Kitabı oku: «Nikolai Roerich: Kunst, Macht und Okkultismus», sayfa 11
Prosaischer ausgedrückt, war Cor Ardens nicht viel mehr als ein Briefkopf, in dem der Name Roerich in Zusammenhang mit den Namen einer Reihe prominenter Persönlichkeiten wie Rabindranath Tagore gebracht wurde. »The Master School of United Arts«, war eine private Kunst- und Musikschule, wie es viele in New York gab, und Corona Mundi letztlich nichts mehr als eine Kunsthandelsgesellschaft, in die Nikolai Roerich nicht nur seine Expertise als Sammler, sondern auch seine Verbindungen in die Welt der russischen Emigranten einbringen sollte. Einige von ihnen, so der Rasputin-Mörder Fürst Jussupow, hatten einen Teil ihrer Sammlungen aus Petersburg retten können und waren jetzt gezwungen, sie zu verkaufen.
Doch die drei Gesellschaften zusammen konnten beeindrucken. Besonders nachdem Louis Horch das nötige Geld zur Verfügung gestellt hatte, um in allen wichtigen Zeitungen Anzeigen zu schalten und endlich die Räumlichkeiten der Schule zu renovieren und neue Möbel und Instrumente zu beschaffen. Noch viel mehr Eindruck machten die mystischen Bilder Nikolai Roerichs, die in der Schule aufgehängt wurden, und die Aura, die ihn und seine Frau umgab. Wie sich Louis Horch erinnern sollte, gab er sich meist wortkarg, und wenn, dann sprach er ausweichend und in jenem prophetischen, hohen und dunklen Ton, den man aus seinen Gedichten und den Worten Moryas kennt. Auch beeindruckte er mit seiner auffallenden Erscheinung, dem polierten Schädel und langen Kinnbart und seiner ernsten, gewichtigen Miene, über die, zumindest in der Öffentlichkeit, nie ein Lächeln kam.
Er kultivierte die Aura des Sehers, der Dinge wusste, die gewöhnlichen Sterblichen (noch) verborgen waren. Tatsächlich gelang ihm die Selbststilisierung so gut, dass Zeitgenossen die »asiatische Gesichtsform« eines Mannes herausstellten, den Fremde in Petersburg noch für einen Norweger oder Deutschen gehalten hatten.172
Helena Roerich, die dank des Geldes von Louis Horch endlich wieder ihrer Liebe zu einer teuren Garderobe frönen konnte, machte eine glänzende Erscheinung und nahm Außenstehende mit ihrem herrlich russisch akzentuierten Englisch ein.
In dem knappen Jahr, das von der Bekanntschaft mit Louis Horch bis zum Aufbruch der Roerichs in Richtung Tibet verging, wurde das Ehepaar mit einer Reihe von bedeutenden Persönlichkeiten bekannt. Mit Charles Crane, einem ehemaligen Botschafter in Russland und Freund des tschechoslowakischen Staatspräsidenten, der beste Verbindungen nach Washington hatte, mit Senator Borah, der ab 1925 als Vorsitzender des Ausschusses für auswärtige Beziehungen amtierte, und mit den beiden schwerreichen jüdischen Bankiers Lionel Sutro und Adolph Lewison. In der Erinnerung von Louis Horch war es gewöhnlich Nikolai Roerich, der durch seine Kunst die Verbindung zu Personen vom Kaliber eines Charles Crane herstellte. Im Allgemeinen blieb es bei dem Kauf eines Bildes und der Versicherung gegenseitiger Wertschätzung, aber hin und wieder wurde mehr daraus. Dann kam Helena Roerich ins Spiel. »Wenn ein besonders vielversprechender Kandidat am Horizont auftauchte, wurde er Madame Roerich vorgestellt, die es wirklich verstand, letzte Hand anzulegen!!! Sie sprach von Madame Blavatzky und den großen geistigen Lehrern des Ostens, mit denen sie in Kontakt sei, und wenn sie dann den Entsprechenden wieder traf, hatte sie bereits eine Botschaft des Mahatma an ihn, was gewöhnlich eine außerordentliche Wirkung zeigte.«173
Es gelang, noch einige weitere, vor allem weibliche Unterstützer der Sache Moryas zu finden. So Florentina Sutro, die Ehefrau Lionels, aber keiner sollte je auch nur annähernd so viel Geld zur Verfügung stellen, wie dies Louis Horch tat.
Von ihm flossen Unsummen Geldes, die er allesamt akkurat notierte. Im Frühjahr 1923 erwarb er am noblen Riverside Drive an der Upper West Side in Manhattan drei nebeneinanderliegende mehrstöckige Gebäude, in denen die Schule sowie das Museum untergebracht wurden. Allein für diese Gebäude gab er 300000 Dollar aus. Der heutige Wert der Immobilien dürfte 10 Millionen Dollar weit übersteigen. Dazu kaufte er »zur Einrichtung des Museums« Bilder von Nikolai Roerich, für die er bis Ende der zwanziger Jahre insgesamt 140000 Dollar ausgeben sollte. Schließlich »lieh« er dem Künstler allein bis zum September 1923 einen Betrag von über $100000.174
Da Louis Horch auch im Angesicht des Höchsten und selbst im direkten Kontakt mit den Mahatmas alte Gewohnheiten nicht lassen konnte, ließ er sich diese, wie auch alle folgenden Summen quittieren. Eine Vorgehensweise, die Helena Roerich Sorgen bereitete. Aber Morya beruhigte sie. »Ihr könnt das Geld von Horch annehmen, denn durch euch steht er unter meinem Schutz. Ihr könnt das Geld von Horch annehmen, denn ihm wurde ein Talisman gegeben. Ihr könnt das Geld von Horch annehmen, denn ihm wurde ein Schatz gegeben.«175
Kapitel 6
Dunkle Kräfte
Wie im Märchen, wo es neben dem Guten auch immer das Böse gibt, so drohte neben der wundersamen Wirkung der Mahatmas auch das Wirken »dunkler Kräfte«. Diese »dunklen Kräfte« hatten es vor allem auf Louis und Nettie Horch abgesehen. Da gab es, ganz prosaisch, die »Russen in New York«, von denen sich die Horchs fernhalten sollten, wie Morya immer wieder warnte. Und als die Horchs 1923 nach London fuhren, bekam »Fujama« (Nikolai Roerich) von Morya den Auftrag, die Horchs zu warnen, auf keinen Fall irgendetwas zu glauben, was sie dort zu hören bekommen würden.176
Die Horchs glichen einem Schatz, der auf jeden Fall zu bewahren und vor jeder Anfechtung zu schützen war. Dabei gab sich das Böse den allerunschuldigsten Anschein.
Um nur ein Beispiel zu geben, war da der Inder Bomandschi Pestondschi Wadia, ein führendes Mitglied der Theosophischen Gesellschaft, der im November 1922 nach New York übersiedelte und dort eine Abspaltung der Theosophischen Gesellschaft gründete. Eben jener Wadia, dem Schibajew 1920 die automatischen Zeichnungen Nikolai Roerichs mit den Mahatmas gezeigt und der dem Ehepaar daraufhin zu der Einladung nach Indien verholfen hatte.
Wadia, der in New York Vorträge hielt und für seine Gesellschaft bereits einige »reiche Damen«177 rekrutiert hatte, wollte natürlich auch die Roerichs wiedersehen, die in London ihm gegenüber so liebenswürdig gewesen waren.
Aber der New Yorker Wadia war nicht mehr der Mann, den die Roerichs in London kennengelernt hatten. Wie Sinaida Lichtmann in ihrem Tagebuch notierte, hatte Helena Roerich zwar einen Vortrag besucht, zu dem Wadia sie eingeladen hatte, dabei jedoch ein sehr schlechtes Gefühl gehabt, denn Wadia sei genauso gekleidet gewesen wie eine sehr unangenehme Gestalt, ein Mann, den sie einige Tage zuvor in einer Vision erblickt habe. Sie habe eine große Gefahr gespürt und werde jede Beziehung zu ihm vermeiden.
Am nächsten Tag berichtete Helena, Wadia sei beratender Priester des Pharao gewesen, als sie selbst Götzenpriesterin im Tempel der Nofretete in Ägypten war, und habe ihr damals, aus Angst vor ihren hellseherischen Fähigkeiten, Gift geschickt. Jetzt habe Wadia sie wiedererkannt und sie müsse sich vor ihm hüten.
Wahrhaftig, Wadia war hartnäckig bemüht, sich an die Roerichs heranzuschleichen. Empört vertraute Sinaida Lichtmann ihrem Tagebuch an, der perfide Inder habe doch tatsächlich jemanden im Museum vorbeigeschickt, der anfragte, ob der Meister nicht dortselbst einen Vortrag halten könne. »Das bestätigt natürlich die Warnungen EIs vor den Gesandten der Feinde, die bereits vor der Türe stehen. Jetzt verfolgen Wadia und seine Clique NK und unsere Schule.«178
Sinaida Lichtmann war also gewarnt und von der Gefahr, die von Wadia ausging, überzeugt. Doch auch das reichte noch nicht. Am Abend nach dem Besuch der »Gesandten des Feindes« im Museum nahmen Helena und Nikolai Roerich Sinaida und ihren Ehemann Morris ins Gebet: »Sie sprachen mit mir und Nuzia [Morris Lichtmann] viel darüber, wie vorsichtig man mit Wadia umzugehen habe. Sie hätten seine Gefährlichkeit erst spät erkannt. Daher sollten wir vorsichtig sein. Besonders hat sie Angst um Horch, der zwar ein starker, aber sehr neugieriger Mensch sei. Und er sei in Gefahr, sollte er sich für Wadia interessieren.«179
Die Gefahr konnte abgewendet werden, und das Ehepaar Horch sollte der Sache des Meisters noch lange Zeit treu bleiben. Und doch zeigten sich schon kleine, fast unmerkliche Risse im Kreis der Roerichs. Der Grund war das Geld von Horch. Bei aller äußeren Eintracht, dem gemeinsamen »automatischen« Schreiben und den »märchenhaften« Séancen gab es Spannungen, die sich aus dem Widerspruch ergaben, dass die Roerichs zwar die »geistige Führerschaft« innehatten, sich aber letztlich nichts ohne die Geldmittel des Devisenmaklers erreichen ließ.
Diese Spannungen traten jedes Mal zu Tage, wenn Nikolai Roerich einen Schuldschein oder auch nur eine Quittung unterschreiben sollte, die Louis Horch ausgestellt hatte.
Sosehr es auch dem stolzen Nikolai Roerich widerstrebte, er musste bei jedem seiner Schritte die Reaktion der Horchs bedenken. Schließlich war er in der Hand des Maklers, sollte dieser auf der Rückzahlung der Schulden bestehen. Allein dass Louis Horch großzügig die sieben Mitglieder des Kreises als Vorstände des Roerich-Museums berufen hatte, bot einen gewissen Schutz.
Verständlich, dass die beiden Roerichs von Anfang an einen inneren Abstand zu Louis Horch und seiner Frau hielten. Dieser durfte aber nie gezeigt werden, wollten sie nicht die Aura, die die Roerichs in den Augen der Horchs hatten, gefährden. Das verband Nikolai und Helena Roerich mit dem Ehepaar Lichtmann, das, was das Geld von Louis Horch betraf, genau in derselben Lage war. Auch für diese beiden hatte sich ein »Wunder« ereignet, das zwar um eine Dimension kleiner war, was die involvierten Summen betraf, aber angesichts der bescheideneren Ansprüche des Musikerpaars doch nicht weniger »märchenhaft«. Die Lichtmanns, die bisher in einem Keller gehaust hatten, zogen noch 1923 in eines der Häuser um, die Louis Horch am vornehmen Riverside Drive gekauft hatte, und bezogen dort eine Wohnung, für die sie keinen Pfennig Miete zahlen mussten. Auch konnten sie fünfzig Prozent der Einnahmen ihrer Schüler für sich selbst behalten, und dazu erhielten sie monatlich ein ordentliches Gehalt von 200 Dollar. Man tritt Sinaida Lichtmann wohl nicht zu nahe, wenn man es für keinen Zufall hält, dass ihr Tagebuch und ihre volle Ergebenheit den Roerichs gegenüber in genau dem Moment begann, als Louis Horch für die Sache gewonnen wurde. Das »Wunder« dürfte auf Sinaida eine ähnlich starke Wirkung wie auf Nikolai Roerich gehabt haben.
Eben weil die Lichtmanns, und in erster Linie die tonangebende Sinaida, in einer ähnlichen Lage waren, genossen sie das besondere Vertrauen des Künstlers und seiner Frau und wurden regelmäßig in die Befürchtungen und Überlegungen eingeweiht, die die beiden hinsichtlich der Horchs hegten.
Exemplarisch dafür sind die Anweisungen, die an Sinaida Lichtmann ergingen, als die Roerichs im Mai 1923 zum ersten Mal die USA verließen. Die erste Regel lautete, Horch nie offen zu widersprechen. »Sollte Horch auf irgendetwas bestehen, und sei es Blödsinn, sollten wir immer etwas Unerwartetes bereithalten, womit wir ihn von seiner Position abbringen könnten. Und wenn es gar nicht ginge, dann sei es besser, zu schweigen und nicht zu widersprechen und später den richtigen Moment abzuwarten, da er sich beruhigt habe, und dann mit ihm unter vier Augen zu sprechen.«
Wenn es denn gar nicht anders ginge, dann »solle man aber klar sagen, wenn er einen ernsthaften Verstoß begehe, dass er sich daran erinnern solle, was mit denen passiert sei, die gegen die Befehle M.s verstoßen hätten. Er soll sich an den Vorfall mit dem Vizepräsidenten von Cor Ardens erinnern, der beschlossen hatte, die Befehle M.s zu ändern, und der dafür grausam leiden musste. Es hatte ein Feuer bei ihm zu Hause gegeben und er hatte sich dabei die Hände verbrannt. Oder den Vorfall mit Grunwald, der NK bedrängt hatte, als dieser in einer schweren Lage war, und sogar sein Bild auf einer Auktion verkauft hatte. Zwei Jahre später starb er in schrecklicher Armut. […] Wenn der Moment gekommen ist, dann soll er wissen, dass die Hand, die ihn beschützt, von ihm Schläge abwendet und vor Gefahren warnt, sich auch von ihm abwenden kann.«180
Tatsächlich sollte Louis auch in Abwesenheit des Gurus vor der »Hand des Bösen« und den dunklen Kräften bewahrt bleiben, obgleich Morya von der Treue der beiden nicht völlig überzeugt war. Als ihn Helena im Juni 1923 fragte, wie lange Horch dabeibleiben werde, antwortete der Mahatma: »Drei Jahre. Es reicht, wenn er nur mit dem Silber dient.«181
Ein Irrtum des Weisen aus dem Himalaya, wie sich noch herausstellen sollte. Die »dunklen Kräfte« waren, zumindest in Sachen Horch, schwächer als befürchtet. Ganz anders bei den Söhnen der Roerichs.
Die beiden waren grundverschieden. Der ältere, der 1902 geborene Juri, war verschlossen, ernsthaft und ein hochbegabter Linguist. 1922 hatte er bereits ein Jahr Studium in London absolviert, eines in Harvard und war im Herbst nach Paris gegangen, um dort an der Sorbonne weiterzustudieren. In diesen Jahren eignete er sich Sanskrit und Pali an und legte die Grundlage für die Beherrschung des Chinesischen, Tibetischen und sogar des Mongolischen. Er nahm seit 1920 an den Séancen der Eltern teil und glaubte von Anfang an Mahatma Morya. Allerdings hatte er, und dieser Umstand sollte noch Auswirkungen haben, seinen eigenen, ganz persönlichen Draht zu dem Mann im Himalaya und war seit langem darin geübt, automatisch zu schreiben. Doch bevor es zu den Problemen mit Juri kam, die sogar die Pläne Moryas in Gefahr brachten, gab es Ärger mit dem zweiten Sohn Swjatoslaw. Bei ihm liefen die »dunklen« Kräfte zur Höchstform auf.
Swjatoslaw oder Swetik, wie er im Familienkreis hieß, was das genaue Gegenteil seines zwei Jahre älteren Bruders. Er war ein echter Künstlertyp, ein Dandy, der gern mit seinen Freunden trank, und ein Verehrer schöner Frauen. Er hatte keinerlei Sinn für Geld, das ihm zwischen den Fingern zerrann, war aber ein talentierter Künstler, der anders als der Vater nie eine besondere Neigung zur Landschaftsmalerei zeigte. Swjatoslaw war ein begnadeter Porträtist und Zeichner von Tänzerinnen, die es ihm auch in seinem Liebesleben angetan hatten. Die Beziehung zu seinem Vater, bei dem unterschwellige Konkurrenz eine Rolle spielte,182 war kompliziert, aber er war der Liebling seiner Mutter, wie diese einmal Sinaida Lichtmann gestand. Und das, obgleich Swjatoslaw von allen Familienmitgliedern auch die schwierigste Beziehung zu Morya hatte. Wie schwierig, das war ein wohlgehütetes Familiengeheimnis, denn es hätte kein gutes Bild abgegeben, wenn ausgerechnet einer der Roerichs es an Verehrung für Morya hätte mangeln lassen. Aber wie man den Aufzeichnungen der Worte des Mahatma entnehmen kann, war dies zweifellos der Fall.
Die erste Erwähnung Swetiks im »Tagebuch« findet sich am 19. März 1920, als die Mitteilungen sofort aufhörten, sobald die Schritte des 16-Jährigen zu hören waren. Am 22. Mai verkündete Morya: »Der Sohn stört, der Sohn will sein Karma verderben – kann sein, er beginnt ein nichtswürdiges Dasein.« Am 5. Juni hieß es sogar wörtlich: »Swetik soll nicht sitzen, Swetik kennt mich nicht. Swetik ist mir fremd.« Am 15. Juni musste Morya, den Helena offensichtlich um Rat gefragt hatte, bekennen: »Es ist schwierig, Swetik aus dem Brunnen zu holen. Aber mein Karma hilft ihm.«
Und so ging es weiter. Am 3. September orakelte Morya, der Fleiß werde später bei Swetik auftauchen, und am 23. Dezember meinte er zuversichtlich, Ljumou [esoterischer Name von Swjatoslaw] sei sein Schüler, der schon noch zu ihm kommen werde. Doch es wurde nicht besser. Ganz im Gegenteil. Eineinhalb Jahre später, am 1. September 1922, ist im Zusammenhang mit Swjatoslaw zum ersten Mal von »dunklen Kräften« die Rede, die unter dem Anschein der Freundschaft in das Haus eindringen würden, und am 6. September konstatierte Morya, die »Dunklen« versuchten Ljumou in Besitz zu nehmen und man müsse »ihn vor der Meute bewahren«.
Geradezu dramatisch dann die Eintragung vom 5. November 1922, elf Uhr morgens: »In der Nacht vom 3. auf den 4. November hatte ich die Vision eines Rosenkreuzers, die von schrecklicher körperlicher Furcht begleitet war. Bei völlig ruhigem Bewusstsein hörte ich: ›Er ist bereits im Haus.‹«
Morya kommentierte den Traum mit folgenden Worten: »Natürlich, bei euch ist Krieg im Haus. Aber wir wenden den Angriff zu eurem Vorteil. Der innere Kampf reinigt Ljumou.«
Es wurde leider nichts aus der inneren Reinigung Ljumous. Und auch vor dem Kreis ließen sich die Probleme nicht mehr verbergen. Als Erste wurde natürlich die getreue Sinaida informiert. Am 23. November 1922 notierte sie in ihr Tagebuch, Helena Iwanowna habe jetzt großen Kummer mit Swetik, der unter dem Einfluss eines gewissen Dukelski stehe, der ein sehr unangenehmer junger Mann sei. Und wie unangenehm und bedrohlich die Freunde Swetiks waren, davon zeugt ein Eintrag knapp zwei Wochen später. »EI [Helena Roerich] fühlt sich schlecht. Vor zwei Nächten hat sie nachts gesehen, wie schmutzig-rote und graue unangenehme Wolken vor ihr auftauchten und alles bedeckten. Vor dem Hintergrund dieser Wolken sah sie eine Ansichtskarte, auf der irgendetwas mit gotischen Buchstaben geschrieben war. Das war natürlich von dem Feind und seinen Gesandten, die in ihr Haus eingedrungen sind. Dukelski, Danilow, Radyar, die mit Swjatoslaw eindringen und die ganze Zeit zu Hause herumsitzen. Sie haben einen sehr schlechten Einfluss auf Swjatoslaw. Ihr wird direkt schlecht von ihrer Anwesenheit, so stark wirken ihre Auren. So wirkt unser gemeinsamer Feind auf uns. Als gestern EI zum Fenster im Schlafzimmer ging, um es zu schließen, ist sie fast aus dem Fenster gefallen, und das im siebten Stock. Zum Glück steht auf dem Fußboden ein kleiner Koffer mit den Büchern des Meisters, an dem sie aufgehalten wurde und der sie rettete.«183
Wenn man all das liest, könnte man denken, der arme, unerfahrene Swetik sei in die Hand von Gangstern gefallen. Oder zumindest von Anhängern der schwarzen Magie. Speziell Dukelski wird nicht nur im Tagebuch der Sinaida Lichtmann, sondern auch in den Aufzeichnungen der Worte Moryas mit den denkbar schlimmsten Bezeichnungen belegt. Am 18. Dezember 1922 wurde gar mitgeteilt, Dukelski habe früher Konrad gedient.
Konrad, das war ein Alchemist und Helenas gefährlichster Feind, der ihr zuerst in einer früheren Inkarnation als Adelige aus dem Hause Darmstadt übel zugesetzt hatte. Von diesem Zeitpunkt an hatte der Alchemist ihr immer wieder, gleich welche Inkarnation die Vertraute Moryas gerade durchlief, Böses zugefügt. Dem Freund ihres Sohnes eine »karmische« Verbindung mit Konrad zuzuschreiben hieß, die denkbar schlimmste Verdammung auszusprechen. Zweifelsfrei hat dieser auch heute noch, zumindest was einige ihrer Anhänger in aller Welt betrifft, ein kleines Plätzchen im beeindruckenden Pantheon der Feinde der Roerichs.
Nun ist aber der frühere »Diener Konrads« keineswegs nur fanatischen Anhängern der Roerichs ein Begriff. Auch Musicalliebhaber in aller Welt kennen ihn bis heute. Jedoch nicht als Wladimir Dukelski, sondern unter dem Namen Vernon Duke, als der der russische Emigrant in den zwanziger und dreißiger Jahren große Erfolge am Broadway feierte. Vermutlich stammten auch die anderen »Feinde« Helenas aus der Welt des Broadway. Zwar ist Näheres zu Danilow und Radyar nicht überliefert, aber im Zusammenhang mit Swjatoslaw – und ähnlich ablehnend – taucht auch der Name des russischen Emigranten Adolf Bolm auf, einer der bedeutendsten Balletttänzer seiner Zeit. Und schließlich ist da noch Ruth Page, eine der größten amerikanischen Tänzerinnen des 20. Jahrhunderts, die gerade am Anfang ihrer Karriere stand. Sjwatoslaw war heftig in sie verliebt und schickte ihr in einem knappen Jahr nicht weniger als 150 Briefe.184 Auch hatte er ihr, zumindest indirekt, seinen ersten großen Schub als Künstler zu verdanken, denn um ihr Herz zu erringen, entwarf er eine große Zahl von Kostümen und Bühnenbildern.
Wie Helena zu der Verliebtheit ihres Sohnes stand, ist nicht überliefert, aber zumindest findet man in den Aufzeichnungen der Worte Moryas keine bösen Worte über die Tänzerin. Dafür Spuren eines der seltsameren Projekte, die Morya in Angriff nahm. Die Umerziehung Swjatoslaws nämlich, um die Helena den Mahatma gebeten hatte. Wann genau sie ihren Anfang nahm, ist nicht ersichtlich, aber aus den Anfragen, die Helena betreffs des »Fortschritts« stellte, kann man schließen, dass sie irgendwann in der zweiten Hälfte des Jahres 1922 begonnen hatte. Doch Sjwatoslaw war ein schwerer Fall, und am 27. Dezember verkündete Morya, er habe entschieden, ihn wieder abzugeben. Er riet aber den Eltern noch, »ihn hart anzupacken«.
Grund für das »harte Anpacken«, war irgendeine »unangenehme Geschichte«, in die Swjatoslaw durch den gleichaltrigen Dukelski geraten war, wie man aus dem Tagebuch Sinaidas erfährt.185 Was das für eine »unangenehme Geschichte« war, ist leider nicht bekannt, aber möglicherweise war sie erst durch Anstrengungen der Roerichs ans Licht gekommen. Im Herbst 1922 nämlich hatte Louis Horch auf Bitten der Eltern ein Detektivbüro angeheuert, das den ungeratenen Sprössling beobachten sollte.186
Wie auch immer, Helena Roerich sprach für Dukelski ein Hausverbot aus und die Lage beruhigte sich. Zur Jahreswende 1922/1923 zeichnete Swjatoslaw sogar automatisch im Familienkreis, und zwar einen brennenden Tempel. Alle waren auf das Höchste entzückt, als man am 2. Januar 1923 in der New York Times lesen konnte, das Goetheanum Steiners in Dornach sei abgebrannt. Swjatoslaw hatte offensichtlich seherische Fähigkeiten bewiesen. Um den »Tempel« Steiners war es in den Augen des Kreises auch nicht schade, denn, wie Sinaida Lichtmann in ihrem Tagebuch notierte, »wir alle denken, dass Steiner begonnen hat, seine Macht und seine Kraft zu missbrauchen«.187
Aber die wiedergefundene Harmonie hielt nicht an. Bald musste Morya in Sachen Swjatoslaw erneut um Rat gefragt werden, und aus der Eintragung vom 10. April 1923, in der konstatiert wird, Dukelski habe Nikolai Roerich einen »Idioten« genannt, lässt sich folgern, dass der Sohn seinen alten Umgang wieder aufgenommen hatte.
Bis 1931, als Swjatoslaw einen Skandal verursachte, der ihm keine andere Wahl mehr ließ, als sich in die Umarmung seiner Mutter und »Moryas« zu flüchten, war er nur ganz am Rand in die Pläne des Mahatma involviert.
Ob und wie sehr er überhaupt an ihn glaubte, ist eine delikate Frage. Aber sollte er nicht an ihn geglaubt haben, so ließ er darüber nie ein Wörtchen verlauten; und er tat gut daran. Denn auch Swjatoslaw lebte während der zwanziger Jahre vom Geld Louis Horchs. Genau darauf spielte seine Mutter an, als sie ihm am 1. August 1925 aus Indien, vor der dreijährigen Expedition durch Asien, einen langen, mahnenden Brief schrieb: »Höre allem gut zu, was bei den Lichtmanns gesagt wird, die Deine wahren Freunde sind, die sich niemals von Dir abwenden werden. Und beleidige und verachte nicht, was sie schätzen. Mit den Horchs sei vorsichtiger, denn ihnen fällt es schwerer, viele Deiner Handlungen zu verstehen und zu entschuldigen. Du darfst Ihre Verehrung für uns nicht ins Schwanken bringen, erinnere Dich an Deine Verantwortung. Für die Verwirklichung des Planes ist die vollkommene Standhaftigkeit Logvans und Porumas erforderlich, und auch für Dein Wohlbefinden. Begreife das, mein Lieber.«188
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