Kitabı oku: «Medica»

Yazı tipi:

Ernst Künzl

MEDICA

Die Ärztin


In memoriam Gerhard Koeppel

* 1936 † 2012

120 Seiten mit 54 Abbildungen in Duoton und einer Karte

Titelabbildung: Priesterin aus Antiochien (Antakya).

Mainz Arzneikästchen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

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© 2013 by Nünnerich-Asmus Verlag & Media, Mainz am Rhein

ISBN 978-3-943904-45-1

Gestaltung: Bild1Druck GmbH, Berlin

Lektorat: Annette Nünnerich-Asmus, Frauke Itzerott, Mascha Schnellbacher

Gestaltung des Titelbildes: Scancomp GmbH, Wiesbaden

Alle Rechte, insbesondere das der Übersetzung in fremde Sprachen, vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist es auch nicht gestattet, dieses Buch oder Teile daraus auf fotomechanischem Wege (Fotokopie, Mikrokopie) zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer Systeme zu verarbeiten und zu verbreiten.

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013

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Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Vorwort

Einleitung­ Ärztinnen des Altertums, des Mittelalters und der Moderne

Der Erfolg der Frauen in der Medizin des 20. Jh.

Heilkundige Frauen des Mittelalters

Der Weg zu den Universitäten

Der Weg der Griechen zur Medizin als Wissenschaft

Krieger und Ärzte vor Troia

Die ersten griechischen Ärzte

Die Mutter des Sokrates und die griechischen Hebammen

Der Durchbruch: Die ersten Ärztinnen der Welt in Griechenland

Das Medizinzentrum in Alexandrien

Die erste greifbare Ärztin der Geschichte: Phanostrate von Acharnai

Geschäftsfähigkeit und Rechtsstellung der griechischen Frau

Die legendäre Ärztin Hagnodike

Musa von Byzantion und Antiochis von Tlos: Zwei griechische Ärztinnen des 2. bis 1. Jh. v. Chr.

Roms Ärztestand und die ersten Ärztinnen in Rom

Der römische Ständestaat – die Medizin in Roms Frühzeit

Der Arztberuf bei den Römern

Antike Autoren – Schulen und Richtungen

Ärztinnen am Schreibtisch: Medizinschriftstellerinnen des Altertums

Der öffentliche Lebenslauf: Inschriften in Stein und Metall

Arztgräber und andere Funde: Beiträge der Archäologie zur Medizingeschichte

Die erste Gemeinschaftspraxis in Rom zur Zeit Caesars

In keiner Weise gleichberechtigt: zur Rechtsstellung der römischen Frau

Mit Skalpell und Zange: Aus römischen Praxen und Operationssälen

Gynäkologie und Geburtshilfe

Operationen, Betäubungsmittel und Wundversorgung

Woher wissen wir, ob es sich um medizinische Instrumente handelt?

Ärztinnen der Hauptstadt

Im Zentrum der Macht: Das Kaiserhaus und seine Ärzte

Gräber von Ärztinnen aus allen Stadtvierteln Roms

Gemeinschaftspraxis beim Überseehafen Roms

Arzthonorare

Heilmasseurinnen

Ärztinnen reichsweit

Metropolen des Westens in Nordafrika, Spanien und Gallien

Im Schatten der Armee: Zwei Ärztinnen an Aare und Neckar

Ärztinnen in den Westprovinzen – Städte und flaches Land

Der griechische und hellenisierte Osten, Länder urbaner Tradition

Im Zeichen von Christus, dem Seelenarzt: christliche Ärztinnen der Spätantike

Römische Ärztinnen und das römische Gesundheitssystem

Literaturauswahl

Abbildungsnachweis

Vorwort

Ich überweise Sie jetzt an die Zahnklinik nach NN. Das sind dort zwar alles Männer, aber Sie können Zutrauen haben und brauchen sich keine Sorgen zu machen; die verstehen ihr Handwerk auch.

Beruhigende Worte einer deutschen Zahnärztin an eine Patientin im Sommer 2012

Im 20. Jh. wurde der Beruf der Ärztin zu einem bedeutsamen Feld weiblicher Tätigkeit. Dass Frauen als offiziell anerkannte Ärztinnen tätig sein konnten, war im Abendland ein Prozess, der im 19. Jh. begann und der nach dem Zweiten Weltkrieg vollendet wurde. Seitdem sind Praxisschilder weiblicher Ärzte und Doppelpraxen von Frauen und Männern ein selbstverständlicher Anblick an den Häuserwänden unserer Städte. Wie neu dies alles ist, mag man daran ermessen, dass in Deutschland die erste promovierte Ärztin, Dr. Cornelia Erxleben (Halle/Saale), eine Ausnahme des 18. Jh. war und dass noch in den Jahren nach 1871 Frauen, die in der Medizin promovieren wollten, aus Deutschland in die Schweiz gehen mussten.

Dies hat sich inzwischen grundlegend geändert; die Ärztin ist ein Erfolgsberuf geworden. Gerade deshalb ist es aber von historischem Interesse zu sehen, wo dieser Vorgang einer weiblichen Berufsemanzipation begann: im Altertum Europas, in Griechenland und im Römischen Reich. Das Altertum bietet die Möglichkeit einer Fallstudie für Frauen im Arztberuf in vormoderner Zeit. Dort geschah alles zum ersten Mal:

– gegen 300 v. Chr. praktizierte in der Nähe von Athen eine Griechin namens Phanostrate, die erste Ärztin des Altertums und die erste Ärztin Europas, die wir kennen,

– um 50 v. Chr., im Rom der Regierungszeit Caesars, arbeiteten ein Arzt namens Naevius und seine Frau und Kollegin Naevia in der ersten namentlich bekannten Gemeinschaftspraxis der Geschichte, und

– um Christi Geburt, als Kaiser Augustus regierte, praktizierte im römischen Spanien eine Ärztin, deren Grabbeigaben sie als die erste uns fassbare Chirurgin der Geschichte erweisen.

Ärztinnen waren im Römischen Reich des 1. bis 4. Jh. eine vertraute Erscheinung. Die Stellung der Frauen im Rahmen der ärztlichen Tätigkeit im antiken Römischen Reich war nicht auf die Hebamme beschränkt. Inschriften wie Grabbeigaben verraten uns, dass Frauen auch als Allgemeinmedizinerinnen, Zahnärztinnen, Gynäkologinnen, Chirurginnen und als Pharmazeutinnen tätig sein konnten. Nicht selten be­tätigten sich Frauen auch als Schriftstellerinnen und publizierten Werke über Heilmittel und medizinische Fragen. Der Frauenanteil an der römischen Ärzteschaft lag bei ca. 5 %; Grund genug, diesen geschichtlich frühen Frauenberuf näher zu betrachten.

Zu danken habe ich vielen, jedoch bin ich besonders Helmut Engelmann, Höhr-Grenzhausen, verbunden, der mich an seinem reichen Wissen über die Inschriften des Altertums teilhaben ließ. Eine von uns beiden vor nun fast zwanzig Jahren geplante gemeinsame Schrift über die antiken Ärztinnen kam leider nicht zustande; sie wäre freilich für das rein wissenschaftliche Publikum gedacht gewesen. Besonders danke ich auch Juliane Roderer, München; bei ihrer Literaturagentur fühle ich mich schon seit langen Jahren gut aufgehoben.

Für Hilfe aller Art danke ich Lawrence J. Bliquez, Seattle; Sylvia Brehme, Berlin; Andrea Bußmann, Bonn; Hélène Chew, Saint-Germain-en-Laye; Sylvia Diebner, Rom; Marion Euskirchen, Köln; Klaus-Dietrich Fischer, Mainz; Maria Grazia Granino, Siena; Gian Luca Gregori, Rom; Andreas Hensen, Heidelberg; Ralph Jackson, London; Annemarie Kaufmann-Heinimann, Basel; Susanna Künzl, Eckental; Maria Gabriella Lilli, Rom; Claudia Nauerth, Bad Bergzabern; Friederike Naumann-Steckner, Köln; Vivian Nutton, London; Bernhard Overbeck, München; Alpay Pasinli, Istanbul; Georg Petzl, Köln; Barbara Pferdehirt, Mainz; Gertrud Platz, Berlin; Péter Prohászka, Esztergom; Wolfgang Radt, Berlin; Évelyne Samama, Boulogne; Hugues Savay-Guerraz, Lyon; Hans-Joachim Schalles, Xanten; Matthias Schmandt, Bingen; Ingrid Schoppa, Wiesbaden; Anthony Snodgrass, Cambridge; Viktoria Stuppner, Wien; Dominique Tisserand, Lyon; Peter van Minnen, Ann Arbor; Claudia Waurick, Budenheim; Maria Xagorari-Gleißner, Eckental sowie dem Forschungsarchiv für antike Plastik am Archäologischen Institut der Universität Köln.


Einleitung­ Ärztinnen des Altertums, des Mittelalters und der Moderne

Der Erfolg der Frauen in der Medizin des 20. Jh.

Auf dem weiten Weg der Frauen zum Arztberuf war der unwichtigste Faktor die Diskriminierung der Frauen als zur ärztlichen Tätigkeit ungeeignet. Dieser Punkt spielte tatsächlich keine Rolle, im Altertum von vorneherein nicht und in der Neuzeit höchstens als Vorwand in Situationen, in denen man glaubte, sich bestimmter Frauen auf diese Weise entledigen zu können. Die beiden Hauptfaktoren waren vielmehr die soziale Herkunft der Ärztinnen und vor allem das jeweilige Ausbildungssystem.

Im Altertum bis in die neueste Zeit war der Arztberuf keine noble Tätigkeit, nicht nobel in dem Sinne, dass aristokratische Gesellschaften sie in Betracht zogen. Für Angehörige der senatorischen und ritterlichen Adelsschichten Roms kam eine handwerkliche Tätigkeit von vorneherein nicht in Betracht und dies galt noch viel mehr für ihre Frauen. Die römischen Senatoren und Ritter verwalteten ihren Besitz, und wenn sie eine öffentliche Tätigkeit ausübten, so war dies die kombinierte militärisch-politische Karriere eines römischen Hochadeligen, welcher im Laufe dieser Ämter sowohl eine Legion kommandierte wie auch als kaiserlicher oder senatorischer Legat eine Provinz verwaltete. Die von allen Ämtern ausgeschlossenen Frauen widmeten sich der Familie oder agierten politisch hinter den Kulissen, was vor allem für die Damen des Kaiserhauses galt. Die römischen Adelsschichten nahmen aber kaum mehr als 1 % der Gesamtbevölkerung des Reiches ein und wie in nachantiker Zeit war der Arztberuf als Handwerksberuf Domäne der Unterschichten, und das galt auch für die Frauen.

Die Frauen im Altertum fanden kein institutionelles Hindernis, sich dem Arztberuf zuzuwenden. Der Grund war einfach der, dass es keine institutionellen Regeln für den Arztberuf gab. Grundsätzlich konnte jeder das Handwerk eines Arztes lernen, denn als ein solches galt dieser Beruf. Es gab im Altertum keine geordneten Berufsausbildungspläne ebenso wenig wie einen qualifizierenden Berufsabschluss; es gab keine Ärztekammern und keine Approbationen.

Entscheidend waren immer die Ausbildungsmöglichkeiten. Die Basis des wissenschaftlichen Erfolgs des Abendlandes seit dem späten Mittelalter waren Europas Universitäten. Bologna 1130, Paris 1200, Oxford 1214, Cambridge 1284, Prag 1348, Wien 1365 und Heidelberg 1386 sind die Heroennamen des bis heute die Bildungssysteme dominierenden Universitätswesens. Seit dem späteren Mittelalter war den Frauen der Zugang zum medizinischen Wissen versperrt. Akademische Titel konnten sie nicht mehr erwerben. Bis ins 19. Jh. hinein waren die Frauen auf die Nebenwege der Hebamme oder auch nur der kenntnisreichen „Weisen Frau“ angewiesen.

Inzwischen übertrifft an den aktuellen deutschen Universitäten die Zahl von Medizinstudentinnen die ihrer Kommilitonen und auch in der medizinischen Forschung nahmen die Frauen am Beginn des 21. Jh. bereits ca. 30 % ein. Im aktiven Arztberuf liegt der Frauenanteil inzwischen bei ca. 40 %, was freilich für Führungspositionen z.B. in der Chirurgie noch nicht gilt. Die Zahlen aus der Chirurgie sind deshalb beachtenswert, weil dieser Sektor immer noch eine – relative – männliche Domäne ist.

Insgesamt ist nach 150 Jahren modernen Aufstiegs der Frauen in der Medizin der Punkt der inhaltlichen und numerischen Gleichheit mit den Männern nahezu oder bereits überschritten. Im Jahre 2012 waren schon rund 60 % der im Arztberuf beginnenden Mediziner Frauen. Von diesen Ärztinnen in Deutschland sind allerdings nach einer Umfrage des Jahres 2012 ungefähr ein Drittel mit Teilen ihrer Welt unzufrieden: „mit der Mitbestimmung, ihren Entwicklungschancen am Arbeitsplatz und ihrem Einkommen“. So kann es zu dem erstaunlichen Satz kommen:

„Rund 60 % der Neueinsteiger in den Arztberuf sind Ärztinnen. Ihre berufliche Zufriedenheit wird wesentlich die Zukunft des Gesundheitswesens mitbestimmen“ (Zahlen nach einer Onlineumfrage unter 1.200 Ärztinnen aller Altersgruppen, Fachgebiete und Hierarchieebenen. Quelle: Chirurgische Allgemeine 13, Heft 5, Heidelberg 2012, S. 267).

Angesichts dieser Zahlen möge man den altrömischen Frauenanteil unter den Ärzten, der um die 5 % lag, nicht an unseren Tagen messen. Stellen wir uns aber nur einmal kurz die Könige von Preußen und Bayern des Jahres 1850 vor, denen man sagen würde, dass im nächsten Jahr jeder zwanzigste Arzt in ihren Ländern eine Frau sein würde: Die Majestäten hätten einträchtig den Kopf geschüttelt und niemand hätte ein Wort geglaubt, durften Frauen damals doch das Fach Medizin überhaupt noch nicht studieren.

Heilkundige Frauen des Mittelalters

Heilkundige Frauen gab es freilich in allen Jahrhunderten, auch nachdem um 500 n. Chr. die antike Welt untergegangen war. Die Überlieferungslage zum Ärzte­stand hatte sich in den Jahrhunderten des beginnenden und des hohen Mittel­alters allerdings radikal verändert. Die Kenntnisse der antiken Medizinschriftsteller ging zunächst rapide zurück. Der Aufschwung der Medizin nach dem Jahr 1000, also immerhin ein halbes Jahrtausend nach dem Untergang des Weströmischen Reiches, hing auch mit der zunehmenden Wiederentdeckung der antiken Medizinautoren zusammen. Die Übersetzungen aus Salerno in Süditalien und Toledo in Kastilien spielten hier die entscheidende Rolle.

Wie zu allen Zeiten haben Frauen in der realen Alltagswelt auch des Mittelalters heilkundige Handlungen und Beratungen ausgeübt. Das Feld der Geburtshilfe, die Arbeit der Hebamme, blieb ein weibliches Reservat. Schon aber die Frage, ob die aus der Römerzeit des Altertums aktenkundige Ärztin weiterhin unter dem Namen einer Ärztin tätig war, stößt auf die Probleme der Überlieferungslage.

Das Phänomen der Arztgräber mit Beigaben hörte mit der späten römischen Kaiserzeit der Jahre um 300 n. Chr. auf. Noch schwerer wiegt das Ende der antiken Inschriftensitte. Das Altertum war eine Welt der Inschriften, meist auf Stein, daneben auch auf Metall oder als aufgemalter Wandanschlag an Häuserwänden. Die öffentlichen Plätze der Städte im Römischen Reich waren voller Ehrendenkmäler, Ehrenstatuen und Ehreninschriften. Die vor den Toren der Städte gelegenen Grabmäler trugen Inschriften, die manchmal karg waren, oft aber auch den Lebensweg des Verstorbenen ausführlich schilderten und lobten. Zwar darf man für das Römische Reich annehmen, dass nur ein bescheidener Prozentsatz der Menschen Lesen und Schreiben gelernt hatte; dennoch spielte dies keine Rolle, weil die bestimmende römische Aristokratie schon früh die Sitte Griechenlands der Ehren­inschriften und der beschrifteten Grabmäler übernommen hatte. Und selbst wenn jemand nicht lesen konnte, so ließ er sich eben den Wortlaut vorlesen: Aber eine ordent­liche Grabinschrift gehörte sich einfach.

Diese Welt verschwand mit den Jahren um 500, und dies nicht nur im Westen, sondern auch im christlichen Reich Ostroms, in Byzanz. Damit verlieren wir eine Hauptquelle über den Ärztinnenberuf, stammen doch unsere Informationen über die antiken Ärztinnen zuerst aus Inschriften, dann erst aus den archäologischen Grabinventaren und aus den Bemerkungen antiker Autoren.

Im Mittelalter sind wir bei dem Fehlen aller Inschriften und auch aller archäologischen Bodenfunde nur auf die Medizinliteratur angewiesen. Hier begegnen uns freilich heilkundige Frauen in beachtlicher Zahl. Der heutige Leser wird mit dem Begriff Medizin im Mittelalter vermutlich zuerst den Namen Hildegard von Bingen verbinden. Diese Gestalt der Jahre 1098–1179 wurde und wird in jüngster Zeit immer berühmter. Es entstand inzwischen eine regelrechte Hildegard von Bingen-Industrie; gibt man den Namen in die aktuellen Suchmaschinen des Internets ein, bekommt man gut 2 Millionen Zitate. Der rezente Ruhm Hildegards entspricht nicht der Situation im Mittelalter, soweit es um die Medizin geht. In der damaligen altdeutschen medizinischen Literatur spielten Hildegards zwei Schriften (Physica, Causae et curae) anscheinend keine Rolle und werden kaum zitiert.

Das berührt jedoch nicht die Frage der Wertschätzung heilkundiger Frauen. Eine Episode aus der Zeit Hildegards und mit einer vergleichbaren Hauptperson steht in der Reinhardsbrunner Briefsammlung: Mitte des 12. Jh. wendet sich der Abt eines thüringischen Klosters an einen Amtsbruder und bittet um Hilfe bei einer Krankheit; man möge ihm bestimmte Arzneien schicken und man möge sich bei einer heilkundigen, berühmten Frau in Sangershausen genau erkundigen, wieviel und wie man von der Medizin einnehmen müsse. Bei dem Kranken handelte es sich um einen Mönch, was belegt, dass Ärztinnen nicht immer allein Frauen behandelten.

Im medizinischen Alltag des Mittelalters waren Frauen in großer Zahl tätig. Ihr Anteil an der Praxis war sicher größer, als es die medizinischen Schriften vermuten lassen. Frauen waren nach der mittelalterlichen Literatur als Hebammen und Pharmazeutinnen, als medizinische Autorinnen und eben auch als Diagnostikerinnen und Ärztinnen tätig. Freilich ergab sich im Laufe der Zeit die Einschränkung, dass Frauen spätestens seit dem 14. Jh. keinen Zugang mehr zu medizinischen Hochschulen bekamen. Im traditionsreichen Salerno konnten Frauen allerdings noch bis zum 14. Jh. den Grad einer Chirurgin erwerben. Die medizinische Hochschule von Salerno in Süditalien war neben Toledo in Spanien in der Vermittlung medizinischer Texte der Griechen, Römer und Muslime maßgebend. Die Universität Salerno existierte bis 1812, die Blütezeit der Salernitaner Medizinschule des Mittelalters war jedoch das 11. und 12. Jh. Für unser Thema sind die in Salerno tätigen Medizinerinnen hervorzuheben, die Mulieres salernitanae. Man hat sie entweder apodiktisch zu Hebammen erklärt oder erwogen, in ihnen doch auch Ärztinnen erkennen zu dürfen. Mit der Frauenheilkunde ist der Name Trotula verbunden, ein Frauenname, den man als Autorin eines Hauptwerkes der Schule von Salerno annahm, eine Schrift über die Leiden der Frauen oder die Heilmittel für Frauen. Inzwischen nimmt man nicht nur die Existenz einer Salernitaner Ärztin (nicht Hebamme) namens Trota an, man hat auch versucht, ihr schriftstellerisches Werk aus der ersten Hälfte des 12. Jh. in Umrissen zu rekonstruieren.

In mittelalterlichen Schriften werden die Mulieres salernitanae des Öfteren zitiert, und das nicht allein bei Problemen der Frauenheilkunde. Eine Ärztin Abella schrieb angeblich ein Werk in Versen (wie es üblich war) über die Schwarze Galle; Rebecca Guarna aus Salerno publizierte medizinische Versgedichte über das Fieber und über den Urin. Andere namentlich genannte Salernitaner Medizinerinnen waren Sigelgaita, Mercurias, Francesca Romano und Constanza Calenda. Eine Ärztin aus Katalonien nannte sich im Jahre 1188 in einem Grundstücksvertrag ganz selbstverständlich „ego Dulcia, medica“ (Ich, Dulcia, Ärztin).

Aus der gleichen Zeit, dem 12. Jh., hören wir nach langen Jahrhunderten wieder etwas von einer Ärztin im griechischen Byzanz: Im Pantokratorspital Konstantinopels hatte man einen Frauenflügel eingerichtet, den zwei Ärzte leiteten, denen eine Ärztin (iátraina) unterstellt war. Die Ärztinnen von Salerno waren in der Welt des Mittelalters nicht allein.

Der Weg zu den Universitäten

Salerno, wo Frauen hatten Medizin studieren können, war auf diesem Gebiet kein Vorbild geworden. Die maßgebenden Hochschulen des späten Mittelalters, angefangen von Bologna und Pavia in Norditalien, über Montpellier in Südfrankreich bis zum einflussreichen Paris, setzten diese Linie nicht fort. Außerhalb der Schulmedizin waren heilkundige Frauen allenthalben im späten Mittelalter und früher Neuzeit tätig. Aber sie waren eben von den Akademien und Zünften ausgeschlossen und es dauerte viele Generationen, bis sich auf diesem Gebiet etwas änderte.

Dies ist der Grund, weshalb der Fall Erxleben bis heute eine so große Beachtung erfuhr. Der harte, doch erfolgreiche Lebensweg der Frau Dr. Dorothea Erxleben, geb. Leporin (1715–1762) hat ein Zeichen gesetzt. Das Fräulein Leporin begann 1741 mit dem Studium der Medizin in Halle/Saale und setzte auch nach ihrer Heirat mit dem Pfarrer Erxleben und der Geburt ihrer vier Kinder das Studium fort. Sie promovierte 1754 im Alter von fast 40 Jahren in Halle mit einer auf Latein verfassten Dissertation; ihre lateinisch gehaltene Dankesrede rühmte der Dekan als einer antiken Römerin würdig. Die ausnahmsweise erteilte Promotionserlaubnis kam direkt vom preußischen König Friedrich II. Frau Dr. Erxleben meisterte danach in Quedlinburg ein Leben als Ärztin, Pfarrersfrau und Mutter von neun Kindern (vier eigenen und fünf Stiefkindern). Die Universität Halle-Wittenberg ehrte sie mit einer bronzenen Bildnisbüste und mit einem seit 1994 vergebenen Dorothea-Erxleben-Preis für hervorragende medizinische Dissertationen oder entsprechende Leistungen (Abb. 1).


Abb. 1 Dorothea Christiane Erxleben. Bronzebüste Universität Halle-Wittenberg, von Marianne Traube, 1994. Universitätsklinikum Halle-Kröllwitz, Foyer.

Der Fall Erxleben war ein Monument persönlicher Tüchtigkeit und Integrität. Als Ärztin war sie ein historisches Versprechen an die Frauen der Zukunft, aber kein Zeichen einer konkreten Möglichkeit. Eben weil die Hochschulen den Frauen noch versperrt waren, konnte sie nur durch königliche Förderung ihren Weg finden. Die Ärztinnen des Altertums brauchten keine königlichen oder adeligen Wohltäter, denn sie hatten keine Universitätshürden zu überwinden. Die Hindernisse der Frauen im Altertum lagen in der rechtlich minderen Stellung der Frau allgemein, und an der hat kein Kaiser Roms etwas geändert – Heide oder Christ. Für Frau Dr. Erxleben war die Ausnahmeerlaubnis des Preußenkönigs entscheidend, der dabei die Rolle des fürstlichen Wohltäters spielte. Aber das war nur ein vorläufiges, einsames Zeichen am Himmel. Der nächste wirklich wichtige Schritt war dann der Aufstieg des Dritten Standes nach den Revolutionen zwischen 1789 und 1848, an dem die studierwilligen Frauen allerdings wieder erst mit einiger Verzögerung teilhaben durften.

Der Erfolg moderner Ärztinnen ist umso bemerkenswerter, als man in Deutschland erst seit etwas mehr als hundert Jahren Frauen das Medizinstudium erlaubt. Den Geburtsjahrgängen der Zeit um 1850, die im Zweiten Deutschen Kaiserreich nach 1871 an die Universitäten hätten gehen können, war die medizinische Promotion noch nicht erlaubt. Die beiden deutschen „Fräulein Doctores“, Emilie Lehmus aus Fürth (1841–1932) und Franziska Tiburtius aus Rügen (1843–1927), promovierten 1875 und 1876 an der Universität Zürich, nicht in Deutschland.

Dennoch war insgesamt die zweite Hälfte des 19. Jh. der Durchbruch. Frauen wurden an den Hochschulen zum Medizinstudium zugelassen, die Zeit der weiblichen Parallelwelten der Hebammen und Kräuterfrauen ging zu Ende. Das wilhelminische Deutschland war der letzte Staat des Abendlandes, der sich dazu durchrang: Erst 1899 ließ man in Deutschland Frauen zum Medizinstudium zu, und dies später als nicht nur in den USA (wo dies schon seit 1850 möglich war), sondern auch später als in Frankreich (1863), in der Schweiz (1864) und sogar später als in Griechenland (1890). Im Berliner Reichstag verursachte 1876 die Erwähnung der Möglichkeit von Ärztinnen minutenlange Heiterkeit.

Wie rasch sich die Dinge in wenigen Jahren entwickeln konnten, verrät ein Schlaglicht auf die „Frauenfrage“ an der Harvard-Universität in Cambridge/USA. Als in Deutschland noch lange keine Rede davon war, dass Frauen Medizin studierten, sprach man in Harvard im Jahre 1878 bereits vom Problem einer zu starken Zahl von Frauen in der Medizin. Anderthalb Jahrhunderte später lag im Jahre 2012 der Frauenanteil unter den Medizinstudenten in Harvard bei ca. 50 %; die vorausschauende Sorge der Männer war begründet.

Eine der unerfreulichen, unerwarteten und dennoch großen Chancen für Ärztinnen war der Erste Weltkrieg. Als die Welt des europäischen Adels in den Schlammfeldern Flanderns, den Gräben Verduns und den Weiten Galiziens zugrunde ging, waren die Frauen zur Stelle, in vorher unerhörter Weise die Rolle der Männer zu übernehmen. Das britische Women’s Hospital Corps richtete schon im September 1914 im Pariser Hotel Claridge ein Militärkrankenhaus ein, das nur verwundete Männer von der Front als Patienten aufnahm und das nur Frauen als Chirurginnen, Ärztinnen und Betreuerinnen aufwies. Andere Einrichtungen dieser Art kamen unter dem Zwang des Großen Krieges hinzu. Trotz aller Hindernisse konnte man nach 1918 nicht wieder auf den Status quo ante zurückkehren. Heute, hundert Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges, sind Ärztinnen zu einem bestimmenden Faktor des Medizinbetriebes geworden.


Der Weg der Griechen zur Medizin als Wissenschaft

Krieger und Ärzte vor Troia

Das zweite Jahrtausend v. Chr. ist im modernen Geschichtssystem die Bronzezeit der Ägäis, die Epoche der kretisch-mykenischen Kultur. Für die Griechen war der Kampf um Troia bedeutende Geschichte, keine Legende, und es war – wie wir heute dank der Ausgrabungen Heinrich Schliemanns und seiner Erben wissen – der historische Kern in der Tat real. Troia war ein die Meerengen zwischen dem Schwarzen Meer und der Ägäis kontrollierender Staat, der mit den Mächten Griechenlands in Konflikt geriet und ihnen unterlag.

Die beiden Epen Homers, die Ilias mit dem Kampf um Troia und die Irrfahrten des Odysseus in der Odyssee, entstanden im 8. bis 7. Jh. v. Chr., geben also eine Welt wieder, die seit vielen Jahrhunderten versunken war. Bei Homer vermischen sich Elemente, die aus der Vorzeit des 2. Jahrtausends stammen, mit solchen aus seiner Zeit. Die in der Ilias häufig sehr drastisch geschilderten Kriegsverletzungen wird man zum Mindesten auf ein Interesse des 8. Jh. v. Chr. an solchen Dingen beziehen dürfen.

Der Kampf um Troia war ein Dauerthema der griechischen Kunst. Auf einer bemalten Keramik aus Athen in den Jahren um 500 v. Chr. erscheint Achilleus, der im Lager vor Troia eine Oberarmwunde seines Freundes Patroklos verbindet (Abb. 2). Es ist eine der ältesten medizingeschichtlichen Darstellungen der Geschichte. Achilleus legt einen kunstvollen, schneeweißen Verband an; die Wunde war eine sicher sehr schmerzvolle Pfeilverletzung: Der Pfeil wird links neben Patroklos’ Knie gezeigt.

Hier handelte es sich um Kameradenhilfe und wir dürfen davon ausgehen, dass es wie zu allen Zeiten die erste Hilfe war, die ein Verwundeter auf dem Schlachtfeld bekommen konnte. Homer kennt freilich auch schon den Arzt als einen Berufsstand. Von Frauen ist dabei noch nicht die Rede; es sind Männerberufe, wie der Zimmermann, der Seher und der fahrende Sänger (Rhapsode). Der Arztberuf als Handwerk erscheint zuerst in der Odyssee Homers, wo ganz selbstverständlich „ein Arzt gegen die Übel“ in einer Reihe von Berufen aufgezählt wird.


Abb. 2 Achilleus verbindet den von einem Pfeil getroffenen Patroklos, bemaltes Innenbild einer Keramikschale des sog. Sosiasmalers. 500/490 v. Chr. Dm. 17,8 cm. Berlin, Staatliche Museen, Antikensammlung.

Dass der Kriegschirurg besondere Leistungen bieten musste, ergibt sich auch daraus, dass Homer als Ärzte an der Front vor Troia zwei Göttersöhne nennt, Machaon und Podaleirios, die Söhne des Heilgottes Asklepios. Asklepios‘ Tochter Hygieia trat erst später in Erscheinung, als man dem weiblichen Element größere Aufmerksamkeit widmete. Die meisten bei Homer in der Ilias geschilderten Kampfverletzungen waren tödlich, andere konnte man noch behandeln. Erwähnt wird die Pfeilwunde des getroffenen Menelaos, die der Arzt Machaon versorgt; in einem anderen Fall ist es Patroklos, der sich um die Pfeilwunde seines Kameraden Eurypylos kümmert.

Eine prominente Frau mit medizinischen Kenntnissen bei Homer war keine Ärztin von Beruf, sondern Königin: Helena, Auslöserin des Krieges um Troia, kannte aus Ägypten ein kummerstillendes Heilmittel (phármakon). Dem wegen seines Vaters Odysseus bekümmerten Telemachos, der das Königspaar Menelaos und Helena in Sparta besuchte, gab sie ein Mittel gegen seinen Seelenschmerz. Helena mischte eine Droge in seinen Wein, welche ihn für eine Zeitspanne alles vergessen ließ, ein Mittel, welches man ihr aus Ägypten mitgebracht hatte, jenem Ägypten, „wo die Fluren gute wie schädliche phármaka in Mengen erzeugen“ (Homer, Odyssee 4, 229–230). „Dort (in Ägypten) ist jeder ein Arzt und übertrifft an Erfahrung alle Menschen“, behauptet Homer in der Odyssee (4, 231–232). Die hohe Meinung der Griechen von der Medizin der Ägypter war sprichwörtlich.

Mit Helenas ägyptischer Droge im Wein für Telemachos hat Homer im Übrigen auch das bis heute erfolgreiche Motiv des Giftes in Frauenhand in die Literatur eingeführt; der Dichter hatte das Thema schon in der Ilias berührt, als er von Agamede erzählt, der Tochter des Königs Augeias (Augias), welche alle Heilmittel (phármaka) auf Erden kannte. Zusammen mit Medeia (Medea), der Prinzessin aus Kolchis, und der göttlichen Kirke auf ihrer Zauberinsel gaben diese mythischen Frauen das Vorbild für die unendliche Reihe von Drogenkennerinnen und Giftmischerinnen.

Die ersten griechischen Ärzte

Für uns sind die Griechen die Schöpfer der Medizin als Wissenschaft. Gleichwohl sahen sie die Heilkunst am Beginn als einen Teil der allumfassenden religiösen Welt an. Asklepios, der Heilgott, war unter den Göttern des Olymp eine junge Gottheit; die ältesten Zeugnisse stammen erst aus dem 6. Jh. v. Chr. Asklepios (lateinisch Aesculapius) war nach altem Glauben ein adliger Arzt der griechischen Heroenzeit, also des 2. Jahrtausends v. Chr. Seine Heimat war die Stadt Trikka (Trikkala) im nordgriechischen Thessalien. Aus dem Ahnenkult, der hier greifbar ist, erklärt sich die Vorstellung von Asklepios in Gestalt der Schlange, die dann in historischer Zeit sein Begleittier wurde: Die Schlange lebt teilweise in der Erde, ist also auch ein Tier – wörtlich genommen – der Unterwelt, also des Jenseits. Tote Heroen der Vorzeit stellte man sich manchmal als Schlangen im Grab vor.

Zu Zentren der medizinischen Praxis entwickelten sich seit dem 5. Jh. v. Chr. die Asklepiosheiligtümer, welche den Kult des Asklepios mit medizinischer Behandlung der Pilger verbanden. Die Hauptheiligtümer des Heilgottes Asklepios in Griechenland waren Athen, Korinth, Epidauros in der Argolis und Kos, eine Insel im Südosten der Ägäis vor der kleinasiatischen Küste. Das größte Asklepiosheiligtum im Osten lag in Pergamon in Nordwestkleinasien. Der Asklepioskult erfuhr weiteste Verbreitung.

Hygieia, die personifizierte Gesundheit, galt als Tochter des Asklepios (Abb. 3). Ihr Kennzeichen ist ebenfalls die Schlange, welche sie füttert oder hält. Meist lässt sie die Schlange aus einer Milchschale trinken. Die Gestalt der Hygieia erscheint noch später als Asklepios in der antiken Götterwelt und Bildvorstellung. In römischer Zeit wurde Hygieia als Hygia weiter verehrt, ihren Platz in der politischen Welt nahm jedoch ihr römisches Pendant Salus ein, ebenfalls die Person gewordene Gesundheit.

Die Griechen verbanden einen ihrer großen Götter, Apollon, sowohl mit Verderben wie mit Heilung. Apollon sendet zugleich die Pest und beendet sie. Homers Ilias beginnt mit Apollon als gnadenlosem Bogenschützen mit Pestpfeilen, der das griechische Heer heimsucht. Zugleich ist Apollon der Heilgott, der Apollo Medicus der Römer, und galt als der Vater des Asklepios.

Das moderne Arztzeichen ist der Äskulapstab, das Symbol mit der sich um den Stab ringelnden Schlange. Noch häufiger begegnet dem modernen Passanten das Zeichen der Apotheken, die Schlange, die aus einer Schale trinkt. Durch die beiden Symbole des Äskulapstabes als Arztzeichen und der Hygieiaschlange als Apothekenzeichen sind die beiden Heilgötter des Altertums und damit auch die beiden Geschlechter noch heute repräsentiert.

Antike Praxisschilder scheint es nicht gegeben zu haben. Wenn überhaupt, dann hätte man im Altertum freilich den Schröpfkopf gewählt. Dieses Instrument erscheint oft als Beizeichen der Ärzteschaft auf Reliefdarstellungen und Malereien. Mit der Medizingeschichte verbundene Plätze wie die Insel Kos in der Ägäis, die Heimat des Hippokrates und wie Epidauros auf der Peloponnes, der zentrale Ort der Asklepiosverehrung, wählten den Schröpfkopf als Münzzeichen.


Abb. 3 Arzneikästchendeckel. Aesculapius und Hygieia mit ihren Schlangen. Aus Santa Valeria, Sitten, Wallis/Schweiz. Elfenbein. H. 12,4 cm. Um 400 n. Chr. Sitten (Sion), Kantonales Museum MV 153.

Homers kurze, beiläufige Erwähnung von Ärzten als Beruf ist die literarische ­Bestätigung eines archäologischen Fundes. In einer Grabkammer des Palamidi-Pronoia-Friedhofes von Nauplion in der Argolis (Griechenland) lagen elf Bronzeinstrumente, darunter eine Pinzette und eine lange, schmale Zange. Damit sind schon für das 15. Jh. v. Chr. metallene chirurgische Geräte aktenkundig. Archäologisch fassbare Denkmäler entstanden dann erst wieder im Laufe des 6. und ­im frühen 5. Jh. v. Chr., in der wegweisenden historischen Epoche der Kriege zwischen Persern und Griechen. Von nun an begegnet man dem Arzt in ganz unterschiedlichen Darstellungsformen, auf bildlich verzierten Grabsteinen, auf Vo­tivobjekten, auf Darstellungen der dekorierten Keramik, als Statue und in Grabinventaren medizinischen Charakters. In der Welt der Kunst war der griechische Arzt ein eigenes Thema.

Der sitzende Mann eines eindrucksvollen Grabreliefs im Antikenmuseum Basel war Arzt, was die beiden Schröpfköpfe oben an der Wand des Hintergrundes verraten. Das Werk, dessen genaue Herkunft man nicht kennt, entstand vermutlich in der Ägäis in den Jahren um 480 v. Chr. Abgesehen von den Schröpfköpfen, die auf der imaginären Rückwand hängend abgebildet sind, gab einst vermutlich eine aufgemalte Inschrift den Beruf des Toten an. Der stattliche Grabstein verrät Wohlstand des Toten und seiner Erben.

Eine andere Kunstform waren Weihegaben an Gottheiten, Votive, welche Motive und Darstellungen der Gottheit, aber auch auf den Weihenden zurückgehende Darstellungen zeigen konnten. Eine solche Weihung an eine nicht genannte Gottheit ist eine 27cm große, runde Marmorscheibe, vermutlich aus Athen, und in die Jahre um 500 v. Chr. gehörend. Die aufgemalte, inzwischen recht verblasste Darstellung zeigt einen auf einem Stuhl sitzenden und nach rechts blickenden bärtigen Mann. Die Inschrift verrät den Beruf:

Dies ist ein Denkmal für die Weisheit des Aineios, des ausgezeichneten Arztes.

In den Jahren des dramatischen Perserkrieges um 480 v. Chr. entstand in Athen ein kleines bemaltes Keramikgefäß, das eine Arztpraxis zeigt (Abb. 3): Der Arzt in der Mitte lässt einen Patienten zur Ader; der Patient steht über dem Blutbecken. Der sitzende ältere Mann rechts davon wurde bereits behandelt; an seinem linken Oberarm erkennt man einen hellen Verband. An der Wand hängen mindestens drei Schröpfköpfe. Passanten und Gäste, darunter ein Zwerg mit einem Hasen, beleben die Szene, die eine wahrhaftig ambulante Behandlung vorführt. Der Hase in der Hand des Zwerges ist ein beliebtes Motiv homoerotischer Werbung. Das bemalte Gefäß ist ein aryballos, ein Salbgefäß für das Öl der Athleten.

Man hat an der Unbärtigkeit des jungen Chirurgen, der den Aderlass ausführt, Anstoß genommen, auch weil der Arzt des Basler Arztreliefs und der Arzt Aineios würdevolle Bärte tragen. Dieser Einwand übersieht jedoch das älteste Arztdenkmal der Griechen überhaupt, eine stehende Figur eines jungen Mannes, einen sog. kuros. Gefunden wurde der noch 1,19 m hohe Marmortorso in der Nähe von Syrakus auf Sizilien, südlich der antiken Stadt Megara Hyblaia. Der Figur fehlen zwar beide Unterschenkel, der gesamte rechte Arm und der Kopf, sie war aber keinesfalls bärtig, sondern stellt nach Art der kuroi einen jungen Mann dar. Die Figur gehört in die Jahre um 550 v. Chr. Die Inschrift ist die älteste Medizinerinschrift Europas; sie ist hinten auf dem rechten Oberschenkel ein­geritzt:

(Denkmal des) Sombrotidas, des Arztes, des Sohnes des Mandrokles.

Die Inschrift auf dem Oberschenkel und nicht auf dem Statuensockel lässt den Schluss zu, dass man es mit einem Weihgeschenk an eine Gottheit, nicht aber mit einer Grabstatue zu tun hat.

In den Jahren zwischen 460 und etwa 380/370 v. Chr. lebte der Arzt Hippokrates von der Insel Kos, der Begründer der Medizin als Wissenschaft. In seiner Lebenszeit erfolgte der Aufschwung des Asklepioskultes ebenso wie Athens Aufstieg zur Großmacht und sein tiefer Fall in der Niederlage gegen Spartas Soldaten und Persiens Geld 404 v. Chr. Wir besitzen wenige zeitgenössische Dokumente zum Wirken des Hippokrates; die meisten Zeugnisse stammen aus römischer oder gar erst byzantinischer Zeit, sind also ein halbes oder ein ganzes Jahrtausend von ihm getrennt.

Von den unter seinem Namen laufenden Hippokratischen Schriften (58 Abhandlungen in 73 Büchern), dem Corpus Hippocraticum, stammt nur ein kleiner Teil von ihm selbst. Er war der Begründer der Ärzteschule auf Kos, die das genaue Beobachten des Kranken und seiner Symptome in den Vordergrund stellte. Sein Interesse galt dem Kranken als Gesamtwesen. Die auf Hippokrates zurückgehende Viersäftelehre von den vier Lebenselementen (Blut, Schleim, schwarze Galle, gelbe Galle) hat die europäische Medizin bis zur Renaissance beeinflusst.

Der hippokratische Eid ist nicht wörtlich auf Hippokrates zurückzuführen. Manche Einzelheiten wie die Ablehnung von Euthanasie und Abtreibung deuten auf die Philosophie des Pythagoras von Samos und seiner Schule, obwohl der Eid als Ganzes nicht von den Pythagoräern formuliert wurde. Der Text ist ein nicht datiertes Dokument im Rahmen der Hippokratischen Schriftensammlung (Corpus Hippocraticum). Vor der frühen römischen Kaiserzeit wird er in der antiken Literatur nicht erwähnt; der früheste Hinweis stammt von Scribonius Largus aus der Zeit kurz vor 50 n. Chr.

Die wesentlichen Bestandteile des Eides sind die Sorge für den Patienten und die Ablehnung zu hoher Risiken bei der Behandlung. Die Eidesformel ist eine beeindruckende Darstellung ärztlicher Ethik. Die moralischen Grundforderungen des hippokratischen Eides ließen ihn später auch für die Gläubigen der monotheis­tischen Religionen der Juden, Christen und Muslime als Maßstab gelten, wenn er auch nie zur juristischen Richtschnur wurde.

Man hat die Eidesformel immer automatisch unter dem Gesichtspunkt des Mannes gesehen. Im Text, so wie er uns vorliegt, wird allerdings nirgendwo gesagt, dass die Medizin ein Beruf sei, der Frauen verwehrt sein solle.

Die Mutter des Sokrates und die griechischen Hebammen

Wenn man die mythischen Kennerinnen von Drogen und Giften nach Art der Helena von Sparta beiseite lässt, dann erscheinen Frauen im weiten Feld der Medizin zuerst als Hebammen, bei den Griechen wie auch – wir dürfen es voraussetzen – seit Urzeiten. Die eigene Erfahrung der Geburt mit ihren Schmerzen und Risiken hat vermutlich schon in den Höhlen der Altsteinzeit, Jahrzehntausende vor den Griechen des Altertums, Frauen bewogen, anderen Frauen bei der Geburt zu helfen.

Im klassischen Athen war die Mutter des Philosophen Sokrates, eine Frau namens Phainarete, von Beruf Hebamme (maia). Sokrates kam um die Jahre 470 v. Chr. zur Welt und für diese Zeit und sicher auch für die Generationen davor dürfen wir den Hebammenberuf in Frauenhand annehmen. Der Name Phainarete wird in einigen Quellen auch als Mutter des Hippokrates von Kos genannt, der um 460 v. Chr. zur Welt kam. Von dieser Phainarete weiß man nichts Näheres. Der Sokratesschüler Platon erwähnt in seinem Dialog Theaitetos (bald nach 369 v. Chr.), dass Hebammen diesen Beruf ausüben sollten, wenn sie selbst einmal ein Kind geboren hatten und wenn sie jenseits des gebärfähigen Alters seien.

Sokrates spricht zu Theaitetos:

Überlege dir nur recht alles von den Hebammen, wie es um sie steht, so wirst Du leichter merken, was ich will. Denn du weißt doch wohl, dass keine, solange sie noch selbst empfängt und gebärt, andere entbindet, sondern nur, welche selbst nicht mehr fähig sind zu gebären, tun es. … Das soll, sagt man, von der Artemis herrühren, weil dieser, einer Nichtgebärenden, dennoch die Geburtshilfe zuteil wurde. Nun hat sie den Unfruchtbaren zwar nicht verleihen können, Geburtshelferinnen zu sein, weil die menschliche Natur zu schwach ist, um eine Kunst in Dingen zu erlangen, in denen sie ganz unerfahren ist. Wohl aber hat Artemis diese Gabe denen, die aus Altergründen nicht mehr gebären können, verliehen …

Im Folgenden beschreibt Sokrates ganz unbefangen Kenntnisse der Hebammen in Sachen Medikamente, Zaubersprüche und Abtreibungsmittel. Auch wenn der Text von Platon stammt und man kaum annehmen darf, hier Sokrates wörtlich zu hören, so dürfte die Herkunft Sokrates’ aus einer Familie mit einer Hebamme als Mutter und einem Bildhauer als Vater hier ihre Spuren hinterlassen haben.

Hebammen mussten mit Ärzten (Abb. 4) zusammenarbeiten, wenn es Komplikationen gab. Logischerweise erweiterten die griechischen Hebammen ihr Wissen und so nannte sich die erste griechische Ärztin, die wir kennen, Phanostrate von Acharnai (Abb. 5), maía kai iatròs, Hebamme und Arzt. Auf der anderen Seite haben auch die berühmtesten Ärzte ihrer Zeit die Bedeutung der Hebammen gewürdigt: Der große Herophilos von Alexandrien schrieb ein Buch über den Hebammenberuf (maiotikon).


Abb. 4 Aderlass in einer Athener Straßenpraxis der Zeit um 480 v. Chr. Bemaltes Keramikgefäß (Aryballos Peytel). H. des Bildfeldes 6 cm. Paris, Louvre.

Der Beruf der Hebamme war im gesamten Altertum Aufgabe von Frauen. Die Bezeichnung maia (Mütterchen, mgl. ma/meter, Mutter) blieb auch im späteren griechischsprachigen Ostteil des Römischen Reiches in Gebrauch; lateinischsprachige Hebammen nannten sich obstetrix, die Frau, die sich um das im Weg Stehende, das Hindernis, kümmert (obstare: im Weg stehen). Die Hebamme blieb ein ständiger Frauenberuf im gesamten Altertum.


Der Durchbruch: Die ersten Ärztinnen der Welt in Griechenland

Das Medizinzentrum in Alexandrien

Mit Alexander dem Großen breitete sich griechische Herrschaft und griechisches Denken über den Ostmittelmeerraum und über Vorderasien aus. Das Zeitalter

des Hellenismus begann, es umfasste die Jahrhunderte zwischen Alexander († 323 v. Chr.) und Augustus, dem ersten Kaiser Roms († 14 n. Chr.); geografisch umspannten die hellenistischen Länder einen für antike Verhältnisse riesigen Raum zwischen dem Mittelmeer und der indischen Westgrenze. Kulturell war es die Epoche einer gegenseitigen Durchdringung westlicher und östlicher Elemente.

Das 3. Jh. v. Chr. war eine für die Weltgeschichte entscheidende Periode der Blüte­zeit griechischer Wissenschaften. Die Griechen legten damals die Grundlagen unseres heute noch gültigen wissenschaftlichen Denkens. Eine der Folgen des Alexanderzuges war die neue Rolle des Griechischen als Weltsprache.

In den unendlich weiten Ländern zwischen dem Mittelmeer und Indien war Griechisch die erste Sprache. Das auf dem klassischen Griechisch Athens basierende internationale hellenistische Griechisch (koiné: die allgemein gültige Sprache) war die Geistesplattform der Gebildeten aller Welt. Es war das ideale Medium der Wissenschaft und es beherrschte auch die Wissenschaft der Ostprovinzen des Römischen Reiches. Das Imperium war von Anfang an zweisprachig, ein für ein Weltreich singuläres Phänomen.

Hundert Jahre nach dem Tod des Hippokrates entstand in der 331 v. Chr. gegründeten Alexanderstadt Alexandrien an der ägyptischen Mittelmeerküste ein Wissenschaftszentrum bisher unbekannten Zuschnittes, das Museion. Gegründet wurde dieses Institut von König Ptolemaios I. († 283/282 v. Chr.). Die nach Alexander in Ägypten regierenden Makedonenkönige waren die Nachkommen dieses ersten Königs Ptolemaios I., eines Generals Alexanders, der sich das von Alexander übernommene Ägypten als Herrschaftsbereich wählte. Die nach ihm benannte Ptolemäerdynastie regierte bis 30 v. Chr.; die letzte Ptolemäerkönigin Ägyptens war Kleopatra VII., die zusammen mit Marcus Antonius Rom unterlag und Selbstmord beging.

In den drei Jahrhunderten zwischen Alexander dem Großen und Kleopatra war das hellenistische ptolemäische Ägypten ein Land mit einer großen einheimischen Bevölkerung wie in den Zeiten der Pharaonen und einer neuen, griechisch-makedonischen Führungsschicht. Zahlreiche Künstler und Gelehrte aus der hellenistischen Welt, die alle Griechisch sprachen, wanderten nach Ägypten ein.

Der Begriff museion meint allgemein ein Musenheiligtum und entsprechend gab es im Altertum zahlreiche museia, Musenheiligtümer der verschiedensten Art. Anders als an den üblichen Kultplätzen der großen griechischen Götter waren diese Musenplätze variabel mit Musik und Tanz, mit Erziehung und geistiger Tätigkeit verbunden. In Alexandrien war das museion eine vom König finanzierte Institution, welche ein ganzes Spektrum von Wissenschaften umfasste. Das Ziel war umfassende Forschung. Hier erfolgten im 3. und 2. Jh. v. Chr. die entscheidenden geistigen Fortschritte in Astronomie und Medizin, Botanik und Zoologie, Philologie und Technik. Zentrum dieser Institution war die Bibliothek von Ale­xandrien, die größte der damaligen antiken Welt. Das museion mit seinen Sparten blieb auch erhalten, nachdem seit 30 v. Chr. Ägypten römische Provinz geworden war. Die römischen Kaiser förderten die Anlage bis in das 3. Jh. n. Chr. Dann verstummten die Nachrichten. Es lag im Zentrum Alexandriens, auf dem Palast­areal oder in der Nähe.

Der medizinischen Forschung hatte das museion von Anfang an großen Raum geboten. Die beiden berühmtesten Namen dieses Sektors waren die Chirurgen Erasistratos und Herophilos. Erasistratos († um 245 v. Chr.) stammte von der Ägäisinsel Keos. Seine Schriften sind bis auf Fragmente verloren, in denen er sich sowohl mit Anatomie wie auch mit Physiologie und Pharmakologie beschäftigte. Sein zeitgleich lebender Kollege Herophilos stammte aus Chalkedon in Bithynien (Nordwestkleinasien). Auch von seinen Schriften kennt man nur Fragmente und Zitate; er konzentrierte sich auf Anatomie und Physiologie.

Das Altertum war sich nie über das System des menschlichen Blutkreislaufes klar geworden, aber zumindest über den Bau des Herzens erlangte man damals in Alexandrien erste Erkenntnisse: Eratistratos entdeckte die Konstruktion der Herzklappen. Auch konnte man bereits zwischen Kleinhirn und Großhirn unterscheiden und hatte eine Vorstellung vom Ursprung der Nerven im Gehirn. Diese Fortschritte waren nur möglich, weil den alexandrinischen Chirurgen die Obduktion von Leichen erlaubt wurde. Das war ein wesentlicher Fortschritt und zugleich ein Tabubruch mit griechischer Tradition. Vivisektionen an Tieren wurden bereits vorgenommen und angeblich sei es den Chirurgen Erasistratos und Herophilos sogar erlaubt gewesen, an zum Tode verurteilten Verbrechern Experimente am lebenden Leibe auszuführen. Der Bericht bei Celsus wird im Allgemeinen als glaubwürdig eingestuft. Es ist im Übrigen unwahrscheinlich, dass medizinische Operationen wirklich direkt auf dem Gelände des museions vorgenommen wurden. Wahrscheinlich hatten die beteiligten Ärzte ihre eigenen Stadtpraxen.

In der Zeit des Hellenismus vom 3. bis zum 1. Jh. v. Chr. hatte man sicher auch die Produktion chirurgischer Instrumente gesteigert und verfeinert. Leider kennen wir auf diesem Gebiet bisher keine archäologischen Funde.

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22 aralık 2023
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9783943904451
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