Kitabı oku: «Erwin Rosenberger: In indischen Liebesgassen - Prostitution in Bombay - Aus dem Tagebuch eines Schiffsarztes»

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Erwin Rosenberger

Erwin Rosenberger: In indischen Liebesgassen - Prostitution in Bombay - Aus dem Tagebuch eines Schiffsarztes

Band 173e in der maritimen gelben Buchreihe

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort des Herausgebers

Der Autor Erwin Rosenberger

In indischen Liebesgassen – Aus dem Tagebuch eines Schiffsarztes

Vorwort zur ersten Auflage

Vorwort zur Neu-Ausgabe

Die Fleischmädchen – Exotische Früchte – Native – Am Abend

In Kamatipura – Japanische Freudenmädchen – Inderinnen und Europäerinnen – Auf dem Stadtplan

Ein zweiter Besuch

Ajame

Wieder in Indien – Fett oder nicht-fett – Die armen Inderinnen

In der Falkland-Road – Die Käfige

Ein Wiedersehen

Oben in den Freudenstuben – Das Straßen-Publikum

Safia

Eva!

Die Madrasmädchen – Ein Hut-Raub – Häusliche und bewegungslustige – Fräulein – Polizeileute – Japanerinnen

Im Stübchen der Japanerin

Portugiesisches – Kamatipura

Das Hindu-Mädchen

Kaste und Prostitution

Die Herren Kuppler – Muslimische Mädchen

Die Geständnisse der Madame Z.

Allerlei

Aus den Geheimnissen eines europäischen Hauses

Meine japanische Freundin

Erster Weltkrieg

Nach dem Krieg

Wider und für das Freudenmädchen

Die maritime gelbe Buchreihe

Weitere Informationen

Wieder einmal – Sphinx – Europäische Freudenmädchen – Lockmittel –

Impressum neobooks

Vorwort des Herausgebers

Vorwort des Herausgebers


Von 1970 bis 1997 leitete ich das größte Seemannsheim in Deutschland am Krayenkamp am Fuße der Hamburger Michaeliskirche.


Dabei lernte ich Tausende Seeleute aus aller Welt kennen.

Im Februar 1992 entschloss ich mich, meine Erlebnisse mit den See­leuten und deren Berichte aus ihrem Leben in einem Buch zusammenzu­tragen. Es stieß auf großes Interesse. Mehrfach wurde in Leser-Reaktio­nen der Wunsch laut, es mögen noch mehr solcher Bände erscheinen. Deshalb folgten dem ersten Band der „Seemannsschicksale“ weitere.

Hamburg, 2021 Jürgen Ruszkowski


Ruhestands-Arbeitsplatz

Hier entstehen die Bücher und Webseiten des Herausgebers

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Der Autor Erwin Rosenberger

Der Autor Erwin Rosenberger

https://www.projekt-gutenberg.org/autoren/namen/rosenerw.html

Erwin Rosenberger lebte um die Jahrhundertwende 1900. Er war ein österreichischer Seemann (Schiffsarzt) und Schriftsteller. Mehr ist über diesen Autor nicht bekannt. Ob es dieser Dr. Johann Schuster war, ist nicht sicher feststellbar.


Dr. Johann Schuster – Foto: Heled


Foto: Heled

https://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96sterreichischer_Lloyd

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In indischen Liebesgassen – Aus dem Tagebuch eines Schiffsarztes

In indischen Liebesgassen – Aus dem Tagebuch eines Schiffsarztes

Das Original erschien 1925 in Wien

https://www.projekt-gutenberg.org/rosenerw/liebesga/titlepage.html

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Vorwort zur ersten Auflage

Vorwort zur ersten Auflage

https://www.projekt-gutenberg.org/rosenerw/liebesga/chap001.html

Dieses Buch ist vor dem ersten Weltkrieg entstanden.

Als Schiffsarzt hatte ich oftmals Gelegenheit, Indien zu besuchen und mancherlei Erscheinungen, die der indische Boden hervorbringt, zu betrachten und durch wiederholte Wahrnehmung zu prüfen.

Aus Blättern meines Tagebuches, denen ich auch meine Erlebnisse in dem Hetären-Bezirk der indischen Hafenstadt Bombay anvertraut habe, ist dieses Büchlein hervorgegangen.

Wenn ich in Kamatipura, im Stadtteil der Freudenmädchen von Bombay, umherging, hatte ich oft und oft das Bewusstsein: Hier bin ich auf einem Fleckchen Erde, das eine sittengeschichtliche Sehenswürdigkeit ist; der Kulturhistoriker könnte da gar viel Bemerkens- und Merkenswertes finden; was man in diesen Gassen wahrnimmt, sollte man aufzeichnen, irgendwie festhalten, als einen Beitrag zur Sittengeschichte.

Denn dereinst, nach kürzerer oder geraumer Frist, wird dieses interessante Stückchen Welt verschwunden sein, zugedeckt von den Schollen, die der nimmermüde unempfindliche Pflug der Zeit aufwirft. Der Reisende, der in Indien landet, wird dann die seltsame Siedlung nicht mehr sehen, in der die Liebesbräuche des Orients und des Abendlandes, der neuesten Gegenwart und urältester Tradition in absonderlicher Kreuzung vereint sind. Und der heiße Staub Asiens wird wieder einmal über eine Stätte fegen, die vor Zeiten ein sittengeschichtliches Kuriosum getragen.

– – Zum ersten Mal fuhr ich nach Bombay im Februar 1908, zum einstweilen letzten Male im April 1914.

Menschen, Völker, Länder sind in diesen Blättern so gezeichnet, wie wir sie vor dem Krieg sahen.

Ob unser Auge damals unbefangener und mit ungetrübterer Sehschärfe in die Welt geblickt hat oder heutzutage, – hierüber werden wir erst urteilen können, wenn unser Urteil unbefangener geworden.

Daher ist's wohl ratsam, alles, was wir vor dem Kriege auf Grund redlicher und möglichst gewissenhafter Reise-Beobachtungen zu Papier gebracht haben, weiterhin in unverändertem Zustand zu lassen.

– – Heute, in den Tagen des Kriegswahnsinns, wäre es beinahe nötig, eine Entschuldigung vorzubringen, dass man's unterlassen hat, geflissentlich in einem Tone der Gehässigkeit von der Nation X und der Nation Y zu sprechen. Vernünftige Leser werden mir eine solche Entschuldigung erlassen, wie sie ja auch auf Hassgesänge gerne verzichten.

Es wäre ziemlich töricht, wenn ich heute nachträglich gegen das japanische Freudenmädchen von Bombay hasserfüllte Worte schleudern wollte, gegen die harmlose japanische Hetäre, die ihr Leben nur der Liebe gewidmet hat, – ja sogar der berufsmäßigen Liebe, welche jedem Mann, ohne Unterschied der Nation, zuteilwird.

Wir wollen denen, die so viel und so allumfassend geliebt haben, die Liebe nicht mit Hass lohnen.

– – Wenn ich jetzt in diesem Buch blättere, so regt sich in mir der Gedanke: Seltsam, welcher Art in jenen Tagen unsere Stimmung war! Das waren die Sorgen, denen ich mich damals sorgenlos hingeben konnte! Damals, in den Zeiten vor dem Krieg. Mich dünkt, unser Sinnen und Streben hat vormals auch mancher kleinen und großen Torheit gegolten. –

Und dann regt sich ein zweiter Gedanke: Ach, wenn wir nur wieder so weit wären, dass wir Sinn für solche Stimmung hätten! Nicht gerade der Stimmung zuliebe; aber „soweit“ sein, das hieße: weit, weit weg von diesem unseligen Kriege; die blutrote Wahnsinnswolke, die heute den Himmel bedeckt, zerstoben und verschwunden.

Was sind alle anderen kleinen und großen Torheiten gegen diese ungeheure Wahnsinnswolke!

Im Sommer des Kriegsjahres 1918.

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Vorwort zur Neu-Ausgabe

Vorwort zur Neu-Ausgabe

In den Jahren des Ersten Weltkriegs unseligen und widerwärtigen Angedenkens war uns, wie jedermann weiß, nebst anderen Freiheiten auch die Freizügigkeit weggenommen; wir hatten nicht die Möglichkeit, nach eigenem Belieben zu wandern und zu reisen.

Indien lag damals in einer unerreichbaren Ferne. Ein Spaziergang durch die Gassen der indischen Hafenstadt Bombay erschien mir in jenen Tagen als eine ungefähr ebenso leichte und naheliegende Unternehmung wie etwa das Hinaufklettern auf einen Mondkrater oder wie eine Kahnfahrt auf einem Marskanal.

Und ich hielt es zu damaligen Zeiten für höchst unwahrscheinlich, dass ich noch jemals über die blauen Meereswellen als Schiffsarzt dahin gondeln würde.

Indes, eines holden Tages, im Herbst 1919, stand ich wieder auf dem Verdeck eines Schiffes, das aus dem Hafen von Triest abdampfte, ich lehnte an der Reeling, erfüllt von der wunderbaren Empfindung: Jetzt bist du wiederum Seefahrer! Jetzt geht's hinaus in nähere und entlegene Meere! – Und ich sah, wie die Häuser von Triest kleiner und kleiner wurden.



Auf den Dampfern des Lloyd „TRIESTINO“ trieb ich mich nun in der Levante herum und im Schwarzen Meer, fuhr dann zweimal nach Japan und endlich, im Jahre 1921 und späterhin, fand ich von neuem Gelegenheit, die Küste Vorderindiens zu besuchen, die indische Hafenstadt Bombay, mein wohlbekanntes Bombay.

Es ist selbstverständlich, dass ich in Bombay auch den Stadtteil der Freudenmädchen aufsuchte, die mir sehr vertrauten Liebesgassen, denen ich vor dem Krieg so manches Blatt meiner Tagebücher gewidmet. Die Beobachtungen, die ich während dieser Forschungs-Ausflüge machte, jetzt nach dem Kriege, sind als nachträgliches Kapitel angegliedert.

Zudem habe ich den Tagebüchern, die ich vor dem Krieg geschrieben, noch einige Kapitel entnommen, Aufzeichnungen, welche mir eine belehrsame Ergänzung dieser sittengeschichtlichen Studie zu sein schienen, und habe sie da und dort eingeschaltet.

Ich hatte mich bemüht, in meinen Tagebüchern die Wirklichkeit möglichst genau und richtig zu porträtieren. Man tut dies, weil man – wenn ich so sagen darf – als Forschungswanderer von einer Art wissenschaftlichen Gewissens geleitet und tyrannisiert wird. Und ferner: der Trieb, ein Tagebuch zu führen, ist eine Form des Selbsterhaltungstriebes; wer, einem inneren Zwange folgend, seine Erlebnisse auf dem Papier konserviert, will das Stück Leben, das aus jenen Geschehnissen aufgebaut ist, vor dem Untergang retten. Das Leben, – das ist die Summe der Erlebnisse. Wenn wir die Begebenheiten einer bestimmten Lebensperiode vergessen haben, wenn uns keine Erinnerungsspur von ihnen geblieben ist, so ist diese Lebensstrecke verloren, gestorben. Das Tagebuch ist das Mittel, unser Selbst zu erhalten, unser Ich festzuhalten; die Iche – sit venia verbo – woraus unsere Vergangenheit zusammengesetzt ist. Jeder Mensch hat in seinem individuellen Dasein eine lange Ahnenreihe, – all die Iche, all seine Entwicklungsstufen, alle Formen seiner Persönlichkeit, die seinem derzeitigen Ich vorangegangen sind.

Jeder ist sein eigener Vorfahr, wie er auch sein eigener Nachkomme, Nachfolger ist.

– Ich bin, merk ich, ein bisschen vom Thema abgeschweift; vom Hinweis, dass der Autor eines Tagebuches aus konservativem Egoismus sich gedrängt fühlt, mit historischer Treue zu zeichnen, um den Erinnerungswert nicht zu beschädigen, in der Voraussicht, dass er selber einmal der Leser seiner Tagebücher sein wird.

Januar 1924.

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Die Fleischmädchen – Exotische Früchte – Native – Am Abend

Die Fleischmädchen – Exotische Früchte – Native – Am Abend

https://www.projekt-gutenberg.org/rosenerw/liebesga/chap002.html

Bombay, 17. Februar 19..


Heute gegen 10 Uhr vormittags legte unser Dampfer am Quai im Viktoria-Dock an, in einer wohlgeschützten Hafen-Nische.


Wir bekamen sogleich einen kleinen Schwarm indischer Leute aufs Schiff: Ansichtskartenhändler, ambulante Flickschuster, einen Medizinmann, welcher die Schiffsbesatzung von Hühneraugen befreien will, zwei schwarzbärtige muslimische Schneidermeister, die sich anbieten, weiße Tropen-Anzüge zu verfertigen; dann Beamte von der Agentur unserer Schifffahrtsgesellschaft und andere Gäste.

Auch Dienerinnen der Liebe kommen an Bord.

Die „Fleischmädchen“.

Ich nenne sie so, weil sie während unseres Aufenthaltes im Hafen von Bombay alltäglich in den ersten Vormittagsstunden Küchenvorräte an Bord bringen, vor allem das Fleisch.

Es sind arme Hindu-Frauen, die als Trägerinnen bedienstet sind. Ob sie „Mädchen“ sind oder Gattinnen, weiß ich nicht.

Sie tragen, wie hierzulande üblich, die Lasten auf dem Kopf.


Lebensalter: zwischen zwanzig und dreißig.

Sie sind wie die vielen, vielen Hindu-Frauen der unteren Bevölkerungsklassen, die „Kulifrauen“, die man im Hafen und in den Straßen von Bombay sieht, – braun, barfuß, notdürftig gekleidet, mager, oder sagen wir: schlank.

Wenn ich nicht irre, sind die „Fleischmädchen“, die heute an Bord waren, noch ebendieselben, die auch vor einem Jahre in der gleichen Eigenschaft tätig gewesen.

Diese Hindu-Frauen also versorgen die Küche mit Fleisch und nebenbei stellen sie auch ihr eigenes Fleisch den Schiffsleuten, die zahlungswillig sind, zur Verfügung.

Ich glaube, die armen Trägerinnen widmen sich der käuflichen Zärtlichkeit mehr der Geldnot gehorchend als dem Liebestriebe. Die Arbeitslöhne, die man in Bombay den Eingeborenen zahlt, sind sehr niedrig, die Geldmünze ist dem armen Hindu-Mädchen ein heiß begehrter Gegenstand. Diese Wertschätzung, die dem Geld zuteilwird, kommt auch zum Ausdruck in dem kärglichen Preis, den die Fleischmädchen als Liebeslohn festsetzen; wenn sie in eine Kabine hineingelassen werden, nennen sie anticipando die Taxe, für die sie ihr leibliches Ich hergeben: 1 Rupie.

1 Rupie beträgt ungefähr 1? Mark. Es ist die Rede von den Währungsverhältnissen der Vorkriegszeit. (Nachträgliche Anmerkung.)

Sie haben eine unaufdringliche stille Art, sich anzubieten. Drei Hindu-Frauen stehen in einer Nische auf dem Gang, in den die Küche, eine Kesselfeuerstelle, die Kabinen der Offiziere und die Postkabine münden, sie stehen in der Nische bei einander und ihre dunklen Augen schauen die vorübergehenden Männer mit einem Blick an, der zu sagen scheint: „Ich brauch' dir meine Anwesenheit nicht näher zu erklären, du weißt schon, weshalb ich hier warte; – willst du?“ – Sie enthalten sich aller sonstigen Anlockmittel. Kein Wort, kein Wink, keine Geste. Ein Lächeln oder ein Wort nur dann, wenn man ihnen eine freundliche Miene oder eine Anrede zuteilwerden lässt.

Ebenso wenig-auffällig wie das Werben dieser Hindu-Frauen ist die Art, wie man ihren stummen Antrag annimmt. Mit einem Augenwink oder einer leichten Kopfbewegung nach der Gegend, wo die Kabine liegt, gibt der Mann sein „Ja!“ zu verstehen. Er geht mit harmlosem Gesichtsausdruck in die Kabine, lässt die Tür ein wenig offen und die braune Frau folgt ihm rasch nach.

Sie hat ein eiliges Auffassungsvermögen für die kaum merklichen Mienen-Zeichen, mit denen der Mann seine Zustimmung ausdrückt. Manchmal gar ein voreiliges Auffassungsvermögen. Es kann vorkommen, dass man im Vorübergehen ein Hindu-Mädchen mit einem Blick ansieht, in dem lediglich Aufmerksamkeit für eine bemerkenswerte Erscheinung ist, oder dass man nichts-ahnend und nichts-andeutend die Kabinentür ein wenig offenlässt: im nächsten Moment ist eine Hindu-Frau, die ein herbeirufendes Zeichen zu sehen wähnt, in der Kabine.

Oder tut sie manchmal nur so, als sähe sie eine Einladung?

Genau vor der Tür meiner Kabine hockt heute ein ungefähr zwanzigjähriges Hindu-Mädchen und schaut mit jenem ernsten „Willst Du?“-Blick zu mir auf.

Dieses Mädchen gehört allem Anschein nach nicht zu den „Fleischmädchen“.

Es kommen nämlich außer unseren Fleischträgerinnen, welche die Liebe gewissermaßen nur im Nebenamt ausüben, zu Zeiten auch andere Hindu-Mädchen an Bord, die das Schiff bloß deshalb besuchen, um sich gegen Entgelt hinzugeben. Das Mädchen vor meiner Tür gehört, wie mich dünkt, dieser Gruppe an.

Jedes Mal, wenn ich, aus- oder hineingehend, bei der Inderin vorüber muss, trifft mich ihr sonderbarer Blick, aus dem stumme Bereitwilligkeit, verständlicher Antrag und forschendes Erwarten sprechen.

Wie eine Sklavin kauert sie auf dem Boden, in ihrem Verhalten drückt sich das Kleinheitsgefühl aus, das die Engländer durch ihr Herren-Gebaren den „Natives“, den Eingeborenen, den Indern suggeriert haben.

Dies braune Menschenkind vor meiner Tür, das in jedem europäischen Mann den „Sah'b“, den Sahib, den Machthaber und Herrn sieht, ist gewiss erfüllt von „seines Nichts durchbohrendem Gefühle“, es hat eine Empfindung, dass es etwas Verachtetes ist und gleichsam einer niedrigeren Wesen-Spezies angehört, – und dennoch – dennoch mag zugleich in dem Seelchen des Hindu-Mädchens, näher oder ferner der Bewusstseinsschwelle, ein Gefühl leben, welches raunt: „Und trotz allem bin ich dem Sah'b, dem weißen Mann, eine Art Kostbarkeit. – Nur ein Gegenstand, gewiss! Aber ein Wertgegenstand. – Ein Etwas, an dem er sich zu heißen Wonnen entflammen kann. – Ich weiß es aus Erfahrung. – Das Zündhölzchen ist ein kleiner armseliger Span, aber was für Brände kann es erwecken! –“

Da sind zwei Regungen geeint: die Verschüchtertheit des „Native“-Kindes, welches weiß: „Jedermann kann mich in jedem Augenblick von Bord wegjagen“; und zugleich ein Selbstbewusstsein, geschöpft aus der Zugehörigkeit zur Großmacht „Weib“, – das geschlechtliche Machtgefühl, das heller oder matter in jeglichem Weiblein flackert: „Ich habe ein gewisses Recht, hier auf dem Schiff zu weilen. Denn ich kann euch etwas bieten. Wie unbedeutend ich auch sonst bin, ich kann jederzeit zur Spenderin emporwachsen, kann auch die Reichsten unter euch noch mit einer allgeschätzten Gabe beschenken.“

Die Gewandung dieser Hindu-Frauen besteht aus einem großen, rot- oder blau-farbenen, leichten, baumwollenen Stoffrechteck, das sie in geschickter Weise als Gesamtkleidungsstück verwenden; sie schlingen das eine Ende dergestalt um die Oberschenkel, dass eine Art Hose entsteht, und den Rest, das andere Endstück, schlagen sie über den Rücken, eine Schulter und den Kopf empor.

So bleiben Füße und Unterschenkel unbekleidet, desgleichen Teile der Oberschenkel. Das einzige „Beinkleid“ ist dieses um den oberen Teil der Oberschenkel und um den Unterkörper (bis zur Taille) hosenartig gewundene Zeugstück; also eine nachlässig über die bloße Haut geschlungene Schurzhose. Sonst keine Bedeckung für Beine und Unterkörper.

Auch der Oberleib ist nur recht notdürftig bedeckt. Ein knapp anliegendes „Leibchen“ aus einem dunkelfarbigen, sehr einfachen, leichten Stoff reicht nicht viel tiefer als über den unteren Rand der Brüste, so dass zwischen diesem Leibchen und der oberen Grenze jenes Hosenschurzes eine nackte Bauch- und Lendenzone frei bleibt, sichtbar wird. Rückwärts läuft über das Leibchen die obere Partie des früher erwähnten langen Zeugstückes zur Schulter und zum Kopf empor.

Das sehr kurze Leibchen hat sehr kurze Ärmelchen, daher sind auch die Arme fast unbedeckt.

An der Entstehung solch karger Tracht ist gleichermaßen die Armut dieser Hindu-Frauen, der „Kulifrauen“, beteiligt und das heiße Klima, wie auch das Streben nach Bewegungsfreiheit während des Gehens, während der Arbeit.

Diese Tracht ist nahezu wie eine Uniform. Sie wird in der geschilderten Anordnung von den Hindu-Frauen der unteren Volksklassen getragen, von den Arbeiterinnen im Hafen, von den Arbeiterinnen, die bei Straßenarbeiten, beim Häuserbau, in industriellen Unternehmungen beschäftigt sind, und von den braunen Mädchen und Frauen, die, eine Bürde auf dem Kopf tragend, durch die Straßen von Bombay gehen.

– – – Es scheint, dass die Hindu-Mädchen heute länger, mit mehr Ausdauer als sonst, an Bord ausharren, wartend, ob ein Mann ihre Dienstleistung wünschen werde. Heute ist Ankunftstag, der erste Tag im Hafen nach sechzehntägiger Seereise, die Geschäftsklugheit gebietet also den Mädchen, die Konjunktur auszunützen, das Eisen zu schmieden, solange es von der Seereise noch warm ist, solange es auf dem Lande noch keine Abkühlung gefunden hat.

Denn heute Abend werden viele Schiffsangehörige nach Kamatipura,

in das Stadtviertel der Freudenmädchen, hinausfahren, so dass morgen den Fleischträgerinnen weitaus geringere Chancen an Bord sich bieten werden.

– Zuvörderst pflegen sich die Mädchen in der Nähe der Kabinen aufzuhalten, die den Schiffsoffizieren und anderen Besatzungsmitgliedern höheren Grades gehören. Denn die zahlen besser. Nachdem die Mädchen mit oder ohne Erfolg hier gewartet haben, wenden sie sich gegebenenfalls dem Schiffsvorderteil zu, den Räumen der Matrosen, der Heizer, der Küchenbediensteten, der Kellner. Auf dieser Etappe ihres Werbens lassen sie sich wohl noch zu einer Ermäßigung des erwähnten dürftigen Liebeslohnes herbei.

Insonderheit pflegen die Hindu-Mädchen, die nicht als besoldete Trägerinnen des Küchenproviants, sondern lediglich zum Zwecke des Sich-Preisgebens an Bord kommen, den Weg von der Offizierskabine zum Schiffsvorderteil zu vollführen. Die Fleischmädchen seltener oder gar nicht; weil sie weniger vom Stachel der Geldnot gespornt sind.

Ich bemerke das Mädchen, das eine Weile vor meiner Kabinentür gesessen, noch um die Mittagstunde an Bord, in der Nähe der Küche. Jemand vom Küchenpersonal hat dem Mädchen zur Mittagszeit einen Teller mit Speise gereicht, sei's aus uneigennütziger Menschenliebe, sei's aus honorierender Vor- oder Nach-Erkenntlichkeit.

* * *

Vor Jahren, als ich zum ersten Mal nach Bombay kam, betrachtete ich diese Hindu-Mädchen mit minder gleichmütigen Blicken als heute. Aber es ist betrüblich, – oder erfreulich? – dass die exotische Frau, die im Anfang unserer Reisezeit eine beträchtliche Anziehungskraft auf uns ausübt, uns nach und nach weniger anreizend ist, in dem Maße, wie sie den Reiz der Neuheit verliert, wie sie aufhört, dem Orientfahrer etwas Exotisches zu sein. Exotik und Erotik, eine direkte Proportion.

Nicht zu vergessen des Gesetzes, dass gegebenenfalls im Sexualleben die Besitzergreifung einen Wertsturz des in-Besitzgenommenen Gegenstandes herbeiführt. Man hat die andauernde Gelegenheit, jederzeit die exotische Frucht genießen zu können, man hat sie oft genug genossen, daher hat man weniger Sehnsucht nach der exotischen Frucht als vormals. Die Stabilität des Habens, die Zahl des Gehabt-habens steht in umgekehrtem Verhältnis zur Intensität des Begehrens.

Dazu eine Reihe anderer hemmender Umstände: Bin ich's nicht, wird's der Heizer sein; werde ich nicht die braune Maid nehmen, wird sie der Heizer nehmen; einer der Heizer, die dort von der nahen Kesselfeuerstelle zu meiner Kabinentür herüberlugten, neugierig, ob ich das Hindu-Mädchen in die Kabine lassen würde. Ich und der Heizer, Kollegen an der Tafel der Liebe. Man verzichtet auf die Mahlzeit von wegen des unerwünschten Tischgenossen.

Dann Erinnerungen an Passagierinnen der eben beendeten Seefahrt, Erinnerungen und Stimmungen, die mit der Meinung der Hindu-Mädchen, als müssten sechzehn Meerfahrt-Tage eine Zeit entsagungsvoller Askese sein, nicht ganz im Einklang sind.

Überdies wäre es möglich, dass ich nicht mehr vollständig frei bin von der Suggestion des Wortes „Native“ Native – das ist: Der Eingeborene: etwas von der geringschätzigen Klangfarbe, womit der Engländer vom Native, vom Einheimischen, vom Inder spricht, könnte mir im Ohr haften geblieben sein. Semper aliquid haeret (irgendwas klebt immer).

Tatsache ist, dass gar mancher Europäer, der den Orient aufsucht, anfangs die eingeborenen asiatischen Landeskinder mit sehr freundlichen Augen betrachtet, man sieht in den dunkelhäutigen, morgenländisch gekleideten Leuten sympathische Kuriosa und lässt ihnen ein ähnliches Wohlwollen zuteilwerden, wie man's in den Ausstellungsgärten europäischer Hauptstädte einem Somali-Dorf widmet, einer Aschanti-Truppe und allem, was man für kindlich und naiv hält. Die Kinder der fernen, fernen Fremde bringen die romantische Saite in uns zum Klingen und die zum Mitschwingen rasch bereite Saite sympathisierender Wohlgeneigtheit.

Wenn dann der Europäer im Orient heimischer wird, schleicht sich in diese freundliche Zuneigung nach und nach eine Abkühlung ein, es entwickeln sich im europäischen Gemüt Gefühle, die sich mehr oder minder der nicht gar liebreichen Stimmung nähern, womit der Herr von Indien, der Engländer, das Wort „Native“ ausspricht.

Wer die Schuld trägt? Vermutlich beide Teile; sowohl der Europäer wie der Eingeborene. Die Situation entwickelt sich wohl auf Grund des folgenden Circulus:

– Europäer: Ich bin dir nicht übermäßig zugetan, weil ich weiß, dass du mir nicht allzu hold gesinnt bist.

= Inder: Ich bin dir nicht allzu hold gesinnt, weil ich weiß, dass du mir nicht übermäßig zugetan bist.

Und so weiter im Kreise, mit Steigerung der gegenseitigen Verstimmung.

Die Besatzung unseres Dampfers bedient sich nicht der englischen, sondern der italienischen Umgangssprache, (Triest, der Heimathafen des Dampfers, liegt in einem Gebiet italienischer Verkehrssprache), die „Natives“ werden an Bord unseres Schiffes als „Indiani“ bezeichnet; und unser Herr Küchengehilfe oder Herr Kellner legt in das Wort „Indiani“ eine ungefähr ebenso geringschätzige Tonfarbe, wie irgendein englischer Passagier erster Klasse in sein „Natives“.

So haben denn auch die indischen Mädchen, die im Dienste der Liebe aufs Schiff kommen, ihren Anteil an der spezifischen Geringschätzung, die man den „Indiani“, zumal den Indern der unteren Bevölkerungsschichten, widmet.

Und es ist ein sonderbarer Widerspruch, dass diese Hindu-Mädchen das bisschen Gewogenheit, dessen sie an Bord teilhaftig werden, just einer Eigenschaft verdanken, die in der „Gesellschaft“ unerbittliche Achtung nach sich zieht: ihrem Buhlgewerbe.

Aus der unverfänglichen Eigenschaft „Indiana“ ersteht ihnen Misswertung, aus einem sonst missgeschätzten Metier ernten sie eine Sympathie.

* * *

Bombay, Viktoria-Dock des Hafens, 9¼ abends.

Ich sitze hier mutterseelenallein beim Licht einer Stehlampe im einsamen Speisezimmer auf dem Hinterdeck unseres Dampfers und lasse den stenographierenden Bleistift über die Seiten meines Tagebuches eilen.

Vor einer Viertelstunde wurde an Bord das elektrische Licht außer Tätigkeit gesetzt, Petroleumlampen und Kerzen bemühen sich, Ersatz zu sein. Leider ist mit der Quelle des elektrischen Lichtes auch die Kraftquelle versiegt, welche den Ventilatoren unserer Kabinen Bewegung gibt; die wackeren kleinen Maschinen, die uns mit ihren metallenen Windmühl-Flügeln während des Tages Kühlung zugewirbelt und einigermaßen für den Luftwechsel gesorgt haben, sind jetzt still und regungslos, und mit Unbehagen denke ich an die bevorstehende Nacht, an die kleine schwüle Kabine, die durch die kleine runde Fensteröffnung kein Übermaß an frischer Luft erhält.

– Es wäre keine üble Idee, jetzt abendlicherweile einen Ausflug nach Kamatipura in das Stadtviertel der Freudenmädchen von Bombay zu unternehmen.

Ich will aber die Exkursion doch lieber auf morgen Abend verschieben. Heute, am Ankunftstag, wird wahrscheinlich die Besatzung unseres Dampfers draußen in Kamatipura reichlich vertreten sein und ich habe immer noch die Schwäche, „mich zu genieren“, wenn ich von Bekannten an derlei „verrufenen“ Orten gesehen werde.

Eine Schwäche, ein Zugeständnis an die Beschränkten, so da alles, was mit Hetärentum zusammenhängt, für etwas Beschimpfendes erklären, wenngleich sie selber zu Zeiten insgeheim recht gerne nach „verrufenen“ Orten pilgern.

Immerhin, ich werde erst morgen Abend, wenn der Andrang unserer Schiffsleute schwächer sein wird, mich in die Nativetown, nach Kamatipura, begeben. Und ich hoffe, im Interesse meines „Prestiges“, dass ich morgen weniger der Möglichkeit ausgesetzt bin, von den Matrosen oder sonstigen Mannen unseres Dampfers an so kompromittierenden Örtlichkeiten erblickt zu werden.

* * *

In Kamatipura – Japanische Freudenmädchen – Inderinnen und Europäerinnen – Auf dem Stadtplan

In Kamatipura – Japanische Freudenmädchen – Inderinnen und Europäerinnen – Auf dem Stadtplan

https://www.projekt-gutenberg.org/rosenerw/liebesga/chap003.html

Bombay, Viktoria-Dock.

Ich hab' mich mit meiner Schreibtasche und mit einem Päckchen Tagebücher, die aus früheren Jahren stammen, aufs luftige Achterdeck unseres Dampfers zurückgezogen. Ein Tagebuch, dem ich vor Jahren die Eindrücke meiner ersten Bombay-Reise anvertraut habe, erzählt mir folgenden Bericht über meinen ersten Besuch in Kamatipura, in dem Bezirk von Bombay, der die Freudenmädchen beherbergt:

Bombay, .. Februar 19..

Gestern Abend waren wir im Stadtteil der Hetären, in Kamatipura.


Herr S. fungierte als Führer.

Er brachte uns in eine Gasse des Eingeborenen-Quartiers, welche gewissermaßen die Zentrale des Freuden-Distriktes ist.

Am Anfang der Gasse steigen wir aus dem Wagen und promenieren gemächlichen Schrittes, nach rechts und links mit Interesse auslugend, zwischen den beiden Häuserreihen dahin. Mich mag die Sache stärker interessieren als Herrn S.; er kennt diese Gasse seit Jahr und Tag, ich bin zum ersten Mal hier.

Es fallen drei Hauptgruppen von Freudenmädchen auf: Inderinnen, Japanerinnen und Europäerinnen.

Die Inderinnen als solche zu identifizieren war nicht schwierig, da ich ja dieser Tage den Typus der Hindu-Frau oft und oft in den Straßen von Bombay gesehen habe, hingegen hatte ich gestern keinen rechten Anhaltspunkt, um mit Bestimmtheit feststellen zu können: die Mädchen dort sind Japanerinnen!

Ich bin einstweilen noch nicht in Japan gewesen, die Japanerin kannte ich nur aus bildlichen Darstellungen, die Kleidung und Haartracht der Japanerin überdies aus – europäisch-heimatlichen Fasching-Kostümfesten; und aus sonstigen Gelegenheiten der Maskerade und des Rampenlichtes.


Mir war's also gestern Abend ein sensationelles Erlebnis, als Herr S. zu den Fenstern eines Häuschens hinauf deutete und sagte: „Da haben Sie japanische Mädchen.“

Zum ersten Mal im Leben wirkliche, echte Japanerinnen!

Sie sitzen an den Fenstern im ersten Stockwerk und warten auf irgendeinen, der willens wäre, ihre Liebesdienste entgegenzunehmen.

Die Gesichter der Japanerinnen erscheinen, von der Gasse aus gesehen, jugendlich und kindlichen Ausdruckes. Ich frage meinen Geschmack, wie ihm diese japanischen Mädchenköpfe gefallen; er antwortet: Sie sind eher unhübsch als schön. En face nehmen sie sich besser aus, als wenn das Profil sichtbar ist. Einzelne, die sich der europäischen Gesichtsbildung nähern, sind ganz sympathisch. – – – Diese letzte Bemerkung macht mich ein bisschen misstrauisch gegen die Aussagen meines Geschmackes. Im Banne der Gewohnheit hält er offenbar die Europäerin für das feststehende Schönheitsideal, für den ästhetischen Maßstab, an dem alle Töchter der Erde abzuschätzen sind.

Etliche Japanerinnen sind ausgiebig weiß gepudert, vermutlich um dem Geschmack europäischer Männer ein Zugeständnis zu machen. Koloristische Annäherungsversuche an den hellen Teint der Europäerin.

Die Japanerinnen winken und locken mit lauten Zurufen: „Come here! – Come inside! – Come here!“

Da wir hier in Bombay auf englischem Kolonialgebiete sind und da in großen Gebieten Asiens die englische Sprache den Eingeborenen als das wichtigste europäische Idiom gilt, so übermitteln uns die Japanerinnen den Lockruf: „Komm' her! – Komm' herein! – Komm' her!“ in englischen Worten.

Ein japanisches Mädchen ruft in hohen dringlichen Tönen: “I speak! – I speak!“ – Mit diesem „Ich spreche! – Ich spreche!“ will sie uns offenbar andeuten, dass sie der englischen Sprache kundig ist; also ein anpreisender Hinweis auf eine Tugend, welche die Möglichkeit bietet, dass der Gast durch eine Konversation auch ein bisschen in seelischen Kontakt mit dem Mädchen komme. – – Ich spreche, – ich bin nicht bloß stummes Werkzeug der Liebe, – das soll mich dir begehrenswert machen!

Eine andere Japanerin hält ein Saiteninstrument in den Händen, ohne zu spielen; das Musikgerät ist wohl nur ein Zierrat, der dem Mädchen eine poetische Verklärung geben soll.

Die Beleuchtung empfangen die am Fenster sitzenden japanischen Freudenmädchen von großen Laternen, die außen an der Hauswand vor den Fenstern angebracht sind, und einigermaßen kommt auch Beleuchtung von den Lampen ihrer gut erhellten Zimmer.

Ich sage: „Fenster“; es sind aber nur leere, scheibenlose Fensteröffnungen. Die Abwesenheit der Glasscheiben, die unter anderem durch die klimatischen Verhältnisse erklärt wird, ist dem Fremden, der an die Gebäude Mittel-Europas gewöhnt ist, etwas Auffallendes.

Manche Japanerinnen blicken wie teilnahmslos, sozusagen „verträumt“ auf die Straße hinab, sie lächeln nicht, winken nicht; gemahnen an aufgeputzte Puppen in Verkaufsauslagen.

Wir sehen, während wir durch die Gasse wandeln, dass Japanerinnen sowohl in den ersten Stockwerken, als auch im Parterre weilen, winken und werbend rufen.

Unter den Nicht-Europäerinnen machen die japanischen Mädchen den verhältnismäßig günstigsten Eindruck, vermutlich wegen ihrer sorgfältig geordneten Haartracht und wahrscheinlich auch vermöge ihrer Kleidung, deren Einzelheiten gestern meiner Aufmerksamkeit zwar entgangen sind, aber eine Gesamt-Erinnerung an nette Gewähltheit der Toilette hinterlassen haben.

Und als empfehlender Hintergrund wirkt das Zimmer der Japanerin; die Räume erscheinen dem durch die Gasse Promenierenden wohnlich und sauber, – sehr im Gegensatze zu den Behausungen der indischen Freudenmädchen.

Die meisten Inderinnen, welche hier ihr Freudengewerbe ausüben, tun dies in Häuschen, in Hütten, die nur aus dem Erdgeschoß bestehen und außen und innen recht ärmlich und von zweifelhafter Sauberkeit sind.

In einem zellen-ähnlichen kleinen Raum, hinter einer primitiven Gittertür, sitzen diese dunkelfarbigen Töchter Indiens, wie in einem Käfig. Mit ihren dunklen Augen spähen sie zwischen den Gitterstäben auf die Gasse hinaus und locken durch Wink und Wort die vorübergehenden Männer. Wie Gefangene, die gleichwohl jemanden fangen wollen.

Sie verwenden gelegentlich die gleichen englischen Lockrufe wie die Japanerinnen.

Wenn man in eine solche trübselige Freuden-Zelle indischer Mädchen durch die Gittertür hineinschaut, empfindet man ein Unlustgefühl, das nicht eben geeignet ist, die Zwecke, denen die Zelle dienen will, begehrenswert erscheinen zu lassen. Schon die Vorstellung, man müsste mit irgendeinem Gegenstande der Hütten-Ausstattung in Berührung kommen, erweckt eine Regung des Widerwillens. –

Die Europäerinnen sehen mir danach aus, als wären sie die Abfälle abendländischen Hetärentums, die sich in gar vielen Venusbergen des Okzidents und des Morgenlandes herumgetrieben haben, ehe sie hierher an den Strand Indiens verschlagen wurden.

– – – Ich habe gestern Abend während des kurzen Spaziergangs den Sehenswürdigkeiten der Gasse keine gründliche Aufmerksamkeit gewidmet, zumal da ich vermutete, dass dies vielleicht nicht mein letzter Besuch in Kamatipura sein werde, meine gestrigen Eindrücke haben also wohl nur eine vorläufige Gültigkeit.

* * *


Mit Hilfe der Karte, des Stadtplans von Bombay, habe ich mich heute über die Lage des Freudenmädchen-Quartiers, das wir gestern besucht haben, zu unterrichten gesucht.

Wenn unsere Schiffs-Angehörigen von diesem Quartier sprechen, so gebrauchen sie den Namen „Kamatipura“ oder „Grant-Road“.

Auch die Verballhornung „Kamapura“ oder „Kamatapura“ hört man.

Die Grant-Road ist, wie ich aus der Karte ersehe, eine große Straße, die sich in west-östlicher Richtung durch die Eingeborenen-Stadt von Bombay, durch die „Black-town“, zieht. Ein Stadtteil nordöstlich von der Grant-Road ist als Kamatipura auf dem Stadtplan bezeichnet. – Da bin ich also an der richtigen Schmiede. Hier dürfte die Gasse liegen, die wir gestern durchstreift haben.

* * *

Ein zweiter Besuch

Ein zweiter Besuch

https://www.projekt-gutenberg.org/rosenerw/liebesga/chap004.html

Bombay, im Februar 19..

Gestern Abend war ich wieder in Kamatipura und in der gewissen Gasse. Diesmal mit Offizieren unseres Dampfers.

Das Namenschild dieser Gasse, in der die Hauptansiedlung der Freudenmädchen ist, zeigt die Aufschrift „Suklajistreet“.

Wir schlenderten langsam durch die Gasse, blieben da und dort verweilend stehen, wenn uns eine Einzelheit lebhafter interessierte.

Alsbald schloss sich uns ein Inder an und erbot sich mit einigen englischen Wort-Brocken, er wolle uns zu empfehlenswerten Mädchen hinführen.

Meine Begleiter, die, wie es scheint, im allgemeinen auf die Zunft der Kuppler nicht gut zu sprechen sind, weisen den Mann nicht gerade höflich ab.

Es ist ersichtlich, dass hier in der Suklajistreet, gemäß der landesüblichen Wertung, der „Europäer“ unter allen Besuchern der Gasse der angesehenste und begehrteste ist.

Eingeborene Männer gibt's zwar genug in der Suklajistreet, – sie sind entweder unbeteiligte, durch die Gasse schreitende Passanten oder sie sind aus Schaulust hergekommen oder vielleicht um der Hütte einer Inderin einen Besuch abzustatten, – aber diese Inder oder sonstigen „Natives“ werden von den Mädchen gar nicht beachtet, zum mindesten nicht von den „höheren“ Kategorien, nämlich von den Europäerinnen und Japanerinnen.

Die Freudenmädchen haben eben mit den meisten ehrbaren Mitgliedern der menschlichen Gesellschaft die Eigenheit gemein, dass sie den Leuten mehr oder weniger Beachtung schenken, je nachdem die Leute mehr oder weniger Geld zu besitzen scheinen. Der braune, mit zweifelhaft weißem Weißzeug dürftig bekleidete Inder ist ja nicht so zahlungswillig oder zahlungskräftig wie der Europäer. Und überdies ist er ein „Native“, also etwas a priori minder Wünschenswertes.

Solange nur Inder vorbeigehen, sind die Europäerinnen, Japanerinnen und im Allgemeinen auch die Inderinnen bloß ruhige Beobachterinnen der Gasse, harrend einer würdigeren Beute. Erst wenn ein Europäer auftaucht, hebt das Konzert der Werberufe und das Wink-Gebärdenspiel an.

Die Europäer! Die Repräsentanten des Europäertums, welche diese Gasse aufsuchen, sind zumeist Seeleute verschiedentlicher Grade und Nationen, ferner Soldaten der englischen Garnison von Bombay; in vereinzelten Exemplaren sind auch Männer zu sehen, die den europäisch-bürgerlichen Kreisen von Bombay anzugehören scheinen.

Weder gestern, noch vorgestern waren übrigens die europäischen Besucher allzu reichlich vertreten.

Die meisten Häuschen der Gasse sind von Freudenmädchen okkupiert. Hie und da im Erdgeschoß eines Häuschens der ärmliche Geschäftsladen oder die dürftige Werkstätte eines Eingeborenen.

Europäische Mädchen halten gleich die ersten Häuschen links nahe dem Anfang der Gasse besetzt, vielleicht in der Absicht: wer zuerst lockt, lockt am erfolgreichsten.

Eine Europäerin hat sich auf einem Sessel vor ihrem Häuschen so zurechtgesetzt, dass die Form des bestrumpften Beines genügende Publizität erhält. Im großen Ganzen sind jedoch die Mädchen von Kamatipura nicht darauf aus, zu Werbezwecken eine bewusste ungemäßigte Exhibition zu verwenden, in größerem Ausmaße „sich eine Blöße zu geben“. Die Europäerinnen der Suklajistreet, die da vor ihren Freudenhütten sitzen oder stehen, sind verhältnismäßig züchtig gekleidet. Zwar sind viele dieser Europäerinnen in einer Tracht, in der sie nicht durch die Straßen europäischer Städte gehen könnten, – sie sind ausgiebig dekolletiert, – doch auf europäischen Bällen könnten sie erscheinen, ohne Aufsehen zu erregen, auf europäischen Tanz- und anderen Unterhaltungen, bei Festtafeln, auf den Brettern und bei sonstigen öffentlichen Gelegenheiten, wo die Dame der guten europäischen Gesellschaft ihrem Dekolleté auch keine größeren und keine kleineren Raumüberschreitungen gestattet als die europäischen öffentlichen Mädchen hier in der Freudengasse von Bombay.

Hier in der Suklajistreet haben manche der europäischen Freudenmädchen zudem ziemlich kurze Röcke; ziemlich „unziemlich“.

An der Tracht der Japanerinnen merkt der europäische Besucher der Suklajistreet keinerlei erotische Intentionen. Die Europäerin sucht durch ein Manko ihrer Bekleidung, durch ein Minus der Verhüllung auf den Mann Eindruck zu machen, die Japanerin hingegen durch eine Reichlichkeit der Gewandung, durch eine Vollständigkeit der Bedeckung mit einem sichtlichen Willen zur Prunkhaftigkeit. Wenn die japanischen Mädchen regungslos, ohne zu winken und zu rufen, vom Fenster niederblicken, hat man eigentlich kein rechtes Anzeichen, ihren Beruf zu ersehen.

Die Inderinnen der Suklajistreet, unserer Freudengasse, sind nicht mehr entblößt als die ehrbaren Hindu-Mädchen, die man in den belebtesten Straßen von Bombay sieht.

– Die Freudengasse, in der wir gestern waren, gibt uns reichlich Anregung, über das Kapitel „Schamhaftigkeit und Ungeniertheit“ Betrachtungen anzustellen. An einzelnen Stellen der Gasse geht's recht ungezwungen zu, man sieht manchmal Situationen, welche dartun, dass Männlein und Weiblein, europäische und asiatische, hier unter Umständen keine übermäßige Scheu vor dem Auge allfälliger Beobachter haben.

Hinter den Gitterstäben einer Hütte sitzt in zärtlicher Umarmung mit einer Inderin ein Weißer, der, seinem Habitus nach, einer unteren Seefahrerklasse angehören mag. Er liebkost mit heiterer – oder angeheiterter – Gemütlichkeit sein schwarzbraunes Mädchen und schert sich nicht im Geringsten um sämtliche Zeugen, weiße und dunklen, die draußen vor dem Gitter vorbeispazieren.

Eine andere Hütte birgt – vielmehr zeigt – einen Europäer (dem Anschein nach ebenfalls ein Seemann), der gerade dabei ist, in kompletter Straßentoilette das Lager einer Inderin aufzusuchen; er schlägt einen der vier Vorhänge zurück, die eine Art Zelt über dem Bett bilden, und verschwindet im Innern des Vorhang-Geheges.

Das vollzieht sich nahezu in der Öffentlichkeit, denn jeder Vorübergehende hat direkten Einblick durch die Gittertür in die kleine stallartige Behausung, in die einzige Räumlichkeit der Hütte.

Hm, es ist eine gewisse Logik in solcher Ungeniertheit; (von der ästhetischen Seite und vom Reinlichkeitsstandpunkt der Angelegenheit wollen wir schweigen;) wer durch derlei Schauspiele in den Zorn des Tugendhaften versetzt wird, der braucht eben nicht in die Hütten hineinzuschauen, der braucht überhaupt nicht nach Kamatipura herauszukommen. Kommt und schaut er dennoch, nun so hat er sich's selber zuzuschreiben, dass er genötigt ist, die gewisse moralische Entrüstung zu simulieren.

Ähnlichen Erwägungen sind wohl auch die britischen Verwaltungsorgane zugänglich, die hier in Bombay, innerhalb und außerhalb des Freudenmädchen-Quartiers, dem Satz „Naturalia non sunt turpia – Natürlichkeiten sind nicht schändlich“ eine Berechtigung zugestehen, die sie ihm bekanntlich ansonsten nicht immer einzuräumen pflegen.

Die klügliche britische Taktik! – Im Kolonialgebiet werden herkömmliche Einrichtungen, die Bräuche des Eingeborenen, Bekleidungssitten, Religion und andere Kulturerscheinungen nicht angetastet, sofern sie harmlos sind; harmlos, das heißt: wenn sie die englische Herrschaft nicht bedrohen. Zu Hause, in der englischen Heimat, hat, wie man weiß, der gewisse Mr. Cant manchmal noch andere Ansichten über Harmlos und Nicht-harmlos.

– – – Um den Geschmack der Schiffsoffiziere, mit denen ich dahinspaziere, zu erkunden, frage ich, welche Spezies der Mädchen ihnen verhältnismäßig am meisten zusage. Sie antworten, am nettesten sähen die Europäerinnen aus.

Es scheint, dass in jedem Häuschen der Japanerinnen ungefähr ein halbes Dutzend Mädchen untergebracht ist. An je einem Fenster sitzen zwei japanische Mädchen; manchmal hat nur ein einziges Mädchen ein Fenster inne. Ich glaube, dass durchschnittlich auf ein Stockwerk drei Fenster entfallen mögen. Wenn bei einem Fenster nur eine Japanerin sitzt, so ist das gelegentlich vielleicht darauf zurückzuführen, dass die andere Fensterkollegin gerade im Innern der Häuslichkeit irgendeiner Beschäftigung obliegt.

Während wir, durch die Gasse promenierend, zu einer Wohnung japanischer Mädchen emporschauen, bemerke ich, dass sich dort oben im Zimmer zwei interessante Gäste aufhalten, interessant für mich, den Reise-Neuling: nämlich zwei regelrechte Chinesen. Sie stehen in der Nähe des Fensters und plaudern mit den Japanerinnen. Die beiden Söhne des Reiches der Mitte sind in eleganter dunkler Tracht, ein rundes schwarzes Käppchen ist die Kopfbedeckung. Glatte feiste Gesichter. Der eine ist augenscheinlich mehr vorurteilslos-zynisch veranlagt, der andere, der Jüngere, mehr schüchtern-verschämt. Der Zyniker blickt durch die Gläser seiner Brille mit breitem Lächeln aus dem Fenster zur Gasse nieder, macht einige Züge aus seiner Zigarre, wendet sich wie scherzend zu den Mädchen und scheint sich zu amüsieren, dass er der Gegenstand unserer Aufmerksamkeit ist. Der Schüchterne kommt ans Fenster, erblickt die Hinaufgaffer und tritt, als würde er sich geniert fühlen, in den Hintergrund des Zimmers zurück.

Es ist zu vermuten, dass die beiden Chinesen auf einer Durchreise begriffen hier in Bombay Halt gemacht haben. Während sie Kamatipura, eine Sehenswürdigkeit von Bombay, besichtigten, hat sie die Lust angewandelt, mit den Vertreterinnen mongoloiden Menschentums, den Japanerinnen, Beziehungen anzuknüpfen.

In Bombay sieht man ansonsten selten Chinesen.

* * *

Ajame

Ajame

Während ich gestern Abend nach Kamatipura hinausfuhr, da war in mir eine Ahnung, dass ich zuguterletzt im Zimmer eines Freudenmädchens landen würde.

Wird die Ahnung recht behalten?

Durch die Suklajistreet wandelnd stellte ich Betrachtungen an über die daselbst ansässige Damenwelt: Es sind in dieser Liebesgasse hauptsächlich drei Mädchengruppen vertreten, Europäerinnen, Inderinnen, Japanerinnen; – welche ist die wünschenswerteste?

Die Europäerin? – Nein! Die ist mir nicht genug unbekannt! – Neu-gierig, neu-süchtig reist man aus Europa in die Ferne.

Also eine Inderin? – Nun ja, – die Inderin selbst, die Inderin an sich ist ja sicherlich recht anziehend, sie war umhüllt vom Duft des Märchens und romantischer Träume, als wir noch daheim in Europa weilten, aber leider sitzt sie, die Inderin, im gegenwärtigen Augenblick hinter Käfigstäben in einer gar nicht anmutigen Hütte und ihre Liebeskammer samt Freudenbett ist alles eher als einladend. Gewiss, das indische Mädchen ist das Kind einer fernen, fremden Welt, im Gegensatz zur wohlvertrauten Europäerin, doch bedauerlicherweise ist die Umwelt dieser indischen Halbwelt ziemlich unerquicklich.

Und überdies, das indische Minnebett schaut nicht nur unwohnlich aus, es ist auch mehr in die Öffentlichkeit gerückt und mehr den Blicken des Straßenpublikums ausgesetzt, als man im allgemeinen von einem trauten Liebesnest zu erwarten berechtigt ist. Wer da drinnen der Minne pflegt, tut dies nahezu auf der Gasse. Nicht unter vier Augen, sondern nachgerade unter aller Augen.

Dort drüben, in der linken Häuschen-Reihe der Gasse, ist ein kleines Erdgeschoß-Häuschen, das von japanischen Mädchen bewohnt ist. Ja, die Japanerin! Der Japanerin kann man denn doch eine weitaus geneigtere Stimmung entgegenbringen. Wie nett und gastlich die japanischen Stuben ausschauen! In der Straße wandelnd kann man mancherorten ins Vorzimmer eines japanischen Freudenheims durch die offene Tür leicht Einblick haben, lediglich ins Vorzimmer. Da ist alles freundlich und reinlich. Und sie selber, die Töchter Japans, haben verlockende Vorzüge, – eingerechnet ihr Äußeres, das säuberlich und gepflegt ist. Schon der Umstand, dass die Japanerinnen – wie wohl kaum anders zu erwarten ist – aus Japan sind, ist uns ein Reiz; aus Japan, aus dem Lande der aufgehenden Sonne, für das wir eine erhebliche Begeisterung empfinden, da uns die Berichte so viel Schönes und Rühmliches von dem fernen Inselreich, vom Land der Kirschblüte, erzählt haben. Einen Abglanz des verklärenden Nimbus, womit die Fama das Wort „Japan“ umgeben hat, verlegen wir auf das Haupt des japanischen Freudenmädchens. Ich bin noch nicht in Japan gewesen, ich sehne mich hin, wie jeder, der von Reisebegier erfüllt ist, – wohlan, hier ist ein Stück Japan, dieses Mädchen ist wie ein Symbol, wie eine Personifikation des Landes; hast du das Mädchen in Besitz genommen, so hast du gleichsam vorweg den Fuß auf japanischen Boden gesetzt. –

Ich betrat die Vorhalle des japanischen Häuschens. Vier Japanerinnen halten daselbst Ausschau, stellen sich zur Schau. Sie erheben sich von ihren Sitzen.

* * *

Man kann den Miniatur-Raum, auf dem ich solcherart gestern Abend den Anfangsschritt meiner japanischen Liebeserlebnisse tat, eigentlich nicht recht eine „Vorhalle“ nennen. Es ist ein schmaler Balkonvorbau, eine Art Veranda, zwei oder drei Fuß über dem Gassen-Niveau.

Wenn ein Spaziergänger vor dem Häuschen auf der Gasse stehen bleibt und daselbst mit den Mädchen ein Gespräch anknüpft, mit den Japanerinnen, die zu Werbezwecken auf diesem Vorbau stehen, so haben die kleinen Mägdelein Gelegenheit, den Mann von oben hinab anzusehen, was ihnen sonst, wenn sie mit ihm auf gleicher Stufe stehen, schwer möglich ist, auch falls er kein Riese von Gestalt ist.

Ich habe schon an den früheren Abenden während meiner Spaziergänge dieses japanische Häuschen wahrgenommen und ich nannte es für mich, um mir’s im Gedächtnis zu kennzeichnen, das „Verandahäuschen“.

Unter den vier Japanerinnen, die sich gestern Abend in dem kleinen Vorraum aufhielten, als ich diesen betrat, war eine Frau von auffallend üppigen Formen. Auffällig deswegen, weil ich unter all den Japanerinnen, die ich bisher in der Suklajistreet gesehen, noch keine dermaßen formenreiche bemerkt habe.

Sie war nicht nur weitaus rundlicher als ihre drei Gefährtinnen, sie war auch minder hübsch und weniger jung. Doch mag sie kaum älter als dreißig Jahre sein. Zudem hat sie Japanerinnen-Größe, sie ist also verhältnismäßig klein.

Während die drei anderen Japanerinnen mit festlich prangenden Gewändern angetan waren, um auf Auge und Herz der Männer eine Verlockung auszuüben, begnügte sich die reichlich Gerundete mit einer sehr einfachen Haustracht, welche, wie man vermuten durfte, von Lockabsichten frei war; zu einer Art Unterrock gesellte sich als zweites Gewandstück ein knapp anliegendes, sehr kurzärmeliges Woll-Leibchen, das freilich durchaus nicht geeignet war, die stattlichen persönlichen Eigenschaften der Dame zu verheimlichen.

Indes, ich glaube nicht, dass die Wohlbeleibte sich das Ziel gesetzt hatte, mittels ihres bedeutenden Fleischvorrates berauschend auf die Männerwelt einzuwirken, und dass sie eben zu diesem Zwecke das Leibchen, das ihrer Beleibtheit eine ausgiebige Veröffentlichung gewährte, angelegt hatte. Wie schon erwähnt, ich habe in Kamatipura den Eindruck empfangen, dass es dem Geist der Japanerinnen fernliegt, ihre Nacktheiten als ein Mittel zum Männerfang zu weiten und zu verwerten. Die Tatsache, dass die japanischen Mädchen unserer Liebesgasse sich in vollständigster, sozusagen züchtigster Bekleidung zur Schau stellen, weist vielmehr darauf hin, dass die Japanerin sich in einer mangelhaften Toilette für minder verführerisch und anreizend einschätzt als in einer reichlich und überreichlich verhüllenden.

Das vielverratende Leibchen der kleinen, verschwenderisch gerundeten Frau gestattet demnach den Schluss: sie rivalisiert nicht mit den drei anderen Japanerinnen, – wenigstens nicht vorsätzlich –, sie verzichtet zu deren Gunsten auf die Werbekraft des Kostüms, sie will keinen Mann ins Netz locken.

Man wird nicht fehlgehen, wenn man vermutet, dass sie die Dame des Hauses ist, die Vorsteherin dieses kleinen ostasiatischen Freuden-Instituts.

Wirklich trat sie alsbald in der Rolle der fürsorglichen Hausfrau hervor; nach den ersten Grußworten, ehe ich mich noch angeschickt, eine Wahl zu treffen, deutete sie auf eines der Mädchen und sagte empfehlend: „Take this girl!“ Nimm dieses Mädchen!

Ein solcher unvorhergesehener Ratschlag, der einigermaßen geeignet war, meine Willensfreiheit einzuschränken, erschien mir ein bisschen befremdlich. Es wäre wünschenswert gewesen, dass man meiner Entscheidung nicht vorgreife und dass man freundlichst mir die Annäherung überlasse, statt meinem Geschmack eine bestimmte Richtung vorzuzeichnen.

Allein, wie dem auch sei, ich fasste die Bevormundung nicht tragisch auf, sondern beschloss, von dem offenbar zielbewussten Rat der wohlgenährten Dame gerne Gebrauch zu machen.

Immerhin beschäftigte ich mich für einen Augenblick in Gedanken mit der Frage: Wohin zielt sie mit ihrer Zuvorkommenheit? Warum will sie mich gerade mit diesem Mädchen zusammenbringen?

Und ich gab mir die Auskunft: Vielleicht hat das soeben empfohlene Mädchen zufälligerweise einige Zeit lang eines Besuchers entbehrt und jetzt will die Hüttenbesitzerin in mütterlicher Gerechtigkeit und administrativer Fürsorge wieder einmal der kleinen Strohwitwe einen Gast verschaffen. – Die Kleine jetzt zurückweisen, nachdem sie mir öffentlich sozusagen ans Herz gelegt worden, das wäre ein kränkender, höchst ungalanter Schritt. Und überhaupt, weswegen sollte man sie ablehnen? Wenn ich die drei Mägdelein betrachte, muss ich mir sagen, dass alle drei meinem Auge als gleichwertig erscheinen. Mein an europäische Gesichter gewöhntes Auge hat noch nicht die Fähigkeit, in den japanischen Physiognomien feinere Schönheitsunterschiede wahrzunehmen und festzustellen. –

Da ich von diesen Betrachtungen, die sich eilig abwickelten, nicht aufgehalten wurde, gab ich ohne Säumen bereitwillig meine Zustimmung zum Vorschlag der korpulenten Hausfrau.

* * *

Mit liebenswürdigem Lächeln führt die Kleine den Mann, der ihr vom Schicksal und von der dicken Direktrice beschieden worden, stracks ins Innere des Hauses, in ihr Kämmerlein. (Sie ist, wenn ich richtig schätze, ungefähr 22 Jahre alt.)

Ihre Miene und ihr Gebaren zeigen, dass sie erfreut und zufrieden ist. Sie benimmt sich gemäß der Fiktion, die in dem Worte „Freudenmädchen“ zum Ausdruck kommt: ein Mädchen, das dem Mann Freuden bringt und selber Freuden empfindet. Und das ist ja just die Stimmung, die der Mann – in der Regel – zwischen den vier Wänden einer Freudenstube zu finden wünscht. Jedenfalls hat er im allgemeinen mehr Gefallen an einem Mädchen nach Art dieser Japanerin als an Freudenmädchen, die mit gleichmütiger Geschäftsmäßigkeit ihre Aufgabe erfüllen oder eine allfällige Berufsverdrossenheit nicht zu maskieren verstehen oder die Miene des Hochmuts aufsetzen, um dahinter die aus ihrem Standesbewusstsein kommenden Verstimmtheiten zu verbergen.

Während mich die Japanerin mit einem gewinnenden Lächeln in ihre Liebeskammer führt, wird meine Aufmerksamkeit auf ihre Gehweise gelenkt; seltsam, wie die Kleine dahinschreitet! Welch merkwürdige Gangart! Die Füße sind während des Gehens ein wenig nach einwärts gestellt und die ein bisschen knieschlappen Beine bewegen sich mit einer Andeutung von Stolpergang vorwärts.

Mir fällt ein, dass auch andere Japanerinnen, die ich mitunter in der Suklajistreet auf der Gasse oder in einem Parterrestübchen gesehen habe, solcherart dahin wandelten. Es scheint eine Eigenheit der Japanerinnen zu sein.

Kein Zweifel, wir müssen uns eingestehen, dass die geschilderte Gehmanier das ist, was man als Schönheitsfehler bezeichnet. Mag sein. Doch er ist nicht imstande, die Sympathie, die wir für die Japanerin hegen, zu erschüttern. Gewiss, das absonderliche Vorwärtsschleifen ist mehr drollig als graziös; aber es ist auch mehr drollig als hässlich. Wie die täppische Unbeholfenheit in den Bewegungen eines Kindes uns lieb anmuten kann, wenngleich sie den Gesetzen der Anmut eigentlich nicht entspricht, so kann's geschehen, dass uns auch dieses japanische Dahinstolpern ein Lächeln freundlichen Geneigtseins abnötigt. Und wir dürfen überhaupt der Vermutung Raum geben, dass das kindliche Aussehen der Japanerin mit ein Grund ist, weshalb die Töchter Japans eine Anziehungskraft ausüben. Ihre kleine Statur, ihre Gesichtsform verleiht ihnen einen infantilen Zug, der ein Reiz ist, weil alles Kindhafte insgemein sich großer Beliebtheit erfreut.

* * *

Hier ist es traulich und einladend, sage ich mir, nachdem wir ins Zimmerchen des Mädchens eingetreten sind.

Doch sieh da, was bedeutet das sonderbare mimische Gehaben der Kleinen? In einer komisch ungeschickten Weise spitzt sie den Mund, als hätte sie die Absicht, ein Liedchen zu pfeifen, und nähert ihre Lippen meinem Gesicht.

Ah, jetzt versteh' ich! Aus der Mundstellung, aus dem merkwürdigen Mienenspiel meiner Japanerin darf ich folgern, dass sie mir ihre Lippen zum Kuss anbietet. Zum Begrüßungskuss.

Und ich erinnere mich: man sagt, dass in Japan der Kuss als Zärtlichkeitsbezeugung nicht gleicherweise heimisch ist wie im Abendlande; das Küssen als erotisches Ausdrucksmittel ist in der Heimat der Japanerin nicht solchermaßen gang und gäbe wie in den Ländern eines anderen Kulturkreises.

Nun, meine kleine Japanerin hier in der indischen Liebesgasse hat jedenfalls, allem Anschein nach keine große Kusspraxis. Sie würde sich ganz anders anstellen, gewandter und mehr kunstgerecht, wenn sie seit jeher in einem nahen, früh-gewohnten Verhältnis zum Küssen stünde. Nein, es ist klar, das ist nicht die richtige Art, einen Kuss einzuleiten! Aber trotzdem, dieser Mangel an Routine, an Sachkenntnis passt ihr sehr gut, die ungeschulte Lippenstellung und Kopfhaltung gewähren einen ganz niedlichen Anblick. Wobei betont werden muss, dass die linkische Kusstechnik bestimmt echt ist, nicht etwa von Koketterie inszeniert.

Indem ich diese Betrachtungen anstelle, berühre ich flüchtig mit den Lippen die Nachbarschaft des dargebotenen Mundes.

Ich glaube, meiner kleinen Japanerin ist der Kuss bloß ein Akt der Etikette, kein Ausdruck eines erotischen Bedürfnisses. Sie weiß vom Hörensagen, dass der Kuss dem Europäer ein wichtiges Ingrediens des Liebeslebens ist, sie sieht, wie die europäischen Männer, die in ihre Freudenstube kommen, oft genug mit allen Anzeichen einer Lustempfindung sich des Küssens befleißen, daher meint die Kleine in ihrer liebenswürdigen Höflichkeit, dass sie nicht versäumen dürfe, dem europäischen Gast mit einer Gunsterweisung aufzuwarten, die er offenbar recht hochschätzt. Die Japanerin gibt den Kuss, nicht sowohl weil sie ihn wünscht, als vielmehr weil sie glaubt, dass der Mann ihn wünscht. Sie zeigt sich also andersgeartet als die Europäerin, zumal die kusssüchtige. Diese nimmt mehr den Kuss als sie ihn gibt; sie küsst, weniger um den Mann zu erfreuen, denn aus Selbstsucht. Und während die Europäerin küsst, während sie den erotischen Genuss in den Lippen und in der Lippennachbarschaft lokalisiert, vermag sie sich am Kuss zu berauschen bis zu einer Art Bewusstseinsverlust. Der Mann, der das Objekt derartiger weiblicher Kuss Exzesse ist, muss nicht notwendigerweise ein geliebter Mann sein, – „geliebt“ im idealen Sinne des Wortes – er spielt gar oft die Rolle eines gelegentlichen Anlasses, eines Zufalls-Gegenstandes, woran sich die kusssüchtige Eva europäischer Gefühlsrichtung zu erhitzen – oder abzukühlen – sucht.

– – Ich habe mit meinen Feststellungen den Ereignissen vorgegriffen. Nicht nur der Begrüßungs-Augenblick, sondern auch die Art, wie die Japanerin in den späteren Phasen meines Gesuches sich benimmt, hat mich zu dem Vergleich mit der Europäerin – mit den Kussdurstigen unter den Europäerinnen – angeregt.

Während meine Japanerin nun Anstalten trifft, sich ihrer Bekleidung zu entledigen, frage ich, wie sie heißt.

Ajame ist ihr Name.

Ich habe keine Zeit, der Bedeutung dieses japanischen Frauen-Namens nachzuforschen, denn mein Sinn wird durch den Entkleidungsprozess auf Fragen der Kostümkunde hingelenkt.

Unter dem Kimono, dem langen Talar-ähnlichen Obergewand, trägt sie ein ärmelloses Woll-Leibchen europäischer Mache und einen Unterrock, der aus zwei Stücken eines Atlasstoffes zusammengefügt ist, aus einer oberen roten und einer unteren grünen Zone.

Und unter dem Unterrock hat sie noch eine Art Lendenschurz.

Obwohl ich auf dem Gebiete der japanischen Frauentracht noch ein Laie bin, so wage ich doch mir die naheliegende Meinung zu bilden, dass die Untergewandung nicht etwas typisch Japanisches ist, sondern dem persönlichen Geschmack und Bedürfnis dieses Mädchens seine Herkunft verdankt.

Dagegen sind, wie mich dünkt, die schneeweißen wunderlichen Strümpfchen ein echt japanisches Bekleidungsstück, gleichwie die Obergewandung.

* * *

Vom Reinlichkeitssinn der Japanerin geben Zeugnis das Zimmerchen im Allgemeinen, die Bett- und Leibwäsche, das Mädchen selber und sein ganzer appetitlicher Habitus. Aber ist dergleichen nicht eine Selbstverständlichkeit? Warum diesen Umstand besonders hervorheben und betonen?

Und wiederum kommen uns die Käfige der Inderinnen in den Sinn, zum Beweise, dass die Reinlichkeitsbestrebungen in Kamatipura nicht allerorten verbreitet sind.

Ich halte Umschau im Kämmerlein meines japanischen Mädchens: wer hier zu Gaste ist, der braucht nicht dem Bett mit gemischten Gefühlen, beschlichen von Unlustempfindungen, gegenüberzustehen, er braucht nicht zurückzuscheuen vor der Berührung mit einem Möbelstück, wenn er die Kleider ablegt.

Es wird gestrenge Richter geben, welche stirnrunzelnd erklären, dass Ajames Reinheit manches zu wünschen übrig lässt; indes, die Reinlichkeit Ajames ist über jeden Zweifel erhaben. Wohl gehört sie nicht zu den Unberührten, doch man darf sich getrost dazu verstehen, sie zu berühren.

Der Besucher ist begreiflicherweise einigermaßen gespannt, was für eine Art von Liebesglück ihm hier, im Kämmerlein der Japanerin, zuteilwerden soll.

Es ist klar, dass er in eine Freudenhütte, in eine japanische oder eine andersartige, nicht mit der naiven Hoffnung eintritt, er werde daselbst ein naives Magdtum antreffen; der Besucher ist demnach gar nicht verwundert, dass auch die Japanerin Ajame, bei der er jetzt weilt, kein unschuldsvoller ahnungsloser Engel ist. Nein, das ist sie keineswegs. Aus mancherlei Anzeichen ist klar zu ersehen, dass sie in ihrem Berufe Erfahrung hat. Sie ist kein Neuling im Umgang mit Besuchern, keine schüchterne Anfängerin.

Anderseits kann man jedoch konstatieren, dass sie durch die Erlebnisse ihres Berufes sicherlich nicht abgestumpft ist. Soweit der Besucher dermalen selber in der Verfassung ist, physiologische Beobachtungen anzustellen, gelangt er zur Überzeugung, dass die Japanerin ihre Erregbarkeit und Reaktionsfähigkeit bewahrt hat. Sie ist mit Freuden Freudenmädchen, zum mindesten im gegenwärtigen Augenblick.

Und der Gast dieser Japanerin wird durch ihr Betragen in die Meinung hineingeschmeichelt, dass in der Wärme seiner derzeitigen Gefährtin eine Regung ungeheuchelter Zärtlichkeit ist. Er nimmt die Fiktion gerne hin, ohne ihren Kern ernstlich zu prüfen.

Aber sind alle Erwartungen des Besuchers erfüllt? Vielleicht hat er gemeint, er werde in dieser Stube einem exotischen Abenteuer begegnen, einem Ereignis japanischen Kolorits, einem Erlebnis, das anders sein wird als frühere Liebeserlebnisse. Hat er gefunden, was er erwartet hat?

Nein und ja! Freilich, wenn der Besucher gefasst war auf „unerhörte“, außerordentliche Sensationen, wenn er gewähnt hat, die Liebesweise dieses japanischen Mädchens werde mit irgendwelchen unbekannten, fremdartigen Ornamenten ausgestattet sein, mit spezifisch-japanischen Eigenheiten: dann hat sich der Besucher ersichtlich verrechnet.

Nein! Ajame, die Japanerin, benimmt sich in der Liebe nicht anders als eine primitive Durchschnitts-Europäerin, sie äußert die natürlichen, „unverdorbenen“ Instinkte des Normal-Weibchens. Die Linie ihres erotischen Betragens weicht in nichts ab von dem geraden Pfad, den die Gelehrten und Laien als die vorschriftsmäßige, allgemein-gültige Norm betrachten.

Aber wir wollen uns wieder einmal des Sprichwortes erinnern: Wenn zwei das Gleiche tun, so ist es nicht das Gleiche. Wenn das eine Mal eine Europäerin auf einem natürlich-einfachen Pfad mit mir lustwandelt und das andere Mal auf demselben Pfad eine Japanerin, so ist das eben nicht der gleiche Spaziergang. Just dadurch, dass jetzt eine Tochter Japans meine Begleiterin gewesen, empfängt der Spaziergang sein japanisches Gepräge; weil meine Liebesgefährtin ein exotisches Menschenkind ist, wird dieses Liebesereignis von exotischem Zauber umsponnen.

Ja! Es ist ein außergewöhnliches Abenteuer! Blick auf das fremdartige Geschöpf, mit dem du da beisammen bist, und dich wird jäh die Erkenntnis überfallen, wie weit, weit jenseits des Alltags du jetzt weilst.

* * *

Gemessen an anderen Japanerinnen, die ich hier in der indischen Liebesgasse gesehen habe, ist Ajame, meine derzeitige Gefährtin, wohlgebaut und hübsch.

Wenn von fremdländischem, fremdrassigem Schön und Hässlich die Rede ist, müsste immer zur Einschränkung gesagt werden: sie ist hübsch im Rahmen ihrer Rasse-Eigentümlichkeiten; hübsch, vom Standpunkt ihres vaterländischen Schönheit-Ideals betrachtet.

Dass Ajame, die Japanerin, tiefdunklen Augen und rabenschwarzes Haar hat, das fasse ich geradezu als eine Selbstverständlichkeit auf. Wenn man im Orient reist, jenseits des Suezkanals, sieht man endlich dunkles Haar und dunkle Augen als eine gesetzmäßige Sache an; wie ein natürliches Bodenprodukt, das einem nicht mehr bemerkenswert, kaum mehr erwähnungswürdig erscheint.

Gleich all den Japanerinnen, die ich bisher gesehen, ist Ajame sorgfältig frisiert. Eine lichte Masche sitzt vorne an dem kunstvollen Bauwerk aus wohlgepflegtem schimmernd-schwarzem Haupthaar.

Meine kleine Freundin hat sehr ausgeprägten japanischen Gesichtstypus. Ihr Auge ist von höchst deutlich mongoloidem Charakter. Das obere Augenlid legt sich in ausgiebigem Maße auch über den inneren Augenwinkel und bildet solcherart den „Epikanthus“, die „Mongolenfalte“.


Während Ajame da im Bett auf dem Rücken liegt, bleibt zwischen ihrem oberen und ihrem unteren Augenlid nur ein sehr schmaler, langer Spalt, infolge ihrer eigentümlichen Augenform, obwohl sie die Lider nicht zusammenkneift; Ober- und Unterlid sind einander sehr genähert und in der engen, schlitzartigen Lidspalte ist von der dunklen Iris und überhaupt vom Augapfel nur wenig zu sehen.

Diese Japanerin empfindet wahrscheinlich das Auge des Europäers als etwas Fremdartiges; so wie dem Europäer – oder sagen wir: dem Angehörigen der „Mittelländischen Rasse“ – das Mongolen-Auge als etwas Fremdes erscheint oder unter Umständen als etwas Unschönes, Komisches, – oder als etwas Reizvolles, je nach der Geschmacksrichtung und Stimmung des Betrachters.

Was würden wir wohl fühlen, wenn wir uns für ein Weilchen eine japanische Anschauungsweise aneignen könnten und mit dem Blick eines Japaners griechische Frauen-Statuen betrachten würden, zum Beispiel die βοωπιζ Hera, die „farren-äugige“ Himmelskönigin! – Spaßhaft, was für Augen diese griechischen Frauen haben! Wie die Kühe … Ein sonderbares Schönheitsideal!

Ich betrachte das Gesicht der auf dem Rücken liegenden Ajame und ich sage mir: man könnte von einer Gesichtsfläche, von einem Flächengesicht sprechen. Stirn, Augengegend, die Wangenpartien unter den Augen, all dies liegt, dem Anschein nach, wie in einer Ebene. Die Stirn nicht über dem Auge vorgewölbt, nicht vorspringend, und keine aus der Ebene hinausstrebende, hinausragende Nasenwurzel. Fläche, Flachheit! Ja, es ist überhaupt keine Nasenwurzel, kein Nasenteil zwischen den Augen zu sehen. Anstatt der Nasenwurzel nur eine flache „leere“ Stelle. Und unterhalb dieses Nichts erhebt sich wie das Näschen eines Kindes, wie ein niedliches Fleischknöspchen, das Näschen dieser Japanerin.

– Wenn man die Einzelheiten des Gesichts, eine nach der anderen, hier niederschreibt, mag das vielleicht so klingen, als hätte man's nicht eben mit Schönheiten zu tun. Indes, wie gesagt, der Gesamteindruck von Ajames Gesicht ist sehr angenehm und mancher sonderbare Einzelzug wirkt als reizvolle physiognomische Pikanterie.

* * *

Es wird vielleicht Leute geben, welche der Meinung huldigen: O, es genügt nicht, dass die Liebesgefährtin ein fremdartiges, exotisches Menschenkind ist; durch diesen Umstand allein wird das Liebesereignis noch nicht ungewöhnlich und wunderbar. Man muss viel höhere Anforderungen stellen. Soll das Erlebnis außerordentlich sein, so müssen, vor allem die Liebesgenüsse, welche die Frau spendet, von der gewöhnlichen Form und Norm abschweifen. Eine Frau, welche sich in der Liebe so regulär und einfach benimmt, wie irgendeine biedere schlichte Frau Meier oder Schulze, kann uns doch nicht ein seltsames Liebesabenteuer bieten, und wäre sie noch so sehr japanisch. –

Gewiss, für die Leute, welche unter einem besonderen, absonderlichen erotischen Erlebnis zunächst die außernormalen Gunsterweisungen und Liebkosungen verstehen, müsste die Japanerin Ajame allerdings eine Enttäuschung sein.

Meine gute simple Ajame! Ihre Liebesbezeugungen sind nicht angekränkelt von raffinierten und überraffinierten Regungen, sie könnten vielmehr, wie erwähnt, ebenso wohl die rührend einfachen, rechtschaffenen Zärtlichkeiten einer hausbackenen Europäerin sein; zudem einer Europäerin, der auch an dem Kussgebiet des Liebeslebens nicht viel gelegen ist.

Soweit aus der kurzen Bekanntschaft ein Urteil abgeleitet werden darf, kann gesagt werden: Ajame ist das, was man als normal bezeichnet.

Der Mann, dem dergleichen unsympathisch ist, muss eben die Japanerin meiden und wenn er seine Sehnsucht nach dem Außerordentlichen befriedigen will – außerordentlich gemäß seiner Auffassung – dann wird er gut tun, sich an die Europäerin zu wenden, an eine der vorrätigen europäischen Freudendamen.

Bei den Europäerinnen dieser Gasse ist das Außergewöhnliche gar sehr gewöhnlich.

Mir fällt das europäische Freudenmädchen ein, das mich vor kurzem draußen auf der Gasse, in der Suklajistreet, angesprochen hat. Besagte Dame war reich an Jahren und Puderstaub und nachdem sie geheimnisvoll umhergeblickt, ob kein Lauscher – keine Lauscherin – in der Nähe sei, raunte sie mir zu, dass ihre Liebeswissenschaft durchaus nicht vulgär-dürftig, nicht ländlich-plump sei, sondern einen großstädtischen Zug habe, einer Hauptstadt entstamme, ja sogar der Metropole Frankreichs.

Die Europäerinnen dieses Schlages importieren nach Kamatipura ihre Gepflogenheiten, die Betätigungen, die neben der Norm dahinziehen oder sie kreuzen oder ihr zuwiderlaufen. Und wer darauf aus ist, Nicht-alltägliches zu erleben, hat allerdings die Wahl zwischen jener gepuderten, allseits gebildeten Veteranin aus Europa und dem Mädchen aus Japan, das nur über die primitiven Elementarkenntnisse der Liebe verfügt.

* * *

Außer den erwähnten Mängeln besitzt die Japanerin Ajame noch ein Gebrechen. Es gebricht ihr gänzlich an der Selbstüberhebung, dergleichen manche Europäerinnen zur Schau tragen, ob sie nun infolge ihrer Vorzüge eine Berechtigung hierzu haben, wie zum Beispiel jene Veteranin, oder auch nicht. (Ajames niedliches Näschen ist übrigens von Natur aus völlig untauglich, sich hochnäsig zu überheben.)

Nein, meine liebe Ajame ist nichts weniger als anmaßend oder dünkelhaft. Sie benimmt sich gegen den Mann gemäß der ursprünglichen Frauenempfindung: Er soll dein Herr sein!

In ihrer Liebenswürdigkeit ist etwas vom Sich-beugen einer Dienerin. Nicht sklavenhafte Unterwürfigkeit – wer könnte daran Gefallen finden! – aber die deutlichen Äußerungen eines weiblichen Instinkts, der den Mann als ein Übergeordnetes fühlt.

Sie ist zuvorkommend, freundlich, gutmütig, heiter, – eine mustergültige Gefährtin der Liebe, zum mindesten der Liebe, von der hier die Rede ist.

Schauspielerei oder Natur? – Ich weiß nicht, ob dir's vom Herzen kommt, du kleines Fräulein, wenn du lieb lächelst, aber ich weiß, dass mir dein Lächeln erfreuend zu Herzen geht.

* * *

Wieder in Indien – Fett oder nicht-fett – Die armen Inderinnen

Wieder in Indien – Fett oder nicht-fett – Die armen Inderinnen

Bombay, Mai 19..

Zum zweiten Mal in Bombay.

Diesmal mit dem Dampfer „AFRIKA“.


Jetzt ist's in Bombay tüchtig heiß, aber es ist eigentlich doch nicht so arg, wie ich erwartet habe. Man ist immerhin arbeitsfähig und arbeitslustig, die klimatischen Verhältnisse sind denn doch nicht so heillos, dass ihnen Leib und Seele schnöde erliegen müssten.

Ich habe gestern um die Mittagszeit in den Gartenanlagen von Bombay ausführlichere Spaziergänge absolviert, zu botanischen Studien-Zwecken, habe die Pflanzen und deren Namen-Täfelchen besichtigt und bin bei diesem Studium der Bombay-Flora dennoch nicht – meines Wissens – von einem Sonnenstich angefallen worden.

– – – Den billigen Übergang von der Bombay-Flora zu einer anderen Art von Bombay-Flora will ich mir nicht versagen. Da die Mädchen-Flora, die in Kamatipura, im Stadtviertel der Freudenmädchen, gedeiht, erst nach Sonnenuntergang ihre Blüten entfaltet, so wurden die botanischen Studien, die ich während der vergangenen Abende in der Suklajistreet und in den benachbarten Gassen betrieb, minder von klimatischen Schwierigkeiten behelligt.

Wenn ich das Wort „Studien“ verwende, so will ich hiermit mir gegenüber sicherlich nicht die Tendenz meiner Kamatipura-Ausflüge beschönigen. Es ist möglich, dass diese Ausflüge einen nicht „rein-wissenschaftlichen“ Charakter haben, ja ich darf überzeugt sein, dass sie einigermaßen auch von den sogenannten fleischlichen Interessen veranlasst sind. – Tut nichts! – Ich sympathisiere mit dem wackeren Satz: „homo sum, humani nihil a me alienum puto.“ (Ich bin ein Mann, ich denke nichts Fremdes für mich)

Das „nihil“ hinlänglich unterstrichen.

Es ist anzunehmen, dass das gegenseitige Stärkeverhältnis der „rein-wissenschaftlichen“ und der „fleischlichen“ Interessen ziemlichen Schwankungen unterworfen ist; das eine Mal mögen jene stärker sein, ein andermal diese. Doch wie immer sich's auch mit den Triebfedern meiner Kamatipura-Ausflüge verhalten mag, sicher ist, dass meine nächtlichen Streifzüge durch Kamatipura die angenehme Folge haben: es ergibt sich Gelegenheit, die Zustände der indischen Eingeborenenstadt kennen zu lernen, Schlupfwinkel und Geheimnisse von Bombay zu erblicken, an welche ich vielleicht nimmer herangekommen wäre, wenn mich nicht das „homo sum etc.“ zu ihnen hergeführt hätte.

Ich spaziere in irgendein enges Nebengässchen der Suklajistreet hinein, und hier eröffnet mir dann und wann ein Zufall einen Rundblick auf Bombay-Verhältnisse, die eigentlich mit Freudenmädchentum in keinem unlöslichen Zusammenhange sind.

So weiß ich zum Beispiel nicht, ob ich jemals Gelegenheit gefunden hätte, in Behausungen der untersten indischen Volksklassen einzutreten und die Wohnungsverhältnisse kennen zu lernen, wenn mich nicht die Erwartung, dort ein indisches Mädchen zu finden, hineingeführt hätte. Ich meine hiermit nicht die käfigartigen Kammern im Erdgeschoß, hinter deren Gitterstäben indische „Freudenmädchen“ harrend hocken. Man kann, auf der Straße stehend und von außen durch die Gittertür blickend, die Einrichtung des Käfigs ganz gut erkunden, ohne eintreten zu müssen, und zudem sind die Käfige keine richtigen „Privatwohnungen“, sondern spezifische Werkstätten des Freudenmädchens. Einem Käfig hab' ich vorderhand noch keinen Besuch abgestattet.

In der Umgebung der Suklajistreet findet man noch eine reichliche Zahl anderer Gassen, die ebenfalls Freudenmädchen beherbergen. Töchter gar verschiedener Völker.

Darunter gibt es indische Freudenmädchen, welche nicht in derartigen charakteristischen Gitterkammern, sondern in „Privatwohnungen“ sich aufhalten; in Wohnungen, die mehr an ein Heim gemahnen und unter Umständen gemütlicher, heimischer anmuten. Der „öffentliche“ Zweck ist an der Einrichtung ersichtlich, aber nicht mit dermaßen schroffer karger Einseitigkeit wie in den Käfigen.

* * *

Auch in den Nebengassen der Foras-Road – einer anderen Freudengasse des Bezirks Kamatipura – geht es recht ungezwungen zu. Während ich durch ein Gässchen spaziere, gewahre ich einen Männerkopf, der gemütlich aus einem Bett hinausguckt.

Ich bleibe stehen und schau, was da los ist. Das Gässchen ist ziemlich dunkel und da ich immerhin einige Schritte von der Hausreihe entfernt bin, darf ich voraussetzen, dass ich neugieriger Beobachter von den Insassen der Freudenstube nicht wahrgenommen werde.

Und ich bemerke folgendes Idyll: In der hellerleuchteten Erdgeschoß-Stube ein hohes Bett, ein sogenanntes „Himmelsbett“, aus dem der Kopf eines Inders, mit einem großen Turban-Tuch umschlungen, hinausblickt. Im Bett liegend sieht der Mann mit dem Ausdruck leidenschaftsloser Aufmerksamkeit auf den Fußboden nieder; hier hocken vier junge Inderinnen, Freudenmädchen, in ein Kartenspiel vertieft. Der Mann oben im Bett ist Zuschauer, er „kiebitzt“ den kartenspielenden Mägdelein.

Die Situation ist klar. Der Inder ist ein Gast dieser Liebeskammer. Er hat offenbar vor kurzem dort auf dem Bett in Gesellschaft eines Mädchens dem Trieb, der ihn hierhergeführt, Genüge getan und er verweilt noch ein wenig, indes die Gefährtin seiner Freude, nachdem sie ihre Buhlpflicht erledigt, das Lager verlassen hat, um jetzt, als wäre nichts geschehen, mit ihren drei Freundinnen ein Kartenspiel zu beginnen oder vielleicht das Spiel, das durch den Eintritt des Besuchers unterbrochen worden, fortzusetzen.

– Als wäre nichts geschehen. Und es hat sich ja auch wirklich nichts zugetragen, was geeignet wäre, der mitwirkenden Teilnehmerin als etwas Besonderes zu erscheinen. Sie hat ihren Berufsakt ausgeübt, hat dem Gast ordnungsgemäß das geleistet, was er mit seinem Geld gekauft hat, und nun kehrt sie wieder seelenruhig zu ihrer Kartenbelustigung zurück.

Ein Kartenspielchen, dann ein bisschen sexual-gewerbliche Betätigung, dann wieder ein Kartenspielchen.

Und der Mann im Bett denkt: „Ich ruh' noch ein Weilchen aus. Ich hab' für meinen Platz da auf diesem Lager gezahlt, – es wird hoffentlich gestattet sein, dass ich noch eine Zeitlang bleibe.“

So ist die Liebe hier in den Liebesgassen.

* * *

Unter den indischen Buhlerinnen, die mir bisher vor Augen gekommen, waren sehr viele äußerst schlanke, – um nicht zu sagen: magere.

Auch unter den Ehrbaren, den ehrbaren indischen Mädchen und Frauen, die man in den Straßen von Bombay sieht, ist die Hagerkeit sehr verbreitet, zumal in der Frauenwelt der unteren Volksklassen.

In Bombay, – im Europäerviertel und in den Stadtteilen der Eingeborenen und in der Hafengegend, – hat ja der Spaziergänger reichlich Gelegenheit, Inderinnen zu sehen, zu betrachten. Sie haben kleine oder mittelgroße, gut-proportionierte Statur, aufrechte Haltung, ungezwungen-geschmeidige Gehweise. Wenn ich von Inderinnen spreche, so meine ich vor allem die Frauen und Mädchen der Hindu-Bevölkerung. Die Muslimin, die ehrbare Muslimin, ist in Bombay in der Öffentlichkeit des Straßenlebens selten zu erblicken.

Ich will nun durchaus nicht schlankweg die Regel aufstellen, dass hier auf dem Boden von Bombay die mageren Hindufrauen in der Mehrheit sind, oder gar in einer überwiegenden Mehrheit. Vielleicht sind sie's tatsächlich, – ich kann nichts Bestimmtes über diesen wissenswerten Gegenstand aussagen. Ich habe weder die Mageren gezählt, noch auch die Fetten und so bin ich außerstande, ein konkretes verlässliches Ziffernmaterial zu liefern, das einen Statistiker befriedigen könnte.

Allein es ist jedenfalls sicher, dass ich zuvörderst, auf den ersten Blick, in Bombay den Eindruck hatte: Du lieber Himmel, mich dünkt, ich bin gerade während der sieben dürren Jahre nach Bombay gekommen. Die Damenschlankheit scheint hier endemisch zu sein! Das zartere Geschlecht ist wirklich recht zart!

Es ist aber auch weiterhin sicher, dass man, genauer beobachtend, denn doch eine schöne Anzahl von Hindufrauen und Hindumädchen wahrnimmt, die gewiss nicht als mager bezeichnet werden können, und dass man hierauf sein ursprüngliches absprechendes Urteil korrigiert, ohne es jedoch geradezu umzustoßen.

Freilich, eine gründlich und allseits Fette, ein wuchtig dickes Frauenexemplar, wie man deren auf dem europäischen Kontinent oder nicht selten in der Levante zu sehen bekommt, habe ich meines Erinnerns unter der Hindu-Weiblichkeit von Bombay bisher überhaupt nicht bemerkt.

Da ich nun schon einmal in das anthropologische Problem „Fett oder nicht-fett“ hinabgetaucht bin, so möchte ich mir auch Klarheit verschaffen, weshalb denn dem Reisenden, dem Neu-Ankömmling in Indien, die eingeborenen Frauen so fleischarm erscheinen.

Die Beine der Mädchen und Frauen sind es, die uns zu diesem Urteil bringen. Die Beine, die unteren Extremitäten.

Als ich von den „Fleischmädchen“ sprach, erwähnte ich, dass die Tracht der minder bemittelten Hindufrauen recht kümmerlich ist. Als einzige Rock- und Schoßkleidung tragen sie ein hosenartig verschlungenes Stück Zeug, das sich wie eine lockere Bandage um den oberen Teil der Oberschenkel und um den Unterleib legt und ein Stück Oberschenkel und die Unterschenkel entblößt lässt.

Da sieht man nun allerdings zumeist sehr schlanke Frauenbeine. Schön geformt, zierliche Knöchelgegend, aber just mit dem Nötigsten an Fleisch ausgestattet.

Und es kann nicht verschwiegen werden, dass man das eine und das andere Mal in Bombay auch Frauenbeine bemerkt, die mehr als billig mager sind.

Der gewissenhafte Forscher wird auch das Weshalb? und Woher? dieser somatischen Eigenheit ergründen wollen und er wird zur Ansicht gelangen, dass die Schmächtigkeit der erörterten indischen Frauenbeine zum Teil eine konstitutionelle Rassen-Eigentümlichkeit sein mag, zum Teil jedoch als eine Folge-Erscheinung der Ernährung betrachtet werden muss.

Die Mahlzeiten, die den Inderinnen der unteren Bevölkerungsklassen beschieden sind, enthalten kein Übermaß an Nährstoffen. Doch, wie gesagt, es ist außer der landesüblichen Verköstigungsweise auch die Rassenanlage mitwirkend. Man sieht eine hinlängliche Menge schmalgebauter hagerer Leute, die ersichtlich und offenkundig den wohlhabenden Ständen angehören und nicht genötigt sind, sich mit schmalen Bissen zu begnügen. –

Um jedoch wieder zu den Hindufrauenbeinen zurückzukehren, – der Betrachter wird verführt zur Folgerung: ich sehe schlanke Beine, – wie mager sind doch diese Frauen!

Er schließt aus der Einzelheit auf die Gesamtbeschaffenheit des Körpers. Manchmal kommt er zu einem richtigen Schluss, manchmal kann's ihm jedoch passieren, dass er sich sehr täuscht. Es ist nicht alles so mager wie es scheint.

Wenn man aufmerksamer beobachtet, wenn man den Oberkörper der Inderinnen ins Auge fasst, – und das sehr kurze, eng an die Haut sich anschmiegende Leibchen kann die Formen nicht verschweigen, – dann wird man in den Straßen von Bombay oft genug die Entdeckung machen: die Beine sind recht schmächtig, in ihrer ganzen Ausdehnung, und auch die seitlichen Leibeskonturen bezeugen Schlankheit, ja Zartheit, aber siehe, welch voll und reich entwickelte Brüste!

Als hätte Mutter Natur in weiser Fürsorge sich von der Erwägung leiten lassen: mögen die anderen Körperformen karg zugemessen sein, – das eine Organ, das ich zur Wohlfahrt des Säuglings brauche, zu Nutz und Frommen der Gattung, das darf mir nicht verkümmert werden.

– Man hat dergestalt in den Gassen von Bombay, in der Tramway, an Bord des Dampfers hinlänglich Gelegenheit, die Weisheit der Natur zu bewundern, sowohl die verhüllte als auch die unverhüllte, und man wird dabei nicht umhin können, seine Urteile in der Frage „Mager oder nicht-mager?“ zu prüfen und mit den Tatsachen in Einklang zu bringen.

* * *

Die Suklajistreet ist, wie ich seinerzeit berichtet habe, gewissermaßen die Zentralgasse des Freudenstadtteiles Kamatipura, in ihr lebt und liebt ein bunter Schwarm verschiedenartiger Buhlerinnen: Japanerinnen, Inderinnen, Somali-Mädchen, Europäerinnen und andere.

Die erste Freudenmädchengasse von Bombay, die ich im Februar dieses Jahres, während meiner ersten Bombay-Reise kennen lernte, war eben die Suklajistreet und sie zeigte mir wie in einem Extrakt, wie in einer gedrängten Übersicht, den Inhalt des ganzen Freudenmädchen-Bezirkes.

* * *

Die Hindu-Mädchen – und im weiteren Sinne die Inderinnen – sind unter allen Freudenmädchen von Bombay die am wenigsten geschätzten.

Das ist eigentlich einigermaßen merkwürdig. Denn manches indische Mädchen ist in Gesichts- und Körpergestaltung manchem Kamatipura-Mädchen anderen Volksstammes zum mindesten ebenwertig. Aber: nemo propheta in patria (kein Prophet in deinem Land).

Außerdem verstehen die indischen Mädchen nicht, „sich in Szene zu setzen“. Zumeist treten sie als bettelarme Geschöpfe ins Freudenmädchentum ein und diese Anfangsarmut ist der Urgrund, auf dem ihre lebenslängliche Dürftigkeit zustande kommt; weil sie von Beginn an so arm sind, bescheiden sie sich mit sehr geringen Lohnforderungen und entwerten sich solcherart selber.

Denn in Kamatipura und auf dergleichen Märkten gilt das Gesetz: einen je geringeren Preis die Hetäre verlangt, desto geringeren Wert misst ihr der Mann bei.

In dem Mann entsteht die Suggestion: sie mag wenig wert sein, da sie selber ihren Preis so niedrig ansetzt.

Man taxiert den Wert nach dem Preis. Sie gibt sich wenig Preis, um weniges „gibt sie sich preis“, sie bietet sich „sehr preiswert“ an und erscheint dadurch weniger wert, – weniger begehrenswert.

Circulus: weil sie arm, des Geldes sehr bedürftig ist, fordert sie wenig Geld; weil sie wenig fordert, bleibt sie arm und dürftig. Würde sie mehr verlangen, würde sie mehr verlangt sein. Und wäre sie mehr begehrt, dürfte sie sich's erlauben, mehr zu begehren.

Als ich jüngst wieder mal in Gesellschaft; die Suklajistreet besuchte, wollten wir auch in die Preisverhältnisse Einblick gewinnen, wir machten auf unserem Spaziergang vor mehreren Käfigen Halt und befragten die indischen Insassinnen, wie viel ihre Taxe betrage.

Das englische „How much?“, die Frage: „Wie viel?“, wird von vielen indischen Mädchen verstanden, mögen deren fremdsprachliche Kenntnisse im Übrigen auch noch so spärlich sein. „How much?“ und die englischen Vokabeln der nötigsten Zahlwörter sind in Kamatipura wichtige termini technici des Berufswortschatzes.

Auf unsere Anfrage wurde uns für gewöhnlich geantwortet: 1 Rupie.

Aber auch 8 Annas, also ½ Rupie, wurde da und dort als Taxe angegeben.

8 Annas, – das sind ungefähr 67 Pfennige …

Und die Fama berichtet in Bombay, dass diese armen Geschöpfe in berücksichtigenswerten Fällen ihren Leib sogar noch um geringeren Preis verleihen, in Fällen, wo sich's um eingeborene Besucher handelt.

Ins Bereich des oben erwähnten unerbittlichen Circulus, der diese indischen Freudenmädchen aus ihrer Armut nicht hinauslässt, gehört auch die klägliche Beschaffenheit der vergitterten Zelle.

Da sie arm sind, sind sie nicht in der Lage, den lockenden Rahmen einer hübschen Wohnung zu beschaffen, und da ihre Wohnung so wenig anziehend ist, bleiben die Mädchen arm an Besuchern und Einkünften.

Wenn auch vielleicht das eine oder andere dieser indischen Kamatipura-Mädchen Verständnis dafür hat, wie viel in erotischen Angelegenheiten auf Rahmen, Kostümierung und Hintergrund ankommt, welche Werbekraft von der nett bemalten Kulisse ausgeht, so gebricht es den armen braunen Mädchen hier in Bombay dennoch an Geldmitteln zur Realisierung solcher Erkenntnis.

* * *

In der Falkland-Road – Die Käfige

In der Falkland-Road – Die Käfige

Gestern, während der ersten Nachtstunden, habe ich die Umgebung der Suklajistreet visitiert.

Hunderte und hunderte Freudenmädchen hausen in den Gassen und Gässchen, die der Suklajistreet benachbart sind. – Eine Stadt der Liebe, sofern man das Wirken der Freudenmädchen als zur „Liebe“ gehörig gelten lassen will.


Ich ging wieder vom Dampfer, vom Hafen zum Crawford-Market-Gebäude, bestieg hier einen elektrischen Straßenbahnwagen, der die Aufschrift „Tardeo“ trug, und fuhr gen Kamatipura.


Auf dem Weg zur Grant-Road, von der unsere Suklajistreet abzweigt, fährt die Tramway durch die Falkland-Road, eine sehr belebte, lange und verhältnismäßig breite Straße, welche die Grant-Road kreuzt und über diese hinaus sich in nordwestlicher Richtung fortsetzt. Die Kreuzungsstelle der Grant-Road und Falkland-Road liegt nahe der Suklajistreet.

Wohlwissend, dass die Falkland-Road Freudenmädchen beherbergt, stieg ich an der erwähnten Kreuzungsstelle aus dem Tramway-Waggon und setzte zu Fuß meine Forschungsreise fort.

Die Kenntnis, dass es in der Falkland-Road Freudenmädchen gibt, ist nicht schwer zu erringen; sie drängen sich dem Auge auf als eine auffallende Erscheinung, sie sind so zahlreich und sosehr in deutliche Beleuchtung gerückt, dass man sie gar nicht übersehen kann. Besonders augenfällig sind sie in dem südlich von der Grant-Road gelegenen Teil der Falkland-Road.


Die Mädchen im Erdgeschoß der Häuser sind in ähnlicher Weise untergebracht wie die Käfigmädchen der Suklajistreet: in kleinen kläglichen Räumen, die gegen die Straße durch eine primitive Gittertür abgeschlossen sind und den Eindruck von Käfigen erwecken. Doch sind hier in der Falkland-Road diese Käfige womöglich noch erbärmlicher als in der Suklajistreet.

Ich spaziere durch die Falkland-Road und bleibe hie und da für ein Weilchen vor einem solchen vergitterten Gelass stehen und betrachte die Einrichtung des Raumes und die braunen Mädchen, die innerhalb des Käfigs an der Gittertür stehen, auf Sesseln sitzen oder auf dem Boden kauern und mit den großen dunklen Inder-Augen auf die Straße hinauslugen.

Sie deuten mein Interesse als Regung begehrlicher Stimmungen, mein Verweilen vor dem Käfig als zaghaftes Zaudern und sie winken ermutigend eine Einladung mit Blick und Kopfbewegung und manchmal auch mit der Wink-Gebärde der Hand.

In ihrem Anlocken ist keine Spur von Koketterie, keine Andeutung einer zärtlichen Schalkhaftigkeit. Alles Schauspielerische fehlt. Sie blicken den Mann, der vor ihrem Käfig stehen geblieben, ernsthaft mit ihren großen Augen an und nicken ihm langsam zu, mit einem Ausdruck, als würden sie sagen: „Ja? – Magst du? – Hast du Absichten? – Die Absicht?“

Selten sieht man ein Lächeln in den winkenden braunen Mädchengesichtern. Ich habe keine rechte Bezeichnung für diese Art von Ernsthaftigkeit. „Stumpfheit“ kann man's nicht nennen, – dagegen sprechen die klugen, ausdrucksvollen Augen; ebenso wenig kann man finden, dass die Miene „finster“ sei oder sonst wie von einer Gemütserregung ergriffen. Man kann nur feststellen, dass das Gesicht dieser Käfig-Mädchen eine sonderbare Unbewegtheit hat, während die tief-dunklen Augen das „Ja? – Magst du?“ fragen.

* * *

Mir fällt auf, dass die Pforten, die hier zum Liebesglück führen, dass die Gittertürchen der Käfige recht schmal sind. Ein ordentlich vierschrötiger, massig-gebauter Mensch könnte da nicht eintreten. Und in Europa müssten die Türen, die ähnlichen Zwecken dienen, sicherlich um ein gutes Stück breiter sein.

Es besteht ein Zusammenhang zwischen der Schmalheit dieser indischen Käfigtürchen und dem Körperbau der Eingeborenen. Ich habe schon erwähnt, dass Bombay keineswegs die Stadt der fetten und breitgeformten Leute ist. Das schmächtige Gitterpförtchen ist im Einklang mit den leiblichen Eigenheiten der Landeskinder, mit ihrer durchschnittlichen räumlichen Ausdehnung. Gerade recht für die schlanken Mädchen, die hier die Liebe ausüben; und für die indischen Männer, die da ein- und ausgehen; unter diesen hab' ich bis heute keinen bemerkt, der es in seiner Körperbeschaffenheit nur einigermaßen mit einem richtig feisten Sohne Europas aufnehmen könnte. Ein abendländischer wohlgeratener Gevatter Schlächter oder Selchermeister wäre in Verlegenheit, wie er sich durch das Türchen eines indischen Buhlkäfigs durchzwängen sollte.

In dieses Paradies können nur die Mageren kommen. Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, denn ein Fettreicher durch solch eine Freudenpforte. Ihr Dickbäuche, die ihr hier einzutreten hofft, – lasciate ogni speranza!

Mich selber würde zwar mein Leibesumfang nicht hindern, hineinzugehen, da ich vom Hundert-Kilo-Gewicht genügend weit entfernt bin, doch es gibt ein ernstliches Aber –

* * *

Ich wäre gestern gern einmal in einen Erdgeschoß Käfig, in das vergitterte Gelass einer Inderin eingetreten, um derlei Liebesstätten innen anzuschauen, – aber solchem Plane stellen sich einige Bedenken entgegen: das Unbehagen, das man empfindet, wenn man sich vorstellt, man müsste mit irgendeinem Lappen des Mobiliars in Kontakt kommen, – diese berechtigte Berührungsscheu könnte man füglich um des belehrsamen Zweckes willen überwinden; aber einer anderen Schwierigkeit will man denn doch Rechnung tragen, nämlich dem Umstand, dass es in der Falkland-Road vermutlich einiges Aufsehen erregen würde, wenn ein „Sah'b“, ein „Europäer“, in solch ein Käfigloch einträte.

Die Falkland-Road ist, wie erwähnt, eine sehr belebte Straße, abends sieht man da ein vielfältiges Kunterbunt von Indern: Hindu, indische Muslime, Parsen, Goanesen. Und nicht selten Araber.

„Europäer“ sind hier eine Seltenheit. Ich war gestern in dieser Gegend so ziemlich der einzige „Europäer“ unter Tausenden von „Natives“.

Der europäische Mann, der sich in der Falkland-Road einfindet, erregt allerdings kein Aufsehen, nicht einmal offensichtliche Aufmerksamkeit, die Inder der Falkland-Road gaffen ihn nicht wie ein fremdartiges Wundertier an, denn dem Eingeborenen von Bombay ist der Europäer immerhin eine gewohnte Erscheinung; der Europäer ist, wenn auch nicht in vielen Exemplaren, tagtäglich im Bereiche der Native-Stadtteile zu sehen, und im „Fort“, im Europäer-Viertel von Bombay, ist er in größerer Zahl den Eingeborenen sichtbar.

Wenn ein europäischer Mann in der Falkland-Road, auf der Gasse, vor der Gittertür eines Freudenkäfigs beschaulich stehen bleibt, so erscheint das freilich nicht als etwas Auffälliges; der europäische Sah'b würde jedoch sicherlich die Aufmerksamkeit des eingeborenen Straßenpublikums in nicht geringem Maße erregen, wenn er in der belebten Falkland Road vor aller Augen ins vergitterte Freudenstübchen einträte.

Als betrachtender Spaziergänger erweckt er in den Straßen der Eingeborenen-Stadtteile von Bombay keineswegs die Sensation, die z. B. ein Neger in den Gassen einer europäischen Provinzstadt und vielleicht auch einer europäischen Metropole heutzutage noch hervorruft, aber der in den Native-Gassen von Bombay promenierende Europäer darf überzeugt sein, dass er bemerkt wird und wie ein Fremdkörper empfunden wird. Die Eingeborenen bemerken ihn, ohne es ihn merken zu lassen, sie sehen ihn, ohne ihn anzuglotzen, seine Anwesenheit ist ihnen als die eines heterogenen Elementes bewusst, ohne dass sie ihn danach behandeln.

Falls einmal die Eingeborenen, durch einen gelegentlichen Anlass bewogen, auf der Straße vom Europäer Notiz nehmen, so geschieht dies mit den Formen der Hochachtung oder gar der Verehrung, wobei es im Einzelfall dem Europäer unbenommen bleibt, sich über die Aufrichtigkeit solcher Devotionsäußerungen seine besondere Meinung zu bilden.

Drüben in der nahe-gelegenen Suklajistreet, in jener anderen Gasse, die geradezu bloß den Zwecken einer Hetären-Gasse dienstbar ist und auch einigermaßen abseits der Hauptverkehrsadern liegt, kann man wohl Europäer sehen, die in den Käfigen der Inderinnen so tun, als wären sie zu Hause; doch hier in der Falkland-Road, die vor allem eine Ader für den allgemeinen Verkehr ist und erst secundo loco dem Verkehr der Geschlechter dient, habe ich während zahlreicher Spaziergänge niemals einen Europäer als Gast eines Käfigs bemerkt.

Wenn es einem nur darum zu tun ist, die Einrichtung eines solchen vergitterten Freudenstübchens zu betrachten, so kann man das Bemerkenswerte hinlänglich von der Straße aus sehen. Und wahrlich, es ist keine Freude, in diese Stübchen hineinzuschauen. Man empfindet das Bestimmungswort „Freuden“ als etwas Widerspruchsvolles und Ironisches, wenn man hier vor den vergitterten Räumen steht. Der Ausdruck „Stübchen“ ist eine überaus beschönigende Schmeichel-Titulatur. Ich finde keine zutreffende Bezeichnung für diese Räume. Sie haben etwas von einem Stall, von einer Höhle, von einem Gefängnis, von einem Tierkäfig.

* * *

Manchmal gemahnen sie mich an Affenkäfige. Hinter einem Gitter kauern in dem kleinen Gelass auf dem Boden fünf oder sechs Gestalten nahe bei einander und spähen aus dunkelfarbigen Gesichtern zwischen den Gitterstäben auf die Gasse hinaus. Das sind die indischen Freudenmädchen, die einem Besucher entgegenharren.

Woher, von welchen Einzelheiten, dem kleinen Raum der Charakter des Verwahrlosten und Unerquicklichen kommt, ist schwer zu sagen. Man müsste all seine Eigenheiten der Reihe nach aufzählen, den unebenen Fußboden aus gestampfter Erde, das staubige, rauchige Deckengebälke, die unsauberen Wände, die einmal weiß getüncht waren, das Fetzenwerk, das auf einer Schnur aufgehängt ist, die Lappen im Winkel auf dem Fußboden, das spärliche, armselige Mobiliar. Man müsste dieses „Interieur“ Punkt für Punkt abkonterfeien und würde doch nimmer die Stimmung erzielen, die auf den Betrachter der Wirklichkeit, den Spaziergänger in der Falkland-Road, eindringt.

Und mancher Farbenklecks würde erst eines Kommentars bedürfen. – Da sind auf einem schiefen Balken, der an einer Seitenwand im Innern eines Käfigs hinläuft, einige rote Flecken. Wie Blutflecken. In einem anderen Käfig sind derlei Flecken auf dem Fußboden.

Auch außerhalb manches Käfigs, vor dem Gittertürchen auf dem Gassenboden, oder auf den Brettern, die einen Teil der Außenwand des Käfigs bilden, findet sich das rote Mal. Es schaut aus, als wäre es dadurch entstanden, dass jemand nach einer Zahn-Extraktion ausgespuckt hat. Diese „Blutspuren“ beschränken sich übrigens nicht auf die Falkland-Road, man findet sie allerwegen in Bombay, im Straßenstaub, auf Häusermauern, auf Baumstämmen etc. etc.

Eine naive Seele könnte auf die Vermutung kommen, dass in jedem Hause von Bombay zum mindesten ein Zahnarzt wohnt, der eine sehr gute Praxis hat und seine Patienten mit blutendem Zahnfleisch entlässt. Eine mystisch veranlagte Seele mit prophetisierenden Neigungen könnte in den roten Flecken des indischen Bodens ein unheimliches Mene-Tekel sehen …

In Wahrheit sind die roten Flecken sehr harmloser Herkunft: unter den Eingeborenen von Bombay ist das Betel-Kauen sehr verbreitet; aus Bestandteilen der Arekanuss, aus gebranntem Kalk und aus anderen Ingredienzien wird eine blutrote Masse bereitet, die man mit Behagen kaut und allerorten ausspuckt. Dieser Tätigkeit sind Alt und Jung, Reich und Arm, Mann und Frau ergeben.

Auch manch eines indischen Freudenmädchens Zähne zeigen die rote Färbung, die eine Folge der erwähnten Kaugewohnheit. Zu den Genüssen der Mädchen gehört auch das Zigarettenrauchen. In nicht allzu verschwenderischem Ausmaß bieten sich wahrscheinlich die Freuden des Essens und Trinkens diesen armen Freudenmädchen dar.

* * *

Armut, betrübliche Dürftigkeit tun sich in allem kund, was der Käfig besitzt – und nicht besitzt. Das gesamte „Mobiliar“ besteht für gewöhnlich aus einem Bett, gegebenenfalls noch aus einem Sessel oder wenigen Sesseln.

Das Bett weckt in dem Beschauer den Wunsch: niemals in die schreckliche Lage geraten, auf diesem Bett liegen zu müssen! Die Betten in den Käfigen haben fast durchweg eine Familienähnlichkeit; die gleiche Funktion, das gleiche Milieu wirken uniformierend auf das zugehörige Gerät. Es ist eine Art „Himmelsbett“. Ein Baldachin, eine Umhegung aus Vorhängen überdeckt das Bettgestell.

Vielleicht wollen die Vorhänge dekorativen Zwecken dienen. Sollte dies der Fall sein, so muss gesagt werden, dass sie solchen Zweck ganz und gar nicht erfüllen. Sie sind für gewöhnlich ebenso wenig sauber – milde gesagt – wie das Bett selber.

Zunächst sollen aber die Vorhänge eine Schutzwehr gegen die Blicke der Außenwelt sein. Denn im Allgemeinen hat der Käfig keinen abgeschiedenen Nebenraum, wohin sich der Besucher mit dem Mädchen zurückziehen könnte. Die Bett-Vorhänge müssen dem liebenden Paar schlecht und recht als deckende Umzäunung und Tarnkappe dienen, während in ebendemselben Käfig zu gleicher Zeit noch andere indische Mädchen weilen und, nach ferneren Besuchern fahndend, durch das Gitter auf die Straße hinausschauen, auf die Straße, durch die tausendäugig das abendliche Leben dieses Stadtteiles wallt.

Tausendäugig, wenn auch – in der Regel – nicht mit seh-begierigen Späher-Augen. (Die Ausnahme werde ich noch erwähnen.)

Die Dimensionen des überbreiten und infolge des Baldachins höher-ragenden Bettes sind im Missverhältnis zur Kleinheit des Käfigs. Wie ein Ungetüm, das massig und anmaßlich eine Höhle erfüllt, steht das Bett da. Als Hauptgegenstand, als Attraktions-Ding.

In der Tat mag dieses so wenig verlockende Bett die Aufgabe haben, als Lockmittel zu wirken und dem indischen Publikum der Falkland-Road, das für gewöhnlich nicht derlei Betten europäischer Bauform als Schlafstätte benützt, eine Illusion von Luxus und Komfort zu erwecken.

Ein Berufsgerät, das seinen Platz mit gebührender Gewichtigkeit einnimmt; wie die Hobelbank in der Tischlerei, die Nähmaschine in der Schneiderwerkstatt, der Amboss in der Schmiede.

* * *

In etlichen Käfigen ein einziges Bett und mehrere Mädchen.

Wer immer da hereinkommt, ein jeder Mann, der in der Gitterkammer die Erfüllung seines Begehrens sucht, – er landet auf dem einen Bett. Und welche Käfig-Inderin immer er als Teilhaberin seiner Freuden erwählt, – sie landet auf dem einen Bett.

Ein Bett für alle, für alles.

Ein allgemein-zugänglicher Gebrauchsgegenstand; sämtliche Männer, die vorübergehen, können ihn ohne weiteres benützen, wenn sie wollen, vorausgesetzt dass sie eine kleine Abnützungsgebühr zahlen. Und bekommen noch als Zugabe ein schwarzbraunes Mädchen.

Was hat diese Bettstatt im Laufe der Jahre alles gesehen, gehört! Wie viele lustverzerrte Gesichter, wie viel ersterbendes Stöhnen.

Und sie hat mitgebebt mit den Zuckungen der Leidenschaft.

Auch die Sessel – es sind ganz gewöhnliche Sessel europäischer Mache – sollen wahrscheinlich den indischen Mädchen als verklärendes Piedestal dienen. Die Eingeborenen Indiens pflegen mit einer Art „tiefer Kniebeuge“ auf dem Boden nieder zu hocken, wenn sie sich zur Ruhe „setzen“. Das ist gemäß dem Landesbrauch die vulgäre Muße-Positur des Körpers.

Wenn nun eine Inderin im Käfig an der Gittertür auf einem Sessel sitzend sich zur Schau stellt, so erzielt sie einen vornehmeren Nimbus, sowohl dadurch, dass sie sich von der gewöhnlichen Kauerstellung emanzipiert, als auch dadurch, dass sie ein besonderes, eigenes Sitzgerät benützt statt des Erdbodens, der Sitz-Gemeingut ist. Zudem ist sie, auf dem Sessel thronend, leichter wahrnehmbar, den vorbeigehenden Männern deutlicher vor die Augen gerückt als in der Kauerstellung unten auf dem Boden.

Etliche Käfigmädchen haben also Sessel, die anderen hocken auf dem Boden nach gutem altem Brauch, in einer Körperhaltung, die auch bei den Affen Geltung hat.

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Auf dem Trottoir längs der Käfige promenier ich in der Falkland-Road zwischen den dahinwandelnden Eingeborenen und schaue, betrachte.

Wenn man sich in fremden Landen auf einem Spaziergang befindet und die Sitten und Bräuche ein bisschen Einblick zu gewinnen wünscht, darf man nicht rücksichtsvoll und diskret die Augen schließen. Wer sehen will, muss schauen.

Und ich sehe also, dass es in dieser indischen, von Menschen durchfluteten Straße recht unbefangen zugeht und dass sich hier ein eifriger Liebesbetrieb abwickelt. Man kann oft bemerken, wie irgendein Mann in den Käfig zu den Mädchen eintritt; oder wie einer durchs Gittertürchen wieder herausschlüpft, auf das Trottoir springt und rasch davongeht, mit dem Gesichtsausdruck derer, die von der käuflichen Liebe kommen, aus den Armen der Dirne. Mehr verstimmt als beglückt.

Als der Mann bei dem Freudenmädchen eintrat, da sah er alles durch den rosigen Nebel der geschlechtlichen Begierde und der Käfig erschien ihm als ein Gemach wunderbarer Verheißungen. Mit ernüchtertem Blick und mit einigem Widerwillen gegen diese trübselige Liebeshöhle, gegen die buhlbeflissene Höhlenbewohnerin und gegen sich selber eilt der Mann vondannen.

Im Vorübergehen, Weitergehen sehe ich, wie ein Inder gerade in das Bett des Käfigs hineinsteigt. – Nun, dergleichen ist in Kamatipura kein allzu seltener Anblick.

Allerdings, wenn möglich, trifft die Inderin Vorkehrungen, um solch intime Vorgänge vor den Blicken der Straßenpassanten zu schützen: Gassenseits hat der Käfig eine Holzverschalung, die aus primitiven Bretterflügeln gefügt ist. Wo das Gittertürchen ist mit seinen dünnen, senkrechten Eisenstangen, lässt der Verschlag – es ist da ein Brett zurückgeklappt – eine Lücke frei. Hat ein liebesdurstiger Gast den Käfig betreten, so steckt das Mädchen die Hand durchs Gitter, zieht den zurückgelehnten Bretterflügel heran und jetzt ist die Gitterpforte bedeckt, vermummt.

Oder es gibt innen im Käfig ein Holztürchen, das zur gleichen Aufgabe herangezogen wird.

Die Welt im Innern der Freudenkammer – eine Halbwelt – ist fortan für die vorübergehenden Straßenpassanten mit Brettern verschlagen.

Jeder weiß, die lose angelehnte Holztür bedeutet in der Blumensprache von Kamatipura: „Besetzt!“

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Unter den Käfig-Insassinnen sind einzelne Mädchen, die recht hübsche Gesichtszüge haben. Aber man müsste diese braunen Töchter Indiens vorerst einigermaßen genießbar machen, ehe man eine Annäherung in Erwägung ziehen könnte; man müsste sie aus der abstoßenden Umgebung wegbringen und einer gründlichen Reinigung unterziehen, man müsste auch ansonsten prüfen, ob gegen eine Annäherung keine sanitären Bedenken vorliegen.

Die Männer, die hierher in die vergitterten Freuden-Stallungen der Falkland-Road kommen, um ihrem Liebesbedürfnis Genüge zu leisten, gehören den unteren indischen Volksklassen an; oder den unteren Gruppen der Mittelschicht.

– Ich habe den Ausdruck „Stallung“ gebraucht, aber mir fällt ein, dass mancher Pferdebesitzer sich's wohlweislich überlegen würde, seine Tiere in derart unwohnlichen Räumlichkeiten unterzubringen.

– Es gibt Käfigmädchen, die so arm sind, dass sie nicht einmal ihr Berufsgerät besitzen, – sie haben keine Bettstatt: im Vordergrund des kleinen kahlen Erdgeschoß-Raumes hockt die Inderin auf dem Erdboden bei den Gitterstäben; in geringer Entfernung hinter ihr ist quer durch den Raum ein ärmlicher, unsauberer Vorhang gespannt, so dass ein notdürftig abgesonderter Hintergrund geschaffen ist. Ein Bett ist nicht sichtbar. Wahrscheinlich ist das Liebeslager des Mädchens auf dem Erdboden hinter dem Vorhang.

Bekleidet sind die Käfigmädchen mit dem hosenartig geschlungenen Schurz, den ich in meiner Schilderung der „Fleischmädchen“ erwähnt habe. Die Unterschenkel und ein nicht geringer Teil der Oberschenkel bleiben nackt. Es ist die Tracht der „Kuliweiber“, welche in reichlicher Zahl auf den Arbeitsplätzen des Hafengebietes und auf anderen Arbeitsstätten von Bombay zu sehen sind.

Doch bemerke ich hier in der Falkland-Road auch Käfigmädchen, die aus ihrem Gewand-Laken einen fast bis zum Boden hinabreichenden Rock geformt haben. Diese Tracht gilt als die stattlichere.

Einige Käfige sind sehr düster, nahezu unbeleuchtet. Das Mädchen kann wegen seiner großen Armut die paar Anna's [Ein Anna hat ungefähr den Wert von 8 Pfennigen.] nicht aufbringen, die zur Herstellung eines ausreichenden Lichts nötig wären.

– Paar Anna's. – Wenn man die Vermögenslage der Besucher in Betracht zieht, die als Stammgäste der Käfige anzusehen sind, so darf man mutmaßen, dass der ganze Liebeslohn, den solch ein Inder unterster Volksklasse dem Mädchen spendet, auch nicht mehr betragen wird als paar Anna's, – oder paar Paare Anna's.

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