Kitabı oku: «Wunderwelten»
Herausgeber
Erik Schreiber
Scratch Verlag
e-book 052
Erscheinungstermin 01.10.2021
© Saphir im Stahl Verlag
Erik Schreiber
An der Laut 14
64404 Bickenbach
www.saphir-im-stahl.de
Titelbild: Simon Faulhaber
Lektorat Peter Heller / Bilderdienst
Vertrieb neobook
Ernst Friedrich Wilhelm Mader
Wunderwelten
Wie Lord Flitmore eine seltsame Reise zu den Planeten unternimmt und durch einen Kometen in die Fixsternwelt entführt wird.
Erzählung
für Deutschlands Söhne und Töchter
von W. Mader
Illustriert von W. Egler (nicht im e-book)
Verlag für Volkskunst / Rich. Keutel / Stuttgart
Alle Rechte vorbehalten.
Kunstdruckerei des Verlags für Volkskunst, Rich. Keutel, Stuttgart.
Inhaltsverzeichnis.
Personenverzeichnis
Vorwort
1 Ein kühnes Unternehmen
2 Sannah, das Weltschiff
3 Eine wunderbare Entdeckung
4 Die Fahrt ins Leere
5 Im Weltenraum
6 Am Mond vorbei
7 Eine ernste Gefahr
8 Die großen Astronomen
9 Der Mars
10 Eine Landung auf dem Mars
11 Die Schrecken des Mars
12 Eine Entdeckungsreise auf dem Mars
13 Die Marsbewohner
14 Eine Marskatastrophe
15 Im Meteorenschwarm
16 Ein Konzert in der Sannah
17 Die Asteroiden
18 Die Planetoideninsel
19 Der Komet
20 Die Seeschlange
21 Jupiter
22 Ein Besuch auf dem Saturn
23 Eine unfreiwillige Polarreise
24 Eine Nacht auf dem Ringplaneten
25 Eine seltsame Welt
26 Ein Kampf um die Sannah
27 Vom Kometen entführt
28 Die Geheimnisse der äußersten Planeten
29 Eine Reise ins Unendliche
30 Schimpansenstreiche
31 Verloren im Weltraum
32 Der Riesenkraken
33 Ohne Luft!
34 Ein verhängnisvoller Zusammenstoß
35 Ein Wunder
36 In der Fixsternwelt
37 Eine neue Erde
38 Die Wunder Edens
39 Sonderbare Naturgesetze
40 Eine neue Tierwelt
41 Eine paradiesische Nacht
42 Höhere Wesen
43 Im Hause des Gastfreunds
44 Neue Erkenntnisse
45 Heliastra
46 Überirdische Klänge
47 Im Reiche des Friedens
48 Eine Reise auf dem Planeten
49 Münchhausens Fabeln
50 Abschied
51 Der Planet des Fremdartigen
52 Eine Weltkatastrophe
53 Durch die Sonne
54 Der Planet Merkur
55 Zurück zur Erde!
56 Sannah
Nachweise
Personenverzeichnis.
1 Lord Charles Flitmore
2 Mietje, Lady Flitmore, geborene Rijn, seine Gattin
3 Professor Heinrich Schultze
4 Kapitän Hugo von Münchhausen
5 Heinz Friedung
6 John (Johann) Rieger, Flitmores Diener
Zwei Schimpansen: Dick und Bobs
7 Ein alter Marsbewohner
8 Gabokol
9 Bleodila, seine Gattin
10 Fliorot, sein Sohn
11 Glessiblora seine Tochter
12 Heliastra seine Tochter
13 Doktor Otto Leusohn
14 Sannah, geborene Rijn, seine Gattin
15 Hendrik Rijn
16 Helene, seine Gattin, Doktor Leusohns Schwester
17 Tipekitanga, die Zwergprinzessin
18 Amina, ein Somalimädchen
19 Piet Rijn, Hendriks, Mietjes und Sannahs Vater
20 Frans Sohn von Piet Rijns
21 Klaas Sohn von Piet Rijns
22 Danie Sohn von Piet Rijns
Vorwort.
Den vollen Gewinn von dieser Erzählung wird nur die schon gereiftere Jugend haben, die mit Verständnis und gewiss auch mit lebhaftem Interesse die Wunder der Sternkunde kennen lernen wird. Das ganze Gebiet der Astronomie soll ihr im Laufe der Erzählung in der Hauptsache erschlossen werden.
Nun werden aber auch wohl jüngere Leser, für welche die wissenschaftlichen Gespräche vielleicht noch zu hoch sind, die seltsamen Erlebnisse und Entdeckungen der Weltall-Reisenden lesen wollen. Diese mögen getrost die Stellen überschlagen, die ihnen noch nicht verständlich erscheinen, namentlich in Kapitel 8, 15, 18, 26, 32 und 48.
Sollte einem oder dem andern Kritiker einiges über die Grenzen des Wahrscheinlichen (natürlich nicht des „Möglichen“) hinauszugehen scheinen, so möge er sich aus den Nachweisen überzeugen, ob nicht die Wissenschaft selber die Phantasie stützt.
Echelbach, im Juli 1911.
Der Verfasser
1. Ein kühnes Unternehmen.
Professor Dr. Heinrich Schultze lehnte sinnend in seinen Sessel zurück. Vor ihm auf dem mit Büchern und Papieren bedeckten Schreibtisch lag ein Brief, der seine Gedanken beschäftigte.
Da läutete es an der Eingangstüre seiner Wohnung und kurz darauf pochte es gewaltig an die Studierzimmertüre.
„Herein!“, rief der Professor, sich erhebend.
Die Türe öffnete sich und es erschien ein ältlicher, doch frisch und blühend aussehender Mann von stattlicher Leibesfülle.
„Kapitän Münchhausen!“, rief Schultze und eilte überrascht und erfreut, auf den Mann zu, ihm beide Hände entgegenstreckend. „Welcher günstige Monsun führt Sie von Australien nach Berlin und just in dieser Stunde? Ich bin starr! Denken Sie, soeben weilten meine Gedanken bei Ihnen in Adelaide und ich wünschte mir, Sie herzaubern zu können.“
„Nun! Der Zauber ist gelungen!“ lachte Münchhausen: „Da bin ich. Und was mich herführt? Sie wissen, ich halte das untätige Herumsitzen auf dem Kulturboden nicht lange aus. Na, habe ich gedacht: Schaust einmal nach, was der olle Schultze macht; vielleicht plant er wieder irgendein famoses Unternehmen; da muss ich dabei sein! Und plant er keins, so will ich ihn aufrütteln und wir planen eines miteinander. He! Wie steht’s damit, Professorchen?“
„Ich sage Ihnen, Sie kommen wie gerufen. Da, setzen Sie sich her, altes Haus.“
Unterdessen drückte der Professor auf den Knopf der elektrischen Klingel und beauftragte den hierauf erscheinenden Diener, eine Flasche Wein und zwei Gläser zu bringen und alsdann im Esszimmer einen kalten Imbiss zu richten: „Das Feinste, was wir haben“, mahnte er: „Der Kapitän ist Feinschmecker.“
„Oho!“ lachte dieser: „Habe ich mir nicht Termiten, Raupen und Rohrratten schmecken lassen, wenn es darauf ankam? Ich nehme alles, wie es kommt.“
„Jetzt kommt aber etwas Besseres als afrikanische Hungerkost, alter Freund; und ich weiß, Sie nehmen das Bessere lieber an als das Schlechtere.“
„Ein Narr, wer’s nicht tut! Aber nun, Professor, was planen Sie?“
„Ich habe eigentlich gar nichts geplant; aber ein andrer: Sie erinnern sich wohl noch Lord Flitmores?“
Münchhausen lachte, dass es dröhnte: „Auf so eine Frage kann doch nur ein weltfremder Professor verfallen! „Erinnern“ ist gut! Wenn man mit einem Manne, wie der Lord, solche Abenteuer erlebt, solche Kämpfe durchfochten und solche herrliche Stunden durchkostet hat, wie wir zwei beide, dann soll man ihn wohl vergessen können? Verzeihen Sie Professor, aber Ihre Frage ist ... na, wie soll ich sagen?“
„Dumm!“ ergänzte Schultze, seinerseits lachend: „Sie haben recht, oller Seebär. Also! Hier habe ich einen Brief von Flitmore erhalten. Er schreibt, er habe eine kaum glaubliche Entdeckung gemacht.“
„Kaum glaublich? Hören Sie, dem glaube ich alles, dem traue ich das Wunderbarste zu nach den Proben seines Erfindergenies, die er uns in Afrika gegeben.“
„Das stimmt! Aber hören Sie: Er schreibt, seine Entdeckung hebe die trennenden Räume des Weltalls auf und gestatte Reisen nach dem Mond, nach den Planeten, vielleicht gar in die Fixsternwelt. Und nun lädt er mich ein, ihn auf seiner ersten Fahrt zu begleiten. Was halten Sie davon? Sollte er nicht doch ein wenig übergeschnappt sein?“
„O, dass Sie Männer der Wissenschaft keine neue, erstaunliche Entdeckung ohne Zweifel begrüßen können! Wenn die Professoren darüber zu entscheiden hätten, alle genialen Erfinder kämen ins Irrenhaus! Ich sagte Ihnen, dem Lord traue ich alles zu. Er ist ein Genie. Telegraphieren Sie ihm nur gleich, ob er mich mitnimmt? Ha, das gibt eine Reise! Das ist noch nie da gewesen, außer in der Phantasie kühner Schriftsteller: Da muss ich mit!“
„Das ist es ja gerade: Lord Flitmore bittet mich, ihn zu begleiten, da er weiß, dass ich mich in den letzten Jahren ganz auf die Astronomie geworfen habe und er meine Veröffentlichungen auf diesem Gebiet mit Interesse und Beifall verfolgte, wie er schreibt. Dann aber fragt er nach Ihnen und nach Ihrer Adresse. Er ist voll Bewunderung für das Automobil, das Sie erfanden, und mit dem wir Australien durchforschten.“
„Ja, ja, die Lore!“ schmunzelte der Kapitän: „Sie war kein übler Gedanke. Aber nach dem Mond — ne! Das hätte sie doch nicht geleistet“.
„Also, bei Ihren technischen Kenntnissen und Ihrer Erfindungsgabe auf diesem Gebiet glaubt der Lord keinen besseren Ingenieur und Kapitän für sein Weltschiff finden zu können, als Sie, und wäre höchlichst erfreut, Sie für das Unternehmen gewinnen zu können.“
„Topp!“ Rief Münchhausen begeistert: „Wann reisen wir?“
„Holla!“ lachte Schultze: „Nicht so eilig, alter Freund! Sie sind ein unüberlegter Jüngling. Bedenken Sie“, fuhr er ernst werdend fort: „Das Wagnis ist mehr als kühn: Es geht auf Tod und Leben. Der Lord verfehlt nicht, dies ausdrücklich hervorzuheben: Kein Mensch kann wissen, welche Gefahren und welch ungeahnte Katastrophen dem Erdenbürger drohen, der seinen heimischen Planeten verlässt und sich über die Atmosphäre in die Leere des Weltenraums erhebt.“
„Ging es etwa in Afrika und Australien und wo wir sonst noch forschten, nicht auch auf Tod und Leben? Ahnten wir im Voraus die Gefahren, denen wir entgegengingen?“
„Wohl! Aber es waren irdische Gefahren.“
Der Kapitän zuckte die Achseln: „Hören Sie, Sie tüfteliger Professor: Todesgefahr ist Todesgefahr, ob sie nun auf der Erde oder über der Erde droht, ist meines Erachtens völlig einerlei: mehr als unser Leben können wir hier oder dort nicht verlieren. Aber wer soll noch sonst mit? Auf die Reisegesellschaft kommt bei so etwas viel an.“
„Eine große Gesellschaft wird es nicht werden: Zunächst wird die Gattin des Lords ihn begleiten.“
„Schau, schau! Mietje! Allen Respekt! Ein beherztes Frauenzimmer ist sie stets gewesen, das hat sie uns damals in Ophir zur Genüge bewiesen.“
Schultze aber fuhr fort: „Ferner Flitmores Diener, John Rieger.“
„Freut mich, freut mich! Eine edle, treue Seele und ein gelungener Mensch. Er befindet sich also immer noch in des Lords Diensten?“
„Allerdings, und er hat sich zum tüchtigen Mechaniker ausgebildet, wie ihn Flitmore als eifriger Automobilfahrer braucht. Endlich will noch mein junger Freund Heinz Friedung sich uns anschließen. Ich riet ihm vergebens ab. Er ist Feuer und Flamme für die Weltreise.“
„Hören Sie, Professor, den jungen Mann habe ich in mein Herz geschlossen, seit wir unsre Reise nach den Unnahbaren Bergen mit ihm machten. Das gibt eine famose Reisegesellschaft! Was treibt denn unser Heinz seither und wo weilt er?“
„Er hat sich auf die Sprachwissenschaften geworfen und lebt hier in Berlin als Privatdozent. Er beginnt, sich einen Namen zu machen und hat, wie er mir anvertraute, eine epochemachende Entdeckung auf seinem Gebiet gemacht, doch verrät er noch nichts Näheres davon.“
Der Diener meldete, dass der Imbiss bereitstehe.
Die Beiden tranken ihre Gläser leer und begaben sich nach dem Speisezimmer.
2. Sannah, das Weltschiff.
Eine Woche später landeten Schultze, Münchhausen und Heinz Friedung in Brighton und fuhren dann mit der Bahn nach Lord Flitmores Besitzung, die sich in der Grafschaft Sussex befand.
Ein prächtiges altes Schloss, von einem ausgedehnten Park umgeben, an den Felder, Wiesen und Waldungen stießen — ein ganzes kleines Königreich — wurde den Ankömmlingen als des Lords Residenz bezeichnet.
Von weitem schon konnte man über die Baumwipfel eine Riesenkugel emporragen sehen, die im Sonnenschein glitzerte.
„Das ist des Lords Weltschiff!“ Rief Heinz Friedung.
Schultze schüttelte den Kopf: „Dies Fahrzeug muss ein fabelhaftes Gewicht haben“, meinte er: „Wie sich Flitmore damit in die Luft erheben will oder gar über die Atmosphäre, ist mir rein unerfindlich.“
Der Kapitän aber entgegnete: „Brauchen Sie auch nicht zu erfinden, Professor! Seien Sie getrost, das Genie unsres englischen Freundes hat zweifellos die Aufgabe gelöst, sonst hätte er uns nicht zur Fahrt eingeladen.“
Lord Flitmore hatte die Gäste um diese Stunde erwartet und kam ihnen mit seiner jugendlichen Frau bis an das Parktor entgegen.
Er war ein hochgewachsener Mann mit rötlichem Backenbart. Eine ernste Würde verlieh ihm etwas Steifes, echt Englisches; doch das war nur äußerlich: Obgleich er nicht viel Worte machte und seine Begrüßung ziemlich trocken klang, merkte man doch die warme Herzlichkeit und die aufrichtige Freude heraus.
Mietje, seine Gattin, eine geborene Burin aus Südafrika, gab sich keinerlei Mühe, ihre Gefühle hinter gemessener Würde zu verbergen: Sie kam den Freunden mit strahlendem Lächeln entgegen und schüttelte allen kräftig die Hand.
Schultze und Münchhausen waren alte Bekannte des Lords von Afrika her; an Heinz wandte sich der Engländer mit den Worten:
„Sie, Herr Friedung, sind mir auch schon lange bekannt und wert, wenn ich Sie auch persönlich noch nie traf; haben Sie doch in den Schilderungen der australischen Reise meiner Freunde stets eine hervorragende und sympathische Rolle gespielt.“
Für die Ankömmlinge war ein wahres Festmahl gerichtet und sie wurden fürstlich bewirtet; dann gab es noch gar vieles zu berichten über ihre Erlebnisse und Arbeiten in der Zeit, da sie den Lord nicht mehr gesehen. Punkt zehn Uhr jedoch hielt Flitmore seine häusliche Abendandacht, worauf sich alles zur Ruhe begab.
Am andern Morgen nach dem Frühstück führte der Lord seine Gäste auf die weite Wiese, auf der die gewaltige Kugel ruhte, die schon bei ihrer Ankunft das Erstaunen unsrer Freunde geweckt hatte.
„Das also ist Ihr Luftschiff?“, bemerkte der Professor, als sie bewundernd an der mächtigen Sphäre hinaufblickten.
„Weltschiff“, verbesserte Flitmore: „Ein Luftschiff ist an die Atmosphäre gefesselt, wir aber wollen mit diesem Fahrzeug den Luftraum verlassen, wenigstens die Lufthülle, die unsern Erdball umgibt; darum können wir füglich von einem ‚Luftschiff‘ nicht mehr reden: Die ganze Welt, der unendliche Raum steht diesem Vehikel offen.“
„Sie haben recht“, gab Schultze zu. „Also ‚Weltschiff‘.“
Der Engländer aber fuhr fort:
„Ich habe übrigens meiner Kugel einen eigenen Namen gegeben. Der schöne Gedanke, den Sie hatten, Herr Kapitän, als Sie Ihr Automobil Lore tauften, hat mir eingeleuchtet, und so gab ich meiner Erfindung den Namen ‚Sannah‘.“
„Zu Ehren Ihrer liebenswürdigen Schwägerin, der mutigen Gattin unsres Freundes Doktor Leusohn in Ostafrika?“, fragte Schultze.
„Gewiss“, fiel Mietje ein: „Wir kamen beide sofort auf den Gedanken, den Namen meiner fernen Schwester für das Gefährt zu wählen, das uns auf einer Reise voll unbekannter Gefahren zur Heimat werden soll.“
„Freut mich!“ Rief Münchhausen: „Mit Sannah bin ich mit besonderer Vorliebe gereist, und ich bin überzeugt, diese neue Sannah wird ihrem Namen Ehre machen, uns Treue beweisen und die Reise so angenehm wie möglich gestalten.“
„Aus was für einem Stoff besteht eigentlich Ihr Weltschiff?“ Fragte nun Heinz Friedung: „Es glitzert ja wie Glimmer.“
„Diese schimmernde Hülle ist Flintglas“, erklärte Flitmore; „Wir müssen damit rechnen, dass wir auf unsrer Fahrt Temperaturen antreffen werden, die nicht nur unser Leben, sondern auch unser Fahrzeug vernichten könnten. Gegen die Kälte des Weltraums, die ich übrigens nicht für gar so schlimm halte, wie man meistens annimmt, schützt uns die elektrische Heizung.
Wir können aber auch durch Weltnebel und kosmische Staubwolken mit einer solchen Geschwindigkeit sausen, dass Sannah in Weißglut geriete, wie die Meteore, die in unsre Atmosphäre stürzen; das Gleiche wird ihr drohen, wenn wir uns der Sonne oder einem andern glühenden Weltkörper nähern. Ich habe daher die Hülle meines Weltschiffes genau so herstellen lassen, wie die Wandungen der feuerfestesten Kassenschränke, und auch diese Hülle noch mit dem unverbrennlichen Flintglas überkleidet, so dass wir hoffen dürfen, ohne Schaden auch längere Zeit hindurch uns den höchsten Temperaturen aussetzen zu dürfen.“
„Aber die Fenster?“ warf Schultze ein.
„Ich habe allerdings sechs große Fenster, die aus sehr dickem Glas bestehen und einen Ausblick nach allen Seiten gestatten. Unter jeder dieser Scheiben befindet sich ein mächtiges Fernrohr, da wir mit bloßem Auge meist nicht viel zu sehen bekämen. Sobald wir jedoch einer Hitze ausgesetzt würden, die meinen Fenstern gefährlich werden könnte, genügt der Druck auf einen Knopf im Innern des Schiffes, um im Augenblick sämtliche Fenster mit einem Schutzdeckel völlig dicht zu schließen, wie mit einem Augenlid.“
„Ungeheure Größenverhältnisse hat Ihr Weltschiff, das muss ich sagen!“, bemerkte der Kapitän bewundernd.
„Eigentlich sind sie gering“, erwiderte der Engländer: „Ein zeppelinsches Luftschiff zum Beispiel hat noch ganz andre Maße. Meine Kugel hat 45 Meter im Durchmesser; um den Mittelpunkt befindet sich ein Raum von 15 Metern in der Länge, Breite und Höhe, der somit 3375 Kubikmeter Rauminhalt hat. Hier sind die Reisevorräte verstaut in mehreren pyramidenförmigen Abteilungen mit der Spitze nach unten, das heißt nach dem Mittelpunkte zu.
Dieser Mittelraum bildet die Grundlage für die einzelnen Zimmer, die von ihm nach sechs Seiten hin ausstrahlen bis an die Hülle hin. Jedes dieser Zimmer, 5 Meter breit und etwa 3 Meter hoch, so dass sich allemal 5 solcher Säle übereinander befinden, deren äußerster als Wohn- und Beobachtungszimmer dient; leiterartige Treppen führen von einem Stockwerk zum andern. Die obersten Zimmer sind 15 Meter lang, die andern werden nach dem Zentrum zu etwas kürzer.
Abgesehen von den äußersten Gemächern, die sich unmittelbar unter der Wölbung der Kugelhülle befinden, bietet jede dieser dreißig Aufenthaltsgelegenheiten einen Raum von 200 bis 225, im ganzen etwas über 6000 Kubikmetern. Außer den Wohn- und Schlafzimmern habe ich hier Werkstätten eingerichtet: eine Schreinerei, eine Schmiede, ein chemisches Laboratorium; die übrigen Räume dienen abwechselnd zum Aufenthalt, wenn die verbrauchte Luft in den andern erneuert werden muss.
Die äußersten Kammern unter der Oberfläche sind durch besondere Gänge miteinander verbunden, die ich Meridiangänge benenne, weil sie gleichsam als innere Längen- und Breitengrade im Innern der Kugel verlaufen.“
„Auch außen haben Sie, scheint es, Meridiane angebracht“, bemerkte Münchhausen.
„Sie meinen die Rampen?“ fragte der Lord: „Diese kleinen Geländer, die ich für bestimmte Zwecke für vorteilhaft hielt, strahlen allerdings auch von einem Punkte aus und kreuzen sich wieder im entgegengesetzten Punkte, stellen also füglich Längengrade dar.
Den sechs Sälen, die sich unmittelbar unter der äußeren Umhüllung der Kugel befinden, gab ich aus praktischen Gründen besondere Namen: zu oberst befindet sich das Zenithzimmer, zu unterst das Antipodenzimmer; in der Mitte, dem Äquator, wenn Sie wollen, zeigt sich vor uns das Nordpolzimmer, dem hinten das Südpolzimmer entspricht; rechts das Ostzimmer, links das Westzimmer. Wie Sie sehen, verfuhr ich etwas unwissenschaftlich mit diesen Benennungen, da ich Nordpol und Südpol auf den Äquator verlegte. Aber das ist ja alles bloß Übereinkommen. Betrachten Sie die Linie, die vom Zenithzimmer über das Ost- und Antipodenzimmer zum Westzimmer läuft als Äquator, so stimmt die Sache wieder und wir haben zwei einander senkrecht schneidende Äquatorlinien, aus dem einfachen Grunde, weil meine Kugel nicht in Grade eingeteilt ist, aus der wir eine andere Bezeichnung für den Längsäquator hernehmen könnten und weil ich meine Rampenmeridiane vom Zenith- statt von einem Polzimmer ausgehen ließ.“
„Mit all den genannten Räumen aber“, warf Schultze ein, „ist der Raum Ihrer Kugel noch lange nicht ausgenützt.“
„Gewiss nicht! Mein Weltschiff hat einen Umfang von 141,3 Metern, eine Oberfläche von 6358,5 Quadratmetern und einen Inhalt von 47688,75 Kubikmetern. Rechnen wir den Raum der 30 Zimmer, der Vorratskammern und der Meridiangänge ab, auf die zusammen etwa 10000 Kubikmeter kommen, so verbleiben noch beinahe 38000 Kubikmeter; von diesen werden etwa 30000 durch die Stahlkammern ausgefüllt, die gepreßten Sauerstoff enthalten und ungefähr 8000 sind mit Ozon angefüllt; denn was wir vor allem brauchen, ist Luft, gesunde, stets erneuerte Luft.“
„Sie erwähnten vorhin die elektrische Heizung“, nahm der Kapitän wieder das Wort: „Ich darf wohl annehmen, dass auch Küche, Schmiedewerkstatt und chemisches Laboratorium nur auf elektrischem Wege geheizt werden, um jede Rauchentwicklung zu vermeiden.“
„Ganz richtig“, bestätigte Flitmore.
„Wie aber beschaffen Sie die elektrische Kraft?“
Der Lord lachte: „Sie kennen ja meine mächtigen Batterien von Afrika her, Kapitän. Aber ich gestehe ehrlich, die Hauptsache für die elektrische Speisung meiner Sannah verdanke ich Ihnen. Sie haben ja kein Geheimnis aus Ihrer wunderbaren Erfindung gemacht, dem ausgezeichneten Akkumulator, der Ihre Lore trieb. Nun, solche Akkumulatoren, System Münchhausen, nehme ich mehrere mit und erzeuge, wie Sie, die nötige Reibungselektrizität durch eine Maschine hauptsächlich mit Handbetrieb, so weit meine Batterien nicht dazu ausreichen sollten.“
3. Eine wunderbare Entdeckung.
Nach diesen Erklärungen lud Flitmore seine Gäste ein, die Innenräume zu besichtigen, was diese unter seiner Führung mit regstem Interesse taten.
Sie fanden alles mit größter Zweckmäßigkeit und Behaglichkeit eingerichtet; was ihnen zunächst auffiel, war, dass sämtliche Einrichtungsgegenstände als Tische, Stühle, Bettstellen usw. aus Kautschuk hergestellt waren, wie auch Wände, Decken und Fußböden sich mit dicken Gummiplatten ausgelegt erwiesen; was aber aus Holz und Metall bestand: Hobelbank, Amboss, Herd usw. war am Fußboden festgeschraubt.
„Diese Vorsicht glaubte ich nicht ausser acht lassen zu dürfen“, erklärte der Lord, „da wir nicht wissen können, welchen Erschütterungen unsre Sannah ausgesetzt sein kann, wenn sie etwa mit einem Meteoriten zusammenstoßen sollte oder etwas unsanft auf irgendeinem Weltkörper zum Landen käme.“
Die Besichtigung nahm mehrere Stunden in Anspruch. Als nun alles eingehend betrachtet und bewundert worden war, nahm Heinz Friedung das Wort:
„Verzeihen Sie, Lord Flitmore“, sagte er: „Sie sehen uns alle überzeugt, dass kein Fahrzeug umsichtiger und zweckmäßiger für eine kosmische Reise ausgerüstet sein könnte, als Ihre herrliche Sannah; aber welche Wunderkraft soll sie in den Weltraum schleudern? Das ist das Rätsel, das ich vergeblich zu lösen versuche. Dürfen wir etwas davon erfahren oder ist es ein Geheimnis?“
„Sie haben recht“, erwiderte Flitmore: „Ich bin Ihnen eine Erklärung schuldig. Es handelt sich hier um eine Entdeckung, die ich zufällig machte, und die mir erst den Gedanken und die Möglichkeit eines solchen Unternehmens gab.
Sie kennen die Schwerkraft und ihre Gesetze und wissen auch, dass die Wissenschaft keine Ahnung davon hat, was diese Schwerkraft ihrem Wesen nach eigentlich ist. Die Anziehungskraft der Weltkörper ist ja wohl eine Erklärung für die Schwerkraft, aber wir wissen eben gerade so wenig, was die Anziehungskraft ist und worauf sie beruht. Würde sie auf der Umdrehung oder Rotation beruhen, so müssten wir zum Beispiel gegen die Erdachse angezogen werden, während tatsächlich die Anziehung gegen den Mittelpunkt der Erde sich richtet. Es ist eine Zentripetalkraft. Möglicherweise hängt diese Kraft mit dem Magnetismus zusammen und dieser wieder mit der Elektrizität.
Nun wissen Sie, dass es eine positive und eine negative Elektrizität gibt. Was die eine anzieht, stößt die andre ab; so gibt es einen positiven und einen negativen Magnetpol, einen Nord- und einen Südpol, und der Zentripetalkraft entspricht eine Zentrifugalkraft. Mit andern Worten, außer der Anziehung gibt es auch eine Abstoßung, und letztere Kraft nenne ich „Fliehkraft“.
Es ist klar, dass, wenn unsre Erde neben ihrer Anziehungskraft auch eine abstoßende Kraft besitzt, Erstere bei weitem überwiegen muss in Bezug auf ihre Wirkung auf alle irdischen Körper; denn sämtliche Körper, auf welche die Abstoßungskraft überwiegend wirken würde, müssten sofort von der Erde abgestoßen werden, wären also nicht mehr da. Aus diesem einfachen Grunde bleibt uns diese zweite Kraft verborgen.
Nun habe ich aber durch zufällige Kombinationen eine Elektrizität oder einen magnetischen Strom entdeckt, der diese Fliehkraft darstellt.
Wird der Strom geschlossen, so werden die von ihm durchströmten Körper von der Erde abgestoßen und das mit umso größerer Kraft, je stärker der Strom ist. Bei unterbrochenem Strom tritt die Anziehungskraft der Erde wieder in ihre Rechte.
Meine „Fliehkraft“ ist sozusagen die umgekehrte Schwerkraft, ein Magnetismus, der vom Erdmagnetismus abgestoßen wird, und der seinerseits auf diesen abstoßend wirkt.
Das ist das ganze Geheimnis. Alle Versuche, die ich anstellte, hatten den gleichen Erfolg; jeder Körper, den ich mit Fliehkraft lud, und wenn er sonst noch so schwer war, erhob sich in die Luft mit wachsender Geschwindigkeit und verschwand auf Nimmerwiedersehen. Sie begreifen, dass mir diese Entdeckung den Gedanken nahelegen musste, ein Fahrzeug herzustellen, das mittelst der Fliehkraft sich dem Bereich der Anziehungskraft unsres Erdballs entziehen könnte.“
Mit großer Verwunderung lauschten unsre Freunde diesen überraschenden Ausführungen und Schultze meinte kopfschüttelnd: „Na, wir werden ja sehen!“
4. Die Fahrt ins Leere.
Es war eine helle Nacht, wenngleich der Mond nur die Hälfte seines beleuchteten Angesichts zeigte, als die kühne Reisegesellschaft ihre abenteuerliche Fahrt antrat. Flitmore ließ noch einige letzte Vorratskisten und Gebrauchsgegenstände in der Sannah verstauen. Auch die von ihm erfundene und in Afrika erprobte Nährmaschine nahm er für alle Fälle mit. In Kolben und Metallgefäßen verwahrte er die chemischen Stoffe, aus denen er mittels der Maschine Tabletten von hohem Nährwert erzeugen konnte. Dies hatte den Vorzug, dass in kleinen Behältern, die nur sehr wenig Raum einnahmen, die Mittel zur Verköstigung auf viele Monate mitgenommen werden konnten. Überdies vermochte er mit seiner Maschine bei einer Landung aus jedem Erdreich, das die für den Pflanzenwuchs nötigen Bestandteile enthielt, diese Bestandteile auszusondern und zu verarbeiten, genau wie es die Pflanzen tun, die Mehl und genießbare Früchte erzeugen. Wozu aber die Halme, Gesträuche und Bäume Monate oder wenigstens Wochen benötigen, das brachte die Nährmaschine in wenigen Stunden zuwege. So schlossdiese geniale Erfindung eine Hungersnot aus, auch wenn die reichen Lebensmittelvorräte erschöpft werden sollten, im Falle die Reise sich über alle Erwartungen hinaus verlängern würde.
Besonders wichtig war dem Lord auch sein photographischer Apparat, mit dem er nach dem neuesten Verfahren Lichtbilder in natürlichen Farben herzustellen verstand.
Heinz trug seine geliebte Violine in ihrem Kasten bei sich: Er war ein Meister im Geigenspiel und die Zartheit und Gefühlsinnigkeit seines Strichs übertraf selbst das, was man von berühmten Virtuosen zu hören gewohnt ist. Überdies blies er gelegentlich auch Piston mit ebensolch vollendeter Meisterschaft.
Flitmore selber war ein begeisterter Kenner und Freund der Musik. Er spielte nicht weniger als drei Instrumente mit gleicher Fertigkeit, das Klavier, das Cello und die Posaune.
Da Lady Flitmore auf dem Klavier Vorzügliches leistete, John Rieger, der Diener, Flöte blies und selbst Kapitän Münchhausen nicht unmusikalisch war, konnte man hoffen, in der Sannah Konzerte aufzuführen, die sich überall hätten hören lassen dürfen.
Der Lord hatte daher nicht versäumt, für solche willkommene Veranstaltungen in der Sannah ein eigenes, glänzend ausgestattetes Musikzimmer einzurichten, das sogar einen Flügel enthielt, dazu Blas- und Streichinstrumente aller Art, ein ganzes Orchester. Für die nötigen Noten und Partituren war selbstverständlich reichlich gesorgt: Da sollte keine Langeweile aufkommen!
Alle waren vor der Eingangspforte der Sannah versammelt, zum Einsteigen bereit, als Flitmores treuer Diener John noch als Letzter erschien, und zwar begleitet von zwei kräftigen Affen, die der Lord den erstaunten Gefährten folgendermaßen vorstellte:
„Sie sehen hier zwei dienstbare Geister, die Schimpansen Dick und Bobs. Der Erstere verdankt seinen Namen einem schlechten Wortspiel, da er in der Tat etwas fettleibig ist, also in deutscher Sprache als „Dick“ bezeichnet werden kann; der Zweite hat eine auffallende Ähnlichkeit mit Lord Roberts, dem Feldmarschall, den wir bekanntlich „Bobs“ heißen.
Die Tiere sind äußerst intelligent und gelehrig und sind vorzüglich eindressiert auf das Treiben der Maschine zur Speisung des elektrischen Akkumulators. Sie mögen uns ferner von Nutzen sein, wenn das Schicksal uns auf einen Weltkörper verschlagen sollte, der mit Pflanzenwuchs gesegnet wäre. Da wir in solchem Fall gewärtig sein müssen, lauter uns völlig unbekannte Früchte dort vorzufinden, werden uns die Schimpansen davor bewahren, irgendetwas Giftiges oder Schädliches zu genießen; denn darin ist ihr Instinkt untrüglich.“
Mit vor Erwartung klopfenden Herzen betraten unsre Freunde die unterste Kammer der Sannah, die eher ein Saal zu nennen war, wie alle ihre Räume. Nun musste es sich bald zeigen, ob eine Erhebung in den unendlichen Raum möglich sei. Und wenn es geschah, — was würden ihrer für Überraschungen, für Gefahren dort warten?
„Charles“, sagte Mietje zu ihrem Gatten: „Ich will mich in das oberste Stockwerk begeben und unsre Annäherung an den Mond beobachten.“
„Vortrefflich“, stimmte Flitmore ihr zu: „Wollen Sie vielleicht so freundlich sein, meine Frau zu begleiten, Heinz? Wir wollen unterdessen betrachten, wie die Erde aussieht, während wir uns von ihr entfernen. Wenn da nichts mehr zu sehen ist, kommen wir auch nach oben, und das wird bald der Fall sein; denn nach meinen Berechnungen werden wir schnell die Geschwindigkeit des Lichts erreichen, 300000 Kilometer in der Sekunde.“
„Na, na!“, rief der Professor zweifelnd.
„Steigen Sie die Treppe hinauf, Sie alter Zweifler“, sagte der Lord; „wie Sie sehen, befindet sich Okular und Spiegel des Teleskops dort oben in der Nähe der Decke. Es ist dies freilich etwas unbequem für den Beobachter, aber was wollte ich machen, wo es gilt, nach unten Ausschau zu halten.“
„Wissen Sie auch, was oben und unten ist?“, rief Heinz, der eben durch die obere Luke in der Decke das Gemach verließ, dem Lord herab.
Niemand begriff, was er damit meinte; aber der Gedanke, der dem jungen Gelehrten soeben aufgeblitzt war und ihn zu dieser merkwürdigen Frage gebracht hatte, hatte seine volle Berechtigung, wie die Zurückbleibenden binnen Kurzem erfahren sollten.
Heinz hatte inzwischen die Luke hinter sich verschlossen und stieg mit Lady Flitmore weiter hinan von Stockwerk zu Stockwerk, bis die 14 drei Meter hohen Treppen überwunden waren und sie im obersten Saal anlangten.
Flitmore verschloss während dieser Zeit den Eingang zum untersten Raume hermetisch und überzeugte sich, ob alles in Ordnung und nichts vergessen worden sei.
Der Professor saß bereits auf dem obersten Absatz der Stiege am Okular des Fernrohrs.
„Nun denn, in Gottes Namen und im Vertrauen auf des Allmächtigen Schutz!“, rief der Lord feierlich: „Meine Herren, ich schließe den Strom.“
Da geschah etwas völlig Unerwartetes.
Mietje und Heinz vernahmen in diesem Augenblick ein dumpfes Geräusch, das sich durch das ganze Fahrzeug fortpflanzte.
„Was bedeutet das?“, fragte die Dame.
„Es purzelt alles durcheinander“, sagte Heinz lachend: „Die Herren lernen jetzt oben und unten aus praktischer Erfahrung unterscheiden, sie sind jedenfalls alle herabgestürzt.“
„Wieso?“, frug Mietje erschrocken: „Hat mein Mann den Eingang nicht rechtzeitig verschlossen? Unmöglich! Sie meinen doch nicht, dass sie herausgestürzt sind, während die Sannah sich erhob?“
„Nein, nein! Überhaupt bei der guten Auspolsterung der Räume hat es keine Gefahr, und was wir vernommen haben, ist nur das Durcheinanderpoltern der Kisten und Ballen in den unteren Vorratskammern; denn aus den gummibelegten Sälen kann kein Ton bis zu uns dringen.“
Die Lady schüttelte den Kopf; sie begriff nicht recht und dachte nur, die Abfahrt sei mit einem starken Ruck erfolgt, der dort unten einiges durcheinandergeworfen habe. Freilich, ganz unerklärlich blieb es dann immer noch, dass hier oben auch nicht die geringste Erschütterung zu spüren gewesen war.
Was war geschehen?
Die Männer dort unten waren sich selbst nicht klar darüber, während das Ereignis sich mit einer erschreckenden Plötzlichkeit abspielte.
Dem Professor auf seinem Sitz am Plafond war es plötzlich, als habe er einen Purzelbaum gemacht und stehe nun auf dem Kopf; und doch hatte er sich nicht geregt.
Im gleichen Augenblick kollerten Lord Flitmore und sein Diener die Treppe herauf oder vielmehr herunter, wie es nun aussah, und kamen auf Schultze zu liegen.
Wie eine Bombe platzte gleichzeitig Münchhausen herab, glücklicherweise in einiger Entfernung, so dass seine Leibesfülle keinen der andern traf, sonst hätte es ein Unglück gegeben.
Dank seinem Fettpolster und dem Guttaperchaüberzug der Decke nahm er bei dem Sturz aus drei Meter Höhe keinen Schaden.
Sämtliche Möbel des Zimmers stürzten ebenfalls herab und kamen zum Teil auf die zappelnden Männer zu liegen und über alles hinweg turnten die erschreckten Schimpansen.
„Da hört sich aber doch alle Wissenschaft auf!“ grollte Schultze, als Flitmore und John die glücklicherweise so gummiweichen Sessel von sich abgewälzt hatten und den Professor von der Last ihrer eigenen Körper befreiten.
Alle drei richteten sich auf und Schultze stellte mit Befriedigung fest, dass keiner verletzt war.
Dann sah er sich um.
„Weiß der Kuckuck!“, rief er, „wir stehen auf dem Plafond. Wahrhaftig, die Decke ist zum Fußboden und der Fußboden zur Decke geworden. Schauen Sie doch: Die Treppe hängt verkehrt herab und das Teleskop ist nach oben gerichtet. Da! Sehen Sie! Die Erde schwebt über uns, ah! Herrlich!“
In der Tat bot die mondbeschienene Erde einen prächtigen Anblick; sie entfernte sich mit rasender Geschwindigkeit und schon sah man durch das große Fenster die Umrisse der britischen Inseln wie auf einer Landkarte sich aus dem weißglänzenden Meer erheben.
„Na! So helfen Sie doch mir erst auf die Beine“, rief Münchhausen unwirsch, während er sich vergeblich bemühte, den großen Kautschuktisch von sich zu wälzen, der seinen Bauch beschwerte.
Lachend befreiten ihn Schultze und John und richteten ihn dann mit großer Anstrengung auf.
„Ich hab’s!“, rief in diesem Augenblick der Lord. „Nein! Dass ich auch das nicht in Rechnung zog! Wahrhaftig, Heinz Friedung beschämt uns alle. Hat er uns nicht noch zugerufen: „Wissen Sie auch, was oben und unten ist?“ Er allein hat die Folgen geahnt, die aus der Loslösung von der Anziehungskraft der Erde sich ergeben mussten.“
„Schafskopf, der ich bin!“, rief Schultze und glaubte im Augenblick selber an die Richtigkeit seiner Behauptung: „Das ist ja sonnenklar! Stößt die Erde uns ab, so ist auch die Richtung nach der Erde für uns nicht mehr unten, sondern oben! Lord, entweder müssen Sie die Einrichtung Ihrer sämtlichen Zimmer völlig umändern oder Sie müssen zusehen, ob Sie ihre ganze Sannah zu einer Umdrehung veranlassen können, sonst stehen Ihre sämtlichen Stiegen auf dem Kopf.“
„Das ist meine geringste Sorge“, erwiderte Flitmore. „Die Treppen sind leiterartig und leicht gebaut, bestehen aus Aluminium und lassen sich aushaken. Wir können sie ohne große Mühe umdrehen; aber ich sorge, ob Mietje und Heinz keinen Schaden nahmen, und wie wird es in meinem chemischen Laboratium aussehen! Die Röhren und Gläser alle in Scherben. Schade! Ein Glück, das die elektrischen Glühbirnen an den Wänden und nicht an den Plafonds angebracht waren, sonst ragten sie jetzt aus dem Fußboden empor und wären durch die stürzenden Möbel zertrümmert worden.“
Es wurde beschlossen, zunächst nach der Lady und Heinz zu sehen.
Die Deckenluken waren nun zu Falltüren im Fußboden geworden und die Treppen, die zu Aufstieg berechnet waren, galt es nun hinabzuklettern. Hiezu mussten sie erst ausgehängt und umgedreht werden, eine Arbeit, die zwar Mühe kostete, aber doch gelang.
Bei dem Abstieg jedoch kamen neue Überraschungen: Die Decken und Fußböden der Zimmer erschienen durchaus nicht eben noch wagrecht: Sie zeigten bedenkliche Neigungen und Steigungen. Als die ersten fünfzehn Meter überwunden waren, hörte der Abstieg überhaupt auf: Von da ab waren Decke und Fußboden der Zimmer nicht einfach vertauscht, sondern zu Seitenwänden geworden; die Decken- und Fußbodenluken waren hier einfache Türen und es bedurfte gar keiner Treppe mehr, um sie zu erreichen. Anfangs zeigten sich die neuen Fußböden, die bisher Zimmerwand gewesen waren, nach unten geneigt, im späteren Verlauf jedoch wurden sie mehr und mehr zu ansteigenden schiefen Ebenen und zuletzt schien auf einmal wieder alles in Ordnung, man konnte die folgenden Treppen belassen, wie sie waren, und statt des Abstiegs begann nun ein Aufstieg zu den letzten fünf Zimmern. — Kapitän Münchhausen schüttelte den Kopf, während er keuchend seine Leibesfülle die Treppen emporschleppte: „Ihre Sannah ist rein verhext, Lord!“, rief er: „Ich komme aus diesen Verhältnissen nicht mehr draus.“
„Sonderbar, in der Tat, sonderbar“, gestand Flitmore.
„Nein! Ganz natürlich“, belehrte der Professor überlegen; denn sein fleißiges Nachdenken hatte ihn des Rätsels Lösung finden lassen. „Unsre Sannah ist sozusagen selbständig geworden, ein von der Anziehungskraft der Erde emanzipiertes Frauenzimmer, ganz modern! Sie hat nun ihre eigene Zentripetalkraft und ihr Mittelpunkt ist für uns fortan jederzeit unten und ihre Oberfläche überall oben. Sie ist ein Planet für sich oder sagen wir ein Planetoid; sie ist in die Reihe der Weltkörper eingetreten, großartig, was?“
„Sie haben recht, Professor!“, stimmte Flitmore zu. „Und sehen Sie, in diesen oberen Räumen ist alles in Ordnung geblieben, nur dass sich Decke und Fußboden gegen den Mittelpunkt neigen. Ein Glück, dass mein chemisches Laboratorium sich hier befindet. Da ist kein Stück beschädigt, nur etwas zusammengerutscht sind die Sachen, alles gegen die Mitte hin. Wir müssen zusehen, wie wir uns mit dieser Lage der Dinge zurechtfinden und uns so bequem als möglich einrichten. Es ist wahrhaftig fatal, dass ich diese Folgerungen in meine Berechnungen nicht einbezogen habe, sonst hätte ich Fußböden und Decken sämtlich als konzentrische Kugeln angeordnet und so allein wäre unter den obwaltenden Verhältnissen alles topfeben. Jetzt ist die Sache durch und durch verpfuscht.“
„Na, schadet nichts, lieber Lord!“ tröstete der Kapitän: „Große Unannehmlichkeiten entstehen uns daraus nicht, nur einige Arbeit, bis Sie in Ihrer Schreinerei die Hobelbank vom Plafond abgeschraubt haben und in der Schmiede den Amboss von der Wand, bis schließlich alles in die gebührende Lage zurückversetzt ist.“
Oben angekommen fanden sie Mietje und Heinz vergnügt beieinander. Heinz hatte der Lady inzwischen den Vorgang erklärt, wie er sich ihn ganz richtig bedacht hatte, und beide freuten sich, dass alles ohne Schaden für die andern abgelaufen war.
5. Im Weltenraum.
Über den Erklärungen und dem Geplauder, das sich nun lebhaft erhoben hatte, war die Beobachtung der Weiterfahrt völlig vergessen worden, bis Mietje daran erinnerte.
„Passt auf!“, sagte sie: „Wir nähern uns mit rasender Geschwindigkeit dem Mond.“
Alle schauten nach oben.
„Allerdings“, sagte Heinz, „er sieht schon ganz stattlich aus, aber merkwürdig düster.“
„Hollah!“, rief Schultze: „Das ist ja unsre Erde! Dunkel erscheint sie in der Tat; aber die Umrisse von Europa und Afrika lassen sich ganz deutlich unterscheiden.“
Es war wirklich ein entzückender Anblick! Die Erde erschien als flache Scheibe, etwa zehnmal so groß als die scheinbare Größe des Vollmonds, und die mondbeleuchteten Kontinente zeigten sich wie auf einem Erdglobus: Europa, Afrika und ein Teil von Asien waren ganz zu übersehen und über Indien und Persien leuchtete schon die Morgensonne, so dass die Küsten deutlich dem staunenden Auge erschienen.
„Was ist das wieder für ein Spuk!“ polterte der Kapitän: „Ich meine doch, hier sollten wir den Ausblick direkt auf den Mond haben und die Erde ließen wir auf der andern Seite! Werter Lord, Sie haben mich sozusagen als Kapitän und Steuermann Ihrer Sannah angeheuert, aber mit solch einem vertrackten Fahrzeug weiß ich wahrhaftig nicht umzugehen. He, Professor! Sie Alleswisser, wie erklären Sie nun wieder diese Absonderlichkeit?“
„Herrlich!“, erwiderte Schultze begeistert: „Als echter Planet, der sich seiner Bedeutung im Weltall bewusst ist, dreht sich unsre Sannah um ihre eigene Achse und das in ungefähr zwei Erdenstunden. Passen Sie auf, in einer Stunde etwa sehen wir da oben wieder den Vollmond aufleuchten, und sobald wir außer dem Bereich des Erdschattens sind, wechseln bei uns Tag und Nacht stündlich; wir brauchen uns aber nur zu rechter Zeit in ein andres Zimmer unter der Oberfläche unsres Planeten zu begeben, um ewigen Tag zu genießen und unendliche Nacht, ganz nach Belieben!“
„Ich muss gestehen“, sagte Flitmore, „das alles kommt mir ganz überraschend; meine astronomischen Kenntnisse sind nicht weit her und ich habe diese Umstände nicht in Rechnung gezogen.“
„In der Tat“, lachte Schultze! „Auch über die Fortbewegungsgeschwindigkeit Ihrer Sannah täuschten Sie sich. Mit der Lichtgeschwindigkeit ist es einmal sicher nichts; sonst hätten wir den Mond schon längst hinter uns.“
„Halt!“, wandte der Lord ein: „Sie vergessen, dass wir uns noch in der Anfangsgeschwindigkeit befinden, die beständig wächst; überdies habe ich mit Absicht nur einen ganz schwachen Strom unsre Hülle durchkreisen lassen, damit wir unsern Nachbarn, den Mond, mit Muße betrachten können.“
„Wissen Sie, was uns begegnen wird?“, fragte der Professor. „Wir werden als Bewohner eines regelrechten Planeten den Gesetzen der Gravitation unterworfen werden, das heißt unsere Sannah wird in elliptischer Bahn um die Sonne kreisen und dann sind wir hilflose Gefangene, bis wir nach Verbrauch unseres Sauerstoffvorrats ein klägliches Ende nehmen.“
„Sie sind ein unheimlicher Prophet, Herr Professor“, rief Mietje: „Hoffentlich wird Ihre Voraussage nicht in Erfüllung gehen.“
Schultze zuckte die Achseln: „Die Gravitationsgesetze erleiden keine Ausnahme; jeder Weltkörper ist ihnen unterworfen; und da unser Weltschiff zu solch einem Weltkörper im unendlichen Raume geworden ist, muss er wohl samt uns allen ein Opfer dieser Gesetze werden.“
„Was ist denn das, wenn ich mir zu fragen die Erlaubnis herausnehmen darf“, nahm nun John Rieger, der Diener, das Wort, „diese verhängnisreiche Kraft, woselbst Sie Gravisionskraft nennen?“
„Das ist diejenige Kraft“, klärte der Professor den Wissbegierigen auf, „die alle Planeten, das heißt die Weltkörper, die sich um die Sonne drehen, in ihren Bahnen erhält. Der unsterbliche Isaak Newton hat als Erster die Gesetze dieser Kraft festgestellt, die im Grunde nichts anderes ist, als die Schwerkraft: Alle Weltkörper ziehen einander an und je größer ihre Masse ist, desto stärker ist ihre Anziehungskraft.“
„Dann aber müsste doch sozusagen einer auf den andern fallen“, warf Rieger ein: „voraussichtlich die kleinen auf die größeren, wie zum Beispiel der Mond auf die Erde und die Erde auf die Sonnen.“
„Sehr scharfsinnig bemerkt, mein Sohn!“, lobte Schultze; „aber der Mond wird nicht bloß von der Erde, sondern auch von der Sonne angezogen und alle Weltkörper ziehen einander gegenseitig an. Dazu bewirkt die Anziehungskraft die elliptische Bewegung der Planeten um die Sonne und durch diese Eigenbewegung überwinden sie wieder bis zu einem bestimmten Grad die Anziehungskraft, so dass es eben diese Kraft ist, die in ihren Folgen das Weltall im Gleichgewicht erhält. Allerdings kommen auch Störungen in der regelmäßigen Umlaufbahn vor, wenn zwei Himmelskörper sich auf ihren Wegen nähern und dadurch eine verstärkte Anziehung aufeinander ausüben. Dadurch wird die Berechnung sehr verwickelt.
So hat man berechnet, dass die Erde mindestens elf Bewegungen ausführt: 1. dreht sie sich in 24 Stunden um sich selbst, das nennt man ihre Rotation; 2. bewegt sie sich um die Sonne mit einer Geschwindigkeit von 29450 Metern, also beinahe 30 Kilometern, in der Sekunde; 3. eilt sie mit dem ganzen Sonnensystem dem Sternbild des Herkules oder der Leier zu; 4. schwingt die Erdachse; 5. verändert sich die Form der Erdbahn um die Sonne, indem sie sich bald der Kreisform nähert, bald wieder der Form einer langgestreckten Ellipse; 6. dreht sich diese Ellipse selber in ihrer eigenen Ebene in einer Periode von 21000 Jahren; 7. dreht sich die Erdachse in 25765 Jahren in einem Kreis; 8. die Anziehungskraft des Mondes, dem wir auch Ebbe und Flut verdanken, lässt den Pol des Äquators in 18 Jahren und 8 Monaten eine kleine Ellipse beschreiben, da der Mond eine Anschwellung der Erdmasse am Äquator hervorruft, die eine Art Ebbe und Flut auch des festen Landes darstellt; 9. die Lage des Schwerpunktes unseres Erdballs verändert sich allmonatlich ebenfalls infolge der Mondanziehung; 10. die Planeten, namentlich Jupiter und Venus, verursachen Störungen der Erdbahn; 11. der Mittelpunkt der jährlichen Umdrehung der Erde um die Sonne liegt nicht im Mittelpunkt der Letzteren, sondern ist veränderlich. Es wäre übrigens leicht, noch mehr Bewegungen auszurechnen.“
„Du siehst, John“, sagte Flitmore lachend, „wenn du in einem fahrenden Schnellzug auf und ab spazierst, die Hände schlenkernd und dabei die Finger bewegend, so machen deine Finger 15 Bewegungen mit und der Bazillus, der in deinem kreisenden Blute deiner Fingerspitze schwimmt, gar 17.“
„Aber was sagen Sie, Lord, zu der Befürchtung unseres Professors, dass wir nun ewig um die Sonne kreisen werden?“, fragte Heinz Friedung.
„Damit hat es keine Gefahr“, erwiderte Flitmore. „Schultze ließ einen Hauptumstand ausser acht. Ich habe überhaupt eine besondere Ansicht über die Gravitation; ich glaube, dass zwei Kräfte dabei tätig sind, eine Anziehungskraft und eine gegenseitige Abstoßungskraft, wie man ja auch annimmt, dass die Moleküle und Atome eines Körpers einander zwar anziehen aber doch nicht berühren, weil sie einander auch abstoßen. Der Ausgleich dieser beiden einander entgegenwirkenden Kräfte bestimmt meiner Ansicht nach den gegenseitigen Abstand, den die Himmelskörper einhalten; so erkläre ich mir auch, dass die flüchtigen Stoffe der Kometen bei der Annäherung an die Sonne bis zu einem gewissen Punkt angezogen, von da ab aber abgestoßen werden und so die Kometenschweife bilden.
Für uns aber ist die Hauptsache, dass der Strom, der in der Sannah kreist, die Anziehungskraft überhaupt aufhebt und nur die Fliehkraft wirken lässt, so dass kein Weltkörper uns in seinen Bannkreis zwingen kann, solange der Strom geschlossen bleibt.“
„Das ist in der Tat richtig“, gab Schultze zu. „Aber hören Sie, noch eins erscheint mir rätselhaft: Wir befinden uns jedenfalls schon längst im leeren Raum, außerhalb der irdischen Atmosphäre, deren Höhe auf etwa 180 Kilometer geschätzt wird ...“
„Erlauben Sie, dass ich Sie hier unterbreche“, bat Flitmore: „Wie stellen Sie sich unsere irdische Lufthülle überhaupt vor?“
„Nun“, erwiderte der Professor: „Man ist der Ansicht, als ob es eine scharfe Abgrenzung der Atmosphäre gegen den Raum überhaupt nicht gebe, sondern bloß einen allmählichen Übergang durch stets zunehmende Verdünnung der Luft.“
„Ganz richtig!“, sagte der Lord: „Aber die Astronomen oder Astrophysiker, die diese schöne Theorie aufstellen, vergessen offenbar, dass die Erde bei ihrem Dahinsausen durch den Raum ihre Lufthülle mit sich nimmt. Wie wollen wir uns das erklären, wenn diese Hülle gar keine feste Grenze hat?“
„Das stimmt!“, meinte Heinz: „Es ist klar, dass die Anziehungskraft der Erde auf die obersten, dünnsten Luftschichten am schwächsten wirkt; in einer bestimmten Höhe muss die Attraktion nicht mehr genügen, um die in den leeren Raum übergehende unendlich verdünnte Luft festzuhalten und somit muss sie alles zurücklassen, was über diese Grenze hinausgeht; wäre also die Atmosphäre ursprünglich ohne bestimmte Grenze gewesen, so müsste sie doch alsbald durch die Fortbewegung der Erde zu einer scharfen Abgrenzung gelangt sein.“
„Ganz meine Ansicht“, bestätigte Flitmore: „Ich gehe noch weiter; es wäre anzunehmen, dass die Erde immer mehr von ihrer Atmosphäre an den leeren Raum verlöre und die Masse derselben beständig abnehmen müsste.“
„Das leuchtet mir ein“, meinte Schultze: „Jedenfalls muss die Lufthülle der Erde gegen den Raum scharf abgegrenzt sein, da sie mit der Erde durch die Leere saust.“
„Doch nicht!“, widersprach der Lord.
„Oho!“, rief Schultze verwundert: „Wie wollen Sie dann aus der Klemme kommen?“
„Sehr einfach“, erklärte der Engländer: „Die Lufthülle der Erde ist nie und nirgends vom raumerfüllenden Stoff scharf unterschieden, weil eben dieser Stoff, der den Raum erfüllt, und den man Äther nennt, nichts anderes ist als Luft.“
„Da hört sich aber doch alle Wissenschaft auf!“, lachte der Professor. „Damit werden Sie in der wissenschaftlichen Welt schwerlich durchdringen.“
„Möglich! Aber das ist meine Überzeugung. Ein ganz allmählicher Übergang der Atmosphäre in den umgebenden Raum ist nur dann möglich, wenn der Raum eben die gleichen Stoffe enthält, wie die Luft, freilich in äußerst dünner Verteilung. So mag die Erde einerseits beständig etwas von ihren obersten dünnsten Luftschichten an den Raum verlieren, sie wird aber andererseits auch beständig aus dem durcheilten Raum wieder Ersatz anziehen.“
„Bravo!“, rief Heinz: „Diese Theorie allein scheint mir genügend zu erklären, wieso die Erde ihre Lufthülle durch die Jahrtausende in gleicher Dichte und stets erneuerter Reinheit bewahren kann.“
„So ist es“, bestätigte der Lord: „Und weiter folgt daraus, dass jeder Weltkörper entsprechend seiner Masse und Anziehungskraft, sowie seiner Rotations- und Umlaufgeschwindigkeit sich aus dem Raum eine Atmosphäre angezogen haben muss, die eben durch seine Attraktion verdichtet und an seiner Oberfläche am dichtesten geworden ist.“
„Das hieße also: kein Weltkörper ohne Lufthülle?“, fragte Schultze.
„Das wäre allerdings die notwendige Folge meiner Annahme.“
„Lassen wir das dahingestellt“, fuhr der Professor kopfschüttelnd fort: „Das Rätsel, von dem ich reden wollte, ist dies: Da wir uns im leeren Raum, oder, wie Sie wollen, in äußerst verdünnter ätherischer Luft befinden, muss in unserer Umgebung eine Temperatur herrschen, die dem absoluten Nullpunkt nahekommt, das heißt 273 Grad unter Null. Nun mag die Schutzhülle unserer Sannah noch so vorzüglich sein, ebenso Ihr Heizungssystem; wir müssten dennoch den Einfluss einer so ungeheuren Kälte spüren. Ich aber spüre nichts Derartiges, vielmehr ist es stets gleichmäßig behaglich warm.“
„Über die Temperaturverhältnisse des Raumes sind wir völlig im unklaren“, entgegnete der Engländer: „Die beständige Abnahme der Temperatur ist schon innerhalb der Erdatmosphäre widerlegt, in welcher bekanntlich die große Inversion stattfindet: Die unterste Luftschicht ist 3 bis 4 Kilometer hoch und befindet sich in steter Unruhe und Bewegung; über ihr befindet sich eine ruhigere, trockene, kalte Luftschicht, in der die Temperatur bis zu 85 Grad unter Null abnimmt. In einer Höhe von 10 Kilometern aber beginnt die dritte, sehr gleichmäßige, ruhige und trockene Schicht, die wieder wärmer ist und bei 14 Kilometer Höhe 52 bis 57 Grad unter Null aufweist. Die Theorie der ‚Strahlung‘ von Licht und Wärme halte ich für eine völlig verfehlte: Sie müsste zu ganz unmöglichen Folgerungen führen. Bedenkt man, mit welcher Geschwindigkeit die Erde durch den Raum eilt, so dass in jedem Augenblick neue, zuvor im Raum verlorene Sonnenstrahlen sie treffen, so müsste man annehmen, dass sie überhaupt kein Licht und keine Wärme von der Sonne empfangen könnte, falls nicht der Raum, den sie durchwandert, erleuchtet und erwärmt wäre. Meiner Ansicht nach pflanzen sich Licht und Wärme in der Weise fort, dass die erleuchteten und erwärmten Stoffteile des Raumes sie einander durch Berührung weitergeben, meinetwegen als Schwingungen. Je dünner die Materie ist, desto rascher gibt sie die Schwingungen weiter und desto weniger speichert sie an Licht und Wärme auf; je dichter sie ist, desto mehr absorbiert oder verschluckt sie, speichert davon in sich auf oder wirft die Strahlen zurück, wobei es auf die Art des Stoffes ebenfalls ankommt, auf seine Leitungsfähigkeit, Färbung und so weiter.“
„Sie haben recht, Lord“, mischte sich nun Kapitän Münchhausen in das Gespräch: „Auf den höchsten Berggipfeln, die infolge der mangelnden Erdwärme ewig in Eis und Schnee starren, brennt die Sonne viel heißer als unten in der dichten Atmosphäre. Warum? Die dünne Luft gibt ihre Wärme rascher ab, wobei sie sich selber weniger durch Aufspeicherung erwärmt; der Raum, durch den wir fliegen, ist jedenfalls weit kälter als die Bergluft, aber durchaus nicht so bodenlos kalt, wie man annimmt, und bei Tag werden wir es erfahren, dass die Sonnenstrahlen uns tüchtiger einheizen als irgendwo auf der Erde.“
„Und da eine Hälfte unserer Sannah stets Sonnenlicht genießen wird“, fügte Heinz bei, „so denke ich, werden wir nie unter zu starker Abkühlung zu leiden haben.“
„Damit rechne auch ich“, schloss Flitmore: „Ich glaube, wir werden, solange wir uns im Bereiche der Sonnenwärme befinden, überhaupt keiner Heizung mehr bedürfen; im Gegenteil, die Schutzhülle meines Weltschiffs wird uns vor unerträglicher Hitze bewahren müssen.“
6. Am Mond vorbei.
Unsere Freunde richteten nun ihr Augenmerk wieder auf den Mond, der sein weißes Licht aufs Neue durch das große Deckenfenster sandte; denn Sannah hatte inzwischen eine zweite Umdrehung vollendet.
Er erschien nun als eine ungeheure Kugel, so nah, wie er durch das stärkste irdische Fernrohr nicht gesehen werden kann.
„Wir stürzen geradewegs auf ihn zu!“, rief Lady Flitmore nicht ohne Besorgnis.
„Beruhige dich, Mietje“, tröstete ihr Gatte: „Die Fliehkraft gestattet nicht, dass wir an seiner Oberfläche zerschellen, er muss uns abstoßen, ehe wir ihm nahekommen. Wenn wir übrigens wollten, könnten wir ihm einen Besuch abstatten: Ich brauchte nur den Strom abzustellen.“
„Ich stimme nicht dafür“, erklärte Münchhausen: „Er sieht durchaus nicht einladend aus, dieser Sehnsuchtstraum der Poeten.“
„Und ob wir dort atmen könnten“, meinte Schultze: „Er soll ja keine Atmosphäre besitzen.“
„Was das betrifft“, entgegnete der Lord, „so halte ich vorerst an meiner vorhin geäußerten Meinung fest, dass jeder Weltkörper seine Lufthülle besitzt.“
„Doch hat man nie mit Sicherheit Dämmerungserscheinungen auf ihm beobachten können“, warf der Professor ein.
„Das beweist gar nichts“, widersprach Flitmore hartnäckig: „Erstens wollen mehrere Astronomen Dämmerungserscheinungen auf dem Mond erkannt haben; zweitens gibt es in reiner Luft, wie Tyndall nachwies, überhaupt keine Dämmerungserscheinungen, diese rühren vielmehr von kleinen Partikelchen in der Atmosphäre her; so kennen zum Beispiel auch tropische Länder auf der Erde keine Dämmerung, und die Luft wollen Sie ihnen doch nicht absprechen? Dass der Mond keine Wolkenbildungen zeigt, beweist bloß den Wassermangel auf seiner Oberfläche. Andrerseits erscheint oft ein Stern vor der Mondscheibe, ehe er hinter derselben verschwindet, was sich am leichtesten durch die atmosphärische Lichtbrechung erklären lässt.“
Einladend sah allerdings die Mondlandschaft nicht gerade aus, wie der Kapitän sehr richtig bemerkt hatte: alles erschien starr, öde und tot, ohne eine Spur von Pflanzenwuchs und Wasserläufen. Aber hochinteressant erschien der Anblick und fesselte denn auch die Augen der Beobachter.
Die Gebirge erhoben sich zu ungeheurer Höhe über ihre Umgebung und überall zeigten sich die dem Monde eigentümlichen Ringkrater mit ihren himmelhohen steilen Rändern. Einzelne Erhebungen mochten eine absolute Höhe von 10000 Metern erreichen.
Besondere Aufmerksamkeit wandten der Professor und der Lord dem Krater Linné zu, der von Lohrmann als ein Schacht von zehn Kilometer Durchmesser beschrieben und von Beer und Mädler als solcher mit besonderer Deutlichkeit beobachtet wurde, 1866 aber plötzlich verschwand. An seiner Stelle erschien später ein kleines Kraterchen, das auch die beiden Beobachter der Sannah erblickten.
Gerne hätten sie auch den Doppelkrater Messier betrachtet, der sich ebenfalls in merkwürdiger Weise verändert haben soll: Bei nicht weniger als 300 Beobachtungen von 1829 bis 1837 waren beide Krater rund und einander gleich; heutzutage zeigt der eine Krater eine elliptische Form und die Zwischenwand der beiden Schlünde ist durchbrochen.
Man glaubt auch hie und da ein wogendes Nebelmeer in diesem Krater gesehen zu haben, vielleicht Rauchwolken. Für unsere Freunde war der Messier unsichtbar, weil das Mare foecunditatis, wo er sich befindet, in dunkle Nacht gehüllt war.
Von mehreren Kratern sah man helle Strahlen ausgehen. Namentlich zeigte sich diese merkwürdige Erscheinung an dem großartigsten Ringgebirge des Mondes, dem Tycho, von welchem mehrere hundert getrennte Streifen bis zu 1200 Kilometer Länge ausstrahlten.
Schultze glaubte in diesen rätselhaften Gebilden erstarrte Lavaströme zu erkennen mit glatter glänzender Oberfläche. Dafür spricht der Umstand, dass sie nur bei voller Beleuchtung durch die Sonne sichtbar sind.
Flitmore dagegen wies darauf hin, dass die Strahlen meist erst in einiger Entfernung von den Kraterwällen begannen und dann über Ebenen, Krater, Berge und Täler ununterbrochen hinwegliefen, um dann plötzlich am Fuße irgendeiner Erhebung zu enden oder sich allmählich in einer Ebene zu verlieren. Das stimmte doch nicht recht zu der Theorie der Lavaströme.
Dagegen erkannten beide Forscher deutlich das Wesen der rätselhaften Rillen, die teils gerade, teils gekrümmt, bald vereinzelt, bald sich verzweigend oder einander schneidend, sich in den Ebenen und um die Berge herum zeigten, manchmal auch einen Berg durchbrechend. Sie erwiesen sich als mehr oder weniger breite klaffende Sprünge in der Mondoberfläche.
Mehr als einmal wurden auch Neubildungen auf dem Monde beobachtet, und unsere Freunde hatten das Glück, eine solche unter ihren Augen entstehen zu sehen: in der großen Ebene des Mare imbrium tat sich auf einmal der Boden auf, Rauch und Glut brach hervor und es bildete sich binnen weniger Minuten ein Krater, von dem aus ein Schlamm- oder Lavastrom sich in die Umgebung ergoss.
„Schade, dass die Astronomen auf der Erde den neuen Vulkan nicht sehen können“, meinte Flitmore bedauernd: „Er ist zu klein für ihre Instrumente.“
„Wir haben den Vorgang beobachtet, das genügt!“, triumphierte Schultze.
„Ja“, mischte sich Heinz darein; „Falls wir je wieder die Erde erreichen und Kunde von diesem Vorgang dorthin bringen können.“
„Damit wäre ein alter Streit entschieden“, sagte der Professor, „wenn man uns nämlich Glauben schenkt, was immerhin sehr zweifelhaft bleibt.“
„Was für merkwürdige Farben!“, bemerkte nun Lady Flitmore und wies auf die Gegend des Oceanus procellarum hin.
In der Tat zeigten sich dort ausgedehnte Flecken von hellgrüner und gelblicher Färbung.
„Sollte da am Ende dennoch Pflanzenwuchs vorhanden sein?“, wagte Heinz zu vermuten.
„Achtung, meine Herren!“, rief jetzt der Lord: „Wir werden nun einen Anblick bekommen, den kein irdisches Auge noch genossen hat. Bekanntlich kehrt der Mond der Erde stets nur ein und dieselbe Seite zu, weil er sich genau in der gleichen Zeit um seine Achse wie um die Erde dreht. Nur infolge seiner Libration, das heißt seiner geringen Achsenschwankung, sehen wir bald auf der einen, bald auf der andern Seite einen kleinen Teil der von uns abgekehrten Hälfte.
Nun ist der Moment gekommen, wo wir am Erdtrabanten vorbeifliegen und seine rätselhafte Rückseite zu Gesicht bekommen werden, und zwar aus verhältnismäßiger Nähe; denn wir sind ihm bis auf 10000 Kilometer nahegekommen, während er 400000 Kilometer von der Erde entfernt ist.“
Alle waren aufs höchste gespannt auf den Anblick, den die geheimnisvolle Rückseite des Mondes ihnen gewähren würde, obgleich Schultze meinte, sie werde nicht viel verschieden sein von dem, was man bisher geschaut.
Zur Beobachtung musste ein andres Zimmer aufgesucht werden, da infolge der Umdrehung der Sannah der Mond für das Zimmer, in welchem sich die Gesellschaft befand, gerade unterging.
Der Lord beschloss, sich dem Monde noch weiter zu nähern, damit alle Einzelheiten der zu erwartenden Erscheinungen mit voller Deutlichkeit beobachtet werden könnten. Er stellte daher den Zentrifugalstrom ab und mit rasender Geschwindigkeit stürzte die Sannah dem Monde zu.
Das Nächste, was entdeckt wurde, war die Fortsetzung der farbigen Flecke, die sich durch das Teleskop nun deutlich als grüne Matten und dürre Grassteppen erkennen ließen.
„Was ist das?“, rief Lady Flitmore auf einmal erschreckt aus.
Durch das Fenster fiel ein leuchtender Schein.
Der Lord sah auf und eilte dann mit einem Satz an die Stromschaltung, um die Fliehkraft wieder in Tätigkeit zu setzen.
„Was war’s?“, fragte Heinz.
„Wir sind in die Mondatmosphäre eingedrungen“, erklärte der Engländer, „und bei der Geschwindigkeit unsres Sturzes begannen die Metallränder der Fenstereinfassung trotz des Flintglasschutzes zu glühen; doch die Gefahr ist beseitigt; wir erheben uns bereits wieder über die Atmosphäre.“
„Sie ist also vorhanden, diese vielbezweifelte Mondluft“, sagte Schultze.
„Daran ist nicht mehr zu zweifeln; aber sehen Sie!“ erwiderte Flitmore.
Die Mondoberfläche war kaum noch hundert Kilometer entfernt; so hoch erhob sich der dichtere Teil ihrer atmosphärischen Hülle. Und nun zeigten sich Landschaftsbilder von entzückender Pracht.
Auch hier herrschten die sonderbaren Ringgebirge vor; aber sie waren bewaldet.
Die Entfernung gestattete nicht, mit bloßem Auge die Natur dieser Wälder zu erkennen, das Fernrohr jedoch offenbarte ganz eigentümliche Baumformen, wie sie auf der Erde kaum zu finden sind. Die meisten dieser Gewächse glichen ungeheuren Grasbüscheln auf hohen Stämmen, so dass sie palmenartig aussahen; doch hatten die Bäume nur selten eine eigentliche Krone; meist waren es wagrechte Äste, die ihr buschiges Ende nach allen Seiten hin ausstreckten.
Riesenfarnen und Nadelbäume von demselben eigentümlichen Bau waren an andern Stellen zu sehen; die Wedel standen wagrecht von den Stämmen ab und neigten sich zum Teil nach unten, so dass unter dem Stamm kein Schatten zu finden sein konnte, abgesehen vom spärlichen Schatten des Stammes selber und seines Astholzes; in ziemlicher Entfernung erst umgab den Baum ein Kreis von schattigen Stellen.
In den Ringkratern leuchteten häufig kleinere oder größere Seen; Wasserfälle und Bäche stürzten die steilen Bergwände herab, größere Flussläufe und Meere waren jedoch nicht zu sehen: Die Bäche ergossen sich in kleine Binnenseen oder versandeten in der Ebene; vielfach schienen auch Sümpfe die Niederungen zu bedecken.
Von lebenden Wesen war nichts zu entdecken und Schultze sprach die Vermutung aus, dass eine Tier- und Vogelwelt jedenfalls vorhanden sein dürfte, allein wahrscheinlich nur in einer geringen Anzahl von Exemplaren von bescheidenster Größe, so dass auf solche Entfernung nichts davon zu erkennen sei.
Wolkenbildungen schienen auch auf dieser Seite des Mondes überhaupt nicht vorzukommen, was bei dem Mangel an bedeutenderen Wasserflächen nicht gerade verwunderlich war. Dagegen stiegen da und dort Nebelschleier auf, die dazu dienen mochten, das Land zu befeuchten und die Quellen zu speisen.
Leider war der größte Teil der Mondscheibe auf dieser Seite in Nacht gehüllt, so dass es unbekannt blieb, ob nicht noch unbekannte Wunder, vielleicht gar Spuren menschenähnlicher Geschöpfe in den verborgenen Gegenden zu schauen gewesen wären.
„Einen langen Tag und eine lange Nacht haben die etwaigen Mondbewohner“, sagte Schultze. „Sie währen 14¾ unsrer Erdentage; um so kürzer ist ihr Jahr, denn es dauert eben nur einen Tag und eine Nacht, im ganzen 29½ Erdentage.
Auf dieser Seite des Mondes wird die Erde niemals geschaut, während sie auf der andern, jedenfalls unbelebten und unbewohnbaren Seite des Mondes unbeweglich am Himmel steht, ohne jemals auf- oder unterzugehen oder ihre Lage zu verändern. Sie erscheint dreizehnmal größer als uns auf Erden der Mond erscheint und macht innerhalb 24 Stunden alle Mondphasen durch. Welch herrlichen Anblick und welch strahlendes Licht gewährt sie dort, wo wahrscheinlich niemand sie zu bewundern vermag!“
Lord Flitmore beschloss, von nun ab die Fahrt in die Welträume aufs äußerste zu beschleunigen und stellte den vollen Zentrifugalstrom ein; dann wurde eine Mahlzeit eingenommen, die John als Allerweltskünstler inzwischen bereitet hatte.
Da die Weltallreisenden dringendes Ruhebedürfnis verspürten, wurde beschlossen, dass sich nun jeder in sein eigenes Schlafgemach zurückziehen solle, um einige Stunden des Schlafes zu pflegen.
Bei den zahlreichen Räumen, die Lord Flitmores Sannah enthielt, hatte nämlich jeder ein besonderes und sehr geräumiges Schlafzimmer zur Verfügung.
Zuvor aber wurde der Wachdienst geregelt.
Es wurde allgemein anerkannt, dass eine ständige Wache unerlässlich sei, einmal weil bei einer Fahrt von solch rasender Geschwindigkeit, wie sie jetzt ausgeführt wurde, unbekannte Gefahren jederzeit drohten; sodann, weil besonders interessante Erscheinungen sich bieten konnten, die sich niemand gerne hätte entgehen lassen mögen.
Die Schlafzeit wurde auf 8 Stunden festgesetzt, und da Mietje darauf bestand, ihren Wachdienst gleich den Männern zu versehen, wurde jede „Nacht“, wenn man die Zeit des Schlafes so nennen wollte, in drei Wachen eingeteilt, so dass auf jeden alle 48 Stunden eine Wache von etwa 2¾ Stunden kam; gewiss keine übermäßige Leistung, da er hernach schlafen konnte, solange es ihm behagte.
Der jeweilige Wachhabende hatte die Runde durch alle Beobachtungszimmer zwei- oder dreimal zu machen, um alle Himmelsrichtungen zu beobachten. Sah er eine Gefahr oder etwas besonders Merkwürdiges, so war er verpflichtet, das elektrische Läutwerk erklingen zu lassen, das in allen Gemächern zugleich ertönte und von jedem Zimmer aus durch den Druck auf einen Knopf in Tätigkeit gesetzt werden konnte.
7. Eine ernste Gefahr.
Lord Flitmore übernahm die erste Wache.
Mit ungeheurer Geschwindigkeit stürzte die Sannah ins Leere.
An der Abnahme der scheinbaren Größe des Mondes berechnete der Lord, dass sie etwa 100 Kilometer in der Sekunde zurücklegte.
„Die Geschwindigkeit wird sich mit der Zeit noch verdoppeln, vielleicht verdreifachen“, murmelte er; „aber damit wird sie auch ihre höchste Eile erreicht haben. Im gegenwärtigen Tempo würden wir in neun Tagen die Marsbahn kreuzen, mit 300 Kilometern in der Sekunde in drei Tagen; dann würden wir drei Wochen benötigen, um die Jupiterbahn zu erreichen, weitere 25 Tage, um nach dem Saturn zu gelangen, dann 55 Tage bis zum Uranus und etwa 62 Tage bis zum Neptun, im ganzen fünfeinhalb Monate. Das würde elf Monate ausmachen, bis wir wieder zur Erde zurückgelangten, und so lange kann ich wohl hoffen, dass unsere Luftvorräte ausreichen, ganz abgesehen von der Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit, sie auf irgendeinem Planeten erneuern zu können, wodurch wir in Stand gesetzt würden, noch unbestimmte Zeit auf die Besichtigung und Erforschung der Planeten zu verwenden, deren Natur unserer Konstitution einen Aufenthalt auf ihrer Oberfläche gestatten würde. So könnten wir also ohne besonderes Risiko bis an die Grenzen unseres Sonnensystems reisen.“
„Prächtig!“, rief eine Stimme.
„Oho, Sie sind’s, Professor?“, sagte der Lord, sich umwendend. „Sie sind zu früh dran; erst in einer halben Stunde kommt die Wache an Sie.“
„Na! Ich habe die zwei Stunden famos geschlafen und fühle mich ganz munter; so wollte ich Ihnen die letzte Zeit Ihrer Wache Gesellschaft leisten; aber Sie werden müde sein; legen Sie sich nur gleich, wenn Sie wollen, ich bin ja auf dem Posten.“
„Ich fühle nichts von Müdigkeit; ich bin es gewohnt, lange zu wachen.“
„Also bis zum Neptun können wir reisen, wenn ich Sie recht verstand? Das ist ja famos!“
„Für mich bedeutet es vielmehr eine Enttäuschung: Ich wünschte die Welträume jenseits unsres Sonnensystems zu erforschen; aber das scheint nun ausgeschlossen, denn wir würden bei einer Geschwindigkeit von nur 300 Kilometern in der Sekunde so beiläufig 4500 Jahre brauchen, um den nächsten Fixstern Alpha Centauri zu erreichen.“
„Na, wissen Sie, Lord, wenn wir uns hier in der Unendlichkeit bewegen, außerhalb des Bereichs irdischer Naturgesetze, so ist es ja wohl gar nicht ausgeschlossen, dass wir einige tausend Jahre alt werden“, scherzte Schultze.
„Und auf leibliche Nahrung und Atmung in gesunder Luft dabei verzichten können“, ergänzte Flitmore. „Kann sein! Denn was ein Professor für möglich hält, muss sein können. Aber ich fürchte, wir würden an Langerweile zu Grunde gehen, wenn wir viereinhalb Tausend Jährlein durch den leeren Raum reisen wollten.“
„Hören Sie, Lord“, sagte Schultze unvermittelt: „Die Sonne wird merkwürdig klein!“
Er hatte einen Blick zum Fenster hinausgeworfen und zu seiner Verblüffung bemerkt, dass die Sonnenscheibe kaum noch halb so groß erschien, wie gewöhnlich und auch an Glanz in ähnlichem Verhältnis abgenommen hatte.
Bei einer Geschwindigkeit von 360000 Kilometern in der Stunde war diese Erscheinung ein Rätsel: Vier bis fünf Tage von 24 Stunden hätte normalerweise die Fahrt währen müssen, bis die Sonne in solcher Entfernung sich zeigte.
Flitmore wunderte sich zunächst nicht weiter über des Professors Bemerkung: „Ja“, sagte er, „wir entfernen uns immer mehr von unserm Zentralgestirn.“
Dabei blickte auch er zum Fenster empor.
„Halloh!“, rief er nun aber ganz verblüfft: „Was soll das bedeuten?“
Er griff sich an die Stirn, als zweifle er, ob er wache oder träume.
„Lord, die Sannah macht nicht 300, sondern 15000 Kilometer in der Sekunde“, rief Schultze aus: „Auf diese Weise erreichen wir Alpha Centauri bereits in 90 Jahren; wenn übrigens die Geschwindigkeit Ihres wunderbaren Weltschiffes im gleichen Tempo noch weiter zunimmt, wie anzunehmen ist, so können auch 90 Tage daraus werden.“
„Ausgeschlossen, völlig ausgeschlossen!“, sagte nun Flitmore ruhig und bestimmt, ging hin und unterbrach den Zentrifugalstrom.
„Was machen Sie da?“, fragte der Professor.
„Es war die höchste Zeit, dass wir die Sachlage entdeckten“, erklärte der Lord: „Wir müssen bereits über die Marsbahn hinausgekommen sein. Hätte ich mich zur Ruhe gelegt und Sie hätten die Bedeutung der auffallenden Erscheinung nicht erkannt, so wären wir rettungslos verloren gewesen. Ja, verloren im unendlichen Raum! Es handelt sich hier nicht um eine fabelhafte Geschwindigkeit unseres Fahrzeugs, sondern um die rasende Schnelligkeit, mit der unser Sonnensystem durch das Weltall saust. Da wir die Anziehungskraft für uns aufgehoben hatten, nahm uns das Sonnensystem auf seiner Fahrt nicht mit, sondern drohte, uns hinter sich zurück im Raum zu lassen.“,
„Erlauben Sie, Lord! Die Sonne soll sich freilich mit ihren Trabanten auf das Sternbild des Herkules zu bewegen, aber nur mit 16 Kilometern in der Sekunde, so dass diese Bewegung gegen die 300 Sekundenkilometer der Sannah kaum in Betracht kommt und keinesfalls unsre rasche Entfernung von der Sonne erklärt.“
„Sie haben recht, Professor; aber da ist eine Bewegung, die kein irdischer Astronom erkennen konnte, die aber geahnt und vermutet worden ist, und die sich in diesem Augenblick enthüllt hat: Die ganze Fixsternwelt, innerhalb deren sich die einzelnen Systeme bewegen, wie etwa unser Sonnensystem nach dem Herkules, bildet wiederum ein großes System, das offenbar mit 15000 oder noch mehr Sekundenkilometern wie ein Strom durch die Unendlichkeit des Raums dahinfährt und diese Strömung ist es, die drohte uns unser Sonnensystem in kurzer Zeit zu entführen, so dass wir im Leeren zurückgeblieben wären, fern von allen Weltkörpern, die uns hätten anziehen oder abstoßen können und uns so die Aussicht gewährt hätten, irgendwo zu landen.“
„Nanu! So hätten wir eben zuwarten müssen, bis der große Weltenstrom neue Welten in unsre Nähe geführt hätte.“
„Ein guter Gedanke; aber wer weiß, wie viele tausend Jahre wir darauf hätten warten müssen. Jedenfalls zog ich es vor, uns wieder dem Einfluss der Anziehungskraft zu überlassen, da es zunächst für unsre Sicherheit notwendig erscheint, unser Sonnensystem nicht zu verlassen. Jetzt werden wir voraussichtlich in die Attraktionssphäre des Mars geraten und müssen aufpassen, dass wir nicht unsanft auf ihn herabstürzen. Ich werde mich daher nicht zur Ruhe begeben, um meine Maßregeln rechtzeitig treffen zu können.“
8. Die großen Astronomen.
Unsre Freunde hatten beschlossen, ihre Zeitrechnung nach irdischem Maßstab einzuteilen, um jeglicher Verwirrung der Begriffe zu entgehen, und so war es, wie die Uhren der Sannah anzeigten, 8 Uhr morgens, als sich alle um den Frühstückstisch im Nordpolzimmer versammelten.
Die Schlafgemächer befanden sich sämtlich in den inneren Räumen, die auf künstliche Beleuchtung angewiesen waren; die vier Säle, die sich in der Äquatorlinie der Sannah befanden, hatten stets abwechselnd eine Stunde Tag und eine Stunde Nacht; im Südpolzimmer dagegen herrschte zurzeit beständige Nacht, im Nordpolzimmer unaufhörlich Tag. Aus diesem Grunde wurde Letzteres zum gewöhnlichen Aufenthaltsort gewählt.
Schultze berichtete eingehend über die Vorkommnisse der vergangenen Nacht und schloss mit den Worten: „Die Tatsache, dass die Erde mit dem Mond so rasch aus unserem Gesichtskreis entschwand, sowie dass das ganze Sonnensystem uns zu entfliehen drohte, ist der erste praktische Beweis für die Richtigkeit des kopernikanischen Systems.“
„Wieso?“, fragte Heinz Friedung erstaunt: „Ich meinte, nichts von der Welt stehe so sicher wie dieses System und es sei längst schon als zweifellos richtig erwiesen!“
„Da sieht man die Schulweisheit!“, lachte der Professor: „Was einer glaubt, verkündigt er, sei es aus Unwissenheit, sei es aus Einbildung, gewöhnlich als zweifellose Wahrheit. So werden den Schülern und selbst den Studenten die anerkannten wissenschaftlichen Vermutungen als felsenfest stehende Wahrheiten verkündigt. Meist lassen sie sich dadurch täuschen, und so kommt es, dass die große Menge sowie auch die von ihrer eigenen Unfehlbarkeit überzeugten Gelehrten glauben, jeden verhöhnen und als ungebildet und rückständig brandmarken zu dürfen, der ihren Glauben nicht teilt und an dem zweifeln zu dürfen glaubt, was als modernster Standpunkt der Wissenschaft gilt.
Es ist wahr, das kopernikanische System ist überaus einleuchtend und erklärt am besten alle astronomischen Erscheinungen auf der Wissensstufe, auf der wir zurzeit stehen; ja, unser ganzes Physikalisches Begriffssystem beruht auf der Voraussetzung seiner Richtigkeit. Aber zweifellos bewiesen ist diese Richtigkeit so wenig, wie irgendeine andre sogenannte „wissenschaftliche Wahrheit“. Es ist sehr unwahrscheinlich, aber durchaus nicht undenkbar, dass ein kommendes, fortgeschritteneres Geschlecht wieder zum ptolomäischen Weltsystem zurückkehrt. Dann müsste allerdings die gesamte astronomische Wissenschaft umgearbeitet und eine neue Physik erfunden werden, die sich auf der ptolomäischen Anschauung aufbauen würde. Wie gesagt, es ist unwahrscheinlich, dass dies geschehen wird, aber durchaus nicht unmöglich, denn unsre Wissenschaft baut sich lediglich auf Vermutungen auf, nicht auf Wissen: Tatsachen sind keine Wissenschaft, sondern erst die stets unsicheren Schlüsse, die wir aus den Tatsachen folgern.“
„Mit Verlaub, Herr Professor“, begann nun John Rieger, der stets bestrebt war, seine Bildung zu vermehren: „Was ist das eigentlich, das polemische und das kopernikanische Weltsystem, wenn ich mir solche Frage aus Unbescheidenheit zu stellen gestatten darf?“
„Gewiss darfst du das, und ich will dich gerne aufklären: Claudius Ptolomäus war ein berühmter Sternkundiger im zweiten Jahrhundert vor Christus und lebte in der Stadt Alexandria in Ägypten. Er glaubte, die Erde bilde den Mittelpunkt der Welt und stehe unbeweglich fest, während Sonne, Mond und Sterne sich um sie bewegten, wie es ja für uns den Anschein hat. Diese Meinung nennt man das ptolomäische Weltsystem, an das man noch 1500 Jahre nach Christus allgemein glaubte.
Nikolaus Kopernikus war ein polnischer Priester, der ein Buch schrieb, auf dem unsere jetzigen Anschauungen beruhen, und das im Jahre 1543 erschien. Hier erklärt er nicht nur, dass die Erde sich um ihre Achse dreht, woraus Tag und Nacht entstehen, sondern dass sie auch in einem Jahre sich um die Sonne bewegt, die den stillstehenden Mittelpunkt unseres Sonnensystems bilde, um den sich auch die andern Planeten oder Wandelsterne drehen. Ja, er entdeckte auch eine dritte Bewegung der Erde, die Schwankung ihrer Achse, die er Deklination nannte, durch welche bewirkt wird, dass das Erdenjahr nicht völlig mit einer scheinbaren Umdrehung des Himmels zusammenfällt, so dass die Tag- und Nachtgleichen etwas zu früh eintreten. Die Ansicht des Kopernikus nennt man das kopernikanische Weltsystem.“
„Na!“, meinte John geringschätzig: „Der Ptolomäus muss ja ein ganz törichter und ungebildeter Mensch gewesen sein und was der Kopernikus behauptet hat, ist nichts Besonderes: Das weiß ja jedes Kind, dass sich die Erde um die Sonne dreht!“
„Weil man es ihm in der Schule sagt, mein Freund. Aber du musst bedenken, dem Kopernikus hat es niemand gesagt, der hat es aus sich selbst heraus gefunden.“
„Halt, Professor!“, widersprach der Lord: „Es ist eine uralte Weisheit der Ägypter, die Kopernikus aufwärmte, wodurch jedoch sein Verdienst nicht geschmälert sein soll. Schon in den ältesten Zeiten gab es große Geister, die auffallend richtige Begriffe über die Erde und unser Sonnensystem besaßen. Sie scheinen dieselben von den ägyptischen Priestern überkommen zu haben und diese vielleicht von den Chaldäern. Aber das Verdienst dieser scharfen Denker ist es, dass sie diese damals so unglaublichen Wahrheiten als richtig erkannten und auf Grund derselben, wissenschaftliche Großtaten vollbrachten.
Denken Sie an die Cheopspyramide, die 3000 Jahre vor Christus erbaut wurde und deren Maße in überraschend genauem Verhältnis zum Umfang der Erde und zu einigen erst in neuester Zeit wieder entdeckten astronomischen Entfernungsmaßen stehen. Ihre Kanten sind nach den vier Himmelsrichtungen gerichtet, und in der königlichen Leichenkammer befindet sich ein Spiegel, der durch einen langen, geneigten Tunnel unaufhörlich nach dem Polarstern blickt. Wer solche Berechnungen auszuführen vermochte, besaß Fähigkeiten und wissenschaftliche Kenntnisse, eine Beobachtungsgabe und eine Denkkraft, die auch von den ersten Größen unserer modernen Astronomie Kopernikus, Keppler, Galilei und Isaak Newton nicht übertroffen wurde.“
„Sie haben recht“, gab Schultze zu: „Die Alten hatten gewaltige Geister, die ohne unsre modernen Hilfsmittel, ohne Teleskop und Spektralanalyse, beinahe so viel erreichten, wie unsre modernsten wissenschaftlichen Größen mit all den Vorteilen der Riesenarbeit ihrer Vorgänger und der vollkommensten Instrumente.
Schon der griechische Weltweise Bion lehrte 500 Jahre vor Christus die Kugelgestalt der Erde und behauptete, es müsse auf unsrer Erde Gegenden geben, auf denen es sechs Monate lang Tag und sechs Monate Nacht sei. Eratosthenes von Alexandria rechnete den Umfang der Erde mit verblüffendem Scharfsinn und erstaunlicher Genauigkeit aus, wobei er zu annähernd demselben Ergebnis kam, wie lange vor ihm die Chaldäer.
Der Geograph Strabo ahnte Amerika, da er sagte, es könne noch zwei oder mehrere unbekannte Kontinente auf der Erdkugel geben. Aristarch wagte es, die Entfernung und Größe des Mondes und der Sonne zu berechnen, wobei er die Größe des Mondes und die Entfernung der Sonne fast genau so angab, wie wir sie heute erforscht haben: Das waren Maßstäbe, die für jene Zeiten geradezu ungeheuerlich erscheinen mussten. Posidonius lieferte eine wahrhaft wunderbare Berechnung der Erdatmosphäre und der Lichtbrechung, und ebenso erstaunlich ist seine Berechnung der Größe der Sonne: Wir ahnen nicht, mit welchen Mitteln er solche verblüffende Ergebnisse erreichte.
Auch Apollonius von Pergä war ein solcher Geistesriese, der den Begriff der Parallaxe entdeckt haben soll, das heißt die Methode zur Berechnung der Entfernung der Gestirne. Hipparch berechnete den Schattenkegel des Mondes mit großer Genauigkeit und schloss daraus auf die Entfernung von Sonne und Mond.
Pythagoras lehrte die Bewegung der Erde als Ursache der scheinbaren Bewegung der Gestirne; Aristarch erkannte, dass die Erde sich um die Sonne drehe und dass die Fixsterne sich in ungeheurer Entfernung von uns befinden. Dies alles scheint übrigens Demokrit schon 400 Jahre vor Christus erkannt zu haben.
Archimedes hatte schon die ersten Ideen von der Gravitation. Aber all diese kühnen Fortschritte lagen hernach jahrhundertelang brach und vergessen, bis Kopernikus sein großes Werk schrieb, zu dessen Prophet sich der unglückliche Giordano Bruno aufwarf.
Dann kam Tycho Brahe, der große Beobachter, dem Kepler so viel verdankte. Johann Kepler stellte die berühmten Gesetze der Planetenbewegung auf, ihre elliptische Bahn um die Sonne, das Gesetz ihrer Bewegungsgeschwindigkeit im Verhältnis zu ihrer Bahn und das Gesetz des Verhältnisses ihrer Umlaufzeit zu ihrer mittleren Entfernung zur Sonne.
Galilei benutzte als Erster das Fernrohr, entdeckte die Monde des Jupiter und die Mondphasen der Venus; Cassini berechnete die Entfernung der Sonne aus ihrer Parallaxse beim Durchgang des Mars; Römer und Leverrier maßen die Geschwindigkeit des Lichts, Newton stellte die Gesetze der Gravitation auf; Kant und Laplace brachten das Weltall mit seinen Bewegungsgesetzen in ein großartiges System und erklärten seine Entstehung, Entwicklung und seine Zukunft. Endlich entdeckte Herschel den Planeten Uranus, Piazzi, Gauß und Olbers die Planetoiden, wiederum Herschel die Eigenbewegung der Fixsterne und das Vorhandensein von Doppelsternen; er war es auch, der die Nebelflecke studierte.
Als nun noch im Jahre 1838 die erste Fixsternparallaxse berechnet wurde, was uns in den Stand setzte die Entfernung und Größe der Himmelskörper außerhalb unsres Sonnensystems zu berechnen, waren die großen astronomischen Entdeckungen zu Ende, wenn wir absehen von den wunderbaren Enthüllungen durch die Spektralanalyse.“
„Danke, weisester aller Professoren!“, sagte Münchhausen lachend: „Sie haben uns da einen Vortrag gehalten, der wahrhaftig ein Abriss der Geschichte der Astronomie in den letzten 10000 Jahren genannt werden darf. Aber in einem Punkte irren Sie: Sie haben sozusagen die großen astronomischen Entdeckungen für abgeschlossen erklärt, und vergessen, dass sie eben jetzt erst recht anfangen, seit wir ausgezogen sind, das Weltall persönlich zu erforschen.“
„Und jetzt haben wir die beste Gelegenheit zu solchen Entdeckungen“, sagte Mietje, die soeben eingetreten war. Sie hatte einen Rundgang durch die Beobachtungszimmer gemacht, wie er abwechselnd jede halbe Stunde ausgeführt wurde, um vor unliebsamen Überraschungen sicher zu sein.
„Was gibt’s?“, fragte Flitmore.
„Wir nähern uns dem Mars mit großer Geschwindigkeit“, erwiderte seine Gattin.
Flitmore stand auf: „Lassen Sie uns sehen, meine Herren“, sagte er, und alle folgten ihm in eines der Äquatorialzimmer, von dem aus die Lady den Planeten beobachtet hatte.
9. Der Mars.
Die Sannah, die seit der vergangenen Nacht, wenn man von einer Nacht reden konnte, nicht mehr von dem Strom der Fliehkraft durchkreist wurde, befand sich in der Anziehungssphäre des Planeten, der seit lange den Beobachtungseifer und die Phantasie der Astronomen am meisten angeregt hat.
Man war ihm schon so nahe, dass man die größeren Gebilde seiner Oberfläche deutlich unterscheiden konnte, ohne das Fernrohr zu benutzen.
„Da hört sich ja alle Wissenschaft auf!“ war das Erste, was Schultze überrascht und enttäuscht ausrief: „Soll das wirklich der Mars sein? Wo sind denn die Kanäle, meine geliebten Kanäle, die ich so fleißig beobachtet und mit solcher Zärtlichkeit studiert habe, das Wunder, das Rätsel des Mars?“
Von Kanälen war in der Tat keine Spur zu sehen.
Flitmore meinte, zum Professor gewendet: „Ich habe nie recht an jene merkwürdigen Kanalbildungen glauben können und vermutete, dass es sich um optische Täuschung handle. Der Mars ist bedeutend kleiner als unsre Erde, sein Halbmesser beträgt wenig mehr als die Hälfte des ihrigen; seine Polarregionen sind von ungeheurer Ausdehnung, namentlich im Winter. Und nun sollen die mutmaßlichen Bewohner des kleinen bewohnbaren Erdstrichs das Land mit einem gewaltigen Netz ungeheurer Kanäle durchzogen haben?“
„Warum nicht?“, fragte Schultze eigensinnig: „Wenn es die Bewässerung des Landes verlangte.“
„Bei den ausgedehnten Eis- und Schneemassen der Pole, den ungeheuren Schneefällen im Winter und angesichts der meist äußerst raschen Schneeschmelze im Frühling kann ich an Wassermangel auf dem Mars nicht glauben.“
„Na! Aber die Kanäle sollten doch den Wasserzufluss regeln, ihn über das ganze Land verteilen und Überschwemmungen verhüten.“
„Ganz schön, wenn es Kanäle von vernünftigen Größenverhältnissen wären und von vernünftigem Verhalten. Aber diese angeblichen Kanäle zeigten eine Breite von 60 bis 300 Kilometern: Ich bitte Sie, was soll das? Das sind ja unsinnige Maße für einen Kanal! Wenn sie nun aber wenigstens beständig so geblieben wären, aber da wurde ein und derselbe Kanal einmal breiter, dann wieder schmäler; mit Vorliebe verdoppelte er sich plötzlich, oft innerhalb 24 Stunden, ebenso rasch konnte die Verdoppelung wieder verschwinden und hie und da der ursprüngliche Kanal ebenfalls; dann wieder verschwand ein alter Kanal und zwei neue erschienen an seiner Stelle.“
„Ja, ja! Das waren eben die Rätsel dieser merkwürdigen Kanäle“, beharrte der Professor.
„Und nun ist ihr Rätsel gelöst“, lachte Flitmore: „Sie sind einfach gar nicht vorhanden, diese famosen Kanäle.“
„Das muss ich allerdings zugeben“, gestand der Gelehrte zu: „Aber die Sache ist nur umso rätselhafter.“
Doch auch ohne diese geheimnisvollen Gebilde erschien die Landschaft merkwürdig genug: weiß leuchtete der Nordpol mit seinen Eis- und Schneefeldern; das schneefreie Land gegen den Äquator erschien rötlich-gelb unterbrochen von dunkelgrün bewachsenen Streifen; einige kleine Meere oder große Seen trennten streckenweise die Kontinente und breite Flüsse zogen silbergraue Bänder durch die Ebenen.
Überhaupt erschien fast alles eben. Größere Gebirge waren keinesfalls vorhanden und kleinere Erhebungen ließen sich aus der Höhe, in welcher sich die Sannah befand, nur an den Schatten erkennen, die sie warfen; wo jedoch die Sonne die Täler voll erleuchtete, konnte Berg und Tal überhaupt nicht unterschieden werden.
Inzwischen stürzte das Weltschiff mit blitzartiger Schnelle gegen den Planeten und man sah alles von Sekunde zu Sekunde wachsen.
Flitmore beeilte sich daher, den Zentrifugalstrom zu schließen; ehe die Sannah in die atmosphärische Hülle des Planeten gelangte, damit ihre Außenwandungen nicht etwa durch die ungeheure Reibung in Glut versetzt würden.
Der Sturz verlangsamte sich nun zusehends, bis die abstoßende Kraft die Fallgeschwindigkeit überwand und das Weltschiff zunächst ganz langsam zu steigen begann.
„Wollen wir eine Landung auf dem Mars unternehmen?“, fragte nun der Lord.
„Hurrah!“, rief Schultze begeistert.
„O ja, bitte!“ schmeichelte Mietje.
„Ich bin dabei!“, sagte Münchhausen: „die Kerkerhaft behagt mir auf die Dauer nicht, wenn sie auch erst zwölf Stunden währt.“
„Das wird herrlich!“, rief Heinz seinerseits begeistert.
„Und was sagst du, John?“ wandte sich Flitmore an den Diener.
„Sir, ich habe nichts dareinzureden, was Ihre unmaßgebliche Entschließungswillkür betrifft; aber was meine Spezialität in dieser Fragesache betreffen möchte, so wäre es mir besonders genehm, freie Luft zu schöpfen, obwohl sozusagen die Luft hier innen ausgezeichnet für die Atmungsorkane ist.“
„Also, wir landen“, entschied der Lord, „da es einstimmig gewünscht wird; die Schimpansen können wir ja nicht um ihre Meinung befragen und so müssen Dick und Bobs sich der Mehrheit fügen.“
Gleichzeitig unterbrach er wieder die Fliehkraft; sobald ihm jedoch die Sturzgeschwindigkeit in bedenklichem Maße zuzunehmen schien, schlosser wieder den Strom auf einige Sekunden.
Durch dieses abwechselnde Öffnen und Schließen wurde ein langsames Fallen ermöglicht, das noch durch die Marsatmosphäre gemildert wurde, sobald man diese erreicht hatte.
10. Eine Landung auf dem Mars.
Sobald die Anziehungskraft des Mars auf die Sannah wirkte, verlangsamte sich ihre Umdrehungsgeschwindigkeit, und als sie sich zuletzt auf den Planeten herabsenkte, hörte ihre Eigenbewegung ganz auf und ihr Schwerpunkt wurde in den Mittelpunkt der Marskugel verlegt; diesmal hatte Flitmore diese Änderungen vorausgesehen und dafür gesorgt, dass die Gesellschaft nicht wieder durch einen Sturz gegen die Wände oder gegen die Decke überrascht wurde.
Der Stoß, den die Landung verursachte, war im oberen Raume, wo sich alle zu dieser Zeit aufhielten, kaum spürbar.
„Wir werden vom Nord- oder Südpolzimmer aus aussteigen müssen“, erklärte der Lord: „Dort liegen die Ausgangspforten neben den Fenstern bei unsrer jetzigen Lage in wagrechter Linie, das heißt parallel zur Marsoberfläche, und mittels einer Strickleiter können wir hinabsteigen.“
„Lassen Sie mich als Ersten die Sannah verlassen“, bat Heinz.
„Nein, junger Freund!“, widersprach Schultze: „Ich werde zuerst hinausgehen; wir kennen die Zusammensetzung der Marsatmosphäre nicht. Wer weiß, ob sie nicht auf unsre Lungen eine gefährliche, vielleicht tödliche Wirkung ausübt.“
„Eben deswegen will ich ja die erste Probe machen“, sagte Heinz.
„Nichts da!“ polterte Kapitän Münchhausen: „Ich will zuerst hinaus; meine Lungen sind die verschiedensten Dünste gewöhnt und können am ehesten etwas aushalten.“
„Sie?“ lachte der Professor: „Seien Sie froh, wenn Sie in normaler Luft schnaufen können! Überhaupt könnten Sie in der Öffnung stecken bleiben oder uns durch Ihr Gewicht die Strickleiter ruinieren. Sie kommen jedenfalls zuletzt daran.“
„Ich gehe voran!“ entschied Flitmore: „Es ist dies sowohl mein Recht als meine Pflicht, da ich der Unternehmer der Weltfahrt bin.“
„Unter keinen Umständen darfst du dich einer solchen Gefahr aussetzen, Charles“, wandte nun Mietje ein: „Ich bitte dich, lass mich den ersten Versuch machen; ich kann ja gleich wieder zurück, wenn ich spüre, dass da giftige Gase sind.“
„Wenn die Herrschaften gütigst zu gestatten belieben wollten“, ließ sich der biedere John vernehmen, „so ist das alles nicht in der Richtigkeit, als dass vielmehr meine Person den Anfang zu machen hat, indem dass mein etwaiger Verlust auch am wenigsten wertvoll wäre.“
Aber Heinz Friedung machte diesem edlen Wettstreit ein Ende durch folgende vernünftige Bemerkung:
„Wir haben ja die beiden Affen, Dick und Bobs; schieben wir die vor: Für sie ist auch am wenigsten Gefahr vorhanden, da ihr Instinkt sie davor bewahren wird, das Fahrzeug zu verlassen, wenn sie draußen keine gesunde Luft wittern.“
„Das ist die beste Lösung“, stimmte der Lord zu: „Daran hätten wir auch gleich denken können! Übrigens bin ich überzeugt, dass die Lufthülle des Mars sich höchstens in der Dichtigkeit von der irdischen unterscheidet.“
Die luftdicht schließende Tür des Südpolzimmers, in das man sich begeben hatte, wurde geöffnet; ein angenehmer frischer Luftzug strich herein. Vergnügt schwangen sich Dick und Bobs durch die Öffnung und turnten an den Rampen, die an der äußeren Hülle der Sannah angebracht waren, hinab.
„Es ist also keine Gefahr“, sagte Flitmore und befestigte mit Johns Hilfe die Strickleiter, um dann als Erster, von seiner treuen Gattin gefolgt, den Abstieg zu wagen.
Nach Mietje kam Heinz und dann der Professor.
Schultze rief dem Kapitän zu: „Dass Sie sich nicht unterstehen, die Strickleiter zu betreten, ehe wir andern alle den sichern Erdboden erreicht haben, denn sonst könnte es uns schlimm ergehen, wenn die Stricke unter Ihrer Last reißen oder die Sprossen krachen und Ihre beträchtliche Masse auf uns herabstürzt.“
Aber Flitmore hatte bei Ankauf der Strickleitern Münchhausens Gewicht in Betracht gezogen. Wohl ächzten die Seile und die Sprossen bogen sich knarrend, als der Kapitän sie hinter John betrat; aber sie hielten vorzüglich.
„Na! Dass Sie nicht in der Türöffnung stecken blieben, nimmt mich Wunder“, lachte Schultze, als alle glücklich unten waren.
Flitmore aber erklärte: „Da ich von vornherein auf die Begleitung unsres werten Kapitäns hoffte, habe ich sämtliche Türenmaße nach seinen leiblichen Verhältnissen berechnet.“
„Das war vernünftig und edel von Ihnen, Lord“, erkannte Münchhausen in gutmütiger Heiterkeit an: „Freilich, unserm bösen Professor hätte es Spaß gemacht, mich hilflos und elend im Türrahmen stecken bleiben zu sehen.“
Inzwischen sah sich die Gesellschaft neugierig auf ihrem neuen Aufenthaltsort um.
Als Erstes war ihnen aufgefallen, dass der Erdboden merkwürdig weich war: die Sannah hatte sich ziemlich tief in ihn eingegraben und bei jedem Schritt sank man ein.
Die Landschaft erschien sanft gewellt und die Bodenwellen liefen meist parallel und geradlinig, wurden aber zuweilen von langen Hügelrücken gekreuzt, die in andrer Richtung verliefen.
Zwischen den Erhöhungen befanden sich mehr oder weniger breite ebene Flächen, die versumpft zu sein schienen und mit einem Gewirr von Dunkeln Pflanzen bedeckt waren. Die Hügelrücken waren zum Teil kahl, meist aber mit Buschwerk und Wäldern bedeckt, vielfach auch mit Präriegras; nirgends aber sah man frisches Grün: Die Gräser, die Blätter der Pflanzen und Bäume waren durchweg gelb und rot oder rotbraun, so dass alles ein herbstliches Aussehen hatte, obgleich in diesen Marsbreiten zurzeit erst der Frühsommer begann.
Da sich übrigens der Abend bereits herabsenkte, wurde John beordert, aus dem Weltschiff Zelte und Esswaren herbeizuschaffen; denn alle freuten sich darauf, im Freien zu kampieren.
Brennholz war reichlich vorhanden; Feuer wurden entzündet zur Bereitung eines warmen Mahles und zur Abhaltung etwaiger wilder Tiere.
Alle, auch Mietje, waren mit Gewehren und Dolchmessern bewaffnet und mit Explosionskugeln versehen.
Flitmore wies auf die langgestreckten Sümpfe: „Sehen Sie, Professor“, sagte er: „Diese endlos erscheinenden dunkeln Streifen, die teils nebeneinander herlaufen, teils einander kreuzen, können sehr wohl bei großer Entfernung den Eindruck von Kanälen machen.“
„Aber die Veränderlichkeit der beobachteten Gebilde erklären sie nicht“, wandte Schultze ein.
„Vielleicht finden wir auch dafür noch eine Lösung“, meinte Heinz.
„Die Marsluft ist übrigens ganz herrlich“, rühmte der Kapitän tiefatmend: „Ich schlage vor, dass wir hier einen Luftkurort und eine Sommerfrische gründen: Ausgezeichnete Geschäfte werden wir damit machen.“
Mietje erhub nun die Frage: „Wie lange wird die Nacht hier dauern.“
„Nicht viel länger als eine gewöhnliche Erdennacht“, belehrte sie Schultze: „Der Mars dreht sich um seine Achse in 24 Stunden, 37 Minuten und 22½ Sekunden. Dagegen sind die Jahreszeiten dahier verhältnismäßig lang: Ein Marsjahr hat 668 Marstage, was etwa 682 Erdentagen entspricht. Auf der nördlichen Halbkugel, auf der wir uns befinden, hat der Frühling 191, der Sommer 181, der Herbst 149, der Winter 117 Marstage; auf der südlichen Halbkugel sind Frühling und Sommer viel kürzer, nämlich 149 und 147 Tage, aber auch viel heißer, weil der Planet in dieser Zeit der Sonne am nächsten kommt; Herbst und Winter mit 191 und 181 Tagen sind dagegen dort um so kälter, da sie mit der Sonnenferne des Mars zusammenfallen.“
Nach eingenommenem Mahl wurden die Nachtwachen verteilt, und dann begab man sich zur Ruhe.
11. Die Schrecken des Mars.
Heinz hatte die zweite Nachtwache.
Ihm war etwas unheimlich zumute auf diesem fremden Weltkörper, der völlig neue und unbekannte Gefahren bergen mochte. Eigentliche Angst hatte der junge Mann zwar nicht, dazu besaß er zuviel persönlichen Mut, verbunden mit körperlicher und geistiger Gesundheit; aber eines eigentümlichen, beklemmenden Gefühls konnte er sich nicht erwehren.
Das Lager befand sich auf einem breiten Hügelrücken, auf dem die Sannah gelandet war und der sich ins Unendliche zu erstrecken schien. Ebenso unendlich hatte bei Tageslicht der Sumpf ausgesehen, der die etwa 200 Kilometer breite Vertiefung zwischen dieser und der nächsten Hügelkette ausfüllte.
Und diese sumpfige Niederung schien bei Nacht in unheimliche Lebendigkeit zu geraten.
Bestimmte Laute konnte der junge Wächter nicht vernehmen, wohl aber ein dumpfes Gemeng von Tönen, als ob da Tausende von Geschöpfen raschelten und plätscherten.
Unwillkürlich kamen dem Aufhorchenden die unsterblichen Verse aus Schillers Taucher in den Sinn:
„Da unten aber ist’s fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht,
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedecken mit Nacht und Grauen.“
Und weiter:
„Das Auge mit Schaudern hinunter sah,
Wie’s von Salamandern und Molchen und Drachen
Sich regt’ in dem furchtbaren Höllenrachen.
Schwarz wimmelten da, in grausem Gemisch,
Zu scheußlichen Klumpen geballt,
Der stachlichte Roche, der Klippenfisch,
Des Hammers greuliche Ungestalt.
Und schaudernd dacht’ ich’s, — da kroch’s heran,
Regte hundert Gelenke zugleich ...
Soweit war Heinz in seinen Gedanken gekommen, da kroch wirklich etwas heran. Es schien eine Schlange zu sein, an und für sich kein besonders großes Tier, etwa armsdick und ungefähr drei Meter lang; aber als der Schein des Feuers den glatten, feuchten, rötlichen Leib erleuchtete, kam es dem Jüngling doch wie ein grauenerregendes Ungeheuer vor; denn es glich einem Regenwurm, und für einen solchen war seine Größe doch geradezu riesenhaft.
Der spitz zulaufende Kopf zeigte zwei äußerst kleine, blasse Augen, die kaum als solche zu erkennen waren; der Mund glich nur einem runden Loch und schien zum Saugen und nicht zum Beißen bestimmt.
Der widerliche Wurm kroch geradenwegs auf Heinz zu und kümmerte sich nicht um das Feuer. Hinter ihm tauchte ein Zweiter auf und dann ein Dritter, — ja der ganze Abhang schien sich zu beleben. In Scharen rückte das Gewürm an, als habe der Sumpf seine Heere ausgesandt, die unberufenen Eindringlinge auf dem Mars zu vernichten.
Zunächst sandte Heinz dem vordersten Wurm eine Explosionskugel in den Leib, die ihm jedoch nur eine kleine Wunde beibrachte, da sie in der weichen Masse auf keinen Widerstand traf und daher überhaupt nicht zum Platzen kam.
Der Wurm krümmte und wand sich, schnellte dann aber plötzlich vor und ringelte sich um des Schützen Fuß, in raschen Windungen an ihm hinaufkriechend.
Von Schauer und Ekel erfasst, griff der junge Mann nach seinem Dolchmesser und bearbeitete das Tier mit Stichen und Schnitten; allein er sah sich auf einmal von allen Seiten angegriffen: Da erhob sich ein schlüpfriges Haupt, dort ein zweites und drittes; und sie wanden sich an ihm empor, all diese unheimlichen Geschöpfe und so viel Köpfe er abschnitt, seine eigenen Kleider in der Eile der Abwehr zerfetzend, die Zahl war zu groß, er konnte nicht mit ihnen fertig werden!
Ein stechender Schmerz im Nacken ließ ihn nach hinten greifen: Er berührte den kalten schleimigen Leib eines der Würmer, der sich dort festgesogen hatte und ihm das Blut aussaugte; und schon hing ein andrer der grässlichen Köpfe an seiner Wange.
Heinz warf sich zu Boden und wälzte sich wie wahnsinnig umher. Aber er kam nicht los: Nur immer neue schlüpfrige Ringe spürte er sich um seine Glieder ziehen.
Flitmore war durch den Schuss geweckt worden und trat aus seinem Zelt. Mit lautem Hallo weckte er die Genossen und stürzte sich selber mit dem Messer auf das überall sich ringelnde Gewürm; denn mit dem Gewehr war hier nichts anzufangen, das sah er gleich.
Es gelang dem Lord, den jungen Freund frei zu machen; aber er selber war bereits von einigen der Würmer umschlungen und auch Heinz wurde alsbald wieder angefallen.
Laut kreischend stürzte Mietje aus ihrem Zelt: Die widerlichen Sumpftiere waren dort eingedrungen und eines davon hing an ihrem weißen Arm.
Aber wie sah es hier draußen aus! Sie schauderte, denn überall trat ihr Fuß auf ähnliche ekelhafte Geschöpfe, die sich krümmten und an ihr emporwanden.
Inzwischen war auch Schultze auf dem Plan aufgetaucht. Die wimmelnden und sich bäumenden Geschöpfe, die den Boden bedeckten, erregten zunächst sein wissenschaftliches Interesse.
„Das sind ja Ringelwürmer von fabelhafter Größe“, rief er aus: „Lumbriciden oder Regenwürmer, nichts andres! Wirklich kolossale Geschöpfe! Aber eigentlich nichts Auffallendes: Gab es Schalentiere, Schneckenarten von riesenhaften Formen, warum nicht auch Nacktschnecken und Würmer? Ich vermute sogar, dass ähnliche Geschöpfe zur Zeit der Ammoniten auch die Erde bevölkerten; Spuren ihres Daseins konnten sie natürlich nicht hinterlassen, da sie knochenlose Weichtiere sind.“
„Helfen Sie uns lieber, Professor“, keuchte Heinz: „Später wollen wir dann meinetwegen eine wissenschaftliche Unterhaltung über diese Höllenbrut beginnen, falls wir mit heiler Haut davonkommen.“
„Sie haben recht“, sagte Schultze: „Das scheinen ja in der Tat ganz verflixte Kumpane zu sein: sie gehen ja geradewegs auf mich los! Aber meine Hochachtung, junger Freund! Sie kämpfen wahrhaftig nach Schwabenart. Bravo! Das war wieder ein Schwabenstreich!“
„Der wackre Schwabe forcht sich nit!“, zitierte Münchhausen, der nun ebenfalls, gleichzeitig mit John, auf der Bildfläche auftauchte: „Zur Rechten sieht man, wie zur Linken, einen halben Türken hinuntersinken.“
Heinz hatte wirklich mit einem wohlgezielten Hieb den Leib eines Ringelwurms in der Mitte durchgetrennt, so dass das Zitat gut passte.
„Wenn nur die andern kalter Graus packte“, meinte der junge Held, der sich am Ende seiner Kräfte fühlte: „Aber da hat es gute Wege!“
„Hu, hu! Mich packt der kalte Graus!“ schrie Münchhausen, dem sich eines der Tiere um den Hals schlang. Er riss es los und schleuderte es zu Boden, um es mit der Wucht seiner breiten Füße zu Brei zu zertreten.
Der Professor und der Diener waren bereits in den wütendsten Kampf verwickelt: Sie hieben wie rasend mit den Messern um sich; allein der Sumpf musste Tausende dieser Ungeheuer beherbergen und alle just auf den Lagerplatz der Unseligen loslassen; der Kampf schien aussichtslos.
Was waren diese Geschöpfe? Weichtiere, die ein Fußtritt, ein Dolchhieb unschädlich machte! Sie besaßen keine Tatzen, keine Krallen, kein Gebiss; sie waren nicht gefährlicher als Blutegel: Aber ihre unerschöpfliche Zahl machte sie unüberwindlich, und unsre Freunde sahen ein grässliches Ende vor Augen. Viel lieber hätten sie mit den wildesten Raubtieren, mit Löwen, Tigern, mit einem Rudel Elefanten oder einer Büffelherde gekämpft.
Die Schimpansen Dick und Bobs hausten mörderisch unter den Angreifern: sie schienen rasend vor Wut. Sie warfen sich auf den Boden und würgten, zerrissen mit vier Händen zugleich, während sie gleichzeitig mit ihrem scharfen Gebiss Dutzende der Lumbriciden unschädlich machten.
Aber was half’s? Immer neue Scharen rückten an!
Münchhausen, der sich ohnehin nur schwerfällig bewegen und nicht leicht bücken konnte, hatte sofort erkannt, dass seine wirksamste Waffe in seinem kolossalen Körpergewicht bestand.
Er führte einen wahren Indianertanz auf, sprang so hoch er nur immer konnte und zerquetschte unter seinen gewaltigen Fußsohlen alles zu Brei, was sich unter ihm regte.
Es wäre ein Anblick zum Totlachen gewesen, wie der dicke Kapitän umherhopste, als wolle er sich zur Balllettänzerin ausbilden, wenn nicht das Gefährliche der Lage alle Lust zur Heiterkeit erstickt hätte.
Münchhausen floss der Schweiß in Strömen herab, und doch war sein Gehüpfe umsonst: auch er fühlte sich umringelt und umwunden, und nun glitt er gar auf dem gar zu schlüpfrig gewordenen Boden aus, fiel hin und rollte mitten unter das blutdürstige Ungeziefer, nicht ohne eine ganze Anzahl davon plattzudrücken.
Die Kämpfenden, die alle mehr oder weniger Blut lassen mussten, waren erschöpft, und noch immer kroch es in dichten Massen den Abhang herauf. Wenn sie sich nur zu der Strickleiter hätten flüchten und in dem Weltschiff bergen können! Aber sie hatten ihr Lager wohl hundert Meter weit davon aufgeschlagen und zwischen ihnen und der Sannah wimmelte es von dichten schwarzen Massen, die sich übereinander zu türmen schienen.
Da erschollen schrille, heißere Schreie in der Luft; dann dumpfe Flügelschläge, und gespenstisch rauschten mächtige schwarze Gestalten herab.
Im Schein des immer noch hochaufflackernden Feuers ließen sich einige dieser neuen Geschöpfe, die sich in dessen Nähe niedergelassen hatten, erkennen.
Sie boten keinen ermutigenden Anblick, vielmehr erschienen sie selber als schreckliche Ungeheuer: Es waren Vögel, die nichts Vogelähnliches hatten als die ungeheuren Fledermausflügel. Am ehesten erinnerten sie an den Pterodaktylus der irdischen Urzeit; ein plumper Kopf mit tiefeingeschnittenem Rachen und scharfen Zähnen gab ihnen Ähnlichkeit mit diesem erstaunlichen Vogel. Ihre Größe übertraf die des Adlers, um das Doppelte; das Merkwürdigste jedoch war, dass sie vier Füße besaßen, die mit gewaltigen Krallen bewehrt waren.
So unheimlich und gefährlich diese Vögel aussahen, wenn man sie überhaupt als Vögel bezeichnen konnte, so erschienen sie doch als Retter in höchster Not; denn sie räumten mit fabelhafter Gewandtheit und Mordgier unter den Ringelwürmern auf und kamen in solchen Scharen, dass sie sich auch der wimmelnden Mengen gewachsen zeigten.
Sie ließen sich namentlich am Rande des Hügels nieder und packten mit ihren Krallen und Zähnen alles, was da heraufkriechen wollte. Und nun, da keine neuen Nachschübe kamen, nahm die Zahl der Angreifer auf der Höhe sichtlich ab und mit neuem Mut ließen unsre Freunde wieder ihre Messer arbeiten.
Endlich erhob kein Wurm mehr sein drohendes Haupt, wenn auch die verstümmelten Leiber am Boden sich ringelten und wanden, zuckten und schnellten, als ob sie überhaupt nicht völlig tot zu kriegen seien.
Schultze eilte auf Münchhausen zu, der immer noch auf dem Boden umherrollte und nicht auf die Beine kommen konnte. Und jetzt, da die Gefahr beseitigt schien, lachte der Professor aus vollem Halse über den erheiternden Anblick: Da wälzte sich der runde Kapitän wie eine Tonne auf stürmischer See; an seinem Haupte hingen zwei Würmer gleich Schmachtlocken zu beiden Seiten herab und um seinen Hals wand sich ein allerdings geköpftes Tier wie ein dickes Halstuch.
Trotz seiner Heiterkeit beeilte sich Schultze doch, den dicken Freund von seinen Peinigern zu befreien und ihm mit Unterstützung des inzwischen ebenfalls herbeigeeilten Heinz auf die Beine zu helfen.
Dann ging es an das Verpflastern und Verbinden der Wunden, die merkwürdigerweise nur äußerst klein waren. Alle hatten mehr oder weniger Blut hergeben müssen, Münchhausen aber war entschieden am stärksten angezapft worden.
„Tut nichts!“, meinte er humorvoll: „Ich habe Vorrat und die Biester haben bei mir mehr Fett als Blut geholt, wie ich vermute; das kann mir bloß gut tun. Ich fühle mich geradezu erfrischt und erleichtert.“
„Aber einen Tanz haben Sie aufgeführt, Kapitän“, lachte Schultze: „Ich sage Ihnen, eine ägyptische Bauchtänzerin ist nichts dagegen.“
„Kunststück!“, sagte Münchhausen: „Wo hat eine ägyptische Tänzerin auch solch stattlichen Bauch?“
12. Eine Entdeckungsreise auf dem Mars.
John übernahm die Wache, während sich die andern wieder zur Ruhe niederlegten.
Am Morgen wurden zunächst die Zelte wieder ins Weltschiff gebracht; denn ein zweites Mal auf dem Mars im Freien zu nächtigen, dazu verspürte niemand mehr Lust.
Das Frühstück wurde in der Nähe der Sannah eingenommen fern von den immer noch zuckenden Leibern der erlegten Lumbriciden auf dem nächtlichen Schlachtfeld.
„Ich schlage eine Entdeckungsreise auf dem Mars vor“, begann Schultze, als der Imbiss vertilgt war.
Alle waren damit einverstanden.
„John“, sagte Flitmore, „du bleibst als Wache zurück; man weiß ja nicht, was hier vorkommt. Am besten begibst du dich auf die oberste Plattform, wo du nach allen Seiten hin weite Ausschau halten kannst. Erblickst du etwas Verdächtiges, so lässt du die große Sirene ertönen.“
Als Rieger sich mit der pneumatisch betriebenen Sirene auf der Höhe der Kugel befand, marschierte die kleine Gesellschaft ab; Bobs wurde mitgenommen, während Dick dem Wächter Gesellschaft leistete.
Drunten im Sumpf sah man nichts von den widerlichen Geschöpfen, die er beherbergte; aber an den Bewegungen der Pflanzendecke konnte man deutlich erkennen, dass der Morast von gelenkigen Bewohnern wimmelte.
Inzwischen ging man auf dem Höhenrücken einem nahen Walde zu, der aus niedrigen, rotbelaubten Bäumen bestand.
Diese Bäume erweckten besonders Schultzes lebhaftes Interesse, denn sie zeigten ganz eigentümliche Formen. Die meisten hatten weder Äste noch Zweige; die großen Blätter entsprossten an langen, dicken Stielen direkt dem Stamm, der sich an der Spitze in ein Bündel solcher beblätterter Stiele auflöste.
Die Blätter waren meist rund und tellergroß, andre kleeblattförmig, aus drei vereinigten Rundscheiben bestehend; wieder andre zeigten dreieckige, viereckige und mehreckige Bildung, boten also einen Anblick, der Erdbewohnern völlig neu und ungewohnt war.
Einzelne Baumarten, die reich verästelt waren, hatten Doppelblätter, die sich gleich Austernschalen auf- und zuklappten und offenbar den Insektenfang betrieben.
Übrigens war von Insekten nur wenig zu sehen: einige merkwürdige Mücken, durchsichtig wie Glas, und Käfer ohne Beine, die fliegenden Raupen und fliegenden Würmern glichen und sich am Boden und an den Bäumen auch gleich solchen fortbewegten, ja geflügelte Schnecken, die einen bläulichen Schleim aussonderten, zweibeinige Ameisen und Spinnen, das waren die Wunder, die Schultze seinen Sammlungen einverleibte.
Auch Vögel waren nur in wenigen Arten vertreten: Sie hatten alle die Eigentümlichkeit, vierbeinig zu sein, ein Anblick, der den an irdische Geschöpfe gewöhnten Augen äußerst sonderbar vorkam. Dazu gesellte sich der Umstand, dass diese Vögel nicht gefiedert waren, sondern einen behaarten oder mit Schuppen bedeckten Leib hatten, der aber in wunderbaren bunten Farben von metallischem Glanze strahlte. Die Schnäbel wiesen meist ein gezahntes Gebiss auf und die Flügel bestanden vorwiegend aus fächerartig übereinandergreifenden langen und starken Schuppen oder dünnen Hornscheiben.
Als die Wanderer eine Lichtung betraten, rauschte es im Gebüsch und das erste Wild, das sie auf dem Mars erblickten, zeigte sich ihren Augen.
Es erschien ebenso seltsam wie die Insekten- und Vogelwelt. Groß war es nicht, kaum größer als ein Esel; aber es hatte ein schreckliches Gebiss, wie überhaupt der platte, lange Kopf an ein Krokodil erinnerte. Von der Mitte des Hauptes stieg ein äußerst scharfes Horn senkrecht empor und zu beiden Seiten über den Ohren ragten zwei kürzere Hörner wagrecht hervor, die Spitzen nach vorne gebogen. Das Seltsamste aber war: Dieses gefährlich aussehende Tier war dreibeinig! Es hatte zwei Vorderfüße, aber nur einen Hinterfuß am Ende des nach hinten sich birnenförmig zuspitzenden Leibes.
Späterhin wurden noch verschiedene Tierarten getroffen, alle klein, aber scharf bewehrt, und alle dreibeinig wie das zuerst geschaute.
„Da hört sich doch aber alle Wissenschaft auf!“, rief der Professor ein über das andere Mal: „Vierbeinige Vögel, dreibeinige Säugetiere und zweibeinige Insekten! Das glaubt mir ja drunten auf der Erde kein Mensch, selbst wenn ich die wohlpräparierten Beweisstücke auf den Tisch der Wissenschaft niederlege!“
„So seid ihr Professoren!“, tadelte Münchhausen: „Wenn ihr so ungefähr innehabt, wie die Naturprodukte auf eurer kleinen Erde aussehen, so glaubt ihr, das ganze unendliche Weltall erschöpft zu haben und bildet euch ein, die unerschöpfliche Natur sei nie und nirgends imstande, etwas zu schaffen, das nicht aufs Haar mit dem übereinstimmt, was sie euch auf eurem weltverlorenen kleinen Sandkörnchen vor die Nase zu führen beliebt.“
Schultze bedauerte unendlich, dass er nicht den Vögeln und Insekten und Pflanzenproben, die er sich aneignete, auch ein Exemplar jeder Tiergattung beifügen konnte. Dafür gelangen dem Lord mehrere Momentaufnahmen, so dass die eigenartige Tierwelt wenigstens in getreuen photographischen Abbildungen mitgenommen werden konnte. Ein besonders merkwürdiges Säugetier, das zum Transport nicht zu schwer schien, erlegte Heinz auf des Professors Bitte mit einem wohlgezielten Schuss.
Dieses Wild hatte die Größe eines Ebers, einen schlanken, beweglichen, doch starknackigen Hals, auf dem sich hoch oben ein rundlicher, possierlicher Kopf mit einer breiten Schnauze wiegte; es war dreibeinig wie alle anderen Marssäuger und aus seinem Schädel wuchsen starke spitzige Hörner wie die Stacheln eines Igels, im ganzen 15 Stück, wie nach der Erlegung festgestellt wurde.
„Ich danke! Wenn solch ein Vieh mit gesenktem Kopf auf einen losstürmt!“ sagte Münchhausen.
„Ja, das würde Ihre geschätzte Leibeswölbung in ein Sieb verwandeln“, lachte der Professor.
„Ich bin nur begierig, wie die Marsbewohner aussehen“, fuhr der Kapitän fort: „Sind die Insekten hier zweibeinig, so vermute ich, dass die Menschen zum mindesten sechsbeinig sind; denn dass die Natur hier besonders mit der Zahl der Beine verblüffende Experimente macht, dürfte nach all dem Gesehenen feststehen.“
„An die Marsmenschen glaube ich nicht“, sagte Schultze.
„Hören Sie, Professor, was Sie glauben, ist völlig belanglos, indem Sie ein Mann der Wissenschaft sind. Haben Sie etwa an vierbeinige Vögel, dreibeinige Wildsäue und zweibeinige Spinnen geglaubt, ehe Sie solche hier sahen?“
„Nee! Das freilich nicht; aber — — —“
„Nichts ‚aber‘! Wenn Sie also an keine sechsbeinigen Marsmenschen glauben, so spricht das sehr für deren Vorhandensein, und ich gedenke unter allen Umständen, wenn wir auf die Erde zurückkehren, sehr viel und sehr Unterhaltendes von diesen Marsmenschen zu erzählen, auch wenn wir keine zu sehen bekommen, und da hoffe ich, dass Sie mir nie widersprechen werden, da Sie doch nun deutlich gesehen haben, dass eben das, woran Sie nicht glauben, der Wirklichkeit entspricht.“
Inzwischen war das Ende des Waldes erreicht, der nur etwa zwei Kilometer in der Breite maß.
An dieser Stelle verband ein von der Seite her kommender Hügelwall die Anhöhen, auf denen die Wanderer marschierten, mit den parallel laufenden Hügelstreifen.
Diese quer laufende Kette war besonders breit und konnte als Hochebene bezeichnet werden; sie war aber durchaus nicht völlig eben, sondern zeigte mehrere gebirgsartige Erhebungen, die allerdings nirgends viel mehr als zwei- bis dreihundert Meter Höhe erreichen mochten.
Es wurde beschlossen, rechts abzubiegen und das nächstgelegene dieser kleinen Gebirge näher zu untersuchen.
13. Die Marsbewohner.
Nach einer halbstündigen Wanderung war der Fuß der Berge erreicht. Nach einer weiteren halben Stunde die erste Anhöhe erklommen.
Der Ausblick, der sich hier unseren Freunden bot, überzeugte sie sofort, dass die Sage von den Marsmenschen keine reine Phantasie der Astronomen sein konnte; denn vor ihren Blicken öffnete sich ein Hochtal, das von einer ganzen Anzahl von Bauten erfüllt war, die zweifellos vernunftbegabten Wesen ihren Ursprung verdankten.
Auch diese Bauwerke hatten ihre auffallenden Eigentümlichkeiten: Zum Ersten waren sie schmal und hoch, turmartig aufgeführt; zum Zweiten erschienen sie alle dreieckig, zum Dritten sahen sie wie aus einem Guss gefertigt aus.
Der Professor, der für alles eine Erklärung suchte und auch gleich bei der Hand hatte, ließ sich also vernehmen:
„Die Marsbewohner bauen offenbar in die Höhe wie die Newyorker, jedenfalls auch aus demselben Grund: Sie müssen an Platz sparen. In der Tat erreicht die gesamte Oberfläche des Mars noch keine drei Zehntel der Erdoberfläche; da überdies die schrecklichen breiten Sümpfe einen großen Teil des Festlandes einzunehmen scheinen, so müssen sie an Bauplatz sparen. Dreieckig sind die Häuser aufgeführt, um den Orkanen und den Wasserfluten bei der Schneeschmelze wirksamen Widerstand bieten zu können; dass sie so glatt und ungegliedert aussehen, weist auf eine besondere Masse hin, mit der die Baumeister die Gebäude von außen gleichmäßig bestreichen, auf einen Mörtel, der vielleicht dem Mars eigentümlich ist.“
„Scharfsinnig, wie immer, Professor!“ lachte der Kapitän. „Aber gestatten Sie mir diesmal, den Zweifler zu spielen: Wir haben auf unserer ganzen Wanderung weder Dörfer noch Städte, ja nicht einmal angebautes Land getroffen oder auch nur von ferne erblickt. Also haben die Marsbewohner noch keinen Mangel an Bauplätzen; zum andern dürfte in diesem geschützten Tale kaum je ein heftiger Orkan wehen, auch ist es so hoch gelegen, dass keine Wasserfluten es bedrohen. Abgesehen von diesen Kleinigkeiten mögen Sie ja immerhin recht haben.“
„Na!“ sagte Schultze: „Sie oller Zweifler! Lassen wir das einstweilen dahingestellt und untersuchen wir die Häuser. Verlassen oder ausgestorben scheint ja die Stadt zu sein.“
Das, was Schultze eine „Stadt“ nannte, waren etwa hundert zumeist gleich geformte Bauwerke von mäßigem Umfang. Sie leuchteten in allen Regenbogenfarben, eines blau, das andere rot, das Dritte grün; einige schneeweiß, andere schwarz; daneben gelbe, braune, orangerote, violette Türme in allen Farbenabstufungen.
Im Innern erwiesen sie sich sämtlich ganz ähnlich angelegt; statt einer Treppe führte ein gewundener Gang empor, von schmalen Seitenfenstern erhellt. Ganz oben befand sich ein dreieckiges Gemach, in welchem auf erhöhten Matten — Leichen lagen.
Ja, nur Leichen!
„Eine Begräbnisstätte, ein Friedhof“, rief Heinz aus.
„Wenigstens eine Totenstadt“, entgegnete Schultze, „da von Gräbern und Begräbnis hier nicht die Rede ist.“
Die Leichen waren alle in lange Gewänder von einem eigentümlichen glatten und sehr schmiegsamen Stoffe gekleidet, der keine Fäden, kein Gewebe erkennen ließ. Entweder war dieser auf Erden unbekannte Stoff aus einer äußerst zähen Gummiart papierdünn gewalzt, wobei der Gummi jegliche Elastizität verloren hatte, oder er war aus einem nur den Marsbewohnern bekannten Material gegossen.
Die Gewänder glänzten auch in den verschiedensten lebhaften Farben. Die Körper unterschieden sich nicht wesentlich von menschlichen Körpern; sie waren aber alle sehr klein, schlank und zierlich und jedenfalls wiesen sie eine Rasseneigentümlichkeit auf, die auf Erden nicht zu finden war. Diese Eigentümlichkeit bestand im Wesentlichen in einer auffallenden Schädelform: Man hätte meinen können, jedes dieser Häupter trage eine Kappe; denn über der Stirne eingeschnürt, saß eine zweite mäßig gewölbte und dichtbehaarte Schädelkammer.
„Zwei Stockwerke!“, rief Münchhausen in ehrlichem Staunen: „Ein zweistöckiges Gehirn haben diese Marsiten besessen! Nein, müssen die gescheit gewesen sein!“
Die rosige Haut des Gesichts und der Hände, so weich und zart sie aussah, erwies sich nichtsdestoweniger bei der Berührung als ungeheuer zäh, wie Leder oder wie die Haut eines Elefanten.
Schultze machte, nicht aus sträflicher Neugier, sondern aus wissenschaftlichem Interesse, einen Versuch, die Haut einer Hand mit seinem Dolche zu ritzen; doch als er schließlich auch alle Gewalt anwendete, es gelang ihm nicht, das Gewebe zu verletzen; das Messer hinterließ nur eine vertiefte Spur, die bald wieder verschwand.
„Die waren ausgerüstet für den Kampf ums Dasein!“, sagte er: „Die scharfen Hörner der wilden Tiere, die Klauen und Gebisse der Vögel und die blutsaugerischen Schnauzen des Gewürms konnten ihnen nichts anhaben. Um so mehr dürfen wir erwarten, bald auf lebende Marsbewohner zu stoßen: Ein solches Geschlecht stirbt nicht aus!“
Der Professor kannte die Schrecken des Mars noch allzu wenig!
Flitmore photographierte das Innere der Leichenhalle, so wie einige besonders charakteristische Mumien. Nach Verlassen der Totenstadt nahm er auch diese von einer Anhöhe aus auf; dann verließen unsere Freunde den Ort durch ein gewundenes, bergabführendes Tal.
Am Ausgange der Schlucht lehnte an der Bergwand ein niedriger, dreieckiger Bau aus „Gußstein“; denn so hatte Schultze das steinerne Material, das gleichmäßig glatt war und keine Lücken aufwies, benannt. Er vermutete, dass die Marsbewohner eine besondere Steinart wie Lava zu schmelzen verstünden, im flüssigen Zustand färbten und dann ihre Häuser in einem Block in Erdformen gossen.
Dafür sprach der Umstand, dass die Bauten in der Totenstadt eine beschränkte Anzahl von Formen aufwiesen, die in genau den gleichen Abmessungen immer wiederkehrten. Der Bruch einzelner beschädigter Steine zeigte, dass die Färbung den ganzen Stein durchdrang und dass tatsächlich nirgends eine Fuge vorhanden war, sondern alles aus einem Block bestand.
Vor dem neuentdeckten Hause nun saß ein steinaltes Männlein, dessen Doppelschädel den Eindruck machte, als trage er eine Mütze aus Eisbärenfell; denn schneeweis war sein dichtes Pelzhaar, das zottig herabhing, jedoch nicht länger als es bei einem Tierpelz zu wachsen pflegt.
Ein ebenso zottiger kurzer Bart umrahmte sein Gesicht.
Mit den großen, gescheiten Augen betrachtete er die Ankömmlinge, offenbar sehr interessiert, aber durchaus nicht mit der Verwunderung oder gar dem Entsetzen, welche diese sich geschmeichelt hatten, bei dem ersten Marsbewohner zu erregen, der ihre fremdartige Erscheinung gewahren würde.
Als sie sich ihm nahten, erhob er sich langsam. Ein leuchtendes rotes Gewand umfloss seine schlanken Glieder.
Und nun zeigte Schultze den unentwegten Professor: er redete den Marsgreis im elegantesten Latein an, das ihm zur Verfügung stand; denn er dachte, Latein sei eine Weltsprache, die von gebildeten Wesen überall verstanden werden müsse. Er bedachte nicht, dass die alten Römer, so unternehmungslustig sie waren, die Grenzen ihres Reichs doch nicht über den Erdball ausgedehnt hatten.
Übrigens war der Marsite stocktaub, wie er durch ein beredtes Berühren seiner Ohren und sein trüblächelndes Kopfschütteln zu verstehen gab.
Da er jedoch an Schultzes beweglichen Lippen erkannt hatte, dass dieser ihn anredete, mochte er meinen, die seltsamen Besucher sprächen die Marssprache; denn er ließ einige wohllautende Worte vernehmen, merkte aber bald an des Professors Kopfschütteln, dass man ihn nicht verstand.
Da deutete er auf die Gruppe, die ihn anstaunte, und erhob den Blick gen Himmel. Gleichzeitig streckte er den Arm empor und wies auf einen blassen Stern.
Das war die Erde!
Da die Erde dem Mars weit näher steht als die Sonne, und diese ihm infolge ihrer Entfernung nicht so blendend leuchtet, wie uns, konnte man die Erde hier bei Tageslicht am Himmel stehen sehen.
So sehr Lord Flitmore an Selbstbeherrschung gewohnt war, die Gebärde des Greises brachte ihn doch aus der Fassung.
„Allmächtiger!“, rief er aus: „Sollte man das für möglich halten? Dieser Marsmensch vermutet, dass wir von der Erde her kommen! Offenbar ist ihm das Vorhandensein von Menschen dort bekannt und man rechnete hier damit, eines Tages einen Besuch vom Nachbarsterne her zu erhalten.“
„Nein! Welche Hilfsmittel müssen diese Marsmenschen besitzen!“ meinte Schultze verwundert.
„Ich glaube fast, ihre Augen ersetzen ihnen das beste Teleskop“, bemerkte Heinz: „Sehen Sie doch nur, wie der Mann seine Augen weit heraustreten lässt, wenn er nach der Erde schaut, und wie tief er sie in die Höhlen zurückzieht, wenn er uns betrachtet.“
In der Tat bemerkten jetzt alle dieses seltsame Augenspiel, je nachdem der Marsite den Blick auf nähere oder entferntere Gegenstände richtete.
„Fragen Sie doch den Alten, wo wir noch mehr seinesgleichen treffen können“, wandte sich Münchhausen ironisch an Schultze, der mit seinem Latein zu Ende war nach dem ersten vergeblichen und etwas törichten Verständigungsversuch.
Heinz Friedung aber bewies, dass er einer solchen Aufgabe gewachsen war: Er unternahm es, die gewünschte Auskunft zu erhalten.
Das griff der intelligente junge Mann folgendermaßen an:
Er wies auf die eigene Brust und streckte den Daumen der geschlossenen linken Hand empor; dann deutete er der Reihe nach auf Flitmore, Mietje, Schultze und Münchhausen, jedes Mal einen weiteren Finger der Linken ausstreckend.
Der Marsite folgte aufmerksam diesem Gebärdenspiel, das besagen wollte: „Wir sind fünf.“
Als Heinz dann seine Hand wieder schloss, zeigte der Alte, dass er begriffen habe und des Zählens mächtig sei; denn mit einer Handbewegung wies er auf die Gruppe und streckte dann fünf Finger aus, als wollte er sagen: „Das stimmt, ihr seid zu fünft.“
Jetzt zeigte Hans auf den Marsiten und streckte wieder den Daumen allein vor. Das hieß: „Du bist nur einer.“ Dann sah sich der junge Mann forschend und fragend nach allen Seiten um mit hilflosen Handbewegungen, aus denen der Marsbewohner sofort die Frage erriet: „Wo sind die andern Bewohner des Mars?“
Da schüttelte er den Kopf und eine tiefe Traurigkeit überzog seine milden Züge: Eindringlich streckte er den einen Daumen empor, berührte seine Brust, wies dann mit dem Arm im Kreise umher, immer kopfschüttelnd und zugleich die Hand verneinend schwenkend, als wollte er sagen: „Ich bin allein da! Sonst ist nirgends mehr jemand vorhanden.“
Erstaunt glotzten unsere Freunde ihn an; da winkte er ihnen, ihm zu folgen.
Er führte sie an den Rand des Hügels und deutete in den Sumpf hinab.
Da sahen sie schaudernd die Spitzen von Gebäuden aus dem schwarzen Schlamme emporragen und die traurigen Gebärden des Greises sagten: „Alle sind verschlungen von den Wassern, alle modern im Sumpf oder dienen den Sumpfwürmern zum Fraß.“
Dann raffte sich der Alte auf, deutete auf seine Gäste und dann hinauf zur Erde, ihnen mit heftigen Handbewegungen begreiflich machend: „Fliehet, fliehet! Sonst ereilt euch das gleiche Schicksal!“
Dieses grässliche Geschick verdeutlichte er noch dadurch, dass er wieder hinab in den Sumpf zeigte, dann die Handfläche wagrecht über den Boden hielt und sie ruckweise am eigenen Körper immer höher steigen ließ, bis er sie hoch über den Kopf hob.
„Er will andeuten, dass die Gewässer plötzlich steigen und hoch über unsere Köpfe weggehen können“, erklärte der Lord.
„Allerdings“, bestätigte Schultze: „Die Astronomen haben des Öfteren derartige Katastrophen auf dem Mars beobachtet: Das Land wird urplötzlich vom Meere verschlungen, und die Verteilung von Kontinenten und Meeren nimmt eine ganz neue Gestaltung an.“
„So werden wir hier nicht mehr viel zu entdecken haben“, meinte Münchhausen: „Der Mann kennt sich jedenfalls am besten aus auf dem Mars und wir werden gut tun, seine Warnung nicht in den Wind zu schlagen.“
In diesem Augenblick dröhnte der Klang der Sirene von der Sannah durch die Lüfte.
14. Eine Marskatastrophe.
„Halloh! Das ist ein bedenkliches Zeichen!“ rief Flitmore.
„Was mag da los sein?“, fragte Mietje besorgt.
„Jedenfalls gilt es, schleunigst umzukehren“, mahnte der Kapitän.
Heinz fasste den Marsiten bei der Hand und wies ihm das in der Ferne hoch aufragende Weltschiff, ihm bedeutend, er möge mit ihnen flüchten.
Der Mann aber schüttelte bloß traurig das Haupt und schwenkte die Hand gegen den Sumpf hinab. Da war nichts zu machen: Dort lagen alle seine Lieben, bei ihnen wollte er sein Grab finden!
Flitmore unterließ nicht, den letzten Zeugen einer ausgestorbenen Menschenwelt zu photographieren; dann schieden unsre Freunde bedauernd von dem Greise und beeilten sich, die Sannah wieder zu erreichen; denn der Ton der Sirene hatte ihnen verkündigt, dass dort etwas nicht in Richtigkeit sein musste.
Am Waldsaum machten sie Halt, um von den mitgenommenen Vorräten ein kurzes Mahl zu halten; denn der Hunger hatte sich mächtig eingestellt und Münchhausen hatte erklärt, mit leerem Magen komme er keinen Schritt weiter, nachdem er heute Nacht so gründlich angezapft worden sei.
Bobs, der Schimpanse, pflückte sich die goldgelben pyramidenförmigen Früchte der Bäume am Waldrand und verzehrte sie mit so sichtlichem Behagen, dass der Kapitän sich nicht enthalten konnte, auch davon zu kosten. Er fand sie von solch köstlichem Wohlgeschmack, dass auch die Übrigen zugriffen und einen großen Vorrat davon mitnahmen.
In zwanzig Minuten war das Wäldchen durchschritten, da man sich nicht wieder durch seine Merkwürdigkeiten aufhalten ließ.
Als John die Heimkehrenden aus dem Walde heraustreten sah, kletterte er rasch an der Sannah hernieder und ging ihnen entgegen.
„Was ist’s? Was gibt’s?“ rief ihm Heinz von Ferne zu. „Ist etwas passiert, sahst du eine Gefahr nahen, dass du das Notsignal gabst?“
„O, meine Herren!“, rief Rieger, der keuchend dahertrabte: „Die Sannah ist sozusagen heil und wohlbehalten, indem ihr nichts passiert ist; aber es ist ein schreckliches Wunder geschehen, was ich von weitem erblickt habe, und das ich befürchten musste, wenn es in der Nähe sich ähnlich ereignen dürfte, es nicht zum wenigsten unser Weltende herbeizuführen vermöglich wäre.“
„Was sahst du denn so Entsetzliches?“ forschte der Lord seelenruhig.
„Dort, weit dort drüben ist ein ganzer Bergzug sozusagen im Boden verschwunden und dann ist ein andrer aus der Tiefe heraufgestiegen und das Wasser und Gewürm floß an ihm herab.“
„Das scheint ein Erdbeben gewesen zu sein!“, meinte Schultze.
„Merkwürdig, dass wir nichts davon spürten“, warf Münchhausen ein.
„O, die Sannah hat nicht unbeträchtlich gewackelt“, erklärte der Diener.
„Wenn die Wellenbewegung des Bebens sich senkrecht gegen diese parallelen Hügelzüge richtete, so ist es nicht auffallend, dass sie bald so abgeschwächt wurde, dass sie uns nicht mehr erreichte“, erläuterte der Professor. „Überhaupt zeigen Erdstöße oft eine auffallend scharfe Abgrenzung: Ein Tal, ein Flussbett gebietet ihnen häufig Halt. Es kommt vor, dass eine Stadt auf der einen Seite eines Flusses einstürzt, während man im jenseitigen Stadtteil die Erschütterung kaum spürt.“
„Mag sein! Aber ich stimme dafür, dass wir den Mars schleunigst verlassen, der bei Tag so unheimlich und gefährlich zu sein scheint, wie bei Nacht.“
Dieser Meinung des Kapitäns wurde kein Widerspruch entgegengesetzt; aber mit der schleunigen Abreise hatte es noch gute oder besser „schlimme“ Wege.
So weit das Auge sah, schien plötzlich die ganze Marsoberfläche in Bewegung geraten zu sein. In der Luft dröhnte und donnerte es, der Erdboden krachte, eine rötliche Staubwolke erfüllte die Luft, so dass eine Zeitlang nichts mehr zu erkennen war; dann fegte ein plötzlich daherbrausender Orkan die Wolke hinweg; doch schien sie nur in die oberen Luftschichten getrieben worden zu sein; denn eine blutig-fahle Dämmerung lagerte über dem Grunde.
Ein Schrei des Entsetzens entrang sich unwillkürlich aller Lippen; nur Flitmore blieb stumm und anscheinend ruhig.
Dann standen die Erschreckten wie erstarrt.
Bobs, der Affe, allein sprang in rasenden Sätzen der Sannah zu, die er erreichte und an der er zu seinem Kameraden Dick emporklomm.
Unsre Freunde aber sahen gewaltige Wogen auf sich zukommen.
Anfangs glaubten sie, es seien richtige Wasserwellen, das Meer sei seinem Bette entstiegen, sie zu verschlingen.
Bald aber erkannten sie, dass das Land selber mit seinem leichten weichen Erdboden diese Wellen warf: Hügel verschwanden und neue Hügelketten tauchten auf, um wieder zu versinken und sich wieder zu erheben.
Und mit unheimlicher Geschwindigkeit nahten diese Erdwogen. An ein Erreichen des Weltschiffs, das noch zweihundert Meter entfernt war, war nicht mehr zu denken.
Der Boden wankte unter den Füßen der Schreckgelähmten.
Jetzt ein heftiger Stoß, der alle durcheinander warf; die Erde versank zu ihren Füßen: sie lagen in der Tiefe; aber der Grund hob sich wieder und sie mit ihm. Nur Münchhausens rundliche Masse kollerte alsbald wieder von der Höhe hinab: Sein kugelförmiger Körper fand nirgends Halt und blieb in beständiger rollender Bewegung.
Noch mehrmals wurden die Daliegenden hilflos gehoben und gesenkt von der Wellenbewegung der Erde; dann wurde die Erschütterung schwächer und sie fanden sich in einer breiten Mulde liegend.
„Hinauf, hinauf!“, rief Flitmore, der sich zuerst emporraffte und Mietje beim Arm fasste, sie mit Hünenkraft den steilen Abhang emporschleifend.
Es war die höchste Zeit! Brausend kam es die Mulde herauf: ein Strom von Schlamm, ein dichtes Pflanzengewirr und eine wimmelnde Masse von zappelnden Würmern mit sich führend.
Wer von dieser Woge erreicht wurde, der war verloren: Aus diesem Chaos hätte keiner mehr seine Glieder zu befreien vermocht.
Mit knapper Not entkam der Professor der zähen Flut, die sich heranwälzte, als er kaum auf halber Höhe des Abhangs angelangt war. Von dem aufspritzenden Schlamm wurde er über und über bedeckt.
Heinz und John, unmittelbar vor ihm, reichten ihm hilfreich die Hand. Der Lord und Mietje befanden sich schon oben in vorläufiger Sicherheit.
„Wo ist der Kapitän?“, rief Flitmore, das Brausen im Grunde überschreiend.
„Da liegt er gottlob!“ schallte Heinzens Stimme.
Ja, da lag er zu oberst auf der Bodenwelle. Bei der letzten Wellenbewegung war es seinen verzweifelten Anstrengungen geglückt, sich an einem kleinen Erdhügel festzukrallen und so war er zuguterletzt emporgehoben worden, ohne wieder herabzurollen. Sonst wäre der Unselige unbedingt verloren gewesen; denn aus dem Grunde der Mulde hätte er sich nicht so rasch emporarbeiten können wie die andern und da entschieden Sekunden über Leben und Tod.
Da lag er nun und bot wiederum einen Anblick, der unter minder grauenhaften Umständen die größte Heiterkeit entfesselt hätte; denn es sah zu gelungen aus, wie er noch krampfhaft, beinahe zärtlich das rettende Erdhügelchen umarmt hielt, als wolle er es nicht wieder von sich lassen.
Endlich brachte ihn der Zuspruch und die tätliche Hilfe von Flitmore und Heinz wieder auf die Beine, wobei John ihn mit kräftigen Armen von hinten im Gleichgewicht hielt.
Aber nun war guter Rat teuer für alle: Dort drüben ragte die Sannah aus dem Sumpf, in den sie versenkt worden war. Gähnend öffnete sich die Türe hart über dem Sumpfspiegel, auf dem die Strickleiter von Morast überzogen schwamm.
Ein Glück, das die Öffnung nicht tiefer zu liegen gekommen war, sonst wäre der Schlamm ins Innere geflutet und keine Aussicht mehr gewesen, überhaupt in das Fahrzeug zu gelangen.
Allerdings schien auch so keine Möglichkeit hiezu vorhanden, so einladend das Tor herübergähnte: Ein Sumpfarm von dreißig Meter Breite trennte die Gesellschaft von der Sannah und das war ein unüberwindliches Hindernis.
„Wenn wir nur die Strickleiter herüberziehen könnten!“, meinte Flitmore nachdenklich; „sie ist fünfzig Meter lang, und wir brauchen sie nur straff anzuspannen, um hinüberturnen zu können.“
Alle strengten nun ihre Gehirnkraft an, um ein Mittel zu ersinnen, dieses Ziel zu erreichen.
„Wenn die Affen so gescheit wären“, seufzte Mietje nach langem Stillschweigen: „Die könnten uns das Ende der Leiter wohl herüberschaffen: Die Schlammmasse ist dick genug und so viele Wurzeln und verwirrte Pflanzen ragen daraus hervor, dass die Schimpansen bei ihrem geringen Körpergewicht kaum darin versinken würden.“
„Ja! Wenn ... wenn ...!“ Erwiderte der Lord: „Aber wie willst du ihnen das begreiflich machen? Marsmenschen sind sie noch lange nicht.“
Immerhin pfiff er den Affen, ohne sich darüber klar zu sein, was es helfen könne, wenn sie herkamen.
Die Schimpansen hatten stets mit Neugier herübergeblickt; es schien ihnen offenbar nicht in der Ordnung, dass sie von ihren Herren völlig getrennt waren.
Als nun Flitmores wohlbekannter Pfiff erscholl, dem sie zu folgen gewohnt waren, kletterten sie an den Rampen herab bis zum Sumpfspiegel. Hier aber machten sie unschlüssig Halt: Der Boden schien ihnen verdächtig.
Nochmals pfiff der Lord.
Nun wagte sich Bobs auf die trügerische Fläche. Er hielt sich mit einer Hand an der Strickleiter fest und versuchte die ragenden Wurzeln und Pflanzen als Brücke zu benutzen; dabei schleppte er die Strickleiter bis zum halben Weg mit sich; da er aber eine Mittelsprosse und nicht das Ende erfaßt hatte, war nun die Strickleiter straff gespannt und er konnte nicht weiter, ohne sie loszulassen.
Ein dritter Pfiff Flitmores hatte nur zur Folge, dass er los ließ und nun vollends frei herüberturnte, was ihm bei seiner Gewandtheit auch gelang.
Inzwischen nahte sich auch Dick, der nun an der Strickleiter eine Brücke bis zur Mitte des Sumpfes fand. Hier verließ auch er sie und kam vollends glücklich ans Ufer.
„Nur fünfzehn Meter!“, seufzte der Kapitän.
„Wollen Sie’s riskieren?“ höhnte Schultze: „Untergehen werden Sie ja wohl kaum.“
„Das nicht“, lachte Münchhausen gutmütig, „aber bis zur Mitte meiner Konstitution einsinken, das ist sicher. Was könnte es Ihnen helfen, wenn ich als lebendige Kugelboje im Morast schwämme?“
„Ich muss hinüber, ich bin die Leichteste“, sagte Mietje in plötzlichem Entschluss.
„Du?“, rief ihr Gatte mit einem Ton der Besorgnis in der Stimme.
„Ja, ich! Irgendwie müssen wir aus dieser Notlage herauskommen, und das ist nicht möglich, wenn nicht jemand das Wagnis unternimmt. Das geringste Körpergewicht gibt die beste Aussicht auf das Gelingen und somit bin ich die Geeignetste dazu; denn sinke ich unter, so würde das jedem von euch umso sicherer widerfahren.“
„Nein, nein! Dieses heldenmütige Opfer können wir nie und nimmer annehmen“, widersprach der Kapitän.
„Doch, doch! Bobs wird mich führen, und so gescheit und treu ist er schon, dass er mich hält, wenn er mich sinken sieht.“
„Wir müssen dich anseilen“, sagte Flitmore, der einsah, dass etwas gewagt werden musste und dass seine mutige Gattin allerdings am ehesten Aussicht hatte, den Sumpf ohne ernsten Unfall beschreiten zu können.
„Gut“, sagte Mietje, „so bitte ich die Herren einen Augenblick wegzusehen.“
Sie trug unter dem Kleide einen Unterrock aus starker Leinwand. Dieses entbehrlichen Kleidungsstückes entledigte sie sich rasch und schnitt es in Streifen mit der Schere, die sie als praktische Hausfrau in einem handlichen Nähetui stets bei sich trug.
Die aneinandergeknüpften Streifen gaben ein Seil, das stark genug war, sie im Notfall ans Ufer zurückzuziehen.
Nun ergriff die junge Heldin Bobs Arm und schob den Schimpansen voran auf den Morast.
Der Affe zeigte sich verständig und lenksam und schritt gewandt aus, die haltbarsten Unterlagen geschickt auswählend.
Mietje, die sich des besseren Haltes wegen ihrer Schuhe und Strümpfe entledigt hatte, konnte sich nicht wie der Schimpanse mit den Füßen an den schwankenden Wurzeln und Ranken anklammern: um so fester klammerte sie sich am Arme ihres Beschützers fest, während die Männer am Ufer das Seil straff hielten, das ihr unter den Schultern festgebunden worden war.
Es war übrigens ein kurioses Schauspiel, die zarte Lady am Arme des Affen dahinschreiten zu sehen; doch richtete sich die Aufmerksamkeit der am Ufer Stehenden lediglich auf ihre Tritte. Oft erbebten sie, wenn sie sahen, dass ihr Fuß einsank; aber die Dame war so behende, dass sie jedes Mal schon den andern Fuß auf irgendeinen festeren Punkt gesetzt hatte und ihr Körpergewicht rasch auf diesen verlegte, ehe der eine Fuß nur Zeit fand, tiefer einzusinken.
Ein langsames, zögerndes Ausschreiten wäre ihr Verderben gewesen; durch dieses flinke Vorwärtshüpfen, das Bobs kaum gewandter zuwege brachte, gelang es ihr auch sehr zweifelhafte Stützpunkte im Fluge zu benutzen, sie nur als flüchtiges Sprungbrett für den nächsten Schritt verwertend.
„Bei allen Feen und Elfen!“ konnte der Kapitän sich nicht enthalten, bewundernd auszurufen: „Lord, ich glaube, ihre Gattin würde mit ebensolcher Eleganz über das Meer hinweghüpfen: Bis ein Fuß einsinken will, ist er schon ganz wo anders.“
„Nicht wahr, da staunen Sie, stattlicher Hugo“, spöttelte Schultze: „Sie möchte ich an Stelle der Lady sehen, wie leichtfüßig Sie durch den Morast stapfen würden. Dass Sie ja hüpfen können, haben Sie uns heut Nacht bewiesen, edler Würmlizertreter.“
Jetzt atmeten alle auf; Mietje hatte die Strickleiter erreicht und zog das in den Sumpf gesunkene Ende aus dem Schlamm; aber der hierdurch veranlasste Aufenthalt auf dem unsicheren Boden sollte ihr verhängnisvoll werden.
Sie stand auf einem dünnen Gewirr verflochtener Lianen und Wurzeln, das alsbald zu sinken begann, wie sie sich bückte und mühsam die Strickleiter aus dem Sumpf zog: eine schwere Arbeit, da Pflanzen und — o Graus! Auch dicke Würmer an den Sprossen hingen.
Die Männer am Ufer zogen sofort das Seil an, als sie Mietje sinken sahen; diese aber rief ihnen ein energisches: „Halt, halt!“ zu.
Es wäre eine schlimme Sache für die arme junge Frau gewesen, am Strick durch diesen Morast mit all seinem Wirrwarr geschleift zu werden, und sie wäre sicher in bös zerfetztem und zerschundenem Zustand drüben angekommen. Daran dachte sie jedoch nicht: Es war ihr lediglich darum zu tun, so nahe am Ziel den Erfolg ihres gefährlichen Unternehmens nicht in Frage zu stellen.
Bangend sahen ihr die Männer am Ufer zu, bereit, sofort das Seil anzuziehen, sobald Mietje in dringende Lebensgefahr geriete. Sie stak schon bis zu halbem Leibe im Schlamm, als sie endlich die Strickleiter so weit emporgezogen hatte, dass sie bis ans Ufer reichen konnte.
Aber was war das? Sie band ja das Seil los, das ihr den letzten Halt geben sollte.
„Mietje, was tust du? Was fällt dir ein?!“ rief Flitmore mit unverkennbarem Schrecken.
„Das Gescheiteste!“, rief die Lady zurück.
Sie band rasch das Ende des Stricks an einer Sprosse fest und schrie dann hinüber: „Jetzt, schnell! Ziehet kräftig an.“
Mit fieberhafter Eile ließen die Männer das Seil durch ihre Hände gleiten, bis die Strickleiter sich straffte: Sie reichte nun gerade bis ans Ufer.
Inzwischen war Mietje bis an den Hals im Schlamm versunken, hielt sich aber mit emporgestreckten Armen an einer Sprosse fest.
Als nun die Männer die Leiter zu fassen bekamen und aus allen Kräften anzogen, wurde die aufopfernde Heldin wieder so weit emporgezogen, dass sie nur noch bis zur Brust im Moraste stak.
Dieses Straffen der Strickleiter war ein schweres Stück Arbeit gewesen!
Nun wurde das Ende der Leiter so fest als möglich an einem starken Busch angebunden. Zu aller Vorsicht musste Münchhausen es noch mit seinem ganzen Körpergewicht beschweren und der Professor sich bereithalten, im Notfall auch noch zuzugreifen; denn nun turnten der Lord und sein Diener, sowie Heinz gleichzeitig auf der unsicheren Brücke über den Sumpf, galt es doch, Mietje aus ihrer schrecklichen Lage zu befreien.
Schrecklich war ihre Lage in der Tat: Sie konnte kaum noch festhalten; ihre ermüdeten Arme waren schmerzhaft gespannt und die sich krampfenden Finger wollten sich an einem fort loslösen. Ein Glück war es, dass sie nicht frei in der Luft hing, sonst hätten ihre Kräfte unbedingt versagt, ehe Hilfe kam. Der zähe Brei, in dem sie steckte, minderte doch einigermaßen das Körpergewicht, das an ihren Armen hing und ihr die Hände aus den Gelenken zu reißen drohte.
Aber sie fühlte, wie trotz der äußersten Anspannung ihrer Willens- und Muskelkraft alle Energie sie verließ, tausend Arme schienen sie in den Sumpf zu ziehen, immer lockender wurde die Versuchung, loszulassen und sich nicht weiter der schrecklichen Marter auszusetzen, die alle Todesfurcht einschläferte, so dass Sinken, Ersticken, Einschlafen ihr als Erlösung erschien.
Bei alledem gab sie keinen Laut von sich; aber das Blut hämmerte in ihren Schläfen, es wurde schwarz um sie her, ihre Finger lösten sich: Das war das Ende!
Dies war ihr letzter dunkler, aber gar nicht schreckhafter Gedanke; dann hatte sie das Bewusstsein verloren.
Aber in dem Augenblick, da sie mit schwindendem Bewusstsein die Sprosse losließ, hatte Flitmore sie erreicht und ihre Handgelenke mit eiserner Gewalt umklammert.
Hinter ihm krochen auch schon Heinz und John heran; denn nur kriechend konnte man sich auf der schwanken Brücke fortbewegen.
„Ich halte sie“, keuchte der Lord; „jetzt seht zu, wie wir sie heraufbringen.“
Das war keine leichte Aufgabe!
Heinz, der ein äußerst gewandter Turner war, hakte seine Füße in der Strickleiter ein und ließ sich, den Kopf nach unten, hinab, während er in den Knieen hing.
Dann faßte er die Lady mit beiden Händen um die Taille und hob sie mit unsäglicher Anstrengung aus dem Schlamm.
„Ich habe sie!“, stöhnte er endlich: „Sie können loslassen, Lord.“
Flitmore ließ die Handgelenke los, die er zwischen zwei Sprossen durch ergriffen hatte; denn durch den engen Zwischenraum konnte er selbstverständlich seine Gattin nicht emporziehen.
Schnell flocht er seine Beine zwischen Sprossen und Stricken fest und wies John an, ein Gleiches zu tun.
Jetzt beugten beide den Oberkörper auf der gleichen Seite hinab und fassten Mietjes leblosen Körper unter den Armen. Es war höchste Zeit; denn Heinz hätte ihn in seiner schwierigen Lage keine Minute mehr halten können.
Flitmore und Rieger zogen nun die Ohnmächtige auf die Strickleiter, wo sie dieselbe zunächst ausstreckten, um frische Kräfte zu schöpfen.
Inzwischen hatte auch Heinz sich wieder heraufgeschwungen.
Jetzt konnte die Lady, wenn auch nicht ohne Schwierigkeit, vollends zur Sannah verbracht werden, wo es Flitmores Bemühungen bald gelang, sie wieder zum Bewusstsein zu bringen.
Nun durften auch Schultze und Münchhausen die Reise antreten.
Der Kapitän bewegte sich voran, der Professor schob nach.
Ersterer hatte es schwer; denn seine runde Wölbung machte ihm das Kriechen auf der schmalen Leiter beinahe unmöglich.
Es war ein köstlicher Anblick, diese Körpermasse sich langsam und schwerfällig auf dem schwankenden Steg vorschieben zu sehen.
Auf der Mitte angelangt, erklärte der Kapitän mit lauter, aber höchst kläglicher Stimme: „’s ist aus! Ich bin am Ende meiner Kräfte. Hier bleibe ich und wenn ich hier übernachten muss und in den Sumpf kollere.“
„Machen Sie keine schlechten Witze, Kapitän“, mahnte Schultze von hinten: „Ich schiebe Sie ja aus allen Kräften.“
„Ach, was richten Sie aus? Das ist, als ob eine Mücke einen Elefanten schieben wollte! Ich sage Ihnen, ich bin schachmatt.“
„Sie freuen mich, Allerwertester! Was soll denn aus mir werden? Soll ich etwa über Sie hinwegturnen? Im Bergkraxseln bin ich ganz und gar nicht bewandert und zum mindesten müsste ich einen Alpenstock haben, wollte ich es wagen, diese gefährliche Kletterpartie zu unternehmen.“
„Ha! Gefühlloser Schurke! Bin ich aus Granitquadern gebaut? Bin ich ein rauer Felsblock, dass Sie die Eisenspitze eines Gebirgsstockes in meine Flanken bohren wollen? Das lassen Sie sich beikommen und wie eine Lawine rolle ich mit Ihnen ins Verderben!“
„Nee! Ein rauer Felsbrocken sind Sie nicht“, lachte der Professor belustigt: „Rau sind Sie nur innerlich, oller Seebär; außen sind Sie nur allzu glatt und wohlgerundet, das ist ja gerade das Fatale; ein Absturz wäre mir sicher, wollte ich die Kletterei unternehmen. Also, voran!“
„Keinen Schritt mehr!“
„Aber ich kann doch nicht hier übernachten.“
„So kehren Sie um.“
„Was? So nahe dem rettenden Hafen soll ich umkehren und mich in der Nacht mit den blutdürstigen Würmern herumbalgen? Vorwärts, vorwärts! Es dämmert schon.“
Flitmore hatte inzwischen John gesandt, der nun den Kapitän erreichte und anseilte.
So, gezogen und geschoben, gelangte er endlich in die Sannah zur großen Erleichterung des Professors, der sich nun auch geborgen sah.
Alle Anstrengungen, die Strickleiter vom Busch loszureißen, um sie in das Weltschiff zu ziehen, waren vergeblich.
„Lassen wir sie zurück“, erklärte der Lord, „ich habe ja noch andre.“
„Nein!“, widersprach Heinz: „Die Brücke, die uns das Leben rettete und um die Lady Flitmore ihr Leben wagte, an der sie so heldenmütig die grässlichsten Folterqualen ertrug, darf nicht im Stich gelassen werden: Ich mache sie los!“
Flitmore schüttelte den Kopf: „Und Sie? Sie werden es schwer haben auf der losen Leiter zurückzukehren.“
„Lassen Sie mich machen, es wird alles gut gehen!“
Wirklich kletterte Heinz zurück.
Er schnitt ein Stück des leinenen Seiles ab, band es an den Teil des Seiles, der die Leiter mit dem Busch verband, und glimmte es an. Dann kletterte er rasch zurück und erreichte auch wirklich die Sannah, ehe die weiterglostende Lunte das Seil angesteckt und durchgebrannt hatte.
Sobald Letzteres der Fall war, ließ sich die Strickleiter leicht einziehen.
Nun waren alle im Weltschiff wieder beieinander; Bobs hatte sich schon dorthin gemacht, als Mietje ihn losließ, um die Strickleiter aus dem Moraste zu ziehen. Dick war über die Brücke als Erster geturnt, sobald sie hergestellt worden war.
Inzwischen war es Nacht geworden; beide Marsmonde leuchteten am Himmel: Phobos, der bei einer Umlaufszeit von nur 7½ Stunden manchmal in einer Nacht zweimal erscheint, und Deimos, der dem Mars nicht jede Nacht aufglänzt, da er 30¼ Stunde Umlaufszeit hat. Beide sind dem Planeten sehr nahe, woraus sich ihre überaus kurze Umlaufszeit erklärt.
Flitmore schloss die Türe und ließ den Zentrifugalstrom durch das Weltschiff strömen.
Die Sannah erhob sich mit wachsender Geschwindigkeit, und, wie unsere Freunde sahen, gerade zu rechter Zeit; denn unter ihnen geriet das monderhellte Land auf einmal wieder in Bewegung. Ein besonders heftiger Erdstoß musste es erschüttert haben; denn plötzlich kam von ferne her eine haushohe dunkle Woge: Das Meer brauste heran und verschlang das schwankende Land, so weit man sehen konnte, und mit ihm auch zweifellos den letzten Bewohner des Mars.
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