Kitabı oku: «Erich Mühsam: Verse eines Kämpfers (151 Gedichte in einem Band)»
Erich Mühsam
Erich Mühsam: Verse eines Kämpfers
(151 Gedichte in einem Band)
Books
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musaicumbooks@okpublishing.info 2017 OK Publishing ISBN 978-80-272-0503-5
Inhaltsverzeichnis
Brennende Erde: Verse eines Kämpfers
Widmung
Zum Beginn
Weckruf
Freiheit und Land
Der Mahner
Hoffnung (Mühsam)
Tolstojs Tod
Kain
Golgatha
An die Soldaten
Testament
Kalender 1912
Kalender 1913
Dichter und Kämpfer
Vermächtnis
Betäubung Gehe zur gesprochenen Version
Wehe der Erde
Wiegenlied
Gefährtin
Die Schlacht am Birkenbaum
Barbaren
Entlarvung
Ghasel
Klage
Hungersnot
Spruch Gehe zur gesprochenen Version
Weltschändung
An die Dichter
Soldatenlied
... der für die Menschheit starb
Ode zum Jahreswechsel 1916/1917
Kriegslied
Verständigung
Lob der Tat
Epilog
Elegische Ironie
Lied der Jungen
Vision
Das Beispiel lebt
Kriegslenz
Traunstein
Die Pfeife
Dies irae
Versöhnung
Rebellenlied
Trutzlied
Die Stimme des Gemordeten
Räte-Marseillaise
1919
Der Gefangene
Unversöhnlich
Ruf aus der Not
Mensch sein
Rechtfertigung
Sylvester 1919
Andere Gedichte
Gebrauchsanweisung für Literarhistoriker
Ich bin ein Pilger ...
Heimat
Das neue Deutschland
Das Trinklied
Lumpenlied
Im Bruch
Aufforderung zum Tanz
Immer noch die dürftigen Nöte
Versnot
Heimweg
Wenn Gott mich so verstände
Weiter, weiter – unermüdlich
Das Nichts
Das sind die Nächte, die mir Furcht erregen
Meine Seele ist so fremd
Dämmerung
Die Ratte
Wollte nicht der Frühling kommen?
Mein Gemüt brennt heiß wie Kohle
Ich möchte wieder vom Glücke gesunden
Dumpf sengt die Mittagssommersonnenglut
Die Kirchenuhr schlägt Mitternacht
An dem kleinen Himmel meiner Liebe
Folg mir in mein Domizil
Gebt mir Schnaps
Mädchen mit den krummen Beinen
Rendezvous
Weihnachten
Liebesweisheit
Warum faltest du die Hände
Frühlingserwachen
Füllet Wein in goldne Schalen
Du gingst mit mir ...
Du hast mich fortgeschickt ...
Die uns scheiden, miß nicht die Meilen
Spiel nur, lustiger Musikante
Und wieder tritt das Leben mir
Hinter den Häusern heult ein Hund
Was ist der Mensch?
Es stand ein Mann am Siegestor
Disput
Ach, ihr Seelendreher
Der tote Kater
Erziehung
Ich zog einmal ein liebes Kind
Trostspruch
Motto
Produktion
Kracht der Topf in Scherben
O Mitmensch, willst du sicher sein
Ich möchte Gott sein ...
Heilige Nacht
Lebensregel
Ewiges Diesseits
Jeden Abend werfe ich
Erwachen
Wenn mich dereinst in fernen Ewigkeiten
Verwirrt von dem Erlebnis dieser Tage
Sei's in Jahren, sei's schon morgen
März
Der Glockenturm
Der Bahnhof
Nacht im Schwarzwald
Überschwemmung
Lerchen schmettern mir den Morgengruß
Der Schornstein
Der Torbogen
Das Wasserrohr
Moses
Ich weiß von allem Leid ...
Ich wollt das Lied des Herzens nicht verschweigen
Noch geb ich nicht den Sieg verloren
Gesichte
Nun flammt das Feuer auf ...
Nach all den Nächten, die voll Sternen hingen
Verhüllt der Himmel und die Welt
Die drei Gesellen
Meta und der Finkenschafter
Das kleine Mädchen
Kleiner Roman
Amanda
Adelgunde
Altonaische Romanzen
Poeta Laureatus
Seenot
Elegie im Kriege
Vampir Erde
Weltwende
Ewige Wiederkunft
Hybris
Predigt
Kein Himmel hilft
Wunderglaube
Appell
Streit und Kampf
Kampfruf
Marschlied der Zwölfjährigen
Gesang der jungen Anarchisten
Gesang der Arbeiter
Gesang der Intellektuellen
Der Revoluzzer
Bürgers Alpdruck
Das Volk der Denker
Vor der Vergeltung
Der Tote
Mahnung der Gefallenen
Fanal
Geschonte Kraft
Einzelhaft
Gefängnis
Herz in Not
In der Zelle
Die Pflicht
Zuversicht
Herbstmorgen im Kerker
Freiheit in Ketten
Ich lade euch zum Requiem
Curt Siegfried
Francesco Ferrer
Tolstois Tod
Peter Kropotkin
Frank Wedekind
Gustav Landauer
August Hagemeister
Lenin
Karl Liebknecht – Rosa Luxemburg
Sacco und Vanzetti
Sacco und Vanzetti
Seppl Wittmann
Brennende Erde: Verse eines Kämpfers
Inhaltsverzeichnis
Widmung
Inhaltsverzeichnis
Dem treuesten Kameraden, dem tapfersten Kampfgenossen, der Gefährtin in Glück und Not meiner Zenzl zugeeignet.
Zum Beginn
Inhaltsverzeichnis
(Geleitwort zu Gustav Landauers Zeitschrift „Der Sozialist") Januar 1909
Wollt ihr die Freiheit, so seid keine Knechte!
Wollt ihr das Glück, so schaffet das Rechte!
Wollt ihr die Früchte, so ackert die Saat!
Wollt ihr das Leben, so leistet die Tat!...
5
Pestluft lagert über der Welt;
um das Große drängt sich die Kleinheit;
trübe Dünste verfinstern die Reinheit,
und der Mensch ist vom Haß entstellt.
Um das Daseins armselige Brocken
10
sind alle Fäuste wütend geballt.
Denn die Not schleicht auf leisen Socken, –
und Not ist hungrig und krank und kalt.
Gute Menschen sind Räuber geworden,
Denn sie haben, was andere entbehren.
15
Gute Menschen sengen und morden,
denn sie schützen, was andre begehren.
Friedliche Menschen sind tobende Horden,
freie Menschen sind Sklaven geworden, –
und Gottes gepriesenes Ebenbild
20
ward zum reißenden Tier, raubgierig und wild.
Blutend am Boden wimmert der Geist.
Denn die Fäuste haben die Macht, –
und unter den Hieben der Fäuste zerreißt
das Licht des Geistes – und sinkt in die Nacht.
25
Und um die Stirne schlingt sich ein Netz
und schnürt dem Denken den Atem zusammen
und tötet der Seele flackernde Flammen
und fesselt das Fühlen – und heißt Gesetz.
Und die da stöhnen in tausend Wunden,
30
die sie einander im Hasse geschlagen,
und die einander vor Gott verklagen, –
sie werden von einer Kette gebunden...
Und doch sehnt sich der Mensch nach Glück,
und sehnt sich nach Freiheit und sehnt sich nach Leben,
35
und möchte als Freund zum Menschen zurück,
und möchte den Geist zur Freude erheben! –
Möchtet ihr, Menschen? Wohl! Reckt eure Köpfe!
Öffnet die Augen! Dehnt eure Brust!
Fühlt euch als freie, als eigne Geschöpfe!
40
Wollet die Freiheit! Wollet die Lust!
Alles Geschehens Geheimnis ist Wollen.
Wollt euer Glück! Erwacht! Erwacht!
Die Wellen nur fließen, die Steine nur rollen,
die eine Kraft zur Bewegung gebracht.
45
Menschen! Besinnt euch auf eure Kraft!
Zur Arbeit, die Frieden und Freude schafft!
Eine Welt der Freiheit ist zu gewinnen, –
und der erste Schritt zum Glück heißt: Beginnen!
Weckruf
Inhaltsverzeichnis
1909
Die Augen auf! Erwachen
aus Druck und Zwang und Staat!
Ihr Armen und ihr Schwachen,
besinnt euch auf die Tat!
5
Die ihr dem Herrn den Spaten führt,
die Häuser baut, das Feuer schürt, –
sehnt ihr euch nicht nach Brot und Land?
Den eignen Spaten in die Hand!
Fort mit der Fessel, die euch band!
10
In Reihen, Kameraden!
Die ihr die Arbeit haßt,
mit der man euch beladen, –
werft von euch eure Last!
Werft sie, wohin sie fallen mag!
15
Schafft selbst euch euern Arbeitstag!
Pfeift auf des Herren Dienstgebot!
Nicht ihm – euch selbst backt euer Brot!
Nicht ihn – euch selbst helft aus der Not!
Ans Werk! Die Kinder schreien
20
nach Brot und Bett und Kleid!
Ans Werk, sie zu befreien
Aus ihrem Weh und Leid!
Ans Werk ihr Männer und ihr Frauen!
Den Kindern gilt’s die Welt zu bauen!
25
Mensch, fühl dich Mensch und sei kein Hund!
Freiheit auf freiem Ackergrund!
Dem Volk den Boden! Schließt den Bund!
Freiheit und Land
Inhaltsverzeichnis
1910
Es schwillt die Kraft. Der Arm greift aus.
Die Sense schwingt sich übers Feld.
Der Schweiß quillt aus der Stirn heraus.
Doch nicht erlahmt die die starke Hand
5
des Arbeitsmanns. Es denkt der Held:
Freiheit und Land!
In Schwaden liegt das Korn gemäht.
Der es geackert, fährt es heim.
Noch einmal schweift sein Auge, späht,
10
wo hoch und stolz die Ähre stand.
Noch einmal formt sein Mund den Reim:
Freiheit und Land!
Die Sonne überstrahlt die Flur,
die sich nach neuem Samen sehnt.
15
zum Menschen flüstert die Natur,
zum Menschen, der die Garben band,
dem Sehnsucht alle Muskeln dehnt:
Freiheit und Land!
Der Mahner
Inhaltsverzeichnis
1910
Wo bleibt ihr nur, Genossen meiner Zeit?
Ich schau zurück und kann euch kaum noch sehn.
Ein wirres Stimmentosen hör ich weit,
weit hinter mir und kann es nicht verstehn.
5
Ich ruf euch zu, doch euer Echo fehlt
den Laut, der rein aus meiner Stimme klingt.
Ich wink euch her. Doch ihr, wie unbeseelt,
horcht tauben Ohrs, ob euch ein Stummer singt.
Vergebne Zeichen! Aus den Zähnen pfeift
10
mißtönig euer ärgerlicher Spott.
Kommt nie die Zeit, da ihr die Zeit begreift?
Tritt nie aus finstern Kirchen euer Gott?
Hoffnung (Mühsam)
Inhaltsverzeichnis
1910
Von meiner Hoffnung laß ich nicht,
ich ließe denn mein Leben,
daß einmal noch das Weltgericht
ein Lächeln muß umschweben.
5
Und kann es nicht durch Gott geschehn,
daß sich die Menschheit liebe,
so muß es mit dem Teufel gehn,
dem sich die Welt verschriebe.
Der Teufel hol Gesetz und Zwang
10
samt allen toten Lettern!
Er leih dem Geiste Mut und Drang,
die Tafeln zu zerschmettern!
Am Anfang trennte Gottes Rat
die Guten von den Bösen.
15
Am Ende steht die Menschentat,
den Gottesbann zu lösen.
Stumm starrt der Weltengeist und friert,
wo wild Begriffe toben.
Wenn einst das Wort die Tat gebiert,
20
wird er uns lächelnd loben.
Tolstojs Tod
Inhaltsverzeichnis
(am 20. November 1910)
Die Liebe ist verwaist. Ihr stärkster Hort,
ihr Schützer, ihr Prophet, ihr Held, ihr Sohn,
die menschgewordne Liebe selbst ging fort.
Das Herz der Welt erbebt in seinen Festen,
5
erschüttert von des Worts Posaunenton,
vom Testament des Weisesten und Besten.
Er ging, wie nie ein Mensch noch sterben ging,
nicht müde flüchtend, nicht mit Todesbeben;
er sprengte seines Daseins goldnen Ring,
10
zu einen seines Herzens mächtigen Schlag
mit dem der Welt. – An seinem Sterbetag
grüßt ihn der Sieg des langen Kampfs: das Leben...
Noch schläft die Sonne hinter Reif und Frost;
vereiste Wege, nur vom Schnee erhellt,
15
durchkreuzen bleich und lang erfrorne Gründe.
Durch den Novembermorgen pfeift und gellt,
wie Atemstöße roher Menschensünde,
von Schmerz und Wollust heulend der Nordost.
Da trappeln Pferde. Eine Wagenspur
20
spult flimmernd sich im schneeigen Boden ab.
Ein Greis verläßt sein Weib, sein Gut, sein Haus.
Hinaus in Gottes einsame Natur!
Die Hufe schlagen auf im scharfen Trab, –
in Rußlands stillste Einsamkeit hinaus.
25
Was arme Menschen Wohlstand dünkt und Glück:
Bequemlichkeit und festliches Geschmeide
und Zärtlichkeit und liebende Betreuung, –
der flüchtige Greis wirft keinen Blick zurück.
Die Seele, eingekrustet im Genuß,
30
sehnt sich nach Reinigung und nach Erneuung.
Sie wäscht sich rein von aller Menschheit Leid
Und aller Menschheit weiht sie ihren Kuß. –
Sucht nicht den Gatten, sucht den Vater nicht,
der ohne Abschied ging, um Gott zu finden;
35
in seiner Sterbestunde für die Blinden
Gott anzuflehn um Stab und Mut und Licht.
Der euch verließ, gehört euch nicht allein.
Stört nicht sein Tun, so ihr die Menschheit achtet!
Wenn ihr barmherzig seid, tränkt nicht mit Wein
40
den Sterblichen, der nach Erlösung schmachtet! –
Der Tag steigt auf. Die helle Sonne leuchtet
ins herbstliche Gefild mit heller Glut,
daß rings vom Tau und Schnee sich funkelnd feuchtet,
und daß des Greisen welke Brust sich dehnt,
45
noch einmal sich zurück zur Jugend sehnt,
noch einmal rascher rieseln fühlt das Blut.
Dann sinkt der Leib zusammen siech und schwach. –
Nur rasch ihn betten unters nächste Dach! –
Und die ihn lieben, kommen, ihn zu pflegen,
50
noch einmal seine bleiche Hand zu küssen
und zu empfangen Scheidegruß und Segen.
Er wehrt sie ab. Schon dorren seine Lungen,
schon jagt in irrem Schlag der Puls des Kranken:
In dieser Stunde nicht bedrängt sein müssen
55
von Zärtlichkeiten und Erinnerungen.
Nur noch zu Gott die Worte und Gedanken! –
Da draußen liegt die weite weiße Erde,
das Schlachtfeld, wo Millionen Menschen leiden,
wo Haß und Kampf und Kriege und Beschwerde
60
das Menschenherz von seiner Gottheit scheiden.
Liebt euch! Seid Freunde, Brüder! Haltet Frieden!
Seid gut und widerstehet der Gewalt! – –
Der Sterbende hat an die Bahnstation
die ganze Menschheit vor sein Bett beschieden,
65
befiehlt ihr, Gottes Odem einzusaugen.
Er atmet auf. Ein Todeshauch weht kalt
um Herz und Stirne, – und der Menschensohn
erkennt den Gott und seufzt und schließt die Augen.
Sein Herzschlag hat sich dem der Welt vereint. –
70
Die Liebe ist verwaist. – Die Menschheit weint.
Kain
Inhaltsverzeichnis
1911
Eure geballten Fäuste schrecken mich nicht,
noch eure strengen, satzunggebundenen Ruten.
Ihr – ich erkenn’ es – seid die Gerechten und Guten,
und nur euch strahlt lächelnd das Sonnenlicht.
5
Speit mich an! Verachtet mich! Werft mich mit Steinen!
Zeigt euern Kindern mein häßliches Gottesmal!
Lehrt sie, daß ich ihn erschlug, den vortrefflichen Abel,
meinen Bruder, erkeimt an dem nämlichen Nabel!
Lehrt sie mich hassen, um meine Niedrigkeit greinen!
10
Heißt sie Gott fürchten und seinen Rachestrahl! . . .
Ach, wie war er so fromm, so zufrieden und brav!
Betend kniet’ er inbrünstig vor Gottes Altar,
dankend des Herrn allumfangender Güte.
Aber ich, ein Zweifelnder ganz und gar,
15
sah, wie der Blitz in ragende Bäume traf,
sah junges Leben zerknicken in hoffender Blüte,
wanderte einsam und sann allem Werden nach. –
Und ich sah, wie der Bruder Reiser vom Strauche brach,
junge grünende Reiser vom sprießenden Strauch;
20
wie er sie zärtlich zum Scheiterhauf schichtete,
wie er ein unschuldig Lamm zur Opferstatt trug,
sah, wie aus Steinen ein Funk in das Reisigwerk schlug.
Auf zum Himmel stieg säulengrade der Rauch,
rot von der Glut, die zitternd die Erde belichtete.
25
Gräßlich hört’ ich des Lamms Blöken und Angstgeschrei. –
Abel, mein Bruder, sang freudige Lieder dabei.
„Sieh, wie mein Opfer gefällt!“ rief er mir zu.
„Aufrecht lodert die Flamme zum Himmel. Sieh!
Siehe den Lohn! Dem Herrn sei ewiger Dank!
30
Sieh meine fetten Weiden, mein munteres Vieh! –
Deine Früchte sind welk, deine Lämmer krank.
Spende dem Schöpfer! Kain, opfre auch du!“ – –
Da sah ich Abels Feld üppig in Ähren stehn
und seine Herde lustig im Grünen weiden.
35
Aber mein Acker war kahl und trocken und steinigt.
Dürsten sah ich mein Vieh und Entbehrung leiden.
Kann es – so dacht ich – durch Gottes Ratschluß geschehn,
daß sich der Boden entsteint, daß das Wasser sich reinigt,
40
soll meines Feuers Rauch gleichfalls zum Himmel steigen.
Kann Gott Gnaden verleihen, mag er sie zeigen! –
Und ich sammelte mürbes Holz von der Erde,
weil ich den lebenden Zweigen nicht wehtun wollte;
45
und dann wählt ich aus meiner armseligen Herde
ein vom Leben zerbrochenes krankes Rind,
daß es der Schöpfer als Opfer empfangen sollte.
Schlafend lag es und träg. So stach ich es nieder,
trug’s zum Altar und entflammte die trockenen Scheite.
50
Aber in meiner Kehle stockten die Lieder. –
Knisternd bog sich das Holz. Da erhob sich ein Wind,
fauchte mit boshaftem Zischen hinein in den Qualm.
Unförmig wälzte der dicke Rauch sich zur Seite
und erstickt meines Ackerlands dürftigen Halm. –
55
Abel, mein Bruder, stand nahe und sah mich knien,
sah, wie mein glühendes Auge im Zorn sich weitete,
weil das Opfer, das ich dem Herrn bereitete,
nicht wie seines hinauf in den Äther drang,
sah den schlängelnden Rauch sich kriechend verziehn.
60
„Kain," rief er, „mir ist um deine Seele bang.
Bessere Opfer mußt du dem Gotte bringen!
Lieder des Danks und der Freude mußt du ihm singen!
Junge Zweige mußt du vom Strauche brechen!
Junge, gesunde Lämmer mußt du Gott schlachten!
65
Junges, warmes Blut muß himmelwärts dampfen!
Aus deinem Reichtum mußt du zu opfern trachten!
Wenn sich die Menschen dem Herrn zu trotzen erfrechen,
wird er sie richten und ihre Saaten zerstampfen!“
Auf sprang ich da und griff an die Gurgel dem Spötter.
70
Winselnd wand sich der Qualm im Sturmesgeheule.
„Junges Blut will dein Herr? – So soll er es haben!
Folge du nach deinen wohlgefälligen Gaben!
Grüß mir mein armes Rind! – und grüß Deine Götter!“ –
Und ich erschlug den Bruder mit wuchtender Keule. –
75
Mächtig dehnte sich meine Brust und ich hob
gegen den Himmel die Faust und schwenkte sie drohend.
Doch aus der Opferglut, die gewirbelt stob,
riß der Sturm einen Splitter und jagte ihn lohend
mir an die Stirn. Ich sank mit furchtbarem Schrei,
80
daß ich im weiten Umkreis die Menschen weckte,
nieder. Es schrieen die Rinder. Der Himmel dröhnte
donnernd, während im Staube die Glut verreckte. –
Aber schon eilten jammernde Menschen herbei.
Ich entfloh, von Schmerzen gehetzt, daß ich stöhnte.
85
Hinter mir gellten die Racheflüche der Hirten.
Alle verlangten den Brudermörder zu steinigen,
mich zu entsetzlichem Tode langsam zu peinigen.
Vorwärts stürzte mein Fuß, daß die Felsen klirrten . . .
Immer noch flieh ich dem Zorn der Menschengemeinde.
90
Unstet und rastlos irr ich von Ort zu Ort.
Doch mein Mal an der Stirn, vom Scheite gebrannt,
allüberall verrät’s mich dem lauernden Feinde.
Allüberall treibt mich sein Racheruf fort.
Von den Stätten der Menschheit bin ich verbannt.
95
Darbend fahr ich durchs Land, vogelfrei.
Doch, wo ein Rauch sich senkrecht zum Himmel hebt,
wo zufriedene Menschen sich dankbar beugen, –
ah! – da schleich ich mit krummem Rücken vorbei,
kralle die Hand, die vom Blute des Bruders klebt,
100
heiße mein Feuermal gegen die Menschheit zeugen! –
Opfert ihm nur, dem Gott der Gerechten und Guten,
der eure Hütten mit köstlichen Früchten füllt,
der euern Leib mit wärmenden Fellen umhüllt!
Junge Lämmer laßt ihm zum Preise bluten!
105
Danket für euern Reichtum dem Gotte der Reichen!
Und verschließt vor dem Hunger des Armen die Scheuer!
Wen Gott haßt, den mögt ihr richten als Schlechten!
Was euer Gott auf den Feldern gedeihen laßt, ist euer!
Ihr nur seid wert, dem Ebenbild Gottes zu gleichen!
110
Aber auf mich ergieß sich der Zorn der Gerechten! – –
Kommt! Ich fürcht mich nicht mehr! Hier steh ich zum Kampf!
Eure geballten Fäuste schrecken mich nicht!
Brudermörder ihr selbst – und tausendfach schlimmer!
115
Aus euerm Scheiterhauf raucht meines Herzbluts Dampf.
Trag ich so gut als ihr nicht Menschengesicht?
Aufrecht steh ich vor euch und fordre mein Teil! . . .
Gebt mir Freiheit und Land! – und als Bruder für immer
kehrt euch Kain zurück, der Menschheit zum Heil!
Golgatha
Inhaltsverzeichnis
1911
Gebeugte Menschen mit stumpfem Blick
hocken in dumpfen Spelunken.
Den Neid im Auge, die Not im Genick,
von elendem Fusel trunken.
5
Da tönt eine Stimme von außen herein:
„Kopf hoch! Ihr seid nicht verloren.
Ich füll eure Becher mit goldenem Wein.
Auch euch ist der Heiland geboren.
Heraus ins Freie und folgt mir nach,
10
wo Schätze liegen!“
Die Stimme des Mannes, die also sprach,
hat plötzlich geschwiegen,
Ein Scherge führt ihn gefesselt fort.
Den Menschen aber da drinnen
15
Klingt seiner Rede lockendes Wort
wie ferner Traum in den Sinnen.
Sie senken den Kopf auf des Tisches Brett
und trinken mit heiserem Lachen . . .
Ein Jude zog aus von Nazareth,
20
die Armen glücklich zu machen.
An die Soldaten
Inhaltsverzeichnis
1912
Sauft, Soldaten!
daß das Blut
heißer durch die Adern rinnt!
Saufen macht zum Sterben Mut.
5
Sauft! Die Zeit der Heldentaten
fordert saftige Teufelsbraten.
Sauft! Der heilige Krieg beginnt.
Sauft und betet!
Gott erhört
10
liebvoll der Gläubigen Ruf.
Wünscht, daß er den Feind zerstört!
Wenn ihr über Leichen tretet,
dankt dem Herrn, zu dem ihr flehtet,
daß er euch zu Mördern schuf.
15
Feindeskissen bettet weich.
Wo des Feindes Witwe weint,
ist des Siegers Himmelreich.
Fremde Weiber – Leckerbissen –
20
Schnaps, Gebet und kein Gewissen –
Krieg ist Krieg und Feind ist Feind.
Tapfrer Krieger,
der vergißt,
daß ein Herz im Leibe schlägt,
25
daß er Mensch gewesen ist,
eh er Kämpfer war und Sieger.
Edler Held, der gleich dem Tiger
blutige Beute heimwärts trägt.
Heldenscharen
30
kehrt ihr heim,
fielt ihr nicht von Feindeshand.
In der Brust den Todeskeim,
Krüppel mit gebleichten Haaren,
sucht, wo eure Stätten waren
35
im zerwühlten Vaterland.
Qual und Lasten
sind der Dank.
Weib und Kind in bittrer Not.
Euer Heldentum versank.
40
Darben lernt ihr nun und fasten.
Bettelnd mit dem Leierkasten
winselt ihr ums Gnadenbrot.
Testament
Inhaltsverzeichnis
1912
Nein, ich will nicht eher zu Grabe,
eh ich nicht auch die letzten Sprossen
irdischen Glückes erstiegen habe,
eh ich das Leben nicht ganz genossen;
5
eh ich nicht alle Frauen umschlungen,
die mich durch meine Träume begleiten,
eh ich nicht alle Lieder gesungen,
die sich in meinem Herzen bereiten;
eh ich nicht alle Werke gestaltet,
10
die sich dem schaffenden Geiste entbinden,
eh ich der Führerpflicht nicht gewaltet,
daß die Menschen ihr Wegziel finden;
eh ich nicht fröhliche Augen sehe,
die von Erhebung und Stolz verjüngt sind,
15
eh ich nicht über Äcker gehe,
die statt mit Tränen mit Freude gedüngt sind.
Nimmt der Erlöser dann und Vernichter
von meinen Tagen die lastenden Ketten,
sollt ihr den seligsten Menschen und Dichter
20
tief in befreites Erdreich betten.
Kalender 1912
Inhaltsverzeichnis
Januar:
Das Jahr beginnt um Mitternacht,
wenn Luft und Land vor Kälte kracht.
Der Mensch grüßt froh den Neujahrstag
und ahnt doch nicht, was kommen mag.
Februar:
Der Sturm zerbricht den kahlen Ast.
Auf tobendem Meere birst der Mast.
Eis treibt zum Meer, Schnee stürzt zu Tal.
Die Menschen feiern Karneval.
März:
Die Welt erwacht aus Wintersnot.
Wild kämpft das Leben mit dem Tod.
Im Freiheitssehnen schwillt das Herz.
Der Mensch erfleht sein Heil vom März.
April:
Heut Regen, Wind und Hagelschlag
und morgen strahlender Sonnentag.
Der Menschheit Schicksal muß geschehn
Durch Kreuzigung und Auferstehn.
Mai:
Zur Paarung drängt’s die Kreatur
und neuer Samen schwängert die Flur.
Verkündend schwebt der heilige Geist
zum Menschen, der dies Liebe heißt.
Juni:
Das Licht der langen Tage glänzt
auf grüne Lande bunt bekränzt.
Im warmen Sonnenschein gerät,
was für den Herrn der Knecht gesät.
Juli:
Die Luft liegt glühend überm Land.
Dumpf gähnt der Himmel Sonnenbrand.
Die Berge und die Wasser ruhn, –
der Mensch muß seine Arbeit tun.
August:
Gewölk reißt donnernd und zündend entzwei.
Gelähmte Lüfte atmen frei.
Sternschnuppen fahren den Himmel entlang.
Der Herr der Erde nur seufzt im Zwang.
September:
Der Boden saugt neuen Regen ein.
Die Saat trägt Früchte. Es reift der Wein.
Was weise Allmacht den Menschen gab,
der Reiche nimmt es dem Armen ab.
Oktober:
Der Herbst folgt der Natur Gebot.
Die Blätter färben sich gelb und rot.
Die Vögel fliegen mittagwärts.
Den Menschen faßt ein Abschiedsschmerz.
November:
Der Sturm entlaubt den Wald und gellt.
Das Meer braust auf, das Schiff zerschellt.
Den Armen beugt die Sorgenlast,
der Hunger kommt bei ihm zu Gast.
Dezember:
Die Erde kleidet sich in Schnee.
Die ganze Welt ist kalt und weh.
Vor Gott sind alle Menschen gleich.
Sie träumen vom ewigen Friedensreich.
Kalender 1913
Inhaltsverzeichnis
Januar:
Der Reiche klappt den Pelz empor,
und mollig glüht das Ofenrohr.
Der Arme klebt, daß er nicht frier’,
sein Fenster zu mit Packpapier.
Februar:
Im Fasching schaut der reiche Mann
sich gern ein armes Mädchen an.
Wie zärtlich oft die Liebe war,
wird im November offenbar.
März:
Im Jahre achtundvierzig schien
die neue Zeit heraufzuziehn.
Ihr, meine Zeitgenossen, wißt,
daß heut noch nicht mal Vormärz ist.
April:
Wer Diplomate werden will,
nehm sich ein Muster am April.
Aus heiterm Blau bricht der Orkan,
und niemand hat’s nachher getan.
Mai:
Der Revoluzzer fühlt sich stark.
Der Reichen Vorschrift ist ihm Quark.
Er feiert stolz den ersten Mai.
(Doch fragt er erst die Polizei.)
Juni:
Mit Weib und Kind in die Natur
zur Heilungs-, Stärkungs-, Badekur.
Doch wer da wandert bettelarm,
Den fleppt der würdige Gendarm.
Juli:
Wie so ein Schwimmbad doch erfrischt,
wenn’s glühend heiß vom Himmel zischt!
Dem Vaterland dient der Soldat,
kloppt Griffe noch bei dreißig Grad.
August:
Wie arg es zugeht auf der Welt,
wird auf Kongressen festgestellt.
Man trinkt, man tanzt, man redet froh,
und alles bleibt beim status quo.
September:
Vorüber ist die Ferienzeit.
Der Lehrer hält den Stock bereit.
Ein Kind sah Berg und Wasserfall,
das andre nur den Schweinestall.
Oktober:
Zum Herbstmanöver rücken an
der Landwehr- und Reservemann.
Es drückt der Helm, es schmerzt das Bein.
O welche Lust, Soldat zu sein!
November:
Der Tag wird kurz. Die Kälte droht.
Da tun die warmen Kleider not.
Ach, wärmte doch der Pfandschein so
wie der versetzte Paletot!
Dezember:
Nun teilt der gute Nikolaus
die schönen Weihnachtsgaben aus.
Das arme Kind hat sie gemacht,
dem reichen werden sie gebracht.
Dichter und Kämpfer
Inhaltsverzeichnis
1913
Unrühmlich ist es, jung zu sterben.
Mein Tod wär sträflicher Verrat.
Ich bin der Freiheit ein Soldat
und muß ihr neue Kämpfer werben.
5
Und kann ich selbst die Schlacht nicht lenken,
seh selbst nicht mehr das bunte Jahr,
so soll doch meine Bundesschar
im Siege meines Rufs gedenken.
Drum will ich Mensch sein, um zu dichten,
10
will wecken, die voll Sehnsucht sind,
daß ich im Grab den Frieden find
des Schlafes nach erfüllten Pflichten.
Vermächtnis
Inhaltsverzeichnis
Juni 1914
Ich kann nicht wissen, wieviele noch
mir atmende Tage gegeben sind,
und kann nicht raten, wie lange noch
ich Lust an den Stunden des Lebens find!
5
Vielleicht ruft bald die Posaune schon
den Kämpfer und Sänger aus Streit und Zeit,
und wägende Prediger halten schon
das Urteil der Nachfahren strenge bereit.
So helfe zu rechtem Vollbringen mir
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ein Namenloses aus Not und Haft;
mein Werk zur schaffen, so helfe mir
der fremden, unfaßbaren Gottheit Kraft.
Wenn mir zu währendem Denkmal dann
mein Lied auf den Lippen der Jugend lacht, –
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ein seliger Mensch will ich sterben dann,
im Tode zu bleibendem Sein erwacht.
Betäubung Gehe zur gesprochenen Version
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November 1914
Ist’s nicht, als wär ich längst vorbei
am Ziel, das meine Augen maßen?
als wären neue Strecken frei?
als schritt mein Fuß auf andern Straßen?
5
Zwar dünkt dies alles mir vertraut:
die Bäume und am Weg der Graben;
doch weiß ich nicht, ob ich’s geschaut,
ob Träume mir geweissagt haben.
Der Kirchturm lockt und ängstigt mich,
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und neben mir die Frauenstimme
klingt gleich bekannt und wunderlich.
Sind sie das Gute oder Schlimme?
Was ist hier Wahrheit? Was ist Schein?
In Furcht und Hoffnung suchen viele …
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Die Welt muß sehr verändert sein, –
und wir sind weit von unserm Ziele.
Wehe der Erde
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Februar 1915
Die Sterne hängen tiefer denn je
und starren zur Erde in angstvoller Glut.
Sie spiegeln der Menschheit klagendes Weh.
In ihrem Widerschein flackert Blut.
5
O, schaut nicht nieder auf unsre Schmach,
so ihr von göttlichem Lichte seid.
Des Menschengestirnes Glanz zerbrach,
und unser Göttliches wimmert in Leid.
Krieg heult in die Welt. Es rast der Tod.
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Der Schrecken wütet. Die Erde brennt.
Entmenschte Gebete flehn Gott in den Kot…
O Scham vor den Sternen am Firmament!
Wiegenlied
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März 1915
Still, mein armes Söhnchen, sei still.
Weine mich nicht um mein bißchen Verstand.
Weißt ja noch nichts vom Vaterland,
daß es dein Leben einst haben will.
5
Sollst fürs Vaterland stechen und schießen,
sollst dein Blut in den Acker gießen,
wenn es der Kaiser befiehlt und will. –
Still, mein Söhnchen, sei still!
Trink, mein Söhnchen, von meiner Brust.
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Trink, dann wirst du ein starker Held,
ziehst mit den andern hinaus ins Feld.
Vater hat auch hinaus gemußt.
Vater ward wieder Willen und Hoffen
von einer Kugel ins Herz getroffen.
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Aus ist nun seine und meine Lust. –
Trink von deiner Mutter Brust!
Freu dich, goldiges Söhnchen, und lach.
Bist du ein Mann einst, kräftig und groß,
wirst du das Lachen von selber los.
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Fröhlich bleibt nur, wer krank ist und schwach.
Vater war lustig. Ich hab ihn verloren,
hab dann dich unter Schmerzen geboren, –
hörst drum ewig mein bitteres Ach!
Freu dich, Söhnchen, und lach!
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Schlaf, mein süßes Söhnchen, o schlaf.
Weißt ja noch nichts von Unheil und Not,
weißt nichts von Vaters Heldentod,
als ihn die bleierne Kugel traf.
Früh genug wird der Krieg und der Schrecken
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dich zum ewigen Schlummer erwecken...
Friede, behüt meines Kindes Schlaf! –
Schlaf, mein Söhnchen, o schlaf...
Gefährtin
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Mai 1915
Stille Glut nach wilden Bränden.
Stetig du nach hundert Frauen.
Laß mich deinen guten Händen
meine Tage anvertrauen.
5
Will von Kämpfen und von Plagen
unter deiner Pflege rasten,
und ich will getreulich tragen
auch die Hälfte deiner Lasten.
10
Hunderttausend sterben, leiden;
Menschen töten und vernichten. –
Pflicht und Liebe helf uns beiden,
Glück und Frieden aufzurichten.
Die Schlacht am Birkenbaum
Inhaltsverzeichnis
Juli 1915
Glaubt nicht, die Schlacht am Birkenbaum
sei nur ein Traum.
Sie wird geschlagen werden.
Schon lernt die ersten Schritte gehn,
5
der sie wird sehn
als Ältester auf Erden.
Glaubt nicht, am Birkenbaum die Schlacht
werd über Nacht
aus Völkerhaß geboren.
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Aus gleichem Volk bekämpft das Heer
der alten Wehr
die Schar, die sich verschworen.
Und ist die tapfere Schar besiegt,
gleichwohl, so fliegt
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von ihrem Geist ein Funke
hinüber in der Feinde Reihn,
und alle werden Brüder sein,
gelabt vom selben Trunke.
Die Sieger als Besiegte dann
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ziehn Mann für Mann,
zum Hungervolk die Satten,
Befreiung feiernd von der Not
bei Wein und Brot,
unter der Birke Schatten.
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Glaubt nicht, die Schlacht am Birkenbaum
sei nur ein Traum
und eines Wahns Gebilde.
Der schönste Sieg ist nicht mehr fern,
da ohne Herrn
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Recht wird erstehn und Milde.
Barbaren
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September 1915
Sie streiten, wer Barbar sei unter ihnen,
und zum Beweise, daß stets nur die andern
vor aller Nachwelt solchen Ruf verdienen,
verwüsten sie mit schrecklichen Maschinen
5
Galipoli, Galizien, Serbien, Flandern,
Woldhynien und das Land der Beduinen.
Das Blut gerinnt. Es häufen sich die Leichen
im Elsaß, in Tirol, in Frankreich, Polen.
Auf hoher See und in den Tropenreichen
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ist Kampfgetöse, Mord, ist Sieg und Weichen.
Es wird gebrannt, geschändet und gestohlen,
und über Trümmern ragen Ruhmeszeichen.
Aus Wolken fetzt der Mord, vom Meeresgrunde,
und Kinder müssen sterben, Frauen, Greise.
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Den Hunger ruft man sich, die Pest zum Bunde.
Der Mutter Träne und die Todeswunde
erhabnen Planes zu der Menschheit Preise
gibt von der Heldenzeit Europas Kunde.
Und jubelnd töten sie für ihren Zaren,
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für ihren Kaiser, König, Präsidenten;
und starke Männer sinken hin in Scharen
und wissen, daß sie tapfere Streiter waren. –
Blut tropft und Jammer von den Firmamenten.
Und jeder schmäht die andern als Barbaren.
Entlarvung
Inhaltsverzeichnis
November 1915
Europa hat sich abgeschminkt.
Befreit von Rouge und Puder
steht eklig da das Luder
und faucht und stinkt.
5
Den Schnürleib sittlicher Kultur
warf sie zum Kunstkorsette.
Statt Rippen Bajonette
hält feil die Hur.
Europa, mach das Hemde zu!
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Der Anblick deiner Nacktheit
ist Gift und Abgeschmacktheit.
Krepiere, Du!
Ghasel
Inhaltsverzeichnis
März 1916
Euer Schicksal sind stets eure Taten, Menschen!
Will des Schaffens Glück euch nicht geraten, Menschen,
klagt euch selber nur der Unterlassung an.
Schwer von Brotfrucht prangten eure Saaten, Menschen.
5
Doch die Friedensarbeit ließ euch unbeglückt,
und aus freien Brüdern wurden Staatenmenschen.
Normen gabt ihr und Gesetze euerm Neid,
wurdet selbst zu Knechten und Soldaten, Menschen;
und ihr setztet in die Welt Gewalt und Krieg,
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und durch blutige Leichenfelder waten Menschen.
Haltet ein! Besinnt euch auf den Gottberuf!
Heil und Trost stiebt nicht aus den Granaten, Menschen!
Auf den Weg, von euerm Eifer ausgeschürft,
drängen schlitzgeäugelt die Asiatenmenschen. –
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Leidvoll mahnend ruft der Weltenfreund euch zu:
Werdet ewigen Erdenfriedens Paten, Menschen!
Denn es werden vor den Künftigen nur bestehn
die dem dritten Reich im Geist genahten Menschen.
Klage
Inhaltsverzeichnis
April 1916
Wir haben den Frieden erstrebt und gewollt.
Da ist der Krieg in die Welt gerollt.
Und der Brand hat gezehrt, und der Tod hat gesenst,
und der gütige Gott ward zum Haßgespenst.
Wehe!
Wir boten den Menschen Glück und Vernunft.
Der Habgier gaben sie Unterkunft.
Sie trauten des Neides unheiliger Schrift.
Neid goß ihnen Kugeln; Neid mischt' ihnen Gift.
Wehe!
Wir sangen den Völkern ein Freiheitslied.
Sie traten für ihre Beherrscher ins Glied.
Sie kämpften für ihrer Beherrscher Macht
und wähnten sich ihrer Kinder Wacht.
Wehe!
Wir haben gerufen und haben gewarnt.
Das Grausen wankt heran, getarnt.
Es schlug sich den Mantel um Kopf und Kinn
und schlug ihn den Menschen um Blick und Sinn.
Wehe!
Wir haben dem grinsenden Grausen gewehrt.
Sie gaben ihm Hand Herz oder Schwert.
Das Grausen führte dem Schwert die Hand.
Millionen Leiber zuckten im Sand.
Wehe!
Wir schrein unser Wehe! in Kampf und Pein.
Die Erde wird Grab und Asche sein.
Drei Herrinnen recken die Arme frei:
die Habgier, die Mordlust, die Sklaverei. –
Wehe!
Hungersnot
Inhaltsverzeichnis
Mai 1916
Viele Hunderttausende liegen tot,
tief ins geschändete Ackerland
von Eisengeziefer niedergestreckt.
Aus ihren Gebeinen kriecht und droht
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und aus den Wüsten von Schutt und Brand –
und nagt am Volksmark und saugt und leckt
des Krieges Schwester, die Hungersnot.
Sie nistet über Dächern und Tor,
sie senkt sich über Menschen und Vieh,
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kreist über den Dörfern – ohne Laut.
Kein Auge kann sie erspähn, kein Ohr;
doch alle Sinne wittern sie,
erschaudernd wirft sich jede Haut,
und jedes Haar strafft sich empor.
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Die Blicke irren hohl und starr.
Ein Kind zerrt bang an der Mutter Schurz.
Zum Kirchhof fährt ein winziger Sarg.
Der Ortsschulz und Gemeindepfarr
beraten bleich. Ihr Atem geht kurz.
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Schon wird’s in der eigenen Küche karg. –
„Wir haben gesiegt!“ lallt blöd ein Narr.
Das Heer, das tot in der Fremde liegt,
das schafft der Heimat kein Brot herbei.
Doch viele zieht es sich nach in den Grund,
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die niemands Feind sind, von niemand bekriegt. –
Millionen modern, von Jammer frei...
Irr tönt aus dorrendem, lallendem Mund
der Narren Ruf: „Wir haben gesiegt!
Spruch Gehe zur gesprochenen Version
Inhaltsverzeichnis
Juni 1916
Wenn ihr mich weinen seht,
fragt nicht, warum.
Leid, das in Tränen steht,
tröstet sich stumm.
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Wenn ihr mich fluchen hört,
stimmt mich nicht mild.
Zorn, der sich laut empört,
schmilzt, wenn er schilt.
Doch wenn ich trink und lach,
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lad ich euch ein.
Freude wird grau und schwach,
bleibt sie allein.
Weltschändung
Inhaltsverzeichnis
Juli 1916
Vernichtet nur das eigene Geschlecht,
zerstört, was je durch Menschenfleiß geworden!
Doch welche Mächte gaben euch das Recht,
des Wassers Glanz, der Blume Duft zu morden?
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Wenn das Geschützrad Halm und Strauch zerbricht,
seht ihr die Säfte nicht, die sterbend quillen?
Ja, ängstigt euch der Steine Vorwurf nicht,
auf die ihr tretet um des Bösen Willen?
Wißt! jedes Etwas ist gleich euch beseelt,
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und jedes Lüftchen hat von Gott sein Leben.
Die Knospe, der ihr das Erblühen stehlt,
verlangt’s von euch zurück. Könnt ihr es geben?
Nicht für die Menschen ward der ewige Hauch,
der göttliche, dem Weltall eingeblasen.
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Ihr tötet die Natur. – Schafft ihr sie auch,
dann lasst des Krieges Höllenfeuer rasen!
An die Dichter
Inhaltsverzeichnis
August 1916
Wir Dichter haben viel zu lang
mit kleinem Schicksal uns gebrüstet.
Wenn uns im Wald ein Vogel sang,
wenn Sehnsucht unser Herz umschlang,
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dem’s wohl nach einem Weib gelüstet, –
dann hielt die Welt den Atem ein,
zu lauschen unsern sanften Liedern,
wärmt sich an unserm Sonnenschein
und ließ die Mädchen herzlos sein,
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die unsre Liebe nicht erwidern.
Genug geschwärmt! Genug geträumt!
Genug auf Weidenrohr geflötet!
Steht euer Dichtroß nicht gebäumt,
da rings das Blut in Meeren schäumt
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und Brand die Horizonte rötet?
Die Menschheit schluchzt in Tod und Gram. –
Zerreißt der Lauten Saiten, Dichter,
von denen nie ein Weckruf kam!
Verhüllt in Reue und in Scham
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vor Gott und Welt die Angesichter!
Doch spürt ihr je die alte Glut
von neuem, – laßt das zage Stöhnen!
Kein Jammern macht Versäumtes gut.
Ruft auf die Welt zum besten Mut,
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zur Liebe ruft sie, zum Versöhnen!
Schwört aller Menschheit euren Eid,
der Menschheit, die ihr stets gemieden, –
mit ihr zu sein in Not und Leid!
Nicht Sternenwandler, – Menschen seid!
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Und eure Lieder singt dem Frieden!
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.