Kitabı oku: «Lena Halberg: London '05»
Ernest Nybørg
Lena Halberg
LONDON ‘05
Thriller
Edition AV
Zum Buch
Der Mann hetzt auf den Bahnsteig – zu spät. Der Zug rollt gerade aus der Station am King's Cross. Sekunden später zerreißt eine Bombe den Triebwagen der Piccadilly-Line.
Die Journalistin Lena Halberg recherchiert für eine Story und entdeckt Fakten, die ihre ungeheure Vermutung bestätigen: London war nur einer von mehreren Anschlägen, zwischen denen eine Verbindung besteht. Ihre Nachforschungen führen sie nach Potsdam und in ein verdecktes Labor in Haifa. Hatte der israelische Geheimdienst mit der Sache zu tun?
Als Lena versucht, die Schuldigen ausfindig zu machen, landet sie in der gefürchteten Facility, einem Gefängnis der militärischen Aufklärung.
Kann sie dem brutalen Verhör rechtzeitig entkommen und den Wahnsinn aufdecken? Die Spur führt zurück nach England, wo sich wieder ein ungeheuerliches Ereignis anbahnt.
Zum Autor
Ernest Nybørg studierte Musik und Literatur. Als Drehbuchautor schrieb er viele Jahre erfolgreich für Film und Fernsehen. Mit spannungsgeladenen Thrillern, die reale Geschehnisse als Hintergrund verarbeiten, erweiterte er seine schriftstellerische Tätigkeit auf das Gebiet der Kriminalliteratur. Hier erkennt man seine Leidenschaft für menschliche Abgründe und eine sichere Hand für das Genre.
London ‘05 ist der letzte Teil der Lena Halberg Trilogie über die Verflechtungen von Politik, Geheimdiensten und den Rüstungskonzernen. Die beiden ersten Teile – Paris ‘97 und New York ‘01 – sind ebenfalls im Verlag Edition AV erschienen.
Nähere Infos unter www.ernestnyborg.com
Cip-Titelaufnahme der deutschen Bibliothek:
Nybørg Ernest; Lena Halberg: London ‘05
ISBN 978-3-86841-131-7
Die Spekulationen rund um die Anschläge auf die U-Bahn-Linien in London im Jahr 2005 liegen der Idee zu diesem Buch zugrunde. Trotzdem handelt es sich um ein rein fiktionales Werk, das keine tatsächliche geheime Verschwörung enthüllt. Sämtliche Figuren und Ereignisse sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit echten Personen oder Geschehnissen ist zufällig und nicht beabsichtigt.
1. Auflage
© 2017, Copyright by Verlag Edition AV, Lich/Hessen
© 2017, Copyright by Ernest Nybørg, Wien
Literar-Mechana Austria, Reg.: 2017/7285
Alle Rechte vorbehalten
Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es nicht gestattet, das Buch oder Teile daraus auf fotomechanischem Weg (Fotokopie, Mikrokopie usw.) zu vervielfältigen oder in elektronische Systeme einzuspeichern, zu verarbeiten oder zu verbreiten.
Lektorat/Korrektorat: Kerstin Thieme
Umschlag, Buchgestaltung, Satz: Ernst Kaufmann
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017
Das Buch wurde vermittelt durch die Literaturagentur
erzähl:perspektive, München (www.erzaehlperspektive.de)
Wer Terror nur aus den Medien kennt,
glaubt, er wäre davon nicht betroffen.
Inhalt
Cover
Titel
Zum Buch/Zum Autor
Impressum
Zitat
2005
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Epilog
Facts
Weitere Bücher
2005
Diffuses Licht fiel aus den grünlichen Mattscheiben der Notbeleuchtung auf den dunklen Bahnsteig. Tom stand regungslos und keuchte schwer, sein Puls raste. Schwarzer Rauch schlug ihm entgegen, die Luft war drückend heiß. Er hatte plötzlich keinen trockenen Faden mehr am Körper und presste sein Taschentuch vor Nase und Mund.
Ein Zusammenstoß, dachte er und versuchte etwas zu erkennen, zwei Züge müssen frontal aufeinandergeprallt sein.
Nur Sekunden nach Abfahrt des Zuges, die letzten Lichter der U-Bahn waren eben in der schwarzen Röhre verschwunden, drang ein schweres, ohrenbetäubendes Geräusch auf die Plattform. Das massive Dröhnen wurde unmittelbar von einem dumpfen Schlag begleitet, der den Bahnsteig erschütterte und sich an den Betonwänden in einem erstickten Ton brach. Alle Wartenden zuckten erschrocken zusammen und duckten sich instinktiv. Augenblicklich war es auch stockdunkel, die Rolltreppen stoppten. Normale Störungen, Stromausfälle oder seltsame Geräusche war man in der überalterten Anlage gewohnt, nur dieser grobe Laut war anders gewesen – etwas Ungeheures musste geschehen sein.
Nach der gespenstischen Stille entlud sich der Schock der Menschen in einem Gewirr an Stimmen und Geräuschen – Männer riefen nach ihrer Partnerin, Kinder begannen leise zu weinen, jeder versuchte sich zu orientieren, hielt sich unbewusst am Nachbarn fest, eine Lautsprecherdurchsage mahnte zur Ruhe.
Tom lehnte sich fest gegen eine Wand, suchte an einem Mauervorsprung Halt. Zwei Leute streiften ihn unsanft, einer davon trat ihm mit voller Wucht auf die Füße. Tom stöhnte auf, der andere murmelte etwas und drängte weiter. Eine Frau rief einen Namen, jemand rannte im Dunkeln, suchte nach dem Ausgang, stürzte. Wieder eine Durchsage mit der Aufforderung ruhig zu bleiben.
Endlose Minuten später flackerten die Neonröhren und das Licht ging an. Die Menschen blickten verstört um sich, verließen panisch die Station nach draußen, fuhren mit den Rolltreppen, die mit einem Signal wieder anliefen, nach oben. Nur weg aus dieser Unsicherheit! Viele wollten hastig telefonieren und versuchten, ein Netz zu finden. Einige Männer standen vorgebeugt am Rand des Tunnels. Sie starrten in die Finsternis, aus der das donnernde Geräusch gekommen war, versuchten zu erkennen, was geschehen sein könnte, gestikulierten heftig.
Wenn es ein Unglück gegeben hatte, woran kein Zweifel bestand, musste man versuchen zu helfen. Bis Rettungskräfte von draußen kamen oder die Feuerwehr zur Stelle war, würde es für Schwerverletzte zu spät sein.
Er ließ die schützende Plakatwand los, kämpfte sich gegen den Strom der flüchtenden Menge nach vorn zur Bahnsteigkante. Kurz verständigte er sich über einen Zuruf mit den Männern auf der Plattform, sprang hinunter auf die Gleise und lief in den Tunnel hinein. Zwei aus der kleinen Gruppe folgten ihm. Es gab gerade genügend Licht, um nicht zu stolpern. Hinter ihm in der Station sprang ein Alarm an, der pulsierend bis in sein Gehirn schrillte.
Bereits nach wenigen Metern begann es nach verbranntem Gummi oder ähnlichen Stoffen zu riechen – unangenehm, scharf, beißend. Im Halbdunkel tauchten undeutlich die Umrisse eines Waggons auf. Er stand leicht seitlich geneigt auf den Schienen, die Scheiben waren geborsten.
Personen torkelten aus den Rauchschwaden auf Tom zu. Ein Mann trug einen Feuerlöscher in den Händen, damit hatte er die hintere Scheibe des Wagens eingeschlagen, um aus dem Zug zu kommen. Die Frau dahinter blutete aus einer klaffenden Kopfwunde, sie stöhnte, während sie an Tom vorbeilief. Ein junger Bursche, der am ganzen Körper zitterte, packte Tom an den Schultern.
»Weg, weg!«, schrie er dabei mit vor Angst überschnappender Stimme. »Eine Explosion, es war eine Explosion, vorn sind alle tot!«
Tom schob ihn zur Seite und hastete weiter bis zum Zug. Die Männer aus der Station, die Augenblicke zuvor noch hinter ihm waren, sah er nicht mehr. Vielleicht halfen sie den Entgegenkommenden oder sie waren aus Furcht, es könnte weitere Detonationen geben, umgekehrt. Er sah in den letzten Wagen hinein. Die Menschen dort schlugen mit verschiedenen Gegenständen die restlichen Scheibensplitter aus dem Fensterrahmen, um einigermaßen unverletzt hinausklettern zu können.
Die helfen sich schon selbst, dachte Tom und lief weiter. Durch den Geruch war ihm ziemlich übel, er hustete in das Taschentuch und presste es noch fester vor den Mund. Nicht schlappmachen, trieb er sich an, die Leute brauchen Hilfe.
Am vorderen Ende des Zugs sah es verheerend aus. Eine andere U-Bahn war nicht in Sicht, es war also kein Zusammenstoß gewesen. So wie die aufgerissene Längsseite des ersten Waggons aussah, musste es tatsächlich eine Explosion gegeben haben. Tom schlitterte über zerbrochenes Sicherheitsglas, das den öligen Betonboden wie feuchter Rollsplitt bedeckte. Er konnte nur mit knapper Mühe einen Sturz abfangen. Dabei trat er auf ein scharfes Metallstück, das in die Höhe schnellte, sich durch die Hose in sein Schienbein bohrte. Er schrie auf, riss das Teil heraus, schmiss es zur Seite und humpelte weiter.
Das Loch an der Seite des Wagens war riesig. Ganze Teile der Wand fehlten, die Aluminiumplatten der Verkleidung hingen zerknittert in den verbogenen Metallverstrebungen, so als wären sie aus dünner Folie. Stücke der Inneneinrichtung lagen herum, ein bunter Plastiksitz ragte aus einem der Fenster, eine halbe Handtasche baumelte daran. Tom schaute über die abgerissene Schiebetür ins Innere des Zugs und prallte zurück. Direkt vor ihm lag ein Mann verdreht am Boden. Die Augen starrten Tom aufgerissen an, ein Arm fehlte. Das Blut hatte eine große Lache gebildet, rann unter dem Körper weg, tropfte aus den Resten der Türverankerung auf die Gleise. Tom schob den Toten ein Stück zur Seite, atmete schwer durch und kletterte in den Wagen hinein.
Vorne hatten einige der nur leicht Verletzten die Tür zur Führerkabine aufgebrochen und sprangen angsterfüllt über die Armaturentafel hinaus in den Tunnel. Von dort liefen sie entsetzt über das Erlebte zur nächsten Station am Russel Square. Manche schüttelte es wie in Weinkrämpfen, andere wieder tasteten sich stumm vor Schrecken die Tunnelwand entlang.
Denen, die unmittelbar rund um das zerrissene Wagenteil lagen, war nicht mehr zu helfen. Tom sah sich um, es ekelte ihn fürchterlich – überall Leichenteile, zerstörte Körper, Schuhe, Taschen, angesengte Kleidungsstücke. Die massiven Stahlplatten des Bodens waren nach unten gebogen, so als hätte eine zornige Riesenfaust hineingeschlagen. Überall war Blut. Von irgendwoher kam ein Laut wie ein unterdrücktes Weinen. Tom sah sich um – es war nicht festzustellen woher, nichts rührte sich. Er taumelte einige Schritte, wie über ein Schlachtfeld, durch den Waggon zur zweiten Tür, oder was davon übrig war. Waren die leisen Töne von dort gekommen, lebte abseits der größten Zerstörung noch jemand?
Neben der hinteren Türöffnung lag eine Frau, das war an weißen Jeans und einer am Fuß steckenden Sandale zu erkennen. Ihr Bauch war aufgerissen, es sah aus, als wäre er von innen heraus explodiert, der Darm hing in Fetzen aus dem offenen Fleisch, es stank fürchterlich. Tom schlug sich die Hand vor den Mund, als er an dem Körper hochsah – die Hälfte des Gesichtes fehlte, aber über der Brust erkannte er die blutigen Reste eines hellgelben Sommertops.
Das war die Frau mit dem Mädchen an der Hand gewesen. Sie erschraken, als sich die Türen schlossen und Tom – der gelaufen kam und nicht mehr stoppen konnte – gegen die Scheibe prallte. Dann sahen sie sein verdutztes Gesicht und winkten ihm lachend. Vor Tom blitzten für eine Sekunde die heiteren Augen der Frau auf, die ihm zugelächelt hatten. Wäre er nur zehn Sekunden früher dran gewesen und hätte die U-Bahn noch erreicht, läge er jetzt neben der Frau. Tom traf der Gedanke wie ein Schlag in die Magengrube. Er wandte sich ab und übergab sich mehrmals.
Als er wieder hochblickte, sah er etwas Rotes, ein Stück Stoff. Eigentlich fiel es ihm nur auf, da die Farbe grell aus dem ganzen Dreck hervorleuchtete. Die Puppe, durchzuckte es Tom, die Puppe, die das Mädchen zuvor in der Hand hielt, mit der sie ihm gewunken hatte! Er überwand seinen Abscheu und stieg mit einem Fuß über den Körper der Frau, um an den Kunststoffteil heranzukommen, hinter dem die Puppe hervorschaute. Er hob ihn an – da lag das Mädchen. Es war nicht bei Bewusstsein, es atmete und wimmerte leise. Das war der Laut, den Tom gehört hatte. Auf der Brust unter ihrem Hals war eine große blaurote Schwellung, einer ihrer Arme sah aus, als wäre er mehrfach gebrochen und von der Stirn sickerte Blut aus einer Wunde in die blonden Haarlocken. Aber sie war am Leben, der Teil der Plastikwand hatte sie anscheinend wie ein Schild geschützt.
Tom sah, dass ein Trenchcoat zwischen zwei verbeulten Sitzen steckte. Er riss ihn heraus und legte ihn auf den Boden. Ganz behutsam fasste er das Mädchen mit beiden Händen und zog es unter dem Wandpaneel hervor. Den gebrochenen Arm presste er an den kleinen Körper und achtete darauf, nicht auf die Schwellung zu drücken. Tom hatte keine Ahnung, ob er das überhaupt machen durfte, der Erste-Hilfe-Kurs in der Fahrschule war verdammt lange her. Trotzdem hob er die Kleine über die Leiche – wobei er vermied, in das halbe Gesicht der Frau zu blicken – und legte sie sachte auf den Mantel. Er wickelte sie fest ein, um den Arm zu stabilisieren und ihre Wunde vor dem ätzenden Rauch zu schützen. Die rote Puppe, die ihn auf das Kind aufmerksam gemacht hatte, packte er dazu. Danach stieg er vorsichtig aus dem Trümmerfeld hinunter auf die Gleise und turnte über die herumliegenden Blechteile zurück zum hinteren Ende des Zugs.
Fahrgäste in anderen Waggons, an denen er vorbeimusste, hämmerten mit den Fäusten gegen die Fensterscheiben, um sich bemerkbar zu machen. Tom versuchte vergeblich, mit der freien Hand eine der Schiebetüren aufzubekommen. Er fand keinen Notmechanismus, die Rahmen waren verzogen und ließen sich kein Stück bewegen. Tom deutete den Passagieren beruhigend, dass bald Hilfe käme. Dann ließ er sich mit dem verletzten Mädchen im Arm nicht weiter aufhalten und rannte zurück Richtung King’s Cross.
Diese verdammten Röhren, dachte er im Laufen bitter, der Wahnsinn des Massentransports. Drei Millionen Passagiere fuhren täglich stundenlang durch die vierhundert Kilometer langen Tunnel der Underground, die in einer Hassliebe nur als The Tube bezeichnet wurde.
Als Tom die Plattform erreichte, herrschte ziemliche Ratlosigkeit. Nachdem sich der Schrecken gelegt hatte, standen jetzt jede Menge Neugierige herum, die sich lautstark darüber unterhielten, was geschehen sein könnte. Mehrere Polizisten gingen auf und ab, versuchten den Bahnsteig zu räumen. Sie sprachen über Funkgeräte mit Einsatzkräften, denen sie einen Lagebericht gaben, während sie die gaffenden Leute zu den Ausgängen wiesen. Die Signale standen alle auf Rot. In regelmäßigen Abständen kam eine Durchsage, dass der Verkehr auf der Linie aufgrund eines Stromausfalls unterbrochen sei und der Bereich deshalb geräumt würde. Auch auf allen Infoscreens der weitläufigen Doppelstation blinkte die Anzeige, man möge die Station verlassen.
»Stromausfall«, murmelte Tom vor sich hin, »das sagen sie nur, um eine Panik zu vermeiden.«
Zwei Bahnbeamte in Uniform kamen ihm entgegen. Schon von weitem riefen sie, was er hier mache, welche Befugnis er habe, einfach in den Tunnel zu laufen. Glücklicherweise gäbe es einen Stromausfall, meinten sie, sonst hätte er sich verletzt, das Betreten sei gefährlich und für Zivilpersonen bei Strafe verboten.
In Tom stieg ein unbändiger Zorn über so viel Bürokratie und Engstirnigkeit auf.
»Lächerlich!«, fuhr er sie an, ohne stehen zu bleiben. »Das war kein Stromausfall! Den vorderen Waggon der U-Bahn hat es komplett zerrissen, in den Trümmern liegen jede Menge Leichen.«
»Erzählen Sie keine Märchen«, gab einer der Beamten zurück. Er zitierte einen Paragraphen aus der Bahnverordnung über das Betreten von Geleisen.
Tom zeigte empört auf das bewusstlose Mädchen. »Glauben Sie, das macht ein Stromausfall? Wenn ich nicht das verletzte Kind tragen müsste, würde ich euch zwei Idioten auf der Stelle mit einer saftigen Beschwerde bei eurem Vorgesetzten abliefern!«
Wütend schloss Tom noch einige grobe Bemerkungen an. Er merkte, wie gut ihm das Schreien tat, es befreite ihn von seiner eigenen Spannung und machte der Beklemmung Luft, die ihm seit dem Anblick der vielen Toten in der U-Bahn die Kehle förmlich abschnürte.
»Kommen Sie, ich helfe Ihnen!«, rief jetzt ein Herr vom Bahnsteig herunter, der die Szene beobachtet hatte. Er streckte Tom hilfreich die Hände entgegen. »Lassen Sie die beiden Hohlköpfe stehen.«
Tom wich den Beamten aus, warf ihnen aber einen feindseligen Blick zu. Die beiden sagten noch etwas, aber er hörte gar nicht mehr hin und ging zur Kante der Plattform. Der Mann am Bahnsteig fasste ihn beim Arm und zog ihn hoch. Er trug trotz der Hitze einen Anzug. Als sich ein Ärmel des Sakkos hochschob, fiel Tom eine Tätowierung am Handgelenk des Mannes auf, die wie ein Armband mit mehreren feinen Linien rundum lief.
Schöne Arbeit, dachte Tom, der schon öfter überlegt hatte, selbst auch ein Tattoo zu tragen. Gleichzeitig wunderte er sich darüber, dass er in dieser Situation überhaupt an so eine Belanglosigkeit denken konnte.
»Danke«, sagte er und atmete durch.
»Keine Ursache«, antwortete der Fremde, »brauchen Sie etwas? Soll ich versuchen, die Rettung anzurufen?«
»Nein, besten Dank«, gab Tom zurück. »Ich habe selbst ein Mobiltelefon, aber hier unten gibt es kein Netz. Ich schaue, dass ich oben einen Arzt finde.«
»Sie sind doch der, der sofort nach dem Knall in den Tunnel lief, um zu helfen«, stellte der Mann anerkennend fest. »Was ist mit dem Kind?«
»Ich weiß es nicht. Es war eingeklemmt, hat zum Glück aber die Explosion überlebt.«
»Explosion?« Der Fremde schaute überrascht. »Dann sind die Durchsagen über dem Stromausfall falsch?«
»Ganz sicher«, gab Tom zurück, »oder reißt ein Stromausfall die ganze Seitenwand eines U-Bahn-Wagens weg?«
Der Fremde schüttelte den Kopf.
Tom bedankte sich, drehte sich um und eilte weiter zu den Rolltreppen.
»Viel Glück für Sie und das Kind«, hörte er den Fremden noch hinter sich sagen. »Würden alle Menschen solchen Respekt vor dem Leben anderer haben, wäre vieles nicht nötig.«
Tom fand die Bemerkung übertrieben, aber zumindest war der Mann hilfreich gewesen, nicht so wie die beiden lächerlichen Bahnbeamten mit ihren Vorschriften. Er wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß aus dem Nacken, während er kurzatmig zum Ausgang hastete.
Die Rolltreppe war überfüllt. Tom fühlte sich in dem Gedränge unwohl. Anfang Juli stand die Luft bereits am Morgen aufgeheizt zwischen den Betonmauern und mischte sich mit den stickigen Abgasen des dichten Berufsverkehrs. Der warme, säuerliche Geruch der Menge, mit dem Aroma unterschiedlicher Sorten billiger Deo-Sprays, machte es nicht erträglicher.
Mit entschuldigenden Worten zwängte er sich an den Passanten vorbei. Die meisten wichen zur Seite aus und machten Platz, nur einige murrten. Sie meinten, alle wollen schnell nach draußen und drängen mache keinen Sinn. Sie verstummten aber, als sie das verletzte Kind sahen.
Auf dem King’s Cross, der breiten Kreuzung vor der Station, war der Verkehr angehalten worden. Die Polizei begann abzusperren, um die Fahrbahnen für eintreffende Einsatzfahrzeuge freizuhalten. Aus dem Bahnhof strömten Verwundete auf die Straße, der riesige Knotenpunkt der Piccadilly Line im Zentrum Londons war nun heillos verstopft. Die Uhr am Bahnhof zeigte kurz nach neun. Wie immer um diese Zeit war der Zug randvoll gewesen.
Viele der Fahrgäste, auch wenn sie nicht unmittelbar in der Nähe des ersten Waggons waren, hatten sich im Tumult nach der Explosion und während der darauf folgenden chaotischen Flucht aus dem Tunnel verletzt. Die Rettungswagen verließen mit laufender Sirene die Kreuzung. Es waren zu wenige, um den Ansturm zu bewältigen, so versorgten die Sanitäter viele Verletzte direkt vor Ort, legten sie auf Decken am Boden oder setzten sie zum Verbinden auf abgestellte Tragen.
Tom sprach im Vorbeigehen zwei der Sanitäter an. Sie deuteten, nach einem kurzen Blick, in die Richtung der Krankenwagen vor der Absperrung und wendeten sich dann wieder Menschen mit offenen Wunden zu. In dem Durcheinander einen Arzt zu finden, der sich die Kleine in Ruhe ansah, war aussichtslos.
Er überlegte, was zu tun sei: Das Mädchen war bewusstlos, atmete aber und schien stabil zu sein, soweit er dies beurteilen konnte. Nur die Schwellung auf der Brust wirkte größer als zuvor. Er musste das Kind schnellstens in ein Krankenhaus bringen, in dem es ein Röntgengerät gab. Zwei größere Spitäler waren in der Nähe, das Saint Pancras zwei Straßen neben der Station und etwas weiter das Great Ormond Street, nur die beiden Notfallstationen würden in kürzester Zeit vollkommen überfüllt sein. Dort auf eine schnelle Behandlung zu hoffen machte keinen Sinn.
Da fiel ihm Maddy ein. Madeleine Summer, eine gute Bekannte Toms, war medizinische Biologin und arbeitete im Labor im Whittington Health, das sogar eine eigene Kinderambulanz hatte. Bis hinaus nach Highgate waren es zwar zwanzig Minuten, aber besser, als hier die Zeit mit der Suche nach einem Arzt zu verbringen, der dann ohne die nötigen Geräte auch nichts tun konnte.
Ein Fahrzeug, schoss es Tom durch den Kopf, ich brauche ein Fahrzeug. Er lief auf die andere Seite der Station, wo die Sicherheitskräfte begannen großräumig abzusperren, zwängte sich durch zwei Sperrbalken hindurch und stürmte hinaus auf die Pancras Road, wo die Taxis parkten.
Noch im Laufen fingerte er in seiner Hosentasche nach dem Handy, zog es heraus und lehnte sich gegen eine Mauer, um eine Hand zum Wählen frei zu haben.
Zum Glück war Madeleine nicht nur im Dienst, sondern auch gleich am Telefon. Tom erklärte ihr in knappen Worten die Situation mit der Explosion und dem verletzten Kind. Sie hatte eben erst die Meldung über die Vorfälle im Radio gehört und war ziemlich schockiert.
»Und du steckst da mittendrin?«, entfuhr es ihr entsetzt.
»Nein, nicht direkt, aber das ist jetzt egal«, unterbrach er sie, um weitere Fragen abzuwenden, »kannst du mir bitte helfen, das Kind muss behandelt werden.« Er berichtete von den Verletzungen, vor allem von der bläulichen Wölbung auf der Brust.
»Wo bist du jetzt?«, fragte sie.
»Noch am King’s Cross, nehme aber ein Taxi und bin in zwanzig Minuten bei dir draußen.«
»Gut, aber komm nicht zu mir ins Labor, da kann ich nichts für euch tun, und auch nicht in die Notaufnahme, dort ist es ziemlich voll am Vormittag.« Maddy hatte den Schock überwunden und war wieder ganz professionell in ihren Anweisungen. »Bring sie direkt auf Level drei in die Radiologie zum MR – die Abteilung ist unten bei der Einfahrt angeschrieben. Ich verständige Doktor Kerry, damit er euch einschiebt. Kerry ist unser Chef-Radiologe, da ist die Kleine in besten Händen. Ich hab ihn heute früh schon gesehen, er ist also da.«
»Danke Maddy, du hast was gut bei mir!« Tom stieß sich von der Mauer ab und hetzte weiter.
»Ja, ja. Ich warte im MR auf euch. Und beeil dich, das mit der Schwellung hört sich nicht gut an!«
Dort, wo normalerweise die Taxis in Zweierreihen standen, gab es jetzt nicht ein einziges. Tom winkte einigen, die vorbeifuhren, aber sie waren besetzt und beachteten ihn gar nicht. Er lief den Bürgersteig nach vorn, sprang einfach auf die Straße und stoppte das nächste Fahrzeug, das kam – ein großer schwarzer Geländewagen. Der Fahrer blinkte zunächst mit der Lichthupe, nachdem Tom aber nicht zur Seite wich, blieb er stehen und ließ sein Fenster hinunter. Tom rannte zur Fahrerseite.
»Ich muss ins Spital, dringend!«
»Aber nicht mit mir«, sagte der dicke Fahrer mit Goldrandbrille, sichtlich verärgert über den Aufenthalt. »Gehen Sie doch ins Pancras, das schaffen Sie zu Fuß.« Er murmelte etwas von einem wichtigen Termin und dass er sich seine teuren Ledersitze nicht versauen lasse. Er gab unvermittelt Gas, der schwere Wagen schoss davon.
»Arschloch!«, schrie Tom hinter ihm her, außer sich vor Zorn.
Was jetzt? Er drehte sich verzweifelt um. Auf dem Parkplatz hinter dem Bahnhof, dessen Zufahrt offen war, stand ein kleiner weißer Toyota mit offener Heckklappe. Eine junge Farbige, etwa um die zwanzig, lud ihre Einkäufe ein und sah interessiert auf die Polizeifahrzeuge, die draußen mit laufender Sirene zur vorderen Station einbogen. Sie war offensichtlich so mit Shopping beschäftigt gewesen, dass sie von der Hektik am King’s Cross nichts mitbekommen hatte. Tom lief über die Straße, hinein auf den Parkplatz und winkte der Frau. Sie schaute ihn verwundert an.
»Was is’n da los?«, fragte sie neugierig in breitem Cockney-Slang, als Tom atemlos bei ihr ankam.
»Ein Unfall in der U-Bahn«, antwortete er schnell, ohne auf nähere Details einzugehen, »das Kind ist verletzt, können Sie mich bitte ins Whittington fahren?«
Sie war zunächst ziemlich irritiert, sah aber dann die Wunde am Kopf des Mädchens und wurde unsicher, wie sie sich verhalten sollte.
»Na ja«, versuchte sie die Sache abzubiegen, »is’n da keine Rettung bei der Station?«
»Schon«, drängte Tom, »aber die sind überfordert. Das Kind ist bewusstlos und braucht dringend ein Röntgen!«
»Aber is’n nicht das Ormond um die Ecke …?«
»Das ist sicher schon überlastet, es gab viele Verletzte.« Tom ließ nicht locker. Er hatte den Türgriff auf der Beifahrerseite schon in der Hand. »Bitte! Die Kleine stirbt sonst womöglich!«
Die junge Farbige warf die Heckklappe zu, zuckte ein wenig hilflos mit den Schultern und kam nach vorne.
»Na okay«, sagte sie und ließ sich auf den Fahrersitz fallen, »wo woll’n wir hin?«
»Nach Highgate Hill beim Waterlow Park.«
»Wo is’n das genau …?«
»Einfach die Royal College nach Norden und dann die Fortress bis …« Sie schaute verständnislos und hatte sichtlich keine Ahnung von der Strecke. Tom winkte ab. »Ich sage es Ihnen einfach an.«
»Okay!« Sie parkte schwungvoll aus, rollte vom Parkplatz und sah Tom von der Seite an.
»Ich bin Ruby.«
»Tom.«
Sie deutete lächelnd auf das Kind. »Is’ Ihres?«
»Nein.«
»Von ‘ner Bekannten?«
»Auch nicht, das Kind wurde bei dem Unfall verletzt.«
»Und sonst’n war keiner mit?«
»Doch, die Mutter.« Tom nervte die Fragerei.
»Und wo is’n die jetzt?«
»Sie ist leider ums Leben gekommen.«
»Fuck, das is’n Wahn!« Die junge Frau schüttelte den Kopf. »Das muss man sich geb’n. Ich will später keine Kinder …«
Tom sah nach der Kleinen, sie war noch bewusstlos. Einmal zuckte er zusammen, da er dachte, das Mädchen atme nicht mehr, aber als er sie leicht anhob, holte sie nach einer Schrecksekunde wieder tief Luft.
»Könnten Sie schneller fahren?«
»Aber …«
»Ich zahle alle Strafen, nur bitte machen Sie!«
»Okay!«
Sie trat das Gaspedal durch, der kleine Wagen machte einen Satz und schoss förmlich nach vorn. Tom nahm jetzt doch den Gurt und schnallte sich an.
»Neu’zig PS«, sie grinste stolz, »is’n ganz Schneller!«
Nach einigen Straßen hatte sich Tom an die rasante Fahrweise gewöhnt und begann sogar, Rubys Übersicht zu bewundern. Er selbst fuhr mit den alten Mühlen, wie er seine beiden Oldtimer oft liebevoll bezeichnete, eher gemütlich. Das konnte man von seiner Fahrerin nicht behaupten.
»Wie gehts’n weiter?«, fragte sie ständig und warf den winzigen Toyota zwischen den Spuren hin und her.
Tom kam mit dem Ansagen des Weges fast nicht nach. Ruby kurvte, hupte, bremste, zeigte anderen Verkehrsteilnehmern diverse Finger und schaffte die Strecke, trotz des dichten Morgenverkehrs, in knappen siebzehn Minuten.
»Passt das so?«, fragte sie, als sie vor dem Krankenhaus hielten.
»Großartig, danke!«, sagte Tom freundlich und meinte es ehrlich. Er stieg aus, griff in die Brusttasche seiner Jacke, zog eine Visitenkarte heraus und drückte sie Ruby in die Hand. »Wenn Sie mal was brauchen, dann melden Sie sich.«
Sie nahm die Karte, beugte sich vor, hob die Puppe des Mädchens auf, die im Fußraum des Beifahrersitzes lag, und hielt sie ihm durch die offene Autotür hin.
»Die is’ während der Fahrt weggelauf’n!« Dazu lachte sie breit.
»Ah, habe ich gar nicht bemerkt«, sagte Tom und steckte die Puppe ein, »danke, Ruby!«
»Schon okay!« Sie hob beide Daumen hoch. »War ‘ne schicke Fahrt. Hoff’, die Kleine kommt zu ‘nem Super-Doc, der sie durchbringt.«
Tom winkte zurück und lief ins Krankenhaus. Wie versprochen wartete oben Madeleine mit dem Arzt. Doktor Kerry, ein großer, knochiger Mittfünfziger mit eisgrauer Stoppelglatze, empfing Tom freundlich. Er nahm ihm das Mädchen ab, schaute sich die Schwellung und die Armbrüche an.
»Wir machen jetzt erst mal ein paar Bilder, ich hole einen Thorax-Spezialisten dazu und dann sehen wir weiter. Danke für Ihr schnelles Eingreifen, aber mehr können Sie nicht tun.«
Damit schob er ihn wieder hinaus auf den Gang.
Tom ging nun schon seit einer geschlagenen Stunde auf dem Flur von Level drei vor dem Central Imaging Department, so hieß hier die Radiologie, auf und ab. Noch immer waren die Ärzte bei dem Mädchen. Es machte ihn unsicher, dass die Untersuchung so lange dauerte, er hielt dies für ein eher schlechtes Zeichen.
Sein Termin mit dem Historiker im Archiv der Universitätsbibliothek fiel ihm wieder ein, der einige interne Daten aus Statistiken für ihn kopiert hatte. Tom war unterwegs zur Uni gewesen, als das Unglück geschah. Er brauchte diese vertraulichen Unterlagen für sein neues Buch über Börsengeschäfte und Terrorismus, an dem er gerade arbeitete. Er dachte daran, den Wissenschaftler mit einem Anruf zu verständigen und ihm die Situation zu erklären. Dann jedoch steckte er sein Handy wieder weg. Er fühlte sich überhaupt nicht imstande, mit jemandem zu sprechen oder seine Erlebnisse schildern zu müssen.
Früher, als er für die Reportagen der wichtigen Fernsehstationen große Storys rund um den Globus recherchierte, bekam er alle Hinweise, die er brauchte, ohne danach zu fragen. Die Leute drängten sie ihm förmlich auf, so gierig waren sie, im Fernsehen Beachtung zu finden oder ihre Erkenntnisse über andere loszuwerden. Nach einem größeren Flop und der darauf folgenden Schadenfreude seiner eifersüchtigen Kollegen zog sich Tom vom schnellen Tagesgeschäft in ein Haus bei den Londoner Docks zurück. Dort verbrachte er sein Leben seitdem als Autor von politischen Sachbüchern und nur wenige seiner alten Kontakte waren ihm geblieben. Er würde also später eine Mail schreiben, dass er mitten in dem Vorfall am King’s Cross stecken geblieben war und sich damit für sein Nichtkommen entschuldigen.
Um elf ging er den langen Gang nach hinten, bis ans Ende zu den Liften, wo er beim Hereinkommen einen Aufenthaltsraum mit Fernseher gesehen hatte. In den Nachrichten sollten die Sender einiges an Informationen bringen. In den durchlaufenden Infozeilen konnte man lesen, dass es mehrere Explosionen gegeben haben musste, wodurch die ganze Stadt gelähmt war.
Vor dem allgemeinen Aufenthaltsraum befand sich ein größerer freier Platz. Den Fernsehbereich mit dem TV-Gerät trennte eine Glasschiebewand ab, damit Leute, die sich unterhalten wollten, vom lauten Ton nicht gestört wurden. Die Schiebetür stand offen, eine Menge Patienten, die wie gebannt die Sendungen verfolgten, drängten sich bereits im offenen Zugang.
Tatsächlich wurde auf jedem News-Channel darüber berichtet. Die offizielle Pressemitteilung der Polizeibehörde bestätigte danach, dass kein Stromausfall Schuld an dem Chaos trug, sondern London das Ziel eines mehrfachen Anschlags geworden war.
Laut offiziellen Angaben hatten vier arabische Terroristen die Anschläge verübt: Selbstmordattentäter, die Rucksäcke mit Sprengstoff trugen, den sie zündeten und sich damit in die Luft sprengten. Drei der Araber, so die weiteren Details, taten dies gegen neun in verschiedenen U-Bahn-Linien und etwa eine Stunde später ein weiterer in einem städtischen Autobus.
Am stärksten betroffen war die überfüllte Piccadilly-Line bei der Station am King’s Cross, so die Berichte weiter, alleine in dieser Zuggarnitur gab es wahrscheinlich über zwanzig Tote. Die Überlebenden konnten erst nach einer Stunde von den Einsatzkräften befreit werden.
»Wahnsinn«, murmelte Tom, der sich an die verzweifelten Gesichter der eingeschlossenen Menschen erinnerte, die gegen die Fensterscheiben gehämmert hatten. »Eine Stunde in der Ungewissheit, was weiter passiert, ob es nicht eine neuerliche Explosion gibt …«
Auf BBC und CNN sprach man von über dreißig Toten und hunderten Verletzten, Sky meldete sogar tausend Verwundete.
Wie sich später herausstellte, war das unerwartete Problem für die Sicherheit, dass die Attentäter davor schon in Großbritannien gelebt hatten, drei von ihnen waren sogar gebürtige Briten. Dadurch boten die genauen Kontrollen auf den Flughäfen, die man seit dem Anschlag in New York vom elften September auch in England durchführte, in diesem Fall leider keinen Schutz.
In den folgenden Reportagen des Tages brachten sie Fotos von den zerstörten U-Bahnen und dem zerfetzten Bus. Ein verwackeltes Privatvideo zeigte Einsatzkräfte, die versuchten, Ordnung in die aufgeregte Menge zu bringen. Die Stadtverwaltung hatte den gesamten U-Bahn-Verkehr und die Buslinien in der Innenstadt eingestellt – die Stadt hielt den Atem an.
Tom konnte der Sendung nicht weiter zuhören, sie brachte die Erinnerung an das Erlebte sofort zurück. Er wischte sich über die Stirn, um die aufkommenden Bilder in seinem Kopf loszuwerden, und ging langsam zurück zur Radiologie.
Madeleine kam ihm entgegen, sie suchte ihn schon und hielt die Puppe des Mädchens in der Hand. Tom bemühte sich, in ihrem Gesicht zu lesen, wie es dem Mädchen ging. Sie sah den Blick und winkte beschwichtigend.
»Sie lebt, allerdings hat sie, außer den Armbrüchen, einen einseitigen Riss in der Lunge und eine Ansammlung von Blut oberhalb der Brust. Sie ist in der Vorbereitung, unser Oberarzt wird sie operieren, den Blutschwamm absaugen und eine fixe Drainage in die Lunge legen.«
»Wird sie durchkommen?«
»Das kann man nicht sagen. Wenn sie eine Kämpferin ist und keine schweren inneren Verletzungen hat …«
»Danke, Maddy, zumindest besteht Hoffnung!«
»Hast du in den Nachrichten gehört, was los war?«
»Ja, Anschläge von Terroristen, vier Bomben in der U-Bahn und im Bus, den ganzen Betrieb in der City haben sie deshalb eingestellt.«
»Irre, als wir zuerst telefonierten, sagten sie im Radio nur etwas von einer Explosion wegen eines Stromausfalls«, meinte Madeleine bestürzt.
»Das haben sie nur gemacht, damit es keine Panik gibt, solange man nicht wusste, was geschehen war.«
Tom ließ sich auf einen der Besucherstühle fallen, die an den Wänden entlang des Flurs standen. Madeleine blickte auf ihn hinunter.
»Du siehst auch ziemlich fertig aus«, sagte sie, »ich bring dir was zum Anziehen, einen starken Kaffee, dann musst du duschen und ich versorge den Fuß.«
»Was?«
Tom verstand zuerst nicht, was sie meinte, dann sah er in die Glasscheibe der Etagentür gegenüber, in der er sich spiegelte. Sein Gesicht war zerkratzt, an verschiedenen Stellen von dem Rauch im Tunnel schwarz verschmiert und seine Haare standen ziemlich wirr vom Kopf. Auch die Jacke und seine Jeans waren dreckig, an den hellen Sneakers klebte ölige Schmiere und über dem rechten Fuß war die Hose zerrissen. Rund um die Stelle, wo sich das Metallstück hineingebohrt hatte, war der Stoff mit getrocknetem Blut getränkt. In dem Moment, wo er die Wunde sah, begann sie, wie höllisch zu arbeiten.
»Ja, danke Maddy, das wäre toll«, stöhnte er mit einem flehenden Blick, der Madeleine sogar in der ernsten Situation zum Schmunzeln brachte.
»Ich hole jetzt Kaffee, Verbandszeug und eine saubere Hose von einem unserer Pfleger.« Sie beugte sich vor und setzte die Puppe auf den Stuhl neben Tom. »Da, auf die musst du jetzt aufpassen, in den OP kann ich sie der Kleinen nicht mitgeben. Sie leistet dir Gesellschaft, bis ich wieder da bin. Ich muss davor aber schnell die Blutproben des Mädchens ins Labor bringen und mich mit meiner Kollegin absprechen. Wird etwas dauern.«
»Keine Angst«, antwortete Tom müde, »ich lauf dir nicht davon.«
»Terroristen mitten in London …« Madeleine schüttelte im Weggehen fassungslos den Kopf. Dann drehte sie sich nochmals um. »Übrigens ein Glück für die Kleine, dass du sie getragen und bewegt hast. Hätte man sie auf eine Trage gelegt, wäre sie erstickt.«
Trotz des schwülen Tages ließ sich Tom das Wasser brühheiß über den Rücken laufen. Es war inzwischen Mittag vorbei, sein Schienbein zierte ein frischer Verband und er stand unter der Dusche. Die Wärme tat ihm gut, löste seine Verkrampfungen.
Der Mann am Bahnsteig fiel ihm ein. Letztlich hatte er recht, würden die Menschen mehr Respekt vor anderen haben, wäre es besser für die Welt. Es gäbe weniger Konflikte, weniger Verwicklungen und – mit einem besseren Verständnis für die arabische Welt – hätte sich London vermutlich auch die heutigen Terroranschläge erspart. Konnte man die Attentäter überhaupt als Araber bezeichnen? Angeblich waren es Briten gewesen. Aber so ticken wir in England, dachte Tom, alle hier geborenen Europäer, Inder, Asiaten oder Schwarzafrikaner sind einfach Briten, aber die aus den arabischen Familien sind seit 9/11 wieder nur Araber.
Irgendwann nach einer endlosen Weile klopfte es an der Duschtür, Madeleine stand davor. Tom öffnete die Augen und sah sie durch den Wasserstrahl an.
»Sie ist auf der Intensiv«, sagte sie laut, damit er sie hören konnte, »sie kommt durch!«
Als Maddy wieder draußen war, versagten Tom fast die Beine, so glücklich war er. Er hockte sich müde auf die warmen Bodenfliesen der Duschkabine und warf den Kopf zurück. Der starke Strahl traf sein Gesicht, nahm ihm den Atem. Er wollte sich die letzten Stunden abwaschen – die Zerstörung, die Toten und das ganze Leid, das er hatte mit ansehen müssen.
Zur gleichen Zeit verließ Tony Blair das Gleneagles Hotel in den schottischen Ochil Hills nahe Edinburgh und die dort seit dem Vortag stattfindende G8-Gipfelkonferenz, um sich ein Bild von den Vorfällen in London zu machen.
Er verhandelte mit George W. Bush, Wladimir Putin und den Regierungschefs der wichtigsten Industrienationen über ein Hilfspaket von drei Milliarden Dollar für die palästinensischen Autonomiegebiete. Sein Ziel war es, mit den Zahlungen den Friedensprozess im Nahen Osten zu fördern.
Nach seiner Rückkehr verfolgte er das Thema nicht weiter, die Hilfe für die arabischen Regionen wurde zur großen Zufriedenheit Israels eingefroren. Das Hauptthema der Konferenz war nun die Bekämpfung des Terrors und die davor laut gewordenen Überlegungen der britischen Regierung, sich von den Konfliktherden in Afghanistan und dem Irak zurückzuziehen, wurden verworfen. Man entschied, an der Seite der USA mit aller Härte weiter am Krieg teilzunehmen.
Heute
1
Die gleichmäßig graue Wolkendecke ließ zum ersten Mal in diesem Winter feine Flocken auf die Londoner Innenstadt fallen. Unten auf der Straße verwandelten sie sich in hellbraunen Matsch, der den Fahrern, die an diesem Freitagnachmittag Anfang Dezember unterwegs waren, schlitternde Bremsmanöver bescherte. Schon wenige Zentimeter Schnee konnten die Metropole an der Themse vollkommen lahmlegen – es gab ihn selten, man war nie darauf vorbereitet und kaum ein Fahrzeug in England fuhr mit Winterreifen.
Lena stand beim Fenster im letzten Stockwerk des Aldersgate Towers, dem dunkelblauen Glaskomplex mitten in der City, der beim Postman’s Park neben dem historischen Museum von London aufragt. Sie schaute fasziniert über die Dächer der Londoner Börse und der Temple Bar auf die sich langsam weiß färbende Kuppel der St. Pauls Cathedral, die zum Greifen nahe schien. Wie der frisch gestärkte Reifrock einer eleganten Frau aus dem vorigen Jahrhundert, so kam ihr das gewölbte Dach des Doms vor.
Dahinter wand sich die Themse in einer weiten Linksbiegung durch die Millionenstadt. Auf den Brücken, die von hier aus zu sehen waren, pulsierte dichter Verkehr. Alles war geschäftig auf den Beinen nach Hause oder am Einkaufen für das bevorstehende Wochenende und staute in überfüllten Fahrbahnen nach allen Richtungen quer durch die Stadt. Lena genoss den Anblick des bunten Treibens, es fühlte sich lebendig an und für eine Journalistin konnte hinter jedem der Menschen eine Story stecken, die es wert war, erzählt zu werden.
In dem eleganten Office-Building, hoch über den Dächern der Stadt, residierte das Redaktionsbüro Barod International, für das Lena seit letztem Sommer arbeitete. Sie kannte Shyam Barod, den Besitzer der Firma, schon lange aus der Branche. Ihr gefiel seine Entschlossenheit, heikle Themen aufzugreifen. Shyam hatte eine gute Hand für Storys, was der Grund für seinen Erfolg und die rasche Karriere war. Mehrmals hatte er bereits versucht, Lena von ihrem alten Job abzuwerben, bis sie ihm schließlich die Reportage anbot, die sonst niemand machen wollte: Business and Terror – Wer profitierte vom Anschlag am elften September?
Er bewies auch diesmal Mut, griff sofort zu und gab Lena ein eigenes Sendeformat für politische Dokumentationen. In ihrer Reportagereihe Behind Headlines sollten regelmäßig anspruchsvolle Hintergrundberichte zu politischen Ereignissen erscheinen, die er plante, in allen wichtigen News-Kanälen Englands unterzubringen.
Lena ging zurück in den Besprechungsraum, wo schon einige vom Team, die andere Programmschienen betreuten, warteten. Alle sahen gespannt auf Shyams jungen Assistenten Clark, der die Statistiken betreute und die Listen mit den laufenden Quoten ausgebreitet vor sich liegen hatte.
»Ja, euer Chef-Analyst sagt euch«, eröffnete er lachend die Runde, »wir haben wieder einmal den Vogel abgeschossen.«
Der quirlige Clark war erst Anfang dreißig, stets bester Laune und mit seinen bunt gemusterten Sakkos der schräge Vogel in der arrivierten Mannschaft. Er nahm die Kopien von den Berichten und schob sie über den Tisch, während sich Lena bei der Kaffeemaschine neben dem Eingang einen Cappuccino zubereitete.
»Vier unserer aktuellen Reportagen sind in ganz England gelaufen, zwei haben sich auch nach Deutschland, die Schweiz und Frankreich verkauft und dein Bericht über die neuen Entwicklungen in der IRA«, er nickte einem älteren Mitarbeiter mit dunklem Haarzopf und runder Nickelbrille zu, »hat es bis nach Übersee geschafft – gratuliere, tolle Arbeit. Aber diesmal habt ihr es schwer, Lenas neues Reportformat hat alle Erwartungen übertroffen.«
Clark stand auf und winkte Lena mit einer einladenden Geste zu sich. Sie warf Zucker in ihre Tasse und ging umrührend hinüber zum Tisch.
»Sensationell«, fuhr er fort und hielt ihr den Ausdruck hin, »deine Story über 9/11 hat sich bisher in zwölf Länder verkauft, darunter USA, Japan, Australien und Island – dort hatten wir noch nie etwas auf Sendung – und wurde insgesamt dreißig Mal ausgestrahlt. In Amerika warst du damit im Hauptabendprogramm und hast eine Welle von erbosten Reaktionen der konservativen Republikaner ausgelöst, die auf den sozialen Netzwerken deine Spekulationen zur Beteiligung der Waffenlobby an den Vorgängen empörend fanden. Es ist daher anzunehmen, dass du ins Schwarze getroffen hast. Mehr als dieses Echo kann man sich für eine Reportage nicht wünschen …«
Alle Kollegen pochten mit den Knöcheln anerkennend auf die Tischplatte und Lena rührte verlegen im Cappuccino.
»Und von Shyam, der nicht hier sein kann, weil er in der Schweiz zu tun hat«, warf Ruth ein, die auch beim Tisch saß, »soll ich dir ebenfalls ausrichten, dass er froh über den Erfolg deiner ersten Arbeit für uns ist.«
»Danke euch, das freut mich sehr. Es war oft an der Kippe, ob ich das Thema gegen den politischen Widerstand durchbringe«, sagte Lena und ihre Augen wurden feucht, »auch habe ich einen lieben Freund in dieser Zeit verloren.«
»Ich weiß: Niels«, sagte Ruth tröstend. »Er war ein bemerkenswerter Kollege, den auch wir sehr geschätzt haben. Schon deshalb ist es wichtig, dass deine Sendung jetzt eine derartige Anerkennung findet.«
Lena setzte sich an den Tisch und verfolgte die weiteren Gespräche mit dem wehmütigen Gefühl, dass Niels nicht mehr da war, aber auch mit Zufriedenheit ob des neuen Jobs. Sie arbeitete gerne in dieser ruhigen, sachlichen Crew und sie mochte Ruth, Shyams Mutter, gut leiden. Sie war eine große, elegante Frau Mitte sechzig, hatte kurze dunkle Haare mit einer Silbersträhne und trug mit Vorliebe streng auf Figur gearbeitete Hosenanzüge. Ruth mischte sich in Shyams Leitung der Redaktion nicht ein. Sie machte mit Clark zusammen die Statistiken, half bei der Buchhaltung und absolvierte gelegentlich die offiziellen Termine, wenn ihr Sohn unterwegs war.
»What’s next?«, fragte sie Lena nach der Besprechung, als nur noch sie beide und Clark im Raum waren, zu deren neuen Plänen. »Hast du schon ein Folgeprojekt im Auge, das 9/11 toppen kann?«
»Was schwer sein wird, denn es gibt nicht viele Ereignisse, die von so allgemeinem Interesse sind«, gab Lena zurück. »Ich werde jetzt einmal über die Feiertage ausspannen und überlegen.«
»Wenn du möchtest«, warf Clark dazwischen, »stehe ich dir gerne bei einem gediegenen Abendessen für ein privates Brainstorming zur Verfügung.«
Lena schmunzelte über die Formulierung. Clark behauptete, er stamme von einem alten Adelsgeschlecht ab und versuchte, alle Frauen damit zu beeindrucken.
»Das ehrt mich sehr«, antwortete sie amüsiert, »aber die Antwort ist wie immer …«
»Du wirst das eines Tages bereuen«, ergänzte er und legte die Stirn in Falten. »Sobald ich die elterlichen Ländereien in Sheffield erbe, würde ich dich mitnehmen.«
»Ganz bestimmt«, Lena blinzelte ihn an, »und glaube mir, wenn ich zehn Jahre jünger wäre …«
»Also«, unterbrach Ruth das scherzhafte Geplänkel der beiden und wurde wieder sachlich. »Was sage ich Shyam, wenn er zurückkommt?«
»Dass ich meine zwei Wochen Urlaub benutze, um die Themen zu sondieren«, meinte Lena und packte ihre Sachen. »Ich melde mich dann nach Weihnachten bei ihm.«
»Sehr gut, nach dem Erfolg mit deiner neuen Sendung sollten wir nicht zu lange warten. Wie du ja selbst weißt, die Leute lieben Sensationen und wollen gefüttert werden.«
Lenas Wolljacke lag auf dem Beifahrersitz, die Heizung des schwarzen Mini Coopers blies auf der größten Stufe warme Luft in den Fußraum und der USB-Stick mit Chris Reas Driving home for Christmas steckte im Player – besser geht’s nicht, dachte sie.
Der Verkehr hatte etwas nachgelassen, trotzdem ging es nur zäh voran. Für die zwanzig Kilometer bis nach Twickenham im Südwesten der Großstadt, wo Lena ihr Haus hatte, würde sie mehr als die übliche Stunde brauchen. Nur heute störte sie das nicht. Im Gegenteil, sie überlegte sogar, stehen zu bleiben, um einen Bummel einzulegen.
Obwohl sie im Winter ihrer Leidenschaft – mit dem Motorrad über die englischen Landstraßen zu flitzen – nicht nachgeben konnte, liebte sie diese Jahreszeit. Die letzten Wochen vor Weihnachten waren für sie schon immer etwas Besonderes gewesen. Die Menschen waren freundlich, zumindest bemühten sie sich, wenn man sie daran erinnerte, und die beleuchteten Dekorationen gaben den Straßen und Plätzen der Innenstadt ein festliches Flair. Wenn dann, so wie jetzt, auch noch Schnee fiel, mischte sich das letzte Licht des Spätnachmittags mit der Straßenbeleuchtung zu einer ganz eigenen Stimmung, die Lena an ihre Kindheit in Dänemark erinnerte.
Der kleine Ort in der Nähe von Aalborg, in dem sie aufgewachsen war, bis die Familie nach England zog, lag ebenfalls am Wasser. Der Abendhimmel über dem engen Fjord, der zur Ostsee hinauslief, hatte im Winter die gleiche rötliche Färbung in der Dämmerung. Überhaupt war das Klima durch die Nähe zum Meer ähnlich feucht und frisch wie in England. Anfangs hatte Lena unter der Umstellung sehr gelitten. Sie war erst sechs, als ihr Vater die Anstellung bei der dänischen Handelsmission in London bekam und sie von dem Dorf in die Metropole übersiedelten. Später als Teenager war sie froh, der Enge der Landgemeinde entkommen zu sein. Sie blieb dann auch in England, als ihre Eltern wieder zurückgingen. Dennoch pflegte sie ihre dänischen Freundschaften und kümmerte sich regelmäßig um die Familie in Aalborg.
Vielleicht fahre ich zu den Feiertagen wieder einmal hin, überlegte sie, während sie auf der Great Chertesey Road über die Chiswick Bridge fuhr. Die Weite des Watts in Dänemark hatte im Winter ein außergewöhnliches Flair. Wie so oft spielte sie mit dem Gedanken, sich dort für ihren Ruhestand im Alter ein Haus zu kaufen, doch in Wahrheit empfand sie die dänische Provinz bei jedem Besuch als beengend und fuhr gerne wieder nach London zurück.
Es war ein turbulentes Jahr gewesen, das sich dem Ende zuneigte. Das Aufdecken der miesen Geschäfte des Rüstungstycoons Bronsteen und seines korrupten Umfeldes, bis hin zu dessen Verstrickung in die Anschläge auf das World Trade Center, hatte ihr großes berufliches Ansehen gebracht. Verglichen mit ihrem tragischen Verlust kam ihr das jedoch bedeutungslos vor. Sie würde den ganzen Erfolg, den neuen Job und die gesamte Anerkennung gegen einen einzigen weiteren Tag mit Niels eintauschen. Anfangs hatten sie nur beruflich miteinander zu tun gehabt, später unternahmen sie rasante Motorradtouren durch die englische Landidylle, auf denen Lena sich in den eigenwilligen Sturkopf verliebte, der ihr in vielem sehr ähnlich war. Schließlich – eine endlose Zeit später – funkte es auch bei ihm. Niels, der sonst gerne raubeinig tat, erwies sich als gefühlvolle Ergänzung. Nach einigen belanglosen, ernüchternden Beziehungen genoss sie diese Partnerschaft.
Zweieinhalb Wochen später musste er zu einer sehr riskanten Recherche, die ebenfalls mit Bronsteens Netzwerk zusammenhing, und kam nicht mehr zurück. Offiziell hieß es, er wäre Opfer eines Raubüberfalls im nächtlichen Rom geworden, doch Lena wusste genau, wer wirklich dahintersteckte. Sie hatte keine Chance gehabt, die Sache zu verhindern oder Niels irgendwie davor zu bewahren. Dessen ungeachtet machte sie sich Vorwürfe und das dumpfe Gefühl, versagt zu haben, blieb. Dagegen halfen weder die Aufdeckung von Bronsteens Machenschaften noch dessen späterer Tod.
Ich brauche etwas zu essen, fiel ihr ein, was die aufkommende Traurigkeit unterbrach. Sie lenkte ihren Mini auf einen freien Parkplatz in der Nähe der kleinen Pizzeria auf der Hauptstraße. Sie hatte keine Lust zu kochen und hier gab es riesige Family-Pizzen zum Mitnehmen für sechs Pfund. Bei so einer würde sie jetzt zuschlagen, die reichte fürs ganze Wochenende. Lena kramte nach Münzen in ihrer Jacke. Normalerweise fütterte sie die Parkuhr korrekt, weil die Strafen saftig waren, wenn man erwischt wurde. Nur jetzt fand sie absolut kein Kleingeld und würde auch in wenigen Minuten wieder zurück sein. Daher ging sie das Risiko ein und ließ das Auto, ohne zu bezahlen, stehen.
Während der Vietnamese, dem das Lokal gehörte, ihre Pizza machte, ging sie nebenan in das Lebensmittelgeschäft und holte Milch und Schokolade – jetzt war sie für das Wochenende gerüstet. Spontan fiel ihr ein, dass sie die Winterhosen aus der Reinigung holen sollte, bevor diese schloss. Sie schaute, ob eine Parkplatzkontrolle in der Nähe war, doch alles sah unverdächtig aus. Deshalb lief sie schnell zum Dry Clean und war rechtzeitig zurück, als die Pizza aus dem Holzofen kam. Geschafft – zehn Minuten und kein Parkticket!
Der Duft der frischen Pizza mit Schinken und Mozzarella war zu verlockend, daher knabberte sie bereits ein Stück vom knusprigen Rand, als sie den Mini vor ihrem Haus in der Queens Road ausrollen ließ.
Ich werde es mir zwei Tage lang gemütlich machen, dachte sie, fernsehen und den halben Sonntag verschlafen. Ihre Umhängtasche und die Pizzaschachtel in einer Hand balancierend, ging sie die Stufen zum Eingang hoch, suchte mit der anderen den Schlüssel in ihrer Jacke und sperrte auf. Am Boden im Vorraum lagen die Post und Berge von Werbeprospekten. Seit beinahe zehn Jahren wohnte Lena hier und genauso lange nahm sie sich vor, einen größeren Postkorb hinter dem Briefschlitz anzubringen. Sie schob den Papierstapel mit dem Fuß beiseite, ging in den Flur zur Kleiderablage und drehte im Vorbeigehen die Heizung größer.
Sie liebte ihr Haus in der ruhigen Vorstadt im Südwesten Londons. Der rotbraune Backsteinbau mit dem vorspringenden Erker, dem hellen Steinbogen rund um die Eingangstür und den weißen Holzfenstern, die mit Sprossen in lauter kleine Quadrate unterteilt waren, strahlte eine heimelige Atmosphäre aus. Eigentlich war es für sie alleine reichlich groß – unten befanden sich eine Wohnküche mit Ausgang in den Garten, das Bad und eine verglaste Veranda, die Lena auch als Arbeitsraum benutzte. In der oberen Etage waren Wohnzimmer, Schlafzimmer mit Balkon und Kinderzimmer, das mangels Nachwuchs als Garderobe und Bügelzimmer diente.
Lena hatte das Haus gleich bei der ersten Besichtigung gekauft, da sie vor dem Treffen mit dem Makler einen ausgedehnten Spaziergang in Twickenham unternommen und sich in den beinahe ländlich wirkenden Ort an der Themse sofort verliebt hatte. Einstweilen fiel ihr die Vorstellung schwer, anderswo zu leben. Sie kannte jeden Laden auf der zentralen Heath Road, mochte die Gespräche mit den Inhabern der Einkaufsläden und hatte ihre Lieblingslokale, wenn ihr einmal nach Zerstreuung war.
Was ihr überdies an der Lage gefiel, war die Nähe zur M3, der Schnellstraße, die sie in wenigen Minuten aus der Stadt hinausbrachte, zu den gewundenen Landstraßen Südenglands, wo sie bei schönem Wetter gerne mit ihrer schnellen Rennmaschine, einer knallroten Suzuki GSX, unterwegs war. Diese stand jetzt gut verpackt in einem Schuppen unten am Fluss und wartete auf das Ende des Winters.
Wenn es kalt war, duschte Lena gerne brennend heiß und nahm sich dann einen großen Pott starken englischen Tee. Das tat sie auch jetzt. Dann ging sie mit der Post hinauf ins Wohnzimmer, kuschelte sich mit der Pizzaschachtel in ihr Sofa und schaltete den Fernseher ein. Der lief ständig, wenn sie zu Hause war, meist nebenher ohne Ton, da Lena befürchtete, sonst wichtige Meldungen zu versäumen. Aber es gab ihr auch das Gefühl, nicht alleine zu sein.
»Ruth hat recht, nach den Reaktionen auf die Sendung wäre es gut, bald etwas nachzuschieben«, murmelte sie und streckte sich.
Lena war – nach Dusche, Tee und Pizza – auf dem Sofa eingeschlafen. Unterdessen war es zehn geworden und sie fühlte sich wieder voll Energie. Sie ging hinunter zu ihrem Schreibtisch in der Veranda. Sie arbeitete gerne nachts, da konnte sie sich am besten konzentrieren und kein Telefon störte. Also füllte sie Kaffee in ihre italienische Espressokanne und stellte diese auf die Herdplatte. Dann holte sie die hellgraue Mappe aus der Schreibtischschublade, die ihr Hawk im Sommer in Paris am Flughafen Charles de Gaulle in die Hand gedrückt hatte. Die beiden warteten dort, nach den Ereignissen um Bronsteen, die Lena dann in ihrer Reportage über die New Yorker Anschläge verarbeitete, auf ihre Anschlussmaschinen. Sie flog zurück nach London und Hawk wieder nach Washington.
»Ich wollte Ihnen etwas geben, was mich schon seit längerer Zeit beschäftigt«, hatte er gesagt und eine Bemerkung über mögliche Zusammenhänge zwischen dem Mossad und den Attentaten in der Londoner U-Bahn gemacht.
»Aber das waren doch arabische Terroristen«, antwortete Lena verwundert darauf, wobei Hawk da offenbar gegenteiliger Meinung war.
Sie kannte ihn, seit sie mit ihren Recherchen gegen die Lobbyisten der Rüstungsindustrie begonnen hatte. Schon damals brachten seine Unterlagen Lena auf die heiße Spur der korrupten Politiker. Und er war es auch gewesen, der später den entscheidenden Hinweis gegen Bronsteen entdeckte.
Hawk arbeitete lange Jahre für das Weiße Haus als historischer Berater und sammelte dort in aller Stille auch so manch geheime Information. Als er dann vor fünf Jahren seinen Ruhestand antrat, begann er Vorträge an Universitäten zu halten und sein Wissen für die politische Bildung von jungen Studenten einzusetzen.
Wenn er ihr etwas zuspielte, gab es dafür auf jeden Fall triftige Gründe. Allerdings war sie in den letzten Monaten so beschäftigt gewesen, dass sie keine Ruhe gefunden hatte, die Mappe durchzusehen. Aber nun, da sie nach einem neuen Thema suchte, war es an der Zeit zu erfahren, welchen Dingen Hawk diesmal auf der Spur war.
LONDON stand in großen Lettern auf dem Umschlag, drinnen gab es eine Reihe von Fotos aus dem Jahr 2005 von den Anschlägen in der U-Bahn, Bilder von den Überwachungskameras auf den Stationen und dann fand Lena Pressemeldungen aus verschiedenen Zeitungen.
Am Rand der Ausschnitte standen zum Teil Hawks Gedanken darüber, auf manchen Fotos klebten Textstellen und einiges war mit Rotstift angestrichen. Auf den ersten Blick nur eine Auflistung der Ereignisse, dachte Lena, als sie die Papiere durchging. Sie erinnerte sich deutlich an den Tag, sie war wegen einer Recherche außerhalb Londons unterwegs und hörte die Nachricht im Radio.
Sie blieb bei einer Meldung hängen, dass es keinen sicheren Beweis für die Herkunft der Attentäter gäbe, da alle Kontrollkameras bei den Zugängen zur Underground und an der Bushaltestelle an dem Tag ausgefallen waren. Eine Identifizierung sei daher nicht möglich. Hawk hatte eine Stelle markiert, in der behauptet wurde, einer der beschuldigten Männer wurde angeblich noch nach den Anschlägen woanders fotografiert.
Wenn einer der Täter es nicht gewesen war, ist das auch bei den anderen fraglich, überlegte Lena. Auch der Ausfall aller Kameras war seltsam. In der U-Bahn kann das schon mal geschehen, aber dass gleichzeitig auch die Überwachung der Busstation auf der Straße nicht funktioniert hatte, war ihr zu viel des Zufalls. Und im Haus roch es eigenartig …
»Der Kaffee!«, entfuhr es ihr. Sie sprang hoch und lief in die Küche, wo der Espresso überkochte. Mit einem Geschirrtuch zog sie die brodelnde Kanne von der Platte, goss den Inhalt weg und säuberte den Herd.
»Interessant«, murmelte sie eine halbe Stunde später, nachdem sie Hawks Notizen gelesen und auch die Kopien der Artikel durchgesehen hatte. Nicht alle waren von den Londoner Anschlägen. Lena wunderte sich zuerst, warum Hawk auch Aufnahmen und Zeitungsausschnitte von einem Bombenattentat im Jahr davor mit in die Mappe gelegt hatte. Die Täter kamen aus ganz verschiedenen Lagern, konnten demnach nichts miteinander zu tun haben. Beim näheren Betrachten der Ereignisse fielen ihr dann aber einige Übereinstimmungen ins Auge.
In der Moskauer Metro starben vierzig Menschen, als sich ein junger Tschetschene in einem Tunnel um halb neun Uhr morgens in die Luft sprengte. Wie in London war es ein vorderer Waggon, der durch die Wucht der Detonation schwer beschädigt wurde. Die Wagentüren in der restlichen Garnitur versagten, die Menschen konnten nicht aus dem Zug und Panik brach aus. Man brauchte Stunden, um die Fahrgäste zu der nächstgelegenen Station zu evakuieren.
Sonst gab es keine Gemeinsamkeiten. Der Anschlag war eindeutig ein Rachefeldzug, da Putin zuvor bei erzwungenen Wahlen in Tschetschenien seinen Kandidaten durchgesetzt hatte. Es gab Beschuldigungen, Bekenner und mehrere Verhaftungen, die eigentlichen Drahtzieher des Blutbades wurden dagegen nie ausgeforscht. Dennoch lieferten die Toten von Moskau den Russen einen neuerlichen Grund für die Unterdrückung der Tschetschenen.
Lena blätterte weiter. Ganz hinten in Hawks Mappe lag eine Klarsichthülle, auf der ein Zettel geklebt war. Auf dem stand:
Ich hatte gehofft, meine Überlegungen nach
dem Anschlag in London wären falsch.
Leider waren sie das nicht …
Was meinte Hawk damit? Lena zog die Papiere heraus. Sie betrafen den erst unlängst verübten Anschlag in Brüssel. Der war Lena in lebhafter Erinnerung, hatte doch Niels im März für die London Tribune darüber geschrieben und ihr die furchtbaren Fotos des Gemetzels gezeigt.
In einer Metro der Brüsseler Innenstadt, nahe der Europäischen Regierung, detonierte eine Bombe, die zwanzig Menschen im morgendlichen Berufsverkehr mit in den Tod riss. Bei der Fahndung wurde eine Flagge des Islamischen Staates gefunden, der sich dann später zu den Anschlägen bekannte.
Bereits wenige Stunden danach betonte die westliche Welt die Solidarität mit Brüssel und die entschiedene Verteidigung der europäischen Werte. Im verstärkten Kampf gegen den IS würde man nun enger in der Allianz gegen das Terrorregime zusammenarbeiten – eine strategisch wichtige Entscheidung.
So einen Schulterschluss gegen die arabische Welt hatte es auch nach den Angriffen auf die Londoner U-Bahn gegeben, dachte Lena. Die Briten, die davor überlegten, sich vom Krieg gegen den Irak zurückzuziehen, kämpften dann mit aller Härte weiter und die Finanzhilfe für die Palästinenser wurde zum Großteil eingefroren. Aber das war elf Jahre her und seitdem hatte es jede Menge anderer Gräueltaten in vielen Ländern der Welt gegeben. Und schließlich war es doch immer so, dass Attentäter den Sprengstoff am Körper trugen und für die Tat eine Uhrzeit wählten, wo möglichst viele Leute unterwegs waren.
Sie breitete die Sachen vor sich auf dem Schreibtisch aus. Warum gerade diese drei Anschläge, welche Verbindung gab es und welchen Grund hatte Hawk gehabt, die Mappe nach Brüssel wieder hervorzuholen und ihr zu geben?
Gedankenverloren schob Lena die Pressefotos zur Seite, da bemerkte sie auf der Rückseite von einigen ein großes, dick in Rot gemaltes Rufzeichen. Es waren die Aufnahmen von den zerstörten U-Bahn-Wagen der jeweiligen Anschläge. Hawk wies sie nicht auf den Ablauf der Geschehnisse hin, begriff sie, er meinte vielmehr die Art der Zerstörung, darin musste die eigentliche Parallele bei den Bluttaten liegen. Es konnte demnach nur um die Bomben selbst gehen. Lena flog förmlich durch die Artikel und las die rot unterstrichenen Passagen nochmals ganz genau.
Tatsächlich! Die Zeitungen erwähnten jedes Mal die komplizierte chemische Zusammensetzung des Sprengsatzes, die auf ein enormes technisches Wissen des Bombenbauers schließen ließ. Nachdem die Anschläge an verschiedenen Orten stattfanden und lange Zeit auseinanderlagen, war das bisher niemandem aufgefallen, sie hätte es ohne Hawk auch übersehen.
Schlagartig wusste Lena nun, was die eigentliche Botschaft der unscheinbaren Mappe Hawks. Sie hielt den Atem an:
Hinter all diesen Verbrechen, hinter all den Opfern, stand ein einziger Verursacher – einer, der alle diese Bomben gebaut hatte, einer, der skrupellos für jede Seite arbeitete, einer, der wieder begonnen hatte, eine Spur der Verwüstung zu ziehen.
2
Der Blick über den Genfer See war an diesem Morgen atemberaubend. Die Bäume am Quai du Mont-Blanc streckten ihre dunkelfeuchten Winterarme, deren Spitzen dicht mit weißem Reif überzogen waren, in den klaren Himmel. Dahinter, im blitzenden Wasser des Sees, abgedeckt mit eisstarren Planen, lagen einige Boote in der tief stehenden Sonne.
Jan Nimhaaven saß im Cottage Café, dem kleinen Ziegelbau mit Holzdach am Südufer des Sees, direkt hinter dem Brunswick Monument, dem bedeutenden Grabmal Herzog Karls des Zweiten. Er mochte das Lokal in dem alten Gebäude mit seinen dunklen Parkettböden, den kitschigen Stuckdekorationen und den charmant antiquierten Möbeln vom Flohmarkt. Es hatte etwas sehr Individuelles, ohne aufdringlich zu sein, und auch etwas Beruhigendes, was die Konzentration förderte. Wenn er in Genf zu tun hatte, in seinem Job war dies relativ oft der Fall, ging er nach dem Frühstück im Hotel stets hierher, nahm einen kleinen Mokka, dachte über seine Vorhaben nach und bereitete sich auf die Sitzungen des Tages vor. Die freundlich entspannte Atmosphäre, die hier auch schon früh um acht herrschte, empfand er als angenehmen Gegensatz zu den geschäftlichen Terminen, bei denen jeder versuchte, sein Pokerface aufzusetzen, um sich nicht durch eine persönliche Haltung angreifbar zu machen.
Nimhaaven war Mitarbeiter der Europäischen Kommission und einer der geladenen Delegierten bei den Genfer Gesprächen. Diese informellen Beratungen fanden in regelmäßigen Abständen zwischen Europa und Amerika statt. Durch ein umfassendes Programm zu grundsätzlichen Problemen kam den Treffen eine besondere Bedeutung zu. Auf diskret neutralem Boden wurden die prinzipielle Haltung der Nato zu wichtigen Angelegenheiten erarbeitet und die Weichen für eine gemeinsame Vorgehensweise gestellt.
Heute war ein bedeutender Tag für den niederländischen Abgeordneten, denn er übernahm den Vorsitz in einer der Arbeitsgruppen, die am Rande der Tagung stattfanden und die er selbst initiiert hatte. Es ging um die Siedlungspolitik Israels – ein Thema, das ihn seit Jahren beschäftigte und bei dem er ständig versuchte, die Union zu einem schärferen Vorgehen zu bewegen. Nimhaaven war ein erklärter Gegner Israels, was er gerne hinter politischen Sachargumenten verbarg. Die meisten Länder der EU, auch sein eigenes, waren sehr vorsichtig in ihren Aussagen und auch mit den USA war nicht zu rechnen. So hatte es lange gedauert und viel an Lobbyarbeit bedurft, um seine Kollegen für Verhandlungen über einen Boykott zu gewinnen. Den Ausschlag gab schließlich der französische Delegierte Bernhard Roux, der großes Ansehen bei den Mitgliedern genoss und sich von den Argumenten überzeugen ließ.
Nimhaaven stand auf und zahlte seine Mokkas, drei waren es gewesen. Es wurde langsam Zeit, hinüber ins Kempinski zu gehen, das nur fünf Minuten entfernt an der gleichen Uferpromenade lag. Er wollte sich auf dem Zimmer frisch machen und sein Eröffnungsreferat durchgehen.
Es war klirrend kalt und der Wetterbericht der Acht-Uhr-Nachrichten meldete für Genf die ersten Tage mit Temperaturen unter minus zehn Grad für das zweite Wochenende im Dezember. Die sonst gut frequentierten Gehwege entlang des Ufers am Quai schienen wie leergefegt. Jeder, der am Samstag zu dieser Stunde schon unterwegs sein musste, saß im Auto, nahm die Tram oder benutzte einen der Trolleybusse.
Trotz der Kälte trug Nimhaaven nur eine kurze Jacke und keine Kopfbedeckung. Mit seinen hundertdreißig Kilos litt er unter zu hohen Temperaturen und fürchtete bereits die lange Sitzung im überheizten Léman B, dem Tagungsraum, den sein Sekretariat für das Wochenende gemietet hatte. Es war das kleinste Besprechungszimmer des Hotels, aber seine Arbeitsgruppe bestand vorerst nur aus fünf Mitgliedern.
Er mochte das Hotel mit seinen antiquierten Suiten, den Marmorbädern und dem riesigen Glasportal, dessen Eingang man von der Straße aus über eine Holzbrücke erreichte. Architektonisch war es ein ziemlicher Klotz, doch innen erinnerte ihn das Foyer – mit dem spiegelnden Steinboden und dem von innen beleuchteten Rezeptionspult – an Las Vegas, wohin er sich mindestens einmal im Jahr eine Reise gönnte und seiner Spiellust frönte. Im guten alten Europa hatte er das strikt unter Kontrolle, ging nur ab und an in ein Casino, um die Atmosphäre zu schnuppern. War er aber in einem der Spielertempel in der Wüste Nevadas, unbeobachtet und unter Gleichgesinnten, gab es kein Halten mehr. Nicht selten verzockte er in wenigen Tagen die Hälfte seines Jahreseinkommens, das mit allen Vergütungen, Taggeldern, Spesenabgeltungen und Zusatzeinnahmen für diverse Gefälligkeiten so um die Dreihunderttausend betrug. Was soll’s, dachte er dann, man lebt nur einmal und als bekennender Single habe ich keine Familie, für die ich sorgen müsste.
Er fuhr hinauf in seine Junior Suite mit Seeblick, schlüpfte aus seiner Jacke und der Cordhose und duschte ausgiebig. Danach föhnte er seine schütteren Haare, damit sie exakt die kahlen Stellen überdeckten, zog seinen dunkelgrauen Anzug an und entschied sich für die weinrote Krawatte mit den feinen weißen Punkten.
»Wie Ihnen allen hinlänglich bekannt ist, sind in den letzten zwanzig Jahren über dreißig Milliarden Dollar in die Palästinensergebiete geflossen, die zum Großteil in unkontrollierbaren Firmengeflechten versickern. Alleine von uns, der Europäischen Union, kamen mindestens acht Milliarden, der Rest aus den USA, den Golfstaaten und aus verschiedenen Sozialwerken der Vereinten Nationen.« Nimhaaven war mitten in dem Referat und in seinem Element. Endlich kam Bewegung in die Sache. Er schob mit einer zufriedenen Geste seine randlose Brille zurecht, um besser lesen zu können, und ging in seinem Text weiter. »Von den Zahlungen profitiert nicht die Bevölkerung, sondern überwiegend Konzerne, die sich in Gaza und im Westjordanland bedienen. Die Gründe sind Korruption und verfehlte Siedlungspolitik.«
Er sah in die Runde, die seinen Ausführungen eher gelangweilt folgte. Nur einer der Teilnehmer machte sich Notizen.
»Bereits seit längerem gibt es deshalb strengere Zollgesetze für diese Gebiete und Projekte dieser Unternehmen erhalten keine Fördergelder mehr«, fuhr Nimhaaven fort. Er entschloss sich, den Vortrag abzukürzen und zum entscheidenden Punkt zu kommen. »Der Effekt dieser Maßnahmen ist aber bislang gering, womit es – im Interesse der Menschen – an der Zeit ist, eine härtere Gangart einzuschlagen und eindeutige Sanktionen gegen Israel zu verhängen. Der erste Schritt muss daher sein, die finanziellen Mittel einzufrieren und die geplanten Investitionen auszusetzen, bis die bestehenden korrupten Kanäle trockengelegt sind.«
*
Ron Gazzarah saß in der zweiten Etage des Kempinskis bei einem der Panoramafenster der Floor-Two-Lounge und nippte an dem Black Russian on the rocks, ein doppelter Wodka mit Kaffeelikör, den die Bedienung eben gebracht hatte. Er war von der israelischen Botschaft als offizieller Medienbeobachter der Gespräche akkreditiert, die wirklichen Gründe für den Besuch in Genf lagen für einen Operationschef des Geheimdienstes aber auf anderen Gebieten. Er warf keinen Blick hinaus auf den See oder die spektakuläre Kulisse der Alpen dahinter. Der herrliche Tag vor den Fenstern interessierte ihn nicht. Die Dinge spitzten sich auf mehreren Ebenen zu – von seinem Informanten in der Arbeitsgruppe Nimhaaven wusste er, dass die Entwicklungen demnächst eine härtere Gangart erfordern würden, vom verdeckt laufenden Einsatz im Libanon fehlte jegliche Information und später musste er noch diesen unangenehmen Kanadier abwimmeln. Er checkte zum wiederholten Mal seine Mails, wieder war keine aus Beirut dabei.
»Ah, Ron, ich habe dich schon in der Bar gesucht.«
Die sonore Stimme beendete Gazzarahs Suche nach einer Mail. Er steckte sein Handy ein und begrüßte den eleganten Herrn, der zum Tisch getreten war.
»Bitte, Moshe«, sagte er und deutete auf den Fauteuil gegenüber, »nimm doch Platz.«
Obwohl sie einander schon lange kannten und sich mit Vornamen ansprachen, gingen sie äußerst förmlich miteinander um. Moshe Ben-Ilan saß auf einer Schaltstelle im israelischen Außenministerium und war der kommende Mann in der Politik des Landes. Er war noch nicht einmal fünfzig, mit seinem hohen Haaransatz und dem kurzen, schon gänzlich grauen Vollbart wirkte er aber deutlich älter. Dazu trugen auch seine kalten Augen unter den buschigen Brauen und der schmallippige Mund bei, die seinem Gesicht einen leicht überheblichen Ausdruck gaben.
»Danke.« Ben-Ilan öffnete sein teures Wollsakko, strich die dezent gemusterte Weste glatt und setzte sich. Er war zu einem Termin mit dem israelischen Botschafter in der Schweiz, so konnte er sich ohne Aufsehen mit dem Geheimdienstmann treffen, um sich über die neuesten Entwicklungen informieren zu lassen. »Und, Neuigkeiten?«
»Leider ja«, Gazzarah war die knappe, unfreundlich klingende Sprechweise Ben-Ilans gewohnt und nahm sie nicht persönlich. »Es geht in die erwartete Richtung.«
»Du hast es aus erster Hand?«
»Mein Informant, einer der Teilnehmer in der betreffenden Arbeitsgruppe, ist bei allen Sitzungen dabei.«
»Der Kontakt ist zuverlässig?«
»Über jeden Zweifel erhaben, dafür verbürge ich mich. Man spricht von weiteren Sanktionen.«
Ben-Ilan zog unmerklich die Augenbrauen zusammen, sein Mund wurde noch schmaler als sonst.
»Das wäre eine Katastrophe, Ron«, sagte er nach einer Pause, »schon die bisherigen Maßnahmen der Zollpolitik und die reduzierten Förderungen lassen potente Investoren abwandern. Verschärfte Sanktionen hätten verheerende Folgen für die Wirtschaft unseres Staates.«
»Ganz zu schweigen vom Imageverlust, wenn wir das hinnehmen würden«, pflichtete Gazzarah bei. »Nimhaaven spricht offen über einen Boykott!«
»Dieser fette holländische Antisemit!«, rutschte es Ben-Ilan heraus. Er beugte sich weit vor, sprach leise und blickte dabei wie zufällig an Gazzarah vorbei zum Fenster hinaus. »Diese Idee darf niemals als Antrag den Weg in ein Plenum finden.«
»So weit ist er zum Glück nicht.«
»Aber solche sturen Fanatiker warten nur auf die passende Gelegenheit, die sie benutzen können, um ihren Scheiß durchzubringen. Wir müssen jederzeit bereit sein zu reagieren.« Er lehnte sich wieder zurück und sagte gedehnt: »Jederzeit, Ron! Haben wir uns in diesem Punkt verstanden?«
»Zweifellos, aber wie sieht die Rückendeckung aus?«
»Keine Sorge, unsere Leute stehen voll dahinter, nur es muss an der Regierung vorbeigehen und es darf keinerlei Verdacht auf mich fallen. Wir haben unzählige politische Seilschaften«, Ben-Ilan machte eine wegwerfende Handbewegung, »die zu viele Interessen und nicht die nötige Entschlossenheit haben. Israel wird es uns danken, Ron, wenn erst die richtigen Leute am Ruder sind.«
Gazzarah nickte mechanisch und leerte sein Glas. Das Eis war mittlerweile zergangen und der Wodka schmeckte schal. Was ist aber, wenn die richtigen Leute nicht ans Ruder kommen?, hätte er sein Gegenüber gerne gefragt, verkniff es sich aber. Ben-Ilan baute mit viel Geschick ein eigenes Netzwerk im Hintergrund auf, um in dem Augenblick, wo sein Einfluss groß genug war, das politische Ruder an sich zu reißen. Gazzarah wusste, dass er sich auf ein äußerst gefährliches Spiel einließ, aber war diese Gruppierung erst am Zug, würde auch er in die absolute Führungsriege im Mossad aufsteigen. Der Nachrichtendienst unterstand nur dem Premier, der zugleich auch Außenminister war. Das bedeutete, im Zentrum der Macht zu sein und genau da wollte Ron Gazzarah hin.
»Ich kümmere mich darum«, sagte er daher und wischte seine Befürchtungen beiseite. »Der Plan ist …«
»Erspar mir die Details.« Ben-Ilan winkte ab. Er vermied es, über schmutzige Dinge genau Bescheid zu wissen. Wesentlich war nur, dass sie funktionierten. »In der anderen Aktion läuft alles?«
»Ja, natürlich! Keinerlei Probleme, es ist alles im Griff«, antwortete Gazzarah schnell, um nicht durch eine Pause seine Unsicherheit zu zeigen, weil er aus Beirut noch keine Nachricht von seinem Team hatte. Aber das brauchte der Politiker nicht zu wissen.
»Gut, Ron«, sagte Ben-Ilan knapp und erhob sich, »ich muss weg, zu einem Termin in der Botschaft.«
Damit ging er – nur mit einem Kopfnicken und ohne Gruß.
»Eitler Arsch«, brummte Gazzarah unhörbar hinter ihm her, sah auf die Uhr und stand ebenfalls auf.
Er musste zu dem Treffen mit dem verdammten Kanadier in das chinesische Restaurant des Hauses, wo sie zum Essen verabredet waren. Er hatte Hunger und hoffte nur, dass ihm dieser bei der bevorstehenden Unterhaltung nicht vergehen würde. Während er in den Lift stieg, um in die Etage darunter zu fahren, zog er sein Mobiltelefon aus der Tasche und checkte, ob eine Mail aus Beirut eingetroffen war. Aber das Display zeigte: No Messages.
»Hey! I’m here!«
Der asiatische Kellner, der die Silberplatte mit den gebackenen Garnelen auf dem Serviertisch abstellte, zuckte zusammen. Dann legte er dem Gast das Essen vor, ohne sich anmerken zu lassen, was er über den großen, grobknochigen Glatzkopf dachte, der sich aus dem Sessel hochschraubte und – quer durch das Lokal – lautstark seinem Besucher winkte.
Das chinesische Tsé Yang im ersten Stock des Hotels war eines der besten Restaurants in Genf, pflegte eine elegante Atmosphäre und bot perfekt zubereitete Delikatessen. Dementsprechend distinguiert waren auch die Gäste, die in dem Lokal den Gaumenfreuden frönten und ob des Benehmens irritiert innehielten.
Doug Whise ließ sich wieder auf den Stuhl fallen und breitete die Hände zur Begrüßung aus.
»Hello Ronny, ich war früher da und habe deshalb schon bestellt«, polterte er, ohne seine Lautstärke auch nur im Geringsten zu vermindern, und deutete auf die Garnelen, als Gazzarah an den Tisch trat.
»Kein Problem«, antwortete der betont leise und nahm den Platz gegenüber ein. Für das saloppe Ronny hasste er Doug.
Der Kellner verbeugte sich und reichte ihm die Speisekarte.
»Danke, die brauche ich nicht«, sagte Gazzarah, der oft und gerne hier aß, »ich nehme als Vorspeise die Teigtaschen mit frischem Ingwer und dann die Spezialität des Hauses.«
»Das Szechuan Rindfleisch auf Sellerie und Lauch – ausgezeichnete Wahl«, erwiderte der Kellner nickend. »Zu trinken darf ich Ihnen traditionell Tee anbieten?«
»Ja, passt gut zum kalten Wetter.«
Der Kellner entfernte sich mit einer weiteren höflichen Verbeugung und Doug, der grinste, weil Gazzarah Tee bestellt hatte, lehnte sich zurück. Er nahm einen tiefen Zug von seinem Bier und wischte sich dann mit dem Handrücken den Mund ab. Manieren waren nie seine Stärke gewesen. Die brauchte er auch nicht, denn Doug trieb sich fast das ganze Jahr über in zweifelhaften Camps in Südländern herum, wo man das Essen einfach aus Dosen löffelte. Das Auffallende an ihm war sein Gesicht mit der Narbe, die die linke Augenbraue in zwei Teile zerschnitt, und dem herben, verbissen wirkenden Mund mit den großen, viel zu weißen falschen Zähnen.
Nach seiner eigenen Definition war Doug ein beliebter Militärberater für einige politische Regime. In Wahrheit war er ein abgehalfterter Söldnerführer, der bei jedem Umsturz für die Seite, die am besten bezahlte, seine dreckigen Finger ins Spiel brachte. Doch inzwischen vermieden es viele Militärberater, ihn und seinen bunten Haufen anzuheuern, da er häufig hohe Kollateralschäden verursachte. Folglich hatte er eine eigene Sicherheitsfirma unter dem klingenden Namen Clearance gegründet und keilte die Aufträge selbst, direkt von den Diktatoren oder Putschisten der Dritten Welt. Freiwillige, die sich gegen guten Sold verdingten, irgendwo Köpfe kaputtzuschlagen, gab es genug, so zählte Dougs Privatarmee unterdessen über fünfzig Mann. Damit war er nun auf größere Aufträge angewiesen, da seine Finanziers, die sich von der Investition in die Idee satte Gewinne erwarteten, langsam begannen, den Geldhahn zuzudrehen.
»Es wäre an der Zeit, über eine breitere Kooperation zu sprechen«, sagte Doug nach dem üblichen belanglosen Smalltalk, zwischen zwei Garnelen, und trank sein Bier gierig in einem Zug aus.
»Über das Thema haben wir schon letztes Mal diskutiert«, versuchte Gazzarah auszuweichen, »ich denke daran, aber es ist recht schwierig.«
»Schwachsinn«, brauste Doug ansatzlos auf, »was kann für dich schon schwierig sein, als Obermacher beim Mos…?«
»Genug«, unterbrach der Geheimdienstmann die unbedachte Äußerung scharf.
Die Leute rundherum schauten auf. Doug maulte irgendetwas, begann aber wieder im Teller zu stochern.
»Bist du vollkommen verrückt geworden?«, setzte Gazzarah leise und eindringlich hinzu. »Halte dich zurück, sonst haben wir uns das letzte Mal getroffen.«
»Das glaube ich nicht«, sagte Doug mit einem harten Blick und einem verächtlichen Unterton. »Ich stehe mit dem Rücken zur Wand. Dir brauche ich nicht zu sagen, was so eine Mannschaft kostet. Ich muss unbedingt einige lukrative Sicherheitseinsätze haben. Du weißt, Ronny, ich würde alles tun, um sie zu bekommen.«
Der Schluss war eine offene Drohung und Gazzarah spürte, wie sich seine Nackenhaare sträubten. Doch wollte er nicht seine eigene Position gefährden, musste er um jeden Preis ruhig bleiben. Wieder einmal rächt sich mein Fehler, dachte er zornig.
Es war vor über zwanzig Jahren gewesen: Ron Gazzarah war damals bei einer Sabotagezelle des Mossad und hatte seinen ersten Einsatz in Bosnien als Kommandant. Er sollte, gemeinsam mit Leuten vom amerikanischen Geheimdienst, eine paramilitärische Gruppe der Weißen Adler ausschalten, die aufseiten der Serben für ihre Brutalität berüchtigt waren. Die Amis setzten, um die eigenen Agenten zu schonen, vermehrt bezahlte Kämpfer ein. Einer dieser Blutsöldner – mit dem Auftrag, die Tötungen zu übernehmen – war der kanadische Waffennarr Doug Whise, der zuvor auf der albanischen Seite mitgemischt hatte und sich gerne auch dafür rekrutieren ließ. Es ging schief. Gazzarah, selbst noch unerfahren, hetzte die Gruppe in einen Hinterhalt und von den zwölf Männern überlebten nur zwei – er und Doug. Um dem drohenden Prozess und einer sofortigen Entlassung zu entgehen, vertuschte er die unschöne Sache mit dessen Hilfe.
Seitdem war er gezwungen, Doug ruhig zu halten und ihm Aufträge zukommen zu lassen. Durch seinen internen Aufstieg bis zum Chiefs of Operations ging das ohne größere Probleme, aber er mochte den Hitzkopf nicht und versuchte, sich diesen mit unbedeutenden Missionen vom Leib zu halten. Doug war für stille Geheimdienstarbeit einfach nicht geschaffen und Gazzarah liebte es, Einsätze mit einer professionellen Lautlosigkeit durchzuführen – in der Vorbereitungsphase.
»Ich sehe, was ich machen kann«, sagte er, um die Situation zu beruhigen. Sein Mobiltelefon meldete mit einem leisen Piepston den Eingang einer Mail. Er wandte sich zur Seite und las die Nachricht. Sein Gesicht wurde starr. »Ich muss dringend weg!«
»Du musst weg?« Doug polterte wieder los. »Ich komme extra von Marokko hierher, um dich zu treffen! Und du musst weg?«
»Ja, es geht eben nicht anders«, er senkte die Stimme, »ich habe einen Einsatz und da ist anscheinend die Scheiße am Dampfen. Das ist eindeutig wichtiger!«
Doug wollte schon wütend hochfahren, doch Gazzarah drückte ihn zurück auf den Stuhl.
»Unter Umständen kann ich etwas in Syrien arrangieren«, sagte er schnell, um dem Kanadier etwas in Aussicht zu stellen, das ihn vorläufig besänftigte und das Gespräch beendete, »da läuft einiges mit dem IS schief. Die Allianz braucht jede Menge Personal.«
»Das wäre ein Anfang.« Doug entspannte sich, der Tonfall blieb aber drohend. »Aber lass dir nicht zu lange Zeit, nicht nur meine Finanzen gehen zu Ende, auch meine Geduld!«
Ron Gazzarah hörte das nur mehr mit halbem Ohr. Er ließ sein Essen stehen, verabschiedete sich knapp von Doug, zahlte im Vorbeigehen seine Rechnung und stürmte die Treppen hinunter.
Unfähig, dachte er aufgebracht, alle unfähig! Dass er sich als Operationschef um eine laufende Angelegenheit persönlich kümmern musste, würde Konsequenzen für die Leute im Libanon haben, das schwor er sich. Aber erst einmal galt es, die Mission ohne großes Aufsehen zu klären. Sein Gehirn lief auf Hochtouren. Er musste in die Botschaft, die Identität wechseln und am Airport Bescheid geben. Er sprang in den silbernen Mercedes in der Tiefgarage. Während er die Nummer des Piloten wählte und auf den Quai hinausbog, hatte er den Kanadier bereits vergessen.
3
Die vorweihnachtliche Atmosphäre des verschneiten Freitagabends war wieder der üblich grauen Londoner Suppe gewichen, als Lena am Sonntag frühmorgens Richtung Stadt fuhr. Es war kalt geblieben und der feine Nieselregen fror auf den Fahrbahnen der Nebenstraßen. Sie war vorsichtig unterwegs, immer wieder schlitterte der Mini, trotz seiner sehr guten Straßenlage, seitlich weg. Ihre Laune passte zum Wetter, denn die Scheiben waren zugefroren gewesen und Lena hatte noch keinen Eiskratzer gekauft. So mühte sie sich mit einem Küchenschaber ab, der für derartige Zwecke als Notbehelf im Auto lag.
Sie hatte gestern bis Mittag geschlafen und dann alle Überlegungen Hawks nochmals überdacht. Falls er recht haben sollte, war der Stoff brisant. Heute war sie um sechs aufgewacht und konnte – den Kopf voller Gedanken – nicht mehr einschlafen. Eigentlich wollte sie das Wochenende über ausspannen, spazieren gehen und den beginnenden Urlaub genießen; doch jetzt sprang sie aus dem Bett und fuhr, entgegen dieser Pläne, ins Büro. Die Redaktion besaß ein umfassendes Archiv mit allen wichtigen Meldungen, auch solchen, die nicht veröffentlicht wurden. Dort gab es die größte Chance etwas zu finden, das die These Hawks bestätigen konnte.
Die Straßen in der Innenstadt waren menschenleer, nur einige verschlafene Fußgänger führten ihre Hunde an der Leine, die in dem eisgrauen Morgen auch nicht sehr erfreut wirkten. Es war erst halb acht, als sie in die Tiefgarage fuhr.
Lena wunderte sich, als sie die Eingangstür zum Büro aufstieß: Es war nicht abgeschlossen und überall brannte Licht. Sie ging vom Entree in das große zentrale Arbeitszimmer, wo die Fotografen und die freien Mitarbeiter ihre Plätze hatten – nichts.
»Lena?«, fragte die Stimme hinter ihr.
Sie drehte sich um. Es war Clark, der mit einer Tasse Tee aus der Küche kam.
»Du bist schon da? Und noch dazu am Sonntag?«, meinte sie erstaunt.
»Dasselbe könnte ich dich auch fragen!« Clark war bester Laune, ungeachtet der frühen Stunde. »Hast du nach zwei Tagen schon genug vom Urlaub oder ist es die Sehnsucht nach den Kollegen?«
»Nein, es ist der nächste Stoff. Mich lässt da eine Idee nicht zufrieden. Und bei dir?«
»Mich lässt der Boss nicht zufrieden«, er grinste sie an, »unser Herr und Meister kommt gegen Mittag aus der Schweiz zurück. Ruth ist auch da, wir müssen Verschiedenes vorbereiten, er will wissen, was in seiner Abwesenheit los war.«
»Ah, ich dachte, Shyam bleibt länger weg«, meinte Lena, »passt mir aber gut, dann kann ich gleich wegen der nächsten Sendung mit ihm sprechen.«
»Das ging aber schnell«, sagte Ruth, die Lena sprechen gehört hatte und aus ihrem Büro kam, um sie zu begrüßen. »Vorgestern wolltest du noch eine Woche lang gemütlich darüber nachdenken. Was ist es denn?«
»Es geht um den Anschlag auf die Underground bei uns in London.«
»Du meinst von 2005?«
»Genau, aber nicht nur darum, sondern auch um den Vorfall in Moskau davor und um den heurigen Anschlag in Brüssel.«
»Irgendwie blicke ich da jetzt nicht ganz durch«, Ruth schüttelte verständnislos den Kopf, »was haben die miteinander zu tun?«
»Bring mir auch einen Tee«, sagte Lena zu Clark, »dann erzähl ich’s euch.«
»So werde ich ausgenutzt«, maulte Clark scherzhaft.
Lena lachte und warf die Tasche mit dem Laptop auf einen Stuhl, während er zurück in die Küche ging, um ihr eine Tasse Tee einzugießen.
»Das wäre doch ein ziemlich heißes Ding, meint ihr nicht?«, fragte Lena, als sie beim Tee saßen. Sie hatte Hawks Mappe offen, den Inhalt auf dem Tisch ausgebreitet und die beiden in ihre Überlegungen eingeweiht.
»Irgendwie …«, meinte Ruth nachdenklich, da Lena sie auffordernd ansah, etwas zu sagen, »ganz schlüssig kommt es mir nicht vor.«
»Wieso? Allein das Thema London ist schon eine tolle Story, da die Attentäter hier lebten und Briten waren. Diese neue Art von Terrorismus ist das Symbol für einen steigenden Hass gegen die Politik und die Menschen im eigenen Land. Wo hat es das vorher gegeben, außer vielleicht in Nordirland mit der IRA.«
»Oder in Spanien mit den Basken oder gerade in der Türkei mit den Kurden – neu ist das nicht.«
»Für uns in London schon«, verteidigte Lena ihre Idee, »und dann die gleiche Vorgehensweise zu verschiedenen Zeiten, in Ländern, die räumlich weit auseinanderliegen …«
»Ja, gut«, warf jetzt auch Clark ein, »aber gibt es eine andere Möglichkeit? Das Muster muss ähnlich sein. Man bindet sich das Zeug um und geht wo rein, wo viele Leute sind, wie eben die U-Bahn.«
»Und alle verwenden den gleichen Sprengstoff, der ein spezielles Know-how erfordert?«, konterte sie jetzt genervt. »Glaubst du, dieser Zusammenhang ist Zufall? Da muss doch einer dahinterstehen.«
»Zugegeben, es wäre möglich, aber zugleich ist es auch wieder sehr unwahrscheinlich«, meinte Ruth nachdenklich.
Clark deutete auf die Unterlagen. »Ob du da nicht voll auf die Ansicht deines amerikanischen Freundes hineinkippst? Aber bitte, ich bin in solchen Fragen kein Spezialist.«
»Eben!« Lenas Augen funkelten. »Dann mach mir das Thema nicht mies!«
»Das versuche ich gar nicht und an deinen Argumenten ist sicher was dran«, räumte Clark ein, setzte ein Lächeln auf und hob entschuldigend die Arme.
»Es ist auch ausschließlich die Entscheidung von dir und Shyam, ob ihr das Thema machen wollt«, sagte Ruth spitz, »Clark und ich sind nur diejenigen, die mit euren Erfolgen dann die Statistik füttern.«
Lena atmete tief durch. »Entschuldigt, ich verstehe eure Zweifel ja. Andererseits spüre ich, dass da etwas faul ist und es sich lohnt, dem nachzugehen. Davon will ich euch eben gerne überzeugen.«
Sie schob alles auf einen Stapel zusammen und holte ihren Laptop.
»Schon okay, komm Clark, wir machen bei uns drüben weiter.« Ruth stand auf und die beiden gingen hinaus.
Eine Stunde später, Lena stöberte über ihren Computer im Server der Redaktion herum, lagen jede Menge Notizen auf dem Tisch und sie hatte die Welt rundherum vergessen.
Das Archiv der Firma war umfangreich und bestens aufgearbeitet. Sie erinnerte sich an ihre vorherigen Jobs beim Fernsehen, wo man alte Sendungen in Bändern im Keller stapelte, die man mühsam ausheben und entstauben musste und es dann womöglich keine Abspielmöglichkeit mehr für das alte Videosystem gab. In Shyams Büro war genau das Gegenteil zu finden: Jeder Bericht und jedes Dokument wurde säuberlich digitalisiert und war über Suchbegriffe verfügbar.
Diese Übersicht führte Lena zu einem Bericht der iranischen Nachrichtenagentur Fars über einen Anschlag in Teheran im Jahr 2012. Im Norden der Hauptstadt wurde ein Atomphysiker in seinem Auto getötet, diesmal nicht von einem Selbstmörder, sondern von einem Motorradfahrer mit einer Haftbombe. Der hatte neben dem Fahrzeug angehalten, den Sprengsatz befestigt und war danach mit Vollgas geflüchtet. Die Explosion erfolgte Sekunden später, der Wissenschaftler hatte keine Chance zu entkommen. Ob er entscheidend am iranischen Atomprogramm beteiligt gewesen war, blieb unklar, schien aber realistisch. Der stellvertretende Gouverneur Teherans beschuldigte den Mossad, hinter der Tat zu stecken. Angeblich seien Führungsoffiziere der Israelis, als Diplomaten getarnt, öfter im Land unterwegs, um unzufriedene Iraner für derartige Anschläge anzuwerben.
Die Umstände waren vollkommen anders als in London, außer dass auch dort Inländer die Tat verübten, nur der verwendete Sprengstoff war der gleiche. Bei allen Sprengsätzen hatte es sich um eine als NHS-Gel bezeichnete Substanz gehandelt, eine neuartige Verbindung von Stoffen aus der Nano-Technologie. Lena hatte in die Suchmaske des Archivs nur den chemischen Begriff eingegeben und fand die folgende Beschreibung:
Die stärkste der chemischen Sprengsubstanzen, die in den letzten zwanzig Jahren entdeckt wurde, eine besondere Metallverbindung, mit der vielfachen Sprengkraft von herkömmlichem TNT oder Dynamit.
Kommt sie mit normaler Luft in Berührung, löst die Kettenreaktion eine gewaltige Explosion mit hoher Detonationsgeschwindigkeit aus. Daher kann bereits mit geringsten Mengen eine verheerende Wirkung erzielt werden. Die Verbindung ist jedoch derart empfindlich, dass ein hohes Maß an Wissen nötig ist, um sie im Gebrauch beherrschen zu können.
Die Entdeckung machte man im Jahr 2002 am bekannten Rutfeld-Institut in Haifa. Die Forschungsergebnisse wurden im Herbst 2008 in führenden Fachjournalen veröffentlicht.
Lena wollte schon weiterblättern, hatte aber das Gefühl, da stimmte etwas nicht. Sie las den Text mehrmals, bis sie erkannte, was sie daran stutzig machte – der Ort und die Jahreszahlen! Wenn man in Israel einen derartigen Sprengstoff entwickelt hatte, hing der Mossad mit drin und wenn die Details erst 2008 bekannt wurden, hatten nur die Leute in diesem Labor Zugang zu dem Wissen. Zumindest bei den Anschlägen vor der Veröffentlichung.
»Wichtiger Punkt!«, murmelte Lena vor sich hin, während sie sich einige Details notierte. »Wer die Bomben gebaut hat, muss die Forschung an dem Institut in Haifa gekannt haben.«
Für sie stand damit fest, dass dieser mysteriöse Hintermann existierte. Entweder war es einer der Forscher oder er hatte dort zu tun, möglicherweise war es auch ein ehemaliger Student, überlegte sie.
»Interessant«, sagte sie laut, als sie sah, dass es einen halb fertigen Bericht zu dem Vorfall im Iran gab, der aber nie veröffentlicht worden war. Sie stand auf und ging hinüber in Clarks Büro.
»Erinnerst du dich an Teheran vor vier Jahren, wo der Atomphysiker ermordet wurde?«
»So einigermaßen.« Clark sah auf. »Was ist damit?«
»Jemand hat eine Reportage ins Archiv eingespielt, aber die wurde weder zu Ende geschrieben noch je gebracht.«
»So genau weiß ich das auch nicht mehr«, sagte Clark und überlegte, »Shyam war es wahrscheinlich zu spekulativ. Du kennst ihn ja, er ist in dem Punkt relativ heikel.«
»Was ist denn daran spekulativ?« Lena wunderte sich darüber. Dann deutete sie auf die Aufstellung im Monitor. »Nebenbei erwähnt, auch über die Londoner Anschläge gibt es nichts Umfassendes. Einige kleine Berichte, ein paar Artikel, das ist alles.«
»Aha, ist mir bisher nicht aufgefallen.«
»Einer der größten Anschläge in Europa, das wäre doch ein toller Stoff gewesen.«
»Toller Stoff!?« Clark verzog den Mund. »Mit dir hält das Grauen in diese Firma Einzug …«
»Ich meine doch nur«, gab Lena lachend zurück, »dass sich die Berichterstattung darüber gut verkauft hätte, immerhin war es über Monate ein heißes Thema. Da wundert es mich eben, wenn Shyam sich das entgehen lässt.«
»Ich bin nur ein kleines Rädchen«, Clark zuckte die Achseln, »und mache meine Statistik. Die muss ich jetzt auch weitermachen …«
»Ja, schon gut, ich störe dich nicht weiter«, meinte Lena und ging wieder zurück in ihr Zimmer.
Für sie war jetzt klar, dass sich ihre nächste Story um den geheimen Bombenbauer hinter dem Londoner Anschlag drehen musste. Wie könnte der Titel für die Reportage sein, dachte sie und blickte zum Fenster hinaus.
»Hallo Clark, hallo Mutter«, sagte Shyam, als er um elf in die Redaktion kam. Dann schaute er bei Lenas Tür herein. »Du bist auch da? Ich dachte, du wolltest Urlaub nehmen?«
»Ja, habe ich auch«, sagte Lena freudig und stand auf, »ich muss dir nur ganz dringend was sagen und komme dann hinüber zu dir, ich …«
»Jetzt lass mich bitte erst mal ankommen.« Shyam hob beschwichtigend die Arme. »Ich bin eben aus Zürich gelandet und der Flug über den Kanal war ein Horror – Regen, Stürme, Turbulenzen! Also: Schönen Sonntag, alle weiteren Katastrophen morgen, dafür habe ich jetzt keinen Kopf.«
»Sind keine Katastrophen«, Lena ließ sich wieder zurück auf den Sessel fallen, »du hast eine halbe Stunde, dann komme ich. Unbedingt! Ich mache dir auch einen supergroßen Caffè Latte und hole Bagles von gegenüber.«
Shyam schmunzelte und verdrehte die Augen. »Gut, damit hast du den Boss überzeugt, aber ich will Schoko-Donuts – zwei Stück, ohne Nüsse!«
Shyam Asik Barod war sehr attraktiv, dazu kamen perfekte Umgangsformen, ein guter Geschmack für Kleidung und das nötige Kleingeld. Sein Vater war Inder, was man an Shyams Teint bemerkte. Die Familie betrieb ein Handelshaus für Gewürze und fernöstliche Spezialitäten, das der Vater vor langer Zeit gegründet hatte und womit er wohlhabend geworden war. Ruth half ihrem Sohn einfach aus Freude und um eine Beschäftigung zu haben, wie sie betonte, nötig hatte sie es nicht.
Bislang unverheiratet gehörte Shyam mit seinen fünfundvierzig Jahren zu den umschwärmten Junggesellen Londons. Seinen ersten Abschluss mit Auszeichnung machte er in Cambridge, studierte danach Politik an der prominenten Berliner Humboldt-Universität, wo er in der Mindestzeit promovierte. Überdies beherrschte er drei Fremdsprachen perfekt. Nach einer längeren Studienzeit im Ausland gründete er das Redaktionsbüro und wurde Fernsehproduzent.
»Nun«, sagte er zu Lena und setzte sich an den großen Besprechungstisch, wo sie mit einem Berg von vollgekritzelten Zetteln, Kaffeegeschirr und einer offenen Schachtel Donuts thronte, »was kann nicht bis morgen warten?«
»Eine heiße Sache, auf die ich gestoßen bin. Ich beginne sie eben zu recherchieren.«
»Wolltest du das neue Thema nicht erst im Frühjahr angehen?«, fragte er, um dann beifällig hinzuzufügen: »Übrigens meine herzliche Gratulation zum Erfolg der ersten Sendung. Du hast mit deinem Spürsinn einen beachtlichen Start hingelegt.«
»Danke!« Lena konnte ihren Stolz nicht verbergen. Die Anerkennung tat ihr gut, bei früheren Jobs hatte sie diese vermisst. »Frühjahr war ursprünglich für die neue Geschichte geplant, aber jetzt hat sich akut etwas ergeben.«
»Aber schau, in zwei Wochen ist Weihnachten – Friede, Ruhe, Harmonie.« Shyam zog die Tasse zu sich, griff nach den Donuts, lehnte sich gemütlich zurück und lächelte sie an. »Plumpudding, Schoko-Donuts …«
»Jetzt komm mir nicht so.« Lena grinste zurück. »Höre es dir zumindest an.«
»Na gut«, meinte er und nickte, »dann schieß los. Womit wirst du unsere Quoten diesmal pushen?«
»Es geht um London, genauer gesagt, um den Anschlag vor elf Jahren.«
»Anschläge verfolgen dich!« Er schüttelte amüsiert den Kopf.
»… und der Titel könnte so ähnlich lauten wie: Der Chemiker des Terrors«, beendete Lena zwanzig Minuten später die Darstellung ihrer Überlegungen zu der Reportage über den Bombenbauer, den sie hinter all den Terrorakten vermutete.
Shyam hatte während ihres ausführlichen Vortrags aufgehört zu kauen. Jetzt legte er den angebissenen Donut zurück und schob den Becher mit dem Caffè Latte weg. Er sah Lena skeptisch an.
»Das ist nicht dein Ernst, oder?«, sagte er mit ungläubigem Unterton. »Du führst mich vor!«
»Nein, gar nicht«, antwortete Lena, die mit einer derartigen Reaktion nicht gerechnet hatte. »Wieso glaubst du das?«
»Na, entschuldige bitte, du erzählst mir da über vier unterschiedliche Vorfälle, die viele Jahre und tausende Kilometer auseinanderliegen, wo Gruppierungen am Werk waren, die absolut nichts miteinander zu tun haben«, er richtete sich auf, sein Lächeln war verschwunden und einem irritierten Blick gewichen, »und du willst da einen großen Unbekannten hineinfabulieren, nur wegen eines Artikel in einer Zeitschrift?«
»Das ist ein Fachjournal und nicht irgendeine Zeitschrift, es geht aber nicht um den Artikel, sondern um das Datum. Siehst du die Fakten nicht?«, stieß Lena hervor. Sie war entsetzt, dass Shyam ihren Argumenten nicht folgen konnte. »Da sind Bomben gebaut worden mit einem Sprengstoff, der noch gar nicht bekannt war! Ist dir das nicht genug?«
»Genug? Wofür bitte?«
Sie schluckte und sprang auf. »Genug, um zu sehen, dass es jemand im Hintergrund gab oder bis heute gibt, der irgendwie mit dem Institut in Haifa zusammenhängt und sein Wissen dazu benutzt, um für jeden der bezahlt, Bomben zu basteln.«
»Das ist doch reine Spekulation und eine haarsträubende obendrein, Lena!« Er schüttelte den Kopf und wirkte mit einem Mal ziemlich verärgert. »Denkst du, der IS oder die Tschetschenen oder wer sonst den Dreck gebaut hat, benutzt dazu einen Außenstehenden? Das muss dir doch selbst lächerlich vorkommen!«
»Aha! Und du weißt so genau, wer hinter den Anschlägen wirklich steckt?« Sie begann aufgeregt hin und her zu laufen.
»Na, für den Londoner Anschlag gibt es ein eindeutiges Bekennerschreiben der Al-Qaida.«
»Ja, von der selbst ernannten Geheimorganisation Al-Qaidain-Europa, die weder davor noch danach jemals in Erscheinung getreten ist. Lächerlich! Das ist doch nur ein Fake. Hast du schon einmal überlegt, wer politisch davon profitiert hat?«
Jetzt war Shyam sprachlos. »Was willst du damit wieder sagen?«
»Es könnten Trittbrettfahrer gewesen sein oder es stecken überhaupt nicht die Araber dahinter, sondern jemand ganz anderes. Warum habt ihr eigentlich nichts darüber gebracht? Und über den Anschlag in Teheran auch nicht?«
»Sorry, aber ich habe das Tagesgeschäft wirklich nicht im Kopf. Keine Ahnung, wer daran gearbeitet hat. Für solche Dinge ist Clark zuständig, dem wird es zu spekulativ gewesen sein.«
»Schieb es nicht auf Clark, aber egal …« Sie blieb vor Shyam stehen und schaute auf ihn hinunter. »Zum Glück bin ich jetzt da! Ich spüre, wenn an einer Story etwas dran ist und ich sage dir, das ist kein Zufall!«
»Du verrennst dich da in ein Hirngespinst.«
»Interessant«, Lena warf auffordernd den Kopf zurück, »eben hast du mir wegen meines Spürsinns gratuliert.«
»Lass einfach die Finger davon«, sagte er und sein Tonfall wurde scharf.
»Das werde ich nicht. Ich flieg kommende Woche nach Israel und probiere, ob ich auf dem Institut in Haifa etwas Brauchbares herausbekomme. Immerhin steht unter der Sendereihe: Halberg Report. Es ist demnach meine Entscheidung!«
»Ist es nicht …« Er stand auf, zog die Augenbrauen zusammen und sah sie direkt an. »Es ist meine Redaktion und wir machen das nicht. Ich setze keine Verschwörungstheorien in die Welt, schließlich haben wir einen Ruf zu verlieren und selbst wenn wirklich etwas dran sein sollte, bin ich der Meinung, dass Journalismus Grenzen hat. Du bleibst! Ende der Diskussion!«
Lena verschlug es die Sprache. Es war nicht nur die thematische Ignoranz, die sie überraschte, sie war auch fassungslos über die Selbstherrlichkeit, die sie auf einmal spürte und die sie bei Shyam nie vermutet hätte. Keinesfalls würde sie sich dadurch von ihrem Vorhaben abbringen lassen, schließlich hatte sie den Job nur wegen der freien Entscheidung über ihre Stoffe angenommen.
»Gut, dann mache ich dir einen Vorschlag«, sagte sie knapp und drehte sich von ihm weg, »ich bin offiziell sowieso bis nach Weihnachten auf Urlaub. Ich fahre einfach privat nach Israel, um Freunde zu besuchen. Wenn ich dabei zufällig etwas erfahre, reden wir nachher darüber und du kannst dir überlegen, ob du die Sendung machen willst. Sonst gehe ich mit dem Bericht eben direkt zu einem Sender.«
Shyam zuckte nur die Achseln und verließ wortlos den Besprechungsraum.
»Du mich auch«, murrte Lena zornig, als er draußen war, »ihr seid doch alle gleich …«
4
Die Gulfstream G200 setzte trotz der Scherwinde, die böig vom Mittelmeer landeinwärts trieben, sanft auf der Rollbahn in Beirut auf. Ron Gazzarah atmete durch. Er fühlte sich in der Luft angreifbar und war nach jeder Landung froh, wieder festes Terrain unter den Füßen zu haben.
Am liebsten wäre er gestern nach der codierten Mitteilung sofort aufgebrochen, aber die neuen Einreisedokumente und die Flugerlaubnis nahmen dann doch den restlichen Tag in Anspruch. Er checkte ungeduldig seine Papiere, die er in Genf über die vertraulichen Kanäle der Botschaft besorgt hatte. Gazzarah war nun als Mitglied einer Akademie in Denver und amerikanischer Professor mit dem klingenden Namen Jones unterwegs.
Für die nötige Bewegungsfreiheit sorgte die American University of Beirut, eine private Hochschule, die vor hundertfünfzig Jahren von Missionaren aus New York gegründet worden war. Bis heute eine bedeutende internationale Schule im Nahen Osten, fungierte sie als Brücke zwischen den Kulturen. Man organisierte laufend einen breiten Austausch von Vortragenden, was einem unauffälligen Aufenthalt äußerst dienlich war. Diesmal hatte Gazzarah eine Einladung in der Tasche, auf der Fakultät für Architektur einen Vortrag über Baustile der Antike zu halten. Solche Akkreditierungen tauschten der Mossad und die CIA öfter untereinander aus, was beiden Nachrichtendiensten die Arbeit auf fremdem Territorium erleichterte.
Zu hundert Prozent wasserdicht waren diese Dokumente eigentlich nie – bei genauerer Überprüfung oder einer dezidierten Anfrage in der Universität wäre die Gefahr aufzufallen ziemlich groß. Aber man vertraute darauf, dass auch die Diensthabenden an den Grenzen nur bequeme Beamte waren, die ihren Job gerne mit möglichst geringem Aufwand erledigen wollten. Und je extremer die Lage in einem Land war, desto weniger kümmerte man sich um normale Reisende. Gerade jetzt, wo die Situation durch den IS brandgefährlich war und der Libanon schon wieder am Rande eines neuen Kriegs gegen Israel stand, hatte man andere Sorgen.
Nach der Zollkontrolle ging Gazzarah nach draußen. Die Nachmittagssonne stach übers Meer herunter und trieb ihm, nach der klirrend kalten Schweiz und dem angenehm temperierten Jet, den Schweiß aus allen Poren. Müde und missmutig sah er sich nach seinem Kontaktmann um, der in einem alten Ford Focus mit offenen Scheiben an der Zufahrt wartete. Die Aussicht auf eine längere Fahrt durch die brütende Stadt in einem kleinen, nicht klimatisierten Auto gab seiner Laune den Rest.
»Ich denke, Sie kennen den Weg«, sagte Gazzarah statt einer Begrüßung knapp.
Der Libanese, der einen kleinen Laden betrieb, daneben aber seit vielen Jahren als Verbindungsmann für den Mossad arbeitete, nickte bejahend. Er war einer jener unzähligen Mitarbeiter, die ein Geheimdienst braucht, um zu funktionieren. Diese Leute wissen nichts über die Unternehmungen, sind aber ortskundige Chauffeure, geben diskret Nachrichten weiter, die sie selbst nicht verstehen, oder besorgen ein sicheres Quartier. Die Zahl dieser Freiwilligen geht in die tausende, der Lohn für ihre Dienste steht in keinem Verhältnis zu dem Risiko, das sie eingehen. Überall gibt es für Landesverrat hohe Gefängnisstrafen und in manchen Staaten droht sogar die sofortige Exekution.
Der Fahrer kurvte aus dem Flughafenareal hinaus auf den Beirut-Saida-Highway, der lief die Küste entlang nach Norden.
»Kleiner Umweg«, sagte er dazu erklärend, »Demo!«
Infolge einer Vielzahl von politischen Kundgebungen kam es andauernd zu einer langen Absperrung der Flughafenzubringer und der Einfahrtsstraßen in die Stadt. Besucher, die von keinem ortskundigen Führer abgeholt wurden und in eine derartige Demonstration gelangten, verloren auf den wenigen Kilometern mehrere Stunden. Ganz abgesehen von dem Risiko für Reisende aus westlichen Ländern, als ein Ungläubiger erkannt und entführt zu werden.
Der Highway führte vorbei an einem Golf-Club. Gazzarah schüttelte innerlich den Kopf – Bürgerkriege, Elendsviertel, Teile der Stadt lagen in Schutt und Asche, aber einige Reiche spielten mitten in dem Chaos Golf. Es war doch überall das Gleiche. Einige Minuten nach dem Golfplatz nahmen sie eine Abzweigung auf eine Autobahn, die das Zentrum Richtung Osten querte, und fuhren über zwei Brücken. Unter ihnen stauten sich kilometerlange Kolonnen. Der Fahrer hatte recht gehabt, die Demo legte den ganzen Süden der Stadt lahm. Auch auf der Autobahn war der Verkehr sehr dicht, aber es ging in gemächlichem Tempo weiter.
Eine Stunde später, im heißen Fahrzeug eine gefühlte Ewigkeit, kamen sie nach einer Strecke von endlosen Stadtteilen mit flachen Hütten in eine hügelige Gegend, wo die Häuser größer wurden und die Straßen sauberer wirkten. Nach der Ausfahrt passierten sie einen Kreisverkehr und fuhren dann eine Anhöhe links der Autobahn hinauf, vorbei an einem Supermarkt und einem Schnellimbiss, vor dem Männer saßen, die heftig diskutierten, hinein in eine Siedlung von Plattenbauten. Auf mehreren Hügeln wanden sich die Fahrwege hoch zu hellgrauen Wohnblöcken – gleichförmige Betonkästen mit Balkonen, auf denen nie jemand gesessen hatte. Entlang der Straßen standen vereinzelt Ölbäume, deren Kronen verdorrt waren, und auf den Kreuzungen spielten Halbwüchsige Fußball. Der Asphalt brach an mehreren Stellen auf und der Fahrer hatte Mühe, den Wagen auf der Fahrbahn zu halten.
Sie stoppten vor einem einstöckigen Haus, das sich, eingezwängt zwischen den Wohnsilos, auf einem Rasenstück befand. Auf dem Dach standen zwei große Satellitenschüsseln, eine alte Fernsehantenne und daneben brummte hörbar ein rostiges Klimagerät, von dem aus ein Rinnsal mit Kondenswasser, eine bräunliche Spur hinterlassend, seitlich über die Fassade hinunterrann. Sie waren am Ziel – ein Safe House. Das Operationszentrum für die beabsichtigte Aktion gegen die libanesische Schiiten-Miliz Hisbollah.
»Hello?«, rief Gazzarah und wollte lautstark klopfen, da das Gebäude leer und verschlossen schien.
Die Tür öffnete sich einen Spalt und ein schlanker, dunkelhaariger Mann erschien, der abwehrend die Hand hob.
»Bitte kein Aufsehen«, sagte er gedämpft, »die Menschen in dem Viertel sind sehr vorsichtig und beobachten alles. Was kann ich für Sie tun?«
»Ich habe eine Nachricht mit Code 34 erhalten«, sagte der Geheimdienstmann ohne Umschweife und identifizierte sich als Operationschef mit seinem Schlüsselwort und der Chiffre für den Einsatz.
Jetzt gab der Fremde dem Fahrer ein Zeichen, der in die nächste Seitenstraße fuhr, um unauffällig zu parken und geduldig im Auto zu warten, bis er wieder gebraucht wurde. Dann trat er zur Seite und ließ den Besucher eintreten.
Gazzarah hätte seinem Ärger am liebsten Luft gemacht, hielt aber inne, als er sah, dass außer dem Fremden, den er für den Betreuer des sicheren Hauses hielt, niemand da war.
»Wo ist der Einsatzleiter?«, fragte er überrascht. »Warum sind alle ausgeflogen?«
»Sie sind nicht ausgeflogen, sondern aufgeflogen«, bemerkte der Fremde ruhig und ging voraus ins zentrale Zimmer, wo die Sachen von drei Männern auf Pritschen lagen. »Möchten Sie etwas trinken?«
»Danke«, bellte Gazzarah ablehnend und ungeduldig, »wie ist das möglich? Und wer hat mir die Meldung mit dem Notfall-Code zum Abbruch gegeben?«
»Das war ich«, sagte der Mann, »verzeihen Sie, mir ist bewusst, dass dies im Ablauf nicht korrekt ist. Normalerweise trete ich nie mit der Auftragsstelle persönlich in Kontakt, aber es gab nur diese Möglichkeit.«
»Auftragsstelle?« Gazzarah begriff nicht. »Sind Sie nicht für das Haus zuständig?«
»Nein. Ich wurde engagiert«, er deutete auf zwei schmale Pakete, die im Nebenraum auf einem Tisch lagen, »um das Material herzustellen.«
»Yafne?« Die Frage klang verwundert. Gazzarah kannte die Akte von Aaron Yafne, der nur mehr unter dem Pseudonym Chemiker arbeitete. Er holte ihn für spezielle Jobs, nur persönlich getroffen hatte er ihn nie. Derartige Kontakte liefen aus Sicherheitsgründen nur über Mittelsmänner und verschlüsselte Anrufe oder Text-Chats in virtuellen Räumen. Man vermied es, sich gegenseitig zu kennen. Auch sah der einfache Mann mit seinem dunklen Dreitagebart, dem langen arabischen Hemd und dem traditionellen Kopftuch wie ein harmloser Einheimischer aus. »Sie sind Yafne?«
Sein Gegenüber bemerkte den Blick und nickte. »Man muss sich anpassen. Die Ware ist fertig, alleine die Verteiler …«
»Was ist geschehen?«
»Der Leiter der Mission muss der Hisbollah verdächtig geworden sein und sie haben ihn sicher schon länger beobachtet. Gestern waren Ihre Leute in Badaro beim Hippodrom, um sich mit dem Einsatzort vertraut zu machen.«
»Und haben durch ihre Unvorsichtigkeit das gesamte Vorhaben gefährdet!«
»Es scheint so, sie sind in einen Hinterhalt geraten. Es gab ein Handgemenge und eine Schießerei. Es ging sehr schnell.«
»Tot?«
»Jedenfalls der Einsatzleiter und der Beifahrer, bei dem Dritten konnte ich nichts Genaues sehen, aber er dürfte noch gelebt haben, die Angreifer haben ihn weggebracht.« Er strich sich bedächtig mit der Hand über seinen Kinnbart. »Es wäre für alle besser, wenn er es nicht überstanden hätte.«
»Und Sie?«
»Ich bin getrennt hingefahren, um mir mein eigenes Bild von der Situation zu machen. Man hat mich nicht bemerkt.«
»Und danach? Sind Sie zurück?«
»Ja! Ich habe die ganze Nacht von gegenüber das Safe House beobachtet. Ich dachte, falls es enttarnt ist und die Hisbollah versucht einzudringen, muss ich reagieren.«
»Alleine? Da hätten Sie keine Chance gehabt!«
»Es sind zweimal zweihundert Gramm NHS in den Paketen und die Zünder sind aktiv«, sagte der Chemiker und nickte. »Ich hätte eine Chance gehabt.«
»Dieses Nanohydro-Zeugs ist scharf?«, fragte Gazzarah und musterte mit einem flüchtigen Seitenblick die beiden, in braunes Papier eingewickelten Bündel.
Statt einer Antwort hob sein Gegenüber die Hand, in der er die ganze Zeit einen unscheinbaren Funksender gehalten hatte. Diesen legte er jetzt auf den Tisch.
»Bei meiner Ware«, sein Mund verzog sich zu einem kaum merkbaren Lächeln, »werden auch Sicherheiten mitgeliefert.«
Gazzarah setzte sich auf einen Sessel, der bei den Pritschen stand, und wischte sich den Schweiß ab.
»In Ordnung. Es geht an ein neues Team. Ich schicke Ihnen morgen früh jemanden, der die Lieferung übernimmt. Ihre Anwesenheit ist dann nicht mehr erforderlich.«
»Das wäre bei diesem Material unüblich und gefährlich«, sagte der Chemiker knapp, der mit dieser Vorgehensweise offensichtlich nicht einverstanden war.
»Die ganze Aktion ist das«, entgegnete sein Gegenüber scharf, nicht gewohnt Widerspruch zu dulden, »das soll nicht Ihr Problem sein.«
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