Kitabı oku: «Original Linzer Tortur»

Yazı tipi:


Erich Wimmer:

Original Linzer Tortur

Alle Rechte vorbehalten

© 2017 Salomon, Wien

www.salomon-verlag.at

Cover: JaeHee Lee

Coverfoto: Hongwei Tang

Gestaltung: Lucas Reisigl

ISBN 978-3-90320-010-4

eBook-Herstellung und Auslieferung:

Brockhaus Commission, Kornwestheim

www.brocom.de

PROLOG

»Ssheiiiszhauuh!«, fauchte Herr Wagner in den straffen Knebel, der wie eine feuchte Stoffwurst zwischen seinen Kiefern klemmte. Seit er aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht war, sah er die gewohnte Umgebung aus dem ungewohnten Blickwinkel einer aufgedunsenen Made. Eingehüllt in ein eierlikörgelbes Leintuch und gefesselt mit einem blaurot karierten Bergsteigerseil saß er schräg und verkrampft auf seinem Wohnzimmersofa und versuchte vergeblich, sich zu bewegen.

Warum fühlte sich dieser Alptraum so verflucht wirklich an? Wieso hatte es ausgerechnet ihn erwischt? Er war doch der Wirtschaftsmann. An ihm hing das Wohl aller. Aber wie, bitteschön, sollte er denn diesem Wohl dienen, wenn er sich nicht rühren konnte? Er war doch der mit Abstand vitalste Hecht im trüben Teich der österreichischen Wirtschaft. Außer ihm grundelte dort nichts Nennenswertes herum, abgesehen von ein paar alten Karpfen mit Moos am Rücken und ein paar blinden Karauschen. Nur ihm alleine, Ingenieur Ernst August Wagner, verdankte der österreichische Höhlenmensch den Schritt vom Pleistozän ins einundzwanzigste Jahrhundert. Er alleine hatte die Schöpfung vollendet, indem er den Arbeitsplatz erschaffen hatte. Und der Arbeitsplatz war das lebensrettende Schutzhäuschen am Gipfel einer bis dahin komplett unfertigen, schroffen und trostlosen Welt. Dank ihm hatte Gottes weitgehend sinnlose Vorarbeit eine sinnreiche Vollendung erfahren. Und dann, man stelle sich das vor, kommt irgendwer von irgendwo her und bindet ihn hier fest! In seiner eigenen Villa!

»Hosmochn! Chshofurt!«, röchelte Herr Wagner in die Stoffklemme, bevor ihm endlich ein plausibler Verdacht durch die Synapsen zitterte: die Vogeldoktoren der Jauregg-Klinik! Den Psychogockeln war alles zuzutrauen. Von diesen Traumtänzern wusste kein einziger, wo bei einer Schaufel hinten und vorne war. Herumsülzen und Mist verzapfen, bei sowas waren die Weltmeister – und natürlich bei der totalen Fehleinschätzung ihrer hirnamputierten Patienten. Wahrscheinlich war einer der abnormen Schwerverbrecher einfach bei der Krankenhaustüre rausmarschiert und auf den Linzer Froschberg gelaufen, um hier die Villen auszurauben. Diesem Perversen machte es offensichtlich einen ganz besonderen Spaß, hochangesehene, mit dem goldenen Verdienstkreuz ausgezeichnete Wirtschaftsmänner zu fesseln und zu erniedrigen.

Der Kontrollverlust über seinen Körper schmerzte Herrn Wagner noch mehr als die Vorstellung, dass dieser rohe Rüpel garantiert noch nie einen Arbeitsplatz erschaffen hatte. Der Verlust von irgendwelchem Klimbim war im Grunde genommen noch verkraftbar. Aber dass sich der Spielraum seiner Zunge nur im Millimeterbereich bewegte und sich seine Finger und Zehen anfühlten wie halbseitig gelähmte Würmer, das war die eigentliche Sauerei. Die Riesensauerei. Der einzige Teil an ihm, der nach wie vor die übliche Freiheit genoss, war sein Gaumenzapfen. Der hing frei und fidel über dem Schlund, als wäre nichts geschehen. Dass Herr Wagner einmal seinen eigenen Gaumenzapfen um dessen Freiheit beneiden würde, diese Vorstellung vernichtete seinen ohnehin bescheidenen Vorrat an halbwegs vernünftigen Gedanken. Herr Wagner spuckte weißliche Schaumbläschen, begleitet von Zisch- und Grunzgeräuschen: »Shaiiisau, hu hoide hchregsauhauhau! Hos hachn!«

Durch den straffen Knebel war seine Zunge klumpig gestaucht und verhunzte die Modulation sämtlicher Kraftausdrücke, die er so gerne klar und deutlich losgeworden wäre. Wegen seiner eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten blickte Herr Wagner notgedrungen auf die Wohnzimmerwand, die seinem Gesicht gegenüberlag. Der ausgestopfte Bisonschädel, das Herzstück seiner Jagdtrophäen, sah ihm direkt in die Augen und hatte nicht das geringste Mitleid mit ihm. Oder spielte da sogar ein Grinsen um die Bisonlefzen? Aber sicher. Das Drecksvieh lachte ihn aus. Und nach und nach fingen auch die anderen Schädel damit an. Jedes einzelne dieser hirnlosen Fellgesichter flappte mit seinen Lippen, zeigte ihm die Zunge und amüsierte sich köstlich über die Hilflosigkeit des großen Jägers. Am liebsten hätte Herr Wagner diesen Pelzzombies in die selbstgefälligen Gesichter gespuckt und ihnen seine Faust in die Schnauzen gerammt. Aber die Knoten der Stricke saßen so fest, als wäre nicht ein dürrer Pensionist, sondern ein wildes Raubtier in diesem Wohnzimmer gebändigt worden.

»Hohoarshcch sdrcksgfrhyyys«, wurde Herr Wagner nicht müde, in seiner Knebelsprache zu üben, während aus dem Nebenraum leise Geräusche drangen. Da ein Scharren, dort ein Klimpern und dazwischen das Geraschel frisch gestärkter Stoffe. Und mitten durch dieses Potpourri aus unbeseelten Lauten wehte ein Singsang, der Klang einer unbekümmert vorgetragenen Musik. Als die Melodie Herrn Wagners Trommelfell erreichte, verdickten sich seine dünnen Verdachtsmomente zur ersten Strophe von La Paloma. Er kannte dieses Lied. Er kannte es ebenso gut, wie er die ausgeleierten Stimmbänder kannte und die vertrocknete Maulfalte, aus der dieser Rotz heraussickerte. Aber er würde den Namen dieser Bestie, die im Nachbarzimmer so süffisant vor sich hin pfiff, weder denken noch aussprechen. Stattdessen würde er die Trägerin dieses Namens zermalmen, zerstampfen und in der Luft zerreißen. Aber dafür musste er zuerst diese Fesseln loswerden. Noch einmal bot er all seine Kräfte auf und versuchte, das Seil zu sprengen.

»Schhhitz … tzusau!«

Aussichtslos. Gegen die Macht der Stricke war ihm kein Muskel gewachsen. Hilflos und unbeweglich blieb er in seiner Roulade aus Knoten, Stricken und Wut gefangen.

Die Geräusche aus dem Nebenraum verebbten. Im Türrahmen zum Wohnzimmer erschien eine menschliche Silhouette. Eine alte Frau, kaum größer als ein fünfzehnjähriges Mädchen, sah prüfend auf ein Honigglas in ihren Händen und versuchte, es zu öffnen. Erst nach ein paar vergeblichen Drehbewegungen gelang es ihr, den Deckel vom Glas zu schrauben. Mit dem Behälter in der Hand marschierte sie auf den Gefesselten zu und goss ihm den zähflüssigen Inhalt über den Kopf. Herr Wagner wirkte erstaunlich gefasst, während die alte Dame darauf achtete, dass nichts von dem goldbraunen Honigstrom in seine Augen sickerte. Noch während der Honig gleichmäßig über Hinterkopf, Nacken und Schultern strömte und sich Haut und Stoff in eine Art Fliegenstreifen verwandelten, stellte sie das leere Glas auf eine von einer nackten Marmorsklavin getragene, gläserne Tischplatte und verschwand wieder im angrenzenden Raum.

In Herrn Wagners Nasenflügel entstand ein Beben, die Ausläufer eines Sturmes, dessen Epizentrum in seinem Kleinhirn tobte. Als die alte Frau den Raum erneut betrat, hielt sie ein Album in den Händen. Beim Anblick des teuren Ledereinbandes steigerte sich das Beben der Altmännernase zu einem Zucken des ganzen Körpers, als würden Herrn Wagners nackte, feuchte Hoden gegen einen stromführenden Kuhdraht pendeln. Unbekümmert von diesen Signalen öffnete die alte Frau das Album, strich mit der flachen Hand über die Seiten und wischte eine Briefmarke nach der anderen aus ihrem Falz, bis sie das Album weitgehend geleert hatte. Mit dem zarten Gestus sterbender Schmetterlinge, die nach ihrem Hochzeitsflug zur Erde taumeln, hefteten sich die Marken an Herrn Wagners mit Honig glasierten Körper.

»Sie hat dich gehonigt und gebriefmarkt«, fasste der Bisonschädel die Handlungen der letzten Minuten pointiert zusammen. Auf einer Frequenz, die Herr Wagner nur in diesem Moment seines Lebens wahrnehmen konnte, musste er den zynischen Kommentar des Bisons über sich ergehen lassen und dieses viehische Lachen ertragen, das sich immer wieder neu entzündete an dem Bild eines grotesken Gnoms, das er gerade abgab.

Die alte Frau kehrte zurück in den Nebenraum, schlüpfte in die Träger eines bis an den Rand gefüllten Rucksacks und ergriff eine vollbepackte Reisetasche. Damit marschierte sie vorbei an dem Gefesselten, blieb aber in der geöffneten Tür stehen, um die Tasche noch einmal abzusetzen.

»Weißt du, Ernst«, sagte sie mit einem Ton, der zugleich entschlossen und wehmütig klang, »dein Lebtag lang hast du alles andere lieber mögen als mich. Deine Waffen, die Jagd und diese … Briefmarken. Drum war es höchste Zeit, dass ihr einmal heiratet, du und deine Marken … und noch was, Ernst … schau endlich einmal Richtung Gott. Wird nicht mehr lange dauern und du stehst vor ihm. Dann wirst du dich vor ihm verantworten müssen … und er wird dich nicht fragen, warum du unschuldige Viecher aus dem Hinterhalt abgeknallt hast. Er wird dich was ganz anderes fragen: Warum hast du in deinem ganzen Leben kein einziges gutes Wort für einen anderen Menschen gehabt? Das wird er dich fragen. Und an deiner Stelle würde ich mir die Antwort gut überlegen. Weil die Ausrede, dass du selber eine schwere Jugend gehabt hast, die kannst du vergessen. Die gilt nicht vor Gott. Er hat dir ein langes Leben gegeben und dich reich beschenkt. Aber statt es ihm zu danken, hast du den anderen immer ins Gesicht gespuckt. Und ich war blöd genug, dass ich so lange zugeschaut hab … aber jetzt ist Schluss.«

Ruhig und zielstrebig nahm sie die Tasche wieder auf und verließ die Wohnung.

»Thudhu Shräggshau dhuhoihoide hohoarshshau«, krakeelte Herr Wagner, bevor seine allerletzten Kraftreserven verpufften. Völlig erschöpft sackte er in sich zusammen. Ihm blieb nur noch eine einzige konkrete Hoffnung: das Putzschwein. Dieser Trampel hatte sich sein schönes Geld noch nie entgehen lassen. Das würde sie auch heute nicht tun, dieses Rindvieh! Wenigstens einmal in ihrem nichtsnutzigen Leben konnte auch sie zu etwas nütze sein und ihm diese verfluchten Stricke vom Körper schneiden. Und dann würde er aufstehen, zu seinem Waffenschrank gehen, die Elefantenbüchse herausnehmen, sie mit dem größten Kaliber laden und seiner von Gott verdammten und vom Teufel zum Abschuss freigegebenen Gattin nachlaufen und ihr zeigen, was er von ihrem Abgang hielt.

Dass sie irgendwann abgehen würde wie ein entzündeter Nierenstein, das hatte er im hintersten Hirnwinkel vielleicht für möglich gehalten, besonders in letzter Zeit, seit sie gar nicht mehr aus der Kirche herausgekommen war und sich immer wieder bei diesen verfluchten Priestern wichtig gemacht hatte. Aber diese hinterfotzige Art und Weise ihres Abgangs hatte er so nicht auf der Rechnung gehabt. Damit hatte sie ihn kalt erwischt. So viel musste er der Wahrheit halber zugeben. Ein derartiges Spektakel hätte er ihr nicht zugetraut, diesem verlotterten Luder, dieser pfaffenhörigen Frömmlerin, dieser dreckigen Mistsau.

Die Vorstellung, wie ihr kleiner Körper durch die Wucht des schweren Kalibers abhebt und durch die Luft fliegt, quer durch das Wohnzimmer, bevor er schließlich auf den nadelspitzen Gazellenhörnern landet, der imaginäre Anblick seiner zwischen den Tierschädeln von der Wand hängenden Gattin, das Bild ihres mit Blei vollgepumpten, blutleeren, schlaffen Kadavers, den er den Geiern vorwerfen wird, damit die ihn bis zur Unkenntlichkeit verstümmeln, diese Vision verschaffte Herrn Wagner eine Welle der Genugtuung, die sich zu einem breiten, inneren Grinsen auswuchs. Ein Gefühl, das er dringend brauchen konnte, um die Wartezeit bis zu seiner Befreiung zu überbrücken.

1. Teil Großraum Linz

1

Ein mongolisches Zelt am Eingang zum Fegefeuer, bewohnt von drei diabolischen Hexenmeistern, die unlösbare Knoten in seinen mausgrauen Schicksalsfaden knüpften …

Mit diesem Bild nahm Pius Korab seine allernächste Zukunft vorweg. Und das Schlimmste dabei war, dass er keine Wahl hatte. Er würde diesen Ort in Kürze erreichen und dann eintreten müssen in diesen mirakelschwangeren Kultraum. Kein Wunder, dass sein innerer Angsthase panisch an einem Fluchtplan feilte, während er seinem Freund Isonzo und dessen Hund Mooser scheinbar unbekümmert folgte. Die beiden marschierten zielsicher durch die Traunau, obwohl die Pfade kaum zu erkennen waren. Der beginnende Frühling hatte seine Bärlauchteppiche bis in die letzten Auecken gebreitet. Frischer Knoblauchduft hing wie eine unsichtbare Wolke zwischen den Pappeln.

»Keine Angst, Pius«, sagte Isonzo, »du belangst den Falschen mit irgendwelchen Sorgen. Spätestens morgen sind deine Skrupel Sterngeschnupel. Du hörst dir einfach sein Angebot an. Und wenn es dir zu steil wird oder zu geil klirrt oder zu wenig wohlfeil schwirrt – dann sagst du ganz einfach Nein.«

»Nichts ist komplizierter als ein einfaches Nein«, entgegnete Korab hilflos, »warum sagst du mir nicht ganz einfach Näheres über dieses … Angebot?«

Isonzo breitete pathetisch die Arme aus, als wäre er der Heilige Franz von Assisi, der einem verwirrten Nagetier die drei Hauptaspekte der Frettchenfrage erklärt.

»Weil es dir der Krake höchstpersönlich unterbreiten möchte. Vom Grund seiner Seele, durch Schlund und Mundhöhle will er dich alleine sprechen, ohne frechen Störfunk von irgendeinem Skunk.«

Nach dieser Antwort verstummte Korab, als hätte man ihm den Mund mit Schaumrollenschaum ausgespachtelt. In seiner magischen Innenwelt war mit dem Aussprechen bestimmter Worte und Namen Unheil verknüpft. Und der Krake war ohne Zweifel der Inbegriff eines solchen Namens. Dahinter stand eine Persönlichkeit, die laut Isonzos Definition zur Speerspitze der global agierenden AntiKa-Bewegung gehörte. Dieser lose über sämtliche Kontinente verstreute Bund diverser Kapitalismuskritiker war effizient vernetzt und hatte es sich zum Ziel gesetzt, den geldgeilen Moloch mit seinen eigenen Mitteln zu bekämpfen. Man wollte nicht die alten Fehler wiederholen und alles mit allen teilen, wie das Kommunisten, Hippies und sonstige rührige Spinner versucht hatten. Die humane Gleichheit war eine Illusion, die nur für Paragraphen in schwülstigen Verfassungen reichte, aber in der Praxis immer an den unterschiedlichen Charakteren und Mentalitäten der Menschen scheitern musste. Die AntiKa wollte dieser Diversität Rechnung tragen und gleichzeitig auf eine solidarische Weise jene ökonomischen Grenzen definieren und als verbindlich einfordern, an denen das Kapital kontraproduktiv wurde. Geld sollte weiterhin benutzt werden, aber wieder als Mittel zum Zweck und nicht als Zweck an sich, der sich immer wieder zu einer unkontrollierbaren Instanz auswuchs, die den überwiegenden Teil der Menschheit versklavte. Diesem Programm hatten sich der Krake und seine Mitstreiter mit einer Vehemenz verschrieben, die einem Teufelspakt in nichts nachstand. Aus der absoluten Illegalität diverser Großvermögen, die einzelne oder Konzerne besaßen, leitete die AntiKa das absolute Recht ab, bei ihrem Kampf um ökonomische Gerechtigkeit ebenso auf illegale Mittel zurückzugreifen. Dazu gehörte unter anderem das Fälschen von Geld und Dokumenten – und genau hier lag das Quellgebiet von Korabs nicht geringer Sorge.

Auf Vermittlung Isonzos, der zusammen mit dem Kraken Biologie studiert hatte und seither einer seiner engsten Freunde war, fälschte die AntiKa für Korab seit Jahren diverse Ausweise und ersparte ihm damit eine Menge Ausgaben. Wenn Korab ins Kalkül zog, dass er als freischaffender Privatdetektiv, diplomierter Kunstvermittler und selbst ernannter Fishing Guide gerade einmal genug verdiente, um die Standgebühr für seinen Wohnwagen zu bezahlen und sich halbwegs passabel zu ernähren, dann war die Geldmenge, die er sich ersparte, weil er jedes Jahr eine kostenlose Karte für die öffentlichen Verkehrsmittel in Linz bekam, geradezu zu einem Grundpfeiler seiner Existenz geworden. Ganz zu schweigen von den Fischereilizenzen und den diversen Ausweisen, mit denen er seine Identität je nach Bedarf wechseln konnte. Dass er immer wieder glaubhaft als Polizist, Tierarzt oder Universitätsprofessor für Kunstgeschichte auftreten konnte, hatte er ausschließlich dem Kraken und der fälschungstechnischen Brillanz seiner Truppe zu verdanken. Theoretisch konnte Korab eine Bitte des Kraken ablehnen, aber in der Praxis stand er soweit in seiner Schuld, dass er deutlich spürte, wie das Wort Nein langsam aus seinem Wortschatz verdunstete.

»Der Krake ist bei weitem nicht so arg wie der Sarg, in den ihn deine Gespenstermaler stecken«, verteidigte Isonzo seinen Kumpel erneut, weil es nicht schwer war, das ungewöhnlich lange Schweigen Korabs richtig zu interpretieren.

»Nein, nur noch ärger.«

»Pius, du rostiger Schibus«, seufzte Isonzo theatralisch und blieb stehen. Er legte seine Hand auf Korabs Schulter und improvisierte eine kleine Familienaufstellung. Mooser stand an der Stelle der milchreichen Mutter, während Isonzo den väterlichen Freund, den netten Onkel sowie das milde Auge des Gottes Saturn repräsentierte.

»Ich hab viele Semester lang mit dem Kraken Biologie studiert«, begann Isonzo. »Der gebiert Wunderzunder, eminent vehement. Aber seinen Freunden gibt er immer mehr Energie, als er abzapft. Er ist ein sturmgepeitschtes Meer, aber gleichzeitig auch ein äußerst großzügiges bed of roses, verstehst du? Und er rechnet nie mit einem Energieausgleich. Aber manchmal, in ganz seltenen und speziellen Fällen, beim Herandräuen von Schicksalsdellen, braucht sogar ein Titanenmann wie er eine Klitzekleinigkeit an Unterstützung. Und nur darum geht’s. Um kleine Zuarbeiten, um konsensuale Momente. Hast du gewusst, dass der Krake neben seinem Studium als Grabredner und Mediator gewerkelt hat? Außerdem war er der wuchtig-geniale Schlagzeuger bei den Fetten Föten, damals eine absolute Kultband. Und er war auf allen diesen Gebieten ziemlich erfolgreich.«

»Das ist mir neu«, gab Korab zu.

»Siehst du«, sagte Isonzo, »und jetzt beruhigen wir uns wieder, atmen tief den Bärlauchmief und geben ihr unsere mildeste Segnung, der nahenden Begegnung. Glaub mir, Pius, der Krake freut sich auf euer Treffen. Bis jetzt kennt er dich nur von Passfotos. Und seien wir ehrlich. Auf Fotos wirkst du so unscheinbar wie eine Nennformgruppe in einem engen Schacht in einer dunklen Nacht.«

»Dafür hältst du mich?«, fragte Korab.

»Ja, und nicht nur ich«, bestätigte Isonzo, »sogar der Krake hat mich gefragt, ob das wirklich Haare sind, die da auf deinem Kopf liegen, oder gebleichte Salatblätter, die du gepresst hast, um eine Glatze zu verdecken.«

»Und was hast du ihm gesagt?«

»Weder Haare noch Salatblätter«, gab Isonzo zu, »sondern ein speziell präparierter Pappendeckel, den du zuerst in einer Lauge einweichst, dann im Toaster trocknest und mit einer hautverträglichen Salbe auf deine Kopfhaut klebst.«

»Ihr seid bloß neidisch auf meinen Seitenscheitel«, sagte Korab.

»Ja, und nicht nur auf den«, gestand Isonzo, »wir hätten auch gerne so eine fantastische Beulen-Jacke wie du. Ich habe dem Kraken und seinen Begleitern erzählt, dass du sie sogar in der Sauna trägst und neben den Ausweisen, die sie dir gemacht haben, noch jede Menge anderes Equipment reinstopfst: Notfischerausrüstung, Handschellen, Schreckschusspistole, Messer, Signalspray und Müsliriegel. Und nicht zu vergessen: deine extraverknitterten, sich aber teilweise selbstentfaltenden Plastiksackerl. Deine Jacke ist eine Legende, eine tragbare Gemischtwarenhandlung, die gleichzeitig in drei verschiedenen Grüntönen schimmelt.«

»Du meinst schimmert«, verbesserte Korab.

»Nein, Pius«, sagte Isonzo, »ich meine schimmeln im guten Sinn des Wortes. Jeder Grasfleck und jeder einzelne Pilz auf deiner Jacke zeugt von deiner Naturnähe und beweist, dass du evolutionär schon auf der nächsten Stufe stehst. Du bist einer der ersten Menschen, die sich nach einer langen Periode der Entfremdung wieder mit der Natur versöhnen.«

In Korabs Mundwinkeln sammelten sich kleine, säuerliche Grinser. Isonzo sprach unbeirrt weiter.

»Im Prinzip wirkst du so epochal wie die erste Kaulquappe, die ihren Kopf aus dem Wasser gestreckt und das Land erobert hat, nur umgekehrt. Angeführt von Vorpreschern wie dir kehrt die Menschheit zurück in den Schoß der Mutter Natur. Was glaubst du denn, wie diese Einschätzung dem Kraken und seiner Truppe imponiert hat?«

»Ich hör euch jetzt noch wiehern und nach Luft schnappen«, sagte Korab. Isonzo überging diese Anmerkung und legte noch eins drauf.

»Außerdem habe ich ihnen von deinen drei Berufen erzählt. Sie wissen jetzt, dass du als Kunstvermittler arbeitest und die Museumsbesucher mit deinen Metaphern in den Orbit ihrer eigenen Begeisterung katapultierst. Und wie ich dem Kraken dann noch auseinandergesetzt habe, dass du als Fliegenfischer-Guide schon Stammkunden hast, die extra aus Amerika einfliegen, nur um einen Tag mit dir an der Gmundner Traun zu fischen, und du in deinem dritten Nebenjob als Ein-Mann-Detektei weniger Detektiv bist als vielmehr ein South African Ridgeback, also ein Löwenjagdhund, der sich so lange und so tief in einen Fall verbeißt, bis er seinen Klienten ihren kleinen Notgroschen wieder zurückgebracht hat, da sind dem Kraken und seinen Begleitern vor lauter Hochachtung und Rührung endgültig die Nasenrammel geschmolzen und als Vorboten einer freundschaftlichen Zuneigung aus der Nase geträufelt.«

»Ich habe einen einzigen amerikanischen Kunden«, schränkte Korab ein, »und der war bisher zwei Mal mit mir fliegenfischen.«

»Pius, wer wird denn so pingelig sein«, sagte Isonzo. »Ich habe dein Licht nicht über den Scheffel gestellt, sondern nur dein Wesen erhellt. Äußerlich erscheinst du als Motte, aber innerlich bist du eine Flugzeugträgerflotte, ein starkstromdurchzucktes Bündel aus Feuerkobolden und ungeheuer holden Rittern, die in Gewittern gegen Blitze kämpfen. So ein seltenes Phänomen bedarf schon einer näheren Erläuterung. Das ist nicht so wie bei uns Durchschnittsbürgern, wo Schein und Sein zusammenfallen.«

Korab lachte laut auf.

»Du hast mit einem Durchschnittsbürger so viel gemeinsam wie eine Kernfusion mit einem Karpfenrülpser. Im Mittelalter hätten sie dich mit deiner Lästerzunge schon längst an ein Burgtor genagelt.«

»Mein lieber Specht«, sagte Isonzo, »da hast du recht. Ich würde aber glatt auf den Burgtorfichten weiterdichten. Mit Blut und Tränen und Hyänenhumor. Schließlich ist jeder noch so schlechte Reim heiß und ein Paradiesbeweis. Wenn sich Worte aufeinander reimen, dann können wir Menschen das auch. Wir müssen die Reime nur melken und ausloten. Sie sind die Vorboten einer blühenden Harmonie, wie Käsekeime im Brie, wie Erbse und Schote, wie Boote und Ruder, wie Lack und Luder.«

»Und außerdem«, überging Korab den lyrischen Lobgesang seines Freundes, »Ein-Mann-Detektei stimmt auch nicht. Wäre ich Sherlock Holmes, dann wäre Anita mein Dr. Watson. Manchmal glaube ich sogar, dass sie nur pro forma an der Museumskassa sitzt. Den Großteil ihrer Arbeitszeit verbringt sie im Internet und recherchiert für mich. Ohne ihre Hilfe wäre ich hilflos.«

»Und wie geht’s ihr, wenn sie nicht für dich recherchiert?«, erkundigte sich Isonzo. »Hat sie sich schon wieder halbwegs erholt von dem … Schreck?«

»Schreck?«, wiederholte Korab, als hätte er sich verhört. »Das war der Schock ihres Lebens. Keine Ahnung, ob man so ein Trauma überhaupt verdauen kann.«

Obwohl er damals nicht unmittelbar dabei gewesen war, sondern nach einer schweren Unterkühlung im Krankenhaus gelegen hatte, wurde Korab sofort von den Bildern umlagert, die Isonzos Frage heraufbeschwor. Korab sah den gläsernen Behälter mit der Batteriesäure, das Gesicht des krankhaft rachsüchtigen Mesners, der sich an ihm revanchieren wollte, indem er seine beste Freundin verunstaltete, und Isonzo, wie er seine Gummischleuder spannte und dem wahnsinnigen Typen eine hartgepresste Karpfenfutterkugel an die Stirn knallte.

»Ich bin kein Psychologe«, fuhr Korab fort, »aber seit ihr das passiert ist, verändert sie sich.«

»Inwiefern?«

»Sie ist konsequenter geworden«, sagte Korab. »Gleich nach dem Schock hat sie die Scheidung eingereicht und sich damit das nächste Problem eingefangen. Ihr Ex, ein gewisser Krainer, hat der Scheidung nicht zugestimmt. Stattdessen stalkt er sie. Momentan verschickt er Nacktfotos von ihr. Nicht nur im Netz, sondern auch als Ausdrucke, denen er noch abartige Informationen beifügt. Anita ist natürlich verzweifelt. Sie versteht einfach nicht, woher er als Notstandsbezieher das Geld hat für so viel Porto, und wie er diese irre Konsequenz aufbringt, wo er doch sonst das faulste Schwein ist, das man sich vorstellen kann.«

»Verdammte Vampire«, fluchte Isonzo. »Es ist immer das Gleiche. Sie saugen dir Zeit und Chi aus deinem Körper. Und wenn du sie zurückweist, bevor sie dich leergesoffen haben, dann explodiert ihre Wut. Sie wollen dich dafür töten, dass du dich ihrer Willkür entziehst und dein Blut womöglich jemand anderem schenkst. Gedenk dieser Worte: Es gibt nur die eine und die andere Menschensorte: Sauger und Ausgesaugte.«

»Und zu welcher Gruppe gehören wir?«, fragte Korab.

Isonzo lächelte breit. »Wir sind Forellen in Wellen und Wirbel. Aber vorher, du Zwirbel, treffen wir noch den lieben Kraken und quaken mit ihm und seinem Assistententeam.«

»Was heißt Assistenten?«, fragte Korab. »Wer sind die überhaupt?«

»Leute, harmlose, liebe, wie scheue Sonnenstrahldiebe«, blieb der Angesprochene auf der lyrischen Welle, bevor er wieder eine Spur sachlicher wurde. »Seinfreund ist ein Computergenie und ein begnadeter Didgeridoo-Spieler, Molly Müller ist Anthropologin. Sie kommt gerade aus Neuguinea. Hat dort ihre Dissertation geschrieben über ein Pygmäenvolk, bei dem sie ein paar Jahre gelebt hat.«

»Was macht eine Anthropologin in der Krakentruppe?«

»Frag sie«, sagte Isonzo, »der Krake rekrutiert ständig neue Leute. Gestern am Grillenweg hab ich Molly Müller zum ersten Mal gesehen.«

»Das heißt«, schlussfolgerte Korab, »die drei sind in deiner Stadtwohnung abgestiegen?«

»Genau«, bestätigte Isonzo, »aber treffen wollten sie dich hier draußen in der Jurte. Ist gemütlicher.«

»Und anonymer«, sagte Korab so leise, dass Isonzo es unmöglich hören konnte.

2

Isonzos Jurte stand auf einem fünf Hektar großen Augrundstück zwischen Traunmündung und Donau. Dieses Areal hatte sein früh verstorbener Vater, der durch eine Fleischhauerei reich geworden war, vor Jahrzehnten billig gekauft. Damals waren die Baumarten im Auwald – vorwiegend Pappeln und Weiden – wirtschaftlich uninteressant gewesen, ebenso wie der Wert eines Rückzugsgebietes für bedrohte Tierarten und die Bedeutung einer immobilienfreien Überschwemmungszone.

Nachdem er den Auwald und ein Zinshaus in Linz geerbt hatte, war Isonzo in die Mongolei gefahren und hatte so lange bei den Einheimischen gelebt und von ihnen gelernt, bis er eine Jurte selbst bauen konnte. Dann war er wieder zurückgekommen und hatte sich durch die Mitarbeit als Wildfütterer bei den hiesigen Jägern so beliebt und unentbehrlich gemacht, dass die nichts anderes als Ja sagen konnten, als er ihnen den Plan von der Aufstellung seiner Jurte vorlegte. Offiziell war die exotische Rundhütte ein transportables Futtermitteldepot für Rehe. Diese Funktion seines Bauwerks war das Bollwerk gegen den immer und überall drohenden Einfall von Beamtenhorden aus der Linzer Baubehörde, die den Hunnen und Hussiten an Abrisswut in nichts nachstanden.

»Moment«, rief Korab, als die Jurte schon in Sichtweite gekommen war, »mein Schuhband ist offen.«

Er kniete nieder und zwirbelte so langsam und ausführlich an den Bändern, als sollte er anstelle der Schlaufe eine Lotosblüte knüpfen. Um sich zu beruhigen, verdrängte er den Kraken und seine Truppe und klammerte sich an die Aura der Gegenstände in Isonzos rundem Heim. Das erdweiche Ocker und das krustige Blutrot der Nomadenteppiche, der kleine, mit feinen Ziselierarbeiten versehene Ofen, auf dem immer irgendein Fischeintopf vor sich hin köchelte, der gläserne Bücherkasten, der die Quintessenz von Isonzos papierenen Freunden enthielt, sowie die beiden einzigen Bilder an den Jurtenwänden. Auf einem war Dostojewski mit Ölfarben verewigt. Er stand in einem dunklen Keller, der sich in eine unüberschaubare Zahl von immer noch dunkler werdenden Abteilen verliert. Das zweite Bild war eine DIN-A3-Fotografie von Anna Politkowskaja. Auch sie war eine von Isonzos Heldinnen. Zwei Russen, zwei Seelen so tief wie der Baikalsee, unbeugsam und ohne Angst vor den großen Dämonen. Borgt mir etwas von eurem Drachentötermut, bat Korab im Stillen, erhob sich neu motiviert, ging noch die paar Schritte und trat endlich ein.

»Howdy, Pius«, hörte er jemanden sagen. Ein Cowboygruß. Wie sollte er diese transkontinentale Grußvariante beantworten? Wieder einmal stand ihm sein Vorausdenken so sehr im Weg, dass er sich für seinen Notgruß entschied: »Ahoi.«

Im Nachklang fand er diesen maritimen Ton gar nicht so unstimmig. Kuhbuben und Seebären. Grüne Weide und blaue Weite.

»Fein von dir, dass du dir Zeit nimmst für uns«, sagte ein fleischig-muskulöser Mittdreißiger, der entspannt auf den Teppichen lümmelte und auf dessen Kopf ein totgegrillter Oktopus lag, mit verkohlten Tentakeln, die über Schläfen, Nacken und Schultern hingen. Dreadlocks, hörte Korab seinen inneren Modefachmann flüstern, dessen Stimme von den vielen vergeblichen Beratungen ganz heiser geworden war, das sind Dreadlocks, kein toter Oktopus, du modischer Totalausfall.

»Ja«, antwortete Korab ausufernd. Es war nicht der Anblick des Kraken oder gar seine zwanglos freundliche Begrüßung, die Korab verwirrten. Es war auch nicht der erstaunlich normalhaarige, ein wenig dehydriert wirkende Seinfreund, der im Hintergrund der Jurte in seinem Laptop versunken war, als wäre der Bildschirm seine aufgeklappte Bauchhöhle. Es war Molly Müller. Diese Frau, diese junge Frau hatte Korabs innerem Teufelandiewandmaler mit ihrem Anblick glatt die Kehle durchgeschnitten. Nicht einmal ein kleines Röcheln war noch zu hören in der umfassenden Stille, die Korabs Staunen immer weiter in die Unendlichkeit dehnte. Molly Müller war nackt. Zumindest vom Nabel aufwärts. Mit gekreuzten Beinen saß sie auf einem der Teppiche, zwischen dem Kraken und Seinfreund, und bemalte ihre linke Brust mit Henna. Im Gegensatz zur Weichheit des feinen Pinsels waren ihre Brüste so hart und voluminös wie zwei mit Haut überzogene Sturzhelme für Hochgeschwindigkeitsschirennen. An der Spitze dieser mammagenen Haubitzen wirkten die Warzen wie zwei Zyklopenaugen, weil Molly feine Adern malte, die von einem dieser Augen weg ins Innere der milchschweren Berge führten. Aber das alles war noch harmlos verglichen mit dem eigentlichen visuellen Ereignis: Molly Müller trug einen kapitalen Nasenpflock und Ohrringe, die ihre Läppchen zu kleinen Lassos dehnten. Damit kannst du mindestens ein Kalb einfangen, sollten den Cowboys einmal die Schnüre ausgehen, kam endlich wieder eine halbwegs pragmatische Einflüsterung aus Korabs Innerem. Und außerdem, sinnierte sein innerer Prähistoriker weiter, freut sich jedes Pfahlbaudorf, sollte Molly einmal die Lust an ihrem Nasenpflock verlieren und ihn spenden wollen. Der Krake und Isonzo wechselten ein paar verständnisinnige Blicke, die Korabs beredtem Schweigen galten, während Molly weitermalte und Seinfreunds Finger wie Hagelschauer auf die Tastatur niedergingen.

»Wir haben da ein kleines Problem«, setzte der Krake frisch an, obwohl sich die Halbwertszeit von Korabs Staunen noch nicht einmal halbiert hatte, »bei dem wir deine Hilfe benötigen.«

Wobei, fragte sich Korab, kann eine Blattlaus drei ausgewachsene Nilpferde unterstützen?

»Wir brauchen dein Museum«, wurde der Krake konkreter. »Du hast da einen unauffälligen Zugang. Sollst was deponieren. Vorübergehend …«

»Was denn deponieren?«, brachte Korab eine Rückfrage zuwege.

»Bloß ein Bildchen«, antwortete der Krake. »Braucht aber perfekte Lagerbedingungen. Du weißt schon, richtige Luftfeuchtigkeit, staubfrei und immer schön gleichmäßig temperiert. Sowas hat’s nur im Museum.«

»Aber …«, begann Korab, wurde aber von Molly Müller unterbrochen, die mit ihrer Malarbeit innehielt und ihm plötzlich mit voller Aufmerksamkeit ins Gesicht sah.

»Soll ich dir’n Safd ausbrrressn?«, fragte Molly schneeflockenweich, mit flappenden Labiallauten, blubbernden Lippenwülstchen und Augen, die sich immer weiter vergrößerten, wie zwei über einem Bergrücken nebeneinander aufgehende Vollmondscheiben. Korabs Seele zerfloss in einem See voll heißem Kakao.

»Ich … na ja … was …«, stammelte er.

»Du gefällst mir«, sagte der Krake trocken, »bist ein Scherzkeks.«

»Museumsmäßig betrachtet bin ich sogar noch weniger«, ergänzte Korab, »ich bin sowas wie das letzte Segment vom Enddarm. Freiberuflicher Kunstvermittler. Ich hab’ zwar ein Kunstgeschichtestudium abgeschlossen und sogar eine Diss geschrieben, über Stahlskulpturen und die ästhetische Bedeutung von Rost, falls ihr es genau wissen wollt, aber das hilft mir überhaupt nichts. Ughde, das ist die Abkürzung für Unser geliebter Herr Direktor Ebner, der Oberboss des LinzMuseums, also Ughde, mein Herr und Gebieter, kennt noch nicht einmal meinen Namen. Kunstvermittler wie ich, die durch sein Museum schwirren, haben für ihn den gleichen Stellenwert wie die Bakterien, die durch seine Darmzotten wandern. Wir freien Mitarbeiter haben null hoch minus null Befugnisse. Ich kann nicht einfach den Direktor fragen, ob ich etwas in seinem Depot abstellen darf.«

»Du sollst auch niemanden fragen«, erklärte der Krake. »Stellst das Bild einfach unauffällig ins Eck, zwischen die anderen Bilder. Dort, wo garantiert kein Mensch nachschaut. Ist ja zeitlich beschränkt.«

Der fleischige Kopf des Kraken machte einen Schwenk Richtung Tisch. Beim Anblick der dort abgestellten schmalen, aber professionellen Klimakiste sprangen Korab die letztwöchigen Zeitungs-Schlagzeilen wie eine bösartige Affenbande vor den inneren Projektor: Wertvolles Schiele-Bild aus dem Lentos gestohlen. Professionelle Kunstdiebe stehlen Schieles Gemälde »Frau mit Katze«. Unersetzlicher Verlust für Linz. Profibande raubt den teuersten Schiele.

Korab räusperte sich. Dieses Bild, das da so ruhig und unsichtbar in seiner Holzverschalung lag, war mit grässlicher Wahrscheinlichkeit eine Ikone der Moderne. Eine der Ikonen. Unbezahlbar, einzigartig und von dubiosen Kunstsammlern sicherlich begehrt wie ein reifer Apfel von der Schwerkraft. Daran bestand für Korab kein Zweifel. Der bestand nur darin, ob er diesem Moment und den in diesem Moment auf ihn einstürmenden Ansprüchen gewachsen war.

Der Krake ist ein konsensualer Typ, hörte Korab Isonzo in Gedanken wiederholen. Es geht da nur um eine kleine Gefälligkeit. Eine winzige Zuarbeit. Natürlich hatte er es besser gewusst. Natürlich hatte sein Problemabwehrzentrum völlig zu Recht den Großalarm zeitgerecht ausgelöst. Und jetzt stand er da, mit den Zähnen im Mund, wie sein Großvater gerne formuliert hatte. Korab wäre sogar bereit gewesen, in ein Kanonenrohr zu steigen, nur um sich von hier wegzuschießen.

»Ich überlege …«, sagte Korab und erlebte einen Glücksfall, der viel zu ideal war, um real zu sein. Aus seiner rechten Hosentasche kam sein neuester Klingelton, das plätschrige Klatschen eines original ungarischen Wallerholzes, mit dem man laut Isonzo sogar die vorsichtigsten Welse aus ihren Unterwasserhöhlen locken konnte. Korab entschuldigte sich bei den Anwesenden, griff nach seinem Telefon und verließ die Jurte.

Im Freien marschierte er sofort Richtung Nordpol, bevor er sich mit seiner Detektivstimme meldete, die er deutlich rauer anlegte als seine Kunstvermittlerstimme. Er sprach seinen Namen sogar ein wenig unwillig aus, als hätte er einen Haufen anderer Fälle am Hals, die dringend nach einer Lösung verlangten.

»Guten Tag. Hier spricht Sarah Rabental«, erklärte ihm die Stimme einer vermutlich etwas älteren Frau. »Sind Sie der Detektiv aus der Zeitung?«

»Ja«, bestätigte Korab, »ich hab da ein kleines Inserat geschaltet.«

»Gut. Sehr gut. Ich habe nämlich ein dringendes Anliegen, Herr Detektiv. Meine Bekannte ist verschwunden. Jetzt brauche ich jemanden, der sie sucht.«

»Das ist sehr bedauerlich, aber da müssen Sie sich an die Polizei wenden«, versuchte Korab, die Affäre zu umschiffen. »Die hat ganz andere Möglichkeiten. Ich suche aus Prinzip keine Verschollenen. Verschollene waren entweder nur besoffen und liegen dann in irgendeiner Bar länger am Klo – und niemand will dafür etwas zahlen, wenn ich die heimbringe – oder sie sind tatsächlich verschollen und daher mit noch so viel Aufwand unauffindbar. Und für ergebnislose Recherchen zahlt auch niemand gern. Verschollene sind für einen Detektiv eine echt miese Mission.«

»Das verstehe ich schon«, antwortete Frau Rabental, »aber an die Polizei kann ich mich nicht wenden. Die soll meine Bekannte gar nicht finden.«

»Und warum?«, fragte Korab mit erhöhter Aufmerksamkeit.

»Weil sie unschuldig ist.«

»Woran?«

»Kommen Sie einfach zu mir, bitte«, forderte Frau Rabental, »dann erkläre ich Ihnen alles ausführlich.«

Korabs inneres Sparschwein machte ein paar heftige Grunzer. Seine letzte Fütterung lag ein gefühltes Jahrhundert zurück, irgendwann zu der Zeit, als Picasso sein erstes abstraktes Bild gemalt hatte.

»Falls ich zu Ihnen komme, Frau Rabental«, sagte Korab wenig enthusiastisch, »dann kostet dieser Besuch in jedem Fall einhundert Euro. Ohne Rechnung und bar auf die Hand und ohne neuerliche Aufforderung in genau dem Moment, wo ich bei Ihnen eintrete. Und unabhängig davon, was bei unserem Gespräch rauskommt. Nur wenn Sie damit einverstanden sind, schaue ich heute noch bei Ihnen vorbei.«

»Ich bin einverstanden«, sagte Frau Rabental, ohne zu zögern, »sehr sogar. Ich mag Menschen mit Prinzipien …«

Nachdem sie ihre Adresse durchgegeben hatte, legte Frau Rabental auf. Korabs Bewegungen zurück Richtung Jurte waren so zäh, als wäre der Auboden mit klebrigen, kurz vorgekauten Kaugummiklumpen gepflastert.

»Also …«, sagte Korab beim Eintreten, »es war echt nett mit euch, aber ich muss jetzt los. Ich hab einen neuen, extrem dringenden Auftrag … ja, und … also … genau, das Bild … was das betrifft, da rede ich heute noch mit unserem Archivar. Ohne den und seine Zustimmung geht gar nichts. Aber der ist ein Freund von mir, schwer in Ordnung, ein patentes, unkompliziertes Bürschchen …«

»Kann der auch das Maul halten?«, wollte der Krake wissen.

»Absolut«, bestätigte Korab.

Der Krake nickte nachdenklich, während Molly Müller gerade damit anfing, auch noch ihre rechte Brust zu bemalen. Mit einem Rundumnicken verabschiedete sich Korab von den Anwesenden.

»Und was ist mit Mampf?«, fragte Isonzo vorwurfsvoll. »Der Eintopf köchelt schon. Brachsen und Schleien werden uns freuen.«

»Heb mir was auf«, bat Korab, »ich komm irgendwann später wieder … aber jetzt muss ich wirklich los.«

Vor der Jurte atmete Korab tief durch. Hier war die Luft deutlich weniger mit Altlasten kontaminiert und frischer, trotz der omnipräsenten Bärlauchschwaden. Pro Kubikzentimeter schwirrten genug Sauerstoffatome herum, um Korabs Gedankenglut neu anzufachen. So viel stand fest: Frau Doktor Molly Müller war das unkomplizierteste weibliche Wesen, das ihm je begegnet war. Ihr Nacktsein war derart selbstverständlich gewesen, dass sie gar nicht unbekleidet gewirkt hatte. Im Gegenteil. In ihrer Gegenwart waren es eher die mit Gewand Behängten gewesen, die den Anschein erweckt hatten, als übertünchten sie mit Ihrem Bedeckungsfimmel irgendwelche gröberen Psychoprobleme. Aber was hatte Molly mit diesem ausgepressten Saft gemeint? In Isonzos Jurte gab es weder eine Presse noch irgendwelche Früchte.

Während er auauswärts schritt, spürte Korab, dass in dem Wort Molly ein konkreter Gegenstand enthalten war: der Lolly. Eine klebrig süße Tiefbohrschraube aus buntem Kringelzucker, die so weit durch Mund und Gurgel dringen konnte, bis man den eigenen Seelensee erreichte und an dessen Ende Gondwana, den Urkontinent. Dort stand er zusammen mit Molly, Hand in Hand, und sah voller Erstaunen, mit welchen Pflöcken, Ringen und Tätowierungen sie ihren restlichen Körper geschmückt hatte. Mit diesen Bildern im Kopf erreichte er den Rand der Au und stapfte hinüber in die Zivilisation. Ein besonders hybrider Linzer Stadtteil, die sogenannte Solar City, tauchte vor ihm auf und mit ihr die Ausläufer eines Straßenbahnnetzes, dessen Modernität ihm in diesem Moment so unglaubwürdig und trostlos erschien, als wäre er durch ein Wurmloch gefallen und in einer viel zu sauberen, unheimlich glatten, trostlosen und komplett unfruchtbaren Zukunft gelandet.

3

Ein grüner Teppich, gewoben aus unschuldigen Blättern und Blüten. Stärker als je zuvor sah Lotte das Bild in ihrer Erinnerung. Sie kauerte in ihrem Geheimversteck am Rande des Schulhofs. In der Geborgenheit hinter den Büschen war sie eine Fee mit übernatürlichen Kräften. Sie schloss die Augen, murmelte einen Zauberspruch und verwandelte ihre lautstark herumtollenden Mitschülerinnen in einen Vogelschwarm. Dann überlegte sie, wer im Schulhof bleiben durfte und wen sie nach Afrika schicken würde.

»Du unterschreibst das jetzt«, befahl eine herrische Stimme direkt auf der anderen Seite der grünen Wand, hinter der Lotte saß. Dorothea, durchfuhr es die unfreiwillige Lauscherin, während sie vor lauter Schreck noch tiefer in ihre Deckung sank. Dorothea war zwei Jahrgänge über ihr, aber mit Sicherheit eine der ersten, die sie ganz weit fortschicken würde. Die Silhouette der älteren Mitschülerin wirkte gespannt und unheilvoll, wie die Figur eines Boten, der eine üble Nachricht brachte.

»Aber warum? Er hat mir nichts getan«, widersetzte sich eine andere Mädchenstimme dem Befehl.

»Jetzt pass einmal gut auf, Klara Artner«, sagte Dorothea, jede Silbe straff betonend, »der Gruber muss weg. Er hat mir auf den Busen gegriffen. Ich hab gesagt, er soll aufhören, aber er hat nur dreckig gegrinst und mich weiter bedrängt. Wäre nicht zufällig jemand gekommen, dann hätte er mich vergewaltigt. Solange der Gruber an unserer Schule ist und hier weiter unterrichtet, kann das jeder von uns passieren. Also muss er weg. Und deswegen unterschreibst du das jetzt.«

»Aber das kann ich mir nicht vorstellen«, sagte Klara, »der Herr Gruber tut so was nicht. Er ist ein guter Lehrer. Er würde nie …«

»Halt endlich dein Maul«, unterbrach Dorothea den Einwand, »wer Volksschädlinge unterstützt, ist selber einer. Und wenn ich das melde, und das werde ich, dann kommst du auch weg. Zusammen mit deiner ganzen Familie. Möchtest du das?«

Das Gewicht dieser Frage erdrückte die Worte der Vernunft. Hinter der Hecke war es ruhig geworden. Lotte betete für Klara, wünschte ihr Widerstandskraft und rief sich ganz bestimmte Bilder in Erinnerung, als könnte sie damit die Situation doch noch zum Guten wenden. Den etwas korpulenten Dr. Gruber, wie er schwer atmend das Klassenzimmer betritt und lächelnd das Buch über die oberösterreichische Geschichte verteilt, das er selbst für seine Kinder geschrieben hat. Dr. Gruber als Fußballspieler, wie er in der schwarzen Ordenstracht nach dem mehlweißen Lederball tritt, angefeuert von einer Unzahl von Jugendlichen, die alle mehr in ihm sehen als einen bloßen Lehrer. Und schließlich seinen unvergesslichsten Satz: »Aus Waisenkindern werden hier weise Erwachsene, das verspreche ich euch.« Dr. Gruber, ihr väterlicher Mentor, hatte seine Versprechen immer gehalten. Und nie, niemals hätte er einem Schüler Schaden zugefügt.

Nach diesem Tag hatten die Dinge ihren Lauf genommen. Und es gab kein Wort in keiner Sprache, um die Ungerechtigkeit auch nur annähernd zu beschreiben, die ihrem verehrten Lehrer in weiterer Folge widerfahren war. Denn mit der großen, unfassbaren Leidensgeschichte Dr. Grubers hatte auch ein kleinerer Leidensweg begonnen, der, weil er viele Jahrzehnte dauerte, in Summe vielleicht nicht weniger schmerzvoll gewesen war. Allen Gefühlen voran war es die Ohnmacht, diese absolute Ohnmacht, die Lotte zeitlebens Tätern gegenüber verspürte. Dieses Gefühl, nichts tun zu können, war in sie hineingewachsen wie eine giftige Wurzel und hatte ihre Widerstandskraft gelähmt. Deshalb habe sie auch einen Täter geheiratet, hatte ihr die Psychologin erklärt, weil sie in der Beziehung zu ihm das Trauma der Ohnmacht wiederholen und überwinden wollte. Die Psychotante hatte allerdings nicht erwähnt, wie das gehen sollte, mit dem Täter fertigzuwerden, wenn man ein geborenes Opfer ist.

Jetzt, ganz am Ende ihres Lebens, nach mehr als siebzig Jahren der Erniedrigung, hatte sie vom Schicksal einen Trumpf in die Hand bekommen, den sie unter allen Umständen ausspielen musste. Dieses Spiel war furchtbar, weil sie keine Erfahrung damit hatte. Zu jedem Zug, zu jedem Schritt musste sie sich erst mühsam überwinden. Ernst hatte ihr wirklich leidgetan. Ihn zu betäuben, zu fesseln und mit Honig zu übergießen war ein Kraftakt gewesen, der sie an die Grenzen ihrer Belastbarkeit geführt hatte. Aber nach ihrem Abgang aus der Villa war hinter den Wolkenfetzen aus Schuld und Selbstgeißelung auch ein Horizont sichtbar geworden, der eine freiere Landschaft in Aussicht stellte, auf der zu leben sich unbeschwerter und selbstbestimmter anfühlte.

Lotte Wagner stand im Wohnzimmer einer Gründerzeitvilla an der Linzer Landstraße, in der Nähe der Eingangstür. Ihr schräg gegenüber, hinter einem barocken Sekretär, thronte Dorothea Porofsky und erhob eine Stimme, die noch genauso herrisch klang wie vor mehr als siebzig Jahren, als sie Klara Artner und weitere drei Mitschülerinnen, lauter Mauerblümchen und Duckmäuschen, zu dieser unsäglichen Unterschrift gezwungen hatte.

»Und was willst du machen, wenn ich nicht kooperiere?«

»Herrn Doktor Gruber wurde im KZ Gusen in den Bauch geschossen«, sagte Lotte Wagner mit klarer und fester Stimme, »fünf Mal. Und dann hat man den Schwerstverletzten über Nacht in eine fensterlose, ungeheizte Baracke gesperrt. Damit er dort drinnen krepiert. Aber am nächsten Tag, als man seine Leiche entsorgen wollte, da hat Herr Gruber noch immer gelebt … stell dir das vor! Und stell dir auch vor, was er in diesen nächtlichen Stunden mitgemacht hat, während er mit zerschossenem Bauch auf seinen Tod gewartet hat! Und das alles wegen der Falschaussage von einigen Mädchen, die ihn eines Verbrechens bezichtig haben, das er nie begangen hat.«

»Diese Behauptung ist eine Lüge, dummdreist und unerheblich«, sagte Dorothea Porofsky. »Jeder Mensch bekommt den Tod, den er verdient.«

Lotte Wagner überging diese fragwürdige Feststellung.

»Weißt du, Dorothea, ich war mein ganzes Leben kleinmütig. Ich habe zu oft nachgegeben. Ich wurde zu oft enttäuscht. Das Nachgeben hat mich ausgelaugt und erschöpft. Und es hat nichts gebracht, gar nichts, außer einer fortschreitenden Selbstauslöschung. Jetzt will ich nur noch eins: dass Johann Gruber seliggesprochen wird. In all der Würde, die ihm kraft seines integren Lebens und seines furchtbaren und ungerechten Todes zusteht. Dafür werde ich alles tun, was in meiner Macht steht. Und du solltest das auch. Deine Erklärung ist von größter Bedeutung. Ich habe aufgeschrieben, was damals im Schulhof wirklich passiert ist. Und jetzt bitte ich dich, diesen Bericht zu unterschreiben. Dann werde ich ihn der Kommission vorlegen. Du kannst auch gerne deinen eigenen Bericht schreiben oder meinen ergänzen, wo es dir sinnvoll erscheint. Aber was ich unbedingt brauche, das ist deine Unterschrift. Schreib auf, wie es wirklich gewesen ist, und steck den Brief in das Kuvert, das ich dir schon vorbereitet habe.«

»Sonst was?«, insistierte die Porofsky. »Du hast meine Frage noch immer nicht beantwortet.«

»Sonst«, sagte Frau Wagner, »werde ich ein Dokument aus dem Nachlass von Pfarrer Gruber meinem Anwalt übergeben. Ein Dokument, das jahrelang verschwunden war. Es beweist, dass euer Immobilienbesitz illegal ist. Und dann werdet ihr dieses große, schöne Haus, das euer Großvater damals einer jüdischen Familie gestohlen hat, eben dieser Familie zurückgeben müssen. Ich habe hier eine kopierte Seite des Originals für dich vorbereitet. Schau es dir in Ruhe an.«

Frau Wagner legte das vorbereitete Schuldgeständnis und die Kopie des Gruberdokuments auf den Sekretär, zog sich dann aber wieder rasch zurück auf ihren alten Platz.

»Du bist komplett verrückt«, sagte Dorothea Porofsky, »du gehörst in eine Anstalt für geistige Krüppel.«

»Und noch etwas, Dorothea«, ließ sich Frau Wagner nicht mehr beirren, weil sie spürte, dass sie in dieser verbiesterten Wut, die in ihrer Gesprächspartnerin ungehemmt aufkochte, doppelt geschützt war, von der Wahrheit und vom Geist ihres verstorbenen Mentors, »mir persönlich ist an einer möglichen Restitution überhaupt nichts gelegen. Gar nichts. Mich interessiert das alles nicht mehr – Besitz, Geld und dieser Tanz ums Goldene Kalb. Mir geht es nur darum, dass Dr. Gruber Gerechtigkeit widerfährt. Unterschreibe, dass ihr damals Dr. Gruber verleumdet habt, und das Immobilen-Dokument wird nie vor die Augen eines Richters gelangen. Du hast die Wahl.«

»Das kann doch alles nicht dein Ernst sein«, sagte Porofsky. »Du kommst hier herein, nach so langer Zeit, und drohst mir mit Geschichten, die deiner wirren Fantasie entspringen? Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich an derlei Humbug auch nur einen Gedanken verschwende. Für mich hat dieses Gespräch nie stattgefunden. Und jetzt verschwinde und lass dich hier nie wieder blicken.«

»Ja«, bestätigte Lotte Wagner, »ich werde verschwinden, so wie wir alle. Aber vorher hast du noch ein wenig Zeit, um dein Gewissen zu erleichtern.«

»Geh endlich!«, rief Porofsky.

»Du hast genau eine Woche«, sagte Lotte, bevor sie sich umwandte und den Raum verließ.

Nachdem die schwere Eichentür ins Schloss gefallen war, griff Dorothea Porofsky zu ihrem Mobiltelefon, wählte eine Nummer und hielt sich nicht mit einer Begrüßungsfloskel auf.

»Komm sofort her«, befahl sie in einem Ton, durch den jeder Spielraum für den Anderen verschwunden war. Dieser Andere war es offensichtlich nicht gewohnt, derart angeherrscht zu werden. Dorothea Porofsky schnitt ihm das Wort ab, wiederholte ihren Befehl und fügte noch etwas an.

»Wenn du nicht in zehn Minuten vor dem Haus stehst, dann ist dein Porsche weg. Dann fährst du in Zukunft mit dem Waffenrad. Und ich mache keine Scherze. Also beweg deinen verweichlichten Arsch hierher.«

4

»Herzlichen Dank, gnädige Frau«, sagte Korab, nahm den Hundert-Euro-Schein mit dezenten, pinzettenartigen Fingerbewegungen in Empfang und versenkte ihn sorgsam in der gähnenden Ledergurgel seiner Geldbörse. Gleichzeitig visualisierte er seine Hauptnahrungsmittel, um fünfzig Prozent verbilligte Brote vom Vortag, deren Erwerb mit diesem Geld für die nahe Zukunft gesichert war. Für Korab wurde jede Art von Nahrung geschmacklich umso interessanter, je näher sie ihrem Ablaufdatum und damit ihrer Verramschung rückte. Außerdem ergaben sich aus der Kombination wegwerfgefährdeter Nahrungsmittel originelle Rezepte, die in keinem Kochbuch der Welt zu finden waren. Altlachs mit Joghurt, Biopilzen und glasigen Bauchspeckstreifen auf Vortagsbrot. Realistisch betrachtet waren sogar solche aus der Not geborenen Experimente reiner Luxus. Aber noch billiger war kaum möglich. Das hatte das entsetzte Gesicht des Bäckers klar zum Ausdruck gebracht, den Korab einmal gefragt hatte, ob es auch Brote vom Vortag des Vortages gäbe, mit entsprechender Vorvortagsvergünstigung. Aktuell hatte sich das Blatt vorübergehend gewendet. Hundert ganze Euro. Es war doch richtig gewesen, hier vorbeizuschauen.

»Kommen Sie weiter«, sagte die alte Dame, »und lassen Sie die Schuhe an. Das ist bei mir so üblich.«

Frau Rabentals Backsteinhäuschen stand mitten im Linzer Wasserwald und war mit diesem billigen, aber unverwüstlichen Nachkriegsrieselputz versiegelt, der Korab immer schon als Folie eines Alptraums erschienen war. Spitze Finger und Zungen, die eine betongraue Meeresoberfläche durchbrechen wollen, aber in dem Moment erstarren, wo sie die Freiheit berühren. In den Innenräumen roch es nach billigen Putzmitteln. Auf alten, aber gepflegten Truhen standen haufenweise kleine menschliche Holzfiguren mit ernsten, psychologisch vieldeutigen Gesichtern, die aber in ihrer Gesamtheit ironisch wirkten, weil sich ihre Kleinheit und ihre Ernsthaftigkeit aneinander brachen.

»Haben Sie die Nachrichten der letzten Woche verfolgt?«, kam Frau Rabental sofort zur Sache, während Korab Platz nahm in einem süßsenfbraunen Polstersessel, dessen Stoffbezug an manchen Stellen verblichen war, als hätte man ihn mit feinem Schmirgelpapier bearbeitet. Räude, schnöder Götterfunken, verballhornte Korabs inneres Amt für die Erneuerung alter Wortdenkmäler.

»Im Großen und Ganzen«, antwortete er, dachte dabei an die Gratiszeitungen, denen er notgedrungen seine Informationen verdankte, und suchte schließlich nach Schubladen für sein Gegenüber. Alte Lady. Mitte bis Ende Siebzig. Hoher, windschlüpfriger Haarhelm mit milchkaffeeweißem Grundton. Adlernase und Adlerblick, unheimlich heimlich und scharf. Kann wahrscheinlich trotz ihres Alters immer noch aus hundert Metern Höhe eine kleine Wiesenmaus orten, würde die Maus aber nach dem Sturzflug bestimmt laufen lassen und sich von Grashalmen und Kräutern ernähren.

»Gut«, sagte Frau Rabental, »dann haben Sie sicher von dem Mord am Froschberg gelesen, diesem Mord an dem pensionierten Waffengroßhändler Ernst August Wagner.«

»Hab ich«, bestätigte Korab, während er einen Bleistift und sein Sudelbuch zückte, in dem er sich die Eckdaten zu notieren gedachte. »Soweit ich das mitbekommen habe, sucht die Polizei dringend nach seiner Frau. Die ist seither verschwunden.«

»Aber Lotte Wagner hat nichts mit dem Mord zu tun!«, ereiferte sich Frau Rabental. »Rein gar nichts!«

»Woher wissen Sie das?«, fragte Korab.

»Genau darum geht es«, sagte Frau Rabental, »aber damit Sie das verstehen, muss ich ein wenig ausholen. Vor einiger Zeit habe ich diesen Brief bekommen …«

Aus einer unscheinbaren Mappe, die auf dem Wohnzimmertisch lag, nahm Frau Rabental ein einzelnes Blatt und reichte es Korab.

»Anfänglich«, fuhr sie fort, »habe ich das Ganze für eine Seniorenabzocke gehalten. Ich war sogar kurz davor, den Brief in den Müll zu werfen. Jorge, ein unbekannter Neffe aus Südamerika, schreibt ausgerechnet mir, weil ihm mein Schicksal so sehr am Herzen liegt. Mehr Klischee geht gar nicht. Aber dann habe ich aus Spaß weitergelesen und wurde stutzig. Dieser Jorge wusste Dinge über meine Schwester, die man unmöglich erfinden kann. Zum Beispiel die Nummer, die man Esther damals ins Handgelenk tätowiert hatte, und die genaue Stelle von einem Muttermal. Meine Schwester und ich, wir waren beide als Kinder zusammen mit unseren Eltern im KZ Mauthausen und Gusen. Dort wurden wir getrennt. Ich habe überlebt und glaubte, dass man alle anderen ermordet hat. In seinem Brief behauptet dieser Neffe, dass es umgekehrt genauso war. Esther sei überzeugt gewesen, dass meine Eltern und ich das Lager nicht überlebt hatten. Ihr war das auch von verschiedenen Seiten bestätigt worden, und deshalb hat sie auch keine Nachforschungen angestellt, nachdem sie bei einer Adoptivfamilie untergekommen war, die mit ihr nach Südamerika ging. Ja, und dort hat Esther ihr ganzes weiteres Leben verbracht.«

Frau Rabental gönnte sich eine kurze Nachdenkpause und sprach dann konzentriert weiter.

»Vor Kurzem ist sie gestorben, und ihr Sohn hat in ihrem Nachlass ein kleines Notizbuch gefunden, das ihr ein katholischer Priester namens Johann Gruber noch im KZ anvertraut hat. Sie wollte sich aber mit den schlimmen Erinnerungen nicht mehr auseinandersetzen. All die Jahre hat sie das Buch in irgendeiner Dachbodenkiste aufgehoben. Jetzt, nach ihrem Tod, hat ihr Sohn darin gelesen und etwas Ungeheures festgestellt: Das kleine Buch enthält detaillierte Aufzeichnungen über die Enteignung von jüdischen Familien am Ende der Dreißigerjahre in Linz. Unter anderem auch, und jetzt kommt’s, von unserer Familie. Ariel, unser Vater, hat damals in seiner Verzweiflung zusammen mit einem Anwalt Herrn Gruber aufgesucht und ihm eidesstattlich erklärt, dass er unser Mehrfamilienhaus an der Landstraße niemals freiwillig an den regimetreuen Hausmeister Porofsky abgetreten hat. Vielmehr habe man ihn unter Androhung körperlicher Gewalt – auch seiner Familie gegenüber – gezwungen, die Immobilie zu einem Spottpreis zu verscherbeln. Diese Aussage meines Vaters sowie mehrere andere, vergleichbare Fälle wurden von Dr. Gruber schriftlich festgehalten und gesammelt. Dieser katholische Priester war für viele meiner jüdischen Mitmenschen die letzte, moralisch noch integre Anlaufstelle. Zum Beweis, dass diese Geschichte echt ist, hat mein Neffe eine unseren Fall betreffende Seite dieses Dokumentes kopiert und dem Brief beigelegt.«

Frau Rabental nahm das nächste Blatt aus der Mappe und reichte es Korab.

»Wie ist dieser Neffe überhaupt auf Sie gekommen?«

»Das steht am Schluss des Briefes«, sagte Frau Rabental, »aber ich kann es Ihnen auch gerne erklären. Jorge, mein Neffe, hat einfach angefangen zu recherchieren. Er hat meinen Namen ins Internet eingegeben und ist auf die Homepage der Hauptschule gestoßen, an der ich vierzig Jahre als Werklehrerin gearbeitet habe. Dort gibt es auch ein Verzeichnis aller ehemaligen Lehrer. Von da aus war es leicht, meine Adresse herauszufinden.«

»Voraussetzung dafür war aber«, ergänzte Korab, »dass Sie immer noch Ihren Mädchennamen tragen.«

»Ganz genau«, bestätigte Frau Rabental, »ich habe nie geheiratet. Sie denken wirklich mit.«

»Ja, ab hundert Euro surfe ich mit beiden Hirnhälften gleichzeitig«, sagte Korab, »aber ich verstehe noch nicht, was Frau Wagner mit dem Ganzen zu tun hat.«

»Dann passen Sie bitte gut auf!«, forderte Frau Rabental. »Nachdem ich den Brief erhalten hatte, habe ich selbst bezüglich Dr. Johann Gruber im Internet recherchiert. Und dabei bin ich auf den sogenannten Papa-Gruber-Arbeitskreis gestoßen. Das ist eine Initiative von katholischen Laien, Kirchenhistorikern und Priestern, die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Seligsprechung ihres Glaubensbruders voranzutreiben, der im KZ ermordet wurde. Und die Präsidentin dieses Vereins ist Frau Lotte Wagner. Ihr habe ich eine Kopie dieser Dokumentenseite geschickt mit der Bitte, sie möge mir sagen, ob dies tatsächlich die Schrift von Dr. Gruber sein könnte. Ich hatte ja nichts, um die Echtheit der Handschrift zu überprüfen. Und kaum hatte ich ihr geschrieben, da stand sie schon persönlich bei mir in der Tür. Sie wollte alles wissen und alles sehen. Sie hat den Brief mehrere Male gelesen und sich schon während der Lektüre kaum mehr beruhigen können. Sie war so aufgeregt, dass ich kaum vernünftig mit ihr reden konnte. Sie hat mich beschworen, meinem Neffen sofort zu schreiben und zu nötigen, er möge das Originaldokument so schnell wie möglich senden. Gleichzeitig wollte sie, dass ich niemandem auch nur ein Wort von dieser Bombe mitteile, die das Dokument ihrer Meinung nach darstellen würde. Das war ihr Sprachgebrauch. Sie hat immer wieder von einer Bombe gesprochen, die, wenn sie explodiert, einige Linzer Bürger um ihr gesamtes Vermögen bringen könnte. Die Schrift ist ohne jeden Zweifel die originale Handschrift von Papa Gruber. Das hat mir Frau Wagner anhand einiger anderer Schriftproben bestätigt. Außerdem hat sie die Kopie dem Rechtsanwalt ihres Arbeitskreises vorgelegt. Der hat gemeint, dass man mit dem Originaldokument sofort einen Antrag auf Einleitung eines Restitutionsverfahrens stellen könnte.«

»Warum wird dieser Priester überhaupt Papa Gruber genannt?«, wollte Korab wissen.

»Weil er sich im KZ so engagiert für die anderen Häftlinge eingesetzt hat«, sagte Frau Rabental. »Er hat es sogar geschafft, eine Suppe für die Gefangenen zu organisieren. Er war sehr stark im Leid und äußerst beliebt bei den anderen Insassen.«

»Und jetzt glauben Sie, dass der Brief und das Dokument etwas mit Frau Wagners Verschwinden zu tun haben?«, fragte Korab.

»Das glaube ich allerdings«, bestätigte Frau Rabental, »aber ich weiß nicht, was. Frau Wagner hat mir hoch und heilig versprochen, sich an der Finanzierung zu beteiligen. Mein Neffe Jorge hat am Ende des Briefes angedeutet, dass er Geld haben möchte, falls ich am Originaldokument interessiert bin. Ich habe aber keine monetären Reserven, nur meine kärgliche Pension. Aber mit dem Dokument könnte ich die jetzigen Besitzer, diese Porofskys, auf die Rückgabe meiner Immobilie verklagen, die mir laut Erbrecht zusteht. Und für Frau Wagner wäre das Originaldokument ein ungemein hilfreicher Baustein auf dem Weg zur Seligsprechung von Dr. Gruber. Sie hat mehrmals betont, dass dieses Projekt weit mehr ist als eine Beschäftigungstherapie. Dr. Gruber war nicht einfach nur irgendein Lehrer für sie, er war, weil sie eine Waise war, so eine Art Ersatzvater. Und diesem Vater wollte sie immer ein Denkmal setzen. Das ist seit langem der einzige Sinn und das Ziel in ihrem Leben, hat sie mir erklärt, obwohl sie es zwischendurch schon aufgegeben hatte, noch an dessen Verwirklichung zu ihren Lebzeiten zu glauben. Dieses Dokument in den richtigen Händen würde nicht nur einigen Menschen wie mir ihren Besitz zurückbringen, es würde auch die Zeit bis zur Seligsprechung Johann Grubers wesentlich verkürzen.«

»Warum würde es das?«, fragte Korab.

»Das habe ich Frau Wagner auch gefragt«, sagte Frau Rabental. »Für eine Seligsprechung braucht es ein beglaubigtes Wunder oder den Märtyrertod für den Glauben. Das blutige Ende Dr. Grubers steht ja außer Zweifel, aber leider wurde er von der Anschuldigung, er habe sich jungen Mädchen unsittlich genähert, nie rehabilitiert. Ein konkreter Beweis für seine Unschuld würde dem Seligsprechungsprozess einen ungeheuren Schub geben. Am besten wäre natürlich das Geständnis einer dieser mittlerweile uralten Frauen, dass Dr. Grubers Verfehlung nie stattgefunden hat und eine reine Erfindung war, um ihn, den regimekritischen Priester und Volksverräter, loszuwerden und wegzusperren. So haben ihn die Nazis damals bezeichnet, wegen seiner Standhaftigkeit und Liebe zu allen Menschen, auch zu uns Juden. Frau Wagner hat nur in den allerhöchsten Tönen von ihm geschwärmt. Laut ihr war Dr. Gruber ungeheuer asketisch und todesmutig. Dass er unter Lebensgefahr Beweise für Enteignungen und sonstige an unserem Volk verübte Gräuel gesammelt hat und das bei einem derart gnadenlosen Regime, so etwas ist eine äußerst tapfere, selbstlose Tat.«

»Aber wenn Frau Wagner das Dokument so sehr will«, begann Korab, »dann wird sie sich ja früher oder später ohnehin bei Ihnen melden, oder?«

»Nein«, entgegnete Frau Rabental, »sie kann sich gar nicht melden.«

»Warum?«

»Weil ich von der Polizei beobachtet werde«, antwortete Frau Rabental, »ich vermute sogar, dass mein Mobiltelefon abgehört wird. Aber ich weiß nicht, wie sie das machen.«

»Und wie kommen Sie zu dieser Vermutung?«

»Weil die Polizisten immer wieder wechseln und erstaunlich aufdringlich sind. Außerdem wissen sie Details, die ich ihnen gar nicht erzählt habe.«

»Zum Beispiel?«, fragte Korab.

»Zuerst waren es nur zwei Beamte«, antwortete Frau Rabental. »Aber dann ist noch ein dritter gekommen. Er hat mir auf den Kopf zugesagt, dass ich mich weniger um das Seelenheil Pfarrer Grubers kümmern soll, sondern mehr um mein eigenes, dem mit einer Anklage wegen Beihilfe zum Mord nicht gerade geholfen wäre.«

»Wie kommt der auf Beihilfe zum Mord?«, fragte Korab bestürzt.

»Wäre Frau Wagner wirklich die Täterin«, sagte Frau Rabental, »und ich gäbe ihr Versteck nicht preis, dann könnte das ein Richter als Beihilfe zum Mord auslegen und entsprechend bestrafen. Frau Wagner und ich haben in der Gruber-Sache öfter und ausführlich miteinander telefoniert. Das haben die Ermittler durch ein Telefonprotokoll festgestellt.«

»Und?«, fragte Korab, »Was haben Sie den Ermittlern geantwortet?«

»Die Wahrheit. Ich habe denen die gleiche Geschichte erzählt wie Ihnen. Mit dem großen Unterschied, dass die mir höchstens die Hälfte geglaubt haben. Die sind überhaupt nicht interessiert an dem Gruber-Thema. Restitutionsgeschichten sind denen schnuppe. Das ist entsetzlich, aber wahr. Die wollen nur den Mord aufklären und Frau Wagner finden, weil sie glauben, dass sie die Mörderin ist.«

»Haben die Ermittler das so formuliert?«

»So direkt nicht, nein«, relativierte Frau Rabental, »aber zwischen den Zeilen habe ich schon sehr deutlich gespürt, dass die Unschuldsvermutung für Frau Wagner nur bedingt gilt.«

»Wenn sie tatsächlich unschuldig ist«, überlegte Korab laut, »dann könnte sie sich ja stellen und der Polizei alles erklären.«

»Dann ginge es ihr wie mir«, sagte Frau Rabental, »die Polizei würde ihr nur die Hälfte glauben und sie sehr wahrscheinlich in Untersuchungshaft nehmen. Aber sie hat noch etwas Wichtiges zu erledigen und braucht dafür vor allem eines: Zeit.«

»Und wofür genau braucht sie diese Zeit?«, fragte Korab, während er unaufhörlich in sein Büchlein schrieb.

»Das hat sie nur angedeutet. Es hängt, glaube ich, mit den Umständen zusammen, wie Dr. Gruber ins KZ gekommen ist. Aber wie gesagt, darüber weiß ich nichts Näheres.«

Korab versuchte sich an einer Zusammenfassung: »Aber Sie brauchen Frau Wagner, damit die Sie finanziell unterstützt, wenn die konkrete Forderung Ihres Neffen Jorge eintrifft.«

»Ganz genau, Herr Korab«, sagte Frau Rabental sichtlich erleichtert, »also müssen Sie Frau Wagner möglichst unauffällig suchen und finden und dann als eine Art Geldbote fungieren.«

»Aber nehmen wir einmal an, ich finde Frau Wagner nicht«, entwarf Korab ein durchaus realistisches Szenario, »haben Sie dann wirklich keine Möglichkeit, das Dokument ohne fremde finanzielle Hilfe von Ihrem Neffen zu kaufen?«

»Das kommt natürlich auf den Preis an«, gestand Frau Rabental, »aber der wird mit großer Wahrscheinlichkeit außerhalb meiner Möglichkeiten liegen.«

»Und … mit Verlaub … wenn Sie angesichts der zu erwartenden Großimmobilie dieses kleine Haus hier verkaufen?«, fragte Korab. »Mehr, als dieses Haus wert ist, wird Jorge bestimmt nicht verlangen.«

»Da haben Sie recht, Herr Korab«, bestätigte Frau Rabental, »aber dieses Haus gehört mir nicht. Ich bin hier nur zur Miete.«

»Verstehe«, sagte Korab, »und die kleinen Skulpturen draußen beim Eingang? Die sind wirklich gut. Sehen aus wie frühe Arbeiten von Paul Klee. Könnten Sie die nicht verkaufen?«

»Die sind nur von mir. Die bringen kein Geld. Aber … wie kommen Sie auf diesen Zusammenhang mit Klee? Er hat mich tatsächlich inspiriert.«

Der Geist der Adlerin, gerade noch ein ferner Punkt, kam jetzt hinter den Wolken hervor und hypnotisierte die Wiesenmaus. Frau Rabental beugte ihren Vogelkörper in Korabs Richtung und unterstrich mit dieser Geste die Dringlichkeit, mit der ihr Blick eine Antwort forderte.

»Klee ist einer meiner Lieblingsmaler«, erklärte Korab.

»Warum denn das?«, fragte die alte Frau.

»Weil er unzählige Scherzkekse gemalt hat, farbenfroh und zärtlich«, antwortete Korab, »und weil er den Brücken Schuhe auf die Fundamente gezeichnet hat. Seither können sie laufen. Dank ihm haben Brücken ihre statische Schwere verloren. Und ich bin immer dankbar dafür, wenn jemand unser Leben erleichtert, indem er das scheinbar Unverrückbare verrückt.«

»Das ist eine äußerst ungewöhnliche, aber sehr treffende Einschätzung«, sagte Frau Rabental erstaunt. »Wie kommt man als feinsinniger Kleeliebhaber zum rustikalen Beruf eines Privatdetektives?«

Korab empfand diese Frage als alte Bekannte. Wann immer sie auftauchte, griff er zu seiner bewährten Standardformel. Ich habe Kunstgeschichte studiert. Später, als ich gesehen habe, dass man als Kunstvermittler von der Hand in den Mund lebt, habe ich noch den Kurs für Privatdetektive am Linzer WIFI angehängt. Schnüffeln ist mein zweites berufliches Wackelbein. Anstatt diese Antwort einfach auszusprechen, hörte er sich plötzlich etwas sagen, das ihn selbst überraschte.

»Durch Flucht vor der Erwartung anderer.«

Frau Rabental zuckte zusammen. Mit einer neuen Art von Interesse sah sie Korab in die Augen und schien sich dabei zu versichern, ob sie richtig gehört hatte. Korab spürte, dass er dieses Angeschautwerden ohne Skrupel erwidern konnte. Das war kein Taxieren und kein Vorgeplänkel zum Kampf um eine auratische Vorherrschaft. Im Gesicht der betagten Frau spiegelten sich einfach nur alte, prägende Erfahrungen, deren Echo er mit seinem letzten Satz aufgewühlt hatte.

»Und Ihnen ist diese Flucht gelungen?«, fragte Frau Rabental vorsichtig, beinahe zärtlich.

»Vielleicht … aber meiner Schwester nicht«, fügte Korab so leise hinzu, dass er selbst nicht gleich wusste, ob er diesen Satz nur gedacht oder wirklich ausgesprochen hatte.

Obwohl ihn seine plötzliche Offenheit selbst erstaunte und sogar ein wenig erschreckte, spürte Korab gleichzeitig, dass er sich dieser Frau gegenüber nicht zu verstellen brauchte. Jedes Wort, das die Wahrheit nur umspielte, war vor dem gütigen Tribunal dieser fordernden Augen fehl am Platz. Korab ließ die Bilder aufflackern. Jasmins strahlendes Gesicht und die Zuversicht, mit der sie ihn ihren großen kleinen Bruder genannt hatte. Und dann, später, irgendwann, die beiden unvergesslichsten Sätze seines Lebens, ausgesprochen von dem Beamten, der damals in der Leichenhalle auf ihn zugeeilt war, um ihn aufzuhalten: Ich an Ihrer Stelle würde sie nicht mehr anschauen. Bewahren Sie Ihre Schwester so in Erinnerung, wie sie gewesen ist.

»Sie taumeln«, flüsterte Frau Rabental, als hätte sie jeden einzelnen von Korabs Gedanken gelesen. »Aber die Kunst hält Sie in der Spur.«

Korab reagierte nicht. Seine Augen waren feuchte Kübel, versunken in der gespenstischen Zone einer ständig gegenwärtigen Vergangenheit.

»Möchten Sie eine Tasse Tee?«, fragte die alte Frau wie eine Schiffslotsin, der vor einer Tiefe schaudert, die sie vergeblich zu messen versucht. Frau Rabental deutete Korabs Schweigen als Bejahung und verschwand lautlos im Nebenraum.

Es gibt eine innere Landschaft, dachte Korab, wo Menschen wie Frau Rabental unbemerkt und unscheinbar in deiner Nähe leben, gleich im nächsten Tal. Wie viele solcher Täler gibt es in dir? Und wie viele davon erreichst du im Lauf deines Lebens? Das Tal Anita und das Tal Isonzo.

Auch dort hat mich der Zufall hingespült. Und manchmal spült er dich darüber hinaus, und du gelangst in die nächsten vertrauten Gefilde. Dann stehst du da, mit den Haaren am Kopf, wie manche Großväter so treffend formulieren, und fragst dich, ob du nicht schon einmal hier gewesen bist, in einem früheren Leben, in diesem Tal, an diesem Ort mitten im Wasserwald.

»So, bitte sehr«, sagte Frau Rabental und stellte eine kobaltblaue Teetasse vor ihrem Gast auf den Tisch.

»Haben Sie die selbst getöpfert?«, nutzte Korab die Chance und wechselte das Thema.

»Ja.«

»Ein Freund von mir macht das auch«, sagte Korab nachdenklich.

»Das kann ich mir gut vorstellen«, sagte Frau Rabental, nachdem sie wieder Platz genommen hatte, »dass Sie künstlerisch begabte und extravagante Freunde haben.«

»Extravagant ist ein ideales Wort, um ihn zu beschreiben«, bestätigte Korab. »Isonzo ist ein von der Stadt extrahierter Vagant. Er lebt zwischen Wald und Wasser im Schilf.«

»Leben Sie nicht bei ihm?«, fragte Frau Rabental.

Korab verschluckte sich an der heißen Flüssigkeit. Er setzte die Tasse ab, räusperte sich und blickte in Frau Rabentals Richtung, ohne ihr in die Augen zu schauen.

»Warum sollte ich?«, fragte Korab erstaunt.

»Weil Sie dann glücklicher wären.«

»Wie kommen Sie darauf?«

»Durch Ihre Stimme«, sagte die alte Frau. »Ihre Stimme leuchtet, wenn Sie um diesen Ort kreist.«

Korab griff nach einer Serviette, wischte sich über den Mund und dachte dabei an die sagenhaften Schwerter, die anfangen blau oder weiß zu schimmern, wenn sich Feinde nähern. Offensichtlich gab es dieses Phänomen auch umgekehrt. Aber er hatte noch nie davon gelesen, geschweige denn einen Menschen getroffen, dem sich das Spektrum sympathischer Sehnsüchte aus dem Klang von Unter- und Obertönen erschloss.

»Haben Sie Psychologie studiert?«, fragte Korab seine Gastgeberin.

»Ja«, antwortete Frau Rabental, »an der besten Universität, die es dafür gibt, dem KZ. Wenn Sie jahrelang jeden Tag mit Ihrer Ermordung rechnen müssen, dann entwickeln Sie Sinne, die es Ihnen erlauben, Stimmen zu lesen. Selbst als Kinder, die wir damals waren, mussten wir im Lager eine übermenschliche Aufmerksamkeit entwickeln. Und glauben Sie mir, Herr Korab, nicht was ein Mensch sagt, sondern wie er es sagt, entscheidet über Nähe und Ferne, über Sinn und Unsinn, über Leben und Tod.«

»Kann man dieses Stimmenlesen auch ohne Todesgefahr lernen?«, fragte Korab.

»Vermutlich können das alle Künstler«, antwortete Frau Rabental. »Wissen Sie, ich habe auch nicht davon geträumt, Werklehrerin zu werden. Eigentlich wollte ich Bildhauerin werden, aber mein Schicksal hatte etwas anderes mit mir vor. Und ich habe mich gefügt. Sie haben sich noch nicht gefügt. Sie sind noch auf der Suche. Und wenn Sie mir nicht helfen, weil Sie meinen Fall für aussichtslos oder finanziell unergiebig halten, dann muss ich auf die Wiedergutmachung verzichten. Ich kann mir keinen teuren Detektiv leisten. Ehrlich gesagt habe ich auch bei ein paar anderen Detekteien angefragt. Aber dort sind die Preise astronomisch.«

Genau das hatte Korab befürchtet. Dieses wasserwaldwilde Knusperhäuschen war in Wahrheit eine Zwickmühle. Genau deshalb hatte er die anderen Möglichkeiten zumindest andiskutiert. An ihn wandte sich nur eine ganz besonders gebeutelte Menschengattung, die der hilflosen Hungertuchnager. Schon an seine Wiege war das Schicksal mit der Posaune herangetreten und hatte verkündet, dass seine zukünftigen Klientinnen entweder junge Malerinnen ohne fixes Einkommen sein würden, wie in seinem letzten Fall Julia Hofer, oder alte Werklehrerinnen wie Frau Sarah Rabental, deren Pension so klein war, dass man sie sogar mit dem Elektronenmikroskop vergeblich suchte. Korab gebot sich, nicht zu seufzen.

»Ein wenig Bakschisch müssen Sie mir aber schon zahlen. Immerhin habe ich laufende Recherchekosten. Die halte ich so gering wie möglich – ebenso wie meinen Stundenlohn. Das kann ich aber nur, weil mich geniale Freunde unterstützen. Deren Geduld und Mitgefühl ist für mich heilig. So heilig, dass ich sie auf gar keinen Fall über Gebühr beanspruchen werde. Also brauche ich auch von meinen Kunden immer wieder einmal das, was Sie mir am Anfang unserer Begegnung zukommen haben lassen, echtes, gültiges Bargeld.«

»Ich verstehe Sie natürlich und danke Ihnen sehr«, sagte Frau Rabental. »Über ein kleines Grundeinkommen verfüge ich ja … und, Herr Korab, seien Sie versichert, dass ich Sie garantiert nicht vergesse, sollte ich das Haus an der Landstraße tatsächlich zurückbekommen.«

5

»Anita Ligula!«, rief Korab den Vor- und Nachnamen seiner besten Freundin und Lieblingskollegin, der Hauptkassierin des LinzMuseums und Königin des menschenleeren Foyers, während er über die gepflegte Schiebetürschwelle trat. »Lumen Gentium! Licht der Völker und Licht meines schattigen Daseins! Du Stern des Südens und letztes Stützrad am Vehikel meiner Moral! Du Sonne der Sinne, du Samen der Seele, du Salz der …«

Bevor Korab das Wort Ursuppe aussprechen konnte, unterbrach seine Gesprächspartnerin die kolossale Einleitung mit einem ebenso kolossalen Gebrüll: »Stopp! Klink dich wieder ein und komm zur Sache, Pius! Dein Vorschleim verätzt unsere frisch geputzte Halle! Hör auf mit den verdammten Floskeln und leg endlich die Fakten auf den Tisch! Namen, Zahlen, Schuhnummern und so weiter!«

»Doktor Johann Gruber«, begann Korab sachlich, während er an Anitas ausladenden Eckschreibtisch herantrat, sein Sudelbuch auspackte und auf seine Notizen schielte. »Er war ein oberösterreichischer Priester und wurde 1944 im KZ Gusen ermordet, und jetzt soll er seliggesprochen werden. Dieser Prozess ist einer gewissen Frau Wagner ein ganz besonderes Anliegen. Sie ist eine ehemalige Schülerin von Dr. Gruber. Nach fünfzig Jahren Ehe mit dem Waffenhändler Ernst Wagner hat sich Frau Wagner von ihm getrennt und ist untergetaucht. Jetzt, im Untergrund, treibt sie die Seligsprechung auf ihre Weise voran … was immer das heißen mag. Das Ungute aber ist: Ernst Wagner wurde entweder bei dieser Trennung oder kurz danach ermordet. Lotte Wagners Bekannte, eine gewisse Frau Sarah Rabental, hat mich engagiert, um Frau Wagner noch vor der Polizei zu finden. Ich soll von ihr Geld für ein Dokument Dr. Grubers entgegennehmen, das ein südamerikanischer Neffe Rabentals verhökern möchte. Dieses Dokument ist für beide Frauen von überragender Bedeutung. Für die eine, weil sie damit ein großes, ihrer Familie in der NS-Zeit enteignetes Zinshaus an der Landstraße zurückfordern kann, für die andere, weil das Dokument die Seligsprechung ihres Leitsterns Dr. Gruber enorm beschleunigen würde. Ende der Primärfakten.«

»So gefällt mir das. Kein zähes Herumgelaber«, sagte Anita, während sie wild auf ihrer Tastatur herumhackte. »Ich weiß doch, an dir ist ein Nachrichtensprecher verloren gegangen.«

»Bloß nicht«, wehrte Korab ab, »das ist einer der gefährlichsten Berufe der Welt. Denk an das Schicksal vom alten Belcredi. Das geht mir heute noch nahe. Der hat vor Urzeiten im ORF das Wetter angesagt. Und immer wenn es nicht ganz so schön geworden ist, wie von ihm verkündet, dann haben ihm die alten Frauen im Supermarkt aufgelauert.«

Anita sah kurz und skeptisch auf von ihrer Tabulatur.

»Großes Hundianereherenwort«, beschwor Korab seine Behauptung, »das ist eine Tatsache, das hat er selber erzählt. Und wenn er mit seinem Einkaufswagen um die Ecke gebogen ist, dann haben ihm die Omas als Strafe für die falsche Vorhersage ihre Regenschirme auf den Rücken gewuchtet. Der Mann hat Striemen wie ein alter Galeerensträfling.«

»Und das hat er von seiner eigenen Leber weg erzählt?«, fragte Anita.

»Aber frisch und froh«, sagte Korab, »anlässlich eines Interviews kurz vor seiner Pensionierung.«

»Jaja, unterschätze nie die alten Frauen«, schmunzelte Anita, »und was ist mit den jungen? Was tut sich bei dir und Julia Hofer?«

»Pattstellung.«

»Hui«, frohlockte Anita, »die kenn ich ja noch gar nicht. Wie muss man sich die vorstellen?«

»Ich war mit Julia im Kino bei einem Tolkien-Revival«, überging Korab den kamasutrischen Hintergrund der Anspielung und trat ein paar Schritte vom Schreibtisch zurück, wo Anita thronte wie Leutnant Uhura im Raumschiff Enterprise.

»… wir sitzen also in der Mitte, so zehnte Reihe von zwanzig und um uns gut und gerne zweihundert Leute. Und auf der Leinwand werden Orks abgeschlachtet, so ratzfatz, weil die ja aussehen wie Atommutanten und deshalb überhaupt kein Mitleid verdienen, aber irgendwann zwischendurch kommt auch einer von den Guten dran … also ein Zwergenkönig, ein Guter aus dem zweiten Glied sozusagen … und alle anderen Zwerge scharen sich um den Sterbenden und knien nieder, und nach und nach knien auch die großen Hauptdarsteller nieder, und wie dann irgendwann alle knien und erhaben blicken, also da wird es mir zu bunt und ich rutsche aus dem Sitz und knie mitten im Kino auch nieder, so ungefähr …«

Vor Anitas interessierten Augen sank Korab inmitten des menschenleeren Museumsfoyers auf den Teppich, ließ den linken Arm sinken, legte den rechten auf die Brust und begann mit ein paar ausladenden, weihevoll grüßenden Gesten.

»Und wie ich da so knie und dem sterbenden Königszwerg meine Referenz erweise, drehen sich ungefähr hundert Kinobesucherhälse in meine Richtung, vor allem die, die hinter uns sitzen. Und alle schauen mich mit großen Augen und irgendwie ratlos an, weil ihnen die Aktion nicht geheuer ist. Aber egal. Was dann kommt, ist noch viel trauriger. Statt mit mir zu knien oder wenigstens zu schmunzeln, bleibt Julia mental irgendwie bei den anderen … sie sinkt immer tiefer in ihren Sitz, so nach dem Motto: Ich kenne den Typen eigentlich nicht wirklich, ich sitz’ nur zufällig in seiner Nähe …«

In diesem Moment sah Korab die drei Schatten. Als er schärfer stellte, erkannte er Ughde, unseren geliebten Herrn Direktor Ebner, den Chef des LinzMuseums, der plötzlich in einer Nische stand und zusammen mit zwei anderen, sehr ernst gekleideten und noch ernster blickenden Männern zu ihm herübersah. Ughde fragte nicht: »Was tun Sie hier?!« Dann hätte Korab sich erklären und von einer theatralischen Demonstration für Frau Ligula sprechen können. Diese Chance ergab sich aber nicht. Ughde stand stumm wie ein mittelalterliches Katapult und schleuderte mindestens zwei von seinen berühmten vielsagenden Blicken, die wie zehn Tonnen schwere Geschoße durch die Luft sausen und den Selbstwert des Betreffenden zu Fall bringen, sodass dieser die atomare Struktur ändert und zu Staub zerbröselt. Schließlich setzte sich Ughde kommentarlos in Bewegung. Die beiden Totengräber folgten ihm ebenso wortleer, und das frostige Grüppchen verschwand im Aufzug.

»Scheibe«, jammerte Korab, »jetzt bin ich mit der Aktion zum zweiten Mal eingefahren.«

Anstatt sich aufzurappeln, gab er sich nun ganz der Schwerkraft hin. Er sank auf den Foyerteppich, der trotz neulich erfolgter Reinigung die unauslöschlichen Spuren von Menschengrüppchen trug, die bei Regen und Matsch ins LiMu marschiert waren, nicht um sich eine Ausstellung anzusehen, sondern um hier vor dem Wetter Zuflucht zu finden.

»Vielleicht solltest du diese Nummer noch ein wenig überarbeiten«, schlug Anita vor.

»Heraklit hat gesagt, du kannst nicht zweimal in denselben Fluss steigen«, sinnierte Korab und starrte dabei auf die Foyerdecke, die sich wie ein trost- und sternenloses Himmelsgewölbe über ihm aufspannte, »aber es gibt Menschen, die können zweimal in denselben Fettnapf steigen. Und wenn du erkennst, dass du zu diesen Menschen gehörst, dann ist das ein denkwürdiger Moment … wer waren übrigens die Spaßvögel an Ughdes Seite?«

»Rechnungsprüfer«, sagte Anita.

»Und welche Rechnungen prüfen die?«

»Meine«, antwortete Anita, »mein Ex-Mann Günther hat mich angezeigt und behauptet, ich unterschlage Eintrittsgelder.«

»Wie bitte? Er hat was getan?«, rief Korab. »Aber der Ughde kann dem Günther so etwas doch nicht geglaubt haben? Sogar der Ughde muss nach zwei Sätzen erkennen, dass der Günther ein besonders durchgeknallter, dummdreister und fieser Stalker ist.«

»Darum geht’s nicht, Pius. Der Ughde muss jedem Hinweis nachgehen … irgendwie funktioniert das Anpatzen anderer immer … Du hast doch bestimmt auch die Nacktfotos von mir bekommen, oder?«

Korab wandte seinen Blick von Anita ab und zögerte. Schließlich hatte er eine Antwort gefunden. »Ja, schon … aber ich hab sie sofort verbrannt.«

»Siehst du, es nützt nichts. Er wird mir wieder und wieder und wieder schaden, solange bis ich nicht mehr kann …«, sagte Anita und fing an zu weinen. Dieses große starke Muttertier, das eine ganze Herde sicher und behütet auf die steilste Alm führen konnte, sank plötzlich in sich zusammen.

Korab sprang sofort hinter das Kassenpult, umarmte seine Assistentin und sagte dabei: »Nein, das wird er nicht mehr. Ich kümmere mich darum, glaub mir.«

»Das ist aussichtslos, Pius«, schniefte Anita. Sie löste sich aus seiner Umarmung, rollte an eine Schublade heran, öffnete sie, zog ein Taschentuch heraus und schnäuzte sich.

»Hast du ein Foto von ihm?«, fragte Korab.

»Von wem?«

»Von Günther.«

»Sicher …«

»Kann ich es haben?«

»Ja … aber, warum?«

»Ich habe gerade einen Mediator kennengelernt«, sagte Korab. »Der ist wirklich gut und kann vielleicht vermitteln.«

»Und was würde das kosten?«, erkundigte sich Anita.

»Gar nichts«, sagte Korab, »weil ich noch was gut habe bei ihm.«

Mit diesem Satz waren Korab zwei Dinge klar geworden. Erstens: Er hatte keine Wahl mehr. Er musste den Schiele des Kraken unter diesen neuen Umständen auf jeden Fall im Museum deponieren, auch wenn, was wenig wahrscheinlich war, sein Freund und Archivar Hinrich Mayr alias Hinrichtung Nein sagen sollte. Und zweitens: Er musste – ebenfalls unter allen Umständen – vermeiden, dass Anita von der Anwesenheit des Bildes erfuhr. Sie steckte schon in mehr als genug Nervenklemmen, die ihr unermüdlich Lebensenergie absaugten. Jede zusätzliche Belastung war unbedingt zu vermeiden.

Zum Glück stellte Anita keine weiteren Fragen, tippte etwas herum und druckte schließlich ein Porträtfoto von Günther aus. Als er das Blatt in Empfang nahm und sich den Porträtierten ansah, musste sich Korab erneut zurückhalten. Der Typ sah aus wie eine Mischung aus Dschingis Khan, Frankensteins Monster und einem Bombenkrater. Dabei war das noch eine gute Aufnahme Günthers, in einem Stadium, wo er noch halbwegs bei Sinnen war. Korab fragte sich einmal mehr, was an diesem Typen so anziehend gewesen war, dass eine derart feinfühlige, witzige und herbfrische Frau wie Anita etwas an ihm finden konnte. Einfach unfassbar.

»Kannst du mir bitte noch seine Adresse hintendrauf schreiben?«, bat Korab und gab das Blatt zurück.

»Wieso willst du Günthers Adresse auf deinem Arsch?«

»Uff«, atmete Korab auf. »Anita Ligula Major zurück im Ring.«

Die Angesprochene lächelte wieder ein wenig, verschmitzt sowie verschmutzt durch einen langsam verblassenden Tränenschleier. Korab hätte seine große Wahlschwester am liebsten ein zweites Mal umarmt, enthielt sich aber, weil die meisten Leute bei zweiten Umarmungen dazu neigten, sie falsch auszulegen.

Hinrichtung, der eigentlich Hinrich Mayr hieß und seinen martialischen Spitznamen einem besonders pfiffigen Museums-Praktikanten verdankte, kaute an einem winzigen Kaugummiklümpchen und erschien Korab vom Coolheitsgrad auf einer Höhe mit Lucky Luke. Beide konnten schneller ziehen als ihr Schatten. Lucky Luke seinen Colt und Hinrichtung seine selbstgewuzelten Zigaretten, die mit dem Begriff Lungenkiller noch unterbestimmt waren.

»Wann bringst du es denn?«, fragte Hinrichtung lapidar, nachdem Korab seine Grundsituation bild- und gestenreich dargestellt hatte. Es ging um die Kritik der reinen Möglichkeit, sozusagen neokantianisch, hier das Depot, da das Bild einer noch lose befreundeten Künstlerin. Sehr persönliche Sache sozusagen, geschenkmäßig irgendwie. Im Wohnwagen klarerweise noch kein Platz zum Aufhängen. Daher LiMu, Depot und dessen Meister als letzte Rettung. Aber Kürzestdauer. Quasi lidschlagmäßig. Platzbeschaffung voll angelaufen. Hängungsprobleme theoretisch gelöst. Praktisch eine Sache einiger weniger Halbtage.

»Wann immer du da bist«, antwortete Korab unscharf und devot angesichts der ihn plagenden Furcht, sein Gegenüber könnte vielleicht zum gegebenen Zeitpunkt doch schwach werden und rein interessehalber den Deckel der Klimakiste öffnen und das ganze Ausmaß der Bescherung erkennen.

»Passt«, sagte Hinrichtung, »noch einmal von vorne. Das Bild und du, Pius. Wann kommt ihr zwei Hübschen zu mir?«

»Gleich morgen in der Früh, wenn’s dir passt?«

»Mir passt’s immer.«

»Gut. Dann kommen wir morgen.«

»… bin da.«

»Acht Uhr?«

»Okay.«

»Könnte auch eine Minute später sein. Oder sogar früher.«

»Macht nichts.«

»Super. Danke.«

Drei Minuten und siebenunddreißig Sekunden später saß Korab im abhörsichersten Vernehmungszimmer des LiMu, im Männer-WC des ersten Stocks. Auf dem geschlossenen Klodeckel wippend hatte er dem Kraken im Stenostil mitgeteilt, dass für das Bild Platz war im Museumsdepot, und ihn noch im selben Atemzug um seine Fähigkeiten als Mediator gebeten.

»Kein Problem«, sagte der Krake, »gib mir das Foto und die Adresse und ich schau mal, was sich machen lässt.«

»Danke«, sagte Korab, »vielen Dank.«

»Das verkürzt die Zeit in der Warteschleife«, überging der Krake Korabs Danksagung.

Korab fragte nicht nach, worauf der Krake wartete. Es lag auf der Hand, dass es um ein gewaltiges Lösegeld ging, das der Krake und seine Truppe vom Lentos-Museum für die Rückgabe des Schieles fordern würden. Ein fett glänzender Ledersack voller Golddukaten geisterte durch Korabs Innenwelt. Bis der eintrifft, kam noch ein Begleitton aus dem Off, wachen Hinrichtung, Anita und ich über das Wohlergehen des Bildes. Wir bringen das ganze Museum in Gefahr. Wir sind jetzt eine verdammte Hehlerhöhle, spezialisiert auf die Einverleibung von Kunstwerken, die aus benachbarten Museen gestohlen wurden. Was würde Ughde sagen, wenn er in der Zeitung die Schlagzeile las: Direktor des LinzMuseums versteckt gestohlenen Schiele im Depot? Korab sah sich mit Anita und Hinrichtung aus dem Museum gehen. Geduckt und schlurfend mit Fuß- und Handfesseln und Sträflingsgewändern, während vier bodygebildete Wärter Ughde trugen, der sich in einer Zwangsjacke wand, Korabs Namen wie einen Fluch plärrte und dabei Spucke spie und rasend mit den Augen rollte. Der Krake war ein Teufel, und er, Korab, hatte einen Pakt mit ihm geschlossen. Paktpunkt eins war der schlimmste: dass die Arbeitsplätze seiner Freunde wackelten wie die Zahnstümpfe im Maul einer Mumie, der ein durchgeknallter Archäologe mit dem Eisenhammer hemmungslos auf den Hinterkopf schlug.

Wenn er seinen freien Dienstvertrag im LiMu verlor, dachte Korab, dann ging nur eine seiner Welten unter. Aber für Hinrichtung und Anita war das LiMu der Hauptarbeitgeber. Und dem, personifiziert durch Ughde, legten der Krake und er ein Drachenei in den Bauch, das, wenn es von unbefugten Augen ausgebrütet wurde, die Bude in die Luft sprengen würde. Wenn das alles gut geht, schwor sich Korab, dann spendiere ich Mooser zwei Packungen Eiswafferl.

»Wie geht’s dir, Hasenfuß?«, fragte eine weibliche Stimme, die so weiblich war wie die Innenseite einer reifen Papaya. Korab kam wieder zu sich und bemerkte, dass er das iPhone noch immer an sein Ohr hielt. Er war ein alter Fernseher mit nur zwei Programmen. Jemand hatte den Kraken ausgeschaltet und den anderen Sender zugeschaltet. Auf dem lief Mollys Lolly, eine Art Dschungeldokumentation mit märchenhaften Elementen. Die Hauptrolle spielte eine junge Frau, die zu schön war, um wahr zu sein, und deshalb virtuell blieb.

»Stressig«, sagte Korab endlich.

»Das kommt vom vielen Flüchten und Laufen«, erklärte Molly sanft und ruhig.

»… und zu viel Kamillenteesaufen«, hörte Korab Isonzo aus dem Hintergrund. Offensichtlich saßen sein Freund, Molly, der Krake und Seinfreund noch immer in der Jurte.

»Deine Schwester ist sehr besorgt um dich und lässt schon wieder nachfragen«, fuhr Molly milde fort, »wann du zum Essen kommst.«

Als seine Schwester hatte Isonzo noch niemand bezeichnet. Blutsbruder wäre richtig gewesen. Wahrscheinlich waren in Mollys Kosmos alle Wesen weiblich.

»Morgen«, antwortete Korab ausweichend, »allerfrühestens im Lauf des Tages irgendwann. Heute geht leider nicht mehr. Ich muss Anita helfen. Wir haben einen neuen, sehr komplexen Fall und müssen jetzt recherchieren. So wie du bei den Papuas.«

»Was weißt du von mir und den Papuas?«, erkundigte sich Doktor Müller belustigt, ohne dass sich die Frequenz ihres Herzschlags auch nur um ein Millimolly erhöht hätte.

»Nichts Genaueres«, gab Korab zu, »aber Isonzo hat da was angedeutet.«

»Was denn?«

Dass der Ozean dein Fruchtwasser ist, dachte Korab und sagte: »Allgemeines … dass du dort deine Dissertation geschrieben hast. Aber nichts Konkretes.«

»Würdest du denn gerne was Näheres erfahren?«

»Na ja … schon … wenn das ginge.«

»Das ginge echt easy«, bestätigte Molly, »aber nicht am Hallofon.«

»Wir sehen uns ja hoffentlich wieder einmal.«

»Sehr hoffentlich sogar«, zog Molly die Schraube an, »da freu ich mich drauf.«

Nachdem er aufgelegt hatte, war sich Korab nicht sicher, ob diese Freude auch seinerseits war. Ganz bestimmt wusste er nur, dass die Geilheit mit ihm war. Aber der Preis, um diese auszuleben, erschien ihm relativ hoch. Molly war ein Eingeborenentempel. Als Gegengabe für die Himmelfahrt würde sie sein Herz aus der Brusthöhle reißen und es irgendeinem Xeptocotltschebotl in den Rachen werfen. Molly Müller war kein Fels in der Brandung, sie war die Erde selbst, auf der Felsen und Brandungen aufeinanderschlugen. Molly war der Acker und er ein Distelsamen, kurz davor hinunterzufallen in die Furche. Wilde Bilder frästen tiefe Schnitte in sein Hirnholz. Steh auf und geh hinunter zu Anita, sagte er sich, und fang an zu recherchieren.

6

Unter den gegebenen Umständen war Dorothea Porofsky mit den bisherigen Ergebnissen zufrieden. Sie hatte Timo, ihren unsäglichen Enkel, diesen Kretin, schon halbwegs vom Ernst der Lage überzeugt. Und was noch wesentlich wichtiger war: Sie hatte die Spur der irren Wagner wieder aufgenommen. Genau an dem Ort, wo sie es erwartet hatte: in der Kursana-Residenz. Dort saß die einzige noch lebende Mitverschwörerin von damals, Klara Artner, ihren Lebensrest ab. Wie gut, dass Porofsky sie im Auge behalten hatte.

Die alte Artner, dieses ewig ängstliche Opfertier, hatte ihr am Telefon erzählt, nach einem zugegeben donnernden Moment der Überraschung und des Schreckens, dass sich Wagner zu einem nachmittäglichen Besuch bei ihr angesagt hatte.

Natürlich hatte Porofsky diesen Schritt erwartet und Artner sofort an ihre Jahrzehnte alte Abmachung erinnert, unter keinen Umständen irgendetwas zu unterschreiben, was die Sache Gruber betraf. Täte sie das, müsste sie auf der Stelle aus dem Heim ausziehen und ins Gefängnis übersiedeln. Mord verjährt nicht! Und sie war eine der Anstifterinnen, deren Verleumdung zu Dr. Grubers Ermordung geführt hatte. Artners uralte Angst war sofort wieder mit aller Wucht aufgebrochen. Die meisten Menschen blieben ein Leben lang manipulierbar, sagte sich Porofsky und gönnte sich einen Moment des nachhallenden Triumphes. Sie saß neben Timo in seinem Porsche, den er ihr verdankte, und blickte abwechselnd hinüber zum Eingang des Luxusaltersheims und auf Timo, der das Teleobjektiv auf seiner Kamera justierte.

»Sobald die Wagner rauskommt«, sagte Porofsky, »machst du Fotos von ihr.«

»Das hab ich schon kapiert«, sagte Timo. Er klang ärgerlich. Schon seit sie hier angekommen waren, hatte ihn seine Großmutter mit diesem Befehl genervt.

»Und dann folgst du ihr«, überging Dorothea Porofsky die Unmutsäußerung, »unauffällig, wenn das mit diesem Wagen überhaupt möglich ist.«

»Ich bin ja kein Volltrottel«, verteidigte sich Timo.

»Was du noch nie beweisen hast müssen«, ergänzte seine Großmutter kühl.

»Sag einmal, spinnst du schon komplett?«, brauste Timo auf. »Was ist denn los mit dir? Zuerst kann ich gar nicht schnell genug bei dir sein und jetzt beleidigst du mich in einer Tour? Du hältst mich für zu blöd, dass ich eine alte Schachtel fotografiere und sie verfolge. Warum?«

»Du hast noch immer nicht kapiert, was auf dem Spiel steht.«

»Dann erklär’s mir – bitte!«

»Wenn du dein parasitäres Leben in dieser Form auch nur halbwegs weiterführen willst, dann müssen wir diese Alte stoppen. Wir müssen herausfinden, wo sie haust. Der Fortbestand unseres Vermögens und unseres Familienbesitzes ist in Gefahr.«

Timo schnaubte, versagte sich aber eine Reaktion. Seine Großmutter hielt das Heft in der Hand.

»Und jetzt die ausführliche Fassung: Unser Zinshaus, dem wir alle unsere sorgenfreie Existenz verdanken, hat vor gar nicht so langer Zeit einer jüdischen Familie gehört. Dein Urgroßvater, Gott habe ihn selig, war bei dieser Familie Rabental als Hausmeister angestellt. Als die Zeiten für das jüdische Volk schwieriger wurden, hat ihm Herr Ariel Rabental das Haus zu einem günstigen Preis verkauft. Als Dank für seine Treue und seine redlichen, langjährigen Dienste. Gleich danach hat man diese Familie, die Eltern und zwei Töchter, abgeholt und nach Mauthausen deportiert. Aber ein gewisser Johann Gruber, ein geldgeiler, katholischer Priester, ein Schullehrer und selbsternannter Historiker, hat schon damals behauptet, dass ihn die jüdische Familie vor ihrer Deportation aufgesucht hätte, um ihm anzuvertrauen, dass das Zinshaus nicht freiwillig an meinen Vater abgetreten wurde. Das war natürlich ein typischer Schachzug dieser verfluchten Judenbrut. Zum Glück war dieser Priester in der damaligen politischen Landschaft schon schlecht angeschrieben. Er war bekannt als Judenversteher und, mindestens ebenso schlimm: Er hat sich uns jungen Mädchen unsittlich genähert. Das haben ich und ein paar andere Mädchen aus der Klasse beim Direktor unserer Schule zu Protokoll gegeben. Daraufhin wurde dieser Johann Gruber vom Unterricht weg verhaftet und nach Gusen ins KZ verfrachtet, wo er auch gestorben ist. Und jetzt plötzlich kommt diese alte Irre anmarschiert, die auch eine Gruberschülerin war, und behauptet, ich und die anderen Mädchen hätten gelogen und dieser Priester hätte die Wahrheit gesagt.«

»Und warum hat sie damit so lange gewartet?«, fragte Timo.

»Weil jetzt in irgendeinem Nachlass ein Dokument von diesem Gruber aufgetaucht ist, das ihre Aussagen angeblich beweist. Und falls dieses Dokument tatsächlich existiert, dann könnte sie uns damit dein Erbe streitig machen.«

»Und wo ist dieses Dokument?«, wollte Timo wissen.

»Das ist genau die Frage«, sagte seine Großmutter, »weshalb wir beide jetzt hier sitzen. Wir müssen herausbekommen, wo sie wohnt. Dann sehen wir weiter.«

»Aber was sie behauptet, stimmt doch nicht, oder?«

»Natürlich nicht«, sagte Porofsky, »aber in politisch verworrenen Zeiten wie diesen führen auch bloße Behauptungen zu Untersuchungen, die höchst unangenehm werden können. Auch wenn wir viele von diesen Ratten ausgerottet haben, gibt es immer noch genug, die plötzlich aus irgendwelchen Löchern kriechen und Besitzansprüche geltend machen, die in so politisch überkorrekten Zeiten wie den unseren leider geprüft werden. Und damit das unter keinen Umständen passiert, müssen wir dieses verfluchte Miststück stoppen!«

»Was meinst du mit stoppen?«, fragte Timo.

»Das lass meine Sorge sein …«

Mit einiger Genugtuung registrierte die alte Frau, dass sie ihren Enkel in einer Tiefenschicht getroffen hatte. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie das Gefühl, dass etwas von ihr Gesagtes Bedeutung gewann in einer Welt, die sich abgesehen von einem starken, einseitigen finanziellen Band längst von ihren Vorstellungen entkoppelt hatte. Werten, die ihr hoch und heilig waren, Familie, Rassenreinheit, Besitz, stand dieser Schwächling gleichgültig gegenüber. Solange er seinen Porsche fuhr und sich eine Identität als Naturfotograf suggerierte, war er mit seiner kleinen Welt zufrieden. Dass sein Vater Gert im Gefängnis saß, weil er die Fackel hochgehalten hatte, das hatte dieser Weichling schon nach der ersten Woche verdrängt. Wie konnte ein Apfel nur so weit vom Stamm fallen? Immerhin, wenn sein Besitz in Frage stand, fing sogar dieser faule Apfel an zu rollen. Vielleicht war es doch noch nicht zu spät. Und vielleicht würde diese unsägliche Angelegenheit dazu beitragen, aus Timo einen ähnlich wehrhaften, tatkräftigen Mann zu machen wie seinen Vater.

»Das könnte sie sein«, sagte Timo und zeigte hinüber auf die Figur einer alten, kleinen Frau, die soeben durch die elektrische Schiebetür der Altersresidenz ins Freie trat.

»Ja, das ist sie«, bestätigte Dorothea Porofsky mit einem sardonischen Grinser, »drück ab.«

»Was glaubst du, was ich hier tue?«, fragte Timo. »Die Fotos werden spitze.«

»Und jetzt fahr ihr nach«, befahl seine Großmutter, »aber immer schön vorsichtig.«

»Du nervst sowas von«, jammerte ihr Enkel.

»Daran wirst du dich gewöhnen müssen.«

Frau Wagner überquerte die Straßenbahnschienen und bog ein in die Sonnensteinstraße.

»Sie geht zum Busbahnhof«, sagte Timo.

»Dann nichts wie hin«, sagte seine Großmutter.

Am Bahnhof angekommen stieg die alte Frau in einen Bus Richtung Steyr. Timo folgte dem Fahrzeug in wechselnden Abständen, sodass seine Großmutter keinen Grund hatte, sich über mangelnde Vorsicht zu beschweren.

Unsäglich waren nur die vielen Zwischenstopps, die dieser Pemperlbus an allen möglichen und unmöglichen Haltestellen diverser Schweinsnester einlegte. Als er über die erste größere Hügelkuppe nach Linz hinausgefahren war und den kleinen Ort St. Hippolyt erreichte, berühmt für eines der größten Barockstifte Europas, stieg Frau Wagner aus. Sie bemerkte weder den roten Porsche, der keine hundert Meter von der Haltestelle entfernt an einer Bordsteinkante lauerte wie ein geducktes sprungbereites Raubtier, noch dessen Insassen, die jeden einzelnen ihrer Schritte aufmerksam verfolgten.

»Steig aus und geh ihr nach!«, befahl Frau Porofsky.

Der Enkel tat, wie ihm geheißen, und folgte mit dem Fotoapparat im Anschlag der alten Irren, die im Stiftshof nicht in den Haupteingang abbog. Stattdessen bewegte sie sich weiter an der Fassade entlang, gelangte schließlich zur Basilika, ging auch dort am Eingang vorüber und marschierte weiter über den Friedhof. Timo hatte alle Füße voll zu tun, um Frau Wagner nicht aus den Augen zu verlieren. Mit gezücktem Fotoapparat, einen Touristen mimend, folgte er der alten Frau in einem Abstand von etwa einhundertfünfzig Metern und sah gerade noch, wie sie in einem Seiteneingang des Stiftes verschwand. Was jetzt? Timo fragte sich, ob er warten oder zurückgehen und Bericht erstatten sollte. So wie seine Großmutter sich momentan aufführte, war wahrscheinlich beides falsch. Nach kurzer Zeit entschied er sich für die Rückkehr und erzählte seiner Großmutter vom Trick der alten Wagner. Irgendwie hatte es ausgesehen, als sei sie einfach in der Stiftswand verschwunden.

»Gut«, sagte die alte Porofsky, »jetzt wissen wir wenigstens, wo sich dieses Miststück verkrochen hat. Jetzt haben wir genügend Zeit, um die anderen zu alarmieren.«

»Welche anderen?«, fragte Timo.

»Echte Männer«, antwortete Dorothea Porofsky, »also das Gegenteil von dir.«

7

Zuerst hatte Anita die Sekretärin des Papa-Gruber-Arbeitskreises kontaktiert und war auf wenig Begeisterung für ihr Interesse gestoßen. Dass Frau Lotte Wagner, ihre Präsidentin, verschwunden war und jetzt wegen Mordverdachts gesucht wurde, hatte den rührigen Haufen aus Laien und Kirchenprofis ganz offensichtlich aus der Fassung gebracht. Bemüht freundlich, aber mental aufgewühlt wie tote Blätter von einem Laubsauger, hatte die gute Frau um Verständnis dafür gebeten, dass unter den aktuellen Umständen keine näheren Auskünfte erteilt werden könnten. Für Fragen zur Person Dr. Gruber solle man doch bitte die Website abrufen. Da sei der aktuelle Forschungsstand für ein breites Publikum dokumentiert.

In einem zweiten Schritt hatten sich Anita und Korab diese Website angesehen und sämtliche online gestellten Artikel durchgeackert. Dabei hatten sie entdeckt, dass das Engagement für Johann Gruber immer wieder von den gleichen Personen getragen wurde. Besonders die Zuschriften an die Kirchenzeitung waren aufschlussreich gewesen. Den einsamen Rekord für eingesandte Artikel zum Fall Johann Gruber hielt ein Oberstudienrat aus Mattighofen. Er hieß Franz Scheuz, war über 90 Jahre alt und ein ehemaliger Schüler Grubers. Obwohl Korab sich angeboten hatte, das zu erledigen, hatte Anita darauf bestanden diesen Herrn Scheuz selbst anzurufen. »Ich klopfe und paniere die Schnitzel«, war Anita in diesem Zusammenhang metaphorisch geworden, »und du darfst sie herausbraten.«

Im vorliegenden Fall wäre diese strikte Arbeitsteilung gar nicht notwendig gewesen. Franz Scheuz war der wunderbarste Zeitzeuge, den man sich vorstellen konnte. Er hatte sich entzückt gezeigt über das Interesse an seinem verehrten Lehrer und war nur allzu gerne bereit gewesen, einem Geschichtsprofessor des LinzMuseums Auskünfte zu erteilen. Sowohl im Fall Johann Gruber als auch bei allen anderen Fragen, wo ein einfacher Greis, wie er sich ausdrückte, der hohen Wissenschaft noch behilflich sein konnte.

Jetzt saß dieser Historiker namens Pius Korab im vormittäglichen Zug von Linz nach Mattighofen und versuchte vergeblich, sich zu beruhigen. Anstatt sich einzulesen und auf die Unterlagen zu konzentrieren, die ihm Anita über Dr. Gruber ausgedruckt hatte, dachte Korab in sekündlich wiederkehrenden, malariaartigen Schüben an die Zeitbombe, die er heute um zehn vor acht von Isonzo übernommen und ins Gemäldearchiv des LiMu hinuntergetragen hatte. Hinrichtung war cool gewesen wie immer. Ohne unnötiges Gequassel hatte er mitgeholfen, die Klimakiste zu verstauen, und sogar laut und deutlich okay gesagt, als Korab ihn gebeten hatte, die Aktion gegenüber Anita nicht zu erwähnen. Es gibt da ein paar Reibereien zwischen ihr und der Künstlerin. Ein bisschen Eifersucht, völlig unbegründet, aber du kennst ja die Frauen und so weiter. Korab versuchte, sich auf die Landschaft zu konzentrieren, sah aber nichts außer einem graugrünen Streifen, der viel zu schnell an ihm vorbeigezogen wurde. Schließlich gestand er sich ein, dass er sein Hauptthema nicht länger ignorieren konnte.

Johann Gruber, begann Korab zu lesen, war einer der sechzehn oberösterreichischen Priester, die in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet wurden. Der Grund dafür, warum man ihn am 9. April 1944 im KZ Gusen zu Tode gefoltert hatte, war, dass er aus seiner Abneigung gegenüber dem Nationalsozialismus nie einen Hehl gemacht hatte. Um ihn aus der Schule entfernen zu können, wo er bei seinen Schülern ungeheuer populär war, wurden ihm sexuelle Übergriffe unterstellt. Fünf Schülerinnen hatten ihn angezeigt, weil er sich ihnen angeblich unsittlich genähert hätte. Hauptanstifter dieser Denunziation, neben ein paar anonymen Nutznießern, war ein gewisser Josef Baumgartner, ein Lehrerkollege Grubers, der vom Eifer für das NS-Regime ebenso zerfressen war wie vom Neid auf Gruber und dessen Beliebtheit. Im KZ hatte Gruber sofort Freunde aus allen Nationen Europas gefunden, weil er ein Herzens-Esperanto sprach, das alle verstanden. Er war unerschrocken und groß in seiner Seele, auf steter Suche nach neuen Quellen, aus denen er Hilfe und Kraft schöpfen konnte. Im KZ organisierte er eine illegale Schule, indem er die vielen Lehrer, die inhaftiert waren, dazu anhielt, ein oder zwei Kinder geheim zu unterrichteten. Er nutzte seine etwas privilegiertere Stellung im KZ, um Kartoffeln zu stehlen und sie in der heißen Asche des Krematoriums zu braten. Er machte keinen Unterschied zwischen den Menschen, sondern linderte das Leid von Katholiken und Kommunisten. Er wollte so viele Häftlinge wie möglich retten und der Welt zeigen, dass Österreich nicht der bedingungslose Verbündete der Nazis war. Als Anfang 1944 im KZ ein Brief Grubers an den Bischof abgefangen werden konnte, wurde ihm dieses geheime Informationsnetz zum Verhängnis. Im Lager Gusen sollte Gruber zum Selbstmord gezwungen werden. Gruber wurde nackt in einen Bunker gesperrt, wo man ihm einen Strick hinwarf, an dem er sich erhängen sollte. Als er das nicht tat, kam der Lagerkommandant Seidler persönlich und schoss ihm mit der Pistole in den Bauch. Als er trotz der schweren Schussverletzungen weiterlebte, malträtierten ihn anonyme KZ-Wächter so lange mit Bajonettstichen und Stacheldraht, bis er starb.

Korab schloss die Mappe mit den Notizen und starrte nachdenklich durch das trübe Fensterglas. Dort draußen lag eine Welt, in der Konzentrationslager gebaut worden waren. Dieser Welt konnte man nicht entrinnen, indem man immer weiter mit dem Zug durch sie hindurchfuhr. In ein paar Minuten würde er aussteigen und versuchen müssen, sich konkret mit dem langen Schatten Doktor Grubers zu arrangieren.

Am Bahnhof von Mattighofen sprang Korab aus dem Waggon, entfernte sich mit ein paar flinken Schritten vom Eingangsbereich und stellte sich in den Windschatten eines Snack-Automaten. Sämtliche Passagiere hasteten an ihm vorüber, als hätten sie Scheuklappen an den Schläfen. Die Momente, in denen er mit anderen Menschen aus Zügen und über Bahnsteige quoll, empfand Korab als ähnlich gefährlich wie jene Augenblicke an der Supermarktkasse, kurz bevor die nachdrängenden den bereits zahlenden Kunden ihre Einkaufswägen in die Achillesfersen rammten. An solchen Kulminationspunkten hätte Korab immer laut schreien können; weniger vor körperlichem Schmerz als vor Wut über die plötzliche Spürbarkeit jener künstlichen Geschwindigkeit, die den natürlichen Lebensrhythmus der menschlichen Spezies nicht nur ignorierte, sondern auch destabilisierte. Die Popostmoderne, Isonzos entlarvendes Wort für die Gegenwart, zwang den Menschen ein Tempo auf, das sie immer weiter voneinander entfremdete.

Korab rückte näher an den Automaten heran und blickte durch die Glasfront ins Innere des klobigen Kastens. Dort stapelten sich diverse Snacks und Müsliriegel, die ihn mit ihren kreischend bunten Umhüllungen an die Schlafsäcke von Zwergen erinnerten. Noch während Korab überlegte, wohin diese Zwerge unterwegs waren, wenn sie nicht schliefen, plätscherte sein iPhone. Korab griff in seine Jacke, blickte kurz und ratlos auf die Ziffern einer unbekannten Nummer und nahm das Gespräch an.

»Seeervaaas.« Die beiden Vokale quollen aus dem Mikrofon wie alte, zähe Schmelzkäsepfropfen.

»Grüße«, erwiderte Korab neutral.

»Ich bins.«

»Super.«

»Was heißt da super? Was glaubst du denn, wieso ich anrufe?«

»Keine Ahnung.«

»Das kann ich mir denken. Du bist ja nie da, wenn man dich braucht.«

Die Stimme des Anrufers klang so fern, als befände sich ihr Besitzer nicht nur räumlich, sondern auch mental am Rand einer Polkappe. Da rang sich jemand ein Telefonat ab, der sonst nicht viel mit dieser Art der Kommunikation am Hut hatte. Korabs innerer Stimmdecoder kürzte die unter diesen Vorzeichen zur Auswahl stehenden Personen auf drei Kandidaten. Entweder er sprach mit Charon, dem Fährmannskelett, das die Toten über den Styx rudert und sich hoffentlich verwählt hatte, oder er war mit King Kong verbunden, der eine junge, blonde, leicht bekleidete Menschenfrau verloren hatte und jetzt jemanden anheuern wollte, der sie zurückbrachte. Bei der dritten zur Debatte stehenden Person handelte es sich um einen seiner Campingplatznachbarn, den Nordkarl, einen pensionierten Eisenbahner, dessen Parzelle unmittelbar an seine grenzte. Vor Jahren, als er am Campingplatz eingezogen war, hatte Korab allen Nachbarn Visitenkarten von sich gegeben. Für den Fall der Fälle. Wenn etwas sein sollte. Man weiß ja nie, was alles passiert, wo doch heute so viel passiert. Der Erste, den er damals aufgesucht hatte, war der Nordkarl gewesen. Er lebte in einem Luxuswohnwagen, den eine Gartenzwergarmee bewachte, die anstelle von Spaten Plastikgewehre trug und laut ihrem Anführer sowohl den Russen als auch die Schlitzaugen in die Flucht schlagen würde.

»Du hast eine Torte gekriegt«, sagte der Nordkarl, den Korab als mögliches Gegenüber vorerst an die erste Stelle setzte.

»Auch super«, erwiderte Korab und bestärkte sich gleichzeitig darin, dass es gut und richtig gewesen war, diesen Wortsaurier zweimal hintereinander zu bemühen. Super zu sagen oder in den letzten öffentlichen Zellen zu telefonieren verstand Korab als anachronistische Akte, als Mini-Expeditionen in die Schutzräume seiner Vergangenheit. Dort war es angesichts geringerer Lebenstempi noch ein wenig leichter, dem virtuellen Sog zu widerstehen, in dem der Rest der Menschheit herumgewirbelt wurde.

»Wie man’s nimmt«, sagte der Nordkarl.

»Dann nehmen wir es doch einfach leicht«, schlug Korab vor.

»Ja. Das kann ich mir vorstellen. Das hättest du gerne«, grinste es durch den Äther. »Aber du wirst dich noch wundern.«

»Wieso?«

»Hast du schon einmal einen Zweihunderter-Nagel gesehen?«

»Du meinst so einen Zimmermannsnagel mit zwanzig Zentimer Länge?«

»So in etwa …«

»Ja. Mit solchen Nägeln haben ein Freund und ich ein Baumhaus gebaut.«

»Dann weißt du ja, wie sowas ausschaut.«

»Ja, ungefähr. Aber wieso sollte ich das so genau wissen?«

»Weil dir wer eine Linzer Torte mit einem Zweihunderter-Nagel mitten auf deine Gartentür genagelt hat. Samt Karton. Der Nagel ist durch die Pappe, die Torte und das Holz gegangen und schaut mit der Spitze wieder raus.«

Der Pegel von Korabs Selbstwert, einem pfützenförmigen Himbeerpudding, sank um mehrere Zentimeter nach unten. Die scharfe Spitze des Zweihunderter-Nagels hatte nicht nur Holz und Tortenmasse durchstoßen, sondern auch ein paar von Korabs äußeren Seelenlamellen. Solche Wunden waren furchtbar, weil sie sich kaum behandeln ließen. Nur das Selbst konnte sich selbst verarzten, fand aber oft genug weder das richtige Werkzeug noch die genaue Stelle, an der seine fragile Oberfläche verletzt worden war.

»Ja, da schaust du«, sagte der Nordkarl, dem Korabs spürbare Betroffenheit ganz offensichtlich einen Moment der Genugtuung bescherte.

»Jemand hat eine Linzer-Torte an meine Gartentür genagelt?«, versuchte Korab, mithilfe einer Zusammenfassung wieder auf Touren zu kommen.

»Zuerst haben wir geglaubt«, fuhr der Nordkarl fort, »das ist dein neuer Postkasten. Sowas Extrawitziges. Bei Künstlern weiß man ja nie, was denen noch alles einfällt. Aber wie dann einer genauer geschaut hat, haben wir gesehen, was los ist. Ja, und weil du wieder einmal nicht da warst, ruf ich jetzt an. Weil sowas ist ja nicht normal. Nicht einmal bei einem Künstler, oder?«

»Nein, ganz bestimmt nicht«, bestätigte Korab, ohne auf den versteckten Vorwurf einzugehen. »Und was glaubst du, Karl … hat sich da jemand einen rustikalen Scherz erlaubt?«

»Scherz war das garantiert keiner.«

»Sondern?«

»Eine Kriegserklärung.«

»Wie bitte?«

»Du hast schon richtig gehört.«

»Aber Karl«, echauffierte sich Korab, »wer bitte soll denn wem den Krieg erklären?«

»Die Sinti uns.«

Die Sinti uns echote es tief und furchtbar durch Korabs tiefer gelegenen Bewusstseinshöhlen, aus denen er gerade eben mühsam herausgekrochen war, nachdem er dort in den Erinnerungen an Doktor Gruber gestöbert hatte. Der Nordkarl hatte seinen Sündenbock gefunden. Ein kleines Volk von Menschen, das der Wahnsinn des Zweiten Weltkrieges beinahe ausgerottet hätte.

»Und wieso sollten die Sinti gerade uns den Krieg erklären?«, wollte Korab wissen.

»Weils uns weghaben wollen vom See«, antwortete der Nordkarl. »Die wollen unsere Stellplätze übernehmen, ganzjährig. Aber da haben sie sich geschnitten. Wir gründen jetzt eine Bürgerwehr.«

»Wir haben Frühling«, gab Korab zu bedenken. »Im Frühling sind die Sinti ja noch nicht einmal da. Die kommen doch erst im Sommer.«

»Aber die Vorhut haben sie schon hergeschickt«, entgegnete der Nordkarl unbeirrt. »Und wenn die heute Torten an die Türen nageln, dann nageln sie morgen unsere Katzen und Hunde an. Aber das wird nicht passieren, Korab, weil wir uns wehren. Charaschó?«

»Was heißt das?«

»Ob du es verstanden hast, will ich wissen!«

»Ja«, gestand Korab, »ich hab verstanden, was du verstehst.«

»Und wann schaust du dir die Sauerei an?«, fragte der Nordkarl.

»Wenn möglich, heute noch. Sonst in den nächsten Tagen.«

»Sollen wir es stecken lassen?«

»Was?«

»Den Nagel und die Torte an deiner Tür.«

»Geht das, dass du irgendwas davor hängst? Oder etwas so hinstellst, dass es nicht jeder gleich sieht? Andere Passanten müssen das nicht unbedingt mitkriegen.«

»Geht klar.«

»Danke, Karl. Du hast was gut.«

»Aber keinen von deinen öligen Fischen. Mit denen kannst du gleich abfahren.«

»Mir fällt garantiert was Adäquates ein«, versprach Korab. Er verabschiedete sich, speicherte die Nummer des Nordkarls und bereute noch in der nächsten Sekunde das Wort adäquat. Solche abgehobenen Wortbrocken waren Gelee Royal für die Klischeebären unter den Dauercampern. Neben seinen unsteten Arbeitszeiten, dem Gitarrengeklimper, dem Buchfimmel und den beiden schmalen Stahlplastiken waren seine Fremdwortanfälle mitverantwortlich dafür, dass Korab in seiner Wahlheimat, dem kleinen Dorf am Pichlingersee, als Künstler wahrgenommen wurde. Für den Nordkarl und Korabs zweiten unmittelbaren Parzellennachbar, den Westkarl, war das Wort Künstler ein ganz besonders lustiger Spaß. Beide benutzten es vorwiegend dann, wenn er in seinem winzigen Garten war und keine andere Wahl hatte, als mit anzuhören, was auf der anderen Seite der Thujenhecke besprochen wurde. In solchen Momenten, die gottlob selten waren, zogen der Nordkarl und der Westkarl das ü in Künstler derart hingebungsvoll in die Länge, dass Korab unweigerlich an den Maiszünsler denken musste, einen winzigen, aber effektiven Schädling im Ackerbau. Manchmal, wenn er in der rostigen Freiluftbadewanne hinter seinem Wohnwagen saß, von seinen Kopfhörern geschützt, und stundenlang in einem dicken Roman las, empfand er sich tatsächlich als Fremdkörper in dieser Miniaturwelt, als Kuckucksei, das sich selbst an einen Ort gelegt hatte, wo außer Leviten nur Gratiszeitungen gelesen wurden.

Jemand hat eine Linzer-Torte an deine Gartentür genagelt. Dieser Satz ragte wie ein mächtiger Eiszapfen vor Korab aus dem Boden. Ein kaltes, unnahbares Glitzern, das gleichzeitig einen anziehenden Magnetismus verströmte. Wer war dieser Jemand, der eine solche Idee nicht nur ausbrüten, sondern auch so in die Tat umsetzen konnte, dass niemand am Campingplatz etwas davon mitbekam? In dieser Jeder-schaut-auf-jeden-Atmosphäre war es sogar für eine Wanzenfamilie kaum möglich, unbemerkt von einem Busch zum anderen zu übersiedeln. Irgendein Dauercamper hatte seine Teleskopohren immer durch die Hecken geschoben und seine Aufmerksamkeit wie ein Geflecht aus unsichtbaren Schlingen auf die schmalen Wege gebreitet. Dass es bei dieser lückenlosen Überwachung einem Fremden gelungen war, unbeobachtet eine Torte an eine Gartentür zu nageln, noch dazu mit einem derart klobigen Nagel, umgab diesen Jemand in Korabs Vorstellung mit der Aura eines Geistes. Wer war dieser Geist? Korab wusste nur ein einziges Faktum mit Sicherheit: Die Sinti kamen nicht in Frage. Er kannte diese Menschen und ihren scheuen Blick. Wenn sie während der Sommermonate am Parkplatz zwischen den Pappeln ihre Limousinen und Großraumwohnwägen abgestellt hatten, dann schauten sie nicht einmal versehentlich in die Richtung der anderen Campingplatzbenutzer. Nur ja nirgends anecken. Das war ihre Devise. Die Sinti wollten durchatmen und Kraft schöpfen für ihr kräftezehrendes Dauernd-auf-Achse-Sein, das nichts anders war als eine permanente Fluchtbewegung. Für Isonzo, der sich ebenfalls als Nomade begriff, waren sie Schicksalsgenossen, denen er ein Mal im Jahr, unterstützt von Korab, zwei Kartons voller geräucherter Donaufische als Willkommensgeschenk brachte. Bei dieser Gelegenheit kam man vor allem mit den Männern ins Gespräch und erfuhr, wie schwierig es geworden war, in Mitteleuropa Stellplätze für einen ganzen Clan zu finden. Und war dann endlich ein halbwegs passabler Ort entdeckt, dann versuchte man, dort möglichst wenig aufzufallen, um bitte, wenn machbar, auch in den nächsten Jahren noch geduldet zu werden. Dass die Sinti unter diesen Vorzeichen eine derart schroffe und bizarre Aktion gesetzt hatten, hielt Korab für absurd. Die gekreuzigte Torte musste das Werk eines Einzeltäters sein.

Wieso sollte dieser anonyme Gartentürverzierer nicht aus der Siedlung stammen? Oder vorhaben, in selbige einzuziehen? Seit Jahren war die Nachfrage nach Stellplätzen weitaus höher als das Angebot. Wer einmal drinnen war, baute sich ein und vererbte den Bunker an seine Kinder und Enkel. Nur Typen, die weder Kinder noch Verwandte hatten, würden sich vielleicht zu einem Abgang bewegen lassen. Vorausgesetzt, man machte ihnen mit einem gewissen Nachdruck deutlich, dass sie nicht in diese Umgebung passten.

Korab, der noch immer vor dem Automaten stand, steckte sein iPhone zurück in die Jackentasche und blickte erneut ins Innere des sperrigen Kastens. Die bunt glitzernden Schokostreifen und Müsliriegel erinnerten ihn daran, dass er noch kein Gastgeschenk für Herrn Scheuz besorgt hatte. Was bringt man einem Neunzigjährigen, der sich bereit erklärt hat, seine kostbare Zeit einem Historiker zu opfern?

Nachdenklich ging Korab über das Bahnhofsgelände und blieb vor einem Kiosk stehen. Dort kaufte er eine kleine Sonnenblume für Herrn Scheuz. Die Blume züchten, die Blume ernten, sie hierher bringen, lagern und präsentieren; das alles stand in einem guten Verhältnis zum Endpreis und zur Größe der erzielbaren Freude beim Beschenkten. Korab beschloss, bei seiner Rückfahrt noch eine zweite Van-Gogh-Rakete zu erwerben. So nannte Korab bei seinen Museumsführungen die von van Gogh gemalten Sonnenblumen. Anita würde sich freuen.

8

»An den Schnauferl erinnere ich mich noch so gut, als ob es gestern gewesen wäre«, sagte Herr Oberstudienrat Franz Scheuz, nachdem Korab an einem einfachen, sehr sauberen Küchentisch Platz genommen hatte.

»Wissen Sie«, fuhr der alte Mann fort und sah dabei seinem Gast bedeutsam in die Augen, »der Herr Gruber war ja eine imposante Erscheinung. Nicht von der Größe her, da war er eher klein. Aber was der Mann gewusst hat, das war das eigentlich Hervorragende. Ich erinnere mich heute noch, wie er griechisch deklamiert hat. Da hat er sich vor uns hingestellt wie der Odysseus persönlich, und so hat er auch vorgesprochen, auswendig und seitenweise hat er die Odyssee hergesagt, und wir haben ihn angefeuert. Bitte Herr Professor, haben wir gesagt, mehr. Und er hat sich hineingesteigert, dass es nur so eine Freude war … jaja, der Schnauferl. Der Spitzname kam daher, weil er immer so geschnauft hat, wenn er ins Unterrichtszimmer gekommen ist. Weil er hat ja an mehreren Linzer Schulen unterrichtet, und da ist er ständig hin und her. Und wenn er dann da war, da hat er schwer geatmet und deswegen auch sein Spitzname.«

»Er war also sehr beliebt bei den Schülern?«, fragte Korab.

»Aber wie«, sagte Franz Scheuz auf, »wir haben uns auf seine Stunden immer schon vorher gefreut. Weil wir haben gewusst, wenn der Schnauferl kommt, dann wird’s lebendig. Der Schnauferl hat nicht von oben herab doziert wie die anderen Lehrer, der hat sich zwischen die Schüler gestellt und dann ist es losgegangen. Er war ungeheuer belesen, hat Geschichte und Geographie unterrichtet und ist auch selbst sehr viel gereist. Zum Beispiel zum Vesuv. Wenn der Schnauferl vom Vesuv erzählt hat, dann hat man den heißen Atem des Vulkans direkt gespürt. Mich gruselt’s heut noch, wenn ich daran denk’, und am liebsten wären alle aus der Klasse gleich aufgestanden und zum Vesuv gereist.«

»Wie war es dann möglich«, fragte Korab, »wenn ihn alle Jugendlichen an der Schule so gerne gehabt haben, dass er gerade von seinen eigenen Schülerinnen denunziert wurde?«

»Ja, mei«, seufzte Herr Scheuz tief, »das war alles ganz furchtbar. Weil die Mädchen haben nicht gewusst, was sie da anrichten. Die wurden, wie man halt so sagt, instrumentalisiert. Weil der Herr Gruber hätte nie, niemals auch nur ein Mädchen unsittlich berührt. Sowas war vollkommen ausgeschlossen bei ihm. Aber die Nazis haben halt einen Grund gebraucht. Und deshalb haben auch ganz bestimmte, mit dem Regime sehr enge Familien und einer der Lehrer diese Mädchen angestiftet. Da, das ist er …«

Franz Scheuz hatte mehrere alte Mappen zwischen sich und Korab gelegt, zog jetzt ein Bild aus einer und legte es zwischen sich und den Historiker, der sein Glück kaum fassen konnte.

»Woher haben Sie diese Aufnahmen? Haben Sie mehr davon?«

»Freilich«, sagte Herr Scheuz, »nämlich deswegen, weil ich einer der ersten war, die damals schon einen Fotoapparat besessen haben. Eigentlich hat er meinem Vater gehört, der war ein Apotheker, der sich mit solchen Dingen schon sehr früh beschäftigt hat. Aber er hat halt auch mich dazu angehalten. Bua, hat er immer gesagt, interessier dich für alles. Du weißt nie, was du später einmal brauchen kannst. Und so habe ich halt angefangen mit dem Fotografieren.«

»Und haben Sie auch Klassenfotos gemacht?«, fragte Korab gespannt.

»So oft ich können hab«, sagte Herr Scheuz, griff in eine andere Mappe und breitete diverse Fotos am Küchentisch aus. Diese unerwartete Bilderflut animierte Korab zu weiteren Fragen.

»Kennen Sie zufällig eine gewisse Frau Lotte Wagner, geborene Löhnlein?«

»Die Lotte?«, fragte Herr Scheuz beinahe belustigt. »Freilich kenn ich die Lotte. Ich war ja sogar, wenn man das so sagen darf, ein wenig mit ihr befreundet. Wir waren beide in der Katholischen Jugend. In dieselbe Klasse sind wir aber nicht miteinander gegangen. Sie ist jünger und war ein paar Klassen unter mir. Aber mir ist sie halt aufgefallen, weil sie so eine schöne Stimme gehabt hat, wenn wir unsere Kirchenlieder gesungen haben. Besonders ein Lied ist mir in Erinnerung geblieben.«

Plötzlich fing Herr Scheuz an zu singen: »Meerstern, ich dich grüße …«

Das Lied war so einfach, wie Herr Scheuz gläubig war und liebenswürdig. Diese kleine Welt, in der sich dieser großartige alte Mann eingerichtet hatte, fühlte sich für Korab an wie ein Paradiesgärtlein. Herr Scheuz war auf eine atemberaubende Weise fähig, sich mit dem Göttlichen zu verbinden. Sein Glaube war schlicht, stark und unverbrüchlich. Für ihn gab es irgendwo im Universum etwas Großes, Einzigartiges, das etwas derart Kleines und Zufälliges wie die Menschen bedingungslos liebte.

Korab beneidete Herrn Scheuz um diesen Schatz. Er selbst war leider noch nicht so weit. Obwohl ihm in letzter Zeit ein paar spirituelle Vorwärtsschritte gelungen waren – besser gesagt Schrittchen. Zum Beispiel in Momenten der Dankbarkeit. Da hatte er ein paar Mal sein selbsterfundenes Albuje-Gebet gemurmelt. Allah-Buddha-Jesus – erbarmt euch unser. Es hatte leidlich funktioniert und ihn vorübergehend beruhigt, aber letztendlich fehlten ihm Vorbilder wie Herr Scheuz und ihre spirituelle Konstanz. In der Campingplatzsiedlung, in der Korabs Wohnwagen stand, gab es nur metaphysische Nullstellen, allen voran der Westkarl und der Nordkarl. Beide waren auf ihre Weise hilfsbereite Frühpensionisten, aber sie verbrachten ihr Leben ausschließlich mit Werkzeugen und manuellen Tätigkeiten. Nach einem Hammer gefragt stellten sie ihm sofort mindestens drei verschiedene Modelle bereitwillig zur Auswahl. Aber sobald er ihnen gegenüber ein Wort wie Gott fallen ließ, sahen sie ihn an wie einen Feind, der ihnen eine Handgranate zwischen die Füße gerollt hatte, von der keiner wusste, wann sie hochgehen würde. Auch deswegen war er vor Kurzem im Kloster von Wilhering gewesen, um sich einmal, völlig unverbindlich, nach dem Konzept des »Klosters auf Zeit« zu erkundigen. Er war sich sicher, dass er mit gläubigen Menschen im Umfeld leichter und schneller spirituelle Fortschritte erzielen würde als so ganz alleine zwischen Handwerkern, die nicht einmal an Thor, sondern ausschließlich an seinen Hammer glaubten.

»Oft, wenn wir ein schönes Kirchenlied gehört haben«, sprach Herr Scheuz weiter, nach seinem wunderbar einlullenden Singsang, »dann hab ich nachher meine Geige geholt und versucht das Lied nachzuspielen. Und dann hat die Lotte gesungen. Zusammen mit ihrer besten Freundin, der Martha. Da, schauen Sie, Herr Professor, da sieht man die beiden.«

Herr Scheuz rückte eine Schwarzweiß-Fotografie Richtung Korab und tippte mit seinem Zeigefinger auf zwei Mädchen in langen Röcken, von denen die eine etwas schelmisch blickte, während die andere versuchte, aus dem Blickwinkel der Kamera abzutauchen, weil ihr irgendetwas peinlich war.

»Sie haben die Lotte gern gehabt?«, sagte Korab halb fragend, halb feststellend.

»Das kann man schon so sagen, ja«, bestätigte Herr Scheuz.

»Haben Sie gewusst«, fragte Korab, »dass sie später einen Linzer Waffenhändler geheiratet hat?«

»Freilich«, gestand Herr Scheuz, »die Wege des Herrn sind unergründlich.«

»Und ihre Freundin, diese Martha«, begann Korab, »was hat die aus ihrem Leben gemacht?«

»Die war eine Gärtnerin, soweit ich weiß«, antwortete Herr Scheuz nachdenklich, »ich glaube irgendwo in Oberösterreich, aber fragen Sie mich nicht, wo genau … ich weiß nur eines bestimmt, sie und die Lotte, die waren damals unzertrennlich, die sind immer zusammengesteckt.«

»Wie hat denn die Martha noch geheißen?«, fragte Korab.

»Greisinger«, sagte Herr Scheuz, während Korab in sein Sudelbuch schrieb, »und mir scheint, die hat nie geheiratet, aber sie lebt schon noch. Weil beim letzten Klassentreffen waren die zwei noch dabei. Und sind wieder zusammengesteckt und haben getratscht wie damals in den alten Zeiten …«

»Aber Herr Scheuz«, sagte Korab, »Sie sind doch in eine andere Klasse gegangen? Wieso haben Sie dann die beiden getroffen?«

»Weil schauen Sie, Herr Professor. In unserem Alter sind ja von den einzelnen Klassen nur mehr wenige übrig oder überhaupt nur noch einer, so wie bei mir. Da zahlt sich das nicht aus, wenn sich nur ein paar treffen. Also treffen sich alle, die damals in die Bürgerschule in Linz gegangen sind.«

»Noch eine andere Frage, Herr Scheuz.« Korab tastete sich in tieferes Wasser vor: »Wissen Sie zufällig, wer die Mädchen waren, die den Herrn Gruber angezeigt haben?«

»Ja, freilich weiß ich das«, sagte der alte Mann und kramte wieder ein Foto hervor. »Es waren ja ihrer fünf daran beteiligt. Drei sind gestorben. Aber zwei davon leben noch, soweit ich weiß.«

»Waren die zwei auch bei den Klassentreffen?«, fragte Korab.

»Nein, die nicht«, entgegnete Herr Scheuz, »aber geredet haben wir schon über die, weil was die getan haben, also, so was vergisst man nicht, sein Lebtag lang.«

»Haben Sie von diesen Mädchen auch Namen und Fotos?«

»Klara Artner und Dorothea Porofsky«, sagte Franz Scheuz. »Ich hab ja ein fotografisches Gedächtnis. Das hat mir auch der Herr Gruber immer bestätigt. Scheuz, hat er gesagt, du wirst einmal ein Lehrer. Dich tun wir in die Pädagogische Akademie. Und Recht hat er g’habt. Weil ich hab mir immer schon leicht getan mit dem Rechnen. Drum bin ich auch ein Mathematiklehrer geworden. Da kommt er, der Rechenmeister, haben meine Schüler immer gesagt.«

»Und wenn Sie mit Herrn Gruber noch einmal reden könnten«, fragte Korab, während er beinahe krampfhaft in sein Sudelbuch schrieb, »was hätten Sie ihm da zu sagen?«

»Ja mei«, holte Herr Scheuz weit aus, »da geht einem so viel durch den Kopf. Ich bete heute noch oft für ihn. Weil das war ein Mensch, also Extraklasse. Sowas gibt’s nicht oft. Weil das Wort Held, das ist ja im Grunde genommen zutiefst fragwürdig. Aber manchmal gibt’s schon Menschen, die so etwas waren. Der Schnauferl war ein Held. Für mich steht das fest. Weil wie der sein Leben gemeistert hat, unter schwierigsten Bedingungen, also Hut ab. Das muss ihm erst wer nachmachen.«

In diesem Moment läutete es an der Haustür. Herr Scheuz hob verwundert seinen Kopf.

»Erwarten Sie jemanden?«, fragte Korab. Noch bevor er eine Antwort bekam, folgte dem Läuten ein Pochen, in das sich der Befehl »Aufmachen!« mischte. Korab erkannte die Stimme sofort und spürte augenblicklich, wie seine Herzkranzgefäße verdorrten. Herr Scheuz stand auf und sagte: »Moment, bitte. Ich komm ja schon.«

Noch zehn, vielleicht zwölf Sekunden, dachte Korab, nahm zwei Fotos vom Tisch, steckte sie in sein Sudelbuch, klappte es zusammen, stand auf, machte kehrt und öffnete das Küchenfenster, das auf den Garten hinausging. Mit einem Sprung war er am Sims, mit einem zweiten draußen auf einem schmalen Betonweg. Während er dort hockte und kurz überlegte, in welche Richtung er am besten sprinten sollte, hörte er das Klicken einer Waffe.

»Wenn du aufstehst, schieß ich dir ins Knie. Und wenn du sitzen bleibst, dann schieß ich dir ins Rückgrat. Und wenn du atmest, dann schieß ich dir in die Lunge.«

Das sind keine leeren Drohungen, schwang in der Stimme mit. Eine von Korabs schlimmsten Befürchtungen war Wirklichkeit geworden. Die in Aussicht gestellten Schüsse stammten aus dem Kehlkopf von Revierinspektor Horst Kahlmann, der zweiten Hälfte von Köhler & Kahlmann. Dieses Polizistenduo hatte es sich zur Aufgabe gemacht, das Leben der Schleimkröte zu erschweren, die der Linzer Polizei immer wieder ins Handwerk pfuschte, indem sie sich als Privatdetektiv aufspielte und ständig dort herumkroch, wo sie absolut nichts zu suchen hatte.

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