Kitabı oku: «Habt Mut!»

Yazı tipi:

Erwin Kräutler

in Zusammenarbeit

mit Josef Bruckmoser

Habt
Mut!

Jetzt die Welt und die Kirche verändern

Tyrolia-Verlag · Innsbruck-Wien

Mitglied der Verlagsgruppe „engagement“

© 2016 Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck

Umschlaggestaltung: stadthaus 38, Innsbruck

Layout und digitale Gestaltung: Tyrolia-Verlag, Innsbruck

ISBN 978-3-7022-3508-6 (gedrucktes Buch)

ISBN 978-3-7022-3509-3 (E-Book)

E-Mail: buchverlag@tyrolia.at Internet: www.tyrolia-verlag.at

Inhalt

Vorwort

Die Welt hat sich verändert, alte Ordnungen und Sicherheiten wanken. Europa muss sich neu orientieren. Aber wohin?

Erwin Kräutler benennt sieben Kategorien für ein Leben, das vor dem eigenen Gewissen und vor der Mitwelt bestehen kann. In seinem Plädoyer stützt sich der gebürtige Vorarlberger auf die Bibel, auf seine 50-jährige Erfahrung als Seelsorger und Bischof in Amazonien und auf die Verkündigung von Papst Franziskus. Der Bischof vom Xingu und der Papst aus Buenos Aires stimmen dabei in vielen wesentlichen Akzentsetzungen überein. Punktgenau benennen die beiden Kirchenmänner aus dem Süden die Herausforderungen, vor denen Europa und die europäischen Christen stehen.

Franziskus wohnt nicht im Papstpalast, sondern im Gästehaus, er fährt nicht mit einer Limousine vor, sondern im Kleinwagen, er gibt keine autoritären Lehrschreiben heraus, sondern fragt zuerst die Menschen, wie sie leben und was sie glauben. Für Jorge Mario Bergoglio stehen nicht die Kirche, das System und die Hierarchie im Mittelpunkt. Der erste Papst aus Lateinamerika hat immer den konkreten Menschen im Blick. Er will kein jahrhundertealtes System in die Zukunft retten, sondern fragt, wie die Kirche den Menschen Hilfe und Stütze sein kann – in guten und in bösen Tagen.

Erwin Kräutler lädt uns ein, ein Stück des Weges mit dem Bischof von Rom zu gehen. Dieser Weg ist markiert von der Liebe zu den Menschen, vom Blick für die Armen, von der Achtung für die Mitwelt, von der Suche nach Versöhnung und Frieden und von einer Autorität, die kein autoritäres Gehabe braucht. Aus diesen Haltungen können wir den Mut zur Veränderung schöpfen, der notwendig ist, um unsere Verantwortung für die Welt wahrzunehmen.

Drei Lebensregeln aus der Bibel geben zu jedem der sieben Kapitel konkrete Anregungen für den Alltag.

Josef Bruckmoser

1.
LIEBE DIE MENSCHEN
„Guten Abend, Brüder und Schwestern!“

Mit dem ersten Papst aus Lateinamerika hat in der römisch-katholischen Kirche eine neue Ära begonnen. Das hat sich schon in seiner ersten unmittelbaren Begegnung mit den Menschen gezeigt, am 13. März 2013 um 20.22 Uhr, als Jorge Mario Bergoglio auf der Loggia des Petersdoms in Rom erschienen ist. „Habemus papam“ war die Ankündigung – und gekommen ist ein Mensch wie du und ich. Einer, der sich von Anfang an nicht als eine abgehobene Autorität verstand, sondern dessen Name Programm ist: Franziskus, abgeleitet von Franz von Assisi. Ein „Poverello“ will er sein, ein Armer unter den Menschen, einer, der die Menschen mag, und einer, der staunen kann vor den Wundern dieser Welt, wie es Franz von Assisi in seinem berühmten und bis heute berührenden „Sonnengesang“ getan hat.

Mit seinen ersten Worten, mit seiner ersten kurzen Ansprache hat Papst Franziskus die Herzen der Menschen erobert, die auf dem Petersplatz versammelt waren:

„Brüder und Schwestern!

Guten Abend!

Ihr wisst, es war die Aufgabe des Konklaves, Rom einen Bischof zu geben. Es scheint, meine Mitbrüder, die Kardinäle, sind fast bis ans Ende der Welt gegangen, um ihn zu holen. … Aber wir sind hier. … Ich danke euch für diesen Empfang. Die Diözese Rom hat nun ihren Bischof. Danke. Zunächst möchte ich ein Gebet sprechen für unseren emeritierten Bischof Benedikt XVI. Beten wir alle gemeinsam für ihn, dass der Herr ihn segne und die Mutter Gottes ihn beschütze.

Und jetzt beginnen wir diesen Weg – Bischof und Volk –, den Weg der Kirche von Rom, die den Vorsitz in der Liebe führt gegenüber allen Kirchen; einen Weg der Brüderlichkeit, der Liebe, des gegenseitigen Vertrauens. Beten wir immer füreinander. Beten wir für die ganze Welt, damit ein großes Miteinander herrsche. Ich wünsche euch, dass dieser Weg als Kirche, den wir heute beginnen und bei dem mir mein Kardinalvikar, der hier anwesend ist, helfen wird, fruchtbar sei für die Evangelisierung dieser schönen Stadt.

Und nun möchte ich den Segen erteilen, aber zuvor bitte ich euch um einen Gefallen. Ehe der Bischof das Volk segnet, bitte ich euch, den Herrn anzurufen, dass er mich segne: das Gebet des Volkes, das um den Segen für seinen Bischof bittet. In Stille wollen wir euer Gebet für mich halten.

Jetzt werde ich euch und der ganzen Welt, allen Männern und Frauen guten Willens, den Segen erteilen. [Segen]

Brüder und Schwestern, ich verabschiede mich von euch. Vielen Dank für den Empfang. Betet für mich und bis bald! Wir sehen uns bald: Morgen möchte ich die Mutter Gottes aufsuchen und sie bitten, ganz Rom zu beschützen. Gute Nacht und angenehme Ruhe.“

Für mich ist es die wichtigste Voraussetzung für den Beruf und die Berufung des Priesters oder Bischofs – oder des Papstes, des Bischofs von Rom –, dass du die Menschen magst. Wir erleben das in der lateinamerikanischen Situation sehr deutlich. Es gibt eine gar nicht so geringe Zahl von jüngeren Priestern, die – ähnlich wie bei evangelikalen und pfingstlerischen Gemeinschaften – vor allem ihr Amt hervorheben. Sie verstehen sich als die aus dem Volk herausgenommenen Männer, die kraft ihrer Weihe die Sakramente spenden. Und es gibt die vielen anderen, ich nenne sie die Priester des Volkes. Das sind die, die bei den Menschen und mit den Menschen leben. Auch sie spenden die Sakramente, aber sie teilen mit dem Volk Gottes die Sorgen des Alltags. Sie verklären die Armut nicht zynisch, indem sie ein reiches Leben im Paradies des Jenseits versprechen.

Als ich zum Bischof der Diözese Xingu in Amazonien bestellt wurde, fragte ich vor der Bischofsweihe meine Leute, was sie von ihrem Bischof erwarten. Die Antwort der Laien, Frauen und Männer, die an der Versammlung teilnahmen, war: „Bitte, leite die Diözese nicht von einem Schreibtisch aus, sondern komm hinaus zu uns, damit du an deinem eigenen Leib erfährst, wie wir leben, was unsere Sorgen und Nöte sind, unsere Trauer und Angst, aber auch unsere Freude und Hoffnung.“ Ich kann einen Menschen nur wirklich lieben, wenn ich sein Umfeld kenne, wenn ich weiß, woher er kommt, wie er lebt und wohin er strebt.

Schon als Jesuit, als Priester, als Bischof und schließlich als Kardinal in Buenos Aires hat Jorge Mario Bergoglio diesen Geist der Geschwisterlichkeit gelebt. Das macht seine persönliche Glaubwürdigkeit aus. Für Papst Franziskus ist es kein PR-Gag, keine Show für die Fernsehkameras aus aller Welt, wenn er auf einer seiner Reisen mitten im Pulk offizieller Staatskarossen in einen mausgrauen Mittelklassewagen steigt. Es ist nicht für die „Auslage“, sondern es ist für ihn selbstverständlich, dass er beim Optiker nicht eine komplett neue Brille kauft, sondern nur Gläser mit der neuen Dioptrie in die alte Fassung einpassen lässt.

Der Zweck ist erfüllt, mehr ist nicht notwendig, denkt Franziskus, und vermittelt damit zwei Botschaften: Das Notwendige ja, das Überflüssige nein. Ich will – und muss in meinem Amt – gut sehen, aber ich bin kein Teil einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft, die das ohne weiteres noch Brauchbare achtlos in den Müll wirft.

Ein Evangelium, das froh macht

Papst Franziskus ist ein Mensch, der eine frohe Gelassenheit ausstrahlt. Sie kommt aus einem Verständnis des Evangeliums, das zuerst die frohe Botschaft, die gute Nachricht sieht und erst darauf aufbauend die Konsequenzen, die sich in der Lebensführung als Rechte, aber naturgemäß auch als Pflichten daraus ergeben. Bei Franziskus besteht nie ein Zweifel, was er will, was er für menschenwürdig und erstrebenswert hält. Aber diese Haltung kommt nicht als eine von oben daher, als eine nur belehrende und fordernde, eventuell sogar mit erhobenem Zeigefinger.

Die Kirche war bis weit in das 20. Jahrhundert hinein in erster Linie die Hierarchie. Diese wurde als Mutter und Lehrerin der Gläubigen verstanden. Über die Stellung und Berufung der Laien in der Kirche gab es kaum theologische Abhandlungen. Die Laien waren so etwas wie Konsumenten dessen, was der Klerus ihnen vorsetzte, praktisch ohne Mitspracherecht. Unbedingter, sich unterwerfender Gehorsam der kirchlichen Obrigkeit gegenüber war gefordert.

Das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) sieht nun an erster Stelle das Volk Gottes. In der Dogmatischen Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“ ist nach einem einleitenden Kapitel über das Mysterium der Kirche das zweite große Kapitel dem Volk Gottes gewidmet. Erst im dritten Kapitel geht es um die Amtsträger, die nicht eine isolierte, abgehobene Kaste bilden, sondern im Dienste ebendieses Volkes Gottes stehen. Nach diesem dritten Kapitel über die Amtsträger kommt ein weiteres über die Laien. Es geht also nochmals um das Volk Gottes, denn das Wort Laie kommt ja vom griechischen laós (Volk) bzw. laikós (zum Volk gehörig). In diesem Kapitel steht dann auch der wunderbare Satz: „Wie die Laien Christus zum Bruder haben, der, obwohl aller Herr, doch gekommen ist, nicht um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen (vgl. Mt 20,28), so haben sie auch die geweihten Amtsträger zu Brüdern“ (LG 32).

Es hat noch Jahrzehnte gedauert, bis diese Umkehrung der Verhältnisse Fuß gefasst hat. Wirklich vollzogen, intensiviert und gelebt wird dieses Kirchenbild von Papst Franziskus. Bereits in seinem ersten programmatischen Apostolischen Schreiben „Evangelii gaudium“ über die „Freude des Evangeliums“ hat er mit Blick auf die Gläubigen geschrieben:

„Der heilige Thomas von Aquin betonte, dass die Vorschriften, die dem Volk Gottes von Christus und den Aposteln gegeben wurden, ‚ganz wenige‘ sind. Indem er den heiligen Augustinus zitierte, schrieb er, dass die von der Kirche später hinzugefügten Vorschriften mit Maß einzufordern sind, ‚um den Gläubigen das Leben nicht schwer zu machen‘ und unsere Religion nicht in eine Sklaverei zu verwandeln, während ‚die Barmherzigkeit Gottes wollte, dass sie frei sei‘. Diese Warnung, die vor einigen Jahrhunderten gegeben wurde, besitzt eine erschreckende Aktualität. Sie müsste eines der Kriterien sein, die in Betracht zu ziehen sind, wenn über eine Reform der Kirche und ihrer Verkündigung nachgedacht wird, die wirklich erlaubt, alle zu erreichen. (EG 43)“

Das erinnert an die Auseinandersetzungen, die Jesus mit den religiösen Autoritäten seiner Zeit geführt hat. „Sie legen den Menschen schwere Lasten auf“ (Mt 23,4), kritisierte er – und hielt sein Evangelium der Freude dagegen: „Meine Bürde ist leicht“ (Mt 11,30). Für Papst Franziskus kommt zuerst die Frohbotschaft. Alles andere folgt daraus, sofern es aus der prinzipiellen und bedingungslosen Heilszusage Gottes an den Menschen ableitbar ist.

Das Jahr der Barmherzigkeit

Ein konkreter programmatischer Ausdruck dieser Haltung des Papstes ist das „Jahr der Barmherzigkeit“. Dieses Heilige Jahr begann symbolträchtig am 8. Dezember 2015, dem 50. Jahrestag des Abschlusses des Zweiten Vatikanischen Konzils. Es endet am 20. November 2016. Es ist somit eine Einladung, das mit dem Konzil begonnene Werk fortzuführen, und zwar ausdrücklich unter dem Aspekt der Barmherzigkeit.

Dieses „Außerordentliche Jubiläum der Barmherzigkeit“ ist ein Mottojahr, das aus den innersten Beweggründen kommt, die Papst Franziskus in seinem Amt leiten. Barmherzigkeit ist für ihn der Kern der christlichen Botschaft und das Schlüsselwort seines Pontifikates. Er will mit dem Jahr der Barmherzigkeit die Kirche dahin führen, in allen Bereichen der Seelsorge Zeichen und Zeugin dieser Barmherzigkeit zu sein.

Barmherzigkeit ist ein zutiefst biblischer Begriff. Ich erinnere mich gerne an eine Frau, Adriana heißt sie, die ich getraut habe. Ein Jahr nach der Hochzeit habe ich sie getroffen. Sie erzählte mir, sie hätte so gern ein Kind, aber es sei bisher nicht möglich gewesen. Sie war unendlich traurig. Wiederum ein Jahr später habe ich die Frau neuerlich getroffen, und sie war schwanger. Nie mehr vergesse ich das leuchtende Gesicht von Adriana, wie sie mit der Liebe einer jungen Mutter ihre Hände auf ihren bereits sanft gewölbten Schoß legte und mir erklärte, wie sich das Kind rege und bewege.

Genau das will rachamim ausdrücken, das hebräische Wort für Barmherzigkeit. Dessen Wurzel ist rechem, das heißt Mutterschoß. Es ist die Erfahrung einer werdenden Mutter, die ein Kind in ihrem Schoß trägt, die tiefe Verbundenheit, alle damit verbundenen Gefühle selbstloser Liebe, Zärtlichkeit, Sorgfalt, Zuneigung und Güte. Niemand ist einander näher als eine Mutter und das Kind unter ihrem Herzen. Es gibt unter Menschen keine ursprünglichere Erfahrung liebender Verbundenheit als diese zärtliche Einheit. Das Alte Testament schreibt alle diese „Gefühle“ Gott zu. Barmherzigkeit offenbart somit vom Wortstamm her die mütterliche, die weibliche Seite Gottes.

Genau darauf zielt das Jahr der Barmherzigkeit: dass Menschen die unmittelbare und bedingungslose Zuwendung Gottes erfahren, auch und gerade im Handeln der Kirche. So war beispielsweise die Lossprechung in der Beichte für eine Frau, die eine Abtreibung durchgeführt hatte, immer einem Bischof vorbehalten. Franziskus hat diese Vollmacht für das „Jahr der Barmherzigkeit“ allen Priestern erteilt. Es ist ihm damit etwas gelungen, was der katholischen Kirche zumal in Fragen des Lebensschutzes so schwerfällt: dem einzelnen Menschen in seiner persönlichen Situation mit Liebe zu begegnen und ihm gerecht zu werden, ohne damit den Grundsatz aufzugeben, dass das menschliche Leben von der Empfängnis bis zum Tod unantastbar ist.

Franziskus unterläuft jenes kirchliche Schwarz-Weiß-Denken, das entweder nur die strenge Sitte und Moral oder den völligen Relativismus und sittlichen Verfall kennt. Er lebt das Wort, das Jesus angesichts der „Sünderin“ gesagt hat, die man ihm vorgeführt hatte: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Als sich nach und nach alle widerwillig, aber sozusagen alternativlos, aus dem Staub machen, sagt Jesus: „Dann will auch ich dich nicht verurteilen. Gehe hin und sündige nicht mehr“ (Joh 8,1–11). Diesem Vorbild folgend sagt Franziskus, die Priester müssten für betroffene Frauen „Worte der echten Annahme“ finden – verbunden „mit einer Reflexion, die hilft, die begangene Sünde zu begreifen“.

Für Franziskus steht an erster Stelle, dass Frauen, die abgetrieben haben, die Vergebung Gottes nicht verweigert werden darf. Er übersieht dabei nicht, dass die veränderte Beziehung moderner Gesellschaften zum Leben – ob am Anfang oder am Ende – aus Sicht der Kirche schwerwiegende Fragen aufwirft. „Das Drama der Abtreibung wird von manchen mit einem oberflächlichen Bewusstsein erlebt“, schreibt er. „Viele andere dagegen, die diesen Moment zwar als Niederlage erleben, meinen, keinen anderen Ausweg zu haben.“ Er denke an die Frauen, die eine Abtreibung vornehmen ließen, und wisse um den Druck, der sie zu dieser Entscheidung geführt habe. „Ich weiß, dass es ein existenzielles und moralisches Drama ist“, sagt Franziskus und betont zugleich, er sei vielen Frauen begegnet, „die in ihrem Herzen die Narben dieser leidvollen und schmerzhaften Entscheidung trugen“.

Ich habe als Bischof selbst solche Erfahrungen gemacht, wie junge Frauen buchstäblich zur Abtreibung gezwungen wurden, indem man ihnen angedroht hat, sie mittellos auf die Straße zu setzen, wenn sie den Eingriff nicht vornehmen ließen. Sie kamen dann nachher zu mir und baten weinend um Hilfe und wollten, dass ich sie „um Gottes und seiner heiligsten Mutter willen“ von ihrem tief liegenden Schock und ihrer Schuld befreie. Manchmal sagte mir eine Frau, dass sie in der Nacht schweißgebadet aufwache, weil sie Albträume habe und ihr Kind schreien höre. Ein grausames Schicksal, das Frauen nie mehr wegstecken können. Ich habe jedes Mal mit ihnen gebetet und ihnen gesagt, dass Gott sie ganz sicher nicht verdamme und nie aufhöre, sie zu lieben. „Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt; darum habe ich dich an mich gezogen aus lauter Gnade“, lesen wir beim Propheten Jeremia (Jer 31,3). Ich legte ihnen die Hände auf und sprach die sakramentale Lossprechung.

Ich fragte mich allerdings, in welchem Maße eine solche Frau subjektiv, also in dieser ihrer schaurigen Grenzsituation, tatsächlich Schuld auf sich geladen hat. Es brachte mich jedes Mal in Rage, wenn ich an die wirklich Verantwortlichen für all dieses Leid von Frauen und den Tod ihrer ungeborenen Kinder dachte. Kein Mensch belangt diese gemeinen Typen. Sie selbst tun so, als ob absolut nichts geschehen wäre. Sie sind die eigentlichen Verbrecher! Aber von denen kommt niemand zum Bischof und bittet um Absolution.

Ein ähnliches Signal der Barmherzigkeit setzte der Papst durch den erleichterten Zugang zur Annullierung einer Ehe. In einem Ehenichtigkeitsverfahren geht es um die amtliche Feststellung, ob bei den betreffenden Partnern eine gültige Ehe im katholischen Sinne überhaupt zustande gekommen sei. Mögliche Gründe für eine ungültige Ehe können Formfehler bei der Eheschließung sein, vor allem aber Willensmängel oder Erkenntnismängel. Ein Willensmangel liegt etwa vor, wenn ein Partner von vornherein einen Kinderwunsch ausschließt, ein Erkenntnismangel, wenn etwa einem der Partner nicht bewusst ist, dass eine Ehe nach katholischem Verständnis unauflöslich ist.

Bei uns in Lateinamerika kommt als Ehehindernis auch ganz besonders der äußere oder innere Zwang dazu. Schwarz auf weiß heißt es im Kirchenrecht: „Ungültig ist eine Ehe, die geschlossen wurde aufgrund von Zwang oder infolge von außen, wenn auch ohne Absicht, eingeflößter Furcht, die jemandem, um sich davon zu befreien, die Wahl der Ehe aufzwingt“ (CIC Canon 1103). Wie oft passiert es in Lateinamerika, dass ein Mädchen zur Heirat gezwungen wird, weil sie schwanger ist. Der Traupriester erfährt nichts davon und beim Traugespräch wird so getan, als ob alles eitel Wonne wäre. Aus Angst wird einfach gelogen. Die Frage, ob sie (oder seltener auch er) aus freiem Willen die Ehe eingehen möchte, wird mit Ja beantwortet. Die Wahrheit kommt erst viel später ans Licht.

Ich kenne zur Genüge Fälle von Drohungen väterlicheroder sogar mütterlicherseits wie „Wenn du den Burschen nicht heiratest, werfe ich dich hinaus. Ich sehe dich nicht mehr als meine Tochter an! Ich will keine Hure in meinem Haus!“ Es ist jedes Mal ein eklatanter Fall von Ehenichtigkeit. Aber es ist meist sehr schwierig, Zeugen einzuvernehmen. Ich weiß oft als Bischof aus dem forum internum von den näheren Umständen, die zur Heirat geführt haben, aber der Weg über die Instanzen des kirchlichen Ehegerichts war immer langwierig. Es kam oft aus diesem und jenem Grund zu keinem Urteilsspruch – auch wenn ich völlig überzeugt war, dass die Ehe ungültig ist. Da stieg bei mir jedes Mal die Frage auf: Warum ist mir als Ortsbischof nicht das letzte Urteil anheimgestellt, wenn ich doch die Umstände aus allernächster Nähe kenne?!

Zu Beginn des Heiligen Jahres kam die erlösende, von mir längst erwartete Entscheidung aus Rom. Seither gilt für die Nichtigkeitserklärung einer kirchlich geschlossenen Ehe bereits das Urteil der ersten Instanz. Es muss nicht mehr, wie zuvor, jedes Urteil in einem kirchlichen Eheprozess in zweiter Instanz bestätigt werden. Zudem darf die Maximaldauer eines Ehenichtigkeitsprozesses nur mehr ein Jahr betragen. Außerdem verfügte der Papst, dass der Ortsbischof selbst dieses Amt auszuüben hat, er darf es nicht vollständig delegieren. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass der Ortsbischof dadurch auch gegenüber der römischen Kurie aufgewertet wird. Die ehegerichtliche Entscheidung fällt jetzt auf diözesaner Ebene – ein kleiner, aber in der Tendenz beachtenswerter Schritt weg vom Zentralismus.

Nur im Falle einer Anfechtung des Ersturteils geht das Verfahren in zweiter Instanz an den Erzbischof der jeweiligen Kirchenprovinz – in Österreich an den Erzbischof von Salzburg oder den Erzbischof von Wien. Erst wenn das Diözesangericht und das übergeordnete Metropolitangericht zu unterschiedlichen Urteilen kommen, entscheidet in dritter und letzter Instanz die Rota Romana, der Berufungsgerichtshof im Vatikan.

Der Einwand von Kritikern, dass die Nichtigkeitserklärung einer Ehe von den betroffenen Partnern immer auch eine gewisse Selbstverleugnung verlange, ist teilweise richtig. Sie müssen ja tatsächlich mehr oder weniger erklären, dass sie sich in ihrer Beziehung schwerwiegend getäuscht hätten, dass sie unter Zwang gestanden seien oder dass ihr Ja-Wort gleichsam nie den ernsthaften Charakter gehabt habe, den der kirchlich definierte Wille zur Ehe verlange.

Wichtig scheint mir trotzdem, dass die Richtung stimmt. Zum einen durch die Dezentralisierung und zum anderen durch das neue Verständnis, wie die Kluft zwischen dem Sakrament, dem kirchlichen Recht und der vom Evangelium gebotenen Barmherzigkeit kleiner werden könnte. Zur statistischen Einordnung: 2013 wurden weltweit rund 47.150 Ehen für nichtig erklärt – bei insgesamt 71.800 abgeschlossenen Verfahren. Davon entfielen mit 24.600 mehr als die Hälfte der annullierten Ehen auf die USA.

Franziskus will eine Kirche, die in zweifacher Hinsicht näher bei den Menschen ist. Was vor Ort entschieden werden kann, soll auch dort entschieden werden. Erst wenn dezentral keine Einigung erzielt werden kann, entscheidet in allerletzter Instanz Rom. Das Zweite ist: Weil menschliches Leben brüchig und unvollendet ist, muss die Barmherzigkeit gegenüber dem Recht wieder mehr Gewicht bekommen.

Ein Detail am Rande: Über den juristischen Schatten ist Franziskus auch gegenüber der traditionalistischen Piusbruderschaft gesprungen. Überraschend ordnete er an, dass im Heiligen Jahr alle Katholiken das Sakrament der Versöhnung, die Beichte, auch bei Priestern der Bruderschaft Sankt Pius X. gültig und erlaubt empfangen können. „Ich vertraue darauf, dass in naher Zukunft Lösungen gefunden werden können, um die volle Einheit mit den Priestern und Oberen der Bruderschaft wiederzugewinnen“, schrieb Franziskus.

Bislang ist die Spendung von Sakramenten durch die Priester der von Rom getrennten Bruderschaft nach katholischem Kirchenrecht gültig, aber nicht erlaubt. Für die Beichte macht Franziskus im „Heiligen Jahr der Barmherzigkeit“ eine Ausnahme. Vielleicht darf man auch darin eine grundsätzliche Haltung dieses Papstes sehen: dass mehr Ausnahmen die Regel bestätigen, weil nicht alles Leben über einen einzigen kirchenrechtlichen Leisten geschlagen werden kann.


Was uns die Heilige Schrift sagt:
Drei Lebensregeln aus der Bibel

Mein Joch drückt nicht und meine Bürde ist leicht (Mt 11,30)

Das Evangelium ist eine Botschaft, die nicht unterjocht, sondern aufrichtet. Ich muss mich nicht erdrücken lassen, weder von den Bürden des Alltags noch von dem Joch, das andere – welche Autoritäten auch immer – mir auferlegen wollen. Ich bin dazu berufen, Jesus nachzufolgen, und ich darf den aufrechten Gang gehen.

Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet (Mt 7,1)

Es ist eine klare Forderung der Nächstenliebe, dass ich auf andere Menschen in aller Offenheit zugehe und ihnen ohne Urteil, vor allem ohne Vorurteil begegne. Papst Franziskus hat diese christliche Grundhaltung des „Richtet nicht” schon in seiner ersten Pressekonferenz auf dem Flug zum Weltjugendtag in Rio de Janeiro unterstrichen. Auf die Frage, wie die Kirche zu homosexuellen Menschen stehe, sagte er: „Wenn ein Mensch homosexuell ist und Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, über ihn zu richten?“

Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist (Lk 6,36)

Barmherzigkeit fängt immer damit an, dass ich nicht wegschaue, sondern hinschaue. Und dass ich versuche, die Situation des anderen zu sehen und danach zu handeln. Die Bibel ist voller Beispiele, in denen uns vor Augen geführt wird, was Barmherzigkeit meint: der barmherzige Samariter, der nicht an dem Mann vorbeigegangen ist, der unter die Räuber gefallen war (Lk 10,25–37); der barmherzige Vater, der für seinen verlorenen Sohn ein Fest ausrichten lässt (Lk 15, 11–32).

Eine wunderbare Stelle aus dem Alten Testament steht dazu beim Propheten Jesaja, Kapitel 49, Vers 15: „Kann denn eine Frau das Kind, das sie stillt, vergessen? Und selbst wenn sie es vergessen würde, ich vergesse dich nicht. Ich habe dich in meine Hand geschrieben.” Genau darum geht es: Der barmherzige Samariter kann nicht vorbeigehen und der Vater hat seinen Sohn nie vergessen. Eindrucksvoll hat Rembrandt das in seiner „Heimkehr des verlorenen Sohnes“ (St. Petersburg 1669) dargestellt.

2.
SCHAU BEI DEN ARMEN NICHT WEG
„Unser“ Papst aus dem Süden

Der Befreiungstheologe Jon Sobrino aus El Salvador wurde am 10. März 2013, kurz vor der Papstwahl, in der ORFFernsehsendung „Orientierung“ gefragt, was er von einem Papst aus dem Süden halten würde. Sobrino meinte, das sei für ihn nicht wichtig. „Für mich ist wichtig, dass der Papst, die ganze Kirche, alle zusammen etwas riskieren. Es muss ein Papst sein, der etwas riskiert, der die Armen dieser Welt verteidigt. Zu wenig Mittel zum Leben, mangelnde medizinische Versorgung, kaum Bildung. Das ist die tiefere Wahrheit der Welt, der sich die Kirche zuwenden muss. Vielleicht machen sie in diesem Konklave einen Schritt hin zu einer menschlicheren Welt.“

Der Papst sollte gebildet sein, sagte Sobrino, und er sollte verstehen, dass wir alle in einer einzigen Welt leben – ein geradezu prophetisches Wort, wenn wir an Franziskus denken. Kein anderer Papst vor ihm hat so sichtbar diese eine Welt dargestellt wie Jorge Mario Bergoglio, der Papst, wie er selbst sagte, „fast vom Ende der Welt“. Als Franziskus am Abend des 13. März 2013 auf die Mittelloggia des Petersdoms trat, ist die andere Welt, die südliche, die arme Halbkugel, in der Mitte der Kirche angekommen.

Am Anfang sind die Leute bei uns in Brasilien – ich möchte fast sagen – erschrocken. Niemand hätte sich je träumen lassen, dass „einer von uns“ Papst werden könnte. Der Papst war immer weit weg. Und auf einmal ist das einer von uns. Sogar Pastoren von evangelischen Freikirchen haben mir gratuliert. Sie sagten, „jetzt haben wir einen Papst“. Also wir Lateinamerikaner. Die katholische Kirche hört mit Franziskus auf, in ihren Entscheidungsinstanzen eine fast ausschließlich europäische Kirche zu sein. In der Wahl des Papstes aus Argentinien zeigt sich, dass sich die Kirche irgendwie von Europa abgenabelt hat.

Es gibt eine wunderbare Erzählung aus dem Leben des heiligen Franz von Assisi. Im Jahre 1205 kniete er in dem verfallenen Kirchlein San Damiano vor dem heute weltberühmten byzantinischen Kreuz. Plötzlich hörte er eine Stimme: „Franz, stelle mein verfallenes Haus wieder her.“ Als Kardinalprotodiakon Jean-Louis Tauran den Namen bekannt gab, den Jorge Mario Bergoglio als Papst angenommen hat, kamen mir unwillkürlich diese Worte in den Sinn. Wir hoffen, dass Papst Franziskus die Erwartungen, die wir mit diesem Namen verbinden, auch verwirklichen kann. Dazu braucht er den Mut und die tiefe Gottverbundenheit des Franz von Assisi.

Ich möchte Papst Franziskus nicht für die Befreiungstheologie vereinnahmen, aber eines ist sicher: Er ist ein Mann, der in Argentinien auf der Seite der Armen stand und sich für die Mittellosen und an den Rand Gedrängten eingesetzt hat. Deshalb wurde er auch „Kardinal der Armen“ genannt. Daher knüpft Franziskus bei Aussagen über die Armut immer wieder bei der lateinamerikanischen Erfahrung an und bei einer Kirche, die nicht müde wird, ihre „Option für die Armen“ karitativ und gesellschaftspolitisch zu leben.

Der Papst ist beseelt vom Grundanliegen der Befreiungstheologie, sich den konkreten Herausforderungen unserer Welt zu stellen und ungerechte Strukturen anzuprangern, so wie es die Dritte Generalversammlung der Lateinamerikanischen Bischöfe 1979 in Puebla ausgedrückt hat. Das Schlussdokument zitiert Papst Johannes Paul II., der die ungerechten Strukturen benennt, die „Reiche immer reicher werden“ lassen „auf Kosten der Armen, die immer ärmer werden“ (DP 30).

Die Fünfte Generalversammlung 2007 in Aparecida geht noch weiter. Als Erzbischof von Buenos Aires hat Papst Franziskus das Schlussdokument dieser Versammlung wesentlich mitbestimmt. Dort begegnet uns ausdrücklich der Gedanke, dass Menschen von der gesellschaftlichen Entwicklung ausgeschlossen werden, dass sie an den Rand gedrängt werden, weil sie die Geschäfte stören. Wörtlich heißt es in Nr. 65: „Eine Globalisierung ohne Solidarität wirkt sich negativ auf die ärmsten Schichten aus. Dabei geht es nicht allein um Unterdrückung und Ausbeutung, sondern um etwas Neues, um den gesellschaftlichen Ausschluss. Durch ihn wird die Zugehörigkeit zur Gesellschaft, in der man lebt, untergraben, denn man lebt nicht nur unten oder am Rande bzw. ohne Einfluss, sondern man steht draußen. Die Ausgeschlossenen sind nicht nur ‚Ausgebeutete‘, sondern ‚Überflüssige‘ und ‚menschlicher Abfall‘.“ Es geht nicht mehr nur darum, dass die Reichen auf Kosten der Armen immer reicher werden, sondern dass die Armen wie Müll weggeworfen werden.

Schon aus seinen Predigten als Erzbischof in Argentinien wussten wir, dass Jorge Mario Bergoglio wohl auch als Papst seine Stimme für die Armen erheben und den Mut haben werde, die Ursachen der Armut anzuprangern. Ob er etwas „bewirken“ wird, steht auf einem anderen Blatt. Aufgabe eines Propheten ist es, für eine gerechte und geschwisterliche Welt einzutreten und nicht müde zu werden, alle von Menschen geschaffenen ungerechten Strukturen zu verurteilen, die für Gewalt, Tod und Ausgrenzung verantwortlich sind.

Ich habe in den Jahren seit der Wahl von Papst Franziskus erlebt, wie stark der Großteil unserer Bischöfe in Brasilien hinter diesem Papst steht. Ich denke, das gilt für ganz Lateinamerika. Ein Zeichen dafür war schon, dass unser Kardinal Dom Claudio Hummes – emeritierter Erzbischof von Sao Paulo und heute Vorsitzender der Bischöflichen Kommission für Amazonien, deren Sekretär ich bin – beim ersten Segen „Urbi et Orbi“ unmittelbar nach der Wahl dicht neben dem neuen Papst auf der Loggia des Petersdoms zu sehen war. Ich kann mir gut vorstellen, dass die brasilianischen Konklave-Mitglieder schon beim ersten Wahlgang für Jorge Mario Bergoglio gestimmt haben.

Menschen auf der Flucht

Bereits seine erste Reise als Kirchenoberhaupt zeigte, wie ernst es dem Papst aus Lateinamerika mit der Option für die Armen ist. Den offiziellen Stellen im Vatikan scheint es geradezu peinlich gewesen zu sein, dass sein erster Weg auf die europäische Flüchtlingsinsel Lampedusa führte. Es sei nur „ein kurzer Besuch in der größtmöglichen Diskretion“ geplant, hieß es. Tatsächlich wurde der Papst am 8. Juli 2013 von den Bootsflüchtlingen, die den lebensgefährlichen Ritt über das Mittelmeer geschafft hatten, enthusiastisch empfangen.

„Flüchtlinge, im Meer umgekommen.“ Schlagzeilen dieser Art, so sagte der Papst bei seiner Predigt, hätten wie ein Stachel in seinem Herzen gewirkt. „Und ich wusste, dass ich hierher kommen muss, um zu beten, um ein Zeichen der Nähe zu setzen, aber auch um unsere Gewissen zu wecken, sodass sich das, was passiert ist, nicht wiederholt. Nie wieder!“

„Kain, wo ist dein Bruder?“ (vgl. Gen 4,9). Diese Frage Gottes stellte Franziskus in den Mittelpunkt seiner Predigt. Und er schloss eine weitere Frage an, in der bereits ein Grundton seiner ersten Amtsjahre anklang, seine Kritik an der Globalisierung der Gleichgültigkeit. Wörtlich sagte der Papst: „Wer hat über das alles und über Dinge wie diese geweint, über den Tod von unseren Brüdern und Schwestern? Wer hat über die Menschen geweint, die in den Booten waren? Über die jungen Mütter, die ihre Kinder trugen? Über die Männer, die etwas zum Unterhalt ihrer Familien suchten? Wir leben in einer Gesellschaft, die die Erfahrung des Weinens vergessen hat, des Mit-Leidens: die Globalisierung der Gleichgültigkeit!“

Franziskus sprach von einem „Bußgottesdienst“, den er mit den Flüchtlingen auf der Insel, dem ersten europäischen Boden auf der lebensgefährlichen Überfahrt von Afrika, feierte. „Wir bitten um Verzeihung für die Gleichgültigkeit so vielen Brüdern und Schwestern gegenüber, wir bitten um Verzeihung für die, die es sich bequem gemacht haben, die sich im eigenen Wohl eingeschlossen haben und das Herz betäubt haben, wir bitten dich, Vater, um Verzeihung für diejenigen, die mit ihren Entscheidungen auf höchster Ebene Situationen wie dieses Drama hier geschaffen haben.“

Die Menschen lieben hat für Papst Franziskus ganz klar zwei Dimensionen: Erstens zu denen hingehen und bei denen sein, die unterdrückt, verfolgt, verarmt sind. Am Meeresufer in Lampedusa hat er mit den Flüchtlingen auf einem improvisierten, aus Wrackteilen ihrer Boote aufgebauten Altar die Eucharistie gefeiert. Und an seinem ersten Gründonnerstag als Papst ist er in eine römische Jugendstrafanstalt gegangen und hat dort zwölf jugendlichen Strafgefangenen die Füße gewaschen. Das ist die eine, die karitative Dimension.

Die andere Dimension dieser Liebe zu den Menschen ist die politische. Bei seiner Ansprache am 25. November 2014 vor dem Europäischen Parlament in Straßburg hat der Papst den Abgeordneten nichts von seiner Lampedusa-Erfahrung erspart. Lange bevor die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel angesichts der humanitären Katastrophe der Flüchtlingsbewegung aus dem Mittleren Osten, vor allem aus Syrien, die Schleusen geöffnet hat, hatte Franziskus den europäischen Parlamentariern schwer ins Gewissen geredet.

Der Papst verschließt nicht die Augen vor den Schwierigkeiten, die mit der großen Zahl an Flüchtlingen verbunden sind, die 2015 nach Europa geströmt sind. Er lässt aber auch keinen Zweifel daran, dass dies eine humanitäre Aufgabe ist, die es zu bewältigen gilt. Sehr deutlich kamen diese beiden Pole in seiner Rede vor dem US-Kongress am 24. September 2015 zum Ausdruck: „Unsere Welt steht vor einer Flüchtlingskrise, die ein seit dem Zweiten Weltkrieg unerreichtes Ausmaß angenommen hat. Das stellt uns vor große Herausforderungen und schwere Entscheidungen.“ Europa und die USA dürften nicht über die Anzahl der Flüchtlinge „aus der Fassung geraten“, sondern müssten sie „als Personen sehen, ihnen ins Gesicht schauen, ihre Geschichten anhören“ und versuchen, menschlich, gerecht und geschwisterlich auf ihre Situation zu reagieren. Es gelte, eine heute allgemein verbreitete Versuchung zu vermeiden: dass wir alles ausschließen, was stört.

Diese Globalisierung ohne Solidarität haben wir im Sommer und Herbst 2015 durch die Flüchtlinge erlebt, die aus dem Mittleren Osten nach Europa gewandert sind. In ihrer Heimat waren sie den Kriegsschergen aller Couleurs ausgeliefert – den Fassbomben von Präsident Assad ebenso wie dem Terror des „Islamischen Staates“. Die Welt hat jede Solidarität mit diesen Menschen vermissen lassen. Nicht einmal die Flüchtlingslager in Jordanien, im Libanon oder in der Türkei wurden international so unterstützt, dass dort ein einigermaßen menschenwürdiges Leben möglich gewesen wäre.

Daher haben diese Menschen keine andere Möglichkeit mehr gesehen, als ihr nacktes Leben nach Europa zu retten. Es ist eine Schande für die Europäische Union, dass sie dort teilweise mit Stacheldraht empfangen wurden. Ich selbst habe 1945 in Vorarlberg – wenn auch in einem winzig kleinen Umfeld – erlebt, was es heißt, nicht über die Grenzen zu dürfen. Meine Mutter wollte mit uns drei Kindern in der Nacht vom 2. auf den 3. Mai 1945 von Koblach nach Montlingen, dem nächsten Dorf gleich über dem Rhein in der Schweiz. In unserer Nachbargemeinde Götzis brannten 23 Häuser. Die Frauen mit Kindern, die noch in unserem Dorf waren, hatten furchtbare Angst und wollten nichts anderes als mit ihren Kindern über die Rheinbrücke. Ungefähr in der Mitte der alten, damals überdachten Brücke, war die Staatsgrenze. Und die war verriegelt. Da gab es auch Stacheldraht!

Das Empfinden, nicht dorthin zu dürfen, wo wir Rettung erhofften, hat sich bei mir als Kind ganz tief eingeprägt. Erst bei einem zweiten nächtlichen Anlauf wurden wir dann in die Schweiz hinübergelassen. Wir waren eine Nacht und einen halben Tag in der Volksschule dieser Ostschweizer Gemeinde untergebracht, deren Einwohner die Koblacher größtenteils sehr gut kannten. Koblacherinnen hatten ja Männer von jenseits der Staatsgrenze geheiratet. Liebe kennt keine Staatsgrenzen!

Die Franzosen waren inzwischen in Vorarlberg einmarschiert und es drohte für uns keine unmittelbare Gefahr mehr. Also gingen wir über die Rheinbrücke wieder zurück nach Koblach. Dennoch war die Überraschung groß, als wir nach Hause kamen. Unser Haus war besetzt. Die Mutter war schwanger. Ihr und uns drei Kindern wurde ein Zimmer im Obergeschoss zugewiesen. Die Franzosen, vorwiegend Marokkaner, haben uns aber gut behandelt.

Als ich im Fernsehen den Stacheldraht in Ungarn sah, erinnerte ich mich urplötzlich an diese Erfahrung aus meiner Kindheit. Am 8. Mai, also einige Tage nach unserer Flucht in die Schweiz, kapitulierte Nazideutschland und die Koblacher – fast nur Frauen und Kinder – fanden sich in der Kirche zu einem feierlichen Dankgottesdienst ein. Pfarrer Bildstein stimmte mit seinem unvergleichlich schönen Tenor das Te Deum an und alle sangen aus voller Kehle und mit dankbarem Herzen das „Großer Gott, wir loben dich“.

Ich erinnere mich an diese Ereignisse mit einer verblüffenden Deutlichkeit. Der Krieg war zu Ende. Gott sei Dank! Wir warteten nun auf die Heimkehr unseres Vaters, der in Italien in englischer Gefangenschaft war. Für meine Mutter und die Koblacherinnen galt es nun, endlich die Felder zu bestellen, damit es nicht an unseren Grundnahrungsmitteln Riebel und Erdäpfel mangelte. Ich war damals noch nicht ganz sechs Jahre alt und wurde dann im Herbst eingeschult.

Ich will mich nicht abhängig machen

Wer die Freundlichkeit vor Augen hat und das Lächeln, das manchmal auch ein wenig verschmitzt um die Lippen des Papstes huscht, der sieht, dass Franziskus seine persönlich gelebte Bescheidenheit – oder nennen wir es ruhig Armut – nicht als Selbstkasteiung versteht. Ich selbst habe es in dieser Hinsicht immer mit der heiligen Teresa von Avila gehalten. Sie hat gesagt: „Wenn Fasten, dann Fasten. Wenn Rebhuhn, dann Rebhuhn.“

Auch ein Vers aus dem Philipperbrief gehört zu dieser Haltung: „Ich habe gelernt, mich in jeder Lage zurechtzufinden: Ich weiß Entbehrungen zu ertragen, ich kann im Überfluss leben. In jedes und alles bin ich eingeweiht: in Sattsein und Hungern, Überfluss und Entbehrung. Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt, kann alles in dem, der mich gestärkt hat“ (Phil 4,11–13). Ob ich in Not und Elend bin oder ob ich Überfluss habe – ich kann mit beidem leben.

Armut heißt nicht, dass jemand darben muss. Im Gegenteil. Gegen diese Armut müssen wir ankämpfen. Darben ist keine Tugend. Jesus hat gesagt, „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“ (Joh 10,10). Für mich hat Armut immer geheißen, das Notwendige zu haben – und nicht abhängig zu sein von Dingen, die nicht lebensnotwendig sind. Ich erinnere mich an eine wohlhabende Frau in Altamira, die mir zu meinem Geburtstag eine Freude machen wollte. Sie hat mir eine große, sehr golden und protzig wirkende Uhr geschenkt. Ich musste sie leider enttäuschen. Ein solches Statussymbol am Arm wäre mir tatsächlich absolut zuwider gewesen. Bei einer Eucharistiefeier hätte die Aufmerksamkeit der Leute nicht Kelch und Hostie gegolten, sondern dem kostspieligen Chronometer an meinem linken Handgelenk. Die Frau hat das auch eingesehen und war gottlob nicht beleidigt. Sie hat mir dann eine bescheidenere Uhr geschenkt, die ich gern getragen habe.

Nicht abhängig sein heißt für mich auch, dass ich zwar meine alltäglichen Lebensgewohnheiten und -gepflogenheiten habe, aber auch ohne sie zurechtkomme. Wenn ich einmal kein Mittagessen habe, dann gibt es ein Abendessen, und wenn einmal kein Abendessen da ist, dann gibt es eben am nächsten Tag wieder etwas.

Selbstverständlich ist es angenehmer, in einem Auto mit guten Stoßdämpfern zu fahren. Es ist auch gesünder für den Rücken. Wer die Straßenzustände in Amazonien kennt – die weltberühmte Transamazônica nicht ausgeschlossen –, der weiß, wovon ich rede. Aber wenn ich einmal in einem weniger guten Auto mitfahren muss, dann ist das so und ich beklage mich nicht. Ich möchte mich von diesen Dingen nicht so beeinflussen lassen, dass ich nicht mehr frei bin.

Das ist auch das Wunderbare an Franz von Assisi: Er hat sich völlig freigespielt von seiner Herkunft und von seinem Stand. Und er ist damit eines geworden: zufrieden. Wenn man über alles schimpft und sich ständig beklagt, dass dieses besser und jenes anders sein könnte, dann wird man zum Sklaven der eigenen Wünsche und Illusionen. Zufrieden sein macht dankbar, und dankbar sein macht frei. Es kostet mich nichts, dass ich danke sage – „Schön hast du das gemacht!“ –, wenn mir jemand etwas Gutes getan hat. Dankbarkeit weitet den Blick dafür, dass nicht alles selbstverständlich ist, was mir in meinem Leben zugekommen ist und was andere für mich getan haben und tun.

Als ich im August 2015 in Gmunden ankam, wo ich zu einem Vortrag bei den Wiener Vorlesungen eingeladen war, ist ein Bub – er muss etwa 13 oder 14 Jahre alt gewesen sein – auf mich zugekommen und hat gefragt: Darf ich Ihnen helfen? Ich bedankte mich, denn ich hatte nur wenig Gepäck. Ich glaube kaum, dass der Bub mich als „Bischof“ erkannt und mir deshalb seine Hilfe angeboten hat. Er wollte einfach einem „Opa“ helfen. Der Jugendliche hat diese Begegnung mit mir am Bahnsteig von Gmunden sicher längst vergessen. Aber für mich war es ein Erlebnis: ein wunderbares, herzliches Zeichen der Hilfsbereitschaft eines jungen Menschen. Selbst ohne seine Hilfe zu benötigen, war ich ihm von Herzen dankbar.

Dankbarkeit bedeutet, dass die zwischenmenschliche Beziehung mit einer Person herzlich ist. Dankbarkeit ist nicht berechnend, wen oder was ich vielleicht einmal brauchen könnte. Es gibt Leute, die sich schwer mitteilen können und dann einfach sagen: Ich weiß nicht, wie ich mich ausdrücken soll, aber ich bin dir einfach unendlich dankbar. In Brasilien drückt sich diese Dankbarkeit meist mit überschwänglichen Gesten der Verbundenheit und der Zuneigung aus. Da wird umarmt, geküsst, auf die Schultern geklopft.

Ich bin dankbar für die – trotz aller Armut – frohe Lebensart der Menschen am Xingu und für ihre Zuneigung, die ich bis heute erfahre. Je älter ich werde, desto tiefer geht das. Wenn ich am Samstag oder Sonntag zum Gottesdienst in die Kirche komme, gehe ich durch die Reihen und begrüße jede und jeden persönlich. Dann stehe ich am Portal, um die weiteren Gottesdienstbesucher zu begrüßen. Das dauert manchmal einige Zeit, aber die Leute erwarten das und schenken mir ihr schönstes Lächeln. Sie halten mir die Kinder entgegen, damit ich ihnen ein Kreuzzeichen auf die Stirn zeichne.

Als ich im Juni 1983 bei einer Solidaritätsaktion auf der Transamazônica von der Militärpolizei niedergeschlagen wurde, riefen die Leute: „Lasst ihn los, er ist unser Bischof!“ Sie hätten auch rufen können: „Lasst ihn, er ist ein Bischof!“ Aber nein, sie schrien: Er ist „unser“ Bischof. Sie hatten mich längst als einen der ihren angenommen. Das stand damals in dem Zusammenhang, dass ich ihre Rechte verteidigt und mich solidarisch mit ihnen erklärt hatte. Aber mit den Jahrzehnten ist diese Verbundenheit immer herzlicher geworden.

Eine ganz außergewöhnliche Reaktion löste der Rücktritt von Papst Benedikt XVI. bei einer typischen Afrobrasilianerin in Anapu aus. Als die Medien darüber berichteten, begann Andressa vor dem Fernsehschirm zu weinen, nicht weil der Papst zurückgetreten war, sondern weil sie befürchtete „Jetzt werden sie unseren ‚Dom‘ holen!“ Noch bevor das Konklave begann, in dem Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt wurde, war es Aufgabe von Padre Amaro, Pfarrer von Anapu, Andressa zu beruhigen und zu überzeugen, dass sie sich absolut keine Sorgen machen müsse. Die Kardinäle würden sicher einen aus ihrer Mitte wählen. Dom Erwin sei ja kein Kardinal, sondern nur ein ganz einfacher Bischof am Xingu.

Als ich mit 75 Jahren dem Papst meinen Rücktritt angeboten habe, waren die Leute gleich einmal besorgt und haben mich gefragt, ob ich sie denn verlassen würde, wenn ein Nachfolger komme. Das ist so ganz von innen gekommen, das habe ich einfach gespürt. Ich habe immer geantwortet: Einen alten Baum darf man nicht versetzen. Wenn man einen alten Baum versetzt, dann stirbt er.

Auch von meinen Mitbrüdern in der Brasilianischen Bischofskonferenz habe ich immer eine innige Verbundenheit erfahren. Ich habe das Amt als Vorsitzender des Rates für Indigene Völker (CIMI) der Bischofskonferenz über mehrere Funktionsperioden ausgeübt, weil ich immer wieder gewählt wurde. Am 17. September 2015, also schon vor meiner Emeritierung als Bischof, konnte ich dieses Amt abgeben – in dem Wissen, dass auf meinen Vorschlag hin ein ausgezeichneter Nachfolger gewählt wurde: Dom Roque Paloschi, bislang Bischof vom Roraima. Er wurde kurz nach seiner Wahl zum Präsidenten des CIMI zum Erzbischof vom Porto Velho ernannt. Er erhielt die Stimmen aller Wahlberechtigten mit Ausnahme der seinen, so wie es sich gehört.


Was uns die Heilige Schrift sagt:
Drei Lebensregeln aus der Bibel

Die Ersten werden die Letzten sein (Mt 19,30)

Der Papst aus dem Süden und die großen Flüchtlingsströme nach Europa sind ein Zeichen, dass die Welt an einem Wendepunkt steht. Jahrhundertelang hat der Norden sehr stark auf Kosten des Südens gelebt. Jetzt klopfen die Marginalisierten, die an den Rand Gedrängten an den Toren der wohlhabenden an. Die Werteordnung ist dabei, sich umzukehren. Jeder und jede Einzelne ist angefragt, auf welcher Seite er oder sie steht. In Europa sind die Flüchtlinge, die von überall her kommen, eine Herausforderung. In Brasilien sind es die Indios, die man jahrhundertelang verdrängt und getötet hat. Die Indios klopfen längst an die Tore der Reichen. Sie haben nie aufgegeben. Sie sagen, wir sind Menschen und möchten als Menschen behandelt werden.

Der Herr sprach zu Mose: Sag den Israeliten, sie sollen aufbrechen (Ex 14,15)

Unterdrückung und Flucht sind zwei seiten derselben Medaille. Menschen fliehen nie freiwillig aus ihrer Heimat. Sie nehmen Opfer und Strapazen auf sich, die sie an den Rand ihrer Existenz bringen. Das klassische biblische Bild dafür ist der Auszug aus Ägypten. Vierzig Jahre hat das Volk Israel durch die Wüste wandern müssen. Viele von denen, die aufgebrochen waren, haben das Gelobte Land nicht erreicht. Und wie oft sehnte sich Israel nach den Fleischtöpfen Ägyptens zurück und rebellierte gegen Mose: „wenn uns doch jemand Fleisch zu essen gäbe! Wir denken an die fische, die wir in Ägypten umsonst zu essen bekamen, an die Gurken und Melonen, an den Lauch, an die Zwiebeln und den Knoblauch. Doch jetzt vertrocknet uns die Kehle …” (Num 11,4–6)

Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon (Mt 6,24) Der „Jedermann”, das Spiel vom Leben und Sterben des reichen Mannes auf dem Salzburger Domplatz, bringt es jedes Jahr auf den Punkt: Die Anhäufung von Reichtum und ein gottgefälliges – was auch so viel heißt wie menschenwürdiges – Leben sind ein Widerspruch in sich. Es liegt in der Natur des Geldes, dass es immer nach mehr heischt. Das macht abhängig und unfrei. Ich habe den „Jedermann“-Schrei von der Festung herunter als Student noch in Erinnerung. Es ist ein Ruf, der einem durch Mark und Bein geht.

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