Kitabı oku: «"Krieg, Seuchen und kein Stück Brot"»

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Ernst Gusenbauer

„Krieg, Seuchen und kein Stück Brot“


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ISBN 978-3-7065-6114-3

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Satz und Umschlag: Studienverlag/Maria Strobl • www.gestro.at

Umschlagbild: Kriegsgefangenenlager Marchtrenk. Archiv der Stadt Wels, Sammlung Kriegsgefangenenlager Marchtrenk

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Inhalt

Prolog

Allgemeine Betrachtungen zu Krieg und Kriegsgefangenschaft

Entwicklungslinien der Weltkriegsforschung

Kriegsbeginn, Lagerbau und Lebenswelten

Gründe für die Standortwahl anhand exemplarischer Beispiele

Die Aktivierung der Lager: Anspruch und Wirklichkeit

Die Kriegsgefangenenlager als Wirtschaftsfaktor

Innenansichten der Lager

Zivilbevölkerung und Lager

Von tanzenden Russen, renitenten Serben und mutigen Soldaten …

Das Seuchenjahr 1915 am Beispiel des Kriegsgefangenenlagers Mauthausen

Das „Seuchenlager Mauthausen“ im Blickpunkt der Öffentlichkeit

Seuchengefahr für die Zivilbevölkerung

Erkrankung und Tod des Linzer Bischofs als mediales Ereignis

Die Ärztekommission aus Wien in Mauthausen

Das „Seuchenlager“ Mauthausen erregt internationales Aufsehen

Vom schwierigen Umgang mit offiziellen Zahlen

Kriegswirtschaft: Hunger, Not und Spekulation

Arbeitseinsatz der Kriegsgefangenen und verbotene Kulturkontakte

Auflösung und Nachwirkungen

Sachdemobilisierungskommission und Treuhandgesellschaften

Epilog

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Personenregister

Prolog

So trivial es auch klingen mag, eine der vornehmlichsten Aufgaben des Historikers besteht darin, Themenbereiche der Vergangenheit zum Gegenstand der geschichtswissenschaftlichen Forschung zu machen. In diesem Zusammenhang muss aber sein Ehrgeiz mehr sein, als die bloße Erinnerung an historische Räume und Begebenheiten wachzuhalten, zählt diese doch „zu den flüchtigsten und unzuverlässigsten“1 menschlichen Fähigkeiten überhaupt. Gefragt sind vielmehr spezifische Fragestellungen, die zu kritischer Reflexion anregen und gleichzeitig Bezugspunkte zur Gegenwart herstellen können.

Das Jahr 2014 war zweifellos ein magisches Datum, wurde doch in einem bislang unbekannten medialen Ausmaß an die 100-jährige Wiederkehr des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges erinnert. Dies geschah gewiss nicht nur in Österreich und Europa, sondern nahezu auf der ganzen Welt. Doch auch danach beschäftigte uns dieses Ereignis, denn im Jahr 2018 rückte der Erste Weltkrieg neuerlich in den Blickpunkt der Betrachtung, zumal nunmehr seines Endes und seiner Folgen gedacht wurde.

Lenkt man indes den Blick von der übergeordneten großen Staatenebene auf einen regional und lokal vertrauten Raum, so wird man sehen, dass bei genauerer Betrachtung auch hier mühelos eindrückliche Spuren aus dieser bewegenden Zeit zu finden sind.

So verbindet man mit dem Namen Mauthausen zunächst das berüchtigte nationalsozialistische Konzentrationslager aus dem Zweiten Weltkrieg. Weniger bekannt ist hingegen die Tatsache, dass dieser alte Donaumarkt während des Ersten Weltkrieges Standort eines großen Kriegsgefangenenlagers war. Vor allem der internationale Lagerfriedhof hält die Erinnerung an ein weit ausgedehntes Barackenlager wach. Das Zentrum der Anlage bildet ein imposantes und weithin sichtbares Denkmal aus weißem Carrara-Marmor. Es wurde 1920 von der italienischen Regierung in Auftrag gegeben, zwei Jahre später von Paolo Boldrini fertiggestellt und in einer feierlichen Zeremonie der österreichischen Regierung übergeben.

Der Verfasser erkundete bereits in Jugendjahren diesen Ort der Erinnerung und Versöhnung. Dadurch wurde das Interesse an der Thematik Kriegsgefangenschaft und Erster Weltkrieg nachhaltig geweckt.

Im Laufe des Studiums führte dieses anhaltende Interesse dazu, sich in Form einer Seminararbeit unter dem Titel „Klein-Serbien an der Heimatfront“ dem Themenkomplex Kriegsgefangenenlager und Zivilbevölkerung anzunähern.

Erste, freilich nur überblicksmäßig getroffene Einsichten in den Lageraufbau, den Lageralltag, aber auch in den Einfluss auf das Leben der Zivilbevölkerung konnten dabei gewonnen werden. Damals reifte der Entschluss heran, eine vertiefende und perspektivisch ausgereifte Studie im Rahmen einer Dissertation zu verfassen.

Als räumlicher bzw. geographischer Schwerpunkt wurde Oberösterreich gewählt. Dies hat zwei handfeste Gründe: Einerseits befand sich hier eine Reihe großer Kriegsgefangenenlager. Diese Tatsache findet in der einschlägigen Forschungsliteratur ihren Niederschlag, wo häufig Querverweise und detaillierte Bezüge zu dieser Region festzustellen sind.2 Andererseits erscheint es durchaus verständlich, dass eine gesamtösterreichische Darstellung unter den gewählten Forschungsaspekten eindeutig den Rahmen der geplanten Arbeit gesprengt hätte.

Die Gewichtung der geographischen Standorte variiert je nach Themenschwerpunkt. Dies erforderte der jeweils verfügbare, mehr oder weniger ausführliche Quellenbestand. Daraus ergab sich zwangsläufig die Notwendigkeit, die Einbeziehung bestimmter Lagerstandorte in erster Linie von einer ausreichenden Quellenlage abhängig zu machen.

In der vorliegenden Studie geht es keineswegs um eine „Erzählung“ des Lagerlebens und seiner Eigentümlichkeiten. Diesen narrativen Weg haben vorrangig jene Publikationen beschritten, die seit den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts in Österreich dazu erschienen sind.3

Vielmehr stehen jene Aspekte im Zentrum, die den Alltag in den Lagern und der sie umgebenden Zivilbevölkerung entscheidend zu prägen und verändern vermochten. Der Perspektivenwechsel zwischen der Innensicht, hier aus dem Blickwinkel der Kriegsgefangenenlager und ihrer Akteure, sowie der Außensicht, den Auswirkungen auf die Zivilbevölkerung, gilt hierbei als entscheidende Komponente. Somit kann mit einiger Berechtigung durchaus von einem neuen Forschungsansatz gesprochen werden und dafür wurden fünf zentrale Begriffe, sogenannte Elementarereignisse, herangezogen: Kriegsausbruch und Lagerbau – Kulturaustausch oder besser Kulturkontakt – Seuchen – Hunger – Demobilisierung.

Überdies wurde ein übergreifender Forschungsaspekt miteinbezogen. Den Schwerpunkt bildet dabei die veröffentlichte Meinung. Aufgrund der vorhandenen Quellen umfasst sie praktisch das gesamte Spektrum der Zeitungen, die damals in Oberösterreich veröffentlicht wurden.4

Allerdings wurden in der vorliegenden Fassung vor allem die Einleitungsthemen erheblich gestrafft. Verzichtet wurde auf die im Original ausführlich dargestellten Themenbereiche der österreichischen Verwaltungsstruktur, des Systems der Kriegswirtschaft, der Haager Landkriegsordnung sowie des österreichisch-ungarischen Kriegsgefangenenwesens. Jedoch werden diese an sich wichtigen Themenbereiche später so eingebaut, dass sie als begleitende Information zum allgemeinen Verständnis der jeweiligen Kapitel beitragen können.

Den Schwerpunkt bildet die facettenreiche Darstellung des Verhältnisses von Zivilbevölkerung und Kriegsgefangenenlager. Dabei wird dem Seuchenjahr 1915 naturgemäß breiter Raum gewidmet. Hier werden wie in den anderen Themenbereichen aus der Fülle der Fallbeispiele des Originals nur eindrückliche herangezogen. Die Studie reklamiert keineswegs in einem Anflug von Vermessenheit große epochale Erkenntnisse beizubringen. Was sie jedoch beabsichtigt, ist, eine möglichst genaue Studie über die Auswirkungen der Errichtung von Kriegsgefangenenlagern auf oberösterreichischem Boden zu liefern. Doch wird auch der Blick auf die Nachwirkungen geschärft, welche zweifellos bis in die Anfangsjahre der Ersten Republik reichten.

Zuletzt sind noch einige methodische Anmerkungen zu Quellenkorpus und Verfahrensweisen angebracht.

Die im nachfolgenden Literaturverzeichnis angeführten Quellen stammen einerseits aus amtlichen Beständen (K. u. K. Kriegsministerium, K. K. Innenministerium, K. K. Statthalterei) bis zur kleinsten Verwaltungseinheit, der kommunalen Ebene.

Andererseits stammt der zweite Teil aus den Beständen der damals in Oberösterreich erscheinenden Tages- und Wochenzeitungen. Dabei wurde besonders Wert darauf gelegt, die verfügbare Publikation möglichst lückenlos heranzuziehen.

Nun sind die zuvor erwähnten Quellentypen in gewissem Sinne als durchaus hybrid zu bezeichnen.5 Folglich würde jeder Typus nur für sich genommen einer kritischen Bewertung und schlüssigen Interpretation keineswegs genügen. Erst die Verschränkung beider Seiten des verfügbaren Quellenkorpus ermöglicht eine aussagekräftige interpretative Erschließung.

Während der amtliche Schriftverkehr der Bevölkerung praktisch verborgen blieb, konnten in Zeitungsberichten, trotz der allgegenwärtigen Zensur, durchaus Stimmungen in der einen oder anderen Richtung erzeugt werden. Es ist dabei überraschend, wie offen zu manchen Missständen Stellung genommen wurde, die freilich in den internen Berichten der verschiedenen Behörden noch weit dramatischer klangen.

Das vorliegende Buch ist eine kompakte und an ein breites, interessiertes Publikum gerichtete Version. Es basiert auf der gleichnamigen Dissertation, die im Jahre 2012 an der FernUniversität in Hagen, Fakultät für Kultur- und Sozialwissenschaften – Historisches Institut, eingereicht und von Prof. Wolfgang Kruse bzw. Prof. Peter Brandt mit der Beurteilung „CUM LAUDE“ angenommen wurde.

Ernst Gusenbauer – Ried, Herbst 2020

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1 Vgl. Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit (München 2006) 24.

2 Vgl. Moritz, Verena: Zwischen Nutzen und Bedrohung (Bonn 2005); Procacci, Giovanna: Fahnenflüchtige jenseits der Alpen. In: Oltmer, Jochen (Hg.): Kriegsgefangenschaft im 1. Weltkrieg (Paderborn/München/Wien/Zürich 2006); Überegger, Oswald (Hg.): Zwischen Nation und Region (Innsbruck 2004); siehe auch Procacci, Giovanna: Soldati e prigionieri italiani nella Grande guerra (Torino 2000); Kramer, Alan: Dynamic of Destruction. Culture and Mass Killing in the First World War (Oxford 2008).

3 Vgl. Hansak, Peter: Das Kriegsgefangenenwesen in der Steiermark während des 1. Weltkrieges (Diss. Univ. Graz 1991); Haller, Oswald: Das Internierungslager Katzenau bei Linz im 1. Weltkrieg (Dipl.-Arb. Univ. Wien 1999); Koch, Robert: Das Kriegsgefangenenlager Sigmundsherberg 1915–1918. Im Hinterhof des Krieges (Diss. Univ. Wien 1980); Rappersberger, Petra: Das Kriegsgefangenenlager in Freistadt 1914–1918 (Dipl.-Arb. Univ. Wien 1988).

4 Dies gilt vor allem für den Zeitschriftenbestand des OÖLA und der Ö.O. Landesbibliothek (Mikrofiches, Filmrollen, Druckexemplare, bereits digitalisierte Bestände).

5 Vgl. Moritz, Verena: Zwischen Nutzen und Bedrohung (Bonn 2005) 48.

Allgemeine Betrachtungen zu Krieg und Kriegsgefangenschaft

Die von dem berühmten deutschen Kriegstheoretiker Carl von Clausewitz angesprochene Dreifaltigkeit des Krieges besagt, dass der Krieg ein Akt der Gewalt ist, dass der Krieg stets in einen Zweikampf zwischen zwei oder mehreren Gegnern mündet mit dem klaren Ziel, Gegner wehrlos zu machen, und dass der Krieg seiner Natur nach immer auch ein politisches Werkzeug darstellt.6

Doch noch in anderer Weise nähert sich Clausewitz dem Kriegsphänomen, indem er eine Unterscheidung zwischen wirklichem und absolutem Krieg vollzieht.

Der absolute Krieg wird um seiner selbst willen geführt und legt es dabei auf die Zermürbung der Soldaten an. Hier dominieren unbedingter Gehorsam, unerschütterlicher Mut und Selbstaufopferung sowie unbedingtes Ehrgefühl.

Allein daneben existiert der wirkliche Krieg, mit Mäßigung zwischen Zweck und Mittel, der zugleich die Kehrseite der hehren Kriegstugenden offenbart, wie Geschäftemacherei, Furcht, Flucht, Feigheit und Desertion.7

Auch im Ersten Weltkrieg mochten sich absoluter und wirklicher Krieg miteinander wie ehedem verschränken.

Völlig unbestritten im Forschungsdiskurs ist jedoch die Erkenntnis, dass es sich hier um eine ganz neue Dimension in der Weltkriegsgeschichte handelte. Dieser Krieg galt bereits unter den unmittelbar Mitlebenden als etwas Neuartiges, Ungeheuerliches und Ausgreifendes.8

Der Erste Weltkrieg war nach Herfried Münkler nicht nur eine Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, hier den US-Diplomaten George F. Kennan zitierend, sondern konnte auch als Laboratorium gesehen werden, in dem fast alles entwickelt wurde, was in den Konflikten der späteren Zeit eine gewichtige Rolle spielen sollte.9

Der Erste Weltkrieg wurde überdies mit einem nie da gewesenen Einsatz von personellen und materiellen Ressourcen ausgefochten. Der berühmte Soziologe Max Weber prägte dabei die Bezeichnung vom Maschinenkrieg.10

Das führte einerseits bereits in kürzester Zeit zu einem enormen Blutzoll unter den Soldaten und zu einer massenhaften Zahl von Kriegsgefangenen, die die Logistik der kriegführenden Staaten zu überfordern drohte. Der forcierte Einsatz neuartiger Technologien ermöglichte es, einen Krieg auf Distanz zu führen. Ernst Piper vermeint darin ein Kennzeichen des modernen Kriegs zu finden, nämlich einen rapiden Entpersönlichungsprozess, der beispielsweise sowohl das Sterben im Feld wie auch die Gefangenschaft im fremden Hinterland in ein sachlich-rationales Licht zu rücken vermag.11

Dass trotz des hohen Blutzolls die Soldaten aller kriegführenden Staaten in ihrer überwältigenden Mehrheit dennoch weiterkämpften, mag damit zu tun haben, dass sie gar keine andere Möglichkeit besaßen, außer der Option, die Waffen zu strecken. Sich zu ergeben und dadurch in Kriegsgefangenschaft zu geraten, war ein durchaus gefährliches Unterfangen.

Soldaten wurden auf beiden Seiten oftmals getötet, nicht nur, wenn sie zu kapitulieren versuchten, sondern auch, nachdem sie die Waffen niedergelegt hatten. Der britische Historiker Niall Ferguson spricht in diesem Zusammenhang von den versteckten Gräueltaten des Ersten Weltkriegs.12

Eine viel häufigere Variante war jedoch nicht die selbst gewählte Kapitulation, sondern jene, die durch Kriegshandlungen des Gegners unausweichlich wurde.

Für die Nehmerseite wurden Kriegsgefangene mit der zunehmenden Dauer des Krieges und der damit verbundenen Lebensmittelknappheit zu einer immer größeren Belastung, und dies galt besonders für die Mittelmächte, die schwer unter der alliierten Blockade litten.

Kriegsgefangene waren als Ersatz für die fehlenden Arbeitskräfte im Hinterland willkommen. Die Haager Landkriegsordnung hatte dies ja bekanntlich durchaus unterstützt, denn neben der Verpflichtung, die Kriegsgefangenen mit Menschlichkeit zu behandeln, galt ein allfälliger Arbeitseinsatz als erlaubt, freilich mit der Einschränkung, dass sie im Hinterland keine Aufgaben erhalten durften, die zu militärischen Operationen genutzt werden konnten.13 Diese Grundprämisse wurde jedoch von den meisten kriegführenden Staaten wohlweislich umgangen bzw. negiert.

In der von der „Bundesvereinigung der ehemaligen österreichischen Kriegsgefangenen“ 1931 herausgegebenen Publikation „In Feindeshand“ umriss Hans Weiland ein Defizit der österreichischen Weltkriegshistoriographie, das von Anfang an bestand:

„Alle setzen sich mit dem Krieg auseinander, mit Front und Etappe, Graben und Lazarett, mit politischen, wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen, auf denen unser Leben ruht. […] Nur eine Begleiterscheinung des Weltkrieges blieb schon im Krieg und auch nach dem Kriege zurückgedrängt, fast übersehen, die Kriegsgefangenschaft, das Schicksal der ausgeschalteten Krieger, der lebend Toten.“14

Wenn aber dieses höchst aufschlussreiche Segment eben nicht ausgespart bleibt, sondern nach alltags- und mentalitätsgeschichtlichen Gesichtspunkten beleuchtet wird, eröffnen sich interessante Einblicke, die zwangsläufig zu neuen Fragestellungen führen müssen. Was erwartete den Kriegsgefangenen nach seiner Einbringung? Wie bewältigten die Betroffenen selbst diese neue Erfahrung?

Psychisch belastend war ihre Situation allemal: Wurden sie zuvor noch als patriotische Helden gefeiert, so wurden sie nach der Gefangennahme nicht selten ihren Gegnern als gedemütigte Kriegs- und Siegesbeute vorgeführt. Der Kriegsgefangene schied aus der kämpfenden Truppe aus und war jetzt zumindest in militärischer Hinsicht unbedeutend geworden. Diese Veränderung der Lebenssituation wog gewiss schwer, denn mit dem Eintritt in das Kriegsgefangenenlager schloss sich scheinbar das Tor zur Außenwelt. Die Gefahr, vergessen zu werden, war nun durchaus zu einer sehr realen Bedrohung geworden. Wie die Briefe italienischer Kriegsgefangener aus oberösterreichischen Lagern, vornehmlich Mauthausen, bezeugen, war es vor allem die Sehnsucht nach den nächsten Angehörigen, verbunden mit der Furcht, sie nie mehr wiederzusehen. Dieses unbändige Gefühl verleitete nicht wenige Kriegsgefangene dazu, erfolglose Fluchtversuche zu unternehmen. Jene aber, denen dazu der Mut fehlte, verfielen in tiefe Resignation.

Ein Bericht des kriegsgefangenen Lehrers Adolf Braun aus Odessa, konfiniert im Lager Marchtrenk, macht noch ein weiteres Verhalten sichtbar. Die Kriegsgefangenen, die häufig mit den schrecklichsten Erlebnissen von der Front ins Hinterland transferiert wurden, zogen sich auf sich selbst zurück und mieden zunächst jeden Außenkontakt. Erst allmählich wuchs die Bereitschaft, sich zu öffnen und am Lagerleben teilzuhaben. Konstant blieb freilich die Sehnsucht nach der Heimat.

Dann gab es Fälle, bei denen die langandauernde Kriegsgefangenschaft nicht nur zu Trübsinn und Depression führte, sondern auch direkt in den Freitod mündete.15 In diesem Zusammenhang tauchte bereits kurz nach Kriegsende der Begriff der „Stacheldrahtkrankheit“ auf.16

Für die Wachmannschaften führte die Belastung eines jahrelangen Dienstes vor Ort anscheinend zu ähnlichen Begleiterscheinungen.

Im September 1918 erregte ein Wachsoldat aus dem Lager Kleinmünchen erhebliches Aufsehen, als er am damaligen Linzer Kaiser-Franz-Josefs-Platz, dem heutigen Hauptplatz, Passanten mit angeschlagenem Gewehr bedrohte. Bei seiner Vernehmung gab er an, dass er den aufreibenden Dienst im Lager nicht mehr ertragen könne, worauf er einer ärztlichen Kommission vorgeführt wurde.17

Für die Gemeinden und ihre Bevölkerung, die als Lagerstandorte ausgewählt wurden, wirkte die Nachricht zunächst wie ein Schock. In Freistadt beispielsweise war anfänglich schon von einer panikartigen Stimmung unter der Bevölkerung die Rede, man befürchtete den Ausbruch der Gefangenen, Plünderungen, Mord sowie lebensbedrohliche Seuchen und eine Lebensmittelnot.18

Überdies wurde die massenhafte Requirierung von Einrichtungsgegenständen für die anfänglich schlecht ausgestatteten und hastig errichteten Lagerkommanden samt Verwaltungsstäben von der Bevölkerung als große Belastung empfunden.

Als die Stadtgemeinde Braunau im Sommer 1915 durch das K. u. K. Kriegsministerium vom geplanten Lagerbau erfuhr, lehnte man dies zunächst aus wirtschaftlichen Gründen einhellig ab. Man befürchtete eine Verknappung der Nahrungsmittelressourcen. Als wahrer Grund der Ablehnung kristallisierte sich jedoch rasch die Furcht vor einem Ausbruch von Seuchen heraus, und dies war in der Landeshauptstadt Linz nicht anders.

Das Gegenstück dazu bildete jedoch ein neugieriges und staunendes Publikum, das an Sonntagen in Richtung der Lager ausschwärmte, um, wie es in einem damaligen Zeitungsbericht hieß, „[…] irgendwelche Geheimnisse dieser verbotenen Stadt […]“19 zu erspähen. Dies erregte das Misstrauen der Behörden, die sofort die polizeiliche Absperrung des Geländes verfügten.

Bald aber war vor allem für die umliegende Geschäftswelt klar, dass sich mit der Etablierung der Lager durchaus lukrative Perspektiven eröffneten, und man war profitablen Geschäften gegenüber nicht mehr länger abgeneigt. Viele Handwerksbetriebe betätigten sich als Zulieferer beim Lagerbau oder stellten direkt Arbeitskräfte zur Verfügung und diese wiederum kamen nicht selten aus weiter entfernten Gegenden.20 Viele Gemischtwarenhändler eröffneten innerhalb des Lagerbereiches Kantinenbetriebe bzw. Marketendereien. In Freistadt verbuchten Gaststätten, private und städtische Quartiergeber vor allem in der Anfangs-, aber auch noch in der Ausbauphase des Lagers zeitweise erhebliche Einnahmen aus der Beherbergung der Bewachungsmannschaften des Kriegsgefangenenlagers. In Braunau erwies sich ein Buchhändler, im Wissen um die Tatsache, dass im gesamten Bezirk eine große Anzahl russischer Kriegsgefangener in der Landwirtschaft eingesetzt war, als sehr geschäftstüchtig. Dank reger Nachfrage erbrachte ein russischer Sprachführer reichlich Gewinn. Die Publikation wurde als ein einfacher „Dolmetscher für den deutschen Landwirt im Verkehr mit seinen russischen Arbeitern“ kostengünstig angeboten und fand tatsächlich regen Absatz.21 Auch veranschaulicht das Beispiel von Marchtrenk, dass die Apotheken rund um den Lagerstandort aus der Seuchenangst Gewinn zu schlagen erhofften.

Bei der nach Kriegsleistungsgesetz vorgenommenen Einverleibung von Grundstücken für die Lagerbauten bemühte sich die Militärverwaltung nach Kräften, den Pachtpreis gehörig zu drücken und daher viele der Liegenschaften als minderwertig zu klassifizieren. Der betroffenen Zivilbevölkerung blieb aufgrund der asymmetrischen Machtverhältnisse auch gar nichts anderes übrig, als dies mehr oder weniger zähneknirschend zur Kenntnis zu nehmen.


Abb. 1 und 2: Seit 1912 waren alle gesetzlichen Maßnahmen für den Kriegsfall vorbereitet.

Die im Rahmen der Grundstücksablösen im Jahre 1914 und 1915 großzügig versprochene vollständige Wiederherstellung des alten Zustandes wurde bei Kriegsende jedoch nicht eingehalten. Der Krieg war verloren und das Kaiserreich zerfallen. Es blieb mangels Personals den Eigentümern vorbehalten, die Flächen zu rekultivieren, was in erstaunlich kurzer Zeit gelang.

Für den Bürgermeister von Freistadt, Theodor Scharitzer, war dieser Krieg nicht nur wegen der Massen von Kriegsgefangenen ein ganz neues Phänomen. Die neue Situation erforderte nämlich von der Bevölkerung in militärischer, aber auch finanzieller Hinsicht die höchste Kraftentfaltung, welche „… in früheren Kriegen nie in so hohem Maße verlangt wurde […] Niemand hätte geahnt, daß es möglich ist, Millionen von Kämpfern gegenüber zu stellen und Millionen von Werten aufzubringen“. Es sei aber, so sein Wunsch, nunmehr kommenden Generationen von Fachleuten vorbehalten, dieses einmalige Völkerringen zu bewerten.

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6 Vgl. Clausewitz, Carl von: Vom Kriege (Hamburg4 2012) 49.

7 Vgl. Keegan, John: Der Erste Weltkrieg. Eine europäische Tragödie (Reinbek bei Hamburg 2006) 21.

8 Vgl. Leonhard, Jörn: Die Büchse der Pandora (München 2014) 10–14.

9 Vgl. Münkler, Herfried: Der Große Krieg (Berlin 2013) 9–11.

10 Vgl. Leonhard, Jörn: Die Büchse der Pandora (München 2014) 146.

11 Vgl. Piper, Ernst: Nacht über Europa (Berlin 2013) 474–475.

12 Vgl. Ferguson, Niall: Der falsche Krieg. Der Erste Weltkrieg und das 20. Jahrhundert (München 2006) 334.

13 Vgl. Laun, Rudolf: Die Haager Landkriegsordnung. Das Übereinkommen über die Gesetze und Gebräuche des Landkriegs (Hannover 1947) 151.

14 Weiland, Hans – Kern, Leopold: In Feindeshand. Die Gefangenschaft im Weltkriege in Einzeldarstellungen (Wien 1931) 9.

15 Vgl. Tagblatt 15.6.1917, 5.

16 Vgl. Vischer, A. L: Die Stacheldrahtkrankeit. Beitrag zur Psychologie der Kriegsgefangenen (Zürich 1918): http://www.tsingtau.info/index.html?lager/stacheldraht.htm [abgerufen am 5.4.2014].

17 Vgl. Linzer Volksblatt 20.9.1918, 5.

18 Vgl. Fellner, Fritz – Himmetsberger, Peter: In Freistadt ansässig. Eine Stadtgeschichte (Weitra/Linz 1991) 51–55.

19 Vgl. Tagespost 21.7.1915, 3.

20 Vgl. Fellner, Fritz: Die Stadt in der Stadt. Das Kriegsgefangenenlager in Freistadt 1914–1918. In: Oberösterreichische Heimatblätter 1 (1989) 3–9. Die Bauarbeiter für das Lager Freistadt kamen aus Böhmen und auch das Bauholz holte man aus dem Böhmerwald.

21 Vgl. Neue Warte am Inn 30.6.1917, 10. Der Kaufpreis für „Rosts russischen Sprachführer“ war durchaus moderat und betrug 1 Krone und 17 Heller.

Entwicklungslinien der Weltkriegsforschung

Die Geschichtsschreibung zum Ersten Weltkrieg setzte bereits unmittelbar nach Kriegsausbruch ein. In Österreich-Ungarn begann die Beschäftigung damit nach der Kriegserklärung an Serbien. Das Wiener Kriegsarchiv hegte dabei die Absicht, eine militärisch gelenkte, populäre Darstellung der Geschichte des Krieges zu publizieren. So wurde folgerichtig eine literarische Gruppe installiert. Hier waren neben Offizieren vor allem bekannte Literaten als aktive Propagandisten tätig.

In den 1917 publizierten „Richtlinien für die Geschichtsschreibung“ galt als vorrangige Zielvorgabe die Aufarbeitung der Heldengeschichte unmittelbar nach Ende des Krieges. Das ganze Projekt scheiterte schließlich an den Differenzen innerhalb der Armeeführung.22

In Deutschland wiederum rückten in der Zwischenkriegszeit zwei thematische Schwerpunkte in den Vordergrund, nämlich die Aufarbeitung der Vorgeschichte zum Ersten Weltkrieg und schließlich die alles dominierende Kriegsschuldfrage. In erster Linie ging es dabei um die Widerlegung der durch den Versailler Vertrag festgelegten deutschen Kriegsschuld. Vor allem deutschnationale rechtsgerichtete Kreise postulierten in diesem Zusammenhang eine tendenziöse Sichtweise, so entstand der Topos von der Unbesiegtheit der Armee im Felde, die durch einen „Dolchstoß“ in der Heimat um die Früchte des Sieges gebracht worden war.

Mitte der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts bemühten sich zwei amerikanische Historiker, nämlich Sidney Fay und Elmar Barnes, um einen Ausgleich der Positionen.23

Fritz Fischer, ein Hamburger Historiker, entfachte mit seiner Veröffentlichung „Griff nach der Weltmacht“ (1961) den ersten Historikerstreit der deutschen Nachkriegsgeschichte.

Seine Kernthese machte den expansionistischen Drang der deutschen Reichsführung für den Ausbruch des Ersten Weltkriegs und seine Folgen verantwortlich. Daneben gab es aber nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern eine intensive Beschäftigung mit dem Ersten Weltkrieg. Seit den 1970er Jahren wurde die Zeit zwischen 1914 und 1918 vor allem aus dem Blickwinkel großer sozialer und wirtschaftlicher Zusammenhänge betrachtet.

Wichtige Beiträge auf diesem Gebiet stammen von zwei Historikern aus den USA und Deutschland. Gerald D. Feldman publizierte „Army, Industry and Labor in Germany 1914–1918“ (1966) und der Bielefelder Historiker Jürgen Kocka verfasste eine Studie über die deutsche „Klassengesellschaft im Krieg“, die erstmals 1973 veröffentlicht wurde.

Die Hinwendung zu Mentalitäten und Alltagserfahrungen seit Mitte der 80er Jahre des 20. Jahrhunderts erfasste weite Teile der Geschichtswissenschaft und ging mit der Suche nach neuen Quellen einher. Dazu rückten Tagebücher, private Korrespondenzen, Frontzeitungen und Ansichtskarten in den Fokus der Betrachtungen.

Dieser sogenannte Paradigmenwechsel hatte mehrere Gründe. Vor allem in den angelsächsischen Ländern beschäftigte man sich schon sehr lange mit der Alltagsgeschichte des Krieges, hier im Besonderen jener der einfachen Soldaten. Außerdem gewann die französische Historikerschule der „Annales“ einen immer größeren Einfluss. Sie wandte sich der Analyse sozioökonomischer Strukturen und Prozesse zu und hat dabei bislang kaum berücksichtigte Bevölkerungsgruppen intensiver untersucht. Das führte zum Studium von Kultur- und Gefühlswelten. Die klassische Militärhistoriographie, auch Offiziersgeschichtsschreibung genannt, mit ihrem vorrangigen Metier der Waffentechnik, Schlachten und Feldzüge, Taktik und Strategie wurde obsolet, denn eine jüngere zivile Forschergeneration drängte immer vehementer in Richtung Alltags- und Mentalitätsgeschichte.24

Der Erfahrungs- und Kulturgeschichte unter dem Gesichtspunkt der Massenstimmung und Kriegspropaganda in Deutschland widmet sich auch eine 1997 von Wolfgang Kruse herausgegebene Publikation.25

In Großbritannien wurden die Jahre 1998 und 2004 zu Gedenktagen mit kritischen Reflexionen genützt. Aber auch in Frankreich und Deutschland gab es zahlreiche Veranstaltungen und Ausstellungen zu diesem Thema. Bücher, Zeitschriften, Radio- und Fernsehsendungen erlagen der Faszination runder Zahlen und widmeten dem Großereignis und Wendepunkt breiten Raum.26

Seit Beginn des 21. Jahrhunderts gewinnt die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg, italienisch „La Grande Guerra“, französisch „La Grande Guerre“ oder englisch als „The Great War“27 bezeichnet, neuerlich an Attraktivität und hat dabei eine spürbare Neuorientierung erfahren. Geht es einerseits um die Problematisierung bislang erfolgter Datierungsversuche, so ist man andererseits skeptisch gegenüber den „großen Erzählungen“ und fühlt sich einer Multiperspektivität und einem Methodenpluralismus verpflichtet. Gleichzeitig erscheinen die Voraussetzungen für vergleichende Studien so gut wie nie.28

Die Weltkriegsforschung in Italien, einem der mit Österreich-Ungarn Krieg führenden Länder, blieb dem Topos vom gerechten Krieg bis zur Mitte der 1960er Jahre verbunden.29

Ab dann finden sich Indizien für einen Paradigmenwechsel hin zur Untersuchung der Geschichte von unten. Es waren vor allem die Forschungsarbeiten von Giovanna Procacci, die neue Horizonte eröffneten. Ihre im Jahre 1994 erstmals veröffentlichte Studie widmete sich kritisch dem Verhältnis der italienischen Regierung zu ihren Kriegsgefangenen im Feindesland.30 Die Kriegsgefangenenlager waren nach Procacci das Produkt der modernen Industriegesellschaft.31

Mauthausen in Oberösterreich fungierte aus ihrer Sicht als Pandämonium der österreichisch-ungarischen Lager. Durch die miserablen Bedingungen sei die Sterblichkeitsrate ungewöhnlich hoch gewesen. Zur Untermauerung dieser Hypothese stützt sich Procacci auf Augenzeugenberichte aus oberösterreichischen Lagern, die die Briefzensur offensichtlich passieren ließ:

„[…] In Mauthausen sahen unsere Offiziere häufig die gefangenen Soldaten, die aus ihrer Gruppe jeden Morgen in eine Abteilung kamen, um Abfälle zu sammeln, wir sahen sie, wie sie sich in die Abwasserkanäle und in die Abfallbehälter warfen, um Heringsköpfe und -gräten sowie Kartoffelreste und jede Art roher, verdorbener und fauler Waren zusammenzukratzen […]“.32

Diese Missstände hätten schließlich zu einer moralischen Depression geführt. Dazu kam noch die desillusionierende Wirkung des Wissens um die ablehnende Haltung im eigenen Land.

Aber, so Procacci weiter:

„[…] Der Hass gegen das eigene Land […] schwächte bei vielen kriegsgefangenen Soldaten den Hass auf den Feind ab, dem weder eine besonders strenge Disziplin noch die Schuld für materielle Mängel zur Last gelegt werden konnte […]“.33

Die italienische Regierung lehnte nämlich staatlich finanzierte Hilfsgüterlieferungen an die Kriegsgefangenen in Österreich-Ungarn und Deutschland rundweg ab. Sie wurden abschätzig als Vaterlandsverräter oder als „Fahnenflüchtige jenseits der Alpen“ tituliert.34

Luca Gorgolini hat jüngst mit der Publikation „Kriegsgefangenschaft auf Asinara“ aufhorchen lassen.35

Ausgehend von den Forschungsarbeiten Giovanna Procaccis untersucht der Autor nunmehr die Bedingungen, denen österreichisch-ungarische Soldaten am Beispiel des sardischen Insellagers Asinara ausgesetzt waren. Er kommt zum Ergebnis, dass Hunger und Seuchen trotz mannigfaltiger Bemühungen aufgrund der gewaltigen und unvorhergesehenen Dynamik dieses Krieges nicht zu vermeiden waren.

Und welche Entwicklungslinien lassen sich für die österreichische Weltkriegsforschung verorten?

In den letzten zehn Jahren gab es, initiiert vom Institut für österreichische Geschichte an der Universität Innsbruck, eine erfolgreiche transnationale und interregionale wissenschaftliche Zusammenarbeit zwischen österreichischen, deutschen und italienischen Historikern zur Thematik des Ersten Weltkriegs. Dies ist ein deutlicher Beleg dafür, dass die vielfach als Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts bezeichnete kriegerische Epoche gerade die heutige jüngere Historikergeneration in ihren Bann zu ziehen vermag.36

In der historischen Aufarbeitung des Ersten Weltkrieges in Österreich standen lange Zeit militärische Aspekte im Vordergrund. Diese einseitige Ausrichtung auf die militärische Sichtweise erzeugte aber ein Bild vom Krieg als einem „eigenständigen und losgelösten Raum“37, der anscheinend keinerlei Auswirkungen auf das zivile Leben hatte.

In der Ersten Republik besaß das Militär die alleinige historische Verfügungsgewalt, verbunden mit einer restriktiven Archivsperre. Nur einem kleinen Kreis nicht-militärischer Historiker wurde der Zugang zu den Archivbeständen erlaubt. Sie trachteten naturgemäß danach, den Kriegsschuldvorwurf zu entkräften. In dieser Zeit dominierte die sogenannte Offiziersgeschichtsschreibung. Sie galt als die einzig gültige Form der Weltkriegsaufarbeitung.

Klarerweise wurden sozioökonomische Aspekte dabei ausgeklammert.38

Die Vorbedingungen für eine Neugestaltung der Weltkriegsgeschichte waren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs alles andere als optimal. Der Universitätsbetrieb lag darnieder und ein großer Teil der Archivbestände des ehemaligen Kriegsarchivs war ausgelagert worden.

1945 fand wie 1918 eine Demilitarisierung des Kriegsarchives statt. Es wurde nämlich in die zivile Verwaltung eingegliedert.

Zugleich gründete man die Generaldirektion des österreichischen Staatsarchivs. Damit zog allmählich ein neuer Zeitgeist ein.39

Die zuvor schon erwähnte personelle Zivilisierung nach 1945 hatte den Anteil der nichtmilitärischen und professionellen Historiker sukzessive in die Höhe schnellen lassen. Seit 1945 entwickelte sich das Kriegsarchiv ebenso schrittweise vom erstrangig militärisch dominierten Forschungsinstitut zu einem Service- und Dienstleistungscenter für alle historischen Forschungsbereiche. Es muss dabei freilich auch festgehalten werden, dass sich dadurch aber zunächst keine neuen und bemerkenswerten Entwicklungen im Forschungsbereich auftaten.

Dieser unbefriedigende Zustand änderte sich erst im Jahre 1956. Mit diesem Datum erfolgte die Freigabe der Aktenbestände bis 1918. Dies stellte sich rasch als durchaus impulsgebender Faktor dar. 1957 wurde dann die „Militärwissenschaftliche Abteilung“ beim Bundesministerium für Landesverteidigung installiert. In den folgenden Jahren wurde der moderne Begriff der Militärgeschichte von den universitär gebildeten Historikern in zunehmendem Maß verwendet.40

Das Thema „Kriegsgefangene bzw. Kriegsgefangenenlager in Österreich-Ungarn während des Ersten Weltkrieges“ war lange Zeit ein Stiefkind der historischen Forschungsdisziplin.

Während der Zwischenkriegszeit fand eine Auseinandersetzung mit der Thematik nur in sehr eingeschränktem Ausmaß statt. Memoiren und Erinnerungsliteratur tauchten in Buchform erst in den späten 1920er Jahren auf. Die 1921 gegründete Bundesvereinigung ehemaliger österreichischer Kriegsgefangener gab 1931 die zweibändige Publikation „In Feindeshand“ heraus. Darin wurden persönliche Erlebnisschilderungen in Einzeldarstellungen, so der vollständige Buchtitel, von österreichischen Kriegsgefangenen in verschiedenen Feindstaaten gesammelt und einem breiteren Publikum präsentiert. Gleichzeitig bildete diese Memoirenliteratur die Grundlage eines Klischeebildes, das sich auch nach 1945 geraume Zeit hartnäckig zu halten vermochte, nämlich jenes von der besseren Kriegsgefangenschaft in Österreich-Ungarn als in irgendeinem anderen Land. Als Leitwörter dominierten: „[…] notorische Gewissenhaftigkeit, korrektes Verhalten und peinliche Ordnung“.41

Dies änderte sich erst nachhaltig, nachdem in den späteren 1960er Jahren an der Universität Wien der erste Lehrstuhl für Zeitgeschichte gegründet wurde. Der Erste Weltkrieg erhielt jetzt Eingang in die universitäre Forschung, ohne allerdings bezüglich Kriegsgefangenen bzw. Kriegsgefangenschaft nennenswerte Ergebnisse zu liefern.

Aus dem Jahre 1981 datiert dann eine Dissertation von Rudolf Koch über das Kriegsgefangenenlager Sigmundsherberg in Niederösterreich, Titel: „Im Hinterhof des Krieges“.42 1988 verfasste Petra Rappersberger eine Magisterarbeit, in der das Kriegsgefangenenlager im oberösterreichischen Freistadt im Mittelpunkt des Forschungsinteresses steht. Peter Hansak übernahm 1991 die doch relativ umfangreiche Aufgabe im Rahmen seiner Dissertation, die steirischen Kriegsgefangenenlager während des Ersten Weltkrieges zu untersuchen.43 1999 verfasste Oswald Haller eine Magisterarbeit über das Lager Katzenau bei Linz, in dem zwischen 1914 und 1918 Zivilinternierte aus dem Trentino in Südtirol festgehalten bzw. konfiniert waren.

All diesen wissenschaftlichen Publikationen ist allerdings gemeinsam, dass sie erstrangig organisatorische und bauliche Bedingungen der Lagerwirklichkeit ins Blickfeld rücken, wenngleich sich Koch und Hansak bemühen, den Lageralltag und die Bedeutung der Standorte für die Zivilbevölkerung ansatzweise zu thematisieren. In dieser Hinsicht wesentlich ergiebiger für die einschlägige Forschungscommunity ist freilich die 2005 veröffentlichte Studie von Verena Moritz „Zwischen Nutzen und Bedrohung“, in der die Autorin eine detaillierte und kritische Darstellung der Lebensbedingungen der russischen Kriegsgefangenen in Österreich-Ungarn gibt.44

Julia Walleczek setzt sich in ihrer Dissertation „Hinter Stacheldraht“ aus dem Jahre 2012 kritisch mit dem „Mythos von der besseren Gefangenschaft“ in österreichisch-ungarischen Kriegsgefangenenlagern auseinander.

Eine ganz andere Facette zeigen Veröffentlichungen von geschichtsbegeisterten lokalen und regionalen Arbeitskreisen, sogenannten Heimatforschern. Zwischen 1989 und 1997 erschienen: Fritz Fellner: „Die Stadt in der Stadt – Das Kriegsgefangenenlager Freistadt“45 und Franz Wiesenhofers „Gefangen unter Habsburgs Krone“46. Während im ersten Fall nur eine überblicksmäßige Darstellung erfolgt, basiert die zweite Publikation auf einer fundierten Auswertung der Quellendokumente bezüglich der Lager im niederösterreichischen Erlauftal. 2013 hat der Museumsverein Marchtrenk eine eindrückliche Publikation über das Kriegsgefangenenlager Marchtrenk herausgebracht. Auch für das ehemalige Kriegsgefangenenlager Aschach wurde im gleichen Zeitraum unter dem Titel „Bilder einer vergessenen Stadt“ in ähnlicher Weise ein Erinnerungsbuch veröffentlicht.

Schließlich sei noch eine kleine Publikation von Christian Engertsberger und Georg Sayer, im Frühjahr 2015 herausgegeben, „… es ist ein Kriegsgefangenenlager zu errichten“, erwähnt. Sie gibt Einblicke in den Lageraufbau, den Lageralltag und das Verhältnis zur Zivilbevölkerung des Kriegsgefangenenlagers Kleinmünchen bei Linz.

In dieser speziellen Form der historischen Auseinandersetzung dominiert ein Grundgefühl, das sich am besten mit den Schlagwörtern „Spurensuche in eine vergangene Zeit“ oder „Endlich dem Vergessen entrissen“ charakterisieren lässt.

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22 Vgl. Überegger, Oswald (Hg.): Zwischen Nation und Region. Weltkriegsforschung im internationalen Vergleich (Innsbruck 2004) 63–73.

23 Vgl. Berghahn, Volker: Der Erste Weltkrieg (München 2009) 18–21.

24 Vgl. Hirschfeld, Gerhard – Krumeich, Gerd – Renz, Irina (Hg.): Enzyklopädie Erster Weltkrieg (Paderborn 2009) 304. Stellvertretend dafür ist hier die Dokumentensammlung von André Ducasse „Vie et mort des Français, 1914–1918“ zu nennen, die sich der „Annales-Schule“ verpflichtet fühlt. Jean-Jacques Beckers bedeutende Studie über die Reaktionen der Franzosen auf den Kriegsbeginn 1914 kann als ein weiterer Beleg dafür angeführt werden. Die Studie erschien 1977 unter dem Titel: „Comment les Français sont entrés dans la guerre“.

25 Vgl. Kruse, Wolfgang (Hg.): Eine Welt von Feinden (Frankfurt am Main 1997) 159–166.

26 Vgl. Leidinger, Hannes – Moritz, Verena: Der Erste Weltkrieg (Wien 2011) 11.

27 Vgl. Barnett, Correlli: The Great War (London 2003) 24.

28 Vgl. Leidinger, Hannes: Der Erste Weltkrieg in der Forschung. In: Jubel und Elend. Leben mit dem Großen Krieg 1914–1918 (Schallaburg 2014) 188–193.

29 Vgl. Procacci, Giovanna: Die italienische Forschung über den Ersten Weltkrieg. In: Ueberegger, Oswald (Hg.): Zwischen Nation und Region (Innsbruck 2004) 33–52.

30 Vgl. ebenda, 33–52. Forscher wie Lunio Fabi (2001) fokussieren in ihren Arbeiten das Alltagsleben an der Front, das Leben der Soldaten in der Etappe oder im Hinterland.

31 Vgl. Procacci, Giovanna: Soldati e prigionieri italiani nella Grande guerra (Torino 2000) 255– 259.

32 Vgl. Procacci, Giovanna: Fahnenflüchtige jenseits der Alpen. In: Oltmer, Jochen (Hg.): Kriegsgefangene im Europa des Ersten Weltkriegs (Paderborn/München/Wien 2006) 210.

33 Ebenda 213.

34 Vgl. ebenda 194–209.

35 Vgl. Gorgolini, Luca: Kriegsgefangenschaft auf Asinara (Innsbruck 2012) 19.

36 Vgl. Mazohl-Wallnig, Brigitte: Vorwort. In: Ueberegger, Oswald (Hg.): Zwischen Nation und Region, Weltkriegsforschung im internationalen Vergleich (Innsbruck 2004) 7–8.

37 Haller, Oswald: Das Internierungslager in der Katzenau bei Linz im 1. Weltkrieg (Dipl.-Arb. Univ. Wien 1999).

38 Vgl. Ueberegger, Oswald (Hg.): Zwischen Nation und Region, Weltkriegsforschung im internationalen Vergleich (Innsbruck 2004) 72–86.

39 1945 gilt als „… Todesjahr des militärhistorischen Interesses alten Typs in Österreich …“, so M. Hochedlinger: Kriegsgeschichte – Heereskunde – Militärgeschichte, Newsletter des Arbeitskreises Militärgeschichte 7 (1998) 42–45. In: Ueberegger, Oswald (Hg.): Zwischen Nation und Region. Weltkriegsforschung im internationalen Vergleich (Innsbruck 2004) 93.

40 Vgl. ebenda, 102–108.

41 Weiland, Hans – Kern, Leopold: In Feindeshand (Wien 1931) 432–435.

42 Im Jahre 2002 wurde diese Dissertation in modifizierter Form, aber mit dem gleichen Titel in Buchform veröffentlicht. Als Herausgeber fungierten der Autor und die Marktgemeinde Sigmundsherberg.

43 Hansak, Peter: Das Kriegsgefangenenwesen in der Steiermark während des 1. Weltkrieges (Diss. Univ. Graz 1991).

44 Vgl. Moritz, Verena: Zwischen Nutzen und Bedrohung (Bonn 2005) 19.

45 Vgl. O.Ö. Heimatblätter 1 (Linz 1989). Als Herausgeber der Schriftenreihe fungiert das Landesinstitut für Volkskultur in Oberösterreich.

46 Das 1997 im Eigenverlag in Purgstall herausgegebene Werk umfasst 423 Seiten.

Kriegsbeginn, Lagerbau und Lebenswelten

Ein am 29. Juli 1914 vom Linzer Diözesanbischof Rudolf Hittmair verfasster Kriegs-Hirtenbrief sprach überraschend offen, jenseits der ansonsten auch bei ihm spürbaren Kriegseuphorie, von den dunklen Seiten des Krieges:

„Es ist Krieg! Gott des Himmels und der Erde […] Sei uns gnädig! Sei mit uns! Sei mit unserem Österreich! […] Krieg! Wir kennen seine Schrecknisse seit Jahrzehnten nicht mehr. Doch wir verkennen sie nicht […] und was wir jetzt schon empfinden, wir verhehlen es uns nicht: es ist initium dolorum, erst der Anfang der Schmerzen […]“.47


Abb. 3: Rudolf Hittmair, seit 1909 Bischof von Linz

Tatsächlich entwickelte sich das Jahr 1915 für Oberösterreich zu einem Seuchenjahr, zu einem gefährlichen Bedrohungsszenario für die Zivilbevölkerung der näheren und weiteren Umgebung der Kriegsgefangenenlager. Die anfänglich vehemente Ablehnung aus den meisten der vom K. u. K. Kriegsministerium als Lagerstandorte ausgewählten Gemeinden erwies sich im Nachhinein betrachtet als durchaus berechtigt.

„Flecktyphus und Ruhr im Gefangenenlager in Mauthausen“48, so lautete eine Schlagzeile des Greiner Wochenblattes in den ersten Jännertagen des Jahres 1915.

Über den gefürchteten Flecktyphus hieß es, dass er „[…] eine ansteckende, fieberhafte, schwere Kriegskrankheit […]“ sei.49

Es waren generell gerade die Vorkommnisse in Mauthausen, die in anschaulicher Weise jene Faktoren verdeutlichten, die für die Anfangszeit der Kriegsgefangenenlager typisch waren und den Ausbruch gefährlicher Infektionskrankheiten begünstigen sollten. Die Militärverwaltung, aber auch die politischen Behörden waren in keinster Weise auf die gewaltige Zahl an Kriegsgefangenen vorbereitet, rechnete man doch mit einer kurzen Dauer des Krieges.

So wurden in kürzester Zeit im gesamten Staatsgebiet der Donaumonarchie nicht weniger als 50 Kriegsgefangenenlager errichtet.

Allerdings variierte ihre Zahl, da manche dazukamen und andere später wieder aufgelassen wurden. Daneben existierten sogenannte Gewerbelager wie in Brunn am Gebirge und teilweise wurden Arbeitsstätten, in denen Kriegsgefangene tätig waren, als Lager geführt. In solchen Arbeitslagern wie Kaisersteinbruch im Burgenland und Trofaiach in der Steiermark wurden Kriegsgefangene auch zu Rüstungsarbeiten eingesetzt, die eigentlich nach der Haager Landkriegsordnung verboten waren.

Auf oberösterreichischem Boden gab es insgesamt, die im Jahre 1915 wieder aufgelassene Station für kriegsgefangene russische Offiziere in Kreuzstein bei Mondsee eingerechnet, sieben Kriegsgefangenenlager.50 Diese Lager waren für Serben, Russen und ab 1915 auch für Italiener konzipiert: Mauthausen, Aschach an der Donau, Kleinmünchen-Wegscheid bei Linz, Marchtrenk, Freistadt und Braunau am Inn.

Im Rahmen einer großen Kriegsausstellung, die 1917 in Wien stattfand, waren auch die Bundesländer Salzburg und Oberösterreich präsent. Diese österreichischungarische Heerschau, mit einem gehörigen Maß an Kriegspropaganda inszeniert, vermittelte auch

„[…] ein Bild der Beteiligung der Kronländer Oberösterreich und Salzburg an dieser Veranstaltung, welche bekanntlich Einblick in alle mit den gewaltigen Kriegsereignissen in Verbindung stehenden Gebiete gewähren und dabei dem edlen Zwecke der Kriegsfürsorge dienen soll […]“.51

Eine dem Bauwesen gewidmete Abteilung befasste sich auch mit den Kriegsgefangenen- und Interniertenlagern. Darin wurden Modelle einer Mannschaftsbaracke des Lagers in Marchtrenk, einer Küchenbaracke des Kleinmünchner Lagers und eines Fäkalienverbrennungsofens aus dem Lager in Braunau am Inn gezeigt. Daneben waren noch Mappen mit Bildern aus den Kriegsgefangenenlagern in Braunau, Grödig und in St. Leonhart bei Salzburg sowie Fotos und Planskizzen der Lager in Aschach, Freistadt und Mauthausen gleichfalls zur Besichtigung ausgestellt. Eine detailgetreue Reliefdarstellung gewährte zudem einen Überblick über die Kriegsgefangenenlager Braunau und Grödig und ein farbenprächtig gestaltetes Diorama sollte den Besuchern einen propagandistisch geschickt inszenierten Einblick in die humane und menschliche Facette des österreichischen Kriegsgefangenenwesens ermöglichen.

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47 Vgl. Linzer Diözesanblatt Ausgabe Nr. 12 1914, 79

48 Greiner Wochenblatt 9.1.1915, 2.

49 Ebenda, 2.

50 KA (Kriegsarchiv), KM/10. Abt., 1915, 10-71/104; siehe auch Hansak, Peter: Das Kriegsgefangenenwesen während des 1. Weltkrieges im Gebiet der heutigen Steiermark (Diss. Univ. Graz 1991).

51 Tagespost 25.7.1917, 4.

Gründe für die Standortwahl anhand exemplarischer Beispiele

Robert Mateja bezeichnet als Hauptmotiv für die Errichtung von Kriegsgefangenenlagern auf oberösterreichischem Boden die Tatsache, dass Oberösterreich bezüglich der Agrarproduktion als ergiebig und vom Kriegsgeschehen als „[…] ziemlich weit vom Schuß“52 galt.

So wie bei anderen Lagerstandorten außerhalb des Kronlandes Oberösterreichs hatten alle Lager grundlegende Voraussetzungen zu erfüllen. Vorrangig mussten vor allem die geographischen Gegebenheiten stimmig sein. Keinesfalls durfte das Lager in einem dicht verbauten Gebiet stehen, wo die Gefahr eines zu engen Kontakts mit der Zivilbevölkerung bestand. Das wurde beispielsweise in Freistadt nicht eingehalten, wo das Lager in unmittelbarer Nähe zur Stadt lag.

Ebenso war die Angrenzung an ein dichtes Waldgebiet nicht erwünscht, da sich dann die Fluchtgefahr erheblich steigerte, und außerdem hatte das gesamte Gelände für die Bewachungsmannschaften überschaubar zu sein. Ebenso entscheidend war das Vorhandensein einer funktionierenden Infrastruktur vor Ort. Dies umfasste die Möglichkeit, Straßen anzulegen, Strom- und Wasserversorgung zu gewährleisten bzw. Kanalisationen einzurichten und Abwässer entsorgen zu können. Schließlich war die rasche Anbindung an ein Verkehrsnetz eine unumgängliche Voraussetzung.53 Das alles traf wiederum ganz hervorragend auf den Lagerstandort Mauthausen zu.

Vielfach aber litten gerade die von der Front geschwächt ins Hinterland gebrachten italienischen Gefangenen unter den für sie ungewohnt rauen klimatischen Bedingungen. Als im Sommer 1916 eine schwedische Rot-Kreuz-Delegation nach Freistadt kam, wurde ihr von Kriegsgefangenen, die sich im Lagerspital befanden, ein Gesuch übermittelt, in dem es ganz unverblümt hieß: „Die Ursache unseres Zustandes ist Mangel an Medikamenten, überaus schlechte Ernährung und das für uns tödliche Klima […]“.54 Strenge Winter mit eiskalten Stürmen gab es auch in den niederösterreichischen Lagern und dort kämpften ebenso vor allem die italienischen Kriegsgefangenen mit ernsthaften gesundheitlichen Problemen wie in Oberösterreich.55

Die strengen Vorgaben führten aber andererseits zu immer aufwändigeren technischen und hygienischen Anforderungen und Baumaßnahmen. Im Rahmen einer Sitzung im K. u. K. Kriegsministerium am 1. März 1915 wurde im Einklang mit der Haager Landkriegsordnung (HLKO) bestimmt, dass zu allen Arbeiten bei der Errichtung der Kriegsgefangenenlager so weit als möglich die Kriegsgefangenen selbst heranzuziehen waren.56

Da bei Kriegsbeginn nur der Osten und Südosten der Monarchie vom Feind bedroht war, kamen zunächst alle österreichischen Länder und jene Teile des ungarischen Gebietes, die nicht unmittelbar von Kriegshandlungen bedroht waren, dafür in Betracht. Dies bedeutete, dass Oberösterreich, Niederösterreich, die Steiermark, Salzburg, Böhmen und in Ungarn der Militärkommandobereich Poszony als Lagerstandorte fungierten.

Bei den ersten Kriegsgefangenenlagern, die eingerichtet werden mussten, konzentrierte man sich auf das Vorhandensein von militärischen Anlagen. Dies war vom ökonomischen Aspekt her betrachtet durchaus sinnvoll, da die Gebäude ja bereits Eigentum der Heeresverwaltung waren und somit äußerst „günstig“ kamen. Dachte man zuerst daran, in erster Linie den Großgrundbesitz bei der Requirierung von Grundstücken heranzuziehen und somit den Kleingrundbesitz zu verschonen, musste diese wohlmeinende Absicht bald fallengelassen werden.57

Für Mauthausen als Standort eines Gefangenenlagers sprachen beispielsweise folgende Punkte: Es lag an zwei wichtigen Bahnlinien, der Summerauerbahn (Anschlussstück Gaisbach-Bahnknotenpunkt St. Valentin) und der Donauuferbahn (Bahnknotenpunkt St. Valentin-Wien). Auch die Hauptstraße von Freistadt nach Linz führte durch das Ortsgebiet. Gute Verkehrsverbindungen bestanden auch in Richtung Enns und Steyr (mittels Fähre). Dazu kam noch der Donauhafen. Dies alles bot für die damalige Zeit günstige Voraussetzungen für die Durchführung der Gefangenentransporte und ermöglichte zudem im Bedarfsfall den raschen Nachschub an Wachpersonal, Verpflegung und Bekleidung.

Im Falle von Marchtrenk wiederum erschien der Militärverwaltung der ausgewählte Platz aus den folgenden Gründen überaus günstig zu sein: Da war zunächst die Nähe der Bahn, darum günstig für die Gefangenen- und Truppenbzw. Wachsoldatentransporte. Dann bestand der Bodenuntergrund aus Schotter, das war günstig für die Hygiene des Lagers. Die als minderwertiger Kulturboden eingestufte Bebauungsfläche versprach einen geringen Schaden für die Landwirtschaft zu verursachen. Für den Bau des Lagers wurden auf dem gesamten Gelände verschiedene Plätze begutachtet. Zunächst ein Areal nördlich von Marchtrenk, längs der Staatsbahn. Dann besichtigte man die Gründe westlich von Marchtrenk. Schließlich kamen auch die freien Plätze südlich von Marchtrenk in Richtung der Auwälder in die engere Auswahl. Dabei stellte sich aber bald heraus, dass das Terrain schwierig zu überschauen war und somit eventuelle Fluchtversuche erheblich erleichterte.

Schließlich wurde eine große Fläche östlich von Marchtrenk, eine ausgeprägte Heidelandschaft, als besonders geeignet erachtet.58

Bei der Auswahl des Bauplatzes für das Kriegsgefangenenlager in Braunau am Inn war unter anderem der Grundsatz maßgeblich, dem Land nicht durch Entzug guter Ackergründe Schaden zuzufügen.59

Der Baukomplex lag auf beiden Ufern des Mattigbaches zwischen den Ortschaften Dietfurt und Aching und war auf insgesamt drei Katastralgemeinden aufgeteilt. Von dort konnte auch die zentrale Brunnenanlage betrieben werden und die Zuleitung des Wassers ins Lager erfolgen.60

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52 Mateja, Robert: Oberösterreich im 1. Weltkrieg. 1914–1918 (Diss. Univ. Innsbruck 1948) 225.

53 Vgl. Moritz, Verena: Zwischen Nutzen und Bedrohung. Die russischen Kriegsgefangenen in Österreich 1914–1921 (Bonn 2005) 73–78. Diese Vorgaben finden sich in dem 1915 vom K. u. K. Kriegsministerium herausgegebenen Dienstbuch J-35, Richtlinien und Erlässe zum Kriegsgefangenenwesen.

54 Rappersberger, Petra: Das Kriegsgefangenenlager Freistadt 1914–1918 (Dipl.-Arb. Univ. Wien 1988) 37.

55 Vgl. Koch, Rudolf: Im Hinterhof des Krieges. Das Kriegsgefangenenlager Sigmundsherberg (Horn 2002) 55

56 K. u. K. Kriegsministerium (Hg.): Kriegsgefangenenwesen, J-35. Sammlung und Sichtung der ergangenen Erlässe (Wien 1915) 117–118.

57 Vgl. Wiesenhofer, Franz: Gefangen unter Habsburgs Krone. K. u. K. Kriegsgefangenenlager im Erlauftal (Purgstall 1997) 22–23.

58 Vgl. OÖLA, Kriegssammlung 1914–1918, Sch. 65: Aus den Aufzeichungen (maschingetipptes Manuskript, Zl. 1850/1958) des ehemaligen Kooperators der Pfarre Marchtrenkm Alois Gruber, die unter dem Titel „Das K. u. K. Kriegsgefangenenlager Marchtrenk“ verfasst wurden.

59 Vgl. OÖLA, BH-Braunau am Inn, Sch. 875: Sammelakten KGFL-Braunau. Protokoll über die kommissionelle Erhebung betreffend die Errichtung eines Militärgefangenen-Lagers nächst Braunau am Inn vom 23.8. bis zum 4.9.1915.

60 Dies waren die Gemeinden Osternberg, Anzing und St. Peter sowie Forstern.

Die Aktivierung der Lager: Anspruch und Wirklichkeit

Eine kurze und lakonische Mitteilung des Pressebüros im K. u. K. Kriegsministerium im August 1914 umriss schlaglichtartig die neue militärische Dimension, wenn es etwa hieß, „[…] daß sofort nach Kriegsbeginn ein massenhafter Zuschub von Gefangenen stattfand […], der in der Kriegsgeschichte kaum seinesgleichen findet […]“.61

Die Einquartierung solch ungeheurer Mengen von Soldaten war freilich, dies war sofort klar, mit großen Schwierigkeiten verbunden. Und auch das wurde sehr rasch deutlich: Man war schlicht und ergreifend nicht darauf vorbereitet. Bereits vorhandene militärische Bauten wie Truppenübungsplätze und Festungsanlagen waren in viel zu geringem Ausmaß vorhanden, sodass man seitens des K. u. K. Kriegsministeriums den Bau komplexer „Barackenstädte“ anvisierte. Damit erhoffte man sich ausreichende Kapazitäten, gepaart mit einer gesicherten Unterbringung.

So wurden im Oktober 1914 die ersten Transporte, mehrere hundert russische Kriegsgefangene, bis zur Fertigstellung des Lagers in Wegscheid im Turm Nr. 25 des Artillerie-Depots in Linz untergebracht, wenngleich dies von Haus aus nur als temporäre Ersatzunterkunft gedacht war.62

Allerdings gewannen rasch sanitäre und hygienische Fragen eine vorrangige Bedeutung. Wie der Seuchenwinter 1914/15 in Oberösterreich zeigte, herrschten in so manchen Lagern katastrophale Verhältnisse.

Am 1. März 1915 fand im K. u. K. Kriegsministerium in Wien eine grundlegende Sitzung statt, an welcher außer den beiden Referenten, dem Oberleiter der K. u. K. Lagerbauleitungen Generalmajor Carossa und dem Oberstabsarzt Dr. Schattenfroh von der 14. Abteilung (Sanitätsabteilung), auch Vertreter der 8. Abteilung (Hochbau) und der 10. Abteilung (Kriegsgefangene) teilnahmen. Ebenso vertreten waren die Militärbaudirektoren jener Militärkommanden, in welchen Lager errichtet werden sollten.

Es wurde schließlich die Herausgabe eines Behelfs zu „Bauhygienischen Grundsätzen“ beschlossen.63

Eine weitere Schwierigkeit kam noch dadurch hinzu, dass die kriegsgefangenen Offiziere anders untergebracht werden sollten als die übrigen Mannschaften. Sie wurden zunächst in gesonderten Einzelgebäuden, welche das Militär kurzfristig angemietet hatte, beherbergt. Daneben wurden auch Hotels und Gasthäuser ins Auge gefasst. Und so mancher Beherbergungsbetrieb erhoffte damit neue Einnahmequellen lukrieren zu können, war doch seit Kriegsbeginn ein massiver Rückgang in den klassischen Fremdenverkehrsorten zu spüren gewesen.64 Was Oberösterreich betraf, so wurde kurzzeitig im Schloss Kreuzstein bei Mondsee eine Offiziersstation für kriegsgefangene Russen eingerichtet. Mit dem raschen Fortschritt des Lageraufbaues an den jeweiligen Standorten war damit jedoch bald Schluss, und die kriegsgefangenen Offiziere wurden innerhalb der Lager in eigenen Abteilungen bzw. Stationen konsigniert. Jedenfalls verfügte das K. u. K. Kriegsministerium die Aktivierung des Kriegsgefangenenlagers in Freistadt für den 18. Oktober 1914. Rund 3.000 Kriegsgefangene kamen Ende Oktober 1914 aus dem Militärkommandobereich von Poszony in Ungarn hierher. Die Belagskapazität wurde anfänglich jedoch auf 5.000 Mann limitiert. Aber bereits am 24. November 1914 wurde eine Vergrößerung des Belags um 10.000 Mann angeordnet. Die Fertigstellung der dazu erforderlichen Barackenbauten hoffte man durchaus optimistisch seitens der

K. u. K. Militärverwaltung bis Mitte Dezember 1914 abgeschlossen zu haben. Insgesamt sollte das Kriegsgefangenenlager an die 50.000 Kriegsgefangene aufnehmen.65

Nur acht Tage vorher, am 10. Oktober 1914, wurden im Zuge einer kommissionellen Verhandlung über die Errichtung des Lagers wesentliche bautechnische Grundlagen fixiert.

Anwesend dabei waren Vertreter der Stadtgemeinde Freistadt, an der Spitze Bürgermeister Theodor Scharitzer, ein Beauftragter der K. u. K. Militärverwaltung sowie Vertreter der Grundbesitzer, ein technischer Sachverständiger der K. K. Statthalterei aus Linz sowie der für die sanitären Belange zuständige Bezirksarzt Dr. Moosböck. Der Mediziner äußerte sich eher skeptisch. Der Platz sei vom sanitären Standpunkt aus ungeeignet. Der Untergrund sei schottrig und wasserundurchlässig. Der Platz für die Baracken sei durch den umliegenden Sumpf der kälteste in der ganzen Umgebung.66

Die Bettensorten stellte das K. u. K. Kriegsministerium zur Verfügung. Im Rahmen einer Begehung wurde der Exerzierplatz, er befand sich nur etwa 300 m südlich der Stadt, als der geeignetste Platz ausgewählt.67

Der noch im November zur Schau gestellte Optimismus bezüglich einer raschen Fertigstellung erwies sich aber als Trugschluss, denn schon zur Jahreswende war klar, dass man um eine Erweiterung des Lagers nicht umhinkam. Das eingesetzte Baupersonal unterschied sich nunmehr aber erheblich von der Anfangszeit. Wurde die im Herbst 1914 errichtete Lagergruppe noch größtenteils durch angeheuerte Zivilarbeiter errichtet, wurden die übrigen Lagererweiterungsbauten von den Kriegsgefangenen selber ausgeführt. Bis Jahresende 1915 kamen noch drei weitere Lagergruppen dazu: Lagergruppe II, die südlich an die Lagergruppe I angrenzte, wurde Anfang März 1915 fertiggestellt, Lagergruppe IV umfasste sowohl die Unterkunftsbaracken der eigenen Offiziere als auch jene der Wachmannschaften, sie waren ab April 1915 bezugsfertig. Diese Lagergruppe bestand auch noch aus Neben- und Wirtschaftsgebäuden. Im November 1915 war dann die Lagergruppe III vollendet. Die Bauarbeiten waren dort zunächst aufgrund von Problemen bei der notwendigen Fäkalienbeseitigung für einige Zeit unterbrochen. Ab diesem Zeitpunkt besaß das Kriegsgefangenenlager eine Belagskapazität von 25.000 Mann und von den ursprünglich von Seiten des K. u. K. Kriegsministeriums gewünschten 50.000 konnte gar keine Rede mehr sein.68

Das Lager in Mauthausen hingegen wurde erst am 10. November 1914 aktiviert. In diesem Zusammenhang erfolgte eine Überstellung von 3.000 serbischen Kriegsgefangenen, die ebenfalls aus Poszony kamen.69 Der Barackenbau auf den Zirkinger Feldern hatte dort bereits am 23. September 1914 begonnen.

Es handelte sich dabei um nur dünne Schotterböden, unter denen sich starke Lehmschichten verbargen, die außerdem im Inundationsgebiet der Donau lagen. Mangels rasch aufzutreibender Arbeitskräfte aus der Umgebung, es musste also improvisiert werden, verfiel man auf eine kuriose Idee.


Abb. 4: Gesamtansicht des Kriegsgefangenenlagers Mauthausen im Jahre 1914 (erste Bauetappe)

Man behalf sich fürs Erste mit 700 sogenannten „Wiener Plattenbrüdern“, in der Mehrzahl Kleinkriminelle, die aber dem lokalen K. K. Gendarmerieposten gehörig zu schaffen machten.70 Erst einen Monat später, am 22. Oktober 1914, kamen 300 russische Kriegsgefangene aus dem Lager Kleinmünchen-Wegscheid hinzu.

Das Kriegsgefangenenlager umfasste eine Fläche von 68 Hektar und erstreckte sich hauptsächlich auf die Industriegemeinde Haid. Von den insgesamt acht Lagergruppen, die im Jahre 1917 bestanden, war die Lagergruppe I nur knappe 1,5 km vom Ortszentrum Mauthausen entfernt. Die übrigen Gruppen grenzten unter anderem an die Nachbargemeinde Ried bei Mauthausen. In nordöstlicher Richtung, in der Ortschaft Oberzirking, wurde das Lager von einer Bezirksstraße, die Richtung Schwertberg führte, umschlossen. Die Donauuferbahn und die Hauptstraße von Freistadt nach Linz durchschnitten das Lager. Eine Gemeindestraße teilte das Lager überdies in eine nördliche und südliche Richtung. In Letzterer befand sich auch die Lagergruppe III, wo sich im Rahmen einer Eigenwirtschaft Rinder-, Schweine- und Geflügelstallungen befanden.71 Es war schließlich die Lagergruppe I, in der Ende Dezember 1914 eine Reihe von Infektionskrankheiten ausbrach, die sich zu einer wahren Epidemie steigern sollten. Schon kurze Zeit nach der Aktivierung des Lagers sah sich das Lagerkommando mit massiven Beschwerden durch die zivilen Verwaltungsbehörden konfrontiert. In einem dringlichen Schreiben wandte sich der K. K. Bezirkshauptmann Dr. Schusser Anfang Dezember 1914 an die Statthalterei in Linz, um über anscheinend unhaltbare Zustände im Mauthausener Lager zu berichten. Anstelle der Russen hätten, wie allgemein bekannt, die weit gefürchteteren Serben in einer Stärke von 14.000 Mann Einzug gehalten.

Schon der Anblick dieser „rauf- und rachsüchtigen Massen“72 habe gezeigt, dass es einen großen Gegensatz zu den bisher interniert gewesenen Russen gäbe.

Man stellte von Seiten der Behörde eine tiefe Besorgnis und Unruhe in der Bevölkerung fest. Außerdem war die Kapazität der Wachmannschaft, da man die Serben als sehr gefährlich einstufte, nach Meinung von militärischen Sachverständigen nicht ausreichend. So verfüge das ungarische Landsturmwachbataillon Nr. 101 nur über zwei Maschinengewehre. Die zur Verfügung stehenden Rekruten galten als mindertauglich und schlecht ausgebildet. Hartnäckige Gerüchte, beispielsweise, dass die zwei Landsturm-Kompanien in kürzester Zeit wieder abkommandiert würden, steigerten die Angst der Bevölkerung.

Die K. K. Bezirkshauptmannschaft wurde aufgrund dieser Gerüchte von Vertretern der umliegenden Gemeinden förmlich bestürmt, alles aufzubieten, damit zur Bewachung „[…] dieses rauf- u. plünderungssüchtigen Balkanvolkes […]“73 eine für alle Eventualitäten verlässliche und ausreichend gerüstete Wachmann-schaft zur Verfügung stand. In diesem Zusammenhang wurden angeblich bereits Pläne zur Aufstellung einer Bürgerwehr geschmiedet. Der Kommandant des Lagers, Oberst Schmidt, bestritt alle Vorwürfe und reklamierte für das Lager eine Atmosphäre des gegenseitigen Respekts und der Disziplin.


Abb. 5: Das Kriegsgefangenenlager Mauthausen (Plan im Maßstab 1:2880)

Es war am 2. Dezember 1914, als um die Mittagszeit ein Abgesandter der K. u. K. Militärbauleitung, Hauptmann Jüngling, per Bahn in Marchtrenk eintraf und anschließend den erstaunten Gemeindevertretern im Auftrag des K. u. K. Kriegsministeriums mitteilte, dass die Gemeinde als Standort für ein Kriegsgefangenenlager ausgewählt worden war.

Dieses Datum gilt auch als eigentlicher Baubeginn, denn noch am gleichen Tag brachte ein Lastenzug das erste Bauholz für die Errichtung von Baracken. Mitte Dezember 1914 war die erste Baracke fertiggestellt und bis Ende des Jahres 1914 sollte ihre Zahl auf 40 anwachsen. Am 31. Dezember 1914 kamen die ersten 300 Russen im Lager Marchtrenk an. Sie hatten einen Fußmarsch von 13 km aus dem Gefangenenlager Kleinmünchen hinter sich.74


Abb. 6: Das Kriegsgefangenenlager Marchtrenk um 1915 (im Original als farbige Postkarte)

Nach Fertigstellung gab es drei Teillager mit insgesamt 500 Baracken zur Unterbringung von 50.000 Gefangenen. Die Höchstzahl der Gefangenen war im Mai 1915 mit 35.000 Mann zu verzeichnen. Die Bewachung der Gefangenen wurde von 850 Mann und 23 Offizieren des K. u. K. Wachbataillons durchgeführt. Zwischen der zweiten und der dritten Lagergruppe befand sich ein Kriegerfriedhof mit einer Gesamtfläche von 1.300 m².75

Einen Monat später, Anfang Juni 1915, erteilte dann das K. u. K. Kriegsministerium dem Bauleiter der K. K. Militärbauleitung für das Barackenlager in Salzburg, Hauptmann Alois Dostal, den telefonischen Befehl, in der Nähe von Braunau am Inn einen Bauplatz für ein Kriegsgefangenenlager zu erkunden. Das Lager sollte über eine Belagsstärke von 30.000 Mann verfügen. Bereits am 5. Juni 1915 genehmigte eine Kommission den Bauplatz und ordnete den Baubeginn an. Das Lagerkommando Braunau wurde offiziell aber erst am 9. Juli 1915 aktiviert.

Von zentraler hygienischer Bedeutung war auch eine funktionstüchtige Abwasserbeseitigungsanlage. Der Vertreter der Bezirkssanitätsbehörde, Dr. Schrack, forderte ein ausgefeiltes System, das jegliche Seuchengefahr von vorneherein ausschloss. Man wusste zu diesem Zeitpunkt am Beispiel von Mauthausen nur zu gut, welche verheerenden Folgen gravierende sanitäre Mängel und unerhörte Schlampereien nach sich zogen.

Sehr bald nach Fertigstellung einiger Baracken kamen am 25. Juni 1915 die ersten russischen Kriegsgefangenen aus den Kriegsgefangenenlagern Deutsch-Gabeln und Grödig in Salzburg nach Braunau, insgesamt 2.541 Mann. Es folgten dann Transporte aus den Lagern Hart bei Amstetten, Reichenberg, Josefstadt und Milowitz. Russische kriegsgefangene Offiziere kamen im Frühjahr 1915 auch aus der inzwischen aufgelassenen Offiziersstation Kreuzstein bei Mondsee.

Die Evidenzhaltung der Kriegsgefangenen erfolgte in allen Lagern nach der gleichen Methode: Zunächst gab es die Aufnahme in die Personenkartei, dann die äußerliche Kenntlichmachung durch eine Lagernummer, sie wurde jedoch nur bei kriegsgefangenen Mannschaften verwendet, und schließlich wurden Evidenzblätter und sogenannte Grundbuchblätter angelegt.

Die Zivilbevölkerung an den Lagerstandorten musste einen nicht unbeträchtlichen Beitrag zur Ausstattung der Kriegsgefangenenlager mit Einrichtungsgegenständen aller Art leisten, denn gemäß Kriegsleistungsgesetz wurden die Güter beschlagnahmt und in den sofortigen Gebrauch des Militärs übernommen. Bei dieser Gelegenheit wurde auch häufig an den Patriotismus der Bevölkerung appelliert.

Mitte November 1914 requirierte das Lagerkommando in Freistadt eine Vielzahl von Gegenständen in brauchbarem Zustand, was auch von der Stadtgemeindevorstehung umgehend bestätigt und für rechtens erklärt wurde: Darunter befanden sich Studiertische, gewöhnliche Tische, Sessel, Spucknäpfe, Waschtische, Waschbottiche, Wascheimer, Aktenstellagen und komplette Stehlampen bzw. Wandhängelampen. Wenig später wurden aus umliegenden Privatwohnungen und Geschäftskanzleien weitere Stühle, Schreibtische sowie mehrere Schreibmaschinen und andere Büroutensilien an das K. K. Wach-Bataillon übergeben.

Die Begehrlichkeiten des Militärs kannten scheinbar auch im Frühjahr 1915 kein Ende. Immer wieder waren es Tische, Stühle, Wandkästen und Petroleum-Lampen, die das Militär benötigte. Schließlich lehnte die Stadtgemeindevorstehung weitere Anforderungen mit der Begründung ab, dass dies die Aufrechterhaltung der Arbeit in öffentlichen Ämtern und in den Gewerbebetrieben bald unmöglich mache und überdies unter der Bevölkerung eine gereizte Grundstimmung begünstigen würde.76

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61 KA (Kriegsarchiv), Abt. 10-2/72-1, 1914.

62 Vgl. Tagespost 12.10.1914, 5.

63 Vgl. Wiesenhofer, Franz: Gefangen unter Habsburgs Krone. K. u. K. Kriegsgefangenenlager im Erlauftal (Purgstall 1997) 19–22.

64 Vgl. Moritz, Verena: Zwischen Nutzen und Bedrohung. Die russischen Kriegsgefangenen in Österreich 1914–1921 (Bonn 2005) 70–75.

65 Vgl. KA (Kriegsarchiv), 1914, 10. Abt. 10-2/154.

66 Vgl. OÖLA, Kriegssammlung 1914–1918, Sch. 131.

67 Vgl. Rappersberger, Petra: Das Kriegsgefangenenlager Freistadt 1914–1918 (Dipl.-Arb. Univ. Wien 1988) 3–4.

68 Vgl. OÖLA, Kriegssammlung 1914–1918, Sch. 131: Anhang zum Protokoll über die kommissionelle Verhandlung vom 10. Oktober 1914.

69 Vgl. KA (Kriegsarchiv), 1914, 10. Abt. 10-2/154: Es handelte sich hier um ein Telegramm des K. u. K. Kriegsministeriums an das Militärkommando Innsbruck 1914, 10. Abt. 10-2/200.

70 Vgl. K. K. Landesgendarmeriekommando: Chronik des K. K. Gendarmeriepostens Mauthausen, ohne Seitenzählung (Linz 1914–1918).

71 Vgl. Privatarchiv Ing. Johann Pirklbauer: Plan des Kriegsgefangenenlagers Mauthausen (Maßstab 1:2880 vom 15.6.1917).

72 KA (Kriegsarchiv), 1914, 10. Abt. 10-2/200-10: Unter der Aktenzahl Nr. 8959, ex 1914, datiert mit 1.1.1915, werden beide Berichte, jener des K. K. Bezirkshauptmannes in Perg, Schusser, und jener des Kommandanten des KGFL in Mauthausen, Oberst Schmidt, angeführt.

73 Vgl. ebenda, 1914, 10. Abt. 10-2/200-10.

74 Vgl. OÖLA, Kriegssammlung, Sch. 65: „Das K. u. K. Kriegsgefangenenlager Marchtrenk“, verfasst von Kooperator Alois Gruber (Zl. 1850/1958).

75 Vgl. Weinzierl, Herbert Franz: Marchtrenk. Zehn Jahre Marktgemeinde (Marchtrenk 1995) 131–135.

76 Vgl. OÖLA, Stadtarchiv Freistadt, Sch. 380.

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