Kitabı oku: «"Live fast, love hard and die young"»
Ernst Hofacker
»Live fast, love hard and die young!«
Tragische Geschichten aus Rock und Pop
Reclam
2019 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Coverabbildung: Oscar Keys / unsplash
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2019
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961460-1
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-011207-6
www.reclam.de
Inhalt
Vorwort Wen die Götter lieben …
1. Januar 1953 Das Ende des Hillbilly-Shakespeare
25. Dezember 1954 Die Ballade von Johnny Ace
3. Februar 1959 Der Tag, als die Musik starb
11. Dezember 1964 Ein Schuss im Motel
18. Mai 1967 Auf Sand gebaut
10. Dezember 1967 Der Soulman, der vom Himmel fiel
3. Juli 1969 Ein Stein verglüht
9. August 1969 Um jemandem beim Sterben zuzusehen
18. September 1970 Todesfall in Notting Hill
4. Oktober 1970 Lebendig begraben im Blues
3. Juli 1971 Dies ist das Ende
18. September 1973 Der schwermütige Engel
25. November 1974 Der zerbrechliche Troubadour
24. April 1975 Rock ’n’ Roll Suicide
5. Juni 1976 Geisterstunde in Abbey Road
3. Dezember 1976 Schüsse in 56 Hope Road
16. August 1977 Die Akte Graceland
16. September 1977 Tod im Morgengrauen
20. Oktober 1977 Das Ding aus dem Sumpf
2. Februar 1979 Tödliche Romanze
19. Februar 1980 Highway zur Hölle
18. Mai 1980 Tod im Reihenhaus
8. Dezember 1980 Erdbeerfelder
19. März 1982 Ozzys Knappe
1. April 1984 Der Soul-Prinz
27. August 1990 Der Himmel weint
24. November 1991 Chronik eines angekündigten Todes
5. April 1994 Der Star, der keiner sein wollte
29. Mai 1997 Tod im Ol’ Man River
22. November 1997 Suicide Blonde
6. Februar 1998 Der Tod des Falken
25. Juni 2009 Goodbye, Peter Pan!
23. Juli 2011 Der Rausch des Ruhms
11. Februar 2012 Die Drama-Queen
21. April 2016 Schock in Paisley Park
Bildnachweis
Danksagung
Personenregister
Vorwort
Wen die Götter lieben …
… den rufen sie früh zu sich! Das Sprichwort wird dem römischen Dichter Titus Maccius Plautus Plautus, Titus Maccius(254 – 184 v. Chr.) zugeschrieben. Im lateinischen Original lautet es: »Quem dei diligunt, adulescens moritur.« Andere Quellen nennen als Ursprung den griechischen Dichter Menander Menander(342 – 291 v. Chr.). Wer von beiden die Redewendung auch erfunden haben mag, eines steht fest: Das beschriebene Phänomen ist bekannt, seit sich die Menschheit für Kunst und Kultur interessiert. Schon die Griechen und Römer der Antike wussten: Wer von den Göttern so überreich mit Talent, Genie, Schöpfungs- und Schaffenskraft gesegnet wird, dem droht womöglich vorzeitiges Ableben. Auf Erden vollbringt der Held in einer kurzen Zeitspanne übermenschlich viele und große Taten – zum Lohn darf er dann früh in den Olymp aufsteigen und dort mit den Göttern speisen. Ein Schicksal, das dem Nachruhm förderlich ist. Nicht zuletzt, weil der so entstandene Mythos nicht altern kann. Denn er friert unser Bild des jugendlichen Götterlieblings für immer ein. Der Tod konserviert den Mythos in seiner reinsten Form.
Buddy HollyHolly, Buddy (7. 9. 1936 – 3. 2. 1959) war nicht der erste und auch nicht der jüngste Star der Unterhaltungskunst, der früh dahinging: Am 3. Februar 1959 kam er mit gerade einmal 22 Jahren bei einem Flugzeugabsturz jedoch als erster strahlender Held der jungen Rockmusik zu Tode. Wolfgang Amadeus Mozarts Mozart, Wolfgang Amadeus(1756–1791) Leben währte gerade 35 Jahre, der Dichter Georg BüchnerBüchner, Georg (1813–1837) verließ diese Welt mit 23, und der Startenor Enrico CarusoCaruso, Enrico (1873–1921) wurde, wie auch der Ragtime-Erfinder Scott Joplin Joplin, Scott(1868–1917), nur 48. Vor allem in Hollywood waren von Anfang an zahlreiche viel zu frühe Todesfälle berühmter Leinwandstars zu beklagen. Rudolph ValentinoValentino, Rudolph (1895–1926) starb mit 31 Jahren, Jean Harlow Harlow, Jean(1911–1937) mit 26, Carole Lombard Lombard, Carole(1908–1942) mit 33, Gérard PhilipePhilipe, Gérard (1922–1955), den sie schon zu Lebzeiten »Liebling der Götter« nannten, mit 33, James Dean Dean, James(1931–1955) mit 24 und Marilyn Monroe Monroe, Marilyn(1926–1962) mit 36.
Fast ausnahmslos waren sie schon zu Lebzeiten Weltstars, im Tod aber wurden sie zur Legende. Ihr kurzes, kometenhaftes Dasein erscheint wie ein Feuerwerk aus Glanz und Gloria, das zwar von einem tragischen Ende, nicht aber von den Schatten des Alterns und des nachlassenden Erfolgs verdunkelt wurde. Stars scheinen ein Leben nicht von dieser Welt zu leben. Folglich überhöhen wir unsere Idole gerne zu Halbgöttern, und unsere Bewunderung nimmt gleichsam religiöse Züge an – Ersatzgötter, nicht nur für pubertierende Jugendliche, wie die gerne benutzten Wendungen »anhimmeln« oder »verehren« verraten.
Unabhängig ob auf der Leinwand, auf der Bühne oder in anderen Bereichen der Kunst und nicht zuletzt auch auf den Spielfeldern des Sports: Stars spiegeln die Sehnsüchte unserer westlichen Freizeit- und Konsumgesellschaft – Jugendlichkeit, Schönheit, materiellen Erfolg und nicht zuletzt eine starke, unabhängige Persönlichkeit, die durchaus unangepasst sein darf. Stars sind das Beispiel, sind das Vorbild, das wir idealisieren, das uns inspiriert. Und sie verfügen über ein außergewöhnliches Charisma, dem wir als Publikum erliegen. Der Lohn, den sie für ihre einzigartigen Leistungen einstreichen, ist, so scheint es, ein Dasein jenseits aller Beschränkungen, denen der gewöhnliche Erdenbürger sich ausgesetzt sieht – anders als wir genießen Stars Ruhm, Reichtum, Genuss im Übermaß und eine privilegierte Existenz von nahezu unbegrenzter Freiheit.
Die Kehrseite der glorreichen Medaille: Wer auf Erden einmal einen solchen gottgleichen Status erreicht hat, mag ihn freiwillig kaum wieder aufgeben. Also ist er dazu verdammt, immer weiter zu glänzen, auch im nächsten Film wieder zu überzeugen und die Menschen ins Kino zu locken, auch mit dem nächsten Song einen Hit zu landen und in jedem neuen Spiel den Gegner zu besiegen. Nicht alle halten diesen Druck aus, jedenfalls nicht ohne Hilfsmittel. Alkohol-, Drogen- und Medikamentenmissbrauch sind nur allzu oft die Folge. Jenseits der dicken Mauern luxuriöser Privatdomizile, in der Einsamkeit sündhaft teurer Hotelsuiten und in den Künstlergarderoben des Showbusiness werden sie nur allzu leicht zur alltäglichen Begleiterscheinung hinter der glamourösen Fassade.
Wer den Erfolg nach langen Jahren des Sich-Hocharbeitens genießt, ist dabei in der Regel gegen die Fallstricke des Ruhms besser gefeit als ein junger Künstler, der, kaum der Pubertät entwachsen und entsprechend wenig gefestigt, quasi über Nacht zum Star und damit rund um die Uhr auch zum Objekt einer unerbittlichen Beobachtung durch Fans und Massenmedien wird. Nicht jeder ist in der Lage, souverän die öffentliche von der privaten Seite seiner Persönlichkeit zu trennen. Nicht jeder verfügt schon in jungen Jahren über die nötige Abgebrühtheit, um bösartige Berichterstattung folgenlos an sich abperlen zu lassen. Und nicht jeder bleibt auf dem Boden der Tatsachen. Mancher hebt ab und stürzt, andere zerbrechen unter dem Druck. Beispiele gibt es genug, sie reichen von Kurt CobainCobain, Kurt (20. 2. 1967 –5. 4. 1994) und Joy-Division-Sänger Ian CurtisCurtis, Ian (15. 7. 1956 – 18. 5. 1980), die ihrem Leben jeweils selbst ein Ende setzten, über Amy WinehouseWinehouse, Amy (14. 9. 1983 – 23. 7. 2011) und AC/DC-Frontmann Bon ScottScott, Bon (9. 7. 1946 – 19. 2. 1980), die sich schlicht und einfach totsoffen, bis hin zu Hochbegabten wie Beach-Boys-Mastermind Brian WilsonWilson, Brian (* 20. 6. 1942) und Pink-Floyd-Gründer Syd BarrettBarrett, Syd (6. 1. 1946 – 7. 7. 2006), die in das Niemandsland einer psychischen Krankheit abdrifteten.
Seit jeher hat sich die Popkultur das Motto »Live fast, love hard and die young!« auf die Fahnen geschrieben. Entlehnt ist die Devise dem gleichnamigen 1955er-Hit von Faron YoungYoung, Faron, der es seinerzeit in den Country & Western-Charts auf Platz eins brachte. Zwar hatte Young damit keineswegs die todesverachtende Kompromisslosigkeit im Sinn, die das Leben etwa von Janis JoplinJoplin, Janis (19. 1. 1943 – 4. 10. 1970), Jimi HendrixHendrix, Jimi (27. 11. 1942 – 18. 9. 1970) und Jim MorrisonMorrison, Jim (8. 12. 1943 – 3. 7. 1971) zur ungezügelten Tour de Force am Rand des Abgrundes machte. Der Countrysänger meinte damit eher augenzwinkernd die Lebensfreude des kernigen Westerners und dessen stolze Manneskraft – schließlich lautete eine weitere Textzeile des Songs »I want to leave a lot of happy women«. Dennoch wurde YoungsYoung, Faron Leitsatz im Verein mit einem weiteren, nämlich »hope I die before I get old« aus dem The Who-Hit »My Generation« von 1965, zum Imperativ der klassischen Popkultur und zur Lebensmaxime vieler ihrer Künstler, allen voran der Musiker. Und auf den Punkt brachte es schließlich Neil YoungYoung, Neil in seinem Song »Hey Hey My My (Out of the Blue)«: »It’s better to burn out / than to fade away«!
Da erstaunt es wenig, dass die Popmusik seit den 1950er Jahren Frühvollendete zu Dutzenden hervorgebracht hat. Zum berüchtigten »Club 27«, also dem Kreis der mit 27 Jahren Verstorbenen wie Brian JonesJones, Brian (28. 2. 1942 – 3. 7. 1969), Jim MorrisonMorrison, Jim (8. 12. 1943 – 3. 7. 1971), Jimi HendrixHendrix, Jimi (27. 11. 1942 – 18. 9. 1970), Janis JoplinJoplin, Janis (19. 1. 1943 – 4. 10. 1970), Kurt CobainCobain, Kurt (20. 2. 1967 –5. 4. 1994) und Amy WinehouseWinehouse, Amy (14. 9. 1983 – 23. 7. 2011), zählen da noch die wenigsten. Auch Pophelden mittleren Alters, etwa Michael JacksonJackson, Michael (29. 8. 1958 – 25. 6. 2009) (50), PrincePrince (7. 6. 1958 – 21. 4. 2016) (57), Elvis PresleyPresley, Elvis (8. 1. 1935 – 16. 8. 1977) (42), Whitney Houston Houston, Whitney (9. 4. 1963 – 11. 2. 2012)(48) und Freddie MercuryMercury, Freddie (5. 9. 1946 – 24. 11. 1991) (45), wurden zu Opfern ihres Ruhms und des damit verbundenen Lebensstils – die drei Erstgenannten starben an Tablettenmissbrauch, der Queen-Sänger an den Folgen einer AIDS-Infektion.
Kein Zweifel also: Popmusiker leben gefährlicher als gewöhnliche Menschen. Nicht zuletzt auch deshalb, weil sie überdurchschnittlich viel unterwegs sind – mit dem Auto, im Bus und im Flugzeug. Da nimmt es nicht wunder, dass ein beträchtlicher Teil der tragischen Todesfälle in die Kategorie der Unfälle on the road fällt. Zu ihnen zählen zum Beispiel die des bereits erwähnten Buddy HollyHolly, Buddy (7. 9. 1936 – 3. 2. 1959) sowie die von Otis ReddingRedding, Otis (9. 9. 1941 – 10. 12. 1967), Marc BolanBolan, Marc (30. 9. 1947 – 16. 9. 1977), Lynyrd Skynyrd, Randy RhoadsRhoads, Randy (6. 12. 1956 – 19. 3. 1982), Stevie Ray VaughanVaughan, Stevie Ray (3. 10. 1954 – 27. 8. 1990) und FalcoFalco (19. 2. 1957 –6. 2. 1998).
Das Dasein als Popidol erfordert nicht nur die nötige Portion Talent und Glück, es verlangt auch eine geradezu teflonbeschichtete und überdurchschnittlich gefestigte Persönlichkeit, die den Widersprüchen, Versuchungen, Illusionen und sonstigen Fallstricken eines solchen Lebens standhalten kann. Und damit sind nicht nur Drogenmissbrauch, die Risiken des Reisens und die, wie im Fall von John LennonLennon, John (9. 10. 1940 – 8. 12. 1980), mitunter todbringende Verehrung eines Massenpublikums gemeint. Genauso verheerend können sich ein betrügerisches Management, eine misslungene Karrierestrategie und der unbarmherzige Druck einer ausschließlich am kommerziellen Ertrag interessierten Musikbranche auswirken. Ganz zu schweigen von Faktoren wie schlichtem Pech und den unberechenbaren Wendungen des Zeitgeistes.
Und was ist mit den allzu menschlichen Sollbruchstellen, die in einer hochtalentierten Künstlerpersönlichkeit quasi per definitionem angelegt sind? Musste ein kindliches Gemüt wie das von Michael JacksonJackson, Michael (29. 8. 1958 – 25. 6. 2009) nicht irre werden an der kalten Wirklichkeit einer, so muss man sagen, geldgeilen Millionenbranche und an den zynischen Spielregeln ihres Starsystems?
Wie ist es auszuhalten, wenn man wie zum Beispiel Janis JoplinJoplin, Janis (19. 1. 1943 – 4. 10. 1970) in dem einen Moment noch seine tiefsten Emotionen vor Zehntausenden von Menschen offenbart hat, die einen dafür auf Händen getragen haben, und im nächsten Moment in einem sterilen Hotelzimmer in einer namenlosen Stadt sitzt, allein mit sich und der Gewissheit, doch kein Gott, sondern nur ein ganz gewöhnlicher, von Selbstzweifeln und Einsamkeit geplagter Mensch zu sein?
Und was, wenn ein solcher Künstler von Natur aus scheu, zurückhaltend und im Umgang mit der Welt eher ängstlich ist? Freddie MercuryMercury, Freddie (5. 9. 1946 – 24. 11. 1991) gehörte zu denen, die eine Kunstfigur schufen, mit der sie das glatte Gegenteil ihres eigentlichen Ichs verkörperten – so wurde sein Leben zum waghalsigen Balanceakt zwischen seinem schüchternen Naturell und dem Image des öffentlichen Queen-Zampanos.
Kurt CobainCobain, Kurt (20. 2. 1967 –5. 4. 1994) dagegen hätte, so scheint es, ab einem bestimmten Punkt in seiner Karriere auf öffentliche Präsenz auch gern verzichtet, wenn er dafür nur ungestört und ohne Druck seinen künstlerischen Visionen hätte weiter folgen dürfen.
Andererseits darf man bei weltweit verehrten Popidolen wie Jim MorrisonMorrison, Jim (8. 12. 1943 – 3. 7. 1971), Brian JonesJones, Brian (28. 2. 1942 – 3. 7. 1969) und Elvis PresleyPresley, Elvis (8. 1. 1935 – 16. 8. 1977) – allesamt Männer, die sich im Rampenlicht wohlfühlten – wohl auch einen fatalen Verlust des Realitätssinns vermuten, der ihr Ende zumindest mitbeschleunigt haben dürfte.
Wie gesagt: Nicht jeder hält das aus. Und viele von denen, die es nicht aushalten, zerbrechen – nicht zuletzt auch an der unerbittlichen Erwartungshaltung, die wir, ihr Publikum, ihnen entgegenbringen: Wir machen Künstler, die zunächst nichts als ihre Kunst im Sinn haben (auch wenn damit oftmals gehöriger Ehrgeiz und ein überdurchschnittlicher Drang zur Selbstdarstellung einhergehen), zu Halbgöttern. Und wir erwarten, dass sie dieser Rolle gerecht werden, dass sie gleichsam stellvertretend unsere Träume von Glück, Ruhm und Erfolg leben, rund um die Uhr und ohne Makel. Erst recht im Zeitalter von Twitter, Facebook und Instagram, wo uns die Stars des Pop näher denn je zu sein scheinen.
Was aber macht das mit uns, den Fans, wenn ein Idol stirbt, noch dazu in jungen Jahren? Wir fühlen uns allein und im Stich gelassen, verraten von unseren Helden: Wie soll das Leben nun ohne sie weitergehen? Entsprechend artikulieren die Fans in den sozialen Netzwerken Gefühle wie Schock, Trauer und Hilflosigkeit, sobald wieder mal ein Prominenter des Popzirkus überraschend das Zeitliche gesegnet hat. Was bleibt, ist ein Märchen, ein Mythos, ein Schatz im Tempel der Erinnerungen.
Dieses Buch erzählt einige der tragischsten und traurigsten Geschichten der Rock- und Popmusik. Dabei sind die prominentesten Fälle ebenso vertreten wie einige nicht ganz so bekannte – etwa die um die walisische Rockband Badfinger, deren Mitglieder Pete HamHam, Pete (27. 4. 1947 – 24. 4. 1975) und Tom EvansEvans, Tom (5. 6. 1947 – 19. 11. 1983) von einem korrupten Management, man muss das wirklich so bezeichnen: in den Tod getrieben wurden. Oder der Fall des jungen amerikanischen R ’n’ B-Sängers Johnny AceAce, Johnny (9. 6. 1929 – 25. 12. 1954), der Mitte der 1950er Jahre das unselige Russische Roulette in der populären Musik einführte. Heute fast vergessen ist auch der Soul-Pionier Sam CookeCooke, Sam (22. 1. 1931 – 11. 12. 1964), dem ein sexuelles Abenteuer zum tödlichen Verhängnis wurde. Ein weiterer Pionier war Hank WilliamsWilliams, Hank (17. 9. 1923 – 1. 1. 1953), der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg zum Vater der modernen Country Music wurde. Als sein geschundener Körper aufgab, war er noch keine 30. Nur noch Spezialisten dürften mit dem Namen Randy RhoadsRhoads, Randy (6. 12. 1956 – 19. 3. 1982) etwas anfangen können, der hochbegabte Gitarrist an der Seite von Ozzy OsbourneOsbourne, Ozzy starb 25-jährig durch einen ebenso tragischen wie überflüssigen Unglücksfall. Und zu Lebzeiten ebenfalls ein sehr geheimer Geheimtipp war Nick DrakeDrake, Nick (19. 6. 1948 – 25. 11. 1974), der sich 1974 das Leben nahm. Erst Jahrzehnte nach seinem Tod entdeckte eine ihm seither treu ergebene Fangemeinde sein großartiges Werk. Gleiches gilt für den 1973 verstorbenen Country-Rock-Pionier Gram ParsonsParsons, Gram (5. 11. 1946 – 18. 9. 1973), mit dessen Tod sich zudem eine der bizarrsten Anekdoten der Rockhistorie verbindet.
Einen Anspruch auf Vollständigkeit erheben die hier vorgestellten Poptragödien keinesfalls. So fehlen Künstler wie Johnny ThundersThunders, Johnny, Duane AllmanAllman, Duane, Cass ElliottElliott, Cass, Paul KossoffKossoff, Paul, Keith MoonMoon, Keith, Gene VincentVincent, Gene, Eddie CochranCochran, Eddie, Jim CroceCroce, Jim, die Rapper Tupac ShakurShakur, Tupac, The Notorious B. I. G., The Notorious B. I. G.der Milli-Vanilli-Darsteller Rob Pilatus, Cliff Burton, Chris Cornell, Chester Bennington sowie der DJ AviciiPilatus, Rob. Sie alle und noch einige mehr ebenfalls zu berücksichtigen, hätte den Rahmen dieses Buchs gesprengt. Verlag und Autor hoffen dennoch, dass Live fast, love hard and die young! dem Leser eine gelungene Mischung aus prominenten und weniger prominenten, in jedem Fall aber spannenden und aufregend bebilderten Geschichten bietet.
1. Januar 1953
Das Ende des Hillbilly-Shakespeare
Das Ende war traurig. Als es so weit war, hatte der Tod eine gequälte Seele erlöst: In der Neujahrsnacht des Jahres 1953 starb mit dem erst 29-jährigen Hank Williams Williams, Hank (17. 9. 1923 – 1. 1. 1953) der Begründer der modernen Countrymusic.
Charles CarrCarr, Charles war ein einfacher Junge aus Montgomery, Louisiana. Der 18-jährige Sohn eines Autoverleihers besuchte das College und wollte sich zu Silvester 1952 ein paar Dollar zusätzlich verdienen. Also erklärte er sich bereit, einen Fahrgast zunächst nach Charleston, West Virginia, und dann weiter nach Canton, Ohio, zu chauffieren. Der Job wurde zum Horrortrip.
Der Passagier hieß Hank Williams. In den Jahren zuvor war er zum Star der Country & Western-Szene aufgestiegen. Hits wie »Lovesick Blues«, »Jambalaya« und »Cold Cold Heart« hatten den hageren Mann mit dem verschmitzten Lachen berühmt gemacht. Stars wie Tony BennettBennett, Tony und Jo StaffordStafford, Jo hatten seine Songs gar zu landesweiten Pophits gemacht. So steil jedoch Williams’ Erfolgskurve seit 1946 angestiegen war, so unaufhaltsam hatte sich sein Gesundheitszustand verschlechtert. Von Geburt an litt er unter einer Fehlbildung der Wirbelsäule, die ihm höllische Schmerzen bereitete. Darüber war er zum Trinker und Morphinisten geworden. Im Spätherbst 1952, er war gerade 29 Jahre alt und die Ärzte hatten ihm ein lästiges Korsett verschrieben, ahnte er, dass sein Körper im Begriff war, den Widerstand aufzugeben. Erste Herzprobleme traten auf, nachts konnte er kaum schlafen, er hatte Fieberschübe, Atemprobleme und litt immer öfter unter Inkontinenz. Die Körperpflege vernachlässigte er zusehends, trat mit wirrem Haar und vom Dauerschnupfen geröteter Nase auf, war nur noch Haut und Knochen, im Gesicht aufgedunsen, fahrig in seinen Bewegungen, unkonzentriert und verwirrt: Ein menschliches Wrack. Sein Stolz, seine Würde, sein Esprit – all das war dem schmächtigen, geschwächten Mann restlos abhandengekommen.

Der Vater der modernen Country-Music: Hank WilliamsWilliams, Hank (17. 9. 1923 – 1. 1. 1953) 1951 bei WSM, Nashvilles erstem TV-SenderWilliams, Hank (17. 9. 1923 – 1. 1. 1953)
Und beruflich schien er trotz seiner Charterfolge am Ende: Sein Manager hatte ihn verlassen, die Grand Ole Opry, wichtigste Bühne und Herzkammer der Country & Western Szene, hatte ihn hinausgeworfen. Kaum noch ein Konzertveranstalter wollte ihn buchen, da man sich einfach nicht darauf verlassen konnte, dass er pünktlich und nüchtern auf der Bühne erscheinen würde.
Als Hank WilliamsWilliams, Hank (17. 9. 1923 – 1. 1. 1953) die Engagements in Charleston und Canton antreten will, ist er ein todgeweihter Mann. Bevor er am Nachmittag des 30. Dezember 1952 in seinem von CarrCarr, Charles gesteuerten Cadillac die Stadt verlässt, holt er sich noch ein Morphium-Rezept. Williams trägt einen blauen Anzug, einen marineblauen Mantel, weiße Cowboystiefel und einen weißen Filzhut. Es ist kalt und regnerisch. Als sie nach einer Übernachtung in Birmingham bei Schneetreiben erst mittags in Knoxville, Tennessee, ankommen, weiß der Sänger, dass er es nur noch mit dem Flugzeug rechtzeitig nach Charleston schaffen kann. Wegen des schlechten Wetters aber fällt diese Option aus. Die Show wird ohne ihn stattfinden. Chauffeur und Sänger mieten sich daraufhin im Andrew Johnson Hotel ein. Carr besorgt im Hotel etwas zu essen und verfrachtet den wieder einmal betrunkenen Williams ins Bett. Im Laufe des Abends bekommt der schwere Schluckbeschwerden, woraufhin Carr Williams’ Leibarzt, einen Quacksalber namens Toby MarshallMarshall, Toby, in Montgomery anruft. Der empfiehlt Morphiumspritzen mit Vitamin-B-12-Beigabe. Anschließend bugsieren zwei Hotelangestellte WilliamsWilliams, Hank (17. 9. 1923 – 1. 1. 1953) hinunter zum Auto, wo sie ihn auf den Rücksitz hieven und mit einer Decke und seinem Mantel zudecken. Als Carr losfährt, ist es viertel vor elf Uhr abends. Nach Canton, dem nächsten Auftrittsort nach Charleston, sind es gut 800 Kilometer, und Stagetime für Hank ist schon um 14 Uhr am nächsten Tag.
Irgendwann vor Mitternacht wird der Cadillac in Grainger County, Tennessee, von dem Streifenpolizisten Swan KittsKitts, Swan angehalten, dessen Fahrzeug Carr bei einem Überholmanöver beinahe frontal gerammt hätte. Der Polizist sieht den leblosen Hank auf dem Rücksitz und wird misstrauisch. Er fragt Carr, ob alles in Ordnung sei. Der nickt und erklärt, dass sein Passagier vom Arzt eine Beruhigungsspritze bekommen habe und nun schlafe. KittsKitts, Swan begleitet den Wagen in das nahegelegene Städtchen Rutledge, wo Carr wegen seines Verkehrsvergehens vom Friedensrichter zu einer Geldbuße in Höhe von 25 Dollar verurteilt und dann entlassen wird.
Um ein Uhr setzen die beiden ihre bizarre Fahrt fort. Als Carr in den frühen Morgenstunden an ›Burdette’s Pure Oil Station‹ nahe Oak Hill, Ohio, einen Zwischenstopp einlegt, wird ihm klar, dass sein Passagier, der schon eine Weile keinen Mucks mehr von sich gegeben hat, nicht mehr lebt. Der hilflose Junge fährt zum nächsten Hospital, wo am Neujahrstag um sieben Uhr morgens Hanks Tod festgestellt wird.
Was tatsächlich in jener Nacht geschah, ist bis heute nicht restlos geklärt. Einer anderen Version der Geschichte zufolge soll CarrCarr, Charles bereits an Burdettes Tankstelle die Polizei benachrichtigt haben, die sofort einen Streifenwagen geschickt habe, der den Cadillac dann zum Hospital nach Black Oak geleitete. Der genaue Todeszeitpunkt jedenfalls konnte nicht ermittelt werden. Der diensttuende Arzt hielt es gar für möglich, dass der Tod bereits im Hotel in Knoxville eingetreten war. Dem steht allerdings entgegen, dass die beiden Hotelbediensteten, die Hank dort ins Auto gebracht hatten, später behaupteten, ihn noch husten gehört zu haben.
Ganz geheuer schien den Behörden der sonderbare Todesfall jedenfalls nicht, sie veranlassten eine Obduktion. Das Ergebnis: Einstichspuren an Hanks Unterarmen, Blutungen am Herzen und im Nacken, dazu Spuren übler Schläge – WilliamsWilliams, Hank (17. 9. 1923 – 1. 1. 1953) musste vor nicht allzu langer Zeit einen heftigen Tritt in die Leiste bekommen haben. Als Todesursache wurde ein Versagen der rechten Herzkammer protokolliert. Im Blut des Toten fanden sich Spuren von Alkohol, nicht aber von Drogen – dies vor allem aber wohl deshalb, weil nicht danach gesucht wurde. Im Fond des Unglücksautos wurde neben ein paar Bierdosen ein unvollendetes Textmanuskript mit dem ahnungsvollen Titel »Then Came That Fateful Day« sichergestellt.

»I’ll never get out of this world alive«: Williams’ Trauerfeier am 4. Januar 1953 in Montgomery, AlabamaWilliams, Hank (17. 9. 1923 – 1. 1. 1953)
Die Beerdigung fand bereits drei Tage später am 4. Januar in Montgomery statt. An diesem Sonntagmorgen hielten sich vor dem Municipal Auditorium, in dem die Zeremonie abgehalten wurde, rund 20 000 Menschen auf. Williams war in seinem weißen Bühnenanzug aufgebahrt worden, in den Händen hielt er eine Bibel. Sein Sarg war geschmückt mit Blumengebinden in Gitarrenform.
In diesem kalten Januar eroberte ein neuer, bei Williams’ letzter Session im November 1952 aufgenommener Song die Charts. Dass MGM ausgerechnet »I’ll Never Get Out Of This World Alive« ins Rennen geschickt hatte, war keine Absicht – die Platte war bereits im Dezember veröffentlicht worden. Der Fahrer Charles CarrCarr, Charles sollte die Nacht, als der Hillbilly-Shakespeare Hank WilliamsWilliams, Hank (17. 9. 1923 – 1. 1. 1953) starb, bis ans Ende seiner Tage nicht vergessen.
25. Dezember 1954
Die Ballade von Johnny Ace
Seinen Namen kennt kaum einer. Bob DylanDylan, Bob und Elvis Presley Presley, Elvis (8. 1. 1935 – 16. 8. 1977) aber coverten seine Hits, und Paul SimonSimon, Paul verewigte Johnny Ace Ace, Johnny (9. 6. 1929 – 25. 12. 1954) in einem seiner Songs. Wer war der Mann, der eine der makabersten Traditionen der Showgeschichte begründete?
Die Annalen der Rockmusik halten traurige Legenden bereit, mysteriöse und amüsante. Auch solche, die nicht wahr sind. Und auch viele, die man kaum glauben möchte. Eine der tragischsten stammt aus einer Zeit, als der Rock ’n’ Roll gerade erfunden wurde. Es ist 1954 …
Down in Houston, Texas, on a Christmas night
With a gun in his hand and his name up in lights
He was young and handsome, the Prince of the Blues
In a sharkskin suit and alligator shoes
Was der US-Singer/Songwriter Dave AlvinAlvin, Dave hier zu einem messerscharfen Bluesgitarrenriff hören lässt, ist die wahre Geschichte des John Marshall Alexander Jr., geboren am 9. Juni 1929 in Memphis, Tennessee. Der Song heißt »Johnny Ace Is Dead«, stammt von Alvins 2011er-Album ELEVEN ELEVEN und berichtet, was sich am Abend des ersten Weihnachtstages 1954 in Houston, Texas, zutrug. Dort nämlich gibt Johnny AceAce, Johnny (9. 6. 1929 – 25. 12. 1954), wie sich Alexander als Sänger nannte, ein Konzert.
He was flirting with some women who had come backstage
He said: »Ladies, want to see me play a wild little game?«
But Big Mama Thornton said: »Go, sing your song
And put that damn thing down before something goes wrong!«
In der Pause zwischen zwei Sets kommt es in der Garderobe zu einem folgenschweren Zwischenfall. Big Mama ThorntonThornton, Big Mama ist mit von der Partie. Die schwergewichtige Rhythm ’n’ Blues-Sängerin (»Hound Dog«, »Ball & Chain«) erzählte die Geschichte später so: »Er spielte mit der Pistole, es war aber kein Russisches Roulette. Er hat damit erst auf seine Freundin und dann auf eine andere Frau gezielt, die in der Nähe saß, aber nicht gefeuert. Dann hat er die Waffe auf sich selbst gerichtet, und sie ging los, der Schuss traf ihn seitlich in den Kopf.«
Curtis TillmanTillman, Curtis, Bassist in Big Mamas Tourband, erinnerte sich in einem entscheidenden Detail anders: »Johnny Ace hatte getrunken und wedelte mit der Pistole am Tisch herum, bis jemand sagte: ›Sei vorsichtig mit dem Ding!‹ Und er antwortete: ›Es ist okay, die Waffe ist nicht geladen! Siehst Du?‹ Dann grinste er und hielt sie sich an den Kopf. Bang! Sehr traurige Sache. Schreiend rannte Big Mama aus der Garderobe: ›Johnny Ace hat sich gerade getötet!‹«
Ob Russisches Roulette oder ein Versehen – am ersten Weihnachtstag 1954 stirbt Johnny Ace. Er ist gerade einmal 25 Jahre alt.
The band leader set his saxophone down and said
»I think I better split before the cops come ’round«
While the crowd in the theater slowly drifted away
With their heads hung low, not sure of what to say
Das Publikum verlässt den Ort des Geschehens mit gesenkten Köpfen. Und so mancher denkt dabei über die kurze, höchst erfolgreiche Karriere des Toten nach. Zum ersten Mal gehört haben die meisten von dem schwarzen Jungen mit dem samtweichen Tenor wohl zwei, drei Jahre zuvor, als ihn die Discjockeys der Rhythm ’n’ Blues-Sender im US-Süden entdeckt hatten. Das Lied hieß »My Song«, und es war eine langsame, zu Tränen rührende Ballade, die JohnnyAce, Johnny (9. 6. 1929 – 25. 12. 1954) mit reichlich Herz ins Mikrophon gesungen hatte.
Bis kurz zuvor hatte der Sänger als Soldat im Koreakrieg gedient. Zurück in Memphis, heuerte er dann als Pianist in der Band von B. B. KingKing, B. B. und Bobby BlandBland, Bobby an. King jedoch hatte sich wenig später verabschiedet, um nach Los Angeles zu gehen, und Ace die verbliebene Band übernommen, bei Duke Records unterschrieben und mit »My Song« seine erste Platte gemacht. Im September 1952 hatte das Lied Platz eins der Rhythm ’n’ Blues-Charts erobert und Johnny damit einen Blitzstart ins Plattenbusiness beschert. Don RobeyRobey, Don, der Boss des kleinen Duke-Labels, war zufrieden mit seinem Schützling. Und in den folgenden beiden Jahren hatten die beiden noch genügend Gründe, die eine oder andere Flasche Champagner zu köpfen.

»The Prince of the Blues«: eines der wenigen erhaltenen Fotos von Johnny AceAce, Johnny (9. 6. 1929 – 25. 12. 1954)Ace, Johnny (9. 6. 1929 – 25. 12. 1954)
Kurzum: Johnny schien der nächste Big Shot zu werden. Er sah klasse aus, wusste sich zu kleiden und hatte einen ziemlichen Schlag bei den Ladies – nicht nur, wenn er auf der Bühne stand. Und seine weiteren Platten, allesamt nach dem bewährten »My Song«-Strickmuster produziert, schafften es zuverlässig in die R ’n’ B-Charts: Insgesamt acht Hits in Folge, darunter Titel wie »Cross My Heart«, »Never Let Me Go« (später von Bob DylanDylan, Bob gecovert) und »Saving My Love For You«, hat er gelandet. Die US-Discjockeys wählten ihn Ende 1954 folgerichtig zum vielversprechendsten Künstler des Jahres. Und nun das.
But Big Don Robey, the record company man
With big diamond rings on both of his hands
Said, »I’m gonna send him back to Memphis in a refrigerated truck
Cause Johnny Ace is gonna make me a million bucks«
Dass RobeyRobey, Don am toten Johnny Ace tatsächlich eine Million Dollar verdient hat, darf bezweifelt werden. Sicher aber ist, dass sich der postum veröffentlichte Titel »Pledging My Love« Anfang 1955 zu dessen größtem Hit entwickelt. Zehn Wochen lang belegt er Platz eins der R ’n’ B-Charts und knackt, selten genug in diesen Zeiten, sogar die Top Twenty der Popliste. Später wird der Song unter anderem von Elvis PresleyPresley, Elvis (8. 1. 1935 – 16. 8. 1977), Percy SledgeSledge, Percy, Roy OrbisonOrbison, Roy und Emmylou HarrisHarris, Emmylou neu interpretiert. Als man JohnnyAce, Johnny (9. 6. 1929 – 25. 12. 1954) am 9. Januar 1955 in Memphis zu Grabe trägt, erweisen ihm 5000 Menschen die letzte Ehre.
When Johnny came home to Memphis, Tennessee
Everyone on Beale Street came out to see
There were pimps and gamblers, husbands and wives
Women young and old, all came to say goodbye
And as the choirs sand and the preachers prayed
Five thousand mourners marched him to his grave
Well, there may be a heaven and there may be a hell
No one knows for sure but now Johnny Ace knows damn well
Wohl wahr. Johnny AceAce, Johnny (9. 6. 1929 – 25. 12. 1954) weiß nun, ob es einen Himmel gibt. Und wir wissen, dass er der erste Showstar war, der sich mit einem Revolver versehentlich dorthin geschossen hat. Damit begründete der Verblichene eine makabre Tradition – ihm folgten prominente Kollegen, darunter 1978 der Gitarrist Terry KathKath, Terry von Chicago und 1984 der US-Schauspieler Jon-Erik HexumHexum, Erik.
3. Februar 1959
Der Tag, als die Musik starb
Es ist die Mutter aller Pop-Tragödien: Am 3. Februar 1959 starb der erst 22-jährige Sänger Buddy HollyHolly, Buddy (7. 9. 1936 – 3. 2. 1959) bei einem Flugzeugabsturz im US-Bundesstaat Iowa. Mit an Bord der Unglücksmaschine waren auch Ritchie ValensValens, Ritchie (17) und The Big Bopper Richardson, J. P. »The Big Bopper(28).
Für Bill McGillMcGill, Bill, den stellvertretenden Bezirkssheriff von Cerro Gordo, Iowa, ist es ein grausiger Anblick. Als er an diesem klirrend kalten Februarmorgen des Jahres 1959 an der Einmündung Gull Avenue / 315th St., etwa fünf Meilen nördlich von Clear Lake, aus seinem Auto klettert, pfeift ihm eisiger Wind ins Gesicht. Er steht inmitten schneebedeckter Felder: Es ist gespenstisch still, und unmittelbar vor sich sieht er das vollkommen zerstörte Wrack eines Kleinflugzeugs. Nur wenige Meter entfernt liegen zwei tote Männer im Schnee. Kein Zweifel, es handelt sich um die Beechcraft Bonanza, die in der Nacht zuvor am Mason City Municipal Airport gestartet ist. Auf einem steil in den Winterhimmel ragenden Wrackteil ist die Kennnummer des Flugzeugs N3794N zu lesen. Und ebenso wenig Zweifel hat McGill daran, dass diesen Absturz niemand überlebt haben kann. Alle vier Insassen – Pilot Roger PetersonPeterson, Roger sowie die Passagiere Buddy Holly, Ritchie ValensValens, Ritchie und J. P. »The Big Bopper« RichardsonRichardson, J. P. »The Big Bopper – sind tot. Über Funk ruft McGillMcGill, Bill sein Büro an und berichtet.

Klirrend kalter Februarmorgen: Das Flugzeugwrack, in dem Buddy HollyHolly, Buddy (7. 9. 1936 – 3. 2. 1959), Ritchie Valens und The Big Bopper starbenHolly, Buddy (7. 9. 1936 – 3. 2. 1959)
Die Nachricht verbreitet sich wie ein Lauffeuer: Zuerst meldet der kleine Lokalsender KRIB das Unglück, bald schon weiß es die ganze Nation. Auch die schwangere María Elena HollyHolly, María Elena in New York. Seit sechs Monaten ist die 26-Jährige mit Buddy verheiratet. Durch das Fernsehen erfährt sie von der Katastrophe, die sich im fernen Iowa zugetragen hat. Sie erleidet eine Fehlgeburt.
Eine der Folgen dieses traurigen Tages wird eine neue Richtlinie bei Polizei und Feuerwehr sein, der zufolge die Namen von Unfall- und Verbrechensopfern nicht mehr an die Presse gegeben werden dürfen, bevor die jeweiligen Angehörigen benachrichtigt worden sind.
Bei der Untersuchung des Unglücks kommen haarsträubende Begleitumstände ans Licht. Buddy HollyHolly, Buddy (7. 9. 1936 – 3. 2. 1959) und seine Begleitband befanden sich auf einer 24 Stationen umfassenden Tournee durch den mittleren Nordwesten der USA. Zum Billing gehörten neben Holly und seiner Begleitband auch der 17-jährige Shooting-Star Ritchie ValensValens, Ritchie aus Los Angeles, der gerade mit »La Bamba« seinen Einstandshit gelandet hatte. Dazu standen Abend für Abend The Big BopperRichardson, J. P. »The Big Bopper (»Chantilly Lace«), der junge Dion DiMucciDiMucci, Dion mit seiner Gesangsgruppe The Belmonts und der noch wenig bekannte Sänger Frankie SardoSardo, Frankie auf der Bühne.
Der Tourplan dieser »Winter Dance Party« genannten Unternehmung hätte strapaziöser nicht sein können: Zwischen den Konzerten gibt es keinen einzigen Tag Pause, und die einzelnen Stationen der Reise sind so unvorteilhaft gelegt worden, dass der Tross mit dem Tourbus fast täglich Distanzen von bis zu 500 Meilen hinter sich bringen muss, um von einem Auftrittsort zum anderen zu gelangen – und dies bei Außentemperaturen im deutlich zweistelligen Minusbereich. Dafür stellt man den Musikern ausgemusterte Schulbusse zur Verfügung, die kaum länger als drei Tage halten. Holly-Biograph Bill GriggsGriggs, Bill hat errechnet, dass auf den absolvierten elf Tour-Etappen fünf verschiedene Fahrzeuge benutzt wurden, bei denen etwa die Motoren den Geist aufgaben und regelmäßig die Heizungen ausfielen. Carl BunchBunch, Carl, Drummer in Hollys Band, muss deshalb unterwegs mit Erfrierungen an den Füßen in ein Krankenhaus eingeliefert werden. Zudem reisen die Musiker ohne eine Tour-Crew und sind folglich für den Auf- und Abbau ihres Equipments vor Ort selbst zuständig. Geschlafen wird im Bus, Wäsche waschen, Körperpflege etc.: Fehlanzeige. Kein Wunder, dass unterwegs einer nach dem anderen krank wird.

Rockpionier mit Fender-Gitarre und Hornbrille: Buddy HollyHolly, Buddy (7. 9. 1936 – 3. 2. 1959) im März 1958 bei einem TV-Auftritt für die englische BBCHolly, Buddy (7. 9. 1936 – 3. 2. 1959)
In Clear Lake, der elften Station der Reise, hat Buddy Holly dann auch die Nase voll. Er bittet Carroll AndersonAnderson, Carroll, den Manager des Surf Ballroom, wo die Show stattfinden soll, ein Flugzeug zu chartern, damit zumindest er und seine Band zügig ins knapp 400 Meilen entfernte Fargo, North Dakota, kommen, wo der nächste Auftritt stattfinden soll. Sie wollen endlich einmal etwas Schlaf bekommen und sich um ihre Wäsche kümmern können. Für 108 Dollar bucht AndersonAnderson, Carroll auf dem nahegelegenen Flugplatz in Mason City die Maschine einer kleinen Charterfirma. Drei Passagiere können mitfliegen, macht pro Nase 36 Dollar (heute etwa 250 €). Neben HollyHolly, Buddy (7. 9. 1936 – 3. 2. 1959) sollen Bassist Waylon JenningsJennings, Waylon und Gitarrist Tommy AllsupAllsup, Tommy dabei sein. Beide aber bleiben letztlich am Boden: Jennings, der in den 1970er Jahren einer der bekanntesten Stars der US-Countryszene werden sollte, gibt seinen Platz dem grippekranken Big BopperRichardson, J. P. »The Big Bopper, und Tommy Alsup verliert sein Ticket kurz vor dem Abflug im Würfelspiel an Ritchie ValensValens, Ritchie.
Um kurz nach halb eins in der Nacht erreichen die drei Passagiere den Flugplatz. Der 21-jährige Pilot Roger Peterson wartet schon. Zwar hat er bereits einige Flugerfahrung gesammelt, über eine Lizenz zum Instrumentenflug aber verfügt er nicht. Das Wetter soll unterwegs schlecht werden, ein Blizzard ist angekündigt. PetersonPeterson, Roger aber wird nicht informiert.
Es ist 0:55 Uhr Ortszeit. Hubert J. DwyerDwyer, Hubert J., der Besitzer der Charterfirma, sieht seine Maschine ohne Zwischenfälle starten. Dann aber beobachtet er, wie ihre Rücklichter langsam und stetig am Horizont tiefer sinken. Er versucht, den Piloten zu erreichen. Der aber meldet sich nicht mehr. Auch kann der Flugplatz in Fargo die Ankunft der Bonanza-Maschine bis zum Morgen nicht bestätigen. Erst gegen neun Uhr ist es hell genug, so dass sich DwyerDwyer, Hubert J. in eine andere Maschine setzen und nach seinem verschollenen Flugzeug suchen kann. Er entdeckt es ungefähr fünf Meilen nördlich von Clear Lake und benachrichtigt das Büro des Sheriffs. Bill McGillMcGill, Bill fährt zur Absturzstelle und findet die Leichen von ValensValens, Ritchie und Holly neben dem Flugzeug. Die von Richardson liegt etwas weiter entfernt, Pilot PetersonPeterson, Roger ist im Wrack eingeklemmt.
Zum Zeitpunkt seines Todes war Buddy Holly erst 22 Jahre alt, galt aber längst schon als einer der einflussreichsten Musiker des Rock ’n’ Roll. Seit 1957 hatte er eine stattliche Hitserie gelandet, darunter »That’ll Be The Day«, »Peggy Sue« und »Oh Boy!«. Zudem war er der erste Musiker, der die klassische Rockbandbesetzung mit zwei Gitarren, Bass und Drums etablierte. Jede Menge spätere Stars, allen voran die Beatles und die Rolling Stones, beriefen sich ausdrücklich auf seine Musik.
Der 3. Februar ging in die Pop-Annalen ein als der Tag, an dem die Musik starb. Maßgeblich verantwortlich für diese Formulierung ist der US-Singer/Songwriter Don McLeanMcLean, Don, der die Tragödie um Buddy HollysHolly, Buddy (7. 9. 1936 – 3. 2. 1959) Tod in seinem Welthit »American Pie« verarbeitete: »I can’t remember if I cried / when I read about his widowed bride, / something touched me deep inside / the day the music died.«
11. Dezember 1964
Ein Schuss im Motel
Zweifel an der offiziellen Version bestehen bis heute: Am 11. Dezember 1964 wurde Sam Cooke Cooke, Sam (22. 1. 1931 – 11. 12. 1964) in einem Motel in Los Angeles erschossen. Obwohl nie in Frage stand, wer geschossen hat, führen die unklaren Begleitumstände der Tat bis heute zu Spekulationen…
Zwei Anrufe gehen an diesem 11. Dezember 1964 in der Notrufzentrale der Los Angeles Police ein, und beide hängen zusammen: Zuerst meldet sich eine gewisse Elisa BoyerBoyer, Elisa und behauptet, sie sei gerade nur knapp einer Entführung und Vergewaltigung entkommen. Wenige Augenblicke später geht ein weiterer Notruf ein, diesmal von Evelyn CarrCarr, Evelyn: Sie gibt sich aus als die Besitzerin des Hacienda Motel, 9137 South Figueroa St., und berichtet, dass sie soeben mit ihrer Angestellten Bertha FranklinFranklin, Bertha im Motel telefoniert und dabei mitgehört habe, wie es zwischen Franklin und einem Gast zu einem heftigen Streit gekommen und dabei ein Schuss gefallen sei.
Als die Polizei wenig später am Tatort eintrifft, findet sie in Franklins kleinem Portiersbüro einen leblosen Mann auf dem Boden. Sein Körper ist seitlich an den Türrahmen gelehnt, sein Kopf nach vorn geneigt und gegen die Wand gelehnt, ein Bein ist angewinkelt, der Mann trägt nichts als ein dunkles Sakko und einen Schuh, er ist 33 Jahre alt, tot und Sam Cooke, Amerikas erfolgreichster schwarzer Sänger.
Nachdem die Polizei die Aussagen aller Beteiligten aufgenommen und die Indizien ausgewertet hat, ergibt sich folgender Verlauf des Abends: Zunächst hat Cooke im Restaurant Martoni’s zu Abend gegessen und getrunken. Dort hat er die 22-jährige Elisa Boyer kennengelernt. Anschließend haben beide zusammen das Restaurant verlassen. Boyer will Cooke gebeten haben, sie nach Hause zu fahren. Der Sänger aber hielt mit seinem Ferrari vor dem Motel, checkte dort ein und nahm Boyer mit auf sein Zimmer. Dort soll er sie auf das Bett geworfen und ihr das Kleid zerrissen haben. Als er sich daraufhin ins Bad begab, ergriff BoyerBoyer, Elisa die Chance, floh und nahm dabei Cookes Kleidung mit – versehentlich, wie sie behauptete. Der aufgebrachte Cooke rannte daraufhin nur mit seinem Sakko bekleidet zur Rezeption, um dort Bertha Franklin nach dem Verbleib des Mädchens zu fragen. Franklin behauptete, nicht zu wissen, wo die Frau sei, woraufhin Cooke handgreiflich wurde. Franklin griff zur Waffe und schoss, wie sie sagte, in Notwehr auf Cooke. Die Kugel traf ihn in die Brust. CookeCooke, Sam (22. 1. 1931 – 11. 12. 1964) soll gestöhnt haben: »Lady, Sie haben mich angeschossen!« FranklinFranklin, Bertha habe ihm, so berichtet sie, noch einmal mit einem Stock auf den Kopf geschlagen. Dann sei er zusammengebrochen.

Unklare Begleitumstände: der tote Sam CookeCooke, Sam (22. 1. 1931 – 11. 12. 1964) auf dem Fußboden des Portiers-Büros im Hacienda Motel, Los AngelesCooke, Sam (22. 1. 1931 – 11. 12. 1964)
In den wesentlichen Punkten stützt sich der Polizeibericht auf die Aussagen von Boyer und Franklin. Die Angaben der Hotelbesitzerin CarrCarr, Evelyn bestätigten Franklins Version des Tathergangs. Beide Frauen, Franklin und Boyer, die wenige Jahre später wegen Prostitution verhaftet und 1979 in einem anderen Fall wegen Totschlags verurteilt wurde, stellten sich während der Untersuchung einem Test mit dem Lügendetektor. Unter Berücksichtigung aller Umstände, nicht zuletzt dem, dass Cooke zur Tatzeit unter erheblichem Alkoholeinfluss stand, erkannten die Behörden auf Notwehr (»justifiable homicide«).
Cookes Familie und Freunde sahen das anders. Vor allem seine Familie argwöhnte von Anfang an, dass die Aussagen der beteiligten Frauen abgesprochen waren, um ein Mordkomplott zu verdecken. Unklar blieb vor allem die Rolle von BoyerBoyer, Elisa. Plausibler erschien vielen die Vermutung, sie habe den Moment, als Cooke im Bad verschwand, genutzt, um mit dem Geld aus seiner Hose das Weite zu suchen. Die R ’n’ B-Sängerin Etta JamesJames, Etta hat Cookes Leichnam gesehen. Sie schrieb später in ihrer Autobiographie, dass die Verletzungen des Stars weit schlimmer waren als der offizielle Bericht ahnen ließ, und dass sie ihm keinesfalls nur von Bertha FranklinFranklin, Bertha allein zugefügt worden sein könnten. Manche vermuteten gar, dass Manager Allen KleinKlein, Allen hinter Cookes Tod steckte. Klein hatte 1963 Cookes Geschäfte übernommen und wurde später berüchtigt für seine Managementmethoden: Seine Klienten Beatles und Rolling Stones verklagten ihn jeweils auf Millionenbeträge. Trotz aller Zweifel an der offiziellen Version von Cookes Tod aber sind bislang keine Fakten oder gar Beweise aufgetaucht, die das Untersuchungsergebnis widerlegen könnten.
Unabhängig von den nebulösen Begleitumständen dieses Todesfalls aber steht fest: An jenem 11. Dezember 1964 verlor die junge Popmusik eine ihrer ganz großen Stimmen. Samuel Cooke, geboren am 22. Januar 1931 als Sohn eines Baptistenpfarrers in Clarksdale, Mississippi, hatte seine professionelle Karriere 1950 als Leadsänger der Gospelgruppe The Soul Stirrers begonnen. Neben seinem weichen, auf Anhieb wiedererkennbaren, samtig gequetschten Tenor war es vor allem auch sein gutes Aussehen, das die Soul Stirrers zum wohl erfolgreichsten Act in der Gospelszene machte und der Gruppe eine große weibliche Gefolgschaft einbrachte. CookeCooke, Sam (22. 1. 1931 – 11. 12. 1964) nutzte seine Popularität dazu, 1957 eine Solokarriere als Popsänger zu beginnen, und landete vom Start weg eine beeindruckende Hitserie. Songs wie »You Send Me«, »Twistin’ The Night Away« und »Bring It On Home To Me« schrieb er selbst, kümmerte sich außerdem um die Arrangements und gründete ein eigenes Plattenlabel, was ihm eine weitgehend selbstbestimmte Karriere erlaubte – für einen schwarzen Künstler in jener Zeit revolutionär. Überdies war er einer der einflussreichsten Gesangskünstler in der Geschichte der populären Musik. Nicht nur Soulsänger, auch die nachfolgenden Generationen weißer Rocksänger von Rod StewartStewart, Rod bis Paul YoungYoung, Paul beriefen sich explizit auf ihn. Kenner sahen Cooke auf Augenhöhe mit Ray CharlesCharles, Ray, James BrownBrown, James und Stevie WonderWonder, Stevie.

»A change is gonna come«: Sam CookeCooke, Sam (22. 1. 1931 – 11. 12. 1964) wurde zum Wegbereiter des frühen Soul und beeinflusste Legionen von weißen Rocksängern.Cooke, Sam (22. 1. 1931 – 11. 12. 1964)
Im Privatleben allerdings war er das, was man früher einmal einen Bruder Leichtfuß genannt hat. Die Frauen liebten ihn, er ließ sich das gerne gefallen und nichts anbrennen. Cooke war zweimal verheiratet, drei Kinder gebar ihm seine zweite Ehefrau Barbara, mindestens drei weitere stammten aus außerehelichen Beziehungen. Doch auch schlimme Schicksalsschläge musste er wegstecken: Seine erste Ehefrau Dolores starb 1959, kurz nach der Scheidung, bei einem Autounfall, und sein zweijähriger Sohn Vincent ertrank 1963 im heimischen Swimmingpool.
Zu Sam Cookes Trauerfeier am 18. Dezember 1964 in Chicago erschienen 60 000 Menschen. Sie wussten, dass da viel zu früh einer der ganz Großen gegangen war. Was ihnen und seinem Millionenpublikum blieb, war die Musik. Vier Tage nach der Beisetzung wurde Sam CookesCooke, Sam (22. 1. 1931 – 11. 12. 1964) neue Single veröffentlicht. Mit »A Change Is Gonna Come« enthielt sie eine Ballade, die er unter dem Eindruck der »I have a dream«-Rede von Martin Luther KingKing, Martin Luther geschrieben hatte und die nun zu einer der bekanntesten Hymnen der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung werden sollte.
18. Mai 1967
Auf Sand gebaut
Um kein Popalbum ranken sich mehr Rätsel, Gerüchte und Legenden als um SMILE, das unvollendete Meisterwerk der Beach Boys. Die Aufnahmen endeten 1967 in einem Desaster, das Brian WilsonsWilson, Brian (* 20. 6. 1942) ohnehin labile psychische Gesundheit endgültig ruinierte.
Beim Komponieren am heimischen Klavier mit den Zehen im Sand spielen. Schöne Sache, denkt sich Ober-Beach-Boy Brian Wilson und lässt in seinem Wohnzimmer in Los Angeles einen veritablen Strand aufschütten. Er kann sich solche Spleens leisten. 1966 befindet er sich auf der Höhe seines Schaffens und im Zenit seines Ruhms. Im Mai ist das elfte Studioalbum der Beach Boys in nur fünf (!) Jahren erschienen. PET SOUNDS heißt es, und es ist zum künstlerischen Triumph, zum popkulturellen Quantensprung und nicht zuletzt zur Denkaufgabe für die tausende Meilen entfernt in London hockende Konkurrenz geworden.
Als die Beach Boys ab 1962 erste nationale Hits gelandet hatten, simple Sachen wie »Surfin’ U.S.A.« und »Surfer Girl«, war das Rezept noch einfach gewesen: ein paar Chuck-Berry-Riffs, chromblitzende Gesangsharmonien und Texte über Surfbretter, Hotrods und Girls.
Brian Wilson aber wollte mehr. Und er wusste, wie’s geht. Er verfeinerte die jazz- und swingbasierten Barbershop-Harmonien der Four Freshmen und kombinierte sie mit Phil SpectorsSpector, Phil Wall Of Sound, dazu nahm er Marihuana und entdeckte allerlei exotische Instrumente. Heraus kam dabei das großartige 1965er-Album SUMMER DAYS.
Für das nächste Werk tat sich der BB-Songwriter und -Produzent mit Tony AsherAsher, Tony zusammen, der, im Unterschied zum bis dahin für die Lyrics verantwortlichen Mike LoveLove, Mike, persönlichere, introspektive Texte lieferte. Zudem spürte der Autodidakt Wilson nun den Giganten des Great American Songbook nach, Männern wie Cole PorterPorter, Cole, den Gershwins, Richard RodgersRodgers, Richard und Oscar Hammerstein III.Hammerstein III., Oscar Sein Ziel: Er wollte der beste Songwriter werden.
Wilsons Mitstreiter allerdings betrachteten den zunehmenden Produktionsaufwand, die anspruchsvollen Kompositionen und komplizierten Arrangements mit wachsender Skepsis. Schon während der Arbeit am SUMMER DAYS-Nachfolger PET SOUNDS maulte Mike LoveLove, Mike, man solle bei der bewährten Formel bleiben. Das Selbstverständnis der Beach Boys war noch tief verwurzelt in der Entertainmentkultur des alten US-Showbusiness. Dessen erklärter Zweck bestand in sauberer Familienunterhaltung und größtmöglichem (finanziellem) Erfolg, eine Haltung, die weder an der bluesgefärbten Bilderstürmerei des jungen Rock interessiert noch von dem künstlerischen Ehrgeiz getragen war, mit dem in Londons Abbey Road George MartinMartin, George und die Beatles die Grenzen des Pop immer wieder aufs Neue einrissen. Ganz zu schweigen vom freigeistigen Genius, den Bob DylanDylan, Bob verkörperte. Die Beach Boys waren altmodisches Showbiz – und damit Brian WilsonsWilson, Brian (* 20. 6. 1942) größtes Problem: Seine Visionen hatten die schlichten Vorstellungen der Bandkollegen längst überflügelt.
PET SOUNDS schlägt in Europa zwar wie ein Bombe ein und etabliert die Band als neben Beatles, Stones und DylanDylan, Bob führende Kraft: In den USA aber schneidet es mit Platz zehn in den Billboard-Charts so schlecht ab wie kein Beach-Boys-Album zuvor. Noch einmal aber kann Wilson alle Zweifler zum Schweigen bringen: »Good Vibrations«, ein Track de Force in jeglicher Beziehung und mit vier verschiedenen Aufnahmestudios, mehr als 90 Sessionstunden sowie einem Budget von damals unvorstellbaren 50 000 Dollar ein produktionstechnischer Exzess ohne Beispiel, landet im Herbst 1966 auf beiden Seiten des Atlantiks auf Platz eins und gilt als kaum zu toppendes Wunderwerk der modernen Popkunst.

Genie und Wahnsinn: Brian WilsonWilson, Brian (* 20. 6. 1942) bei der Arbeit in den Capitol Studios, Los AngelesWilson, Brian (* 20. 6. 1942)
Prompt wird der 24-jährige Wilson als Genie gefeiert. Derweil sucht sich der so Gelobte mit dem Lyriker Van Dyke ParksParks, Van Dyke einen neuen Partner, spielt mit den Zehen im Wohnzimmersand und komponiert die Lieder für SMILE: Wilson stellt sich eine »Teenage Opera to God« vor – ein alle Regeln und Formen des Pop sprengendes Welttheater soll es werden, eine Reise durch das historische Amerika, getragen vom Spirit des Hippie-Movements, erfüllt von der Botschaft universeller Liebe und inszeniert vom brillantesten aller Szeneköpfe.
Tatsächlich aber hat die nervenaufreibende Produktion von »Good Vibrations« Wilson an den Rand seiner Belastungsfähigkeit geführt, und das ist ›nur‹ eine Single gewesen. Die Arbeit am neuen Album, dessen Veröffentlichung für Januar 1967 geplant ist, überfordert den ohnehin labilen und inzwischen durchgehend von künstlichen Stimulanzien aller Art bedröhnten Wilson dann auch zusehends, zumal er unter deutlich schwierigeren Bedingungen arbeiten muss als die von allen Seiten gehätschelten Beatles. Wo die Fab Four von ihrem väterlichen Mentor George MartinMartin, George alle künstlerischen Freiheiten und jede Unterstützung der Plattenfirma erhalten, sieht sich Wilson wachsendem Argwohn ausgesetzt. Je schleppender die Dinge im Winter 1967 vorangehen, desto stärker wird das Störfeuer aus den eigenen Reihen. Weder die Band noch die Manager von Capitol Records machen einen Hehl daraus, dass sie den jungen Maestro nur für einen durchgeknallten Spinner halten. Nicht ganz zu Unrecht: So verlangt BrianWilson, Brian (* 20. 6. 1942), dass die Band ihre Gesangsparts rücklings auf dem Boden liegend einsingen soll. Und einmal will er ein leibhaftiges Pferd für Aufnahmen ins Studio holen. Allmählich jedenfalls verliert er die Kontrolle, verzettelt sich mehr und mehr, verwirft im Wochenrhythmus fertige Aufnahmen und hinkt dem Zeitplan bald uneinholbar hinterher.
Es kommt, wie es kommen muss: Im Mai 1967 haben alle Beteiligten die Nase voll. Am 18. Mai zieht Capitol den Stecker und gibt das Projekt offiziell auf. SMILE ist gescheitert und buchstäblich auf Sand gebaut – jenen in Wilsons Wohnzimmer. Im September 1967 veröffentlichen die Beach Boys stattdessen SMILEY’S SMILE, ein Album mit Fragmenten der SMILE Sessions und läppischem Füllmaterial. Die Platte floppt, und die Band braucht Jahre, um sich künstlerisch und kommerziell von diesem Fiasko zu erholen.
Und Wilson? Das vermeintliche Meisterwerk hat ihn so sehr zermürbt, dass er nicht nur entnervt das Handtuch geworfen, sondern das Interesse an den Beach Boys nun endgültig verloren hat. Zumal die Welt längst zu SGT. PEPPER’S LONELY HEARTS CLUB BAND und damit zur transatlantischen Antwort auf PET SOUNDS tanzt. Auf Jahrzehnte hinaus ist der psychisch angeschlagene Wilson zu kontinuierlicher musikalischer Arbeit nicht mehr fähig.

Späte Rückkehr: Im reifen Alter gelang Brian WilsonWilson, Brian (* 20. 6. 1942) ein weltweit erfolgreiches Bühnencomeback.Wilson, Brian (* 20. 6. 1942)
Erst im Laufe der 1990er Jahre konsolidierte sich sein Gesundheitszustand so weit, dass er seine Karriere fortsetzen konnte. SMILE aber wurde zum Mythos, Teile der Sessions zirkulierten auf Bootlegs, ansonsten aber wusste niemand Genaues. 2004 endlich veröffentlichte WilsonWilson, Brian (* 20. 6. 1942) mit BRIAN WILSON PRESENTS SMILE eine überarbeitete Version des originalen Albumkonzepts, die er auch live aufführte. 2011 erschien das 5-CD-Boxset THE SMILE SESSIONS. Immerhin.
10. Dezember 1967
Der Soulman, der vom Himmel fiel
Er war der begabteste Soulsänger seiner Generation und auf dem Sprung zum Weltruhm: Am 10. Dezember 1967 starb Otis ReddingRedding, Otis (9. 9. 1941 – 10. 12. 1967) bei einem Flugzeugabsturz im US-Bundesstaat Wisconsin. Seinen größten Hit hatte er erst wenige Tage zuvor aufgenommen.
Man kann das körnige Schwarzweißfoto kaum anschauen: Zwei in einem wackeligen Boot stehende Männer ziehen einen dritten aus den Fluten. Sein blutverschmiertes Gesicht ist zu sehen, die Augen sind geschlossen. Er sieht friedlich aus, fast als würde er schlafen. Seine dunkle Kleidung ist vom Wasser durchtränkt. Der leblose Körper hängt an einem Seilzug, der von weiteren Männern in Gummistiefeln betätigt wird. Das Foto ist berühmt. Aufgenommen wurde es am 11. Dezember 1967. Es zeigt den toten Otis Redding, den besten Soulsänger mindestens seiner Zeit.
Geboren am 9. September 1941, absolviert Otis Ray Redding Jr. auf seinem Weg ins Showbiz die für einen Afroamerikaner damals typischen Stationen: Aufgewachsen ist er als ältester Sohn eines Baumwollpflückers und Gelegenheitspredigers, der ihn bereits in jungen Jahren in einen Baptistenchor steckt. Der Kleine hat Spaß am Singen, lernt nebenbei Gitarre, Klavier und Schlagzeug und darf schon als Teenager bei der Radiostation WIBB in Macon, Georgia, Gospelsongs vortragen – für immerhin sechs Dollar pro Auftritt. Als der Vater an Tuberkulose erkrankt, sieht sich der 15-Jährige gezwungen, Geld für die Familie zu verdienen. Er verlässt die Schule, jobbt hier und da und findet in Macon allmählich auch Gehör beziehungsweise erste bezahlte Gigs als Sänger. 1960, mit erst 18 Jahren, wird er selbst Vater. Ein Jahr später heiratet er Zelma, die ihm zwei weitere Kinder schenken wird.
Sein Talent beginnt sich in der schwarzen Szene herumzusprechen, erste professionelle Engagements, etwa bei Johnny JenkinsJenkins, Johnny und Pat T. Cake & The PanthersCake, Pat T. folgen. Der junge Sänger reiht sich ein in das Heer der schwarzen Musiker, die den berüchtigten Chitlin’ Circuit beackern, ein über die Südstaaten bis an die Ostküste und nach Kalifornien reichendes Netz von schwarzen Live-Clubs. Hier lernt Redding seinen Job von der Pike auf.
1962 dann kommt es zur ersten Begegnung mit Estelle AxtonAxton, Estelle und Jim StewartStewart, Jim, den Gründern des Stax/Volt Labels in Memphis, Tennessee. Sie erkennen Otis’ Potential und geben ihm einen Vertrag, fortan gehört der 21-Jährige zur Stax-Familie. Bereits sein Einstand mit »These Arms Of Mine« lässt aufhorchen. Beharrlich arbeitet er sich nun hoch, auf weitere Hits allerdings muss er warten. 1965 endlich platzt der Knoten, »Mr. Pitiful«, »I’ve Been Loving You Too Long« und »Respect« knacken die R ’n’ B-Top-Ten. Mit dem Album OTIS BLUE findet er seinen Stil und landet seine erste Nummer eins in den R ’n’ B-Albumcharts.
ReddingRedding, Otis (9. 9. 1941 – 10. 12. 1967) entpuppt sich schnell als weit mehr als ›nur‹ ein neuer Soulsänger. Er ist Herz und Seele von Stax. In ihm bündelt sich alles, wofür der Stax-Soul steht: der bodenständige, an Gospeltraditionen ebenso wie an Little RichardLittle Richard – was ein und dasselbe ist – geschulte Gesangsstil, die raue, heisere Stimme, der bis an die Grenze zur Ekstase intensive Vortrag, die schier überbordende Kraft und das warmherzige Charisma des 1,85-Meter-Mannes: Live ist er unwiderstehlich, umgarnt das Publikum, reißt es mit, beruhigt es wieder, um es nur erneut anzupeitschen – je nachdem, wie er es will.

Kraft und Charisma: Otis ReddingRedding, Otis (9. 9. 1941 – 10. 12. 1967) wurde zum ersten Star des Southern Soul, der auch ein weißes Publikum eroberte.Redding, Otis (9. 9. 1941 – 10. 12. 1967)
Musikalisch wird Redding zur besten Visitenkarte des Labels. Er schreibt seine Songs selbst und gelegentlich auch mit Steve CropperCropper, Steve, dem Gitarristen der Stax-Hausband Booker T & The MGs. Sie alle zusammen fabrizieren den Sound, der den Southern Soul definiert: eine kraftvolle Rhythmusgruppe, präzise Gitarrenriffs und machtvolle Bläsersätze. Zwar singt Redding vorerst nur für ein schwarzes Publikum. Dennoch reicht sein Einfluss schon weit über den Tellerrand der R ’n’ B-Szene hinaus. So covern die englischen Rolling Stones auf ihren ersten Platten seine Hits »That’s How Strong My Love Is« und »Pain In My Heart«. Im Gegenzug nimmt der musikalische Kosmopolit Redding deren »(I Can’t Get No) Satisfaction« auf – Rolling Stone Keith RichardsRichards, Keith zieht Reddings Version der Originalversion seiner eigenen Band bis heute vor. Überhaupt: Reddings Sensibilität für den weißen Pop ist es, die ihn bald vom Gros der schwarzen Soulmen unterscheidet.
Im Frühling 1967 unternimmt er mit der Stax/Volt Revue eine umjubelte Europatournee, dazu beglückt er mit seiner explosiven Bühnenshow als erster afroamerikanischer Soulkünstler ein weißes Hippiepublikum beim Monterey Pop Festival. Redding entdeckt den weißen Markt für sich. Er überdenkt nun seine Karrierestrategie und strebt einen musikalischen Kurswechsel an.
Damit allerdings stößt er bei Stax auf pures Unverständnis: Als er im Dezember 1967 seinen neuen Song »(Sittin’ On) The Dock Of The Bay«, eine ungewöhnlich entspannte Ballade, aufnehmen will, lehnen Bassist Duck DunnDunn, Duck, Labelchef Jim StewartStewart, Jim und Reddings Management die Nummer rundweg ab. Wie Otis’ Ehefrau Zelma weiß, beschäftigt sich Redding zu dieser Zeit intensiv mit dem SGT. PEPPER’S-Album der Beatles und sucht bewusst einen Zugang zum weißen Pop-Publikum: »Er erkannte, dass er in eine völlig neue Phase trat. Plötzlich kam er bei den Weißen an, die sich vor 1967 nie für Otis ReddingRedding, Otis (9. 9. 1941 – 10. 12. 1967) interessiert hatten.«
Gegen alle Widerstände nimmt der 26-jährige Soulstar den Song am 7. Dezember 1967 in den Stax Studios auf. Den Triumph, den das Lied ihm bescheren wird, erlebt er freilich nicht mehr. Im Anschluss an die Session bricht Redding mit seiner Band, den Bar-Kays, auf, um diverse Konzerttermine zu absolvieren. Am 9. Dezember stehen Auftritte in Cleveland, Ohio, auf dem Programm. Am Morgen danach steigen die Musiker in ihre Beechcraft H18, um für eine weitere Show nach Madison, Wisconsin, zu fliegen. Trotz des stürmischen Regenwetters und schlechter Sicht geht zunächst alles gut. Knapp sieben Kilometer vor dem Zielflughafen Truax Field in Madison bittet der Pilot um Landeerlaubnis – es ist das letzte Lebenszeichen der Besatzung. Wenig später findet man die Maschine unweit der Landebahn im Lake Monona. Sämtliche Insassen sind tot, lediglich Trompeter Ben CauleyCauley, Ben hat überlebt. Bis kurz vor dem Crash hat er geschlafen, und das Letzte, woran er sich erinnert, ist der Moment, als er seinen Gurt löst. Dass der Nichtschwimmer im eisigen Wasser des Sees nicht ertrinkt, verdankt er einem Sitzpolster, an das er sich verzweifelt klammert.

Der Tag danach: Hilfskräfte bergen Otis ReddingsRedding, Otis (9. 9. 1941 – 10. 12. 1967) Leichnam aus dem Lake Monona, Madison, Wisconsin.Redding, Otis (9. 9. 1941 – 10. 12. 1967)
Das Wrack und die Opfer werden einen Tag später aus dem eisigen Wasser geborgen. Die Umstände des Absturzes sind bis heute ungeklärt. Bei der Trauerfeier am 18. Dezember im City Auditorium in Macon geben Otis Redding 4500 Menschen das letzte Geleit. Den Sarg tragen u. a. Solomon BurkeBurke, Solomon, Arthur ConleyConley, Arthur, Joe SimonSimon, Joe, Johnnie TaylorTaylor, Johnnie und Joe TexTex, Joe. »(Sittin’ On) The Dock Of The Bay« erscheint im Januar 1968 als Single und steht am 16. März auf Platz eins der Billboard Popcharts – Otis ReddingRedding, Otis (9. 9. 1941 – 10. 12. 1967) hatte damit den Schritt zum weißen Publikum endgültig geschafft.
3. Juli 1969
Ein Stein verglüht
Als Brian Jones Jones, Brian (28. 2. 1942 – 3. 7. 1969) in der Nacht zum 3. Juli 1969 tot aufgefunden wurde, hatte die Popwelt eine Symbolfigur der Swinging Sixties verloren. Um das Ende des Rolling-Stones-Gründers allerdings ranken sich bis heute wilde Gerüchte – bis hin zum Mordverdacht …
Mitternacht auf Cotchford Farm, einem idyllischen Anwesen in der Grafschaft Sussex. Zu hören ist vielleicht das Rauschen des nicht weit entfernten Wäldchens und hier und da eine zirpende Grille. Dazu das Plätschern von Wasser. Und Stimmen. Zwei Männer kühlen sich in dieser lauen Sommernacht im Garten ab, sie ziehen ein paar Bahnen im alten Swimmingpool des Anwesens. Die Freundinnen der beiden, Janet LawsonLawson, Janet und Anna WohlinWohlin, Anna, halten sich im Haus auf. Später werden sie zu Protokoll geben, dass der Bauunternehmer Frank ThorogoodThorogood, Frank nach einer Weile wieder hereinkam, um Zigaretten zu holen. Erst eine Viertelstunde später fällt LawsonLawson, Janet auf, dass etwas nicht stimmen kann, denn draußen ist es plötzlich still. Sie geht hinaus und findet den anderen Mann: Brian Jones, Hausherr und schon damals legendärer Gründer der Rolling Stones, liegt tot auf dem Grund des Pools.

Unfall oder Mord? Cotchford Farm, das Anwesen mit dem Pool, in dem Brian JonesJones, Brian (28. 2. 1942 – 3. 7. 1969) am 3. Juli 1969 den Tod fandJones, Brian (28. 2. 1942 – 3. 7. 1969)
Wer war diese mythische Gestalt, die wie eine Supernova durch die 1960er Jahre irrlichterte und einen in sämtlichen Farben des Regenbogens leuchtenden Schweif hinterließ, der bis in unsere Gegenwart strahlt? Geboren wird Lewis Brian Hopkins am 28. Februar 1942 in Cheltenham, Gloucestershire. Als Kind schon lernt er Klavier, Saxophon und Klarinette. Und er entdeckt den Blues. Mit siebzehn dann die erste Gitarre. Als Brian 1961 den Bluesmann Sonny Boy WilliamsonWilliamson, Sonny Boy auf einer Englandtournee erlebt, steht fest: Er wird Musiker werden.
Da ist er gerade 19 Jahre alt und bereits dreifacher Vater (sein erster Sohn kam 1959 zur Welt, die Mutter war gerade 14). Im Spätsommer 1961 zieht er mit Freundin Pat AndrewsAndrews, Pat nach London. Bald schon hat er Anschluss gefunden, wohnt zeitweise bei Alexis KornerKorner, Alexis, dem Ziehvater der embryonalen Londoner Bluesszene. Jones entdeckt die Slide-Gitarre und gibt öffentliche Kostproben seines Talents bei Korners Band Blues Incorporated. In Anlehnung an sein Idol Elmore JamesJames, Elmore nennt er sich nun Elmo Lewis.
Auftritt JaggerJagger, Mick/RichardsRichards, Keith: Die beiden 18-Jährigen haben sich ebenfalls dem Blues verschrieben und treffen im Frühling 1962 im Ealing Jazz Club auf den blonden Boheme. Man freundet sich an, und wenige Wochen später sind die Rolling Stones gegründet – unter Führung von Brian Jones, wie er sich nun nennt. Von Anfang an gibt es Spannungen in der Gruppe, jener später dienstältesten Band der Welt, zu der im Winter 1963 auch Bassist Bill WymanWyman, Bill und Drummer Charlie WattsWatts, Charlie stoßen. Als selbsternannter Manager genehmigt sich JonesJones, Brian (28. 2. 1942 – 3. 7. 1969) heimlich einen fünfprozentigen Zuschlag auf die ansonsten brüderlich geteilten Gagen.
Im Juni 1963 erscheint mit »Come On« die erste Single, das Debütalbum folgt im April 1964. Ein Jahr später schon zählen die Newcomer zur Elite des UK-Pop. Es ist erst der Anfang. Mit »The Last Time« schicken die Stones im Februar 1965 ihre erste selbstgeschriebene Single ins Rennen – Nr. 1! Es folgen »(I Can’t Get No) Satisfaction«, »Get Off Of My Cloud« und »19th Nervous Breakdown«.
Als die Gruppe im September 1965 live in Westdeutschland gastiert, ist sie die neben den Beatles erfolgreichste Band der Welt. Mehr noch: Die Rolling Stones symbolisieren den aufmüpfigen Geist der Sixties, sind die »Bad Boys« der Szene. Das Establishment hasst sie, die Teenager himmeln sie an. Der 23-jährige Brian Jones, inzwischen sechsfacher Vater, wähnt sich am Ziel seiner Träume. Sein üppiger Blondschopf, die vollen Lippen und der verträumte Blick aus blaugrünen Augen machen ihn zum Pin-Up der Pop-Presse, zum Prinzen von Swinging London.
Nach einem Konzert in München trifft er die Frau, die sein Schicksal wird. Die Deutschitalienerin Anita PallenbergPallenberg, Anita (21), Model und Schauspielerin, ist selbstbewusst, weltgewandt und eine Schönheit, der Jones augenblicklich verfällt. Die Beziehung entwickelt sich stürmisch. Im gemeinsamen Londoner Nest hält das Paar abwechselnd Hof, wirft alle Drogen ein, die zu bekommen sind, küsst sich und prügelt sich. Es ist die Zeit, in der Jones zum genialischen Klangmaler der Rolling Stones wird. Mit exotischen Instrumenten wie Marimba, Dulcimer, Sitar und Mellotron veredelt er Songs wie »Paint It Black«, »Lady Jane« und »Under My Thumb«.

»Paint It Black«: Brian JonesJones, Brian (28. 2. 1942 – 3. 7. 1969) mit den Rolling Stones am 27. Mai 1966 in der TV-Show Ready Steady Go!Jones, Brian (28. 2. 1942 – 3. 7. 1969)
Sein Ende aber ist bereits eingeläutet. Durch seinen übermäßigen Drogenkonsum gerät er ins Visier der Obrigkeit, die nur darauf gewartet hat, endlich einen dieser neureichen Poplümmel an den Pranger zu stellen. Und, wohl das Schlimmste, seine Mitstreiter Mick JaggerJagger, Mick und Keith RichardsRichards, Keith werden von Manager Andrew OldhamOldham, Andrew protegiert und schreiben die Hits der Stones. Jones hat in seiner eigenen Band kaum noch etwas zu sagen. Ohnmächtig muss er hinnehmen, dass er allmählich an den Rand gedrängt wird. Freilich: Die Entwicklung hat er mitzuverantworten. Die Drogen zerstören die fragile Gesundheit des Asthmatikers vollends, Krankenhausaufenthalte und Gerichtstermine bringen den Terminplan der Band durcheinander, und Jones’Jones, Brian (28. 2. 1942 – 3. 7. 1969) Paranoia nervt alle Beteiligten zusehends. Als ihm Keith RichardsRichards, Keith während einer gemeinsamen Marokko-Reise im Winter 1967 auch noch die PallenbergPallenberg, Anita ausspannt, zerbricht der sensible Musiker endgültig und verliert das Interesse an den Stones. Am 8. Juni 1969 haben die genug – sie werfen ihn raus.
Zurück nach Cotchford Farm: Dort stellt der Leichenbeschauer am 3. Juli 1969 den Totenschein aus. Offizielle Todesursache: »Tod durch Ertrinken unter Einfluss von Alkohol und Drogen«. Das Ableben des Stars wird als »Unglücksfall« eingestuft. Drei Tage später funktionieren die Stones mit ihrem neuen Gitarristen Mick TaylorTaylor, Mick ihr lange geplantes Free Concert im Londoner Hyde Park zur Gedenkfeier für Jones um. JaggerJagger, Mick zitiert aus einem Gedicht von Percy Bysshe ShelleyShelley, Percy Bysshe und lässt Hunderte von Schmetterlingen fliegen.
Der Bandgründer der Rolling Stones aber geht ein zweites Mal in die Popgeschichte ein – als Gründer des berüchtigten »Club 27«. Und zur Ruhe kommt sein Fall nicht: Immer wieder tauchen im Lauf der Jahre Gerüchte auf, dass es bei seinem Tod nicht mit rechten Dingen zuging. Vor allem, als der ehemalige Stones-Chauffeur Tom KeylockKeylock, Tom verkündet, dass Frank ThorogoodThorogood, Frank ihm 1993 auf seinem Totenbett gestanden habe, Jones in jener Nacht im Streit um ausstehende Zahlungen für Bauarbeiten am Haus getötet zu haben, wird der Fall noch einmal öffentlich aufgerollt. Janet LawsonLawson, Janet bestätigt KeylocksKeylock, Tom Behauptungen, ein Journalist liefert vermeintliches Beweismaterial, und die Polizei öffnet die Akte JonesJones, Brian (28. 2. 1942 – 3. 7. 1969) erneut. Letztlich aber finden sich keine belastbaren Anhaltspunkte, die eine weitere Untersuchung rechtfertigen könnten. Was bleibt, ist der Mythos des einen Rolling Stone, der als erster prominenter Rockstar in der Hitze der Sixties-Poprevolte verglühte.
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