Kitabı oku: «Nikolai Roerich: Kunst, Macht und Okkultismus»
Biografie
Saga
Nikolai Roerich
German
© 2011 Ernst von Waldenfels
Alle Rechte der deutschen Ausgabe © Osburg Verlag Hamburg 2009 www.osburg-verlag.de. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711449530
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschtzt. Kopieren fr andere als persnliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Für meine Eltern
Anstelle eines Vorworts: Das Tagebuch des Dr. Rjabinin
Ich fand das Buch in Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei, an einem kalten Herbstabend 2004. Es lag unter einem Stapel von Büchern in einem kleinen Antiquariat, das hauptsächlich russische Bücher im Angebot hatte. Es war die alte Intelligenz aus sozialistischen Zeiten, die hier aus Not ihre Schätze verkaufte. Wissenschaftliche Abhandlungen über Archäologie, Geografie und Kunstgeschichte, die nun niemanden mehr zu interessieren schienen, und eben dieses Buch.
Sein Titel war »Tibet – Enthüllt« und erschienen war es 1996 bei »Amrita-Ural«, einem Verlag irgendwo in der russischen Provinz. Das Buch sah ungewöhnlich aus. Es war solide gebunden und hatte einen festen blauen Umschlag. Der Titel war zwar in kyrillischer Schrift gesetzt, aber der Stil der Buchstaben erinnerte an Sanskrit oder das, was der Layouter für Tibetisch gehalten haben muss. Das Buch war umfangreich, über sechshundert Seiten, hatte beinahe DIN-A4-Format, enthielt Fotos und Zeichnungen und war ungewöhnlich liebevoll gedruckt. Auch das Papier verriet, dass die Herausgeber weder Mühe noch Kosten gescheut hatten. Während sonst im Russland der chaotischen neunziger Jahre Bücher gewöhnlich auf Zeitungspapier gedruckt wurden, hatte man hier schweres und völlig weißes Papier gewählt.
Die Herausgeber mussten vermögend oder selbstlose Enthusiasten sein, denn das Buch war wohl keines von der Sorte, das sich zu Zeiten Jelzins in Russland gut verkaufen ließ.
Es war weder ein Kriminalroman, noch wartete es mit angeblichen oder wahren Sensationen auf, die man in den erst seit wenigen Jahren zugänglichen Archiven gefunden hatte.
Der Untertitel des Buches lautete: »Die Original-Tagebücher der Expedition von N. K. Roerich« und der Autor hieß K.N. Rjabinin. Auf der ersten Druckseite stand die Jahreszahl 1928 und das Motto »Keine Religion übertrifft die Wahrheit und die Weisheit ist ihr Licht«.
Auf der nächsten Seite standen folgende weitere Angaben: »Das Buch enthält die originalen Tagebuchaufzeichnungen von K. N. Rjabinin. Diese Dokumente hätten nie das Licht erblickt und wären zweifellos auf ewig unbekannt geblieben, wären sie nicht 1992 zufällig durch die russischen Diplomaten A. M. Kadakin und B. S. Starostin auf dem Landsitz der Roerichs in Kullu (Indien) entdeckt worden«
Das Buch interessierte mich. Tibet war in den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts das unzugänglichste Land der Welt. Die Todesstrafe bedrohte jeden Tibeter, der ohne ausdrückliche Erlaubnis des Dalai Lama Fremde ins Land ließ. Selbst der unermüdliche Sven Hedin hatte es nur geschafft, die Randgebiete zu bereisen, und war nie nach Zentraltibet, nach Lhasa vorgedrungen. In der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts kann man die Zahl der Expeditionen nach Tibet an zwei Händen abzählen. Ich kannte die berühmten Aufzeichnungen von Alexandra David-Neel und Sven Hedin und sogar die obskuren Notizen eines japanischen Mönches, der 1901 bis nach Lhasa gekommen war. Von der Expedition eines N. K. Roerich hatte ich aber bis dahin noch nie gehört.
Ich erwarb das Buch.
Das Vorwort stammte von B. S. Starostin, einem der beiden Diplomaten, die das Manuskript gefunden hatten. Über Rjabinin stand zu lesen, dieser sei ein talentierter Arzt und Psychologe gewesen und habe sich sowohl für die allermodernste westliche Medizin als auch für östliche Heilkunde interessiert. Etwas mysteriös hieß es weiter, er habe Forschungen im Bereich des menschlichen Geistes betrieben und auf diesem Gebiet erfolgreich experimentiert. Er habe höchsten Hofkreisen nahegestanden und sei der Arzt von Felix Jussupow, des Verwandten des Zaren und Mörders des Wunderheilers Rasputin, gewesen.
Vom Leiter der Expedition, Nikolai Konstantinowitsch Roerich, wurde anscheinend vorausgesetzt, dass dem Leser des Buches seine biografischen Daten bereits bekannt waren. Seine Leistungen als Maler und Denker wurden gepriesen. Es fanden sich dort Sätze wie: »Die kulturelle Hinterlassenschaft Roerichs wird noch lange Zeit von allen Seiten untersucht werden und es ist nicht sicher, dass sie jemals bis ins Letzte verstanden werden wird. Nicht nur weil seine Tätigkeit so umfassend und seine Interessen so vielfältig waren, sondern auch, weil er so tief in den Mikrokosmos des menschlichen Daseins, wie auch den Makrokosmos dessen, was den Menschen umgibt, eingedrungen ist.«
Weiter war in dem Vorwort von einem seltsamen Flugobjekt die Rede, das die Teilnehmer der Expedition beobachtet hätten. Laut der Mongolen und Tibeter unter ihnen hätte dieses Objekt zur »Bruderschaft« gehört, die den Apparat dazu genutzt hätte, mit dem Pantschen Lama in Mukden Kontakt aufzunehmen. Welche Bruderschaft und was für ein Apparat?
Und natürlich war die Frage interessant, wie ein sowjetischer Diplomat, nach Ausbildung zweifellos Marxist-Leninist, überhaupt solche Sätze kommentarlos zitieren konnte.
Dem Vorwort folgte eine Seite mit einigen wenigen, sehr groß gedruckten Sätzen.
Betitelt waren sie mit »Geleitworte der Lehrer des Ostens«. Der Sinn dieser wenigen Sätze war dunkel, die Sprache alttestamentarisch: »Unvergesslich zu wissen, wie die Reisenden im Namen der Errichtung einer neuen Welt vorwärtsschreiten, da die Städte sie mit ihrer Bequemlichkeit verlocken; da kleinliches Streben nach Eigentum die besten Geister gefangen nimmt, haben sie kühn beschlossen, das Silber ihrer Arbeit beizutragen.«
Diesen Sätzen folgte eine Einleitung des Autors, Dr. Rjabinin, selbst. Unter anderem schrieb er: »Einige Seiten des Tagebuchs betreffend die Bruderschaft im Himalaja oder die verbotene Zone von Schambala; über den legendären, aber wahrhaftig existierenden Meteoriten, den man den Schatz der Welt oder Tschintamani nennt, mögen einem Leser, der sich nicht in die Literatur vertieft hat, als Erfindung oder zumindest Aberglauben vorkommen. Ich bitte zu bedenken, dass der Autor des Tagesbuchs die fünfzig bereits überschritten hat und über grundlegende Kenntnisse in der Medizin und den Naturwissenschaften verfügt. Die betreffenden Stellen gründen sich nicht nur auf das, was der Autor gelesen hat, sondern auf Fakten, deren Zeuge er selbst gewesen ist.«
Weiter schrieb Dr. Rjabinin mehrere Seiten über Nikolai Roerich, der im Petersburg der Zarenzeit ein hoch angesehener Künstler mit Zugang zu höchsten Kreisen gewesen war. Er hatte ihn bereits 1898 kennengelernt, wie er schrieb, und die beiden verband ein Interesse an »Experimenten im Bereich des Geistes«, wie es Dr. Rjabinin ausdrückte, ohne Näheres mitzuteilen. Später kam auch noch die Ehefrau Roerichs, Helena, dazu, und »das Verständnis der beiden für mein geistiges Streben war die Grundlage für unsere Nähe. Ich erinnere mich, wie wir damals über die großen geistigen Errungenschaften Indiens sprachen und über die ›Lehrer des Ostens‹. Die Tiefe ihrer Gedanken und Lehre bezeugte die gewaltige Kenntnis des menschlichen Geistes, die sich in den geheimen Zentren der Eingeweihten, vor allem aber in der Bruderschaft des Himalaja, laut uralter Überlieferung angesammelt hatte. Das letztere Zentrum erschien uns immer als Quelle des unübertrefflichen Wissens und der Wahrheit. Den Weg dorthin hofften wir über Indien zu finden.«
Es folgte das Tagebuch selbst, das streckenweise hochspannend war. Die Karawane durchquerte die Wüste Gobi, dann das Nan-Schan-Gebirge, stieß mit räuberischen Gebirgsstämmen zusammen, begegnete tibetischen Wundermönchen und verbrachte über einen Monat in einem Kloster der geheimnisvollen Bön-Po-Sekte.
Doch gab das Tagebuch nicht weniger Rätsel auf als das Vorwort und die Einleitung. Es fing bereits mit den ersten Tagen an. Die Expedition verließ die Hauptstadt der Mongolei nicht etwa, wie in diesen Jahren zu erwarten gewesen wäre, mit einer Kamelkarawane, sondern mit Lastwagen, die ausgerechnet die sowjetische Handelsvertretung zur Verfügung gestellt hatte. Hier lag etwas verborgen, war noch etwas Unbekanntes im Spiel. Denn im ersten Eintrag im Tagebuch des Dr. Rjabinin vom 9. April 1927 lautete gleich der zweite Satz: »Die Flagge von Buddha Matreya ist fertiggestellt. Das Ziel der Mission, die als erste in der Geschichte ohne Maskierung und Geheimnistuerei auftritt, ist die Schaffung eines wahren Buddhismus und von erregender Bedeutung.«
Nur, was konnte die sowjetische Handelsvertretung für ein Interesse an einer Expedition mit offensichtlich religiösen Zielen haben?
Noch rätselhafter war, wie Dr. Rjabinin, offensichtlich alles andere als ein überzeugter Kommunist, überhaupt die Erlaubnis bekommen konnte, die Sowjetunion zu verlassen. Noch dazu in wenigen Tagen, als sei die Sache von ganz oben abgesegnet worden. Normalerweise dauerte es in der Sowjetunion jener Jahre Monate, bis ein Mann mit solch zweifelhaftem Vorleben wie ein Arzt mit Verbindungen zur Zarenfamilie einen Auslandspass bekam. Wenn er überhaupt einen erhielt.
Es konnte eigentlich nur eine Erklärung dafür geben: Höchste Spitzen im Machtapparat in Moskau verfolgten mit der Expedition eigene Interessen.
Nur, welche es waren, ließ sich dem Tagebuch nicht entnehmen. Und falls Dr. Rjabinin sich darüber Gedanken gemacht haben sollte, so vertraute er sie dem Tagebuch klugerweise nicht an. Schließlich wollte er, wie sich den Aufzeichnungen an anderer Stelle entnehmen ließ, in die Sowjetunion zurückkehren.
Das Tagebuch hatte mich neugierig gemacht. Was hatte es mit der Bruderschaft und Schambala auf sich? Wieso glaubte nicht nur Dr. Rjabinin in den zwanziger Jahren, sondern offensichtlich auch ein sowjetischer Diplomat siebzig Jahre später an die Existenz dieser geheimnisvollen Gemeinschaft? Wieso hatten Instanzen im sowjetischen Staatsapparat die Expedition überhaupt zugelassen und sogar gefördert?
Eine schnelle Recherche in einer Encyclopedia Britannica, die ich als CD in einem Kiosk in Ulan Bator gekauft hatte, ergab, dass Roerich zumindest in Amerika eher als Fußnote der Kunstgeschichte gesehen wurde, denn die Herausgeber des Lexikons hatten seiner Biografie kaum mehr als eine viertel Spalte eingeräumt. Lapidar hieß es, er sei 1874 in St. Petersburg geboren worden, habe sich einen Namen als Künstler vor allem durch seine Bühnenbilder gemacht und sei Szenarist des berühmten Balletts »Das Frühlingsopfer« von Igor Strawinsky gewesen. 1920 sei er nach Amerika emigriert und hätte reiche Gönner gefunden, die ihm bereits zu Lebzeiten ein Museum finanzierten.
Roerich sei auch Mystiker gewesen, wurde geschrieben, und dann folgte noch die kurze Anmerkung, dass eine der einflussreichsten Figuren der amerikanischen Innenpolitik der dreißiger und vierziger Jahre, der Landwirtschaftsminister Roosevelts und spätere Vizepräsident der USA, Henry Wallace, Roerich als seinen Guru betrachtet habe. Zumindest bis 1935, als Roerich im Zusammenhang mit einer weiteren Expedition, diesmal in die Mandschurei, einen Skandal auslöste, der Wallace dazu zwang, sich von Roerich zu distanzieren.
Es verblieb der Briefwechsel zwischen den beiden. Wallace hatte Roerich als »mein Guru« angesprochen, und es fanden sich dort seltsame Sätze wie: »Die Affen suchen Freundschaft mit den Herrschern, um das Land der Meister unter sich aufzuteilen. Der Wandernde glaubt dies und hegt großes Misstrauen gegenüber den Affen.«
1948 wurden diese Briefe dazu benutzt, Henry Wallace, die Galionsfigur der amerikanischen Linken und bis dahin aussichtsreicher Präsidentschaftskandidat, in den Augen der Wähler zu diskreditieren.
Mehr war in diesem wichtigsten Lexikon der englischsprachigen Welt nicht zu erfahren. Das Internet dagegen wartete mit Abertausenden von Seiten auf. Augenscheinlich war Roerich ein Liebling der Verschwörungstheoretiker, besonders der amerikanischen. Unzählbar die Seiten, die Wallace und Roerich mit der mysteriösen Pyramide auf den amerikanischen Ein-Dollar-Noten und dem darunter gedruckten Motto »Novus ordo seclorum« in Verbindung brachten. Ominöse Deutungen dieses harmlosen Mottos waren fast so zahlreich wie die in Umlauf gebrachten Noten selbst.
Im deutschsprachigen Teil des Internets dagegen war die Zahl der Seiten über Roerich vergleichsweise bescheiden. Hier dominierten ernsthafte Erörterungen einer mystischen Lehre namens »Agni Yoga«, die Roerichs Ehefrau Helena ins Leben gerufen hatte. Es fanden sich Übersetzungen ihrer Bücher und zahlreicher Briefe mit okkultem, schwer verständlichem Inhalt. Auch zu Nikolai Roerich gab es einiges, der als »Prophet der Schönheit und Kultur« und »großer Friedensstifter« gerühmt wurde.
Am meisten war zu Roerich im russischen Internet zu finden. Mehrere Museen präsentierten sich, die ganz oder teilweise seinem Schaffen gewidmet waren. Die meisten Texte stammten von seiner Frau Helena oder von Anhängern, die sich zu Vergleichen Roerichs mit Leonardo da Vinci verstiegen oder Roerich sogar als »Retter Russlands« priesen. Er wurde als Nachfahre Ruriks vorgestellt, jenes skandinavischen Warägers, der am Anfang der Kiewer Rus steht, und im Zusammenhang mit der Expedition 1927 war zu erfahren, er sei vorher in Moskau gewesen, um der sowjetischen Staatsspitze eine wichtige Warnung zukommen zu lassen.
Es gab allerdings auch ein paar wenige Seiten, die Roerich in einem ganz anderen Licht erscheinen ließen. Einigen galt er schlicht als Agent der sowjetischen Geheimpolizei, der seinen Mystizismus als raffinierte Tarnung verwendet habe, um Spionage zu betreiben. Andere hielten ihn für einen bloßen Scharlatan, der auf nichts als das Geld seiner reichen amerikanischen Gönner aus gewesen war.
Allen Seiten gemeinsam war ihre Mythologisierung des Mannes. Zwischen Vergötterung und Verdammung, Schwarz und Weiß schien es keine Schattierung zu geben.
Wer war dieser Mann und was hatte es mit alledem auf sich?
Mit dem Tagebuch des Dr. Rjabinin hatte eine Suche begonnen, die mich schließlich nach Indien, in die USA und mehrmals nach Russland führte. Dabei stieß ich wie beim Öffnen einer russischen Matroschka auf immer neue Schichten und neue Puppen in der Puppe. Nichts war bei diesem Mann so, wie es auf den ersten Blick schien. Und das fing schon mit seiner Herkunft an.
Teil I
Der Prophet der Schönheit
Kapitel 1
Die geheimnisvolle Herkunft
Nikolai Roerich war ein Mann, der die unglaublichsten Gerüchte und Legenden über sich selbst zu verbreiten wusste. Ob als wiederkehrender König von Schambala, Maler heilbringender Bilder oder sogar zur Weltrettung berufener Messias, in all diesen Rollen fand er glühende Anhänger. Oder auch Zweifler, die sich über seine Posen lustig machten. Mit einem allerdings sollte er sich bei Freund und Feind durchsetzen: mit der selbstgesponnenen Legende von der hohen Herkunft.
Danach war Begründer des »Geschlechts« der Roerichs kein anderer als Rurik selbst, der aus Skandinavien stammende mythische Begründer der Rus, des Vorläufers des russischen Reiches. Im Mittelalter sei einer der Nachfahren Ruriks in seine Urheimat, nach Schweden, zurückgekehrt, während der Rest der Familie noch lange Jahrhunderte die Herrscher Russlands stellte.
Dieser, der erste Teil der »Familiengeschichte«, wird nur von seinen glühendsten Anhängern für bare Münze genommen. Zu offensichtlich beruht sie auf nicht mehr als einer bloßen Namensähnlichkeit zwischen Roerich und Rurik. Der Teil dagegen, der mit dem »Rückkehrer nach Schweden« anfängt, ist von sämtlichen Biografien und Lexika, ob russisch- oder englischsprachig übernommen worden.
Die Nachfahren jenes nie genauer benannten Rückkehrers seien dann als Tempelritter hervorgetreten, was nur zu gut zu den okkulten Neigungen ihres späteren Nachfahren passte. Der erste Roerich auf russischem Boden schließlich soll Nikolais Urgroßvater, ein schwedischer General, gewesen sein, der mit Karl XII. in den Krieg gezogen und nach der Niederlage der Schweden in den Dienst Peters des Großen getreten sei. Der Zar habe ihm dann Ländereien im Norden Russlands, in der Nähe der Ostsee, geschenkt. Sein Großvater, ein Fjodor Roerich, war angeblich ein hohes Mitglied der okkulten Geheimgesellschaft der Freimaurer und sein Vater Konstantin nicht nur ein angesehener Notar, sondern soll auch führend an der Gesetzgebung zur Abschaffung der Leibeigenschaft beteiligt gewesen sein.
Eine wahrhaft illustre Ahnenreihe. Bereits eine kurze Recherche ergab, dass Roerich in seinen verschiedenen Varianten der Schreibung (Rörich, Röhrich, Roehrich etc.) ein geläufiger deutscher Familienname ist, den die Namensforschung entweder auf das Röhricht oder auf den Vornamen Roderich zurückführt. Im schwedischen Telefonbuch dagegen gelang es trotz Suche nach allen möglichen Namensvarianten nicht, mehr als elf Röricks und zwei Röhrichs zu entdecken. Aber weder einen Rörich noch einen Roerich.
Dass der 1837 geborene Vater an der 1861 erfolgten Aufhebung der Leibeigenschaft beteiligt gewesen sein soll, war auch kaum glaubhaft, und dass Nikolais Großvater, angeblich ein hoher Staatsbeamter, gegen das strikte Verbot der Freimaurerei im damaligen russischen Staat verstoßen hatte, war zwar möglich, aber doch eher unwahrscheinlich.
Die Wahrheit über Nikolai Roerichs Herkunft kam erst vor wenigen Jahren ans Licht. Es war der lettische Forscher Ivars Silars, der sich die Mühe machte, alle Taufregister der deutschen Minderheit durchzusehen,1 Register, die 1939 zusammen mit den ausgesiedelten Deutschen ins »Dritte Reich« und dann 1971 aus Rostock wieder zurück ins Baltikum gekommen waren.
Bereits bekannt war, dass Konstantin Roerich aus der heute zu Lettland gehörenden Landschaft Kurland stammte. Diese war damals eine Provinz des russischen Reiches, in der eine Oberschicht deutscher Herkunft, die »baltischen Barone« über die Masse ihrer hauptsächlich lettischen Untertanen herrschte.
Als nun Ivars Silars sich in die Kirchenregister Kurlands vertiefte, traf er auf eine Überraschung nach der anderen. Zuerst einmal stellte sich Konstantin als unehelich geboren heraus. Seine Mutter war ein Dienstmädchen, die aus Preußen stammende Konstantia Schuhschel. Doch damit nicht genug. Im Taufregister fehlte der Name des Vaters! Den Namen Roerich sollte Konstantin erst zwölf Jahre später bekommen. Nicht etwa, weil der Namensgeber, ein Nachfahre deutscher Handwerker namens Friedrich Roerich, tatsächlich der Vater war. Zumindest nicht, wenn man der Indizienkette des lettischen Historikers folgt, der bei seinen monatelangen Untersuchungen auf eine Reihe von Ungereimtheiten gestoßen ist, die zusammengenommen den Stoff für einen Roman über die Klassengegensätze des damaligen Kurland ergeben würden.
Wie Ivars Silars herausfand, war Konstantia Schuhschel 1837, zum Zeitpunkt der Geburt ihres ersten Sohnes, Dienstmädchen auf dem Gut Paplacken, das einer der mächtigsten Familien Kurlands, den Freiherren von der Ropp, gehörte. Friedrich Roerich, der siebte Sohn eines Schneiders, dessen Vorfahren vor gut hundert Jahren ins Baltikum eingewandert waren, hatte es zum Verwalter von Paplacken gebracht. Dass Friedrich Roerich erst zwölf Jahre später als Vater von Konstantin genannt wird, wäre vielleicht nicht so bemerkenswert, gäbe es nicht mehrere außergewöhnliche Umstände. Zum einen gebar sie ein Jahr später einen weiteren Sohn, Albrecht, und einige Jahre danach noch ein Kind – diesmal dauerte es nicht zwölf Jahre und sie gab gleich Friedrich als den Vater dieser Kinder an. Zum anderen hatte ausgerechnet der erste, der nicht nur uneheliche, sondern auch vaterlose Konstantin, gleich drei Würdenträger als Taufzeugen, einen Arzt, einen Amtmannn und einen Müller nämlich, während die Taufe ihres zweiten Kindes sehr viel standesgemäßer von einem Viehhüter und einem Sattler bezeugt worden war.
Eine weitere Seltsamkeit betraf die Eintragung der Taufe in das Kirchenbuch. Sie war gegen jede Regel vorgenommen worden, was erklärt, warum erst Silars auf die uneheliche Geburt Konstantins stieß. Statt in der richtigen Reihenfolge – Konstantin hatte man am 7. Juli getauft – wurde die Geburt im Dezember eingetragen. Auch war Konstantin nicht, wie die anderen beiden Kinder von Friedrich und Konstantia, in der für Paplacken zuständigen lutherischen Kirche von Nord-Durben getauft worden, sondern in Birsdorf und schließlich in das Kirchenbuch noch einer weiteren Gemeinde, nämlich Wirgen, eingetragen. Mit Wirgen hat es eine besondere Bewandtnis: Es war nämlich die Heimatgemeinde derer von der Ropp. Ein Zufall? Wohl kaum, wenn man den weiteren Lebensweg von Konstantin Roerich bedenkt. Immer wieder taucht eine schützende Hand über dem Jungen auf, der es schließlich bis in die oberen Schichten der Zarenhauptstadt bringen wird.
Es fängt 1849 an, als der uneheliche Sohn des Dienstmädchens an das Technologische Institut, eine der bekanntesten Schulen St. Peterburgs, aufgenommen wird, um dort Jura zu studieren. Auf einmal ist er nicht mehr vaterlos, sondern trägt den Nachnamen Roerich. Im gleichen Jahr geben die von der Ropps Friedrich Roerich zwei ihrer Güter zur Pacht. Dies ist auch schon das letzte Mal, dass er im Leben seines angeblichen Sohnes auftaucht. Den Antrag zur Aufnahme in das Institut wie auch die Aufnahmekosten für den Jungen bezahlte ein Eduard von der Ropp, früher ansässig auf Gut Paplacken, der auch als Vormund des Jungen figuriert.
Zunächst blieb Konstantin am Technologischen Institut, brach dann aber seine Ausbildung aus unbekannten Gründen ab. Man könnte vermuten, der Jugendliche aus der Provinz mit der niederen Herkunft habe die Hänseleien seiner Mitschüler aus höheren Kreisen nicht ertragen. Das ist bloße Spekulation, aber vielleicht auch mehr als das, wenn man an die Erzählungen Gogols oder die Romane Dostojewskis denkt, die die brutalen Erniedrigungen geschildert haben, denen die kleinen Beamten, das Fußvolk der Administration des Kaiserreiches, ausgesetzt waren.
Das damalige Russland war ein strikter Ständestaat. Es gab 14 Ränge in der zivilen Beamtenschaft, die ihre Entsprechung im Militär hatten, wobei der erbliche Adel ganz oben stand. Rang war alles, und selbst die Kaufmannschaft war in eine erste und zweite Gilde gegliedert. Allerdings konnte man sich keinen Rang erkaufen, aber die Mitgliedschaft in einer Kaufmannsgilde. Und eben in eine solche Gilde sollte Konstantin Roerich erhoben werden.
Vorerst jedoch fing er als Buchhalter in einer Fabrik an und wurde erst technischer Zeichner und schließlich Buchhalter beim Bau der Eisenbahnlinie St. Petersburg-Warschau. Sein Vormund Eduard von der Ropp war zu der Zeit hoher Beamter beim Ingenieurskorps der Verkehrswege in St. Petersburg, also einer seiner Vorgesetzten.
Es folgte die nächste »berufliche« Station im Leben des Konstantin Roerich. Bei der Volkszählung von 1863 taucht Konstatin Roerich, der zu diesem Zeitpunkt zweifelsfrei Buchhalter in St. Petersburg ist, als Kaufmann der zweiten Gilde in der kurländischen Stadt Hasenpoth auf. Derselben Stadt übrigens, in der seine nunmehr 55 alte Mutter lebte. Und zwar mit der Adresse Kuldigas 16 direkt neben den von der Ropps, die die Adresse Kuldigas 14 hatten. Es fragt sich, woher der Buchhalter Konstantin Roerich das Geld und natürlich auch die Beziehungen hatte, um sich, obgleich in Petersburg ansässig, in Kurland als Kaufmann eintragen zu lassen. Und weshalb?
Die letzte Frage ist nicht schwer zu beantworten. 1862 nämlich hatte Konstantin Roerich die aus eben diesem Stand herkommende Maria Kalaschnikowa, die Mutter Nikolais, geheiratet.
Maria Kalaschnikowa brachte nicht viel in die Ehe mit. Man weiß, sie war Teilerbin eines Hauses in der Provinzstadt Ostrow, aber in Erbstreitigkeiten verwickelt.2 1867 musste Konstantin Roerich, der zu dieser Zeit 1500 Rubel jährlich verdiente, seine Vorgesetzten bitten, ihm ein Darlehen von 400 Rubeln zu gewähren, um eine Versteigerung des Besitzes seiner Frau zu verhindern. Aber nur wenige Monate später kam die nächste verblüffende Wende in seinem Schicksal. Aus unbekannter Quelle erhielt der nunmehr Dreißigjährige die gewaltige Summe von 10000 Rubeln, hinterlegte sie als Kaution und bekam trotz nicht abgeschlossenen Studiums eine Stelle als Notar beim St. Petersburger Kreisgericht. Aus dem Teilerbe seiner Frau kann die Summe übrigens nicht gekommen sein, denn das Haus in Ostrow war noch Jahre später im Besitz der Familie.
Damit begann sein Aufstieg, der ihm Kunden aus den besten Kreisen und ein hohes Ansehen einbringen sollte. 1872 kaufte er sogar ein gewaltiges Landgut nordöstlich von St. Petersburg und besaß damit fast alle Attribute eines Angehörigen der herrschenden Schicht des Kaiserreiches. Fast alle, denn ihm fehlte der Adel und ihn sollte er nie erlangen.
Umso wütender wird sein Sohn Nikolai eben dies später behaupten. Vor der Heirat mit seiner aus dem Hochadel stammenden Frau wird er ihren widerstrebenden Verwandten versichern, er sei adeliger Abstammung, nur könne er dies nicht beweisen, da die entsprechenden Urkunden leider bei einem Brand im Haus seines Urgroßvaters vernichtet worden seien. Als einzigen Beweis seiner angeblichen Herkunft wird er ein Wappen der Familie »Roerich« vorzeigen, das er aller Wahrscheinlichkeit selbst entworfen hat. 1930 schließlich wird es ihm gelingen, sich sozusagen selbst zu adeln, als er sich anlässlich der Erlangung der französischen Staatsbürgerschaft den adeligen Namenszusatz »de« zulegt. Von nun an wird er im Briefverkehr auf der Anrede »de Roerich« bestehen, und aus der Tagebucheintragung einer seiner Anhängerinnen können wir entnehmen, dies sei nur recht und billig, denn bereits in Russland habe seine Familie den Titel Freiherr getragen.3
Die Familie Roerich? Oder meinte er damit die Freiherren von der Ropp? Und das bringt uns zu der Frage, was Nikolai Roerich von der Herkunft seines Vaters überhaupt gewusst hat und ob man in den Abertausend Briefen und Aufzeichnungen des Vielschreibers vielleicht irgendeinen Hinweis findet. Um es gleich zu sagen, weder der Name Schuhschel noch der Name von der Ropp taucht auf. Zumindest nicht in irgendeiner der zahlreichen Ausgaben seiner Briefe und Selbstzeugnisse. Auch nicht ein Hinweis auf jemanden mit der Biografie Eduard von der Ropps. Viel ist über ihn nicht bekannt, aber in der Datenbank des Osteuropa-Instituts findet man immerhin die Angabe, dass er 1810 in Paplacken geboren wurde, es in der Verwaltung der Verkehrswege bis zum wirklichen Staatsrat, der vierten Stufe der Rangliste, geschafft hatte und kurz vor Jahresende 1869 in St. Petersburg gestorben war. Er hatte aller Wahrscheinlichkeit nach nie geheiratet, und es sind auch keine Kinder von ihm verzeichnet.4 Sein Tod könnte erklären, woher plötzlich Konstantin Roerich die gewaltige Summe hatte, die nötig war, um 1872 Iswara, jenes Landgut nordwestlich von St. Petersburg, zu kaufen.
Wenn wir die spärlichen Auskünfte Nikolai Roerichs über seine Familie väterlicherseits durchgehen, so fallen vor allem die Leerstellen auf. Weder werden Geschwister des Vaters erwähnt, noch findet sich der leiseste Hinweise auf die Tatsache, dass sein Vater Konstantin deutscher Herkunft war, wie auch dessen Muttersprache Deutsch gewesen sein muss. Hat schon Konstantin Roerich alles getan, um seine Vergangenheit in Kurland hinter sich zu lassen, war er es bereits, der sich eine »neue« Identität verschafft hat? Oder ist es erst sein Sohn Nikolai gewesen, der spätere »Urrusse«, der die Herkunft seines Vaters verdeckte?
Das wenige, was Nikolai Roerich später über die unmittelbare Familie seines Vaters berichtet hat, ist widersprüchlich. So brachte er 1912 diese Beschreibung seines Großvaters zu Papier: »Die fröhliche Kinderschar rennt die Treppe hinunter. […] Wir dürfen in das dunkle, hohe Zimmer des Großvaters.
Alles beim Großvater ist besonders. Uns gefällt der Sessel mit den Drachen. Ach hätten wir solche im Kinderzimmer! Wunderbar ist auch die Wanduhr, die Musik spielt. In den Schränken hinter den Glastüren Bücher mit goldbedruckten Einbänden. Es hängen schwarze Bilder und eines davon ist schief, aber der Großvater liebt es nicht, wenn man etwas anfasst. Es gibt viele schöne Dinge beim Großvater. […] Man darf die Freimaurerzeichen anfassen, aber nicht anziehen. Und wenn der Großvater guter Laune ist und ihm die Füße nicht wehtun, dann öffnet er die rechte Schublade des Tisches. Und dort sind unendlich viele interessante Dinge! […] Nach Beendigung der Hausaufgaben lieben wir es, zum Großvater zu rennen. Wir freuen uns am Großvater.
Etwas anderes.
›Großvater verbietet es, ihn zu besuchen.‹ Der erzürnte Großvater. Groß, grau, stachelig. Unmöglich zu ahnen, was erlaubt ist. Er weiß so oder so alles besser. Am besten das, was schon zu seiner Zeit so war. Alles muss so sein und nicht anders. Schimpft und fordert zur gleichen Zeit.«5
Großväterchen Fjodor kommt in Tagebucheinträgen und Briefen Nikolai Roerichs noch einige weitere Male vor. Wir erfahren noch, er habe in seiner Jugend bei den Husaren gedient, habe geraucht wie ein Schlot und sei 105 Jahre alt geworden. Nur war dieser Fjodor identisch mit Friedrich Roerich? Oder war es jemand völlig anderes? Mit der Bezeichnung Großvater oder Großväterchen geht man im Russischen großzügig um.
Gründe zum Zweifeln gibt es. Friedrich Roerich, der Sohn eines Schneiders als Husar? Kaum zu glauben, wenn man bedenkt, dass die Husaren entweder aus den Minderheiten im Süden des Reiches oder aus dem Hochadel und dann für die Leibregimenter der Zarenfamilie rekrutiert wurden. Genauso steht es mit der Behauptung, der Großvater sei uralt geworden. Das musste er ja auch, wenn sich der 1806 geborene Friedrich Ende des 19. Jahrhunderts bei seinem Sohn in Petersburg aufgehalten haben soll. Nur gibt es einen Brief Nikolai Roerichs an seinen litauischen Anhänger Richard Rudsites, in dem er mitteilt, das ungewöhnliche Alter Fjodors läge in der Familie, denn auch der Vater Friedrichs, Nikolais Urgroßvater also, sei mehr als neunzig Jahre alt geworden.6 Das aber trifft nicht zu, denn der Schneider Johann Roerich ist gerade einmal 57 Jahre alt geworden, wie Ivars Silars herausgefunden hat.
Auch die angebliche Mitgliedschaft Friedrichs bei den Freimaurern erweckt Zweifel. Zumindest wenn Fjodor und Friedrich identisch waren. Denn die Freimaurerei war im damaligen russischen Reich streng verboten und nur Hochgestellte wagten es, sich über das Verbot hinwegzusetzen. Der Aufsteiger Friedrich Roerich soll dieses Risiko eingegangen sein?
War das so detailliert beschriebene Großväterchen ein von der Ropp oder vielleicht jemand völlig anderes?
Nikolai Roerich hat die Spuren seiner Herkunft verwischt, das ist sicher. Wenn sein wahrer Großvater Eduard von der Ropp war, wie es Ivars Silars annimmt, dann hätte sein Vater den Makel der unehelichen Geburt getragen. War aber sein Großvater Friedrich Roerich, dann durfte keinesfalls dessen niedrige Herkunft ans Licht kommen. Weder das eine noch das andere wird vermutlich jemals zweifelsfrei zu belegen sein. Nikolai Roerich war ein Mann, der seine Geheimnisse zu wahren wusste.
Kapitel 2
Anfänge
Konstantin Roerich und seine Frau Maria bekamen bald nach ihrer Hochzeit eine Tochter, Lidia, die später einen Arzt heiratete und sonst wenig Spuren hinterlassen hat. Dann, am 27. September 1874, wurde ihr Sohn Nikolai geboren und im Abstand von acht und elf Jahren noch zwei weitere Söhne, Wladimir und Boris. Der eine wurde Militär und der andere Architekt, aber beide sollten unter den Einfluss ihres älteren Bruders geraten und noch die eine oder andere Rolle in seinen Abenteuern spielen.
Nikolai Roerich wuchs auf der Wassiliinsel auf, direkt im Zentrum der Hauptstadt des Zarenreiches. Wohnung wie Büro des Vaters waren in einem fünfstöckigen, klassizistischen Neubau am Newaufer, einen Steinwurf vom imposanten Bau der kaiserlichen Kunstakademie. Von hier konnte man den Winterpalast sehen, der nicht mehr als zwanzig Minuten zu Fuß entfernt lag, sowie die Paläste des Hochadels auf der anderen Newaseite. Das damalige Petersburg war eine der am schnellsten wachsenden Städte der Welt. Bauern aus der Provinz zog es in die großen Industriebetriebe, der Kleinadel versuchte in der Verwaltung des expandierenden Reiches einen Posten zu ergattern, und es gab eine starke deutsche Minderheit. Ganz oben standen die baltischen Barone, von denen es hieß, niemand habe sie in ihrer Verehrung für den Zaren wie auch ihrer Verachtung für das russische Volk übertroffen. Darunter gab es eine breite Mittelschicht aus Kleinindustriellen und Handwerkern aller Art. Vertreter der Unterschicht dagegen waren unter den Deutschen kaum anzutreffen. Wie man der russischen Literatur entnehmen kann, war diese Minderheit nicht beliebt. Bei Gogol lesen wir von den teuren deutschen Schneidern, die mit ihrer Akkuratesse ihren ewig betrunkenen russischen Standeskollegen die besten Aufträge wegnehmen, von faden deutschen Kartoffelgerichten, die die sparsamen Einwanderer zubereiten, und es ist kein Zufall, dass die geizige, unangenehm pedantische Zimmerwirtin Raskolnikows, der Hauptfigur von Dostojewskis Schuld und Sühne, eine Deutsche ist. Das »deutsche« St. Petersburg sollte mit dem Ersten Weltkrieg untergehen. Nicht nur wurde die Stadt 1914 in Petrograd umbenannt, auch all die deutschen Ladenschilder, die einem auf alten Fotos ins Auge fallen, wurden sämtlich russifiziert.
Eben das deutsche Petersburg ist in dem, was über Nikolai Roerichs Jugend zweifelsfrei dokumentarisch belegt ist, allgegenwärtig. In dem Haus am Universitätsufer ist im Erdgeschoss die große »Fleischwaarenhandlung [sic!] Gries« untergebracht, und in einem zweistöckigen Haus mit zwanzig Zimmern, das die Roerichs auf der Wassiliinsel bauen, sind als Mieter der Architekt Schperer, der preußische Untertan Zillessen und der Angestellte Njustrem samt Familien verzeichnet.7 Nikolai Roerich selbst besucht ab dem 7. Lebensjahr eine Privatschule mit deutscher Unterrichtssprache. Und genau dies wird er sein Leben lang heftig abwehren, wird sich als alles Mögliche stilisieren – als Nachfahre Ruriks, als »Retter Rußlands« und sogar als Wiedergeburt des Fünften, des »großen« Dalai Lama –, nur von seinen deutschen Wurzeln wird er nie ein Wort verlauten lassen. Damit sollte er auf lange Sicht Erfolg haben. Wird er in einer frühen autobiografischen Kurzgeschichte, zum gewaltigen Ärger des Ich-Erzählers, von einem völlig Fremden sofort für einen Deutschen gehalten,8 so werden spätere Beschreibungen des Künstlers erst das »Skandinavische« an ihm betonen und später das »Asiatische«.9
Übrigens sind Briefe auf Deutsch von ihm kaum überliefert, so wenig wie sonstige Spuren der Tatsache, dass er Deutsch perfekt beherrschte. Als er nach der Revolution das Angebot bekam, nach Berlin zu gehen, zog er es vor, nach London emigrieren.
Warum wehrte Nikolai Roerich zeitlebens alles ab, was auf eine deutsche Herkunft des Vaters und damit auch von ihm selbst deutete? Zum einen war es in den letzten Jahrzehnten vor der Revolution keine Empfehlung, ausländischer und gar deutscher Herkunft zu sein. Die späte Zarenzeit war von einem immer schärfer werdenden russischen Nationalismus geprägt. In der Ukraine, in Polen und den baltischen Provinzen des Reiches wurden die örtlichen Sprachen unterdrückt und als Verwaltungssprache nur noch Russisch zugelassen. Der russische Chauvinismus, der mit dem Antisemitismus eine unappetitliche Mischung einging, wurde von den herrschenden Kreisen des Zarenreiches als letztes Mittel gesehen, das Land noch vor der drohenden Revolution zu bewahren.
Zum anderen kann man darin eine Abwehr all dessen sehen, wofür Nikolai Roerichs Vater stand. In dem wenigen, was sein Sohn über ihn berichten wird, tritt uns Konstantin Roerich als Mann entgegen, der nur Arbeit und nichts als Arbeit kannte. Der uneheliche Sohn eines Dienstmädchens aus dem Baltikum war ein erfolgreicher Notar, bis hin zu Kunden aus Hofkreisen, der aber niemanden an sich heranließ. Nikolai Roerich wird 1937, als er selbst schon über sechzig Jahre alt ist, Folgendes in sein Tagebuch schreiben: »Was wussten wir über den Vater? Es war wenig. […] Wir hörten von seinen geschäftlichen Angelegenheiten, aber sein Inneres blieb uns verborgen. […] Vieles wurde nicht ausgesprochen. Wahrscheinlich hatte es Enttäuschungen gegeben. Freunde starben früh, aber neue kamen nicht hinzu. Die besten Träume erfüllten sich nicht. Wenige und vielleicht niemand wusste, woran sein Herz litt.«10
Am deutlichsten wird das Bild Konstantin Roerichs wenige Monate vor seinem Tod. Hier finden wir die einzigen authentischen, nicht im Nachhinein verfassten Aufzeichnungen über den Vater. Es ist das Jahr 1900, und Nikolai Roerich steht am Anfang seiner Karriere als Maler. Fast jeden Tag schreibt er an seine spätere Frau Helena (»Lada«) und teilt ihr seine Gedanken, Überlegungen, Hoffnungen und Probleme mit. Das größte Problem in seiner Umgebung ist der nunmehr 63 Jahre alte Vater, der immer mehr in geistige Umnachtung versinkt und zeitweise seine Frau und die Kinder wüst beschimpft. Verstörend ist die Isolation des ehemaligen Notars. Weder Verwandte noch Freunde des Vaters werden in den Briefen erwähnt. Nur ein namenlos bleibender Onkel scheint Konstantin Roerich nahe genug gewesen zu sein, um Hilfe leisten zu können. Die Ankunft jenes Onkels wird sehnlichst erwartet. Am 27. Mai lesen wir, der Onkel käme erst am 19. Juni, und »das Schwein kümmert es wenig, wie schlecht es uns geht«.11 Woher dieser Onkel kommen wird, er lebt offensichtlich nicht in Petersburg, geht aus den Briefen nicht hervor.
Am 19. Juni kommt er tatsächlich an, und Nikolai erfährt beglückt, dass auch er der Meinung ist, der Vater müsse sich einweisen lassen. Doch am 21. Juni schreibt er an Helena: »Bei uns ist es schrecklich! Mit der Einweisung des Vaters klappt es nicht. Wir werden ihn zeitweise hier behalten zusammen mit zwei Aufsehern und einem Arzt. Mama ist dagegen. Es gibt einen Skandal. Der Onkel hätte fast alles hingeworfen und wäre abgereist.«
Wer ist dieser Onkel, der neben dem mysteriösen Fjodor einzig wirklich greifbare Verwandte Konstantin Roerichs?
Aus den Briefen erfährt man, dass er über viel Geld verfügt und seichte Operetten liebt, in die er den gelangweilten Nikolai mitnimmt. Der Onkel hat längere Zeit in Paris verbracht, und er berichtet seinem Neffen von Abenteuern aus den dortigen Vergnügungstempeln, dass dieser vor Scham nicht weiß wohin. Das alles hört sich nicht nach einem der weiteren Kinder Friedrich Roerichs, den Halbgeschwistern oder Geschwistern Konstantins an, die kaum das Geld für derartige Vergnügungen hatten. Eher schon nach jemandem aus höheren Kreisen. Den schwerreichen von der Ropps zum Beispiel, die in Kurland und Litauen über dreißig Güter besaßen.
Schließlich muss der Onkel nicht abreisen, Konstantin Roerich führt sich bei einer ärztlichen Visite derart auf, dass die Einweisung gelingt. Nikolai schreibt an »Lada« (Helena): »Wie Du weißt, stehe ich mit dem Vater nicht so gut, aber trotzdem ist es schrecklich.«12
Wenig später reist die Mutter Nikolais mit den zwei jüngeren Brüdern in den Kaukasus und lässt Nikolai und den Onkel zurück. Die beiden besuchen den Vater mehrmals im Krankenhaus, wo er Ende Juli stirbt. Zur Beerdigung kommen fast mehr Freunde Nikolais als des Vaters, wie er an »Lada« schreibt. »Offensichtlich ist er ihnen jetzt nicht mehr nütze«, wie sein Sohn kommentiert.13 Und auch seine Ehefrau, die in letzter Minute, gerade noch rechtzeitig zur Beerdigung, aus dem Kaukasus zurückgekommen ist, scheint keine allzu große Trauer zu empfinden, sondern froh zu sein, als alles vorbei ist. Sie liebt keine lutherischen Gottesdienste, wie ihr Sohn berichtet.
Konstantin Roerich, dessen uneheliche Herkunft von seiner Familie und ihm selbst so sorgfältig verborgen worden ist, dass sie erst vor wenigen Jahren entdeckt wurde, hat man allerdings nicht auf dem lutherischen Friedhof der russischen Hauptstadt, sondern auf einem nur wenige hundert Meter entfernten russisch-orthodoxen Friedhof begraben. Als Epitaph bleibt noch zu vermerken, dass Konstantin Roerich, der Aufsteiger, der anscheinend nur seine Kanzlei kannte, in seiner Freizeit an einem umfangreichen Manuskript gearbeitet hat. Sein Sohn Roerich wird berichten, es sei unleserlich gewesen, seine Frau Helena dagegen wird von einem interessanten Drama berichten. Was auch immer Konstantin Roerich geschrieben hat, es wurde von seiner Frau vernichtet.
Über die Mutter hat Nikolai Roerich kaum mehr berichtet, unter anderem, dass sie einem alten Kaufmannsgeschlecht entstamme, das sich angeblich bis ins 10. Jahrhundert zurückverfolgen lässt; aber das ist aller Wahrscheinlichkeit nach nur eine weitere Legende. Mit Sicherheit kann man anhand der vorgefundenen Dokumente sagen, Maria Kalaschnikowa kam zwar nicht von ganz unten, aber doch aus relativ einfachen, provinziellen Verhältnissen. Auch nachdem ihr Mann erst ein prominenter Notar und wenig später sogar Gutsbesitzer geworden war, behielt sie ihre alten Gewohnheiten bei. Anders als damals in besseren Kreisen üblich überließ sie nicht den gesamten Haushalt den Bediensteten, sondern war selbst rastlos tätig und zählte regelmäßig, als könnte sie ihren Reichtum immer noch nicht fassen, jedes einzelne Stück Geschirr.14 Ihren Sohn Nikolai nahm sie öfters in ihre Heimat, das Städtchen Ostrow, mit, wo sie Mitbesitzerin eines zweistöckigen Wohnhauses war. Noch im Alter sollte sich Nikolai Roerich an den großen Garten dort und die vielen Beeren erinnern und das Holzschwert, das ihm der Handwerker Iwan Iwanowitsch Tschugunow bastelte, der im Hof seine Werkstätte betrieb. Sehr viel mehr als das hat Nikolai Roerich über seine Mutter später nicht berichtet. Auch ihre Herkunft gab nichts her, was man in besseren Kreisen vorzeigen konnte. Schon früh träumte sich Nikolai Roerich in eine andere Welt und in eine andere Vergangenheit. Der Ort, wo diese Träume geboren wurden, war Iswara, das Gut, das sein Vater 1872, zwei Jahre vor seiner Geburt, erworben hatte.
Kapitel 3
Iswara
»Alles Besondere, alles Schöne und Erinnerungswürdige ist mit den Sommermonaten in Iswara verbunden.«15 Erstaunlicherweise findet man in dem Tagebuch, das Nikolai Roerich in den letzten Jahren vor seinem Tod schrieb, das Landgut kurz vor der heutigen estnischen Grenze sechsmal erwähnt, die eigenen Eltern jedoch jeweils nur ein einziges Mal.16 Hier war der Sehnsuchtsort seiner Kindheit, hier träumte sich Nikolai Roerich, der zuerst als Beschwörer der frühen Rus, als Maler altslawischer Recken, aber auch als Ausgräber bekannt wurde, in eine ganz eigene Welt.
An einem Märztag machte ich mich dorthin auf. Vom baltischen Bahnhof aus fuhr ein Bus. Zuerst ging es durch die noch engen Straßen des St. Petersburg der Industrialisierung, vorbei an den bröckelnden Fassaden des »Stil Modern«, wie die russische Variante des Jugendstils heißt, eine Strecke, die bis auf die Abgase der vielen Autos auch Nikolai Roerich noch vertraut gewesen wäre. Später verbreiterte sich die Fahrbahn, und zu beiden Seiten tauchten die vielstöckigen Plattenbauten der Breschnewzeit auf. Mit einem Mal waren wir auf dem Land. Im dichten Schneetreiben waren Wälder zu erahnen und immer wieder Datschensiedlungen. Nach gut einer Stunde kam ich in der kleinen Stadt Wolosowo an, wo ich ein Taxi fand, das mich weiter nach Iswara brachte.
Iswara ist heute ein hässliches, zu groß geratenes Dorf mit bröckelnden Plattenbauten, nicht weit von der estnischen Grenze. Die Bevölkerung hat nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die Arbeit im örtlichen Sowchos verloren, und wer kann, zieht in die Stadt.
Vor mehr als hundert Jahren, als Nikolai Roerich hier jeden Sommer verbrachte, muss dies ein magischer Ort gewesen sein. Hier hatte der Vater 1872 ein altes Landhaus mit gewaltigen, meterdicken Mauern erworben, die noch aus dem 17. Jahrhundert, aus der Schwedenzeit, stammten. Zu dem Gutshaus gehörte ein großer Landbesitz von 3000 Morgen, mit Landwirtschaft, einer Forellenzucht und einer Kalkbrennerei, deren großer, schöner, sorgfältig gemauerter roter Ziegelturm jetzt langsam verfällt. Er wirkt wie ein Fremdkörper zwischen den hässlichen Überbleibseln der Sowjetzeit.
In der Nähe des Turms liegt ein größerer Teich, und tritt man an die Ufer, sieht man, wie unablässig Wasser nach oben dringt und dabei Sand aufwirbelt. Hier entspringt ein kleiner Fluss, und auf der anderen Seite, zum Norden hin, beginnt bereits ein ausgedehnter, noch ungezähmter Mischwald. Auch dieser Wald war einmal im Besitz der Roerichs. Heute wildern hier die unternehmungslustigeren unter den arbeitslosen Sowchosbauern, aber vor mehr als hundert Jahren war der Wald das Jagdrevier des jungen »Barons«, wie die örtlichen Bauern den Sohn des Notars ansprachen. Ursprünglich hatten die Eltern Nikolai in die Obhut eines Jägers gegeben, um den zu Lungenkrankheiten neigenden Sohn abzuhärten, aber dann entdeckte er seine Leidenschaft für die Jagd und verschwand selbst tagelang in den sumpfigen Niederungen um Iswara.
In dem Gutshaus ist heute ein Museum untergebracht, und man findet dort sogar einige Möbel vom Ende des 19. Jahrhunderts, die man in den sechziger Jahren bei der Ortsbevölkerung wieder eingesammelt hat, die das Gutshaus nach der Revolution geplündert hatte: große, mit rotem Brokat bespannte Sessel und einen gewaltigen Esstisch.
Das Wohngebäude mit den festungsartigen Mauern ist überraschend klein. Im Erdgeschoss befinden sich neben dem großen Esszimmer sieben weitere Räume und im ersten Stock ein großes, helles, sehr hohes und vollständig mit Holz ausgekleidetes Zimmer, in dem Nikolai Roerich sein erstes Atelier hatte.
Iswara liegt in einer Landschaft mit kalkreichen, sehr fruchtbaren Böden, die bereits seit der Bronzezeit besiedelt ist. In wenigen Kilometern Umkreis um das Gutshaus erheben sich eine Vielzahl von Grabhügeln finno-ugrischer Stämme.
Hier begann der junge Gutsbesitzersohn mit ersten Ausgrabungen. Mithilfe der Schmuckgegenstände und Waffen, die er fand, fantasierte sich der 14-jährige Gymnasiast in die Welt der skandinavischen Waräger, der Wikinger, die im zehnten Jahrhundert durch diese Gegend auf dem Weg zum Schwarzen Meer gekommen waren. Hier, in Iswara, kam ihm vermutlich auch die Idee, den Namen Roerich mit dem Namen Rurik zu verbinden, und hier träumte er sich in das »goldene Zeitalter« des vorpetrinischen Russlands hinein, das Zeitalter der slawischen »Mir«, der Dorfgemeinschaft mit ihren heidnischen Göttern, Sagen und Fruchtbarkeitsriten – Themen seiner ersten Bilder.
Ein Kritiker wird 1916 sagen, Roerichs Bilder erinnerten ihn stark an die Abbildungen von Germanen in der deutschen Zeitschrift »Jugend«. Man könnte auch sagen, an die allgegenwärtigen Gallier mit ihren geflügelten Helmen in Frankreich oder an die Artusritter, die im England des späten 19. Jahrhunderts so beliebt waren.
Der deutsche Kaiser ließ sich gerne als Germane abbilden und der russische Zar in moskowitischer Tracht. Es war ein Zug der Zeit, ein Versuch, in der Vergangenheit Halt in einer sich auflösenden Welt zu finden.
Es ist nicht verwunderlich, dass Nikolai Roerich in eben diesen Jahren Richard Wagner für sich entdeckte, der für immer sein Lieblingskomponist bleiben sollte. Auf allen Expeditionen und Reisen führte er ein Grammofon mit sich und legte jedes Mal, wenn er zu neuen Taten aufbrach, die Ouvertüre aus dem Parsifal auf.
Iswara hatte auch eine andere, dunklere Seite. Die Bauern der Gegend waren bis 1861, dem Jahr ihrer Befreiung, Leibeigene gewesen und erhielten, wie überall in Russland, nach der Befreiung nicht das ganze Land zum Bebauen, sondern nur den größeren Teil, den sie auch noch abzuzahlen hatten. Die Bitterkeit, die aus der Zeit der Leibeigenschaft und dann aus der folgenden, in den Augen des Volkes ungerechten Landverteilung zurückblieb, sollte sich in den Revolutionen von 1905 und 1917 blutig entladen. Da allerdings hatten die Roerichs Iswara bereits verkauft.
Kapitel 4
Der junge Künstler
War Iswara der Ort seiner Träume, das Märchenland der Waräger und Ruriks, seines späteren »Vorfahren«, so war St. Petersburg die harte Realität, der Ort, wo Nikolai Roerich diese Träume zu verwirklichen suchte.
Hier bekam Nikolai Roerich eine hervorragende Ausbildung. Bis zu seinem neunten Lebensjahr unterrichteten ihn Privatlehrer, und ab 1883 ging er an eine der besten Schulen St. Petersburgs, das Privatgymnasium Karl May, das, auf der Wassiliinsel gelegen, von der elterlichen Wohnung leicht zu Fuß erreichbar war. Rektor und Namensgeber der Schule war ein Reformpädagoge deutscher Herkunft, »der fest daran glaubte, dass ein Schüler alles geben wird, wenn man ihm volles Vertrauen schenkt«.17 Hier gab es keine Prügel und keinen groben Umgang mit den Schützlingen wie an den mehr traditionellen Lehranstalten des Reiches, sondern es wurde alles getan, um in jedem Schüler seine ganz besonderen Fähigkeiten zu wecken. Der Lehrplan war der eines klassischen deutschen Gymnasiums mit den wichtigsten Fächern Altgriechisch und Latein, aber auch auf Kunst und Musik wurde besonderer Wert gelegt. Wie bei dem Charakter der Schule zu erwarten, war es weniger der Adel, sondern die bürgerliche Mittelschicht und die schöpferische Intelligenz, die ihre Kinder an diese Schule schickte. Nicht wenige ihrer Absolventen wurden später bekannte Künstler, Schriftsteller und Musiker.
Nikolai Roerich, der sich besonders für Geografie, Geschichte und Kunst interessierte, war bald einer der prominentesten Schüler. Er durfte Karl May, den über siebzig Jahre alten Leiter der Schule, zeichnen, stellte im Schulgebäude seine Ausgrabungen in »Iswara« aus und veröffentlichte im Alter von 15 Jahren in der Zeitschrift Jagd und Natur einen ersten Artikel. In einem der damals so beliebten Proust’schen Fragebogen gab er als Lieblingsheld in der Literatur Don Quichotte und als Lieblingsheld in der Realität Leonardo da Vinci an. Dem Letzteren sollte er zeit seines Lebens nacheifern, doch in den Ergebnissen seiner Mühen ähnelte er eher dem Ersteren. An Erinnerungen seiner Mitschüler ist die des zwei Jahre älteren Alexandre Benois, ebenfalls Künstler und später bekanntester Kritiker seiner Generation, bemerkenswert. Er hat den jungen Nikolai Roerich als einen »sanften Jungen mit roten Bäckchen« beschrieben, der von den älteren Schülern leicht eingeschüchtert war.18
1893 beendete Nikolai Roerich die Schule mit hervorragenden Zeugnissen und dem Wunsch, Künstler zu werden. Sein Vater war strikt dagegen und wollte, dass sein Sohn, wie er selbst, Jurist werden sollte. Schließlich rang man sich zu einem Kompromiss durch, und so begann der Neunzehnjährige an der Kaiserlichen Kunstakademie eine Ausbildung als Maler und einen Monat später auch ein Jurastudium.
Bei dem Versuch, beide Studien gleichzeitig zu bewältigen, bewies der junge Student eiserne Disziplin. Er stand jeden Tag um neun Uhr auf, besuchte von zehn bis ein Uhr die Kunstakademie und hörte danach bis um drei Uhr nachmittags Vorlesungen an der nahe gelegenen Universität. Zurück zu Hause arbeitete er an seinen Zeichnungen und hielt sich schließlich von fünf Uhr bis neun Uhr abends wieder an der Kunstakademie auf. Die verbleibende Zeit bis Mitternacht waren die einzigen freien Stunden, die er sich gönnte. An den Feiertagen und während der Ferien ging er auf die Jagd oder widmete sich seinen Ausgrabungen, mit denen er sich langsam einen Ruf erwarb.
Nikolai Roerichs Karriere als Archäologe – einige Jahre später sollte er an der Universität Vorträge über »die Anwendung künstlerischer Techniken bei Ausgrabungen« halten – fiel in die »heroische« Frühzeit der Disziplin. Noch überwogen wohlhabende »Gentleman-Ausgräber«, deren Held der Autodidakt Heinrich Schliemann war.
Heute wirft man Schliemann vor, er habe bei seiner Schatzsuche Unersetzliches zerstört und die historische Schichtung durcheinandergebracht. Aber Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war Schliemanns Ruf noch intakt, und wie der berühmte Deutsche war auch Nikolai Roerich fest davon überzeugt, »dass Märchen Erzählungen sind und Erzählungen immer einen historischen Kern enthalten, den man nur noch auffinden muss«.19
Anders als Schliemann, der sich an Homer hielt, befragte Nikolai Roerich die örtliche Bevölkerung in der russischen Provinz nach Legenden und Märchen und begann dann seine Grabungen. Tatsächlich fand er auch meist etwas in all den Tumuli und Grabhügeln, die die Bevölkerung mit abergläubischem Schauer betrachtete. Zweifelhaft ist nur, ob die Zuschreibungen, die er den verrosteten Schwertern und erblindeten Glasperlen gab, nicht mehr seiner Fantasie als dem zu verdanken war, was sich streng wissenschaftlich nachweisen ließ. Aber immerhin hinterließ Nikolai Roerich in dieser seiner Anfangszeit als Archäologe genaue Beschreibungen und Zeichnungen des Vorgehens und der Resultate seiner Grabungen. Später sollte er dann alle Vorsicht fahren lassen und, im Bewusstsein seines Genies, aus der Ähnlichkeit gewisser Alltagsgegenstände auf die Herkunft der Goten aus Tibet schließen oder das Gleiche von der untergegangenen Kultur der Anazasi in Arizona behaupten. Aber das lag Ende des 19. Jahrhunderts noch in weiter Ferne.
Aus den Aufzeichnungen eines Mitstudenten entnehmen wir, dass der immer korrekt gekleidete Nikolai Roerich mit seinem freundlichen Blick und dem offenen Lächeln einen angenehmen, umgänglichen Eindruck machte. Allerdings war der Sohn des Aufsteigers aus Kurland ein Außenseiter, der mit der studentischen Boheme, den stundenlangen Diskussionen um den Samowar und den nächtlichen Ausschweifungen seiner Kommilitonen aus besseren Kreisen nichts zu tun haben wollte. Dazu war er schüchtern und wurde schnell rot, worauf ihn Mitstudenten als »Mädchen« hänselten.20
Doch hinter der Maske des »Musterstudenten« verbarg sich ein ungemein ehrgeiziger Mensch, wie man aus seinem Tagebuch erfährt: »Wie sehr doch liebe ich Lob, wie sehr erhebt es mich und wie sehr bedrückt mich Ablehnung. Und diese Selbstliebe, welch Bürde ist sie, keine Minute der Ruhe lässt sie mir. Aber es ist immer noch besser, davon mehr zu haben, als weniger. Mit ihr erreicht man vieles, was ohne sie ungetan bliebe.«21
Ein Versuch unter den Studenten, einen Weiterbildungskreis zu gründen, bei dem jeder Gelesenes vortragen sollte, endete in einem Fiasko. Wütend trug er in sein Tagebuch ein: »Das sind keine Menschen, sondern grobe Schweine und nichts sonst. Seht her, Demokraten! Und verdächtigen uns des Triumphalismus.«22
1895 lernte Nikolai Roerich, der zeit seines Lebens die Gabe hatte, einflussreiche Förderer zu finden, den nunmehr über siebzig Jahre alten Wladimir Stassow kennen, den wichtigsten Kunst-, Literatur- und Musikkritiker seiner Generation. Stassow hatte Entscheidendes zur Blüte der russischen Kultur des 19. Jahrhunderts beigetragen. In zahlreichen Artikeln hatte er dazu aufgerufen, endlich über die Nachahmung westeuropäischer Vorbilder hinauszugehen und zu einer eigenständigen Sprache in Kunst, Musik und Literatur zu finden. Er hatte viele der größten Talente, darunter die Komponisten Mussorgski, Borodin, Rimski-Korsakow sowie den Maler Repin entdeckt, etliche ihrer Werke angeregt und sie gegen Kritiker verteidigt.
Allerdings waren diese Schlachten längst geschlagen, als Roerich Stassow kennenlernte. Die russische Kunst und Musik hatte schon lange Eigenständigkeit erlangt und war im Ausland anerkannt. Das jedoch hinderte Stassow nicht daran, weiter nach dem »Urrussischen« in der Kunst zu suchen. Er forschte und fand den Urgrund der russischen Kultur bei den legendären Skythen; aus der Ähnlichkeit altrussischer Legenden mit Stoffen der Veden schloss er auf einen gemeinsamen Ursprung der altslawischen und der arisch-indischen Kultur. Kein Wunder also, dass er den »urrussischen« Roerich mit seinen Warägern, Skythen und slawischen Recken unter die Fittiche nahm, ihn mit so berühmten Männern wie Leo Tolstoi und Rimski-Korsakow bekannt machte und ihm half, ein erstes Bild an den wichtigsten Mäzen Russlands, den Moskauer Kaufmann Tretjakow, zu verkaufen.
Nikolai Roerich war übrigens der einzige Maler seiner Generation, der in Stassows Augen Gnade fand. Alle anderen hielt er für »dekadent«, zu »westlich« und »unrussisch«, und der begabteste von ihnen, Michail Wrubel, war ihm geradezu verhasst.23 Ein besonderer Dorn im Auge war Stassow die Welt der Kunst, eine Künstlervereinigung, die sich um eine gleichnamige Zeitschrift gruppierte und sich zum Ziel gesetzt hatte, der jungen Generation zum Durchbruch zu verhelfen.
Deren Anführer waren Roerichs Altersgenossen Sergej Diaghilew und Alexandre Benois. Der Erstere wird sich später zum wichtigsten Ausstellungsmacher und Theaterimpressario Russlands entwickeln und Alexandre Benois zum größten Kunstkritiker seiner Generation. Beide werden noch wichtige Rollen in Nikolai Roerichs Leben spielen.
Im Sommer 1898 schloss Nikolai Roerich sein Kunststudium erfolgreich ab und einen Monat später sein Studium der Rechte. Seine Abschlussarbeit trug den Titel »Die rechtliche Lage des Künstlers im alten Russland«. Auch wenn Nikolai Roerich später nie als Jurist arbeitete, so hatte doch das Studium in mehrfacher Hinsicht Einfluss auf sein weiteres Leben. Zum einen hatte er einen idealistischen Professor, der an einer Konvention zum Schutz von Kulturgütern in Kriegszeiten arbeitete – eine Idee, die der Künstler im Exil aufgreifen sollte – und zum anderen dürfte das Jurastudium nicht wenig zu seiner späteren, berüchtigten Prozessierfreude beigetragen haben.
Nach dem Studium blieb Nikolai Roerich nur wenige Monate ohne feste Arbeit. Schon im Herbst desselben Jahres verhalf ihm Stassow gleich zu zwei einflussreichen Posten. Er wurde Mitarbeiter der wichtigsten Quelle für Stipendien und Ausstellungsmöglichkeiten im damaligen Petersburg, der Kaiserlichen Gesellschaft zur Förderung der schönen Künste nämlich, zu der auch noch die zweite Kunstakademie der Hauptstadt sowie ein Museum gehörten. Dazu wurde er Redakteur der von Stassow gegründeten Zeitschrift Kunst und Kunsthandwerk, mit der dieser gegen die »westlichen Tendenzen« der Jungen und vor allem der Welt der Kunst in den Krieg zog.
Die Reaktion der »Westler« ließ nicht lange auf sich warten. Diaghilew verspottete den »Lieblingsenkel« Stassows in der Welt der Kunst als Speichellecker, als »Kalb, das nicht nur an zwei Muttertieren« saugt, wie es in einem russischen Sprichwort heißt, sondern sogar an deren dreien: An den Zitzen von Stassow nämlich, an denen der Kaiserlichen Gesellschaft und an denen eines gewissen Storonnyi, eines einflussreichen Kulturbürokraten.24
Nikolai Roerich befand sich in einer schwierigen Lage. Auf der einen Seite war er weiter auf die Gunst Stassows angewiesen, aber bei Diaghilew und Benois lag zweifellos die Zukunft. Bemerkenswert, wie er sich schließlich herauswand. Trotz des Drängens des Großkritikers verzichtete er auf allzu heftige Angriffe gegen die Welt der Kunst und beließ es bei einer allgemeinen Kritik an der angeblich zu »unrussischen«, zu »europäischen« Haltung dieser Zeitschrift. Um das Ganze noch mehr abzuschwächen, veröffentlichte er nicht unter eigenem Namen, sondern unter einem Pseudonym.
Tatsächlich gelang es ihm, Stassows Gunst nicht zu verlieren, und auch mit der Welt der Kunst sollte er sich wieder versöhnen. 1908, die längst anerkannte Welt der Kunst hatte sich zwischenzeitlich aufgelöst, sollte er sogar Vorsitzender einer Neugründung werden. Allerdings ohne den zweiten Kopf der Welt der Kunst, den scharfzüngigen Alexandre Benois, mit dem ihn ab 1898 ein Freund-Feind-Verhältnis verband. Roerich, der sich gern als »Urrusse« stilisiert, greift Benois, den Enkel französischer Einwanderer, nicht nur einmal als »Ausländer« an, der angeblich kein »Gefühl für echt russische Kunst« hatte. Aber er wird sich auch mehrmals mit schmeichelhaften Briefen an ihn wenden, immer in der Hoffnung, den einflussreichen Kritiker auf seine Seite zu ziehen. Benois wird weder die Feindschaft noch die Annäherungsversuche voll erwidern, sondern zu Roerich immer ein distanziert-ironisches Verhältnis bewahren.
Kapitel 5
Helena
»Alle, die sie erblickten, waren von ihrem Äußeren bezaubert. Sie war von hoher Gestalt, schlank, wohlproportioniert, voller Eleganz, Weiblichkeit, Grazie und besaß eine Ausstrahlung, die unwillkürlich alle Blicke auf sich zog. Sie war immer nach der letzten Mode gekleidet, trug Ohrringe, Halsketten und teuren Schmuck. Sie hatte eine sehr melodische, zärtliche Stimme und liebte es, ihr nahestehende Menschen mit Koseworten anzusprechen.«25
Diese Zeilen stammen von einer engen Freundin, die sie 1956 in einem Invalidenheim im kasachischen Karaganda niederschrieb, vermutlich ihre letzte Station in einer langen Kette von Straflagern und Verbannung. Doch diese Beschreibung der in der Erinnerung ewig jungen Helena trifft genau den Eindruck, den auch später noch Helena auf alle Betrachter machen sollte. Helena Schaposchnikowa war eine blendende Schönheit, »toujours belle«, wie 1918 Alexandre Benois in sein Tagebuch notierte, und dazu noch intelligent, hoch gebildet und eine starke Persönlichkeit. Ein weiterer Beobachter, der amerikanische Börsenmakler Louis Horch, beschreibt sie später als »eine der klügsten Frauen, die je an diese Ufer gekommen sind«.26
Zum ersten Mal begegnete Nikolai Roerich seiner späteren Frau im Sommer 1899. Das war im Waldai, einer hügeligen Landschaft zwischen Moskau und St. Petersburg, im Schloss ihres Onkels, des Fürsten Putanin, in dem in den 1860er Jahren der Zar und seine Familie öfter selbst zu Gast gewesen waren. Doch Putanin entstammte nicht nur einer der namhaftesten Familien des Landes, sondern war auch der bedeutendste »Gentleman-Ausgräber« Russlands. In dem gewaltigen, von Efeu umrankten Bau befanden sich eine archäologische Fachbibliothek wie auch eine Dauerausstellung der Funde des Fürsten. Das war der Grund, warum Nikolai Roerich, der sich gerade in der Gegend aufhielt, eines Abends vorbeikam, um sich dem berühmten Mann vorzustellen. Wenn man den Erinnerungen der späteren Helena Roerich glauben darf, so hielt man den Mann mit den staubigen Stiefeln erst für einen Pächter oder einen Kurier, gewann aber bald einen günstigeren Eindruck von ihm und ließ ihn schließlich im Arbeitszimmer des Fürsten, der verreist war, sein Nachtlager aufschlagen. Drei Tage blieb der »angenehme junge Mann« zu Gast und »nahm alle für sich ein«.27
Es war eine Begegnung, die Nikolai Roerichs Leben von Grund auf veränderte. Die nächsten zwei Jahre bis zur schließlichen Heirat beherrschte ihn nur ein Thema: Helena und immer wieder Helena. Und auch nach der Heirat sollte er seine Frau »vergöttern« – in genau dem metaphysischen Sinne, der in dem Verb mitschwingt.
Doch vorerst musste er nicht nur sie, sondern auch ihre Familie für sich gewinnen.
Helena stammte mütterlicherseits von den Golenischtsch-Kutusows ab, einer Familie, deren Name noch heute in einer der bekanntesten Straßen Moskaus nachklingt. Ihr Urgroßonkel war Michail Kutusow, der Befehlshaber in den Kriegen gegen Napoleon und der größte russische Kriegsheld des 19. Jahrhunderts. Helena Schaposchnikowa war sich ihrer Abstammung immer voll bewusst und erfreute ihre Jüngerinnen im amerikanischen Exil mit farbigen Geschichten über die willensstarken Frauen der Golenschischtsch-Kutusow. Über ihre Urgroßmutter erzählte sie, jene sei »eine machtbewusste Frau,« gewesen, »die der Zarin Katharina II. einen Drohbrief schrieb, als diese einen Wachtmeister der Landpolizei zu dem Gut schickte, um darauf zu achten, dass die Gutsbesitzer ihre Leibeigenen nicht zu sehr unterdrückten«.28
Die alte Dame habe ein so strenges Regiment geführt, dass sich selbst ihre Söhne nicht setzen durften, wenn sie im Zimmer war, und ihre Gäste habe sie je nach Rang empfangen. »Einige in der ersten Halle, andere im Salon und wieder andere in ihrem persönlichen Zimmer.«29
Ein Onkel wiederum sei über den Tod seiner Frau so betrübt gewesen, dass er drei Jahre lang nicht das Zimmer verlassen habe. Schließlich habe die Verwandtschaft ihn gezwungen, eine reiche Grundbesitzerin zu heiraten, die den armen Mann grausam quälte. Als er sich schließlich nicht mehr zu helfen wusste und sich an ein Gericht wandte, habe seine Frau, eine große Schönheit, ihre Schultern gezeigt, die voll blauer Flecken waren. Darauf wurde sie natürlich freigesprochen. »Als dieser Onkel schließlich vor Kummer und Leiden starb, ging sie, als er in der Kirche aufgebahrt lag, zu ihm hin und schlug ihn ein letztes Mal auf die Nase.«30
Ein weiterer Onkel, ein Bruder ihrer Mutter, sei von seiner Braut erschossen worden, als er scheinbar von der Hochzeit zurücktreten wollte, und schließlich erzählte sie ihren Jüngerinnen auch von den wüsten Streitigkeiten ihrer Eltern, als ihre Mutter den viel älteren Vater wegen eines Liebhabers verlassen wollte.
Vielleicht war eine Neigung zu Affären eben der Grund, warum die Mutter Helenas bereits mit 18 Jahren an einen schon 42 Jahre alten Nichtadeligen, den Architekten und Universitätsdozenten Iwan Schaposchnikow, verheiratet wurde. Erst ein Jahr vor seinem Tod wurde er ob seiner Verdienste in den erblichen Adelsstand erhoben. Ihre drei Schwestern machten wesentlich bessere Partien. Eine von ihnen, die elegante und willensstarke Opernsängerin Ewdokija, heiratete erst den »bekannten Krösus und Wüstling Mitusow« und dann Fürst Putanin, und auch die beiden anderen Schwestern heirateten Männer aus den höheren Kreisen des Reiches.31
Zur weiteren Verwandtschaft Helenas gehörte schließlich auch der geniale Komponist Modest Mussorgski, der von den vier Schwestern so angetan war, dass er extra für sie Kosenamen erfand.
Nikolai Roerich versuchte also, in eine in jeder Hinsicht formidable Familie einzuheiraten. Wohl nicht zufällig tauchte kurz darauf zum ersten Mal ein »Wappen« der Familie Roerich auf. Doch zuallererst galt es Helena selbst zu erobern, die von Verehrern aus besten Kreisen umschwirrt war. Doch die fünf Jahre jüngere Helena, die es liebte, die »kalte Kokette« zu spielen, wie sie im Rückblick zugab, machte es ihm nicht leicht.32
Sie war ein Einzelkind und in der Obhut ihrer Kindermädchen und Gouvernanten aufgewachsen. Die kleine Helena bekam, wie in Adelskreisen Petersburgs üblich, eine hervorragende Erziehung, lernte Deutsch, Englisch, Französisch und Klavier. Später wird sie erzählen, »wie schrecklich es manchmal im Winter war in dieser großen Wohnung, und wie sie abends im Gästezimmer auf dem Flügel üben musste. Das Gästezimmer war an einem Ende der Wohnung, und die Zimmer der Diener und der Gouvernanten waren am anderen Ende. Mutter und Vater waren abends nie zu Hause.«33
Das Mädchen war der Schrecken ihrer Erzieherinnen, zu denen unter anderen ein adeliges Fräulein aus Deutschland gehörte. Eine der eindrücklichen Episoden, die Helena später ihren Vertrauten in Amerika und Indien erzählt, handelt davon, wie die Gouvernante, die mit den Nerven am Ende war, sie im Badezimmer einschloss, sich aber damit ein nur noch größeres Fiasko einhandelte. Das Mädchen nämlich kündigte an, es werde kaltes Wasser in die Wanne einlassen, sich hineinsetzen und dort so lange bleiben, bis sie sich erkältet habe. Die Gouvernante glaubte ihr nicht, stellte sich aber trotzdem auf einen Stuhl am Außenfenster, um sie zu beobachten. Als sie sah, dass Helena ihre Drohung tatsächlich wahr machte, öffnete sie sofort die Tür. Das ganze Haus eilte herbei, und man rieb dem Mädchen, dem die ganze Sache großen Spaß machte, mit Spiritus die Füße ein.
War es die Einsamkeit des Mädchens, das praktisch elternlos aufwuchs, oder die Leere des »goldenen Käfigs«, in den sie sich eingesperrt fühlte, oder auch nur Zeichen ihrer außerordentlichen Fantasie, auf jeden Fall wurde sie, wie sie später im Exil berichtet, »von früher Kindheit an von Stimmen verfolgt, die Gott lästerten. Die Stimmen verfolgten sie schrecklich und flüsterten die ganze Zeit gegen Gott. Weil sie Angst hatte, den Erwachsenen davon zu erzählen, setzte sie sich gewöhnlich auf das Sofa im dunklen Zimmer, schloss die Augen und wiederholte immer wieder: ›Gott ist gut, Gott ist gut.‹ Und das musste sie manchmal ganze Stunden wiederholen, bis die Stimmen schließlich aufhörten, sie zu quälen. Von da an hat der Gedanke an Gott sie nie verlassen.«34
Mit sechzehn wurde Helena ins Ausland geschickt, »weil ihre Nerven in sehr schlechtem Zustand« waren.35 Dort schleppte ihre Mutter, die sich bereits nach einem Ehemann für die Tochter umsah, sie gegen ihren Willen auf Bälle und machte mit ihr Besuche.
Zurück in Russland ging der Krieg zwischen Mutter und Tochter weiter. Als ein Arzt zum Fahrradfahren riet, radelte Helena stundenlang in den Parks der Hauptstadt, »um endlich allein zu sein«, während die Mutter vergeblich versuchte, ihr in einer Kutsche zu folgen.36 Die Mutter habe während dieser Zeit zwei Pud abgenommen, wie Helena schadenfroh anmerkte, und ihr das Radfahren schließlich verboten.
Als sie 18 Jahre alt war, starb der Vater, dessen Tod sie vorausgeahnt haben will. Und nicht nur den Tod des Vaters, der ihr später im Traum Ratschläge gab, habe sie gespürt, auch den Tod von anderen Verwandten.
Die Beziehungen zwischen Tochter und Mutter – über die Helena übrigens kein einziges gutes Wort überliefert hat – wurden nach dem Tod des geliebten Vaters nur noch schlechter. Helena, eine begabte Pianistin, wollte aufs Konservatorium, die Mutter jedoch legte ihr Veto ein. Sie hatte Angst, ihre rebellische Tochter könnte von der Unruhe an den höheren Bildungseinrichtungen Petersburgs angesteckt und zur Revolutionärin werden. Umso dringlicher wurde es, für sie rasch einen Mann zu finden. Wie wir aus Briefen Helenas an Nikolai, den sie damit hin und wieder quälte, erfahren, gab es keinen Mangel an wohlhabenden und hochgestellten Kandidaten, die die Billigung ihrer Mutter gefunden hätten.
Es dauerte zwei Jahre, bis Nikolai Roerich schließlich alle Widerstände überwunden hatte. Er schickt seiner »Lada« bis zu fünf Briefe täglich, sie antwortet bedeutend seltener.
In dem Briefwechsel, der sich beinahe vollständig erhalten hat, finden sich zahllose Stellen wie die folgende: »Meine Liebe, Teure, Gute. Gestern Abend habe ich endlich deinen Brief erhalten, den ich, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, fünf Mal durchgelesen habe und jetzt mit mir herumtrage.«37
Ein anderes Mal bittet er um Fotos von ihr und fügt hinzu: »Du sollst wissen, ich werde sie jeden Abend und Morgen küssen und sie in den Ecken meines Zimmers aufstellen, um mein Teuerstes, meine liebste Lada, aus allen Richtungen sehen zu können.«38
Helena stellte ihren Verehrer heftig auf die Probe. Nach Erhalt einer ihrer kälteren Epistel antwortet der sonst so kontrollierte Nikolai, er trage alle ihre Briefe beständig mit sich herum und habe beim Versuch, sie zu ordnen, so heftig weinen müssen, dass es ihm nicht gelungen sei.
Unablässig versuchte er, sich die Mutter und vor allem die »Fürstinnen«, wie er deren Schwestern nannte, geneigt zu machen. Diese hielten die junge Frau fest im Griff und kontrollierten sogar ihren Briefverkehr. So lesen wir am Ende jedes Briefes nicht nur von den Küssen, die er seiner Lada schenke, sondern auch von denen für ihre Mutter. Was die weibliche Verwandtschaft anging, so erfahren wir aus dem Tagebuch einer Vertrauten Helenas, »der arme Nikolai war damals immer schwer beladen, wenn er zu ihr ging, da er für all die Tanten und Kusinen zehn Schachteln Pralinen mitnehmen musste, damit niemand beleidigt war.«39
Man kann sicher sein, Helena erwiderte die Gefühle Nikolais ziemlich früh, auch wenn sie seine Gefühlsausbrüche hin und wieder recht kalt quittierte. Einer Vertrauten berichtete sie später, sie habe schon beim zweiten Treffen in die Heirat eingewilligt, aber »ihn um zwei Jahre Zeit gebeten, da die Familie gegen die Heirat mit einem Künstler gewesen sei«.40
Tatsächlich ging es nicht an, dass ein Künstler unklarer Herkunft – das Roerich’sche »Wappen« wird die »Fürstinnen« kaum sehr beeindruckt haben – in eine so illustre Familie einheiratete. Zumindest Geld und einen »Posten«, ein festes Gehalt, sollte der Bräutigam schon vorweisen können.
Aus den Briefen an »Lada« erfahren wir, wie Nikolai Roerich von nun an mit allen Mitteln um eben einen solchen Posten intrigierte. Am besten einen mit der Aussicht auf »Rang«, der ersten Stufe der 14-stufigen Beamtenlaufbahn, die ab der vierthöchsten Stufe den erblichen Adelstitel einbrachte. Ausgangspunkt der Bemühungen war die untergeordnete Stelle, die Nikolai Roerich bei der »Kaiserlichen Gesellschaft« bereits innehatte. Im Auge hatte er eine viel bessere bei derselben Institution, nämlich die von Alexandre Benois, der beim Museum der Gesellschaft nicht nur 3000 Rubel im Monat verdiente, sondern auch noch ein kostenloses Atelier zur Verfügung hatte.
Am 2. Juni des Jahres 1900 schrieb Nikolai an seine Braut, sobald sein »Feind« (sic!), aus dem Weg sei, werde er bei der Großfürstin – einer Verwandten des Zaren und Schirmherrin der Gesellschaft – gut Wetter machen und dann werde es seiner Laduschka gut gehen, das heißt, sie könnten heiraten.
In einem Brief sechs Tage später war er bester Laune, denn nicht nur hatte man ihn in den höchsten Tönen gelobt, sein Mitstreiter in der Gesellschaft, ein gewisser Swinin, hatte auch gute Neuigkeiten: »Der Abgang von Benois aus dem Museum ist nur eine Frage der Zeit, und zwar keiner langen, und man wird mir wahrscheinlich seinen Posten geben.«
Am 29. August schrieb er Helena, seine Mutter habe ihm vorgeworfen, er würde zu sehr auf Swinin hoffen und »dieser werde nichts für ihn tun, andernfalls hätte man Benois schon längst rausgeworfen. Ich versuchte ihr beizubringen, dass es nicht leicht ist, den General [sic!] Benois loszuwerden, und dass Swinin und Tewjaschtschew [ein weiterer Vertrauter Roerichs] schon eine Menge für mich tun, indem sie seine Lage untergraben. So etwas braucht eben seine Zeit.«
Es sollte Nikolai Roerich nicht gelingen, den Posten des »Generals« zu erobern. Aber er ließ von den Intrigen auch nichts nach außen dringen, sondern war, wie man in den Memoiren von Alexandre Benois nachlesen kann, seinem »Feind« gegenüber immer gleichbleibend freundlich. Seine wahren Gefühle zu verbergen und schon gar nicht Feindschaft oder Abneigung zu zeigen, das war ein Prinzip, das Nikolai Roerich sein ganzes Leben lang beibehalten sollte.
Nach dem Tod des Vaters änderte sich die Lage Nikolais, denn er machte eine substantielle Erbschaft. Zur Heirat reichte sie nicht, denn noch immer hatte er keinen »Posten«.
Nikolai beschloss, nach Paris zu reisen, um sich fortzubilden. Dabei scheint er sich die konservativ-symbolistische Variante des Pariser Lehrangebots gezielt herausgesucht und die Impressionisten nachgerade vermieden zu haben. Er nahm Unterricht bei Fernand Cormon und Pierre Cécile Puvis de Chavannes. Der Erste war ein akademischer Historienmaler und der Zweite ein wichtiges Mitglied der symbolistischen Bewegung und ist für seine Wandmalereien u.a. im Panthéon bekannt. Beide Lehrer erklären gut gewisse Tendenzen in Nikolai Roerichs Werk: dass er nie, was für seine Zeit keineswegs selbstverständlich war, »von der eindeutig figurativen Malerei abwich, und die wichtige Rolle der Konturlinie in seinem Werk«.41
Paris war nichts für den asketischen jungen Künstler, wie man aus den Briefen an »Lada« erfährt. Er erkannte durchaus an, dass es in der französischen Hauptstadt viel zu lernen und zu sehen gab, aber die Ausschweifungen des Fin des Siècle stießen ihn ab. Typisch diese Zeilen aus dem Spätwinter 1901: »Je mehr ich mir Paris anschaue, desto weniger gefällt es mir. Zur Arbeit ist es hier sehr gut, aber das Volk ist zynisch und verdorben. Auf einen frischen Menschen machen die Pariser Damen einen geradezu abstoßenden Eindruck.« Weder damals noch jemals später hatte Nikolai Roerich auch nur das geringste Interesse an jenen feuchtfröhlichen Abenden oder flüchtigen Liebesaffären, die seine Künstlerkollegen an der Stadt so reizten. Mehr als einige neue Maltechniken brachte ihm Paris für seinen weiteren Lebensweg nicht ein.
Er führte ein einsames Leben und ging wenig aus. Seine einzige Bekanntschaft war eine Familie russischer Emigranten, die neben der Hausmusik ein weiteres interessantes Hobby pflegte: den Kontakt mit dem Jenseits nämlich. Ein Kontakt übrigens, den Nikolai und später auch Helena Roerich nie wieder ganz werden abbrechen lassen.
An sich glaube er »überhaupt nicht« daran, schrieb er an Helena nach Russland, »aber kannst Du Dir meine Verblüffung vorstellen, als auf meine Frage, welches meiner Sujets das beste sei, geantwortet wurde, ›Die Skythen beerdigen einen Toten‹? Keiner der Anwesenden wusste davon, denn ich hatte mit dem Bild erst an diesem Tag begonnen. Welch Wunder! Und trotzdem glaube ich noch nicht wirklich daran, ich muss noch mehr Versuche anstellen.«42
Und das tat er. In einem der nächsten Briefe aus Paris lesen wir: »Bist Du Sonntagabend bereits zwischen Mitternacht und ein Uhr schlafen gegangen? Schreib mir darüber. Die Sache ist die, wir haben gestern eine spiritistische Séance abgehalten und ich habe gefragt, was die Person mache, an die ich jetzt denke. Es ertönte ein Schlag mit der Bedeutung: ›Schläft‹. Ich fragte auch, wann ich nach Petersburg reise, und die Antwort war: im Mai.«43
Nikolai ließ sich sogar einschläfern, um seiner Liebsten wenigstens in hypnotisiertem Zustand nahe zu sein. »Ich sah Dich im Schlafzimmer, auf dem Bett sitzend.« Über die Gespräche mit der Russin, die ihn hypnotisiert hatte, berichtete er Helena, diese rate ihm ständig, »ich soll heiraten und ich müsse mich meiner Frau unterwerfen«.44
Ein anderes Mal beauftragte Nikolai ein Medium, sich in Trance zu versetzen, um seine geliebte Helena besuchen. Zurückgekehrt berichtete die Frau, Helena habe drei Besucher gehabt und gerade Chopin gespielt.
Besonders das letzte Medium muss äußerst überzeugend gewesen sein, denn als es Paris verließ, schrieb Nikolai an »Lada« voll Verzweiflung, jetzt habe er niemanden mehr, der ihm berichten könne, welcher Stimmung sie sei und wie es ihr gehe. Grund für all die fieberhaften Versuche, über das Jenseits mit Lada Kontakt aufzunehmen, war das Ausbleiben der Briefe von Helena. Urheber waren Helenas Mutter und die »Fürstinnen«, die einen letzten Versuch unternommen hatten, die Verbindung zu sabotieren. In der Tat einen letzten Versuch, denn Anfang 1901 kam die Nachricht aus Petersburg, dass Großfürstin Olga, die Kusine des Zaren und Leiterin der »Kaiserlichen Gesellschaft«, den liebenswürdigen Nikolai Roerich keineswegs vergessen hatte. Und auch nicht Swinin und Tewaschtschew, seine Verbündeten im Krieg um den Posten des »Generals« Benois.
Man trug ihm eine noch viel bessere Stelle an, die eines Sekretärs der »Kaiserlichen Gesellschaft« nämlich. Aus der Tatsache, dass Helena sich noch drei Jahrzehnte später an das genaue Datum der Ernennung, den 7. Mai 190145 , erinnern konnte, darf man auf die Bedeutung dieses Vorgangs schließen. Als Sekretär der »Kaiserlichen Gesellschaft« war der erst 26 Jahre alte Nikolai Roerich auch Privatsekretär der Großfürstin und damit jemand, an dem im Kunstleben der Hauptstadt niemand mehr vorbeikam.
Nun, da der »Posten« gesichert war, stand auch der Heirat nichts mehr im Wege. Sie fand am 28. Oktober statt. »Alle waren sehr gespannt«, wie Helena später erzählt, »wer zuerst auf den rosa Teppich vor dem Altar tritt, denn es heißt, dass der, der dort zuerst seinen Fuß hinsetzt, auch im Haus das erste Wort haben wird.«46 Keine Frage, es war Helena.
Kapitel 6
Der Prophet der Schönheit
Nikolai Roerichs Petersburger Jahre spielten sich direkt im prächtigen Zentrum der Hauptstadt des Zarenreiches ab. Nie wohnte er weiter als dreißig Minuten zu Fuß vom Winterpalast, dem Sitz der Zarenfamilie. Seine erste Wohnung, die er direkt nach seiner Ernennung zum Sekretär der Kaiserlichen Gesellschaft bezog, war noch am weitesten vom Zentrum der Macht entfernt. Sie lag in einem klassizistischen Neubau an der Galernaja Ulitza, kaum hundert Meter von einem gewaltigen Werftgelände und bereits am Rand des »anderen«, des proletarischen und revolutionären Petersburg. Anfang 1904 zog er wieder um, diesmal auf die Wassiliinsel. Sein neues Domizil war in einem vierstöckigen, großen Wohnhaus aus der Gründerzeit, wenige Schritte von dem Haus, in dem er geboren wurde, und auch bedeutend näher an seinem Arbeitsplatz.
1902 wurde sein erster Sohn Juri, seine spätere rechte Hand, geboren und 1904 der zweite Sohn Swjatoslaw, in der Zukunft ein bedeutender Künstler, der aber bei den verschiedenen Auftritten des Vaters als Weltretter eine eher zweideutige Rolle spielte.
In diesen ersten Jahren seiner Ehe mit Helena jonglierte Nikolai Roerich, wie auch sein ganzes weiteres Leben, mit mehreren anstrengenden Tätigkeiten auf einmal. Er war noch in seiner »altrussischen« Phase und malte große Ölbilder, auf denen er vorpetrinische Klöster, warägische Recken auf Drachenbooten oder heilige Einsiedler abbildete. Während der Sommermonate betrieb er umfangreiche Ausgrabungen oder reiste auf den Spuren des Mittelalters durch das Land.
Helena war meist mit einer Kamera mit von der Partie und dokumentierte die weißen, meterdicken Kremlmauern vergessener Provinzstädte, die orthodoxen Kirchen und kleinen Holzhäuser, die die Katastrophen des 20. Jahrhunderts meist nicht überstehen sollten.
Das alles spielte sich in seiner Freizeit ab, denn dienstlich führte Nikolai Roerich »das Leben eines Sekretärs der Kaiserlichen Gesellschaft, das von Kleinigkeiten, Intrigen und Verleumdungen beherrscht wird«, wie er es selbst in einem Brief an Helena skizziert hat.47
Doch auch dies bewältigte er mit Bravour, und es gelang ihm, seine guten Beziehungen zur recht einfältigen, wie böse Zungen behaupteten, Großfürstin Olga weiter zu festigen. Hier ging er mit der für ihn typischen Berechnung vor, wie man aus seinen Briefen an Helena erfährt. Er schaute sich mit Interesse die Aquarelle der dilettierenden Zarenverwandten an, und als sich die »Prinzessin«, wie er sie in Briefen an Helena nannte, begeistert von einer bestimmten Landschaft in der Nähe Petersburgs äußerte, schrieb Nikolai Roerich an seine Frau: »Das heißt, ich muss diese Orte zeichnen und ihr bringen.«48
Mit Rückendeckung der Großfürstin schließlich erreichte Nikolai Roerich den Höhepunkt seiner Petersburger Karriere: 1906 wurde er zum Direktor der Kunstschule der Kaiserlichen Gesellschaft ernannt, der mit der Kunstakademie wichtigsten Ausbildungsstätte der Hauptstadt, und bezog eine Dienstwohnung in den Räumlichkeiten der Kaiserlichen Gesellschaft. Die Wohnung lag in unmittelbarer Nachbarschaft des Winterpalastes, und aus den Fenstern blickte man auf die Moika, einen der prächtigsten und schönsten Kanäle der Hauptstadt. Hier bleibt Roerich bis zu seinem Exil wohnen.
Als Direktor der Kunstschule und rechte Hand der Großfürstin, die ihn bei allen wichtigen Entscheidungen um Rat fragte, wurde Nikolai Roerich eine mächtige Figur im Kunstleben der Hauptstadt und war dabei weiter künstlerisch tätig. Sein Altersgenosse, der bekannte Maler Grabar, schrieb in seinen Erinnerungen, Roerich habe immer an mehreren Gemälden gleichzeitig gearbeitet und im Monat ein gutes Dutzend Gemälde fertiggestellt. Darunter »keinerlei Pfusch, nichts Banales oder Langweiliges«.49
Bei einem Besuch von Roerichs Wohnung zeigte ihm der Künstler seine letzte Arbeit: »Es verging eine Viertelstunde und der Sekretär brachte ihm eine Reihe Papiere zum Unterschreiben. Er unterschrieb schnell, ohne sie zu lesen, weil er wusste, man hintergeht ihn nicht. Die Kanzlei war beispielhaft aufgestellt. Eine weitere Viertelstunde verging und der Diener meldete, die Großfürstin sei gekommen. Er beeilte sich und schaffte es kaum noch, mir zuzurufen, ich solle zum Frühstück bleiben. So malte er hervorragende Bilder, unterschrieb kluge Papiere und empfing dabei Freunde als auch Feinde. Zu den Ersteren war er gleichbleibend freundlich, zu den Letzteren sogar freundlicher.«50
Roerich hatte sich als energischer Leiter der Schule der Kaiserlichen Gesellschaft erwiesen. Nach seiner Ernennung 1906 war er als Erstes darangegangen, die alten Lehrer loszuwerden. Nicht etwa durch Entlassung oder sonstige Zwangsmaßnahmen, denn »damit schafft man sich nur Feinde«, wie eine Anhängerin in ihr Tagebuch notierte. Stattdessen ließ er den Schülern die Wahl, sich die Lehrer selbst auszusuchen, und Nikolai Roerich bekam, was er wollte. Auch die Unruhestifter, von denen es nach der Revolution von 1905 auch an der Schule einige gab, wurde er los, ohne sich neue Feinde zu schaffen. Er schloss in die Liste derer, die vom Schulbesuch ausgeschlossen wurden, auch einige adelige Fräulein mit ein, die die Aufnahme nur dank Protektion geschafft hatten, und konnte so mit Recht behaupten, nur »geeignete« und ergo auch die Schulordnung nicht störende Personen aufzunehmen. Nebenbei bemerkt hatte die Schule auch nach ihrer Neuausrichtung keinerlei Raum für Maler wie Malewitsch, Gontscharowa oder Kandinsky. In der Ablehnung alles Abstrakten traf sich Nikolai Roerich mit seinen Altersgenossen von der Welt der Kunst.
Diese waren des Lobes voll für Roerichs Arbeit als Direktor, und sein alter Freund-Feind Alexandre Benois bezeichnete 1910 die Wandlung der Institution als »Wunder«, die »nur der Energie eines einzigen Menschen, eines Künstlers, Roerich nämlich, zu verdanken« sei. Doch listig fügte er hinzu: »Roerich nimmt es im Namen der guten Sache auf sich, sich mit den allerlangweiligsten Leuten einzulassen.«51
Vermutlich hatte Benois bei diesen »allerlangweiligsten Leuten« auch den Zarenhof im Auge, an dem Nikolai Roerich ab jetzt mehrmals im Jahr zu Gast war. Das waren in erster Linie dienstliche Angelegenheiten, denn Großfürstin Olga, die Cousine des Zaren, leitete zwar die Gesellschaft, aber Schirmherr war letztendlich Zar Nikolaus II. selbst. Von seinem kaiserlichen Namensvetter war der Künstler übrigens nicht besonders angetan. Im Exil sollte er später berichten, der Zar sei immer sehr liebenswürdig gewesen und habe viel versprochen, aber wenig gehalten. Außerdem kam der Zar, dessen deutsche Frau nach Kriegsbeginn angefeindet wurde, auf einen wunden Punkt Roerichs zu sprechen. Er fragte ihn nämlich, ob es sein müsse, dass es in der Kaiserlichen Gesellschaft so viele Künstler mit ausländischem Namen gebe.
Nikolai Roerich war natürlich viel zu geschickt, um seine Verstimmung jemals spüren zu lassen. Wie gut seine Stellung bei Hofe gewesen sein muss, zeigt eine Episode, die der Kunsthistoriker Lasarewski 1940 in einem Brief an den Kritiker Gollerbach berichtet hat. Sie soll 1915 oder 1916, mitten im Krieg, stattgefunden haben, als Sergej Diaghilew, ehemals einer der Köpfe der Welt der Kunst und nunmehr größter Ausstellungs- und Theatermacher Russlands, eine Ausstellung vorbereitete. »Roerich benutzte seine Stellung am Hof, seine Bilder schnell nach Zarskoe Selo [Kriegshauptquartier und Sommerpalast des Zaren] zu bringen. Ohne Diaghilew ein Wort zu sagen. Er zeigte sie dem Zar und seiner Frau, verkaufte etwas und stellte seine Bilder eine Stunde vor Öffnung der Ausstellung an ihren vorherigen Ort. Diaghilew und alle Mitglieder der Welt der Kunst waren wegen der Eskapaden Roerichs so aufgebracht, dass die Sache leicht hätte in Handgreiflichkeiten enden können. Aber Roerich wehrte den Schlag zynisch ab, indem er bemerkte, dass in Sachen Zarskoe Selo jeglicher Angriff dem Angreifenden sehr schlecht bekommen werde. Die Sache verlief im Sand.«52
Die Ehrungen, Ausstellungen und Erfolge Nikolai Roerichs in den Zeiten vor der Revolution waren kaum zu zählen. 1905 wurden seine Bilder in Prag, Wien, München, Berlin und Paris ausgestellt, und 1909 wurde er als Erster seiner Generation Mitglied der prestigeträchtigen russischen Akademie der Künste.
Doch am bekanntesten machten ihn seine Bühnenbilder. Zuerst dekorierte er am Marientheater in St. Petersburg, der wichtigsten Bühne des Landes, dann 1908 »Schneeflöckchen« an der komischen Oper in Paris und in den folgenden Jahren immer wieder in Paris und schließlich sogar London, wo 1914 am königlichen Opernhaus »Fürst Igor« in Roerichs Inszenierung aufgeführt wurde. Sein größter Erfolg und bleibendes Ärgernis war »Das Frühlingsopfer« von Igor Strawinsky. Idee und Libretto zu dem Stück – zur Beschwörung des Frühlings wird ein junges Mädchen von ihren steinzeitlichen Stammesgenossen geopfert – gingen zweifellos auf Roerich zurück. Auch die Bühnendekoration und die Kleidung der Tanzenden entstammten seiner Feder.
Igor Strawinsky schrieb zu dem Stück eine neue, ungewohnte Musik, und dazu kam Nijinskis schockierende Inszenierung, der eigentliche Skandal bei der berüchtigten Pariser Premiere des Balletts am 29. Mai 1913 im Théâtre des Champs-Élysées. »Nijinski hatte Bewegungen choreografiert, die hässlich und eckig waren, Bewegungen, die das Gewicht des Tänzers betonten und nicht ihre Leichtigkeit, wie es die Grundsätze des klassischen Balletts verlangten.«53 Schon bei der Hebung des Vorhangs, als die Dekoration sichtbar wurde und die Tanzenden in den Blick kamen, ging ein solcher Lärm im Publikum los, dass die Musik kaum noch zu hören war.
Der bei der Premiere anwesende Nikolai Roerich war, wie er am nächsten Tag an Helena schrieb, hocherfreut.54 Er verglich den Skandal mit den ersten Reaktionen auf Wagners neue Opernmusik, die man anfänglich auch heftig abgelehnt habe. Und er hatte recht. »Das Frühlingsopfer« sollte sich als Kunstwerk erweisen, das seine Eindringlichkeit bis heute nicht verloren hat. Doch ausgerechnet dieser bekannteste Beitrag Roerichs zur Kunst des 20. Jahrhunderts sollte ihm zeitlebens streitig gemacht werden. Igor Strawinsky, der »für solche Verzerrungen berüchtigt war«,55 wie der Historiker Orlando Figes schreibt, stritt nach dem Krieg jegliche Beteiligung Nikolai Roerichs an Idee und Libretto ab und behauptete seine alleinige Urheberschaft. Darüber wird sich Nikolai Roerich sein Leben lang ärgern und noch drei Jahre vor seinem Tod einen längeren Absatz in seinem Tagebuch schreiben.56
Am Vorabend des Ersten Weltkriegs strebte also Roerichs Ruhm seinem Höhepunkt zu. 1914 ernannte ihn der Zar zum wirklichen Staatssekretär, ein Posten, der in der zivilen Rangliste des Kaiserreiches dem eines Generals beim Militär entsprach und mit dem angenehmen Titel »Eure Exzellenz« verbunden war. Großfürstin Olga wollte ihren Liebling sogar zum Kammerherrn des Zaren ernennen lassen, aber Nikolai Roerich winkte bescheiden ab. Angeblich befürchtete er, dieser Posten, der rein zeremonielle Bedeutung hatte, würde ihn an der Arbeit hindern. In Wahrheit spürte er wohl, dass es besser war, sich in der rasch polarisierenden russischen Gesellschaft nicht zu eng mit dem Hof einzulassen.
Überhaupt vermied es der prominente Künstler, sich irgendwie politisch zu positionieren. Bis zur Revolution stand er bei Hof in hohem Ansehen, war aber auch mit Maxim Gorki, dem Schriftsteller und späteren Mitbegründer des »sozialistischen Realismus«, befreundet, und Alexander Blok, der vielleicht größte Poet seiner Zeit, Verfechter einer »skythisch-asiatischen« Sicht auf die russische Geschichte und Prophet der russischen Revolution, hielt Roerichs Bilder in hohen Ehren. Als Blok einmal gebeten wurde, eine Zeichnung Roerichs, die ihm der Maler geschenkt hatte, für einen Abdruck zur Verfügung zu stellen, antwortete er, er könne sich aus »gefühlsmäßigen Gründen«57 auch nicht für einen Moment von ihr trennen.
Roerichs größter Verehrer unter den Dichtern war Aleksej Remisow, der zwar nicht ganz die Bedeutung Alexander Bloks hat, aber doch in jeder Anthologie russischer Dichtkunst vertreten ist. Remisow war ein Slawophiler und wie Roerich der Meinung, ein Anknüpfen an die vorpetrinische Vergangenheit könne »Russlands Seele retten« und die gefürchtete Revolution verhindern. 1915 schrieb Remisow ein Gedicht zu dem 1907 entstandenen Gemälde »Die Route der Waräger«, der aus Skandinavien stammenden Begründer der Rus. »Die Route der Waräger« zeigte Drachenboote, die aus den Schären, den für die nördliche Ostsee typischen niedrigen Felseninseln, ins offene Meer hervorbrechen. Gemalt ist das Bild aus der Perspektive eines Kriegers auf einem Felsenhügel, der vor seiner Behausung, einem primitiven, mit Leder oder Baumrinde bedeckten Zelt, sitzt.
In dem Gedicht findet man die bemerkenswerten Zeilen:
»Nach einigen Jahrhunderten fand er sich wieder in Russland.
Doch er kam nicht vom Meer der Waräger, sondern aus der Stadt Kostroma
und ließ sich an der Moika nieder [dem Sitz der kaiserlichen Gesellschaft]
und es ist schon nicht mehr Rurik,
wie man ihn in Nowgorod gerühmt hat,
sondern Roerich.«58
Bleibt noch zu vermerken, dass das einfache Volk seine eigene Meinung zu »Urrussen« und »Warägern« wie Roerich hatte: Als 1914 eine antideutsche Welle durch Petersburg rollte, deutsche Geschäfte zerstört wurden und die Stadt in Petrograd umbenannt wird, brannte der Mob auch eine Galerie nieder, die so »deutsche« Künstler wie Roerich zeigte. Wie traumatisch dies für Roerich war, kann man daran ermessen, dass er darüber einige Jahre später eine autobiografische Geschichte schrieb. Proteste gegen diese oder andere Äußerungen eines extremen russischen Chauvinismus sind übrigens von Nikolai Roerich nicht überliefert.
Selbstredend war der Roerich der Petersburger Jahre niemand, der jemals durch eines der bekannten Laster schöpferisch tätiger Menschen aufgefallen wäre: Er trank und rauchte nicht, hatte keine außerehelichen Affären und kannte weder Schaffenspausen noch Ausbleiben seiner Inspiration. Dazu war er noch schriftstellerisch tätig, ungezählt seine Artikel zu Kunst und Kultur. Er war ein Meister der schönen Worte. 1903 lernte er die Fürstin Tennischewa kennen, eine idealistische Aristokratin, deren Ziel es war, die alte russische Volkskunst und das russische Kunsthandwerk wiederzubeleben, und zu diesem Zweck auf ihrem Landsitz Talaschkino im Nordwesten Russlands Schulen und Werkstätten gründete.
In diesem Zusammenhang schrieb Roerich folgende, für die Petersburger Zeit typische Zeilen: »Am heiligen Herd, weit entfernt von den Bazillen der Stadt, kreiert das Volk ohne sklavische Gefallsucht, ohne Stempel der Fabrik und schöpft mit Liebe und Muse. Wieder erinnert man sich an die Ratschläge der Vorfahren und die Schönheit und Haltbarkeit der alten Gegenstände. Durch das gute Vorbild werden bei der Jugend neue Bedürfnisse geweckt und verstärkt. Auch ohne Schnaps kann man einen Feiertag feiern, wenn ringsum solch wahrhaft anziehende, den Alltag überwindende Gegenstände geschaffen werden.«59
Heutige Kritiker allerdings bemängeln, bei den Hervorbringungen dieser Werkstätten, die sich in Europa großer Beliebtheit erfreuten, habe es sich weniger um authentische Volkskunst denn um die Simulation derselben gehandelt. Bekanntestes Beispiel sind die »urrussischen Matroschkas«, die »Puppen in der Puppe«, die keineswegs auf irgendeine Tradition, sondern schlicht auf einen Einfall von Sergej Maljutin, dem Meister der Werkstätten von Talaschkino, zurückgehen, den japanische Schachtelpuppen auf diese Idee gebracht hatten.60 Und Tennischewa selbst sollte in ihren Erinnerungen schreiben, die örtlichen Bäuerinnen »mochten unsere Farben nicht, sie seien zu fad«.61 Die Fürstin musste Prämien zahlen, um sie zur Arbeit zu bewegen.
Die Spannung zwischen den gegängelten Bauern und der zwar wohlmeinenden, aber letztlich herablassenden Adeligen sollte sich 1917 gewaltsam entladen, als die ehemaligen Untertanen der Fürstin den Landsitz, die Werkstätten und gleich auch noch eine von Roerich ausgemalte Kirche niederbrannten.
Von solchen Spannungen ist den Schriften Nikolai Roerichs nichts, aber auch gar nichts zu finden. Der Künstler warf sich in die Pose eines »Propheten der Kunst«, der inneren Veränderung des Menschen durch die »Schönheit«, die letztlich alle Widersprüche der Gesellschaft beseitigen werde. Beispielhaft sind diese 1908 geschriebenen Sätze: »Die wichtigste Rolle beim Erlangen von Harmonie im Leben spielt die Kunst. Eben sie bringt Freude an der Schönheit, Freude an der Erhellung des menschlichen Verstands mit sich. […] Unter den Massenbewegungen sollte an erster Stelle die Wertschätzung der Arbeit stehen, deren Krone die Weiterverbreitung der Kunst und des Wissens ist. Außerdem sind dies die beiden Antriebe einer internationalen Verständigung, die die aufbegehrende Menschheit braucht. Kunst ist das Herz und Wissen das Gehirn des Volkes. Nur mit Herz und Weisheit kann sich die Menschheit vereinen und gegenseitig verstehen.«62
Wer sollte da widersprechen? Die Fürstin Tennischewa verehrte den »Propheten der Schönheit« als »Menschen, der im Geist lebt«, als »vom Funken des Schöpfers Auserwählten«, als »jemanden, durch den Gott die Wahrheit spricht«63 , und für den Kritiker Gollerbach stand der Name Roerich »schon lange für einen ganzen Kosmos, für eine ganze Welt von Bildern mit tiefster Bedeutung, die der schöpferische Wille des Künstlers ins Leben gerufen hat. Seine Bilder sind beseelt von der Weisheit im antiken Sinne des Wortes: Sophia bedeutet Meisterschaft, die Fähigkeit etwas zu schaffen. Nicht umsonst heißen wahre Künstler bei Pindar und Aristoteles die Weisen.«64
Kapitel 7
Der Mann mit der Maske
Wenn man sich durch die Artikel liest, die von und über Nikolai Roerich im Petersburg der Zarenzeit erschienen sind – seine Anhänger haben sie in mehreren Bänden herausgegeben –, so könnte man beinahe denken, hier habe ein Heiliger gewirkt. Hier finden wir nicht nur Lobeshymnen Gollerbachs und anderer Kritiker, hier sind auch die zahlreichen Aufrufe Nikolai Roerichs zu Schönheit und Kultur zusammengetragen.
Tatsächlich war Nikolai Roerich ein begnadeter Leiter seiner Kunstschule, die bald nur noch Roerichschule hieß. Er beendete die Bevorzugung höherer Kreise, nahm Schüler allein nach Eignung auf, erweiterte die Schule um verschiedene Zweige des Kunsthandwerks und erwies merkantiles Geschick, indem er einen blühenden Handel mit Postkarten aufzog, die in der Schule hergestellt wurden. Nicht zu vergessen, dass er auch den musikalischen Zweig der Schule förderte, der bis dahin eher vernachlässigt worden war. Genauso unzweifelhaft ist sein Eintreten für die Erhaltung der Überreste des russischen Mittelalters, die von der beginnenden Industrialisierung gefährdet wurden.
Aber bei all den Hymnen muss man etwas sehr Wesentliches bedenken: Nikolai Roerich war auch ein Meister der Manipulation und jemand, der sein »Image« immer genauestens im Auge behielt. So lesen wir in dem bereits zitierten Brief von Lasarewski an Gollerbach: »Nichts Menschliches war Roerich fremd. Er hielt enge Verbindung mit Leuten von der Börse und Geschäftemachern des alten Petersburg vom Typ Manus [Industrieller und Bankier] und Rubinstein [bedeutender Petersburger Bankier, gehörte zur Umgebung Rasputins] und zog daraus eine Überfülle von irdischen Segnungen. Aus seiner Freundschaft mit Rumanow, Ksjunin oder Manuilow wusste er bestens Bescheid, was hinter den Kulissen der damals einflussreichen Presse vor sich ging, und zog daraus sehr großen Gewinn. Er war ein sehr stiller Typ.«
Tatsächlich waren seine Verbindungen so gut, dass es ihm gelang, Rezensionen eigener Werke und Interviews mit sich selbst zu verfassen und dann unter anderem Namen zu veröffentlichen. Schließlich konnte er auch direkt gefährlich werden, wenn er das sorgfältig gepflegte Bild des »Propheten der Schönheit« in Gefahr sah. Er scheute vor keiner Klage zurück, kannte aber auch andere Mittel. So in Sachen der Affäre mit den Bildern für Zarskoe Selo. Wir erinnern uns, Roerich hatte seine Bilder, ohne ein Wort zu sagen, aus einer Sammelausstellung genommen, sie dem Zaren gezeigt und dann schnell vor Eröffnung wieder zurückgestellt.
Aber damit war die Geschichte noch nicht zu Ende. Lasarewski berichtet, nach einiger Zeit habe Roerich erfahren, der Redakteur einer einflussreichen Moskauer Zeitung, der ihm so oder so nicht sehr wohlgesonnen war, wolle etwas über das Vorgefallene veröffentlichen.
»Der Redakteur der Petersburger Ausgabe war Jude und lebte in der Hauptstadt nicht ganz legal. [Juden durften sich in den Städten Petersburg und Moskau nur mit Sondergenehmigung ansiedeln.] Roerich tauchte bei dem Redakteur auf und forderte, den Artikel nicht zu veröffentlichen. Der Redakteur weigerte sich, denn er fand ihn interessant. Als er sah, dass er so nicht zum Ziel kam, sagte ihm Roerich ruhig, wenn der Redakteur ihm nicht zusichern würde, den Artikel nicht zu veröffentlichen, werde er sich sofort an die richtige Stelle wenden, um mitzuteilen, dass der Redakteur in Petersburg als angeblicher Verkäufer lebe, aber in Wirklichkeit einer völlig anderen Sache nachgehe und dabei noch in der Presse tätig sei. Was blieb dem Redakteur da noch übrig. Die Anmerkung wurde vernichtet.«
Dieser andere Roerich tritt uns auch in den Briefen an seine Frau entgegen. Wie zu Anfang ihrer Beziehung schrieb er ihr fast jeden Tag einen Brief, wenn er auf Reisen war, und er war viel auf Reisen: 1906 durch Italien und die Schweiz, 1907 in Frankreich, 1908 zur Kur in Bad Neuenahr, 1911 wieder in Bad Neuenahr und 1913 schließlich zur Premiere des »Frühlingsopfers« in Paris. In den Briefen sucht man vergeblich nach Spirituellem, dem Streben nach dem Hohen, Schönen und Guten. Zum einen beschäftigte ihn seine Karriere, besonders seine internationale, denn in Russland war er längt anerkannt.
Dann geht es in den Briefen um Geld, immer wieder um Geld. Roerich rechnete jede seiner Ausgaben auf den Pfennig, die Kopeke oder den Sous ab und machte sich Sorgen um Aktien, mit denen er spekulierte. Dabei war er keineswegs arm. Er stieg in guten Hotels wie dem Westphälischen Hof in der Neustädtischen Kirchstraße im Nordwesten Berlins ab, der, wie wir auf dem Briefpapier des Hotels lesen, über »elektrisches Licht« und einen »elektrischen Aufzug« verfügte, hielt sich zweimal in dem noblen Kurort Bad Neuenahr auf und hatte genug Geld, um mehrmals die wichtigsten Länder Westeuropas zu besuchen. Schließlich legte er noch vor der Revolution eine Sammlung mit 300 Bildern alter Meister an, darunter Tizian, Rembrandt und Breughel. Welche Bedeutung für ihn Geld hatte und wie er vorging, um sein Vermögen zu mehren, lässt sich aus den Briefen an seine Frau ablesen. Im Juni 1911 schrieb er ihr in seinem ersten Brief aus Bad Neuenahr, nie hätte er eine solche Ansammlung von Missgeburten wie hier gesehen, und weiter, die Juden oder Jüdchen [Roerich benutzte die abwertende Bezeichnung Schidi, oder Schidki] hätten hier alles in der Hand. In dem nächsten Brief jedoch lesen wir, er habe die »Jüdchen« mit seinen Reden für sich eingenommen und die glaubten jetzt sogar, er sei einer der ihren. Und weiter heißt es, das sei gut, denn er werde jetzt Gelegenheit haben, von den »Jüdchen« gute Börsentipps zu bekommen.
Mit ähnlicher Berechnung ging er vor, um sich die wichtigsten Mäzene Russlands geneigt zu machen. Tennischewa hatte er schon in der Tasche, und der wichtigste Mäzen von allen, der Zar, war ihm auch zugetan. Und doch machte er sich offensichtlich Sorgen um die Gunst des Herrschers. In einem Brief aus Bad Neuenahr, in dem es zuerst um Geldprobleme ging, schrieb er ihr dann zum Schluss als »gute Neuigkeit«: »Habe gestern die ganze Nacht vom Zaren geträumt. Er war schrecklich freundlich zu mir.«65
Nicht überall kam Roerich gut an. Interessant ist der Fall Schtscherbatow, ein hoher Adeliger und einer der wichtigsten Förderer der Künste, den Nikolai Roerich in den Briefen an seine Frau mehrmals erwähnt hat. Einmal heißt es, mit der Tennischewa habe er erörtert, wie man Schtscherbatow für gemeinsame Unternehmungen heranziehen könne, und ein anderes Mal besuchte er ihn persönlich, doch der Fürst habe ihn zwar »geküsst und gemeint, es solle kein Schatten zwischen ihnen sein, aber doch kein Bild gekauft«.66 Schtscherbatow wiederum hat in seinen Erinnerungen dieses eindringliche Porträt Roerichs hinterlassen: »Eine völlig andere, aber ebenso einmalige Figur unter den Künstlern Petersburgs war der geheimnisvolle Roerich. Er drang in verschiedenen Sphären, einschließlich die des Hofes, schnell und gekonnt, mit Berechnung und Feingefühl ein. Er wusste die richtigen Worte zu gebrauchen, um das Ziel, das er im Auge hatte, zu erreichen und Karriere zu machen.
Für Roerich war ich immer Fürst Schtscherbatow, und ich fühlte und es belastete mich, dass er offensichtlich die Rolle eines Freundes spielen wollte und immer sehr freundlich und interessiert zu mir war.
Als Mensch war er zweifellos ein schlauer, durchtriebener, echter Tartuff, einnehmend, zuvorkommend, glatt, verlogen, einschmeichelnd, eher ungut, immer mit sich selbst im Kopf und äußerst ehrgeizig. Über ihn kann man sagen, er war ein geborener Intrigant. Er hatte buchstäblich eine Maske aufgesetzt, und sein wahres Lachen ließ er niemanden erblicken. Es war immer etwas Geheimnisvolles in seinem hellen, milchfarbenen Gesicht mit den rosa Wangen, den akkurat gekämmten Haaren und Bart. Er war nördlichen, norwegischen Typs und bemerkte dunkel, dass sein Familienname mit dem Namen Rurik verbunden war. Wie, das war nicht ganz verständlich.
Roerich war zweifellos talentiert, und genauso ohne Zweifel war seine heiße Liebe zur Kunst. […] Er war ein hervorragender Zeichner, hatte ein unbestechliches Gefühl für Farben, und es fehlte ihm nicht an Fantasie oder besser Erfindungsgeist, obgleich man in vielen seiner Gemälde etwas Aufgeblasenes und Gekünsteltes spürt.«67
Seine Genossen von der malenden Zunft sahen ihn ähnlich. Für den Maler Serow war Roerich ein »typischer Petersburger Karrierist«68 , und sein Altergenosse und ehemaliger Mitstudent an der Kunstakademie Grabar, der sich in seinen Erinnerungen bewundernd über Roerichs Fähigkeit zur Arbeit und anerkennend zu dessen Bildern äußern sollte, schrieb an anderer Stelle: »Roerich war für uns alle ein Rätsel. Ich weiß nicht jetzt und ich habe es auch niemals gewusst, wo der wahre Roerich aufhört und wo die Pose, die Maske, die rücksichtslose Vorstellung beginnt, die darauf berechnet ist, unter der Maske des Weisen den Zuschauer, den Leser und Käufer einzufangen. Aber dass diese zwei Elemente, die Wahrhaftigkeit und die Lüge, die Aufrichtigkeit und die Falschheit im Leben und in der Kunst Roerichs untrennbar verbunden sind, […] daran kann es keinen Zweifel geben.«69
Kapitel 8
Dunkle Träume an der Newa
Wer heute durch den historischen Kern St. Petersburgs spaziert, glaubt sich in eine andere Zeit versetzt. Man kann stundenlang gehen, ohne ein modernes Gebäude zu sehen. Um den »Stare Newski«, wie die Petersburger den Newski Prospekt nach dem Ploschtschad Wostanja (Platz des Aufstands) nennen, ist man in der Welt der Mietskasernen des 19. Jahrhunderts. Fünfstöckige Gebäude mit mehreren Hinterhöfen, in denen es nach Kohl riecht, kleine baumlose Plätze und gepflasterte, enge Straßen, durch die manchmal eine Straßenbahn rumpelt. Die Straßen sind wenig belebt, und im Winter liegt über allem der dichte Dunst vom nahen Bottnischen Meerbusen, den die Straßenlaternen in den langen, nördlichen Nächten kaum durchdringen.
Zum Zentrum hin werden die Straßen breiter, der Newski Prospekt füllt sich mit Passanten und Geschäften, und dann überquert man die berühmten Kanäle Moika, Gribojedowa und Fontanka mit ihren Palästen aus dem 18. Jahrhundert. Schließlich erreicht man die Newa, den wasserreichsten Fluss Europas, und vor einem liegt das berühmte Panorama mit Admiralität, dem spitzen Turm der Peter-und-Paul-Kathedrale und dem himmelblauen Winterpalast.
Rein physisch hat sich die Stadt seit den Zeiten, da Nikolai Roerich hier malte, eine Kunstschule leitete und intrigierte, kaum verändert, und obgleich keine Hauptstadt mehr, ist sie immer noch die zweitgrößte Stadt Russlands, ein wichtiges Kultur- und Wissenschaftszentrum. Und doch ist sie ein Museum ihrer selbst. Um die Newa, auf der Wassiliinsel und um die Kanäle herum trägt beinahe jedes zweite Gebäude eine Plakette (und manchmal ganze Reihen davon), die künden, wer hier einmal gelebt hat. Die Komponisten Strawinsky und Rachmaninow, die Dichter Gumilijow, Alexander Blok, Anna Achmatowa, Belyj, Gorki und Mandelstam und die Maler Wrubel, Roerich und Serow. Und das sind nur die bekanntesten Namen. Es gibt Hunderte, wenn nicht Tausende von Plaketten, die auch an Philosophen wie Berdjajew oder an Wissenschaftler wie Oldenburg, den berühmten Begründer der fernöstlichen Abteilung der russischen Akademie der Wissenschaften, erinnern.
All diese Namen gehören in eine kurze Zeitspanne, zwei Jahrzehnte vor dem Ersten Weltkrieg, die als »silbernes Zeitalter« der russischen Kultur in die Geschichte eingegangen ist und mit der Revolution endgültig zu Ende ging. Die einen, wie Strawinsky und Berdjajew, starben in der Emigration, andere wie Blok, der verhungerte, und Gumiljow, der erschossen wurde, überlebten Revolution und Bürgerkrieg nicht, und kaum einem der Genannten war ein normales Leben vergönnt.
Das silberne Zeitalter lebte in zwei gegensätzlichen Welten. Die helle, rationale und wissenschaftliche Welt von Marx und dialektischem Materialismus, Max Planck und der Quantenmechanik, Albert Einstein und der Relativitätstheorie und das geheimnisvolle dunkle Reich von Friedrich Nietzsche und der ewigen Wiederkehr, von Richard Wagner und dem modernen Mysterienspiel. Doch beide Welten verbanden sich auch auf manchmal reichlich seltsamen Wegen. Die Revolutionäre, die an die »wissenschaftliche« Geschichtsinterpretation Karl Marx’ glaubten, waren auch davon überzeugt, die Allmacht des befreiten Menschen werde alle Grenzen löschen, die Wissenschaft und Magie traditionell trennten. Was früher die Sache von Magiern, Zauberern und Alchimisten war, würde nach der Revolution die Aufgabe von Wissenschaftlern und Ingenieuren werden: die Überwindung der Naturgesetze, die absolute Herrschaft über Raum und Zeit und selbst der Sieg über den Tod. Nach dem Sieg der Bolschewiki sollte man allerlei Versuche zur Überwindung der Sterblichkeit anstellen, die allerdings nie weiter als bis zur Wiederbelebung gefrorener Fische und Amphibien gelangten, und zumindest in Teilen der Intelligenz glaubte man, seine spätere »Wiedererweckung« sei der Grund, warum man Lenin einbalsamiert habe.70
Die letzten Jahrzehnte vor der Revolution waren eine Zeit sozialer Gegensätze, rastlosen Experimentierens und des Infragestellens aller Werte und alles Hergebrachten. Nachdem Kosaken in eine friedliche Menge von protestierenden Arbeitern geschossen hatten, kam es 1905 zur ersten russischen Revolution. Im Süden des Landes, wo adelige Großgrundbesitzer noch über die Hälfte des Bodens verfügten, war der Horizont im Herbst vom Widerschein brennender Herrensitze erleuchtet. Und in den Großstädten bildeten sich in den Fabriken zum ersten Mal »Sowjets«, Räte, die versuchten, die Macht zu übernehmen. 1906 setzte sich die Zarenmacht noch einmal durch. Es gab 5000 Exekutionen, Zehntausende von Verhaftungen und Verbannungen, aber auch Kompromisse wie das Zulassen eines Parlaments und landwirtschaftliche Reformen.
Doch bei sensiblen Beobachtern blieb das Gefühl, auf schwankendem Boden zu stehen, die Ahnung, dass die gesellschaftliche Ordnung vor der Auflösung stand. Am besten hat das Lebensgefühl dieser Zeit Andrej Belyj in seinem berühmten Roman Petersburg beschrieben, wo jede Wendung in der Geschichte mit einer Beschwörung des Himmels über der Stadt anhebt:
»Schwärme von grünlichen Wolkenfetzen jagten ununterbrochen über die grenzenlosen Weiten der Newa. Auf der Petersburger Seite verschwand der schlanke Turm der Peter-Paul-Festung in den Wolken. Aus den Fabrikschloten stieg ein dunkler Rußstreifen auf, beschrieb einen düsteren Bogen am Himmel und tauchte mit seinem Ende ins Wasser. Die Newa rauschte, schrie im dunklen Heulen einer Dampfersirene auf, schlug die eisernen Schützen der Schleuse klirrend gegen die Pfeiler und leckte über den Granit.«71
Das Petersburg der Vorkriegszeit war zwar eine rasch wachsende Stadt mit zwei Millionen Einwohnern, aber die Protagonisten der kulturellen Blüte wie auch die Anführer der Revolution kamen aus einer eng umgrenzten Schicht. Es waren im Wesentlichen die Kinder der verschwindend kleinen Mittelschicht und des niederen und mittleren Adels. Darunter viele Nachfahren vor allem Deutscher, aber auch anderer Westeuropäer, sowie Juden. Alles in allem ein Personenkreis von einigen Zehntausend.
Die geistige Heimat dieser Schicht war Europa, und zwischen ihnen und den Neuankömmlingen vom Land lagen Welten. Im weiten Russland waren immer noch drei Viertel der Bevölkerung Bauern, von denen nur die Minderheit Teil lesen und schreiben konnte.
Für Nikolai Roerichs Expedition nach Tibet sollte sich eben die Begrenztheit dieses Kreises als entscheidend erweisen. Revolutionäre und Künstler, Wissenschaftler und Lebensreformer aller Art kannten sich gegenseitig, tauschten sich aus, bekriegten und befreundeten sich. Auch wenn es nicht gesichert ist, dass Roerich, wie er Mitte der zwanziger Jahre aus durchsichtigen Gründen behaupten sollte, Lenin persönlich kannte, so war er doch lange vor der Revolution bereits so wichtigen Männern der frühen Sowjetunion wie dem radikalen Schriftsteller Maxim Gorki, dem späteren Außenminister Tschitscherin und Anatoli Lunatscharski, dem Kulturkommissar der Bolschewiki, begegnet.
Die kommende Auflösung des Zarenreiches zeigte sich zuerst in seinen geistigen Grundlagen. Das »Dritte Rom«, das sich immer als Hort, Schützer und Bewahrer der einzig wahren christlichen Religion, der Orthodoxie mit dem Zaren als Oberhaupt, verstanden und alle anderen Religionen streng kontrolliert oder sogar verfolgt hatte, hob in den Jahren nach 1905 allmählich alle Beschränkungen auf. Die Freimaurerei wurde zugelassen, 1908 die Theosophie, und die früheren Staatsfeinde par excellence und heftigsten Widersacher der Staatskirche, die Anhänger orthodoxer Sekten, genossen zum ersten und für lange Zeit auch zum letzten Mal in der russischen Staatsgeschichte Religionsfreiheit.
In Russland brach eine Welle des Okkultismus und des Sektenwesens los, die in der Geschichte ihresgleichen sucht. Wurde noch der Vater Helena Roerichs mit der Entlassung aus dem Staatsdienst bedroht, weil er zehn Jahre nicht zur Beichte war, so sollte Nikolai Roerich unbekümmert am Bau eines buddhistischen Tempels mitwirken. Während sich unter dem einfachen Volk Seher ausbreiteten, die das nahende Ende der Welt verkündeten, und lange unterdrückte Sekten wie die Molokane (die Milchtrinker) und radikale Untergruppen der Bespopovzi (Priesterlose, die jeglichen Kontakt mit dem Staat ablehnten) oder sogar die Chlopzen (Selbstkastrierer) ihre Anhänger mehrten, wurden die höheren Kreise von verschiedenen Varianten eines sich oftmals »wissenschaftlich« gebenden Okkultismus erfasst.
Zwischen 1881 und 1918 sind mehr als 30 russische Zeitschriften und über 800 Sachbücher dokumentiert, die sich nur mit Okkultismus befassen; die meisten davon erschienen in den Jahren nach 1905.72 »Überall gibt es Publikationen über Hypnotismus und ähnliche mystische Fragen«, schrieb ein überwältigter Zeitgenosse. »In den Fenstern der Buchläden und den Aushängen der Zeitungskioske, überall springen einem diese Bücher über Spiritismus, Handleserei, Okkultismus und Mystizismus in allen Variationen entgegen. Selbst unschuldige Bücher werden mit Buchdeckeln verkauft, die mit das Auge beleidigenden mystischen Emblemen und Symbolen dekoriert sind.«73
»Der Okkultismus in einer verwirrenden Vielfalt von Formen wurde die Lieblingsbeschäftigung der Zeit«, wie die Historikerin Maria Carlson in ihrem Buch über den Einfluss der Theosophie auf das silberne Zeitalter schreibt. Weiter stellt sie fest: »Jeder gebildete Leser, der kein Einsiedler war, war zumindest oberflächlich mit Theosophie und Spiritismus vertraut. Aber da gab es auch das Rosenkreuzertum, die Freimaurerei, den Martinismus und natürlich die aufsehenerregenden Erscheinungen des populären Mystizismus: den Tarot, die Schlafwandelei, die Handleserei, den Mesmerismus, die Astrologie und die Geomantik.«74
Die Zeitgenossin und bekannte Schriftstellerin Nina Berberowa schrieb später, im vorrevolutionären Russland habe es »keinen Beruf, keine Institution und keine zivile oder private Organisation oder Gruppe gegeben, die ohne Freimaurer war«.75
Am bedeutendsten unter den okkulten Beschäftigungen war zweifelsfrei der Spiritismus, das heißt der Glaube an die fortgesetzte Existenz der Toten und die Fähigkeit der Lebenden, mit ihnen durch ein Medium in Kontakt zu treten.
Wie populär die Geisterbeschwörung war, das zeigt Rebus, die mit 16000 Abonnenten wichtigste Zeitschrift der Spiritisten des vorrevolutionären Russland. Dort findet man die erstaunlichsten Artikel. 1914 zum Beispiel wurde von dem »geheimnisvollen Hund Dschek« berichtet, ein »Wunder der Natur« und »ernsthafter Konkurrent des Menschen in Sachen Hellsehen und Gedankenlesen. Alle Professoren, Ärzte und Studenten und die gesamte wissenschaftliche Welt interessieren sich für den geheimnisvollen Hund. […] Auf blendende Weise ist der wissenschaftlichen Welt bewiesen worden, dass auch Tiere hellsehen können, was alle Ärzte und Wissenschaftler bisher bestritten haben. Dschek errät aufs Genaueste, wie viel Geld die Anwesenden in der Tasche haben, wie alt sie sind, wann sie geheiratet und wie viele Kinder sie haben. Wie viel Gehalt sie bekommen, die Zahlen, die Anwesende gewürfelt haben, und welches Lotterieticket gewinnen wird, was dem Hund bereits eine Unmenge Dank eingetragen hat.«76
Auch wenn der Artikelschreiber wohl übertrieben hat, wenn er von der »gesamten wissenschaftlichen Welt« schreibt, die sich für den hellsehenden Hund interessiert habe, so steht außer Zweifel, dass sich einige der besten Wissenschaftler Russlands intensiv mit allen Aspekten des Okkultismus befassten. Der Chemiker Mendelejew, der Begründer des Periodensystems der chemischen Elemente, bekannte sich nach anfänglicher Ablehnung 1900 zum Spiritismus77 , und der berühmte Psychiater Bechterew, nach dem Regionen des Gehirns und eine Nervenkrankheit benannt sind, betrieb ausgedehnte Studien zur Gedankenübertragung wie auch zu ihrer krankmachenden Variante, der »psychischen Infektion«, von deren Realität er überzeugt war.78 In den zwanziger Jahren sollte Bechterew Chef eines eigenen Instituts, des »Instituts des Gehirns«, werden, in dem er neben mehr konventionellen Forschungen auch Untersuchungen zu außersinnlichen Phänomenen betrieb. Und sogar die Geheimpolizei wird ein eigenes Forschungsinstitut betreiben, in dem es unter anderem um das »Gedankenlesen« ging, und man geht wohl nicht fehl, wenn man vermutet, dass die bekannten Anstrengungen zur »Desinfektion« von Trägern »kranker Gedanken«, die die sowjetische Geheimpolizei durchführte, u.a. auf Bechterews Überzeugungen zurückzuführen waren.
Kapitel 9
Von wundertätigen Mönchen und Gotterschaffern
Der Okkultismus erfasste die höchsten Kreise des Landes und war zweifellos ein Faktor im kommenden Zusammenbruch der alten Ordnung. Das berühmteste Beispiel war die Zarenfamilie selbst. Der Bruder des Zaren, Georgi Michailowitsch, sowie seine beiden Onkel, Nikolai Michailowitsch und Peter Nikolajewitsch, waren Mitglieder im Geheimorden der Martinisten, einer freimaurerähnlichen Organisation. Als Spiritus Rector der Martinisten trat der Franzose Papus auf, über den es in dem Standardwerk The Occult in Russian and Soviet Culture heißt: »Der allgegenwärtige Papus (Gérard Encausse) war der führende französische Okkultist des Fin de Siècle. Elf seiner zahlreichen Werke über die Kabbala, Alchimie, Spiritismus, das Rosenkreuzertum und den Tarot wurden in das Russische übersetzt. Eine von ihm gegründete Faculté des Sciences Hermétiques zog russische Studenten zu okkulten Kursen an, die zur Basis für viele private Studienkreise in Russland wurden. Papus wurde mit seinen Verbindungen zur Freimauerei und zum Rosenkreuzertum ein wichtiges Verbindungsglied zwischen den russischen Okkultisten und der französischen Blüte des Okkultismus.«79
Es gibt Vermutungen, sogar der Zar selbst sei Martinist gewesen. Zumindest ist belegt, dass Papus im Oktober 1905, die erste Revolution war auf ihrem Höhepunkt, bei einer Séance am Zarenhof mit »intensiver Konzentration des Willens« Alexander III. kontaktierte, den Vater Nikolais II., der seinem Sohn riet, gegen die Revolution standhaft zu bleiben.80 Noch größeren Einfluß bei Hof, allerdings nur bis 1903, genoss ein weiterer Franzose aus der Umgebung von Papus, ein Wunderheiler namens Nizier Anthelme Philippe, allgemein nur als »Philippe« bekannt. Philippe, der behauptete, Arzt zu sein, war in seiner Heimatstadt Lyon dreimal zu Geldstrafen wegen Hochstapelei verurteilt worden. Der angebliche Doktor, dessen Wesensart von seinen Anhängern als »beruhigend und stärkend« beschrieben wurde und dessen »geringste Bewegung heilende Wirkung« gehabt haben soll, versprach der Zarin, ihr nach vier Mädchen endlich zu einem Thronfolger zu verhelfen.81
Philippe hatte bald solchen Einfluss am Hof, dass die russische Regierung in Paris intervenierte, der ehemalige Fleischergeselle möge doch außerhalb der Reihe zum Arzt ernannt werden. Aber die Franzosen blieben standhaft. So verlieh man ihm schließlich in Petersburg ein Arztpatent. Das Anfang vom Ende für Philippe kam, als die Zarin 1902 wieder schwanger wurde und Philippe weissagte, das Geschlecht des werdenden Kindes sei männlich. Bekanntlich versetzt der Glaube Berge, nur leider stellte sich heraus, dass der Glaube der Zarin an Phillippe eine Scheinschwangerschaft zur Folge gehabt hatte. Es gab einen Skandal, der sich bis in die Petersburger Presse verbreitete. Der Wunderheiler musste nach Frankreich zurückkehren, und dort ereilte ihn die Rache der russischen Geheimpolizei, der der dickliche Franzose mit dem Walrossschnauzbart schon lange ein Dorn im Auge gewesen war. Die Kollegen von der Sûreté entfesselten gegen den Wunderdoktor ein Kesseltreiben und ein Jahr später erlag er einem Herzinfarkt.
Der orthodoxen Kirche waren die Okkultisten am Hof ein gewaltiges Ärgernis. Die Staatskirche, die nicht einmal über einen Patriarchen verfügte, sondern seit Peter dem Großen Teil des Staatsapparats ohne jede Eigenständigkeit war – sogar das Beichtgeheimnis konnte auf Anfragen der Geheimpolizei aufgehoben werden –, fürchtete nach dem Schwinden ihres Einflusses auf die Gesellschaft, nun auch den Hof zu verlieren. Um das Feld nicht den Okkultisten zu überlassen, lancierte man eine Reihe von Wunderheilern, Hellsehern und »heiligen Mönchen« der Staatskirche an den Hof, die sich dort allesamt nicht lange halten konnten. Bis auf den letzten, Grigori Rasputin, der sich als so erfolgreich erwies, dass er schließlich seine erstweiligen Förderer, den Bischof Hermogen und den Leiter der Peterburger geistigen Akademie Theophan, absetzen ließ, als diese versuchten, ihn wieder loszuwerden.
Der halbe Analphabet Rasputin, mit seiner »echt bäuerlichen, einfachen Frömmigkeit«, der anfänglich der gehobenen Geistlichkeit der Hauptstadt als geeignet erschien, der blutleeren Staatskirche zumindest am Hof zu neuem Ansehen zu verhelfen, war, wie man zu spät bemerkte, alles andere als ein getreuer Sohn der Kirche, sondern durch das Altgläubigentum geprägt. Die Altgläubigen gingen auf die russische Kirchenspaltung im 17. Jahrhundert zurück, als Zar Alexej und Patriarch Nikon neue Riten einführten, die von vielen – darunter gerade den frömmsten – Priestern und Laien abgelehnt wurden. Bis zum 20. Jahrhundert schwer verfolgt, spalteten sich die »Altgläubigen« wiederum in eine Vielzahl von Untersekten auf und nahmen mit der Ausbreitung nach Sibirien in Einzelfällen auch Elemente des Schamanismus und des tibetischen Buddhismus auf, was in den zwanziger Jahren das Interesse Nikolai Roerichs weckte. Man schätzt, dass am Vorabend der Revolution bis zu einem Drittel der Bevölkerung einer dieser Sekten angehörte.82
Im Fall von Rasputin gilt als gesichert, dass er während seiner Jugend zu den Chlysten gehörte, einer streng geheimen Sekte, die den geistigen Hochmut, das Gefühl besser zu sein als andere, für die größte aller Sünden hielt, es aber nicht als Sünde betrachtete, im Angesicht der Staatsmacht jegliche Sektenangehörigkeit zu verleugnen. Eben um diese Sünde des Hochmuts zu vermeiden, veranstalteten die Chlysten von Zeit zu Zeit Orgien. Vermutlich gehen die berühmten sexuellen Ausschweifungen Rasputins auf seine Zeit als Chlyst zurück, aber die Behauptung, eine sexuelle Vereinigung mit ihm werde seine Anhängerinnen »reinigen«, war ganz seine eigene Erfindung.
Rasputin verfügte zweifellos über ungewöhnliche Fähigkeiten. Belegt ist, dass er den Zarewitsch, der an der unheilbaren Bluterkrankheit litt, mehrmals und sogar aus der Ferne vor dem Tod bewahrt hat, und gleichfalls gut belegt ist, dass Rasputin den Fall der Monarchie vorausgesagt hat, sollte sie sich in einen Krieg verwickeln. Dafür brauchte es keine prophetischen Gaben, sondern Kenntnis des einfachen Volkes, und die war bei der rechten Intelligenz wie auch bei den höheren Militärs und der Geistlichkeit stark unterentwickelt. Dort glaubte oder wollte man glauben, die revolutionäre Unruhe sei auf eine Verschwörung des Weltjudentums zurückzuführen. Zum »Nachweis« erfand die zaristische Geheimpolizei »Die Protokolle der Weisen von Zion«, die wohl folgenreichste Fälschung des 20. Jahrhunderts. Interessant ist in dem Zusammenhang, dass man lange Papus verdächtigt hat, der Autor zu sein, und auch wenn er heute von diesem Verdacht befreit ist, so vermutet der amerikanische Historiker Robert D. Wrath, Papus sei wahrscheinlich der Stichwortgeber für eine aufsehenerregende Kampagne im L’Écho de Paris gewesen, die eine jüdische Verschwörung zur Untergrabung der französisch-russischen Allianz behauptete.83
Im vorrevolutionären St. Petersburg gingen Verschwörungstheorien und Okkultismus Hand in Hand. Der strikte Kriegsgegner Rasputin wurde von rechten Hofkreisen und bald von der ganzen rechten Presse verdächtigt, deutscher Agent zu sein. Unter der Hand behauptete man das auch von der Zarin, die völlig unter dem Bann Rasputins stand. 1914 wurde aus rechtsradikalen Kreisen zum ersten Mal ein Attentat auf ihn verübt, das ihn ausschaltete, als es um die Frage des Kriegseintritts Russlands ging. Im Ersten Weltkrieg wuchs sein Einfluss so sehr, dass sich mit einer geeigneten Summe beinahe alles, bis hin zur Ernennung von Ministern, durch Rasputin erreichen ließ. Alle Versuche, ihn loszuwerden, schlugen fehl. Unter dem Einfluss seiner Frau weigerte sich der Zar, Rasputin vom Hof zu verbannen.
Das Ende ist bekannt. Eine Verschwörung aus Parlamentsabgeordneten und Zarenverwandten, an der nach letzten Erkenntnissen britische Agenten beteiligt waren, organisierte in der Nacht vom 30. auf den 31. Dezember 1916 (16. und 17. Dezember nach altem Stil) seine Ermordung. Wie sich bald darauf zeigte, trafen die Voraussagen Rasputins ein, der der Zarenfamilie für eben diesen Fall ein blutiges Ende der Dynastie vorausgesagt hatte.
Doch auch die entschiedensten Gegner der alten Ordnung, die Bolschewiki, waren nicht frei vom Okkultismus des silbernen Zeitalters. Ja, man kann sogar sagen, ihre spätere Kunstdoktrin, der »sozialistische Realismus«, hatte seine Wurzel in einigen der abseitigeren Theorien, die damals in aller Munde waren. Man kann dies an Gorki und Lunatscharski, den beiden wichtigsten Protagonisten der frühen sowjetischen Kulturpolitik, festmachen.
Anatoli Lunatscharski, ein Schriftsteller, der nach der Revolution als Volkskommissar für Aufklärung Kopf der sowjetischen Kulturpolitik werden sollte, hatte für einen »überzeugten Materialisten«, wie sich die Bolschewiki zum Nachweis ihrer Überlegenheit und im Gegensatz zu ihren Gegnern gerne beschrieben, ausgesprochen eigentümliche Neigungen.
Wie die Literaturwissenschaftlerin Bernice Glatzer Rosenthal berichtet, besaß er detaillierte Kenntnisse der Dämonologie und hatte vor der Revolution sogar einiges über weiße Magie veröffentlicht.84
Er verfolgte diese Interessen auch noch nach der Revolution. 1919 veröffentlichte er ein Theaterstück (Wassilia die Weise) mit okkultem Inhalt, und es ist belegt, dass er Bekannten noch Anfang der dreißiger Jahre aus der Hand las.
Diese Neigungen hatte er mit Maxim Gorki gemeinsam, dem späteren Säulenheiligen der sowjetischen Literatur. Mit ihm tat er sich während der Revolution von 1905 zusammen, um gemeinsam einen neuen Gott, eine Art marxistische Ersatzreligion zu erschaffen. Es lohnt sich, dieses Projekt, das von der sowjetischen Geschichtsschreibung später totgeschwiegen wurde, näher vorzustellen. Es gehört zum Okkultismus des silbernen Zeitalters in seiner revolutionären Variante, ohne den die Auftritte des Nikolai Roerich 1926 in Moskau nicht vorstellbar sind.
Die »Gotterschaffung« war ein Projekt, das von Maxim Gorki ausging. 1901, vier Jahre bevor die Revolution von 1905 scheinbar dazu Gelegenheit bot, schrieb Maxim Gorki in einem Brief: »Jetzt entgleitet Gott den Ladeninhabern und die Hundesöhne sind ohne Unterschlupf. Das ist, wie es sein muss! Lasst sie in ihrem Leben nackt herumspringen, mit ihren leeren kleinen Seelen, und wie zerbrochene Glocken stöhnen. Und wenn sie vor Kälte und der Hoffnung auf geistige Erlösung sterben, werden wir uns einen Gott schaffen, der großartig, wunderbar, freudig und der Beschützer des Lebens sein wird, der jeden und alles liebt. So soll es sein.«85
Die »Gotterschaffung« Gorkis ging von der Vorstellung aus, »Götter« seien nichts anderes als die Manifestationen der Gedanken einer großen Menschenmenge, und das im durchaus materiellen Sinne. Gorki war Anhänger des Neurologen Naum Kotik, der die Existenz einer »psycho-physischen« Energie behauptete, die im Gehirn hergestellt und von dort in die Arme und die Extremitäten geleitet werde. Eine der erstaunlichen Eigenschaften dieser Energie sei ihre Fähigkeit, in Objekte zu strömen (Papier zum Beispiel), so dass man sie aufbewahren und transportieren könne. Mit Hilfe dieser Energie sei es möglich, telepathisch Gedanken und Gefühle zu übermitteln, und in höherer Konzentration sei sie als Träger für die Suggestion der Massen geeignet. Im Zusammenhang mit den Forschungen von Kotik schrieb Maxim Gorki, jedes Jahr sammele sich mehr und mehr Gedankenenergie in der Welt an und eines Tages werde diese Energie im Stande sein, Dinge zu bewirken, die man sich heute noch gar nicht vorstellen könne.
1908 verdichtete Maxim Gorki diese Vorstellungen in seinem Roman Die Beichte, in dem eine Schlüsselszene zeigt, wie eine gelähmte Frau durch die physische Energie einer Menschenmenge geheilt wird. Die Masse schließt dabei mit gemeinsamer Anstrengung den gelähmten Körper an den allgemeinen Willen an, und so, wie eine Glühbirne leuchtet, wenn durch sie der Strom schießt, so heilt die Energie der Massen den gelähmten Körper der Frau.
Die Beichte war nicht Gorkis bestes Buch, aber mit Sicherheit eines seiner umstrittensten. Lenin hasste es regelrecht. In Romanform legte Gorki seine Überzeugung dar, dass »die wahren Gotterschaffer die Menschen selbst und das bedeutendste Ergebnis ihrer Anstrengungen das frühe Christentum war, bevor die Kirche es verzerrte«, wie der Literaturwissenschaftler Mikhail Agursky den Inhalt resümiert.86 Tatsächlich findet man in dem Buch Sätze wie den folgenden: »Christus war der erste wahre Volksgott, der aus der Seele der Menschen geboren wurde, wie der Phönix aus den Flammen«. Als die allgemeine okkulte Energie dann schwächer wurde, sei Christus gestorben, aber das Volk könne ihn wiedererwecken. »Die Zeit wird kommen, da sich der Wille des Volkes wieder auf einen Punkt konzentrieren und so eine unbezwingbare, rätselhafte Kraft ins Leben rufen wird. Dann wird Gott wieder auferstehen.«87
Gorkis und Lunatscharskis Pläne, während der Revolution von 1905 die Gedanken der Massen zu »konzentrieren«, um einen besseren Gott zu schaffen, wurden von Lenin, dem das Ganze zuwider war, im Keim erstickt.
Doch überleben sollten die Grundannahmen Gorkis, nämlich der Glaube an Gedankenübertragung und die materielle Wirksamkeit von Gedanken. Beide sollten zu wichtigen Voraussetzungen für den »sozialistischen Realismus« werden. Zumindest ist das die Meinung des Wissenschaftlers Mikhail Agursky. »Obgleich Bechterew oder Kotik in Gorkis Schriften zum sozialistischen Realismus nicht erwähnt werden, haben ihre Ideen doch dazu beigetragen, Theorie und Praxis des ›sozialistischen Realismus‹ zu formen. Im sozialistischen Realismus sollten die Künste und besonders die Literatur den psychischen Prozess der Massen regulieren, um sie so zu der großen Anstrengung zu befähigen, die es brauchte, um den Sozialismus zu errichten. […] Einfach nur sozialistische Ideen zu propagieren reichte nicht aus. Um die gewünschte Reaktion zu erhalten, mussten die Massen durch ›externe Stimuli‹ angeregt werden, und um diesen ›Stimuli‹ die Möglichkeit zu geben, sich durchzusetzen, musste ein politisches System geschaffen werden, das nur ›reinen Gedanken‹ die Möglichkeit zum Ausdruck gab und die Gesellschaft vor ›dunklen Kräften‹ verteidigen konnte.«88
Kapitel 10
Versuche mit der Anderwelt
Nikolai Roerich und seine Frau Helena waren als typische Kinder des silbernen Zeitalters an jeder Form des Okkultismus brennend interessiert, wobei einiges wohl ewig im Dunkeln bleiben wird. Da wäre die Frage, ob der Künstler nicht Mitglied einer jener esoterischen Geheimgesellschaften war, in denen sich viele der einflussreichsten Männer des Landes versammelten. Zu denken wäre dabei vor allem an die Martinisten. Mit ihrer Mischung aus russischem Nationalismus und esoterischer Verschwörungstheorie könnten sie zur damaligen Geistesverfassung Roerichs gepasst haben. Auch hätte die Mitgliedschaft engster Verwandter des Zaren an seine lebenslange Neigung appelliert, sich die Unterstützung höchster Kreise zu sichern.
Doch sosehr russische Journalisten eben dies nach dem Ende des Kommunismus zu beweisen suchten, über bloße Behauptungen sind sie nie hinausgekommen. Belegbar sind nur seine Affinität zu diesen Kreisen und vielfältige Verbindungen mit ihnen. Dazu kommen noch seine eigenen Behauptungen wie die, schon sein Großvater sei Freimauer und überhaupt seine Familie von alters her, beginnend mit den Templern, bei allen okkulten Bewegungen des Abendlandes prominent vertreten gewesen. Doch das hat dieselbe Überzeugungskraft wie die These, der Name Roerich sei auf Rurik zurückzuführen.
Anders steht es mit Naum Kotik, dem Theoretiker von der materiellen Wirksamkeit von Gedanken, und dem Psychiater Bechterew. Dem von Maxim Gorki so sehr geschätzten Naum Kotik setzte Nikolai Roerich 1928 in seinem Buch Altai-Himalaya ein Denkmal als »hochinteressanter Wissenschaftler«, der die materielle Wirklichkeit von Gedanken bewiesen habe.89 An derselben Stelle findet sich auch eine Beschreibung der Begegnung Gorkis mit einem indischen Fakir, der dem Schriftsteller auf eine glatte Metallfläche Bilder indischer Städte mit lebhaften Farben gezaubert habe. Gorki soll diese Begebenheit Roerich selbst erzählt haben.
Mit dem berühmten Psychiater Bechterew, dem Verfechter von der Realität der Gedankenübertragung, war Nikolai Roerich persönlich gut bekannt. In Roerichs Tagebuch seiner letzten Lebensjahre sind ihm mehrere Passagen gewidmet. Selbstredend teilte er die Auffassungen des Nervenarztes, der im Rahmen seiner Forschungen auch die ungewöhnlich lebhaften Träume Helena Roerichs analysiert hatte.
Schließlich und endlich teilte Nikolai Roerich und nicht minder seine Frau das Lieblingsinteresse des silbernen Zeitalters, die Kommunikation mit der Geisterwelt nämlich. Und diese Beschäftigung begann bereits sehr früh. Wir erinnern uns, als die Briefe Helenas in Paris ausblieben, wandte sich der junge Künstler an ein Medium, um auf anderem Weg Nachrichten über seine spätere Frau zu bekommen. Mit vollem Erfolg übrigens, wie er ihr in einem seiner unbeantworteten Briefe mitteilte.
Nach der Heirat führte er, diesmal zusammen mit seiner Frau, die Unterhaltung mit dem Jenseits fort. Wie Alexandre Benois, selbst häufiger Teilnehmer von Seáncen, in seinen Erinnerungen schreibt, habe er persönlich diese Beschäftigung zwar aufgegeben, nicht jedoch sein Bekannter, »der berühmte Maler N. K. Roerich, der nach der Jahrhundertwende zusammen mit seiner Frau systematisch Kontakt mit der Geisterwelt hielt«.90
Die Beschreibung eines dieser »Kontakte mit der Geisterwelt« des Ehepaars Roerich findet man in den Erinnerungen Grabars. Diese herrliche, aber für ihn peinliche Episode sollte Nikolai Roerich zwar später abstreiten, aber das scheint wenig glaubhaft. Zu dem Zeitpunkt nämlich, als er dies abstritt, hatte er bereits eine so hohe Position nicht nur in der Einschätzung seiner selbst, sondern auch in der seiner »Jünger« erreicht, dass er gar nicht anders konnte.
Die Séance in der Wohnung der Roerichs sollte mit einem Polen namens Jan Gusik stattfinden, der 1909/1910 das Lieblingsmedium der guten Gesellschaft war. In Rebus, dem Zentralorgan der Spiritisten, wird er mehrmals erwähnt. »Wie man uns mitteilt, kommt es bei Séancen mit ihm zu recht starken Erscheinungen. Gewöhnlich ist der Begleiter Janeks ein ›materialisiertes Tier‹, das bei rotem Licht sogar sichtbar ist.«91 Wie man weiter aus Rebus erfährt, waren die Geister Gusiks ungewöhnlich aggressiv, und einige Teilnehmer seiner Séancen mussten sich danach wegen erlittener Verletzungen an einen Arzt wenden. Aber Gusik beschränkte sich nicht nur auf seine »Hausgeister«. Er rief auch Napoleon, Puschkin und Alexander den Großen, die offensichtlich auch die »Lieblingsgeister« anderer Spiritisten waren, denn Rebus schrieb in diesem Zusammenhang von Gewalt gegenüber Verstorbenen und rief dazu auf, auch einmal andere Geister zu beschwören.
Aber zurück zu Grabar: »Ich war kein Liebhaber des Tischrückens. Mir tat es immer um die Zeit leid, die auf derartige Nichtigkeiten verschwendet wurde, und war dagegen, einen ganzen Abend lang in ein Objekt findiger, aber nicht allzu schlauer Scharlatane verwandelt zu werden. Benois überredete mich, indem er sagte, es könnte lustig und interessant werden. Da ich fest davon überzeugt vor, dass all das Materialisieren und dergleichen Wunder nur durch die Scharlatane selbst, sowie durch die Mitwirkung anderer zum Haus gehöriger Personen durchzuführen war, verabredete ich mit zwei der Gäste, die mit mir einer Meinung waren, dass ich die ›Kette durchbrechen‹ würde.
Man hatte uns gewarnt, die Kette zu durchbrechen sei lebensgefährlich und werde im besten Fall dazu führen, dass man von dem herbeigerufenen Geist einen Schlag mit dem Knüppel auf den Kopf bekäme, von dem man sich nie wieder erholen werde. Außerdem informierte Roerich uns, dass Janek das stärkste Medium der heutigen Zeit sei und die Geister, die er materialisiere, völlig reale Formen annehmen würden. Bis hin zur Spürbarkeit. Ein gewisser Berggeist sei ihm besonders geneigt, der sich als Mann mit langen wilden Haaren materialisiere. ›Aber Gott bewahre, ihn zu berühren. Das würde ein Unglück geben.‹
Das Licht wurde ausgeschaltet, und von der Menge der Leute, die sich um den Tisch die Hände gaben, wurde es im Zimmer unerträglich heiß. Auf einmal hörte man seltsame Schläge. Wie von einer Gitarre oder einer Balalaika. Irgendetwas bewegte sich im Zimmer und machte die Geräusche.
›Es fängt an‹, hörte man ein Flüstern.
Unter dem Tisch war es besonders unruhig. Offensichtlich versuchte sich der Geist mit allen Kräften zu materialisieren. Ich beschloss, es war Zeit zu handeln. Leise befreite ich meine Hände von den Nachbarn zur Rechten und zur Linken und begann unter dem Tisch herumzufuchteln. Nach einigen Sekunden ertastete ich irgendetwas Festes, einen Kopf oder ein Knie, das von einem Fell bedeckt war, und begann es zu mir zu ziehen. Doch es gab nicht nach, es wurde kräftig festgehalten. Nach einigen Minuten fühlte ich einen kräftigen Schlag mit der Faust in den Rücken, von dem ich aufschrie und mich erhob. Danach machte jemand das Licht an und alles hörte auf. Die Séance wurde als ›unterbrochen‹ oder besser als ›nicht völlig geglückt‹ bezeichnet.«92
Die Karriere Gusiks in St. Petersburg war übrigens steil, aber kurz. Ihm wurde sein Impresario, ein geschäftstüchtiger Deutschrusse namens Czeslaw von Czinski, zum Verhängnis.
Czeslaw von Czinski war nach einem dreijährigen Aufenthalt in einem deutschen Gefängnis – der ehemalige Psychiater war mit einer minderjährigen Patientin aus dem Hochadel durchgebrannt – in St. Petersburg aufgetaucht, mit dem Ziel, sich rasch zu bereichern. Für 500 Rubel, eine gewaltige Summe für die damalige Zeit, versprach er die Aufnahme in so prestigeträchtige Geheimorden wie den der Martinisten oder die Freimaurer. Glaubwürdigkeit verlieh ihm das Oberhaupt der Martinisten, der berühmte Franzose Papus höchstpersönlich, indem er ein Vorwort zu einem Buch Czinskis schrieb, das dieser über Gusik 1909 veröffentlichte (derselbe Papus, der Nikolaus II. während der Revolution von 1905 zu der Beratung mit seinem verstorbenen Vater verhalf).
Das Ende der Karriere von Czinskis wurde nicht etwa durch Jan Gusiks Tiere verursacht, sondern durch eine von ihm selbst veranstaltete Séance. 1910 beschwor er publizitätsträchtig das Opfer eines Mordes, den Ingenieur Andrej Gilewitsch, der grauenhafte Einzelheiten des aufsehenerregenden Verbrechens preisgab und von seinen Leiden im Jenseits berichtete. Nur leider stellte sich nach einigen Monaten heraus, das Opfer des Verbrechens war nicht etwa Gilewitsch selbst, sondern ein Angestellter von ihm, ein verarmter Student aus der weiten Provinz, der seit dem Mord spurlos verschwunden war. Fälschlich identifiziert hatte die Leiche ein Bruder von Gilewitsch, der aus der beträchtlichen Lebensversicherung des angeblich Ermordeten monatlich Geld nach Paris überwies – an Andrej Gilewitsch selbst, der bald darauf ausgeliefert und wegen Mordes verurteilt wurde. Czeslaw von Czinski wurde danach auf sein Landgut verbannt.
Ebenso charakteristisch für das silberne Zeitalter wie der Okkultismus war die Faszination durch alles, was aus Indien kam. Man las die indischen Philosophen Ramakrishna und Vivekananda, vertiefte sich aber auch in die Veden und andere Texte des indischen Altertums. Das war ein gesamteuropäisches Phänomen. Da es in den alten Texten heißt, als hellhäutig beschriebene »Arier« hätten das Sanskrit und die in ihm geschriebenen heiligen Texte nach Indien gebracht, sollten die Nationalsozialisten eben diesen Namen für die von ihnen auserwählte Rasse übernehmen. Doch wie die Slawophilen in Russland zeigten, konnte man auch zu ganz anderen Schlüssen kommen. Nikolai Roerichs Mentor Stassow war durch die These bekannt, »die slawischen und die indischen Kulturen des Altertums seien eng miteinander verwandt und das indische Epos Mahabharata habe die alte russische Epik beeinflusst«.93 Alexander Blok spürte bekanntlich dem »Skythischen« in der russischen Seele nach, und unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg war der Gedichtzyklus Gitanjali des indischen Dichters Rabindranath Tagore, der 1913 den Literaturnobelpreis erhielt, in ganz Europa eine Sensation.
Nikolai Roerich teilte diese Faszination von Indien und las Vivekandanda, Ramakrishna und die Veden.94 Indien läutete eine neue Phase im Werk Nikolai Roerichs ein. Er malte Bilder wie »Dewassari Abuntu«, »Lakhmi die Siegreiche«, »Die Grenze des Kaiserreiches«, »Krischna«, »Träume Indiens« und »Gaijatris Gebot«. Er schrieb Märchen mit indischer Thematik, und eines davon, »Dewassari Abuntu« versuchte er sogar aufführen zu lassen.
Kunst ist bekanntlich Geschmackssache, und nicht bei jedem fand Roerichs neue Richtung Anklang. Benois zum Beispiel notierte anlässlich der letzten Ausstellung Roerichs vor der Revolution in sein Tagebuch, seine Bilder seien nicht überzeugend. »In allem merkt man viel zu sehr die Absicht. Auf der anderen Seite erinnern diese komplizierten und gewollt monumentalen Kompositionen auf das Verblüffendste an Illustrationen in deutschen Märchenbüchern oder deutschen Zeitschriften wie ›Jugend‹.«95
Aber der Effekt dieser Bilder war oft erstaunlich. Besonders wenn die Betrachter sich für Mystik interessierten. Sina Lichtmann, seine treueste Anhängerin, die seine Bilder vier Jahre später, bei einer Ausstellung in New York, zum ersten Mal erblickte, schrieb, ihr sei gewesen, als wäre die Menge plötzlich verstummt. »Ich stand direkt der Unendlichkeit gegenüber und dem ersten Menschen, der sich selbst eine Behausung geschaffen hatte, die sich dem Abbild Gottes verneigte.
Große Weiten kosmischen Maßstabes, Berge, Ströme von Wasser, massive Felsen, irdische und überirdische Boten, friedvolle Heilige und Helden bevölkerten Roerichs Welt. Mir stockte der Atem, Tränen rannen in die Augen, Gedanken und Gefühle überfüllten das Herz. Meine bis zu diesem Moment verschlossene Welt machte einer anderen Platz: einer Welt nicht irdischer Schönheit und Weisheit.«96
Auch schrieb Roerich, von Tagore beeinflusst, Gedichte, die im Exil als Blumen aus dem Garten Moryas veröffentlicht wurden. Dieser Gedichtzyklus, zweifellos das Beste, was er je veröffentlicht hat, rief die Bewunderung so verschiedener Persönlichkeiten wie Maxim Gorki und Tagore selbst hervor. »Wir begeben uns auf die Suche nach heiligen Zeichen« begann das 1915 geschriebene Gedicht »Wir werden sehen«. Auf der Suche nach dem Heiligen begegnete der Dichter dem Licht, dem Pfad, dem Labyrinth des Waldes, den Blumen, dem Wasser, den Bergen und der Ewigkeit. So banal und offensichtlich berechnend seine Zeitungsartikel mit ihren Aufrufen zur Schönheit und Kultur klangen, so subtil waren seine Gedichte. Auf den ersten Blick täuschend einfach, waren sie voll archetypischer Symbole, mystisch und schwer zu verstehen.
Die Suche nach »heiligen Zeichen«, die Faszination von den gleichermaßen schwer fassbaren Mitteilungen aus der Welt des Jenseits und den Theorien Bechterews und Kotiks führten folgerichtig zur Beschäftigung mit der Muse des »silbernen Zeitalters«, der genialen Zusammenfasserin aller okkulten Traditionen und Künderin von der »fünften Wurzelrasse«, deren fortschrittlichster Bestandteil eben die Slawen waren. Dies war Madame Blavatzky, die von sich behauptete, im Namen einer »großen, weißen Bruderschaft«, zu sprechen, die die Menschheit im Verborgenen anleite, und im Auftrag eben dieser Bruderschaft sollte sich Nikolai Roerich 1926 aufmachen, um im sibirischen Altai sein eigenes, ganz persönliches Utopia zu gründen.
Kapitel 11
Die große weiße Bruderschaft
»Eine genaue und völlig faktentreue Biografie dieser bemerkenswerten Frau wird nie geschrieben werden. Sie verbrachte ihr Leben lang damit, sicherzustellen, dass es unmöglich sein würde, Fakten von ihrer Fantasie zu trennen«.97
Das schreibt die amerikanische Biografin Madame Blavatzkys, Maria Carlson, über Madame Blavatzky, eine Frau, die für wichtig genug erachtet wurde, 2008 von der Universität Oxford in ein Lexikon der hundert bedeutendsten Frauen der Weltgeschichte aufgenommen zu werden. Madame Blavatzky, oder Helena Petrowna Blavatzky, kurz H.P.B., war die Begründerin der Theosophie, einer religionsartigen Bewegung, die ungemein großen Einfluss auf das Geistesleben des späten 19. und des 20. Jahrhunderts hatte. Allein in Russland kann man Einflüsse der Theosophie auf das Werk Kandinskys, Skriabins und Malewitschs nachweisen, um nur die bekanntesten Namen zu nennen. Nicht zu vergessen Anatoli Lunatscharski und Maxim Gorki, deren Doktrin vom »sozialistischen Realismus« nicht nur von Bechterew und Kotik, sondern auch von der Theosophie beeinflusst wurde.
Das allerdings hinderte später die Bolschewiki nicht daran, die Theosophie zu unterdrücken und ihren Einfluss auf führende Protagonisten des sowjetischen Kulturlebens aus der Geschichte zu streichen. In England und Amerika jedoch dauerte ihr Einfluss an und weitete sich sogar aus. Neben Künstlern wie William Butler Yeats, einem der bedeutendsten Dichter englischer Sprache, bekannten sich eine Reihe Abgeordneter des britischen Unterhauses zur Theosophie, und der wichtigste Bankier seiner Zeit, Sir Norman Montagu, der Leiter der britischen Notenbank, war ebenfalls Theosoph. Wie in England war die Theosophie in den USA gerade unter den Reichen und Mächtigen weit verbreitet. Henry Wallace, der neben Roosevelt lange Zeit mächtigste Politiker der Vereinigten Staaten, glaubte an die Lehren der Blavatzky, und auch Roosevelt selbst waren, wie wir noch sehen werden, theosophische Gedanken keineswegs fremd.
Nur Deutschland ging einen Sonderweg. Rudolf Steiner, der dortige Vorsitzende der theosophischen Gesellschaft, verließ diese 1912, nahm die große Mehrheit ihrer Mitglieder mit sich und gründete die anthroposophische Gesellschaft.
Helena Blavatzky wurde 1831 als Tochter des russischen Obersten Peter Hahn von Rottenstein und seiner Ehefrau Helena im damaligen Jekaterinoslaw, dem heutigen Dnjepropetrowsk, in der Ukraine geboren. Ihr Vater stammte aus einer mecklenburgischen Adelsfamilie, über die Mutter war sie mit dem Architekten der russischen Industrialisierung, dem berühmten Finanzminister Sergej Witte, sowie der Zarenfamilie selbst verwandt.
Die junge Helena wird von ihren Biografen übereinstimmend als störrisch und unzugänglich beschrieben. Sie soll schon früh ausgeprägte mediale Fähigkeiten gehabt haben und ließ in ihrer Umgebung Spukgestalten auftauchen. Mehrmals wurde sie von ihren Verwandten dem Exorzismus unterworfen, was »sicherlich der Psyche ihrer Tochter nicht gerade dienlich war«, wie ein deutscher Biograf anmerkt.98
Mit 17 Jahren verheiratete man sie an den 60-jährigen General und Staatsrat Blavatzky. Gerade einmal drei Monate lang hielt sie bei ihm aus, bis sie, als Matrose verkleidet, in die Türkei floh und ein unstetes Wanderleben begann.
Man weiß relativ wenig über ihr Leben von 1849 bis 1859. Wie auch für spätere Zeiten in ihrem Leben gibt es eine »offizielle« Biografie, die einzig und allein auf ihren Behauptungen gründet, und eine »inoffizielle«, die sich auf das beschränkt, was sich nachweisen lässt.
Laut ihrer »offiziellen« Biografie soll sie bis zu ihrem 29. Lebensjahr an so verschiedenen Orten wie Kairo, wo ein koptischer Meister sie drei Monate in die Geheimnisse der Magie einweihte, in New Orleans, wo sie sich mit Voodoo beschäftigt habe, und in Indien und Tibet gewesen sein. Eine unglaubliche Reise, wenn man bedenkt, dass Tibet Ausländern verschlossen war und Blavatzky weder damals noch später Tibetisch konnte.
Russische Briefe und Erinnerungen deuten darauf hin, dass sie in diesen Jahren tatsächlich unterwegs war, aber zusammen mit einem Opernsänger namens Arkadi Metrowitsch und nur innerhalb des russischen Reiches und in Europa. Mit Sicherheit befand sie sich in den frühen 1850er Jahren in London, um die Weltausstellung im Hyde Park zu besuchen. Wie sie – allerdings Jahrzehnte später – berichtete, traf sie dort zum ersten Mal einen jener Mahatmas oder Meister, die ihr späteres Leben bestimmen sollten. Es sei ein schöner, indischer Prinz namens Kut Humi gewesen, der der zwanzig Jahre alten Helena eröffnete, sie sei als seine Schülerin auserwählt, eine Gesellschaft zu gründen, die sich über die ganze Welt ausbreiten werde.
Ihr Biograf Karl H. Frick merkt an dieser Stelle übrigens sarkastisch an, dass es vermutlich nicht nur der Scheinleib des Prinzen war, der die junge Helena interessiert habe. Aber weiter in der Geschichte dieser bemerkenswerten Frau.
Folgt man der theosophischen Geschichtsschreibung, dann gelangte sie drei Jahre später zum ersten Mal »in einem Heuwagen versteckt, in das verbotene Land Tibet, wo ihr Meister wohnte, und brachte unter der Obhut von dessen Schwester drei Jahre zu. Sie lernte in Tibet Sanskrit und wurde in die okkulten Wissenschaften eingeweiht.«99
Dieser zweite Weise aus dem Himalaya, den Blavatzky Master oder Mahatma Morya nennt, wird beschrieben als »ein Mann von ungewöhnlicher Größe, reich und unabhängig, in die Geheimnisse der Magie und Alchemie eingeweiht«.100 Obgleich vom Aussehen her nur 40 Jahre alt, habe er schon mehr als 300 Jahre in seiner jetzigen Inkarnation zugebracht. Master Morya übrigens sollte noch gehörig in die Geschicke Nikolai Roerichs eingreifen.
Zurück zu dem, was man in Blavatzkys Biografie nachweisen kann. 1858 wurde sie in Paris mit dem berühmten Medium D. D. Home bekannt und ein häufiger Besucher von spiritistischen Kreisen.
Im Winter 1859/60 kehrte sie nach Russland zurück und blieb eine Zeit lang in Pskow im Norden Russlands bei ihrer Schwester Vera, wo sie bald das Zentrum der Aufmerksamkeit wurde. Ihre Schwester schreibt, Helena Petrowna sei in Begleitung von Poltergeistern (»Esprits frappeurs«) eingetroffen und habe Tische dazu gebracht, zur Decke zu schweben, oder sie zu schwer zum Aufheben gemacht. Sie habe Séancen abgehalten, bei denen der russische Dichter Alexander Puschkin auftauchte, und mit ihren unglaublichen psychischen Kräften einen Mord aufgedeckt
Nach dem Besuch bei ihrer Schwester reiste Helena Petrowna nach Süden, um ihre Familie in Odessa und Tiflis zu besuchen. Sie verbrachte geraume Zeit damit zu, ihre Verwandten zu besänftigen, die nicht sehr froh waren, das schwarze Schaf der Familie wiederzusehen.
Später behauptete sie, 1863 habe sie Russland verlassen, um über Italien, Griechenland und den Fernen Osten wieder nach Tibet zu reisen, wo sie angeblich als Chela (Jüngerin) von den Mahatmas der großen weißen Bruderschaft unterrichtet wurde. Auch diese Reise ist nicht belegt. Tatsächlich blieb sie einen großen Teil dieser Zeit in Russland, hatte eine Affäre, wurde schwanger und gebar ein uneheliches Kind. Ihr Sohn war behindert und starb, als sie 1864 oder 1865 mit Arkadi Metrowitsch wieder ins Ausland reiste. Sie kehrte nach Hause zurück, um das Kind zu beerdigen, und verließ Russland erst 1871.
1873 kam Madame Blavatzky, wie sie sich nun nannte, in die USA, ließ sich in New York nieder und verdiente sich ihren Lebensunterhalt als Journalistin. Sie veröffentlichte sensationelle Zeitungsartikel, die sich gegen die Jesuiten und den Papst richteten, schrieb für den amerikanischen Leser über den Kaukasus und vor allem über den Spiritismus, das Lieblingsthema der Zeit. Sie beschäftigte sich ausgiebig mit verschiedenen östlichen okkulten Systemen und ermunterte ihre amerikanischen Kollegen, sie als Hellseherin, als Medium und als Mystikerin zu sehen. Am 8. September 1875 gründeten sie und ihr getreuer Adlat, Colonel Henry Olcott, ein ehemaliger Soldat und inzwischen Journalist, die Theosophische Gesellschaft.
»Ziel ist ein esoterischer Bruder- und Schwesternbund für die ganze Menschheit, der zur Erkenntnis des Wahrheitskerns jeglichen religiösen Lebens verhelfen soll. Durch die Erforschung der tieferen geistigen Kräfte und mit Hilfe der theosophischen und mystischen Elemente der Magie, sowie durch andere ›klassische‹ Geheimwissenschaften sollen alle geheimnisvollen, dem Menschen noch nicht aufgeschlossenen Naturgesetze erklärt und verständlich gemacht werden. Schließlich sollen die im Menschen verborgenen okkulten Kräfte entwickelt werden, um ihm übersinnliche Wahrnehmungen zu vermitteln.«101 Ganz im Geist der Zeit verstand sich die Theosophie ausdrücklich als »Wissenschaft« und nicht als religiöser Glaube und gab sich das Motto: Keine Religion ist wichtiger als die Wahrheit. Religionsähnliche Elemente, wie der Glaube an die Reinkarnation, galten durch die Praxis, d.h. den Spiritismus, als wissenschaftlich bewiesen.
Zwei Jahre später veröffentlichte Blavatzky ihr Buch Die entschleierte Isis. In diesem komplexen Buch (und einem noch komplexeren zweiten, dem 1888 erschienenen Die Geheimlehre) verglich sie die Weltreligionen unter Einbeziehung okkulter Traditionen wie Gnosis, Kabbala und Alchemie, aber auch Hellsehen, Spiritismus und Hypnose. Durch die »vergleichende Esoterik«, wie sie ihre Methode nannte, destillierte sie eine universelle Ursprungsdoktrin heraus und behauptete, diese »Weisheitsreligion« oder »Geheimlehre« sei der Kern aller Weltreligionen und werde von unsterblichen Eingeweihten seit Tausenden von Jahren behütet.102 Die Religionsstifter Jesus, Mohammed und Buddha seien Inkarnationen der »Mahatmas« oder »Meister« gewesen, folglich seien diese, wie auch die anderen Weltreligionen, in der Theosophie enthalten. Diese uralten Weisen würden im Himalaya leben, und zwar an einem Ort namens »Schambala«. Die letztere Idee hatte Blavatzky dem tibetischen Buddhismus entnommen, wo »Schambala« besonders für die einfachen Gläubigen eine Rolle spielte, die man am ehesten mit der vergleichen kann, die die Vorstellung vom Paradies für europäische Christen spielte.
Schon länger hätte die Bruderschaft nicht mehr in die Weltgeschichte eingegriffen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts jedoch wäre die »Bruderschaft der weißen Loge, die Hierarchie der Eingeweihten, die die Evolution der Menschen beaufsichtigen und führen und die diese Wahrheiten unbeeinträchtigt erhalten haben«103 , zu dem Entschluss gekommen, es sei nun Zeit, einige dieser Wahrheiten durch Auserwählte nach und nach enthüllen zu lassen. Die erste Auserwählte sei sie, Blavatzky, selbst, und sowohl Die entschleierte Isis als auch später Die Geheimlehre seien ihr von den Mahatmas diktiert worden, mit denen sie in direktem psychischem Kontakt stehe.
Die Geheimlehre, die sie in ihrem gleichnamigen zweiten Buch auslegte, war eine »eklektische, synthetische, dogmatische Doktrin mit pantheistischen Beimischungen und stark durchtränkt von exotischem buddhistischem Gedankengut und Vokabular«, weshalb man die Theosophie auch als Neobuddhismus bezeichnet hat.104 Das aber führt in die Irre. Wie die Kennerin Maria Carlson darlegt, mischte »die Theosophie Teile und Bruchstücke des Neuplatonismus, Hinduismus, der Kabbala, des Rosenkreuzertums, des Hermetismus und anderer okkulter Doktrinen aus Vergangenheit und Gegenwart zusammen und versuchte eine ›wissenschaftliche Religion‹, eine moderne Gnosis zu sein, die sich auf das absolute Wissen geistiger Dinge, statt auf den Glauben gründete.«
Dem Ganzen war eine im Wesentlichen jüdisch-christliche Ethik unterlegt, der eine Art spiritueller Darwinismus beigemischt wurde. Angeblich würden die mit dem stärksten Geist überleben, oder aber die, die sich spirituell am weitesten entwickelten.
Die von Madame Blavatzky dargelegte Kosmologie der Theososophie ist hochkomplex und stark vom Hinduismus beeinflusst. In unendlichen Zeiträumen wechseln sich »Pralaya« genannte Perioden der Ruhe und Auflösung mit solchen der »Manvantara«, der Aktivität und Entwicklung, ab. Was den Einzelmenschen betrifft, so durchläuft er eine komplizierte evolutionäre Abfolge, die rund 800 Inkarnationen umfasst. Und das nur auf dem Planeten Erde, denn gemäß der Geheimlehre muss er sie auch auf den sechs anderen Planeten des Sonnensystems (mehr waren damals nicht bekannt) durchlaufen.
Es gibt »dunkle« und »helle« Phasen, und was die Menschheit betrifft, so habe es einmal eine große Zivilisation, Atlantis, gegeben, die untergegangen sei, deren »Weisheit« sich aber in den »Mahatmas« erhalten habe. Jetzt sei die Zeit der »fünften Wurzelrasse«, der Arier nämlich, und innerhalb der arischen Rasse wiederum seien es die Slawen, die »siebte Unterrasse«, die nach der stürmischen, materiellen Entwicklung des Menschen den nächsten »Schub« der Evolution, die »geistige« Evolution nämlich, anführen werde. Sie wird zur Verwirklichung einer mehr spirituellen Menschheit beitragen, die mit der sechsten Wurzelrasse erreicht wird.
Im Einzelnen schrieb Madame Blavatzky in der Geheimlehre, »die grundlegende Mission dieser Epoche der Zivilisation ist es, den Menschen an die physische Ebene anzupassen, um die Vernunft und die praktische Logik zu entwickeln, den Verstand in die Materie zu vertiefen, damit sie verstanden und schließlich beherrscht werden kann«. Sobald diese Mission vollendet sei, »hat die Evolution den Gipfel der physischen Entwicklung erreicht und sie mit dem physisch Perfekten gekrönt. Von diesem Moment an beginnt die geistige Entwicklung.«105 Daher hätten die Mitglieder der großen weißen Bruderschaft diesen historischen Augenblick gewählt, um die Theosophie den Massen durch ihre Jüngerin zu offenbaren. Der Abstieg der Menschheit in die Materie sei vollendet, und damit sei sie bereit, das Wissen von der Geheimlehre zu erhalten, welches sie auf ihrer Reise Richtung Vergeistigung zur endlichen Vereinigung mit dem Göttlichen führen werde.
Anfänglich fand Madame Blavatzky wenig Anklang. Dann aber reiste sie mit Oberst Olcott nach Indien und wurde dort mit großem Erfolg empfangen. Von indischen Intellektuellen allerdings und nicht von den britischen Oberherren. Deren Überlegenheitsgefühl gegenüber den »Eingeborenen« war zu dieser Zeit so groß, dass sie, wie auf Ceylon, wo der Buddhismus betroffen war, versuchten, örtliche Religionen zu unterdrücken und die Bevölkerung mit allen Mitteln zur britischen Staatsreligion zu bekehren.
Die Kolonialbeamten, die an der angeblichen »Bürde des weißen Mannes« trugen, »die Eingeborenen zu zivilisieren«, witterten in der Theosophie eine gefährliche Tendenz, das indische Selbstbewusstsein zu heben, und in Madame Blavatzky eine russische Spionin. Madame Blavatzky, die jede Art Aufmerksamkeit genoss, sollte später Andeutungen machen, die diese – bis heute unbewiesenen – Gerüchte bestätigten. Damit verstärkte sich nur noch die Antipathie der Behörden, und Annie Besant, Blavatzkys Nachfolgerin, sollte den Ersten Weltkrieg im Gefängnis verbringen. Auch Nikolai Roerich, der nächste Auserwählte der Mahatmas, sollte dieses Misstrauen noch zu spüren bekommen.
Nach Errichtung zahlreicher Zweigstellen in Indien und der Erwerbung eines großen Areals in Adjar, einem Vorort von Madras, wo das Hauptquartier der Gesellschaft eingerichtet wurde, kehrte Madame Blavatzky nach Europa zurück, um für die Theosophische Gesellschaft werben. Dabei geriet sie ins Visier der Gesellschaft für psychische Forschungen in London.
Abgesehen von Blavatzkys angeblichen psychischen Fähigkeiten waren die Mahatmas und die große weiße Bruderschaft das größte Problem der Glaubwürdigkeit der theosophischen Bewegung. Hätten die Mahatmas weiter ruhig im Himalaya gelebt und nur über ihre »Chela« Blavatzky mit der Welt Verbindung gehalten, hätte ihre Existenz wie bisher nur auf den Behauptungen der Madame beruht und wäre unüberprüfbar geblieben. Doch mit dem stürmischen Wachstum der Gesellschaft in Indien gingen die Mahatmas dazu über, mit führenden Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft direkt zu kommunizieren. Briefe fielen von der Decke oder wurden geheimnisvoll auf anderen Wegen zugestellt. Als dann große, schweigsame, asketische Hindus, ganz in Weiß und mit einem Turban bedeckt, einzelnen Personen erschienen, vermutete die Gesellschaft für psychische Forschungen eine Täuschung.
Im Mai 1878 kam es zu einem ersten großen Skandal, als sich Emma Goulomb, eine alte Freundin und Verbündete von Blavatzky, gegen sie wandte. Mrs. Goulomb verkündete öffentlich, Madame Blavatzky sei eine Fälscherin und in dem okkulten Zimmer gebe es »eine Falltür, um Briefe von der Decke regnen zu lassen«.106
Darauf schickte die Gesellschaft für psychische Studien eines ihrer Mitglieder, Richard Hodgson, nach Adjar, um die Sache an Ort und Stelle zu untersuchen. Dort angekommen, entdeckte er, dass man die Beweise im okkulten Zimmer zerstört und die Wände neu verputzt hatte. Damit nicht genug, fand er in den nächsten drei Monaten auch noch heraus, dass die Briefe der Mahatmas ausschließlich auf Englisch und noch dazu in Blavatzkys Handschrift verfasst waren. Von Kleinigkeiten wie dem »tibetischen« Briefpapier gar nicht zu reden, das man in Darjeeling käuflich erwerben konnte und das zum Schreiben der Briefe erst nach dem Besuch der Blavatzky eben dort in Gebrauch gekommen war. Schließlich gaben indische Mitglieder der Gesellschaft zu, in die Verschwörung eingeweiht zu sein.
Die Gesellschaft für psychische Studien zog folgenden Schluss: »Was uns betrifft, so betrachten wir sie weder als die Sprecherin verborgener Weiser noch als bloße und vulgäre Abenteurerin. Wir glauben, dass Sie es verdient hat, auf ewig als eine der erfolgreichsten, erfindungsreichsten und interessantesten Hochstaplerinnen der Geschichte bezeichnet zu werden.«107
Der Skandal war gewaltig. Oberst Olcott, der Mitbegründer der Theosophischen Gesellschaft, verbannte sie aus Adjar, und Blavatzky kehrte nach Europa zurück. Erstaunlicherweise war das keineswegs das Ende der Theosophie und schon gar nicht der Blavatzky. Ganz im Gegenteil. Ihre Wohnung in der Lansdowne Road 17 wurde zur Pilgerstätte, und »Schriftsteller, Maler, Wissenschaftler, Aristokraten und Okkultisten jeglicher Art kamen, um die große Russin mit den enormen und eindringlichen Augen, den langen Fingern und eleganten Händen und der scharfen Zunge zu besuchen«.108 1888 veröffentlichte sie in London ihr zweites, großes Werk Die Geheimlehre, und als sie in London 1891 starb, wurde sie von Tausenden betrauert. Ihr Todestag, der 8. Mai 1891, wird bis heute von Theosophen in aller Welt als »Tag des Weißen Lotus« begangen.
Auch Master Morya und Kut Humi, die beiden Mahatmas und persönlichen Lehrer Blavatzkys, waren alles andere als diskreditiert. Nach dem Tod der Blavatzky fing ihr Siegeszug erst richtig an. Sie tauchten bei Séancen auf, gaben Malern wie dem Deutschen Hermann Schmiechen via »psychischer Eingebung« ihre Porträts ein und fuhren fort, Theosophen aller Nationen mittels »automatischen Schreibens« zu instruieren. Schließlich sollten sie niemand anders als Nikolai Roerich als ihren Lieblingsschüler und Messias auswählen. Allerdings das erst später, obgleich der Maler schon in seiner Petersburger Zeit mit den Schriften der Blavatzky vertraut war.
Kapitel 12
Träume von Indien und Tibet
Es war der Nervenarzt Dr. Rjabinin, der Verfasser des Tagebuchs der Tibetexpedition, der die Roerichs auf die Blavatzky aufmerksam machte. Dr. Rjabinin hatte in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg den Höhepunkt seiner Karriere erreicht. Er behandelte Patienten aus besten Kreisen, wie Fürst Felix Jussupow, einen der reichsten Männer des Landes, und sogar den japanischen Thronfolger, als dieser vor dem Ersten Weltkrieg die russische Hauptstadt besuchte. Nebenbei fand er noch Zeit für das im Vorwort des Tagebuchs vielsagend beschriebene Interesse an »Experimenten im Bereich des Geistes«, das er mit den Roerichs geteilt habe.
Esther Lichtmann, eine der Jüngerinnen Helenas, wird 1930 aufschreiben, »wie Dr. Rjabinin ihr [Helena Roerich] eines Tages von der Blavatzky erzählte […] und sie zur Theosophischen Gesellschaft ging, die sich in genau demselben Gebäude befand, in dem einmal EI [Elena Iwanowna, d.h. Helena Roerich] gelebt hatte, als sie ein kleines Mädchen war. Dort traf sie eine alte dicke Frau mit Strickzeug in den Händen. Als EI sie um Bücher bat, sagte diese ihr, dies sei nicht so einfach und sie müsse erst Mitglied der Theosophischen Gesellschaft werden. EI war bereit, aber man erwiderte ihr, dass auch dies nicht so einfach ginge und Madame Kamenskaja [die Vorsitzende der russischen Sektion] alle, die Mitglied werden wollten, erst einer Prüfung unterziehe und dass es möglich sei, dass EI diese nicht bestehe. Natürlich hatte EI keine Lust auf solch einen Unsinn und begann in Buchläden zu suchen.«109
Die Urgroßnichte Kutusows war niemand, der sich von einer Madame Kamenskaja Vorschriften machen ließ, und schon gar nicht wollte sie Mitglied in einer Organisation werden, bei der andere die Regeln aufstellten. Viel eher schon wollte sie selbst eine solche gründen. Aber das lag gut zehn Jahre entfernt.
In den Jahren vor der Revolution waren ihre Kinder noch klein. Auch beriet sie ihren Mann bei seiner Karriere. Laut ihren eigenen Aussagen, die zu verschiedenen Zeiten von ihren beiden Lieblingsjüngerinnen, Esther und Sinaida Lichtmann, protokolliert wurden, hatte sie bereits früh entscheidenden Einfluss genommen und den Aufstieg ihres Mannes in der Kaiserlichen Gesellschaft geleitet, indem sie »seinen Geist entflammte und seine Gedanken lenkte. Klug war er schon immer gewesen, aber er konnte sich nicht entscheiden, und manchmal zeigte er menschliche Schwächen, die sie bezwingen musste.«110
Und nicht nur in Sachen Karriere hörte ihr Mann auf sie. Manchmal seien ihr morgens Visionen gekommen und »sie erblickte eine Hand, die ihr Nummern zeigte, und wenn er [Nikolai Roerich] dann bestimmte Wertpapiere mit diesen Nummern kaufte, dann machten sie immer einen Gewinn«.111
Helena, die das Leben einer Dame aus gutem Haus führte, mit Gouvernanten für die Kinder und Dienstboten für den Haushalt und reichlich Freizeit, erzählte auch, es sei sie gewesen, die sich als Erste mit Indien beschäftigt habe und die Nikolai Roerich »von alten Formen auf einen neuen Weg brachte und in ihm das Bedürfnis weckte, Bücher mit geistigen und religiös-philosophischen Themen zu lesen«.112
Sich mit der Theosophie zu beschäftigen und ihren Mann dementsprechend zu beeinflussen war da nur der nächste logische Schritt.
Tatsächlich sind im Werk Nikolai Roerichs ab 1908 deutlich theosophische Elemente spürbar. Einige seiner Gedichte erinnern in Ton wie Inhalt stark an Verse der Blavatzky, und es fehlt auch nicht die für einen überzeugten Theosophen typische Mischung von Religionen und religiösen Zeichen. Für seine treue Anhängerin Tennischewa malte er eine Kirche auf ihrem Landsitz Talaschkino aus und stellte die Gottesmutter in einem Stil dar, der Fürst Schtscherbatow »in Entsetzen versetzte, worauf die Tennischewa schwer beleidigt war. In einer russischen Kirche im Gouvernement Smolensk war eine Gottesgebärerin tibetischen Stils abgebildet.«113 Schtscherbatow war ziemlich nahe an der Wahrheit. Vorbild für die Gottesmutter war die indische Göttin Kali, wie Helena Roerich später in einem Brief bekennen sollte.
Merklich war der Einfluss der Theosophie auch in den Schriften Roerichs zur Ur- und Vorgeschichte. Hatte er bereits in seiner frühen Phase als Ausgräber eine Tendenz gezeigt, in den Überresten der Vergangenheit vorzugsweise das zu sehen, was der Verehrer der Urslawen sehen wollte, so warf er nach und nach alle Vorsicht zur Seite. Getreu der theosophischen Vorstellung von den Mahatmas als verborgene Antreiber der Entwicklung von Religion und Kultur, postulierte er in dem 1909 erschienenen Artikel »Freude an der Kunst« zum ersten Mal eine Urkultur mit gemeinsamem Ursprung, die bereits in der Steinzeit bestanden habe. Diese war nur der Auftakt zu zahllosen späteren Artikeln, in denen er die erstaunlichsten Behauptungen aufstellte. 1912 schrieb er einen Artikel, der von der Realität von Atlantis ausging, dem Ursprungsort der Mahatmas, und der Zufall, dass einer der historischen Namen Tibets Gota ist, verführte ihn, wie auch die Pseudowissenschaftler der Nationalsozialisten, zu der Spekulation, der Himalaya sei das Ursprungsland der Goten.114
Sehnsuchtsland der Theosophen in aller Welt war Tibet, wo Madame Blavatzky angeblich ihre Einweihung in die okkulten Wissenschaften erfahren hatte und wo die Mahatmas, verborgen und ungestört von der Welt, an der Evolution der Menschheit zur sechsten Wurzelrasse arbeiteten.
1909 beschlossen die führenden Theosophen St. Petersburgs, an der Newa einen tibetischen Tempel zu errichten. An vorderster Stelle dabei war Nikolai Roerich. Vergeblich gifteten die orthodoxe Kirche und ihr verbundene Kreise gegen die Errichtung von »Götzenbildern« und die »Rückkehr des Heidentums nach Russland«.115
Der 1913 fertiggestellte gewaltige Bau, er steht noch heute an einem Arm der Newa, unterscheidet sich nur in einem, aber wesentlichen Detail von seinen tibetischen Vorbildern im Himalaya: In zwanzig Metern Höhe, direkt unter dem Dach, befinden sich schmale bunte Glasfenster, die das spärliche Tageslicht filtern, das in den großen, düsteren Altarraum fällt. Sie waren Nikolai Roerichs Beitrag zu dem Bau und stellen traditionelle, buddhistische Symbole, »die acht glücksbringenden Zeichen«, dar.116
Der Bau des buddhistischen Tempels in der Hauptstadt, noch dazu unter führender Beteiligung des »wirklichen Staatsrates« Roerich, war nicht nur ein Zeichen für den schwindenden Einfluss der Orthodoxie. Hier spielten noch ganz andere, geopolitische Motive eine Rolle, die in dem Vorsitzenden des Baukomitees, dem Lama Agwan Dordschiew, verkörpert waren.
Dieser Mann war ein Wanderer zwischen den Welten, wie er damals nur im Zarenreich denkbar war, dem einzigen Staat der Welt, in dessen Grenzen sich tibetischer Buddhismus und europäische Kultur direkt begegneten.
Dordschiew stammte von Burjaten ab, einer mongolischen Völkerschaft am Baikalsee, die sich zum tibetischen Buddhismus bekannte und im Dalai Lama ihre höchste geistige Autorität erblickte. Diesem kleinen Volk, auch heute zählen die Burjaten kaum mehr als eine halbe Million, kam bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts eine unverhältnismäßig große Bedeutung zu. Erst durch die Zaren, die sich der Burjaten bedienten, um das bis dahin noch völlig unbekannte Zentralasien zu erforschen und zu durchdringen, und dann die Sowjets, die einzelne Burjaten für ganz ähnliche Ziele einsetzten.
Was die Burjaten so besonders machte, war, dass sie als einzige Völkerschaft mit der durch Russland vermittelten europäischen Kultur und Technik vertraut und gleichzeitig Teil der viel größeren Ökumene des tibetischen Buddhismus waren, die ganz Tibet und sowohl Innere wie auch Äußere Mongolei umfasste. Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts war dies eine noch zutiefst mittelalterliche Welt, die nominell unter der bröckelnden Autorität des chinesischen Kaisers stand, aber bereits dunkel die Bedrohung durch die Machtmittel der Industriemächte wie auch den kommenden Druck Chinas spürte, das 1911 seine erste Revolution erlebte. Es war ein riesiges Gebiet, so groß wie drei Viertel des europäischen Kontinents, und damals noch so wenig erforscht, dass es für weite Teile nicht einmal Karten gab.
Der 1855 geborene Agwan Dordschiew hatte als Jugendlicher erst ein Gymnasium und dann eine russische Universität absolviert. Danach reiste er nach Lhasa, wo er in einem der großen Klöster in die Feinheiten der Lehre Buddhas eingeweiht wurde und nach jahrelangem Studium den Titel eines »Lcharamba«, eines tibetischen Gelehrten, erhielt. Im abgeschiedenen und unzugänglichen Lhasa, wo man nur nebelhafte Vorstellungen von der Außenwelt hatte, wurde der Burjate mit seiner Kenntnis Europas eine einflussreiche Persönlichkeit und wichtigster Berater des dreizehnten Dalai Lama in außenpolitischen Fragen.
Als Agwan Dordschiew nach Tibet kam, stand das Land noch unter der nominellen Oberhoheit des chinesischen Kaisers, der mit dem Dalai Lama, dem »Papst« der tibetischen Buddhisten und weltlichen Herrscher, ein Interesse gemeinsam hatte: das Land gegen äußere Einflüsse hermetisch abzuschirmen. Vor allem natürlich gegen die Briten im benachbarten Indien, die ab Mitte des 19. Jahrhunderts große Anstrengungen unternahmen, Tibet zumindest kartografisch zu durchdringen. Zu diesem Zweck schickte man »Pundits« genannte Mitglieder indischer, aber mit den Tibetern verwandter Völkerschaften los, die sich als Pilger ausgaben, aber Gebetsketten mit hundert statt hundertacht Perlen hatten und im Knauf ihrer Wanderstöcke Kompasse versteckten. Mit Hilfe ihrer Rosenkränze zählten die »Pundits« ihre Schritte ab, und am Knauf ihrer Stöcke kontrollierten sie die Himmelsrichtung. Auf diese Weise kamen zumindest von den bewohnten Gegenden erstaunlich genaue Karten zusammen. Aber große Teile des Landes blieben noch unerforscht.
Anfang des 20. Jahrhunderts schließlich wurde in London beschlossen, die nicht mehr »zeitgemäße« Isolierung des Landes gewaltsam zu durchbrechen. Der mit Maschinengewehren ausgerüsteten Younghusband-Expedition stellten sich 1903 tibetische Krieger mit Steinschlossgewehren, Lanzen, Schwertern und angeblich unverwundbar machenden Amuletten entgegen. Es gab ein entsetzliches Gemetzel, und nachdem ein letztes Aufgebot von »Kriegsmönchen« niedergemacht war, wurde Lhasa eingenommen. Der Dalai Lama war da bereits auf dem Weg nach Urga, dem heutigen Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei, die, obwohl gleichfalls noch unter Oberhoheit des chinesischen Kaisers, bereits stark den russischen Einfluss spürte. Dort ließ sich das begeistert begrüßte Oberhaupt auch der mongolischen Buddhisten vorläufig nieder.
Nachdem mit den Briten ein Vertrag geschlossen worden war, der begrenzten Handel sowie eine Vertretung des Empire in Tibet erlaubte, kehrte der Dalai Lama nach Tibet zurück. Von nun an wachte nicht Peking, sondern London eifersüchtig darüber, dass keine Außenstehenden mehr in jenes Land kamen, das, wie die Younghusband-Expedition gezeigt hatte, ein paar tausend Männern mit Maschinengewehren hilflos ausgeliefert war. Und damit war der Zweck der Expedition auch schon erfüllt. Denn an sich hatte man in England keinerlei Interesse an dieser riesigen, kalten Halbwüste mit kaum zwei Millionen Einwohnern außer dem einen, nämlich keiner anderen Macht die Herrschaft über das nördliche Grenzgebiet Indiens zu überlassen. Mit dieser Macht war Russland gemeint, mit dem Großbritannien in einer mit Geheimagenten geführten Auseinandersetzung um die Vorherrschaft in Zentralasien stand, die der britische Schriftsteller Rudyard Kipling unter der Bezeichnung »das Große Spiel« (The Great Game) verewigt hat.
Dieses einzige wesentliche Interesse Londons, die fortgesetzte Isolierung Tibets nämlich, fand seinen Ausdruck schließlich auch darin, dass London 1906, gegen den Willen der Tibeter, die fortbestehende Oberherrschaft Pekings bestätigte. So war man die lästige Pflicht los, die tibetische Außenpolitik zu kontrollieren.
Doch in Tibet hatte man auch seine Schlüsse aus der eigenen Hilflosigkeit gezogen. Und die bestanden darin, selbst den Kontakt zur Außenwelt zu suchen. Zu diesem Zweck schickte man Agwan Dordschiew nach St. Petersburg, wo er 1905 eintraf.
Selbstverständlich rissen sich Okkultisten aller Couleur und die Theosophen um den Berater des Dalai Lama aus dem geheimnisvollen und kaum erforschten Tibet, das sich hervorragend für Projektionen aller Art eignete. So auch Nikolai Roerich. Von dem Burjaten hörte der Künstler nach der Blavatzky ein weiteres Mal von Schambala, dem Paradies der tibetischen Buddhisten, das jedoch, im Gegensatz zum gelobten Land der Bibel, ein ganz irdisches Gegenstück haben sollte, das irgendwo tief versteckt in Himalaya lag. Auch überreichte Dordschiew Roerich nach Fertigstellung des Tempels ein Geschenk117 des Dalai Lama, womit er dessen Fantasie noch einmal anheizte.
Selbstverständlich erschöpfte sich Dordschiews Petersburger Mission keineswegs in der Beglückung von Okkultisten und Theosophen. Im November 1907 veröffentlichte er einen Artikel in der Zeitschrift der russischen Geografischen Gesellschaft mit dem Titel »Über die Annäherung Russlands an Tibet und die Mongolei«, in dem er eine Zusammenarbeit der drei Völker auf kulturell-ökonomischer Grundlage und die Gründung einer »buddhistischen Großföderation« propagierte.
Es war der Versuch des Burjaten, mit Hilfe Russlands die kulturell engverwandten Mongolen und Tibeter vor der machtpolitischen Expansion Großbritanniens auf der einen und der demografischen Expansion Chinas auf der anderen Seite zu bewahren. Dies waren Überlegungen, die er schon länger hegte und die ihn bei den Briten zum unbeliebtesten Mann in Tibet gemacht hatten sowie ihm den Verdacht eintrugen, er sei ein russischer Agent. Der japanische Mönch Kawaguchi, der sich Anfang des Jahrhunderts verkleidet in der tibetischen Hauptstadt aufhielt, berichtet, Dordschiew, der Vormund des damals noch minderjährigen Dalai Lama, habe ihm gegenüber die Prophezeiung erwähnt, aus Russland werde ein mächtiger Fürst kommen und Tschan Schambala, das nördliche Schambala, eine gewaltige buddhistische Macht, gründen.118 Eine offene Provokation für die Briten im benachbarten Indien und einer der Gründe für die Invasion 1904.
Diese als »Prophezeiung« verkleideten Überlegungen Dordschiews, denn natürlich musste im zutiefst gläubigen Tibet derart Umwälzendes religiös »ummäntelt« werden, trafen auf offene Ohren bei den Imperialisten in Petersburg, die ähnliche Gedanken hegten. Allerdings weniger, um Tibeter und Mongolen vor Fremdherrschaft zu bewahren, als vielmehr um »neuen Lebensraum für Russland« zu erobern, wie es ein »Sprachrohr des Generalstabes« ausdrückte.119 Das alles traf mit der Stimmung jenes Teils der Intelligenzija zusammen, der das »Asiatische« an Russland betonte.
In der schwankenden Gemütslage des silbernen Zeitalters wurden sogar Stimmen wie die des Philosophen Wladimir Solowjew ernst genommen, der Anfang des 20. Jahrhunderts von der Wiederauferstehung der mongolischen Großmacht überzeugt war. Er schöpfte dies aus dem Tibetbuch der beiden französischen Missionare Huc und Gabet, die dort Mitte des 19. Jahrhunderts der buddhistischen Bruderschaft der Kelane begegnet waren, die sich zum Ziel gesetzt hatte, »Tibet, China, die Mongolei und Russland [zu] erobern«, um das Kommen des Buddha Maitreya einzuleiten.120
Doch das alles waren nur Träume, die den harschen machtpolitischen Realitäten nicht standhalten sollten. Die Idee eines von Russland abhängigen zentralasiatischen Großstaats, der alle Anhänger des Dalai Lama, die Tibeter und Mongolen, vereinen sollte, traf auf den heftigen Widerstand Großbritanniens, das dem innerlich zerrissenen Zarenreich bald seine Grenzen aufzeigte. Alles was davon blieb, war die russische Unterstützung für eine Autonomie der Äußeren Mongolei innerhalb Chinas, die 1945 schließlich zur internationalen Anerkennung des neuen Staates führte. Aber der Traum war in die Welt gesetzt. In der kommenden Zeit der Wirren, in der alles möglich schien, wird es mehrere Versuche geben, das Kommen des Buddha Matreya zu beschleunigen.
Einen davon sollte Nikolai Roerich unternehmen. Aber davon konnte noch nicht im mindesten die Rede sein, als Roerich mit Agwan Dordschiew am Bau des Tempels an der Newa zusammenarbeitete. Vorläufig hatte er einen ganz anderen Traum. Er hatte vor, in das geheimnisvolle Indien zu reisen, in das Heimatland Tagores, Ramakrishnas und Vivekanandas. 1913 erörterte er die geplante Reise mit dem in Paris lebenden russischen Orientalisten Golubew, der ihm von den Denkmälern des indischen Altertums und den verlassenen Höhlenstädten Adschanti und Ellori erzählte.121 Und nicht nur nach Indien zog es den Künstler. Dr. Rjabinin schreibt in dem Vorwort zu seinem Tagebuch, er und die Roerich hätten auch über die Lehrer des Ostens gesprochen, deren Lehre die tiefe Kenntnis des Geistes widerspiegele, die sich in geheimen Zentren der Eingeweihten, vor allem in dem der Bruderschaft des Himalaya, angesammelt habe. »Das letztere Zentrum war für uns immer Quelle unübertrefflichen Wissens und der Wahrheit. Den Weg dorthin wollten wir über Indien nehmen.«122 Nikolai Roerich wollte also zu den Mahatmas der Blavatzky nach Tibet aufbrechen, deren Aufenthaltsort er auch zu kennen glaubte: Es war das mystische Schambala der tibetischen Buddhisten.
Kapitel 13
Krieg und Revolution
Der Erste Weltkrieg durchkreuzte die Reisepläne. Die Kriegsjahre verbrachte Nikolai Roerich weiter als Leiter der Kaiserlichen Gesellschaft.
Indirekt bekam er die antideutsche Stimmung in der nun zu Petrograd umbenannten Hauptstadt zu spüren, als der Mob bei Kriegsbeginn nicht nur deutsche Geschäfte verwüstete, sondern auch Brand an die Druckerei Knebel legte, in der sich nur kurze Zeit zuvor Bilder Roerichs befunden hatten, die für einen Bildband benötigt wurden. Proteste gegen die Ausschreitungen sind von Nikolai Roerich nicht bekannt. Dafür startete Roerich anlässlich der Bombardierung der Kathedrale von Reims durch die Reichswehr eine laute Kampagne gegen diese Barbarei, bei der er nicht mit kräftigen Worten sparte und Deutschland für alle Zeiten den Rang einer Kulturnation absprach. Er richtete seine Schreiben auch an die Diplomaten neutraler Staaten in Petrograd, was die Presse in Frankreich und England dankbar aufnahm. Hier war er ein Kind seiner Zeit. Auch deutsche Geistesgrößen wie Gerhart Hauptmann oder Thomas Mann ließen es nicht an chauvinistischen Äußerungen fehlen.
Doch Nikolai Roerich ging noch einen Schritt weiter: Der prominente Künstler forderte eine internationale Konvention zum Schutz von Kulturgütern im Kriegsfall. Sicher war sie ernst gemeint, litt aber unter dem Mangel, implizit nur die gegnerische Seite solcher Taten für fähig zu halten. Nebenbei darf man vermuten, dass der »Prophet der Schönheit und Kultur« an dem guten Licht nicht uninteressiert war, das solche löblichen Absichten auf ihn warfen.
Von kleineren Reisen in die Umgebung der Hauptstadt abgesehen, blieb Nikolai Roerich während der ganzen Kriegszeit in Petrograd. Bis zur Nacht vom 16. zum 17. Dezember 1916, als er die Stadt verließ und mit seiner Familie nach Finnland reiste. Eine aus mehrerlei Gründen seltsame Reise. Zum einen ist der angebliche Grund, den er in seinen Erinnerungen anführt, er habe die Feiertage auf dem Land verbringen wollen, nicht überzeugend. Zumindest nicht, wenn man bedenkt, dass bis zum Weihnachtsfest noch eine Woche Zeit war und der vielbeschäftigte Künstler einen Posten hatte, den er nach eigener Auffassung gerade in der Kriegszeit für sehr wichtig hielt. Immerhin ging es darum, mittels der Kunst die Moral des Heeres zu heben. Und dann war es eine eiskalte Nacht, die Temperatur lag bei minus vierzig Grad und im Waggon war die Heizung ausgefallen. »Natürlich waren die Großmütterchen und Tantchen strikt gegen die Reise, aber wir kamen bestens an«, wie sich Roerich später erinnert. »Das Hotel in Serdobol war völlig leer.«123
Was Nikolai Roerich in seinen Erinnerungen nicht erwähnt, ist, dass in eben dieser Nacht der Favorit der Zarin, der Wunderheiler Grigori Rasputin, ermordet wurde. Und das war wohl mehr als ein Zufall. Nicht in dem Sinne, dass Nikolai Roerich Teil der Verschwörung war. Dazu wäre er viel zu vorsichtig gewesen, und die Bluttat hätte auch nicht seinem Charakter entsprochen. Auch wenn er sie aller Wahrscheinlichkeit nach, wie fast die gesamte Öffentlichkeit, gebilligt hat. Aber es ist sehr gut möglich, dass er von dem geplanten Attentat Kenntnis hatte. Denn der Mörder war niemand anders als der schwerreiche Fürst Felix Jussupow, einer der Patienten Dr. Rjabinins. Und dass Jussupow aus seinen Absichten großen Hehl machte, kann man wirklich nicht behaupten. Selbst der »unrussische« Benois, alles andere als ein Freund ultranationalistischer Ansichten, wie sie die Verschwörer vertraten, notierte einige Wochen vor dem Attentat in sein Tagebuch, Jussupow habe ihn besucht und die ganze Zeit nur über seinen Hass gegen Rasputin gesprochen. Weite Kreise waren in die Pläne eingeweiht. Kreise, mit denen der gut vernetzte Nikolai Roerich wahrscheinlich auch Verbindung hatte. Verließ also Nikolai Roerich in eben dieser Nacht Petrograd, um nicht fälschlich unter Verdacht zu geraten? Spürte er, dass diese Tat zum Auftakt für Revolution und Bürgerkrieg werden sollte? Jedenfalls waren die Folgen unabsehbar und Nikolai Roerich war, wie sich zeigen sollte, niemand, der sich in dem bald entstehenden Chaos gut zurechtfand.
Doch vorerst blieb alles ruhig, und Anfang Januar 1917 war Nikolai Roerich wieder in Petrograd. Der Zar hatte so sehr an Einfluss verloren, dass die Mörder, die schnell gefunden waren, nicht einmal in Haft kamen. Felix Jussupow selbst wurde nur unter Hausarrest gestellt.
Bis Mai 1917 blieb Roerich in Petersburg.124 Er erlebte die Hungerunruhen, Schießereien und den Vandalismus, die der Februarrevolution vorausgingen. Nach der Revolution bildete Maxim Gorki ein Komitee zur Bewahrung der russischen Kulturgüter, das weiteren Zerstörungen vorbeugen sollte. Die prominentesten Kulturschaffenden der Hauptstadt, so auch Nikolai Roerich, wurden zur Mitwirkung eingeladen. Der gleichfalls anwesende Alexandre Benois notierte die chaotischen Sitzungen in seinem Tagebuch. Am 4. März schrieb er: »Bei Gorki versammelten sich mehr als 50 Personen. Zum Vorsitzenden wurde Roerich bestimmt, ich hatte mich geweigert. Bei der Sitzung kam, wie ich vorausgesehen hatte, nur totaler Wirrwarr heraus – wunderbares Material für eine Satire. […] Gorki brummte mit seiner Bassstimme gutmütig, die Künstler sollten die Bewachung der Museen selbst unternehmen. Dröhnend unterbrach ihn der Hooligan Majakowski in seiner Soldateninform. […] Überhaupt nicht am richtigen Ort erwies sich Roerich, der in grobem Ton und hastig die Namen der Personen vorlas, die zur provisorischen Regierung abgestellt werden sollten. Als Minister für Kultur schlug ich Diaghilew vor, dann Grabar und als Dritten Roerich. Der Letztere wäre vor Stolz fast geplatzt und machte nicht einmal eine abwehrende Geste. Welch bescheidener Ehrgeiz.«125 Tatsächlich sollte Nikolai Roerich die Tatsache, dass man ihn einmal zum Kulturminister vorgeschlagen hat, noch öfters mit Stolz erwähnen. Aber der Würdenträger des Zaren und Leiter der Schule der »Kaiserlichen Gesellschaft«, der Okkultist und »Sucher nach heiligen Zeichen«, zeigte sich der neuen, chaotischen Lage nicht gewachsen. Mit der Zerstörung der alten Rangordnung kam er nicht zurecht. Das zumindest legt das Tagebuch von Benois nahe, der in Gorkis Komitee die Zügel übernommen hatte. Am 21. März lesen wir: »Als völlig fehl am Platz hat sich Roerich erwiesen, der den Anschein macht, als wäre er von mir eingeschüchtert. Vermutlich daher stimmt er allem, was ich vorschlage, sofort zu. Ein wenig Leben kommt in ihn nur dann, wenn es um irgendwelche unbedeutenden Einzelheiten geht.«126
Im April erkrankte Nikolai Roerich an einer schweren Lungenentzündung. Anfang Mai reiste er mit seiner Familie wieder nach Finnland, der Auftakt zu einem lebenslangen Exil. Nur noch besuchsweise sollte er nach Russland zurückkehren. In Finnland verschlimmerte sich seine Krankheit so sehr, dass er ein Testament verfasste, in dem er alles seiner Frau vermachte. Auch zog er angesichts des Todes eine Bilanz seines bisherigen Lebens. Zählte seine Freunde auf, darunter Remisow, Gorki, Benois und die Tennischewa, und seine Feinde, zu denen er bemerkenswerterweise nur zwei Personen, mit Namen Tolstoi und Botkin, zählt. Beide hatten ihm das Leben bei seinem Aufstieg in der Kaiserlichen Gesellschaft schwergemacht. »Man kann mein Leben unmöglich als arm bezeichnen. Es war ein besonderes Leben, und nur wenige hatten Einblick in es. Ich war nie ein Wolf im Rudel. Ich bin als einsamer Bär unterwegs. In einem ersten Buch vergleiche ich den Menschen der Steinzeit mit einem Bären. Dieser Bär gleicht mir. Lieber ein Bär sein, bloß kein Wolf. Versteht Ihr?«127
In dieser Bilanz erweist sich einmal mehr, wie gut es Roerich zeitlebens verstand, seine Geheimnisse zu wahren. Da wäre zum Beispiel folgende Begebenheit, über die sonst nichts weiter bekannt ist: »Verleumdungen und Lügen verfolgten mich, aber die Wahrheit siegte. Man hat mich beschuldigt, einen Menschen getötet zu haben, aber auch diese Verleumdung habe ich überstanden.«128
In Finnland malte Roerich die düsteren Steinlandschaften Kareliens, es herrschen bleierne, schwere Töne vor. Auch in seinen Gedichten herrschte ein dunkler Ton. Vergeblich suchte er nach »heiligen Zeichen«:
Vergeblich
Nicht sichtbar sind die heiligen Zeichen
Lass Deine Augen ruhen
Ich weiß, sie sind ermüdet. Schließe sie
Ich werde für Dich nachsehen. Ich sage
Dir, was ich erblicke. Höre zu!
Um uns ist dieselbe Ebene
Graue Büsche rascheln.
Stählern schimmert der See.
Verschlossen schweigen die Steine
kalt schimmern sie in den Wiesen.
Kalte Regenwolken, die sich zu Krähenfüßen
runzeln. Auf ewig sind sie weggegangen.
Sie wissen, schweigen und bewahren.
Vögel sehe ich nicht. Keine Tiere eilen durch
die Ebene. Wie zuvor ist niemand da.
Niemand kommt. Keinerlei Zeichen.
Kein einziger Wanderer.
Ich verstehe, sehe und weiß nicht.
Angestrengt hast Du Dein Auge völlig
vergeblich.129
Ganz zog Nikolai Roerich sich nicht von der Welt zurück. Er führte einen ausgedehnten Briefwechsel mit den Mitarbeitern der »Kaiserlichen Gesellschaft«, die jetzt nicht nur umbenannt, sondern auch völlig umorganisiert werden musste. Aber das geschah alles aus der Ferne, und die Briefe machen einen halbherzigen Eindruck. Zwar entwarf er detaillierte Pläne, aber betonte immer, erst müsse er gesund werden. Benois gegenüber bekannte er in einem Brief im Dezember, er wisse selbst nicht, welche Krankheit er habe. Sei dies Tuberkulose oder irgendetwas mit den Nerven. Weiter berichtete er, er schreibe an einem Mysterienspiel, und ganz zum Schluss riet er Benois eindringlich, doch die Prophezeiungen von Ramakrishna zu lesen. Dies sei eine sehr ernsthafte und sehr humane Lehre.130
In Russland spitzten sich die Dinge 1917 zu. Auf der einen Seite standen die Radikalen, die Bolschewiken, die den Krieg gegen Deutschland beenden und das Land der Grundbesitzer verteilen wollten, auf der anderen Seite die Anhänger der alten, patriarchalischen Ordnung und die Vertreter der besitzenden Klassen. In der Mitte fanden sich die Liberalen, die Sozialdemokraten und sonstige Anhänger gemäßigter Reformen. Vorläufig herrschte noch Frieden zwischen den Fraktionen, doch der Bürgerkrieg kündigte sich bereits an. Im September führte die provisorische Regierung den ersten Schlag. Man verbot zwei Zeitungen der Bolschewiken und inhaftierte, soweit fassbar, ihre Führer.
In dieser Situation ergriff Nikolai Roerich Partei. Am 15. Oktober beendete er – aber veröffentlichte erst zwei Jahre später – einen Artikel mit wütenden Angriffen gegen die Bolschewiki. Er bezeichnete sie als »wilde Horden« mit »offenem Hang zu Raub und Gewalt«, als »Versammlung verwilderter Arbeiter, die das menschliche Antlitz verloren haben und beim ersten Schuss auseinanderlaufen«. Man sollte »diese verwilderten Haufen vernichten«.131
Bekanntlich vollzogen die »verwilderten Haufen« wenige Tage später, am 25. Oktober, einen erfolgreichen Staatsstreich, die welthistorische Oktoberrevolution.
Anfang Januar 1918 traute sich Nikolai Roerich zusammen mit seiner Frau ein letztes Mal nach Petrograd und besuchte Benois, der die zwei Begegnungen ausführlich, und wie immer ironisch, in seinem Tagebuch notierte. Beim ersten Mal beschwerten sich die beiden über das Leben in Finnland, was Benois allerdings nicht sehr beeindruckte. Sein Kommentar: »Diese Klagen hatten hauptsächlich zum Ziel, dass – gebe Gott – nicht andere Russen Finnland überschwemmen.«
Beim zweiten Mal ging es einen Abend lang in erster Linie um die Schule der ehemaligen Kaiserlichen Gesellschaft. Ein energischer Bolschewik hatte die Sache an sich gerissen und dominierte den noch von Roerich eingesetzten Verantwortlichen, Helenas Cousin Stepan Mitusow, nach Belieben. Doch dann, gegen Ende des Gesprächs, stellte sich heraus, die Schule war gar nicht der Hauptgrund für Roerichs Reise nach Petrograd gewesen!
»Beiläufig wurde klar, dass Roerich wegen seines Safes hier ist, Helena Iwanowna aber, die sonst so Umsichtige, in Finnland den Schlüssel für den feuerfesten Safe vergessen hat, der wiederum den Schlüssel für den Safe ihrer verstorbenen Mutter enthält. Deswegen zurückzufahren hat keinen Sinn, denn es ist eine Revision der Schließschränke zu erwarten. Der arme Roerich! Erst hat er sich vor der Revolution in Sicherheit gebracht und jetzt ist er mittendrin gelandet und steckt hier fest. Das ist selbst für einen solchen Schlaukopf und Weisen keine einfache Lage!«132
Lange blieben die Roerichs nicht in Petrograd, aber die verpasste Gelegenheit, wenigstens einen Teil dessen mitzunehmen, was während all der Jahre angesammelt worden war, sollte seine Helena später, im Exil, noch öfter beklagen. Zurück blieb auch die wertvolle Gemäldesammlung mit Cranach und Rembrandt, die danach in der Eremitage aufging.
Kapitel 14
Der Weg ins Exil
Nikolai Roerich in Finnland, das war ein Mann zwischen den Zeiten. Der bekannte »Prophet der Schönheit«, der Würdenträger des Zaren, auf dessen jedes einzelne Wort geachtet wurde, spielte auf einmal keine gesellschaftliche Rolle mehr und eine neue war noch nicht in Sicht.
Er lebte mit seiner Familie in Serdobol, einer kleinen Stadt in Karelien, in der Nähe des Ladogasees, wo nach und nach immer mehr Russen eintrafen, die vor den Bolschewiken geflüchtet waren. Unter ihnen der liberale Politiker Gessen, der mit dem Künstler jeden Tag lange Spaziergänge machte. In seinen Erinnerungen schrieb Gessen, Roerich sei ein äußerst interessanter Gesprächspartner gewesen, man habe ihn aber von der Seite betrachten müssen, da es ihm unangenehm war, »dem Gegenüber ins Auge zu blicken. Auch kann ich mich nicht erinnern, ihn einmal lachen gesehen zu haben, es hätte auch nicht zu seinem Stil gepasst.«
Nikolai Roerich war zu Gessen ungewöhnlich offen. »Als wir uns dann näher kennenlernten, sprach er immer öfter über geheime Kräfte, die auf die Zivilisationen einwirkten, über die vielen Errungenschaften alter Kulturen, die spurlos verschwunden seien, und über die Telepathie. Wie bestellt, wurde ein solcher Vorfall auch in unserer Beziehung entdeckt.
Schließlich bekannte er sich zu seinem tiefen Glauben an die Theosophie und erklärte, er würde, hätte er keine Kinder, sofort nach Indien zur Theosophischen Gesellschaft reisen. […] Sein ungewöhnlich fruchtbringendes künstlerisches Schaffen spiegelte sein theosophisches Streben. Geheimnisvolle Rufe, unruhige Sehnsucht, unbeantwortetes Beten um ein Wunder und die kühne Behauptung eines solchen sowie aufwühlende Schwermut wehten einen von seinen Bildern an. Mit ihrem Glanz und ihrer Durchsichtigkeit waren Ölfarben für ihn nicht geeignet und auch keine scharfen Striche. Es zog ihn zum Unklaren, Verschwimmenden, und daher war er zu den mittelalterlichen Tempera zurückgekehrt, die Strenge, Härte und das Geheimnisvolle wiedergeben.
Nach der Natur zu malen, hatte er nicht nötig. Zwischen abstrakten Überlegungen und der Wirklichkeit, zwischen Legende und Realität gab es für ihn keine Grenzen.«133
Den größeren Teil des Jahres lebte Roerich zurückgezogen, widmete sich der Malerei und theosophischen Spekulationen. Keinerlei Artikel oder Aufrufe wurden publiziert. Währenddessen begann in Russland der Bürgerkrieg. Die Bolschewiken hatten den Bogen überspannt, und alle anderen politischen Kräfte stellten sich gegen sie. Die Weißen drangen vor, und eine Zeitlang sah es so aus, als sollten sie den Sieg davontragen.
Zum ersten Mal in seinem Leben wurde Nikolai Roerich, der es bis dahin immer vermieden hatte, sich klar zu positionieren, politisch tätig. Er wurde Sekretär des skandinavischen Komitees der Weißen, steuerte Deckblätter für antibolschewistische Broschüren bei und spendete sogar 15000 Finnmark an General Judenitsch, der im Sommer 1919 erst vor den Toren Petrograds zurückgeschlagen wurde.
Roerich wäre nicht Roerich gewesen, hätte er nach seinem finnischen Winterschlaf nicht auch wieder seine vielfältigen Verbindungen aufgenommen. Als den Finnen die russischen Emigranten zu viel und in der Presse Rufe laut wurden, sie bis auf einige Prominente auszuweisen, schrieb er an einen alten Bekannten, den Maler Akseli Gallen-Kallela, der einigen Einfluss in der neuen Regierung hatte, um ein finnisches Reisedokument zu erhalten. Anzumerken ist, dass Nikolai Roerich 1916 noch keinen Pass gebraucht hatte, als er mit seiner Familie in das noch zum russischen Reich gehörige Finnland gereist war, er aber ohne Dokumente nicht aus dem nunmehr unabhängigen Land gelassen wurde. Im Dezember 1918 kam er in Stockholm an, wo er für sich selbst, seine Frau und seine beiden Kinder einen Pass der weißen Exilregierung erhielt. Hier fügte es sich aufs Glücklichste, dass 1914 eine Reihe seiner Gemälde gerade in Schweden zu einer Ausstellung waren und wegen dem Kriegsausbruch dort hatten verbleiben müssen. Diese Bilder wurden mit seinen neuen, in Finnland gemalten zusammengefasst, und eine Ausstellungstournee durch Skandinavien begann, die großen Erfolg hatte. Nicht zuletzt, weil sich im Ausstellungskatalog die slawischen Heldengestalten aus Roerichs früher Periode in Gestalten aus »altskandinavischen Sagen« verwandelt hatten.134 Eine Interpretation, die lebhaftes Echo in der Presse fand, die vom »skandinavischen Geist« Roerichs schrieb.135 Der Teil der Bilder, der nicht verkauft worden war, kehrte mit dem Künstler zusammen nach Finnland zurück, wo man ihn zum Mitglied der finnischen Künstlervereinigung machte. Aber sosehr Nikolai Roerich diese Ehrung gelegen kam, er hatte nicht vor, sein weiteres Leben im Norden Europas zu verbringen. Weder er noch Helena hatten ihr ursprüngliches Ziel vergessen. Und der Weg dahin führte über London, das politische Zentrum des indischen Subkontinents.
Eben dorthin hatte es den Impresario Diaghilew verschlagen, der zu dieser Zeit dabei war, das berühmte Ensemble der »Ballets Russes« wieder zusammenzustellen. Als Nikolai Roerich dies erfuhr, schrieb er an ihn, wobei er einleitend bemerkte, man müsse die russische Sache jetzt auf allen Gebieten propagieren, aber Finnland sei zu klein, um einen großen Effekt zu erzielen. Dann kam er zum Eigentlichen: »Finde heraus, mein Lieber, was Du für mein Hinkommen und einen Auftritt dort tun kannst.«136
Diaghilew schrieb sofort zurück, um ihn als Bühnendekorateur zu engagieren.
Im Mai 1919 kam Roerich mit seiner Familie nach London, um dort über ein Jahr zu bleiben. Er lebte in einer der besten Gegenden, in Süd-Kensington im Londoner Westend, um die Ecke von Royal Albert Hall und Hyde Park. Es war eben am Eingang zum Hyde Park, wo 80 Jahre zuvor Madame Blavatzky zum ersten Mal Mahatma Kut-Humi begegnet war.
In London führte der Künstler ein Dasein, das stark an seine Petersburger Zeit erinnerte. Da wäre die unablässige Arbeit. Für Diaghilews »Ballets Russes«, die dabei waren, an ihre Vorkriegserfolge anzuknüpfen, malte er die Bühnenbilder für »Fürst Igor«, »Schneewittchen«, »Zar Saltan« sowie den weniger bekannten »Sadko« und arbeitete noch an einer Reihe eigener Gemälde. Auch suchte und fand er Anschluss an höhere Kreise der britischen Hauptstadt. Er trat in die »Russian-British 1917 Fraternity« ein, eine Vereinigung von Mitgliedern des britischen Parlaments und hochgestellten Vertretern Russlands. Der »elitäre Klub«, wie ihn eine russische Historikerin137 bezeichnet, war 1917 gegründet worden, um zu verhindern, dass Russland nach der Februarrevolution einen Sonderfrieden mit Deutschland schloss. Als Ehrenvorsitzender war der britische Premier Lloyd George eingetragen.
Zum Einstand hielt er gleich nach seiner Ankunft in London einen Vortrag vor der illustren Gesellschaft mit dem Titel »Schänder der Kunst«, der scharf gegen die Bolschewisten gerichtet war. Dort zählte er die Intellektuellen und Künstler auf, die dem Roten Terror zum Opfer gefallen waren. Viele von ihnen hatte er persönlich gekannt. Er beklagte den Untergang des alten St. Petersburg. Wer nicht dem »Fleischwolf« zum Opfer gefallen war, wie man die Maschinerie der Tscheka, der Geheimpolizei der neuen Machthaber, nannte, wurde zu Hunderten auf das sogenannte »Professorenschiff« verladen und zwangsausgewiesen. Religiöse Künstler wie Viktor Wasnezow oder konservative Intellektuelle wie der berühmte Historiker Sergej Platonow sollten ihre Heimat nie wiedersehen.
Verblieben waren Männer wie Maxim Gorki, der angesichts der Massaker der Tscheka fast verzweifelte, aber sich nie wirklich gegen das neue Regime stellte, und Anatoli Lunatscharski, der Volkskommissar für Aufklärung, der die Propaganda der Roten leitete und eine neue Generation von revolutionären Intellektuellen um sich scharte. Geblieben war auch Stepan Mitusow, der Cousin von Helena Roerich, ein weicher Mensch und völlig unpolitischer Musiker, der nach der Revolution durch seine Freundschaft mit Lunatscharski einen administrativen Posten in der Kulturadministration Petrograds erhielt.
Auch (noch) nicht emigriert waren Grabar und Benois, die durch ihre Bekanntschaft mit Gorki geschützt waren. Die Mehrheit der früheren Kulturelite dagegen, Männer wie Strawinsky oder Diaghilew, und die meisten Mitglieder des Ensemble der »Ballets Russes« waren ins Ausland geflohen.
Die Londoner Rede Nikolai Roerichs gegen die Bolschewiki diente mindestens so sehr als Eintrittsbillet in die besseren Kreise, wie sie tiefster Überzeugung geschuldet war. Das kann man aus der Tatsache schließen, dass dies sein letzter, wenn auch lautstarker Auftritt für die weiße Sache war. Der »Sucher nach heiligen Zeichen« und seine Frau hatten andere Pläne. Politik gehörte nur im weitesten Sinne dazu. Und ein Zufall half bei der Verwirklichung, wie die Roerichs bald sicher glaubten.
1919 lernte Nikolai bei der Suche nach jemandem, der Russisch auf der Schreibmaschine tippen konnte, Wladimir Schibajew kennen, der an der Londoner Universität Sanskrit und Persisch studierte. Der aus Riga stammende junge Mann, der mit einem Buckel von wenig einnehmendem Äußeren war, interessierte sich wie das Ehepaar Roerich stark für jede Art des Okkultismus und für alles, was aus Indien kam. Außerdem war er Mitglied der Theosophischen Gesellschaft und mit deren führenden Londoner Vertretern bekannt. Durch Schibajew konnten die Roerichs eine Reihe wichtiger Verbindungen knüpfen. Mit prominenten indischen Künstlern und Nationalisten, die in Indien ansässig waren und ihn später mit Männern wie Nehru zusammenführten; mit dem indischen Schriftsteller und Nobelpreisträger Rabindranath Tagore, der sich von Roerichs Kunst begeistert zeigte und ihn nach Kalkutta einlud, und auch mit Annie Besant, der Vorsitzenden der Theosophischen Gesellschaft (TG) in Indien, sowie mit Bomandschi Pestondschi Wadia, einem führenden Mitglied der TG, der sich gerade in Großbritannien aufhielt.
Bald führten die Roerichs Schibajew bei den Séancen ein, mit denen sie in London wieder begonnen hatten und an denen weitere prominente Mitglieder des Exils, so auch der ihnen schon aus Finnland bekannte Politiker Gessen, teilnahmen. Bei einer dieser Séancen, bei denen es in der Erinnerung von Helena zu den unglaublichsten Vorfällen kam – Münzen fielen von der Decke und Geräusche waren zu hören, als trampelten ganze Elefantenherden durch das Zimmer –, wurden Nikolai Roerich Zeichnungen »eingegeben«, auf denen unter anderem Mahatma Kut Humi zu sehen war. Zweifellos war dies eine »wahre« Eingebung, denn die Abbildung glich stark einer weit älteren, die dem deutschen Maler Schmiechen eingegeben worden war und deren »Echtheit« noch Blavatzky persönlich bestätigt hatte.
Die Abbildung des Mahatma sowie einige weitere der von Nikolai Roerich »automatisch« empfangenen Zeichnungen wurden Wadia gezeigt, der den Künstler daraufhin an das Hauptquartier der Theosophen in Adyar, Indien, empfahl.
Einige Zeit später erhielt Nikolai Roerich einen Brief von Annie Besant persönlich, in dem die Vorsitzende der TG ihm zum Eintritt in ihre Gesellschaft gratulierte und eine offizielle Einladung nach Indien aussprach. Sein Visum bekam Nikolai Roerich am 28. Juli 1920, und er kaufte sofort Schiffstickets für sich und seine Familie sowie Schibajew, der als sein Sekretär mitkommen sollte.
Doch dann folgte eine Katastrophe, der tiefste Schlag, der sich für die Roerichs, die sich ihrem Ziel bereits so nahe geglaubt hatten, denken ließ. Der Finanzier von Diaghilew hatte Bankrott gemacht, und Roerich stand ohne jede Geldmittel da.
Eine letzte Hoffnung waren gute Verkäufe bei einer Mammutausstellung der Werke Nikolai Roerichs. 198 seiner Bilder wurden gezeigt, darunter die Serie »Träume von Indien«, die er erst in London gemalt hatte. Viele der Reichen und Berühmten des damaligen London waren da, und auch Winston Churchill wäre wohl dabei gewesen, hätten Bekannte nicht dringlich von einer Einladung des umstrittenen Politikers abgeraten, da sonst einige andere wichtige Persönlichkeiten nicht gekommen wären.
Im Zentrum der Ausstellung hing das Monumentalgemälde »Der Schatz der Welt«, auf dem ein himmlischer Wächter mit dem »Gral« in der Hand abgebildet war, dem heiligen Kelch, nach dem Parsifal in Wagners gleichnamiger Oper strebt. Die Rede bei dem Bankett hielt der bekannte Schriftsteller und Okkultist H. G. Wells. Beim Heben seines Sektkelches sagte Wells: »Dieser einfache Gegenstand, den niemand von uns als etwas Besonderes ansieht, kann, unter bekannten Umständen, ein seltener Schatz werden.«138 Eine Prophezeiung, die knappe drei Jahre später in Erfüllung gehen sollte, als der Gral tatsächlich auf wundersame Weise wieder in der Welt erschien. Den Roerichs nämlich, und zwar in Paris, in einem noblen Hotel.
Unter finanziellen Gesichtspunkten war die Ausstellung eine Enttäuschung. Im London der Nachkriegszeit saßen selbst bei den Verehrern der Kunst Roerichs die Geldmittel nicht so locker, dass sie seine hohen Preise hätten zahlen können. Und Nikolai Roerich, ein hervorragender Kenner des Kunstmarktes, wusste, zu billig durfte er sich keinesfalls verkaufen, sonst hätte er seinen Marktwert auch in besseren Zeiten gedrückt.
Im Sommer 1920 wurde Nikolai Roerich der Vorschlag gemacht, seine Bilder auf eine Wanderausstellung zu schicken, die drei Jahre lang durch 29 Städte der USA gehen sollte. Die Einladung kam vom Direktor des Chicago Art Institute, Robert Harshe, einem Theosophen, der den Künstler gleich auch noch für drei Produktionen der Chicagoer Oper engagieren wollte. Am 2. Oktober 1920 bestiegen er und seine Familie einen Dampfer, der sie in die Neue Welt brachte.
Teil II
Mahatma Morya und seine Künderin
Kapitel 1
Amerikanischer Albtraum
Im Oktober 1920 traf das Ehepaar Roerich mit den beiden Söhnen in New York ein. Nicht als Immigranten, sondern mit dem Ziel, so lange zu bleiben, bis genug Geld zusammen war, nach Indien zu reisen und endlich den Mahatmas zu begegnen. Anfänglich ließ sich alles gut an. Es wartete bereits die Presse, die das Schiff enterte, noch bevor die Passagiere durch den Zoll waren, um den bekannten Maler und Mitautor von »Frühlingsopfer« zu interviewen. Doch die Ernüchterung setzte schnell ein.
Bald schimpfte Nikolai Roerich über die Kulturlosigkeit der Einheimischen und die Banalität ihrer Ansichten. Und schlimmer noch, selbst das Geld floss im Land des Dollars nicht wie erwartet. Auch in Amerika herrschte Nachkriegskrise und es gab soziale Unruhen, die mit der ersten großen Hexenjagd der amerikanischen Geschichte, den sogenannten »Palmer Raids« (Palmer’schen Razzien) beantwortet wurden. Kommunisten oder solche, die man dafür hielt, wurden in oft zweifelhaften Prozessen zu langen Gefängnisstrafen verurteilt, und selbst die Flüchtlinge aus dem Land der Oktoberrevolution gerieten automatisch unter Verdacht. Den Reichen und Wohlhabenden stand der Sinn in dieser Zeit nicht nach Geldausgeben, und Roerichs Bilder verkauften sich nur sehr schlecht.
Schon im November wurde klar, von dem Bilderverkauf, wie auch den drei Aufträgen für die Oper in Chicago, würden die Roerichs nicht leben können, und so tauchte ein neuer Plan auf. Am Abend des 4. Dezember 1920 legten die Roerichs ihn zum ersten Mal dar. Zuhörer waren Sinaida und Morris Lichtmann, zwei jüdische Emigranten aus Russland, die zu diesem Zeitpunkt eine kleine und schlecht gehende Klavierschule in Manhattan betrieben. Einige Stunden zuvor hatte Sinaida Lichtmann auf einer Vernissage zum ersten Mal die Bilder Nikolai Roerichs erblickt und »direkt der Unendlichkeit« gegenübergestanden, wie sie Jahrzehnte später schrieb. »Die Roerichs luden uns ein, sie noch an diesem Abend in dem Hotel zu besuchen, wo sie abgestiegen waren. Schon vom ersten Moment sprachen sie davon, die Amerikaner mit russischer Kultur und Kunst bekannt zu machen. N.K. Roerich erzählte von seiner Absicht, eine künstlerisch aufklärerische Einrichtung in Amerika zu gründen, und lud uns ein, an all dem teilzunehmen. Wir sprachen lange bis Mitternacht und erzählten ihm von unserem Leben und unserer musikalischen Tätigkeit und gleichfalls über die verbreitete Abwesenheit kultureller Interessen in der amerikanischen Gesellschaft.
Bereits am folgenden Tag übergab uns Roerich einen konkreten Plan für die Arbeit einer Schule der vereinigten Künste, den er zuvor mit Elena Iwanowna ausgearbeitet hatte. Wir begannen mit der Arbeit an der offiziellen Registrierung der Schule, die 1921 eröffnet wurde.«139
1921 wurde auch »Cor Ardens« (lateinisch: flammendes Herz), eine Gesellschaft zur Förderung der Kultur, gegründet, die sich vorläufig durch wenig mehr als ihre beiden illustren Ehrenvorsitzenden auszeichnete. Es waren Rabindranath Tagore sowie der belgische Dramatiker Maurice Maeterlinck, ein Verehrer der Kunst Nikolai Roerichs. Die Gründung von Gesellschaften mit wohlklingenden Namen und das Akquirieren von Ehrenvorsitzenden, die nicht immer mit Wissen der so Ausgezeichneten stattfand, sollte ein weiterer Kernpunkt der Tätigkeit Nikolai Roerichs in Amerika werden.
Sinaida Lichtmann war die erste, glühende Anhängerin der Roerichs und eine starke, bestimmende Persönlichkeit, mit der es »keinen Sinn hatte, sich zu streiten«, wie sich ein Mitarbeiter erinnert.140
Sie stammte aus der ukrainischen Hafenstadt Odessa, aus einer Weltgegend, in der es periodisch zu mörderischen Pogromen gegen die jüdische Minderheit kam. Sinaida war musikalisch hochbegabt, gab bereits als Kind Klavierkonzerte und siedelte nach ihrem zwölften Lebensjahr mit den Eltern nach Deutschland über, wo sie erst in Berlin und dann in Wien von dem berühmten Pianisten Leopold Godowsky unterrichtet wurde.
Nach dem Tod des Vaters verließ sie 1912 mit ihrer Mutter sowie Morris, ihrem gleichfalls jüdischen und aus der Ukraine stammenden Ehemann, Deutschland und reiste in die USA. Morris stand unter ihrer Fuchtel und sollte zu den neuen, noch bescheidenen, wie auch den späteren weltumfassenden Plänen des Ehepaars Roerich nicht viel mehr als seine Kenntnisse der Kabbala beitragen. Sinaida Lichtmann dagegen sollte zur rechten Hand und wichtigsten Vertrauten der Roerichs aufsteigen.
Vorerst jedoch konnte von großen Plänen keine Rede sein. Die Schule der Lichtmanns ging zwar in der großspurig »Master School of Arts« getauften neuen Einrichtung auf, aber ein Besucher der Räumlichkeiten vermerkte, die Möblierung sei noch 1922 sehr ärmlich und das Piano geliehen gewesen. Es gab so wenig Schüler, dass, um einen besseren Eindruck zu machen, Außenstehende engagiert wurden, Schüler zu spielen, und im Sommer 1922 konnte selbst die Miete nicht mehr bezahlt werden.
Auch die Roerichs gerieten bald in Schwierigkeiten. Das »Hotel des Artistes«, in dem sie in New York untergekommen waren, wollte bezahlt sein, wie auch die Ausbildung ihrer Söhne, die man an den besten Universitäten eingeschrieben hatte. Juri, der ältere, studierte in dem auch damals nicht billigen Harvard und Swjatoslaw, der jüngere, an der renommierten Columbia University in New York.
Die Gebühren hatten die Roerichs gerade noch aufbringen können. Dafür blieben sie die Hotelmiete schuldig, bis das »Hotel des Arts« sie hinausbeförderte. Doch statt die Schulden an das Hotel anzuerkennen, schaltete Roerich einen Anwalt ein. Diesem blieb er so lange sein Geld schuldig, bis der ihm endlich einen Brief schrieb, der mit der ironischen Anrede »My dear Professor« begann: »Nachdem ich lange genug gewartet habe, um mir eine Medaille für christliche Geduld zu verdienen, erlaube ich mir jetzt, Sie daran zu erinnern, dass die 250 Dollar, die Sie mir für meine loyalen Dienste schulden, noch immer unbezahlt sind.« Es folgte eine Liste von elf (!) verschiedenen Streitigkeiten, in denen der »Professor« die Dienste des Anwalts beansprucht hatte. Sechs davon handelten erkennbar von Gelddingen.
»Die Benutzung Ihres Namens durch die Artists League; Sie vs. Johnson wegen $900; der Kredit von Naumburg; der Kredit von Goldberger; der Kredit von Otto Kahn; die Sache Fifth Avenue Bank.«141 Auch waren die Roerichs die Miete der Schule, 312 West 54th Street, schuldig geblieben, und die Fifth Avenue Bank drohte, seine Bilder, die er für einen Kredit von $8000 verpfändet hatte, versteigern zu lassen.
Einer ihrer Jüngerinnen wird Helena Roerich später über diese Schreckenszeit berichten, sie habe zum ersten Mal in ihrem Leben selbst kochen und sogar putzen müssen.142
Die Roerichs waren 1921 erkennbar im sozialen Abstieg begriffen. Ihnen drohte ein Schicksal wie das vieler weißrussischer Emigranten, die von der Spitze der Gesellschaft ins tiefste soziale Elend abgestürzt waren. Im Berliner Stadtteil Charlottenburg, zu jener Zeit Charlottengrad genannt, drängten sich auf den Bürgersteigen Russen, die ihre letzten Ringe an Passanten verkauften; in Paris schlugen sich ehemalige Großfürsten als Droschkenkutscher durch, und im Hafen von Schanghai machten adelige Fräulein chinesischen Prostituierten Konkurrenz. In Schanghai, wo das europäische Prestige nicht nur durch weiße Prostituierte, sondern auch durch schlichte Bettelei ehemaliger Soldaten und Offiziere erheblich ins Wanken geriet, erwogen die Kolonialmächte sogar, jedem geflüchteten Russen monatlich einen Betrag auszuzahlen, um sie endlich von den Straßen zu bekommen. Doch letztlich siegte der Geiz und die Flüchtlinge wurden ihrem Elend überlassen.
Von der hoffnungslosen Atmosphäre in den Zentren der Emigration wegzukommen war für Roerich, dem auch Angebote aus Paris vorgelegen hatten, einer der Gründe gewesen, nach Amerika zu kommen. Jetzt waren er und seine Frau auf dem besten Weg, das Schicksal ihrer geflüchteten Landsleute zu teilen.
Möglicherweise nahm Nikolai Roerich in dieser Lage sogar Zuflucht zur Kunstfälschung. Jedenfalls versuchte er 1920/21 mehrmals ein Bild von Rembrandt zu verkaufen, von dem unklar ist, wie es in seine Hände gelangt war. Aus Petersburg kann er es kaum mitgenommen haben, und in der Emigration fehlte ihm das Geld. Aber es gibt eine weitere Möglichkeit. 1922 notierte seine Anhängerin Sinaida Lichtmann in ihr Tagebuch: »NK erzählte eine lustige Geschichte über den bekannten Pariser Kunsthändler Selmeier. Er bestellte bei einem Künstler eine Kopie von Rembrandt für 250 Francs. Danach bat er ihn, mit seinem Namen zu unterschreiben, und schickte dieses Bild nach Amerika. Gleichzeitig sandte der Kunsthändler eine anonyme Denunziation an den amerikanischen Zoll, dass Selmeier ein Rembrandt-Bild mit einer fremden Unterschrift nach Amerika geschickt habe. Der amerikanische Zoll hielt das Bild fest und verhängte einen Strafzoll. Selmeier schwor, dass dieses Bild nicht von Rembrandt, sondern von eben diesem Künstler stamme. Der Zoll antwortete ihm, dies sei ein echter Rembrandt. Man zwang ihn, eine große Strafe zu zahlen, und gab ihm eine Bestätigung. So konnte er das Bild in Amerika für eine gewaltige Summe verkaufen.«143
War Nikolai Roerich über eine Variante dieses Tricks an ein Bild von Rembrandt gekommen? Zuzutrauen wäre es ihm, denn als alles nichts fruchtete und die Lage sich nicht verbesserte, versuchte er es schließlich mit einem Versicherungsbetrug. Mit Hilfe eines weiteren Anwaltsbüros – diesmal Bloomberg & Bloomberg – wandte er sich an das Chicago Art Institute mit der Behauptung, man habe seine Bilder beschädigt. J. Arthur McLean, der Geschäftsführer der Kunsteinrichtung, antwortete am 17. August 1922: »Ich bin verwundert über ihre Annahme, dass an der Sammlung ein Schaden von 18000 oder 19000 Dollar entstanden sein soll. Das kommt mir so unglaublich vor, dass ich mir kaum vorstellen kann, dass Sie das ernst meinen.«144
Ein späterer Jünger der Roerichs wird notieren, er sei dabei gewesen, wie der Künstler die angeblich schwerwiegenden Schäden in dreißig Minuten behoben habe.145
In diesen verzweifelten Jahren übernahm immer mehr ein Mann aus dem fernen Indien das Kommando. Es war niemand anders als Mahatma Morya, jener uralte Weise im Himalaja, bei dem Madame Blavatzky – nach ihrer Einreise nach Tibet versteckt unter Heu – Mitte des neunzehnten Jahrhunderts drei Jahre lang als seine »Chela« die Geheimwissenschaften studiert haben soll. Er kommunizierte mit der Familie durch Helena, die Frau des Künstlers, und teilte ihnen bald seine verblüffenden Pläne mit. Doch bevor wir zu diesen Plänen kommen, ist es nötig, einen Blick zurück in das vorrevolutionäre Petersburg und die Ehe von Nikolai und Helena Roerich zu werfen.
Keine Frage, Helena beeinflusste ihren Mann auf ungewöhnlich starke Weise. Sina Lichtmann notierte 1922 in ihr Tagebuch: »Sie ist NKs Inspiration. Ohne sie malt er keine Bilder und bittet sie immer, den Platz auszuwählen, wo er malen soll, und ihn an gesehene Farben zu erinnern. Wenn der Ort ausgewählt ist, aber ihr das Sujet nicht gefällt, dann wird er um nichts in der Welt malen.«146
Helena Roerich, die Urgroßnichte des Feldherrn Kutusow, des Siegers über Napoleon, scheint schon früh in der Ehe das Kommando übernommen zu haben. Allerdings lenkte sie ihren Mann eher indirekt, ließ ihm die Illusion, alles aus eigenem Antrieb erreicht zu haben. Das zumindest ist die Sicht von Helena Roerich selbst, die ihren beiden Jüngerinnen Sinaida und Esther Lichtmann viele Einzelheiten aus ihrer Ehe erzählte.
Die blendend schöne Helena, »toujours belle«, wie Benois in sein Tagebuch notierte, leitete laut Sinaida Lichtmann den Aufstieg ihres Mannes in der kaiserlichen Gesellschaft. Sie war es auch, die ihn auf die Theosophie gestoßen hatte.
Helena Roerich hatte viel Zeit für sich selbst in St. Petersburg. Wie in besseren Kreisen üblich erledigten Angestellte alle Arbeiten im Haus. Wie Esther Lichtmann aufschrieb, »liebte sie die Einsamkeit. Sie nahm sich jeden Morgen zwei Stunden und befahl, sie nicht zu stören. Sie sagte, sie ziehe sich an, aber in Wahrheit saß sie und las oder, am wichtigsten, dachte nach.«147 Dabei kamen ihr manchmal visionäre Erlebnisse, die sie, wie auch ihre Träume, dem berühmten Psychiater Bechterew mitteilte. Ein Traum sei so farbig gewesen, dass Bechterew bemerkt habe, sie solle Künstlerin werden.
»Helena Roerich hat eine wunderbare Vorstellungskraft«, notierte Sinaida Lichtmann nach einem Spaziergang. »Sie sieht ganze Bilder in den Wolken und kann das so mitteilen, dass auch andere anfangen, dies zu sehen. Dank ihr sahen wir Schlösser und Berge und zwei breite Straßen, die in eine ferne Stadt führten, und eine große Figur mit einer scharfkantigen Mütze und danach zwei Sonnen.«148
Möglicherweise ging Helenas »wunderbare Vorstellungskraft« mit einer Neigung zur Epilepsie oder einer anderen Art von psychischer Erkrankung einher. Aus einem Briefwechsel mit Nikolai Roerich weiß man, dass sie 1913 mehrere Wochen in einem Krankenhaus war, und aus ihrer Bemerkung, man habe ihr alle Haare abrasiert, lässt sich auf eine Operation am Kopf schließen. Auch gibt es Hinweise, dass die enge Beziehung der Roerichs mit Dr. Rjabinin nicht nur auf »ein gemeinsames Interesse an psychischen Phänomenen« zurückzuführen war, sondern auch auf eine Behandlung Helenas durch den bekannten Psychiater. Möglicherweise verhielt es sich mit Bechterew ähnlich.
Sollte Helena Roerich tatsächlich unter Epilepsie oder irgendeiner anderen Form geistiger Krankheit gelitten haben, so beeinträchtigte dies jedenfalls nicht im Geringsten den Einfluss auf ihren Mann. Sina Lichtmann resümierte die Erzählungen Helena Roerichs über ihre Ehe mit den Worten: »… ohne seine Frau hätte es Roerich als größten Künstler und Menschen nicht gegeben.«149
Man kann hinzufügen, ohne sie wäre Nikolai Roerich wahrscheinlich, wie so viele andere Emigranten, im Exil verzweifelt und auch nie nach Amerika gekommen. Für Nikolai Roerich bedeutete die Revolution den Verlust seines Ansehens, seiner Stellung, den Zusammenbruch seiner Welt. Für Helena Roerich war die »Revolution ein Feiertag. Denn«, so notierte Esther Lichtmann, »sie hatte sich trotz des Luxus und des Reichtums immer gefragt, was kommt jetzt?«150
Und was kam, das waren Mahatma Morya und Mahatma Kut Humi.
Kapitel 2
Erste Offenbarungen
Es war am 24. März 1920 in London am Eingang des Hyde Park, nicht weit von der Wohnung der Roerichs an den Queens Gate Terraces. An genau demselben Ort, an dem Kut Humi 1848 der 21-jährigen Blavatzky erschienen war, gaben sich die Mahatmas 72 Jahre später Helena Roerich zu erkennen.
Aber folgen wir ihren eigenen Worten: »Ich war gerade beim Eingang zum Hyde Park, als sich die Menge plötzlich teilte und ich zwei hochgewachsene Inder erblickte, die mir geheimnisvoll zulächelten.«151
Nicht mehr und nicht weniger teilte sie Jahre später Sinaida Lichtmann mit, und es ist natürlich die Frage, woher Helena Roerich wusste, dass dies ausgerechnet Kut Humi und Meister Morya waren. »Mit dem Herzen, mit dem untrüglichen Blick der Seherin«, könnte man antworten, und ebendies scheint auch Sinaida Lichtmanns Annahme gewesen zu sein. Und um die Bedeutung dieser Begegnung noch zu verstärken, erzählte Helena ihrer Jüngerin auch, vor ihre Reise nach London habe sie von der Theosophie »absolut nichts gewusst«.152 Erst Sinaidas Schwägerin Esther Lichtmann wird sie zehn Jahre später – vermutlich hatte sie ihre frühere Behauptung längst vergessen – die Wahrheit erzählen, nämlich dass es Dr. Rjabinin gewesen war, der sie bereits vor der Revolution mit der Theosophie bekannt gemacht hatte.
Aber die Begegnung am Hyde Park wurde erst einmal angezweifelt. Helena Roerich berichtete ihrer Jüngerin weiter, zu Hause hätte man sie ob ihrer Behauptung sogar ausgelacht. Wer da gelacht hat, hat Helena leider nicht mitgeteilt. Kaum ihr Ehemann, von dem keinerlei öffentliche Meinungsverschiedenheit mit seiner Frau überliefert ist, sondern vermutlich einer ihrer beiden Söhne, Swjatoslaw oder Juri oder vielleicht auch beide zusammen. Der ältere, Juri, war zu diesem Zeitpunkt 18 Jahre alt und studierte in London am Institut für orientalische Sprachen, der jüngere, den alle Welt nur Swetik nannte, war erst 16. Beide hatten in ihrer Kindheit wohl zu viele Exaltiertheiten ihrer Mutter erlebt, um jedes ihrer Worte auf die Goldwaage zu legen. Aber was die Mahatmas anging, so sollte den Söhnen das Lachen noch vergehen.
Vorläufig jedoch kehrte wieder Ruhe ein, das Erscheinen der beiden Mahatmas blieb ein singuläres Ereignis. Nikolai Roerich und seine Frau Helena widmeten sich in London, wie bereits erwähnt, ihren Séancen. Ein häufiger Teilnehmer wurde bald Wladimir Schibajew, der spätere Sekretär von Nikolai Roerich.
»Ich wurde am Abend des 2. Juni 1920 von dem Künstler und Akademiemitglied Roerich eingeladen und saß wie gewöhnlich mit seinem Sohn in dessen Zimmer, wo wir über verschiedene wissenschaftliche Themen sprachen. Ich wusste nicht, dass Roerich und seine Frau zusammen mit dem jüngeren Sohn in der Nähe spiritistische Versuche vornahmen. Auch wusste ich nicht, dass sie ihre Leiter fragten, ob es erlaubt sei, mich zum Kreis zuzulassen. Als diese Frage bejaht wurde, bat man mich herein und an den Tisch zu setzen. Im Zimmer war helles Licht und jeglicher Betrug ausgeschlossen. Der Tisch zitterte nervös und rutschte hin und her, und als wir ihn fragten, wer es denn sei (ein Schlag bedeutete Ja, zwei Schläge Nein, drei Schläge ein verstärktes Ja), nicht etwa der Lehrer, da rutschte der Tisch, und es gab einen Schlag.«
Mit »Lehrer« war ein geistiger Führer aus dem Jenseits gemeint.
»Danach wurden die Buchstaben mitgeteilt. Das ging so, dass einer der Anwesenden laufend die Buchstaben des Alphabetes sagte und, wenn ein Buchstaben ausgesprochen wurde und ein Schlag ertönte, man wusste, welcher Buchstabe gemeint war.«
Es war eine interessante Séance. Der junge Student erfuhr, sein geistiger Führer sei ein Italiener namens Sarto, der 1350 in Pesaro gelebt habe, und dass er, Schibajew, selbst ein »Medium« sei. Schließlich wurde Schibajew aus dem Jenseits mitgeteilt, »er solle sich in den Aufbau der neuen Welt vertiefen«.
»Darauf gingen wir in ein anderes Zimmer, wo mir Münzen und Talismane gezeigt wurden, die bei der letzten Séance gesandt worden waren, sowie automatische Zeichnungen mit den Porträts der Lehrer, die aus der Hand von Nikolai Konstantinowitsch stammten. Danach saß Nikolai Konstantinowitsch in dem beleuchteten Zimmer, drehte den Kopf zur Seite, bedeckte das Gesicht mit der linken Hand, hielt mit der rechten Hand den Bleistift über dem Papier und begann zu zeichnen. Wir zogen wieder den kleinen Tisch zu Rate. Wir erfuhren, die Roerichs sollten, koste es was es wolle, dieses Land sofort verlassen. Wohin? – Nach Ceylon.«153
Bekanntlich folgte die Pleite von Roerichs Auftraggeber, und statt Ceylon hieß das neue Ziel notgedrungen Amerika. Schibajew, der ja als Sekretär hatte mitfahren sollen, blieb den Roerichs weiter verbunden. Sie hatten vor ihrer Abreise eine logenartige Organisation gegründet und ihn darin aufgenommen. Eine sehr kleine Organisation allerdings, es gab gerade einmal die Roerichs sowie einen weiteren russischen Studenten, George Chklaver, als Mitglieder.
Dass Schibajew, später Schlüsselfigur im Organisationsgeflecht der Roerichs, zwar beeindruckt, aber noch nicht völlig bei der Sache war, kann man daraus schließen, dass er nach ihrer Abreise engen Kontakt mit einem Kreis russischer Spiritisten, den sogenannten Bawaisten, aufnahm. Dieser »Kreis der höheren Ziele« wurde von einem verstorbenen Lehrer aus Kasan namens Bawajew geleitet, der seinen Jüngern bei Séancen Hochinteressantes nicht nur aus dem Jenseits, sondern auch aus der Musik und den Sprachwissenschaften mitteilte. Sechs Jahre lang wurden den »Bawaisten« Lehren aus dem Jenseits zuteil, und es bestanden Pläne, hundert Bände zu veröffentlichen und die Arauch der heilige S. (vermutlich Sergej von Radonesch), der heilige F. (vermutlich Franz von Assisi) sowie ein gewisser Schtschagij und jemand namens Chorotschai. Und das waren nicht einmal alle. Am häufigsten tauchte ein Allal-Ming Schri Ischwara auf, dessen Nachname bis auf einen Buchstaben dem des Landsitzes in der Nähe von Petersburg entsprach, wo Nikolai bis zur Jahrhundertwende jeden Sommer verbracht hatte. Allal-Ming Schri Ischwara, der im Familienkreis nach kurzer Zeit nur noch Allal Ming hieß, war, bis auf Ausnahmen, bald die einzige Stimme aus dem »Äther«, die sich regelmäßig meldete.
Die Nachrichten waren anfänglich selten und dabei reichlich kryptisch und recht banal. »Aum – tat sat – aum«, erfuhren die Roerichs oder »es lärmt das Leben, seid vorsichtig« und »lasst alle Vorurteile, denkt frei«.
An Nikolai persönlich waren Nachrichten gerichtet wie: »Viel Nutzen bringst Du der Welt« oder »Deine Bilder haben Bedeutung für das Kommende«.
Helena erfuhr: »Vertiefe Dich in das Wesen des Ewigen, indem Du Ramakrischna liest«, und der ältere Sohn Juri schließlich erhielt Mitteilungen wie die, er solle sich durch Arbeit der »versprochenen Stadt nähern« und werde so dem »Gesuchten« näher kommen.154
Die letzte Mitteilung in London war auf den 21. September datiert und an Nikolai Roerich persönlich gerichtet. Er bekam den Auftrag, eine Serie von Bildern mit dem Namen »Ausweg« zu malen, und auch die Namen einzelner Bilder: »Der am Morgen aus dem Meer Kommende«, »Schrecken (Göttin der Dämmerung)«, »Mädchen am Morgen bei den Stromschnellen«, »Das Licht der Kraft entzündet die Finsternis«.
Im Oktober 1920 trafen die Roerichs in New York ein, und vorerst blieben die Mitteilungen aus dem Jenseits so dürftig wie bisher.
Doch dann, ab Januar 1921, nahm die Zahl der Botschaften sehr stark zu. Anfänglich noch wurden sie bei Séancen übermittelt, aber dann, nach einigen Monaten, Helena Roerich »direkt« eingegeben.
Folgende Zeilen aus den ersten Januartagen 1921 – eine genaue Datierung fehlt – standen am Anfang. »Denkt über die gewaltige Gabe der Liebe an den einen Gott nach und versteht es, die große Gabe der Sicht auf die zukünftige Einheit der Menschheit zu entwickeln. Die einzige Rettung ist es, den Geist auf das Leuchten der Wahrheit zu richten.
Der gewaltige Geist der Liebe lebt in der einen Vision, die dem kühnen Geist gegeben wird. Du – die Sehende! Helena Roerich, reine Kunst – die zuverlässige Mitteilung der leuchtenden Erscheinung des Geistes. Durch die Kunst erhältst Du das Licht! Euer Karma – Russland zu verherrlichen!«
Am fünften Januar folgte der erste datierte Eintrag.
»Sieben Regeln für die Séancen:
Bildet einen Kreis und wartet geduldig auf die Neuigkeiten, die Euch offenbart werden.
Sammelt die Offenbarungen.
Gleicht die Zeit der Séancen mit London und Paris ab, um mit den Freunden in Korrespondenz zu treten. [Gemeint sind die »Logenmitglieder« Schkljawer und Schibajew in Paris und London.]
Sammelt die Energiewellen und die Wellen der Elektronen.
Versucht den Menschen zu helfen, die Nachrichten der Geister schaffen Gutes.
Sucht einen neuen Apparat, um mit den Geistern in Verbindung zu treten.
Die weltweite Energie rettet die Menschheit.«
Nur unterbrochen von außergewöhnlichen Umständen, wie Krankheiten von Helena Roerich oder anstrengenden Reisetagen, sollten die nächsten Jahrzehnte Tag für Tag Mitteilungen aus dem »Äther« folgen. Anfänglich wurden sie noch im Klartext notiert, doch je komplizierter, größer und gefährlicher die Mission der Roerichs, desto verschlüsselter wurden die Niederschriften. Die Anhänger der Roerichs sollten noch Jahrzehnte nach dem Tod der beiden viel Mühe darauf verwenden, hinter ihren Sinn zu kommen.
1921 war noch alles einfach. Neben Botschaften eher mystischer und dunkler Natur ging es ganz konkret um die Belange derer, die sich im Kreis versammelten. Den Kern bildeten Helena und Nikolai Roerich. Zeitweise dabei waren die Söhne Juri und Swetik, die beiden Lichtmanns, Ksenja Muromzew, eine direkte Cousine von Helena, zusammen mit ihrem Mann, der während der Kriegszeit für den russischen Rüstungseinkauf in den USA zuständig gewesen war, sowie weitere russische Emigranten wie der Bildhauer Gleb Derjuschinski. Allen gemeinsam war die Sorge um in Russland verbliebene Verwandte und die schwierige materielle Lage. Mit Ausnahme der Muromzews waren sie auch alle mehr oder minder am Schulprojekt der Roerichs beteiligt.
Meist war es Allal Ming, der bei den Séancen erschien, aber es kamen auch andere Geister zu Hilfe. So am 2. Februar, als den Roerichs aus dem Jenseits geraten wurde, die berühmten Komponisten Rachmaninow und Prokofjew, die es gleichfalls nach New York verschlagen hatte, sollten die Examen der Musikabteilung der geplanten Schule abhalten. Diese sicherlich werbewirksame Idee stammte von niemand anderem als dem verstorbenen russischen Komponisten Skrjabin, einem bekannten Theosophen. Zumindest zu Prokofjew nahmen die Roerichs Verbindung auf, denn am 1. August teilte Allal Ming mit, man solle sich vor Prokofjew hüten, er sei noch nicht bereit. Am 23. Oktober hieß es, Prokofjew solle mitgeteilt werden, man könne ihn aus allen Gefahren retten. Das scheint den Komponisten aber nicht beeindruckt zu haben, denn ein Jahr später, am 21. Juni 1922, wurde er in den Aufzeichnungen als »Widersacher« bezeichnet, den Allal Ming gerade in die Schranken weise. Ein allerletztes Mal schließlich fand der Name Prokofjew in einer Liste mit Feinden Allal Mings »als nicht ernst zunehmender Witzbold« Erwähnung.
Nicht besser endete die, wenn auch erheblich engere, Beziehung der Geister zu dem Bildhauer Gleb Derjuschinski. Hier die Eintragung vom 6. März, die einen guten Eindruck vom Detailreichtum der Aufzeichnungen vermittelt:
»Die gewöhnlichen drei Schläge von Allal Ming wurden dieses Mal von drei schwachen und sehr kurzen Schlägen begleitet. Auf die Frage, was diese zusätzlichen Schläge bedeuteten –
›Schurotschka‹ [die vor kurzem mit viereinhalb Jahren verstorbene Nichte von Derjuschinski] […]
Auf die Frage, wo sich Allal Ming befindet, antwortet Schurotschka: ›Auf dem Sofa, in der Nähe von Schurotschka.‹ – Auf unsere Frage, ob Schurotschka eine Beschreibung von Allal Ming geben könnte, kam folgende Antwort: ›Langes Gesicht, lange Haare, hohe Gestalt, schwarze Haare, zweigeteilter Bart.‹ – ›Strenges oder gutes Gesicht?‹ – ›Streng.‹«
Die kleine Schurotschka sollte noch öfters erscheinen, doch dann aus dem Kreis verschwinden. Gemeinsam mit dem Bildhauer, der sich 1922 mit Prokofjew zusammen in der Liste mit Feinden Allal Mings wiederfand. Was war geschehen? Das »Tagebuch« gibt Anhaltspunkte.
Am 24. März teilte Schurotschka mit, der »Onkel« (i.e. Derjuschinski) solle ein besseres Verhältnis zu Allal Ming und Roerich haben, denn »Roerich der Neue (sic!) wird den Russen seine Macht deutlich zeigen.« Bei derselben Sitzung bekam Derjuschinski auch den Namen seines geistigen Führers aus dem Jenseits mitgeteilt, ein gewisser Fitschia Possudsch aus dem 10. Jahrhundert. Als Derjuschinski die impertinente Frage stellte, wodurch sich sein neuer Lehrer auszeichne, antwortete Schurotschka, »Teurer Onkel, beleidige Fitschia nicht«.
Ganz gewiss nicht gefallen haben wird Derjuschinski die Meinung Schurotschkas zu seinem Plan, amerikanischer Staatsbürger zu werden. Wie auch Helena Roerich, die ebenfalls dagegen war, riet Schurotschka dringend ab. Und schließlich meldete sich selbst der Vater Derjuschinskis aus dem Jenseits mit der Mahnung, die russische Sache nicht zu verraten. Doch das alles änderte nichts an der Tatsache, dass die russische Sache zwar schön und gut, Derjuschinski wie alle Staatenlosen aber in einer unangenehmen Lage war. Verständlich, dass er die Warnungen aus dem Jenseits in den Wind schlug und die Versuche, die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erlangen, weiter betrieb.
Ein letztes Mal nahm Derjuschinski am Abend des 7. Mai an einer Sitzung teil. Diesmal wurde er kurz abgefertigt. Allal Ming gab bekannt, er könne nicht die ganze Zeit über Derjuschinskis Angelegenheiten sprechen, und auf die Bemerkung von Derjuschinski, die Worte aus dem Jenseits würden ihn nur beunruhigen, antwortete ihm Allal Ming, mit Ängstlichen werde er sich nicht abgeben.
Eine ähnliche Entwicklung nahm die Beziehung Allal Mings zu den Muromzews. Der ehemalige Rüstungsbeauftragte der Zarenregierung war nach der Revolution völlig mittellos, wie man aus den Anfragen an Allal Ming schließen kann. Aber die Ratschläge halfen nicht. Also beschloss das Ehepaar, auf die Vermittlung Helena Roerichs zu verzichten und einen direkten Draht in die Astralwelt aufzubauen. Allal Ming hatte dafür nur Hohn und Spott übrig. In der Eintragung vom 8. Juni heißt es, Muromzew müsse erst »zwanzig Jahre geistig arbeiten, bevor er einen geistigen Führer verdient hat«.
Ein Jahr später, am 26. Juni 1922, wurde aus dem Jenseits mitgeteilt, der »Abgrund ist gut genug für die Muromzews«, und am 24. September schließlich fanden sie sich mit Prokofjew und Derjuschinski in der Liste mit den Feinden Allal Mings wieder.
Die erste Phase von Helena Roerichs Karriere als Seherin und Medium hatte in einem Fiasko geendet. Derjuschinski und die Muromzews waren nicht die Einzigen, die vom Glauben abfielen oder, wie Prokofjew, den Glauben erst gar nicht annahmen. Ein reicher Russe namens Sak, auf den die Roerichs große Hoffnungen gesetzt hatten, eine Sängerin namens Irina Koschiz, die in der Schule als Lehrerin angefangen hatte, und noch einige weitere Emigranten, die in den Aufzeichnungen auftauchen, hatten eine ähnliche Entwicklung wie Derjuschinski gemacht. Nach diesen ersten Monaten wurden Außenstehende nicht mehr zu den Begegnungen mit Allal Ming zugelassen. Allal Ming konzentrierte sich ganz auf den Personenkreis, der bereit war, ihn als geistigen Lehrer und Führer anzuerkennen. Das war vorerst uneingeschränkt nur Nikolai Roerich, dann, in erheblich geringerem Ausmaß, die beiden Söhne Juri und Swjatoslaw und schließlich noch die beiden Lichtmanns.
Kapitel 3
Allal Ming gibt sich zu erkennen
Natürlich stellte sich die Frage, wer Allal Ming eigentlich war, das heißt, wann er gelebt und was er in seinem Leben auf Erden dargestellt hatte. Eine Frage, die Helena und Nikolai bald immer dringlicher stellten und deren Antwort sie nie wirklich bis in alle Einzelheiten erfuhren. Nur dass er aus dem zentralasiatischen Ost-Turkestan, aus der heutigen chinesischen Provinz Xinjiang, stammte, vor mehr als zweitausend Jahren gelebt hatte und selbstverständlich ein hoher Adeliger gewesen war. Doch die genauen Daten seines »irdischen« Daseins waren letztlich auch unwichtig angesichts einer alles überragenden Tatsache: Allal Ming war niemand anders als Mahatma Morya, der Lehrer Madame Blavatzkys. Doch das stellte sich erst nach und nach heraus.
Am 19. Mai 1921 kam auf die Frage, wer Allal Ming sei, die Antwort, man solle ihn mit dem Herzen finden. Am 29. Mai fragte Helena Roerich bereits, ob Allal Ming Kut Humi oder Mahatma Morya sei, und am 20. Juni war alles klar: Der Geist, der aus Helena sprach, bezeichnete sich selbst als Morya und sagte wörtlich: »Ich bringe Roerich Erfolg.«
Und Roerich hatte Erfolg wirklich dringend nötig. Doch der Weg bis dahin war vorerst lang und bitter. Immerhin erfuhr Nikolai Roerich, welche Reinkarnationen er bereits durchlaufen hatte. Die Liste war beeindruckend.
Unter anderem war er ein Zar der Ulusen im 14. Jh. v. Chr. gewesen, ein serbischer Einsiedler und Hellseher, ein Dalai Lama im 17. Jahrhundert und im dritten Jahrhundert vor Christus ein chinesischer Kaiser namens Fujama-Tsin-Tao. Fujama war denn auch der »esoterische« Name von Nikolai Roerich, und in späteren Jahren sollte Morya ihn nur noch als solchen ansprechen.
Helena Roerich bekam von Allal Ming den esoterischen, aus dem Sanskrit stammenden Namen Urusvati, »Licht des Morgensterns«, verliehen. Weiter erfuhr sie, in ihren früheren Inkarnationen sei sie unter anderem eine Kaiserin von Mexiko, Priesterin in Karthago und auf Sizilien, Ehefrau von Salomon, Jadwiga von Zolbern, eine »Darmstädter Feudalherrin« im 13. Jahrhundert, die Pharaonin Hatschepsut und die 1623 gestorbene »Ehefrau von Akbar – Kaiserin von Indien«, gewesen. Die letztere Inkarnation hatte eine besondere esoterische Bedeutung. Akbar, der bedeutendste Herrscher der indischen Mogul-Dynastie, hatte sich durch die Gründung einer »vereinten« Religion hervorgetan, mit der er den ewigen Querelen zwischen seinen hinduistischen und moslemischen Untertanen ein Ende hatte bereiten wollen. Akbar scheiterte zwar mit seiner neuen Religion, aber den Theosophen galt er dadurch als einer ihrer Vorläufer.
Mahatma Morya versprach Nikolai Roerich, seinen größten Traum zu erfüllen. Den von Geldnöten geplagten Künstler, der, wie aus einer Anfrage an Morya hervorgeht, periodisch unter Herzschmerzen155 litt, lud er ein, ihn in seinem Turm im Himalaya zu besuchen und Schambala, das Land der Mahatmas kennenzulernen. Und das nicht einmal, sondern viele Male. Das Russische, das Allal Ming hier und wie auch in seinen anderen Botschaften verwendete, ist auf Deutsch kaum adäquat wiederzugeben. Es zeichnete sich durch zahlreiche Anachronismen, die Verwendung von Ausdrücken aus der Bibel und den hohen, feierlichen Ton aus. Außerdem hatte Allal Ming eine ausgesprochene Abneigung gegen klare Sätze. Wann immer es ging, zog er es vor, sich gewunden auszudrücken. Doch genau dieser Ton machte auch den Reiz der Sprache des Mahatma aus, dessen, allerdings stark redigierte, Verlautbarungen noch heute von Tausenden von Menschen in aller Welt gelesen werden.
»2. Juli. Abends. […]. Es weht ein Duft von den Bergen Tibets, wir bringen der Menschheit Kunde von der neuen Religion des reinen Geistes. Ihr geht voran, und ihr, die ihr euch zur Verkündigung versammelt habt, tragt den teuren Stein.«
»22. Juli. Morgens. Freunde, schaut voraus, vergesst die Vergangenheit, ich gebe euch auf, der Menschheit Nutzen zu bringen, mit Wissen, das euch in Indien gegeben wird. Ich gebe euch die Hand und führe euch auf die Berge von Tibet.«
»19. August. Abends. Es ist kein Märchen, dass du in diesem Leben bei uns in Tibet sein wirst und danach in Russland unterrichten wirst.«
»29. September. Abends. Ihr werdet es schaffen, nach Tibet zu reisen. […]. Denk daran, nach Tibet zu reisen. Morya will euch bei sich sehen, euch Vollkommenheit lehren.«
»5. Dezember. Morya hat viele Türme und Wächter an den Abhängen des Himalaya. Rechnet damit, dass niemand ohne Begleiter an dem Wächter im Schnee vorbeikommt. Zwischen dem Eis fließt der gigantische Fluss der Welt. Das Eis wird vom reinen Feuer erleuchtet und die Luft ist gesättigt mit Ozon. Urusvati, ich verbürge mich für Euren Weg.«
»2. April. 11 Uhr abends. Zar der Ulusen, die Ikone von Sergej – sie bringt ihr dem Dalai Lama. Ich fühle euren Weg. Tibet liegt vor euch – ihr reist in östlichen Gewändern. Ihr sollt die Sitten östlicher Gesandter kennen. Ihr seid eine Gesandtschaft. Ich verspreche euch einen unerhörten Weg. Das Märchen des Lebens bekräftigt sich.«
Und nicht nur versprach der Mahatma den Roerichs, sie nach Tibet zu bringen. Er machte noch weitere, nicht minder grandiose Ankündigungen. Am 5. November 1921, die Roerichs wussten nicht einmal, wie sie die Miete zahlen sollten, verkündete Morya, dem Künstler sei es aufgetragen, »Russland zu führen. Ich beschütze Euch mit meinem Schild. Urusvati, der Lehrer, kennt die Entscheidung der Bruderschaft. Jedem von Euch ist eine Arbeit aufgegeben. Neue Fahnen werde ich Euch rechtzeitig geben. Ich werde Euch die Macht geben, ein neues Russland zu bauen.« Und reichlich dunkel hieß es am 12. November, wenn sie, die Roerichs, Russland in der Wüste aufbauten, dann werde die Bruderschaft den Herrn offenbaren.
»Weise wird der Plan der Entwicklung der neuen Rasse entschieden. Ihr seid auch in ihm. Unsere Macht benötigt Arbeiter, die den Weg Russlands sehen. Roerich erklärt die Wichtigkeit der Idee, Urusvati gibt die Bücher für den Weg.«
Diesen fantastisch anmutenden Plänen der Bruderschaft stand ein grauer, ziemlich hoffnungsloser Alltag gegenüber. Ein Alltag, der sich gleichfalls in den Aufzeichnungen der Worte Moryas spiegelte. Am 15. Mai 1920 antwortete er auf die Bemerkung Nikolais, dass er sich schlecht fühle, mit dem weisen Satz, die Müdigkeit des Körpers führe oft zum Schlechtfühlen des Geistes, und auf die Frage, welches Gegenmittel es gebe, sagte Allal Ming: »In mein Land zu reisen. Ich muss dir die Errungenschaften deines Geistes zeigen, um dich zu erheben. Wenn du bittest, gebe ich dir vielleicht den Stein.« Mit dem Stein war, wie sich zwei Jahre später erweisen sollte, nichts anderes als der »Stein der Weisen« der mittelalterlichen Alchemisten oder der »heilige Gral« aus Roerichs Lieblingsoper »Parsifal« gemeint.
Fünf Tage später hatte Allal Ming für den noch immer niedergeschlagenen Nikolai eine Botschaft von Richard Wagner, der sich auf Deutsch aus dem Jenseits meldete: »Sei kräftig, mein geliebter Meister, ich halte Wacht. Ich gebe dir meine Vollmacht.«
Und so ging es weiter. Die folgenden eineinhalb Jahre rissen die ermunternden Botschaften nicht ab. Am 21. Mai versprach Allal Ming ein »glückliches, wunderbares Leben. Dies darf aber keinem Zweifel unterliegen. Ich werde die Verzweiflung besiegen.« Am 3. Juni verkündete er die »reine Freude« und »dass jemand in Madison ein Bild kaufen wird«. Drei Tage später erfuhr Nikolaj Roerich, er solle keine Angst haben, sich zu verschulden, der »Lehrer« kümmere sich um ihn.
Und immer wieder ging es um Roerichs Bilder, die sich gerade auf Tournee durch die USA befanden. Am 4. September riss er sich sogar zu folgender Prophezeiung hin: »Jetzt richtet eure Aufmerksamkeit auf die Ausstellung und auf die Geldmittel für die Abreise. Sobald die Mittel aufgetaucht sind, wird es euch gelingen, die Schule zu eröffnen.«
Am 4. Oktober war Allal Ming vorsichtiger: »Ich glaube, dass ihr es nach Chicago mit dem Geld leichter haben werdet. Ihr könnt ruhig meinen Worten glauben.«
Am nächsten Tag stand im Tagebuch: »Ihr werdet sehen, wie das Geld kommt. […] Überlasst das mir. Ich glaube, bei der Ausstellung wird ein Bild verkauft werden.«
Doch die Lage wurde nicht besser. Am zehnten Dezember heißt es: »Ihr habt es richtig gemacht, den Schuldschein zu unterschreiben. Ihr braucht euch nicht zu beunruhigen, Roerich soll nach Chicago fahren. Ich denke, wegen des Geldes braucht ihr keine Nerven zu verlieren.«
Im Februar 1922 war ein Tiefpunkt erreicht. Allal Ming verkündete: »Urusvati braucht ein Kleid. Urusvati braucht einen Hut. Die Schüler des Meisters sollen ihre Not nicht Fremden offenbaren, sie nicht in die Probleme des Lebens einweihen, das ihnen [den Roerichs] aufgegeben ist. Selbst in schwierigen Zeiten werdet ihr siegen, und das ist keine Lüge, sondern die Wahrheit. Eure Arbeit wird mit irdischem und himmlischem Geld bezahlt werden. Man soll den Kopf hochhalten – die Welle der Freude kann jetzt näher kommen. Ihr müsst jetzt nicht mehr sehr lange Wachsamkeit und Geduld beweisen.«156
Es wäre verwunderlich, wenn Nikolai Roerich keine Zweifel an Allal Ming gekommen wären. Selbst für einen Mann, für den es, wie der Politiker Gessen notiert hatte, »zwischen abstrakten Überlegungen und der Wirklichkeit, zwischen Legende und Realität« keine Grenzen gab, musste sich irgendwann eine Kluft auftun. Und sie tat sich auf. Indirekt kann man dies aus den Aufzeichnungen schließen. Nikolai Roerich, der sein in Petersburg zur Genüge erwiesenes Talent, sich mächtige Gönner zu verschaffen, keineswegs vergessen hatte, versuchte eben dies auch in New York. Nur hatte er es in New York nicht mit Kunstliebhabern aus dem Hochadel und der Zarenfamilie zu tun, sondern mit den Nachkommen der »robber barons« des 19. Jahrhunderts, den Vanderbilts, Morgans, Goodriches und, ganz oben, den Erben des legendären Rockefeller. In diese erlesenen Kreise zu gelangen war nicht einfach.
Allal Ming versprach Unterstützung. Zum ersten Mal am 19. Mai 1921: »Ich werde Euch von dem trockenen [sic] Rockefeller Hilfe zukommen lassen. Hier winkt das Glück, habt die Kraft, es zu ergreifen.« Und am nächsten Tag wurde Morya noch konkreter: »Ich beeile mich mit Rockefeller. Ich halte es für nötig, eine Schule mit dem Namen Rockefeller zu gründen. Man soll um eine Summe von nicht mehr als $5000 bitten.«
Durch welchen Rockefeller den Roerichs mäzenatische »Hilfe zukommen« sollte, ist leider nicht bekannt, aber dass sich die Roerichs an einen der Rockefellers wandten, davon ist sicher auszugehen. Denn am 9. Juni teilte Morya abends mit:
»Ich freue mich über den Erfolg bei Rockefeller. Ich gebe Euch einen reinen Ort für die Schule.«
Doch leider kann der »Erfolg bei Rockefeller« nicht so durchschlagend gewesen zu sein, da sich die materielle Lage der Roerichs um keinen Deut besserte. Bis zum Frühjahr scheint die Hoffnung Rockefeller ad acta gelegt worden zu sein, denn der Name taucht in den Niederschriften der Botschaften Moryas nur noch einmal und reichlich kursorisch auf.157
Aber am 12. Februar 1922, und zwar um acht Uhr abends, kam eine neue Botschaft:
»Urusvati soll Lichtmann den Rat offenbaren, Fleischmann auf Rockefeller zu lenken. Die Absicht wird sich rechtfertigen.«
Wer dieser Fleischmann war, ist nicht überliefert, aber auch dies scheint vergeblich gewesen zu sein. Es folgten drei weitere, ähnlich fruchtlose Mitteilungen, um dann am 10. April mit dieser Botschaft an Helena selbst zu enden: »Urusvati, bring Roerich bei, dass er zu Rockefeller streben soll.«
Die letzte Eintragung deutet darauf hin, dass Nikolai Roerich die Geduld verloren hatte und er, zumindest in Sachen Rockefeller, nicht mehr an die Versprechungen Moryas glaubte. Auch Morya gab nun auf, und der Name Rockefeller wird lange Jahre nicht mehr genannt werden.
Doch wie stand es mit Helena und ihrer Beziehung zu Mahatma Morya alias Allal Ming? »Glaubte« sie an diese innere Stimme? Fraglos, wenn man die Aufzeichnungen durchsieht. Immer wieder findet man Belege, wie sie »mit sich selbst« spricht, aber dieses zweite Selbst als etwas Fremdes wahrnahm. Hier einige typische Beispiele:
»8. Oktober 1921 sechs Uhr abends. [Auf die Frage Helena Roerichs, wer mit ihr abends spricht?] ›Alles von mir.‹ [Warum kann sie sich nicht an alles erinnern, was gesagt wird?] ›Du wirst dich rechtzeitig erinnern.‹
27. April 1922 neun Uhr abends. […] [Auf die Bemerkung Helena Roerichs, dass sie eine Menge verworrener Phrasen hört und daher nicht sehr gut zuhören kann.] – ›Man soll zuhören, danach verstehst du. Wenn die Leitungen funktionieren, geht nichts verloren. Später wird der Apparat vervollkommnet. Man soll weniger essen. Man soll keinen kräftigen Kaffee trinken. Man soll kein Fleisch essen. Man soll keinen Spargel essen. Man soll nicht essen, wenn man müde ist.‹
28. April. […]. [Warum hört sie verschiedene Stimmen?] ›Man muss den Apparat verbreitern.‹«
Den »Apparat verbreitern«, die »Instrumente verfeinern«, das alles gehörte zu den völlig konkreten, dinglichen Vorstellungen, die Helena von der Art hatte, wie die Mahatmas mit ihr in Kontakt traten. Dasselbe galt für »Schambala«, den Rückzugsort der Mahatmas im Himalaya mit seinen »Türmen« und »wissenschaftlichen Laboratorien«. Und wie es sich für ein richtiges »Staatsgebilde« gehörte, so durfte auch eine Bürokratie nicht fehlen. Und natürlich auch nicht das Lieblingsinstrument jedes und besonders eines russischen Bürokraten: Am 15. Mai 1922, um acht Uhr abends, fragte Helena Roerich, welchen Gegenstand sie gesehen habe, der neben dem Papier hing, das Mahatma Morya gerade ansah, und bekam zur Antwort: »Den Stempel unserer Entscheidung über euch.«
Dass Helena Roerich an diese innere Stimme glaubte, schloss allerdings keineswegs aus, dass Mahatma Morya zum einen merkwürdig an ihre eigene Stimme erinnerte, und zum anderen, dass Helena gelegentlich »nachhalf«. Das Erstere, die Ähnlichkeit der Stimme Moryas mit ihrer eigenen, lässt sich leicht nachweisen. Da wären die verunglückten Ausflüge des Mahatmas in das Englische, die hin und wieder dann stattfanden, wenn Personen an den Séancen teilnahmen, die kein Russisch verstanden. Und dann die Klagen Moryas über Urusvatis Küchendienst in jener schweren Anfangszeit oder über ihre ungenügende Kleidung. Und dann auch die Bekräftigung der Autorität Urusvatis im Familienkreis. Was ihren Ehemann anging, so teilte Morya gleich am Anfang mit, wie die Rollenverteilung auszusehen habe. Er habe die Repräsentation nach außen, Urusvati die »Begründung« der Lehre.
So lesen wir kaum zwei Monate nachdem sich Morya »offenbart« hatte, am 2. Juli 1921: »Die Rolle Roerichs ist es, auf Erden ein Lehrer zu sein. Liebe mich, Roerich. Roerich soll keine Bücher lesen, er bekommt Weisheit von uns. […] Urusvati bekräftigt Roerich mit dem, was sie aus Büchern erfahren hat. Urusvati versteht es besser, Kraft aus Büchern zu schöpfen. Roerich kann mich nur mit seinem reinen Geist verstehen.«
Morya ermahnte Nikolai bei Gelegenheit auch, sich warm anzuziehen, um sich nicht zu erkälten, und immer wieder, ihn zu lieben, ihm zu vertrauen und seinen Ratschlägen zu folgen.
Schwieriger war es mit den beiden Söhnen Helenas. Der jüngere, Swetik, der noch mit den Eltern in New York lebte, nahm an den meisten Séancen gar nicht erst teil, aber auch der in Harvard studierende Juri legte bei seinen Besuchen manchmal ein Benehmen an den Tag, das Morya zu scharfen Worten reizte. So heißt es in den Aufzeichnungen der abendlichen Séance vom 24. Dezember 1921: »Den körperlichen Hunger stillst du nach dem Gebet und die Hände nehme aus der Tasche, wenn du in Berührung mit einer Kraft kommst, die vom barmherzigen Gott gesandt ist. Halte die Minuten des Gesprächs für ein Glück.« Zur Erklärung dieser doch erstaunlich irdischen Worte des Mahatma heißt es in den Aufzeichnungen: »Udraja [der esoterische Name Juris] hatte begonnen, ein Brötchen zu essen, und legte beim Herantreten eine Hand auf den Tisch, die andere Hand blieb in der Tasche.«
Dass Helena »nachhalf«, ist schwieriger nachzuweisen. Aber wie ist folgende Eintragung zu verstehen, vor allem wenn man bedenkt, dass am Vortag wieder einmal von der Niedergeschlagenheit und Verzagtheit Nikolais die Rede war: »Auf einmal sah Helena Roerich das Antlitz von M.M. [Master Morya], das das Haupt von Nikolai Roerich überdeckte. Danach erschien das Antlitz hinter dem Kopf von Nikolai Roerich, und unter der Stirn des Antlitzes, zwischen den Augenbrauen, bildeten sich blaue Fäden, die auf den Kopf von Nikolai Roerich gerichtet waren.«158 Bei dem »Gespräch« verkündete M.M. über seine Schülerin Helena: »Ich habe Euch eine Prüfung gegeben, nehmt sie an! Ich verbürge mich für meine Sache. Ich leite Euch an, die von verschiedenen Seiten Kommenden zu lehren und über ihnen das blaue Feuer zu entzünden.«
Letztlich sollte Morya über alle Zweifel triumphieren und recht behalten. Zumindest, wenn man bereit war, der ganz eigenen Logik des Mahatma zu folgen, der selbst die größten Blamagen umzudeuten wusste. Zum Beispiel die Sache mit dem Nobelpreis.
Es ging darum, dem »Propheten der Schönheit«, dem unermüdlichen Kämpfer für Bildung und Kultur und dem Verfechter eines Paktes zum Schutz von Kulturgütern im Kriegsfall den Friedensnobelpreis zu verschaffen. Zu diesem Zweck sollten die Roerichs ihre guten Verbindungen nach Paris spielen lassen, wo der Erbe Alfred Nobels lebte. In dieser Hinsicht war Allal Ming ganz praktisch veranlagt. Wörtlich teilte er am Abend des 11. Juli 1921 mit: »Man soll herausfinden, wer für die Verleihung des Nobelpreises verantwortlich ist. Ihr habt auf ihn ein Recht. Ich werde über seine [Roerichs] internationale Friedensarbeit meine Gesellschaft in Stockholm [die schwedische Theosophische Gesellschaft] informieren. Mein Geist sieht einen weltweiten Sieg durch die Verleihung dieser Prämie voraus. Für Russland ist dieser Sieg nötig. Jäger, die Sprünge des Tigers sind dir vertraut. Zwei Ehrenvorsitzende von Cor Ardens [die von den Roerichs gegründete Gesellschaft zur Förderung der Kunst] haben den Preis bekommen. [Gemeint sind Maeterlinck und Tagore, die beide den Nobelpreis für Literatur erhalten hatten.] Mein Lächeln wird neue Förderer heranziehen. Das Wunder wird im Leben durch Liebe und Anstrengung hervorgerufen. Ich denke, Ihr könnt euch entscheiden, mit allen Kräften darauf hinzuwirken.«
In Sachen Nobelpreis hatte sich Allal Ming sehr weit hervorgewagt. Noch dazu in Anwesenheit weiterer Personen wie des Russen Sak, eines Ökonomen, der bereits vor der Revolution emigriert war und als einziger Emigrant im Kreis der Roerichs über Geld verfügte. Sak sollte auf den Nobelpreis noch mit höhnischen Bemerkungen zurückkommen, was ihm den Eintrag in die bekannte Liste der Feinde Allal Mings einbrachte. Aber ein Jahr später, nachdem sich tatsächlich ein »Wunder« ereignet hatte und die Roerichs zu so viel Geld gekommen waren, dass ihnen alle Wege offenstanden, da hatte Allal Ming die Antwort bereit. Am 16. September um neun Uhr abends teilte er den Roerichs mit: »Ich habe den Friedenspreis gegeben, wie es Sak im vorigen Jahr aufgezeigt wurde. Den Nobelpreis könnt ihr für die Reise zu mir ausgeben. 40 – denke ich, ist der Vorschuss für die Bilder.159 Seht, wie sich der Vorschuss in den Friedenspreis verwandelt.«
Zwar hatte Nikolai Roerich nicht gerade den Friedensnobelpreis bekommen, aber wenn man der Logik Allal Mings, der den Nobelpreis in eine Chiffre für Reichtum verwandelt hatte, folgt, dann war seine Prophezeiung tatsächlich eingetroffen. Es war etwas geschehen, was den Roerichs in ihrer verzweifelten Lage nur als Wunder vorkommen konnte.
Kapitel 4
Die Eroberung der Neuen Welt
Das Wunder hatte einen Namen und hieß Louis Horch. Louis Horch wurde 1888 in New Orleans als Sohn eines jüdischen Einwanderers aus Elsass-Lothringen geboren und trug ursprünglich, wie sein Vater, den Namen Levy. Doch dieser starb bald nach der Geburt, und die Mutter heiratete einen Deutschen mit Nachnamen Horch und zog mit ihm und dem kleinen Louis nach Mannheim. Der Namenswechsel von Levy zu Horch wäre an sich bedeutungslos, hätten seine Feinde diesen Namenswechsel nicht später als »typisch jüdische« Camouflage ausgelegt und ihn gehässig nur bei seinem »wahren Namen«, nämlich Levy, genannt. Doch der Namenswechsel sollte erst Jahrzehnte später Bedeutung erlangen. Seine Verbindung nach Deutschland dagegen viel früher.
Als Louis Horch 18 Jahre alt war, kehrte er in die USA zurück und begann an der Wall Street zu arbeiten. Die Wall Street wurde zu dieser Zeit von Bankiers angelsächsischer Herkunft beherrscht, an deren Spitze das legendäre House of Morgan stand. In der zweiten Reihe, aber kräftig nachdrängend, standen Bankiers deutsch-jüdischer Herkunft, mit Kuhn & Loeb als wichtigstem Institut. Die Sphären waren streng getrennt. An den Eliteuniversitäten Harvard und Princeton, aus denen die Wall Street ihren Nachwuchs rekrutierte, gab es eine Quote für jüdische Studenten, die nicht überschritten werden durfte, und die exklusiven Clubs in Manhattan, in denen viele der wichtigsten Deals ausgehandelt wurden, nahmen Juden erst gar nicht auf.
Doch dafür unterhielten Kuhn & Loeb, sowie die anderen jüdischen Banken, hervorragende Beziehungen zur deutschen Industrie, die vor dem Ersten Weltkrieg gerade dabei war, die Märkte der Welt zu erobern. Nicht zu vergessen auch die zahlreiche deutsche Diaspora in den USA mit ihren deutschen Schulen, Zeitungen und Wohlfahrtseinrichtungen. Louis Horch, der akzentfrei Deutsch sprach, stieg in dieser deutsch-jüdischen Bankwelt rasch auf und wurde Teilinhaber einer auf Devisen spezialisierten Maklerfirma.
Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs kam es zu einem heftigen Tauziehen zwischen der angelsächsischen Fraktion, mit der Morgan Bank an der Spitze, und den deutschfreundlichen Bankern, die von Kuhn & Loeb angeführt wurden. Die Morgan Bank, die mit ihrer Filiale Morgan Grenfell auch am Londoner Finanzplatz bestens repräsentiert war, trat von Anfang an für den Kriegseintritt der USA ein und finanzierte Rüstungseinkäufe der Briten. Kuhn & Loeb dagegen arbeitete eng mit deutschen Vertretern zusammen, half dem Deutschen Reich wichtige Rohstoffe über Drittstaaten zu importieren und versuchte alles, um die USA neutral zu halten.
Als die USA dann 1917 doch in den Krieg eintraten, erlitt nicht nur das deutsche Vereins- und Schulwesen einen Rückschlag, von dem es sich nie mehr vollständig erholen sollte, auch die deutschfreundliche Fraktion an der Wall Street geriet schwer unter Druck.
Es gab Untersuchungen gegen Kuhn & Loeb, die das Bankhaus stark in Bedrängnis brachten und erst nachließen, als sich ihr Leiter, der in Mannheim geborene Otto Kahn, zur alliierten Sache bekehrte. Vermutlich derselbe Otto Kahn, der 1921 Nikolai Roerich einen jener Kredite gab, die der Künstler dann nicht zurückzahlen konnte. Das ist umso wahrscheinlicher, als Otto Kahn auch ein bekannter Philanthrop und Mäzen der Metropolitan Opera war.160
Andere Financiers hatten nicht so viel Glück wie die Gesellschafter des einflussreichen Bankhauses und wanderten wegen »Kollaboration mit dem Feind« ins Gefängnis.
Louis Horch war mit den Gesellschaftern von Kuhn & Loeb, wie auch mit anderen jüdischen Bankiers, die in den umstrittenen Geschäften mit Deutschland eine Rolle gespielt hatten, gut bekannt und teilweise sogar geschäftlich verbunden. Das geht aus den umfangreichen Untersuchungen des State Department in Washington hervor, das sich in den zwanziger Jahren mehrmals auf die Fährte eines weiteren Angehörigen einer »Feindnation« begeben sollte, mit dem sich Louis Horch aufs Engste verbunden hatte. Auf die Nikolai Roerichs nämlich, wobei ein »Special Agent« der Frage nachging, woher der russische Maler auf einmal so viel Geld bekommen hatte. Obgleich das State Department einige Energie darauf verwendete, dem Makler entweder eine nebulöse Verschwörung mit deutschfreundlichen Blockadebrechern aus dem Ersten Weltkrieg oder russischen Kommunisten nachzuweisen, musste man schließlich einräumen, dass es vermutlich wirklich Horch und er allein war, der den großen Geldbedarf des »Propheten der Kunst und Kultur« gestillt hatte.
Die Untersuchungen Washingtons blieben dem mehrmals befragten Louis Horch nicht verborgen, und möglicherweise auch nicht der antisemitische Tenor, der in den Unterlagen deutlich spürbar ist.161 Kein Wunder, dass Louis Horch, aus dem Ersten Weltkrieg vorgewarnt, sich in Zukunft zur strengen Konspiration bereit zeigte, was die Abenteuer seines baldigen Gurus und dessen Gemahlin anging, und es verwundert auch nicht, dass er äußerst empfindlich reagierte, als er ein Jahrzehnt später durch eben diese Abenteuer in Gefahr geriet, das Schicksal einiger seiner früheren Geschäftspartner zu teilen.
Dass Louis Horch überhaupt unter den Einfluss der Roerichs kam, ist auf den ersten Blick erstaunlich. In den Tagebüchern, die er später auf Wunsch der Mahatmas führte, erscheint er als jeglicher Fantasie abholder, grundnüchterner Zahlenmensch, der jede Ausgabe und jede Einnahme pedantisch auf den Cent registrierte. Das Einzige, was an dem großgewachsenen, dunkelhaarigen Makler originell war, war sein Gesicht. In der Stirn sah man deutlich eine Einbuchtung, die eine Schädeloperation hinterlassen hatte.
Ganz anders dagegen seine zehn Jahre jüngere Frau Nettie, die auf Louis einen ähnlichen Einfluss hatte wie Helena auf Nikolai. Sie war zwar studierte Chemikerin, aber stark an Kunst und Kultur und allem Übersinnlichem interessiert. Eine große Rolle dabei spielte der tragische Umstand, dass sie, als sie 1922 die Roerichs kennenlernte, bereits ein Kind verloren hatte und auch ihr jetziges Kind stark zum Kränkeln neigte. Für dieses wie auch die folgenden beiden Kinder sollten die Roerichs und vor allem Helena zahlreiche, aber nicht immer erfolgreiche »Zeremonien« abhalten, bei denen alle Anwesenden ihre Gedanken »konzentrierten«.
1921 gerieten die Horchs in eine Krise. Welcher Natur sie genau und was der Anlass war, vielleicht der Tod ihres ersten Kindes, lässt sich im Einzelnen nicht mehr nachvollziehen. Auf jeden Fall begann Louis Horch, vermutlich unter dem Einfluss seiner Frau, mit dem Gedanken zu spielen, die Finanzgeschäfte sein zu lassen und sein Leben sinnvoller als mit dem Anhäufen weiterer Reichtümer zu verbringen. Wie wohlhabend Louis Horch zu diesem Zeitpunkt war, ist schwer zu sagen, zu der Liga der Rockefellers oder auch nur Otto Kahns gehörte er nicht, aber er verfügte auf jeden Fall über genug Geld, um in seinem Leben nie wieder einen Finger heben zu müssen. Und auch genug, um in einem neuen Bereich tätig zu werden, der auf irgendeine Weise mit Kultur zu tun haben sollte.
Auf genauso ein Gottesgeschenk wie den neuerlich kulturbeflissenen Louis Horch hatten Helena und Nikolai Roerich sehnlichst gewartet. Bekannt wurden sie mit ihm durch Frances Grant, eine junge Musikjournalistin, die den Mitautor von »Frühlingsopfer« noch vor der Grenzkontrolle im New Yorker Hafen interviewt hatte und seitdem zum erweiterten Kreis der Roerichs gehörte.
Das erste Mal taucht der Name Horch in den Aufzeichnungen Moryas am 29. April 1922 auf. Recht unvermittelt und zusammenhanglos findet sich der Satz: »Das Gebet hilft Nettie Horch.«
Doch dann, sieben Tage später, lief Morya zu Höchstform auf. Am 6. Mai, abends um halb neun, meldete er sich in noch nie dagewesener Dringlichkeit: »Versteht zu erkennen, versteht zu erkennen, versteht zu erkennen, versteht zu erkennen, versteht zu erkennen, versteht zu er kennen, versteht zu erkennen, versteht zu erkennen, versteht zu erkennen. [Sic! Neunmalige Wiederholung im Original]. Ich fühle, er kommt, der Fang ist nötig – lasst ihn nicht aus. Ich fühle, man soll ihn auch einweihen, ich fühle, Mein Schild ist nützlich. [Wenn sie sich auf Morya bezogen, wurden besitzanzeigende Fürwörter immer großgeschrieben.] Über den Mann von Nettie Horch kann man den Weg zum Wesentlichen finden. Über den Mann von Nettie Horch kann man den Weg zum Wesentlichen finden. [Sic! Im Original zweimal]«
Irgendetwas war dem vorausgegangen. Hatte Helena Roerich durch Frances Grant von den Absichten der Horchs gehört, ihr Leben fürderhin der Kultur zu widmen? Der Ratschlag Moryas wurde jedenfalls befolgt. Wie der »Fang« eingeholt und der »Weg zum Wesentlichen«, also zum Geld von Louis Horch, gefunden wurde, auch das spiegelt sich in den Worten Moryas.
Am 6. Juli verkündete Morya selbstsicher: »Ich verbürge mich für den Erfolg. Ich verbürge mich für den Erfolg. [Im Original zweimal]. Meine Gesandten, weicht nicht vom hohen Weg ab. Es wird das Nötige kommen und es wird nicht wunderbarer sein, als das Auftauchen der Horchs.«
Das »Wunderbare«, auf das Morya hier anspielt, waren vermutlich die $2700, die Louis Horch für den Kauf zweier Bilder von Nikolai Roerich ausgegeben hatte. Die finanzielle Lage des Künstlers war so angespannt, dass er keinen Scheck, sondern das Geld gleich bar auf die Hand hatte haben wollen. Nebenbei bemerkt ein reichlich überteuerter Kauf. Zwei Jahre später erwarb Horch zwei weitere, ähnlich »bedeutende Bilder« für $375 das Stück.162
Die Beziehung der Horchs zu Morya und den Roerichs vertiefte sich. Am 13. Juli teilte der Mahatma mit, Horch solle ruhig arbeiten, es werde hundertfach vergolten werden und er habe dadurch ein besseres Schicksal in Amerika zu erwarten. Das bezog sich vermutlich auf die Absicht der Horchs, das »Master Institute of United Arts« zu unterstützen. Und auch in dieser Sache gab es Fortschritte, wie man aus dem Tagebuch von Sinaida Lichtmann erfährt. Am 22. Juli notierte sie, man hätte fünf Stunden über die Schule gesprochen und die Horchs würden Geld für die Reklame und für Zwischenwände geben. Und am 25. Juli war alles klar. Sinaida Lichtmann schrieb: »Horch gibt siebeneinhalbtausend für die Schule. Erstaunlich, wie aktiv sie und Grant sich der Sache angenommen haben, und verblüffend ihre Liebe zu der Schule. In allem ist die Hand von M., seine Liebe und Sorge um die Schule. Und wie rührend die Roerichs diese Unterstützung aufnehmen. Sie nehmen das wie ein Geschenk, das M. für seine Sache geschickt hat. Das ist keine Freude über das Geld, aber eine Verbeugung vor der Macht von M., der neue Leute für seine Schule herbeigeführt hat.«
Auch Morya wusste die Großzügigkeit der Horchs zu schätzen. Bereits am nächsten Tag wandte er sich mit einer persönlichen Ansprache an den Makler: »Du, der du ein Ohr hast! Du, der du ein offenes Auge hast! Du, der du mich erkannt hast! Heil dir! Mein Name sei dir ein eiserner Talisman! Und die Tiefen des Himmels werden dir dankbar sein! Heil dir! – Dies ist mein Wort an Horch! Schärfe den Blick, wie ein Falke, in die Ferne! – Das ist mein Rat an Horch. Ihr, meine Schüler, seid mannhaft! Seid kühn. Träumt von der Zukunft. Arbeitet und ihr werdet die Wiedergeburt der Welt erleben. Vergesst nicht das Mitleid in eurem Kampf. Versteht mich.« Und Morya sprach nicht nur durch Helena. Auch Nikolai Roerich gab er einen »automatischen« Brief ein. Und damit die Worte Moryas nicht erst mühsam übersetzt werden mussten, äußerte sich der Mahatma ausnahmsweise auf Englisch: »Denkt daran, die Kunst ist das einzige lebenswichtige Medium der kommenden Kultur.«
Am 6. August verkündete Morya, er habe Nettie Horch den esoterischen Namen Poruma gegeben, und gab noch folgende Einzelheit über die »karmische« Beziehung zu Helena Roerich preis: »Du [Helena Roerich] hast ihr das Leben gerettet, indem du sie nach der Eroberung von Putjali an die Brust genommen hast.«
Knapp zehn Tage später, am 15. August, lieh Louis Horch das erste Mal Geld an Nikolai Roerich. Immerhin $ 8000, eine Summe, die man mindestens mit zehn multiplizieren muss, damit sie der heutigen Kaufkraft entspricht. Ein Krankenhausarzt bekam damals in New York ein Gehalt von durchschnittlich 500 $ im Monat.
Die Belohnung seiner Großzügigkeit ließ nicht lange auf sich warten. Am 27. August verlieh Morya Horch den esoterischen Name Logvan und teilte weiter mit, in einer früheren Inkarnation sei er ein Sohn des ersten chinesischen Kaisers gewesen. Etwa Fujama Tsin Taos, jenes chinesischen Kaisers aus dem 3. Jahrhundert vor Christus, der eine der Inkarnationen Nikolai Roerichs war? Die Zeit könnte passen, denn bekanntlich wurde das chinesische Kaiserreich zu dieser Zeit gegründet. Aber deutlicher wurde Morya nicht, und zum Glück, so muss man sagen. Denn vermutlich hätte es sich irgendwann auch in New York herumgesprochen, dass der erste Kaiser Chinas eine der blutrünstigsten Figuren der chinesischen Geschichte war, der unter anderem die lästigen konfuzianischen Gelehrten allesamt hatte lebendig begraben lassen.
Eine weitere »Offenbarung« Moryas, die zwar nicht direkt an Louis Horch gerichtet, aber wahrscheinlich für den Liebhaber der Kunst Nikolai Roerichs gedacht war, betraf die Gemälde des Meisters. »Ich möchte den Bildern von Roerich, mit Ausnahme der Zeichnungen von Kostümen und Bühnenbildern, die Gabe der Heilung von Krankheiten geben. Vorsichtig behandelt die Bilder, die heute gemalt wurden. Das Wunder offenbare nicht, außer meinem Kreis. Urusvati, du kannst beruhigt nach New York fahren. Genug.«
Mit »genug« pflegte Morya das Gespräch zu beenden. Aber an diesem Tag muss noch einmal nachgefragt worden sein, denn die Eintragung endet mit folgenden klärenden Sätzen: »Die Bilder wirken desinfizierend. Im Falle einer gefährlichen Krankheit soll man konzentriert und lange das Auge in das Bild vertiefen.«
Am 7. September, also gleich am nächsten Tag, löste Louis Horch das dringendste Problem Nikolai Roerichs. Er bezahlte den Kredit, den die 5th Avenue Bank dem Künstler gewährt hatte, und verhinderte so die Versteigerung der Bilder, die dieser der Bank zur Sicherheit hatte übergeben müssen. Und lieh dem Auserwählten Moryas gleich noch $2500.
War das der Grund gewesen, warum Morya Urusvati versichert hatte, jetzt könne sie »beruhigt nach New York« fahren?
Was die Heilkraft der Bilder anging, so kann man nur vermuten, dass die Tochter der Horchs noch zu klein war, um ihr Auge lange »in das Bild zu vertiefen«. Und auch sonstige Ratschläge Moryas, der zwei Tage später, am 8. September, zu einem halben Teelöffel Milchpulver täglich riet, nützten nichts. Und schon gar nicht seine Diagnose, das Kind leide an einer neuen Form der Grippe, die am 10. Februar 1923 erfolgte. Drei Tage später war die Kleine tot.
Morya hatte tröstende Worte. Wie immer etwas nebulös und gewunden teilte er am nächsten Tag mit: »Meine Kinder, wenn ihr an das Entzücken des befreiten Geistes ohne Bitterkeit denken könntet, würdet ihr euch freuen und nicht weinen! Der von Bitterkeit beschwerte Geist kann sich nicht erheben. Aber das befreite Gute fliegt in den Schein des Lichts. Ich werde Schorak [Name der Tochter] 100 Tage in der Wiege bewahren. Nach der Erholung in den Saphiren des Dokiud wird Schwester Oriola einen neuen, für Poruma gedachten Kelch bewahren. Poruma ist wahrlich meines Zeichens würdig!«
Poruma und Logvan, die beide zu diesem Zeitpunkt längst über ein Bild Mahatma Moryas verfügten, das Nikolai Roerich »automatisch« eingegeben worden war, ließen sich tatsächlich trösten. Eine Woche später teilte Morya Logvan mit, dass die weiße Bruderschaft stolz auf ihn sei, und Poruma erfuhr, sie könne sich »über den Sieg freuen«. Mit dem Sieg war vermutlich die gute Aufnahme der verstorbenen Tochter im Dokiud, einer Art Jenseits der Mahatmas, gemeint.
Kapitel 5
Das Märchen und der Kreis
Nikolai Roerich jubilierte. Sein Vertrauen in Morya war belohnt worden und alle Zweifel verflogen. Die Voraussagen Moryas hatten sich bewahrheitet. Die ganze zweite Hälfte des Jahres 1922 war er in Hochstimmung. Am 5. Oktober schrieb er an seinen Sohn Juri, der inzwischen in Paris an der Sorbonne studierte: »Wir leben in einem verwickelten Märchen. Alles wächst! Jeder Tag ein Wunder!«163
Am 10. Oktober teilte er nach Paris mit, sie seien in eine Wohnung gezogen, deren Ausmaße der »Lehrer« vorgegeben habe, und wie glücklich er sei, dass er »Mama« endlich eine gute Wohnung und eine Dienstbotin bieten könne. »Überhaupt umgibt uns eine fantastische Kraft und alles ergibt sich wie im Wunder.« Verständlich, dass er nun jeden kleinen Ratschlag des »Lehrers« sehr ernst nahm. Im zweiten Teil des Briefes teilte er seinem Sohn noch mit, er habe sich erkältet, weil er nicht auf die Ratschläge des »Lehrers« gehört habe. Das bezog sich offensichtlich auf die Tagebucheintragung vom 6. Oktober. Wörtlich hatte der »Lehrer« mitgeteilt: »Ich habe bereits wegen der Gesundheit gemahnt. Heute habe ich [Roerich] vor einer Lungenentzündung gerettet.«
Am 23. April, kurz bevor er selbst nach Paris reisen sollte, schrieb er an seinen Sohn: »Hier ist es jetzt unsäglich schwer, Geld zu verdienen. Das sieht man an Muromzew, Seliwanow, Dymow, Derjuschinski und anderen. Alles was mit uns passiert, ist das reinste Wunder.«
Nicht nur Nikolai Roerich war in Hochstimmung und hatte das Gefühl, in einem »Märchen« zu leben. Das galt für den gesamten Kreis, den die Roerichs um sich bildeten.
Der Kreis, das waren, ganz wie in Märchen der Brüder Grimm, sieben Personen. Sieben Menschen, die in den nächsten Jahren all ihre Kräfte für die immer grandioseren und unwahrscheinlicheren Pläne Moryas einsetzen sollten.
Im Einzelnen waren das die beiden Horchs sowie Sinaida und Morris Lichtmann. Dazu kam Morris’ Schwester Esther Lichtmann, die seit der Jahrhundertwende in Deutschland Musik studiert, dort Krieg und Revolution erlebt hatte und erst 1921 mit Hilfe ihres Bruders in die USA gekommen war, und schließlich noch Sofie Shafran, die Mutter von Sinaida Lichtmann. Alle übrigens Juden, was nicht unbedingt zur Vergangenheit Nikolai Roerichs passte. Doch laut Morya hatte das durchaus seine Richtigkeit. Schon am 28. März 1922 hatte er mitgeteilt, dass Roerich recht habe, man müsse sich den Juden annähern, und schließlich, am 3. Oktober, verkündete er sogar, er rufe die Juden zu seiner Sache.
Die einzige Nichtjüdin im Kreis der Sieben war Frances Grant. Die gelernte Journalistin, sie hatte an der Columbia University in Manhattan studiert, stammte aus einer wohlhabenden angelsächsischen Familie, ein Onkel war Gesellschafter des Konzerns General Sugar, der zu dieser Zeit Kuba beherrschte. Sie war in Arizona aufgewachsen, wo sie perfekt Spanisch gelernt hatte. Sie war neben Nettie Horch auch die Einzige, die Englisch fehlerfrei schreiben konnte, wodurch ihr in den kommenden Jahren die Rolle der Lektorin von Nikolai Roerichs Veröffentlichungen und der Chef-Propagandistin der Sache Moryas zukam. Sie war eine energische und fähige Journalistin, aber auch so schwierig wie empfindlich. Mit ihrem vorstehenden Kinn und der untersetzten Figur war sie nicht gerade eine Schönheit. Sie blieb immer unverheiratet und setzte alle ihre Kräfte für die Roerichs ein.
Kam Grant die Vertretung Moryas und der Roerichs nach außen zu, so übernahm Sinaida Lichtmann die Vertretung nach innen. Sie war die besondere Vertraute der Roerichs und im Zweifelsfall Interpretin ihrer Worte gegenüber den Horchs, die kein Russisch sprachen. Unterstützt wurde sie in dieser Rolle durch ihre Mutter Sofie Shafran, die häufig Visionen hatte, die die Standpunkte ihrer Tochter immer wieder aufs Erstaunlichste bestätigten. Da Helena Roerich die Visionen der Sofie Shafran als von der »richtigen Quelle« kommend bekräftigt hatte, war es indirekt sie, die in Abwesenheit der Roerichs das Regiment führte.
Das Märchen, die Wunder, von denen Nikolai Roerich in dem Brief an seinen Sohn geschrieben hatte, bestanden nicht nur in dem plötzlichen materiellen Aufschwung der Familie. Es spielten sich tatsächlich Dinge ab, die geeignet waren, auch den größten Skeptiker umzustimmen. Hier kommen wir zum schlechthin Unerklärlichen, dem wirklichen Rätsel der Wirkung Moryas. Nicht seine Prophezeiungen und weisen Worte.
Es ist das, was bei den Séancen geschah, die der Kreis ab dem Sommer 1922 abhielt. Im Tagebuch von Sinaida Lichtmann kann man nachlesen, wie vorsichtig die Roerichs nunmehr mit der Zulassung neuer Teilnehmer waren. Offensichtlich sollte ein weiteres Fiasko, wie mit den emigrierten Russen, vermieden werden. Doch dann passierten Dinge, die tatsächlich jenseits allen menschlichen Verständnisses waren und die Anwesenden, aber vor allem den nüchternen Louis Horch, zutiefst beeindruckten. Nicht nur einmal, sondern immer wieder.
Als ein herausragendes Beispiel von mehreren, die man dem Tagebuch von Sinaida Lichtmann entnehmen kann, sei eine Séance genannt, die am Abend des 6. Dezember 1922 in der Wohnung der Horchs stattfand.
Sie begann reichlich konventionell damit, das Nikolai Roerich automatisch zu zeichnen begann. Vermutlich genauso oder ähnlich, wie es Schibajew aus London beschrieben hat. Der Künstler »drehte den Kopf zur Seite, bedeckte das Gesicht mit der linken Hand, hielt mit der rechten Hand den Bleistift über dem Papier und begann zu zeichnen«.
Doch weiter mit der Tagebucheintragung von Sinaida Lichtmann: »NK zeichnete einen Kelch, Schlangen und einen Ring in einem Kreis. Eine erstaunlich schöne Zeichnung und voller Bedeutung, denn uns wurde befohlen, daraus für uns alle acht Ringe zu machen und 170 Abdrücke auf Pergament mit diesem Zeichen zu bestellen und sie an Menschen weiterzugeben, die uns noch aufgezeigt werden würden. Dieses Zeichen ist dazu gedacht, Mitglieder in anderen Ländern zu erkennen.«
Dann kamen die anderen Teilnehmer der Séance an die Reihe und begannen gleichfalls automatisch zu schreiben. Als auch dieser Teil schließlich beendet war, da fing es an: »Nachdem wir alle geschrieben hatten, saßen wir in der Dunkelheit und der Tisch begann sich sehr schnell zu drehen. Als uns befohlen wurde aufzustehen, machten wir das Licht an und erblickten eine bemerkenswerte Erscheinung. Der Tisch, um den wir gesessen hatten, drehte sich mit hoher Geschwindigkeit und blieb nirgendwo hängen, obgleich er zur Hälfte auf einem Teppich stand. Als wir dann selbst versuchten, ihn zu drehen, gelang es um keinen Preis, denn der Teppich störte.«
Man könnte die Tagebucheintragungen von Sinaida Lichtmann abtun, wäre da nicht auch das Zeugnis von Louis Horch. In seinem Nachlass im College von Amherst, Massachusetts, findet man den Satz: »›Botschaften‹ kamen bei den Séancen durch das Klopfen der Buchstaben des Alphabets. Ich war bei Séancen anwesend, bei denen es zu physischen Erscheinungen kam, wie ein schwerer Tisch [im Original unterstrichen], der durch die Luft (weit über dem Boden) flog.«164
Ebenfalls in Amherst, in einem kleinen, typisch amerikanischen Familienhaus, das Oreole Feshbach, der nunmehr achtzig Jahre alten Tochter der Horchs, gehört, steht ein massiver, kaum anzuhebender Mahagonischreibtisch, an dem Louis Horch Anfang der zwanziger Jahre seine Korrespondenz erledigte. Als Oreole irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Vater fragte, wie er so fest an die Roerichs habe glauben können, zeigte der ehemalige Makler auf diesen Tisch und erklärte, er habe mit eigenen Augen gesehen, wie dieser durch die Luft geflogen sei. Danach habe er begonnen, an die Roerichs zu glauben.165
Ähnlich unerklärliche Phänomene sind nicht nur von Louis Horch und Sinaida Lichtmann und nicht nur vom Anfang der zwanziger Jahre überliefert. Im Tagebuch von Esther Lichtmann, das sie von 1929 bis 1934 führte, findet man gleichfalls eine Reihe von außerordentlichen, völlig unerklärlichen Begebenheiten. So am 12. April 1929, als sich der Tisch aus dem Zimmer in das nächste bewegte und schließlich sich sogar umdrehte, so dass die Füße nach oben standen.
Diese Phänomene gingen mit einer Atmosphäre freudiger Erwartung einher. Morya verkündete, die Bruderschaft werde die Herrschaft in Russland übernehmen und Nikolai und Helena Roerich seien auserwählt, bei der kommenden Transformation des Landes, ja der ganzen Welt, eine entscheidende Rolle zu spielen. Die Zeit sei gekommen, da die Bruderschaft mittels des Künstlers und seiner Frau ein neues Zeitalter einleiten würde.
Als Esther und Morris Lichtmann fragten, ob man nicht die alten Eltern aus der Ukraine holen sollte, teilte Morya am 18. Januar 1923 mit, die Eltern sollten bleiben, wo sie seien. »Ich selbst werde allen die Staatsbürgerschaft geben. 24 – Ich habe die Frist gesetzt. Schreibt dem Vater, dass Russland bald ein besserer Ort sein wird.«
Morris Lichtmann, ein gläubiger Jude und genauer Kenner des Talmud und der Kabbala, glaubte Morya aufs Wort. 1923 verfasste er eine Schrift, in dem er das baldige Kommen des Messias voraussagte. Als sie erschien, wurde der Mahatma von den Roerichs, die sich gerade in Frankreich befanden, nach seiner Meinung gefragt. Doch Morya hatte nichts einzuwenden. »›Verurteilt nicht Avirach [esoterischer Name von Morris Lichtmann], der Nutzen des Artikels überwiegt den Schaden.‹ (Erhielten den Artikel über den Messias, und wir erschraken uns ein wenig – ist er denn nicht vielleicht zu früh geschrieben worden?) Ich sah Menschen, die ihn mit Tränen gelesen haben. Besser wegen der Tränen die Schmälerung ertragen. Urusvati versteht die Heldentat. Den Gois soll man den Namen nicht zeigen, aber den Wartenden, denke ich, kann man.«166
Der ganze Kreis, und auch der anfangs eher zurückhaltende Louis Horch, teilte die Hochstimmung, die Heilserwartung, die Morris Lichtmann in seiner Schrift ausgedrückt hatte. Ab Mitte September 1922 – Frances Grant zusammen mit Nettie Horch sogar noch zwei Monate früher – begannen alle Teilnehmer der Séancen oder, wie es im Kreis hieß, der »Gespräche« mit Morya, automatisch zu schreiben. Frances Grant und die Horchs auf Englisch, das Ehepaar Lichtmann und Sofie Shafran auf Russisch und Esther Lichtmann auf Deutsch. Diese Niederschriften, die den Jüngern der Roerichs als heilig galten, sind sämtlich noch vorhanden. Verblüffend ist, wie sehr sie sich – und egal in welcher Sprache – untereinander ähneln und wie sehr sie in Duktus und Inhalt den automatischen Schreiben Nikolai Roerichs und den durch Helena übermittelten Botschaften Moryas entsprechen. Man findet hier dieselbe Verwendung biblischer Ausdrücke, den feierlichen Ton und sogar die gleichen konkreten, aber völlig utopischen und irrealen Prophezeiungen.
Den Anfang machte Frances Grant. Am 7. Juli 1922 schrieb sie: »M. hört deine Pläne und billigt sie. K.H. und M. sind einverstanden. Sei unbeirrt in deiner Hingebung, viele sind gescheitert. M. wird deinen Plänen helfen. Die Zukunft wird die Ergebnisse deiner Hingebung zeigen. M. und K.H. vergessen nicht. […] Meine Krieger tragen das Banner des Erzengels Michael. Und sie werden die Dunkelheit aus den Seelen der Menschen verbannen.«
Die Nächste war Nettie Horch, der M.M. (Master Morya) folgende Sätze eingab: »Die Liebe sei dein Leitfaden. […] Deine Worte kommen von mir. Hab Vertrauen in Mich [im Original großgeschrieben]. Zwischen den Arbeitern soll Einigkeit sein. [Gemeint sind die Mitglieder des Kreises]. Sei freundlich zu allen. Du wirst deine Aufgabe in der Zukunft bekommen. Habe Geduld.«167
Ab dem 19. September schrieben dann alle, die bei den Sitzungen mit Morya anwesend waren, welche mindestens einmal die Woche und manchmal auch öfter stattfanden. Besonderen Reiz haben die Botschaften, die Esther Lichtmann auf Deutsch bekam, da in ihnen noch die Ausdrucksweise der zwanziger Jahre mitklingt. Auch hatte Esther Lichtmann eine poetische Ader. Während sich M.M. bei Nettie und Louis Horch mit eher nüchterner Prosa ausdrückte, fand er bei Esther zu schwärmerischer Höchstform.
»Und die Decke zu niedrig und nicht genug Raum für alle Suchenden. 1924. Die Übergangsstufe wird zum Tempel führen und hoch wird der Tempel sein. Du Roerich [im Original das Monogramm Roerichs], der Auserkorene, der überall Licht ausstrahlt, wirst der Menschheit das Tor zum ewigen Licht öffnen und gedeihen wird Deine Arbeit. Es ist sein Wille. Deine Seele ist groß und groß ist der Zweck Deines Daseins. Deine Erben sollen weiter schaffen. Erwachen beginnt. Unser Schild wird stets über Euch schweben. Segen den Versammelten.«168
Es ist vielleicht kein Zufall, dass man in den Niederschriften Esther Lichtmanns, die wie ihr Bruder Morris und ihre Schwägerin aus dem tiefgläubigen Ostjudentum stammte, immer wieder den Begriff des Tempels findet:
»Heil Euch [im Original großgeschrieben]. Heil dem Tempel. Heil den Leitern. Kein Wort soll aus deren Geiste verloren gehen. Lernt, lernt, lernt in Inbrunst und in Liebe. Unser Schild ist über Euch.«169
Und die Erwartung des Messias, dessen Kommen ihr Bruder später beschrieb, sie findet man auch in den Botschaften, die Esther Lichtmann bekam: »An die sechs Schüler. Vom Osten wird die Verkündigung des Heils der Menschheit kommen, aber das ist nicht die Gegenwart – das wird in Zukunft geschehen. In Gegenwart seien Eure Lehrer Urusvati und Fujama, die Verkünder der Wahrheit, Schönheit und wahren Kunst. Die höhere Lehre genießt. Macht Euch bereit zum Empfang derer, die zur Verkündigung des großen Loses der Welt und Befreiung des armen Menschentums gewählt sind. Machtlos werden die Verräter des Großen sein, denn der zerstörende Geist den heiligen Bau nicht zu vernichten vermag.«170
Es wäre ein Wunder gewesen, wäre Nikolai Roerich, der von Natur aus nicht zur Bescheidenheit neigte, von der Anbetung seiner Anhänger unbeeindruckt geblieben. Als Ende 1922 Pläne auftauchten, ein Museum mit seinen Werken zu eröffnen, schrieb er an seinen Sohn in Paris, dies werde das einzige Museum in den USA werden, das einem einzigen Künstler gewidmet sei.171 So wie das Museum für Rodin in Frankreich.
Tatsächlich wurde das Roerich-Museum 1923 eröffnet. Und auch noch die »Master School of Arts« und »Corona Mundi«, die zu dem bereits existierenden »Cor Ardens« hinzukamen. Das war der Anfang eines Wildwuchses an Gesellschaften, der Außenstehenden, so dem State Department und dem britischen Geheimdienst, noch einige Rätsel aufgeben sollte. Im Tagebuch der getreuen Sinaida Lichtmann liest sich die Genese so: »Die Idee und die Bezeichnung Corona Mundi sind auf erstaunliche Weise ins Leben gerufen worden. Den Gedanken einer solchen Gesellschaft hatte NK den ganzen Winter mit sich getragen, und eines Tages im Mai erzählte er EI beim Aufwachen von dem Namen und dem ganzen Plan, der ihm zweifellos von den Lehrern geschickt worden ist. Cor Ardens, ›das flammende Herz‹ – das Herz soll entflammen, als einziger Weg. ›Master School of United Arts‹ – nachdem das Herz entflammt ist, entsteht die Schule des Meisters. Corona Mundi – als Resultat dieser Schule entsteht Corona Mundi, wie das bereits MM gesagt hat: ›Ich habe die Krone gegeben. Die kosmische Schöpfung ist in allem logisch, in allem einfach.‹«
Prosaischer ausgedrückt, war Cor Ardens nicht viel mehr als ein Briefkopf, in dem der Name Roerich in Zusammenhang mit den Namen einer Reihe prominenter Persönlichkeiten wie Rabindranath Tagore gebracht wurde. »The Master School of United Arts«, war eine private Kunst- und Musikschule, wie es viele in New York gab, und Corona Mundi letztlich nichts mehr als eine Kunsthandelsgesellschaft, in die Nikolai Roerich nicht nur seine Expertise als Sammler, sondern auch seine Verbindungen in die Welt der russischen Emigranten einbringen sollte. Einige von ihnen, so der Rasputin-Mörder Fürst Jussupow, hatten einen Teil ihrer Sammlungen aus Petersburg retten können und waren jetzt gezwungen, sie zu verkaufen.
Doch die drei Gesellschaften zusammen konnten beeindrucken. Besonders nachdem Louis Horch das nötige Geld zur Verfügung gestellt hatte, um in allen wichtigen Zeitungen Anzeigen zu schalten und endlich die Räumlichkeiten der Schule zu renovieren und neue Möbel und Instrumente zu beschaffen. Noch viel mehr Eindruck machten die mystischen Bilder Nikolai Roerichs, die in der Schule aufgehängt wurden, und die Aura, die ihn und seine Frau umgab. Wie sich Louis Horch erinnern sollte, gab er sich meist wortkarg, und wenn, dann sprach er ausweichend und in jenem prophetischen, hohen und dunklen Ton, den man aus seinen Gedichten und den Worten Moryas kennt. Auch beeindruckte er mit seiner auffallenden Erscheinung, dem polierten Schädel und langen Kinnbart und seiner ernsten, gewichtigen Miene, über die, zumindest in der Öffentlichkeit, nie ein Lächeln kam.
Er kultivierte die Aura des Sehers, der Dinge wusste, die gewöhnlichen Sterblichen (noch) verborgen waren. Tatsächlich gelang ihm die Selbststilisierung so gut, dass Zeitgenossen die »asiatische Gesichtsform« eines Mannes herausstellten, den Fremde in Petersburg noch für einen Norweger oder Deutschen gehalten hatten.172
Helena Roerich, die dank des Geldes von Louis Horch endlich wieder ihrer Liebe zu einer teuren Garderobe frönen konnte, machte eine glänzende Erscheinung und nahm Außenstehende mit ihrem herrlich russisch akzentuierten Englisch ein.
In dem knappen Jahr, das von der Bekanntschaft mit Louis Horch bis zum Aufbruch der Roerichs in Richtung Tibet verging, wurde das Ehepaar mit einer Reihe von bedeutenden Persönlichkeiten bekannt. Mit Charles Crane, einem ehemaligen Botschafter in Russland und Freund des tschechoslowakischen Staatspräsidenten, der beste Verbindungen nach Washington hatte, mit Senator Borah, der ab 1925 als Vorsitzender des Ausschusses für auswärtige Beziehungen amtierte, und mit den beiden schwerreichen jüdischen Bankiers Lionel Sutro und Adolph Lewison. In der Erinnerung von Louis Horch war es gewöhnlich Nikolai Roerich, der durch seine Kunst die Verbindung zu Personen vom Kaliber eines Charles Crane herstellte. Im Allgemeinen blieb es bei dem Kauf eines Bildes und der Versicherung gegenseitiger Wertschätzung, aber hin und wieder wurde mehr daraus. Dann kam Helena Roerich ins Spiel. »Wenn ein besonders vielversprechender Kandidat am Horizont auftauchte, wurde er Madame Roerich vorgestellt, die es wirklich verstand, letzte Hand anzulegen!!! Sie sprach von Madame Blavatzky und den großen geistigen Lehrern des Ostens, mit denen sie in Kontakt sei, und wenn sie dann den Entsprechenden wieder traf, hatte sie bereits eine Botschaft des Mahatma an ihn, was gewöhnlich eine außerordentliche Wirkung zeigte.«173
Es gelang, noch einige weitere, vor allem weibliche Unterstützer der Sache Moryas zu finden. So Florentina Sutro, die Ehefrau Lionels, aber keiner sollte je auch nur annähernd so viel Geld zur Verfügung stellen, wie dies Louis Horch tat.
Von ihm flossen Unsummen Geldes, die er allesamt akkurat notierte. Im Frühjahr 1923 erwarb er am noblen Riverside Drive an der Upper West Side in Manhattan drei nebeneinanderliegende mehrstöckige Gebäude, in denen die Schule sowie das Museum untergebracht wurden. Allein für diese Gebäude gab er 300000 Dollar aus. Der heutige Wert der Immobilien dürfte 10 Millionen Dollar weit übersteigen. Dazu kaufte er »zur Einrichtung des Museums« Bilder von Nikolai Roerich, für die er bis Ende der zwanziger Jahre insgesamt 140000 Dollar ausgeben sollte. Schließlich »lieh« er dem Künstler allein bis zum September 1923 einen Betrag von über $100000.174
Da Louis Horch auch im Angesicht des Höchsten und selbst im direkten Kontakt mit den Mahatmas alte Gewohnheiten nicht lassen konnte, ließ er sich diese, wie auch alle folgenden Summen quittieren. Eine Vorgehensweise, die Helena Roerich Sorgen bereitete. Aber Morya beruhigte sie. »Ihr könnt das Geld von Horch annehmen, denn durch euch steht er unter meinem Schutz. Ihr könnt das Geld von Horch annehmen, denn ihm wurde ein Talisman gegeben. Ihr könnt das Geld von Horch annehmen, denn ihm wurde ein Schatz gegeben.«175
Kapitel 6
Dunkle Kräfte
Wie im Märchen, wo es neben dem Guten auch immer das Böse gibt, so drohte neben der wundersamen Wirkung der Mahatmas auch das Wirken »dunkler Kräfte«. Diese »dunklen Kräfte« hatten es vor allem auf Louis und Nettie Horch abgesehen. Da gab es, ganz prosaisch, die »Russen in New York«, von denen sich die Horchs fernhalten sollten, wie Morya immer wieder warnte. Und als die Horchs 1923 nach London fuhren, bekam »Fujama« (Nikolai Roerich) von Morya den Auftrag, die Horchs zu warnen, auf keinen Fall irgendetwas zu glauben, was sie dort zu hören bekommen würden.176
Die Horchs glichen einem Schatz, der auf jeden Fall zu bewahren und vor jeder Anfechtung zu schützen war. Dabei gab sich das Böse den allerunschuldigsten Anschein.
Um nur ein Beispiel zu geben, war da der Inder Bomandschi Pestondschi Wadia, ein führendes Mitglied der Theosophischen Gesellschaft, der im November 1922 nach New York übersiedelte und dort eine Abspaltung der Theosophischen Gesellschaft gründete. Eben jener Wadia, dem Schibajew 1920 die automatischen Zeichnungen Nikolai Roerichs mit den Mahatmas gezeigt und der dem Ehepaar daraufhin zu der Einladung nach Indien verholfen hatte.
Wadia, der in New York Vorträge hielt und für seine Gesellschaft bereits einige »reiche Damen«177 rekrutiert hatte, wollte natürlich auch die Roerichs wiedersehen, die in London ihm gegenüber so liebenswürdig gewesen waren.
Aber der New Yorker Wadia war nicht mehr der Mann, den die Roerichs in London kennengelernt hatten. Wie Sinaida Lichtmann in ihrem Tagebuch notierte, hatte Helena Roerich zwar einen Vortrag besucht, zu dem Wadia sie eingeladen hatte, dabei jedoch ein sehr schlechtes Gefühl gehabt, denn Wadia sei genauso gekleidet gewesen wie eine sehr unangenehme Gestalt, ein Mann, den sie einige Tage zuvor in einer Vision erblickt habe. Sie habe eine große Gefahr gespürt und werde jede Beziehung zu ihm vermeiden.
Am nächsten Tag berichtete Helena, Wadia sei beratender Priester des Pharao gewesen, als sie selbst Götzenpriesterin im Tempel der Nofretete in Ägypten war, und habe ihr damals, aus Angst vor ihren hellseherischen Fähigkeiten, Gift geschickt. Jetzt habe Wadia sie wiedererkannt und sie müsse sich vor ihm hüten.
Wahrhaftig, Wadia war hartnäckig bemüht, sich an die Roerichs heranzuschleichen. Empört vertraute Sinaida Lichtmann ihrem Tagebuch an, der perfide Inder habe doch tatsächlich jemanden im Museum vorbeigeschickt, der anfragte, ob der Meister nicht dortselbst einen Vortrag halten könne. »Das bestätigt natürlich die Warnungen EIs vor den Gesandten der Feinde, die bereits vor der Türe stehen. Jetzt verfolgen Wadia und seine Clique NK und unsere Schule.«178
Sinaida Lichtmann war also gewarnt und von der Gefahr, die von Wadia ausging, überzeugt. Doch auch das reichte noch nicht. Am Abend nach dem Besuch der »Gesandten des Feindes« im Museum nahmen Helena und Nikolai Roerich Sinaida und ihren Ehemann Morris ins Gebet: »Sie sprachen mit mir und Nuzia [Morris Lichtmann] viel darüber, wie vorsichtig man mit Wadia umzugehen habe. Sie hätten seine Gefährlichkeit erst spät erkannt. Daher sollten wir vorsichtig sein. Besonders hat sie Angst um Horch, der zwar ein starker, aber sehr neugieriger Mensch sei. Und er sei in Gefahr, sollte er sich für Wadia interessieren.«179
Die Gefahr konnte abgewendet werden, und das Ehepaar Horch sollte der Sache des Meisters noch lange Zeit treu bleiben. Und doch zeigten sich schon kleine, fast unmerkliche Risse im Kreis der Roerichs. Der Grund war das Geld von Horch. Bei aller äußeren Eintracht, dem gemeinsamen »automatischen« Schreiben und den »märchenhaften« Séancen gab es Spannungen, die sich aus dem Widerspruch ergaben, dass die Roerichs zwar die »geistige Führerschaft« innehatten, sich aber letztlich nichts ohne die Geldmittel des Devisenmaklers erreichen ließ.
Diese Spannungen traten jedes Mal zu Tage, wenn Nikolai Roerich einen Schuldschein oder auch nur eine Quittung unterschreiben sollte, die Louis Horch ausgestellt hatte.
Sosehr es auch dem stolzen Nikolai Roerich widerstrebte, er musste bei jedem seiner Schritte die Reaktion der Horchs bedenken. Schließlich war er in der Hand des Maklers, sollte dieser auf der Rückzahlung der Schulden bestehen. Allein dass Louis Horch großzügig die sieben Mitglieder des Kreises als Vorstände des Roerich-Museums berufen hatte, bot einen gewissen Schutz.
Verständlich, dass die beiden Roerichs von Anfang an einen inneren Abstand zu Louis Horch und seiner Frau hielten. Dieser durfte aber nie gezeigt werden, wollten sie nicht die Aura, die die Roerichs in den Augen der Horchs hatten, gefährden. Das verband Nikolai und Helena Roerich mit dem Ehepaar Lichtmann, das, was das Geld von Louis Horch betraf, genau in derselben Lage war. Auch für diese beiden hatte sich ein »Wunder« ereignet, das zwar um eine Dimension kleiner war, was die involvierten Summen betraf, aber angesichts der bescheideneren Ansprüche des Musikerpaars doch nicht weniger »märchenhaft«. Die Lichtmanns, die bisher in einem Keller gehaust hatten, zogen noch 1923 in eines der Häuser um, die Louis Horch am vornehmen Riverside Drive gekauft hatte, und bezogen dort eine Wohnung, für die sie keinen Pfennig Miete zahlen mussten. Auch konnten sie fünfzig Prozent der Einnahmen ihrer Schüler für sich selbst behalten, und dazu erhielten sie monatlich ein ordentliches Gehalt von 200 Dollar. Man tritt Sinaida Lichtmann wohl nicht zu nahe, wenn man es für keinen Zufall hält, dass ihr Tagebuch und ihre volle Ergebenheit den Roerichs gegenüber in genau dem Moment begann, als Louis Horch für die Sache gewonnen wurde. Das »Wunder« dürfte auf Sinaida eine ähnlich starke Wirkung wie auf Nikolai Roerich gehabt haben.
Eben weil die Lichtmanns, und in erster Linie die tonangebende Sinaida, in einer ähnlichen Lage waren, genossen sie das besondere Vertrauen des Künstlers und seiner Frau und wurden regelmäßig in die Befürchtungen und Überlegungen eingeweiht, die die beiden hinsichtlich der Horchs hegten.
Exemplarisch dafür sind die Anweisungen, die an Sinaida Lichtmann ergingen, als die Roerichs im Mai 1923 zum ersten Mal die USA verließen. Die erste Regel lautete, Horch nie offen zu widersprechen. »Sollte Horch auf irgendetwas bestehen, und sei es Blödsinn, sollten wir immer etwas Unerwartetes bereithalten, womit wir ihn von seiner Position abbringen könnten. Und wenn es gar nicht ginge, dann sei es besser, zu schweigen und nicht zu widersprechen und später den richtigen Moment abzuwarten, da er sich beruhigt habe, und dann mit ihm unter vier Augen zu sprechen.«
Wenn es denn gar nicht anders ginge, dann »solle man aber klar sagen, wenn er einen ernsthaften Verstoß begehe, dass er sich daran erinnern solle, was mit denen passiert sei, die gegen die Befehle M.s verstoßen hätten. Er soll sich an den Vorfall mit dem Vizepräsidenten von Cor Ardens erinnern, der beschlossen hatte, die Befehle M.s zu ändern, und der dafür grausam leiden musste. Es hatte ein Feuer bei ihm zu Hause gegeben und er hatte sich dabei die Hände verbrannt. Oder den Vorfall mit Grunwald, der NK bedrängt hatte, als dieser in einer schweren Lage war, und sogar sein Bild auf einer Auktion verkauft hatte. Zwei Jahre später starb er in schrecklicher Armut. […] Wenn der Moment gekommen ist, dann soll er wissen, dass die Hand, die ihn beschützt, von ihm Schläge abwendet und vor Gefahren warnt, sich auch von ihm abwenden kann.«180
Tatsächlich sollte Louis auch in Abwesenheit des Gurus vor der »Hand des Bösen« und den dunklen Kräften bewahrt bleiben, obgleich Morya von der Treue der beiden nicht völlig überzeugt war. Als ihn Helena im Juni 1923 fragte, wie lange Horch dabeibleiben werde, antwortete der Mahatma: »Drei Jahre. Es reicht, wenn er nur mit dem Silber dient.«181
Ein Irrtum des Weisen aus dem Himalaya, wie sich noch herausstellen sollte. Die »dunklen Kräfte« waren, zumindest in Sachen Horch, schwächer als befürchtet. Ganz anders bei den Söhnen der Roerichs.
Die beiden waren grundverschieden. Der ältere, der 1902 geborene Juri, war verschlossen, ernsthaft und ein hochbegabter Linguist. 1922 hatte er bereits ein Jahr Studium in London absolviert, eines in Harvard und war im Herbst nach Paris gegangen, um dort an der Sorbonne weiterzustudieren. In diesen Jahren eignete er sich Sanskrit und Pali an und legte die Grundlage für die Beherrschung des Chinesischen, Tibetischen und sogar des Mongolischen. Er nahm seit 1920 an den Séancen der Eltern teil und glaubte von Anfang an Mahatma Morya. Allerdings hatte er, und dieser Umstand sollte noch Auswirkungen haben, seinen eigenen, ganz persönlichen Draht zu dem Mann im Himalaya und war seit langem darin geübt, automatisch zu schreiben. Doch bevor es zu den Problemen mit Juri kam, die sogar die Pläne Moryas in Gefahr brachten, gab es Ärger mit dem zweiten Sohn Swjatoslaw. Bei ihm liefen die »dunklen« Kräfte zur Höchstform auf.
Swjatoslaw oder Swetik, wie er im Familienkreis hieß, was das genaue Gegenteil seines zwei Jahre älteren Bruders. Er war ein echter Künstlertyp, ein Dandy, der gern mit seinen Freunden trank, und ein Verehrer schöner Frauen. Er hatte keinerlei Sinn für Geld, das ihm zwischen den Fingern zerrann, war aber ein talentierter Künstler, der anders als der Vater nie eine besondere Neigung zur Landschaftsmalerei zeigte. Swjatoslaw war ein begnadeter Porträtist und Zeichner von Tänzerinnen, die es ihm auch in seinem Liebesleben angetan hatten. Die Beziehung zu seinem Vater, bei dem unterschwellige Konkurrenz eine Rolle spielte,182 war kompliziert, aber er war der Liebling seiner Mutter, wie diese einmal Sinaida Lichtmann gestand. Und das, obgleich Swjatoslaw von allen Familienmitgliedern auch die schwierigste Beziehung zu Morya hatte. Wie schwierig, das war ein wohlgehütetes Familiengeheimnis, denn es hätte kein gutes Bild abgegeben, wenn ausgerechnet einer der Roerichs es an Verehrung für Morya hätte mangeln lassen. Aber wie man den Aufzeichnungen der Worte des Mahatma entnehmen kann, war dies zweifellos der Fall.
Die erste Erwähnung Swetiks im »Tagebuch« findet sich am 19. März 1920, als die Mitteilungen sofort aufhörten, sobald die Schritte des 16-Jährigen zu hören waren. Am 22. Mai verkündete Morya: »Der Sohn stört, der Sohn will sein Karma verderben – kann sein, er beginnt ein nichtswürdiges Dasein.« Am 5. Juni hieß es sogar wörtlich: »Swetik soll nicht sitzen, Swetik kennt mich nicht. Swetik ist mir fremd.« Am 15. Juni musste Morya, den Helena offensichtlich um Rat gefragt hatte, bekennen: »Es ist schwierig, Swetik aus dem Brunnen zu holen. Aber mein Karma hilft ihm.«
Und so ging es weiter. Am 3. September orakelte Morya, der Fleiß werde später bei Swetik auftauchen, und am 23. Dezember meinte er zuversichtlich, Ljumou [esoterischer Name von Swjatoslaw] sei sein Schüler, der schon noch zu ihm kommen werde. Doch es wurde nicht besser. Ganz im Gegenteil. Eineinhalb Jahre später, am 1. September 1922, ist im Zusammenhang mit Swjatoslaw zum ersten Mal von »dunklen Kräften« die Rede, die unter dem Anschein der Freundschaft in das Haus eindringen würden, und am 6. September konstatierte Morya, die »Dunklen« versuchten Ljumou in Besitz zu nehmen und man müsse »ihn vor der Meute bewahren«.
Geradezu dramatisch dann die Eintragung vom 5. November 1922, elf Uhr morgens: »In der Nacht vom 3. auf den 4. November hatte ich die Vision eines Rosenkreuzers, die von schrecklicher körperlicher Furcht begleitet war. Bei völlig ruhigem Bewusstsein hörte ich: ›Er ist bereits im Haus.‹«
Morya kommentierte den Traum mit folgenden Worten: »Natürlich, bei euch ist Krieg im Haus. Aber wir wenden den Angriff zu eurem Vorteil. Der innere Kampf reinigt Ljumou.«
Es wurde leider nichts aus der inneren Reinigung Ljumous. Und auch vor dem Kreis ließen sich die Probleme nicht mehr verbergen. Als Erste wurde natürlich die getreue Sinaida informiert. Am 23. November 1922 notierte sie in ihr Tagebuch, Helena Iwanowna habe jetzt großen Kummer mit Swetik, der unter dem Einfluss eines gewissen Dukelski stehe, der ein sehr unangenehmer junger Mann sei. Und wie unangenehm und bedrohlich die Freunde Swetiks waren, davon zeugt ein Eintrag knapp zwei Wochen später. »EI [Helena Roerich] fühlt sich schlecht. Vor zwei Nächten hat sie nachts gesehen, wie schmutzig-rote und graue unangenehme Wolken vor ihr auftauchten und alles bedeckten. Vor dem Hintergrund dieser Wolken sah sie eine Ansichtskarte, auf der irgendetwas mit gotischen Buchstaben geschrieben war. Das war natürlich von dem Feind und seinen Gesandten, die in ihr Haus eingedrungen sind. Dukelski, Danilow, Radyar, die mit Swjatoslaw eindringen und die ganze Zeit zu Hause herumsitzen. Sie haben einen sehr schlechten Einfluss auf Swjatoslaw. Ihr wird direkt schlecht von ihrer Anwesenheit, so stark wirken ihre Auren. So wirkt unser gemeinsamer Feind auf uns. Als gestern EI zum Fenster im Schlafzimmer ging, um es zu schließen, ist sie fast aus dem Fenster gefallen, und das im siebten Stock. Zum Glück steht auf dem Fußboden ein kleiner Koffer mit den Büchern des Meisters, an dem sie aufgehalten wurde und der sie rettete.«183
Wenn man all das liest, könnte man denken, der arme, unerfahrene Swetik sei in die Hand von Gangstern gefallen. Oder zumindest von Anhängern der schwarzen Magie. Speziell Dukelski wird nicht nur im Tagebuch der Sinaida Lichtmann, sondern auch in den Aufzeichnungen der Worte Moryas mit den denkbar schlimmsten Bezeichnungen belegt. Am 18. Dezember 1922 wurde gar mitgeteilt, Dukelski habe früher Konrad gedient.
Konrad, das war ein Alchemist und Helenas gefährlichster Feind, der ihr zuerst in einer früheren Inkarnation als Adelige aus dem Hause Darmstadt übel zugesetzt hatte. Von diesem Zeitpunkt an hatte der Alchemist ihr immer wieder, gleich welche Inkarnation die Vertraute Moryas gerade durchlief, Böses zugefügt. Dem Freund ihres Sohnes eine »karmische« Verbindung mit Konrad zuzuschreiben hieß, die denkbar schlimmste Verdammung auszusprechen. Zweifelsfrei hat dieser auch heute noch, zumindest was einige ihrer Anhänger in aller Welt betrifft, ein kleines Plätzchen im beeindruckenden Pantheon der Feinde der Roerichs.
Nun ist aber der frühere »Diener Konrads« keineswegs nur fanatischen Anhängern der Roerichs ein Begriff. Auch Musicalliebhaber in aller Welt kennen ihn bis heute. Jedoch nicht als Wladimir Dukelski, sondern unter dem Namen Vernon Duke, als der der russische Emigrant in den zwanziger und dreißiger Jahren große Erfolge am Broadway feierte. Vermutlich stammten auch die anderen »Feinde« Helenas aus der Welt des Broadway. Zwar ist Näheres zu Danilow und Radyar nicht überliefert, aber im Zusammenhang mit Swjatoslaw – und ähnlich ablehnend – taucht auch der Name des russischen Emigranten Adolf Bolm auf, einer der bedeutendsten Balletttänzer seiner Zeit. Und schließlich ist da noch Ruth Page, eine der größten amerikanischen Tänzerinnen des 20. Jahrhunderts, die gerade am Anfang ihrer Karriere stand. Sjwatoslaw war heftig in sie verliebt und schickte ihr in einem knappen Jahr nicht weniger als 150 Briefe.184 Auch hatte er ihr, zumindest indirekt, seinen ersten großen Schub als Künstler zu verdanken, denn um ihr Herz zu erringen, entwarf er eine große Zahl von Kostümen und Bühnenbildern.
Wie Helena zu der Verliebtheit ihres Sohnes stand, ist nicht überliefert, aber zumindest findet man in den Aufzeichnungen der Worte Moryas keine bösen Worte über die Tänzerin. Dafür Spuren eines der seltsameren Projekte, die Morya in Angriff nahm. Die Umerziehung Swjatoslaws nämlich, um die Helena den Mahatma gebeten hatte. Wann genau sie ihren Anfang nahm, ist nicht ersichtlich, aber aus den Anfragen, die Helena betreffs des »Fortschritts« stellte, kann man schließen, dass sie irgendwann in der zweiten Hälfte des Jahres 1922 begonnen hatte. Doch Sjwatoslaw war ein schwerer Fall, und am 27. Dezember verkündete Morya, er habe entschieden, ihn wieder abzugeben. Er riet aber den Eltern noch, »ihn hart anzupacken«.
Grund für das »harte Anpacken«, war irgendeine »unangenehme Geschichte«, in die Swjatoslaw durch den gleichaltrigen Dukelski geraten war, wie man aus dem Tagebuch Sinaidas erfährt.185 Was das für eine »unangenehme Geschichte« war, ist leider nicht bekannt, aber möglicherweise war sie erst durch Anstrengungen der Roerichs ans Licht gekommen. Im Herbst 1922 nämlich hatte Louis Horch auf Bitten der Eltern ein Detektivbüro angeheuert, das den ungeratenen Sprössling beobachten sollte.186
Wie auch immer, Helena Roerich sprach für Dukelski ein Hausverbot aus und die Lage beruhigte sich. Zur Jahreswende 1922/1923 zeichnete Swjatoslaw sogar automatisch im Familienkreis, und zwar einen brennenden Tempel. Alle waren auf das Höchste entzückt, als man am 2. Januar 1923 in der New York Times lesen konnte, das Goetheanum Steiners in Dornach sei abgebrannt. Swjatoslaw hatte offensichtlich seherische Fähigkeiten bewiesen. Um den »Tempel« Steiners war es in den Augen des Kreises auch nicht schade, denn, wie Sinaida Lichtmann in ihrem Tagebuch notierte, »wir alle denken, dass Steiner begonnen hat, seine Macht und seine Kraft zu missbrauchen«.187
Aber die wiedergefundene Harmonie hielt nicht an. Bald musste Morya in Sachen Swjatoslaw erneut um Rat gefragt werden, und aus der Eintragung vom 10. April 1923, in der konstatiert wird, Dukelski habe Nikolai Roerich einen »Idioten« genannt, lässt sich folgern, dass der Sohn seinen alten Umgang wieder aufgenommen hatte.
Bis 1931, als Swjatoslaw einen Skandal verursachte, der ihm keine andere Wahl mehr ließ, als sich in die Umarmung seiner Mutter und »Moryas« zu flüchten, war er nur ganz am Rand in die Pläne des Mahatma involviert.
Ob und wie sehr er überhaupt an ihn glaubte, ist eine delikate Frage. Aber sollte er nicht an ihn geglaubt haben, so ließ er darüber nie ein Wörtchen verlauten; und er tat gut daran. Denn auch Swjatoslaw lebte während der zwanziger Jahre vom Geld Louis Horchs. Genau darauf spielte seine Mutter an, als sie ihm am 1. August 1925 aus Indien, vor der dreijährigen Expedition durch Asien, einen langen, mahnenden Brief schrieb: »Höre allem gut zu, was bei den Lichtmanns gesagt wird, die Deine wahren Freunde sind, die sich niemals von Dir abwenden werden. Und beleidige und verachte nicht, was sie schätzen. Mit den Horchs sei vorsichtiger, denn ihnen fällt es schwerer, viele Deiner Handlungen zu verstehen und zu entschuldigen. Du darfst Ihre Verehrung für uns nicht ins Schwanken bringen, erinnere Dich an Deine Verantwortung. Für die Verwirklichung des Planes ist die vollkommene Standhaftigkeit Logvans und Porumas erforderlich, und auch für Dein Wohlbefinden. Begreife das, mein Lieber.«188
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