Kitabı oku: «Oktobermeer», sayfa 3

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Michail antwortete nicht, Helena stand vom Tisch auf, ging zu einem Wandschrank, holte Watte und Desinfektionsmittel. Er saß still da, ließ sie die Wunden auswaschen, der Wattebausch verfärbte sich zartrosa, sie warf ihn auf den Boden, nahm einen neuen, säuberte weiter, einige Wattefasern blieben im Bart hängen.

»Du solltest dich vielleicht rasieren«, sagte sie.

»Später.«

»Nein, du brauchst dich nicht zu hetzen.«

»Hetzen?«

»Beeilen, schnell machen, das ist nicht nötig.«

»Mir fehlen viele Wörter.«

»Du sprichst ausgezeichnet Schwedisch.«

»Ich glaube, es ist die Sprache einer alten Frau.«

»Frau?«

»Der Mutter meines Vaters, sie sind aus Finnland gekommen.«

Helena machte noch ein Butterbrot fertig. Michail aß es, trank mehr Kaffee, erhielt noch ein drittes Brot. Helena bemerkte, dass seine Wangen jetzt etwas weniger weiß waren. Sie legte kurz ihre Hand auf die seine, drückte die Finger ein wenig. So allmählich schien die Wärme zurückzukehren.

»Wohlschmeckender Kaffee«, sagte er.

»Möchtest du noch mehr haben?«

Sie wartete seine Antwort nicht ab, goss ihm den Rest aus der Kanne ein, erhob sich, um noch mehr zu kochen. Da läutete das Telefon. Helena eilte ins Wohnzimmer, vorbei an dem Apparat, der dort stand, und weiter zum Telefon im Obergeschoss. Rolf war am Apparat.

»Du hast angerufen«, sagte er.

»Ja, genau.«

»Ist etwas Besonderes?«

»Ja, ich, weißt du ...«

»Ja?«

»Weißt du … letzte Nacht war es ja so stürmisch, ich bin draußen gewesen und habe gesehen, dass das Motorboot etwas abgetrieben war, aber ich habe es ordentlich festgemacht. Meinst du, das reicht?«

»Wenn du es richtig befestigt hast, so reicht das sicher, ich nehme an, dass der Wind abgeflaut ist.«

»Ja, jetzt ist es ziemlich ruhig.«

»Dann ist wohl alles in Ordnung?«

»Ja, alles ist in Ordnung.«

»Gut, dann bis bald.«

»Mach‘s gut.«

Sie blieb einen Augenblick auf der Bettkante sitzen. Sie hatte keine Ahnung, warum sie das mit dem Motorboot gesagt hatte. Als sie in die Küche hinunterging, war sie immer noch erstaunt und ein wenig erregt, sie kannte sich selbst nicht wieder.

4.

Helena bereitete Michail ein Bett im Gästezimmer im Erdgeschoss. Es war kühl, sie stellte eine elektrische Heizung an, ließ die Tür angelehnt, hängte seine nasse Kleidung zum Trocknen im Heizungskeller auf.

Nach einer halben Stunde horchte sie an der Tür, hörte seinen Atem, ging in die Küche zurück. Sie hatte noch eine gute Stunde Zeit, ehe sie aufbrechen musste. Jetzt wusste sie, was sie zu tun hatte. Sie bereute jetzt, dass sie Rolf nichts erzählt hatte, ein Schuldgefühl überkam sie, Unruhe, Unsicherheit. Sie wollte zum Telefon gehen, unterließ es dann jedoch, setzte sich an den Küchentisch, verspürte zum ersten Mal seit langem Lust auf eine Zigarette, sie hatte jedoch aufgehört zu rauchen. Dieser Entschluss war stärker als die Unruhe. Sie versuchte zusammenzufassen: Wenn der Mann, den sie in ihr Haus gelassen hatte, ein Flüchtling war, müsste er natürlich selber Kontakt mit der Polizei aufnehmen, sowjetische Flüchtlinge durften wohl in Schweden bleiben!?

Sie wusste es nicht genau. Vielleicht durften nur bestimmte politisch bekannt gewordene Menschen bleiben, vielleicht wurden normale, einfache Leute zurückgeschickt?

Der Mann war vielleicht überhaupt nicht vor der Unterdrückung in der Sowjetunion geflohen, sondern hatte sich mit einem unerträglichen Vorgesetzten auf dem Schiff überworfen?

In diesem Falle war er ja kein politischer Flüchtling. Vielleicht war er ein Verbrecher? Dann müsste sie selbst die Polizei anrufen.

Sie erinnerte sich daran, dass er über sich selbst gesagt hatte, dass er ein Fliehender sei. Das war nicht dasselbe wie ein Flüchtling. Helena nahm an, dass der Ausdruck dem seltsamen altertümlichen Wortschatz des Mannes zuzurechnen sei. Ein fliehender Mann aus einer anderen Zeit.

Sie dachte noch nicht an ihn als Michail. Er war der fremde Mann, den sie am Strand gefunden hatte. Sie entschloss sich, die Polizei nicht anzurufen. Stattdessen rief sie das Sekretariat der Schule an, bat, dem Kollegen, dem sie bei dem Schülergespräch hatte helfen wollen, etwas auszurichten: Sie sei krank, habe starke Kopfschmerzen, aber sie sei sicher, dass sie am Montag wieder gesund sein würde.

Als sie den Hörer aufgelegt hatte, überkam sie wieder das Schuldgefühl, jedoch nur kurz. Sie schüttelte es ab. Sie konnte den Mann ja schließlich nicht allein im Haus lassen.

Den Fliehenden? Sie dachte wieder über den Ausdruck nach und fragte sich, von wo oder wovor er eigentlich geflohen war. Entflohen? Das Wort hatte eine ganz andere Bedeutung. Ein fliehender Mann aus einer Zeit, die vergangen war?

Sie merkte, dass ihr Beruf sie einholte, sie bereitete eine Übung mit den Schülern vor, bat sie, ihre Gedanken über ein Wort aufzuschreiben, höchstens eine halbe Seite. Hier ist das Wort: Fliehender.

Wie ein fliehender Vogel von Osten her,

wie lodernde Flammen über das Meer,

wie Stimmen, verstummt, in Wellen verschwinden.

Sie konnte diese Reime nicht unterdrücken, sie kamen ihr so schnell in den Sinn, wenn sie in dieser Stimmung war. Manchmal waren sie gut, oft jedoch einfältig, aber immer kamen sie plötzlich, waren nicht durchdacht, und dann hatte sie sie auch schon wieder vergessen.

Es war vorgekommen, dass sie diese sich reimenden Zeilen auf kleine Zettel geschrieben hatte, aber sie hatte sie selten lange aufgehoben.

Michail schlief bis um halb fünf Uhr nachmittags. Helena hatte ein paar Mal an der Tür gehorcht, die ruhigen Atemzüge vernommen, einmal hatte er ein wenig im Schlaf gehustet.

Jetzt kam er plötzlich in das Wohnzimmer, bekleidet mit den Sachen, die Helena ihm geliehen hatte. Er hatte ganz schmale Augen, eine Wange war geschwollen, jedoch lächelte er Helena an.

»Guten Morgen«, sagte er.

»Nach-mit-tag«, sagte Helena langsam und betonte dabei jede Silbe.

»Wie lange habe ich geschlafen?«

»Ein paar Stunden, möchtest du etwas essen?«

»Zuerst muss ich einmal draußen vor das Haus gehen.«

»Es gibt eine Toilette, falls du das meinen solltest, das Bad befindet sich rechts neben dem Wohnzimmer, ich werde dir ein Handtuch geben.«

Michail gab keine Antwort; Helena ging vor ins Badezimmer, holte ein Badetuch aus einem Schrank, reichte es Michail, sagte, dass sie das Mittagessen vorbereiten wolle.

»Musst du dich rasieren?«

»Ich glaube, das sollte ich tun.«

»Du kannst einen von diesen Plastikrasierern nehmen; sie liegen hier, Seife und Shampoo liegen dort.«

Sie zeigte es ihm; Michail sah hin, sagte jedoch nichts. Als Helena hinausging, schloss er die Tür. Sie war gerade im Wohnzimmer, als ihr einfiel, dass sie vergessen hatte, ihm eine Zahnbürste zu geben. Sie klopfte, öffnete, ehe er hatte antworten können. Als sie hineinging, stand er mit bloßem Oberkörper da, hielt das Hemd in der Hand. Er hatte eine Narbe von der rechten Schulter bis hinunter auf die Brust. Er zog das Hemd etwas an sich, der lange Oberarmmuskel trat hervor, helle Haut vom Ellbogen an nach oben, hervortretende Sehnen am Handgelenk.

»Zahnbürste«, sagte Helena, »wenn du einen Augenblick wartest, hole ich dir eine neue aus dem Schrank.«

Als Michail in die Küche zurückkam, leuchtete die Schwellung über der Wange rot. Er hatte sich rasiert, vielleicht hatte die sorgfältige Rasur die Schürfwunde irritiert, jetzt waren zwei lange Hautrisse sichtbar, jedoch kein Blut.

»Zuerst bekommst du jetzt etwas Gemüsesuppe«, sagte Helena, »und dann gibt es gebratenen Lachs. Die Suppe ist von gestern, aber sie schmeckt recht gut, ich habe die Möhren und den Kohl selbst gezüchtet.«

»Man kann also auch hier etwas züchten?«

»Alle sollten etwas anbauen, das ist gut für die Seele.«

»An diesem kalten Meer.«

»Besonders hier.«

»Meine Großmutter hat viele Pflanzen angebaut.«

»Diejenige, die dich gelehrt hat, Schwedisch zu sprechen?«

»Ja, sie hat mir etwas beigebracht ... und auch einiges mehr ... wie man Kohl anbauen soll ... deshalb ist es eine Freude für mich ... eine Gärtnerin zu treffen ... auf dieser Seite der Ostsee.«

Er lachte. Helena dachte, dass das der längste Satz war, den er gesagt hatte, seitdem er gekommen war. Er sprach langsam, betonte jede Silbe, machte Pausen, drückte sich jedoch gut aus. Sie dachte wieder über den Ausdruck nach, sagte jedoch nichts.

»Gärt-ne-rin«, sagte sie laut.

Sie aßen. Er kaute langsam, ließ es sich schmecken, schien jeden Bissen zu genießen, jeden Löffel Suppe. Einige Male blickte er auf, sagte jedoch nichts.

Die Uhr im Wohnzimmer schlug sechs, draußen dämmerte es, es wehte ein schwacher Wind. Im Obergeschoss läutete das Telefon. Helena hatte den Apparat im Wohnzimmer abgestellt. Sie entschloss sich, nicht abzuheben. Sie sagte nichts zu Michail, er fragte nicht, nach acht Signalen hörte das Telefon auf zu klingeln. Hätte er gefragt, hätte sie keine Antwort gehabt, aber warum sollte er fragen? Sie dachte über die nicht gestellte Frage nach, während sie ihrem Gast mehr von dem Lachs anbot.

Er ergriff den Teller, ohne etwas zu sagen, aber er lächelte sie an; sie fand wieder, dass sein Lächeln schief wirkte. Zuerst hatte sie geglaubt, dass es vielleicht von der Schürfwunde an der Wange herrührte, jetzt jedoch merkte sie, dass er so ein Lächeln hatte, schnell, mit ungleich hochgezogenen Mundwinkeln. Die linke Seite war seine lächelnde Seite, während die rechte Seite fast bewegungslos blieb.

Eine frohe und eine traurige Seite, dachte sie. Er lächelt vielleicht so, wie er ist?

Nach dem Essen tranken sie Kaffee. Michail hatte Helena beim Abräumen geholfen, zweimal war er ans Fenster getreten und hatte hinausgeschaut, kurz und ein wenig angespannt. Helena hatte ihm den Rücken zugewandt, trotzdem hatte sie gemerkt, dass er auf der Hut war.

Als sie mit ihren Kaffeetassen wieder am Tisch saßen, schielte er erneut zum Fenster hin, und jetzt fragte sie, ob er vor irgendetwas Angst habe. Hatte er ein Geräusch gehört?

»Vielleicht ist jemand vorbeigegangen?«

»Hier kommt niemand vorbei.«

»Vielleicht doch.«

»Sucht dich jemand?«

»Wie ich dir gesagt habe, bin ich ein Fliehender.«

»Aber wir befinden uns in Schweden.«

»Auch hier kann mich jemand suchen.«

»Hier kannst du nicht bleiben, wohin willst du gehen?«

»Ich will weiter.«

»Ja, wohin ist ja deine Angelegenheit.«

Er nickte als Antwort und lächelte wieder, jetzt etwas breiter als vorher, und nun machten sich kleine Fältchen um seine Augen herum bemerkbar. Helena lächelte zurück, und sie dachte, dass es nicht peinlich war, ihm in die Augen zu schauen. Es kam vor, dass sie sich durch einen direkten Blick gestört fühlen konnte, dass sie auswich, hinunterschaute, aber diesem unbekannten Mann konnte sie direkt in die Augen schauen, ohne dass es ihr unangenehm war, und ihr wurde bewusst, dass das ungewöhnlich war.

Als das Telefon wieder läutete, stand sie vom Tisch auf und ging ins Obergeschoss, um zu antworten. Es war der Kollege, dem sie am Nachmittag bei den Schülergesprächen hatte helfen wollen.

»Wie geht es dir, du Arme«, wollte der Kollege wissen.

Helena antwortete mit schwacher Stimme, dass es ihr schon besser gehe, dass sie sich etwas zu essen machen wolle, dass es die Art von Kopfschmerzen war, die sie gelegentlich heimsuchten.

Der Kollege sagte, Helena solle es ruhig angehen lassen und versuchen, ordentlich zu schlafen. Sie waren sich darin einig, dass ein guter Gesundheitsschlaf gegen die meisten Beschwerden helfe.

Als Helena zurück in die Küche ging, dachte sie darüber nach, ob Michail wohl das Wort Gesundheitsschlaf verstehen würde, aber sie fragte ihn nicht. Sie bot ihm noch Kaffee an, aber er lehnte ab.

Er sagte, dass er bald gehen müsse. Vielleicht kannte er jemanden in Stockholm, der ihm für eine Weile helfen konnte, bis er etwas Dauerhaftes gefunden hatte?

»Gut, du nimmst den Bus nach Stockholm«, sagte Helena.

»Ich werde damit fahren.«

Er stand auf. Helena hatte den Eindruck, dass er sofort gehen wollte.

»Du kannst gerne eine der Jacken meines Mannes nehmen, außerdem brauchst du ja Schuhe.«

»Ich kann nichts dafür geben.«

»Das ist auch nicht nötig.«

»Ich würde gerne etwas dafür geben, aber ich habe nichts.«

»Denk nicht darüber nach.«

Er nickte, jetzt lächelte er jedoch nicht. Helena ging hinaus zum Kleiderschrank, der auf der Veranda neben dem Eingang stand, suchte eine Jacke heraus, von der sie wusste, dass Rolf sie schon lange nicht mehr getragen hatte, nahm auch ein Paar Stiefel mit, ging zurück in die Küche und forderte Michail auf, sie anzuprobieren.

Die Stiefel passten, die Jackenärmel waren etwas zu kurz, das Hemd schaute hervor.

»Ganz gut«, sagte Helena.

»Sehr gut.«

»Deine eigenen Sachen sind noch nicht ganz trocken, aber du kannst sie in einer Konsumtasche mitnehmen.«

»Konsum?«

»Eine kleine Tasche, die man beim Einkaufen in der Hand trägt, eine Tragetasche für Lebensmittel, aus Plastik.«

Er nickte. Helena war sich nicht ganz sicher, ob er sie verstanden hatte, aber das spielte ja im Augenblick keine Rolle. Sie waren einer Meinung. Der Gast war auf dem Weg, der Mann vom Meer, der Fliehende aus dem Osten, er hatte einen kurzen Besuch abgelegt und würde jetzt das Haus verlassen.

»In einer Stunde geht der Bus«, sagte Helena, »er fährt bis Norrtälje, dort musst du umsteigen, weißt du, wo Norrtälje liegt?«

»Das weiß ich, ich habe es mir auf der Karte genau angesehen, ehe ich aufgebrochen bin. Norrtälje liegt am Ende einer langen Bucht.«

»Das ist gut, du weißt Bescheid.«

»Die Karte zu verstehen, bedeutet für mich einen großen Schritt. Lange habe ich die Karte betrachtet, dann kannte ich mich aus, aber es ist eine lange Zeit vergangen.«

»Zwischen der Karte und dem Entschluss, meinst du?«

»Ja, die Zeit hatte darüber zu entscheiden.«

Helena suchte eine große blaue Plastiktasche ohne Aufschrift heraus, sie packte Michails fast trockene Sachen hinein, legte den einzelnen Schuh zu unterst, die gefalteten Hosen oben drauf. Er stand am Küchenfenster, es kam ihr so vor, als ob er wieder auf Schritte horchte.

»In einer Viertelstunde müssen wir losgehen«, sagte sie,

»ich begleite dich ein Stück.«

»Ich habe keine Uhr«, sagte er.

»Aber du musst Geld haben, du brauchst etwas für den Bus und vielleicht auch für Essen, wenn du ankommst, ich leihe dir zweihundert.«

Sie reichte ihm zwei Hunderter. Er zögerte, nahm die Scheine jedoch an, steckte sie in die Hosentasche.

»Vielleicht kann ich sie zurückgeben, vielleicht auch nicht.«

»Wir werden sehen, aber es spielt keine Rolle, ich komme zurecht.«

»Vielleicht kann ich es trotzdem zurückzahlen.«

Sie gingen hinaus. Helena ließ die Tür unverschlossen. Michail ging langsam über den Hof, er hatte die Hosenbeine in die Stiefelschäfte gesteckt, die Jacke war offen. Helena war drauf und dran ihm zu sagen, er solle sie zuknöpfen, das sehe ordentlicher aus, ließ es jedoch sein.

Michail setzte die Wollmütze auf, die Helena ihm gegeben hatte. Er steckte die rechte Hand in die Hosentasche. Sie gingen schweigend nebeneinander den Pfad entlang, es war dunkel, einmal streifte ihre Hand zufällig die seine.

»Da hinten ist die Haltestelle«, sagte Helena, »ich warte nicht, der Bus kommt jeden Augenblick.«

Er ergriff ihre ausgestreckte Hand, drückte sie leicht, ließ sie los, berührte mit ausgestreckten Fingern kurz ihre Schulter, wandte sich um und ging.

Helena ging zum Haus zurück, vernahm Motorengeräusche von der großen Straße her. Sie nahm an, dass es der Bus sei.

5.

Der Stau begann schon am Gaswerk. Rolf überlegte, was er am Vortag oder vielleicht auch an diesem Vormittag einem seiner Doktoranden, Anders Bohlin, telefonisch noch hatte sagen wollen. Er kam jedoch nicht darauf, und das störte ihn. Der Wagen vor ihm war ein alter Citroën, vielleicht ein Vorkriegsmodell, aber gut gepflegt, schwarz, chromglänzend, ein B11, das wusste er zufällig, da ein Jugendfreund den gleichen besessen hatte.

Als er im Kriechtempo über die kleine Brücke an der Wiese vor dem Lill-Jans-Wald fuhr, fiel ihm ein, dass er den Weißwein vergessen hatte. Den Rotwein hatte er dabei, aber die drei Flaschen Chablis lagen noch im Keller, wohin er sie zum Kühlen gebracht hatte. In das Reihenhaus nach Lidingö zurückzufahren, war jedoch ausgeschlossen. Der Citroën bog nach rechts in Richtung Fiskartorpet ab, stattdessen fuhr jetzt ein Volvo vor ihm, ein roter 240er mit Dachträger und Kindern auf dem Rücksitz, zwei kleinen Mädchen. Sie drückten ihre Nasen an die Rückscheibe, er lächelte ihnen zu, aber sie erwiderten das Lächeln nicht.

Da fiel ihm ein, was er Anders Bohlin am Vormittag hatte sagen wollen. Er konnte ihn auch von Fogdö aus anrufen und Bohlin darauf aufmerksam machen, dass er noch weitere Bestätigungen für die Werte finden müsse, die er in einer Versuchsreihe im Windkanal an der Technischen Hochschule herausarbeiten wollte. Sie hatten über eine amerikanische Studie gesprochen, die sich mit den Turbulenzproblemen von Hochgeschwindigkeitszügen befasste, die Zeit war vergangen, er hatte vergessen, das Windkanalproblem zu erwähnen.

Die Kinder in dem Wagen vor ihm hatten kurze helle Haare. Wenn er eigene Töchter gehabt hätte, hätte er sie gerne mit ähnlichen Frisuren gesehen. So etwas dachte er oft, wenn er Kinder sah: Wenn ich einen Sohn hätte, dann hätte er vielleicht so einen Nacken, so eine Nase, würde sich auf diese Art und Weise bewegen, die Hand heben, sich das Haar aus der Stirn streichen, wenn ich eine Tochter hätte, würde sie so ein Lächeln haben, so eine kleine Hand.

Nachdem er erfahren hatte, dass Helena und er keine Kinder würden bekommen können, hatte er begonnen, die Kinder zu beobachten, die ihm begegneten; die Hände waren besonders wichtig, bildete er sich ein, die Art zu schreiben, die Gabel zu halten, so etwas vererbte sich, das stellte er sich gerne vor, obwohl er eigentlich nicht daran glaubte.

Nach der Ampel an der Universität löste sich der Stau auf, es ging schneller voran, Reichsmuseum, Inverness, und neben den neuen Hochhäusern am Danderyd-Krankenhaus die graue Häuserreihe, die Mörby-Klinik, in der er als Kind wegen einer Bruchoperation gelegen hatte.

Er konnte sich immer noch an den stickigen Äthergeruch erinnern, an all das Weiß, das Echo der Stimmen zwischen den gekachelten Wänden, die blanken, rostfreien Bestecke in ovalen Schalen, an ein schmales, etwas in die Länge gezogenes Bild eines blutigen Magens auf dem zweiten Operationstisch im Raum: bald bist du an der Reihe, acht Jahre alt, warte nur ein wenig, bald ...

In Norrtälje tankte er und kaufte die Abendzeitungen. Es war halb zwei, das Wetter war trocken, leicht bewölkt, kühl, im Osten deutete sich eine Aufhellung in der Wolkendecke an.

Das Meer, dachte Rolf, heute Abend die Netze auslegen, morgen früh Sonne, schwacher Wind, früh raus mit dem Boot, die Netze einholen, zusammen mit Helena, nein, sie würde im Bett bleiben, aber Kaffeetrinken gemeinsam, wenn er zurück war.

Im Bett, dachte er, wieder ins Bett, die Bettwärme bei Helena, wieder einschlafen, einander lieben, vielleicht, es war eine Weile her, ja, einander lieben. Er würde gerne mit Helena schlafen wollen, vielleicht schon heute Abend. Aber morgens war es am besten, er konnte warten; wenn er mit ihr zusammen war, fiel es ihm nie schwer zu warten, es aufzuschieben. Die Sehnsucht nach ihr war schwerer zu ertragen, wenn sie nicht da war, das war manchmal schwierig.

Manchmal oder recht häufig? Er dachte an die Zeit, die vergangen war, zwei Wochen, vielleicht etwas länger. Vielleicht war sie es ja auch, die bestimmte, er verlor die Lust, wenn sie nicht wollte.

Manchmal?

Ja, er fand, dass es bisweilen vorkam, nicht sehr oft, aber immer häufiger. Er überlegte, wie er es auf Englisch sagen würde: Still more often?

Er las Aufsätze auf Englisch, schrieb, hielt Vorlesungen in englischer Sprache, beherrschte das wissenschaftliche technische Vokabular, jetzt jedoch wusste er nicht genau, was er zu seinem Englisch sprechenden, zuhörenden Gedanken-Ich sagen würde, zu seinem mitfühlenden Spiegel-Ich:

She is not interested the way she used to be, she doesn‘t want me so often any more.

Really, is that so?

Yes, I am afraid, that‘s my situation.

How often?

Not very often. Oh.

Er tat sich selbst leid, das gehörte zu dem Gedankenspiel, er übertrieb, ihr Liebesleben war so schlecht auch nicht, sie schliefen vielleicht nicht so oft miteinander, aber sie waren ja auch nicht mehr so jung.

Er war nicht jung, er war nicht besonders kräftig.

Oh, is that really so, too bad.

Ja, ja, neunundvierzig Jahre alt, wir wollen nicht übertreiben, vielleicht kein Jüngling mehr, aber doch auch noch kein alter Mann.

Und deine Frau, Helena, how old is she, the same age as you, or?

Der Altersunterschied betrug neun Jahre, manchmal nur acht, da er am Jahresende Geburtstag hatte und sie im März. Sie rückte näher, er entfernte sich, sie kam wieder näher. Und er war immer viel älter.

Sein Blutdruck war nicht ganz in Ordnung, ebenso sein Blutbild. In einem Monat würde er sich noch einmal untersuchen lassen, er machte sich darüber keine Gedanken, oder etwa doch?

Sie aßen gekochten Dorsch, tranken Rotwein, zuerst eine Flasche, dann noch eine halbe, einen guten Bordeaux. Rolf zog die schweren Weine vor, Helena nahm gerne Chianti, es war jedoch Rolfs Abend, sie hatte das Essen gekocht, er hatte gearbeitet, war mit dem Auto gefahren, er war müde.

Das war eine alte Abmachung zwischen ihnen. Wer bereitet heute das Essen zu, am Sonntag?

»Für morgen habe ich eine Überraschung«, sagte Rolf, »aber der Wein ist zuhause geblieben.«

»Wir haben ja einige Flaschen hier.«

»Es müsste aber Chablis sein.«

»Strindbergs Wein.«

»Hm, sollen wir aufstehen?«

Sie räumten die Teller weg, kochten Kaffee, nahmen die Tassen mit ins Wohnzimmer, ließen sich vor dem Kaminfeuer nieder, das Helena schon gegen zwei Uhr angefacht hatte. Rolf sagte, dass er vor Anbruch der Dunkelheit noch die Netze auslegen wolle. Helena sagte, sie würde ein wenig lesen.

Der Dieselmotor sprang sofort an. Es war ein alter Motor, den Rolf hatte in Stand setzen lassen, er war zuverlässig, stark und leicht zu bedienen. Das Boot war ein hölzerner Spitzkahn mit Kajüte, eichenen Spanten, grobem Steven; er würde eine neue Plane kaufen müssen, die alte war verblichen und wies einige kleine Löcher auf.

Zweihundert Meter vom Land entfernt legte Rolf zwei Netze aus, dort, wo es tiefer wurde und der Grund begann steil abzufallen. Er hoffte Dorsch zu fangen, vielleicht auch ein paar Barsche; in diesem Falle würde er ein anderes Essen zubereiten als das, was er geplant hatte.

Als er das Boot wieder vertäut hatte, blieb er am Strand stehen und schaute eine Weile auf das Meer hinaus. Die Wolken hatten sich fast aufgelöst, der Himmel im Osten zeigte große blaue Flecken.

Er atmete die Meeresluft ein, begann am Strand entlangzugehen, es war kühl, aber er fror nicht. Direkt am Wasser unter dem Tang lagen ein Stück Holz und ein Schuh. Rolf blieb stehen und sah sich nach einem weiteren Schuh um, obwohl er wusste, dass Schuhe am Strand immer einzelne Schuhe waren. Er beförderte den Schuh mit einem Tritt hinauf zum Strandhafer. Es war ein dünner Herrenschuh aus Leder, dunkelbraun, ziemlich abgetragen, die Vorderkappe wies einen länglichen Riss auf. Dort, wo der Schuh gelandet war, wuchsen einige Grasbüschel, die noch nicht verwelkt waren, neben dem Gras standen trockene Baldrianstängel.

An diesem Abend gingen sie früh zu Bett. Rolf war müde, Helena las noch weiter in ihrem Buch, einem Roman von Doris Lessing, den sie aus Pflichtgefühl begonnen hatte, der sie jedoch immer mehr fesselte.

Rolf hätte einschlafen können, aber er sah noch einige Unterlagen durch, Aufzeichnungen von Gesprächen mit seinen Doktoranden. Er las mit dem Stift in der Hand, das machte er immer so, egal, was er las, er schrieb ein paar Worte nieder, unterstrich etwas.

Dann fiel ihm ein, dass er vergessen hatte, Anders Bohlin anzurufen. Er machte sich eine Notiz, legte sie auf den Papierhaufen auf dem Nachttisch, knipste die Leselampe aus.

Auch Helena machte auf ihrer Seite das Licht aus.

Um halb acht am nächsten Morgen legte er mit dem Boot an der Brücke an. Nur ein einziger Barsch war ins Netz gegangen, aber es war ein großes Exemplar, er plante schon das Abendessen. Durch die Wolkenfetzen im Südosten drängte sich ein Sonnenstrahl, über dem Land jedoch zogen sich dunkle Regenwolken zusammen, es sah nicht so aus, als ob sie einen Tag ohne Regen bekommen würden. Der Wind wehte aus Nordwesten. Rolf liebte Windstärken bis vier; wenn jedoch die dunklen Wolken über dem Land sich durchsetzen sollten, dann würde der Wind auffrischen.

Sie tranken ihren Kaffee im Bett. Helena war in der Küche gewesen und hatte ihn vorbereitet. Rolf hätte sie gerne mit einem Frühstückstablett überrascht, freute sich jedoch und fühlte sich willkommen, er hatte schon Jacke und Hose im Flur aufgehängt, jetzt zog er sich ganz aus und kroch nackt ins Bett.

»Was hast du gefangen?«, fragte Helena.

»Eine Überraschung für heute Abend, bist du mit deinem Kaffee fertig?«

»Ich habe gerade angefangen.«

Sie lächelte ihn an, stellte die Tasse auf den Nachttisch, hob die Decke hoch. Er legte sich neben sie, wartete zunächst ein wenig, näherte sich ihr langsam, zog ihr Nachthemd hoch, legte die Hand auf ihren Rücken, streichelte sie, drückte sein Gesicht an ihren Hals, rutschte ein wenig tiefer, erreichte ihre Brüste. Helena lag ganz still da, ließ ihn streicheln, wartete etwas, bis auch sie ihn streichelte. Dann drehte sie sich auf den Rücken, half ihm hineinzukommen. Er schaukelte mit kleinen Bewegungen, wurde schneller, atmete mit einem langen Seufzer aus und blieb still liegen.

Sie streichelte noch eine Weile seinen Kopf, das Haar, die Stirn, die Wangen. Sie bewegte sich nicht, und sie wusste nicht, ob er wach oder eingeschlafen war.

Es war ein Uhr; sie hatten im Radio Nachrichten gehört, machten zusammen einen Spaziergang. Zuerst gingen sie durch den Wald, hinunter zum Strand bis hin zu dem Sanddorn-Gestrüpp, dann wieder zurück.

»Dort liegt ein angeschwemmter Schuh«, sagte Rolf und zeigte darauf.

»Ja, tatsächlich.«

»Ich habe ihn vorhin schon gesehen, man fragt sich immer, woher sie kommen.«

»Von irgendeinem Schiff vielleicht.«

»Immer nur ein Schuh, nie ein ganzes Paar.«

Sie kehrten zum Haus zurück. Helena wusste oder glaubte zu wissen, wer diesen Schuh verloren hatte. Sie hatte einen ähnlichen Schuh in die Tüte gelegt, die sie für den Mann zurechtgemacht hatte. Wenn sie jetzt an ihn dachte, war er der russische Mann, nicht Michail; sie vermied seinen Namen.

Rolf fühlte sich ein wenig müde. Nachdem sie heimgekommen waren, streckte er sich auf der Couch im Wohnzimmer aus. Helena fragte, wie es ihm gehe, er sei wohl nicht krank?

»Nein, nur ein wenig müde, ich bin ja früh aufgestanden.«

»Du bist ein Morgenmensch.«

Sie wussten, dass sie einen unterschiedlichen Tagesrhythmus hatten. Helena las weiter in dem Roman von Doris Lessing; sie nahm an, Rolf wolle vielleicht ein wenig schlafen.

»Ist irgendjemand hier gewesen?«, fragte er nach einer Weile.

Helena war überrascht, jedoch eigentlich nicht erstaunt, sie hatte auf diese Frage gewartet. Nicht dass irgendwelche Spuren vorhanden waren, Rolf hatte nichts sehen können, hätte er ein Kleidungsstück vermisst, hätte er es gesagt, den Schuh konnte er nicht mit dem Mann, der ihn verloren hatte, in Verbindung bringen.

»Du meinst, ob ich hier auf dem Hof Besuch hatte?«

»Ja, genau.«

»Ein Mann hat gestern angeklopft, er hat jemanden gesucht, dessen Namen ich nicht kannte, dann ging er wieder.«

»Ein unbekannter Mann?«

»Ja, er war nicht von hier.«

»Ausländer?«

»Nein, er sprach Schwedisch.«

Rolf fragte nicht weiter, Helena wandte sich wieder ihrem Buch zu, konnte sich jedoch nicht konzentrieren. Es war, als ob sie jemanden zu schützen suchte, von dem sie nichts wusste.

Spät am Abend begann es zu regnen. Rolf fror ein wenig, er zog einen Flanellschlafanzug an, ehe er ins Bett ging. Sie hörten gleichzeitig auf zu lesen. Rolf streckte seinen Arm zu Helenas Bett hinüber, ergriff ihre Hand, hielt sie ein wenig fest, bis er merkte, dass sie sie zurückzog.

Helena lag recht lange noch wach. Sie hörte Rolfs ruhige Atemzüge und sie hörte, wie der Regen draußen auf das Fensterblech prasselte. Sie dachte, dass sie diesen Schuh holen würde, sobald Rolf wieder gefahren war.

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