Kitabı oku: «Die kühle Blonde. Erster Band»
Ernst von Wolzogen
Die kühle Blonde
Erster Band
Bersiner Sittenbild in zwei Bänden
Saga
Erstes Kapitel.
Nach dem Theater.
Die Vorstellung im „Deutschen Theater“ war zu Ende. Wagen auf Wagen rasselte durch die enge Durchfahrt nach der Schumannstrasse, und auf dem schmalen Bürgersteige drängten sich die Fussgänger. Ein frostiger Wind trieb ihnen einen feinen Regen ins Gesicht, welcher, trotzdem man sich noch im Oktober befand, schon mit einigen vorzeitigen Schneeflocken vermischt war. Die Damen nahmen ihre Kleider auf, die Herren klappten die Kragen ihrer Ueberzieher in die Höhe und hatten Mühe, mit ihren Schirmdächern dem bösen Wetter Trotz zu bieten. An der Pferdebahnhaltestelle in der Karlstrasse entwickelte sich ein rücksichtsloser Kampf um den Vortritt, sobald ein neuer Wagen anhielt. Schon mehrmals hatte der kurze Bescheid des Schaffners: „Nur noch vorn Platz, meine Herrschaften!“ die drängende Menge wieder zurückgescheucht, als sich drei Menschen von dem Haufen loslösten, um die Richtung nach der Friedrichstrasse einzuschlagen. Der eine war ein grosser, starker Herr in einem langen, formlosen Ueberrock, der ein kleines, ebenso formloses Filzhütchen tief in die Stirn gezogen hatte. Dicht an seine rechte Seite geschmiegt schritt eine Dame, das Haupt durch eine Kapuze und einen schwarzen Spitzenschleier vermummt, und zur Rechten der Dame ging ein kleinerer Herr in einem kurzen Paletot, den Cylinder auf dem Kopfe, und bemühte sich, mit seinem Schirm das Gesicht der Dame vor den kalten, prickelnden Regentropfen zu schützen.
„Da haben wir’s!“ rief dieser letztgenannte ganz vergnügt, „vor dem Cirkus hält auch keine Droschke mehr! Du siehst, Cousinchen, alle Umstände vereinigen sich, um mir Recht zu geben. Es kann dir unmöglich gut bekommen, wenn du nach einem so nervenaufregenden Kunstgenuss gleich nach Hause fährst und etwa gar ungegessen zu Bette gehst. Ich wenigstens würde heute nacht kein Auge zuthun können, ehe ich nicht einen soliden Schlaftrunk zu mir genommen hätte. Ich bin, weiss Gott, als alter Theaterbesucher doch einigermassen kugelfest, aber diese letzte Scene der Adelheid — Donnerwetter, so was habe ich noch kaum erlebt! — Das nenn’ ich mit Kartätschen schiessen. So was müsste polizeilich verboten werden.“ Mit einem kurzen, nicht eben natürlichen Gelächter schloss er seine laut und fliessend hervorgesprudelte Auseinandersetzung.
Die Dame entgegnete nichts, sondern schmiegte sich nur noch enger an ihren älteren Begleiter.
Der grosse Herr hatte auch nur ein etwas unwilliges Brummen als Antwort auf den schwachen Scherz des Jüngeren bereit. Dann wandte er sich zu ihm und rief ihm über den Kopf der Dame hinweg zu: „Nu ja, nu ja, wir sind eben Provinzler, die Lori und ich. Unsereiner kriecht hinter den warmen Ofen, wenn er so unter der Traufe gestanden hat — und das braucht Zeit, bis ihm die alte Haut wieder trocken auf dem Leibe sitzt! Ihr Grossstädter schüttelt euch bloss tüchtig und fahrt ein paarmal mit dem Schnabel durch die Federn, wie die Gänse, wenn sie aus dem Wasser kommen, und dann seid ihr wieder kreuzfidel!“
„Na, höre mal, lieber Onkel —, ich danke für den Vergleich!“ lachte der junge Mann. „Aber freilich, einem Pommern darf man das nicht übel nehmen. Du kommst ja aus dem Paradies der Spickgänse — da gehört natürlich dieses edle Geschöpf zur höchsten Aristokratie der Tierwelt. Ich darf mich also nur geschmeichelt fühlen, nicht wahr?“
„Hm! Na — du weisst zu parieren!“ versetzte der Oheim vom Lande und dann fügte er hinzu: „Ich wäre dir allerdings dankbar, lieber Günther, wenn du uns zu einer anständigen echten Bierquelle führen wolltest. Ich muss gestehen, ich habe auf diese Erschütterung meines inwendigen Menschen einen kolossalen Durst bekommen. Lori, mein Kind, du hast doch nichts dagegen?“
„Wie du willst, Papa!“ flüsterte die junge Dame mit einem leichten Seufzer.
Der alte Herr klopfte zärtlich die feine, schmale Hand der Tochter, die so fest auf seinem Arme ruhte. Er beugte sich zu ihrem Ohr hinab und sagte besorgt: „Ich hätte dich nicht mitnehmen sollen, Kind, es hat dich zu sehr angegriffen.“
„Nein, Papa, nein, ich danke dir tausendmal. Es war herrlich! Es ist nur so schrecklich, gleich darauf in den Lärm hinaus zu müssen und unter die schwatzenden Menschen! Achtet nur gar nicht auf mich. Man muss sich ja an so etwas gewöhnen.“
„Das ist wahr, mein Liebling!“ erwiderte der Vater, indem er ihren Arm an sich drückte, „für dich ist das eine gute Abhärtungskur — wie der hohe Reichstag für mich!“
Fast unaufhörlich fortplaudernd geleitete der Neffe — er nannte sich Günther von Schlichting und war seines Zeichens Referendar beim Kammergericht — seinen Onkel, den Rittergutsbesitzer und Reichstagsabgeordneten Freiherrn von Drenk und seine Base Lori nach dem „Restaurant Friedrichstadt“, welches an der Ecke der Friedrichs- und Mittelstrasse, in dem Hause der Bodega-Compagnie, das mit zahlreichen Fenstern auf beide Strassen hinausgehende erste Stockwerk einnimmt.
Leonore war zum erstenmal von ihrem Vater nach der Reichshauptstadt mitgenommen worden, zum erstenmal betrat sie heute ein solches grosses Restaurant. Als die schwüle, von Tabaksqualm und Speisendunst durchsättigte Luft ihr beim Eintritt so heiss und schwer entgegenschlug, wäre sie am liebsten sogleich wieder umgekehrt. Wie alle Leute, die vom Lande oder aus der Kleinstadt kommen, hatte sie das Gefühl, als ob alle diese fremden, plaudernden und lachenden, kauenden und schluckenden Menschen an ihrer bescheidenen Person einen wer weiss wie lebhaften Anteil nähmen, und als sie ihren weiten Mantel ablegte und den Kopf von seinen Hüllen befreite, stieg ein so ängstliches Gefühl der Befangenheit in ihr auf, wie wenn sie der Mittelpunkt der unverschämten Neugier eines gaffenden Haufens wäre. Und dabei hatten doch nur einige von den Herren am benachbarten Tische flüchtig nach ihr umund aufgeblickt.
Freilich, was sich da aus dem plumpen Fahrmantel mit dem alten schottischen Muster, aus der garstigen Kapuze entwickelte, war wohl des Aufschauens wert. Lori von Drenk besass eine überaus zierliche, mittelgrosse Figur von vollendetem Ebenmass der Formen, welche ein schlichtes, aber gut sitzendes schwarzes Seidenkleid zur schönsten Geltung brachte. Ein weisser, schlanker Hals, von einem losen Tüllschleier anmutig umrahmt, nicht von einem jener militärisch steifen Stehkragen eingezwängt, trug ein zierliches blondes Köpfchen, sehr einfach und sittig frisiert.
Als sie an dem kleinen Tisch am Fenster Platz nahm, drückte einer der Herren am Nebentische rasch seinen goldnen Kneifer auf die Nase und betrachtete sie mit unbefangenster Aufmerksamkeit. Lori bemerkte es bald genug und fühlte, wie ein jähes Rot ihre Wangen überhauchte. Sie sah, wie der Herr seinen Genossen etwas zuflüsterte, wie alle sich nach ihr umwandten und wie sie dann lächelnd ihre Meinungen austauschten.
Lori war keine herausfordernde Schönheit. Ihre Züge waren weich und zart, die Nase etwas zu zierlich; Mund und Kinn überaus mädchenhaft, frisch und lieblich; die Augen gross, dunkelblau, aber still und verständig, durchaus nicht schmachtend im Ausdruck. Ein guter Beobachter konnte wohl aus dem Blicke dieser Augen herauslesen, dass Lori nicht die schwanke, willenlos hingegebene Natur besitze, welche die zarte Blumenschönheit ihres Gesichtes anzudeuten schien.
„Nun, was sagen Sie, grosser Mann, ist das nicht ein entzückendes Geschöpfchen?“ fragte der Herr mit dem goldnen Kneifer seinen Nachbarn, einen auffallend grossen Mann mit einem langgestreckten starken Kopf und einem Paar kleiner heller Augen unter der hohen Stirn.
Dieser paffte gleichgültig den Rauch seiner Cigarre von sich, warf noch einen raschen, scharfen Blick nach Lori hinüber und sagte dann achselzuckend: „Eine kühle Blonde! Es ist die langweiligste Sorte von Schönheit, die ich kenne. Ich wette mit Ihnen, dass sie den ganzen Abend über nicht einmal ordentlich lachen wird!“
„Es muss wohl wahr sein, dass die Gegensätze sich anziehen,“ versetzte der erste, indem er sich mit den schlanken Fingern, an denen mehrere Ringe mit auffallenden Steinen glänzten, durch das leicht gelockte dunkle Haar strich. „Für mich haben diese zarten Blondinen mit den ernsten Veilchenaugen immer eine grosse Anziehungskraft besessen, obwohl ich meinem verfluchten Temperament nach mich doch eigentlich gerade auf die Allerkohlrabenschwärzesten angewiesen fühlen sollte. Sehen Sie bloss, wie das Mädel rot wird, sobald sie sich beobachtet fühlt! Das ist ja rein zum Tollwerden! Ich glaube, ich mache heute nacht noch Verse!“
Der Referendar von Schlichting hatte, nachdem man dem Kellner Bescheid gegeben, seinen Zwicker sorgfältig abgerieben und nun auch seinerseits flüchtige Umschau in der Nachbarschaft gehalten.
„Du, Lori,“ wandte er sich nun an seine Base, „sieh’ mal da nach dem grossen Tisch hinter uns hinüber; da hast du einen ganzen Haufen Berühmtheiten bei einander. Der Mann da mit dem dünnen blonden Haar auf dem langen eckigen Kopf und dem unbedeutenden Schnurrbärtchen, das ist Werner Grey, der so rasch berühmt gewordene Romanschriftsteller. Die kleinen dunklen Herren neben ihm mit den anmutigen Nasen von zweifelloser Herkunft, das sind zwei unsrer gefürchtetsten Kritiker. Die spiessen einen unglücklichen Autor oder Schauspieler mit derselben Gleichgültigkeit an einem boshaften Witz auf, wie ein Junge einen Käfer auf die Nadel. Der junge Mann mit dem unordentlichen Schopf, der sich so nachlässig mit seinem Stuhl zurücklehnt, ist Joseph Kainz, den du heute so sehr als Franz bewundert hast — weisst du, der vor einer halben Stunde sich aus dem Fenster gestürzt und sich jedenfalls das Genick gebrochen hat.“
„Der? Er sieht so gleichgültig und gelangweilt aus — gar nicht, als ob ihm das nahe ginge, was er darstellt,“ sagte Lori, den jungen, von der ganzen Berliner Damenwelt vergötterten Schauspieler mit einem ihrer hellen, aufmerksamen Blicke streifend.
„O, von dem glaube ich doch, dass ihm das Feuer, das er, wenn ich mich so schroff ausdrücken darf, des Abends so vulkanisch ausspeit, auch wirklich im Busen brennt — um mich poetisch auszudrücken.“ Der Referendar kam sich sehr witzig vor und spielte lachend mit seinem Kneifer, indem er sich, gleichsam sich entschuldigend, gegen seine Base verbeugte.
Weder Vater noch Tochter verzogen eine Miene, und der Neffe, in seiner Eitelkeit als witzelnder Plauderer leicht gekränkt, zog die Brauen in die Höhe und setzte seinen Zwicker wieder auf die Nase. „Ist doch eigentlich ein reichlich öder Herr, der brave Onkel Drenk,“ erwog er innerlich — „repräsentiert die fabelhafte Species philosophischer Pisang! Man sieht ihm wenigstens die graue Abstraktion nicht an! Er ist wohlgenährt wie ein Domprobst — muss sich geradezu fett studiert haben, denn ich habe nie bemerkt, dass er für materielle Genüsse einen besonderen Sinn hätte. Und die Base Lori ist seine würdige Tochter, schön wie ein Maientag — aber zehntausend Fuss über dem Meere! Rings herum starrer Fels, keuscher Schnee — und dabei zehn Grad Kälte!“ Er lächelte fein und zupfte etwas nervös an seinem blonden Bärtchen. Schade, dass er diese seine Meinung über die Drenks nicht an irgend jemanden los werden konnte — es wäre so hübsch gesagt gewesen!
Es war ein Stillstand in der Unterhaltung eingetreten, währenddessen die drei ihre Blicke von Tisch zu Tisch wandern liessen, nach bekannten Gesichtern oder nach auffallenden Erscheinungen suchend. Als der junge Herr von Schlichting sich eben wieder mit einer gleichgültigen Bemerkung seiner Base zuwandte, beugte sich Lori über den Tisch zu ihm hinüber und flüsterte im rasch zu: „Sieh’ dich doch ’mal um! An deinem Berühmtheitentisch der Herr mit dem lockigen dunklen Haar starrt mich fortwährend an — ich finde das unanständig!“
Der Referendar warf einen flüchtigen Blick über die Schulter hinter sich und gab dann, ebenfalls im Flüsterton, lächelnd zurück: „Ei, ei, Lori, ich gratuliere dir zu deinen künftigen Triumphen. Wenn Renard dir so auffällig huldigt, dann kannst du deines Erfolges in den Berliner Salons sicher sein! Er gilt als ein grosser Kenner der Schönheit; sein Urteil wird hier von einem gewissen Kreise in allen Dingen für massgebend gehalten.“
Der Freiherr mischte sich in die Unterhaltung: „Renard?“ fragte er leise, „doch nicht der Doktor Gisbert Renard, der die famose Broschüre über Genie und Sittlichkeit geschrieben hat?“
„Genie und Sittlichkeit? Haha! Das ist gut! Ja, ja, richtig — ich erinnere mich,“ versetzte der Referendar, „gelesen habe ich die Chose nicht. Wird wohl pro domo geschrieben sein; denn ich zweifle nicht, dass er sich für ein Genie hält, wogegen es mit seiner Sittlichkeit ...“ Er zuckte die Achseln und liess den Satz unvollendet.
„Nein, da irrst du dich,“ warf der Onkel ein. „Die Abhandlung knüpfte an den Prozess Gräf an und war sehr ernst und objektiv gehalten.“
„Objektiv ist gut!“ lachte Schlichting ironisch. „O ja, er wird wohl keine Gelegenheit versäumt haben, das Thema zu studieren. Es ist noch kein Jahr her, dass ihm seine Frau durchbrannte — eine hübsche Schauspielerin semitischer Rasse — und sehr pikant!“
„Was hat das mit der Sittlichkeit des Mannes zu thun?“ fragte Lori, die klaren ernsten Augen verwundert auf ihren Vetter richtend.
Er zuckte die Achseln und warf nur die eine Silbe: „Na!“ leicht hin.
Lori strich mit ihren schlanken weissen Fingern die Serviette glatt über die Tischkante. „Ach so — du meinst, eine solche Frage dürftest du mit mir nicht erörtern. Ein Ballgespräch wäre das freilich nicht!“
Der Referendar wurde verlegen. „Das soll ein Stich sein, nicht wahr? Nun, weisst du, ich kann schon ernsthaft reden, vielleicht sogar auf Bällen, aber offen gestanden — bei aller Hochachtung vor deiner Objektivität, mein ebenso schönes wie gelehrtes Cousinchen! — ich glaube nicht, dass du aus der Provinz viel Verständnis für diese Art Leute mitbringst.“
„Diese Art Leute? Wie meinst du das?“ forschte Lori.
Der Referendar beugte sich nahe zu seiner Base hinüber und auch der Freiherr horchte auf, indem er seine grosse Hand ans Ohr legte.
„Weisst du, dieser Renard ist eine richtige Grossstadtpflanze. Er muss überall dabei sein, wo etwas los ist, sei es eine Theaterpremière, eine Kanzlerrede, ein Jubiläumsdiner, eine Eröffnungsfeier, ein denkwürdiges Leichenbegängnis oder was sonst immer. Er ist stolz darauf, zum tout Berlin zu gehören, er kennt alle Welt und wird von aller Welt gekannt, er macht allen schönen Frauen den Hof, ist mit allen grossen Künstlern befreundet, speist mit den oberen Zehntausend und kneipt in Hemdärmeln mit der Bohème, wo es so Stil ist. Er besitzt Geist genug, um mit gescheiten Leuten gescheit zu plaudern und ebenso auch die nötige Schnoddrigkeit, um die flachsten Köpfe zu amüsieren; jeder Mensch hält ihn für seinesgleichen, — er selbst glaubt sich wahrscheinlich allen überlegen und ist doch ganz befriedigt durch die Rolle, die er als Licht unter den Lichtern spielt, obwohl er im Grunde nichts weiter bedeutet, als eine von den Fünfhundert-Kerzen-Leuchtkräften, welche zusammen die grosse Bogenlampe speisen, die sich Berliner Gesellschaft nennt.“
„Hm, sehr gut ausgedrückt!“ brummte der Freiherr mit beifälligem Kopfnicken, während Lori sich nicht weiter äusserte, sondern die Gelegenheit benutzte, den Gegenstand ihrer Unterhaltung, der gerade in lebhaftem Gespräch mit dem grossen Grey begriffen war, mit kühler Aufmerksamkeit zu betrachten. Sie fand ihn gut aussehend, zum mindesten nicht gewöhnlich. Seine hohe weisse Stirn ragte in zwei schön geschwungenen Ausbuchtungen fast bis auf die Höhe des Kopfes hinauf, während in der Mitte das künstlerisch gewellte braune Haar sich noch erfolgreich gleichsam auf seinem rechtmässigen Boden festklammerte. Auf dem Hinterhaupt war, einer verwachsenden Tonsur gleich, dieser üppige Haarwuchs bereits stark gelichtet; dagegen waren die Bewegungen des Mannes so rasch und jugendlich, dass sein Alter schwer zu erraten war. Im übrigen sah sie nur das energische Profil und dass er nicht über Mittelgrösse war. Sie wandte sich mit teilnahmsvoll gespanntem Ausdruck dem Vetter wieder zu und ermunterte ihn fortzufahren durch die Frage: „Nun, und was steckt eigentlich dahinter? Was leistet er?“
„Was er leistet?“ versetzte der junge Mann mit hochgezogenen Brauen. „Je nun: er macht sich angenehm! Soviel ich weiss, ist er ursprünglich Rechtsanwalt gewesen — hat vielleicht mal irgend einem würdigen Hauptschuft durch ein glänzendes Plaidoyer über die Barriere geholfen und sich dadurch einen Namen gemacht, der ihn in der Gesellschaft günstig einführte. Von seiner Herkunft weiss ich nichts — wahrscheinlich gehört die Familie zur französischen Kolonie, denn der Mann ist unzweifelhaft mit Spreewasser getauft — du weisst doch, Onkel, bei dem richtigen Berliner hat der hugenottische Perouquier und der emanzipierte Jud’ Pathe gestanden; ein reines Produkt von Sand und Kienäpfeln ist diese Sorte nicht! — Na, also eines Tages gehört Doktor Gisbert Renard zur Gesellschaft, hat Geld die Hülle und Fülle — kein Mensch weiss, woher, sein Name taucht immer öfter in den Zeitungen auf als Mitglied eines Komitees zur Feier des vierzigjährigen Jubiläums irgend eines eitlen Mimen, des sechzigsten Geburtstages irgend eines Künstlers oder Gelehrten, als Verfasser eines launigen Gelegenheitsgedichtes oder auch einer ernsthaften Flugschrift. Man sieht ihn heute Arm in Arm mit Virchow unter den Linden spazieren und tuschelt sich morgen etwas über sein Verhältnis mit der jungen Frau Kommerzienrätin so und so in die Ohren; dann taucht er wieder in irgend einem Luxusbade als Freund einer graziösen Tänzerin auf; übermorgen hält man ihn allgemein für den Verfasser eines aufsehenerregenden politischen Artikels in den Grenzboten — plötzlich ist er zum Aerger von einigen Dutzend jungen Damen verheiratet, dann gibt es ein anmutiges Skandälchen, hier und dort ein bisschen sittliche Entrüstung über Madame oder Monsieur, je nachdem — aber jedenfalls viel Vergnügen, und schliesslich grosse Freude bei der Nachricht, dass Madame mit Hinterlassung einiger Kinder ihm davongelaufen ist! Als Anwalt praktiziert er, glaube ich, schon lange nicht mehr; aber wunderbar bleibt es doch, wozu der Mann und so viele seinesgleichen immer Zeit haben!“
Der Kellner brachte die bestellten Speisen, und während des Essens sprang das Gespräch nunmehr flüchtiger von einem Gegenstand auf den andern über. Lori beteiligte sich nur sehr wenig daran, ebenso wie sie an ihrem Gerichte nur zerstreut herumschnitt und nur winzige Bissen davon zu sich nahm, wie ein satter Vogel, der noch ein Stückchen Zucker zu picken bekommt. Sie ass wie eine vornehme Dame, welche der Sauberkeit einer öffentlichen Küche nicht traut, und handhabte das Bierglas mit einem gewissen scheuen Missbehagen. Der Vater schalt sie gutmütig aus ob ihrer Kostverachtung und der Vetter Referendar konnte sich nicht enthalten, sie ein wenig mit ihrem Provinz-Damentum zu necken. Doch sie wies Vorwürfe wie Neckerei mit der ruhigen Bemerkung zurück, dass sie nach einer heftigen Gemütserschütterung, wie sie das gewaltige Spiel des Fräuleins Pospischill als Adelheid in der Scene mit dem Vehmrichter in ihr verursacht habe, niemals viel essen könne und dass es ihr überhaupt nicht angenehm sei, unter lauter Fremden und zudem in solcher Luft zu speisen.
Der Vetter lachte: „Ich glaube wahrhaftig, Lori, dich hat die Scene stärker mitgenommen, als die Pospischill selber.“
„Ich kann nicht glauben,“ versetzte Lori, „dass eine Schauspielerin, die andern so mächtig ans Herz zu greifen weiss, selbst ganz ungerührt bleiben sollte von dem Furchtbaren, das sie darzustellen hat. Ein Weib, das ihren Gatten so schamlos hintergeht, ihn dann kaltblütig tötet und nun den Rächer in so unheimlicher Gestalt herankommen sieht — das ist etwas so Entsetzliches, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie eine Frau sich in eine solche Rolle hineinzuleben vermag!“
„Nun ja, jede vermag’s auch nicht,“ belehrte der junge Schlichting; „dazu muss eine schon ein bisschen den Teufel im Leibe haben. Einer meiner Freunde, ein vortrefflicher Musiker, klagt geradezu sein unglückliches Schicksal an, weil es ihn zu einem so rettungslos anständigen Menschen gemacht habe, — er behauptet, vom grossen Lumpen bis zum grossen Künstler sei nur ein Schritt, und die Tugend ein für allemal unproduktiv!“
Der Freiherr schüttelte den Kopf: „Wo soll das hinaus? Diese Verachtung aller Tugend, Treu und Ehrlichkeit ist auch so eine kostbare Errungenschaft unsres freimaurerisch-reformjüdischen Jahrhunderts.“
Der Referendar wusste bereits, dass der gute Oheim in seinem seltsam krausen Studiengange in jüngster Zeit zu der grossen Entdeckung gelangt war, dass für alle Niedertracht der Gegenwart einzig und allein die Logenbrüder und Reformjuden verantwortlich zu machen seien. Er wusste auch, dass der Onkel kein Erbarmen kannte und kein Ende fand, wenn man unvorsichtig genug war, sich auf dies Thema mit ihm einzulassen. Er liess daher seinen Einwand auf sich beruhen und drückte sich etwas allgemein also aus: „Ja, ja: man immer dicke durch? Wie der Berliner sagt! Nur nicht umsehen und stehen bleiben, wenn man einen unterwegs umgerannt hat; wenn man nur selbst früh genug ankommt. Rücksicht, Höflichkeit sind Lügen — nicht nur im Deutschen! Aber die Lüge ist freilich oft ein nützliches Ding.“ Er sagte das mit der wichtigen Miene des welterfahrenen Mannes, der den armen Hinterwäldler wohlwollend belehrt. „Gelt Onkel, im Reichstag lernt man auch bald genug, diesen Gassenhauer nachpfeifen! Wie gefällt es dir eigentlich in dem hohen Hause?“
Der wohlbeleibte Pommer putzte sich mit der feuchten Serviette den Bart, seufzte und sprach: „Wenn man so, wie ich, mit der Absicht hierhergekommen ist, seinem Volke Zufriedenheit zu schaffen, ehrliche Arbeit zu belohnen, widerstreitende Interessen nach Kräften zu versöhnen, dann kann es einem bald schwer ums Herz werden! Man möchte wirklich wünschen, man wäre ein Erzeinfaltspinsel oder ein Türke, mit dem Kismet bewaffnet! Na, lassen wir das lieber! Ich bin wohl auf meiner Scholle zu alt geworden und verstehe die Welt nicht mehr. Du bist ein junger Mann, Günther, ich will dir keine Illusionen rauben. Illusionen bedeuten Thatkraft — behalte das nur immer im Auge! Du bist ein guter Kopf, ein scharfer Beobachter, das erkenne ich aus allem, was du sagst. Die Zukunft hat solche Köpfe nötiger als meinen pommerschen Dickschädel! Lass dir nicht bange machen, mein guter Günther!“
Der Referendar liess seinen Kneifer von der Nase fallen und schlug in des Onkels dargereichte Rechte ein. Der brave Herr kam ihm mit seiner Manier „des Lebens Unverstand mit Wehmut zu geniessen“ recht abgeschmackt vor und er dünkte sich in seiner weltstädtischen Aalhaut dem schleppfüssig dahinwandelnden und vor jedem neuen Thore stutzenden Provinzler unendlich überlegen. Er vermochte ein etwas spöttisches Lächeln nicht ganz zu verbergen — und Loris klaren Augen war dies Lächeln und seine Bedeutung nicht entgangen.
Sie mahnte zum Aufbruch und die Herren mussten ihr wohl oder übel Folge leisten, obwohl sie gern noch eine Halbe getrunken hätten.
Gleichzeitig mit ihnen stand auch Herr Renard vom Nachbartische auf. Lori erhob die Arme, um ihren Schleier auf dem Hinterhaupte festzubinden, während der Vetter hinter ihrem Rücken den weiten Mantel, zum Umlegen bereit, ausgebreitet hielt. Renards scharfe, lebhafte Augen hingen voll Bewunderung an ihrer schlanken Gestalt, deren vollendete Formen eben jetzt ihre Haltung zur besten Geltung brachte. Das junge Mädchen fühlte unter dem Schleier, wie sie errötete, und raffte mit einer raschen, ärgerlichen Wendung den Mantel um. Das Spitzentuch, das sie vorhin über den Kopf geworfen hatte, hing jetzt unbenutzt über ihrem Arm. Sie nestelte noch an ihrem Handschuh beim Hinausgehen.
Renard verabschiedete sich hastig von seinen Freunden und eilte dann der schönen Fremden nach. Ah, welch ein Glücksfall! Auf einer der obersten Treppenstufen lag ihr schwarzes Spitzentuch. Er hob es auf, und am Fuss der Treppe angekommen, schaute er um sich und drückte, da er sich unbeobachtet sah, tief aufatmend sein Gesicht hinein. Er vermeinte den feinen, vornehmen Duft ihres Haares einzuatmen, er küsste das Tuch — und dann trat er rasch auf die Strasse hinaus.
An der Ecke der Friedrichstrasse, unter einer Laterne, holte er die drei ein. Er zog seinen Hut und sagte verbindlich: „Gestatten die Herrschaften — ein ehrlicher Finder! Ich bin so glücklich gewesen, diesen Spitzenshawl zu retten. Ich glaube, mich nicht zu irren — das gnädige Fräulein trug ihn um den Kopf, als Sie das Restaurant betraten.“
Die Baronesse nahm mit einer anmutigen Neigung des Hauptes das Tuch aus seiner Hand entgegen, während ihr Vater in ihrem Namen dankte: „Allerdings, Herr Doktor, wir sind Ihnen sehr verbunden.“
„Ah, ich habe das Vergnügen, von Ihnen gekannt zu sein!“ rief Renard stutzend.
Der alte Freiherr lupfte nochmals seinen Hut und sagte: „Wir haben ‚Genie und Sittlichkeit‘ gelesen, meine Tochter und ich, und mein Neffe, Herr von Schlichting, machte uns darauf aufmerksam, dass der Verfasser in unserer Nähe sitze. Mein Name ist Baron Drenk, Gutsbesitzer und zur Zeit Abgeordneter.“
Doktor Renard verbeugte sich gegen die ihm auf diese Weise Vorgestellten und sagte: „Von heute ab werde ich anfangen stolz zu werden auf mein bisschen Schriftstellerei, da sie mir eine solche Bekanntschaft verschafft hat. Ich hätte nie zu hoffen gewagt, dass meine trockne Abhandlung auch schöne Leserinnen finden werde.“
Wieder nahm der Freiherr für seine Tochter das Wort: „Wir sind zwei einsame Leutchen, meine Tochter und ich. Wir teilen alles miteinander, und so auch unsere Lektüre. Meine Tochter hat eine ganz besondere Vorliebe für populär gehaltene philosophische Abhandlungen und dergleichen.“
„Es macht mich wahrhaft stolz, dass es mir vergönnt war, mit meiner bescheidenen Arbeit auch einmal Ihre nachdenkende Teilnahme für einige Zeit gefesselt zu haben — das heisst wenn mir das wirklich gelungen ist!“ wandte sich Renard an das Fräulein. Er besass ein wohlklingendes starkes Organ.
„Gewiss, Herr Doktor,“ versetzte Lori, „ich habe viel nachgedacht über Ihre Ansichten; aber ich darf nicht darüber urteilen, denn an mir selbst ist nichts Geniales und von der Welt verstehe ich auch wohl nichts — besonders seit gestern.“
„Seit gestern?“
„Ja, gestern sind wir hier angekommen. Ich bin zum erstenmal in Berlin,“ erklärte Lori auf seine erstaunte Frage.
Der Referendar ergriff die günstige Gelegenheit, sein unfreiwilliges Schweigen zu brechen, indem er dem Doktor mit versteckter Ironie von dem Hauptinhalt ihrer jüngst gepflogenen Unterhaltung Andeutungen gab und besonders das Verhalten seiner Base im Theater schilderte. „Ist es nicht merkwürdig?“ schloss er: „Wir gehen aufs Land, um unsere Nerven zu stärken, und wenn diese kerngesunden Herrschaften aus der Provinz zu uns kommen, dann zeigen sie sich nervöser als unsere mattesten Badeflüchtlinge.“
„Ich glaube, Sie ziehen da einen falschen Schluss,“ entgegnete Renard. „Es ist gerade ein Zeichen der nervösen Abspannung, wenn selbst die starke Leidenschaft nicht mehr zu erschüttern, das Schöne nicht mehr zu begeistern und das Hässliche nicht mehr Abscheu zu erregen vermag. Und gerade die Kunst wird ihre Wirkungen viel stärker auf den Gesunden ausüben, als auf den Kranken. Der blasierte Mensch spottet gern der tragischen Erschütterung, weil sie ihn vor sich selbst beschämt; der Gesunde empfindet sie als einen Genuss, weil sie ihn im Glauben an das Grosse stärkt — meinen Sie nicht auch, mein gnädiges Fräulein?“
„Gewiss,“ versetzte Lori, indem sie lächelnd zu ihm aufblickte. „Das ist auch immer meine Empfindung der Kunst gegenüber gewesen. Es ist trostlos, dies gedankenlose Behagen an lauter gefälligen Nichtigkeiten, aber es ist herrlich, sich so recht als Zwerg empfinden zu dürfen, wenn die Kunst einem das Grosse einmal mit wirklicher Kraft gegenüberstellt.“
Sie waren unter solchen Gesprächen bis an die Ecke der Französischen Strasse gekommen, als ein lärmender Auftritt sie hässlich unterbrach. Vor dem Café National schlugen zwei aufdringlich modern gekleidete Damen mit ihren Regenschirmen aufeinander los. Garstige Schimpfworte flogen herüber und hinüber und erregten das rohe Gelächter des rasch anwachsenden Zuschauerkreises.
„Da haben Sie ein Gegenstück zu Genie und Sittlichkeit,“ scherzte der Referendar: „Die ungenierte Unsittlichkeit!“
Der Freiherr war mit seiner Tochter rasch abgebogen, um die andere Seite der Strasse zu gewinnen.
„Das ist abscheulich!“ flüsterte Lori ihrem Vater zu, indem sie sich fester an seinen Arm klammerte. „Wollen wir nicht eine Droschke nehmen?“
Er that nach ihrem Begehren und sie bestiegen den nächsten besten Wagen. Die beiden Herren verabschiedeten sich und Schlichting rief dem Kutscher zu: „Nach dem Askanischen Hof!“
Die Droschke rasselte davon und nun nahmen auch die beiden Herren voneinander Abschied, da der Referendar in der entgegengesetzten Richtung zu wohnen vorgab. Er ärgerte sich ein wenig darüber, dass der andere ihn so kühl behandelte und besonders seinen Witz so schweigend aufgenommen hatte. Renard bestieg nun gleichfalls eine Droschke und fuhr davon, während der junge Rechtsgelehrte die gute Gelegenheit, Berliner Sittenstudien zu machen, nicht versäumte und erst noch das Ende des Zweikampfes jener beiden Heldinnen abwartete, bevor er selber — das Nachtcafé betrat. — —
Doktor Renard pflegte um diese frühe Stunde — es war noch nicht einmal Mitternacht — sonst fast regelmässig das Café Kaiserhof zu besuchen, wo er unter den Herren von der Börse, von der Litteratur, von der Börsenlitteratur und der Litteraturbörse gleich gern gelitten war, obwohl er nicht den Vorzug hatte, sich zu den „geehrten Herren Kollegen“ zählen zu dürfen. Es war ihm heute nicht danach zu Mute, über den neuesten Witz zu lachen oder den neuesten Skandal zu glossieren; das blonde Landfräulein hatte ihn mit seinem Ernst aus der Stimmung gebracht. Er fuhr direkt nach der Drakestrasse, wo er eine mittelgrosse, höchst modern ausgestattete Mietwohnung im zweiten Stock eines neuen Hauses inne hatte.
Das Wachskerzchen, mit dem er sich die Treppen hinaufgeleuchtet hatte, brannte gerade lange genug, um ihm im Vorflur zu leuchten, bis er sich seines Ueberziehers entledigt hatte. Er zündete die Lampe nicht an, sondern warf sich in seinem dunklen Studierzimmer auf den wunderbar bequemen Schlittendiwan. Er verschränkte die Arme unter dem Kopf und schloss die Augen, um ein wenig zu träumen. Und wirklich, da stand sie vor ihm, die liebliche Erscheinung, die er hatte heraufbeschwören wollen! Gegen einen hellen Lichtkreis hoben sich die Umrisse der schlanken Gestalt plastisch ab — er sah sie mit zurückgebeugten Oberarmen, mit leicht vorgeneigtem Haupte dastehen, so wie er sie in dem Restaurant gesehen hatte, als sie sich anschickte, den Mantel umzunehmen. Aber jetzt zwang sein Wille sie, ihm stillzuhalten, wie dem Maler sein Modell. Langsam schlürfend wie ein Weinkenner, sog er das schöne Bild in seine Seele ein. Und dann, als es endlich zerflossen war, drängte ein ausgelassener Maskenzug wie aus einem geöffneten Thore aus jenem Lichtkreis heraus. Alle die Frauen und die Mädchen, die er einst geliebt oder zu lieben geglaubt hatte, tauchten hervor, suchten seine Aufmerksamkeit durch die kecksten Gebärden und die leuchtendsten Blicke zu fesseln, ohne dass doch eine den Nachdrängenden länger als ein paar Sekunden standzuhalten vermocht hätte. Keine dieser Damen vertrug es, näher gekannt zu sein, sagte sich Renard, und mit einem bösen Lächeln entliess er eine nach der andern aus seiner Erinnerung. Zum Schluss behauptete seine entlaufene Frau allein das Feld. Er suchte sie unbefangen mit kritischem Blick zu betrachten. O ja, sie war hübsch, sehr hübsch, trotz des dunklen Schattens auf der Oberlippe, trotz des etwas zu grossen, zu schwellenden Mundes. Zum zweitenmal würde er sich nicht in ein solches Gesicht verlieben; aber amüsant war sie doch gewesen, leichten schlagfertigen Geistes, Ohne je etwas Ordentliches gelernt zu haben. Man hatte ihn beneidet um die Frau, so lange, — bis man ihn bemitleidete oder auslachte! Was hatte die Frau aus ihm gemacht, aus seinem Hause, aus seiner Familie!
Er sprang auf und wühlte mit den zehn Fingern durch sein Haar, um die hässliche Erinnerung los zu werden. Dann zündete er ein Licht an und ging in sein Schlafzimmer hinüber, um sich der Stiefeln und des engen Rockes zu entledigen. Weiche rote Saffianpantoffeln an den Füssen, mit einer künstlerhaften Sammetjoppe angethan, betrat er sodann das Kinderzimmer. Er löschte das Licht, denn eine rote Ampel verbreitete hinreichende Helle in dem schmucklosen, aber netten Raume. Er beugte sich über das Bett seiner Aeltesten, eines Mädchens von sechs Jahren. Er setzte seinen Zwicker auf die Nase und betrachtete lange und aufmerksam die weichen Züge des schlafenden Kindes. Das dichte braune Lockengewirr breitete sich weit über das Kopfkissen aus. Die vollen roten Lippen waren leicht geöffnet, weisse Zähnchen schimmerten feucht dahinter. Da lachte das Kind im Schlafe auf, patschte mit der Linken laut auf das Deckbett und wandte sich auf die andere Seite.
„Du lachende kleine Meduse!“ murmelte Renard vor sich hin, indem er das Kind leise auf den dunklen Scheitel küsste! Dann trat er an das gegenüberstehende Bettchen seines vierjährigen Knaben. Der hatte sich blossgestrampelt und mit der Gelenkigkeit eines kleinen Clowns sein strammes Beinchen wie einen lieben Kameraden mit den Armen umschlungen. Das rosige Licht liess das kecke, etwas schmollende Gesicht des Bürschchens frischer erscheinen, als es in Wirklichkeit war, und mit den Wangen wetteiferten an straffer gesunder Fülle die wohlgerundeten Hinterbäckchen. Ein väterlicher, neckender Klapps auf diesen naiven Körperteil liess den kleinen Kerl zusammenfahren. Er riss die runden Augen gross auf, starrte seinen Vater mit offenem Munde an, und dann sagte er ganz klar und gemütlich: „Na, Papa, bist du auch mal da?“ und dann wälzte er sich auf den Bauch, bedeckte die Augen mit den kleinen Fäusten — und war in zwei Minuten wieder fest eingeschlafen. Sein Vater zog das Deckbett herauf und glättete es über seinem Rücken.
Die Thür zum Nebenzimmer war nur leicht angelehnt — ein leises Husten klang von dorther. Renard horchte auf, lächelte, schüttelte den Kopf und ging wieder in sein Studierzimmer zurück.
Mit dem Licht in der Hand stellte er sich vor den Spiegel und betrachtete aufmerksam sein Ebenbild: „Hm! Nun ja,“ murmelte er vor sich hin, „die Kinder haben etwas von mir! Ich will einmal eitel sein. Aber wie lange wird es dauern, da ist es aus mit dem rafaelischen Cherubtum und meine süssen Kinder sind dem Stamme Abrahams, Isaaks und Jakobs rettungslos verfallen! Es sollte mich gar nicht wundern, wenn meine eigene christliche Nase nicht auch schon einen Stich ins Prophetische bekommen hätte.“
Er betrachtete diese gefährdete Nase von allen Seiten, ohne dass er doch vorläufig etwas Beunruhigendes daran wahrgenommen hätte. Dann stellte er das Licht auf die Spiegelkonsole, zündete sich eine Cigarette an und begann einen nachdenklichen Spaziergang um das Zimmer herum. Er legte die hohe Stirn in Falten, nagte die Unterlippe, blieb stehen, paffte eine dicke Wolke durch die Zähne, fuchtelte mit den Händen herum, stiess abgebrochene Worte, halbe Sätze hervor; kurzum — er dichtete!
Jetzt schien er eine Strophe beisammen zu haben. Er nahm das Licht und begab sich damit nach dem Schreibtisch, um die Studierlampe anzuzünden. So, das war gethan! Von einem grünen seidenen Schleier bedeckt, warf sie ihr mildes Licht auf das glatte weisse Löschpapier der Schreibunterlage.
Da lag ja ein Brief mittendrauf! Renard wollte den Störenfried nach einem flüchtigen Blick auf die Adresse beiseite schieben. Das Ding konnte auch bis morgen warten. Jetzt galt es, die Muse zu schmieden, solange sie warm war — wie sein Freund Wippchen gesagt haben würde. Aber diese Handschrift? — Er nahm den Brief wieder zur Hand, setzte den Kneifer auf und betrachtete aufmerksam die Aufschrift. Poststempel Bremen.
„Himmel! Der verdammte Junge wird doch nicht etwa zurückgekommen sein!?“ knirschte der Doktor zwischen den geschlossenen Zähnen hervor. Dann riss er hastig den Umschlag ab und entfaltete den Brief.
Wahrhaftig, da stand’s:
„Lieber Bruder!
Ja staune nur! Da bin ich wieder im alten Lande. Ich konnte mir nicht helfen — es hilft Dir also wohl auch nichts! Sehr vergnügt wirst Du natürlich nicht sein, dass Du mich nun wieder hast. Aber am Ende bin ich doch gar nicht so schlimm; dumme Streiche muss jeder machen, der es einmal zu etwas bringen will. Darüber mache Dir weiter keine Sorgen! Uebrigens bist Du ja auch ein verfluchter Kerl! Wenn wir zwei uns einmal hinsetzen und uns alles ordentlich überlegen, dann werden wir schon sehen, was mit mir anzufangen ist. Also alles Nähere mündlich!
Nur noch eins: ich bin als Schiffskoch frei herübergekommen. Natürlich habe ich jetzt keinen Ueberfluss an Kleingeld. Der Wirt pumpt höchstens noch vierundzwanzig Stunden, — das sehe ich dem fetten Schufte an — mein Koffer schien ihm gleich keinen sonderlich vertrauenerweckenden Eindruck als Pfandstück zu machen. Also sei so gut und weise mir per Draht eine bescheidene und N.B. anständige Summe an. Hotel Ottmer.
Dank und Gruss zuvor von
Deinem treuen Bruder
Henri.
P. S. Deine Frau lässt Dich schönstens grüssen. Ich habe sie in San Francisco zufällig getroffen. Du übrigens — na, wir sehen uns ja bald ...!“
Renard liess sich matt auf seinem stilvollen Schreibsessel mit dem gepressten Lederbezug zurücksinken. „Nanu kann’s hübsch werden!“ stöhnte er und schleuderte dabei das brüderliche Schreiben unsanft auf den Schreibtisch zurück.
Er sann ein Weilchen nach, dann entnahm er einem Fache des Aufsatzes auf dem Schreibtisch das Fahrplanbuch und blätterte mit leicht zitternden Fingern darin herum, bis er die Strecke nach Bremen gefunden hatte. Er beschloss, am andern Morgen selbst hinüberzufahren, um mit dem Strolch, dem Henri, ein ernstes Wort zu reden. Er durfte ihm um keinen Preis nach Berlin kommen — um keinen Preis!
Zweites Kapitel.
Richtige Berliner.
Das fischzugberühmte Stralau läuft mit seinen letzten Häusern, meist Bierwirtschaften und Bootsbauereien, auf einer Landzunge aus, welche die Reichshauptstadt der hierorts gar breitspurigen Mutter Spree sozusagen in kindlichem Uebermute weit herausstreckt. Und der Spitze dieser Landzunge gegenüber liegt ein kleines Eiland, welches der Berliner Witz in einer Anwandlung grausamster Galgenlaune die „Liebesinsel“ getauft hat. Dem Spreeathener schmeckt seine kühle Blonde in der Gartenwirtschaft dieses nüchternsten, reiz- und poesielosesten aller Eilande ebensogut, als würde sie ihm in einem cyprischen Myrthenhaine kredenzt, während die alten, echten Athener den Frechen, der es gewagt hätte, solch ein Stück Kartoffelland, von missfarbigem Wasser umflossen, mit der Schaumgeborenen in geistige Verbindung zu setzen, sicherlich wegen Gotteslästerung gesteinigt hätten.
Und dennoch waren es zwei Künstler, leibhaftige Musensöhne, welche an einem der letzten sonnigen Oktobertage mit ihrem Segelboot hier gelandet waren, um auf dieser trostlosen Insel bei einer Weissen den nahe bevorstehenden Sonnenuntergang zu geniessen.
„Was sinnst du, Fernando, so trüb’ und bleich?“ spottete der eine von ihnen, ein untersetzter, breitschulteriger Mann mit modisch gestutztem, dunkelblondem Vollbart, indem er dem neben ihm sitzenden jungen Menschen mit der auffallend hohen Stirn und den dunkel umränderten blauen Augen scherzend auf den Oberschenkel schlug. „Sie sind zwar nicht Landschafter, aber im Anblick so jrossartiger Naturschönheiten muss es doch sojar enem sauern Hering vor Verjnügen schwummerig werden, dächte ich! Immer ’raus aus de Trauerkutsche, junger Mann — wofor sind wir denn sonst nach de ‚Liebesinsel‘ jejondelt?“
„Ja, Sie haben gut lachen,“ entgegnete der andere bitter, „Sie betreiben Ihre Kunst als einen Sport, so gut wie das Segeln, die Jagd und das Radfahren — Sie Hausbesitzer Sie!“
„Nanu, wer wird denn gleich so harte Worte wählen!“ fuhr jener gutmütig dazwischen. „Na, prost! Die Kunst soll leben!“
Er pustete den Schaum von der Oberfläche des sandgelben Getränkes und nahm einen tüchtigen Schluck. Dann rief er, mit zärtlichen Blicken in die Ferne schauend: „Is des nich einfach jrossartig, det Wasser, det Jrün, der Rooch und die Luft!“ Er streckte pathetisch die Hand aus, indem er mit malenden Bewegungen nach Westen wies, wo am fernen, dunstigen Horizonte hinter der qualmenden Riesenstadt, gerade über dem breiten, mattschimmernden Wasserspiegel, von freilich grünen, sonst aber so flachen und reizlosen Ufern eingesäumt, die Sonne in die Versenkung zu steigen im Begriffe war.
Der jüngere Mann blickte ungläubig zu seinem Kunstgenossen auf und versetzte: „Das sagen Sie, Herr Flörke, der Sie erst vor vier Wochen aus der Schweiz zurückgekommen sind!?“
„Eben drum!“ rief Flörke laut. „Mir können de Alpen und der janze Klimbim von meinswejen jestohlen wer’n! Denn erstens mal is et verflucht schweisstreibende Arbeit, da rufzukrabbeln, un wenn man oben is, denn sieht man merschtendehls nischt. Und is et ’mal ausnahmsweise klar, denn flimmert d’ Sonne och gleich so doll uf ’n Schnee, dass eenen die Oogen überjehen. Und bei die Kälte wer’n einem ooch de Fingern so klamm, dass man doch nich bei malen kann! Und nu erst jar die faulen abjejrasten Thäler: wat sieht man denn da? Is ja allens ringsrum zu! Da fühlt sich der freie Jeist beklommen wie Aujust im Krönungswagen! Luft — Luft — und nochmal Luft — des is de Hauptsache bei de Landschafterei! Oder meinen Sie etwa nich, Meister Vollborth?“
Der zog die Stirn in Falten und höhnte: „Ja wohl, lauter Luft, — oder sagen wir lieber Wind, ist’s freilich mit dieser Kunst — und eitel Dunst obendrein!“
Flörke klopfte ihm begütigend auf die Schulter: „Na, na, sei’n Sie man jemietlich, oller Freund! Darum keene Feindschaft nich! In der Kunst kommt es ja doch bloss auf das Wie an. Dass Sie was können, das hab’ ich ja heute an Ihren Studien jesehen. Folgen Sie man vertrauensvoll meinem Rate. Nu aber an Bord! Es is die höchste Zeit — Vater Döhmke kriecht höllisch früh in de Klappe.“
Sie zahlten, bestiegen ihr Boot und segelten in wenigen Minuten nach Treptow hinüber.
In einer kleinen Bucht, die zum Bootshafen hergerichtet war und dem ziemlich grossen Garten einer stattlichen Villa zugehörte, legten sie an. Auch dieser Garten hatte nichts Berauschendes an sich, war aber doch im Vergleich zur „Liebesinsel“ schier ein Paradies zu nennen. Am Ufer zog sich eine Reihe von Weiden hin, über welche zwei stattliche Rüstern hervorragten. Unter der mittelsten Rüster befand sich eine Gartenbank mit Tisch und Stühlen; zwischen zwei Weiden war eine Hängematte befestigt. Zwischen der Baumreihe und dem Hause lag ein wohlgehaltener Rasenplatz und dicht am Hause befanden sich noch ein paar mager bestellte Blumenbeete. Das war die ganze Herrlichkeit — und doch in Anbetracht der Nähe der Riesenstadt eine wahre Herrlichkeit, ein beneidenswerter Besitz.
Der Mann, der sich eines solchen angenehmen Ueberflusses rühmen durfte, nannte sich Karl Friedrich Ferdinand Zwillich und war seines Zeichens Bauklempner. Freilich brauchte er schon lange nicht mehr mit dem Lötkolben auf schwindelhohen Dachfirsten zu hantieren, er betrieb seit einer ganzen Reihe von Jahren das Geschäft „ang Jroh“ und war nur noch als geschäftlicher Leiter „von’s Janze“ thätig. Um fünf Uhr etwa kam er aus der Stadt nach der Villa hinaus und dann widmete er sich seiner lieben Familie, welche aus seiner Gattin Eugenie und drei Töchtern mit Namen Else, Erna und Erika im Alter von zwölf bis achtzehn Jahren bestand.
Als die beiden Maler durch den Garten nach dem Hause hinaufschritten, fanden sie die drei Zwillichmädchen und noch ein paar ihrer Freundinnen mit Reifenwerfen beschäftigt, während auf der Veranda des Hauses, welche mit Blumenampeln, Epheuwänden, Palmenvasen und Oleanderkübeln sehr hübsch ausgeschmückt war, Frau Eugenie und noch zwei andere Herrschaften dem Spiele zusahen. Flörke schien hier sehr bekannt zu sein; er rief im Vorbeigehen den erhitzten, kichernden Mädchen einige Neckereien zu und schleppte dann seinen Kollegen mit auf die Veranda, um ihn den Herrschaften vorzustellen.
„Herr Malermeister Vollborth — Frau Zwillich.“ Und dann, auf eine sehr grosse und sehr hagere Dame mit einer runden Brille auf der Nase deutend: „Fräulein Döhmke, berühmt als Tante Albertine — Herr Rentier Pickel.“
Tante Albertine schnellte kerzengerade in die Höhe, warf einen scheuen Blick über die Brille, knickste und setzte sich ebenso plötzlich wieder nieder, um an ihrem Strumpfe weiterzustricken, während der zuletzt vorgestellte Herr, ein kleiner Mann mit einem dichten, dunklen Vollbart und in der Mitte gescheiteltem Haar, sich mit der Hand auf dem Herzen mehrere Male auffallend tief nach der linken Seite zu verbeugte, während doch der vorgestellte junge Mann auf der rechten stand. Vollborth starrte den sonderbaren kleinen Herrn erstaunt an und bemerkte da freilich gleich, was ihm die anderen alle gleichzeitig durch eifrige Gebärden klar zu machen suchten, nämlich: dass Herr Pickel blind war.
Frau Zwillich wandte sich mit einem liebenswürdigen Lächeln dem bleichen jungen Künstler zu. Sie musste einmal recht hübsch gewesen sein — schade, dass einige Zahnlücken den sonst so freundlichen Eindruck ein wenig störten; aber in ihrem Blick lag immer noch etwas jugendlich Schmachtendes und ihrem hohen Organ bestrebte sie sich im Verkehr mit Leuten von Bildung stets einen gewissen weichen, schmeichelnden Ton zu verleihen. Und mit diesem Schmachtblick und diesem Schmeichelton richtete sie nun auch die teilnahmsvolle Frage an Herrn Vollborth: „Also auch ein Künstler? Jott die Kunst! Ich schwärme für die Kunst! — Malen Sie auch Jejend?“
„Nein, bedaure sehr, ich male vorzugsweise Akte,“ versetzte Vollborth lächelnd.
Frau Eugenie blickte zu Herrn Flörke auf und sagte etwas unsicher: „Wie — Akten malen Sie?“
Flörke lachte ungeniert laut auf, während Vollborth mühsam seine Heiterkeit unterdrückte. Frau Eugenie aber stimmte etwas geziert in das Lachen ein und drohte dem Jejendmaler schelmisch mit dem Finger: „Ach, jehen Sie doch, Sie loser Spötter! Nein, was Sie auch ejal für Possen im Kopf haben!“ Und dann wandte sie sich kichernd und erklärend an Herrn Rentier Pickel: „Der Herr ist natürlich Jurist!“
Mit dem Ausruf: „Sehr angenehm, Herr Referendar!“ verbeugte sich der Blinde wieder mit der Hand auf dem Herzen gegen Vollborth, und zwar diesmal nicht wieder in der falschen Richtung, da er ihn inzwischen reden gehört hatte.
Nun konnte auch der bescheidene Vollborth nicht umhin, in das laute Gelächter des Kunstgenossen einzustimmen, der dann der betretenen kleinen Gesellschaft erklärte, man habe sich vor das dürre Wort Akt ein „N“ zu denken, es bedeute also so viel wie barfuss.
„Nein, diese Künstleer!“ schmollte Frau Eugenie. „Sie halten mir jetzt jewiss für sehr unjebüldet, Herr Vollborth; aber ich kann Ihnen man sagen, ich verstehe auch was von’s Essthätiche — wo sollten’s denn auch sonst meine Töchter her haben!? Denken Sie bloss, meine Aelteste spielt den Flüjel beinah wie Albert — (sie meinte vermutlich d’Albert); meine Zweite malt wirklich zu talentvoll, vorläufig natürlich bloss mit Wasser; aber wenn sie so fortfährt, hat Fräulein gemeint, dürf’ se übers Jahr mit Oel — das heisst: denn kommt se natürlich bei’n Professor — wir haben’s ja, Jott sei Dank, dazu! Und was die Jüngste ist, die dichtet wirklich jrossartig! Das Nestküken, man sollte es nicht für möchlich halten, wenn nich der Vater — mein Mann hat nämlich früher auch seine poetische Ader jehabt,“ wendete sie sich mit stolzem Lächeln an Herrn Flörke, „aber freilich, wie Jöthe sagt: Mit den Jürtel, mit den Schleier ... na, Sie kennen ja Jöthen, meine Herren! Die Nachtijall singt ja auch bloss ...“ Sie suchte nach einem Ausdruck und entschloss sich endlich, errötend, zu dem Worte „vorher“.
Herr Pickel nickte bestätigend mit dem Kopfe und drückte mit einem leichten Seufzer wiederum seine Rechte aufs Herz, als ob er sagen wollte: „Nein, wie die Frau sich auszudrücken weiss!“
Und Flörke gab gleichzeitig der allgemeinen Bewunderung lauten Ausdruck und fügte hinzu: „Von Ihrem Manne wundert mich des übrijens jarnich: erstens mal von wegen den bejeisternden Jejenstand“ — er verbeugte sich artig gegen die Hausfrau — „und zweitens, weil es eine bekannte Thatsache is, dass die meisten Dichter unter den Blechschmieden zu finden sind! — Uebrijens, ist Herr Zwillich noch nicht zu Hause jekommen?“
„Ach nein! — Er is ja Wahlvorsteher, wie Sie wissen. Heute ist ja Stichwahl, — da wird er wohl vor Zehnen nicht zu Hause kommen.“
„Hm! Schade!“ rief Flörke, „wir hätten ihm gern unsern jenialen Kollegen hier vorjestellt. Vielleicht, dass er doch mal Lust kriegt, seine liebe Familie malen zu lassen.“
„Ach Jott!“ rief Frau Eugenie in gelindem Entsetzen. „Doch nicht unbegleitet?“
„Na natierlich — und ob! Aber mit Taubenflügel an de Schulterblätter — denn fällt et nich so uf! Für Ihre Engel is des ja auch des passendste Kostüm!“
„Nein, nein, diese jungen Herren!“ seufzt Frau Eugenie mit einem bekümmerten Blick nach oben. „Na, eins weiss ich jewiss: einen Künstleer jebe ich keins von meine unschuldigen Täubchen!“
„Ach nee! Ach nee! Des kann doch Ihr Ernst nicht sein, verehrte Frau,“ flötete Flörke mit drolliger Betrübnis; „ich dachte, Sie müssten es doch schon lange bemorken haben, was für ein Auge ich auf Fräulein Else jeworfen habe!“
Herr Pickel rieb sich vergnügt die Hände und beugte sich flüsternd zu der Hausfrau hinüber: „Na, liebe Freundin, was hab’ ich jesagt? Ja, ja, wenn ich nich de Augen offen hielte!“
Frau Eugenie lächelte errötend und verlegen und flüsterte mit einem süssen Blick in Flörkes lustige Augen: „Ja, wenn es sich freilich um Ihrem Lebensjlücke handelt, lieber Herr Flörke ...“
„Ich werde mein Schicksal männlich zu tragen suchen,“ fiel jener rasch ein und wandte sich dann fofort an das hagere Fräulein Döhmke mit der Frage, ob ihr Bruder zu Hause sei.
Tante Albertine schnellte empor, guckte über die Brille, sagte: „Ja, es wird ihm sehr angenehm sein“ — und sass mit einem Ruck wieder auf ihrem Stuhle.
In grösster Hast, als ob sie etwas sehr Wichtiges zu versäumen hätten, verabschiedeten sich die beiden Maler und machten sich dann eiligst die Treppe hinunter und ums Haus herum zum vorderen Eingang hinein.
Sie stiegen die Treppe zu dem ersten und einzigen Stockwerk hinauf, schritten dann einen langen Korridor hinunter, öffneten an dessen Ende eine schmale Thür und sahen eine steile dunkle Stiege vor sich, ähnlich denjenigen, welche in den Berliner Mietskasernen zu den sogenannten Hängeböden, den Mädchenkammern, hinaufzuführen pflegen. Oben angekommen, tastete Flörke ein Weilchen im Dunklen herum und pochte dann laut an eine Thür. Eine heisere Stimme rief „Herein!“ — und die beiden Kunstjünger betraten Vater Döhmkes Turmzimmer.
Der alte Herr, er war noch grösser und fast ebenso schlank wie seine Schwester Albertine, erhob sich bei ihrem Eintritt von dem ans Fenster gerückten Grossvaterstuhl und ging ihnen mit einem vergnügten, heiseren: „Hah! he! he! ’n Abend! ’n Abend!“ entgegen. Er trug einen wollenen Shawl um den Hals, welcher unter eine gestrickte Jacke geknöpft war, die seinen hageren Oberkörper eng umschloss. Seine unheimlich langen Beine staken in einem Paar Hosen von englisch karriertem dicken Stoff und an den Füssen glänzten matt ein Paar ausgetretene Lackstiefeln.
Herr Vollborth wurde in feierlicher Weise vorgestellt und konnte sich nicht enthalten, die seltsame Erscheinung des alten Herrn mit grossen Augen zu mustern. Vater Döhmke gewahrte das und sagte, an sich herabschauend:
„Die Herren haben mich im Negligé überrascht, he! he! Das ist mein Atelierkostüm.“
„Ach, Sie malen selbst?“ fragte Vollborth. „Das wusste ich nicht; — Herr Flörke sagte mir, Sie seien Sammler.“
Der Alte lachte wieder gutmütig und strich sich mit dem Rücken der Hand unter dem Kinn weg. Der graue, struppige Bart quoll ihm unter dem Halstuch hervor und umhüllte ihm wie eine Fortsetzung dieses Kleidungsstückes Kehle, Kinn und Unterlippe, wogegen die Wangen ein Paar ölig aufgesteifter und spiralig nach innen gedrehter Koteletten zierten. Er erklärte dem jungen Manne, dass er unter seinem Atelier den Bootsschuppen verstehe, in dem er bis vor kurzem gearbeitet habe.
Allerdings hatte seine Erscheinung mehr vom alten Seemann als vom Künstler. Und auch die zahlreichen Aquarelle, Oelbilder und Skizzen, welche die vier Wände seines engen, aber sehr behaglich altväterisch ausgestatteten Stübchens vollständig austapezierten, stellten vorzugsweise Seestücke, Schiffe und Uferlandschaften dar. Es waren vorzügliche Arbeiten darunter, welche Vollborth mit grossem Anteil betrachtete. Mehrere, und zwar nicht die schlechtesten Bilder, rührten von Flörke her. Der Alte freute sich sichtlich des Beifalls, den der junge Künstler seiner Sammlung zollte.
„Sie sind wohl lange zur See gefahren, Herr Döhmke?“ fragte Vollborth.
„O ja, auch das!“ versetzte der Alte, indem er den jungen Herren eine Prise anbot und dann selbst bedächtig schnupfte. Die Dose, die er wohlgefällig hin- und herwandte, war von Gold und reich mit Edelsteinen besetzt. „Hübsch, was?“ schmunzelte er, indem er Vollborth das Kleinod reichte. „Das hab’ ich von dem armen Kaiser Max bekommen.“
„Ach, Sie waren also auch in Mexiko?“ Vollborth machte immer grössere Augen. „Als Kapitän wohl?“
„Nee — hehe! als Unternehmer, was man so sagt!“ erwiderte Vater Döhmke und strich sich über den spärlichen grauen Haarwuchs. Und dann fuhr er zu dem andern gewendet fort: „Ihr junger Freund kennt mir wohl noch jarnich?“
„Wir wollten ihm die Ueberraschung nicht verderben,“ lachte Flörke.
„Na, dann klären Sie’n man bisken uf!“ rief der Alte. „Aber ich denke, dazu rühren wir uns erst mal ’n ordentlichen Toddy an — was?“
Man war es zufrieden und Vater Döhmke zündete sofort die grosse Spirituslampe an, die auf dem eisernen Ofen stand, und setzte Wasser auf. Unterdessen musste Vollborth dem alten Herrn über seine Person Auskunft geben und sich durch Beantwortung einiger Dutzend Fragen über Herkunft, Bildungsgang und so weiter auslassen. Die Art und Weise des wunderlichen Alten zu fragen, hatte in ihrer Derbheit nichts von zudringlicher Neugier an sich; es schien, als betrachte er es als sein Recht und seine Pflicht, sich nach der Weise der homerischen Gastfreunde möglichst genau über die Verhältnisse eines Menschen zu unterrichten, bevor er ihn seiner näheren Bekanntschaft würdigte. Vollborth war ein recht empfindlicher junger Mann, aber durch die naive Geradheit des alten Sonderlings konnte er sich doch nicht verletzt fühlen, sondern antwortete folgsam wie ein Schüler im Examen: er heisse Manuel Vollborth, sei als Sohn eines hamburgischen Kaufmannes in Valparaiso geboren, habe früh seine Eltern verloren; sei dann bei Verwandten in Deutschland schlecht und recht erzogen, dummer Streiche wegen mehrmals von der Schule gejagt worden, habe früh sein Talent zur Malerei entdeckt, aber darum harte Kämpfe mit seinen Verwandten gehabt, und endlich, nachdem er es auf dem Gymnasium wenigstens zum Einjährigenzeugnis gebracht, sich gänzlich von ihnen losgesagt, um in München die Akademie zu beziehen. An seinem einundzwanzigsten Geburtstag habe er zwei Dutzend Hundertmarkscheine als angeblichen Rest des väterlichen Vermögens ausgezahlt erhalten und sei damit nach Italien aufgebrochen, um seine Seele in Schönheit zu berauschen. Binnen zwei Jahren sei sein Geld auf die Neige gegangen und er nach Berlin gekommen, um hier seine mehr oder weniger unbekleideten Fabelwesen bei den Bankiers unterzubringen. Die Bankiers wollten aber vorläufig noch nichts von ihm wissen und er sei daher gegenwärtig darauf angewiesen, seine alte Leinwand als Hungertuch zu benutzen. Ein paar dürftige Aufträge für Kopien von Museumsbildern und das Bildnis einer verstorbenen Schlächtermeistersgattin nach Photogramm hätten ihn in den letzten Monaten notdürftig über Wasser gehalten. Seine vorrätigen Gemälde habe er für ein Butterbrot, ein unbelegtes, an einen Kunsthändler verkauft. Neue Bilder könne er nicht malen, da ihm die Mittel fehlten, Modelle zu bezahlen.
Der Alte kratzte sich in den Bartstoppeln und brummte: „Nette Jeschichte! Sie sind also so ’n richtiger Taugenichts von einem Idealisten! Für Ihre nackten Jötter und Nymphen is det hier nich det richtige Klima! Jeh’n Se in sich, junger Mensch, werden Se Bekleidungskünstler, malen Se Sammet und Seide, so natürlich, dass man’s ihnen ansieht, wieviel der Meter jekost’t hat. Was für ’n Schafsjesicht oben rauskukt, dadruf kommt es weiter nich an.“
Vollborth zuckte unwillig die Achseln und rief: „Was soll mir der gute Rat? Ich finde ja nicht ’mal so ein Schaf, das so viel auf sein Fell verwenden kann!“
„Na, wer weess,“ meinte Flörke, „Vater Döhmke hat vornehme Bekanntschaften in unsern Herrgott seinen Tierjarten!“
„Ja, ich möchte jerne was für Sie thun,“ versetzte der Alte, „aber die Leute wollen doch erst mal wat sehen von Ihnen! — Haben Sie denn jarnischt Bekleidetes vorzuweisen?“
„Ausser ein paar Studien nach italienischen Mönchen, Fischern und Bauernweibern nichts,“ erwiderte Vollborth missmutig lächelnd.
Und der Alte sann ein Weilchen nach und sagte endlich ernsthaft, als ob ihm eine Erleuchtung geworden wäre: „Wissen Se, ich wer’ Ihnen wat sagen: Sie müssten sich an ein nobles Konfektionsjeschäft wenden und um die Erlaubnis bitten, ein besonders schönes Staatskleid abmalen zu dürfen und denn zum Schluss den Kopp von ener hübschen Probiermamsell oben druff setzen. Für die Sorte, die’s dazu hat, sich malen zu lassen, is die elejante Toilette meistens doch die Hauptsache. Und denn, wer weess? Am Ende stellen det die Jeschäftsleite denn in ihrem Schaufenster aus — und für so ’ne neie jrossartige Idee werden se schon en paar Kröten springen lassen.“
„Pfui Teufel! Die Idee ist göttlich!“ rief Vollborth grimmig lachend. Sein Kunstgenosse aber lobte allen Ernstes den vorzüglichen Gedanken und redete dem armen Schlucker eifrig zu, ihn ohne Verzug zur Ausführung zu bringen.
„Es ist doch jammerschade, dass Sie sich nich verheiratt’ haben, Vater Döhmke,“ sagte Flörke; „was für ’ne schöne jrosse Tochter könnten Sie jetzt schon haben. Da hätten Se doch nu ’ne Bestellung für son’n würdigen jungen Künstler! Ueberhaupt, warum haben Sie eijentlich nich jeheirat’t?“
„Warum ick nich jeheirat’t hab’?“ gab der Alte mit einer komischen Grimasse zurück. „Möchten Sie meine Olle jetzt sehen?“
Die beiden jungen Leute lachten laut auf und Vater Döhmke stimmte mit einem zufriedenen Grunzen ein: „Na also — ick ooch nich!“
Mittlerweile war das Wasser heiss geworden, der Toddy wurde zurecht gemischt. Der Alte reichte Cigarren, echte Importierte, und dann setzten sich die drei gemütlich um den Tisch, der Alte auf das federmatte, geblümte Sofa, die jungen Leute auf die Stühle. Er holte aus dem Tischkasten eine Landkarte von Mittelamerika hervor, wies auf die Eisenbahnlinie von Mexiko nach Veracruz und sagte: „Des bin ich.“
„Sie haben diese Bahn gebaut?“ fragte Vollborth erstaunt.
„Ja wohl, und noch manche andere; z. B. in Frankreich und in Aegypten.“
„Da müssten Sie doch aber ein steinreicher Mann dabei geworden sein?“
„O ja, ich hatte mir recht hübsch was uf de hohe Kante jelegt; aber wie denn so manchmal so wat von so wat kommt — ’s is eijentlich ’ne zu dumme Jeschichte. Herr Flörke, der kann Ihnen was davon erzählen.“
Und gern berichtete Flörke, nur hin und wider von Vater Döhmke durch eine satirische Randbemerkung unterbrochen, seinem jüngeren Genossen, dass der wunderliche Alte, seines Zeichens Ingenieur, im Jahre 1848 dem Vaterlande, dessen Boden ihm zu heiss unter den Füssen geworden, den Rücken gekehrt und sein Glück in anderen europäischen und überseeischen Staaten gesucht habe. Er sei so ziemlich überall dabei gewesen, wo in der Welt etwas los war, und habe als Baumeister wie als Geldauftreiber bei verschiedenen Bahnunternehmungen eine erste Rolle gespielt, sei bei Kaisern, Königen, Grossvezieren und Staatsministern aus- und eingegangen, beherrsche vier oder fünf Sprachen, ausser der berlinischen, und sei als reicher Mann einige Jahre nach dem grossen Kriege in das geeinigte kaiserliche Deutschland zurückgekehrt, um hier die Früchte seiner Arbeit in Ruhe zu geniessen und als angesehener, verdienter Bürger des neuen Deutschen Reiches sein Dasein zu beschliessen. Um dieses Verdienst sich zu erwerben, habe er den grössten Teil seines Vermögens in einem grossen Grundstück in der Nähe Berlins angelegt und dies dann dem Staate geschenkt, als Bauplatz für eine damals gerade geplante militärische Anstalt.
„In Amerika ist des nämlich nischt Unjewöhnliches,“ ergriff Vater Döhmke nun selbst das Wort; „ich glaube, man kann sagen, die meisten Hochschulen, Museen, Spitäler und so weiter sind dort von reichen Privatleuten jestiftet. Man find’t det janz in der Ordnung, dass en Mann, der ’n unanständig jrosses Vermöjen aus seinem Vaterlande rausjeholt hat, nachher auch für dies Vaterland was Ordentliches thut und nich allens im Kasten verschliesst, damit seine Herren Söhne und Schwiejersöhne es nach seinem Tode zum Fenster rausschmeissen. Hier in Deutschland sahen se mich freilich für ’n Narren an deswegen. Nu ja — se haben ja auch recht jehabt: wat jing unsern Staat mein Jeld an? Ich hatte ja mein Schäften im Ausland jeschoren!“
„Wie? Sie haben doch nicht etwa durch die Schenkung Ihr Vermögen eingebüsst?“ rief Vollborth erstaunt.
„Des nu wol jerade nich,“ versetzte der Alte, „zum Leben hab’ ich ja immer noch jenuch, und auf Jummiräder braucht ja am Ende nich jeder olle Esel zu fahren! Und übrijens: wat jeder Schlächtermeester sich leisten kann, wenn’t Jeschäft jut jejangen hat, det jenügte meinem Ehrjeiz noch lange nich! — Mit die militärische Anstalt war’t nämlich nachher Essig — und mit ’n Mal war auch des Irundstück so riesig im Werte jesunken, dass ich Jott dankte, wie ick die Kitsche for ’n Pappenstiel wieder los wurde. Na — denn kamen se nu und versetzten mir janz stillschweigens, ohne nähere Anjabe meiner Verdienste, eenen roten Vogel in’t Knopploch. Ich, nich faul, denke: wie du mir, so ick dir oder haust du meinen Juden, hau ick deinen Juden und lasse meinen Jeschäftsträger so janz im jeheimen ausbaldowern, wo wohl det nächste Reichsdollhaus hinjebaut werden soll! Na, det kriegte der auch richtig zu wissen, und haste nich jesehen, hab’ ich des Irundstück gekooft und dem verehrten Fiskus jeschonken. Der Spass war zwar ’n bisken deuer, denn et musste dort erst entwässert werden; aber davor stellt’ ich auch die Bedingung, dass ich und meine Erben immer ’ne Freistelle in des neue Dollhaus beanspruchen dürften. Ob se nu da oben jedacht haben, ich will ihnen uzen? Na, kurz und jut: seitdem is et von des Dollhaus auch wieder stille jeworden — wo’t doch so ’n brennendes Bedürfnis wär’!“ Er kratzte sich den Kopf und lachte ironisch vor sich hin.
Vollborth wollte eben noch mit weiteren Fragen in den wunderlichen Alten dringen, als die Thür leise aufging und die hagere Gestalt der Tante Albertine auf der Schwelle sichtbar werden liess. Das alte Fräulein machte einen Knicks wie ein Schulmädchen und blickte dann mit seltsam verstörten Augen den Bruder an. Sie hielt die Klinke immer noch in der Hand, bereit, sich auf seinen Wink lautlos wieder zu entfernen.
„Na, willst de hier ’n bisken bei uns unterkriechen, Tineken?“ rief der Bruder und winkte ihr ermunternd, näher zu treten. „Wenn dir der Tabaksqualm nich unanjenehm is — die jungen Herren erlauben doch wohl?“
„I wo werden wir denn nich?“ rief Flörke für beide, liess sich aber im übrigen in seiner nachlässigen Haltung nicht stören, da er wusste, dass das alte Fräulein an Höflichkeit nicht gewöhnt war. Vollborth dagegen beeilte sich, ihr einen Stuhl heranzuholen, welche Mühwaltung sie jedoch dankend ablehnte, indem sie rasch in dem Sorgenstuhl am Fenster Platz nahm.
Es war mittlerweile schon recht dunkel geworden und nur die Rauchwolken, die vor dem Fenster vorbeizogen, leuchteten noch in graulichem Dämmerlicht.
„Wir könnten eijentlich de Lampe anstecken,“ schlug Vater Döhmke vor, und das Wort war kaum gesprochen, als auch schon Tante Albertine von ihrem Sitze wieder emporschnellte, um mit jenem Diensteifer, der ihr angeboren war, das Verlangte zu besorgen. Selbstverständlich war es eine alte Stobwassersche Schiebelampe, welche sie nun brennend aus dem Nebenzimmer hereinbrachte. Und als sie sie mit einem fast verlegenen Lächeln auf den Tisch stellte und mit der Schürze sorgfältig den Oeltropfen abwischte, der wie unvermeidlich an der Kapsel des Brenners hing, gewahrte der Bruder erst ihr verstörtes Aussehen und rief lachend: „Nu sag’ mal bloss, was is’n dir passiert? Du machst ja ’n Jesicht, als hätt’st de ’n Jeist jesehen!“
„Hab’ ich auch, Viktor, hab’ ich auch!“ flüsterte sie, indem sie die Augen zur Decke aufschlug. „Denke dir man bloss, wie ich um das Haus herumgehe, seh’ ich draussen am Jitter einen jungen Menschen stehen und nach unsern Fenstern starren. Ach Jott, mir ist der Schrecken in alle Glieder jefahren!“
„Wieso denn?“ lächelte Döhmke. „Hatte denn der junge Mensch so was Jeisterhaftes an sich?“
„Ach nein, er sah janz frisch und jesund aus, auch janz anständig anjezogen — und wenn ich nicht wüsste, dass er jetzt drüben in Kalifornien ist, dann hätt’ ich jeglaubt, es wäre leibhaftig unser Henri!“
„I was Dausend! Sollte der dolle Junge am Ende wieder in Berlin sein? Hast de ’n denn nich anjesprochen?“
„Ach nein, ich war doch so erschrocken! Und wie er mich sah, da ging er gleich weiter und that jar nich so, als ob. Es ist doch am Ende man ’n Strolch jewesen, der sich nach Jelegenheit umsehen wollte. Na, wenn sie nächstens bei uns einbrechen, denn will ich mich jar nich wundern!“
Die Maler hatten schweigend dem Gespräch der Geschwister zugehört. Jetzt konnte sich Flörke nicht enthalten, seiner Spottlust lachend Luft zu machen, wogegen übrigens auch Vater Döhmke keinen Einspruch erhob; er grunzte vielmehr behaglich mit.
Aber da — horch! was war das? Pünktlich wie in einer Gespenstergeschichte, wo der beleidigte Geist sich in dem Augenblicke bemerkbar macht, wo man seiner zu spotten wagt, so erscholl jetzt auf der engen Stiege, die in Vater Döhmkes Turm hinaufführte, ein lautes Gepolter. Die ganze kleine Gesellschaft, die noch eben so laut gelacht hatte, verstummte unwillkürlich — und da ward draussen ein dumpfes, schauerliches Stöhnen vernehmbar.
Flörke erhob sich zuerst und ergriff mit dem Ausruf: „Nanu, det wird doch keen Beenbruch sind!“ die Lampe und eilte nach der Thür. Der Alte folgte ihm rasch und auch Vollborth wollte ihnen eben nach, als Tante Albertine ihn beim Arm ergriff und mit bebender Stimme anflehte, sie nicht im Finstern allein zu lassen. Die gute Dame war wie betäubt vor Angst und vermochte in ihrer Aufregung gar nicht einmal zu verstehen, was da draussen mit lauter Stimme gesprochen wurde.
Eine Minute später traten die beiden wieder herein. Vater Döhmke leuchtete voran und der Landschafter schleppte, ihn kräftig unter dem Arm stützend, einen jungen Mann herein, dessen hübsches, kluges Gesicht vor Schreck und Schmerz fast noch bleicher geworden war als das der Tante Albertine. Sie begleiteten ihn zu dem alten Lehnstuhl und liessen ihn sanft hineingleiten.
„Danke, danke, meine Herren!“ rief der junge Mann mit einem liebenswürdigen Lächeln. Und dann fuhr er mit einem leisen Schmerzenslaut mit den Handflächen über seine Kniee, beugte sich dabei nach vorn und sagte: „Gestatten Sie, dass ich mich vorstelle — mein Name ist Reinecke!“
„Flörke,“ „Vollborth,“ erwiderten prompt die beiden Maler, indem sie sich nacheinander kurz verbeugten.
„Ach, Herr Henri — ich habe mich so erschrocken!“ rief Tante Albertine matt, setzte sich auf den nächsten Stuhl nieder und warf einen immer noch zweifelnden, zärtlich verschämten Blick nach dem leidenden jungen Manne hinüber. Vater Döhmke aber trat vor ihn hin, strich sich dreimal mit der knochigen Hand über den dünnen Scheitel und brummte dann grimmig vergnügt: „Potz Heidekuckkuck! Du Schuft, wo kommst du denn her?“
„St!“ machte Reinecke und legte den Finger auf die Lippen. „Ich bin eigentlich in San Francisco — ich spuke hier bloss!“
Tante Albertine war in ihrem Leben noch nie in Ohnmacht gefallen. Jetzt war sie nahe daran; aber sie erinnerte sich ihrer guten Erziehung und liess es bei einem unbedeutenden kleinen Schrei bewenden.
Ihr Bruder dagegen fand den Spuk offenbar sehr spassig, denn er liess mehrmals jenes gedehnte Hah! ertönen, welches der ihm eigentümliche Ausdruck besonders guter Laune war, und sagte dann: „Na, des muss ich sagen, kräftig jenuch hast de jespukt, he he! — sogar die Hosen dabei zerrissen!“ Er deutete auf einen langen Riss über dem rechten Knie des Poltergeistes.
Reinecke bedeckte wieder den Schaden mit der Hand und versetzte: „Ja, sehen Sie, Vater Döhmke, da ich doch mit ziemlicher Sicherheit annehmen durfte, dass Sie mich die Treppe runterwerfen würden, so entschloss ich mich, auch gleich hinauf zu fallen. Sie wissen ja aus dem ‚Faust‘:
’s ist ein Gesetz der Teufel und Gespenster:
Wie sie hinein, so müssen sie hinaus.“
„Schlecht citiert, — aber der Witz ist jut!“ grunzte der Alte vergnüglich. „Scheinst dir übrigens eklich weh jethan zu haben, du Schuft! In diesem Zustande dürftest du kaum — transportfähig sein.“ Er machte dazu die Geste des Hinauswerfens.
„Mindestens müsste mir Tante Albertine erst diese klaffende Wunde verbinden,“ lachte Reinecke, auf das zerrissene Beinkleid deutend.
Die beiden Künstler konnten ihrer Heiterkeit nicht länger Zügel anlegen: einer nach dem andern platzten sie mit lautem Lachen heraus und dies Lachen wirkte ansteckend, so dass auch Vater Döhmke, ja der leidende Gegenstand der Heiterkeit selbst, mit einstimmen mussten. Sogar das immer ernst-bescheidene Antlitz des alten Fräuleins erhellte schliesslich ein verlegenes Lächeln. Während die Männer Reinecke zu einem Glase Toddy einluden und frisches Wasser auf den Berzeliusbrenner setzten, ging das Fräulein hinaus, um ihr Nähzeug zu holen.
Vater Döhmke wollte nun in seiner gewohnten Weise ein Examen mit Reinecke anstellen, erhielt aber keine anderen Antworten, als Ja, Nein, Achselzucken, bedeutsame Blicke, St! und Hm!
Da mussten denn die Maler wohl merken, dass sie hier störten, und sie leiteten darum den Abschied ein. Flörke zog den Alten noch einmal auf die Seite, um ihn daran zu erinnern, dass er doch für Vollborth etwas thun möge. Tante Albertine war inzwischen wieder eingetreten und hatte sich daran gemacht, vor Reinecke knieend, den Schaden an seinem Beinkleid auszubessern. Reinecke lehnte sich während dieser Operation stumm in den Sessel zurück und schloss eine Minute lang die Augen, denn ihm war nicht nur von den Schmerzen in den Knieen, sondern auch von der Erschütterung des Falles noch etlichermassen elend zu Mute. Hinter seinem Rücken ging das Gespräch des Alten mit den beiden Malern leise weiter und lief schliesslich wieder auf den grossen Gedanken hinaus, dass Vollborth für Konfektionsgeschäfte Kleider porträtieren solle.
Tante Albertine hatte nicht sobald das Wort Konfektionsgeschäfte aufgefangen, als sie auch schon, aus ihrer gebückten Haltung sich steif aufrichtend, einige der bedeutendsten Firmen dieses Geschäftszweiges samt Adresse aufzuzählen begann.
„Danke, Albertine, du musst es ja wissen,“ lachte ihr Bruder, und dann zu Vollborth gewandt, fügte er erklärend hinzu: „Meine Schwester ist nämlich ein Berliner Adressen-Automat. Wenn bloss davon die Rede is, dass einer was kaufen möchte, und nur noch nicht weiss, wo’s am besten und billigsten ist, denn setzt sich bei meiner Schwester schon janz von alleine de Walze in Bewejung und denn kommt es so sicher wie aus de Spieldose: Krausenstrasse 45, wer wo anders kooft, der irrt sich!“ Er sang es mit heiserer Stimme nach der Melodie: Schmeisst ihn ’raus, den Juden Jtzig!
Das alte Fräulein fühlte sich durch diese Schilderung des Bruders durchaus nicht etwa gekränkt, sondern lächelte vielmehr ganz stolz über das Lob, das ihrem seltenen Verdienste widerfuhr.
„O Tante Albertine,“ rief Reinecke, indem er feierlich den Arm über ihr Haupt ausstreckte, „in der ganzen alten und neuen Welt gibt es Euresgleichen nicht. Könnt Ihr mir nicht auch die Adresse eines Mannes verraten, den der Ehrgeiz plagt, der Wohlthäter eines grossen Künstlers zu werden?“
„Ach, Herr Reinecke, das haben Sie doch nicht nötig,“ versetzte sie erstaunt.
Aber er legte wieder den Finger auf die Lippen und streifte mit einem warnenden Blicke die beiden ihm fremden Männer.
Diese fanden nun endlich auch das letzte Wort und liessen sich von Vater Döhmke die Treppe hinunterleuchten.
Als der Alte zurückkam, steckte er sich eine neue Pfeife in Brand, stellte sich vor Reinecke in drohender Haltung hin und sagte: „Nun möcht’ ich aber wirklich wissen, wo du herkommst, du Windhund, und was du hier zu suchen hast?“
Tante Albertine war mittlerweile mit ihrer Arbeit fertig geworden und richtete sich in ihrer ganzen Länge vom Boden auf.
„Soll ich vielleicht lieber hinausgehen?“ fragte sie vorsichtig.
„Nein, das ist nicht nötig,“ sagte Reinecke: „Sie werden mich schon nicht verraten, Tantchen! Meine Adresse sage ich Ihnen nicht, damit Sie nicht in Versuchung kommen.“
„Ja, wohnen Sie denn nicht bei Ihrem Bruder?“ erkundigte sich der Alte erstaunt.
„O nein, das ist ja eben der Witz,“ versetzte der junge Mann geheimnisvoll und strich sich dabei durch das üppige dunkle Lockenhaar. „Ich habe überhaupt keinen Bruder — ich heisse auch gar nicht Henri Renard, sondern Heinrich Reinecke — das kommt ja auch ganz auf dasselbe hinaus! Eine Namensfälschung kann darin doch niemand sehen, der wie ich gegen den Fremdwörterunfug ist. Also hören Sie, die Sache ist nämlich die: Sie wissen, dass mein cher frère in seiner grossen Weisheit meine Leidenschaft für die Musik immer mit meinen sonstigen Dummheiten in einen Topf geworfen hat. Ein bisschen teuer bin ich ihm ja hier geworden und dass er mich damals hinüberspedierte, damit ich drüben was Besseres lernen sollte, als griechische unregelmässige Verba und solchen Schnickschnack, das nehme ich ihm weiter nicht übel. Ich habe auch in den vier Jahren drüben recht fleissig gelernt. Ich bin alles mögliche gewesen; aber aus allen geschäftlichen Thätigkeiten schnell genug — entfernt worden. Und schliesslich war ich für meinen Lebensunterhalt doch auf mein bisschen Klavierspiel angewiesen. Ich wurde Musiklehrer und verdiente mir ein ganz schönes Geld damit; aber diese niederträchtige Beschäftigung, das fortwährende Anhören und Ausüben des scheusslichsten, geistlosesten Geklimpers schlug mir auf die Nerven und machte mich wild und elend zugleich. Eine ungeheure Sehnsucht überfiel mich nach deutscher Musik, denn davon war in San Francisco nichts zu haben. Ich wollte ganz ernstlich ein Künstler werden; aber ich hatte zu wenig gelernt, und drüben konnte ich nicht haben, was ich brauchte. Mein Bruder wollte nichts von meiner Heimkehr wissen — er glaubt nun einmal nicht an meinen Ernst! Aber er hatte mir ja im Grunde nichts zu befehlen. Sparsam war ich freilich nie gewesen — das Geld zur Ueberfahrt brachte ich aber doch bald zusammen. Da muss ich Unglücksmensch — es ist wirklich unglaublich, was der Zufall für tolle Dinge ausheckt! — denken Sie, da muss ich in der letzten Woche vor meiner Abreise meines Bruders durchgebrannte Frau kennen lernen! Ein schönes Weib war sie immer noch, trotzdem sie inzwischen manches durchgemacht hatte. Es ging ihr gerade schlecht — sie weinte mir etwas vor. Reuethränen in so schönen schwarzen Augen — und ich war der Bruder! Freilich vertraute sie mir auch allerlei Geschichten von Gisbert an, die nicht gerade schmeichelhaft für ihn waren. Na, kurz und gut: sie war die leidende Unschuld, die aus gerechter moralischer Entrüstung geflohen war; ich der edle Mann, der sich berufen fühlen musste, Oel in die Wunden zu giessen, die sein Bruder geschlagen hatte. Das Oel war teuer — und als mein Schiff abgehen sollte, war ich bis auf den letzten Tropfen ausgequetscht. Aber jetzt wieder von vorne anfangen zu sparen? Nein, das ging nicht, wenigstens nicht so lange ich meiner trostbedürftigen Schwägerin erreichbar war. Ich war auch einmal Koch gewesen und hatte das Glück, in dieser Eigenschaft auf einem Bremer Dampfer unterzukommen. In Bremen sass ich natürlich bald tief in der Kreide; doch war mein guter Gisbert so liebenswürdig, auf meinen Hilferuf sofort in eigener Person herüberzukommen, mich auszulösen und mir dann eine namhafte Summe anzubieten für den Fall, dass ich wieder nach Amerika oder sonst einen entfernten Weltteil verduften wollte. Dass ich mit seiner Frau in so regem Gedankenaustausch mich befunden hatte, das schien ihm meine unbedeutende Person ganz besonders wert und meine Abwesenheit von Europa sehr erwünscht zu machen. Ich kannte mein Brüderchen noch nicht von dieser Seite und darum, — es ist einem armen Teufel am Ende nicht zu verübeln, wenn er eine günstige Gelegenheit beim Schopfe nimmt! Ich liess mir also meine Einwilligung teuer bezahlen und dann mich lammfromm von ihm auf dem nächsten Amerikaner in Sicherheit bringen. Glücklicherweise lief aber der Dampfer Southampton an — und ich verschwand! Mit nächster Gelegenheit kehrte ich wieder ins Vaterland, ins teure zurück. Und da bin ich nun zunächst mal inkognito in Berlin. Was weiter aus mir wird, weiss ich noch nicht; jedenfalls mache ich mit der Musik jetzt Ernst. Mein erster Gang galt Ihnen, Vater Döhmke; wenn ich da drüben an mein liebes Berlin dachte, so dachte ich auch immer zuerst an Sie und die vergnügten Stunden, die wir miteinander verlebt haben. Ich strich gegen Abend wie ein Verliebter um das Haus und schaute nach Ihrem Fenster hinauf, bis es dahinter hell wurde; ich wollte auch nicht gern jemand von Zwillichs treffen — darum schlich ich mich so wie ein Dieb ins Haus. Jetzt werdet Ihr mich freilich über Nacht dabehalten müssen, denn meine Kniee haben doch einen tüchtigen Puff abgekriegt; ich komme damit nicht bis zum Schlesischen Thor.“
Er richtete sich auf und wagte einen Gehversuch, der aber schlecht genug ausfiel. Tante Albertine machte ihm auf dem alten Sofa ein leidliches Nachtlager zurecht und dann zog sie sich zurück mit vielen guten Wünschen und Entschuldigungen für die mangelhafte Bettung.
Vater Döhmke aber blieb heute länger als gewöhnlich wach und liess sich von seinem jungen Gaste ein Langes und Breites über seine Abenteuer in San Francisco erzählen.
Drittes Kapitel.
Dem Freiherrn wird warm gemacht.
Beim Reichskanzler fand ein parlamentarisches Diner statt. Es waren etwa vierzig Einladungen ergangen, zumeist an Mitglieder der Rechten, doch fehlte auch der unübertreffliche Kahlkopf der kleinen Excellenz von Meppen nicht, noch einige hocharistokratische Mitglieder des Centrums, noch die bekanntesten Namen der nationalliberalen Partei. Der Fürst erfreute sich offenbar des besten Wohlseins.
Seine Laune war vortrefflich und seine Gesichtsfarbe so blühend, wie wenn er eben von einem Spaziergange in frischer Winterkälte heimgekehrt wäre.
Auch die Stirnen und Wangen der andern Staatspfeiler zeigten sich sanft gerötet, was kein Wunder war nach der Reihe auserlesener Weine, welche man durchgekostet hatte, und nach der Anstrengung, welche die Aufrechterhaltung des Gespräches während des Essens nun einmal im Gefolge hat. Die wenigen, aber sehr gewählten Gänge des Speisezettels waren erledigt. Jetzt erhob sich die schwere, breitschulterige Reckengestalt des Reichskanzlers und gab mit den Worten: „Nun, meine Herren, darf ich Sie vielleicht auffordern, mein Pschorrbräu zu probieren?“ das Zeichen zum Aufbruch. Der Kanzler ergriff gemütlich den Arm des alten Herrn von Kleist-Retzow und schritt mit ihm plaudernd, gleichsam wie mit der ältesten der Ehrendamen, in die neben dem Speisesaal gelegene Zimmerreihe voran. Er reichte hier selbst Cigarren herum, bat aber um die Erlaubnis, für seine Person seiner langen Pfeife treu bleiben zu dürfen. Zugleich wurde auch Tyras, der Reichshund, hereingelassen. Das mächtige Tier musterte mit einem ernsten, hoheitsvollen Blick die Versammlung, vergönnte ihr einen leichten Gruss durch eine kurze Bewegung des gestutzten Schweifes und liess sich dann, nachdem es die ihm zukommenden Zärtlichkeiten selbstbewusst in Empfang genommen, zu Füssen seines Herrn auf den Teppich nieder. Die Gesellschaft verteilte sich in den drei zusammenhängenden Zimmern und bildete grössere und kleinere Gruppen, die rauchend und trinkend umherstanden oder sassen.
Unter den Eingeladenen befand sich zum erstenmale der pommerische Abgeordnete Freiherr von Drenk. Er hatte diese Auszeichnung wohl hauptsächlich dem Umstande zu verdanken, dass sein Gut in der Nähe von Varzin lag und dass er entfernte verwandtschaftliche Beziehungen zur Familie der Fürstin besass — seinen hervorragenden parlamentarischen Eigenschaften galt sie wenigstens nicht, denn er war in den acht Wochen, während deren er nun schon regelmässig die Reichstagssitzungen besucht hatte, noch nicht zu Worte gekommen und hatte nur ein einziges Mal dadurch die Aufmerksamkeit für einen Augenblick auf sich gelenkt, dass er sich bei einer Frage, in der die ganze konservative Partei geschlossen mit Ja stimmte, der Abstimmung enthielt. In dieser Gesellschaft musste er aber entschieden auffallen, wenn nicht schon durch seinen ganz ungewöhnlich schlecht sitzenden Frack und die ganz auf die Seite gerutschte weisse Binde, so doch durch seinen merkwürdigen Kopf, welcher sowohl zu den vornehmen Grauköpfen der alten Kavaliere, wie zu den scharf geschnittenen, durchgeistigten Gesichtern und meist dünnhaarigen Häuptern der übrigen grossen Staatslichter in einem auffallenden Gegensatze stand — dieser grosse breite Kopf auf dem kurzen Halse, mit dem dichten, wirr aufwärts strebenden blonden Haar, den sehr beweglichen und dabei doch treuherzigen blauen Augen, den sehr vollen, von einem wenig gepflegten Bart bedeckten Wangen und den etwas zu stark aufgeworfenen und zu roten Lippen.
Der Freiherr von Drenk war in nicht geringer Aufregung zu diesem Feste gegangen; war es doch das erste Mal in seinem Leben, dass es ihm vergönnt war, dem von ihm vergötterten Staatsmanne so nahe gegenüber zu treten! Worüber wohl der eiserne Kanzler sich mit ihm unterhalten, ob er wohl seine Meinung über eine der gerade vorliegenden Tagesfragen einholen werde? Das war dem guten Freiherrn die Tage über viel im Kopfe herumgegangen und hatte ihm sogar schlaflose Nächte bereitet. Er hatte noch an diesem Vormittage die Parlamentsberichte der letzten Woche sorgsam durchgesehen, um sich über den Kern der verhandelten Fragen, sowie über seine Ansichten klar zu sein, hatte aber zu seinem Schrecken die Bemerkung machen müssen, dass er eigentlich gar nicht dazu gekommen war, sich über die Mehrzahl der Gegenstände wirklich eine eigene Meinung zu bilden, da die Redner der andern Parteien nur allzu häufig seine Gedanken arg irre geführt hatten; ja, er bemerkte sogar erst bei dieser Nachprüfung, dass er mehr als einmal seine Stimme gegen seine eigentliche Ueberzeugung abgegeben hatte, ohne es selbst zu wissen. Mit einer gewissen Wehmut nahm er dies Ergebnis seiner Selbstprüfung hin und machte sich mit einem Gefühl auf den Weg nach dem Palais in der Wilhelmstrasse nicht unähnlich dem eines Examinanden, dessen Gewissen einige grosse Lücken drücken. Er tröstete sich damit, dass seine Redegewandtheit ihn schon einen Ausweg aus einer etwaigen Ueberzeugungsklemme werde finden lassen und dass es ihm schon gelingen werde, das Gespräch auf ein Gebiet zu spielen, auf dem er sich zu Hause fühlte; ja, je näher er dem Palais kam, desto fester wurde sein Entschluss, den Reichskanzler auf irgend eine Weise, sei es selbst gewaltsam, im Gespräche der Frage zuzutreiben, die ihm zunächst am Herzen lag: und das war die Freimaurerei!
Zunächst aber war er nur durch Herrn von Kleist-Retzow dem Gewaltigen kurz vorgestellt und dann nach einigen ebenso kurzen Fragen über seine Verwandtschaft und die Lage seines Gutes wieder entlassen worden. Bei Tische sass er zwischen einem klerikalen westfälischen Grafen und einem andern Herrn, dessen Gesicht ihm zwar bekannt vorkam, dessen Parteizugehörigkeit und Name ihm aber unbekannt waren. Er war auf dem linken Ohr fast taub und das erschwerte ihm die Teilnahme an dem lebhaften Tischgespräch ungemein. Er wandte sein scharfes rechtes Ohr mit vorgehaltener Hand bald rechts und bald links, um möglichst wenig von der tiefen Weisheit, die hier geäussert wurde, zu verlieren, und da dieses eine Ohr meistens irgendwo anders in Anspruch genommen war, so überhörte er sehr häufig die Anknüpfungsversuche seiner Nachbarn. Uebrigens kam auch sein Magen dabei zu kurz, denn er fand vor lauter Aufmerksamkeit keine Zeit zum Essen, und so musste er es denn mitansehen, dass die Diener seine kaum berührten Teller immer wieder fortnahmen. Dagegen nahm er von allen Weinen, die ihm angeboten wurden, und trank immer gleich hastig aus, so dass seine Aufregung desto grösser wurde, je mehr die Mahlzeit sich dem Ende näherte. Mit dem westfälischen Grafen hatte er einen Meinungsaustausch über die protestantische Union Friedrich Wilhelms IV. anzubahnen versucht, damit aber natürlich bei dem Katholiken wenig Anteil erregt. Mit dem andern unbekannten Nachbarn band er gar erst an, als die Tafel aufgehoben wurde, indem er ihm mit einem übermütigen Augenzwinkern „Gesegnete Mahlzeit“ wünschte und ihm dabei einen Händedruck nach maurerischer Art zu teil werden liess. Der Herr erwiderte den Druck auf entsprechende Weise und fragte dabei lächelnd: „Von den vier Weltkugeln?“
Der Freiherr von Drenk machte ein äusserst vergnügtes Gesicht, schüttelte den mächtigen Kopf und sagte dabei: „Nicht wahr, Herr Kollege, ich verstehe den Zauber?“
Der andre blickte betroffen auf. „Ah, mein Herr — Sie sind gar nicht Maurer? Nun, das muss ich sagen: Ihr Scherz ist etwas ...“ Er vollendete den Satz nicht, sondern drehte ihm den Rücken zu und ging davon.
Der gute Freiherr sah ihm erstaunt nach und gesellte sich dann kopfschüttelnd der nächsten Gruppe zu. Da ihn niemand von den Herren näher kannte, so wurde er auch jetzt nicht ins Gespräch gezogen; wohl aber trafen ihn hier und da ziemlich verwunderte Seitenblicke, denn sein sonderbares Gebaren bei Tische war immerhin einigen der Herren aufgefallen. Das Gespräch drehte sich um die Kolonialpolitik, ein Gegenstand, der dem gelehrten Büchermann ziemlich gleichgültig war. Bei einer andern Gruppe traf er es nicht besser; auch hier war nur von Kamerun, Klein-Popo und Lüderitzland die Rede. So hospitierte er noch bei verschiedenen Gruppen, um irgendwo einen Gedankenstreit anzutreffen, in den er thätig eingreifen könnte — aber vergeblich: überall war von Dingen die Rede, mit denen er sich wenig oder gar nicht beschäftigt hatte. Ihm, der überall von tiefdurchdachten Theorieen ausging, erschienen alle diese Erörterungen mehr oder minder oberflächlich. Halblaut murmelte er in seinen Bart, während er, die Hände auf dem Rücken znsammengelegt, über die Schwelle des Mittelzimmers schritt: „Alles Opportunisten, blasse Opportunisten!“
Eben kam ihm der Staatsminister von Puttkamer entgegen, um sich in das Nebenzimmer zu begeben. Seine Cigarre schmeckte ihm offenbar sehr gut. Er blies eine feine Rauchsäule aus dem linken Mundwinkel und strich sich dazu mit den schlanken Fingern langsam und bedeutend durch den rechten, lang herabwallenden weissen Backenbart. Der Freiherr trat ihm mit einer Verbeugung entgegen.
„Ich weiss nicht, ob Excellenz sich erinnern — ich hatte bereits den Vorzug ... Baron Drenk-Klein-Pölzin!“ Er verbeugte sich nochmals.
Der Minister hob einen Augenblick die Augen nachdenkend zur Decke auf und drehte dabei das Ende des Backenbartes zu einer Spitze aus. Dann, als ob ihm die Sache ganz klar sei, streckte er dem Herrn Abgeordneten für Klein-Pölzin und Umgegend rasch die Rechte entgegen und sagte zuvorkommend: „Ja, ja, ja gewiss, mein lieber Baron. Nun, wie geht es Ihnen? Sie sind ja noch neu im parlamentarischen Leben.“
„Allerdings,“ entgegnete Drenk, „aber das wird sich wohl geben, Excellenz. Ich wollte mir nur eine Frage erlauben: wie denken Excellenz über die vertrauten Brüder Salomos?“
„Wa — was?“ Der Minister fuhr sich leicht über die Stirn und zuckte die Achseln.
„Ich meine damit den liberalen Fortschritt, den ich wegen seiner vertrauten Beziehungen zum Judentum so nennen möchte,“ erklärte der Baron und vermochte ein triumphierendes Lächeln nicht ganz zu unterdrücken.
Seine Excellenz belachte zwar den gut gewählten Ausdruck, konnte aber doch nicht umhin, den Baron dabei etwas eigentümlich von der Seite anzublicken.
„Nicht wahr, die Bezeichnung gefällt Ihnen, Excellenz, ganz in maurerischem Stile — eh — eh!“
„Wie? Im maurischen Stile? Ich verstehe wohl nicht?“ versetzte Herr von Puttkamer verdutzt.
„Pardon: — maurerisch sagte ich. Meine eingehenden Studien haben mich nämlich zu der Ueberzeugung geführt, dass Freimaurerei und Judentum ganz dasselbe sind. Der bekannte Jude Crémieux, Grossmeister vom schottischen Ritus, hervorragender Führer der französischen Demokratie und Präses der ‚Alliance israélite‘ vereinigt in seiner Person das Wesen der freimaurerisch-jüdischen Revolution — wollen Euer Excellenz das gefälligst im Auge behalten!“
Die Augen des Ministers wurden immer grösser. „Ja, ja, ganz recht — ich verstehe nur nicht ...“
Aber ohne sich irgendwie beirren zu lassen, fuhr der Baron fort: „Ich habe nämlich unter dem Titel ‚die vertrauten Brüder Salomos‘ so ein kleines Ding verfasst, so eine Art aristophanische Komödie, worin ich so ungefähr die Quintessenz der gegenwärtigen politischen Periode gebe und gegen den blassen Opportunismus energisch Front mache.“
Herr von Puttkamer paffte eine bedeutende Dampfwolke von sich und wickelte den rechten Bartwimpel etwas nervös um die Hand. „Zweifelsohne eine bedeutende, eine höchst interessante Idee!“ versetzte er, indem er die Augen zu der nächsten Gruppe von Herren hinüberschweifen liess. „Aber — ich besitze leider keinen Einfluss auf unsern Generalintendanten.“
Der Baron wollte auf diese scherzhafte Abfertigung eben etwas erwidern, als Seine Excellenz sich mit einigen entschuldigenden Worten gegen ihn verbeugte und hastig auf einen alten Herrn der benachbarten Gruppe zuging, wie wenn er diesem etwas sehr Wichtiges mitzuteilen hätte.
„Auch ein Opportunist!“ brummte Drenk unwillig und ging nach dem nächsten Rauchtischchen, um sich seine Havanna wieder anzustecken, welche ihm im Laufe einer halben Stunde bereits zum zehntenmale ausgegangen war. Dann vertiefte er sich in die Betrachtung der Oelgemälde an den Wänden. Er wusste nicht recht, was er sah, auch nicht, wie lange er schon so seinen Gedanken überlassen geblieben war, als plötzlich der eiserne Kanzler selbst neben ihm stand.
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