Kitabı oku: «Wanderer»
Erik Schreiber
Sternenlicht 6
Wanderer
Saphir im Stahl
Bereits erschienen:
Horst Hoffmann - Insel im Nichts
Johannes Anders - Rücksturz nach Tyros
Johannes Anders - Storm
Peter R. Krüger - Der Fehler im System
Joachim Stahl - Parsifal
Erik Schreiber - Wanderer
Sternenlicht 6
e-book 096
Erste Auflage 01.08.2021
© Saphir im Stahl
Verlag Erik Schreiber
An der Laut 14
64404 Bickenbach
www.saphir-im-stahl.de
Titelbild: Thomas Budach
Lektorat: Joachim Stahl
Vertrieb: neobooks
Es gibt unzählige ferne Welten da draußen, Welten, die es zu finden gilt oder wieder zu entdecken. Die Forschungsschiffe der Sternenlicht Vereinigung sind unterwegs, diese Welten zu finden und zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen kennenzulernen. Mutig dorthin zu fliegen, wo vielleicht noch nie ein Mensch gewesen ist. Dies sind die Abenteuer des Forschungsraumschiffes VASCO DA GAMA und seiner schnellen Erkundungskreuzer. Einer sticht besonders hervor, die CHARON mit ihrer neunköpfigen Besatzung.
… zehn …
… neun …
… acht …
… sieben …
… sechs …
… fünnef …
… vier …
… drei …
… zwei …
… eins …
… null …
„Guten Flug, CHARON.“
Die Hangarschleuse 3 der VASCO DA GAMA hatte sich geöffnet und der Diskusraumer CHARON verließ das Forschungsschiff auf vorbestimmten Kurs. Hinter der CHARON blieb ihr Mutterschiff in der Schwärze des Weltalls zurück. Scheinbar regungslos verharrte sie im Leerraum zwischen den Sternen. Scheinbar, denn die Restgeschwindigkeit betrug immer noch 135.000 km/sek. Im Vergleich zur vorherigen Reisegeschwindigkeit jedoch quasi Null. Wie sollte man die Bewegung erkennen? Der nächste Stern, ein Roter Zwerg, ohne Planeten, wie es den Anschein hatte, befand sich in einer Entfernung von achtzehn Lichtjahren. Die Daten der Fernortung machten einen einzigen Begleiter aus, der von zwei Monden sowie Trümmern eines dritten Mondes oder eines anderen Planeten umkreist wurde. Zufälligerweise befand sich der Planet im äußeren Bereich der Lebenszone des Sonnensystems. Die Leitung des Forschungsschiffes spekulierte darauf, dass er besiedelt werden könnte. Vorausgesetzt, er hatte kein eigenes Leben entwickelt. Neben der Suche nach Zivilisationen, belebten Planeten und der hauptsächlichen Arbeit, physikalische Phänomene wie das Schwarze Loch im Leerraum zu erkunden, sollte auch nach verschollenen Raumschiffen und Kolonien gesucht werden. Bei den Raumschiffen hoffte man, den Industriekomplex GARNISH wieder zu finden. Die GARNISH war dafür ausgerüstet, in Asteroidengürteln Erze einzusammeln und zu produzieren. Oder aber, im Orbit eines Mondes zu kreisen, um von dort Erze aufzunehmen und zu verarbeiten. Als Unterstützung von neuen Kolonien, damit diese unabhängiger von den Muttersystemen werden konnten. Angeblich gekapert und entführt, fehlte seit einigen Jahrzehnten jeder Hinweis auf GARNISH. Aber sicherlich war die VASCO DA GAMA mit ihrem Forschungsauftrag nicht das Schiff, das den Industriekomplex finden würde.
Weit entfernt von der VASCO DA GAMA glitt der schnelle Erkundungskreuzer CHARON durch den Raum seinem einprogrammierten Ziel entgegen. Die Isotopen-Generatoren standen auf halbe Lichtgeschwindigkeit. Extra gedrosselt, da die Aufgabe nicht eilig war, sondern eher ein Raumspaziergang, wie Major Peer Dexter Hegen zu sagen pflegte. Er lehnte sich in seinen Sessel zurück und betrachtete zufrieden seine Mannschaft. Sein ruhiger Dienst wurde aber jäh unterbrochen.
„Wenn man keine bessere Aufgabe für uns hat, als Aufträge für Raumkadetten auszuführen, dann ist es wohl besser, ich gehe.“ Jeanette Eichler war sichtlich aufgebracht. Sie waren auf einem stinklangweiligen Patrouillenflug, wie sie mehrmals betonte, der wenig Abwechslung versprach. Die Bordingenieurin schnaubte. „Ich bin der Raumflotte beigetreten, um was zu erleben. Kommt zur Raumflotte, hieß es, hier gibt es Abenteuer, Sensationen, fremde Kulturen, all das wartet nur auf euch. Und jetzt hänge ich hier im All und soll Funkbojen aussetzen.“ Sie strich sich eine braune vorwitzige Locke, die ihr ins Gesicht gefallen war, zur Seite. enn sie sich aufregte, bekam sie immer rote Wangen.
„Das heißt, du willst deinen Dienst quittieren?“ Major Hegen, der Kommandant der CHARON, wandte den Blick vom Hologramm, welches den Leerraum und nur in großer Entfernung die Milchstraße zeigte, und sah seine Bordingenieurin an. Ihre roten Wangen bemerkte er und fand sie dadurch noch anziehender. Aber es ging jetzt nicht darum, die Weiblichkeit seiner Besatzung zu bewundern. Er wies auf das Schott zum Lift. „Ich denke aber, du kommst nicht weit. Es passt dir etwas nicht und schon läufst du davon.“
„Nein, ich laufe nicht davon. Aber ich bin nicht zur Raumflotte gegangen, um Funkbojen und Messsonden auszusetzen, Meteoritenstaub einzusammeln und Kontrollautomaten einzustellen.“
„Jetzt reiß dich mal zusammen, Jeanette. Du bist an Bord der CHARON, schneller Erkundungskreuzer des Forschungsraumers VASCO DA GAMA, und du hast den Zehn-Jahres-Vertrag selber unterschrieben. Wir müssen nun einmal, solange nichts Aufregendes passiert, die Funkbrücke ins Heimatsystem aufbauen.“
„Ja, aber …“ Sie trommelte wütend mit den Fingern auf dem Schaltpult herum. Auch so eine Eigenart von ihr, wenn sie aufgebracht war.
„Nein, kein Ja-Aber, jetzt geh und kümmere dich um die Sonde. In einer halben Stunde müssen wir sie an den Koordinaten aussetzen. Danach kannst du im Maschinenraum so lange schmollen, wie du willst.“
Jeanette ging zur Schleuse und ließ sich vom Lift in den Maschinenraum hinuntertragen. Der Transport dauerte nur einige Sekunden. Aus dem Lift kommend war ihr Ärger noch nicht verraucht. Ein Tritt gegen eine Konsole sorgte für Frustabbau. Was aber nichts an ihrer Aufgabe änderte. In ihrer Werkstatt angekommen, wandte sie sich der Funkboje zu. Ein paar Handgriffe und die Verkleidung lag auf der Seite und die Innereien der Sonde offen vor ihr. Die Bordingenieurin schaute grimmig in die Eingeweide der Funkboje. Sie überprüfte noch einmal alle Schaltungen, da sich beim letzten Test ein paar Aussetzer in der Übertragung gezeigt hatten. Der Fehler war schnell behoben. An der Funkboje, wie die Besatzung die Sonde nannte, war sonst alles in Ordnung, bis auf eine verschachtelte Baugruppe, die ihr nichts sagte. Sie würde sich später arum kümmern, bevor die nächste Boje ausgesetzt würde.
„Koordinaten vier eins fünf zu dreiunddreißig, siebenunddreißig”, las die Navigatorin Patricia Kress vom Kursanzeiger ab. Der Oberleutnant trug die langen brünetten Haare meist zu einem Dutt gebunden, was ihr einen besonders strengen Ausdruck verlieh. Das war ihr auch recht, denn so blieben die männlichen Besatzungsmitglieder der VASCO DA GAMA auf Abstand.
Peer Dexter Hegen beobachtete die Astroscheibe, deren zuschaltbarer Hologrammmodus ausgeschaltet war und von ihm strikt abgelehnt wurde. Er war da ein wenig altmodisch. Auch der kleine Bildschirm auf seinem Arbeitsplatz war extra für ihn nachgerüstet worden. Der Major war hochgewachsen, hatte ein kantiges Gesicht und klare blaue Augen. Seine Art, sich zu geben, war unbefangen, fast lässig. Er war es gewohnt zu kommandieren. Schon seit mehr als zehn Jahren war die Besatzung der CHARON unterwegs. Zuerst bei den schnellen Raumverbänden des Sonnensystems Jaimbaliz, dann abkommandiert zur VASCO DA GAMA. Nun waren sie in der Dunkelheit des Weltraums auf der Suche nach planetarischem Leben auf einem Gestirn, das dem Heimatplaneten Irrikon ähneln könnte, beziehungsweise nach anderen Zivilisationen, die den langen Krieg überstanden hatten. Die Hauptaufgabe, die die VASCO DA GAMA bewältigen sollte, war jedoch die Erkundung eines Schwarzen Lochs mitten in der sternenarmen Dunkelheit. Mit normalen hochauflösenden Teleskopen unsichtbar und nur anhand diverser Strahlungsanomalien errechenbar. Das Schwarze Loch war lediglich durch Zufall von einigen Wissenschaftler gefunden worden, denn längst hatte es alles verschluckt, was sich in seiner Umgebung befunden hatte. Damit erwies sich das Schwarze Loch als sehr alt und äußerst ungewöhnlich. In allen Unterlagen, neueren und älteren Datums fanden sich keine Hinweise darauf.
Die tägliche Routinearbeit lastete auf der Mannschaft. Aber sie musste getan werden, denn die Mission war noch nicht erfüllt, ja, sie stand erst am Anfang. Das Forschungsraumschiff VASCO DA GAMA steuerte noch keinen Heimatkurs.
„Kurt, du übernimmst bitte.“ Hegen sprach leise. Der Erste Offizier reagierte sofort und Peer hörte Jessans Zustimmung. Ein tüchtiger Mann, der immer zur Stelle war, wenn er gebraucht wurde, schon ergraut und etwas feingliedriger als Hegen, ein nüchterner Karriereoffizier. „Zuverlässig, wenn auch nicht überragend begabt”, stand in Jessans Personalakte. Aber man muss nicht alles glauben, was in Personalakten steht.
Major Hegen schlenderte langsam an der Astroscheibe vorüber und betrachtete sie nachdenklich. Die zurzeit ausgeschaltete Holografie-Darstellung war nicht das, was ihm behagte. So blieb er lieber bei dem altmodischen Bildschirm, der gleichzeitig an seinem Platz lief. Die weit entfernten Punkte, die das Licht der Sterne signalisierten, drückten auf seine Stimmung, und er wusste, dass auch die Mannschaft deprimiert war. Zehn Jahre waren eine lange Zeit. Die Mannschaft wollte in die Heimat zurück. Auch er selbst wollte endlich seine Mission zum Abschluss bringen. Aber die Befehle standen dem entgegen.
Hauptmann Kurt Jessan hielt sich auf seinem Kommandoposten auf, von dem aus er die Navigationsbeobachtung im Auge behalten konnte. Vor der Astroscheibe tat der Astrogator Björn Hartmann Dienst, um fortlaufend die Radar- und Fernsensorenbeobachtungen des Raumschiffes im Weltraum kontrollieren zu können. Seine braunen Augen huschten über die Bildschirme und Anzeigen hin und her. Das bläuliche Geflimmer des Bildschirms tauchte sein Gesicht in ein gespenstisches Licht. Die Anzeigen darauf änderten sich schnell und für einen entfernter stehenden Betrachter erschien das Bild flimmernd und unruhig. Ab und zu verstellte er mit seinen feingliedrigen Händen Einstellungen, worauf sich die Darstellung änderte. Teile auf der Scheibe wurden hervorgehoben, wechselten von Balkendiagrammen zu Zahlenkolonnen oder andere Darstellungsformen.
Alles war in bester Ordnung. Major Hegen wandte sich um und verließ schnell den Raum. Einige Augenpaare blickten ihm gespannt nach, selbst Hauptmann Jessan wandte seinen Kopf zum Schott. Hegen wusste, dass alle sehnlichst auf den Befehl zur Umkehr warteten. Daher bereitete er eine kurze Ansprache vor, um die kleine Mannschaft der CHARON zu motivieren.
In den letzten zwei Jahren hatte die VASCO DA GAMA auf dem Weg in die Leere zwischen den Sterneninseln zwar Planeten entdeckt, aber keiner von ihnen trug Leben. Manche waren für Lebensbedingungen geeignet; nirgends war jedoch eine Spur tierischen oder selbst pflanzlichen Lebens gefunden worden. Hegen war sich bewusst, dass seine neue Mission, Funkbojen und Sonden zu setzen, auch eine Arbeitstherapie war. Dennoch würde er gern einmal etwas Spannendes vorweisen können. Er goss sich einen Archers Tears ein und nippte daran, bequem in seinen Sessel zurückgelehnt. An der Kabinenwand hingen Fotos der Expeditionsergebnisse; leblose, dürre und unwirtschaftliche Planeten- und Mondlandschaften.
Links von ihm stand der in die Wand eingebaute Schreibtisch, auf dem sich weitere Fotos befanden: eine lächelnde junge Frau, Katharina, seine Ehefrau, sein Sohn Ferdinand als kleiner Junge; dahinter ein Haus aus Klinkersteinen. Alles so weit weg. Aber Hegen war an den Anblick dieser Bilder gewöhnt und schenkte ihnen keine große Beachtung. Seine Gedanken kreisten um die Mannschaft. Er wusste, dass die Leute immer unwilliger werden könnten, dass sie den Fehlschlag der Mission des Forschungsraumschiffes ahnten. Wie konnte er ihnen diese Einstellung verdenken?
Er stellte das Glas auf den Tisch. Er nutzte die Gelegenheit, sich ein Weilchen auszuruhen. Jessan hatte noch zwei Stunden das Kommando. Aus dem geplanten Ausruhen wurde ein kurzer Schlaf. Bis auf den Moment, da die Alarmsirene sich mit einem kurzen Schrillen meldete. Erschrocken fuhr er hoch …
Hegen griff im Laufen nach seiner Uniformjacke und stürzte zum Kommandostand.
Es schien, als würden die Sterne plötzlich aus dem Nichts auftauchen, als Patricia Kress die CHARON wieder in den normalen Weltraum zurückführte. Die Pilotin schaltete ihre Sensoren auf Maximum, da die meisten Sterne in weiter Entfernung standen. Auf den ersten Blick gaben ihre Instrumente nichts her. Den Rest würde Ben übernehmen. Er war für die Fernaufklärung zuständig. Patricia zuckte kurz darauf zusammen.
Die Alarmsirene schrillte. Überall tönte das durchdringende Signal.
Auf der Brücke standen sich Hauptmann Jessan, der ein finsteres Gesicht machte, und sein schlanker, dunkelhaariger junger Kollege, Leutnant Eigl, gegenüber.
„Was ist los?”, fuhr der Major die beiden an.
Jessan deutete mit dem Zeigefinger auf Eigl. „Leutnant Eigl“, obwohl sie alle Freunde waren, konnte er auch dienstlich werden, „hat den Alarmknopf gedrückt.“
Peer unterdrückte einen Zornesausbruch. Wenn dies wieder, wie schon so oft, ein falscher Alarm war, dann kam er zu einem unglücklichen Zeitpunkt. Doch Peer Dexter Hegen hatte sich schnell unter Kontrolle. Seinen Ärger sah man ihm nicht an. Sein Pokergesicht hatte er lang genug geübt.
„Also los, was gibt es so Wichtiges, dass es einen Alarm in dieser sternenarmen Gegend rechtfertigt?”, fragte er eisig. Er blickte Eigl nicht gerade freundlich an. Dessen Eskapaden kamen immer zur unrechten Zeit.
Der junge Eigl durchschaute die Stimmung seines Chefs, aber auch Hegen wusste, dass der Mann keine Scheu vor ihm hatte. Eigl war ganz bei der Sache; mit verbissenem Gesicht deutete er auf den Radarschirm, auf dessen Mittelpunkt ein winziger Lichtpunkt zu erkennen war. Ein winziger Punkt, aber weit entfernt!
„Ist das alles?”
Eigl blickte seinem Chef gerade in die Augen. „Ja, Major.“ Ein gutaussehender, intelligenter junger Mann, fuhr es Peer durch den Kopf. Wie konnte es auch anders sein; die Berufung als Offizier auf die CHARON setzte eine hohe Intelligenz voraus.
Major Hegen blieb kühl und sachlich: „Wir haben schon früher Sterne und anderes entdeckt, Leutnant Eigl. Also weiter.”
„Ich glaube, dies ist ein Planet. Sehen Sie sich den Glanz an.”
Hegen wandte sich dem Schirm zu und sah, dass die Helligkeitsbestimmung niedrig eingestellt war. Sie stand praktisch auf Null, und dennoch leuchtete der Planet - falls es überhaupt einer war - mit der Helligkeit einer Sonne. Allerdings ohne Sonne, woher kam also der Glanz? ie sollte ein Planet im Sonnenlicht glänzen, wenn es keine Sonne gab? Aufmerksam betrachtete er die Erscheinung. Auch sein kleiner Beobachtungsschirm war auf den Weltraum gerichtet, so wie die Astroscheibe, die die Mitte des Kontrollraums einnahm.
„Ja, ja,” sagte Hegen gedehnt. „Wie hoch ist die Massendichte?”
„Bisher sind nur vorläufige Messungen möglich”, meldete Eigl. „Sie deuten aber darauf hin, dass es kein Stern ist.”
Peer warf Kurt Jessan, der immer noch ein unbeteiligtes Gesicht machte, einen vielsagenden Blick zu.
Kurt Jessan begriff. „Unwahrscheinlich, dass es ein Planet ist, Peer.”
„Warum?”
„Peer ... “, unterbrach Eigl. Er sprach mit ruhiger, selbstsicherer Stimme. „Wir haben noch nie einen Planeten beobachtet, der so viel Licht reflektiert, dort draußen müsste ein Spiegel sein.”
„Du widersprichst dir“, sagte Jessan. Man war also wieder beim kameradschaftlichen Du angekommen.
Eigl schüttelte den Kopf. Er hantierte an Einstellungen herum, wischte über die Abstimmungen, um die Schärfe einzustellen, öffnete Fenster, die Zahlenkolonnen präsentierten. Hegen wandte sich ab. Kein Laut war zu hören. Die in der Nähe sitzende Armierungsoffizierin Leutnant Petra Müller und Leutnant Stein von der Kommunikation beobachteten gespannt die Szene.
„Schalt doch mal auf höchste Vergrößerung“, bat Peer seinen Offizier für die Raumüberwachung. „Sag mir, was du denkst.”
Eigl blickte ihn ernst an. „Ein künstliches Gebilde.”
„Künstlich!”, brummte Jessan verächtlich. „Wenn das künstlich ist, möchte ich die Energieerzeuger kennenlernen, die so viel Licht erzeugen.“
„Wir müssen die Beobachtungen fortsetzen”, meinte Eigl selbstbewusst. Er wischte sich mit der Hand durch sein dunkles Haar und verkniff sich ein Grinsen.
Hegen zuckte die Schultern. Die Untersuchungen hatten bereits begonnen. Der Astrogator war dabei, seine Instrumente auf das seltsame Objekt einzustellen. Die Ergebnisse wurden in den Hauptcomputer eingespeist. Schon bald war mit einem Bericht zu rechnen. Wieder einmal bedauerte die Mannschaft die defekte KI. Irgendein wichtiges Bauteil schien ausgefallen zu sein und man hatte sie noch nicht wieder reparieren können.
Hegen blickte Eigl an. „Mach weiter.“ Der Leutnant der Raumüberwachung entfernte sich und nahm seinen Platz wieder ein.
„Ein Hoffnungsschimmer”, sagte Jessan leise.
„Hoffnung gibt es immer, wenn sie auch unsinnig ist. Was sollen wir machen? Jedenfalls ist das sicher kein Stern!”
„Du glaubst nicht, dass es künstlich sein könnte?”
Hegen lächelte müde und warf einen Blick auf den jungen Eigl, der sich über einen Bildschirm gebeugt hatte. „Glaubst du etwa daran?”
„Kann ich mir nicht denken, und ich hoffe es auch nicht”, antwortete Jessan. Seine Stirn umwölkte sich, als er auf die Astroscheibe wies. „Ich habe das Gerät auf Fehler überprüfen lassen. Bisher keine Fehlerquelle festzustellen, aber das Gebilde scheint sehr groß zu sein.”
Peer nickte abwesend. Er starrte versonnen auf den Lichtimpuls. Diese Sichtung war wirklich ein verheißungsvolles Phänomen.
Leutnant Eigl saß an seinem Platz. Alle hatten von seiner Entdeckung gehört und machten ihre harmlosen Späße über „Eigls Planeten”.
„Gibt es auf deinem Planeten auch Mädchen, Ben?”
Das Gerät war inzwischen einer gründlichen Prüfung unterzogen worden; eine Fehlerquelle war ausgeschlossen. Was es auch immer sein mochte - das Objekt war klar und hell wie ein Vollmond zu erkennen, nur war das Licht mehr ein Silberschein, weitaus eindrucksvoller als das klarste Mondlicht, das man sich denken konnte.
Peer Dexter Hegen konnte jetzt mit der Stimmung seiner Leute zufrieden sein. Er hatte den Eindruck, dass sie seit Monaten nicht mehr so guten Mutes gewesen waren. Endlich etwas Abwechslung. Allerdings würde die Stimmung sofort wieder auf den Nullpunkt sinken, wenn es sich herausstellte, dass wieder einmal nur ein totes Gestirn gesichtet worden war. Jetzt hieß es abwarten. Er sah zu Leutnant Eigl hinüber, der konzentriert seinen Dienst versah.
Benjamin Eigl war ein Produkt seiner Zeit, vielleicht war er noch etwas gelassener als die meisten anderen; er blieb immer sachlich und gründete seine Meinung auf technische Tatsachen. Auf Menschen war nicht immer Verlass, aber dafür auf richtig funktionierende Geräte und Maschinen - das war seine Überzeugung. Eine schlecht arbeitende Maschine ließ sich überprüfen und korrigieren; das ließ sich aber bei Menschen nicht machen. Menschen sind undurchsichtig und heuchlerisch; Maschinen nicht. So sah er die Welt. Leutnant Benjamin Eigl war stolz darauf, selbstsicher, nüchtern. Eines Tages würde er auf einem unbekannten Planeten landen und auf maschinenähnliche Wesen stoßen. Dies hatte schon ein Wissenschaftler namens Shostak in seiner Heimatstadt veröffentlicht. Er hatte das unbestimmte Gefühl, dass sein neuentdeckter Planet so beschaffen sein müsste. Benjamin war überzeugt, die ersten echten Vertreter einer extraterrestrischen Zivilisation würden einer Robotzivilisation angehören. Dabei vergaß er: Bereits seit Jahrzehnten fand man immer wieder mal Extraterrestrier, aber keine Robotkultur. Diese Fremden, so seine Meinung, würden sich im Laufe der Evolution selbst in Maschinen verwandeln. An einem bestimmten Punkt würden sie ihre organischen Körper gegen elektromechanische tauschen, um Hunger und Krankheiten zu entkommen. Dadurch würde es ihnen auch leichter als gewöhnlichen Sterblichen fallen, lange Raumflüge zu überstehen. Und überhaupt sei die Verwandlung in Maschinen der logische Schritt für jede entwickelte Zivilisation. Das Streben einer Zivilisation sei es, Wesen zu erschaffen, die in gewisser Hinsicht effektiver sind als ihre Erschaffer.
Dann würde er ein berühmter Mann sein, denn er hätte als Erster diesen Planeten, Eigls Planeten, entdeckt. Völlig vergessend, dass die Bewohner ihn bereits anders benannt hatten.
Er warf weiterhin einen Blick auf seinen Bildschirm, und aus einem Impuls heraus aktivierte er das Hologramm. Er sah auf dem Holoschirm, wie das unbekannte Objekt langsam größer wurde. Das Licht des Holotischs beleuchtete sein Gesicht von unten und ließ seinen Kopf noch schmaler und bleicher als sonst aussehen. Eigls Planet leuchtete wie ein Diamant in der Dunkelheit des Weltraums.
Mitten in die Stille des Kommandozentrale platzte der schrille Ton der Alarmglocke. Mit schnellen Schritten war Hegen auf seinem Kommandoposten. „Ben, hast du schon wieder den Alarm ausgelöst?“
„Der Computer ...“, antwortete Ben. „Er empfängt Signale, die aus der Nähe des unbekannten Planeten kommen.“ Dann, nach ein paar Minuten und mit beträchtlicher Signalverstärkung von den Rechnerprozessoren, wurde die Botschaft deutlich.
„Verdammt“, fluchte Ben, „sogar die Sprache kommt mir bekannt vor … Und es ist kein Planet. Zu meinem Bedauern muss ich eingestehen, die Daten falsch abgelesen zu haben. Die Entfernung ist weitaus geringer als die von mir angegebene.“
„Welche Art von Signalen?“ Peer ging nicht auf die Entschuldigung ein.
„Anscheinend genau solche, wie wir sie senden. Irgendetwas oder irgendjemand scheint unsere Signale nachzuahmen.“
Dr. Ludovic Schmird trat aus dem Lift und zum Kommandostand. Er ging zu Major Hegen, der vor dem kleinen Beobachtungsschirm stand, sich aber nun auf seinen Platz setzte, und sah sich die Daten auf die Astroscheibe genau an.
„Gut, dass du gekommen bist, Doktor.“
Ludovic murmelte etwas in sich hinein.
„Ein Signal wird übertragen, welches unsere imitiert“, gab Kurt Jessan eine erste Analyse ab. „Es ist kein Sprachsignal. Es klingt wie ein digitales Signal, so ähnlich wie die Verbindungen mit alten Kommunikationssatelliten, mit dem man sich früher planetare Verbindungen aufgebaut hat.“
„Kann dort ein lebendes Wesen sein oder ist es nur eine Reflexion?“, fragte der Kommandant. „Muss dort nicht Leben vorhanden sein, wenn Signale übertragen werden?“
„Nicht unbedingt. Auch ein Spiegel, der Licht reflektiert, könnte die Ursache der Übertragung sein.“
„Vielleicht ein Echo ...?“
Ludovic grinste übers ganze Gesicht. „Ich glaube kaum. Genaues lässt sich nicht sagen, aber ich bin hauptsächlich der Arzt an Bord. Du solltest dich an Rudolf wenden.“ Damit nickte er in Richtung des Leutnants, der an seinen Geräten arbeitete.
Peer beobachtete aufmerksam den Bildschirm, um dann den Kopf in Richtung Astroscheibe, die das Hologramm zugeschaltet hatte, zu wenden. Die Abbildung hatte einen helleren Schein angenommen und schien nähergerückt zu sein. Der Kurs der CHARON steuerte langsam das fremde Objekt an. „Rudolf, was ist das für ein Ding? Kannst du es deutlicher heranholen?“
Rudolf wischte mit seiner Hand über seinen Bildschirm und schon änderte sich das Bild im Hologramm. Anders als auf dem Bildschirm konnte man die Stellung der CHARON zum Zielobjekt wesentlich besser erkennen.
Die CHARON näherte sich von schräg oben dem Objekt. Nun wurde es deutlich: Der angebliche Planet war eine Halbkugel und künstlichen Ursprungs. Er glich einem an der Äquatorlinie durchgeschnittenen Planeten. Die scheibenförmige Oberfläche mit einem Durchmesser von fünfzig Kilometern und einer Dicke von sieben Kilometern wurde von einer halbkugelförmigen Biosphärenkuppel aus durchsichtigem Material geschützt, in dessen Zenit eine Kunstsonne schwebte. Auf der Oberfläche erstreckte sich eine natürliche Landschaft, hauptsächlich aus einem ausgedehnten Wald bestehend. Das Wetter schien durch technische Vorrichtungen simuliert zu werden.
„Das ist ein künstliches Objekt, das hier lautlos im Weltall seine Bahn zieht. Wie ein zielloser Wanderer. Es sollte mich nicht wundern, wenn es dort Leben gibt.“ Benjamin war einerseits enttäuscht, keinen Planeten vor sich zu haben, zugleich jedoch hoffnungsfroh, mit Leben rechnen zu können.
Ben lehnte sich ruhig in dem Stuhl zurück und betrachtete die Personen um sich herum. Peer, der Kommandant der CHARON, der immer ein Pokerface trug und den nichts aus der Ruhe zu bringen schien, und wenn doch, zeigte er es nicht. Er wirkte wie üblich als Herr der Lage. Leutnant Björn Hartmann starrte konzentriert auf den Holoschirm, so als ob er sich keine einzige Kleinigkeit entgehen lassen wollte. Rudolf, der immer gute Laune verbreitete und den Optimisten der Besatzung darstellte. Hauptmann Kurt Jessan, der Sicherheitsoffizier, dessen Zuverlässigkeit sprichwörtlich war, ein ruhender Pol in der CHARON, immer besonnen und korrekt.
„Erwartest du, dort - wie du das Objekt auch nennen willst - Leben anzutreffen?“, fragte ihn Hegen.
„Nicht in diesem Sinn“, sagte Ben zögernd.
Dr. Schmird und Petra Müller, die Armierungsoffizierin, nickten bestätigend fast synchron.
Hegen war von der Antwort enttäuscht. „Das sagt mir kaum etwas.“
Wie von Ben neu berechnet, war das Objekt ein Raumschiff oder besser eine Station. Als die CHARON näher herankam, wurden die Übertragungen deutlicher aufgefangen. Es handelte sich um verschiedenartige Ausdrucksweisen, die von einer elektromagnetischen Sprache herrührten und nichts anderes waren als das, was sie selbst gesendet hatten.
Ben wandte sich an Rudolf Stein. In seiner Eigenschaft als Kommunikationsoffizier war er für die Kontaktaufnahme zuständig. „Rudolf, kannst du etwas in Erfahrung bringen? Bekommst du Antworten?“
Leutnant Stein versuchte bereits Kontakt herzustellen, doch erhielt er keine Antworten. Alles, was die CHARON erreichte, waren seine zurückgeschickten Fragen. „Da gibt es wohl kein Leben in unserem Sinn. Höchstens, wenn überhaupt, nur elektromechanischer Art. Ein intelligentes Wesen hätte sicherlich bereits geantwortet. Und eine Künstliche Intelligenz ebenfalls.“
„Einigen wir uns erst einmal darauf, dass es kein Raumschiff ist, sondern nur eine Plattform“, meinte Hegen. „Und ich würde WANDERER als Namen durchaus übernehmen. Die Plattform scheint keinen eigenen Antrieb zu besitzen. Ihr wurde wahrscheinlich einmal ein ,Schubs‘ gegeben und seither driftet sie mit ungefähr 10.000 Kilometer pro Sekunde durchs Weltall. Ich bin dafür, dass wir der Plattform einen Besuch abstatten.“
Hegen gegenüber saß die Pilotin Patricia Kress. Sie war größer als die Armierungsoffizierin Petra Müller und hatte ein Gesicht, das so schön war, dass sie als erstklassiges Model hätte arbeiten können. Und während sich viele Modelle durch plastische Chirurgie „verbesserten“, war bei ihr alles natürlichen Ursprungs. Von der hohen Stirn mit den braunen Augen darunter bis hin zu ihren langen Beinen. Statt eine Modellkarriere zu beginnen, hatte sie an der Weltraumakademie studiert und als Beste ihres Jahrgangs die Ausbildung zur Pilotin bestanden.
Peer Dexter Hegen sah hinüber zu seiner Pilotin. Diese schien nur darauf zu warten, neue Befehle zu erhalten.
„Pat, umkreise WANDERER und dann bring uns in den Zenit, aber so, dass wir nicht in die künstliche Sonne schauen müssen. Ich will die Landschaft betrachten können.“
Sie wischte mit einer Hand über ihre Paneele und mit der anderen eine Strähne ihres brünetten Haares hinter das Ohr. Sekunden später nahm die CHARON gemächlich Fahrt auf und umrundete den einsamen WANDERER. Es schien so, als würde sich der Begriff für die Plattform endgültig einbürgern.
Der Diskus umrundete die Plattform wie ein Insekt ein riesiges Landsäugetier. Es gab nichts Ungewöhnliches zu sehen. Hauptsächlich Wald. Drumherum ein künstlicher Fluss, der kein Anfang nahm und kein Ende fand. Stattdessen floss er hauptsächlich am Rand der Biosphärenkuppel entlang und mit einigen Windungen auch durch den Wald, durchquerte Wiesen, bildete ab und an Sandbänke aus, nur um wieder auf sich selbst zu treffen.
Die Besatzung der CHARON beobachtete von ihren Sitzen aus, wie ihr im Vergleich winziges Raumfahrzeug an der Biosphäre entlang flog. Ihre Schweigsamkeit, so kam es Björn vor, war dem Anlass angemessen tief und ehrfürchtig, selbst für Menschen.
Die Biosphärenkuppel war eine relativ flache künstlich angelegte Kreisfläche mit einer transparenten Kuppel mit einem Durchmesser von fünfzig Kilometern.
Es war schon eine komische Vorstellung, dass die CHARON hunderttausendfach darauf hätte Platz finden können; Björn versuchte sich vorzustellen, wie die CHARON in diesem großen Zylinder wie ein riesiges Modell in einer Vitrine schweben würde.
Plötzlich reagierte Björn Hartmann, der Astrogator der CHARON. „Da, eine offene Schleuse, groß genug, um die CHARON aufzunehmen.“
„Wir fliegen weiter“, meinte Peer Dexter Hegen. „Mit der CHARON werden wir bestimmt nicht einschleusen. Die Gefahr, durch einen dummen Fehler das Schiff zu verlieren, kann ich mir nicht leisten. Zu Fuß zur VASCO DA GAMA zurück geht nicht.“
Der Diskus flog weiter, immer an der künstlichen Welt entlang. Keine weiteren Auffälligkeiten. Außer den Messgeräten, Kommunikationsgeräten und Ähnlichem, die aus der Außenhülle herausragten. Sichtöffnungen, also Fenster, Bullaugen und Ähnliches, waren nicht zu erkennen. Das Raumschiff stand nun im Zenit der Kuppel, jedoch etwas tiefer, damit die künstliche Sonne die Beobachtung nicht störte. Der Ausblick war fantastisch. Die Ansicht füllte die ganze ein mal zwei Meter große Holographie. Jede Einzelheit erschien in dreidimensionaler Darstellung und warf den Schatten, wie es die Kunstsonne ermöglichte. Alle notwendigen Scans waren durchgeführt worden, sodass selbst kleine Einzelheiten zu erkennen waren. Fast alles Wald, dazwischen Wiesen in saftigem Grün, Hügel und ein paar Steinhaufen, die man jedoch nicht als Berge bezeichnen konnte. Überall blühte es und obwohl wild, machte die Oberfläche einen gepflegten Eindruck. Eben eine künstliche Welt, beeindruckend in der Dimension und der Kühnheit der Konstruktion. Eine Welt für sich, eine zwischen den Sternen driftende Biosphäre.
„Ich vermisse Lebewesen. Hat jemand von euch etwas gesehen?“ Peer blickte kurz in die Runde, bevor sein Blick wieder auf das Hologramm fiel. „Ben, kannst du einen Ausschnitt vergrößern?“
Der Angesprochene kam der Aufforderung sofort nach. Ben fuhr mit seinen schlanken, beinahe zart wirkenden Fingern über die Oberfläche seines Touchscreens, verschob virtuelle Regler, bis der gewünschte Erfolg zu sehen war. Das System ruckte nur kurz, als das Bild so weit heranzoomte, dass die Welt die holographische Darstellung ausfüllte. An den Rändern der ansonsten makellosen Oberfläche wurde die Darstellung, bedingt durch den Schutzschirm oder Glaskuppel, was immer es auch war, unscharf. Es erschien der Wald und eine hügelige Wiese davor.
Gestochen scharf konnte man nun den Blick auf eine künstliche Welt schweifen lassen, als wäre man nur zehn Meter vom nächsten Baum entfernt. Der Übergang von einer Wiese zum Wald war fließend. Es gab an dieser Stelle kein Unterholz. Und plötzlich rief Leutnant Rudolf Stein: „Da, auf zwei Uhr, hat sich etwas bewegt. Klein und pelzig.“
Die anderen waren wie elektrisiert. Sollte es dort Leben geben? Vielleicht sogar intelligentes Leben? Aber darauf wies im Augenblick nichts hin.
Wieder eine Bewegung. Ein pelziges, kleines Lebewesen. Es mochte etwa 20 cm lang sein, mit einem Schwanz, der ein Drittel der Körperlänge besaß. Graues Fell, schwarze Augen. Das Tier lief einen kleinen Hügel hinauf und machte Männchen. So konnte man den gelblichen Bauchpelz erkennen.
In diesem Augenblick stürmte eine Horde großer Primaten aus dem Wald. Der kleine Nager hatte keine Chance. Einer der Primaten erwischte ihn. In seinen Pranken sah das kleine Tier noch zierlicher aus. Jedoch nicht lange. Denn der riesige Primat biss dem Nager einfach den Kopf ab. Mit einem weiteren Bissen war der Nager verspeist.
Die anderen Primaten fingen an wie wild zu wühlen und fanden weitere Nager. Deren Lebenslauf verkürzte sich drastisch.
Das ganze Spektakel dauerte nur wenige Minuten und die Primaten verschwanden in den Wald. Zurück blieb eine verwüstete Hügelwiese.
„Was war das denn?“ Verblüfft sah die Besatzung auf die holografische Darstellung der fremden Welt. Ben sprach aus, was alle dachten. „Das ist sicherlich kein Paradies.“
„Rudolf, erhalten wir inzwischen Kontakt? Meldet sich jemand, gibt es Antworten?“ Peer wandte sich an den Mann für die Kommunikation.
Die Antwort bot nichts Neues. „Nein, nur unsere eigenen Signale, die zurückgesendet werden.“
„Wir sollten mal die Plattform besuchen. Es interessiert mich, wer die Erbauer sind oder waren.“ Peer wollte schon Pläne machen.
„Darf ich anmerken“, warf Kurt Jessan ein, „unser Auftrag lautet, die Funkboje auszusetzen. Und nach meinen Informationen ist die Position noch zwei Lichtjahre weit entfernt. Wir sollten erst unsere Arbeit erledigen.“
„Ja, Kurt, korrekt wie immer. Aber wir können immer noch dorthin. Ein kleiner Abstecher auf die Plattform sollte doch drin sein. Ich will in Erfahrung bringen, wer die Plattform erbaute. Vielleicht kann man mit den Konstrukteuren Kontakt aufnehmen. Allein die Größe der Plattform zeigt, wie fortschrittlich sie waren. Und außerdem, sie haben freundlicherweise eine offene Schleuse als Einladung hinterlassen.“
„Ich gebe zu bedenken …“
„Ja, Kurt, kommt wieder dein SSD-Dienstgrad durch? Ich dachte, das hätten wir hinter uns.“
Kurt schwieg. Die Diskussion über seinen SSD-Rang wollte er wirklich nicht wieder aufnehmen. Er sollte sich etwas zurückhalten und nur als Erster Offizier tätig sein. Als er in Vergangenheit als SSD-Offizier an Bord gekommen war, hatte es einigen Ärger gegeben. Erst ein klärendes Aneinandergeraten und das nachfolgende Besäufnis hatten die Zuständigkeiten geklärt.
„Peer, ich möchte freiwillig nach draußen gehen.“
Hegen war überrascht. Auch die restliche Besatzung blickte zu Ben Eigl auf. Seit Jahren hatte sich niemand freiwillig dafür gemeldet, als Erster das Raumschiff zu verlassen. Bei solchen Expeditionen war es häufig zu Unfällen gekommen; ätzende Niederschläge, Krankheitserreger, giftige Atmosphäre, Flugsand oder unvorhergesehene Strahlungen hatten ihre Opfer gefordert. Die Männer und Frauen der VASCO DA GAMA und ihrer Beiboote konnten manches darüber erzählen. Einige waren dabei sogar umgekommen. Deshalb meldete sich normalerweise niemand freiwillig für Landgänge.
Hegen schmunzelte. „Leutnant Eigl will also wohl der erste Mensch auf Eigls Planet sein, stimmt's?“
Eigl war etwas verlegen. „Ich glaube, dass ich ein Recht darauf habe, auch wenn es jetzt kein Planet ist.“ Auf alle Fälle würde es einen guten Eindruck machen, wenn jemand den Namen Eigl in diesem Zusammenhang im Logbuch las. Aber das dachte er nur insgeheim und verkniff es sich, dies laut zu erwähnen.
Hegen zögerte kurz. Dann nickte er dem jungen Mann zu. „In Ordnung, Ben. Du kannst dich fertigmachen. Wir nehmen eine Phönix. Björn begleitet uns als dritte Person. Wir treffen uns in zehn Minuten im Hangar. Kurt, du übernimmst.“
Ben begab sich nach unten in den Schleusenraum. Oberleutnant Schmird half Leutnant Eigl dabei, den Raumanzug anzuziehen und war sich auch nicht zu fein, den Anzug zu kontrollieren. Die neuesten Meldungen wurden ihnen mit auf den Weg gegeben: Schwerkraft, Atmosphäre und kosmische Strahlungen entsprachen den normalen Werten wie auf ihrem Heimatplaneten Irrikon. Ludovic machte sich nur kurz Gedanken darüber, welch mächtige Maschinen dafür zuständig waren.
Dr. Schmird trat zu Ben an die offene Luftschleuse und schüttelte ihm die Hand. „Sei vorsichtig, Ben ...“
Eigl war zuversichtlich und warf noch einen letzten Blick auf Hegen. Der Helm war schon befestigt, und Hegen sprach zu ihm über Sprechfunk. „Du kannst jetzt die Phönix betreten und startklar machen. Wir folgen gleich nach.“ Damit war der Leutnant als Erster an Bord des Beibootes. Aus Vorsicht heraus wollte Hegen diesmal, dass der Flug in Raumanzügen erfolgte. Im schlimmsten Fall drohte ein Abschuss der Phönix.
Eigl genoss den großartigen Augenblick. Dies musste der Tag sein, der ihn weltberühmt machte! Zumindest jedoch, so hoffte er, der Beginn eines großen Abenteuers.
Der Flug mit der Phönix dauerte mehr als 30 Minuten. Bei Ankunft verharrte das Beiboot der CHARON still vor WANDERER. Auf eine Anweisung von Peer hin flog Ben weiter. Die Phönix näherte sich der gewaltigen, komplexen Struktur der Plattform und flog etwa dreihundert Meter parallel zu dieser in Richtung der Kuppelbasis. Die Plattform betrug, wie Peer sich erneut ins Gedächtnis rief, fünfzig Kilometer im Durchmesser und bestand aus Metall und kunststoffverstärktem Metall. Die Biosphärenkuppel nötigte ihm einen gewissen Respekt ab. Sie war mit Versorgungsmodulen und den Öffnungen für Antennen und anderen Sensoren bestückt, die sich wie Münder den entfernten Sternen und dem dunklen Weltall zuwandten. Kleine und große Schleusen wechselten sich ab. Die Plattform hätte eine Armada an Raumfahrzeugen beherbergen können. Ben, der an den Kontrollen saß, schaltete zwei der vier Hauptscheinwerfer ein. Die angesteuerte Schleuse vor ihnen führte in die geheimnisvolle Dunkelheit des Plattforminneren. Da sie immer noch keinen Kontakt bekamen, flogen sie einfach in die Schleuse hinein. Die Phönix hatte genug Platz. Selbst die CHARON mit ihren 170 Metern Durchmesser hätte einfliegen können. Im Scheinwerferlicht der Phönix erkannten sie einen vollkommen leeren Hangar. Das Beiboot des Erkundungskreuzers, von Leutnant Eigl gesteuert, setzte sanft auf dem Hangardeck auf. Rechts von ihnen gab es eine Art Kontrollraum, nahm Hegen an, denn durch eine Glasscheibe konnte man in den Hangar blicken. Darunter eine Personenschleuse, die vermutlich zu den höher gelegenen Räumen führte. An den drei Wänden gab es mehrere unterschiedlich große Schleusen. Möglicherweise zu den Nachbarhangars und dem Inneren der Station.
„Wir müssen die Helme zugeklappt lassen, solange wir den Hangar nicht schließen können. Nehmt die HM-6 mit. Wer weiß, was uns erwartet.“ Peer Dexter Hegen gab weitere Anweisungen und Verhaltensregeln und betrat als Erster die Schleusenkammer der Phönix.
Gemeinsam mit Björn wartete er, bis auch Ben eingetroffen war. Die drei Männer versiegelten ihre Raumhelme. Erst danach konnte Peer das Innenschott schließen und den Sauerstoff abpumpen. Noch zeigte die Bereitschaftsbeleuchtung ein mattes Rot. Nachdem sie auf Grün umgeschaltet war, verließ Björn die Phönix als Erster. Er ließ seinen Blick schweifen, doch der Hangar blieb leer. Er gab Ben ein Zeichen.
„Du kannst kommen. Läuft die Aufzeichnung?“
Er hörte Bens Stimme über den Helmfunk. „Verstanden, Aufzeichnung läuft. Es kann losgehen.“
Hinter Ben betrat Peer den Hangarboden. Das Material schien aus einer Art Metallplastik zu bestehen, welches entweder von Natur aus hellblau war oder so gestrichen worden war. Allerdings bemerkte er, als er den Boden genauer betrachtete, keine Abnutzungsspuren. Ben ging voran, Peer und Björn links und rechts neben ihm. Sie hielten sich außerhalb des Aufnahmewinkels der Kamera, die Übertragung zur CHARON erfolgte in Echtzeit. Der Weg von der Phönix zur nächsten Hallenrückwand war nicht weit, da sie das Beiboot möglichst nah an einer Schleusenöffnung gelandet hatten. Diese war nicht sonderlich groß, doch ein paar Menschen konnten bequem gleichzeitig durchgehen.
Ben nahm alles auf. Wahrscheinlich würden die anderen Mannschaftsmitglieder auf der CHARON gebannt zusehen. „Wir sollten jetzt durchgehen. Ich möchte ungern dort drinnen stehen, wenn auf der anderen Seite der Luftschleuse unfreundliche Zeitgenossen warten.“
Das Öffnen der Schleuse erwies sich als problemlos für die drei Männer. Ein simpler Hebelmechanismus entriegelte die Tür.
Das Innere der Station kam Peer eigenartig vertraut vor. Er vermutete, dass dies damit zusammenhing, dass die Erbauer Humanoide gewesen waren und entsprechend ähnliche Anforderungen an eine Station stellten wie Menschen. Wenn es sich dabei nicht gar selbst um Menschen gehandelt hatte.
„Die Station wirkt auf mich etwas seltsam, auf der einen Seite vertraut, dann wieder fremd.“ Ben schien irritiert. Er konnte Einzelheiten der technischen Ausrüstung erkennen, Maschinenteile, Lüftung und ähnliches, und dann wieder fremde Rohrleitungssysteme. Er konnte weitere Einzelheiten erkennen, sobald der Strahl der eingeschalteten Gürtellampen darauf fiel. Zum Beispiel luftdichte Luken und Eingänge. Nach der Durchquerung einer weiteren Schleuse funktionierte die Beleuchtung und die Anzeigen bestätigten einen atembaren Sauerstoffgehalt. Was für diese große Station reichlich ungewöhnlich war, denn bislang zeigte sich kein Wesen, das Atemluft gebraucht hätte. Wozu also lebensfreundliche Bedingungen schaffen? Als sie sich nicht bewegten, verlosch das Licht wieder.
„Wir können die Helme jetzt öffnen.“ Peer war der Erste, der seinen Helm wie eine Kapuze nach hinten klappte. „Jetzt benötigen wir nur noch Licht.“ Er schritt weiter in den Gang und plötzlich erhellte sich dieser vor ihm. Überrascht blieb die kleine Gruppe stehen.
„Bewegungsmelder“, meinte Ben.
Langsam und mit einigen Irrgängen bewegten sie sich durch das Labyrinth der Plattform. Einige Bereiche, an denen sie vorbeikamen, stellten sie vor Rätsel. Dann bemerkten sie an einer Gangkreuzung einen Plan. Ein grüner Punkt am Rande des Planes markierte wohl den jetzigen Standpunkt. In der Mitte des Planes, noch weit weg, wurde die Kommandozentrale vermutet.
„Lasst uns mal um die Ecke gehen“, meldete sich Björn zum ersten Mal. „Da scheint etwas Interessantes zu sein.“ Ohne eine Antwort abzuwarten, marschierte er los. Der im Dunkeln liegende Gang wurde plötzlich hell. Eine Art Bucht in der Wand tauchte auf und zeigte den erstaunten Eindringlingen kleinrädrige Fahrzeuge. Die meisten hatten einen einzelnen Karbonfasersitz und dahinter eine Plattform, um etwas darauf abstellen zu können. Neben dem Sitz waren zwei kleine Triebwerke angebracht.
„Dies ist ein ziemlich hässlicher Luxusschlitten.“ Ben war nicht erbaut von diesen Fahrzeugen.
Björn fand sie jedoch so fantastisch, dass er gleich eines davon bestieg. Die Handhabung schien einfach. Zwei Pedale, ein Steuerrad und ein Schalter. Als Björn den Schalter drehte, erwachte der Flitzer zum Leben. Probeweise trat er ein Pedal durch. Das Gefährt machte einen Satz und kam ruckartig zum Stehen, als er den Fuß vom Gas nahm. „Das kann spaßig werden“, meinte Björn. „Lasst uns die Flitzer nehmen, um zum Mittelpunkt zu gelangen. Damit sparen wir Zeit.“
Die beiden anderen waren einverstanden. Nach ein paar Minuten Probefahrens brausten sie los. Der Gang war zuerst ganz gerade, an den Seiten befanden sich Türen und Schleusen, die sie nicht weiter beachteten. Andere Gänge kreuzten und stellenweise führte ihr Weg über regelrechte Plätze. Ihr gemeinsames Ziel jedoch war die Zentrale. Dort hofften sie, Antworten zu erhalten. Fast eine Stunde später waren sie angekommen.
„Die Tür ist fest verschlossen.“ Björn sprach aus, was die drei sahen. Gleichzeitig erkannte er eine Tastatur, die die Tür wahrscheinlich öffnen könnte. Leider war sie ohne Funktion.
Die Übertragung war, aus welchem Grund auch immer, inzwischen abgebrochen.
Ben hatte die entsprechende Ausrüstung inzwischen nur noch auf Aufzeichnen eingestellt.
Peer wandte sich an Björn. „Glaubst du, es wäre ein Problem, die Tür aufzuschneiden, um hineinzukommen?“
„Wenn ich dabei nichts zerstöre, was wir später vielleicht noch benötigen, dann ja, aber abschätzen kann ich es nicht.“ Die HM-6 blieb im Holster.
Peer seufzte. „Genau das ist das Problem. Versuchen wir etwas anderes. Du drückst, ich ziehe. Vielleicht bewegt sich etwas.“
Während sich die beiden Männer abmühten, sah sich Ben weiter um.
„So viel dazu.“ Björn schwitzte in seinem Raumanzug. „Jetzt hätte ich gern etwas zu trinken.“
Peer überlegte, während er sich ebenfalls den Schweiß von der Stirn wischte. „Auf jedem Raumschiff, auf dem ich diente, gab es immer eine Art Notausgang. Ich denke, so etwas wird es hier auch geben.“
Ben mischte sich ein. „Was passiert, wenn ich es hier probiere?“ Er drückte auf eine Stelle in der Wand. Eine Klappe öffnete sich, dahinter befand sich ein dreieckiger blauer Knopf. Er wartete keine Antwort ab und betätigte ihn, indem er ihn hineindrückte. Zuerst geschah nichts. Ben drehte den Knopf, was überraschenderweise auch funktionierte. Dennoch geschah nichts, erst als er den Knopf erneut drückte. Gleichzeitig öffnete sich das Schott, indem es nach links in der Wand verschwand.
Überrascht blickten die drei Männer in den großen Raum. Auf drei Ebenen befanden sich Arbeitsplätze, mit Bildschirmen übersät, Terminals und Ausgabegeräte und einiges, was sich auf den ersten Blick nicht identifizieren ließ.
„Das also ist die Zentrale“, sagte Peer. „Die ist ja wirklich riesig.“
Björn und Ben zuckten nur mit den Schultern. Ihnen war es egal, wie groß die Zentrale war. Sie suchten mit ihren Blicken zuerst einmal das, was ihrem Arbeitsplatz auf der CHARON entsprach, oder zumindest entsprechen könnte. Die Decke und Wände waren mit Elektronik vollgestopft, übersät von Armaturen und Kontrollgeräten. Dutzende von Arbeitsplätzen waren dunkel. Es gab kein Licht in dem Raum, bis auf das, welches durch die offene Tür hereinfiel. Die riesigen Bildschirme, die in der Mitte der Zentrale hingen, waren dunkel. Die verschiedenen Konsolen, mit altmodischen Druckschaltern versehen, lagen unter einer dünnen Staubschicht. Mit ein paar schnellen Schritten traten sie ein und damit wurde es wieder hell. Peer ging zu dem Arbeitsplatz, der etwas erhöht in der Mitte stand. Hier glühten ein paar Punkte und Kreise, Balkendiagramme zogen über den einzig aktiven Bildschirm, der Peer in der Dunkelheit aufgefallen war.
„Ein Raumschiff bleibt ein Raumschiff“, sagte Peer. „Der Unterschied liegt nur in der Größe. Los, versucht, etwas in Gang zu bringen!“
Die drei Raumfahrer benötigten eine halbe Stunde, um die Hauptbildschirme und Rechner in Betrieb zu nehmen. Es gelang nicht bei allen, aber es wurden auch nicht sämtliche Bildschirme benötigt. Die meisten zeigten die künstlich angelegte Landschaft. Nach einer weiteren Stunde hatten sie so etwas wie ein Logbuch gefunden. Sie ließen den Bordcomputer eine Zusammenfassung erstellen, soweit es möglich war. Die benutzte Schrift überraschte die drei Besucher. Während sie den Computer an den verschiedenen Plätzen bedienten, geschah dies vornehmlich intuitiv und mit Piktogrammen. Jetzt stellten sie fest, dass sie die Schrift zu einem Bruchteil lesen konnten, wenngleich viele Begriffe anders verwendet wurden und die größte Anzahl der Schriftzeichen fremdartig anmutete.
Was sie der sehr kurzen Zusammenfassung entnehmen und zudem entziffern konnten, fasste Björn zusammen: „Die Zeitangabe ist dabei nicht ganz klar, da wir nicht wissen, wie wir die Zeit vergleichen sollen beziehungsweise wie lange die entsprechende Zeit dauert und wann die Aufzeichnung endete. Die Biosphärenkuppel könnte bereits hunderte Jahre unterwegs sein. Eine nicht sehr große Anzahl von Plattformen treibt seit langer Zeit durch das Weltall. Ihre einzige Aufgabe ist es, die letzten Wälder des Planeten als eine Art Schutzzone unter riesigen Biosphärenkuppeln zu erhalten. Auf dem Heimatplaneten wurde die gesamte Natur zerstört. Als die Besatzungen der Plattformen aus uns bislang unbekannten Gründen den Befehl erhielten, diese zu sprengen und zum Planeten zurückzufliegen, blieb ein einzelner Biologe an Bord und verhinderte die Selbstvernichtung. Eine kurz darauf auftretende Explosion und Schockwelle trieb die Plattform aus dem Sonnensystem und sie gewann an Fahrt, als sie beim letzten Planeten des Sonnensystems in ein Swing-By gehen konnte. Seitdem betreute der Biologe mit den drei Gärtnerrobotern Dewey, Huey und Louie die Wälder, Pflanzen und Tiere. Der Biologe programmierte die Roboter mit allem Wissen über die Pflege der Pflanzen und Waldbewohner, das er zusammentragen konnte. Die höchstentwickelte Lebensform ist eine Primatenform. Eines Tages stellt der Biologe fest, dass die Bäume in der letzten verbliebenen Kuppel ihre Blätter abwerfen. Lowell, so sein Name, versucht, die Ursache herauszufinden. Aus einer alten Datei erfährt er zufällig, warum der Wald stirbt: Er ist mit der Biosphärenkuppel zu weit vom Licht der Sonne entfernt. Lowell bestückt die Kuppel mit künstlichem Licht, einer Sonne im Weltall ähnlich. Irgendwann enden die Aufzeichnungen des Biologen. Irgendwo habe ich etwas gelesen, dass der Biologe im Wald begraben werden wollte. Der Biologe starb, seine Leiche wurde von den Robotern vergraben, wenn sie seine Anweisungen richtig befolgten.“
„Ich habe darüber hinaus noch etwas gefunden. Das ist sicherlich wichtig zu wissen.“ Björn wies auf einen weiteren Eintrag in einer weiteren Datei hin: „Die Station verfügte über eine Besatzung von etwa 7.000 Individuen. Die Biosphärenkuppel ist ausreichend automatisiert, so dass eine kleine Rumpfbesatzung die Station lenken konnte. Im Notfall reichte dafür sogar eine einzige Person. Diese ist dann jedoch dazu gezwungen, ständig von einer Arbeitsstation zur nächsten zu laufen, um die Vielzahl der komplexen erforderlichen Aufgaben zu bewältigen. Für die Oberfläche gibt es zwar Gärtnerroboter und für Werkstätten, Instandhaltung und so weiter auch, aber dennoch bleibt für eine Einzelperson mehr als genug zu tun, um die Station am Laufen zu halten.“
„Nun ja, dies ist eine recht kurze Zusammenfassung.“ Peer war nicht ganz zufrieden mit der Auskunft. „Es geht aber nicht daraus hervor, wie lange genau die Biosphärenkuppel unterwegs ist. Was zeigen die Bildschirme?“
„Wald - hier Wald, dort Wald, da Wald.“ Ben war ein wenig frustriert. Obwohl er die Vergrößerung einsetzte, fand er keine Lebewesen, die den Primaten entsprachen. „Das Wort für Welt ist Wald. Oder was meint ihr?“
„Dort“, rief Björn aufgeregt. „Einer der Roboter.“ In der Tat watschelte durch den Wald ein Roboter, der sich plötzlich auf dem Bildschirm zeigte. Sein Ziel wahrscheinlich der nahe Waldrand.
In dem Moment rief Ben: „Dort sind die beiden anderen Roboter, direkt am Waldrand. Aber sie tun nichts und ihre Haltung ist etwas seltsam. Mir scheint, sie sind defekt.“
„Wir sollten einmal nach oben gehen“, meinte Ben. „Ein Spaziergang dort ist sicherlich interessant. Man könnte für unsere Botaniker vielleicht ein paar Samen mitbringen.“
„Oder anders formuliert, du warst seit einem Jahr auf keinem Planeten und würdest jetzt gern unter Bäumen spazieren gehen“, meinte Björn. „Aber ja, ich hätte auch nichts gegen einen Besuch der freien Natur.“
„Und wir könnten nach den beiden Robotern sehen. Vielleicht bekommen wir weitere Auskünfte, womöglich können wir sie sogar reparieren, sofern meine Annahme stimmt, dass sie beschädigt sind.“ Ben war wie üblich schnell in Begeisterung versetzt.
„Wir könnten durchaus einen Ausflug durchführen, sollten jedoch vorsichtig sein und Abstand zu den Primaten halten, wo immer die stecken mögen. Bislang gab es keine Anzeichen, dass sie in der Nähe sind“, kommentierte Peer. „Allerdings hätte ich gern einen Plan der Oberfläche und einen Ausstieg in der Nähe der Roboter. Ben, kümmere dich um die Daten!“
Leutnant Eigl griff in die Tasten der altmodischen Konsolen. Einiges auf der Station wirkte seltsam. Auf der einen Seite eine Biosphärenkuppel, die von höchstem technischem Wissen zeugte, dann wieder Tastaturen und anderes, die schon veraltet waren, als die VASCO DA GAMA noch nicht gebaut worden war. Benjamin tippte auf der Tastatur und suchte nach Informationen. Doch das erwies sich als schwierig. Die Zeichen waren nicht immer zu entschlüsseln. Er suchte nach einem Port, um seinen Armcomputer mittels Kabel anzuschließen, eine Wireless Lanverbindung konnte nicht gefunden werden. Er versuchte es mit einem Universaladapter und konnte überraschenderweise einen Zugang einrichten. Er erkannte auf dem Konsolenbildschirm das Ikon für seinen Armcomputer beziehungsweise für ein extern angebundenes Gerät. Er aktivierte es und konnte wenig später sein Gerät anschließen. Kurz darauf zogen Zeichen über den Konsolenbildschirm, wiederholten sich auf dem Touchpadbildschirm des Armcomputers. Ein Zeichenerkennungsprogramm trat in Aktion. Es galt, die gefundenen Daten zu übersetzen. Benjamin benötigte einige Zeit, doch dann zogen Zahlen und Informationen in einer altvertrauten Parade über die Armcomputeroberfläche. Nur nicht ganz verständlich, denn viele Zeichen waren unbekannt und konnten noch nicht übersetzt werden.
„Björn, hast du inzwischen herausgefunden, wie unsere Kommunikation ,gespiegelt‘ wird? Und versuche eine Direktverbindung zur CHARON zu erhalten. Es ist längst an der Zeit, dass wir uns melden. Wie weit seid ihr, die Zentrale wieder in Betrieb zu nehmen?“ Peer Dexter Hegen kratzte sich am Kinn. Die Zentrale wieder in Betrieb zu nehmen schien wohl etwas übertrieben. Er konnte froh sein, wenn sie überhaupt etwas in Betrieb nehmen konnten. Er überlegte, während er weiterhin seinen Blick über die Bildschirme schweifen ließ. Nichts als Wald, ab und zu eine Wiese, der künstliche Fluss. Und die Primaten?, dachte er. Irgendetwas stimmt hier nicht und ich kann nicht sagen, was es ist.
Peer konnte sich immer noch nicht entscheiden, wie er dieses künstliche Gebilde, das durch die Weiten des Alls zog, nennen sollte. WANDERER wurde die Station bereits intern genannt, aber irgendein offizieller Name sollte es doch sein. Nachdem ihm nichts Besseres eingefallen war, beschloss er, diese Bezeichnung beizubehalten. Er blickte sich um. Alles hier wirkte auf der einen Seite vertraut, da die Einrichtung für Menschen oder menschenähnliche Wesen gebaut war. Andererseits war es ein Produkt fremder Technologie. Er fühlte sich nicht wohl.
An der Stelle, wo der Computer seine Berechnungen auf einem Bildschirm ausgab, stand Björn. Ob er auch nur irgendetwas davon verstand, war eine andere Sache.
Ben saß über eine andere Konsole gebeugt und machte sich Notizen. Er berührte den Armcomputer, um darauf Informationen einzugeben, abzuspeichern oder zu übertragen.
Jeder der Armcomputer war personalisiert, daher reagierte der von Ben nur auf ihn. Der Bildschirm pulsierte kurz in einem strahlend grünen Licht, präsentierte für einen Augenblick das persönliche Logo von Ben hinter dem digitalen Display, um anzuzeigen, dass er seine Berührung und die Fingerabdrücke erkannte und empfangsbereit war.
Peer blieb neben Ben stehen. „Wie lange wird es noch dauern?“
„Keine Ahnung.“ Ben verzog sein Gesicht wie in kindlicher Anstrengung bei der Lösung einer schwierigen Schulaufgabe. „Der Computer hat gerade seine Kanäle für die Verarbeitung der Daten geöffnet. Wenn die Auswertung erfolgt ist und ich keinen Fehler gemacht habe, in ein paar Minuten, ein paar Stunden …“ er zögert einen kurzen Moment, zuckte mit den Achseln, lächelte verschmitzt. „Vielleicht auch, bis es draußen hell wird.“
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