Kitabı oku: «Heideblues - Kriminalroman»
Erich Virch
Heideblues – Kriminalroman
Saga
Heideblues – KriminalromanCopyright © 2006, 2019 Erich Virch und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726176063
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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Ich sehe ein Wasser blinken,
Das Wasser das ist frisch;
Ich sehe etwas schimmern,
Das ist fürwahr kein Fisch.
Hermann Löns
1. Kapitel
Die Autobahn ist eine merkwürdige Sache. Hier treffen in ständiger Lebensgefahr die unterschiedlichsten Menschen zusammen: dösende LKW-Fahrer, halsstarrige Senioren, junge Hitzköpfe, angstvoll an die Mittelspur geklammerte Frauen, Männer mit schwelendem Tunnelblick. Die Überholspur ist eine einzige Schlange, da kommst du von rechts nur rein, indem du links einem vor die Nase fährst und ihn zum Bremsen zwingt. Hast du das geschafft, mußt du ganz dicht am Vordermann kleben, sonst schert hinter jedem Laster ein Kleinwagen aus, quetscht sich in die Lücke und zwingt dich selbst zum Bremsen. Derweil blinkt zwei Meter hinter dir ein schwarzer Audi, obwohl der Schafskopf genau sieht, daß vor dir nicht frei ist. Und spätestens, wenn der dich rechts überholt, fällt dein Verstand aus dem Fenster. Ab jetzt gibst du Vollgas und riskierst alles. Du wirst zum Vollidioten, zum rasenden Vollidioten in einem rasenden Konvoi enthemmter, rasender Vollidioten.
Ich begegne zwar immer wieder Männern, die das für ihre Person zurückweisen und behaupten, sie seien total gelassene, defensive Fahrer. Aber das sind die Schlimmsten. Entweder lügen sie nämlich, oder es sind Oberlehrer – die Typen, die sich im Schneckentempo links neben einen Laster heften und schweratmend ganze Vollidiotenkonvois blockieren, bis hinter ihnen die nackte Mordlust ausbricht.
Das ungeschriebene Gesetz der Autobahn lautet: Steck dir das geschriebene sonstwohin, gib Gas und bete. Es gibt nur eine Möglichkeit, dem aggressiven Sog zu entgehen – Ablenkung. Zum Beispiel durch eine aufregende Beifahrerin oder durch schöne Träume, Luftschlösser, Pläne: man braucht einen Anlaß für ein intensives Gespräch oder Selbstgespräch.
An diesem Samstag fehlte mir nur die Beifahrerin; Träume hatte ich so reichlich, daß ich das höllische Gerangel und Gedrängel um mich her kaum wahrnahm. Ich hatte mein ganzes Zeug schon vor der Fahrt in den Fußraum vor den Beifahrersitz geworfen, die Colaflasche klemmte im Handschuhfach, es konnte also nichts rutschen oder fallen. Der Diesel war hübsch in Schwung, ich kam gut voran. Am Berg bemerkte ich im Rückspiegel gelegentlich eine gewisse Nervosität, aber die da hinten hätten mir lieber dankbar sein sollen. Ein Leichenwagen ist nämlich kein übler Schrittmacher – wo so eine düstere Todesmahnung von hinten angedonnert kommt, weicht man ganz gern zur Seite.
Während ich lenkte, riß ich den Mund auf und schnitt Grimassen dazu. So mußte es zumindest von außen wirken, aber an befremdete Blicke war ich gewöhnt, die konnten mich nicht vom Singen abhalten. Schon gar nicht an diesem Tag. Ich sang Randy Newmans boshaftes Couplet über Simon Smith und seinen Tanzbären. Darin geht es um das fröhliche Leben mittelloser Künstler:
I may go out tomorrow if I can borrow a coat to wear
Oh, I'd step out in style with my sincere smile and my dancing bear
Es war nicht allein das Lied, das mir Spaß machte. Es war vor allem die Aussicht, endlich der Lage zu entkommen, die es beschreibt. Wenn der große Dr. Günther Didier recht hatte – und in solchen Dingen war auf ihn meist Verlaß – würde meine ewige Geldnot bald ein Ende haben. Was für eine unglaubliche, herrliche Aussicht auf Erlösung! Songschreiber zu werden, war der größte Fehler meines Lebens gewesen. Nicht, weil ich nicht gut genug war – ich gehörte zu den besten. Mein Problem war gerade meine Schwäche für Qualität. Nach herrschender Auffassung muß Musik nämlich „aus dem Bauch” kommen. Ich dagegen konnte Geräuschen aus dem Bauch noch nie besonderen Hörgenuß abgewinnen. Ein guter Song kann alles ausdrücken, Gefühle wie Wut, Ohnmacht, Einsamkeit, Liebe oder pure Lebensfreude, er kann spotten, protestieren, bloßstellen, argumentieren und so fort. Wenn er allerdings Gehör finden will, läßt er das alles bleiben und bleibt konsequent im Seichten. Und da zu arbeiten, im Seichten, ist mir immer schwergefallen. Zeilen wie Marmor, Stein und Eisen bricht / aber unsere Liebe nicht hätte ich überhaupt nie hingekriegt. Ich hätte schreiben müssen: Marmor, Stein und Eisen brechen – und das wärs ja wohl schon gewesen. Ehrlich gesagt, hasse ich die Masse von Herzen für ihren Geschmack. Und Leuten gefallen zu müssen, deren Geschmack man zum Kotzen findet, ist eine eklige Lebensaufgabe. Das Schlimmste dabei: selbst wenn du dich überwindest und verleugnest und so schmalzig daherkommst, wie es irgend geht – das Publikum spürt mit sicherem Instinkt, wenn du es nicht ehrlich meinst. Wirklich begeistern kann es sich nur für Kitsch, der von Herzen kommt – und von meinem Herzen kommt was anderes.
Trotz alledem hatte ich jetzt, nach all den Jahren, anscheinend doch noch irgendwie ins Schwarze getroffen. Mit etwas Glück würde ich bald nicht mehr den Tanzbären spielen müssen. Natürlich wußte ich aus drastischer Erfahrung, daß kein Pflänzchen dieser Welt so zart und empfindlich ist wie die Erfolgsaussichten in meinem Geschäft, aber eine Chance wie diese mußte man erst einmal haben.
Ich konnte das Aufatmen im Pulk der Linksfahrer förmlich spüren, als ich endlich nach rechts ging und die Ausfahrt nahm. Schwungvoll lenkte ich den Diesel auf die Landstraße. Wenn ich geahnt hätte, was mich erwartete, wäre ich auf der Stelle umgekehrt.
Mein Wagen war ein Mercedes, ein uraltes Rappold-Modell mit einem Kreuz auf dem Dach, Palmzweigen auf den Scheiben und schwarzen Fenstervorhängen. Ich hatte ihn, wie schon oft, von meinem Vater geliehen. Es tat mir jedesmal leid, den alten Mann zu bekümmern, der sich nichts sehnlicher wünschte, als seinen Sohn in einem soliden Beruf Geld verdienen zu sehen, aber meine eigene Rostlaube war „zur Inspektion”, und ich brauchte ein Auto. Außerdem gehörten Papas Kummerfalten zu seiner Berufsausstattung, zumal er ein Mensch war, der trotz all der Jahre im Pietätsgewerbe noch erstaunlich oft echtes Mitgefühl mit seinen Kunden aufbringen konnte. Ein sanfter Mann, mit dem Alter steif und durchscheinend geworden. Er hatte besorgt ausgesehen, als er mir auf dem Hof hinter der Firma den Autoschlüssel gab. Der Wind zerrte an den weißen Strähnen, die sorgfältig über die rosige Kopfhaut gekämmt waren. „Ich kann dir nur den alten Wagen geben, Paul. Den neuen brauchen wir ja.”
„Ist doch bestens!”
„Hast du Geld?”
„Aber ja! Ich komm schon zurecht!” Die Firmenautos hatten immer einen vollen Tank; bis Niederholt würde es schon reichen. „Geh rein, Papa”, sagte ich, „ist zu kalt hier!”
Der alte Mann nickte. In der Tür drehte er sich noch einmal um und machte eine Armbewegung, die den Wagen, den Hof, die ganze Firma umschloß. Ich kannte die Bedeutung: „Das könnte alles deins sein.” Darin lag ein Vorwurf, der früher zu fürchterlichen Diskussionen geführt hatte. „Du vergehst dich”, hatte Papa mir vorgeworfen, „du vergehst dich an allem, was deine Mutter und ich aufgebaut haben, und an deinem eigenen Glück sowieso! Denk doch nur, was du mit deinen Gaben aus dem Geschäft machen könntest!”
Dummerweise waren meine Gaben eher musischer Natur. Als Junge war ich zwar anfangs ein ganz guter Schüler gewesen, doch das hatte schnell nachgelassen. Hieß es erst noch „dem Paul fällt alles zu”, so fielen mir bald nur noch die Augen zu. Die Schule langweilte mich gräßlich. Ich hockte lieber zuhause im Werkzeugkeller und spielte Gitarre. Ich schloß die dicke Tür hinter mir, schaltete den Verstärker ein und vergaß alles. Mit geschlossenen Augen spielte ich für ein imaginäres, wogendes Publikum, ließ die Saiten kreischen, wummern, weinen und jauchzen. Die einzigen Menschen, die mich tatsächlich hätten hören können, lagen nebenan, aber die konnten nicht mehr applaudieren. Je länger ich übte, desto schneller und sicherer flitzten meine kurzen Finger übers Griffbrett. Wenn ich richtig in Fahrt war, tanzte ich verzückt auf und ab, die leeren Flaschen in den Sprudelkisten jubelten mir scheppernd zu, meine krausen Haare flogen. Ich hatte sie langwachsen lassen und war stolz darauf, daß sie vom Kopf abstanden wie bei Jimi Hendrix.
Auch meine Stimme war nicht übel. Anfangs klang sie schauerlich, denn mein erstes Vorbild war Paul McCartney, und es dauerte eine ganze Weile, bis mir aufging, daß der Mann Tenor war und ich Bariton. Als ich das aber mal eingesehen hatte, hörte ich mit dem Gequieke auf und entwickelte einen kratzigen, tiefen Sound, der auf Feten ziemlich gut ankam. Selbst ältere Mitschüler mußten neidisch zusehen, wie die Mädels dem kleinen dicken Leichennickel an den Lippen hingen.
Meine Eltern waren nicht begeistert. Sie wünschten sich von mir mehr Verständnis fürs Geschäft.
„Was soll ich denn machen”, fragte ich damals, „soll ich im Elviskostüm auf den Sarg springen und Crying In The Chapel singen?”
Mein Vater hatte gekränkt geschwiegen.
Heute, fürchte ich, würden die Leute gerade solchen Blödsinn gern teuer bezahlen. Kürzlich hatte ich für eine Trauerfeier ein komplettes Streichorchester besorgen müssen, das sollte auf Wunsch des Verstorbenen Conquest Of Paradise fiedeln – die Musik, mit der weiland Henry Maske in den Ring stieg. Der verblichene Boxfan hatte sich wohl vorgenommen, das Paradies mit der Faust zu erobern und dem Schöpfer mal so richtig eine aufs Maul zu hauen. Da hatte der Herrgott noch Glück, daß Henry Maske nicht Kickboxer war.
Das Warnlämpchen der Tankanzeige leuchtete auf. Ich ging vom Gas und hielt unruhig Ausschau nach Wegweisern. Ich hatte den berechtigten Verdacht, daß ich mich verfahren hatte. Überhaupt – hatte Didier nicht gesagt, die neue Autobahn sei fertig, man brauche nur den richtigen Abzweig zu nehmen? Vermutlich war ich laut singend daran vorbeigebrettert. Für mich sah hier oben alles gleich aus; ländlich, flach wie ein Kuhfladen, darüber der weite, eisige Winterhimmel. Unten leere Viehkoppeln, fahles Graugrün, kahle, windschiefe Hecken und Bäume. Neben den alten Bauernhäusern gab es überall Neubausiedlungen. Die automobile Erschließung der Region hatte eine Flut von Neubauten aufs Land geschwemmt; Einzelhäuser, Doppelhäuser, Reihenhäuser, alle in norddeutschem Ziegelrot gehalten, hier und da Pferdeköpfe auf den Dächern, strammes Verbundsteinpflaster vor den Garagen, Sprossenfenster, akkurate, weiße Friesenzäune. Die Bauern in den ehemals verschlafenen Dörfern mußten sich in ständigem Goldrausch befinden; sie konnten schließlich den Wert ihrer Äcker im Handumdrehen um das Hundertfache steigern. Sie brauchten nur per Gemeinderatsbeschluß Bauland daraus zu machen. Ein Ratssitz unter Gleichgesinnten war da gleichsam eine Lizenz zum Gelddrucken.
Ich vermied es, darüber nachzudenken, was unter den neuen Pferdekopf-Dächern für Musik gehört wurde. Sie erinnerten mich immer an die TV-Kinderserien, in denen fröhliche Mädchen und Jungen unentwegt ins Grüne reiten, während die gutmütige Oma dem Jüngsten augenzwinkernd mit dem Finger droht, weil er vom Teig genascht hat. Das war schon im Sommer deprimierend genug, aber jetzt, im Dezember, wirkte das Bild auf mich vollends niederziehend.
Erst als ich den Elbdeich sah, wurde mir klar, wo ich gelandet war. Ich fuhr ein ganzes Stück den grasbewachsenen Wall entlang, bis ein Weg im Bogen hinaufführte. Oben hielt ich an und stieg steifbeinig aus. Der Wind blies jeden Atemzug in weißen Fetzen davon. Ich ließ den Blick über die zähen Fluten wandern. Schräg gegenüber, am anderen Ufer, beherrschte ein monströser, hellgrauer Kubus das Bild. Ein Atomkraftwerk. Das mußte Krümmel sein. Demnach war ich irgendwo in der Nähe der Geesthachter Brücke. Ich ging ein paar Schritte den Fußweg entlang, dehnte und reckte mich, die Hände hinterm Kopf. Am stromabgewandten Deichfuß lag ein Kinderspielplatz. Eine Frau im blauen Anorak stand, die Hände in den Ärmeln, neben einer Bank aus groben Holzbohlen und beobachtete ihren dickvermummten Sprößling, der einsam an einem Kletterseil baumelte wie ein Mehlsack. Ich ließ die Arme fallen, setzte mich wieder in den Leichenwagen und schlug den Autoatlas auf.
Ich war schon oft in Niederholt gewesen, doch aus der ungewohnten Richtung hinzufinden, war nicht ganz einfach, zumal es jetzt rasch dunkel wurde. Mit der Karte auf dem Schoß steuerte ich zurück nach Süden. Eines war wie immer: je näher ich dem Dorf kam, desto schlechter wurde meine Stimmung.
Um fünf war es stockfinster. Ich hatte gerade eine Allee aus Eichen und Linden passiert, als der Motor zu stottern begann. Die Straße schlug einige leichte Kurven. Links dichter Wald, auf der anderen Seite eine Reihe von Weihern mit Nadelgehölz dahinter. Als der Wagen endgültig ausrollte und stehenblieb, konnte ich seitlich einen unbefestigten Weg erkennen, der zu einem Joggerparkplatz zwischen den Teichen führte. Der Tank war hoffnungslos leer, ich versuchte gar nicht erst, das Auto wieder in Gang zu bekommen, sondern schaltete die Scheinwerfer aus und benutzte die Zündung, um es so weit wie möglich von der Straße zu befördern. Einen Moment blieb ich in der plötzlichen Stille und Dunkelheit sitzen, dann griff ich zum Handy und wählte Didiers Nummer.
Es dauerte eine ganze Weile, bis er abhob. „Ja?” Sein Tonfall suggerierte wie immer, daß er beschäftigt sei und nicht gestört zu werden wünsche, aber kaum hatte ich meinen Namen genannt, hub ein Jubilieren an: „Paulchen! Nickelchen!” Der hessische Akzent machte daraus „Paulschen” und „Nickelschen”, und der blecherne Klang der Stimme machte die Sache nicht besser. „Des Paulschen, unser Held der Saiten! Ja, wo bleibt er denn?”
„Der Held steht ohne Sprit im Wald”, sagte ich lahm. „Irgendwo am Teich zwischen Wittholt und Niederholt. Ich …”
„Wart mal ganz kurz”, unterbrach Didier, „ich hab de Groot auf der anderen Leitung.”
Andy de Groot war TV-Produzent. Didiers größter Vorzug bestand darin, ständig Leute wie de Groot auf der anderen Leitung zu haben. Didier hatte unzählige Kontakte, er kannte Politiker, Spitzensportler, Geschäftsleute und so weiter. Mir war völlig schleierhaft, wieso sich Menschen mit ihm abgaben, die es nicht nötig hatten, aber sie hatten es schon immer getan, selbst zu Zeiten, als er noch keine Millionen hatte und mit seiner Blechstimme als Sänger unterwegs war. Ich kannte niemanden, der in ihm nicht auf Anhieb einen Aufschneider und Hanswurst gesehen hätte, und doch war er einer der einflußreichsten Leute der Branche. Zu allem Überfluß hatte er auch noch politische Ambitionen, verfaßte Rezepte für den Weltfrieden, Traktate gegen Ausbeutung und Krieg sowie Interviews, in denen er sich selbst fulminante Antworten auf knallharte Fragen gab. Daß er mit diesem Quatsch bis in den Vorstand seiner Partei gelangt war, hatte sie in meinen Augen nicht eben aufgewertet. Aber wen interessierte schon mein Eindruck. Irgendwann würde der schräge Verein die Fünf-Prozent-Hürde schaffen und Didier in den Bundestag befördern. Einstweilen nutzte er geschickt die Schaltstelle, die er eingenommen hatte: er organisierte auf Kosten der Partei öffentlichkeitswirksame Großveranstaltungen, um die sich selbst arrivierte Popstars rissen. Dafür bewunderten ihn wiederum seine politischen Freunde, und am Ende hatten alle was davon – am meisten er selbst.
Langsam kühlte der Wagen aus. Ich begann zu frösteln. Der rabenschwarze Waldsaum verschwamm mit dem sternlosen Himmel, die Wasseroberfläche der Teiche zeichnete sich kaum heller ab. Die Straße war völlig leer. Endlich klingelte das Handy.
„Paulchen?” Jetzt gab sich die Blechstimme fürsorglich: „Paß auf, Paul, gleich kommt der Walter Lübbers dich mit seinem Auto abholen. Ist ein roter Golf, siehst du sofort. Den Walter kennst du, das ist der Bruder von unserem armen Willilein! Stell dich so hin, daß er dich sieht, gell!”
Ich fragte mich schon lange nicht mehr, warum der große Dr. Günther Didier manchmal so infantil daherquatschte. Der Niederholter Willi Lübbers war ein Walroß von Mann, riesig rund und dick und ganz bestimmt kein armes Willilein. Vielleicht hatte Didier in einem seiner Verhaltensratgeber gelesen, daß man selbst größer erscheint, wenn man andere verniedlicht. Irgendwie fühlte ich mich von ihm tatsächlich immer wieder verunsichert.
Draußen war es eisig. Ich zog meine Jacke an, steckte das Handy ein, nahm die Reisetasche vom Beifahrersitz, schloß die Türen ab und machte mich zu Fuß auf den Weg über die dunkle Landstraße. „Links gehen, der Gefahr ins Auge sehen”, hatte man mir als Kind beigebracht. Ich ging zügig, trotzdem war ich binnen weniger Minuten durchgefroren. Notgedrungen begann ich zu traben. Meine kalten Fußknöchel schmerzten. Die Luft tat beim Einatmen weh, und ich mußte die Reisetasche andauernd von einer Hand in die andere wechseln, um die jeweils kältere unter der Jacke aufzuwärmen.
Ich war vielleicht eine Viertelstunde gelaufen, als endlich Scheinwerfer durch die Bäume blitzten. Ich blieb stehen und stellte keuchend die Tasche ab. Ich bin zwar kräftig, aber nicht gerade gertenschlank. Ich schob die Hände unter die Achseln und trat von einem Bein aufs andere. Als die Lichter um die Kurve kamen, zeigte sich, daß sie gar nicht zu einem Auto gehörten, dafür standen sie viel zu eng beieinander und lagen viel zu hoch. Was da kam, war bloß ein Trecker. Mürrisch trat ich zur Seite, um ihn vorbeizulassen. Einen Augenblick stand ich im vollen Licht, die Baumstämme ringsum leuchteten kalkweiß.
Ich wollte geblendet die Augen schließen, doch das anschwellende Motorgeräusch hielt mich davon ab – und dann schoß die mächtige Maschine plötzlich brüllend auf mich zu, turmhoch, breit wie die Fahrbahn. Mit einem unwillkürlichen Aufschrei warf ich mich in den Straßengraben, fiel hart auf die Seite, Äste stachen mir ins Kreuz. Eine Abgaswolke hüllte mich ein, die Erde bebte, und wenige Zentimeter neben meinem Kopf malmte ein riesiges Hinterrad vorüber. Sekundenlang war ich wie gelähmt, dann kroch ich außer mir vor Wut aus der Versenkung und sprang auf die Straße. Die Rücklichter des Traktors waren schon ein ganzes Stück weit weg.
„Arschloch!” brüllte ich aus Leibeskräften, „Dreckiger Scheißbauer! Verfluchtes Arschloch! Scheiße! Verfluchte Drecksau!”
Vor meinen Augen tanzten immer noch Scheinwerferreflexe. Die Hose war heilgeblieben, aber in der Jacke fühlte ich einen Riß. Mit zitternden Händen suchte ich in der Finsternis nach meiner Tasche. Sie war plattgefahren und an der Seite aufgerissen. Ich klaubte sie auf und versuchte sie so unter den Arm zu nehmen, daß nichts herausfiel. Hinkend und fluchend machte ich mich wieder auf den Weg.
Vor Schreck war mir heißgeworden, doch bald kam die Kälte zurück. Mein Rücken tat weh. Der Weg zog sich. Als ich schon die Lichter des Dorfes zu sehen meinte, hörte ich hinter mir wieder einen Motor kommen. Diesmal blieb ich vorsichtshalber nicht stehen, sondern rannte seitwärts unter die Bäume. Wenig später leuchteten abermals zwei engstehende Scheinwerfer die Straße entlang. Ich hätte allerdings nicht einmal schwören können, daß es derselbe Trecker war, dafür hatte ich ihn beim erstenmal viel zu flüchtig wahrgenommen. Ein Nummernschild war auch jetzt nicht zu erkennen. Ich wartete zähneklappernd, bis er verschwunden war, dann machte ich mich wieder auf den Weg.
Zum Glück war das Dorf jetzt tatsächlich nicht mehr weit. Nach einer Viertelstunde tauchten hinter einer Biegung die ersten Häuser auf. Rote Ziegel, graue Verbundsteinauffahrten, weiße Friesenzäune, weihnachtliche Lichterbögen aus Elektrokerzen in den Fenstern und vor allem das leuchtende, tannengrüngeschmückte Schild des Wirtshauses: Göke's Gasthof. Ich riß die Tür auf und stampfte hinein. Als sie sich eben hinter mir schließen wollte, sah ich draußen einen roten Golf Richtung Wittholt brummen. Zu spät, Herr Lübbers.
Der Flur sah aus wie in vielen Dorfgasthöfen: links ging es in den Schankraum, rechts zu den Toiletten, in der Ecke ein Zigarettenautomat, weiter hinten die Tür zum Saal, in dem wichtige Gemeinderatssitzungen und noch wichtigere Feuerwehrbälle stattfanden. Ich hielt mich links. Der Schankraum empfing mich mit bullernder Wärme, Stimmengewirr und Gelächter. Hinter dem Eichentresen, ein Adventsgesteck zur Linken, die Rechte am messingglänzenden Zapfhahn, thronte Heinrich Göke, Bürgermeister von Niederholt. Groß und breit, das Gesicht rotgeädert, hätte er das Urbild eines gemütlichen Dorfwirtes geboten, wären nicht seine kalten, blaßblauen Äuglein gewesen. Er wünschte mir vernehmlich guten Abend, sah aber knapp an mir vorbei. Ich hatte ihm mal mit ernster Miene erklärt, daß auf dem Wirtshausschild ein zweiter Apostroph fehle: es müsse Göke's Ga'sthof heißen.
„Das ist mein Schild, Herr Nickel”, hatte er brettsteif geantwortet. Anneliese, seine Frau, grinste mir dabei aus der Küche zu. Die beiden sprachen seit Jahren kaum ein Wort miteinander.
„Paul!” Aus dem hintersten Winkel des Raumes strahlte mir ein hageres, hakennasiges Gesicht entgegen: Karl Kranz, Didiers Toningenieur. Karl der Redliche, Karl der Lange, Karl der unermüdliche Tag- und Nachtarbeiter, Karl der Kahle. Das spärliche Flaumhaar, das auf ihm wuchs, war so hautfarben, daß er nicht einmal Augenbrauen zu haben schien. Er legte die unvermeidliche Zigarette in den Aschenbecher und umarmte mich herzlich: „Ja, bist du deppert, der Leichennickel! Grüß dich, Burschi!”
Sofort hob sich meine Stimmung wieder. Ächzend ließ ich mich nieder und packte die lädierte Tasche neben mich auf einen Stuhl. Karl wollte wissen, was geschehen sei, ich erzählte und ergänzte die Schilderung mit Mutmaßungen über die geistige Verfassung der traktorfahrenden Landbevölkerung.
Karl stimmte kopfschüttelnd zu, dann fragte er besorgt: „Sag, hast scho’ ’gessen? Wann net, ißt’ besser hier was, weil heut kocht die Iris.”
Didiers Gattin Iris pflegte vegetarisch zu kochen, was Karl und mich regelmäßig ins Wirtshaus trieb. Er schnalzte mit den Lippen: „Grünkohl?”
Ich nickte entschieden. Karl suchte Gökes Blick, deutete auf sein Bierglas, hob zwei Finger und rief: „Grünkohl!”
Während wir beim Bier aufs Essen warteten, mußte Karl mir das Neueste aus Niederholt berichten.
„Was passiert is? Nix is passiert. Das Übliche halt.”
Das Übliche, so stellte sich heraus, bestand diesmal aus einer Prügelei mit Nasenbeinbruch, zwei Reitunfällen, einer unehelichen Zwillingsgeburt und einem Festakt der Freiwilligen Feuerwehr, der damit geendet hatte, daß der Schuppen hinter dem Gerätehaus abbrannte. Langsam taute ich auf. Meine Hände und Füße kribbelten. Die Rückenschmerzen ließen nach. Göke erschien und brachte zwei große Portionen Grünkohl mit Kassler, Bregenwurst und Bratkartoffeln, dazu Bier. Als er alles auf den Tisch gestellt hatte, klemmte er das Tablett unter den Arm, sah knapp an uns vorbei und sagte: „Lassen Ihnen schmecken.”
Karl grinste anzüglich. Bei allem Spott war ihm aber immer anzumerken, daß er sich in Niederholt zuhausefühlte. Vor Jahren hatte ihn die Liebe aus Wien in die Lüneburger Heide verschlagen. Die blonde Britta war nicht lange bei ihm geblieben; dafür aber hatte er seine Liebe zum flachen Land entdeckt. Er sprach noch immer mit schwerem österreichischen Akzent, doch die Zeiten, in denen er beim verstörten Kaufmann Ehlebracht „Paradeiser” zu kaufen versuchte, waren vorüber. Karl konnte längst fehlerfrei „Tomaten” sagen, „Tüte” statt „Stanitzl”, „Frikadelle” statt „Fleischlaberl”, und seine Trinkfestigkeit genoß den Respekt des ganzen Dorfes.
Nachdem wir uns eine Weile schweigend unseren Tellern und Gläsern gewidmet hatten, fragte ich: „Wie stehts denn auf dem Eichenhof? Alles wie gehabt im Hause Didier?”
Karl verzog bekümmert das Gesicht. „Der Willi hat zuadraht. Tot! Hat sich endgültig ins Jenseits gesoffen. Hat Delirium Delarium den Löffelstiel ab’geben, und aus die Maus!”
Deshalb also hatte der Doktor vom „armen Willilein” gesprochen. Willi war einmal der Erbe des Eichenhofs gewesen, der größten Besitzung in ganz Niederholt, aber er hatte alles durchgebracht. Nach der Zwangsversteigerung gehörten die Ländereien anderen Bauern, und im Haus residierte der Doktor, dem Willi noch dankbar sein mußte, daß er ihn als Faktotum auf dem Anwesen behielt. Über den dicken Willi und seine alkoholischen Eskapaden gab es unzählige Geschichten – und alle stimmten. Das behauptete zumindest Karl.
„Arme Sau”, sagte ich.
„Ach, weißt’ – so a arme Sau war der Willi gar net. Der war ganz zufrieden in seinem Bretterhäusl. Der war ja quasi immer noch daheim auf sei’m Hof, und zum Saufen hat‘s Geld schon noch gelangt.”
„Aber nur ein Taschengeld.”
„Schon, ja. Nach dem Auftritt in der Sparkasse.”
Eines schönen Morgens war Willi im Schlafanzug in der Kreissparkasse erschienen und hatte die kreischende Filialleiterin mit einem Bolzenschußgerät durchs Haus gejagt. Seitdem hatte ein Vormund für ihn die Geschäfte geregelt. Direkt nach der Sparkassenszene machte Willi einen so fürchterlichen Zug durch die Gemeinde, daß er nachts auf dem Heimweg vom Fahrrad fiel und sich mitten im Wald ein Bein brach. Jeder andere wäre hilflos erfroren, doch Willi kroch drei Kilometer weit durch den Schneematsch nach Hause. Das Bein wurde genagelt und heilte wieder, blieb aber seltsam verdreht; der Fuß stand schräg nach außen. Im Jahr darauf rutschte er – unglaublich, aber wahr – auf seinem Bettvorleger aus und brachte es fertig, sich beide Arme zu brechen. Von den Studiofenstern aus konnten wir zuweilen den Doppelgips in der Ferne leuchten sehen.
„Weißt du noch, wie der Willi sich beide Arme gebrochen hatte?” fragte ich.
Karl seufzte. „Gewiß. Hab mich damals immer gefragt: wie putzt sich der jetzt den Oarsch?!”
Den hatte Willi nun für immer zugekniffen. Ich hob mein Glas. „Auf den Willi!”
„Auf den Willi!”
„Wann war denn die Beerdigung?”
„Morgen.”
War da ein plötzliches Funkeln in Karls Augen? Ich lehnte mich zurück, schob den Teller von mir und trank mein Glas leer. Ich war pumpsatt, mir war warm. Anneliese erschien am Tisch und verschränkte die Arme. „Na? Wieder im Lande?” Sie musterte mich mit hochgezogenen Brauen: „Hast’n beten zugelegt, was?“
„Kann schon sein”, sagte ich. „Nächstesmal nehm ich einen Kinderteller.”
Sie räumte das Geschirr ab und lachte: „Wohl eher’n Seniorenteller.”
„Hörst, Anneliese zahlen tu mer heut net, des macht später der Doktor!” versuchte Karl sie zu ärgern. Sie wußte, wie ungern Didier Rechnungen beglich, denn tagsüber arbeitete sie drüben in dessen Haushalt. Sie nickte aber nur grinsend in Richtung ihres Gatten, bevor sie davonrauschte: „Das müßt ihr ihn da sagen.”
Mit „ihn da” meinte sie „ihm da”. Das Plattdeutsche hat anders als das Hochdeutsche nicht vier, sondern nur drei Fälle. Wer mit Plattdeutsch aufgewachsen ist, hat deshalb ein eher großzügiges Verhältnis zum Unterschied zwischen Dativ und Akkusativ. Auf Außenstehende kann das naiv wirken; Anneliese Göke für naiv zu halten, war aber stets ein Fehler.
Karl stieß mich in die Seite: „Mal ganz ernsthaft – laß mern Doktor bluten! Der hat Geld genug.” Karl sprach nie von Didier, sondern stets vom „Doktor” oder benutzte dessen eigentlichen Namen: Böckelfeld. Bei Karl klang das wie „Böckiföht”.
„Den Mann wer’ ich nie begreifen.” Karl hob die Hände. „Jemand, der im Grunde nix kann wie dumm daherreden, und schwimmt trotzdem im Geld! Weißt’, was er jetzt wieder hingebracht hat? Weißt’, wo er einen Titel plaziert hat? Das ist der Hammer: er hat die nächste Bridget-Summers-Single! Letzte Woche ist er mit der Nachricht aus Los Angeles heimkommen. Die nächste Bridget-Summers-Single ist von unserem Doktor! Text, Musik, Verlag – alles Böckiföht. Angeblich.”
Mir stieg es heiß den Rücken hoch. Ich versuchte gleichgültig zu wirken. „Bridget Summers, aha. Na ja, gut – ein Titel, lieber Gott.” Rasch hob ich mein Glas vors Gesicht und trank.
„Geh, du bist doch unheilbar ahnungslos, Paul! Weißt du, wieviel das letzte Summers-Album weltweit verkauft hat? Auf sowas brauchst bloß a halbe Nummer draufhaben, und du mußt im Leben nimmer arbeiten. Einen solchen Titel tät ich dir amal gönnen!”
Ich tat, als würde ich in meiner plattgefahrenen Reisetasche kramen. Blätter und Erde zwischen Socken und Unterwäsche, verschrammte CDs, die Zahnpasta im ganzen Kulturbeutel umhergequetscht. Ich schämte mich. Erstens, weil ich meinem Freund die Wahrheit verschweigen mußte, und zweitens, weil ich das abwegige Gefühl hatte, es sei Unrecht, soviel Glück zu haben, wenn Karl es nicht hatte. Vermutlich war es genau dieses Gefühl, das seinerzeit Elvis Presley dazu trieb, dauernd Cadillacs an seine Freunde zu verschenken. Vielleicht würde ich auch bald ein paar Geschenke verteilen können. Im Geiste sah ich, wie ich Karl beiläufig einen Autoschlüssel zuwarf: „Hier Alter, du stehst doch auf Porsche – der da drüben gehört dir.” Und Karl würde nach Luft ringen, sprachlos vor Rührung und Dankbarkeit. „Du, Paul, ich weiß gar nicht, wie … wie …”
„Ihren Leichenwagen hab ich im Wald gefunden, bloß Sie nicht, Herr Nickel!” Walter Lübbers war gewichtig an den Tisch getreten und zeigte ein halb vorwurfsvolles, halb schelmisches Lächeln. Walter war fast ebenso groß und rund wie sein verstorbener Bruder, doch im Gegensatz zum rotblonden, schwammigen Willi hatte Walter dunkles Haar, das zu einer Ponyfrisur geschnitten war, und wirkte äußerst gesund und kompakt. Unter seinem zeltartigen, offenen Dufflecoat spannte sich ein handgestrickter Norwegerpullover, die Brille blitzte, dahinter braune Rehaugen. Er war sichtlich stolz auf seine langen Wimpern, denn beim Sprechen klimperte er fortwährend damit. Er legte die Hände an die Hosennaht wie ein Schuljunge: „Darf ich mich setzen?”
„Wir wollten grad gehen”, sagte Karl rasch und erhob sich.
Ich stand ebenfalls auf und streckte Walter die Hand hin. „Mein Beileid.”
Sein Gesicht zog sich für einen Moment in die Länge. „Danke” sagte er tonlos. Dann leuchteten die Augen wieder hoffnungsvoll auf: „Ich fahr Sie rüber, ja?”
2. Kapitel
Als ich um den alten Golf herumgehen wollte, um einzusteigen, hielt Karl meinen Arm fest. Ich sah ihn fragend an, doch er schaute nur entzückt auf Walter. Der Dicke hatte sich mühsam durch die Tür auf den Fahrersitz gequetscht und warf sich nun – zwecks besserer Verteilung der Massen – wild hin und her, so daß das ganze Auto schaukelte. Ein eindrucksvolles Bild. Nun tastete er keuchend nach dem Sicherheitsgurt, zerrte an seiner verrutschten Garderobe, rückte am Innenspiegel, glühte den Diesel vor und wandte sich uns schließlich auffordernd zu. Karl kroch grinsend nach hinten, ich drückte mich auf den Beifahrersitz. Trotz seines Umfangs gehörte Walter zu den vornübergeneigten Fahrern, die mit der Nase an der Frontscheibe kleben. Ruckelnd steuerte er das Vehikel erst ein Stück die Hauptstraße entlang, dann bog er rechts ab. Im Scheinwerferlicht tauchte die Backsteinwand der Friedhofskapelle auf, danach durchquerten wir ein kleines Waldstück. Walter zeigte mit dem Finger auf einen tiefen Graben, der sich links des Weges erstreckte. „Seit Jahren völlig trocken, der Peerbeek hier”, erklärte er wichtig. „Peerbeek heißt Pferdebach. Früher mal ist da die ganze Feuchte aus dem Sumpf hinter der Fehnkoppel längsgeflossen, bis sie 1816 alles in die Niddau reingeleitet haben, damit das Dorf für den Brandfall genug Löschwasser haben sollte. Das ist historisch. Hab ich letztes Jahr wissenschaftlich erforscht, für die Festschrift von der Freiwilligen Feuerwehr.”
„Donnerwetter”, sagte ich höflich.
„Ja, da drüber gibt es sogar ein Gerichtsurteil aus dem Jahre 1867, das besagt: die Niddau hat Anspruch auf zwei Drittel vom Peerbeekwasser!” Was aus dem dritten Wasserdrittel geworden war, blieb im Dunkeln, denn Karl sagte unvermittelt: „Du, Paul – weißt’ überhaupt, wen wir morgen im Studio haben werden? Die Nina Simon!”
Ich pfiff durch die Zähne. Nina Simon war nicht irgendwer. Sie war ein internationaler Musical-Star; ihr hatte ganz Paris zu Füßen gelegen, in den USA galt sie als Fräuleinwunder. Soweit ich wußte, ließ sie sich gerade von einem millionenschweren Wall-Street-Broker scheiden.
Bevor ich Karl über die geplante Session ausfragen konnte, passierten wir zwei pseudoantike Kutschlaternen, die ein Bewegungsmelder klickend einschaltete, und da lag der Eichenhof, ein großes Backsteinhaus unter mächtigen Bäumen. Es präsentierte sich mit seinen Nebengebäuden und den hellen Fenstern äußerlich durchaus einladend. Direkt davor stand ein schwarzer Porsche. Auf einem kleinen, kiesbestreuten Parkplatz unter den Bäumen standen ein silberfarbener BMW-Geländewagen, Didiers großer Audi Quattro, der Mercedes-Kombi seiner Frau und ein dunkler 7er BMW. Walter eilte voraus, um uns die Haustür aufzuhalten, auf der ein Plastikschild prangte: Kulturkreis Niederholt e.V. – der Doktor nutzte das Anwesen für ein privates Steuersenkungsprogramm.
Das Gebäudeinnere war weniger einnehmend. Wie in vielen norddeutschen Bauernhäusern der Jahrhundertwende waren die Zimmer hoch, aber klein. Deshalb hatte Didier in der Wand zwischen dem engen Treppenhaus und der ehemaligen Wohnstube einen Durchbruch schaffen lassen, so daß ein größerer Raum, eine Art Diele entstanden war, wo es trotz neuer Kunststoffenster scheußlich zog. Der Kohleofen war durch einen Ölofen ersetzt worden, die alten Dielen mit Laminatplatten im Kiefernholz-Look beklebt. Ein Adventskranz baumelte an einem dünnen Draht unter der Deckenlampe.
An der Rückwand des Raumes stand verloren ein modisches Sofa, und darauf saß, noch verlorener, ein kleiner Mann mit braunen Locken und freundlichem Clownsgesicht. Wie es sich für einen Clown gehörte, sah er zutiefst melancholisch aus, aber in diesem Zimmer alleingelassen mußte jeder trübsinnig werden.
„Dem Himmel sei Dank!” Der kleine Mann sprang auf und kam auf uns zu; „Menschliche Antlitze!” Er boxte mir vertraulich auf den Arm. Wir umarmten uns. Dann sah er mir ins Gesicht: „Na ja, fast menschlich!” Er reichte Karl die Hand.
„Ja, da schau her, der Pelle”, sagte Karl; „was machst denn du hier? Warum bist denn net ins Wirtshaus kommen?! Was macht Köln? Und wo ist überhaupt der Doktor?”
„Ins Wirtshaus bin ich nicht gekommen, weil mir heute nicht nach Angestarrtwerden ist”, sagte Pelle, „Köln macht mal wieder Karneval, und der Doktor ist mit der großen Nina Simon oben im Büro.”
„Darf ich mich vorstellen, Herr Schmitz”, räusperte sich Walter, die Hände an der Hosennaht, „mein Name ist Lübbers.” Und als ob das seine Anwesenheit erkläre, fügte er stolz hinzu, wobei er den Blick mit flatternden Wimpern zur Decke richtete: „Dies hier ist nämlich mein Elternhaus.”
Pelle Schmitz nickte verbindlich, tat Walter aber nicht den Gefallen, auf dessen Eröffnung einzugehen. Pelle gehörte seit vielen Jahren zum Ensemble von Acht nach Acht, einer wöchentlichen Comedy-Show, die mit regelmäßigen fünf Millionen Zuschauern zu den erfolgreichsten Fernsehsendungen Europas zählte. Er war es gewohnt, der „Kundschaft” bereitwillig Autogramme zu geben und allzu dumme Fragen und Bekenntnisse verständnisvoll zu ignorieren.
Lübbers setzte mit Grabesstimme nach: „Mein Bruder ist letzte Woche verstorben.”
Nun war Pelle doch irritiert. „Das tut mir leid.” Er fixierte Lübbers prüfend, dann sah er mich schief an wie ein verwirrter Foxterrier. Ich mußte lachen. Ich war schon immer Pelles dankbarster Fan gewesen. Neben seinem komischen Talent hatte er beachtliche musikalische Fähigkeiten, spielte ein rasantes Akkordeon und konnte damit jeden Saal zum Kochen bringen. Ich hatte einige Platten für ihn produziert, die sich aber allesamt nicht verkauft hatten. Vermutlich deshalb, weil wir uns gegenseitig zu allzu schrägen Ideen anstachelten.
Lübbers sah verunsichert von einem zum anderen. Ich wechselte das Thema. „Hat jemand eine Ahnung, was eigentlich anliegt? Und wer noch alles kommt?”
Karl war überrascht. „Ich hab gedacht, das wüßtest du! Es geht um dem Böckelfeld seinen neuen Radiosender: Radio4Fun.” Karl sprach es englisch aus: „Radio for fun, verstehst, und ›for‹ wie ›four‹ geschrieben, vier, als Ziffer. Irrsinnig originell. Der Doktor hat a Lizenz, und jetzt will er jedem seiner Schäfchen die Chance geben zu investieren.”
„Tja, bei mir gibts nichts zu scheren”, sagte ich, „aber du könntest Haare lassen, Pelle.”
Pelle nickte. „Wer weiß – vielleicht lohnt es sich. Von Geld versteht unser Doktor schließlich was. Aber große Lust hab ich nicht. Irgendwie hab ich sowieso schon viel zu viele Verträge mit ihm.” Er rieb sich fröstelnd die Hände. „Sagt mal, gibt es hier irgendwann noch was zu essen? Ich hab vier Stunden im Auto gesessen, mir hängt der Magen auf die Knie!”
Karl und ich nickten lebhaft. „Es wartet ein Festmahl auf dich”, sagte Karl, „von der Hausherrin mit eigener Hand bereitet: Kürbisbrot, Tofu-Würsterl und auf jedem Avocadoschnitz a Weimberl – eine Weintraube.” Ich grinste. „Karl und ich haben leider bereits gegessen.”
„Mistbock!” kam es von der Treppe. Ein langes, schlankes Beinpaar in schlabberigen Nike-Pants wurde sichtbar. Es gehörte Nina Simon. Karl pfiff leise durch die Zähne. Direkt hinter ihr zeigte sich, gleichfalls sportlich behost, der Mistbock – Dr. Günther Didier.
„Zicke!” antwortete er und bekam ein „Chauvi!” zurück. Zwei weitere Beine erschienen; diese in konventionellem, dunkelblauem Zwirn. Der Besitzer erwies sich als sehr großer, kräftiger, blasser Mann mit Geheimratsecken. Didier zog Nina Simon an den Haaren: „Blöde Tussi!” Sie warf neckisch den Kopf zurück: „Penner!”
Pelle verzog unangenehm berührt das Gesicht und sah mich an: „Was soll das? Proben die für‘s Ohnsorg-Theater?”
„Sieht so aus”, sagte ich, „ist aber nur Günthers Art, der Welt mitzuteilen, daß er eine neue Eroberung gemacht hat.”
Es gibt unzählige Agenten und Verleger und Marketingleute und andere Figuren im Showgeschäft, denen man von weitem anmerkt, daß sie im Grunde verhinderte Künstler sind, aber der Doktor war ein besonders krasser Fall. Er spielte ständig irgendwelche Rollen, war ständig auf seine Außenwirkung bedacht. Nach seiner Heirat mit Iris Didier hatte er sich sofort edles Bütten mit dem Briefkopf Dr. Günther Böckelfeld-Didier bedrucken lassen. Als sich alles darüber schlapplachte, beschränkte er sich widerstrebend auf Dr. Günther Didier.
Er kostümierte sich zu gern, paßte seine Kleidung jedem Anlaß und jedem Publikumsgeschmack an: auf Schlagergalas glänzte er in italienischen Seidenanzügen, bei Gewerkschaftsveranstaltungen erschien er mit blaukariertem Hemd, die Rapperszene beehrte er mit Wollmütze und offenen Schnürsenkeln. Er besaß sogar unterschiedliche Brillen. Zu Autorenlesungen trug er ein Horngestell, zu linken Kundgebungen eine Nickelbrille, bei Verleihungen goldener Schallplatten kamen Dior, Prada oder Gucci zum Einsatz. Nur wenn pure Jugendlichkeit gefragt war, trug er gar keine Brille (er brauchte schließlich auch keine). Und das Verrückteste: er glaubte ernsthaft, überall gleichermaßen authentisch zu wirken.
„Was findt’ a Frau wie die Nina Simon bloß an so am g’schertn Einedrahra?” murmelte Karl kopfschüttelnd.
Die naheliegende Antwort war Didiers Äußeres. Er sah bemerkenswert gut aus. Etwas über mittelgroß, schlank, gepflegt, volles schwarzes Haar, glatte Haut, ein ebenmäßiges Gesicht mit ausdrucksvollen braunen, wenngleich leicht vorstehenden Augen. Ein kräftiges Kinn, weiße Zähne hinter wohlgeformten Lippen, darüber eine perfekt gerade Nase. Als ich ihn vor Jahren zum erstenmal traf, hatte er noch einen ziemlich krummen Zinken im Gesicht. Damals saß ihm gerade ein Lokalblatt wegen irgendwelcher krummer Geschäfte im Nacken, was er seinerseits als „Hetzkampagne der reaktionären Presse und Aufforderung zur Gewalt” anprangerte. Und wirklich wurde er danach überraschend Opfer einer Gewalttat: seiner Schilderung zufolge fing ihn eines Abends vor seinem Haus ein finsterer Vermummter ab, der „Böckelfeld, du linke Sau!” schrie und ihm sodann aufs Nasenbein schlug. Von dem Unhold fand sich nie eine Spur, doch das Opfer lief eine ganze Weile ostentativ leidend mit verpflastertem Gesicht umher, und das Lokalblatt mußte sich entschuldigen. Als der Doktor die Nase schließlich wieder offen trug, sah sie tatsächlich ganz anders aus als vorher. Das war wohl das erstemal in der Geschichte der Presse, daß eine Zeitung mittels chirurgischer Nasenkosmetik von der Enthüllung peinlicher Zusammenhänge abgehalten wurde.
„Petzi, Pelle und Pingo!” Mit ausgebreiteten Armen stand Didier auf der untersten Treppenstufe und sonnte sich in seinem Witz: Petzi, Pelle und Pingo! Ich empfand es mal wieder als höhere Gerechtigkeit, daß der schöne Doktor mit dieser schrillen Stimme geschlagen war. „Petzi, Pelle und Pingo”, schepperte es, „Petzi, der Held der Saiten, Pelle, der Meister der Komik und Pingo, der Beherrscher des Lötkolbens!”
Ich lachte pflichtschuldig und ärgerte mich im selben Augenblick darüber. Ich würde mich jetzt tagelang „Petzilein” nennen lassen müssen. Warum konnte ich mich nicht einfach kühl abwenden wie Karl?
„Schön, daß ihr da seid, meine Lieben! Nina Simon kennt ihr natürlich, und dies”, wies Didier auf den großen Herrn mit den Geheimratsecken, „ist der Herr Schreiner vom Rechenzentrum, das meine Außenstände bearbeitet.”
Nina Simon lächelte freundlich, während wir ihr vorgestellt wurden; Schreiner verzog keine Miene.
„Der Herr Lübbers hier aus dem Dorf”, fuhr Didier fort, „ist ein guter Freund, dem ich künftig mein Haus anvertraue, wenn ich auswärts bin.” Er seufzte kummervoll. „Bislang war dafür immer sein Bruder da, unser lieber Willi, der gerade von uns gegangen ist. Dazu sag ich nachher noch was, aber jetzt …”, er öffnete mit großer Geste die Tür zum Eßzimmer, „jetzt kommt erst mal rein, kommt rein – die Iris hat was für uns vorbereitet!”
Das Essen war genau so, wie Karl es beschrieben hatte, und fand entsprechend wenig Anklang. Pelle aß grämlich einen Teller Möhrensuppe und ein gebratenes Tofuwürstchen, dann machte er es wie Karl und ich und hielt sich an das Bier, das in kleinen Einwegflaschen auf der Fensterbank bereitstand. Auch Nina Simon und Schreiner aßen kaum; an dem Nudelsalat fand allein Lübbers Gefallen. Die Hausfrau ließ sich nicht sehen, doch das war nichts Besonderes. Didier und Gattin lebten seit langem auf Distanz in einer reinen Zweckgemeinschaft; Iris pochte auf finanziellen wie häuslichen Rückhalt für sich und die beiden Kinder, während er bei Bedarf für die Öffentlichkeit den treusorgenden Familienvater oder Gastgeber mimen konnte. Außerdem wußte sie viel zuviel über seine Geschäfte und Winkelzüge, als daß er sie hätte wegschicken können.
Bei Tisch schilderte Didier euphorisch die enormen Möglichkeiten des Kommerzradios im allgemeinen und von Radio4Fun im besonderen, sprach über Senderfarben, Reichweiten und Formate, vor allem aber über die ungeheuren Verdienstchancen für Investoren. Ich saß wie auf Kohlen. Ich wollte wissen, was er in Los Angeles erreicht hatte, suchte immer wieder seinen Blick, aber er wandte sich fast nur in Nina Simons und Pelles Richtung – dorthin, wo das Geld saß. Pelle zeigte sich allerdings nicht sehr geneigt, sondern wollte sich lieber mit Nina unterhalten.
Als sich der Doktor ein alkoholfreies Bier holte, paßte ich ihn am Fenster ab: „Wie steht‘s denn nun mit Bridget Summers, Günther?”
„Nicht jetzt”, zischte er. „Später! Denk an unsere Abmachung!”
Von draußen war ein Automotor zu hören. Karl spitzte das geschulte Ohr und stöhnte: „Ein Passat. Ah je. Der Berthold Wiesegger. Konnte dieser Kelch nicht an uns vorübergehen?”
Der Doktor eilte hinaus. Wenig später hörte man von dort sein typisches Geschnäbel. „Ei der Berthold! Du bist ja so spät, mein Bertilein! Willst du nicht reinkommen?”
Nein, Berthold wollte noch nicht reinkommen, sondern wollte sich erst frischmachen. Er legte jedoch Wert darauf, schon mal seinen imposanten Baßbariton ins Haus schallen zu lassen. Erstaunlich, dachte ich, wie weit der Eindruck tragen kann, daß sich jemand gern reden hört.
Lübbers füllte sich den Teller zum drittenmal mit Nudelsalat und zwinkerte uns dabei zu, als tue er etwas Verbotenes. „Ich bin kein Vegetarier”, sagte er, „aber bei so gesunden Sachen, da kann ich nicht widerstehen! Gesunde Ernährung ist extrem wichtig.” Er klopfte sich schelmisch auf den Bauch. „Und als gelernter Landwirt, da weiß man, was gut ist und ökologisch in Ordnung.”
„Landwirt?” fragte Karl harmlos. „Bist du net Grundschullehrer?”
Lübbers nickte. „Ich bin Lehrer, aber auch Landwirt und Gärtner! Das ist ein ungeheurer Vorteil in einer Dorfschule! Ich gehe mit den Kindern immerzu raus in die Natur; bei uns hier gibt es so viel zu sehen – Feuchtbiotope, Wallhecken, Streuobstwiesen, seltene Sträucher, Stauden, Wildblumen. Sie glauben ja gar nicht, wie begeistert die Kinder Pflanzen bestimmen, Pilze suchen und Heilkräuter!”
Karl neigte sich zu mir herüber und flüsterte vernehmlich: „Die Bälger hassen ihn!” Walter zuckte, tat aber, als habe er nichts gehört. Schnell sagte ich: „Mit meiner nächsten Grippe komm ich zu Ihnen, Walter, und hol mir Kamillentee.”
Lübbers hob einen dicken Zeigefinger: „Grippe ist ein Virusinfekt. Da hilft keine Kamille. Da hilft nur eine gute Kondition.” Wieder klopfte er auf seinen Bauch. „Gesunde Ernährung, das ist das Geheimnis!” Er wurde ernst. „Mein armer Bruder hat sich leider ganz schlecht ernährt; nichts wie Konservendosen. Ich hab ihm jeden Tag hundertmal gesagt, daß das nicht gutgehen kann!”
Karl schüttelte den Kopf. „Geh, sammer ehrlich, Walter – an Unterernährung gestorben ist der Willi net!”
„Nein. Gestorben ist er am Alkohol. Der hat ihn kaputtgemacht. Gegen den ist kein Kraut gewachsen.” Walters Gesichtsausdruck bekam eine scheinheilige Note. „Gegen den hätte ihm nicht mal der Schuster Nagel helfen können.”
Pelle wurde die Sache zu obskur. „Wie? Was? Schuster Nagel? Was für ein Schuster Nagel?”
Karl und ich nickten uns gequält zu. Diese Frage hatte Lübbers provozieren wollen. Jetzt war er nicht mehr zu bremsen. „Der Schuster Nagel”, holte er aus, „war ein Heilkundiger, der Ende des 19. Jahrhunderts im Dorf gewirkt hat. Der war in ganz Deutschland berühmt, sogar im Ausland! Bis zu tausend Leute am Tag sind damals nach Niederholt gekommen. Da gab es Hotels hier, Droschken, alles wollte zum Wunderdoktor. Der hat immer gleich zehn Patienten auf einmal behandelt, so groß war der Andrang!”
„Aha”, sagte Pelle.
„Ja, Sie werden lachen: der Schuster hat den Leuten im Nacken ein Haarbüschel abgeschnitten, gegen‘s Licht gehalten und durch eine Lupe begutachtet – und dann wußte er die Krankheit!”
Pelle nickte. „Faszinierend.”
„Nicht wahr?! Besonders natürlich für mich als geborenen Niederholter. Sie müssen wissen …”, Lübbers senkte den Kopf und sah mit stolzem Augenaufschlag in die Runde, „ich bin sowas wie der offizielle Dorfchronist! Wenn Sie Interesse haben, gebe ich Ihnen gerne mal die letzte Festschrift der Freiwilligen Feuerwehr. Da ist meine ganze Geschichte Nedderholts drin – so heißt das Dorf nämlich auf plattdeutsch – Nedderholt.” Jetzt war er in Fahrt. Auf die historische Würdigung der Nedderholter Feuerwehr folgte die des Kegelklubs, des Posaunenchors und des Sportvereins, wobei die Meriten vieler wichtiger Mitglieder kritisch gewürdigt wurden. Auch eigene Verdienste verschwieg Lübbers nicht. So berichtete er ausführlich, wie er sich geopfert und das Stellvertretende Bürgermeisteramt angenommen habe, weil sein umfassendes Wissen für den Gemeinderat unverzichtbar gewesen sei. Walter unterstrich alle Ausführungen, indem er mit dem dickem Zeigefinger erläuternde Kreise und Rechtecke aufs Tischtuch malte, und lächelte zwischendurch mit flatternden Wimpern unter dem Pony hervor in die Runde, als sei es ihm ein bißchen peinlich, seine Zuhörer so unwiderstehlich zu fesseln.
Da ich die Show schon kannte, vertrieb ich mir die Zeit damit, die Reaktionen des Publikums zu studieren. Karl hatte sein Gehirn abgeschaltet und war offenen Auges und Mundes in einen schlafartigen Zustand gesunken (er nannte das „Brain mode Off”). Pelle dagegen setzte ein hingerissenes Gesicht nach dem anderen auf; mal nickte er bedeutungsvoll zustimmend, mal legte er einen Finger an die Lippen oder bewegte den Mund, als spreche er Walters wichtigste Informationen nach. Nichts in seiner Mimik gab auch nur den leisesten Hinweis auf Zweifel an seiner Ernsthaftigkeit, und gerade das war es, was Nina Simon veranlaßte, sich in lautlosen Lachkrämpfen auf ihrem Stuhl zu winden. Dafür strafte Pelle sie mit empörten Seitenblicken, die noch mehr verzweifeltes Prusten auslösten.
„Hör auf!” flüsterte sie.
Schreiner saß unbeteiligt auf seinem Stuhl und hielt den Schädel schläfrig gesenkt. Trotzdem vermittelte er irgendwie den Eindruck, er sei fähig, Lübbers im nächsten Moment niederzuschießen.
Der Doktor lehnte im Türrahmen und lächelte. Er beobachtete Walter mit boshaftem Amüsement wie einen plumpen Nachtfalter, der die Leselampe zu begatten sucht. Schließlich reichte es ihm aber: „Ja, unser Walter Lübbers – gelernter Landwirt und Heilpädagoge!” Dann begann er zu singen:
„Ich bin der Doktor Eisenhut
Widewidewitt bumm bumm
Kurier die Leute wohlgemut
Widewidewitt bumm bumm!”
Pelle fiel ein:
„Kann machen, daß die Blinden gehn
Und daß die Lahmen wieder sehn
Gloria, Victoria, widewidewitt jucheirassa
Gloria, Victoria, widewidewitt bumm bumm!”
Lübbers war verstummt. Didier legte ihm eine Hand auf die Schulter: „Laß uns grad nochmal über den Willi sprechen.” Er senkte betroffen die Stimme: „Der Bruder vom Walter ist uns ein ganz, ganz treuer Freund und Haushüter gewesen. Morgen wird er beerdigt, und die Iris und ich werden ihm selbstverständlich die letzte Ehre erweisen. Karl, Paul – ihr habt ihn ja beide auch gut gekannt, ihr wollt gewiß mit.”
Ich stimmte wieder mal bereitwilliger zu, als es mir lieb war. Überraschenderweise nickte auch Karl.
„Sehr schön”, sagte Didier, nun wieder in nüchternem Ton. „Jetzt noch was ganz anderes. Nina, vom Paul Nickel hab ich dir ja erzählt. Der Paul hier ist derjenige, der morgen die Aufnahmen machen soll.” Er warf mir einen Verschwörerblick zu. „Paul, die Nina will eine Bridget-Summers-Nummer auf Deutsch machen; das Playback hab ich aus LA mitgebracht, der Karl hat‘s schon überspielt.” Er sah Karl an, der nickte.
Ich konnte mir schon denken, welche Summers-Nummer auf Deutsch gemacht werden sollte, hätte aber lieber gewußt, wie es um die englische Version stand. Leider machte der Doktor auch für den Rest des Abends keine Anstalten, sich auf das Thema einzulassen.
Zum Auftritt Berthold Wieseggers hätten eigentlich Alphornfanfaren und ein Ballett leichtgeschürzter Knaben gehört. Nina Simon mochte keine Diva sein – Wiesegger war eine. Er kündigte sich, nunmehr frischgemacht, schon von draußen mit sonorem Dröhnen an: „Günther?! Wo bist du? Wo geht‘s rein? Aaah, hier geht‘s rein!” Damit war sichergestellt, daß bei seiner Ankunft aller Augen auf ihn gerichtet waren. In der Tür verharrte er sekundenlang und ließ seine Erscheinung wirken: tadellose Fönfrisur, Dreitagebart, buschige Brauen, Trachtenjanker, weißes Hemd mit Binder. Er sah ausschließlich Didier an und posaunte bestürzt: „Günther! Was ist passiert, um gotteswillen? Was ist los?!”
Karl rieb sich die Stirn. Er mußte, das hatte er mir mal erzählt, beim Klang von Wieseggers Stimme immer an lauwarme Teewurst denken. Ich fand die Situation insofern erfreulich, als Didier endlich einmal hilflos wirkte. Er grinste nur verständnislos und wußte keine Antwort, weil es nun mal keine gab. Mit perfektem Timing griff Wiesegger dem Moment vor, in dem die peinliche Spannung womöglich nachgelassen hätte, riß die Augen auf und wandte sich flüsternd an alle: „Grüß Gott miteinander, aber – entschuldigt bittesehr – was ist passiert? Ein scheußlicher Unfall? Vor dem Dorf steht ein pechschwarzer Leichenwagen!”
Pelle mahnte Nina mit einem strengen Blick, ernst zu bleiben. Sie bedeckte ihr Gesicht mit der Hand. Karl stöhnte leise. Schreiner sah mißtrauisch von einem zum anderen.
„Es ist so”, meldete sich Walter Lübbers eilfertig, „das ist bloß der Wagen von dem Herrn Nickel.”
„Er gehört meinem Vater”, stellte ich richtig, „mein Vater hat ein Bestattungsinstitut.”
„Ein Bestattungsinstitut”, wiederholte Wiesegger, wobei er bleiern nickte, als habe er einen schweren Schicksalsschlag zu verdauen. „Und wer … wer ist gestorben?”
Walter Lübbers zog die Mundwinkel nach unten und zitterte mit den Wimpern. „Mein Bruder Willi.”
„Jemand aus dem Dorf?” Wiesegger war enttäuscht. „Mein Beileid.” Er ließ Lübbers links liegen und sah Didier an. „Dir geht‘s aber gut? Frau und Kinder wohlauf? Na, Gott sei Dank!”
Wie es aussah, hatte er vor, den Rest des Abends als Bühnenstück mit Berthold Wiesegger in der Hauptrolle aufzuführen. Didier gab sich immer wieder alle Mühe, ihn unauffällig beiseitezunehmen, um ihm die Vorteile einer Beteiligung an Radio4Fun schmackhaft zu machen, doch Wiesegger hatte anderes im Sinn. Je diskreter der Doktor die Unterhaltung zu gestalten suchte, desto lauter sorgte Wiesegger dafür, daß jeder im Raum erfuhr, worum es ging. Außerdem interessierte ihn Radio4Fun nicht. Er wollte darüber reden, warum das vorgesehene Honorar für seine Teilnahme an der Samstagabendwette, der größten Fernsehshow Deutschlands, so unzumutbar niedrig sei. „Ich freue mich ja über die Einladung, verstehst du, aber wieso soll ich da als einziger von all den Gästen für ein Butterbrot auftreten!?”
Didier atmete tief durch. „Berthold, das ist nicht das Musikantenschoberl! In der Samstagabendwette solltest du notfalls sogar ohne Honorar auftreten, und zwar mit Kußhand! Die Samstagabendwette ist Gratiswerbung im Megamaßstab! Was glaubst du, was bei denen los ist, wie die Künstler denen die Tür einrennen?! Ich hab baggern müssen wie ein Blöder, um dich da reinzukriegen!”
„Wie bitte? Du hast baggern müssen?! Entschuldige mal – der Ellerbeck hat mich schon vor Jahren persönlich angesprochen und gefragt, ob ich nicht …”
„… ja, vor zwanzig Jahren vielleicht! Heute treten da Leute wie Leonardo DiCaprio und Madonna auf, da werden doch heute ganz andere Ansprüche gestellt als …”
„… genau! Ganz andere Ansprüche! Leonardo DiCaprio geht da mit Sicherheit nicht für einen Hungerlohn hin, und Madonna auch nicht!”
„Nein, natürlich nicht, aber – ohne dir nahetreten zu wollen – Leonardo DiCaprio und Madonna sind Weltstars! Und du bist Volksmusikant, ein singender Schauspieler aus Meisenwang!”
Wiesegger schnappte nach Luft. „Ein singender Schauspieler aus Meisenwang? Ein singender Schauspieler aus Meisenwang?! Und wer verdient an dem singenden Schauspieler aus Meisenwang?! Das bist du doch, Günther! Du verdienst doch an meinen Platten! Du verdienst doch an meinen Auftritten!”
Didier schloß entnervt die Augen.
Wieseggers Halsschlagadern traten hervor. „Schön, ich bin vielleicht nur ein singender Schauspieler aus Meisenwang, aber deshalb habe ich es noch lange nicht nötig, mich für ein Butterbrot feilzubieten! Ich fordere dich hiermit unter Zeugen auf: sag meinen Auftritt ab! Sag ab! Sag alles ab! Sag alles, alles ab!” Er reckte das Haupt und sah applausheischend um sich. „Ich hab doch recht!”
Die Runde war bestrebt, so unbeteiligt wie möglich zu wirken. „Ich bin ein bißchen müde”, sagte Nina, „ich geh dann mal ins Bett.”
„Ich bin auch müde”, sagte Pelle, und ich schloß mich hastig an: „Ich auch.”
Karl stand einfach grußlos auf und ging. „Die sind doch krank”, sagte er in der Halle, „alle beide.”
Ich schob wütend die Hände in die Hosentaschen. Ich war kein bißchen schlauer als zuvor.
„Was ist?” fragte Karl.
Ich wich aus: „Sag mal, warum hast du bloß so bereitwillig gesagt, daß du mitgehst zu dieser Beerdigung?”
Karl war erstaunt. „Das hast du doch auch!”
„Stimmt”, ärgerte ich mich, „aber du kennst mich doch – ich bin ein Weichei, ich kann nicht nein sagen.”
Karl schüttelte den Kopf und grinste. „Hast du schon mal eine Beisetzung in Niederholt erlebt?”
„Nein.”
„Dann laß dich überraschen.”
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