Kitabı oku: «Триумфальная арка / Arc de Triomphe», sayfa 10

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Er lächelte. «Wir haben unsere Träume, weil wir ohne sie die Wahrheit nicht ertragen könnten.»

Das Orchester begann zu stimmen. «Sie sehen nicht so aus, als ob Sie sich mit Träumen betrügen würden», sagte Kate.

«Man kann sich auch mit der Wahrheit betrügen. Das ist ein noch gefährlicherer Traum.»

Das Orchester fing an zu spielen. Der Zigeuner kam an den Tisch.

Kate Hegström fühlte die Melodie auf ihrer Haut. Der Zigeuner verbeugte sich. Ravic schob ihm unter dem Tisch einen Schein in die Hand. Kate Hegström rührte sich in ihrer Ecke. «Waren Sie einmal glücklich, Ravic?»

«Oft.»

«Das meine ich nicht. Ich meine richtig glücklich. Atemlos, besinnungslos, mit allem, was Sie haben.»

«Oft , Kate», sagte er und meinte etwas ganz anderes und wußte, auch das war es nicht.

«Sie wollen mich nicht verstehen. Oder nicht darüber sprechen. Wer singt da jetzt mit dem Orchester?»

«Ich weiß es nicht. Ich war lange nicht hier.»

«Man kann die Frau von hier nicht sehen. Sie ist nicht mit den Zigeunern. Sie muß irgendwo an einem Tisch sitzen.»

«Dann ist es wahrscheinlich ein Gast. Das passiert hier oft .»

«Eine sonderbare Stimme», sagte Kate Hegström. «Traurig und rebellisch in einem.»

«Das sind die Lieder.»

«Oder ich bin es. Verstehen Sie, was sie singt?»

«Ja wass loubill» – «ich habe dich geliebt. Ein Lied von Puschkin.»

«Können Sie Russisch?»

«Nur so viel, wie Morosow mir beigebracht hat. Meistens Schimpfwörter. Russisch ist eine hervorragende Sprache für Schimpfwörter»

«Sie sprechen nicht gern über sich?»

«Ich denke sogar nicht gern über mich nach.»

Sie saß eine Weile und schwieg.

«Das ist aber nicht mehr russisch», sagte sie dann und horchte zu der Musik hinüber.

«Nein. Das ist italienisch. Santa Lucia Luntana.»

Der Scheinwerfer wanderte vom Geiger zu einem Tisch neben dem Orchester hinüber. Ravic sah die Frau jetzt, die sang. Es war Joan Madou. Sie saß allein an dem Tisch, einen Arm aufgestützt, und blickte vor sich hin, als wäre sie in Gedanken und außer ihr niemand da. Ihr Gesicht war sehr bleich in dem weißen Licht. Es hatte nichts mehr von dem verwischten Ausdruck, den er kannte. Es war plötzlich von einer aufregenden, verlorenen Schönheit. Er erinnerte sich, er hatte sie einmal schon so gesehen– nachts in ihrem Zimmer . Jetzt war es ganz da, und es war noch mehr da.

«Was ist los, Ravic?» fragte Kate Hegström.

Er wandte sich um. «Nichts. Ich kenne nur das Lied. »

«Erinnerungen.»

«Nein. Ich habe keine Erinnerungen.»

Er sagte es heftiger, als er wollte. Kate Hegström sah ihn an. «Manchmal möchte ich wissen, was mit Ihnen los ist, Ravic.»

«Nicht mehr als mit jedem anderen. Hier ist ein neuer Wodka für Sie, Kate. »

Das Orchester begann einen Blues zu spielen. Es spielte Tanzmusik ziemlich schlecht. Ein paar Gäste begannen zu tanzen. Joan Madou stand auf und ging dem Ausgang zu. Sie ging, als wäre das Lokal leer. Ravic fiel plötzlich ein, was Morosow über sie gesagt hatte. Sie kam ziemlich nahe an seinem Tisch vorbei. Es schien ihm, als hätte sie ihn gesehen; aber ihr Blick glitt gleich darauf gleichgültig über ihn hinweg, und sie verließ den Raum.

«Kennen Sie die Frau?» fragte Kate Hegström, die ihn beobachtet hatte.

«Nein.»

8

«Sehen Sie das, Veber?» fragte Ravic. «Hier – und hier – und hier…»

Ravic richtete sich auf. «Krebs», sagte er. «Klarer, Krebs! Das ist die verfluchteste Operation, die ich seit langem gemacht habe. Aber wir können nicht von unten arbeiten, müssen schneiden, und plötzlich finden wir Krebs.»

Veber sah ihn an. «Was wollen Sie machen?»

«Wir müssen weiterschneiden. Den Hysterektomieschnitt4 machen», sagte Ravic. «Keinen Sinn, was anderes zu tun. Das verdammte ist nur, daß sie es nicht weiß. Wie ist der Puls?» fragte er die Narkoseschwester.

«Regelmäßig. Neunzig.»

«Blutdruck?»

«Hundertzwanzig.»

«Gut.» Ravic sah auf den Körper Kate Hegströms, der auf dem Operationstisch lag. «Sie müßte es vorher wissen. Sie müßte einverstanden sein. Wir können nicht so einfach in ihr herumschneiden. – Oder können wir?»

«Nach dem Gesetz nicht. Sonst … wir haben ja schon angefangen.»

«Das mußten wir. Die Ausschabung5 war nicht von unten zu machen. Dies hier ist eine andere Operation. Eine Gebärmutter herausnehmen, ist etwas anderes als eine Auskratzung6

«Ich glaube, sie vertraut Ihnen, Ravic.»

«Ich weiß es nicht. Vielleicht. Aber ob sie einverstanden wäre …?» Messer, Eugenie.» Er machte den Schnitt bis zum Nabel .

«Sehen Sie hier, Veber … und hier …. Die dicke, harte Masse. Es ist schon zu weit.»

Veber starrte auf die Stelle, die Ravic ihm zeigte. «Sehen Sie das hier», sagte Ravic. «Wir können die Arterien nicht mehr abklammern. Hoffnungslos …»

Er löste vorsichtig ein schmales Stück los. «Ist Boisson im Laboratorium?»

«Ja», sagte die Krankenschwester. «Er wartet schon.»

«Gut. Schicken Sie es hinüber. Wird nicht länger als zehn Minuten dauern.»

«Sagen Sie ihm, er soll telefonieren», sagte Veber. «Sofort. Wir warten mit der Operation.»

Ravic richtete sich auf.

«Wie ist der Puls?»

«Fünfundneunzig.»

«Blutdruck?»

«Hundertfünfzehn.»

«Gut. Ich glaube, Veber, wir brauchen jetzt nicht mehr nachzudenken, ob wir ohne Zustimmung operieren sollen oder nicht. Hier ist nichts mehr zu tun.»

Veber nickte.

«Zunähen», sagte Ravic. «Das Kind wegnehmen, das ist alles. Zunähen und nichts sagen.»

Er stand einen Moment und sah auf den Körper unter den weißen Tüchern. Das grelle Licht machte die Tücher noch weißer, wie frischer Schnee. Kate Hegström, vierunddreißig Jahre alt, kapriziös, schmal, braun, trainiert, voll von Willen zum Leben – zum Tode verurteilt durch Krebs , der ihre Zellen zerstört hatte. Er beugte sich wieder über den Körper. «Wir müssen ja noch …»

Das Kind. In diesem zerfallenen Körper wuchs ja noch ein Leben heran. Verurteilt mit ihm. Irgend etwas, das einmal spielen wollte in Gärten, das irgend etwas werden wollte, Ingenieur, Priester, Soldat, Mörder, Mensch, etwas, das leben, leiden, glücklich sein wollte und zerbrechen … vorsichtig ging das Instrument– fand den Widerstand, brach ihn behutsam, brachte ihn heraus – vorbei. Nichts mehr als etwas totes Fleisch und Blut.

Das Telefon klingelte von unten. Veber blickte zur Tür. Ravic sah nicht hin. Er wartete. Er hörte die Tür. Die Schwester kam herein. «Ja», sagte Veber.

«Krebs.»

Ravic nickte und begann weiterzuarbeiten. Neben ihm zählte Eugenie die Instrumente. Er begann zu nähen. Fein, methodisch, genau, völlig konzentriert und ohne jeden Gedanken.

«Fertig.»

Eugenie kurbelte mit dem Fuß den Tisch wieder horizontal und deckte Kate Hegström zu. Scheherazade, dachte Ravic, vorgestern, ein Kleid von Mainbocher, waren Sie einmal glücklich, oft , ich habe Angst, eine Routinesache; die Zigeuner spielen. – Er sah auf die Uhr über der Tür. Zwölf. Mittag. Draußen öffneten sich jetzt die Büros und Fabriken, und gesunde Leute beeilen sich.

Die beiden Schwestern schoben den flachen Wagen aus dem Operationssaal heraus. Ravic riß die Gummihandschuhe von den Händen, ging in den Waschraum und begann sich zu waschen.

«Ihre Zigarette», sagte Veber, der sich neben ihm an dem zweiten Becken wusch.

«Sie verbrennen sich die Lippen.»

«Ja. Danke. Wer wird es ihr nur sagen, Veber?»

«Sie», erklärte Veber.

«Wir müssen ihr erklären, warum wir geschnitten haben. Sie hatte erwartet, wir würden es von innen machen. Wir können ihr nicht sagen, was es wirklich war.»

«Es wird Ihnen schon etwas einfallen», sagte Veber.

«Sie haben ja bis heute abend Zeit.Sie weiß, daß Sie sie operiert haben, und wird es von Ihnen wissen wollen. Sie würde nur unruhig werden, wenn ich käme.»

«Stimmt.»

«Ich verstehe nicht, wie es sich in so kurzer Zeit entwickeln konnte.»

«Es kann. Ich wollte, ich wüßte, was ich sagen soll.»

«Ihnen wird schon etwas einfallen, Ravic. Irgendeine Zyste oder ein Myom.»

«Ja», sagte Ravic. «Irgendeine Zyste oder ein Myom.»

Nachts ging er noch einmal zur Klinik. Kate Hegström schlief. Sie war abends aufgewacht, hatte erbrochen, ungefähr eine Stunde unruhig gelegen und war dann wieder eingeschlafen.

«Hat sie irgend etwas gefragt?»

«Nein», sagte die rotbackige Schwester.

«Ich nehme an, daß sie durchschlafen wird bis morgen. Wenn sie aufwacht und fragt, sagen Sie ihr, alles sei gut abgelaufen. Sie solle weiterschlafen. Geben Sie ihr, wenn es nötig wird, ein Mittel. Wenn sie unruhig wird, rufen Sie Doktor Veber oder mich an.»

Er trat in ein Bistro und setzte sich an einen Marmortisch am Fenster. Der Raum war rauchig und voll Lärm. Der Kellner kam. «Einen Dubonnet und ein Paket Colonial.»

Er öffnete das Paket und zündete sich eine der schwarzen Zigaretten an. Neben ihm debattierten ein paar Franzosen über die korrupte Regierung und den Pakt von München. Ravic hörte nur halb hin. Jeder wußte, daß die Welt apathisch in einen neuen Krieg hineintrieb. Niemand hatte etwas dagegen. Er trank das Glas Dubonnet. Der süßlich dumpfe Geruch des Aperitifs füllte den Mund mit schalem Widerwillen. Wozu hatte er ihn nur bestellt? Er winkte dem Kellner. «Einen fine.» Er blickte durch die Scheiben hinaus und schüttelte die Gedanken ab. Wenn man nichts tun konnte, sollte man sich nicht verrückt machen. Er erinnerte sich, wann er diese Lehre bekommen hatte. Eine der großen Lehren seines Lebens.

Es war 1916 gewesen, im August, in der Nähe von Ypern. Die Kompanie war einen Tag vorher von der Front zurückgekommen. Es war ein ruhiger Abschnitt gewesen, in dem sie das erstemal, seit man sie ins Feld geschickt hatte, eingesetzt worden war. Nichts war passiert. Jetzt lagen sie in der warmen Augustsonne um ein kleines Feuer herum und brieten Kartoffeln, die sie in den Feldern gefunden hatten. Eine Minute später war nichts mehr davon da. Ein plötzlicher Artillerieüberfall – eine Granate, die mitten ins Feuer geschlagen hatte –; als er wieder zu sich kam, heil, unverletzt, sah er zwei seiner Kameraden tot – und etwas weiter seinen Freund Paul Meßmann, den er kannte, seit sie beide laufen konnten, mit dem er gespielt hatte, die Schule besuchte– er lag da, den Magen und den Bauch aufgerissen … Sie schleppten ihn auf einer Zeltbahn zum Feldlazarett, den nächsten Weg, durch ein Getreidefeld einen flachen Abhang hinauf. Sie schleppten ihn zu viert, jeder an einer Ecke, und er lag in der braunen Zeltbahn, die Hände in die weißen, fetten, blutigen Eingeweide gepreßt, den Mund offen, die Augen verständnislos starr. Er starb zwei Stunden später. Eine davon schrie er. Ravic erinnerte sich, wie sie zurückgekommen waren. Er hatte stumpf und verstört in der Baracke gesessen. Es war das erstemal, daß er so etwas gesehen hatte. Katczinsky hatte ihn da gefunden, der Gruppenführer, Schuhmacher im Privatleben. «Komm mit», hatte er gesagt. «In der Bayernkantine gibt es heute Bier und Schnaps. Wurst auch.» Er hatte ihn angestarrt. Wie konnte es sein? Katczinsky hatte ihn eine Weile beobachtet, hatte dann gesagt: «Du kommst mit. Du wirst heute fressen und saufen.» Er hatte nicht geantwortet. Katczinsky hatte sich neben ihn gesetzt. «Ich weiß, was los ist. Ich weiß auch, was du jetzt über mich denkst. Aber ich bin zwei Jahre hier und du zwei Wochen. Hör zu! Können wir noch etwas für Meßmann tun? – Nein. – Glaubst du, daß wir alles riskieren würden, wenn eine Chance da wäre, ihn zu retten?» – Er hatte aufgeblickt. Ja, das wußte er. Er wußte das von Katczinsky.

4.die Hysterektomieschnitt – гистероэктомия
5.die Ausschabung – выскабливание
6.Но плод выскоблить – это одно, а матку удалить – совсем другое.