Kitabı oku: «Emma Roth und die fremde Hand»
ERIKA URBAN


INHALT
Cover
Titel
Prolog auf dem Brunnenmarkt
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Einen Monat später
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Impressum
PROLOG AUF DEM BRUNNENMARKT
Die Sonnenstrahlen stachen wie Dolchstöße auf die Köpfe der hechelnden, überstressten Menschen ein, die sich an diesem glühend heißen Samstagmorgen im August über den überfüllten Brunnenmarkt schoben, stets eingezwängt zwischen schwitzenden, stinkenden Körpern, die sich aneinander rieben und stießen wie in einem bizarren Liebesakt. Es sollte einer der heißesten Tage dieses Sommers werden, hatte morgens eine gut gelaunte Radiostimme verkündet und auf die zahlreichen Freibäder verwiesen.
Carla Wolf strich sich eine feuchte blonde Strähne aus dem Gesicht und rempelte eine ältere Dame an, die im Weg stand. Gerne wäre sie jetzt an der Donau gesessen, die akkurat pedikürten Füße ins Wasser gestreckt und einen Cocktail in der Hand haltend. Alles wäre besser, als über diesen grauenhaften Markt zu hetzen. Sie war definitiv die falsche Frau für diesen Ort. Bei Meinl Südfrüchte kaufen, im Sacher Pralinen verkosten oder sogar am Naschmarkt ein Gläschen Weißen zu einem halben Dutzend Austern genießen – das war ihre Welt. Nicht dieser stinkende Bazar in Ottakring mit all seinen abgeschabten Ständen und den aufdringlichen Marktschreiern, wo man alle naselang auf alten Tomaten ausrutschte oder den Blicken irgendwelcher vulgären Männer ausgesetzt war. Wahrscheinlich hatte Peter ihr genau deshalb den Brunnenmarkt im 16. Bezirk als Treffpunkt vorgeschlagen: um sie zu ärgern, zu demütigen. Bereits zwei Jahre lag die Scheidung von Peter Lehmann nun zurück und immer noch setzte er alles daran, sie zu beleidigen, ihre Würde zu verletzen. Nur weil er selber ein Verlierer auf ganzer Linie war.
Marie zerrte an ihrer Hand. „Wann sind wir endlich beim Papa?“
Carla Wolf bedachte ihre Tochter mit einem entnervten Blick. Maries feuchte Hand umklammerte die ihre. Die Kleine quengelte. Sie hatte Durst. Es war zu heiß. Sie wollte nach Hause. Warum konnte der kleine Quälgeist nicht einfach still sein? Die ganze Situation war unangenehm genug. Gereizt herrschte sie ihre Tochter an, endlich zu schweigen, und schlängelte sich weiter durch die Menschenmassen. Bald hätten sie es geschafft. „Mama, schau mal. Schau doch mal!“, sagte Marie plötzlich. Carla verspürte ein Ziehen an ihrer Hand. Unwirsch zog sie die Kleine näher zu sich, blickte sie kurz strafend an, ohne dabei mit den Augen dem ausgestreckten feingliedrigen Zeigefinger zu folgen, und konzentrierte sich dann wieder auf den Weg.
„Aber, Mama, schau doch nur, da vorne“, vernahm sie wieder die zarte Stimme.
Ihre Hand war schweißnass. Für einen kurzen Moment ließ sie los und wischte sie sich an ihrem weißen Leinenkostüm ab. Dann ergriff sie schnell wieder die Kinderhand und zog sie weiter die schier endlos lange Straße entlang. Endlich teilte sich der Menschenstrom, in dem sie die ganze Zeit mitgeschwommen waren. Sie hatten die Kreuzung erreicht. Ein frischer Lufthauch kam von irgendwoher und sie sog ihn gierig ein. Ihre Hand, die immer noch Maries fest umfasst hielt, lockerte sich.
Mit einem Seufzer sagte Carla Wolf: „So, Marie, jetzt sind wir gleich beim Papa“, wandte sich ihrer Tochter zu und erstarrte. Die kleine Mädchenhand, die sie hielt, war braun und irgendwie fleckig verdreckt. Das dazugehörige Kind hatte große dunkle Augen und schwarze, verfilzte Locken. Sein Gesicht war so dunkel und verschmutzt wie seine Hände. Als es grinste, entblößte es eine Reihe brauner Zähne, die unter den trockenen, rissigen Lippen schief hervorstanden. Carla Wolf starrte das fremde Kind fassungslos an. Das war nicht Marie.
Ihre Marie war blond, zart und vor allem sauber, trug ein rosa kariertes Sommerkleidchen sowie helle Sandalen. Ihre Marie hatte weiße, gerade Milchzähnchen und kleine braune Sommersprossen um ihr blasses Näschen. Genau das waren Carla Wolfs Gedanken in dem Moment, als das Kind sich losriss, sich umdrehte und wegrannte. Nur Sekunden vergingen, dann hatten es die Menschenmassen verschluckt.
Entgeistert starrte Carla auf ihre Hand. Ein Schrei formte sich in ihrer Kehle, drang nach oben und entlud sich schließlich mit aller Kraft über den Brunnenmarkt.
SEIT 48 STUNDEN VERMISST
Emma Roth saß auf ihrem Klo und drückte so stark, dass ihr Gesicht rot anlief. Die Oberschenkel rutschten über die glatte Keramikoberfläche der WC-Brille. Die Waden drückte sie gegen die kühle Kloschüssel, auf der sie in gekrümmter, mitleiderregender Haltung hockte.
Ja, sie hatte gestern wieder übertrieben. Es hatte so harmlos angefangen. Ein kleiner Absacker nach einer anstrengenden Wochenendschicht. Allein versteht sich, denn mit ihren Kollegen verband sie wenig – und vor allem nicht die Lust an hochprozentigen Getränken, französischen Zigaretten und dunklen Bars. Dann war da dieser Kerl gewesen, Mitte vierzig, Typ Banker, aber ganz attraktiv. Zusammen waren sie in einer düsteren Kneipe gelandet, wo sie sich völlig in Zeit und Raum verloren hatten. Der Rest war Dunkelheit.
Mit einem unterdrückten Grunzen spürte sie, wie ihr Darm sich bereit machte, alle Sünden der letzten Nacht hinauszuspülen. Gleichzeitig stieg ihr ein bitterer Schuss Magenflüssigkeit nach oben und überschwemmte die Mundhöhle wie ein Tsunami. Jetzt meldeten sich beide Organe gleichzeitig zu Wort, tanzten einen wilden Tango in ihrem Bauch, vor und zurück, eine schnelle Drehung – sie würgte und schaffte es gerade noch, den blauen Putzeimer zu packen, der, seit seinem Kauf vor einem Jahr unbenutzt, neben der Toilette vor sich hin vegetierte. Sie atmete tief durch, riss ein Stück Klopapier von der Rolle und wischte sich damit über den Mund. Es ging ihr besser. Der drückende Schmerz in Magen und Darm war weg. Jetzt noch zwei Tabletten gegen das hartnäckige Pochen hinter den Schläfen und die körperlichen Folgen ihres nächtlichen Exzesses hätte sie damit im Griff!
Sie erhob sich, schob das Höschen hoch und spülte den Mund aus. Ein Blick in den Spiegel ließ sie zurückschrecken: Sie sah so furchtbar aus, wie sie sich fühlte. Ihre Augen lagen in tiefen Höhlen, die markanten Wangenknochen traten aus ihrem bleichen, übernächtigten Antlitz hervor, als ob sie schwer krank wäre.
„Reiß dich zusammen, Emma Roth!“, schalt sie ihr Spiegelbild mit erhobenem Zeigefinger.
Sie wusste, dass es so nicht weiterging. Noch lief alles reibungslos, noch funktionierte ihr Leben ohne größere Patzer und Aussetzer, aber irgendwann würden die nächtlichen Eskapaden Konsequenzen nach sich ziehen. Und gerade jetzt musste sie in der Arbeit einen Gang zulegen. Ihr Vorgesetzter hatte sie auf dem Kieker, ihr Assistent hatte seine eigene kleine Revolte gegen sie losgetreten und so musste sie sich tagtäglich als Abteilungsleiterin beweisen.
Die nächste Tat des noch jungen Tages würde es sein, den namenlosen Mann aus ihrem Bett und aus der Wohnung zu befördern. Höflich, aber bestimmt. Darin war sie geübt! Entschlossen marschierte sie auf die Schlafzimmertür zu, doch bevor sie diese erreicht hatte, pochte der schrille Klingelton ihres Handys gegen ihr alkoholgeschwächtes Gehirn wie ein Presslufthammer. Automatisch riss sie die Hände hoch und bedeckte die Ohren. Dann besann sie sich. Wo hatte sie gestern nur ihre Handtasche hingeworfen? Sie folgte dem Geräusch bis in die gemütliche Wohnküche, wo sie ihre Wildledertasche schließlich inmitten von Essensresten und leeren Weinflaschen auf dem Küchentisch fand.
„Roth“, nuschelte sie mit schwerer Zunge.
„Rotten hier“, vernahm sie die aufgeregte Stimme ihres Assistenten. „Du musst sofort kommen. Der Chef hat eine Sondersitzung einberufen. Schon in einer halben Stunde. Irgendeine Geschichte in Ottakring.“
Emma gähnte und blickte auf die Wanduhr. Es war halb acht. Unter normalen Umständen wäre sie jetzt in ihr warmes Bett zurückgekrochen, sobald sie sich des smarten Bankers entledigt hatte, hätte dann noch gedöst, um gegen neun gut gelaunt und einigermaßen nüchtern ins Büro zu laufen. Damit war es jetzt vorbei. Sie stieß einen Seufzer aus, legte ohne ein Abschiedswort auf, ließ ihre Espressomaschine warmlaufen, schluckte zwei Aspirin und startete viel zu früh in diesen Tag, der schon von Anfang an zum Scheitern verurteilt schien.
****
Vierzig Minuten später stürzte sie außer Atem in ihr Büro im zweiten Stock eines grauen, unfreundlichen Neubaus. Hier hauste sie mit ihrem Team, seit das alte Büro am Schottenring hatte geräumt werden müssen, wegen einer Weltkriegsbombe, die sich angeblich unter dem Gebäude befand. Emma hasste die neue Zentrale, aber die Wiener Bürokratie ging ihren gewöhnlich langsamen Lauf und es würde wohl noch dauern, bis das Team in das alte Gebäude zurückziehen würde können.
Karl Rotten betrachtete Emma aus dem Augenwinkel, als sie die Tür zum Vorzimmer aufstieß und dabei ihre Handtasche fallen ließ, deren Inhalt sich über den braunen Teppichboden ergoss. Er hatte seine Chefin bereits oft in einem desolaten Zustand erlebt, doch so kaputt wie heute hatte er sie schon lange nicht mehr gesehen. Die langen roten Locken waren mit einem breiten Haarband nur notdürftig gebändigt und die Krater und Schatten in ihrem Gesicht erzählten Geschichten von einer langen, alkoholschweren Nacht. Nicht einmal die Silberkreolen an ihren Ohren und der dunkelrote Lippenstift konnten dieses Bild der Zerstörung korrigieren. Auch die Garderobe ließ zu wünschen übrig und würde ihr mit Sicherheit einen Rüffel von Heiko Tomschak, ihrem Vorgesetzten, einbringen. Die engen Bluejeans waren an den Innenseiten der Oberschenkel aufgerieben und es fehlte nur noch ein winziges Stück Stoff, um den Blick auf ihre nackte Haut freizugeben. Das bunte Batikhemd hätte vielleicht auf eine Strandparty in Thailand gepasst, aber sicherlich nicht in das Büro einer Wiener Polizeimajorin. Da konnte auch das schwarze, eigentlich schicke Jackett nicht helfen, das sie sich übergeworfen hatte. Ihre gesamte Aufmachung wirkte geradezu grotesk in dieser biederen Beamtenwelt.
Roth musste seinen abschätzigen Blick bemerkt haben, denn augenblicklich reckte sie kampfeslustig das Kinn nach vorne, warf den Kopf zurück und konterte seine unausgesprochene Kritik mit den Worten: „Wenigstens habe ich ein Privatleben und vegetiere nicht so langweilig dahin wie du, Rotten!“
Ohne eine Antwort abzuwarten, schnappte sie sich ihr iPad und marschierte zum Konferenzraum. Dort hatte sich bereits ihr kleines Team versammelt. Emma nickte kurz in die Runde und setzte sich auf einen der ungemütlichen Plastikstühle. Links neben ihr nestelte die Sekretärin Malin Meyer nervös in irgendwelchen Unterlagen herum. Eigentlich war sie promovierte Germanistin und daher gnadenlos überqualifiziert, aber da die Arbeitsmarktlage für Geisteswissenschaftler eher schlecht war und Malin alleine ein Kind zu versorgen hatte, war sie dankbar für ihren zuverlässigen Job im Vorzimmer von Emmas Abteilung. Sie kam morgens pünktlich um acht, aß um ein Uhr in der Kantine einen schlappen Salat zu Mittag und verließ exakt um vier Uhr ihren penibel aufgeräumten Schreibtisch. Sie war eine hübsche junge Frau mit blonden, langen Haaren und einem üppigen, kurvenreichen Körper, der, neben ihrem Namen, eine skandinavische Herkunft vermuten ließ.
Von links warf ihr Felix Musch verstohlen bewundernde Blicke zu. Der hagere junge Mann mit der großen Nase und dem fliehenden Kinn war der Inbegriff eines Nerd. Seine blonden, dünnen Haare waren meist fettig zurückgekämmt und legten Geheimratsecken frei, die Albert Einstein zur Ehre gereicht hätten. Emma hatte sich schon oft gefragt, ob sie jemals zuvor einen so unattraktiven Menschen gesehen hatte. Im Haus machte man seine Witze über den armen Kerl, der niemals über Privates sprach. „Rumpelstilzchen“ und Felix „Muschi“ waren nur eine schmeichelhafte Auswahl der vielen verletzenden Namen, die kursierten. Eine Freundin schien er nicht zu haben. Er war immer verfügbar, rückte zu jeder Tages- und Nachtzeit an, wenn es nötig war, und trank Unmengen an schwarzem, starkem Kaffee. Das war das Einzige, was ihn mit seiner Vorgesetzten Roth verband. Doch etwas konnte Felix Musch besser als jeder andere: Er war ein Genie am Computer, konnte sämtliche Netzwerke hacken und jedes beliebige Passwort knacken. Somit war er für ihr Team unverzichtbar. Emma lächelte ihm aufmunternd zu, doch Musch verzog keine Miene. Er war kein Freund von Gefühlen und hielt Empathie und Nächstenliebe für reine Störfaktoren in seiner digitalen Traumwelt.
Mit einem geschäftigen „Guten Morgen, alle miteinander“ setzte sich Karl Rotten rechts neben seine verkaterte Chefin und vervollständigte das Team. Eigentlich war er Abteilungsinspektor mit der Ambition, noch weit aufzusteigen, aber Emma bezeichnete ihn stets als ihren Assistenten. Das trug wenig dazu bei, ihr ohnehin kompliziertes Verhältnis zu verbessern. Karl und Emma kannten sich seit Jugendjahren, hatten gemeinsam die Schulbank gedrückt und schließlich dieselbe Karriere eingeschlagen. Karl war ehrgeizig und arbeitete zielstrebig auf einen hohen Posten hin, während Emma jeden Abend ausging, zu viel trank und regelmäßig die Polizeischule schwänzte. Trotzdem erzielte sie immer hervorragende Leistungen, während Karl sich abmühte und wochenlang auf Prüfungen lernte. Umsonst! Irgendwann hatte Emma ihren Weggefährten an Dienstgraden überholt und war zu seiner Vorgesetzten aufgestiegen. Das hatte Karl Rotten nie verwunden. All sein Hecheln und Schleimen, die schicken Designeranzüge, die er jeden Tag im Büro trug, und seine Disziplin hatten ihm nichts gebracht. Er war überholt worden – von einer Frau! Noch dazu von einer, die die Sozis wählte, filterlose Zigaretten rauchte, unmäßig trank und, wie Rotten vermutete, wechselnde Sexualkontakte hatte. Das Leben war ungerecht. Umso mehr genoss er es, wenn Oberst Tomschak Emma zurechtwies und ermahnte. Und das geschah oft. Sie benahm sich schlecht, kleidete sich unpassend und wandte mitunter unangebrachte Methoden bei Ermittlungen an. Das verschaffte ihr einige Feinde. Es gab genügend Neider auf der Dienststelle, die jeden ihrer Fehltritte unverzüglich meldeten. Karl Rotten gehörte dazu.
Die Tür zum Konferenzraum öffnete sich und Heiko Tomschak wälzte sich in den Raum. Sein massiger Körper konnte locker mit dem eines Bud Spencer konkurrieren, während seine Gesichtsform und die Kopfbeharrung eher an Michail Gorbatschow erinnerten. Seine Nase, stets angeschwollen und rot, war in die Mitte einer feisten Visage platziert und von großporiger, ungepflegter Haut bedeckt. Er hätte besser als Darsteller in eine Geisterbahn im Prater gepasst als an den Kopf des schicken, ovalen Konferenztisches, an den er sich jetzt mit einem schweren Seufzer setzte. Doch Tomschak entstammte einer alteingesessenen Wiener Unternehmerfamilie, die sich vor allem durch zwei Dinge auszeichnete: jede Menge schlechten Geschmack und viel Geld. Nachdem er an einer angesehenen österreichischen Privatschule maturiert hatte und sich an einer ebenso privaten Uni durch alle Prüfungen in Jus gemogelt hatte, war er in Windeseile im Polizeikorps aufgestiegen und auf dem Chefsessel gelandet. Und von dort war er nicht mehr wegzubekommen. Dafür sorgte schon seine schmale Frau Gunilla, die einiges zu melden hatte. Emma hatte immer vermutet, dass Tomschak seine hübsche Gattin irgendwo im Osten eingekauft hatte, anders konnte sie sich nicht erklären, wie ein so charakterloser alter Fettsack eine so adrette Braut abstauben hatte können. Tatsächlich war die Dame mit dem altmodischen Namen aber ebenfalls eine „Eingeborene“, deren Familie seit Jahrhunderten in der Wiener Politikszene ihr Unwesen trieb. Und eben jene Gunilla Tomschak von Steigenberg stöckelte jetzt in einem hellrosa Chanel-Kostüm in den Besprechungssaal, warf einen gequälten Blick in die Runde, der eine missbilligende Note annahm, als er Emma streifte, und ließ sich dann lautlos neben ihrem korpulenten Gatten nieder.
„Was hat dieser adlige Hungerhaken hier zu suchen?“, flüsterte Malin ihrer Chefin zu, die nur verwundert den Kopf schüttelte. Einzig an Rottens dämlichem Grinsen konnte man erkennen, dass er bereits eingeweiht war.
Während Tomschaks Sekretärin geschmacklosen Filterkaffee für alle und Weißen Tee für die Chefgattin servierte, trafen die letzten beiden Teilnehmer ein: Dr. Jürgen Fred, der forensische Psychologe, der Emmas Abteilung bei schweren Fällen zur Seite gestellt wurde, und Dr. Alf Heine, der deutsche Gerichtsmediziner. Emma konnte sich keinen Reim darauf machen, warum diese beiden Herren zum Treffen berufen worden waren. Was war hier los?
Tomschak räusperte sich laut, hustete kurz und hohl und setzte dann zu einem seiner gefürchteten Monologe an. Nachdem seine Sekretärin auf ein Zeichen hin das Diktiergerät eingeschaltet hatte, begann er zuerst die Formalien herunterzuspulen: „Außerordentliches Treffen der Abteilung II am Montag, den 18. August 2014, um 9 : 30 Uhr. Anwesend sind … “, brabbelte er weiter, während Emma gegen eine Müdigkeit ankämpfte, die sie immer wieder übermannen wollte. Sie trank einen Schluck Kaffee und verzog angewidert den Mund. Die Verbreitung von italienischen Espressomaschinen war an ihrem Chef anscheinend spurlos vorbeigegangen. So spießig und schal wie er selbst war auch der Kaffee, den er offerierte. Inzwischen hatte die farblose Schreibkraft alle langweiligen Details dieser Unterredung aufgenommen und Tomschak setzte ein ernstes Gesicht auf.
„Ich weiß, dass Ihr Team“, dabei blickte er Rotten und dann erst Emma an, „derzeit an einem äußerst heiklen Fall arbeitet. Gibt es Neuigkeiten in der Handkiller-Sache?“
Rotten wollte gerade ansetzen, die neuesten Ermittlungsentwicklungen eifrig darzulegen, aber Emma unterbrach ihn barsch: „Leider keine wirklichen Ergebnisse bisher“, erläuterte sie knapp und stach mit einem Seitenblick auf Rotten ein. „Unser Täter hat inzwischen offensichtlich drei männlichen Opfern die Hände abgetrennt und diese an öffentlichen Plätzen abgelegt. Wir haben die Vermisstenanzeigen der letzten Wochen überprüft und festgestellt, dass drei Männer, zu denen die Hände passen könnten, als abgängig gemeldet wurden: ein englischer Student, der in einem Hostel am Naschmarkt registriert war, ein Deutscher, für eine Wiener Firma tätig, und ein Einheimischer, der in der Verwaltung des Bäderamtes arbeitete.“ Sie seufzte anhand der mageren Faktenlage.
Die Taten hatten die ganze Stadt erschüttert und die Medien hatten sich auf die sogenannten „Handkiller-Morde“ gestürzt wie Geier auf verwesendes Aas. Die Boulevardzeitungen hörten nicht auf, irrsinnige Thesen und Vermutungen zum mysteriösen Mister Manslaughter zu verbreiten. Tomschak hatte alle Hände voll damit zu tun, die Journalisten zu vertrösten, die inzwischen eine Standleitung zu seinem Büro eingerichtet zu haben schienen.
Deshalb lief er nach Emmas Ausführungen rot an und grunzte in die Runde: „Die Presse sitzt mir im Nacken. Lange kann ich sie nicht mehr hinhalten. Spätestens Anfang nächster Woche muss ich eine Pressekonferenz abhalten und Details bekannt geben. Strengt euch also an. Konnten irgendwelche Spuren an den Fundorten der Leichenteile entdeckt werden? Irgendwelche Hinweise auf die Tatorte? Was habt ihr eigentlich in den letzten Wochen getan?“
Rotten streckte gewichtig den Rücken durch, legte seinen Kopf schief und versuchte den Chef zu beruhigen: „Ich habe einige heiße Spuren, Chef. Ein Haar konnte von einer abgetrennten Hand separiert werden. Vielleicht ist das unser Ticket zum Täter!“ Überlegen schaute er in die Runde.
„Du hast gar nichts!“, schnauzte ihn Emma an und riss das Ruder wieder an sich. Das war ihr Fall und sie würde sicher nicht zulassen, dass ihn ein anzugtragender Abteilungsinspektor mit Profilneurose als seine persönliche Karriereleiter missbrauchte. „Einen Scheißdreck haben wir. Die Hände wurden unordentlich abgetrennt, geradezu dilettantisch. Das Haar, das mein werter Assistent erwähnte, muss nicht zwingend vom Täter stammen. Und wenn, ist das auch schon egal, weil wir seine DNA in keiner Datenbank gefunden haben. Zudem gibt es keine Zeugen und die mutmaßlichen Opfer haben augenscheinlich nichts miteinander zu tun.“
„Und was gedenken Sie zu tun?“
„Momentan sind wir wie festgefahren. Aber ich denke, wir müssen uns noch mehr auf die drei Abgängigen konzentrieren. Irgendwie hängen die zusammen.“ Sie machte eine kurze Pause. „Ich denke, nächste Woche können wir schon etwas mehr sagen“, schob sie beruhigend hinterher.
Tomschak atmete schwer und war noch röter angelaufen. Gunilla tätschelte beruhigend die fette Pranke ihres Ehemannes und strich die fleischigen, behaarten Arme entlang. Es wirkte. Tomschak schien sich wieder zu fassen, denn er räusperte sich abermals, strich sich durch das schüttere Haar und fuhr fort: „Ich weiß, dass der Handkiller-Fall alle Kapazitäten Ihrer Abteilung in Anspruch nimmt. Aber ich werde in den kommenden Tagen Ihre Kräfte für einen weiteren Fall benötigen, der diesem gleichgestellt ist.“
Emma spitzte die Ohren. Was konnte so wichtig sein, dass es mit einem Psychopathen wie dem Handkiller konkurrieren konnte? „Die Ottakringer Kollegen haben sich heute Früh gemeldet. Am Brunnenmarkt ist am Samstagvormittag ein kleines Mädchen spurlos verschwunden. Wenn Kinder abhandenkommen, ist es immer schlimm, aber dieser Fall hat eine besondere Brisanz: Die Mutter der kleinen Marie, Carla Wolf, ist eine stadtbekannte Lokalpolitikerin und sehr gute Freundin unserer Familie. Sie hat sich bereits an die Presse gewandt und wir erwarten die erste Berichterstattung heute in den Abendblättern. Wir stehen also unter einem enormen Druck, diesen Fall schnell und sauber zu lösen. Roth“, er wandte sich Emma zu, „da Sie im vergangenen Jahr diese Geschichte mit den entführten Zwillingen recht souverän gelöst haben, möchte ich Ihrem Team den Entführungsfall Marie Wolf übertragen. Das bedeutet Doppelbelastung – Überstunden. Sie bekommen zwei Polizisten von der Streife als Unterstützung zur Verfügung gestellt und einen Praktikanten von der Polizeischule als Recherche- und Telefonkraft. Außerdem sollen Dr. Heine und Dr. Fred auf Stand-by stehen, falls wir ihre professionelle Meinung benötigen.“ Er blickte auf den Gerichtsmediziner und den braun gebrannten Psychologen. Dann schob er eine dünne Mappe über den Tisch zu Emma: „Hier ist die Akte!“
Seine dürre Gattin schnüffelte und hielt sich ein Spitzentaschentuch an ihr gepudertes Näschen. Deshalb ist die Schlange also mit hierhergekommen!, dachte Emma. Damit wir das Kind ihrer Parteifreundin wiederfinden. Sie ärgerte sich, dass Tomschak sie vor vollendete Tatsachen gestellt hatte, anstatt sie und ihr Team um Unterstützung zu bitten. Aber er war und blieb ein Arsch. Die schnelle Aufklärung des publicityträchtigen Falles von einem entführten Zwillingspärchen im letzten Sommer hatte Emma in alle Medien gebracht. Mit ihr als Ermittlungsleiterin konnte Tomschak jetzt der Öffentlichkeit zeigen, wie ernst er die Entführung des Mädchens nahm. Emma hatte gar keine Wahl. Sie konnte den Fall nicht ablehnen. Die Sitzung schien beendet.
Tomschak hatte sich bereits aus seinem Chefsessel erhoben, als Malin plötzlich fragte: „Wie wurde das kleine Mädchen denn entführt?“
Im Sitzungsraum wurde es augenblicklich wieder still. Gunilla verschränkte ihre perfekt manikürten Finger ineinander und setzte ein tragisches Gesicht auf. Dann ergriff sie das Wort: „Die Entführer haben einen ganz infamen Trick angewendet, um die kleine Marie ihrer Mutter zu entreißen. Im Trubel des Brunnenmarktes haben sie einfach das Kind an Carlas Hand ausgetauscht. Als meine liebe Freundin sich zu ihrer Tochter umdrehte, hatte sie ein völlig fremdes Kind an der Hand. Eine Zigeunerin, die sie auch noch diabolisch angegrinst hat und dann weggerannt ist.“ Gunilla sog theatralisch die Luft durch die Nase hoch und verzog ihr Gesicht zu einer Maske des Entsetzens.
„Heute heißt das Sinti und Roma“, warf Malin ein und fing sich dafür einen strafenden Blick des Chefs ein.
Im Raum schwebte ein Murmeln: „Ungewöhnliche Methode … “, „Riskante Entführung … “, „Die arme Kleine … “ Daher bemerkte zunächst niemand, dass Emma mit einem Mal jeder Tropfen Blut aus dem Kopf wich. Ihr Herz schien für einen kleinen Moment auszusetzen. Dann fiel sie in Ohnmacht.
****
Das Erste, was Emma wahrnahm, war ein Summen über ihrem Kopf, das ihr in den Ohren dröhnte. Langsam setzte sie weitere Sinne ein, öffnete mühsam die Augen und sah verschwommen verschiedene Köpfe, die sich in hektischer Bewegung befanden und aus deren Mündern anscheinend dieses Summen drang. Erneut schloss sie die Augen für einen kurzen Moment. Was war geschehen?
Plötzlich schwappte die Erinnerung über sie wie eine hohe Welle. Das Mädchen – die Entführung. Tomschak hatte ihr den Fall zugeteilt, die Erinnerung war mit einem Schlag schmerzlich wieder da gewesen, hatte sie wie eine Ohrfeige getroffen – und dann war sie einfach in Ohnmacht gefallen, hatte ihr ganzes System heruntergefahren, um diesen unerträglichen Schmerz nicht mehr fühlen zu müssen, den sie in jahrelanger mühsamer Arbeit vergraben hatte, irgendwo in den Tiefen ihres Bewusstseins.
„Wahrscheinlich hat sie gestern zu lange gefeiert und hat noch Restalkohol im Blut“, hörte sie Rotten gehässig sagen. „Sicherlich die Hitze“, fuhr Malin ihn daraufhin an.
„Oder sie ist schwanger. Gunilla, damals bist du doch auch immer in Ohnmacht gefallen, oder? Das können wir jetzt gar nicht gebrauchen! Frau Roth, können Sie mich hören?“ Das war Tomschaks Stimme, der jetzt mit seinen Wurstfingern an ihren Schultern rüttelte. Sie schüttelte den Kopf, hob die Lider an und blickte in das fleischige Antlitz ihres Vorgesetzten. Sah er am Ende ernsthaft besorgt aus? Besorgt um sie als Person oder nur um den Ausfall einer Arbeitskraft? Emma tippte auf Letzteres und versuchte sich aufzusetzen. Ihr war immer noch schwindlig und ihr Hinterkopf schmerzte von dem Aufprall, aber es ging schon etwas besser.
„Weder besoffen, noch schwanger“, brachte sie hervor. „Die Hitze!“ Und setzte, um alle weiteren männlichen Fragen im Vorhinein abzuwehren, hinzu: „Und starke Menstruation!“ Mit diesen Worten erhob sie sich und ergriff dankbar Malins hingestreckten Arm. Sie musste hier raus, bevor einer merkte, was wirklich mit ihr los war. Sie stand unter Schock, das war die korrekte Bezeichnung. Und gegen diesen Zustand brauchte sie als Allererstes einen starken Espresso und einen Ortswechsel. Mit einem Flehen im Blick sah sie Malin an, die sie sicher aus dem Polizeigebäude lotste.
Die Hitze draußen auf der Straße traf sie wie ein Prügel am Kopf. Es war noch nicht einmal Mittag und schon brannte die Sonne wie ein heißes Eisen auf der Haut.
„Zu einem Kaffeehaus“, murmelte sie Malin zu und ließ sich einfach führen. Das Café Reibach war in einem wunderschönen Jugendstilbau untergebracht, das Interieur brach jedoch völlig mit der eleganten Außenfassade. In verrauchten, dunklen Nischen saßen jene, die um zehn Uhr morgens ihr erstes Bier tranken, oder die, die noch schnell den letzten Schnaps vor dem Zubettgehen hinunterschütteten. Genau der richtige Ort für ihren momentanen Zustand, schoss es Emma durch den Kopf. Sie setzten sich an einen abgelegenen Nischenplatz und blickten eine Weile stumm aus dem Fenster. Die Hitze waberte in den Gassen und am Himmel braute sich ein Unwetter zusammen, das sich wohl am frühen Nachmittag über der Stadt entladen würde. Das Kaffeehaus war schlecht klimatisiert und die erhitzten und übel gelaunten Touristen, die Zuflucht vor der Sonne suchten, schimpften vor sich hin. Die Ober hatten ihre arroganten Gesichter aufgesetzt, weil Fremde das von ihnen erwarteten. Kitschige Klaviermusik drang aus den kleinen Lautsprechern, die in den Ecken des viereckigen Raumes hingen. Die drögen Melodien passten so gar nicht zu der gereizten Kaffeehausstimmung.
Emma seufzte. Sie wollte untertauchen in einer Masse von ichbezogenen Unbekannten, denen es völlig egal war, warum sie gerade nicht nur das Bewusstsein, sondern auch ihr Gesicht verloren hatte. Vor Rotten, dem arroganten Arschloch. Vor Tomschak und seiner spitznasigen Frau. Bei der Polizei musste man hart sein. Schwächen wurden nicht gerne gesehen. Und Emma hatte – wenn auch nur für einen winzigen Augenblick – die Kontrolle verloren. Das nagte an ihr.
Malin hatte unaufgefordert eine Runde Mokka und Grappa bestellt, die der alte, graue Ober nun vor ihnen abstellte. Emma griff sofort zum Hochprozentigen und spürte, wie mit dem Schnaps eine beruhigende Wärme ihre Kehle hinunterrann und sich im Bauch ausbreitete.
Sie schloss die Augen und dachte nach: Konnte sie Malin vertrauen? Die Antwort lautete eindeutig: Ja. Ihre Sekretärin hatte ihr schon mehr als einmal die Stange gehalten und sie aus prekären Situationen gerettet. Sie war ihr persönlicher Fels in der Brandung.
Emma verschlang nervös ihre Finger ineinander und blickte Malin ernst in die Augen. „Was ich dir jetzt erzähle, habe ich außerhalb meiner Familie noch niemandem erzählt, und ich bitte dich um Diskretion, bis ich weiß, wie ich damit in der Arbeit umgehen möchte.“
„Du weißt, dass du dich auf mich verlassen kannst. Musch ist zu keinem zwischenmenschlichen Gespräch in der Lage und Rotten und Tomschak sind Riesenarschlöcher. Die erfahren sicher nichts von mir!“
Emma atmete tief durch und winkte den Ober für eine weitere Runde heran. Nachdem wieder volle Tassen und Gläser vor ihnen standen, begann sie zu erzählen: „Ich hatte gerade die Matura hinter mir und angefangen, Medizin zu studieren. Meine Eltern waren furchtbar stolz auf mich. Deshalb luden sie mich und meine kleine Schwester Viola auf eine Frankreichreise ein. Viola war erst sieben Jahre alt, ein Nachzügler und das verwöhnte Nesthäkchen der Familie.“
Emmas Augen begannen bei der Erinnerung zu glänzen. Viola war ein lustiges, hübsches Mädchen gewesen. Bei dem Bild ihrer Schwester zog sich ihr Magen zusammen. Sie stieß saure Flüssigkeit auf und fürchtete, erneut umzukippen. Aber sie riss sich zusammen und fuhr fort: „Zwei Tage vor der Heimreise besuchten wir den berühmten Fischmarkt in Marseille. Es war ein Samstag im Hochsommer und es war die Hölle los. Ich quetschte mich mit Viola an der Hand durch die Menschenmenge, während meine Eltern ein Stück hinter uns spazierten. In diesem Gedrängel spürte ich plötzlich einen Ruck an meiner Hand, stark genug, dass ich mich zu Viola drehte. Sie war weg! An meiner Hand hielt ich ein kleines dunkelhäutiges Mädchen, das mich frech angrinste und dann weglief.“
Emma blickte versteinert ihre Hand an. Es war ihr, als könnte sie immer noch den Händedruck ihrer Schwester spüren. Ein Schluchzen stieg die Kehle hoch und trug all die verdrängten Gefühle mit sich. Sie nahm eine Bewegung wahr, sah, dass Malin sich näherte, und wich ihrem Arm aus, der sich tröstend um sie legen wollte.
„Ist sie jemals wieder aufgetaucht?“, fragte Malin vorsichtig, während sie wieder zurückwich, weil sie wusste, dass ihre Chefin selbst in emotionalen Momenten stets die hierarchischen Grenzen aufrechterhielt.
Emma schüttelte resigniert den Kopf. „Nein, bis heute haben wir kein Lebenszeichen von ihr erhalten. Das ist jetzt 24 Jahre her. Ich war damals 18 Jahre alt. Viola war gerade mal sieben.
Sie wäre im Herbst in die Schule gekommen. Genau wie … “ Emma schloss die Augen.
„ … genau wie Marie“, beendete Malin den Satz. „Wir haben sofort die Gendarmerie geholt, aber Viola blieb verschwunden, genauso wie das fremde Mädchen. Später erfuhren wir, dass sie nur ein Fall in einer langen Kette von ähnlichen Entführungen war, die damals aus der Region gemeldet wurden. Meine Eltern reisten jedes Jahr aufs Neue in die Stadt – erfolglos. Irgendwann hat meine Mutter aufgegeben. Sie ist Ende der Neunzigerjahre an Krebs gestorben. Mein Vater sitzt seit Jahren mit Demenz in einem Pflegeheim. Die Geschichte hat unsere Familie zerstört. Und ich – ich habe mein Medizinstudium geschmissen und bin zur Polizei gegangen. Das erschien mir als das einzig Richtige!“
Sie verfielen wieder in Schweigen und jede hing ihren eigenen, verwirrenden Gedanken nach. War es möglich, dass die Fälle zusammenhingen? Warum hatte der Täter sich dann zwanzig Jahre Zeit gelassen, um wieder zuzuschlagen?
Nach einer Weile richtete Malin sich auf. „Wir müssen zurück, sonst werden zu viele Fragen gestellt. Bist du so weit?“ Emma nickte. Es würde gehen.
Malin trank den letzten Schluck Espresso, winkte den Kellner für die Rechnung herbei und wandte sich wieder an Emma: „Und jetzt? Willst du den Fall abgeben? Wird das zu persönlich?“
Emma schüttelte entschieden den Kopf und erwiderte: „Sicherlich nicht! Jetzt habe ich vielleicht die Chance, auf die ich über zwanzig Jahre lang gewartet habe.“
****
Emma und Malin hatten sich darauf geeinigt, in ihrer Abteilung erst mal nichts von der persönlichen Verbindung zu erzählen, die Majorin Roth zu diesem Fall hatte. Höchstens Musch mussten sie einweihen, da er es früher oder später bei seinen Onlinerecherchen sowieso herausfinden würde. Da Rotten und Emma sich zu der Zeit, als Viola entführt worden war, bereits gekannt hatten, war es aber ohnehin nicht auszuschließen, dass auch er bald die richtigen Schlüsse ziehen würde. Nachdem sie in ihr Büro zurückgekehrt waren, rief Emma sofort alle Mitarbeiter zusammen und verteilte die Aufgaben, die für den nächsten Tag anstanden.
Rotten bedachte sie mit einem spöttischen Blick, als er in den Konferenzraum geschritten kam. „Weichei“, wollte er ihr damit sagen, „du bist hier völlig fehl am Platz! Erträgst nicht einmal die Arbeitsbelastung, die jeder andere hier locker stemmt! Von wegen Menstruation!“
Aber Emma wies ihn mit erhobenem Finger sogleich in seine Schranken: „Spar dir dein dämliches Grinsen, Rotten! Sogar horizontal und ohnmächtig auf dem Fußboden liegend schaffe ich noch eine bessere Aufklärungsrate als du!“
Worauf Rotten noch dümmlicher grinste und sofort den Ball zurückschmetterte: „Mit dem Horizontalen kennst du dich ja gut aus, Roth!“
Musch zuckte kurz mit den Mundwinkeln, aber Malin rettete die Situation, indem sie die Neuzugänge, die zwei Streifenpolizisten und den Praktikanten, auf ihre Plätze wies und die Besprechung für eröffnet erklärte.
Emma stellte sich an den Kopf des Tisches und fasste die Fakten zusammen. Da bereits die Presse informiert war und die Entführung genau 48 Stunden zurücklag, mussten sie Gas geben. „Rotten, du gehst mit den zwei netten Kollegen von der Streife zum Brunnenmarkt und grast die Gegend dort ab. Befragt jeden Markthändler. Klappert die Häuser rund um den Tatort ab, vielleicht hat ja gerade jemand zum Fenster herausgeschaut, als die Entführung passierte. Versucht Touristen zu finden, die am letzten Samstag den Markt besichtigt haben. Der Brunnenmarkt ist schließlich eine Attraktion und am Wochenende gut besucht. Von denen bekommen wir am ehesten frische Tatortfotos. Ruft also in den Hotels und Hostels an und lasst die Gäste befragen. Irgendjemand muss etwas gesehen haben.“
Karl Rotten konnte seine Wut nicht verbergen. Seine Augen verengten sich, als sie Emma taxierten. Ärgerlich zischte er ihr zu: „Für solche Laufarbeiten haben wir die Nieten von der Streife hier. Warum soll ich da meine Zeit verschwenden?“
Doch Emma warf ihm nur ein fröhliches „Viel Erfolg“ an den Kopf und wandte sich dann Computer-Ass Musch zu: „Du hockst dich an deine Tastatur und klimperst mir eine Sinfonie aus Fakten zusammen: Such online nach analogen Fällen in der letzten Zeit in Österreich, aber auch europaweit. Geh in die Vergangenheit zurück. In den Achtzigerjahren gab es eine ähnliche Entführungswelle in Südfrankreich. Stell mir dazu alles Relevante zusammen. Außerdem brauche ich Profile der Familienmitglieder des entführten Mädchens. Der Praktikant kann dir dabei helfen.“ Dabei nickte sie dem schüchternen jungen Mann zu, der neben Musch saß und nervös auf seinem Bleistift herumkaute. „Ich befrage solange die Eltern des Kindes. Malin ist unser Knotenpunkt, wo alle Informationen zusammenlaufen. Alles klar?“ Emma blickte in die Runde. „Morgen treffen wir uns um 17 Uhr wieder hier. Viel Erfolg!“ Sie drehte sich zur Tür.
Rotten stand auf und stützte beide Hände auf den Tisch: „Und was ist mit dem Handkiller? Tomschak will auch hier Ergebnisse. Keine Anweisungen zu diesem Fall, Frau Chefin?“
Roth war schon fast zur Tür hinaus, drehte aber nochmals um und sagte scharf: „Tomschak kann nicht Unmögliches von uns erwarten. Wir haben nur begrenzte Kapazitäten. Wir halten die Augen offen und bleiben dran. Aber ein verschwundenes Kind hat erst mal Priorität.“
Damit schlug sie die Tür hinter sich zu und ließ einen kochenden Rotten zurück.
SEIT 60 STUNDEN VERMISST
Als Emma an diesem Abend die Wohnungstür aufsperrte, fühlte sie sich, als ob eine schwere Last auf ihr ruhe. Es war spät geworden und sie hatte als Letzte das Büro verlassen. Ihr Zuhause war leer. Der Banker war natürlich gegangen, nicht ohne vorher die Küche aufzuräumen und eine Botschaft mit seiner Handynummer und der Bitte um einen Anruf zu hinterlassen. Unterschrieben hatte er mit Stephan. Stephan, dachte Emma, der hat sich nicht nach einem Stephan angefühlt. Das war ein Gerald, höchstens ein Herbert, aber nie im Leben ein Stephan! Entschlossen zerknüllte sie den kleinen Zettel und kickte ihn zielsicher in den Mistkübel. Dann ließ sie heißes Wasser in die Badewanne laufen, schüttete etwas Lavendelessenz hinein und entkorkte eine Flasche Amarone. Sie fühlte sich völlig leer. Ausgebrannt. Nach dem Bad würde sie direkt ins Bett fallen, hoffentlich vom schweren Rotwein ausreichend schläfrig. Sie schlüpfte aus ihrer Jeans und dem Batikhemd. Das Badezimmer war eingerahmt von großen Spiegeln, die ihr nacktes Bild dutzendfach durch den Raum warfen. Sie ließ die Augen an ihrem Körper entlanggleiten. Die Jahre hatten eindeutig an ihr genagt. Obwohl sie immer noch eine gute Figur und eine schlanke Taille hatte, gruben sich an den Schenkel kleine Löcher ins Fleisch. Ihr Bauch war zwar fest und flach, doch die Brustwarzen senkten sich bereits in Richtung Bauchnabel. Sie öffnete ihren Pferdeschwanz, sodass die roten Locken über die schmalen Schultern fielen und sich über den kleinen Brüsten kräuselten.
Wie Viola jetzt wohl aussehen würde?
Die beiden Schwestern waren immer grundverschieden gewesen. Die eine blond mit lachenden blauen Augen, einem Stupsnäschen und Grübchen, die andere rothaarig, mit stechenden grünen Augen, einer markanten Nase und hohen Wangenknochen. Viola hatte einem Engel geglichen, sie mehr einer attraktiven Hexe.
Emma seufzte und tauchte vorsichtig einen Zeh in das Badewasser. Dann strich sie sich eine Locke aus dem Gesicht und stieg in die Wanne. Doch die gewünschte Entspannung stellte sich nicht ein. Kaum lag sie im heißen Wasser, stieg ihr der Lavendelduft in die Nase und eine unaufhaltsame Gedankenkette spann sich fort. Lavendel – die farbenprächtigen Felder, an denen sie im Lubéron vorbeigefahren waren. Viola hatte damals kleine Sträußchen gebunden, die sie ihren Freundinnen im Kindergarten mitbringen wollte. Sie waren so glücklich gewesen. So glücklich. Und dann kam der schreckliche Tag in Marseille. Es war heiß auf dem Fischmarkt. Genauso wie es gestern am Brunnenmarkt heiß gewesen war. Sie hatte ihr neues kurzes Blumenkleid an. Das erste Mal in ihrem Leben fühlte sie sich richtig erwachsen. Jeden Abend saß sie mit den Eltern an irgendeinem Strand oder in einem tollen Restaurant und genoss ihr Leben einfach nur. Auch die Blicke der südländischen Männer, die das junge Mädchen mit den feuerroten Locken und dem kantigen Gesicht auf sich zog! Damals lebte sie nach dem Prinzip „Nach mir die Sintflut“. Und plötzlich schwappte die Sintflut über ihrer Familie und sie waren hilflos darin verloren.
Emma tauchte unter. Das Badewasser schlug über ihrem Kopf zusammen. Sie bewegte die Finger und spürte das Kind an ihrer Hand, das dort nicht hingehörte. Hörte ihre eigenen Schreie, als sie erkannte, dass die Schwester nicht mehr da war, und sah die erschrockenen Gesichter ihrer Eltern vor sich, als diese den Ernst der Lage erkannt hatten – diese Fratzen der reinen Angst.
In den Jahren danach hatten sie sich an eine vage Hoffnung geklammert: Vielleicht lebt sie noch, vielleicht wird sie sich eines Tages melden, vielleicht, vielleicht, vielleicht. Und dann, mit den Jahren ohne eine Nachricht, das Sterben der Hoffnung, die Resignation im leeren Blick ihrer Mutter. Und mit dem Eingestehen der Niederlage, dem Bewusstsein, dass der Kampf verloren war und ihr kleines Mädchen nie mehr wiederkommen würde, hatte das Sterben eingesetzt. Erst das körperliche der Mutter und dann das geistige des Vaters. Und sie selbst? Sie hatte ihr ganzes Leben umgeworfen und infrage gestellt, bis sie zur Polizei gegangen war. Sie war totunglücklich gewesen. Wenn sie ehrlich war, musste sie sich eingestehen, dass sie wegen Violas Schicksal niemals eigene Kinder bekommen hatte. Und jetzt war es zu spät dafür.
Entfernt hörte sie das Telefon leise verschwommen klingeln – nicht jetzt! Jetzt gab es nichts außer dem Rauschen um sie herum. Viola – Viola! Die letzten Jahre hatte sie immer weniger an ihre Schwester gedacht. Es gab Tage, an denen der Name ihre Gedanken nicht einmal mehr strich. Und jetzt war er wieder da – mit voller Wucht. Viola – Marie!
Mit einem lauten Prusten stob Emma aus dem Wasser empor und rieb sich die brennenden Augen. Sie wusste, was sie jetzt zu tun hatte. Sie nahm einen tiefen Schluck Amarone und stieg dann aus der Wanne. In ihren flauschigen Bademantel eingehüllt ging sie an ein Bücherregal und zog einen unscheinbaren Karton heraus. Er war verstaubt und seit Jahren nicht mehr geöffnet worden. Emma setzte sie sich an den Küchentisch, zündete eine Gitanes an und starrte eine Ewigkeit auf die Kiste. In ihr hatte sie alles über ihre kleine Schwester gesammelt: Zeitungsausschnitte, Zeugenaussagen, den Ausschnitt der Stadtkarte mit dem Fischmarkt, Fotos, die sie damals gemacht hatte – eine kleine Schatztruhe mit Erinnerungen.
Schmerzhaften Erinnerungen.
Entschlossen zog sie an ihrer Zigarette, dann öffnete sie sie und holte einen Schwung Notizzettel heraus – die Zeugenaussagen, die unmittelbar nach der Entführung aufgenommen worden waren. Ein Fischhändler meinte, einen Mann beobachtet zu haben, der vor der Entführung mit einem dunkelhäutigen Kind, ähnlich dem vom Fischmarkt, gesprochen hatte, eine Barfrau behauptete steif und fest, Viola kurz danach gesehen zu haben. Eine holländische Familie hatte eine verdächtige Gruppe Halbwüchsiger auf Mopeds erspäht – alles Spuren, die ins Leere liefen. Emma durchsuchte weiter den Karton. Sie fand eine Fotoreihe, Aufnahmen vom Fischmarkt, entnommen verschiedenen Touristenkameras nach der Entführung. Doch auch hier: keine Hinweise. Schließlich stieß sie auf Briefe, die andere Betroffene damals ihrer Mutter geschrieben hatten: eine französische Mutter, deren Kind in einem Kino entführt worden war. Eine belgische Familie, deren Sohn beim Stadtspaziergang durch Aix-en-Provence abhandengekommen war. Dokumente unbeschreiblicher Verzweiflung. Auf einem karierten Blatt hatte Emma damals eine Zeitleiste der Entführungen skizziert. Zwei Dutzend solcher Fälle hatte es in den Achtzigerjahren in Südfrankreich gegeben. Doch dann schien die Entführungsreihe plötzlich vorbei zu sein. Warum? Ein kranker Serienmörder, der es auf Kinder abgesehen hatte und auf einmal starb? Ein Krimineller, der die letzten zwanzig Jahre wegen irgendetwas anderem in Haft gesessen war und jetzt, wieder auf freiem Fuß, munter weiter Kinder verschleppte? Fragen über Fragen! Auf die sie heute keine Antwort mehr finden würde. Sie nahm die angebrochene Flasche und die Gitanes mit in ihr Schlafzimmer und trank sich in einen unruhigen Schlaf.
SEIT 72 STUNDEN VERMISST
Am nächsten Morgen wachte Emma mit einem schmerzenden Kopf und schweren Gliedern auf. Verschlafen ließ sie ihre Hand unter dem dünnen Laken hervorgleiten, das in diesen heißen Tagen als Bettdecke diente, und fuhr mit den Fingerspitzen über den Fußboden neben ihrem Bett. Wo hatte sie gestern die Zigaretten liegen gelassen? Stöhnend setzte sie sich auf und ließ ihren Blick durch das schummrige Zimmer gleiten. Die dichten blauen Vorhänge schirmten das Licht des noch jungen Tages völlig ab. Es roch nach kaltem Rauch und Alkoholdunst schwebte in der Luft, von dem ihr übel wurde. Sie rieb sich die verklebten Augen und gähnte ausgiebig. Egal, wie abgeschlagen sie sich fühlte, heute hatte sie ein strammes Tagesprogramm vor sich. Eine Reihe von Befragungen stand an. Beim Gedanken an die sich sorgende, verängstigte Mutter von Marie wurde ihr noch schlechter.
Mühsam quälte sie sich aus dem Bett und schlurfte ins Bad. Sie kletterte in die Duschkabine und stellte die Temperatur auf kalt. Als das eisige Wasser ihr verquollenes Gesicht wie Tausende kleine Nadelstiche traf, schrie sie kurz auf. Sie brauste ihren ganzen Körper ab und wickelte sich zitternd in den Bademantel. Nachdem sie zwei Tassen starken Kaffee und eine blanke Scheibe Toastbrot zu sich genommen hatte, fühlte sie sich einigermaßen in der Lage, sich in die Arbeit zu stürzen. Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass es höchste Zeit war. Für halb elf hatte Malin einen Termin bei Carla Wolf gemacht. Zu Hause, in deren Villa auf der Hohen Warte. Diese schicke Gegend war Emma so fremd, als ob sie nicht zu ihrer Heimatstadt gehöre. In Anbetracht der reichen Politikerin, die sie heute treffen sollte, legte sie das Batikhemd allerdings wieder in den Wäschekorb zurück und entschied sich für eine blaue Cordbluse, die nur einen kleinen Kaffeefleck hatte, und Jeans ohne aufgewetzte Stellen und Löcher. Ein leichtes Make-up zauberte eine gesunde Frische ins Gesicht, die es dringend nötig hatte. Nachdem sie ihr blaues Notizbuch, mehrere Bleistifte, ihr iPad und zwei volle Packungen Gitanes in die übergroße Wildlederhandtasche gestopft hatte, machte sie sich auf den Weg.
Sie parkte direkt vor der riesigen Jugendstilvilla der Wolfs und blieb noch einen Augenblick sitzen, um sich alle Informationen, die sie zu Maries Mutter gesammelt hatte, ins Gedächtnis zu rufen. Carla Wolf war eine Wiener Lokalgröße. Allein ihr Elternhaus, das der reichen Unternehmerfamilie Wolf, hatte sie von klein an regelmäßig auf die Klatschseiten der Boulevardblätter gebracht. Bei jedem Event der High Society stand sie in der ersten Reihe, sie tanzte am Opernball, saß in Talkshows und lächelte auf Wohltätigkeitsveranstaltungen in die Kameras. Als rechtsgesinnte Lokalpolitikerin hatte sich die 34-Jährige jedoch nicht nur Freunde gemacht. Besonders ihre brennenden Reden gegen Abtreibung und die Homosexuellenehe hatten die promovierte Juristin einige Anhänger gekostet. Trotzdem hielten genug Wiener die toughe Karrierefrau und Mutter für geeignet, die Hauptstadt zu repräsentieren, und demnächst würde sie daher wohl bereits zum zweiten Mal in den Stadtsenat berufen werden. Nach einer neunjährigen Ehe mit einem nicht standesgemäßen Gymnasiallehrer war sie seit zwei Jahren geschieden und lebte in einer neuen Beziehung mit dem Unternehmer Curd Hofer.
Als Emma den sauber angelegten, mit kleinen, pedantisch zugeschnittenen Buchsbäumen gesäumten Kiespfad zur Eingangstür der Villa entlangging, fragte sie sich unwillkürlich, wer solch einen Luxus eigentlich zum Leben benötigte. Das Haus war von einem ausladenden, parkähnlich angelegten Garten umgeben. Völlig geschmacklose Steinstatuen bewachten die spießig bepflanzten Beete. Nichts an dieser Anlage wirkte gemütlich. Oder gar kinderfreundlich. Sie konnte keine Schaukel entdecken, keinen Sandkasten. Nicht einmal ein Roller oder etwas Spielzeug lagen herum. Auf ihr Klingeln öffnete eine Haushälterin in einer steifen, weißen Schürze, die sie wortlos in einen Salon führte, wo die Hausherrin nachdenklich an einem der Flügelfenster stand, durch die helles Licht in den großen Raum strömte.
Carla Wolf war eine attraktive Frau. Kein Gramm Fett zu viel ließ sich unter dem perfekt sitzenden Kostüm ausmachen. Trotz des Ausnahmezustandes, in dem sie sich befinden musste, hatte sie ein zurückhaltendes Make-up aufgelegt. Nur die Leere und Trauer in ihren blauen Augen verrieten den Kampf, den sie gerade auszutragen hatte. Emma ging auf sie zu, während sie vorsichtig Fuß vor Fuß setzte. Die weißen Bodenkacheln wirkten so glatt wie eine Eisbahn. Sie streckte Carla Wolf die Hand hin. Ihre kleine, manikürte Hand war kühl und trocken, der Händedruck für eine so zarte Frau erstaunlich fest und selbstbewusst. Ohne ihre Augen von der Polizistin abzuwenden, herrschte sie die Haushälterin an, sofort Kaffee und Gebäck zu servieren. Dann zeigte sie auf eine kleine Sitzecke am Fenster, wo sie sich niederließen.
Emma räusperte sich. „Frau Wolf, ich weiß, wie schwer diese Situation für Sie sein muss. Trotzdem muss ich Ihnen jetzt einige Fragen stellen, und ich bitte Sie, sich zu konzentrieren. Jedes noch so kleine Detail kann unseren Ermittlungen weiterhelfen.“
Ihr Gegenüber griff nach einer schmalen Holzschachtel, aus der sie ein Zigarillo zog, den sie sich ansteckte. Kurz darauf erfüllte ein würziger Duft den Raum.
„Ich habe den Beamten am Samstag bereits alles gesagt, was ich weiß“, erwiderte sie kurz angebunden. „Ich wollte Marie zu ihrem Vater bringen. Er hatte den Treffpunkt auf diesem grässlichen Markt vorgeschlagen. Ich hatte am Nachmittag einen wichtigen Termin im Rathaus. Natürlich bestand Peter – also mein Exmann Peter Lehmann – darauf, dass ich Marie zu ihm bringe. Es war unglaublich heiß und der Markt war übervoll, sicher nicht der geeignete Ort für ein kleines Kind. Aber Peter hat schon immer diktiert, was wir zu tun haben. Na ja, auf jeden Fall habe ich auf einmal einen Ruck an meiner Hand verspürt und dann war Marie weg und irgend so ein dreckiges Kind – ein Zigeuner – stand an ihrer Stelle neben mir.“ Carla Wolf zog nervös an ihrem Zigarillo.
„Sinti oder Roma“, verbesserte Emma sie, während sie daran dachte, dass sich Gunilla, die bekanntermaßen der gleichen Partei wie Wolf angehörte, ebenfalls derart politisch unkorrekt ausgedrückt hatte.
Die Hausherrin warf ihr einen bösen Blick zu. Anscheinend war sie es nicht gewöhnt, dass jemand widersprach. Emma hakte, ohne den visuellen Giftpfeil zu beachten, nach: „Und ist Ihnen nichts Seltsames aufgefallen? Hat Marie sich an diesem Tag irgendwie anders verhalten als sonst?“
„Marie ist ein sechsjähriges Mädchen“, erwiderte Carla Wolf gereizt. „Sie verhält sich ständig anders, durchlebt wöchentlich eine neue Phase. Sie haben wohl keine Kinder?“
Emma überging diese Spitze und fuhr routiniert mit ihrer Befragung fort: „Und auf dem Brunnenmarkt? Haben Sie dort im Vorfeld irgendetwas beobachtet? Vielleicht einen Bekannten gesehen?“
„Nein, aber das habe ich doch schon mehrmals den anderen Beamten gesagt“, presste Wolf zwischen ihren rot bemalten Lippen hervor. Dann stutzte sie: „Als wir uns durch die Menschenmenge zwängten, hat Marie zweimal auf irgendetwas hingewiesen. Aber ich war so in Eile.“ Die Politikerin dachte kurz nach. Ihre Augen wurden feucht und sie wiederholte mit zitternder Stimme leise die Worte ihrer Tochter: „Aber Mama, schau doch nur, da vorne.“
Für einen kurzen Moment zerbrach die Fassade in tausend Stücke, ein Schluchzen stieg ihre Kehle empor und sie schlug die Hände vors Gesicht. Doch dieser Moment der Schwäche war schnell vorbei. Carla Wolf war darauf konditioniert, immer zu funktionieren, also zückte sie ein Spitzentaschentuch, wischte damit über die Augen und straffte ihren Rücken.
„Hören Sie“, wandte sie sich an Emma, „ich weiß ohnehin, wer hinter der Entführung steckt. Mein Exmann. Er ist krank – seelisch. Schon in unserer Ehe hat er täglich Unmengen an Beruhigungsmitteln und Psychopharmaka in sich hineingeschüttet. Und gesoffen hat er wie ein Loch. Nach der Scheidung wurde es dann immer schlimmer. Seit meine Anwälte ihn informiert haben, dass ich das alleinige Sorgerecht beantragt habe, scheint er jeden Bezug zur Realität verloren zu haben.“
Emma zog ihr Notizbuch aus der Tasche und machte einen Vermerk. Diesen Lehmann musste sie heute genauer unter die Lupe nehmen.
„Meinen Sie, er würde so weit gehen, sein eigenes Kind zu entführen?“
Wolf nickte eifrig, sodass eine steife Haarsträhne sich verschob und die Symmetrie ihrer Frisur zerschnitt. „Peter ist kriminell. Er hätte letzten Sommer fast seinen Job verloren, weil er auf der Abschlussfahrt mit einigen Oberstufenschülern einen Joint geraucht hat. Natürlich wurden sie von einer anderen Lehrkraft erwischt und er hat eine dicke Abmahnung bekommen. So einer ist das, der Jugendliche zu Drogen verführt!“ Wolf verzog angeekelt ihr Gesicht.
Emma aber musste innerlich lächeln. Solch einen Lehrer hätte sie sich früher gewünscht.
„Abgesehen von Ihrem Exgatten – wer könnte noch infrage kommen? Ihr Beruf bringt sicher auch Feinde mit sich, oder?“ „Natürlich gibt es eine Reihe politischer Widersacher, die mir meinen Erfolg nicht gönnen. Als Person des öffentlichen Lebens ist man immer den Anfeindungen einiger Dummer ausgesetzt. Aber dass einer von denen so weit gehen würde, mein Kind zu entführen? Nein, das kann ich mir nicht vorstellen.“
Eine Verbindungstür auf der gegenüberliegenden Seite des Salons öffnete sich und ein hochgewachsener, dunkelhaariger Mann kam herein. Er ging zielstrebig auf die Sitzecke zu und streckte Emma die Hand hin.
„Curd Hofer, ich bin der Lebensgefährte von Frau Wolf. Sie sind sicher die kompetente Polizistin, von der uns unser Freund Heiko erzählt hat.“ Er lächelte.
Obwohl Emma bezweifelte, dass Tomschak auch nur ein gutes Wort über sie verloren hatte, nickte sie zustimmend und stellte sich ebenfalls vor: „Emma Roth. Ich befrage Ihre Partnerin gerade zu den Vorfällen am vergangenen Samstag, als die kleine Marie verschwand. Können Sie sich an irgendwelche außergewöhnlichen Vorkommnisse in den Wochen vor Maries Verschwinden erinnern?“
Hofer schien angestrengt zu überlegen. „Nein, eigentlich nicht. Marie ist so ein lebensfrohes, lustiges Kind. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass jemand ihr schaden möchte.“
„Hat sie sich ungewohnt verhalten? Oder haben ihre Erzieherinnen irgendeine Verhaltensveränderung erwähnt? Entführer nehmen oft schon lange vor der eigentlichen Tat Kontakt zu ihren Opfern auf, ohne dass das nächste Umfeld es bemerkt.“
Emma erinnerte sich, dass sie in den Unterlagen gelesen hatte, dass Marie den Blumenhof, eine private Montessori-Einrichtung, besuchte.
Hofer schüttelte abermals den Kopf.
„Wo waren Sie denn, als das Ganze passierte?“, fragte Emma und bemerkte, wie Hofer seine Körperhaltung veränderte. Das war typisch: Sobald Menschen befürchteten, verdächtigt zu werden, benahmen sie sich anders, selbst wenn sie unschuldig waren. Sie sendeten nervöse Zeichen aus – ein flatterndes Auge, eine zitternde Hand oder ein sich versteifender Rücken. Emma kannte diese körperlichen Reaktionen nur zu gut.
Hofer fasste sich aber schnell: „Ich war verreist. Am Freitagabend bin ich mit dem Nachtflieger in die USA zu Vertragsverhandlungen geflogen. Mein Sekretär, David Rosen, kann das bestätigen.“ Er zog einen schicken, mattsilbernen Montblanc-Kugelschreiber hervor und schrieb eine Handynummer auf die Rückseite seiner Visitenkarte. „Rufen Sie ihn an, er wird alle Fragen beantworten.“
Emma steckte die Karte ein und stand auf. Für heute hatte sie genug erfahren. Es ging bereits auf Mittag zu und um 14 Uhr hatte sie den nächsten Termin mit dem Exmann von Carla Wolf. Sie verabschiedete sich und war schon fast an der Tür, als Hofers Stimme sie zurückhielt.
„Warten Sie! Da war doch etwas. Fast hätte ich es vergessen, weil es keine weiteren Konsequenzen gab. Vor zwei Wochen ist Maries kleine Reisetasche, die immer im Kindergarten steht, plötzlich verschwunden. Darin befanden sich verschiedene Wechselkleidungsstücke, Hausschuhe, ihre Kuscheldecke sowie der Schmusehase. Anfangs nahmen wir an, die Tasche habe versehentlich ein anderes Kind mitgenommen. Aber nachdem sie letzte Woche immer noch nicht aufgetaucht ist, haben wir uns schon sehr gewundert. Meinten Sie so etwas, als Sie von außergewöhnlichen Vorkommnissen sprachen?“
„Vielleicht.“ Emma hatte bereits ihr Handy in der Hand. „Wo wurde die Tasche im Kindergarten aufbewahrt?“
„Sie hing an Maries Garderobenplatz.“
Emma winkte den beiden zu, dann verließ sie schnell das Haus. Kaum saß sie hinterm Steuer, rief sie Malin an: „Schick die Spurensicherung in den Kindergarten Blumenhof im ersten Bezirk. Die sollen an Maries Garderobenplatz alle Fingerabdrücke nehmen, die sie finden können.“
Malin schwieg am anderen Ende der Leitung für einen Moment. Dann meine sie: „Emma, du weißt schon, wie viele Personen da ihre Abdrücke hinterlassen haben könnten? Bei Jule in der Krippe hat jeder Zugang zu den Plätzen, die Kinder spielen dort … “
„Ich weiß“, unterbrach Emma sie ungeduldig, „und wenn es umsonst ist, nehme ich es auf meine Kappe. Aber momentan ist es die einzige wirkliche Spur, die wir haben. Also leg los! Ich bin gleich da!“
****
In der Zwischenzeit stand Karl Rotten vor einem Stehimbiss am Anfang des Brunnenmarktes und war schlecht gelaunt. Er hatte den zwei Streifenpolizisten schnell deutlich gemacht, wer hier das Sagen hatte, und sie mit dem Auftrag losgeschickt, alle Markthändler im näheren Umkreis zu befragen. Daraufhin war er dem Ruf seines knurrenden Magens gefolgt und hatte am Imbiss ein Croissant und einen Kaffee bestellt. Und dort wurde ihm das Ausmaß von Emma Roths Fehlverhalten erst richtig bewusst. Was bildete sich dieser rote Teufel eigentlich ein, ihn wie ihren Lakaien herumzuschicken und zu schikanieren? Immerhin war er Abteilungsinspektor der Wiener Polizei und ein enger Vertrauter von Tomschak. Warum der dieses Weibsbild noch nicht aufs Land versetzt hatte, war ihm ein großes Rätsel. Gut – sie hatte im letzten Jahr den Zwillingsfall alleine gelöst, aber das war mehr mit Glück als mit ihrem Verstand zu erklären. Sie zeichnete sich weniger durch Disziplin und Ehrgeiz aus als vielmehr durch Unstetigkeit und Schlampigkeit. Für ihn zählten dagegen klare Werte: Loyalität, Fleiß und Geradlinigkeit. Und Roth trat diese mit den Füßen: Sie blamierte ihn vor dem gesamten Team, verschlief regelmäßig, spazierte erst mittags ins Büro und war bei ihren Ermittlungen schon öfter vom rechten Weg abgekommen. Ihre Methoden ließen deutlich zu wünschen übrig. Sollte ein Polizist nicht ein Vorbild für die Gesellschaft sein? Diese kaputten Fernsehcops, die er aus den amerikanischen Vorabendserien kannte, die er oft mit seiner Freundin Birgit anschaute, entsprachen doch nicht der Realität. Er hatte seine Karriere straight aufgebaut, ohne größere Patzer oder Fehler, und trotzdem hatte sie ihn irgendwie auf der Karriereleiter überholt. Aber er hatte noch sein Ass im Ärmel: Tomschak. Mit seiner Hilfe würde er aufsteigen.
Rotten lächelte in sich hinein. Er setzte seine Kaffeetasse an die Lippen, nippte daran und prustete die braune Flüssigkeit wieder aus: Der Kaffee war eiskalt! Wie lange war er in seine Gedanken versunken gewesen? Oder war der Kaffee von Anfang an kalt gewesen? Gerade wollte er seine Wut an der dicklichen Angestellten auslassen, da klingelte sein Handy. Einer der beiden Streifenpolizisten war am Telefon. Sie hatten alle relevanten Stände im nahen Umkreis des Tatortes abgeklappert: Nichts Neues, keinem sei etwas aufgefallen. Was er denn inzwischen erreicht hätte? Rotten blickte auf seinen kalten Kaffee und das angebissene Hörnchen und schob alles von sich. Wenn er ehrlich war, hatte er nichts getan. Er überlegte kurz, ob er ein schlechtes Gewissen haben sollte, entschied sich dann aber zum Angriff und schnauzte den Polizisten an, dass es nicht seine Aufgabe sei, die Arbeit seines Vorgesetzten zu überprüfen. Dabei betonte er das Wort „Vorgesetzter“ mit Nachdruck.
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