Kitabı oku: «Nikolai Roerich: Kunst, Macht und Okkultismus», sayfa 2

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Auch die angebliche Mitgliedschaft Friedrichs bei den Freimaurern erweckt Zweifel. Zumindest wenn Fjodor und Friedrich identisch waren. Denn die Freimaurerei war im damaligen russischen Reich streng verboten und nur Hochgestellte wagten es, sich über das Verbot hinwegzusetzen. Der Aufsteiger Friedrich Roerich soll dieses Risiko eingegangen sein?

War das so detailliert beschriebene Großväterchen ein von der Ropp oder vielleicht jemand völlig anderes?

Nikolai Roerich hat die Spuren seiner Herkunft verwischt, das ist sicher. Wenn sein wahrer Großvater Eduard von der Ropp war, wie es Ivars Silars annimmt, dann hätte sein Vater den Makel der unehelichen Geburt getragen. War aber sein Großvater Friedrich Roerich, dann durfte keinesfalls dessen niedrige Herkunft ans Licht kommen. Weder das eine noch das andere wird vermutlich jemals zweifelsfrei zu belegen sein. Nikolai Roerich war ein Mann, der seine Geheimnisse zu wahren wusste.

Kapitel 2
Anfänge

Konstantin Roerich und seine Frau Maria bekamen bald nach ihrer Hochzeit eine Tochter, Lidia, die später einen Arzt heiratete und sonst wenig Spuren hinterlassen hat. Dann, am 27. September 1874, wurde ihr Sohn Nikolai geboren und im Abstand von acht und elf Jahren noch zwei weitere Söhne, Wladimir und Boris. Der eine wurde Militär und der andere Architekt, aber beide sollten unter den Einfluss ihres älteren Bruders geraten und noch die eine oder andere Rolle in seinen Abenteuern spielen.

Nikolai Roerich wuchs auf der Wassiliinsel auf, direkt im Zentrum der Hauptstadt des Zarenreiches. Wohnung wie Büro des Vaters waren in einem fünfstöckigen, klassizistischen Neubau am Newaufer, einen Steinwurf vom imposanten Bau der kaiserlichen Kunstakademie. Von hier konnte man den Winterpalast sehen, der nicht mehr als zwanzig Minuten zu Fuß entfernt lag, sowie die Paläste des Hochadels auf der anderen Newaseite. Das damalige Petersburg war eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Bauern aus der Provinz zog es in die großen Industriebetriebe, der Kleinadel versuchte in der Verwaltung des expandierenden Reiches einen Posten zu ergattern, und es gab eine starke deutsche Minderheit. Ganz oben standen die baltischen Barone, von denen es hieß, niemand habe sie in ihrer Verehrung für den Zaren wie auch ihrer Verachtung für das russische Volk übertroffen. Darunter gab es eine breite Mittelschicht aus Kleinindustriellen und Handwerkern aller Art. Vertreter der Unterschicht dagegen waren unter den Deutschen kaum anzutreffen. Wie man der russischen Literatur entnehmen kann, war diese Minderheit nicht beliebt. Bei Gogol lesen wir von den teuren deutschen Schneidern, die mit ihrer Akkuratesse ihren ewig betrunkenen russischen Standeskollegen die besten Aufträge wegnehmen, von faden deutschen Kartoffelgerichten, die die sparsamen Einwanderer zubereiten, und es ist kein Zufall, dass die geizige, unangenehm pedantische Zimmerwirtin Raskolnikows, der Hauptfigur von Dostojewskis Schuld und Sühne, eine Deutsche ist. Das »deutsche« St. Petersburg sollte mit dem Ersten Weltkrieg untergehen. Nicht nur wurde die Stadt 1914 in Petrograd umbenannt, auch all die deutschen Ladenschilder, die einem auf alten Fotos ins Auge fallen, wurden sämtlich russifiziert.

Eben das deutsche Petersburg ist in dem, was über Nikolai Roerichs Jugend zweifelsfrei dokumentarisch belegt ist, allgegenwärtig. In dem Haus am Universitätsufer ist im Erdgeschoss die große »Fleischwaarenhandlung [sic!] Gries« untergebracht, und in einem zweistöckigen Haus mit zwanzig Zimmern, das die Roerichs auf der Wassiliinsel bauen, sind als Mieter der Architekt Schperer, der preußische Untertan Zillessen und der Angestellte Njustrem samt Familien verzeichnet.7 Nikolai Roerich selbst besucht ab dem 7. Lebensjahr eine Privatschule mit deutscher Unterrichtssprache. Und genau dies wird er sein Leben lang heftig abwehren, wird sich als alles Mögliche stilisieren – als Nachfahre Ruriks, als »Retter Rußlands« und sogar als Wiedergeburt des Fünften, des »großen« Dalai Lama –, nur von seinen deutschen Wurzeln wird er nie ein Wort verlauten lassen. Damit sollte er auf lange Sicht Erfolg haben. Wird er in einer frühen autobiografischen Kurzgeschichte, zum gewaltigen Ärger des Ich-Erzählers, von einem völlig Fremden sofort für einen Deutschen gehalten,8 so werden spätere Beschreibungen des Künstlers erst das »Skandinavische« an ihm betonen und später das »Asiatische«.9

Übrigens sind Briefe auf Deutsch von ihm kaum überliefert, so wenig wie sonstige Spuren der Tatsache, dass er Deutsch perfekt beherrschte. Als er nach der Revolution das Angebot bekam, nach Berlin zu gehen, zog er es vor, nach London emigrieren.

Warum wehrte Nikolai Roerich zeitlebens alles ab, was auf eine deutsche Herkunft des Vaters und damit auch von ihm selbst deutete? Zum einen war es in den letzten Jahrzehnten vor der Revolution keine Empfehlung, ausländischer und gar deutscher Herkunft zu sein. Die späte Zarenzeit war von einem immer schärfer werdenden russischen Nationalismus geprägt. In der Ukraine, in Polen und den baltischen Provinzen des Reiches wurden die örtlichen Sprachen unterdrückt und als Verwaltungssprache nur noch Russisch zugelassen. Der russische Chauvinismus, der mit dem Antisemitismus eine unappetitliche Mischung einging, wurde von den herrschenden Kreisen des Zarenreiches als letztes Mittel gesehen, das Land noch vor der drohenden Revolution zu bewahren.

Zum anderen kann man darin eine Abwehr all dessen sehen, wofür Nikolai Roerichs Vater stand. In dem wenigen, was sein Sohn über ihn berichten wird, tritt uns Konstantin Roerich als Mann entgegen, der nur Arbeit und nichts als Arbeit kannte. Der uneheliche Sohn eines Dienstmädchens aus dem Baltikum war ein erfolgreicher Notar, bis hin zu Kunden aus Hofkreisen, der aber niemanden an sich heranließ. Nikolai Roerich wird 1937, als er selbst schon über sechzig Jahre alt ist, Folgendes in sein Tagebuch schreiben: »Was wussten wir über den Vater? Es war wenig. […] Wir hörten von seinen geschäftlichen Angelegenheiten, aber sein Inneres blieb uns verborgen. […] Vieles wurde nicht ausgesprochen. Wahrscheinlich hatte es Enttäuschungen gegeben. Freunde starben früh, aber neue kamen nicht hinzu. Die besten Träume erfüllten sich nicht. Wenige und vielleicht niemand wusste, woran sein Herz litt.«10

Am deutlichsten wird das Bild Konstantin Roerichs wenige Monate vor seinem Tod. Hier finden wir die einzigen authentischen, nicht im Nachhinein verfassten Aufzeichnungen über den Vater. Es ist das Jahr 1900, und Nikolai Roerich steht am Anfang seiner Karriere als Maler. Fast jeden Tag schreibt er an seine spätere Frau Helena (»Lada«) und teilt ihr seine Gedanken, Überlegungen, Hoffnungen und Probleme mit. Das größte Problem in seiner Umgebung ist der nunmehr 63 Jahre alte Vater, der immer mehr in geistige Umnachtung versinkt und zeitweise seine Frau und die Kinder wüst beschimpft. Verstörend ist die Isolation des ehemaligen Notars. Weder Verwandte noch Freunde des Vaters werden in den Briefen erwähnt. Nur ein namenlos bleibender Onkel scheint Konstantin Roerich nahe genug gewesen zu sein, um Hilfe leisten zu können. Die Ankunft jenes Onkels wird sehnlichst erwartet. Am 27. Mai lesen wir, der Onkel käme erst am 19. Juni, und »das Schwein kümmert es wenig, wie schlecht es uns geht«.11 Woher dieser Onkel kommen wird, er lebt offensichtlich nicht in Petersburg, geht aus den Briefen nicht hervor.

Am 19. Juni kommt er tatsächlich an, und Nikolai erfährt beglückt, dass auch er der Meinung ist, der Vater müsse sich einweisen lassen. Doch am 21. Juni schreibt er an Helena: »Bei uns ist es schrecklich! Mit der Einweisung des Vaters klappt es nicht. Wir werden ihn zeitweise hier behalten zusammen mit zwei Aufsehern und einem Arzt. Mama ist dagegen. Es gibt einen Skandal. Der Onkel hätte fast alles hingeworfen und wäre abgereist.«

Wer ist dieser Onkel, der neben dem mysteriösen Fjodor einzig wirklich greifbare Verwandte Konstantin Roerichs?

Aus den Briefen erfährt man, dass er über viel Geld verfügt und seichte Operetten liebt, in die er den gelangweilten Nikolai mitnimmt. Der Onkel hat längere Zeit in Paris verbracht, und er berichtet seinem Neffen von Abenteuern aus den dortigen Vergnügungstempeln, dass dieser vor Scham nicht weiß wohin. Das alles hört sich nicht nach einem der weiteren Kinder Friedrich Roerichs, den Halbgeschwistern oder Geschwistern Konstantins an, die kaum das Geld für derartige Vergnügungen hatten. Eher schon nach jemandem aus höheren Kreisen. Den schwerreichen von der Ropps zum Beispiel, die in Kurland und Litauen über dreißig Güter besaßen.

Schließlich muss der Onkel nicht abreisen, Konstantin Roerich führt sich bei einer ärztlichen Visite derart auf, dass die Einweisung gelingt. Nikolai schreibt an »Lada« (Helena): »Wie Du weißt, stehe ich mit dem Vater nicht so gut, aber trotzdem ist es schrecklich.«12

Wenig später reist die Mutter Nikolais mit den zwei jüngeren Brüdern in den Kaukasus und lässt Nikolai und den Onkel zurück. Die beiden besuchen den Vater mehrmals im Krankenhaus, wo er Ende Juli stirbt. Zur Beerdigung kommen fast mehr Freunde Nikolais als des Vaters, wie er an »Lada« schreibt. »Offensichtlich ist er ihnen jetzt nicht mehr nütze«, wie sein Sohn kommentiert.13 Und auch seine Ehefrau, die in letzter Minute, gerade noch rechtzeitig zur Beerdigung, aus dem Kaukasus zurückgekommen ist, scheint keine allzu große Trauer zu empfinden, sondern froh zu sein, als alles vorbei ist. Sie liebt keine lutherischen Gottesdienste, wie ihr Sohn berichtet.

Konstantin Roerich, dessen uneheliche Herkunft von seiner Familie und ihm selbst so sorgfältig verborgen worden ist, dass sie erst vor wenigen Jahren entdeckt wurde, hat man allerdings nicht auf dem lutherischen Friedhof der russischen Hauptstadt, sondern auf einem nur wenige hundert Meter entfernten russisch-orthodoxen Friedhof begraben. Als Epitaph bleibt noch zu vermerken, dass Konstantin Roerich, der Aufsteiger, der anscheinend nur seine Kanzlei kannte, in seiner Freizeit an einem umfangreichen Manuskript gearbeitet hat. Sein Sohn Roerich wird berichten, es sei unleserlich gewesen, seine Frau Helena dagegen wird von einem interessanten Drama berichten. Was auch immer Konstantin Roerich geschrieben hat, es wurde von seiner Frau vernichtet.

Über die Mutter hat Nikolai Roerich kaum mehr berichtet, unter anderem, dass sie einem alten Kaufmannsgeschlecht entstamme, das sich angeblich bis ins 10. Jahrhundert zurückverfolgen lässt; aber das ist aller Wahrscheinlichkeit nach nur eine weitere Legende. Mit Sicherheit kann man anhand der vorgefundenen Dokumente sagen, Maria Kalaschnikowa kam zwar nicht von ganz unten, aber doch aus relativ einfachen, provinziellen Verhältnissen. Auch nachdem ihr Mann erst ein prominenter Notar und wenig später sogar Gutsbesitzer geworden war, behielt sie ihre alten Gewohnheiten bei. Anders als damals in besseren Kreisen üblich überließ sie nicht den gesamten Haushalt den Bediensteten, sondern war selbst rastlos tätig und zählte regelmäßig, als könnte sie ihren Reichtum immer noch nicht fassen, jedes einzelne Stück Geschirr.14 Ihren Sohn Nikolai nahm sie öfters in ihre Heimat, das Städtchen Ostrow, mit, wo sie Mitbesitzerin eines zweistöckigen Wohnhauses war. Noch im Alter sollte sich Nikolai Roerich an den großen Garten dort und die vielen Beeren erinnern und das Holzschwert, das ihm der Handwerker Iwan Iwanowitsch Tschugunow bastelte, der im Hof seine Werkstätte betrieb. Sehr viel mehr als das hat Nikolai Roerich über seine Mutter später nicht berichtet. Auch ihre Herkunft gab nichts her, was man in besseren Kreisen vorzeigen konnte. Schon früh träumte sich Nikolai Roerich in eine andere Welt und in eine andere Vergangenheit. Der Ort, wo diese Träume geboren wurden, war Iswara, das Gut, das sein Vater 1872, zwei Jahre vor seiner Geburt, erworben hatte.

Kapitel 3
Iswara

»Alles Besondere, alles Schöne und Erinnerungswürdige ist mit den Sommermonaten in Iswara verbunden.«15 Erstaunlicherweise findet man in dem Tagebuch, das Nikolai Roerich in den letzten Jahren vor seinem Tod schrieb, das Landgut kurz vor der heutigen estnischen Grenze sechsmal erwähnt, die eigenen Eltern jedoch jeweils nur ein einziges Mal.16 Hier war der Sehnsuchtsort seiner Kindheit, hier träumte sich Nikolai Roerich, der zuerst als Beschwörer der frühen Rus, als Maler altslawischer Recken, aber auch als Ausgräber bekannt wurde, in eine ganz eigene Welt.

An einem Märztag machte ich mich dorthin auf. Vom baltischen Bahnhof aus fuhr ein Bus. Zuerst ging es durch die noch engen Straßen des St. Petersburg der Industrialisierung, vorbei an den bröckelnden Fassaden des »Stil Modern«, wie die russische Variante des Jugendstils heißt, eine Strecke, die bis auf die Abgase der vielen Autos auch Nikolai Roerich noch vertraut gewesen wäre. Später verbreiterte sich die Fahrbahn, und zu beiden Seiten tauchten die vielstöckigen Plattenbauten der Breschnewzeit auf. Mit einem Mal waren wir auf dem Land. Im dichten Schneetreiben waren Wälder zu erahnen und immer wieder Datschensiedlungen. Nach gut einer Stunde kam ich in der kleinen Stadt Wolosowo an, wo ich ein Taxi fand, das mich weiter nach Iswara brachte.

Iswara ist heute ein hässliches, zu groß geratenes Dorf mit bröckelnden Plattenbauten, nicht weit von der estnischen Grenze. Die Bevölkerung hat nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Arbeit im örtlichen Sowchos verloren, und wer kann, zieht in die Stadt.

Vor mehr als hundert Jahren, als Nikolai Roerich hier jeden Sommer verbrachte, muss dies ein magischer Ort gewesen sein. Hier hatte der Vater 1872 ein altes Landhaus mit gewaltigen, meterdicken Mauern erworben, die noch aus dem 17. Jahrhundert, aus der Schwedenzeit, stammten. Zu dem Gutshaus gehörte ein großer Landbesitz von 3000 Morgen, mit Landwirtschaft, einer Forellenzucht und einer Kalkbrennerei, deren großer, schöner, sorgfältig gemauerter roter Ziegelturm jetzt langsam verfällt. Er wirkt wie ein Fremdkörper zwischen den hässlichen Überbleibseln der Sowjetzeit.

In der Nähe des Turms liegt ein größerer Teich, und tritt man an die Ufer, sieht man, wie unablässig Wasser nach oben dringt und dabei Sand aufwirbelt. Hier entspringt ein kleiner Fluss, und auf der anderen Seite, zum Norden hin, beginnt bereits ein ausgedehnter, noch ungezähmter Mischwald. Auch dieser Wald war einmal im Besitz der Roerichs. Heute wildern hier die unternehmungslustigeren unter den arbeitslosen Sowchosbauern, aber vor mehr als hundert Jahren war der Wald das Jagdrevier des jungen »Barons«, wie die örtlichen Bauern den Sohn des Notars ansprachen. Ursprünglich hatten die Eltern Nikolai in die Obhut eines Jägers gegeben, um den zu Lungenkrankheiten neigenden Sohn abzuhärten, aber dann entdeckte er seine Leidenschaft für die Jagd und verschwand selbst tagelang in den sumpfigen Niederungen um Iswara.

In dem Gutshaus ist heute ein Museum untergebracht, und man findet dort sogar einige Möbel vom Ende des 19. Jahrhunderts, die man in den sechziger Jahren bei der Ortsbevölkerung wieder eingesammelt hat, die das Gutshaus nach der Revolution geplündert hatte: große, mit rotem Brokat bespannte Sessel und einen gewaltigen Esstisch.

Das Wohngebäude mit den festungsartigen Mauern ist überraschend klein. Im Erdgeschoss befinden sich neben dem großen Esszimmer sieben weitere Räume und im ersten Stock ein großes, helles, sehr hohes und vollständig mit Holz ausgekleidetes Zimmer, in dem Nikolai Roerich sein erstes Atelier hatte.

Iswara liegt in einer Landschaft mit kalkreichen, sehr fruchtbaren Böden, die bereits seit der Bronzezeit besiedelt ist. In wenigen Kilometern Umkreis um das Gutshaus erheben sich eine Vielzahl von Grabhügeln finno-ugrischer Stämme.

Hier begann der junge Gutsbesitzersohn mit ersten Ausgrabungen. Mithilfe der Schmuckgegenstände und Waffen, die er fand, fantasierte sich der 14-jährige Gymnasiast in die Welt der skandinavischen Waräger, der Wikinger, die im zehnten Jahrhundert durch diese Gegend auf dem Weg zum Schwarzen Meer gekommen waren. Hier, in Iswara, kam ihm vermutlich auch die Idee, den Namen Roerich mit dem Namen Rurik zu verbinden, und hier träumte er sich in das »goldene Zeitalter« des vorpetrinischen Russlands hinein, das Zeitalter der slawischen »Mir«, der Dorfgemeinschaft mit ihren heidnischen Göttern, Sagen und Fruchtbarkeitsriten – Themen seiner ersten Bilder.

Ein Kritiker wird 1916 sagen, Roerichs Bilder erinnerten ihn stark an die Abbildungen von Germanen in der deutschen Zeitschrift »Jugend«. Man könnte auch sagen, an die allgegenwärtigen Gallier mit ihren geflügelten Helmen in Frankreich oder an die Artusritter, die im England des späten 19. Jahrhunderts so beliebt waren.

Der deutsche Kaiser ließ sich gerne als Germane abbilden und der russische Zar in moskowitischer Tracht. Es war ein Zug der Zeit, ein Versuch, in der Vergangenheit Halt in einer sich auflösenden Welt zu finden.

Es ist nicht verwunderlich, dass Nikolai Roerich in eben diesen Jahren Richard Wagner für sich entdeckte, der für immer sein Lieblingskomponist bleiben sollte. Auf allen Expeditionen und Reisen führte er ein Grammofon mit sich und legte jedes Mal, wenn er zu neuen Taten aufbrach, die Ouvertüre aus dem Parsifal auf.

Iswara hatte auch eine andere, dunklere Seite. Die Bauern der Gegend waren bis 1861, dem Jahr ihrer Befreiung, Leibeigene gewesen und erhielten, wie überall in Russland, nach der Befreiung nicht das ganze Land zum Bebauen, sondern nur den größeren Teil, den sie auch noch abzuzahlen hatten. Die Bitterkeit, die aus der Zeit der Leibeigenschaft und dann aus der folgenden, in den Augen des Volkes ungerechten Landverteilung zurückblieb, sollte sich in den Revolutionen von 1905 und 1917 blutig entladen. Da allerdings hatten die Roerichs Iswara bereits verkauft.

Kapitel 4
Der junge Künstler

War Iswara der Ort seiner Träume, das Märchenland der Waräger und Ruriks, seines späteren »Vorfahren«, so war St. Petersburg die harte Realität, der Ort, wo Nikolai Roerich diese Träume zu verwirklichen suchte.

Hier bekam Nikolai Roerich eine hervorragende Ausbildung. Bis zu seinem neunten Lebensjahr unterrichteten ihn Privatlehrer, und ab 1883 ging er an eine der besten Schulen St. Petersburgs, das Privatgymnasium Karl May, das, auf der Wassiliinsel gelegen, von der elterlichen Wohnung leicht zu Fuß erreichbar war. Rektor und Namensgeber der Schule war ein Reformpädagoge deutscher Herkunft, »der fest daran glaubte, dass ein Schüler alles geben wird, wenn man ihm volles Vertrauen schenkt«.17 Hier gab es keine Prügel und keinen groben Umgang mit den Schützlingen wie an den mehr traditionellen Lehranstalten des Reiches, sondern es wurde alles getan, um in jedem Schüler seine ganz besonderen Fähigkeiten zu wecken. Der Lehrplan war der eines klassischen deutschen Gymnasiums mit den wichtigsten Fächern Altgriechisch und Latein, aber auch auf Kunst und Musik wurde besonderer Wert gelegt. Wie bei dem Charakter der Schule zu erwarten, war es weniger der Adel, sondern die bürgerliche Mittelschicht und die schöpferische Intelligenz, die ihre Kinder an diese Schule schickte. Nicht wenige ihrer Absolventen wurden später bekannte Künstler, Schriftsteller und Musiker.

Nikolai Roerich, der sich besonders für Geografie, Geschichte und Kunst interessierte, war bald einer der prominentesten Schüler. Er durfte Karl May, den über siebzig Jahre alten Leiter der Schule, zeichnen, stellte im Schulgebäude seine Ausgrabungen in »Iswara« aus und veröffentlichte im Alter von 15 Jahren in der Zeitschrift Jagd und Natur einen ersten Artikel. In einem der damals so beliebten Proust’schen Fragebogen gab er als Lieblingsheld in der Literatur Don Quichotte und als Lieblingsheld in der Realität Leonardo da Vinci an. Dem Letzteren sollte er zeit seines Lebens nacheifern, doch in den Ergebnissen seiner Mühen ähnelte er eher dem Ersteren. An Erinnerungen seiner Mitschüler ist die des zwei Jahre älteren Alexandre Benois, ebenfalls Künstler und später bekanntester Kritiker seiner Generation, bemerkenswert. Er hat den jungen Nikolai Roerich als einen »sanften Jungen mit roten Bäckchen« beschrieben, der von den älteren Schülern leicht eingeschüchtert war.18

1893 beendete Nikolai Roerich die Schule mit hervorragenden Zeugnissen und dem Wunsch, Künstler zu werden. Sein Vater war strikt dagegen und wollte, dass sein Sohn, wie er selbst, Jurist werden sollte. Schließlich rang man sich zu einem Kompromiss durch, und so begann der Neunzehnjährige an der Kaiserlichen Kunstakademie eine Ausbildung als Maler und einen Monat später auch ein Jurastudium.

Bei dem Versuch, beide Studien gleichzeitig zu bewältigen, bewies der junge Student eiserne Disziplin. Er stand jeden Tag um neun Uhr auf, besuchte von zehn bis ein Uhr die Kunstakademie und hörte danach bis um drei Uhr nachmittags Vorlesungen an der nahe gelegenen Universität. Zurück zu Hause arbeitete er an seinen Zeichnungen und hielt sich schließlich von fünf Uhr bis neun Uhr abends wieder an der Kunstakademie auf. Die verbleibende Zeit bis Mitternacht waren die einzigen freien Stunden, die er sich gönnte. An den Feiertagen und während der Ferien ging er auf die Jagd oder widmete sich seinen Ausgrabungen, mit denen er sich langsam einen Ruf erwarb.

Nikolai Roerichs Karriere als Archäologe – einige Jahre später sollte er an der Universität Vorträge über »die Anwendung künstlerischer Techniken bei Ausgrabungen« halten – fiel in die »heroische« Frühzeit der Disziplin. Noch überwogen wohlhabende »Gentleman-Ausgräber«, deren Held der Autodidakt Heinrich Schliemann war.

Heute wirft man Schliemann vor, er habe bei seiner Schatzsuche Unersetzliches zerstört und die historische Schichtung durcheinandergebracht. Aber Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war Schliemanns Ruf noch intakt, und wie der berühmte Deutsche war auch Nikolai Roerich fest davon überzeugt, »dass Märchen Erzählungen sind und Erzählungen immer einen historischen Kern enthalten, den man nur noch auffinden muss«.19

Anders als Schliemann, der sich an Homer hielt, befragte Nikolai Roerich die örtliche Bevölkerung in der russischen Provinz nach Legenden und Märchen und begann dann seine Grabungen. Tatsächlich fand er auch meist etwas in all den Tumuli und Grabhügeln, die die Bevölkerung mit abergläubischem Schauer betrachtete. Zweifelhaft ist nur, ob die Zuschreibungen, die er den verrosteten Schwertern und erblindeten Glasperlen gab, nicht mehr seiner Fantasie als dem zu verdanken war, was sich streng wissenschaftlich nachweisen ließ. Aber immerhin hinterließ Nikolai Roerich in dieser seiner Anfangszeit als Archäologe genaue Beschreibungen und Zeichnungen des Vorgehens und der Resultate seiner Grabungen. Später sollte er dann alle Vorsicht fahren lassen und, im Bewusstsein seines Genies, aus der Ähnlichkeit gewisser Alltagsgegenstände auf die Herkunft der Goten aus Tibet schließen oder das Gleiche von der untergegangenen Kultur der Anazasi in Arizona behaupten. Aber das lag Ende des 19. Jahrhunderts noch in weiter Ferne.

Aus den Aufzeichnungen eines Mitstudenten entnehmen wir, dass der immer korrekt gekleidete Nikolai Roerich mit seinem freundlichen Blick und dem offenen Lächeln einen angenehmen, umgänglichen Eindruck machte. Allerdings war der Sohn des Aufsteigers aus Kurland ein Außenseiter, der mit der studentischen Boheme, den stundenlangen Diskussionen um den Samowar und den nächtlichen Ausschweifungen seiner Kommilitonen aus besseren Kreisen nichts zu tun haben wollte. Dazu war er schüchtern und wurde schnell rot, worauf ihn Mitstudenten als »Mädchen« hänselten.20

Doch hinter der Maske des »Musterstudenten« verbarg sich ein ungemein ehrgeiziger Mensch, wie man aus seinem Tagebuch erfährt: »Wie sehr doch liebe ich Lob, wie sehr erhebt es mich und wie sehr bedrückt mich Ablehnung. Und diese Selbstliebe, welch Bürde ist sie, keine Minute der Ruhe lässt sie mir. Aber es ist immer noch besser, davon mehr zu haben, als weniger. Mit ihr erreicht man vieles, was ohne sie ungetan bliebe.«21

Ein Versuch unter den Studenten, einen Weiterbildungskreis zu gründen, bei dem jeder Gelesenes vortragen sollte, endete in einem Fiasko. Wütend trug er in sein Tagebuch ein: »Das sind keine Menschen, sondern grobe Schweine und nichts sonst. Seht her, Demokraten! Und verdächtigen uns des Triumphalismus.«22

1895 lernte Nikolai Roerich, der zeit seines Lebens die Gabe hatte, einflussreiche Förderer zu finden, den nunmehr über siebzig Jahre alten Wladimir Stassow kennen, den wichtigsten Kunst-, Literatur- und Musikkritiker seiner Generation. Stassow hatte Entscheidendes zur Blüte der russischen Kultur des 19. Jahrhunderts beigetragen. In zahlreichen Artikeln hatte er dazu aufgerufen, endlich über die Nachahmung westeuropäischer Vorbilder hinauszugehen und zu einer eigenständigen Sprache in Kunst, Musik und Literatur zu finden. Er hatte viele der größten Talente, darunter die Komponisten Mussorgski, Borodin, Rimski-Korsakow sowie den Maler Repin entdeckt, etliche ihrer Werke angeregt und sie gegen Kritiker verteidigt.

Allerdings waren diese Schlachten längst geschlagen, als Roerich Stassow kennenlernte. Die russische Kunst und Musik hatte schon lange Eigenständigkeit erlangt und war im Ausland anerkannt. Das jedoch hinderte Stassow nicht daran, weiter nach dem »Urrussischen« in der Kunst zu suchen. Er forschte und fand den Urgrund der russischen Kultur bei den legendären Skythen; aus der Ähnlichkeit altrussischer Legenden mit Stoffen der Veden schloss er auf einen gemeinsamen Ursprung der altslawischen und der arisch-indischen Kultur. Kein Wunder also, dass er den »urrussischen« Roerich mit seinen Warägern, Skythen und slawischen Recken unter die Fittiche nahm, ihn mit so berühmten Männern wie Leo Tolstoi und Rimski-Korsakow bekannt machte und ihm half, ein erstes Bild an den wichtigsten Mäzen Russlands, den Moskauer Kaufmann Tretjakow, zu verkaufen.

Nikolai Roerich war übrigens der einzige Maler seiner Generation, der in Stassows Augen Gnade fand. Alle anderen hielt er für »dekadent«, zu »westlich« und »unrussisch«, und der begabteste von ihnen, Michail Wrubel, war ihm geradezu verhasst.23 Ein besonderer Dorn im Auge war Stassow die Welt der Kunst, eine Künstlervereinigung, die sich um eine gleichnamige Zeitschrift gruppierte und sich zum Ziel gesetzt hatte, der jungen Generation zum Durchbruch zu verhelfen.

Deren Anführer waren Roerichs Altersgenossen Sergej Diaghilew und Alexandre Benois. Der Erstere wird sich später zum wichtigsten Ausstellungsmacher und Theaterimpressario Russlands entwickeln und Alexandre Benois zum größten Kunstkritiker seiner Generation. Beide werden noch wichtige Rollen in Nikolai Roerichs Leben spielen.

Im Sommer 1898 schloss Nikolai Roerich sein Kunststudium erfolgreich ab und einen Monat später sein Studium der Rechte. Seine Abschlussarbeit trug den Titel »Die rechtliche Lage des Künstlers im alten Russland«. Auch wenn Nikolai Roerich später nie als Jurist arbeitete, so hatte doch das Studium in mehrfacher Hinsicht Einfluss auf sein weiteres Leben. Zum einen hatte er einen idealistischen Professor, der an einer Konvention zum Schutz von Kulturgütern in Kriegszeiten arbeitete – eine Idee, die der Künstler im Exil aufgreifen sollte – und zum anderen dürfte das Jurastudium nicht wenig zu seiner späteren, berüchtigten Prozessierfreude beigetragen haben.

Nach dem Studium blieb Nikolai Roerich nur wenige Monate ohne feste Arbeit. Schon im Herbst desselben Jahres verhalf ihm Stassow gleich zu zwei einflussreichen Posten. Er wurde Mitarbeiter der wichtigsten Quelle für Stipendien und Ausstellungsmöglichkeiten im damaligen Petersburg, der Kaiserlichen Gesellschaft zur Förderung der schönen Künste nämlich, zu der auch noch die zweite Kunstakademie der Hauptstadt sowie ein Museum gehörten. Dazu wurde er Redakteur der von Stassow gegründeten Zeitschrift Kunst und Kunsthandwerk, mit der dieser gegen die »westlichen Tendenzen« der Jungen und vor allem der Welt der Kunst in den Krieg zog.

Die Reaktion der »Westler« ließ nicht lange auf sich warten. Diaghilew verspottete den »Lieblingsenkel« Stassows in der Welt der Kunst als Speichellecker, als »Kalb, das nicht nur an zwei Muttertieren« saugt, wie es in einem russischen Sprichwort heißt, sondern sogar an deren dreien: An den Zitzen von Stassow nämlich, an denen der Kaiserlichen Gesellschaft und an denen eines gewissen Storonnyi, eines einflussreichen Kulturbürokraten.24

Nikolai Roerich befand sich in einer schwierigen Lage. Auf der einen Seite war er weiter auf die Gunst Stassows angewiesen, aber bei Diaghilew und Benois lag zweifellos die Zukunft. Bemerkenswert, wie er sich schließlich herauswand. Trotz des Drängens des Großkritikers verzichtete er auf allzu heftige Angriffe gegen die Welt der Kunst und beließ es bei einer allgemeinen Kritik an der angeblich zu »unrussischen«, zu »europäischen« Haltung dieser Zeitschrift. Um das Ganze noch mehr abzuschwächen, veröffentlichte er nicht unter eigenem Namen, sondern unter einem Pseudonym.

Tatsächlich gelang es ihm, Stassows Gunst nicht zu verlieren, und auch mit der Welt der Kunst sollte er sich wieder versöhnen. 1908, die längst anerkannte Welt der Kunst hatte sich zwischenzeitlich aufgelöst, sollte er sogar Vorsitzender einer Neugründung werden. Allerdings ohne den zweiten Kopf der Welt der Kunst, den scharfzüngigen Alexandre Benois, mit dem ihn ab 1898 ein Freund-Feind-Verhältnis verband. Roerich, der sich gern als »Urrusse« stilisiert, greift Benois, den Enkel französischer Einwanderer, nicht nur einmal als »Ausländer« an, der angeblich kein »Gefühl für echt russische Kunst« hatte. Aber er wird sich auch mehrmals mit schmeichelhaften Briefen an ihn wenden, immer in der Hoffnung, den einflussreichen Kritiker auf seine Seite zu ziehen. Benois wird weder die Feindschaft noch die Annäherungsversuche voll erwidern, sondern zu Roerich immer ein distanziert-ironisches Verhältnis bewahren.

7.I. S. Anikina/A. P. Sobolev, Pamjatnye mesta sem’i Rerixov v Sankt-Peterburge (Orte in St. Petersburg, die an die Roerichs erinnern), St. Petersburg 2003, S. 18.
8.Archiv Tretjakow Museum, Moskau, OR GTG 1897 44/62 »In der Nacht zu Weihnachten«.
9.Claude Fayette Bragdon, Merely Players, New York 1929, S. 128.
10.Nikolai Roerich, Listy Dnevnika Tom II, Moskau (Tagebuch Band II) 2000, S. 100f. Im Folgenden als Dnevnik Tom II.
11.Die hier und in den folgenden Kapiteln zitierten Briefe an Helena Roerich bis einschließlich 1913 stammen sämtlich aus dem Archiv der staatlichen Tretjakow-Galerie in Moskau und sind dort im »Fond« 44 zu finden.
12.Fond 44/158 27–28. 6. 1900.
13.Fond 44/435 1. 8. 1900.
14.I. S. Annika, »Marija Vasil’evna Kalašnikova-Rerix«, in: Rerixovskoe Nasledie – Trudy Konferencii (Materialien der Konferenz Erbe Roerichs), St. Petersburg 2005, S. 73.
15.Zit. n. Maksim Dubaev, Rerix, Moskau 2003, S. 9. Im Folgenden als Dubaev.
16.Nikolai Roerich, Listy Dnevnika Tom III (Tagebuch Band III), Register S. 645, Moskau 2002. Im Folgenden als Dnevnik Tom III.
17.Dubaev, S. 13.
18.Alexandr Benua, Moi Vospominanija (Erinnerungen), Moskau 1980, S. 486.
19.M. A. Ivanov, Rerixi i Tverskoj Kraj (Die Roerichs und die Gegend von Twer), Twer 2007.
20.P. Belikov/B. Knjazeva Rerix, Moskau 1973, S. 16.
21.Tretjakow, Fond 44, Tagebuch 29. 9. 1894.
22.Ebd. 18. 10. 1894.
23.Orlando Figes, Nataschas Tanz, Berlin 2003, S. 260 und S. 292.
24.Zit. n. Dubaev, S. 65.

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