß, ob ich noch lebte!«
»Armer Kerl«, meinte der Professor. »Doch nun ist es ja vorbei. Jetzt wasch ich dich und bring dich ins Bett.«
Die vier Kätzchen blickten verdrossen hinter dem Professor drein. Es kränkte sie, dass ihnen der große Mann den kleinen Fußball weggenommen hatte, der so hübsch brüllte, wenn man mit ihm spielte. Dann dehnten sie die Hinterbeine, spazierten zu dem Teller hinüber und steckten die Nasen hinein. Aber der Teller war und blieb ratzeputzeleer.
Die Gescheiteste der vier dachte: ›Pech gehabt!‹, und rollte sich auf dem Bettvorleger wie eine Brezel zusammen. Kurz bevor sie einnickte, dachte sie noch: »Fressen kann man nur, wenn einem jemand was bringt. Schlafen ist einfacher. Das kann man ohne wen.«

Mäxchen saß inzwischen vergrämt in seiner Streichholzschachtel, hatte ein Pflaster auf der Backe und trank aus seiner winzig kleinen Meißner Porzellantasse heiße Schokolade.
Der Professor hatte eine Lupe ins Auge geklemmt und stopfte die Löcher in Mäxchens Anzug.
»Und du weißt ganz bestimmt und genau, dass man Katzen nicht dressieren kann?«, fragte der kleine Mann.
»Ganz bestimmt und genau.«

»Ob sie dümmer sind als die Löwen und die Tiger?«
»Kein Gedanke!«, sagte der Professor überzeugt. »Es macht ihnen ganz einfach keinen Spaß. Ich kann das gut verstehen. Mir machte es auch keinen Spaß, durch brennende Reifen zu springen.«
Mäxchen musste lachen. »Das ist eigentlich schade! Stell dir einmal vor: lauter Tiere als Zuschauer! Kängurus und Bären und Seelöwen und Pferde und Pelikane! Stell dir das mal vor! Alle Plätze ausverkauft!« Er zog sich vor Vergnügen an den Haaren und rief: »So! Und nun lüge du weiter!«
»Also gut«, sagte der Professor. »Im Orchester trompeten die Elefanten einen Tusch. Dann betritt der Löwe die Manege. Er hat eine Peitsche in der Pfote und einen Zylinder auf der gelben Mähne. Es wird mucksmäuschenstill. Vier ernste Tiger rollen einen Käfig in die Manege. In dem Käfig sitzt ein Herr im Frack und knurrt.«
»Schön!« Mäxchen rieb sich die Hände. »Der Herr bist du!«
»Jawohl. Der Löwe zieht schwungvoll den Zylinder, verbeugt sich und ruft: ›Jetzt, verehrtes Tierpublikum, sehen Sie die Attraktion unsres Programms! Es ist mir gelungen, einen Menschen zu dressieren. Es ist ein sehr gebildeter Mensch. Sein Name ist Professor Jokus von Pokus. Er springt vor Ihren Augen durch einen brennenden und mit Papier bespannten Reifen! Ich bitte die Spechte der Kapelle um einen gedämpften Trommelwirbel!‹ Die Spechte trommeln. Der Käfig öffnet sich. Zwei Tiger halten einen Reifen in die Luft. Der Löwe knallt mit der Peitsche. Ich komme langsam aus dem Käfig heraus und schimpfe. Der Löwe knallt noch einmal mit der Peitsche. Ich klettere auf ein Podest und schimpfe noch mehr. Ein Glühwürmchen zündet den Reifen an. Er beginnt zu brennen. Der Löwe haut mir mit dem Peitschenstiel eins über den Hosenboden. Ich brülle vor Wut. Er haut mich wieder. Und jetzt springe ich mit einem einzigen Satz durch den brennenden Reifen. Das Papier zerplatzt. Die Flammen zucken. Es ist gelungen! Die Elefanten trompeten. Die Spechte trommeln. Ich erhebe mich aus dem Sand, klopfe mir die Hose sauber und mache einen tiefen Diener.«

»Und alle Tiere im Zirkus klatschen wie wild«, rief der kleine Mann begeistert, »und der Löwe gibt dir zur Belohnung ein Kalbskotelett!«
»Und du schläfst jetzt, junger Freund!«, befahl der Professor. Er sah auf die Armbanduhr. »Es ist Mittwoch und ich muss zur Nachmittagsvorstellung.«
»Zaubere schön!«, sagte Mäxchen. »Und noch eins!«
»Was denn?«
»Mit den vier Katzen war es leider nichts.«
»Nein.«
»Aber eins steht trotzdem fest. Ich werde Artist!«
Das fünfte Kapitel
Ein Schaufensterbummel und eine Schaufensterpuppe / Der Verkäufer fällt in Ohnmacht / Ein Herrengeschäft ist schließlich kein Krankenhaus / Der Unterschied zwischen Staatsmann und Milchmann.

An einem heißen Tag im Juli schlenderten die beiden gemächlich durch den Berliner Westen und betrachteten die Schaufenster. Eigentlich schlenderte ja der Professor ganz allein. Mäxchen schlenderte nicht, sondern stand in des Professors äußerster Brusttasche. Er hatte die Arme auf den Taschenrand gelehnt, als sei die Tasche ein Balkon, und interessierte sich besonders für die Spielzeugläden, Delikatessengeschäfte und Buchhandlungen. Aber es ging nicht immer nach seinem Kopf. Dem Professor gefielen auch Auslagen mit Schuhen, Hemden, Krawatten, Zigarren, Schirmen, Weinflaschen und allem Möglichen.
»Bleib doch nicht so lange vor der Drogerie stehen«, bat der Junge. »Wir wollen weitergehen!«
»Wir?«, fragte der Jokus. »Wieso wir? Meines Wissens geht nur einer von uns beiden, und das bin ich. Du gehst? Keine Spur, mein Goldkind. Du gehst nicht. Du wirst gegangen. Ich habe dich völlig in der Hand.«
»Nein«, sagte der Kleine. »Aber du hast mich in der Tasche!«
Darüber mussten sie lachen.
Und die Leute drehten sich um. Ein dicker Berliner stieß seine Frau an und murmelte: »Das ist ja komisch, Rieke! Der Mann lacht zweistimmig!«
»Nun lass ihm schon seinen Spaß!«, gab Rieke zur Antwort. »Vielleicht ist er Bauchredner.«
Vor einem Schaufenster mit Herrenbekleidung blieb der Professor wieder ziemlich lange stehen. Er betrachtete die Schaufensterpuppen mit den hübschen Anzügen, ging ein paar Schritte weiter, kehrte um, musterte die Dekoration von neuem, versank in Nachdenken, nickte dreimal sehr heftig und sagte laut zu sich selber: »Das ist gar keine dumme Idee!«
»Was ist gar keine dumme Idee?«, fragte Mäxchen neugierig.
Doch der Professor antwortete nicht, sondern betrat spornstreichs das Geschäft und erklärte dem geschniegelten Verkäufer, ehe der den Mund aufmachen konnte: »Ich möchte den marineblauen Anzug aus dem Fenster haben. Den Einreiher für 295 Mark.«
»Gern, mein Herr. Aber ich glaube nicht, dass er Ihnen passen wird.«
»Das verlange ich auch gar nicht von dem Anzug«, knurrte der Professor.
»Vielleicht sind einige Änderungen nötig«, meinte der Verkäufer höflich. »Ich werde den Schneider aus dem Atelier herunterkommen lassen.«
»Er soll ruhig oben bleiben.«
»Es geht ganz geschwind, mein Herr.«
»Wenn er nicht kommt, geht es noch geschwinder.«
»Aber unsere Firma legt größten Wert darauf, dass die Kunden zufriedengestellt werden«, bemerkte der Verkäufer leicht verstimmt.
»Das ist lobenswert«, sagte der Professor. »Doch ich will Ihren marineblauen Einreiher ja gar nicht anziehen! Ich will ihn doch nur kaufen!«
»In diesem Falle wäre zu empfehlen, dass sich der betreffende Herr zu uns bemühte, für den der Anzug gedacht ist«, schlug der Angestellte vor. »Oder Sie geben uns die Adresse an und wir schicken einen unsrer Schneider hin. Das kann noch heute Nachmittag geschehen.« Er zückte den Notizblock, um die Adresse aufzuschreiben.
Der Professor schüttelte energisch den Kopf. »Ihr blauer einreihiger Anzug draußen in der Auslage ist weder für mich noch für irgendeinen anderen lebendigen Menschen bestimmt.«
Der Verkäufer wurde blass und trat einen Schritt zurück. Dann stöhnte er: »Für keinen Lebendigen, mein Herr? Also für einen – Toten? Oh!« Er holte tief Luft und fuhr fort: »Welche Größe hat, bitte, der Verstorbene? Auch ihm müsste ja der Anzug einigermaßen passen! Sonst könnten wir einen unserer Schneider …«
»Unsinn!«, sagte der Professor grob. Dann besänftigte er sich wieder. »Sie wissen natürlich nicht, worum sich’s handelt.«
»Es scheint so«, gestand der völlig verängstigte Verkäufer. Er hielt sich am Ladentisch fest, weil ihm die Knie zitterten. Der arme Kerl wackelte wie Pudding.
»Die Hauptsache ist, dass der Anzug Ihrer Schaufensterpuppe passt. Das tut er doch?«
»Selbstverständlich, mein Herr.«
»Ich will nämlich den Anzug samt der Puppe kaufen«, erklärte der Professor. »Ohne die Puppe, die den Einreiher anhat, interessiert mich auch der Anzug nicht.«
Ehe sich der Angestellte ein wenig erholen konnte, fragte eine Stimme, die er vorher noch gar nicht gehört hatte: »Wozu brauchst du denn die große Puppe mit dem blonden Schnurrbart?«
Der Verkäufer starrte entgeistert auf die Brusttasche des seltsamen Kunden. Mäxchen nickte dem Manne freundlich zu und sagte: »Erschrecken Sie bitte nicht!«
»Doch!«, wimmerte der Verkäufer. »Erst ein Anzug für einen Toten samt der Puppe im Fenster und nun noch ein Heinzelmännchen im Jackett – das ist zu viel!« Er verdrehte die Augen und sank auf den Teppich.
»Ist er tot?«, fragte der Junge.
»Nein, er ist nur ohnmächtig«, antwortete der Jokus und winkte dem Geschäftsführer.
»Und wozu brauchen wir die Schaufensterpuppe wirklich?«, fragte der Kleine.
»Das erzähle ich dir später«, sagte der Jokus.
Nachdem der Geschäftsführer herbeigeeilt war und seinen Verkäufer auf einen Stuhl gehoben hatte, damit er dort wieder zu sich käme, trug der Professor erneut seine Wünsche vor. »Ich möchte den marineblauen Einreiher samt der Puppe kaufen, die ihn trägt. Außerdem auch das Hemd, das sie anhat, die Krawatte, die Hosenträger, die Schuhe und die Socken. Was kostet das, bitte?«
Der Geschäftsführer antwortete unsicher: »Das weiß ich nicht genau, mein Herr.«
Der Verkäufer bewegte die blassen Lippen und stammelte: »512 Mark. Bei Barzahlung ein Prozent Skonto. Verbleiben 506 Mark, 88 Pfennige.« Man sieht, es war ein tüchtiger Verkäufer. Dann rutschte er vom Stuhl.

»Er ist wieder in Ohnmacht gefallen«, stellte Mäxchen sachlich fest.
Als der Geschäftsführer die neue Stimme hörte und den kleinen Jungen in dem großen Jackett sah, kriegte er Stielaugen und klammerte sich verzweifelt an der Stuhllehne fest.
»Fällt dieser Herr jetzt auch in Ohnmacht?«, fragte Mäxchen erwartungsvoll.
»Hoffentlich nicht!«, meinte der Professor. »Ein Herrenbekleidungsgeschäft ist ja schließlich kein Krankenhaus!«
Nun, der Geschäftsführer und der Verkäufer erholten sich wieder. Der Kauf kam zustande. Man bestellte ein Taxi. Das Autodach wurde eingerollt, und die Schaufensterpuppe stand, vom Professor gehalten, aufrecht im Wagen.
»Der Bursche sieht aus wie ein ausländischer Staatsmann zu Besuch!«, rief ein Berliner, als das Taxi vorüberfuhr.
»Das kann kein Staatsmann sein«, meinte ein andrer.
»Wieso eigentlich nicht?«, fragte der Erste. »Wer steht denn sonst in Autos rum, als ob’s keine Sitzplätze gäbe?«
»Das ist bestimmt kein Staatsmann«, wiederholte der andere hartnäckig. »Er lächelt nicht und er winkt uns nicht einmal zu. Das müsste er aber tun, wenn er ein Staatsmann wäre. Man muss deutlich merken, wie kolossal er sich freut, dass er in Berlin ist und sich nicht setzen darf. Sonst ist es kein Staatsmann.«

Das Auto hielt an der Kreuzung und die zwei Berliner fielen in Trab. Aber bevor sie hinkamen, wurde die Ampel grün, und sie hatten das Nachsehen.
»Außerdem fährt kein Staatsmann in einem gewöhnlichen Taxi«, meinte der eine Mann. »Weder im Sitzen noch im Stehen.«
»Ich bin auch noch nie im Taxi gefahren«, sagte der andere.
»Nanu, Herr Nachbar! Sie sind doch nicht etwa ein Staatsmann?«
»Nein. Ich bin Milchmann.«

Das sechste Kapitel
Aufregung im Hotel Kempinski / Herr Hinkeldey vermisst plötzlich allerlei, kriegt es wieder und nimmt Reißaus / Was war der Jokus, bevor er Zauberkünstler wurde? / Und wozu hat er die Schaufensterpuppe gekauft?

Auch im Hotel Kempinski, wo Professor Jokus von Pokus wohnte, staunten sie nicht schlecht. An den kleinen Mann, der auf dem Nachttisch in einer Streichholzschachtel schlief, hatte man sich allmählich gewöhnt. Dass nun aber auch noch eine Schaufensterpuppe von zwei Hausdienern durch die verblüffte Hotelhalle in den Lift geschleppt wurde, machte den Hoteldirektor und den Portier sichtlich nervös.
Kaum dass die Puppe mitten im Zimmer stand, kam der Direktor hereingestürzt, blickte vorwurfsvoll durch seine Hornbrille und erkundigte sich, was das zu bedeuten habe.
»Was hat was zu bedeuten?«, fragte der Professor freundlich, als begriffe er die Aufregung nicht recht.
»Die Schaufensterpuppe!«

»Ich brauche sie beruflich«, erklärte der Jokus. »Konzertpianisten und Sänger bringen ins Hotel sogar einen Flügel mit, wenn sie auf Gastspielreise sind, und machen stundenlang Musik und anderen Lärm. Sie sind Künstler und müssen üben. Ich bin Zauberkünstler. Ich muss auch üben! Und ich mache bei weitem nicht so viel schönen Radau wie meine musikalischen Kollegen.« Er fasste den Hoteldirektor am Jackett und klopfte ihm jovial auf die Schulter. »Was bedrückt Sie denn so, lieber Freund?«
»Es wächst uns über den Kopf«, jammerte der Direktor. »Ihr Mäxchen und die beiden Tauben und das weiße Kaninchen und nun noch eine Holzpuppe in blauem Anzug …«
Der Professor drückte den völlig geknickten Herrn väterlich an die Brust und fuhr ihm tröstend übers Haar. »Nehmen Sie’s doch nicht so tragisch! Meine Schaufensterpuppe braucht kein Bett. Sie braucht keine Handtücher. Sie brennt mit der Zigarette keine Löcher in die Tischdecke. Sie zankt das Stubenmädchen nicht aus …«
»Das ist ja alles schön und gut, Herr Professor«, gab der Direktor zu. »Aber Sie haben ja schließlich nur ein Einbettzimmer gemietet! Und jetzt wohnen Sie und der kleine Mann und drei Tiere und die Puppe drin! Das sind, sage und schreibe, fünf Personen!«
»Aha, daher weht der Wind«, meinte der Zauberkünstler lächelnd. »Wären Sie mit der Übervölkerung Ihres anmutigen Südzimmers einverstanden, wenn ich täglich fünf Mark mehr bezahlte als bisher?«
»Darüber ließe sich reden«, gab der Direktor zögernd zur Antwort. »Ich darf Ihren werten Vorschlag unserer Buchhaltung mitteilen?«
»Sie dürfen!«, erwiderte der Professor, schüttelte dem Direktor lange die Hand und sagte: »Das Beste wird sein, Sie machen sich gleich eine Notiz. Hier ist mein Füllfederhalter.«
»Danke schön, ich habe Kugelschreiber und Notizblock stets bei mir. Sie gehören ja zu meinem Beruf. Es ist gewissermaßen mein Handwerkszeug.« Der Direktor griff schwungvoll ins Jackett. Er suchte und suchte und fand nichts.
»Merkwürdig«, murmelte er. »Kein Block! Kein Kugelschreiber! Ich kann sie doch nicht im Büro gelassen haben. Das wäre das erste Mal im Leben.« Und er suchte immer weiter. Plötzlich wurde er kreidebleich und flüsterte: »Meine Brieftasche hab ich auch nicht bei mir! Es ist eine Menge Geld drin.«
»Nur ruhig Blut«, meinte der Jokus. »Rauchen Sie am besten erst einmal eine Zigarette! Mir dürfen Sie auch eine anbieten. Ich habe Appetit drauf.«
»Mit Vergnügen«, sagte der Direktor und griff bereitwillig in die rechte Tasche. Dann in die linke. Dann in die Hosentaschen. Sein Gesicht wurde lang und immer länger. »Auch vergessen«, stammelte er. »Das Zigarettenetui und das goldene Feuerzeug, beides fehlt …«
»Ich kann aushelfen«, erklärte der Professor und holte ein Zigarettenetui und ein goldenes Feuerzeug hervor.
Der Hoteldirektor starrte den Professor betroffen an.
»Was ist denn? Fehlt Ihnen etwas?«
»Ich bitte um Entschuldigung«, sagte der Direktor zaghaft, »aber wäre es möglich, dass das Zigarettenetui und das Feuerzeug in Ihrer Hand gar nicht Ihnen gehören, Herr Professor? Sondern mir?«
Der Jokus betrachtete die zwei Gegenstände genau und fragte verblüfft: »Tatsächlich?«
»Auf dem Etui muss mein Monogramm eingraviert sein. Ein G und ein H.Gustav Hinkeldey. So heiße ich nämlich.«
»Ein G und ein H?«, meinte der Professor und blickte prüfend auf das Etui. »Stimmt, Herr Hinkeldey!« Geschwind gab er die Gegenstände zurück.
»Entschuldigen Sie tausendmal, dass ich so offen war, Sie darauf hinzuweisen …«, begann der Direktor verlegen.
»Nicht doch, nicht doch, Herr Hinkeldey! Wenn sich einer von uns beiden zu entschuldigen hat, dann doch ich! Entschuldigen Sie also – aber ich bin manchmal so zerstreut, dass ich Dinge einstecke, die mir überhaupt nicht gehören.« Der Professor klopfte sich sorgfältig auf die Taschen. »Nanu, da steckt ja noch mehr!«, rief er verwundert und brachte einen Notizblock und einen Kugelschreiber zum Vorschein. »Womöglich ist auch dies Ihr Eigentum?«
»Ja natürlich!«, erklärte Herr Hinkeldey eifrig und nahm beides blitzartig an sich. »Ich konnte gar nicht begreifen, dass ich den Block nicht bei mir hatte.« Dann wurde er still und nachdenklich, bis er endlich misstrauisch fragte: »Haben Sie in Ihrer Zerstreutheit vielleicht auch meine Brieftasche eingesteckt?«
»Das wollen wir doch nicht hoffen!«, antwortete der Professor und tastete sich ab. »Oder ist sie das hier?« Er schwenkte eine schwarze Tasche aus Saffianleder in der Linken.
»Jawohl!«, rief der Direktor, riss sie an sich und lief eilends zur Tür, als habe er Angst, die Tasche könne noch einmal verschwinden.
»Ist das Geld noch drin?«, fragte der Jokus belustigt.
»Ja!«
»Zählen Sie die Scheine lieber nach! Ich möchte nicht, dass Sie später behaupten, es hätte Geld gefehlt. Setzen Sie Ihre Hornbrille auf und zählen Sie genau nach!«
»Meine Brille? Die habe ich doch schon auf!«, sagte Herr Hinkeldey. Erst als der kleine Mann zu lachen begann und immer lauter und immer herzlicher lachte, wurde Hinkeldey stutzig, griff sich an die Nasenwurzel und ließ die Hand verdutzt sinken. »Wo ist sie denn plötzlich?«
»Tja, wo steckt man denn seine Brille hin, wenn man sie in Gedanken absetzt?«, fragte der Professor hilfreich. »Ich weiß so etwas leider nicht. Denn ich selber habe noch nie im Leben eine Brille getragen. Haben Sie sie im Futteral?«
Der kleine Mann verschluckte sich fast vor Gelächter. »Hör auf, lieber Jokus!«, schrie er vor Wonne. »Ich kann nicht mehr! Ich kippe gleich vor Lachen aus deiner Brusttasche!«
Der Direktor schaute finster drein. »Was ist denn daran so komisch?«, knurrte er. Plötzlich ging ihm ein Licht auf: Seine Brille saß auf der Nase des Professors! Mit einem Satz stand er mitten im Zimmer, ergriff die Brille, sprang zur Tür zurück und stieß hervor: »Sie sind ja ein Teufelskerl!«
»Nein, ein Zauberkünstler, Herr Hinkeldey.«
Doch der Hoteldirektor ließ sich auf nichts mehr ein. Nicht einmal auf eine Unterhaltung. Er riss die Tür auf und machte sich aus dem Staube. (Obwohl in so gepflegten Hotels wie diesem gar kein Staub herumliegt.)
Nachdem sich Mäxchen von dem Spaß einigermaßen erholt hatte, sagte er bewundernd: »Der Herr Hinkeldey hat ganz recht. Du bist ein Teufelskerl! Dabei hab ich dir doch schon so oft im Zirkus zugeschaut, wenn du zwei oder sogar drei Leute aus dem Publikum zu dir holst und ihnen, ohne dass sie es merken, die Taschen ausräumst!«

»Man muss sich mit ihnen nur nett unterhalten«, meinte der Jokus. »Man muss ihnen gemütlich auf die Schulter klopfen. Man muss sie am Knopf fassen. Man muss tun, als ob man ihnen ein bisschen Tabak oder ein Fädchen vom Anzug bürstet. Alles andere ist gar nicht so schwierig, wenn man’s gelernt hat.«
»Und wie hast du’s gelernt? Und wo? Halte mich doch bitte mal an dein Ohr, ja? Ich muss dich ganz, ganz leise etwas fragen.«
Der Professor nahm den kleinen Mann vorsichtig aus der Tasche und hielt ihn ans Ohr.
»Lieber Jokus«, flüsterte Mäxchen. »Du kannst es mir ruhig erzählen. Ich sage es bestimmt nicht weiter. Warst du vielleicht früher einmal ein – Taschendieb?«
»Nein«, antwortete der Professor leise. »Nein, mein Mäxchen.« Er lächelte und gab dem Kleinen einen Kuss auf die Nasenspitze und das war gar nicht so einfach. »Ich war kein Taschendieb. Aber ich habe viele Taschendiebe – erwischt.«
»Oh!«
»Und deshalb musste ich mindestens so viel lernen und können wie sie selber.«
»Ja, ja. Sicher. Aber für wen hast du sie erwischt?«
»Für die Polizei!«
»Donnerwetter!«
»Da staunst du, was? Ich wollte als junger Mann Detektiv werden oder Kriminalinspektor. Und später schrecklich berühmt.«
»Erzähl weiter!«, bettelte Mäxchen.
»Heute nicht. Vielleicht ein andermal. Heute erzähle ich dir etwas über die Schaufensterpuppe, die wir gekauft haben.«
»Die hätte ich beinahe vergessen!«
»Du wirst dich noch oft genug an sie erinnern«, meinte der Professor. »Denn wir haben sie ja deinetwegen gekauft.«
»Meinetwegen? Wieso?«
»Weil du doch unbedingt Artist werden willst.«
Der kleine Mann staunte. »Dazu brauchen wir die große Puppe? Was für ein Artist soll ich denn werden, lieber Jokus?«
»Du wirst mein Zauberlehrling«, sagte der Zauberkünstler.
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