Kitabı oku: «Die österreichische Seele»

ERWIN RINGEL
Die österreichische
SEELE
Zehn Reden über Medizin, Politik, Kunst und Religion
Herausgegeben von Franz Richard Reiter

www.kremayr-scheriau.at
Unveränderte Neuauflage der Originalausgabe, in die neue
Rechtschreibung übertragen und mit den nach 1984
erschienenen Publikationen Erwin Ringels ergänzt.
ISBN 978-3-218-00973-7
Copyright © 2005/2014 by Verlag Kremayr & Scheriau GmbH & Co. KG, Wien
Alle Rechte vorbehalten
Schutzumschlaggestaltung, Satz und typografische Gestaltung: Media & Grafik, Wien
Coverabbildung: das österreichische Bundeswappen, Archiv Dr. Peter Diem
Datenkonvertierung E-Book: Nakadake, Wien
Inhaltsverzeichnis
1. Eine neue Rede über Österreich
2. Wege der Selbstverwirklichung in unserer Zeit
3. Der selbstmordgefährdete Mensch und seine Umwelt, dargestellt mit Liedern von Georg Kreisler
4. Torbergs „Schüler Gerber“ und seine Bedeutung für die moderne Selbstmordverhütung
5. Die Rolle der Sexualität im menschlichen Leben
6. Von der Krankheit zum kranken Menschen
7. Was kränkt, macht krank: Psychosomatik und Arbeitsklima
8. Der Friede im Lichte der Tiefenpsychologie, dargestellt an Beispielen aus der Oper
9. Das Problem der Todesbewältigung am Beispiel Gustav Mahlers
10. Gott ist tot – ist Gott tot? Über die Gottesverdrängung in unserer Zeit
Verzeichnis der wissenschaftlichen Arbeiten
1. Eine neue Rede über Österreich
Anton Wildgans’ „Rede über Österreich“ ist das Schönste, was bisher über Österreich gesagt wurde. Frage: Stimmt sie auch? Ich möchte Anton Wildgans gegen Anton Wildgans zitieren, eine Stelle aus seinem Drama „Armut“: „Ich hab’ einmal eine Geschichte gelesen von zweien, die arm und glücklich gewesen, doch die Geschichte – ist nicht wahr.“ Vergessen wir nicht, Anton Wildgans hat diese Rede für das Ausland konzipiert, sie sollte in Stockholm gehalten werden (die Krankheit des Dichters hat es verhindert), war als Visitkarte unseres Landes gedacht, das ist Grund und Entschuldigung genug dafür, dass Kritik in ihr kaum zu Wort kam. Ich hingegen bin aus zwingenden Gründen, die ich noch erläutern werde, entschlossen, meine „neue Rede über Österreich“ vor allem der Kritik des Österreichers zu widmen, woraus schon klar hervorgeht, dass ich nicht bereit wäre, sie in dieser Form auch im Ausland zu halten. Aber hier muss ich so sprechen, um der Wahrheit willen – und noch aus einem anderen Grund: ist doch vor wenigen Wochen einer der letzten Wissenden, Propheten und Mahner dieses Landes, ist doch Friedrich Heer gestorben, seine warnende Stimme für immer verstummt: Ich grüße meinen Freund über das Grab hinaus, widme ihm diese Ansprache und kann nur hoffen, dass sie von seinem Geiste getragen ist.
Am 16. Mai 1945 – ein interessantes Datum – notiert Heimito von Doderer in sein Notizbuch: „Nationalismus, eine von Sammelnamen besoffene Welt. Daß ich zum Beispiel Österreicher bin, ist mir mit einer solchen Fülle widerwärtigster Individuen gemein, daß ich es mir verbitten möchte, lediglich mit Hilfe jenes Begriffes bestimmt zu werden. Darauf läuft’s aber bestimmt hinaus, je mehr die Anschaulichkeit der Person ins Unbestimmte der Nation verdunstet.“ Dazu zwei Bemerkungen: Liebe Freunde haben für mich einen kleinen Film gedreht, in dem junge Mädchen fröhlich und ausgelassen auf der Strudlhofstiege tanzen (man hat sie während der Dreharbeiten – typisch für Österreich, siehe später – für verrückt gehalten). Dieser Film soll als Symbol dafür erwähnt sein, dass Sie hier gleichsam einen gemilderten Doderer vorfinden werden, keine feindliche Aggression gegen Österreich (im Übrigen hat kein Geringerer als Friedrich Torberg Doderer als den österreichischsten aller österreichischen Dichter bezeichnet). Ich liebe dieses Land, ich möchte nirgendwo anders leben als hier, dementsprechend wird es eine liebevolle Kritik sein. Aber gerade aus Liebe zu diesem Land müssen wir uns der Wirklichkeit stellen, müssen eine ehrliche Diagnose machen, um Heilung zu ermöglichen, und natürlich, da ich Psychotherapeut und Tiefenpsychologe bin, muss ich diese Diagnose vom Standpunkt meines Berufes abgeben. Noch etwas Zweites: Wenn ich hier vom Österreicher spreche, ist dies nicht verallgemeinernd gemeint. Ich werde Phänomene beschreiben, die hier zwar weit verbreitet, deswegen aber nicht unbedingt ubiquitär sind. Es ist für den Einzelnen nicht leicht, sich ihrem Einfluss zu entziehen, aber doch durchaus möglich, dies gebe ich gerne zu, muss aber im Zusammenhang damit gleich die Sorge äußern, dass nun jeder annehmen wird, er sei eben die (gerne) zugestandene Ausnahme von der Regel. Jedenfalls: Ich möchte nicht, dass im Guten und im Bösen die Anschaulichkeit der Person im Dunstkreis der „Bestimmtheit“ des Österreichers, wie ich sie hier versuche, verschwindet.
Erste These: Dieses Land ist eine Brutstätte der Neurose (doppelt treffendes Wort, weil diese Krankheit ja in der Kindheit „ausgebrütet“ wird). Neurosen gibt es selbstverständlich überall, aber kaum ein Land, in dem sie so „blüht“ wie hier. Ich will das Verdienst Freuds, dieses einmaligen Genies, wahrlich nicht schmälern, aber es war nicht schwer, in diesem Land die Neurose zu entdecken; ja, bei uns musste es geschehen, wo denn sonst, weil es hier einem sozusagen in die Augen sprang und man es auf die Dauer nicht übersehen konnte.
Ich weilte gestern in Rom, durfte in der Mittagsstunde diese wunderbare Sonne Italiens genießen, die mich fast zärtlich wärmte und noch heute wärmt. Am Nachmittag hatte ich mit einer Italienerin ein Gespräch: „Das ist ein herrliches Land, euer schönes Österreich mit seiner großen Ruhe.“ – Und da fiel mir mit Erschrecken gleich ein: „Die Ruhe eines Kirchhofs?“ Wenn man die Kinder in Italien betrachtet, so erkennt man, wie frei sie aufwachsen, wie fröhlich und laut sie sind, so laut sie nur sein können! Niemand fühlt sich dadurch gestört, niemand ruft: „Ich will meine Ruhe haben!“, im Gegenteil, alle wären beunruhigt, würden die Kinder plötzlich verstummen! Die drei Zauberworte regieren – und ich wähle sie hier absichtlich wegen ihrer eigentlichen sprachlichen Bedeutung: unbefangen, ungezwungen, ausgelassen. Bei uns ist das Gegenteil der Fall: Die Kinder sind still, gefangen, gezwungen, man „lässt sie nicht aus“. Wiederholte Umfragen haben ergeben, dass die drei wichtigsten Erziehungsziele des Österreichers lauten: Gehorsam, Höflichkeit, Sparsamkeit – von da kommt die Bereitschaft des Österreichers zu „devotem Dienen“, mehr noch, zu „vorauseilendem Gehorsam“, d. h. Befehle, noch ehe sie ausgesprochen, zu erahnen und zu erfüllen – das Wort „Glücklich-Sein“ scheint gar nicht auf. Kinder werden eingeschränkt, eingeengt, dürfen keine Eigenexistenz führen, sind Werkzeuge, mit denen die Eltern ihre eigenen Ziele erreichen wollen. Vergeblich das Wort unseres großen Anton Wildgans: „Wer bist Du, daß Du nicht das Knie zu beugen brauchtest vor dem neuen Menschen?“ Es ereignete sich in diesem Lande, dass Kafka die so genannte Elternliebe als Eigennutz bezeichnete, in diesem Lande hat auch Franz Innerhofer die Situation des Kindes als „Leibeigenschaft“ klassifiziert und hinzugefügt, dass die kindlichen Abhängigkeitsverhältnisse hier von zeitloser Archaik bestimmt seien. In weiten Teilen unseres Landes wird bis zum heutigen Tage nach dem Familiennamen eines Kindes mit den Worten gefragt: „Wem gehörst denn du?“ Allein im vergangenen Jahr ist die Misshandlung von 75.000 Kindern so intensiv gewesen, dass sie nicht verheimlicht werden konnte. Hundert sind an den Folgen einer solchen „Behandlung“ gestorben, ein Beweis dafür, dass die Eltern den Körper des Kindes als ihren Besitz betrachten, über den sie nach „Belieben“ (ein schreckliches Wort in diesem Zusammenhang) verfügen können. Man möchte an dieser Stelle am liebsten auch das Wort „Seeleneigenschaft“ erfinden, weil ja in diesem Prozess nicht nur der Leib, sondern auch die Seele des Kindes als Besitz der Eltern aufgefasst wird. Und, um die Bedeutung des neuen Begriffes ganz auszuloten: Wenn die Seele einem anderen gehört, kann sie sich nicht nach eigenen Gesetzen entwickeln, sondern muss von anderen gewünschte Eigenschaften annehmen und daher Schaden nehmen. Selbst dann noch, wenn Eltern dieses krank machende Verhalten aufgeben, geschieht gewöhnlich Unglück: Denn dann verfallen sie ins gegenteilige Extrem, kümmern sich überhaupt nicht mehr seelisch um ihre Kinder und überlassen sie damit konzeptlos und angsterfüllt ihrem Schicksal.
So wird die Kindheit, von der Turrini gesagt hat, dass sie ein schreckliches Reich sei, hier zur Geburtsstunde der Neurose; zur Liebe, mit der sich das kleine Lebewesen in den Schutz des großen zu bewegen versucht, gesellt sich der Hass, die Einheit des Gefühlslebens ist zerstört, ein Riss geht mitten durch die Person, das gleichzeitige Bestehen von Ja und Nein, das wir Ambivalenz nennen und als erstes schreckliches Symptom der Krankheit Neurose bezeichnen müssen.
Nun höre ich schon den Einwand, der immer laut wird, wenn ich versuche, die Wahrheit zu sagen: Der Ringel übertreibt wieder maßlos. Sicher, es wachsen hier auch gesunde Kinder heran, es wäre ja entsetzlich, wenn es das gar nicht mehr gäbe! Aber die Mehrzahl wird in der Lebensentfaltung und -gestaltung behindert, ja oft zerstört, es resultieren gequälte, gedemütigte, gebrochene Menschen, deren Lebensfreude erlischt. Und wenn Sie’s nicht glauben, so will ich es Ihnen an einem Punkt beweisen: Der Österreicher ist durch nichts so leicht zu fangen, als wenn man ihm sagt: „Du bist ein ungerecht Behandelter, ein Getretener und Unterdrückter, ich aber werde kommen und dich aus dieser Not und aus diesem Elend befreien!“ Da fühlen sich alle mit einem Male angesprochen, weil sie dieses Gefühl seit der Kindheit – bewusst oder unbewusst – mit sich schleppen. Mit dieser „Masche“ hat es schon der Hitler geschafft, der kleine, unbekannte Gefreite, von allen verkannt und verstoßen, das ideale Identifikationsobjekt für den gedemütigten und sich getreten fühlenden Österreicher; so war er imstande, wie der Rattenfänger von Hameln, die Leute hinter sich zu versammeln. So war es aber auch mit Karl Schranz: Wir haben ja mit diesem Schimatador noch einmal eine Massenhysterie erlebt – wieder am Heldenplatz. Um sie auszulösen, genügte die Annahme, dass ihm mit dem Ausschluss von den Olympischen Spielen in Japan ein schweres Unrecht geschehen sei. Die Menge rottete sich zusammen, aus vernünftigen Menschen formte sich eine Masse, die blindlings den Gesetzen der Irrationalität erlag. Man weigerte sich Mautners Senf zu kaufen, weil dieser mit dem Präsidenten des Olympischen Komitees sympathisierte, verfolgte und verprügelte Andersdenkende. Von der aus dem Boden gestampften Schallplatte „Vom Bodensee bis Wien stehen wir alle im Geist auf den Schiern“ (von mir deswegen als neues „Horst-Wessel-Lied“ bezeichnet), einem lächerlichen Machwerk, wurden in einer Woche weit mehr als 50.000 (!) Exemplare verkauft. Ich werde im Verlaufe meiner Ausführungen noch weitere Beweise für meine Feststellungen erbringen, ich befürchte alles in allem, dass die Dinge vielfach noch schlimmer liegen, als selbst ich sie sehe.
Zweite These: Der durch die Neurotisierung entstandene Hass gegen die Eltern darf nicht ausgedrückt werden. Die Kinder sind ja von ihnen abhängig und das Gewissen verbietet andere kindliche Gefühle als Liebe. Die Eltern ihrerseits neurotisieren nicht nur, sondern sie wünschen auch, dass die Kinder mit ihrem Schicksal zufrieden sind, alles akzeptieren und kein Symptom des Protestes zeigen. Da haben wir also eine Fülle von Gründen dafür, warum das Kind lernt, die negativen Erlebnisse und die daraus resultierende Erbitterung ins Unbewusste zu verdrängen. So verlässt sein Nein als devotes Ja den Bereich des Mundes, so wird es ihm unmöglich, die Wahrheit zu sagen, wenn es gelernt hat, mit der Höflichkeit zu überleben (um nochmals Peter Turrini zu zitieren). Alice Miller hat ihren zwei grundlegenden Werken „Die Tragödie des begabten Kindes“ und „Im Anfang war Erziehung“ ein nicht minder bedeutendes drittes unter dem Titel „Du sollst nicht merken“ folgen lassen. Die Parole der Eltern lautet: „Vergiss alles Unangenehme, das dir widerfahren ist, so lange bis du überzeugt bist, eine wunderbare, eine ,märchenhafte‘ (sind Märchen nicht Lügen?) Kindheit gehabt zu haben.“ Mir fällt das Lied aus der „Fledermaus“ ein: „Glücklich ist, wer vergißt, was doch nicht zu ändern ist.“ Man könnte dies als die heimliche Hymne des Österreichers bezeichnen. (Ich darf bei dieser Gelegenheit mein tiefes Bedauern darüber äußern, dass uns die ehrwürdige Haydn-Melodie, die selbst das Jahr 1918 überstanden hat, 1945 „abhanden“ gekommen ist, nur weil sie von Deutschland jahrzehntelang mit einem aggressiven Text missbraucht worden war!) Vergessen, verdrängen bedeutet aber resignieren; nur Bewusstes kann verändert werden, Unbewusstes natürlich nicht. Und so werden durchaus revidierbare Dinge erst durch Verdrängung unveränderbar, wir müssten also singen: „Unglücklich ist, wer vergisst, was dann nicht zu ändern ist!“
Was wir nun in der Kindheit so „gut“ und intensiv gelernt haben, nämlich das Verdrängen, das setzen wir später konsequent fort, so dass man uns geradezu eine „Verdrängungsgesellschaft“ nennen könnte. Bevor ich aber näher darauf eingehe, möchte ich gerade jetzt nochmals darauf hinweisen, dass ich diesen Vortrag keineswegs aus einer anklagenden Position halte, sondern vielmehr aus einer klagenden. Ich versuche ja zu verstehen, wieso es mit den Österreichern „so weit“ gekommen ist, was freilich nicht bedeuten kann, alles zu verzeihen, aber doch von einer pauschalen Verurteilung abhält. Ich brauche nur an mich selber zu denken: Wenn ich in manchen Punkten das Glück hatte, mich nicht so zu entwickeln, wie ich es hier als typisch „österreichisch“ schildere, so verdanke ich das einer einmalig schönen, wunderbaren Kindheit, die in mir noch bis zu dem heutigen Tage nachwirkt; weil ich damals Liebe erfahren durfte, konnte ich dem Prinzip der Liebe treu bleiben, Unmenschlichkeit zurückweisen, Zuwendung ausstrahlen, als was ich meine Existenz bis zum heutigen Tage auffasse. Wer kann garantieren, dass es mit mir unter anderen Umständen nicht auch ganz anders hätte kommen können?
Wie dem auch sei, ich komme zu unserer Vorliebe für die Verdrängung zurück und behaupte, dass wir uns größtenteils nicht kennen, nicht kennen wollen. Nicht zufällig war es ein Österreicher, Ferdinand Raimund, der in seinem „Alpenkönig und Menschenfeind“ formulierte: „Du begehst die größte Sünde, die es gibt: du kennst dich selber nicht!“ – Viele Beispiele ließen sich dafür anführen, keines aber liegt mir so sehr am Herzen wie die Art, mit der wir die Zeit zwischen 1938 und 1945 behandeln. Was haben wir gemacht in diesen sieben Jahren, die heute plötzlich im Geschichtsunterricht gar nicht mehr existieren, weil sie uns peinlich sind? Ja sicher, politisch gesehen, sind wir das erste Opfer Hitlers gewesen, so wie es die Moskauer Deklaration lehrt. Aber wie war es denn menschlich? Haben wir uns da wirklich als Opfer gefühlt? Ich erinnere mich der Stunde, als der damalige Unterrichtsminister und heutige Bundeskanzler Fred Sinowatz bei der Ehrung, die dieser ganz großartigen Dorothea Neff im Akademietheater dafür zuteil wurde, dass sie viele Jahre eine Jüdin in ihrer Wohnung versteckt hatte, folgende Sätze formulierte: „Nachher haben alle gesagt: ,Ich habe ja nichts getan.‘ Und sie wissen gar nicht, welche Selbstanklage in diesem Satz eigentlich enthalten ist! Wir haben nichts getan, wo Menschen verfolgt worden sind, wir haben nicht geholfen, haben weggeschaut, haben es geduldet, sind still geblieben.“ Ich zitiere Friedrich Torberg: „Bruder, hättest manche retten können, und nun sind sie tot, Bruder, ach, du hättest müssen wachen, und du hast geträumt, hättest müssen rasche Schritte machen, und du hast gesäumt.“ – Ja, wir haben vieles nicht getan, was wir hätten tun müssen. Aber es ist damit noch nicht abgetan. Wir haben vieles getan, ganz aktiv getan, was wir niemals hätten tun dürfen. Der Herr Vizekanzler Steger hat vor kurzem gesagt, Mauthausen sei eigentlich gar kein so schlimmes Konzentrationslager gewesen, eine Art österreichische, d. h. bescheidenere Dimension des Unheils, gemessen an Auschwitz. Ich muss leider entgegnen, dass man bei den entscheidenden Männern des nationalsozialistischen Reiches, vom „Führer“ angefangen, bis hin zu Schreckensnamen wie Eichmann, Kaltenbrunner, Seiß-Inquart usw., in einer erschütternden Weise immer wieder auf Österreich stößt. Wir haben uns also keineswegs in einer kleinen Dimension beteiligt, sondern mitunter sogar in einer wesentlich größeren Dimension als die im so genannten „Altreich“. – Das muss endlich einmal ehrlich ausgesprochen werden. Auch damit aber noch nicht genug: Die Österreicher haben vielfach in Hitlers Heer nicht nur gezwungen gedient, sondern mit einer Leidenschaft – und ich zögere gar nicht, das auszusprechen –, mit einer Tapferkeit, die einer besseren Sache würdig gewesen wären. Wir haben damit einen Beitrag dazu geleistet, dass dieses Regime sich über weite Teile Europas ausbreiten, seinen Untergang um Jahre hinausschieben und in all diesen Ländern und in dieser ganzen Zeit ungezählte unschuldige Opfer vernichten konnte! Das war mit unser Werk, daran haben wir außer Zweifel teilgehabt. So weit, so schlecht. Aber wie sehen wir die Sache heute? Viele sagen: Wir sind auf der falschen Seite gestanden; damit ist aber nicht gemeint, dass wir auf der moralisch falschen Seite, sondern auf der Seite gekämpft haben, die den Krieg verloren hat. – Ich erinnere mich an eine Diskussion über Stalingrad im „Club 2“, wo eine Dame gesagt hat: „Ja bei Stalingrad, da habe ich zum ersten Mal begriffen, dass es ein böser Krieg ist.“ Und auf die Frage des Tass-Korrespondenten: „Früher haben Sie das nicht entdeckt?“, antwortete sie: „Nein, damals haben wir ja gewonnen, da hat sich der Krieg in fremdem Land abgespielt, aber jetzt kam er unbarmherzig zu uns, und da hab’ ich auf einmal verstanden, dass das ein schlechter, ein böser Krieg ist.“ Viele Österreicher werfen bis heute Hitler vor allem vor, dass er sich auf längere Sicht nicht als größter Feldherr aller Zeiten erwiesen und den Krieg verloren hat. Ich will gar nicht darüber nachdenken, was die Österreicher heute sagen würden, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte – das wage ich nicht mir auszumalen, ich muss es der Fantasie jedes Einzelnen überlassen.
Alexander Mitscherlich hat das große Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ geschrieben. Betrifft die Unfähigkeit, die eigene Schuld einzugestehen und sie damit zu verarbeiten (Trauerarbeit), wirklich nur die Bundesrepublik, betrifft sie nicht ganz genau so auch Österreich? Als ich zum 60. Geburtstag von Mitscherlich die Laudatio im Rundfunk halten durfte und törichterweise bereit war, sie schon vorher auf Band aufnehmen zu lassen, musste ich zu meinem Entsetzen feststellen, dass gerade die Passage, wo ich auf die Mitschuld Österreichs hingewiesen hatte, einer Streichung zum Opfer gefallen war. Zufall war dies wohl kaum, vielmehr ein Beweis mehr dafür, wie intensiv der Verdrängungswunsch ist und dass er sich (heute mehr denn je) auch auf Menschen in sehr einflussreicher Position stützen kann, auf die „Verlass“ ist.
Noch eine Bemerkung: Kann man im Begriff der Kollektivschuld untertauchen, der persönlichen Verantwortung damit entkommen? Wenn man bereit ist, sich einem Kollektiv einzuordnen, welches dem Gesetz der Massenpsychologie unterliegt, wo man also andere für sich denken lässt und nur Befehle ausführt, so bleibt man doch verantwortlich dafür, dass man sich zu einem Mitglied einer solchen Pseudogemeinschaft hat machen lassen. Es gibt also keine Kollektivschuld, sondern nur eine Schuld Einzelner, die das Kollektiv bildeten.
Ich sage das alles nicht zum Anklagen, nicht um Gerichte zu konstituieren, Schuldsprüche und Rache zu verlangen, Menschen aufzufordern, als Büßer in Sack und Asche herumzugehen! Das kann niemand wollen, dem an Österreichs Zukunft etwas gelegen ist. Was wir wollen, ist vielmehr echte Versöhnung! Vor einiger Zeit hat ein Politiker der Freiheitlichen Partei Österreichs die Ansicht vertreten, es sei Beweis genug für die Versöhnungsgesinnung dieser Partei, wenn nun eines ihrer prominentesten Mitglieder bereit sei, den Posten eines Dritten Nationalratspräsidenten anzunehmen, das enthalte ja ein Bekenntnis zu Österreich. Dies ist – ich möchte es mit größtem Nachdruck betonen – nicht die Art der Versöhnung, die ich mir vorstelle. Ich sprach von einer Versöhnung, die auf Einsicht beruht, auf einer Erkenntnis, auf dem Bekenntnis: Das habe ich falsch gemacht. Der schon zitierte Mitscherlich hat einmal gesagt: „Identität haben, das heißt die tausend Irrtümer einzugestehen, die man im Verlauf seines Lebens durchgemacht hat, da, dort und dann; denn unser Leben ist eine Kette, eine Aneinanderreihung von Irrtümern, von Fehlern.“ Errare humanum est. Das Menschliche ist das Irren, aber es hat nur dann einen Sinn, wenn wir unsere Irrtümer erkennen, nur so können wir durch Schaden klug werden und nur so kann es uns helfen, unsere Identität zu finden. Und da bin ich bei der Feststellung, dass natürlich unsere Vergangenheitsbewältigung entscheidend ist für die Beziehung der älteren Generation zu der Jugend, um die es mir ganz besonders geht. Wenn auf die schicksalhafte Frage: „Wie war eine solche Unmenschlichkeit möglich?“, die Eltern antworten: „Ja, wir haben das falsch gemacht“, dann würden sie in den Augen der Jugend sicher nicht verlieren, sondern ganz im Gegenteil gewinnen. Vor einigen Tagen wurde im Fernsehen ein Porträt von Hilde Krahl, der berühmten Schauspielerin, gezeigt. Ganz vorsichtig und behutsam hat sich der Reporter vorgetastet: „Gnädige Frau, Sie haben doch Karriere gemacht in diesen sieben Jahren, in dieser schrecklichen Zeit. Sie waren mit so vielen Juden befreundet, haben den Nationalsozialismus sicherlich abgelehnt: Haben Sie da nicht mitunter bei dieser Karriere ein schlechtes Gefühl gehabt?“ Und ohne jedes Zögern antwortete Hilde Krahl mit jener Aufrichtigkeit, die uns allen gut anstünde und die uns weiterbrächte: „Ja, sehen Sie, das war wirklich schrecklich. Ich hab’ nur immer gedacht, mach den nächsten Film und wieder den nächsten, dann bekommst du Geld und kannst mit deinen Angehörigen der sozialen Enge entkommen. Und dafür, dass ich das damals gedacht habe, dass ich nicht das Einzige getan habe, was ich hätte tun müssen, nämlich wegzugehen, dafür schäme ich mich heute noch immer aufs Neue.“ Ich zögere nicht zu bekennen, dass ich da am liebsten aufgesprungen wäre, um diese wunderbare Frau zu umarmen, und möchte, dieses Thema abschließend, noch darauf hinweisen, dass uns nicht mehr viel Zeit bleibt, die notwendige Vergangenheitsbewältigung durchzuführen. Über kurz oder lang wird die betroffene Generation nicht mehr am Leben sein und aus der psychotherapeutischen Erfahrung wissen wir, dass der Tod ein schlechter Löser von Problemen ist.
Ich möchte in diesem Zusammenhang noch etwas über die Sprache des Österreichers sagen: Er hat sie zunehmend in den Dienst der Verdrängung gestellt und insofern ist die Feststellung Helmut Eisendles „Österreich ist seine Sprache“ zutreffend. Der Außenminister Frankreichs, Talleyrand, ein großartiger Diplomat, hat einmal gesagt: „Worte sind dazu da, die Gedanken zu verbergen.“
Was in der Politik sinnvoll sein mag, ist aber für das menschliche Zusammenleben eine Katastrophe. Trotzdem haben wir uns eine Sprache angewöhnt, die aus Phrasen und Formeln besteht und die Perpetuierung des spanischen Hofzeremoniells im Rhetorischen bedeutet (es gibt namhafte Forscher, welche die bis zum heutigen Tage anhaltend hohen Suizidraten in den ehemaligen Teilen der österreichisch-ungarischen Monarchie damit in Zusammenhang bringen – Sprachverarmung ist immer mit erhöhter Selbstmordgefahr verbunden!). Jedenfalls haben wir zu reden gelernt, ohne Gefühle äußern zu dürfen (zu müssen), und damit verlernt, sie ausdrücken zu können, wir verstecken uns also vor den anderen. Sprachnot hat in diesem Sinne Entfremdung und Isolation zur Folge. Nach neuesten Ergebnissen treffen vier von zehn Erwachsenen in Österreich nur ein bis drei Bekannte pro Monat! 1,4 Millionen Österreicher haben in normalen Monaten (außerhalb der Arbeit) praktisch gar keinen Kontakt zu Freunden, Ehepaare sprechen im Durchschnitt sieben Minuten pro Tag (!) miteinander. Vielen Betroffenen bleibt nichts anderes übrig als zu „verstummen“, „alles in sich hineinzufressen“, wie sie sagen, was vor allem psychosomatische Erkrankungen zur Folge hat, manche ersticken im übertragenen Sinn an ihrem unbewältigten, nicht entäußerbaren Gefühl. Es darf in diesem Zusammenhang nicht der fast übermenschliche Versuch von Karl Kraus vergessen werden, der österreichischen Sprache – ich darf diesen Ausdruck gerade im Zeichen dieses großen Verkünders verwenden, der gesagt hat: „Die gleiche Sprache ist es, die den Österreicher von den Deutschen unterscheidet.“ – wieder ihren Wert zurückzugeben und sie zur Grundlage einer aufrichtigen und wahrhaft menschlichen Kommunikation zu machen: Er wurde in der Umgangssprache ebenso zu Fall gebracht, wie sein Schöpfer ein typisches österreichisches „Mahner-Schicksal“ erlitten hat.
Dritte These: Damit sind wir bei einem wichtigen Punkt: Die Verdränger haben vor niemandem so große Angst wie vor denjenigen, die kommen und versuchen, diese Verdrängung aufzuheben. Darum sind die Mahner, die Aufdecker die Wahrheitssucher, die Propheten in diesem Lande nicht erwünscht. Ich komme zurück auf die Rede von Anton Wildgans: Dort zählt er eine Reihe großer Namen auf, die den Ruhm unseres Vaterlandes ausmachen. Man darf aber nicht fragen, unter welchen Bedingungen die meisten von ihnen hier leben mussten, unter welchen Umständen sie gestorben sind. Man wird unwillkürlich an den Mahler’schen Ausspruch erinnert: „Muss man denn hier immer erst tot sein, damit sie einen leben lassen?“ Die gute Nachrede setzt jedenfalls immer erst nach dem Tode ein, zu Lebzeiten erscheint die Größe, nach dem Ausspruch Grillparzers – der es am eigenen Leibe erfuhr –, gefährlich und wird erbittert bekämpft. Es ließe sich ein Schattenzug zusammenstellen tragischer Art, um dies zu beweisen. Ich will nur ein paar Beispiele bringen, die mir so besonders wichtig sind in unseren Tagen. Zuerst einmal Gustav Mahler, den man mit Intrigen aus der Staatsoper verjagt hat, als deren Direktor er durch zehn Jahre Maßstäbe gesetzt hatte, die bis zum heutigen Tage nicht erreicht worden sind – er musste die Flucht in die Fremde antreten. „Leb wohl!“ – die Worte, die er so oft auf die Partitur seiner „Zehnten“ geschrieben hat, in Verzweiflung –, es stellte sich für ihn und für viele andere Bedeutende heraus: Man kann hier nicht wohl leben, wenn man ein Prophet ist. Das „Leb wohl!“ bekommt dann die andere Bedeutung: „Adieu, weg, fort mit dir!“ Und ein Prophet war er; seine Musik erschaute den bevorstehenden Untergang, während die anderen nichts ahnend blind in den Abgrund tanzten.
Es ist von unheimlich logischer Konsequenz, dass die Großverdränger in Österreich diejenigen am intensivsten ablehnen, welche zuerst den Mechanismus der Verdrängung durchschauten und bis heute und wohl zeitlos gültige Wege zu ihrer Aufhebung gewiesen haben: Sigmund Freud und Alfred Adler. Wohin kämen wir, wenn wir die Wahrheit über uns zuließen? Das darf unter keinen Umständen geschehen. Und deshalb werden den beiden Ansichten unterstellt, die sie nie gehabt haben (Wille zur Lust, Wille zur Macht), die dann aber ihre Negation geradezu zur selbstverständlichen Pflicht machen. Wildgans in der „Rede über Österreich“ wörtlich: „Der Österreicher ist von Geburt Psychologe, und Psychologie ist alles.“ Frage: Ist der Österreicher wirklich Psychologe? Ist ihm die Psychologie alles? Welche Aufnahme ließ dieser Österreicher Sigmund Freud und Alfred Adler zuteil werden, wie hat er die Gnade, solche Genies der Psychologie Mitbürger nennen zu dürfen, zu schätzen gewusst? Als Freud von Amerika triumphierend zurückkam, meinte er: „Drüben verstehen sie mich falsch“ – ein prophetisches Wort –, „aber hier lehnen sie mich aus tiefster Seele ab.“ So ist es im Grunde bis zum heutigen Tage geblieben. Es existiert in Wien z. B. zweimal eine Hansi-Niese-Gasse – ich bin ein Opfer davon, weil ich in der einen wohne, und viele Menschen verirren sich zuerst in den 13. Bezirk, um dann nach einer Stunde mühsam bei mir zu landen –, derselben Hansi Niese gewidmet, der Karl Kraus in „Die letzten Tage der Menschheit“ als Kriegsverherrlicherin ein so unrühmliches Denkmal gesetzt hat. Vergeblich wird man aber in der Stadt eine Straße, einen Platz suchen, der nach Freud oder nach Adler benannt ist. Mühsam müssen sich Amerikaner zur Berggasse 19 durchfragen, oft ist es ihr wichtigstes Ziel in Wien und sie können es nicht fassen, dass der große Meister hier totgeschwiegen wird. Aber lassen wir jetzt die Spielereien mit den Straßen, denn das sind ja nur Kleinigkeiten, freilich symbolträchtige. Schlimm ist schon, dass ein Denkmal, das im Hotel Bellevue daran erinnert, dass dort dem „Doktor Freud sich das Geheimnis des menschlichen Traumes enthüllte“, verwüstet wurde, am schlimmsten aber, dass man hier heute so lebt, als hätte Freud nie gelebt! Das ist das Entscheidende: Man kehrt in die vorfreudsche Zeit zurück, man verdrängt, huldigt einer Oberflächenpsychologie, betreibt jene Bewusstseinsverengung, von der gerade Freud gesagt hat, dass sie eine Vorstufe des Unterganges ist. Und Alfred Adler? Man hat das Wort „Minderwertigkeitskomplex“ von Adler losgetrennt, es gehört der Allgemeinheit, ist gleichsam zum Volkslied geworden. Man könnte das begrüßen, es als Zeichen großer Popularität werten, wenn nicht eine Absicht dahinter stünde, die man merkt und einen mehr als verstimmt, nämlich den Erfinder in der Versenkung des Vergessens verschwinden zu lassen. Und das in einem Lande, dessen Bewohner ständig zwischen rührseliger Unterschätzung und grenzenlosen Grandiositätsgefühlen hin und her schwanken! Zu Lebzeiten ist Freud niemals Ordinarius in Österreich geworden (Stefan Zweig: „Nun sind Sie ein außerordentlicher Professor unter so vielen ordentlichen!“), Adler hat man gar die Habilitation verweigert. Und heute? Nur mit Mühe und unter besonderem Druck ist endlich ein Lehrstuhl für Tiefenpsychologie geschaffen worden. Bis zum heutigen Tage wird Psychotherapie von den Krankenkassen kaum bezahlt, gibt es in weiten Landstrichen Österreichs keine Möglichkeit, diese Behandlung zu erhalten. Mit Recht hat Julia Schmidt die Vermutung geäußert, die meisten Österreicher wüssten gar nicht, was Psychotherapie ist, nicht zuletzt deswegen, weil es sich um eine „österreichische“ Erfindung handelt. Noch jetzt gehen Menschen, die eine Psychotherapie benötigen, möglichst heimlich zu ihrem Therapeuten. Es gilt als Zeichen der Schwäche, wenn man in seelischen Schwierigkeiten Hilfe benötigt, bei Christen wird es als Symptom mangelnden Glaubens gewertet, denn wer auf Gott vertraut, kann die Behandlung des Seelenarztes leicht entbehren! An dieser Stelle muss einbekannt werden, dass das „natürlich“ auch ganz wesentlich mit dem heute hier immer noch lebendigen Antisemitismus zu tun hat, der geradezu als ein Charakteristikum des Österreichers zu bezeichnen ist: Nicht zufällig fällt die Verschärfung der nationalsozialistischen antisemitischen Maßnahmen genau mit dem „Eintritt Österreichs in das großdeutsche Reich“ zusammen. Mahler, Kraus, Freud, Adler, die Liste ließe sich endlos fortsetzen – ja es ist nun einmal so, dass aus diesem Volk ganz besondere Entdecker, Pioniere und Mahner hervorgingen und noch hervorgehen. Und es ist eben so, dass das Neid erzeugt: „Warum sind die und nicht wir die erste Liebe Gottes gewesen?“ Und es ist eben so, dass bis zum heutigen Tag der christliche Antisemitismus, der die Wurzel des Hitler’schen Antisemitismus war – wie Heer nachgewiesen hat –, nicht überwunden erscheint. Das geht so weit, dass, wenn einer für die Juden eintritt, man sofort sagt – ich weiß davon ein Lied zu singen –: „Der muss selber ein Jud’ sein, sicher, den einen oder anderen Tropfen jüdischen Blutes wird er schon in sich haben.“ Ich habe bei einer Gelegenheit einmal geantwortet: „Ich kann nicht damit dienen, aber ich wäre sehr stolz, diesem Stamme anzugehören, aus dem so viele große Menschen gekommen sind.“
Darf ich zum Abschluss dieser These noch einmal auf Friedrich Heer zurückkommen? Wenn man ihn in der letzten Zeit besucht hat, konnte man ihn sagen hören: „Schaut mich an, ich bin ein Sterbender, ich sterbe schon seit Monaten, vielleicht schon seit Jahren. Erschreckt nicht, mein Sterben ist ein Teil des Lebens. Ich genieße dieses Sterben! Und seid nicht traurig, denn es gehört zu mir.“ Und manchmal fügte er hinzu: „Und wenn ihr wissen wollt, woran ich sterbe, dann sage ich euch, ich sterbe an Österreich, wir alle sterben an Österreich“, und verstummte. Wir alle sterben an Österreich. Ich glaube, es ziemt sich hier, wo wir an diesem Abend ganz besonders natürlich auch an Anton Wildgans denken, zu sagen, dass auch Anton Wildgans zweifellos an Österreich gestorben ist. Er hat genau dieses österreichische Schicksal erlitten, das er so präzise beschrieben hat. „Dieses Schicksal bedeutet, zu viel Energie aufwenden müssen, um eine Sache durchzusetzen, sie als notwendig den Maßgeblichen begreiflich zu machen, so daß Müdigkeit eingetreten ist, bevor die endlich durchgesetzte Sache durchgeführt werden darf.“
Wie intensiv sind die autobiografischen Züge im folgenden Gedicht:
Vieles magst Du an uns verschwenden
Alles verweht
Immer kommst Du mit Deinen Spenden
Leben, zu spät.
Nahmen wir doch in schaffenden Träumen
Alles bereits
Längst vorweg deinem kleinlichen Säumen
und deinem Geiz.
Müde sind wir, eh wir gefunden
Spuren des Lichts,
Außer jenen träumerischen Stunden
Haben wir nichts.
Es scheint mir für viele Österreicher geschrieben zu sein.
Vierte These: Ich habe gesprochen über die Neurotisierung, über die Verdrängung, über die Unterdrückung und Abschiebung der Aufdecker. Ich möchte jetzt über ein Symptom sprechen, das ich schon als Symptom jeder Neurose erwähnte, nämlich die Ambivalenz. Neurotisiert werden heißt, einen Menschen zugleich zu lieben und zu hassen, eine unheimliche Strukturierung des menschlichen Gefühlslebens. Es gibt in Holland einen Komponisten, Bernard van Beurden, der zur Eröffnung des Steirischen Herbstes 1979 eine Symphonie geschrieben und bei dieser Gelegenheit etwas sehr Interessantes über die Bewohner unseres Landes gesagt hat: „Der Österreicher hat eine Zweizimmerwohnung. Das eine Zimmer ist hell, freundlich, die ,schöne Stube‘, gut eingerichtet, dort empfängt er die Gäste. Das andere Zimmer ist abgedunkelt, finster, verriegelt, unzugänglich, völlig unergründlich.“
Ich verdanke Wendelin Schmidt-Dengler den Hinweis auf zwei ähnliche Stellen in der österreichischen Literatur.
In Grillparzers „Der arme Spielmann“ (1848) beschreibt der Erzähler den Raum des unglücklichen Geigers, den dieser mit einem Handwerker teilen muss: „Der arme Spielmann hat seinen Teil von dem des Mitbewohners durch einen Kreidestrich getrennt, wodurch auf seiner Seite Ordnung, ja Pedanterie, auf der anderen Seite Unordnung und Chaos sichtbar werden.“ Die Hauptfigur in Wolfgrubers Roman „Verlust eines Sommers“ (1981), Martin Lenau, erinnert sich an seine Kindheit: „Den ordentlich verwalteten Teil seines Zimmers hat er von dem Durcheinander seines Bruders durch einen Kreidestrich getrennt.“ In beiden Fällen der „Äquator einer Welt im kleinen“ (Grillparzer).
Schmidt-Dengler meint, dass damit Ordnung und Anarchie einander gegenübergestellt seien – ich finde damit jedenfalls das Bild Beurdens bestätigt, das mich fasziniert und von dem ich überzeugt bin, dass es die Ambivalenz ebenso ausdrückt wie den Gegensatz zwischen bewusst und unbewusst. Da ist auf der einen Seite die Höflichkeit, diese Freundlichkeit, die zur Scheinfreundlichkeit oder, wenn ich dieses Wort verwenden darf, zur Scheißfreundlichkeit wird, ein „Entgegenkommen“, das sich als ungedeckter Wechsel entpuppt. Hier wird dir alles versprochen, du betrittst das (erste) Zimmer, Hoffnungen werden genährt, aber wenn du weg bist, bist du nicht mehr vorhanden, denkt der Mensch nicht daran, auch nur den kleinen Finger für dich zu rühren. „Groß ist das Wort und klein ist der Sinn“, sagt mein Freund Georg Kreisler, auch ein Vertriebener, nicht gewünscht in Österreich, weil er die Menschen ihr eigenes Bild im Spiegel sehen ließ, ein schweres Vergehen; heute will er hier nicht mehr auftreten. Und Peter Handke, der in „Wunschloses Unglück“ den tragischen Weg seiner Mutter in den Selbstmord beschreibt, kommentiert: „Es brauchte nur jemand mit dem kleinen Finger zu winken, und sie wäre auf den richtigen Gedanken gekommen.“ Und fügte resignierend hinzu: „hätte, wäre, würde“.
Ich glaube, dass für die hohe Suizidrate des Österreichers dieses Wechselbad, dieses (wenn man ahnungslos ist) Glauben und Vertrauen und Alles-Erwarten und dann dieses Fallen in einen umso schrecklicheren, tieferen Abgrund, in dieses finstere Loch der Enttäuschung und des Im-Stich-gelassen-Werdens, wenn Sie so wollen, in das zweite Zimmer, wesentlich mitverantwortlich ist. Und auch die Sprache des Österreichers kennt diese zwei Zimmer. Wenn es im österreichischen Lied von Wildgans heißt: „… einfach und echt von Wort, wohnen die Menschen dort“, so bekommt das heute für mich einen ganz anderen Sinn. „Echt von Wort“ heißt: „Es ist uns echt nicht zu trauen.“ Nicht zufällig bekommt hier der Satz „Ich werde dir schon helfen“ eine zweite Bedeutung – nämlich eine drohende. Und „einfach wohnen die Menschen dort“ erinnert eben an „die Zweizimmerwohnung, die wir haben“. In den unterdrückten, frustrierten Menschen, in denen diese Verzweiflung in der Kindheit erzeugt wurde, da lauert natürlich ein Hass. Er wird lange Zeit im zweiten Zimmer sorgfältig eingeschlossen und versteckt, aber er kann bei irgendeinem Anlass verhängnisvoll ausbrechen. Wie oft erschrecken dann Menschen über sich selber und sagen: „Ich habe gar nicht geahnt, dass solche böse Dinge in mir drinnen sind.“ Da tritt zum Beispiel dieser Neid hervor, wenn dem anderen irgendetwas gelingt: „… da ist der allerärmste Mann dem andern viel zu reich.“ Wenn einer irgendeine Entdeckung macht, ist der erste Gedanke: „Wieso ist das nicht mir eingefallen?“, und: „Wenn’s einem anderen gelungen ist, dann darf das einfach nichts wert sein.“ Die erste Herzoperation wird in Österreich erfolgreich durchgeführt – da steht schon am Tag vorher in der Zeitung, dass sie unüberlegt, viel zu früh aufs Programm gesetzt wurde, die Neidgenossenschaft tritt voll in Aktion.
Im „zweiten Zimmer“ finden sich aber nicht nur Neid und Hass, sondern auch Unsicherheit und Angst. Es ist ganz unfassbar – selbst der Psychiater, der an vieles gewöhnt ist, vermag es kaum zu glauben –, welche Ängste hier weit verbreitet sind. Jeder fürchtet jeden, hält ihn für einen Konkurrenten, einen potenziellen Feind, man beobachtet einander misstrauisch, stellt gleichsam schon weit draußen, im Vorfeld der Begegnung, Horchposten auf, jedes Gerücht über angeblich böse Absichten des anderen, und sei es auch noch so abstrus, wird geglaubt. Im Grunde sind das alles Folgen der missglückten Eltern-Kind-Beziehung: Eine Welt bricht zusammen, wenn das Vertrauen zu den Eltern verloren geht. Und weil ich bei der Angst bin, so möchte ich daran erinnern, wie leicht diese Angst wiederum zum Hass wird, z. B. zum Hass gegen alles Fremde. – Ja, die Österreicher verlangen in Südtirol zweisprachige Ortstafeln und Gleichberechtigung für die Minderheit. Aber was tun denn wir mit unseren Minderheiten? Dort stürmen und zerstören wir zuerst einmal die zweisprachigen Ortsbezeichnungen. Nun stehen sie zwar, aber verlangen Sie in Südkärnten auf slowenisch eine Fahrkarte, dann bekommen Sie keine und stattdessen die Antwort: „Kannst das net deutsch sagen?!“ – eine demütigend-sadistische Szene, die an faschistische Zeiten erinnert. Als mir die Auszeichnung zuteil wurde, für die Slowenen psychohygienische Vorträge halten zu dürfen, wurde mir folgende Geschichte erzählt: Slowenische Eltern hatten alles getan, um ihre Tochter deutschsprachig zu erziehen. Als sie einen Slowenen heiratete und damit für sich und ihre Kinder die slowenische Sprache an die erste Stelle setzte, klagten die Eltern: „Wir haben versucht, aus dir einen Staatsbürger erster Klasse zu machen, und nun zerstörst du mit einem Schlage unsere Bemühungen und machst dich wieder zu einem Menschen zweiter Klasse.“ Das heißt also: In Österreich muss man dem Slowenentum abschwören (ich glaube, die Situation der Kroaten im Burgenland ist besser), um ein „ordentlicher“ Staatsbürger zu werden. So gehen wir mit den Anderssprachigen um, die wir bis zum heutigen Tage mit dem Odium der „Verräter“ umgeben, obwohl wir nachweisbar die Volksabstimmung nach dem Ersten Weltkrieg ohne die slowenischen Stimmen niemals hätten gewinnen können! Nein, unter diesen Umständen hat der österreichische Unterrichtsminister Zilk vollkommen Recht, wenn er sagt: „Hört auf von Südtirol zu sprechen, bevor ihr nicht begonnen habt, in Österreich einwandfreie Verhältnisse zu schaffen.“
Und jetzt bin ich bei Wildgans, bei seinem Satz aus der „Rede über Österreich“: „Psychologie ist Pflicht im Zusammenleben der Völker!“ – Erfüllen wir diese Pflicht? – Ich muss es leider bestreiten. – Wir haben sehr lange eine einmalige Chance gehabt, im Herzen Europas eine „vorwegnehmende Zukunft“ zu gestalten, wenn wir bereit gewesen wären zur Verständigung und Partnerschaft, zu Gleichberechtigung und Achtung. Es hätte ein Experiment sein können, das den Weg gewiesen hätte zu den „Vereinigten Staaten von Europa“. Wir haben aber diese Chance – und das muss man doch einbekennen, statt larmoyant über den Untergang des „großen Reiches“ zu klagen – nicht wahrgenommen: Wir haben uns als Herrschende aufgespielt und ab 1867 hat es zwei Herrenvölker gegeben, die Österreicher und die Ungarn, die noch bis zum heutigen Tage daran schwer zu tragen haben, dass sie bei dieser Sache mitgemacht haben. Das ist wieder eine Wahrheit, die wir nicht „wahrhaben“ wollen! Sicher, wir waren relativ menschlich. Wenn Sie nach Polen gehen – das unglückliche Land war zwischen Russland, Deutschland und Österreich aufgeteilt –, können sie noch heute hören: Die Österreicher waren die mildesten Herrscher. Sicher – aber eben doch Herrscher. Und so haben wir eigentlich die Psychologie des gegenseitigen Verständnisses, die Wildgans zu Recht als Pflichtgegenstand bezeichnet, haben wir die eben nicht beherrscht! Und darum sind wir als Vielvölkerstaat im Zeitalter des Nationalismus zugrunde gegangen; es wird vielleicht Jahrhunderte dauern, bis diese Chance von damals wiederkommt.
Fünfte These: Es wurde schon darauf hingewiesen, dass als erstes Symptom der Neurotisierung im Kind Hassgefühle gegen die Eltern entstehen. Dafür kann das Kind gar nichts, es kommt schuldlos in diese Situation (oft sind auch die Eltern schuldlos, weil sie selbst in ihrer Kindheit neurotisiert worden sind und nur in einer verhängnisvollen Stafette diese Neurotisierung weitergeben). Aber da sich Hassgefühle in ihm regen und weil diese Hassgefühle mit seinem Gewissen nicht vereinbar sind, fühlt es sich schuldig. Ist unschuldig und fühlt sich schuldig – man kann gar nicht genug Zeit aufwenden, um sich in diesen tragischen Tatbestand einzufühlen und zu begreifen, was es bedeutet! Dieses Schuldgefühl nun erzeugt ein unersättliches Bedürfnis – dieser in dem Zusammenhang ausgezeichnete Ausdruck stammt von Karl Stern – nach Sühne und Strafe! So wird der Neurotiker zu seinem eigenen Feind, er verfolgt sich selbst mehr, als jeder Außenstehende es könnte. Der österreichische Dichter Lenau sagt: „Mich regiert eine Art Gravitation nach dem Unglück.“ Die Patienten drücken es so aus: „Glück ist für mich ein Fremdwort“; „Ich bin ein totaler Versager“; „Das Schicksal hat mich in den Abfallkorb des Lebens geworfen“; „Mein Leben ist auf Sparflamme gestellt“; „Ich inszeniere alles vortrefflich, aber ich inszeniere es so, dass es nicht gelingen kann“; „Alle meine Enttäuschungen sind in Erfüllung gegangen“.
Diese Feindschaft auch gegen die eigene Person ist in Österreich, ich möchte sagen, allgegenwärtig, ein Beweis für die weite Verbreitung der Neurose. Viel zu viele Menschen hier werden beherrscht von Lebensverunstaltung, Selbstschädigung, Selbstzerstörung, Selbstvernichtung. Nicht zufällig stammt das Wort „Die wichtigste Aufgabe ist es, den Menschen vor sich selber zu beschützen“ von einem Österreicher, von Franz Theodor Csokor.
Es ist ganz unmöglich, hier alle Formen der Selbstschädigung, die der Österreicher ersonnen hat, aufzuzählen, nur ein paar ausgewählte Beispiele kann ich bringen. Fangen wir mit etwas Harmlosem, mit unserer Fußballmannschaft an: Sie gewinnt fast immer, nur wenn man ihr sagt, heute gehe es um alles – dann verliert sie garantiert. Sie kann den Druck, der dabei vom (Vater) Staat ausgeht, nicht aushalten, dabei entsteht, in Erinnerung an die Eltern in der Kindheit, unbewusster Protest: „Jetzt erst recht nicht.“ Treffen doch auch viele Kinder ihre Eltern in unbewusstem Protest durch nicht bestandene Prüfungen und missglücktes Leben, nach der Devise: „Recht geschieht meinem Vater, wenn ich mir die Finger erfriere“, und übersehen dabei beharrlich, dass ja sie selbst es sind, die die Rechnung vorwiegend bezahlen!
In diesem Lande blüht die Kriminalität und Verbrechen ist oft nicht nur Aggression gegen andere (die ja begreiflicherweise immer bemerkt wird), sondern auch gegen die eigene Person (was gerne übersehen wird). Zerstört der Täter in der Mehrzahl der Fälle nicht auch sein Leben, seine sozialen Chancen, ist es ein „Vergnügen“, für Jahre Gefangener zu sein? Auch die Zahl von Verkehrsunfällen und Verkehrstoten ist in unserem Lande überdurchschnittlich hoch. Hier ist der Entgegenkommende oft nicht ein Entgegenkommender in der anderen Bedeutung des Wortes. Vielmehr huldigt er einem Fahrstil, den man mit Stengel als ein Gottesurteil über Leben und Tod bezeichnen könnte: „Geht’s gut, soll es mir recht sein, geht’s schlecht, ist es auch gut.“ Und sehr oft werden natürlich auch andere, Unschuldige, zu Opfern dieser besonderen Form der Selbstzerstörung.
Das nächste Beispiel sind die psychosomatischen Erkrankungen, die in Österreich wie kaum in einem anderen Land grassieren. Dass sie durch Internalisierung chronischer Konflikte entstehen, habe ich bereits erwähnt. Es erübrigt sich, die umfangreiche Literatur über dieses Gebiet zu studieren, man muss nur eines verstehen: Unbewältigte Gefühle schädigen den Körper; was kränkt, macht krankt, wie es der Wiener Internist Max Herz so treffend ausgedrückt hat. Wir aber haben nirgendwo gelernt, nicht im Elternhaus, nicht in der Schule und auch später nicht im Berufsleben, mit unseren Gefühlen zurechtzukommen, wir sind damit allein gelassen worden, haben keine Solidarität, keine Hilfe erfahren, sind, um es mit Ingmar Bergman zu sagen, Analphabeten des Gefühls geblieben. Für dieses Heer von psychosomatisch Kranken gibt es in Wien ganze 16 Betten. „Was brauch ma denn des alles, net, is eh gnua da“, hätte Weinheber vielleicht auch darauf gedichtet. Wie dem auch sei, jedenfalls ist es ein gutes Beispiel für das Missverhältnis, welches hier zwischen Selbstzerstörung und dem, was wir dagegen tun, herrscht. Überflüssig daran zu erinnern, dass immer mehr psychosomatische Erkrankungen tödlich enden, die Selbstzerstörung also zur Selbstvernichtung wird. Zu diesem Bild passt es, dass wir mit Todesfällen durch Leberzirrhose an der zweiten Stelle der Welt stehen; dass die Leberzirrhose eine Folge des Alkoholismus ist, weiß heute jedes Kind. Wir greifen eben zu jedem Fluchtmittel, um über Probleme und Gefühle hinwegzukommen, für die wir keine Lösung wissen. „Wer Sorgen hat, hat auch Likör“ – und dann den Tod. In diesem Lande besteht fast eine Verpflichtung zu trinken, wir nennen das ein „alkoholisches Klima“. Und auch der Ausdruck „Selbstmord mit Messer und Gabel“ könnte angesichts der herrschenden Essgewohnheiten und der daraus resultierenden Übergewichtigkeit hier erfunden worden sein (vielleicht ist er es sogar, ich weiß es nicht). Und dass wir, was den direkten Selbstmord betrifft, seit Jahrzehnten im Spitzenfeld der Welt liegen, das ist bekannt. Thomas Bernhard hat geschrieben: „Ich wundere mich hier überhaupt nicht, wenn einer durch Selbstmord stirbt, ich wundere mich nur, wenn einer nicht durch Selbstmord stirbt.“ – Natürlich klingt dies wie eine maßlose Übertreibung, aber irgendetwas Wahres ist dennoch darin. Da ich schon früher auf wesentliche Faktoren hingewiesen habe, die bei uns den Selbstmord konsequent fördern („Wenn einer laut um Hilfe schreit, außer sich, ist er zu leise für mich“, sagt Georg Kreisler), kann ich mich nun auf diese Feststellung beschränken. Jedenfalls: Es war wiederum kein Zufall, dass Freud gerade hier seine viel bekämpfte, aber zweifellos richtige Entdeckung der Existenz eines „Todestriebes“ gemacht hat.
In diesem Österreich hat es eine Gestalt gegeben (das Wort Person vermeide ich absichtlich), in der die ganze Selbstbeschädigungs- und Vernichtungstendenz dieses Landes in einer einmaligen Weise komprimiert in Erscheinung getreten ist. Der Mann wurde schon in der Kindheit durch seine Mutter und die Erziehung vernichtet, hat dann 68 Jahre regiert, hat in dieser überlangen Zeit keine einzige konstruktive Idee gehabt, keine einzige! (Wer mir eine nennen kann, ist schon prämiert.) Mit der zwangsneurotischen Pedanterie einer Maschine ist er am Schreibtisch gesessen, hat Akten studiert und unterschrieben, als personifiziertes Pflichtgefühl (wo blieben die anderen Gefühle?). Auf seinem Schreibtisch stand ein Spruch: „In jedem Ding der Welt, ob es tot ist oder atmet, lebt der große weise Wille des allmächtigen und allwissenden Schöpfers. Wie alles ist, so muß es sein in der Welt. Und wie es auch sein mag, immer ist es gut im Sinne des Schöpfers“ – der schreckliche Ausdruck einer Statik, einer Fixierung an das Bestehende, die konsequenterweise jede verändernde Entwicklung verunmöglicht.
Über diesen Menschen Franz Joseph hat Karl Kraus folgendes Gedicht geschrieben:
Wie war er? War er dumm? War er gescheit?
Wie fühlt’ er? Hat es wirklich ihn gefreut?
War er ein Körper, war er nur ein Kleid?
War eine Seele in dem Staatsgewand?
Formte das Land ihn, formte er das Land?
Wer, der ihn kannte, hat ihn auch gekannt?
Trug ein Gesicht er oder einen Bart?
Von wannen kam er und von welcher Art?
Blieb nichts ihm, nur das Wesen selbst, erspart?
War die Figur er oder nur das Bild?
War er so grausam wie er altersmild?
Zählt’ er Gefallne wie erlegtes Wild?
Hat er’s erwogen oder frisch gewagt?
Hat er auch sich, nicht nur die Welt geplagt?
Wollt’ er die Handlung oder bloß den Akt?
Wollt’ er den Krieg? Wollt’ eigentlich er nur
Soldaten, und von diesen die Montur,
von der den Knopf nur? Hatt’ er eine Spur
von Tod und Liebe und von Menschenleid?
Nie prägte mächtiger in ihre Zeit
jemals ihr Bild die U n p e r s ö n l i c h k e i t.
Vielleicht wäre es nicht nötig, einen Exkurs über Franz Joseph zu halten, wenn nicht mit Schrecken zu bemerken wäre, dass immer mehr Menschen eine merkwürdige nostalgische Sehnsucht nach eben diesem Franz Joseph entwickeln, ganze „Wallfahrten“ nach Ischl und anderen Gedenkstätten stattfinden. Da muss sich gerade der Tiefenpsychologe fragen: Ist das die Sehnsucht nach der verlorenen Vaterfigur? Sind die Regierenden den Österreichern vielleicht noch zu wenig neurotisch, dass sie den Franz Joseph wollen? – Oder wollen sie gar wieder einen Totengräber an der Spitze? Denn es ist doch überhaupt kein Zweifel, dass dieser Mann vor allen anderen der Totengräber Österreichs war! Wenn er am Schluss seines Lebens aussprechen musste: „Mir bleibt auch nichts erspart!“, war das die logische Konsequenz einer lebenslangen neurotischen Selbstvernichtung auf allen Gebieten. Diesem Mann musste alles, was er anrührte, misslingen! – Und nach ihm eine Sehnsucht?
Ich weiß, dass ich damit ein fatal heißes Eisen angerührt habe, und weil ich nun schon dabei bin, will ich an einem zweiten nicht vorbeigehen, über das endlich einmal ehrlich zu sprechen es mich schon lange drängt. Es hat ja nicht nur Totengräber Österreichs gegeben, sondern auch eine ganze Reihe von Baumeistern – übrigens gehört Wildgans mit seinem Bekenntnis zum österreichischen Menschen in eben dieser Rede, die für den heutigen Vortrag zum Paten wurde, zweifellos zu ihnen. Ich aber will jetzt über einen anderen sprechen, der für die einen Baumeister, für die anderen aber Totengräber ist: Engelbert Dollfuß. Und damit bin ich vielleicht beim größten Wagnis des heutigen Abends. Als am 25. Juli 1934 dieser Mann unter den Kugeln feiger Mörder am Ballhausplatz verblutete, da habe ich als 13-Jähriger – warum soll ich es leugnen? – geweint, so geweint, wie ich es selten später in meinem Leben getan habe. Ich war damals nicht der Einzige, viele weinten mit mir, nicht der Geringste unter ihnen war Friedrich Heer, der an anderer Stelle einmal bekannte, er habe in seinem Leben einen einzigen politischen Personen-Glauben gekannt, den an Engelbert Dollfuß. Aber ich muss mich natürlich heute fragen: Hast du damals zu Recht geweint? Denn, das muss mit aller Deutlichkeit und auch Schärfe gesagt werden, das Bild dieses Mannes ist verbunden mit mehr als tragischen Ereignissen: Er hat die Demokratie in Österreich zerstört, hat mit Kanonen auf Arbeiterhäuser schießen lassen, ist zum Arbeitermörder geworden. Und wenn man für beides auch bestimmte Umstände heranziehen kann, nämlich dass er gefürchtet hat, die Nationalsozialisten könnten in das Parlament, wie in Deutschland, mit größerer Mehrheit einziehen; dass er unter Druck Italiens stand, welches immer stürmischer verlangte, die Sozialdemokratie auszuschalten, und Italien damals der einzige Garant der Unabhängigkeit Österreichs war – dass wir nicht 1934 kassiert worden sind, sondern erst 1938, das haben wir nur Mussolini zu verdanken und nicht England und Frankreich, die uns schon damals völlig im Stich gelassen haben, so wie sie später auch die Musterdemokratie Tschechoslowakei im Stich ließen (das muss ausgesprochen werden!) –, so können sie niemals eine Entschuldigung, ja nicht einmal „mildernde Umstände“ darstellen, besonders der Februar 1934 bleibt eine ganz und gar unverzeihliche, unmenschliche Tat. Mit Ehrfurcht müssen wir verstehen lernen, dass ein Sozialdemokrat es heute noch nicht erträgt, den Namen Dollfuß in positiver Weise genannt zu hören. Und doch sollten wir im Sinne Friedrich Heers das „Gespräch der Feinde“ lernen, müssen auf der einen Seite unmissverständlich und verurteilend bis zum letzten Augenblick klarstellen, dass dieser Mensch falsche Wege gegangen ist, dürfen dann aber vielleicht auf der anderen Seite auch darauf hinweisen, dass derselbe Mann ein gutes Ziel gehabt hat, nämlich die Rettung Österreichs vor der braunen Flut. Diesem Dollfuß, der, wie Heer sagt, die Uniform nie ausgezogen hat, der ein Kämpfer war, wäre das nicht passiert, was seinem Epigonen geschehen musste: ein sang- und klangloser Untergang. Dieser Mensch hat als Erster den Spruch revitalisiert: „Österreich über alles, wenn es nur will“, er hat versucht, das Selbstvertrauen Österreichs zu wecken, hat sein Leben dafür eingesetzt, dass dieses Land nicht von der Landkarte verschwindet, hat mit seinem Blute seine Treue besiegelt und wohl auch seine Schuld bezahlt und gesühnt. Die Feinde von einst müssten folgenden (vorläufig noch utopischen) Dialog lernen: die einen, über seinen Qualitäten nicht die unbestreitbaren schweren Vergehen zu übersehen, die anderen, in ihrem „Todfeind“ doch auch den Mann zu erkennen, der für Österreich gekämpft hat. Dann mag vielleicht in ferner Zukunft der Weg dafür sich öffnen, auch Dollfuß als Baumeister Österreichs anzuerkennen, freilich als einen, der mit unrechten Mitteln gebaut hat, wo also Selbsterhaltung mit Selbstzerstörung gekoppelt war, vielleicht die tragischste und österreichischste Art des Bauens.
Ich wäre nicht Schüler Alfred Adlers, wenn ich bei der Diagnose stehen bliebe und nicht mit Aspekten der Hoffnung für die Zukunft schließen würde. Zwar heißt es bei Polgar: „Wien bleibt Wien, und das ist das Schlimmste, was man über diese Stadt sagen kann“, und sicher könnte es auch Gründe geben, diese Sentenz auf das ganze Land auszudehnen. Dennoch bin ich hoffnungsvoll und erlaube mir, dies mit den folgenden Argumenten zu belegen.
1. Es beginnt sich ein neues Selbstbewusstsein dieses Staates zu entwickeln. Das Land war ab 1867, ab dem so genannten Ausgleich mit Ungarn, unrettbar dem Untergang geweiht. Es war der ungarische Außenminister, der um 1912 gesagt hat: „Wir müssen uns selbst umbringen, bevor das die anderen tun.“ Und im Jahre 1918 begann die Verfassung des übrig gebliebenen Restes mit den Worten: „Deutsch-Österreich ist eine Republik, sie ist Bestandteil des Deutschen Reiches.“ Mit anderen Worten, das war ein Staat, der mit dem ersten Satz, den er aussprach, zugleich schon Selbstmord begangen hat. „Wann habt ihr dessentgleichen je gesehen?“, könnte man, Grillparzer variierend, sagen. Da war schon in der Wurzel „der Staat, den keiner wollte“, enthalten und damit der neuerliche Tod besiegelt.
Aber heute, glaube ich, seit 1945, ist die Situation eine andere. Hitler musste offenbar kommen und das von vielen ersehnte Ziel, den „Anschluss“, verwirklichen, um dem Österreicher ein für alle Mal begreiflich zu machen, was er an diesem Lande hat (das ist wieder eine so typisch österreichische Verhaltensweise selbstschädigender Art: erst zu wissen, was man besaß, wenn man es verloren hat – so verhält sich ja auch der Mann in diesem Lande, er vernachlässigt seine Frau und wacht erst auf, wenn er sie an einen anderen zu verlieren droht). Langsam, aber sicher wächst ein Bekenntnis zu diesem Österreich, ja darüber hinaus zu so etwas, was man die „österreichische Nation“ nennen könnte. Man sollte vielleicht nicht allzu viel darüber sprechen, um das Wachstum nicht zu stören. Auch wenn wir jetzt einen Justizminister haben, der sich nostalgisch als Deutschösterreicher bezeichnet (wofür diejenigen mit die Verantwortung tragen, die ihn diese Position erreichen ließen), wird das diesen Prozess nicht aufhalten. Stattdessen möchte ich nur Friedrich Torberg zitieren: „In einem Punkt allerdings sind diese Jungen besser dran als ihre Vorfahren: Wenn sie Österreich sagen, so wissen sie, was sie meinen, und wenn sie sich zu diesem Österreich bekennen, so wissen sie warum.“ Ich aber finde mit dieser Sentenz den Übergang zu meinem nächsten Punkt.
2. Die heutige Jugend gibt mir Hoffnung für die Zukunft. Ich habe als Universitätslehrer viel Gelegenheit, sie kennen zu lernen, und aufgrund dieser meiner Erfahrung kann ich nur sagen: Obwohl diese Jugend aus tausend Wunden frühkindlicher Neurotisierung blutet, obwohl wir sie vielfach mit einer schrecklichen Welt konfrontieren, in Österreich ebenso wie in anderen Ländern, mit einer Welt, die Materielles an die Stelle von Gefühl und Seelischem, die Organisation, also Versachlichung, an die Stelle von Ideen gesetzt hat; einer Welt, die Erfolg und Technik vergötzt und den Menschen dabei unter die Räder kommen lässt; einer Welt, die Feindschaft mehr fördert als Solidarität, in der Frieden in Vorkrieg und in Kalten Krieg verwandelt wird; in der Medizin ist an die Stelle der partnerschaftlichen Arzt-Patienten Beziehung die unpersönliche Durchuntersuchung getreten, in der Psychologie dominieren Fremdheitsgefühl erzeugende Fragebögen und Tests; in der Religion ist es genauso. Die Worte des verstorbenen Kardinals Wyszynski klingen zwar sehr schön, sie warten aber bis zum heutigen Tage weitgehend vergeblich auf Erfüllung: „Wir müssen wieder die Pharisäer und die Schriftgelehrten aus dem Tempel vertreiben, Abschied nehmen von theoretischen, theologischen Spielereien, wieder zu einem Glauben finden, der nicht von der Ratio beherrscht ist, sondern von der Liebe Gottes zu den Menschen, die zur Liebe der Menschen untereinander werden soll.“
Das ist das Wunderbare an dieser Jugend in meinen Augen, dass sie mit dieser Welt, die wir ihr präsentieren, nicht zufrieden ist; und dass sie trotz alledem nicht aufgibt, sich in der großen Mehrzahl nicht enttäuscht zurückzieht, nicht „aussteigt“, sondern versucht, sich den Problemen zu stellen, Verantwortung für die Gestaltung der Zukunft zeigt, dass sie neue Wege sucht zu Versöhnung, Gemeinsamkeit, Freundschaft und Frieden, wie es Christa Wolff ausdrückt: „Was ignoriert und geleugnet wird, müssen wir schaffen, Freundlichkeit, Würde, Vertrauen, Spontaneität, Anmut, Duft, Klang, Poesie, ungezwungenes Leben, was schnell, was zuerst verfliegt, wenn der friedlose Friede in Vorkrieg überzugehen droht, das eigentlich Menschliche, was uns bewegen kann, diesen Frieden zu verteidigen.“ Wir Alten aber müssen lernen, mit dieser Jugend zu sprechen. Ich bin überzeugt, wir sind gar nicht so bedroht von ihr, wie wir vielfach glauben. Und vielleicht wird sie eine Sprache finden mit der Zeit, die uns nicht noch mehr schockiert als notwendig. Darin sehe ich eine große Chance für die Zukunft unseres Landes. Aber wir müssen zugleich zugeben, dass es die Jungen noch unendlich schwer haben hier, man braucht nur ihr Schicksal in den politischen Parteien zu betrachten. Wer lässt sie schon ihre Utopien einbringen, die vielleicht die Realitäten von morgen sein werden? Aber wir sehen auch, dass die Wähler denen einen Denkzettel verpassen, die glauben, einen jungen Menschen aus der Kandidatenliste streichen zu können, nur weil er aufbegehrt, nicht mit den Wölfen heult, Missstände aufzeigt. Sie werden es in der Zukunft – ich wage das zu prophezeien – in noch größerem Umfang tun.
3. Eine ganz große Hoffnung geht auch von den Künstlern aus. Ihre große und wunderbare Aufgabe ist es, Zivilisation in Kultur zu verwandeln, die versachlichende, rationalisierende Tendenz unserer Zeit durch Wiederzulassung der Gefühle aufzuheben. Natürlich müssen auch, und ganz besonders, schockierende darunter sein: Nur wenn ich betroffen Missstände in unserer Welt und in mir entdecke, wenn ich wachgerüttelt werde, besteht die Aussicht auf Änderung. Ich zitiere Friedrich Heer: „Das Hohe und Erhabene, es bleibt so lange Fiktion, so lange Wunsch-Traum, solange es uns nicht gelingt, die Höllen im Heute zu erhellen, auf der Bühne des Theaters anzusprechen.“
Wildgans hat in seiner „Rede über Österreich“, wie schon erwähnt, eine Reihe von großen verstorbenen Künstlern aller Art aufgezählt, die den Ruhm des vergangenen Österreichs ausmachen. Es stimmt mich sehr glücklich und zuversichtlich, dass ich nun auch, ohne irgendeine Mühe, eine Liste präsentieren könnte, Komponisten, Musiker, Dichter, Schauspieler, Maler, Bildhauer, Architekten, die größtenteils den Vorzug haben, noch am Leben zu sein: Ich hoffe, dass Sie verstehen, dass ich keine einzelnen Namen nenne, ich hätte Angst, irgendeinen zu vergessen, und – was schwerer wiegt – Sie kennen sie ohnehin. Und sie haben fast alle den Vorteil, dass wir noch viel Aufdeckendes von ihnen in der Zukunft erwarten können und dass sie alle sich an keine Grenze halten, dass sie ihre „Kompetenz“ nicht einschränken lassen, sondern sich in ihren Werken für den ganzen Menschen verantwortlich fühlen. Hier kann man wirklich sagen: Heimat bist du großer Söhne und Töchter (Letzteres sei besonders betont!). Eines freilich darf dabei nicht verschwiegen werden: Die Liste großer Persönlichkeiten ist jetzt nicht so dicht und intensiv wie nach 1918, so dass man für jedes dieser Leben doppelt dankbar sein und um jedes doppelt zittern muss.
4. Den letzten Punkt meiner Hoffnung muss ich zu meinem Leidwesen mit einem großen Fragezeichen versehen (im Gegensatz zu den bisherigen) und dies trifft mich umso mehr, als er mir besonders am Herzen liegt: Ich meine die römisch-katholische Kirche, von der schon Anton Wildgans in der „Rede über Österreich“ sagt, sie sei ein wesentliches Element Österreichs. Was soll ich damit heute anfangen? Handelt es sich nicht weitgehend um ein Taufschein-Christentum? Haben wir nicht gerade hier aus einer lebendigen Religion eine tote gemacht? Wir haben in Österreich seit 1945 zumindest drei massenhysterische Reaktionen erlebt, von zweien, der Schranz-Affäre und dem Ortstafelsturm, habe ich schon gesprochen, die dritte muss jetzt Erwähnung finden. Lotte Ingrisch hatte ein wunderliebes Textbuch, „Jesu Hochzeit“, geschrieben, in dem Christus den Tod besiegt, Gottfried von Einem hatte die Musik dazu komponiert. Die bloße Tatsache, dass darin Jesus und Maria mit menschlichen Eigenschaften und Schwächen (keineswegs Defekten) ausgestattet waren, erregte nun die dritte hysterische Massenreaktion: Sühne-Prozessionen mit Kindern wurden organisiert, Drohbriefe mit Todes- und Verdammungswünschen geschrieben, es wurde verlangt, die Uraufführung durch den Staatsanwalt zu verbieten, und als dies nicht gelang, fanden Protestaktionen statt, im Theater kam es zu Schreiexzessen, Stinkbomben wurden geworfen und Besucher insultiert. Man könnte zur Tagesordnung schreiten, wenn sich darin nicht gleichsam pathognomisch der Zustand der Kirche in Österreich offenbart hätte. Es wurde deutlich, wie sehr es der Kirche hier „gelungen“ war, Jesus, Maria und Joseph zu „entmenschlichen“, so sehr, dass menschliche Probleme an ihnen geradezu als unerträglich und blasphemisch empfunden wurden. Dies entspricht dem Hochmut, mit dem man immer wieder von kirchlicher Seite zwischen Humanismus und Katholizismus Mauern errichtet, statt eine diesbezügliche Verbundenheit anzuerkennen. Human und christlich sein, beides bedeutet ja, Verständnis für die Nöte des Menschen zu haben und alles für seine gesunde, glückliche Entwicklung im natürlichen Bereich zu tun. Wer vom Menschen Unmenschliches verlangt, kann nicht wirklich christlich sein. Aus diesen Zusammenhängen leitet sich eine alarmierende Diagnose ab: Wo Menschliches mit Akribie eliminiert oder verurteilt wird, die Menschwerdung nicht stattfinden darf, geht für eine Lehre auch die Attraktivität auf Menschen verloren, sie droht aus lebendiger Substanz totes, theoretisches System zu werden. Dies steht in Übereinstimmung mit der gerade in Österreich festzustellenden psychotherapeutischen Einsicht, dass Gott sich vielfach aus dem Bewusstsein zurückgezogen hat, dafür im Unbewussten eine unendliche Sehnsucht nach Religion besteht, die aber von einer menschenfernen, ja oft menschenfeindlichen formalistischen Auslegung der christlichen Lehre nicht erfüllt werden kann. Vielfach verhalten sich die kirchlichen Institutionen gerade in diesem Lande, als würden sie einen Leitfaden besitzen mit dem Titel: Wie halte ich möglichst viele Menschen von uns fern? So wird zu schlechter Letzt auch Gott in Österreich massiv verdrängt, führt ein Dasein größtenteils im Unbewussten, woran alle beteiligt sind, die Eltern (weil sie ein falsches Gottesbild vermitteln, „Gottesvergiftung“ betreiben), die Kirche (weil sie einen weltfremden Gott lehrt), aber auch die Betroffenen selber (weil ihnen Gott unbequem ist).
Für all das würde das Gedicht von Wildgans zutreffen, ich zitiere ihn damit für heute zum letzten Male:
Sie bauen noch immer Symbole aus Stein
in den längst entgötterten Himmel hinein,
tun Glocken in die Gestühle.
Die künden mit ihrem bronzenen Mund
eine Sprache, die keinem Menschen mehr kund
und fremd für unsere Gefühle.
Das macht, daß in den Glöcknern der Herr Jesus Christ
gestorben – aber nie wieder erstanden ist.
Aber es gibt auch Signale der Hoffnung in dieser österreichischen katholischen Kirche. Da ist ihre Trennung von den politischen Parteien, da ist der Abschied vom politischen Katholizismus, sofern er Machtausübung bedeutet, da ist die sehr kritische Haltung des Episkopats zur Pillen-Enzyklika und anderen vatikanischen „Weisungen“ (Frage der geschiedenen Ehen), da ist das stets wachsende Eingeständnis eigener Fehler und alle diese Pluspunkte sind untrennbar mit dem großen Erzbischof von Wien, Kardinal König, verbunden. Und es ist da der letzte Katholikentag, diese Heerschar so vieler interessierter Menschen, verbunden mit dem Papstbesuch. Aber hat nicht vielleicht gerade diese Verbindung letztlich geschadet, weil aus einem so nötigen Dialog (der, fürchte ich, mit diesem Papst nicht möglich ist) eine bloße Demonstration geworden ist? Und wie lange bleibt der Kardinal noch und wer folgt ihm nach? Immer neue Fragezeichen, die manch einer als gewaltigen Dämpfer der Zukunftshoffnung empfinden mag.
Wenn mir jemand nun als Subsumierung all meiner Hoffnungs-Punkte sagt: „Ringel, unter diesen Umständen scheint es mir doch sehr unwahrscheinlich zu sein, dass es wieder aufwärts geht“, dann will ich das gerne annehmen und antworten: „Je unwahrscheinlicher es ist, desto größere Hoffnung habe ich.“ Und als Bestätigung für diese meine Überzeugung schließe ich mit einem Zitat von Ludwig Wittgenstein, welches ich meinem Freund Hans Strotzka verdanke: „Ich glaube, das gute Österreichische ist besonders schwer zu verstehen, es ist in gewissem Sinne subtiler als alles andere, und seine Wahrheit ist nie auf der Seite der Wahrscheinlichkeit!“
2. Wege der Selbstverwirklichung in unserer Zeit
Es ist etwas sehr Eigenartiges: Wenn wir über unser Leben sprechen, dann tun wir so, als stünden wir hier und uns vis-à-vis „das Leben“, als wären das zwei verschiedene Dinge. Wir sagen zum Beispiel: Das Leben ist nicht viel wert, es hat keinen Sinn, es ist mir alles schuldig geblieben. Ja, wir und das Leben sind doch eines, wir leben unser Leben. Hilft uns diese Außenprojektion, dieser Dialog mit einem scheinbar anderen, den man anklagen, dem man alle Schuld in die Schuhe schieben kann? Letztlich bleibt es doch ein Gespräch mit uns selber. Wir können nicht das Leben anklagen, dass es uns den Sinn schuldig bleibt, denn es kann doch immer nur den Sinn gewinnen, den wir ihm geben. Primär sind wir für unsere Lebensgestaltung verantwortlich, für dieses Leben, von dem Freud so schön und pessimistisch gesagt hat, dass es nicht viel sei, aber dennoch alles, was wir besitzen. Es ist schrecklich, wenn man gegen Ende seines Daseins entdecken muss, dass man – wie die Leute sagen – sein Leben nicht gelebt hat (Karl Kraus: „Man lebt nicht einmal einmal.“). Was soll man dann damit tun, wie soll man das Versäumte nachholen? Wir können uns daher nicht früh genug mit der Sinnerfüllung unseres Lebens, mit dem einmaligen Entwurf, den jedes Leben darstellt, auseinander setzen. Ich habe somit einleitend die Verantwortlichkeit jedes Einzelnen betont. Damit sind wir bei einem Begriff, der besonders dem Christentum kostbar ist, und damit muss ich mich nun besonders auseinander setzen, denn ich kann meine Zugehörigkeit zu dieser Religion auch in diesem Vortrag nicht verleugnen. Das Christentum ist ja an und für sich sehr selbstsicher, nämlich davon überzeugt, dass es zur Sinnfindung des Lebens einen entscheidenden Beitrag leistet. Ich könnte dem weitgehend zustimmen, sofern es sich um echtes Christentum handelt. Meine Behauptung geht aber dahin, dass das, was wir aus dem Christentum gemacht haben, nämlich ein „unchristliches Christentum“, die Erfüllung des Menschseins nicht nur nicht fördert, sondern vielfach sogar behindert. Einen ersten Hinweis darauf will ich im Zusammenhang mit dem bereits erwähnten Begriff der Verantwortlichkeit geben – ich bekenne mich zu ihm, aber ins Unendliche ausgedehnt, übertrieben und verabsolutiert, wird er unmenschlich und damit unchristlich.
Jedes Leben und jede Lebensgestaltung wird durch die Startbedingungen wesentlich beeinflusst: Hier von Verhältnissen der Gleichheit zu sprechen wäre heuchlerisch und „unverantwortlich“. Sicherlich ist es großartig, dass die christlichen Kirchen mit allem Nachdruck für die Erhaltung des menschlichen Lebens (denn es handelt sich um solches vom Moment der Befruchtung der Eizelle an) im Mutterleib eintreten, ich halte das für eine ungeheuer positive und „lebensnotwendige“ Haltung (ohne deswegen für die staatliche Bestrafung derjenigen einzutreten, die sich dagegen vergehen). Es ist aber seltsam, wie einseitig die Kirche – entschuldigen Sie jetzt diese Formulierung – in den Uterus verliebt ist, das Kind so lange mit „Zähnen und Klauen“ verteidigt, so lange es sich im Mutterleib befindet. Sobald es aber das Licht der Welt erblickt hat (wie sagt Eugen Roth so „schön“: „Ein Mensch erblickt das Licht der Welt, und später oft, nach Tag und Jahr, hat es sich dann herausgestellt, daß das der einzge Lichtblick war.“), erlischt das kirchliche Interesse in einer merkwürdigen Weise. Wir dürfen nicht das Kind, sobald es zur Welt gekommen ist, fallen lassen wie eine heiße Kartoffel; wer A gesagt hat, der muss sich jetzt auch zu den folgenden Buchstaben bekennen. Wir haben eine Verpflichtung, wenn wir für die Erhaltung des Lebens kämpfen, weiter für das Wohl dieses neuen Erdenbürgers zu sorgen (denn der Satz: „Wo ein Häslein, dort ein Gräslein“, stellt ja eine niederträchtige Verharmlosung oft katastrophaler Notsituationen dar). Es werden viele Menschen bis zum heutigen Tage – und in unserer Zeit mehr denn je – in Lebensbedingungen hineingeboren, unter denen sie nicht (oder kaum) wachsen und werden können. Der immer wieder zu hörende Satz: „Jeder steht dort, wo er es verdient“, ist falsch und unmenschlich zugleich. Er stammt aus der Welt der Glücklichen, die (oft zu Unrecht) davon überzeugt sind, dass sie ihre prominenten Positionen zu Recht erreicht haben, und die sich selbst (statt reuig an die eigene Brust) anerkennend auf die Schulter klopfen und nicht spurweise bereit erscheinen, sich in die „Welt der Unglücklichen“ (Wittgenstein) einzufühlen. Millionen Kinder verhungern Jahr für Jahr in der ganzen Welt: Wie kann man unter solchen Umständen von der Realisierung des Lebensrechtes sprechen? Ich war vor kurzem anlässlich des Weltkongresses für Selbstmordverhütung in Caracas; dort fährt man fast stundenlang an den Slums vorbei, in denen eine menschengerechte Entwicklung schlicht und einfach unmöglich ist. Wer aber glaubt, dass unser Europa, unser Land über dieses Problem erhaben sei, der ist gebeten, seine Fantasie ein wenig mehr anzustrengen. Ich möchte in diesem Zusammenhang nur als eines von vielen Beispielen unseren Peter Handke zitieren (es ist ja die Aufgabe der Dichter, uns die Augen zu öffnen für die Höllen, in denen wir leben). In „Wunschloses Unglück“ beschreibt er den Weg seiner Mutter in den Selbstmord und ihre „Startbedingungen“ im Besonderen wie folgt:
„In einen kleinen Ort hineingeboren, mit Menschen, die nach Jahren besitzloser Knechtschaft zu Kleinbauern und Handwerkern geworden waren, mittellos, bedürfnislos, sprachlos, noch dazu in diese Umstände als Frau hineingeboren zu werden, das ist von vornherein schon tödlich. Man kann es aber auch beruhigend nennen: jedenfalls keine Zukunftsangst. Die Wahrsagerinnen auf den Kirchtagen lasen nur den Burschen ernsthaft die Zukunft aus den Händen; bei den Frauen war die Zukunft ohnehin nichts als ein Witz. Keine Möglichkeit, alles schon vorausgesehen: Kleine Schäkereien, ein Kichern, eine kurze Fassungslosigkeit, dann zum ersten Mal die fremde gefaßte Miene, mit der man schon wieder abzuhausen begann, die ersten Kinder, ein bißchen noch dabeisein bei dem Hantieren in der Küche, von Anfang an überhört werden, selber immer mehr weghören, Selbstgespräche, dann schlecht auf den Beinen, Krampfadern, nur noch ein Murmeln im Schlaf, und mit dem Tod ist die Vorsehung schließlich erfüllt.“
Ungezählte Beispiele dafür ließen sich leider noch anführen. Wem aber die bisherigen Andeutungen nicht genügen, wie sollte der zu überzeugen sein? Jedenfalls, ein solcher Vortrag hat ja nur Sinn, wenn wir Kritik an uns selber üben, wenn wir zugeben: Da ist noch unbeschreibliche Arbeit zu leisten, sind noch himmelschreiende soziale Ungerechtigkeiten zu beseitigen, um Menschen unterstützend beizustehen, damit sie eine Chance erhalten, Zeit, in der sie sich entwickeln können: Entwicklung ist ja das große Geheimnis menschlichen Daseins.
Ich komme jetzt zu einem nächsten Punkt: Es gibt Menschen, die durchaus unter den besten Bedingungen, finanziell gesehen, aufwachsen und die dennoch in ihrer frühen Kindheit, in den entscheidenden ersten sechs Lebensjahren, zerstört werden, zerstört werden durch die Eltern. Es ist notwendig, daran zu erinnern – und das ist auch schon wieder die nächste Tragik –, dass sich niemand seine Eltern aussuchen kann, sie werden ihm vom Schicksal zugewiesen. Damit ist keineswegs nur die Erbmasse gemeint (die wichtig ist, aber in ihrer Bedeutung nicht deterministisch überschätzt werden sollte), sondern die Art der Erziehung, die dem Kind zuteil wird. Mit Recht sagt Heimito von Doderer, dass die Kindheit jener Eimer sei, der uns in den ersten Lebensjahren übergestülpt werde und dann ein ganzes Leben lang an uns herunter rinne. Und mit dem gleichen Recht sagt Frederick Mayer, dass „konventionelle Erziehung fast eine Einladung zur Depression“ sei. Es ist eine Gnade, wenn man Eltern bekommt, die bereit sind, jenen Boden der Güte, der Wärme, des Verständnisses, der Menschlichkeit, der Partnerschaft für das Kind zu bereiten, in dem diese zarte Pflanze gedeihen, in dem sich Liebe zu den Eltern und dann zur Welt entwickeln kann, denn das Kind kommt ja mit der Liebespotenz und der Liebessehnsucht zur Welt. Als Psychotherapeut, aber auch als Beobachter der Welt muss ich Sie aber einmal mehr – das kann nicht oft genug geschehen – darüber informieren, wie ungezählte Male sich die Eltern an diesem neuen Menschen versündigen, weil sie ihn nicht als eigenständige, selbstständige neue Existenz anerkennen. Ich besitze die Zeichnung eines kleinen Mädchens, das seine Beziehung zu mir dargestellt hat, wo das Kind, also sie selbst, und ich auf derselben Höhe beginnen, nur ihre Füße hören unten früher auf: Sie ist zwar kleiner, aber im Niveau ist sie mit mir gleich. Ich wünschte mir, dass sich diese Zeichnung jedem tief einprägte, dann würde er vielleicht stets daran gemahnt werden, das Kind als einen Menschen zu bewerten, der ein Recht auf Eigenexistenz hat. Wir haben dem Kind nicht unseren Stempel aufzudrücken, es soll keine Miniausgabe der Erwachsenen werden, „abwaschbar und pflegeleicht“. Das Kind wird nicht erst ein Mensch, sagte Janusz Korczak, es ist schon einer, und man kann mit Hornstein nicht oft genug wiederholen, dass die Kindheit nicht eine „Vorbereitungszeit“ ist, die man möglichst rasch durchlaufen soll, sondern dass sie einen Eigenwert besitzt. Die Wünsche der Eltern engen die Welt der Kinder immer mehr ein und behindern damit die kindliche Entwicklung immer mehr, deren Zauberwort Entfaltung heißen müsste (Rilke: „Und dann meine Seele sei weit, sei weit, dass dir das Leben gelinge“) und nicht Einengung.
Wenn wir lernen, demütig das Knie vor dem neuen Menschen zu beugen, dann werden wir auch klein und hören auf, Macht auszuüben, Zwang, Beherrschung und Unterdrückung, die wir jetzt vornehmen unter „Missbrauch des Autoritätsbegriffes“. Mit Erschütterung liest man sogar in unseren Gesetzen von der „elterlichen Gewalt“: Echte Autorität aber ist nicht Gewaltausübung und Machtanspruch, sondern Vorbild und Beispiel. Wo wir Machtanspruch haben, handelt es sich um Missbrauch der Autorität. Und ungezählte Kinder werden nun in der tragischesten Weise in den ersten Lebensjahren, weil sie nicht respektiert werden, hineingetrieben in das, was wir die Ambivalenz nennen, in den Zwiespalt der Gefühle: bewusste Bejahung, aber unbewusste Ablehnung der Eltern; es handelt sich um den Urkonflikt des neurotischen Kindes, und wer ihn entwickelt, dem droht Schlimmes: Erstens verliert er die Einheit seines Gefühlslebens, unseren kostbarsten Besitz; zweitens aber drohen seine künftigen Beziehungen zu misslingen. Denn die Eltern sind eben unser prägendes Beispiel, und wenn wir den Eltern gegenüber Ambivalenz entwickeln, dann werden wir später gegenüber allen wichtigen Personen unseres Lebens auch ambivalent sein: Dass dann diese Beziehungen vom Scheitern bedroht sind, versteht sich von selbst. Für die positive Gestaltung des Lebens ist aber die Fähigkeit zu guten mitmenschlichen Beziehungen ein ganz entscheidender Faktor: Der Mensch ist eben kein Einzelwesen, sondern auf Gemeinschaft ausgerichtet (Max Adlers Sozialapriori). Bevor dies alles aber geschieht, misslingt dem Kind eine andere ganz entscheidende Beziehung, nämlich die zu sich selbst. Viele werden sagen: „Das macht ja nichts, ist sogar wünschenswert!“ Denn schon in unserer Sprache haben ja viele Wörter, die mit „selbst“ beginnen, einen schlechten Klang: selbstgefällig, selbstisch, selbstherrlich, Selbstbefriedigung, Selbstmord, „selbst“ der Ausdruck „Selbstverwirklichung“, der diesem Vortrag den Titel gegeben hat (ich komme noch darauf zurück). Man solle nur ja keine an sich glaubenden, hochnäsigen, arroganten, eingebildeten, egozentrischen Menschen erziehen, heißt es da und die Selbstlosigkeit wird als hohes Ziel angepriesen, obwohl das, wenn man es wörtlich nimmt, bedeutet, dass man sein Selbst los, also eigentlich gar nicht mehr am Leben ist.
Dem gegenüber kann nicht entschieden genug betont werden, dass eine positive Beziehung zum eigenen Ich eine unabdingbare Voraussetzung für ein gelungenes Leben darstellt. Gerade denjenigen, die sich bei dieser falschen Erziehung auf das Christentum berufen, kann nicht eindringlich genug der Satz in Erinnerung gerufen werden: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Hier wird nicht nur Selbstliebe als erlaubt attestiert, sondern hier wird sie geradezu zur Grundlage und zum Maßstab der mitmenschlichen Liebe erklärt. Mit Recht lässt Franz Werfel eine Person im „Lied von Bernadette“ auf ein missglücktes Leben mit den Worten zurückblicken: „Ich habe niemanden geliebt, nicht einmal mich selber.“
Wie gewinnt man nun diese positive Beziehung zu sich selbst? Der Dichter Rückert hat das im Deutschen ein für alle Male wunderbar geklärt mit den Worten: „Daß du mich liebst, macht mich mir wert.“ Das heißt, die Liebe, die wir von den Eltern bekommen, verwandeln wir in die Liebe zu uns selbst. Die Eltern lieben uns, also müssen wir etwas wert sein, also bekommen wir zu uns eine positive Beziehung; die Eltern lieben uns nicht, also sind wir nichts wert, dann fühlen wir uns schlecht, dann glauben wir nicht an uns selber, dann werden wir schlecht, feindselig und aggressiv und liefern damit jenen, die uns zu Anfang nicht liebten, eine Bestätigung für ihre Ablehnung: „Und einen solchen sollen wir lieb haben?“ In erschütternder Weise hat Laing im folgenden „Knoten“ diesen Tatbestand festgehalten:
Meine Mutter liebt mich.
Ich fühle mich gut.
Ich fühle mich gut, weil sie mich liebt.
Ich bin gut, weil ich mich gut fühle.
Ich fühle mich gut, weil ich gut bin.
Meine Mutter liebt mich, weil ich gut bin.
Meine Mutter liebt mich nicht.
Ich fühle mich schlecht.
Ich fühle mich schlecht, weil sie mich nicht liebt.
Ich bin schlecht, weil ich mich schlecht fühle.
Ich fühle mich schlecht, weil ich schlecht bin.
Ich bin schlecht, weil sie mich nicht liebt.
Sie liebt mich nicht, weil ich schlecht bin.
Für die missglückte Beziehung zum eigenen Ich, die heute so unbeschreibbar häufig anzutreffen ist, und alle daraus resultierenden Fehlverhaltensweisen hat Alfred Adler den bereits zum allgemeinen Wissensgut gehörenden Ausdruck Minderwertigkeitskomplex geprägt. In jeder menschlichen Begegnung findet ein Geben und Nehmen statt. (Denen gegenüber, die behaupten nur zu geben, sei man misstrauisch: Jeder Mensch braucht auch etwas für sich, wer es bestreitet, lügt bewusst oder verdrängt seine Bedürfnisse.) Je gestörter aber das Selbstwertgefühl eines Menschen, desto mehr wird er den anderen dazu benötigen, um durch ihn (oft auch auf seine Kosten!) im eigenen Selbstwertgefühl bestätigt zu werden. Aus einer Partnerbeziehung von Subjekt zu Subjekt wird somit dann eine Degradierung des anderen zum Objekt, es liegt also ein eindeutiger Missbrauch vor! Nicht zufällig hat Adler entdeckt, dass Minderwertigkeitsgefühl sehr häufig mit Macht- und Geltungsstreben und mit Intoleranz (der Selbstsichere ist großzügig, kann auch eigene Fehler eingestehen) gekoppelt ist. Das Machtstreben kann sich auch raffiniert tarnen, z. B. indem man einen „Helferberuf“ ergreift. Viele von diesen brauchen bewusst oder unbewusst Hilfsbedürftige, um sich selber „grandios“ zu fühlen und über andere zu verfügen. Peter Turrini beschreibt dies so:
Ich möchte meine Feinde so lange lieben,
bis sie unter meiner Liebe zusammenbrechen.
Ich möchte meiner Freundin so lange verzeihen,
bis sie an ihrer Schlechtigkeit verzweifelt.
Ich möchte meinen Freunden so lange helfen,
bis sie ihre Unfähigkeit einsehen.
Ich möchte mit allen Mitteln ein guter Mensch sein.
Überflüssig zu betonen, dass solche Menschen höchstens sich selber „helfen“ können, ansonsten aber die „hilflosen Helfer“ bleiben, als die sie Schmidbauer bezeichnet hat. Mit anderen Worten: Je ich-unsicherer ein Mensch ist, desto egozentrischer und egoistischer wird er sich verhalten, er wird immer mehr zu nehmen bestrebt sein, als er zu geben bereit ist. Den christlichen Verherrlichern der „Selbstlosigkeit“ ins Stammbuch: Eine Bejahung der eigenen Person ist nicht nur kein Hindernis für eine gelungene Ich-Du-Beziehung, sondern vielmehr ihre Voraussetzung.
Und an dieser Stelle möchte ich zurückkommen zum Begriff „Selbstverwirklichung“. Vielen ist schon das Wort ein Dorn im Auge, fast wie eine Versündigung. Vor kurzem etwa hat Viktor Frankl gesagt: „Wenn ich schon diese modisch gewordenen Worte wie Selbstverwirklichung höre, wird mir direkt schlecht. Was soll denn an mir oder in mir, was ja ohnehin wirklich ist, noch verwirklicht werden?“ Auf der anderen Seite hat der jetzige Papst vor einiger Zeit in einem Rundschreiben über den Sinn der Arbeit wörtlich gesagt: „Der ganze Arbeitsprozess ist auf die Selbstverwirklichung des Menschen als Person auszurichten.“ In den Kampf eines konservativen Menschen mit einem sehr Konservativen möchte ich mich nicht einmischen, nur zwei Dinge möchte ich sagen:
Erstens: In jedem steckt eine Chance, eine einmalige Möglichkeit, die von niemandem andern stellvertretend für ihn zu erreichen ist: Das ist der Ruf, der an uns ergeht. Ich (in Übereinstimmung mit vielen anderen) nenne ihn Selbstverwirklichung, habe aber nichts dagegen, wenn ein anderer Name dafür geprägt wird, wenn nur das etwa Gleiche darunter verstanden wird. Es geht ja nicht um Begriffe, sondern immer um Inhalte.
Und zweitens: Selbstverwirklichung ist ohne die Wandlung des Ich zum Wir nicht denkbar, der Mensch erfüllt sich und seinen Sinn erst in der Gemeinschaft. Frage: Wie finden wir vom Ich zum Wir? Viele werden antworten: vor allem durch das Gewissen. Seine enorme Bedeutung möchte ich nicht bestreiten und doch – mit dem bloßen „Du sollst“ allein wird es nicht getan sein! Der Mensch braucht auch hier die bewegenden Beispiele, die Mobilisierung seines Gefühls für andere. Die entscheidende Bedeutung der Eltern und der Familie für diesen Prozess habe ich schon erwähnt, er muss aber immer weitere Kreise ziehen, und da möchte ich jetzt zu einem mir sehr kostbaren Begriff kommen, ohne den Selbstverwirklichung meiner Meinung kaum möglich ist, zur Solidarität. Sie bedeutet, dass man sich füreinander verantwortlich fühlt, und sie muss erlernt und geübt werden. Wo geschieht das heute in ausreichendem Maße? Wir haben nicht eine Leistungsgesellschaft, gegen die gar nichts einzuwenden wäre, denn Leistung ist wichtig, sie ist auch ein Weg zur Selbstverwirklichung, wir haben vielmehr eine Erfolgsgesellschaft. Aber wer den Erfolg vergötzt, der initiiert einen Kampf: jeder gegen jeden; so wird aus einem Miteinander „bestenfalls“ ein Nebeneinander, oft sogar ein Gegeneinander. Schon in der Schule wird dieses „Spiel“ geübt, das Wort „Klassengemeinschaft“ ist vielfach nichts anderes als eine leere Hülse, ein potemkinsches Dorf. Und dann: Der entscheidende Baustein der Solidarität ist wohl das Gefühl und nicht der Verstand. Aber unsere Erziehung vermittelt doch einseitig Wissen und Bildung, während die Menschenbildung, die Entwicklung der Persönlichkeit, überhaupt nicht Berücksichtigung findet – das bleibt gültig bis hinauf zur Universität. Akademiker sein, das bedeutet heute nur allzu oft einseitige Intellektualität bei gleichzeitiger Verkümmerung des Gefühlslebens. Wir haben es in der nationalsozialistischen Zeit gesehen, dass die größte Intelligenz die Menschen nicht davor bewahrt hat, die größten Untaten zu begehen. Ich zitiere in diesem Zusammenhang mit großer Bewegung den Epilog des Buches „Takt und Taktik im Klassenzimmer“ von Haim Ginott: „Am ersten Tag des neuen Schuljahres erhielten alle Lehrer einer Privatschule von ihrem Schulleiter folgenden Brief: Liebe Lehrer! Ich habe ein Konzentrationslager überlebt. Meine Augen haben Dinge gesehen, die kein menschliches Auge erblicken sollte: Gaskammern, erbaut von gebildeten Ingenieuren; Kinder, vergiftet von wissenschaftlich ausgebildeten Ärzten; Säuglinge, getötet von erfahrenen Kinderschwestern; Frauen und Kinder, erschossen und verbrannt von ehemaligen Oberschülern und Akademikern. Deswegen traue ich der Bildung nicht mehr. Mein Anliegen ist: Helfen Sie Ihren Schülern, menschlich zu werden. Ihr Unterricht und Ihr Einsatz sollte keine gelehrten Ungeheuer hervorbringen, keine befähigten Psychopathen, keine gebildeten Eichmanns. Lesen, Schreiben und Arithmetik sind nur wichtig, wenn sie dazu beitragen, unsere Kinder menschlich zu machen.“
Um Solidarität zu erlernen, muss man sie zuerst erfahren haben. Leben ist immer mit einer Fülle von Krisen, die man durchzustehen hat, verbunden. Nicht zuletzt die Hilfe anderer Menschen ist es, die verhindert, dass aus situativer Not situative Einengung und Ausweglosigkeit wird. Wer je eine solche Unterstützung erfahren durfte, hat für sein Leben zwei Dinge gelernt: Er wird bereit sein, auch anderen zu helfen, und er wird sich später nicht schämen, selbst Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Das Kriterium einer echten Solidarität werden immer die Schwachen sein: Eine Gesellschaft ist so gut, wie sehr sie den Benachteiligten nicht im Stich lässt, die berühmte Frage, „Wer ist denn mein Nächster?“, ist in diesem Sinne zu beantworten.
Im Folgenden möchte ich nun versuchen, selbstverständlich ohne Anspruch auf Vollständigkeit, einige der wichtigsten Gruppen kurz zu umreißen, die als Schwache und Benachteiligte in unserer Gesellschaft zu bezeichnen sind und die dementsprechend zum Maßstab unserer Nächstenliebe werden. Die Kinder habe ich bereits erwähnt. Es kann aber kein Zweifel darüber bestehen, dass in einer Zeit, die den Slogan geboren hat: „Traue keinem über 40!“, auch der „Wert“ des alten Menschen immer mehr sinkt. Wie verhängnisvoll sich die Abwertung der Alten in unserer Gesellschaftsstruktur auswirkt, zeigt das Beispiel von Japan: Bis 1945 waren die Alten dort in einer ungeheuer geachteten Position, damals war Selbstmord in dieser Altersgruppe (daher) praktisch unbekannt. Nach dem verlorenen Krieg haben die Alten ihre Position nicht nur verloren, sondern dieselbe wurde ins Gegenteil verkehrt; es kam zu einem ungeheuren Anstieg des Altersselbstmordes, der bis zum heutigen Tag anhält. Dabei neigt ja der alte Mensch von sich aus schon dazu, nicht an sich zu glauben. Sehr oft hat er das Gefühl, nicht mehr benötigt zu werden, dass sozusagen auch ohne ihn die Welt weitergehen, seine Abwesenheit niemand bemerken wird. Es ist außerdem eine schmerzliche Tatsache, dass der Mensch im Älterwerden der Vereinsamung entgegengeht; immer mehr Menschen aus seiner Umgebung sterben, infolge der nachlassenden Elastizität wird es für ihn immer schwieriger, neue Beziehungen anzuknüpfen. Hier spielt auch oft das lieblose Verhalten der Umgebung eine die Situation des alten Menschen enorm verschärfende Rolle. Man hat immer weniger Zeit für die Alten, will ungern an ihre Existenz erinnert werden, schiebt sie ab, wann immer es geht; in Zagreb ist vor einiger Zeit ein alter Mann durch die Straßen gewandert und hat durch Tragen eines riesigen Plakates Aufmerksamkeit auf sich gezogen: „Besucht Japan, besucht Australien, besucht den Strand von Mexiko, aber besucht auch mich!“, war da in großen Buchstaben zu lesen.
Auch werden die Möglichkeiten des alten Menschen, wo es geht, eingeengt. Viele setzen völlig unstatthafterweise Alter und Demenz gleich, obwohl eine leichte Vergesslichkeit, die sehr viele ältere Menschen zeigen, nicht das Geringste mit einer „Verblödung“ zu tun hat. Ganz im Gegenteil entwickeln gar nicht so wenige Menschen in diesem Zeitabschnitt ein Verhalten, das man als die „Weisheit des Alters“ bezeichnen könnte, eine gewisse Souveränität, ein abwägendes, überlegtes Urteilen von der Höhe ihrer langen Erfahrung (natürlich gibt es auch Altersstarrsinn). Jedenfalls hatte Hamsun nicht Recht, als er sagte: „Das Alter macht alt, und sonst gar nichts.“ Die Gesellschaft ist es, die aus dem Alter „gar nichts“ macht, die dem Alten die Zukunft nimmt, ihn an der Gegenwart verzweifeln lässt, so dass ihm nur die Vergangenheit bleibt – und das ist zu wenig, um lange am Leben zu bleiben. Was die Abschiebung der Alten betrifft, so muss daran erinnert werden, dass viele in Altersheimen oft unter Bedingungen ihr Dasein fristen, die kaum ein lebenswertes Leben ermöglichen. Alt werden, chronisch krank sein, Schmerzen haben und arm sein – das ist sicherlich eine enorm belastende Kombination. Wir dürfen uns dann nicht wundern, dass ein immer größerer Prozentsatz der Selbstmorde in unserem Lande von Menschen (besonders Männern) gestellt wird, die über 65 Jahre alt sind und ohne Angehörige in der Großstadt leben, wenn dann der gesamte Organismus der Betroffenen zusammenbricht, so dass sie oft an unbedeutenden Erkrankungen zugrunde gehen, ein Vorgang, den ich zusammen mit meinem Lehrer Hans Hoff als psychosomatische Dekompensation bezeichnet habe. Die ganze Erbitterung, die sich in alten Menschen heute zusammenballt, hat der Lyriker Georg von der Vring knapp vor seinem Selbstmord in das folgende Gedicht hineingefügt:
Das Schweigen
Die letzten tauben Jahre,
die nimmt ihm niemand ab,
sie sind die sonderbare
Verneblung vor dem Grab.
Wenn je die Wand sich lichtet,
sein Zauberland erscheint,
so ist’s von ihm erdichtet
und nicht für ihn gemeint.
Man sagt, er sei jetzt weise:
doch wer so spricht, der irrt.
Es schweigt in jedem Greise,
was ihm begegnen wird.
Wo alle ringsum sprechen,
sinnt er dem Einen nach.
Gott wird sie unterbrechen,
wie er ihn unterbrach.
Hier liegt es nahe, nun auf die kranken Menschen zu sprechen zu kommen, die vielfach in Österreich das Dasein von Parias führen. Schon die Schule unterlässt es, Ehrfurcht vor Kranken und Behinderten zu lehren, so dass immer mehr der Eindruck entstehen kann, die Krankheit sei persönliches Versagen oder persönliche Schuld. Hier preisen sich vielfach diejenigen glücklich, die eine Krankheit haben, welche man vor den Augen der Umwelt verbergen kann. In einer besonders schlimmen Situation sind die psychisch Kranken. Einerseits bin ich der Überzeugung, dass viele psychotische Zustandsbilder nicht zuletzt dadurch zustande kommen, dass für einen Menschen die herrschenden Lebensbedingungen unerträglich werden, andrerseits degradiert unsere Gesellschaft gerade in Österreich den psychisch Kranken, gleichgültig ob es sich um eine Psychose oder um eine Neurose handelt. Jedes Wort, welches mit „Psycho-“ beginnt, erscheint dem Österreicher suspekt. Noch immer schleichen Neurotiker heimlich zu ihrem Psychotherapeuten, um die Tatsache ihrer Behandlungsbedürftigkeit möglichst zu verbergen. Noch immer gibt es hier einen Zusatztitel, der ärztliche Psychotherapeuten kennzeichnet, noch immer ist Psychotherapie auch ein soziales Problem, weil sie von den Krankenkassen – etwa im Gegensatz zur Bundesrepublik Deutschland – noch nicht selbstverständlicherweise honoriert wird. Eine Ärztin, die bei der Wiener Rettungsgesellschaft tätig ist, hat mir erzählt, alle dort Angestellten hätten jetzt eine ausdrückliche Mahnung bekommen, sie sollten auch zu Selbstmordversuchen und Alkoholikern freundlich sein! So löblich eine solche Maßnahme sein mag, ist es nicht eine Ungeheuerlichkeit, dass sie notwendig erscheint?
Zu den Benachteiligten müssen bedauerlicherweise auch die Frauen gerechnet werden, das sei hier ausdrücklich betont, die Gleichberechtigung steht ja nur auf dem Papier. Noch immer bekommen Frauen für die gleiche Arbeit viel weniger Geld als die Männer, sind sie ungleich seltener in leitenden Positionen zu finden. Immer noch werden Frauen in unserer Gesellschaft, um sich durchzusetzen, gezwungen, männliche Züge anzunehmen, ein Vorgang, der von Alfred Adler zu Recht als „männlicher Protest“ bezeichnet wurde und der uns Männern ein denkbar schlechtes Zeugnis ausstellt. Die Frau findet bei dem Kampf um Gleichberechtigung auch bei der Kirche, die sie nach wie vor auf die „biologische Funktion“ zurückdrängen möchte, nicht nur keine Unterstützung, sondern sie wird auch in der Kirche selbst anhaltend schwer benachteiligt, zu entscheidenden Aufgaben nicht zugelassen, auch wenn dies bestimmte Damen, weil sie mit im Grunde unbedeutenden Positionen abgespeist wurden, nicht zugeben wollen. Ich fürchte, es ist Schasching voll zuzustimmen, wenn er prophezeit, dass die Kirche in diesem Jahrhundert die Frauen ebenso verlieren wird, wie sie im vorigen die Arbeiter verloren hat.
Last, but not least, müssen die Arbeitslosen erwähnt werden, deren Zahl in der ganzen Welt beunruhigend im Zunehmen begriffen ist. Arbeit zu haben bedeutet für die Mehrzahl der Menschen ja nicht bloß Geld verdienen, sondern die Tätigkeit leistet einen entscheidenden Beitrag zur Erlangung von Ansehen und Selbstwertgefühl. Es gehört zu den größten Gnaden der Persönlichkeitsentwicklung, den Beruf zu finden, für den man am besten geeignet ist und dessen Ausübung einen wesentlichen Beitrag zur Sinnfindung des eigenen Lebens leistet: Hierin liegt ein entscheidendes Stück Selbstverwirklichung, umso schwerer zu realisieren, als man ja oft zum Zeitpunkt der Berufswahl noch keineswegs jene Reife und Identitätsfindung besitzt, um die persönlichen Wünsche und Möglichkeiten klar beurteilen zu können. Mit Recht steht jedenfalls der Arbeitsverlust in der Herberger’schen Kummerskala nach der Nachricht, unheilbar krank zu sein, und dem Verlust eines nahe stehenden Menschen an der dritten Stelle. Der Arbeitslose wird gleichsam in eine provisorische Existenz hineingestoßen, er lebt von der Hand in den Mund, verliert Vertrauen, Hoffnung, Zuversicht, die Zeiteinteilung geht ihm verloren, seine Pläne verkümmern und er fällt sehr oft in depressive Resignation, was auch aus der Tatsache hervorgeht, dass Arbeitslose einen sehr hohen Prozentsatz der Klientel von Kriseninterventionszentren und psychotherapeutischen Ambulanzen ausmachen.
Ich habe versucht, einige Gruppen von Menschen herauszuarbeiten, die besonders unserer Hilfe bedürfen und also gewissermaßen die nächst stehenden Menschen sein müssten. Jeden Tag können neue Gruppen von Bedrohten entstehen und es gilt der Satz von Wildgans: „Du hast die Pflicht, Dein geistiges Auge zu schärfen und das zu erahnen, Dir auch das vorzustellen, was Dir nicht unmittelbar vor Augen geführt wird.“ Und Saint-Exupéry sagte einmal: „Wenn nur die Nähe des Unglücks, sein zufälliges Erleben Erschrecken auslöst und ein wenig die eigene Sicherheit nimmt, in der man sich wiegt, dann dient die daraus entstehende Hilfsbereitschaft nur der eigenen Beruhigung.“ Mit anderen Worten: Es gilt wachsam zu sein, um die Vorstellungskraft für die Not anderer zu intensivieren.
In diesem Sinne möchte ich Ihre ganze Aufmerksamkeit auf die „versagenden“ Menschen lenken. Es gibt sie in den verschiedensten Formen: Sie steigen aus, lassen in ihren Leistungen nach, verarmen, werden asozial, kriminell, reihen einen Misserfolg an den anderen: „Hier wohnt das Unglück, hier wohne ich“, oder: „Wo ich nicht bin, dort ist das Glück.“ Diese „Versager“ sind in Österreich sehr erwünscht, denn mit jedem von ihnen scheidet ein potenzieller Konkurrent aus – dennoch ist der Ausdruck „Versager“ ein Schimpfwort, obwohl doch schon die Sprache feinsinnig sagt, dieses Phänomen kommt offenbar dadurch zustande, dass man diesen Menschen etwas „versagt“, verweigert hat. Viele dieser Menschen gehen dem Abgrund entgegen, oft genug in der Form des Selbstmordes! Ein Selbstmörder hat einmal vor hundert Jahren statt eines Abschiedsbriefs ein Gedicht zurückgelassen:
Immer enger wird mein Denken,
immer blinder wird mein Blick,
mehr und mehr erfüllt sich täglich
mein entsetzliches Geschick.
Kraftlos schlepp’ ich mich durch’s Leben,
jeder Lebenslust beraubt,
habe keinen, der die Größe
meines Elends kennt und glaubt.
Doch mein Tod wird euch beweisen,
daß ich jahre-, jahrelang
an des Grabes Rand gewandelt,
bis es jählings mich verschlang.
In diesen erschütternden Worten ist alles enthalten, das jahrelange Sich-dahin-Schleppen, die völlige Einsamkeit („habe keinen …“), das Hoffen auf ein Wunder. Diese Menschen möchten ja leben, nur möchten sie nicht so leben, wie sie leben müssen. Sie warten auf die Zuwendung der anderen, die nicht erfolgt. Wir sollten daher als Antwort auf diesen tragischen „Abschiedsbrief“ das folgende Gedicht Roseggers zu unserer Maxime machen:
Auf dem Wege zum Licht
Lasset keinen zurück!
Führet jeden mit Euch,
Der vergessen vom Glück,
Dem die Ampel erlosch,
Dem die Glut nie gebrannt.
Der Mensch, der den
Leitenden Stern nie gekannt!
Ein Taumel in Nacht und Vergessenheit,
Ihr begnadete Pilger der Ewigkeit!
Führet alle mit Euch
In Liebe und Pflicht!
Lasset keinen zurück
Auf dem Wege zum Licht!
Eine Gesellschaft ist somit so viel wert, wie sie bereit erscheint, für die sozial Schwächsten ein Netz auszuspannen, in dem jeder aufgefangen werden kann und keiner verloren geht. Nun sicher, wenn man ein solches Netz entwickelt, dann muss man damit rechnen, dass es Menschen gibt, die es missbrauchen. Wir haben beides in den letzten 13 Jahren erlebt: Es wurde ein großartiges soziales Netz gewebt und es wurde von sehr vielen Menschen missbraucht. Es geht aber meiner tiefsten Überzeugung nach nicht an, deswegen die Abschaffung des Netzes zu fordern! Was wir tun müssen, ist, alles zu versuchen, dass Missbrauch möglichst erschwert und reduziert wird. Das ist Aufgabe des verbesserten zwischenmenschlichen Kontaktes und einer intensiven Beschäftigung mit jedem einzelnen Fall. Generell restriktive Maßnahmen würden letztlich wieder in die Unmenschlichkeit zurückführen. Ich war ganz einverstanden, als Kamitz vor langer Zeit das Subsidiaritätsprinzip unterstrichen hat, und bin auch heute noch der Meinung, dass jeder Mensch zur Gemeinschaft seinen Beitrag zu leisten hat. Aber das darf uns nicht hindern, für die Menschen, die wirklich in Not und Gefahr sind, jederzeit bereit zu sein und alles zu leisten, dass sie nicht vor unseren Augen zugrunde gehen.
Ich muss im Zusammenhang mit dem Weg vom Ich zum Wir noch auf zwei verhängnisvolle Irrtümer zu sprechen kommen, die gerade jetzt weit verbreitet sind. Erstens: Freiheit und Gemeinschaft schließen sich aus. Es ist ganz erschütternd zu sehen, wie man sich da verpflichtet fühlt, die Freiheit des Einzelnen gegen die Gemeinschaft auszuspielen, wie da die Angst grassiert, in der Gemeinschaft unterzugehen, seine eigene Identität, seine Persönlichkeit oder was auch immer zu verlieren, es wird da sogar der Begriff „1984“ im Orwell’schen Sinn beschworen! Eine echte Gemeinschaft besteht aber aus vielen Ich, die zu einem Wir werden, ohne dass das einzelne Ich seine Selbstständigkeit und seine Freiheit aufgibt. Jeder beschränkt sich zwar den anderen zuliebe, aber er wahrt dabei zugleich auch seine eigenen Rechte. Ich würde also sagen, Freiheit und Gemeinschaft schließen einander nicht nur nicht aus, sondern, ganz im Gegenteil, sie bedingen einander. Mag sein, dass die negativen Erfahrungen, die Menschen durch den Missbrauch des Gemeinschaftsgefühls gemacht haben, bei diesen Vorurteilen eine Rolle spielen. In der nationalsozialistischen Zeit hieß es z. B.: „Gemeinschaft geht vor Eigennutz.“ Dieser Slogan war aber eine Lüge. Ungezählte Menschen sollten vielmehr auf ihre vitalen Interessen verzichten, zum Wohle und Nutzen einiger weniger, nämlich der Regierenden, denen das „Wohl“ der Regierten völlig gleichgültig war. Le Bon und Freud haben die Gesetze der Massenpsychologie beschrieben: Echte Gemeinschaft wird dort in Pseudogemeinschaft, in Masse und Kollektiv verwandelt, wo der Einzelne seine Rechte verliert und dieselben an die Führenden delegiert, denen er blind gehorcht. „Führer befiehl, wir folgen dir“, war ein schrecklicher Ausdruck der damals eingetretenen Vermassung. Es ist aber eben in einer Demokratie so, dass ich meine eigenen Rechte nicht aufgebe, wenn ich in eine Gemeinschaft, in eine Partei usw. gehe. Da behalte ich mir ganz im Gegenteil die Ausübung meiner eigenen Rechte vor und ich behalte mir ganz besonders auch vor, selber zu denken, auch meine Meinung zu ändern, denn die Demokratie macht ja aus Betroffenen Beteiligte, wie es diese schöne Definition ausdrückt. Auch Demokratie ist natürlich ein Lernprozess und sie unterliegt damit einer Entwicklung, das heißt, es geht darum, in ihr noch Restsymptome des Kollektivs zu entdecken und Schritt für Schritt zu eliminieren. Wenn ich z. B. in den Nationalrat gewählt werde, wo es einen Klubzwang gibt und ich daher so abstimmen muss, wie es die Partei bestimmt, auch gegen meine Überzeugung, dann begebe ich mich eigentlich meiner inneren Freiheit und dann ist das schon der Übergang von einer Gemeinschaft zum Kollektiv. Ich bin überzeugt, eines Tages wird dies anders sein, und wir alle sollten mitarbeiten, diesen und andere Fortschritte zu erreichen – damit helfen wir der Gemeinschaft und dienen gleichzeitig auch unserer Selbstverwirklichung – wer wollte das bestreiten?
Und da habe ich den Übergang zum zweiten Slogan: Persönlichkeitsentwicklung ist mit Individualismus gleichzusetzen. Aber das ist wieder völlig falsch. Der Individualist kümmert sich nur um sich selbst und er hemmt damit seine Selbstverwirklichung, denn diese erfolgt im Wechselspiel zwischen Einzelnem und Gemeinschaft. Die Griechen haben den Menschen als zoón politikón bezeichnet und den, der sich um Politik nicht kümmert, als idiótes – daraus ist nicht zufällig unser „Idiot“ geworden. Wir können uns nicht von den Dingen zurückziehen und so tun, als gingen sie uns nichts an – sie kümmern sich um uns und holen uns ein. Ich habe schon an anderer Stelle betont, wie unmöglich es ist, sich auf eine „Fachkompetenz“ zu beschränken (die Sprache hat in diesem Zusammenhang einmal zu Recht den Ausdruck „Beschränkter“ geprägt) und zu erklären, man sei für alles andere „nicht zuständig“. Die Gesellschaft ist in Bewegung, das so genannte Realitätsprinzip ändert sich ständig und es ist unser aller Aufgabe, an der Gestaltung des „Realitätsprinzips der Zukunft“ (Friedrich Hacker) mitzuarbeiten. Viele Sätze von Jesus Christus beginnen mit den Worten: „Es ist zu den Alten gesagt worden – ich aber sage euch …“ Wir müssen diesbezüglich – natürlich innerhalb unserer bescheidenen menschlichen Dimension – die Nachfolge Christi antreten! In diesem Sinne möchte ich ein Wort Marie Ebner-Eschenbachs leicht abwandeln und so formulieren: Die Gesellschaft, die gut genug war für unsere Eltern, ist nicht gut genug für unsere Kinder! In einer Laudatio für Jakob Wassermann bezeichnete Thomas Mann denselben zuerst als einen konservativen Dichter und nannte ihn wenig später einen Moralisten. Da stutzte er und sagte: „Konservativ und moralisch – das ist unvereinbar. Denn dem Moralisten geht es doch darum, immer Besseres zu entwickeln, und das Bessere ist der Feind des bisherigen Guten oder vielleicht Schlechten!“ Weit entfernt davon, alles Bestehende für schlecht zu halten – das Alte ist nicht schon deswegen falsch, weil es alt ist –, scheint mir damit die Richtung gewiesen zu sein zur evolutionären Verbesserung der Gesellschaft: Wer sich daran nicht beteiligt, schadet sich selbst.
Darf ich nochmals zurückkommen zum früher zitierten Rosegger-Gedicht, nämlich zu den Versen: „Der Mensch, der den leitenden Stern nie gekannt.“ Zuerst einmal ist es also nötig, dass wir uns selber kennen: Der Mensch, der sich selber nicht durchschaut, wird dazu verdammt sein, die Fehler der Vergangenheit auch in der Zukunft zu wiederholen, er kann nicht durch Schaden klug werden, sein Leben wird zu einer Aneinanderreihung des immer Gleichen. Wer sich selbst erkennt, wird aber nicht nur seine Vergangenheit begreifen, er wird auch entdecken, welches seine Lebensziele sind, welchen Leitlinien (Adler), welchem „leitenden Stern“ (Rosegger) er folgt. Ich schätze Spontaneität sehr und es wäre schlimm, wenn wir sie durch ständige Überlegungen zerstören würden – aber auf der anderen Seite ist im Sinne der Gegensatzphilosophie Selbstreflexion ebenso nötig.
Hier taucht natürlich ganz besonders die Frage auf: Was ist meine Weltanschauung? – Denn außer Zweifel wird sie meine Lebensgestaltung ganz wesentlich beeinflussen. Freilich, muss der Tiefenpsychologe gleich einschränkend hinzufügen, wird sie umgekehrt auch ganz wesentlich von meiner psychologischen Entwicklung beeinflusst. Wenn ich seit der Kindheit ermutigt wurde, wenn ich lustvoll den Lebensraum durchdringen und erweitern durfte, dann wird meine Philosophie, meine Weltanschauung eine ganz andere sein, als wenn das Gegenteil der Fall war. Daraus ist wohl der Schluss zu ziehen, dass auch die eigene Weltanschauung nicht als endgültig gegebene und unveränderbare Größe angesehen, sondern dass sie immer wieder zur Diskussion gestellt werden sollte: Das darf nicht mit Untreue, Wankelmütigkeit und Opportunismus verwechselt werden!
Man möge es mir verzeihen, wenn ich nun als Christ in diesem Zusammenhang der Frage einige Bemerkungen widme, inwieweit der christliche Glaube der Selbstverwirklichung dient. Von vornherein sei klargestellt, dass damit kein wie immer gearteter Monopolanspruch erhoben wird. Natürlich ist Selbstverwirklichung auch im Rahmen anderer Glaubensbekenntnisse und auch ohne jede Religion möglich, das sei ausdrücklich und demütig betont. Aber vielleicht ist es im überwiegend christlichen Europa doch interessant zu prüfen, inwieweit diese Religion Selbstverwirklichung fördert oder hemmt. Meiner Überzeugung nach fällt die diesbezügliche Entscheidung in der Art, wie die Religion die natürliche Entwicklung unterstützt oder verhindert. Gratia supponit naturam, heißt es zu Recht, die Gnade baut auf der Natur auf, und ich möchte hinzufügen, nicht auf der „geopferten“, wie man irrig behauptet hat, sondern auf der entfalteten Natur. Das Christentum wird also im selben Ausmaß einen Beitrag zur Selbstverwirklichung leisten, in dem es diese Entfaltung ermöglicht und fördert. Wie soll sich denn die Natur entfalten, wenn wir so eine feindselige Beziehung zur Natur haben? Wenn wir nicht an das Leben und die Freude und – ich bringe jetzt absichtlich ein Wort, das in christlichen Kreisen verpönt ist –, wenn wir nicht an die Lust des Lebens glauben? Johannes XXIII. hat einmal zu Pilgern gesagt: „Geht heim, betet, dass ich noch lange lebe, denn ich möchte euch sagen, dass ich sehr gerne lebe und das Leben wunderbar schön finde!“ „Die Christen schauen nicht sehr erlöst aus“, hat schon Nietzsche beobachtet, „in ihren Gesichtern ist wenig Freude zu bemerken.“ Wir müssten uns zum Leben bekennen. Ja, ein Leben nach dem Tode, sicher, wir glauben daran. Aber dass es ein Leben vor dem Tode gibt, das steht auf jeden Fall fest; dass es auch wirklich ein lebenswertes Leben ist, dazu müssen wir einen Beitrag leisten und nicht die Menschen auf das Jenseits vertrösten. Wenn ein Mensch sich unglücklich entwickelt hat und wenn vielleicht gerade die Religion durch den Aufbau künstlicher Hemmungen und Verkrampfungen, durch mangelndes Verständnis für seine Nöte verschiedenster Art dazu einen wesentlichen Beitrag geleistet hat, dann hat es wahrlich keinen Sinn, ihm zu sagen: „Du musst nur ganz fest glauben, dann wird alles wieder gut!“ Dies wird dann als gewaltsam aufgedrängter Geßlerhut aufgefasst. So gewinnt man keinen Menschen, die Dinge entwickeln sich nicht von oben nach unten, sondern der organische Aufbau eines Menschen, auch der seiner Weltanschauung, seiner Religion erfolgt von unten nach oben. Kann man einem Menschen, der in Verzweiflung nicht ein und aus weiß, einfach sagen: „Du musst ein gläubiger Christ werden, dann wirst du allem gewachsen sein!“? Nein, das kann man nicht. Aus der jahrzehntelangen Erfahrung in der Selbstmordverhütung weiß ich, dass man sich ihm gegenüber zuerst als Christ erweisen muss, nämlich als Mitmensch, der sich für den anderen verantwortlich fühlt, ihn nicht im Stich lässt und versucht, ihm hilfreich beizustehen. Mit Recht sagt Herbert Pietschmann: „Diese zentrale Glaubensaussage, daß Gotteserkenntnis nur durch Liebe zum Nächsten möglich ist, daß aber Liebe zum Nächsten schon Gotteserkenntnis ist und darüber hinaus keine abstrakte Bestätigung möglich oder auch nur notwendig wäre, wird im ersten Brief des Johannes noch einmal so deutlich ausgeführt. Im Grunde genommen hat die Naturwissenschaft dafür den historischen Beweis geliefert, indem sie gerade gezeigt hat, daß durch ihre Tätigkeit – in der Liebe notwendigerweise als nicht meßbare Wirklichkeit ausgeklammert bleiben muß – Gott nicht erreicht werden kann. Wenn aber Liebe schon Gotteserkenntnis ist (nicht nur ein Weg oder eine Möglichkeit dazu!), dann sind liebende Menschen gewissermaßen Werkzeuge zur Selbstverwirklichung Gottes in der Welt.“ Es ist mir eine große Bestätigung, dass er auch in diesem Zusammenhang das Wort „Selbstverwirklichung“ verwendet.
Eine letzte Bemerkung möchte ich der Beziehung zwischen Selbstverwirklichung, Sinnerfüllung und Leid widmen. Leben heißt unweigerlich auch dem Leid begegnen: Da ist Krankheit, da ist Sterben, da ist Tod. Ich möchte nicht zögern, aus dem eigenen Leben heraus zu sagen, Krankheit, Leiden kann die Persönlichkeitsentwicklung auch fördern. Ich habe dies in meiner Antrittsvorlesung als Ordinarius für Medizinische Psychologie so formuliert: „Ich habe erst zu gehen begonnen, als ich nicht mehr gut gehen konnte.“ Denn da bin ich geistig viel beweglicher und einsichtiger geworden, habe auch gelernt, die Not und das Leid der anderen viel besser zu verstehen als bisher. Ich bin aber auch für meine Patienten viel glaubwürdiger geworden, weil sie gesehen haben, dass ich nicht wie der Blinde von der Farbe rede, sondern selber zu kämpfen habe und mich bemühe, diesen Kampf zu gewinnen. Ich fühle mich also imstande, in diesem Sinne das Leid zu bejahen. Aber – und jetzt kommt mein schreckliches Aber, das ich in Sie hineinwerfen möchte wie einen Ball: Das hat nichts zu tun mit jener schrecklichen christlichen Leidensverliebtheit, diesem pathologischen neurotischen Masochismus: „Gott, je mehr Leid Du mir schickst, desto mehr liebst Du mich“ – hier handelt es sich um pervertierte Religiosität. Ich habe es einmal so formuliert: Wenn auch Not beten lehrt, müssen wir uns hüten, dafür zu beten, dass Not über die Menschen komme. Dürfen wir denn unsere Hoffnung auf Leid setzen, damit der Mensch vielleicht durch Leid zu Gott finde? Das ist wahrlich nicht der Weg, den uns Gott gezeigt hat. Im Jahre 1728 hat ein Herr namens Öttinger folgende Sätze geprägt: „Gott, gib mir den Mut, das Leid, das in der Welt verhinderbar ist, zu beseitigen. Gib mir die Kraft, das Leid, das unvermeidbar ist, zu ertragen. Und gib mir die Weisheit, zwischen diesen beiden Dingen zu unterscheiden.“ Mit anderen Worten: Es gibt ein unvermeidbares Leid, dem wir uns stellen müssen, so gut wir können, und es gibt ein menschenerzeugtes, sozusagen ein nicht importiertes, sondern ein im Lande selbst erzeugtes Leid. Wo immer wir dem Letzteren begegnen, müssen wir antreten und versuchen, bessere, menschenwürdige Bedingungen herzustellen.
Ich befürchte, diejenigen, die ein Rezept erwartet haben, wie sie ihre Selbstverwirklichung „schaffen“ sollen, die werden jetzt enttäuscht sein. Aber: Ich weiß kein Rezept, nicht für mich und schon gar nicht für andere. „Das alles ist geheim.“ Man kann nur leben, man kann nur das, was man lebt und erlebt, anderen weitergeben. Man kann nur demütig sein vor jedem einzelnen Menschen und muss ihm sagen: „Du musst dir deinen Weg, der leidvoll genug ist, du musst dir diesen Weg selber finden, das kann dir keiner abnehmen, aber wir wollen alles tun, um dir beizustehen, dass du dein Ziel erreichst.“
Lassen Sie mich in diesem Sinne schließen mit einem Gedicht von Johannes Urzidil: Nicht zufällig trägt es den Titel „Verbundenheit“, denn gerade Verbundenheit ist es, die ich Ihnen allen vermitteln wollte.
Einer bedarf des Sturms und des Blitzschlags,
Einer bedarf der Stille und des geebneten Tags,
Einer bedarf der Tiefe des senkrecht sinkenden Lots,
Einer bedarf der Fläche und des leichthin schwebenden Boots,
Einer bedarf des klargeschnittenen Gedankenkristalls,
Einer bedarf der Erhebung und einer bedarf des Falls,
Einer bedarf des nebligen Traums und des Wechselgebilds,
Einer bedarf des Schwertes und einer bedarf des Schilds,
Einer bedarf der zärtlichen Lippen, der Brust und der Hand,
Einer bedarf des einsamen Starrens auf einsame Wand,
Einer bedarf des Lachens, unbändig und prächtig gelacht,
Einer bedarf der Träne, vergeblich gestreut in der Nacht,
Alle bedürfen Aller, Alles bedarf des Alls,
Tropfen bedürfen der Meere und Meere des Tropfenfalls,
Deiner bedarf der Mangel und deiner bedarf das Brot,
Deiner bedarf das Leben und deiner bedarf der Tod.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.