Kitabı oku: «Dich sah ich wachsen»
Erwin Thoma
DICH SAHICH WACHSEN
Was der Großvater noch über Bäume wusste


Dieses Buch widme ich dem Zimmerer Gottlieb Brugger (1907–1999), dem ich viele wertvolle Anregungen verdanke.
© 2016 Servus bei Benevento Publishing, Eine Marke der Red Bull Media House GmbH, Wals bei Salzburg
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Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:
Red Bull Media House GmbH
Oberst-Lepperdinger-Straße 11–15, 5071 Wals bei Salzburg, Österreich
Bildnachweis: S. 5, 129: Thoma Holz GmbH/Erwin Thoma; S. 26: ÖNB/Wien (59096-B); S. 27: ÖNB/Wien (Pk 4964, 13, 82); S. 99, 115, 119: Stefan Pfeiffer/Freilichtmuseum Großgmain; S. 104: ÖNB/Wien (43227-B); S. 106: ÖNB/Wien (FO25679); S. 108: ÖNB/Wien (B5 1787/10); S. 112: ÖNB/Wien (HEY035836)Illustrationen: alle Illustrationen von Ernst Muthwill,ausgenommen: S. 83, 84: Helmut Huber
Gesamtherstellung: Buch.Bücher Theiss, www.theiss.at
Buchtitel »Dich sah ich wachsen« aus der »Ode an das Holz« (Oda a la Madera) von Pablo Neruda.
Pablo Neruda, Das lyrische Werk © Luchterhand Literaturverlag München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Gedicht, S. 160 © Fritz Gillinger
Umschlaggestaltung, Umschlagabbildung und Illustration Kapitelaufmacher: Andreas Posselt
Autorenporträt: Jan Ludwig/Thoma Holz GmbH
E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH
ISBN 978-3-7104-5019-8
Ode an das Holz
Pablo Neruda
Ach, soviel ich auch kenne
und immer wieder kenne,
unter allen Dingen
ist meine beste Freundin
das Holz.
Ich trage durch die Welt
an meinem Leib mit mir, in meiner Kleidung
Geruch von Sägemühlen,
roter Bretter Duft.
Meine Brust, meine Stimme,
sie sogen sich in der Kindheit
mit Bäumen voll, die niederstürzten,
mit gewaltigen Wäldern
voll künftiger Bauten.
Ich lauschte, wenn sie einhieben
auf die gigantische
Lärche,
den Lorbeerbaum vierzig Meter hoch.
Axt und Gurt
des winzigen Holzfällers
fällten schnell
ihre stolze Säule,
es siegt der Mensch und hinstürzt
voller Wohlgeruch die Säule,
die Erd erzittert, ein dumpfer
Donner, dunkles Seufzen
der Wurzeln, und da
überflutet die Sinne mir
eine Woge
von Waldesdüften.
Das war in der Kindheit, geschah auf
den feuchten Erden, fern
in der Wildnis des Südens,
auf den grünen,
lieblich duftenden
Archipelen,
vor mir
wurden Balken geschaffen,
schlummernde,
wie Eisen schwer,
Bretter,
helltönend und schmal.
Stählern ihre Liebe singend,
knirschte die Säge,
es heulte die scharfe Schneide,
die metallische Klage
der Säge, die,
einer gebärenden Mutter gleich,
das Brot des Waldes schnitt
und ein Kind zur Welt brachte inmitten
des Lichts
und der Wildnis,
aufreißend das Innere
der Natur,
Schlösser
erschaffend von Holz,
Wohnungen für den Menschen,
Schulen und Särge,
Axtstiele und Tische.
Alles
dort im Walde
lag unter dem feuchten Laub
im Schlaf,
als ein Mann,
sich gürtend
und die Axt erhebend,
begann,
des Baumes reines
Gepränge zu schlagen,
und dieses
fällt,
Donner und Wohlgeruch stürzen,
damit aus ihnen das Bauwerk
erstehe, die Form,
das Gebäude
unter den Händen des Menschen.
Dich kenne ich, dich lieb ich,
dich sah ich wachsen,
Holz.
Darum,
so ich dich anrühre,
antwortest du
wie ein geliebter Leib,
du weisest mir
deine Augen und deine Fasern,
deine Knorren, deine Male,
deine Adern,
die reglosen Flüssen gleichen.
Ich weiß,
was sie
singen
mit Windes Stimme,
ich lausche
der stürmenden Nacht,
des Pferdes
Galopp in der Wildnis,
ich rühre dich an, und du,
wie eine spröde Rose,
die nur für mich zum Leben wiedererblüht,
öffnest dich,
den Duft
mir schenkend und das Feuer,
die gestorben schienen.
Unter dem stumpfen Anstrich
ahne ich deine Poren,
erstickt schon, rufst du mich,
und ich höre dich,
fühle
die Bäume
schwanken,
die meine Kindheit überschattet,
sehe
aus dir,
einem Flug von Ozean
und Tauben gleich,
die Schwingen der Bücher fliegen
das Papier
von morgen,
für den Menschen
das reine Papier für den reinen Menschen,
der morgen leben wird
und der heut geboren,
beim Tönen einer Säge,
beim Zerreißen
von Licht, Klang und Blut.
Das ist das Sägewerk
der Zeit,
umsinkt
die dunkle Wildnis, dunkel
ward geboren der Mensch,
es fallen die schwarzen Blätter,
und erdrückt das Dröhnen der Schlacht,
das Wort haben zur gleichen Zeit
Tod und Leben;
wie einer Geige entstiegen, erhebt sich
das Lied oder die Klage
der Säge im Wald,
und so ersteht
das Holz
und beginnt seinen Lauf durch die Welt,
bis es der stille Erbauer ist,
vom Eisen zersägt und durchbohrt,
leidend und schirmend
die Wohnstatt
errichtet,
wo täglich
einander begegnen werden der Mann, die Frau
und das Leben.
Über den Titel dieses Buches
»Dich sah ich wachsen« ist eine Zeile aus der wunderschön poetischen »Ode an das Holz« des chilenischen Dichters Pablo Neruda.
Der 1904 in Parral, Chile, geborene Neruda – bürgerlicher Name: Neftalí Ricardo Reyes Basoalto – gilt als einer der größten lateinamerikanischen Lyriker des 20. Jahrhunderts. Die »Ode an das Holz« stammt aus dem 1954 veröffentlichten Zyklus »Odas Elementales«. Sie ist eines der vielen Werke, die Neruda in seinen späteren Jahren in poetischer Rückschau den von ihm geliebten Dingen widmete.
Neruda wurde in viele Sprachen übersetzt, 1971 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Er starb 1973 in Santiago de Chile.
Vorwort
Wenn ein Buch nach 20 Jahren immer noch begeistert gelesen, verschenkt und gekauft wird, dann hat die wichtigste Jury – die Leserschaft – das Urteil gesprochen.
So etwas geschieht am Büchermarkt ganz selten. Nur echter Nutzen und wertvolle Informationen eines Buches können das bewirken. Es wäre unbescheiden, würde ich als Autor des Buches so über mich selbst schreiben. Aber zu einem großen Teil stammt die Weisheit dieses Buches nicht von mir. Sie wurde mir vom Opa geschenkt.
Lesen Sie selbst, wie tief dieses Geschenk in mein Leben eingegriffen und es bereichert hat. Dafür kann ich nur dankbar sein. So möchte ich das Geschenk auch allen anderen Menschen zugänglich machen.
Ein weiterer Grund für die anhaltende Popularität dieses Büchleins liegt wohl darin, dass es in gewisser Weise Holzgeschichte geschrieben hat.
Im Jahr 1995 habe ich damit erstmals das Thema Mondholz breit dem Fachpublikum vorgestellt. Es folgten sehr kontroverse Debatten und auch Studien mit widersprüchlichen Aussagen. Schlussendlich wurde Opas Mondholzwissen an der renommierten ETH Zürich nachgewiesen und bestätigt.
Sie lesen hier also den Erfahrungsbericht aus einer Zeit, in der noch jeder wissenschaftliche Nachweis fehlte.
Natürlich war es nötig, das Buch nach 20 Jahren und nach neun Auflagen endlich zu überarbeiten. Das Brennholzkapitel habe ich neu hinzugefügt, den ehemaligen Teil »Mensch und Baum« gestrafft und zusammengefasst. Über einzelne Themen, wie Holz und Gesundheit, die Entwicklung zum energieautarken, dämmstofffreien Haus, über die Sprache und Wirkung der Bäume auf uns Menschen, konnte ich darüber hinaus eigene umfangreiche Bücher verfassen, die auch im Servus Verlag erhältlich sind.
Doch beginnen wir unsere Reise zu den Bäumen, zum Holz und zur Natur mit dem uralten Wissen, das heute wieder so wichtig wird.
Erwin Thoma
Einführung in die Wunder des Holzes
Hier lesen Sie,
… wie ein Blinder verschiedeneHolzarten zu unterscheiden lernte;
… warum ein hölzerner Kamin 400 Jahreim Feuer war und doch nicht verbrannte;
… dass auch 90-jährige Augen noch leuchtenkönnen und wie die unendliche Freundschaftzwischen Mensch und Baum begann

Mit allen Sinnen
Streichen Sie einmal bei geschlossenen Augen mit der Hand über die glatte Oberfläche einer Ahorntischplatte und führen Sie anschließend Ihre Fingerspitzen über das grobporige Holz einer Esche oder Eiche.
Schließen Sie Ihre Augen und klopfen Sie auf das harte Holz einer Buche. Probieren Sie dasselbe dann an der weichen Fichte. Viele Wege führen uns an die Geheimnisse der verschiedenen Hölzer heran – wir sind es aber gewohnt, uns in erster Linie auf unsere Augen zu verlassen.
Der blinde Mann wurde von seiner Frau in unser Haus geführt. Mit seinem Stock konnte er zwar Stufen, Wände und Ecken wahrnehmen, dennoch achtete auch die Frau darauf, dass ihn kein Hindernis überraschte. Nach der kurzen Begrüßung setzte er sich an unseren Tisch und seine Hände musterten sofort die abgegriffene und glatte Ahornplatte.
Einen Fußboden für ihr neues Haus suchten die beiden. Vor allem die Frage der Holzart war zu klären. Wie aber sucht ein Mensch ohne Augenlicht die Holzart aus?
Diese Frage stand unausgesprochen im Raum – auch unsere Kinder versammelten sich interessiert um den Tisch. Nur der Hund schlief auf seiner Decke unbeeindruckt den gewohnten Hundeschlaf.
Der blinde Mann hatte in seinem Leben alle anderen Sinne viel mehr geschärft, als dies einem Sehenden möglich wäre. Er hatte gelernt, so gut es nur irgendwie ging, das fehlende Augenlicht zu ersetzen. Mit Hölzern freilich hatte er seinen feinen Tastsinn, seine Ohren und seinen Geruchssinn bis zu diesem Besuch wohl noch kaum beschäftigt.
Interessiert und beinahe ein wenig ungeduldig ließ er sich von seiner Frau und mir Holzart für Holzart erklären. Seine Finger, Handflächen und Nägel arbeiteten dabei emsig an den herbeigeschafften Mustern verschiedener Vollholzböden.
Eine seltsame Spannung lag im Raum. Wir alle spürten diese Erkundung einer neuen Welt. Sogar unsere drei Kinder saßen mucksmäuschenstill am Tisch und bewunderten die ungewohnt forschenden Bewegungen der Hände.
Erst spät in der Nacht hatte unser Besuch das Haus verlassen. Die beiden waren sich in ihrer Entscheidung sicher und hatten für Vorhaus, Wohnzimmer und Schlafraum verschiedene Hölzer ausgewählt. Die Böden wurden in unserer Werkstatt aus Fichten, Buchen und Eichen angefertigt.
Der geplante Einbau der Böden wurde durchgeführt, Gespräche und Besuche folgten, eine Freundschaft zu Karin und Andreas entstand.
Trotzdem verging nach Abschluss der Bodenlegearbeiten beinahe ein Jahr, bis die beiden an einem Abend wieder an unserer Haustüre standen. Diesmal ließ sich Andreas von seinen Händen rasch und sicher durch unser Vorhaus und die Küche führen. Mit einer Mischung aus schelmischer Vergnügtheit und Siegesmiene erklärte er mir bei jedem hölzernen Gegenstand, den er ertasten konnte, ohne Umschweife, um welche Holzart es sich handelte. Ein alter Tischlermeister hätte es nicht besser machen können. Es dauerte einige Minuten, bis ich mir einen Ruck gab und meinen vor Staunen offenen Mund schloss.
An dieser Stelle will ich dir danken, lieber Andi.
Durch dich konnte ich wieder einmal sehen, auf welch vielfältige Weise Holz alle unsere Sinne berührt und uns Tag für Tag beeinflusst und begleitet, auch wenn wir uns das nicht immer bewusst machen.
Du hast mich in meiner Haltung bestärkt, Holzoberflächen unbehandelt zu belassen und selbst strapazierte Flächen höchstens zu ölen und zu wachsen. Denn Lacke und ähnliche porenverschließende Beschichtungen sperren unsere Sinne vom wunderbaren Holz weg und verhindern eine tiefe und vielfältige Beziehung zu ihm.
Durch dich, lieber Andi, konnte ich dem Satz »werdet wie die Kinder …« in meinem Leben eine zusätzliche Bedeutung geben. Ich freue mich über jede Berührung einer Holzoberfläche und lasse dieses Gefühl, bei den Fingerspitzen und Handflächen beginnend, bewusst durch den ganzen Körper strömen. Entspannung und Kraft kann ich auf diese Weise aus den verschiedenen Hölzern und Bäumen schöpfen – als ob ich das Bild mannigfaltiger Landschaften sehen und in mich aufnehmen könnte.
An dieser Stelle lade ich alle Leserinnen und Leser ein, das Schauen und Staunen wie die Kinder ein klein wenig in ihr eigenes Leben einzubauen. Der Aufwand und die Mühe, die Sie dafür benötigen, sind gering, doch der Lohn ist reichlich.
Sorgen Sie bei so vielen Anschaffungen wie möglich für natürliche Materialien, mit denen Sie Ihr Leben gern verbringen möchten. Gehen Sie mit all diesen Gegenständen um wie ein Kind.
Beriechen, betasten und begreifen Sie diese Dinge immer wieder aufs Neue, unvoreingenommen und neugierig wie ein Kind. Kleidungsstücke, Möbel, Boden- und Wandbeläge sowie Gegenstände des täglichen Gebrauchs werden Ihnen auf diese Weise zu Quellen der Kraft, Inseln der Ruhe und zu Felsen des Haltes werden – Geschenke des Himmels und eine neue Qualität des Lebens, die wir nur erkennen und annehmen müssen.
Warum ein Holzkamin 400 Jahre im Feuer überstand
Ein hölzerner Kamin hat es mir in meiner Kindheit ganz besonders angetan. Dieses seltsame Bauwerk befand sich im rund 400-jährigen Bauernhaus einer uns befreundeten Bergbauernfamilie.
Von der offenen Feuerstelle im Erdgeschoss des aus Holzbalken errichteten Hauses führte der schwarze Kaminschacht aus Lärchenholzbrettern durch das Obergeschoss mit den Schlafkammern bis über das schindelgedeckte Dach des Hauses hinaus, das wie ein Adlerhorst oberhalb eines Felsens auf einer steilen Bergwiese in meinem Heimatort Bruck am Großglockner lag.
Ich konnte nicht ahnen, dass die Geheimnisse und das Wissen, die hinter diesem Bauwerk standen, meinen Berufsweg und mein Leben prägen würden. Nein, es war ein ganz anderer Grund, der dafür sorgte, dass dieser Holzkamin in meinem Bubenkopf einen festen Platz einnehmen konnte: Als Sechsjähriger hätte ich ohne die Wachsamkeit eines Bauernknechts beim verbotenen Spiel mit Streichhölzern beinahe einen Heustadel in Schutt und Asche gelegt. Mein Bußgang, den diese Lausbubengeschichte nach sich gezogen hatte, führte mich vom Dorfpolizisten zur Mutter, von der Mutter zum Vater, vom Vater zur Lehrerin und von der Lehrerin zum Schuldirektor.
Auf jeder dieser Stationen »erlebte« ich andere Maßnahmen, damit in diesem Bubenhirn nie mehr die Lust am gefährlichen Spiel mit Streichhölzern erwachen möge.
Der Erfolg des Bußganges hat sich eingestellt. Bis heute habe ich ihn nicht vergessen. Meinem Lausbubenstreich verdanke ich aber noch etwas: Der Information, dass der Holzkamin im Bauernhaus der befreundeten Familie deshalb nie abgebrannt ist oder nie Feuer gefangen hat, weil er aus besonderen Bäumen errichtet wurde, die zu einem besonderen Zeitpunkt geerntet worden waren, der mit dem Mond zusammenhängt, konnte ich in meiner Fantasie einen ungeheuer praktischen und faszinierenden Wert zuordnen.
Mit Begeisterung malte ich mir aus, dass ein Heustadel, der aus solchem Holz gebaut wird, ganze Scharen von mit Streichhölzern ausgerüsteten Buben unbeschadet überstehen würde. Der Gedanke an die Existenz eines Heustadels, in dem ich die verbotenen Streichholzexperimente ohne jegliche Gefahr wiederholen könnte, entschädigte mich vollständig für jene Schimpf und Schande, die meine kindliche Streichholzdummheit nach sich zog.
Jahre später war eher die Tochter im alten Bergbauernhaus das Ziel meiner Interessen und es hat noch einige Jahre gebraucht, bis ich wieder auf diesen alten Holzkamin gestoßen bin.
Auch 90-jährige Augen können noch leuchten
»Nachdem die Bäume geschlagen1 waren, sind noch Monate bis zur weiteren Aufarbeitung vergangen. Viele unserer Baustellen waren damals ohne Zufahrtsweg – Bergbauernhöfe, Almen und Hütten im Krimmler Achental. Wir haben uns also an Ort und Stelle helfen müssen.«
Vielleicht haben Sie es sich schon gedacht: Diese Erzählung stammt von unserem Opa, der in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen im salzburgischen Pinzgau, im Ursprungsgebiet der Salzach, sechs Tage in der Woche, vom Morgengrauen bis zum Finsterwerden, als Zimmermann arbeitete. Lesen Sie, was unser Opa noch berichtete:
»Ja, ja, es waren schon lange Tage. Aber über das Tempo der Arbeit hat damals niemand geredet. Es wurde nie getrieben. Mit unseren Handwerkzeugen haben wir immer gleichmäßig dahingewerkt. Wie wir im Windbachtal2 die Schutzhütte aufgestellt haben, sind wir im Lassing3 aufgestiegen. Wir waren acht Mann und haben uns als Erstes an Ort und Stelle die Rindenhütten gebaut. Dort haben wir dann übernachtet, bis unser Bauwerk fertig war.
Nachdem für unser Quartier gesorgt war, haben wir uns aus Rundhölzern Böcke4 gebaut. Auf diesen Böcken sind dann die Baumstämme aufgearbeitet worden, die wir schon im letzten Spätherbst hergerichtet haben.

Einfache Rindenhütten waren die Unterkunft der Holzarbeiter im Wald.
Am Hang war der Bock so angerichtet, dass wir die schweren Stämme mit unseren Zappeln5 draufkegeln und befestigen konnten. Dann ist mit der eingefärbten Schnur der Strich auf den Baumstamm geschlagen worden.
An einen Holzrahmen haben wir ein Sägeblatt gespannt. Und dieses Gatter haben drei Mann geführt. Ein Mann ist über dem aufgebockten Baumstamm gestanden und zwei Mann unter dem Bock. Diese drei haben dann mit dem einfachen Gatter Brett für Brett von den Stämmen heruntergeschnitten.

Bretterschneiden mit dem Handgatter
Diese Arbeit ist wochen- und monatelang so dahingegangen. Immer gleich stad6 ist jeder Blochhaufen gar7 geworden.
Die Bretter für Schalungen und Böden sind dann einige Wochen zum Trocknen aufgespandelt8 und am Schluss der Arbeit händisch gehobelt worden. Auch Nut und Feder haben wir mit der Hand draufgehobelt. Wir haben da natürlich nie geschaut, dass alle Bodenbretter gleich breit sein müssen. Die Breite ist immer vom Baum gekommen.
Die Kanthölzer haben wir meistens mit dem Zimmermannsbeil aus den runden Stämmen herausgehauen. Da war zwar mehr Abfall, wie du heute in deinem Sägewerk beim Kantholzschneiden hast. Aber nach dem Holz hat in diesen abgeschiedenen Tälern kein Mensch gefragt und wir waren mit dem Hacken schneller wie beim Sägen mit der Hand.«
Auf meine Frage, ob er sich nie verletzt hat, antwortet der Opa: »Nein, ich weiß es auch nicht warum, aber ich habe mich in meinem ganzen Leben nie verletzt. Obwohl es beim tagelangen Hacken mit dem Zimmermannsbeil immer wieder passiert ist, dass sich einer in den Fuß gehackt hat. Mit Pech, Schmalz, Arnika und einigen Kräutern haben wir das meistens wieder hingekriegt. Einigen Zimmerern ist aber schon ein schlechter oder steifer Fuß geblieben.«
»Ja, ja«, meint der Opa weiter, »so ein Holzhaus aufstellen war das Werk von einem Jahr. Bei größeren Bauten haben wir auch länger gebraucht. Jeder Balken und jedes Brett ist unzählige Male angegriffen, ausgesucht, gemustert und sortiert worden … Unsere Liebe, Freude und auch Stolz sind bei der Arbeit immer dabei gewesen.« – »Aber Opa, wer hat euch denn da verköstigt?« Die Äuglein vom Opa blinzeln lustig aus dem faltigen 90-jährigen Gesicht: »Ich war der Koch. Doch ich habe den ganzen Sommer das gleiche Muasl9 in der gleichen Pfanne gekocht. Mir scheint, die anderen waren immer zufrieden, sonst hätten sie mich schon abgelöst.«
Genau so leuchten seine Augen, wenn er uns von seinen Bauten erzählt oder uns solche hölzerne Lebenswerke zeigt. Eines haben alle gemeinsam: Von modernen Techniken, Holzschutzmitteln, Lacken, Leimen und schädlicher Chemie hatten der Opa und seine Zimmererkollegen keine Ahnung. Dennoch stehen solche Bauten aus dieser Zeit und aus den Jahrhunderten zuvor noch immer. Sie wirken wie Zeugnisse der Beständigkeit und Wegweiser zur Natur in einer hektischen und vielfach entwurzelten Zeit.
Meine Augen leuchten auch immer in jenen Momenten, in denen sich der Opa einen Holzbau aus unseren jungen Händen ansieht, seine sehnigen Hände über Blockwände, Balken und Böden streichen und dann ein anerkennender Blick aus seinen Augen kommt.
Die Worte »Das habt ihr einwandfrei gemacht! Mir ist nicht schiach10 um euch« nach der Besichtigung eines Holzhauses aus unserer Werkstatt, sind wohl das größte Lob, das uns jemand machen kann. Und was noch viel wichtiger ist: Diese Worte sind die Bestätigung, dass der Brückenschlag zwischen Opas Handwerkstradition und einem modernen, organischen Holzbau gelingen kann.
Auch in einer Zeit moderner Kostenrechnung und gehobener Ansprüche an Fertigungstechniken ist es möglich, ohne Belastung von Gesundheit und Umwelt durch Chemikalien, ohne ausufernde Kosten, auf natürlichem Weg Bauten für Jahrhunderte zu errichten und dabei die Geheimnisse unserer Bäume zu erkunden.
Eine unendliche Freundschaft
Nach Beendigung meiner Forstausbildung und den ersten Jahren im praktischen Einsatz hatte ich meinen Berufsweg fest den heimischen Wäldern und Hölzern verschrieben. Der alte Holzkamin wurde jetzt für mich zum Symbol einer Freundschaft, die Jahrtausende überstanden hat, zum Symbol für eine unendliche Freundschaft. Die Freunde Mensch und Baum konnten sich in dieser langen Zeit bestens kennenlernen. Sie haben einander eine Unzahl von Geheimnissen anvertraut und gelernt, damit rücksichtsvoll umzugehen. Sie haben aber auch erfahren, dass sie gemeinsam alle Anforderungen meistern können – die Holzbaukunst vergangener Jahrhunderte legt ein lebendiges Zeugnis ab. Ein Zeugnis insofern, als uns Bauwerke erhalten sind, die unbeschadet vom jahrhundertelangen Gebrauch die Einflüsse von Wind und Wetter und sogar Feuer überstanden haben. Und das ohne giftige Holzschutzmittel oder Chemikalien.

Das alte Gerichtsgebäude in Sulz, vor 700 Jahren gebaut – aus Holz
Nicht nur beim Hausbau konnte sich der Mensch auf seinen Freund Baum verlassen. In beinahe allen Lebens- und Verwendungsbereichen finden wir die Spuren dieser alten Freundschaft: Holzbrücken, die die Ufer unserer Flüsse verbinden. Auf Pfeilern stehend, haben sie ohne jede wasservergiftende Imprägnierung Jahrhunderte überdauert.
Einzigartige, chemisch unbehandelte Holzmöbel, durch die Farbe und Maserung des Holzes jedes ein Einzelstück. Werkzeuge, geschmeidig, zäh und leicht. Holzfässer, die gelagertem Wein oder Cognac die Vollendung ihrer Reife geben. Welche Geheimnisse waren erst den alten Meistern bekannt, die Musikinstrumente aus Holz hervorgebracht hatten, ohne die die schönste Musik, die unsere Ohren jemals gehört haben, undenkbar wäre?
Spuren der Freundschaft und der Geheimnisse zwischen Mensch und Baum finden wir in Form von erhaltenen Bauwerken und Gegenständen aus Holz, seit es Aufzeichnungen über das menschliche Leben gibt.
Die ältesten historischen Quellen über Holzernte zu bestimmten Zeitpunkten stammen aus der Zeit um 4200 vor Christi. Das Holz für Pfahlbauten aus dieser Zeit soll vorwiegend im Winter geerntet worden sein.11 Von da an finden sich von den chinesischen Hochkulturen über die römische Antike und Holzschiffsbauten des Mittelalters kontinuierlich Quellen bis zum Beginn unseres Jahrhunderts. Von Cäsar bis Napoleon, vom römischen Geschichtsschreiber Plinius bis zu französischen, deutschen und österreichischen Forstordnungen ist die bevorzugte Jahreszeit für die Holzernte der Winter. Die günstigste Mondphase ist Neumond bzw. abnehmender Mond. Für falsch geerntetes Holz waren hohe Strafen bis zur Beschlagnahme der Bäume bestimmt.
Die genaue Betrachtung historischer Quellen über die Holzernte bringt aber noch einen anderen interessanten Hinweis ans Licht: Nicht nur der Holzerntezeitpunkt, sondern auch die Beachtung der richtigen Holzart für bestimmte Verwendungszwecke (Haus-, Schiffs-, Brückenbau …) sowie des Wuchses der Bäume (Boden und Waldort) haben eine mehrere Jahrtausende alte Tradition.
Mit der zunehmenden Verbreitung chemischer Holzschutzmittel in unserem Jahrhundert verzichtete der Zauberlehrling Mensch aber auf die Tradition des natürlichen Holzschutzes. Altes Wissen wurde vergessen …
Lesen Sie im ersten Teil dieses Buches, welch seltsamen Umweg ich gehen musste, um manche Weisheit, die mir der Großvater mit einfachen Worten sagte, richtig zu verstehen. Lassen Sie sich in späteren Kapiteln in die Geheimnisse einweihen, mit denen Sie auf einfache, gesunde und unbefangene Weise mit den Bäumen unserer Wälder die Natur in Ihr Leben einbeziehen können. Einerlei, ob Sie nun Holzspielzeug suchen, Möbel oder Fußböden kaufen oder anfertigen lassen, oder ob Sie ein Holzhaus bzw. Teile Ihres Hauses aus Holz bauen möchten.
Erstes Kapitel: Ruhiges Holz vom richtigen Zeitpunkt
In diesem Kapitel lesen Sie,
… wie der Mondstand während der Holzerntedas spätere Verhalten des verbautenHolzes beeinflusst;
… woran man einen »falschen« Balken erkennt;
… über gar seltsames Zirbenholz und Buchen,die nicht reißen;
… über Bäume, die kein Käfer fressen will;
… was es mit den Abbrandlerhöfen auf sich hat;
… über »zusammengewachsene« Fußbodenbretter;
… über geheimnisvolle Holztröge hochauf der Alm sowie über die»Stunde der Wahrheit« im Holzbau
Der falsche Balken
Im Herbst 1988 war ich als Revierförster im Tiroler Karwendelgebirge tätig. Ein bekannter Münchner Baumeister, der gehört hatte, dass ich für Geigenbauer Bäume suchte und fand, besuchte mich. Er plante, für sich und seine Familie ein Haus zu errichten.
Grundsätze des gesunden Bauens sollten bei diesem Haus ebenso verwirklicht werden wie anspruchsvolle ästhetische Lösungen. Das hieß: Holzbalkendecken, im Vorhaus eine große Galerie aus massiven Balken, Vollholzdielenböden mit breiten Dielen, unbehandelte Lärchenholzterrassen im Freien …
Nun wusste der Baumeister, dass für solche Zwecke üblicherweise »Leimbinder«, also schichtverleimte Kanthölzer, schichtverleimte Böden und für die Terrassen druckkesselimprägnierte Hölzer verwendet werden. Er wusste aber auch, dass dies ebenso mit unbehandeltem Massivholz möglich sein müsste, wenn man nur das richtige Holz findet …
Mit diesem Wissen und diesen Wünschen war er nun zu mir gekommen.
Holz, das sehr ruhig bleibt, kannte ich von den langsam gewachsenen, 200- bis 400-jährigen »Geigenbäumen«, hoch oben in meinen Karwendeltälern. Der ausgewählte Holzerntezeitpunkt für das Holz des Baumeisters war Ende Dezember. Zu dieser Zeit würden aber in den extrem schneereichen Tälern meines Forstreviers ein bis zwei Meter Schnee liegen. »Unmöglich!«, war daher meine erste Antwort. »Zu dieser Zeit ist der Weg zum Kleinen Ahornboden wegen Lawinengefahr zu unsicher.«
Der Baumeister ließ aber nicht locker. Und nachdem wir gemeinsam die von mir vorgeschlagenen Bäume mit Bäumen aus dem Lenggrieser Längental im viel tiefer gelegenen Alpenvorland verglichen hatten, war er sich ganz sicher, dass nur die Bäume aus dem hoch gelegenen Johannistal im Karwendelgebirge für sein Haus infrage kommen.
Er glaubte an das Unmögliche und seine Gedanken kreisten ständig um die Frage, wie und wer die besonderen Bäume im hinteren Johannistal, hinter all den Lawinenhängen und Rinnen zum richtigen Zeitpunkt schlagen könnte. Seine Überzeugung und sein brennender Wunsch nach diesen Bäumen infizierten mich wie ein Bazillus. Die Aufgabe begeisterte mich mehr und mehr und ich suchte einen privaten Holzfäller für diese Aktion. Denn meine bei den Bundesforsten angestellten Arbeiter hätte ich unmöglich bei bauchtiefem Schnee auf den fünf Stunden langen Weg zu den ausgewählten Bäumen schicken können.
Wo ein Wille, da ist auch ein Weg: Ein mir bekannter Holzarbeiter aus dem Salzburger Land erklärte sich schließlich bereit, die Arbeit zu übernehmen. Im Herbst konnten die Bäume einzeln ausgesucht und der Auftrag übernommen werden.
Um vier Uhr morgens, am 30. Dezember 1988, starteten wir zu fünft unsere Holzfällertour: der Baumeister, der sich das Mitgehen nicht nehmen ließ, mit einem Bekannten, der Holzfäller, ich und mein Hund. Säge, Hacke, Keile und Werkzeug wurden gleichmäßig auf die vier Rucksäcke verteilt, die Felle auf die Tourenski montiert und der knapp fünfstündige Aufstieg in das tief verschneite Johannistal begann. Zwischen dem Kleinen Ahornboden und den Lalidererwänden standen die im Herbst ausgewählten Fichtenriesen. Und der heutige Tag wollte gut genutzt sein: Es war der richtige Zeitpunkt, der Mond stand gut.
Zwei Mann schaufelten die Bäume aus dem über einen Meter hohen Schnee aus, damit sie so weit unten wie möglich abgeschnitten werden konnten und kein kostbares Holz verschwendet würde. Ein Mann sägte und einer keilte. Dem Keilen kam besondere Bedeutung zu. Denn alle Bäume sollten möglichst mit dem Wipfel bergab liegen. Um drei Uhr nachmittags waren wir durchschwitzt, aber glücklich. Mehr als 30 kirchturmhohe Bäume waren gefällt. Am richtigen Tag, am richtigen Waldort, mit dem Wipfel bergab – genügend schöne Bäume für das geplante Haus. Als ob er die Wichtigkeit dieses Tages verstehen könnte, saß mein Hund auf einem Baumstock, überblickte die liegenden Baumriesen und wartete auf die Rückkehr ins Tal.
Nach kurzer Jause führten uns die Ski rasch zurück Richtung Forsthaus. Am Berg blieben die Baumriesen, samt Ästen und Wipfeln. Die Äste und Wipfel sollten noch wichtige Lebensfunktionen ausüben und Wasser aus den Stämmen »pumpen«. Unser Plan war, dass die Bäume im Mai ins Tal gebracht und gesägt werden und vor dem Einbau noch einen Sommer lang trocknen sollten.
Aber es kam anders. Bereits Ende März schickte der Baumeister ein Schneeräumgerät, das die winterlichen Schnee- und Lawinenreste von der Forststraße räumen musste – der Bautermin war vorverlegt worden. Das Holz sollte nach dem Wunsch des Bauherrn spätestens im Mai eingebaut sein.
Ein Frächter fuhr die Stämme mit seinem LKW ins Sägewerk. Bei der letzten Fuhre hätte der Fahrer einige große Stämme liegen lassen müssen, um nicht überladen zu sein. Das Gefühl solcher Fahrer, die das ganze Jahr Holz transportieren, für die geladene Menge ist unglaublich genau. Die wissen sehr gut, wann ihr Laster überfrachtet ist und wann gerade noch nicht …
Bei dieser letzten Fuhre entschied sich der Fahrer aber, seinen LKW lieber zu überladen, als wegen einer halben Ladung noch einmal den Weg ins Johannistal zu fahren.
Wie groß war aber seine Überraschung, dass trotz einiger Stämme zu viel die Fuhre nicht schwerer war, als er es sonst gewöhnt war. »Förster, ich habe mein Lebtag noch nie so ein leichtes Holz gefahren, wie gibt’s denn das?«, war seine Frage an mich.
Mich freute diese Frage, denn ich wusste jetzt, dass wir die Äste nicht umsonst bis März an den Bäumen gelassen hatten. Ein Baum, der umgeschnitten wird, hat noch einmal das Bedürfnis, seine Art zu erhalten und Früchte und Samen zu bilden. Wenn wir ihm in dieser Situation seine Äste lassen, so ziehen diese noch unglaublich viel Wasser aus dem Stamm und machen ihn leichter. Durch die Lage bergab wird dieser Saftstrom zum Wipfel hin auch noch durch die Schwerkraft unterstützt. Diese Art der Wasserentnahme kann die Feuchtigkeit des Holzes von 100 % auf ca. 40 bis 50 % reduzieren und ist die natürlichste Trocknung, die es in diesem Feuchtigkeitsbereich gibt. Unvergleichbar milder und ruhiger als jede Trockenkammer.
Doch zurück zu unserem Bau. Ich war entsetzt über die Absicht des Baumeisters, das Holz bereits im Mai ohne Zwischenlagerung und weitere Trocknung gegen jede Erfahrung »grün« einzubauen. Aber was hilft’s, wer zahlt, schafft an. Ende Juni war das ganze Holz im neuen Haus eingebaut und ich konnte bei der Firstfeier12 die Kunst der Zimmerleute bewundern.
Sie können sich vorstellen, wie genau ich »mein« Holz betrachtete und in welches Staunen mich eine Entdeckung versetzte: Bei der Balkendecke im Wohnzimmer war ein Balken nicht aus meinen Bäumen. Ich war mir ganz sicher: viel schneller gewachsenes Holz, anders verwachsene Äste – mein »Holzauge« ließ mir keine Ruhe. Der herbeigerufene Bauherr konnte die Sache leicht aufklären. Der Zimmermann hatte einen »meiner« Balken verschnitten und nichtsahnend durch Holz aus seinem eigenen Bestand ersetzt.
Soweit war das kein Unglück. Dieser eine Balken war nur für mich als Fachmann erkennbar, sonst aber genauso schön und einwandfrei verarbeitet wie alle anderen Balken im Haus, frisch und ohne Klüfte und Risse.
Dem Zimmermann bin ich bis heute dankbar – er wurde ungewollt zu meinem Lehrmeister. Denn ein Jahr später war dieser falsche Balken der einzige, der fingerbreite Risse bekam.
Sechs Jahre später war ich wieder in dem Haus zu Besuch. Immer noch war der vertauschte Balken der einzige im ganzen Haus, der zerrissen war. Die Balken aus dem Johannistalholz vom richtigen Zeitpunkt haben sich hingegen nicht verändert, obwohl sie grün eingebaut wurden.
Ich hatte wohl gewusst, dass der richtige Zeitpunkt und die Auswahl richtig gewachsener Bäume entscheidende Dinge sind. Aber dass damit derart aufwendige, große Konstruktionen wie in der Galerie dieses Hauses praktisch rissfrei hergestellt werden können oder dass der Unterschied zu »normalem« Holz mit ungünstiger Herkunft so groß ist wie am Beispiel des vertauschten Balkens, hätte ich nicht geglaubt.
Von dem Tag an wusste ich auch manche Schilderung des Großvaters anders einzuschätzen, und laufend kamen neue Erkenntnisse und Erlebnisse dazu, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte.
Noch etwas habe ich ab diesem Erlebnis immer deutlicher begriffen: Entscheidend ist niemals die Holzmenge, die ein Sägewerk schneidet oder die ein Zimmerer verarbeitet, niemals die Größe des Bauvorhabens. Es ist gleichgültig, ob Sie ein ganzes Haus aus Holz bauen oder sich nur ein Bücherregal für Ihre Wohnung anschaffen. Entscheidend ist einzig und allein, wie es passiert. Wie wir unsere Bäume behandeln. Wenn wir uns für den Weg mit der Natur und einfache, natürliche Methoden entscheiden, dann ist fast nichts mehr unmöglich – mit dem wunderbaren Werk- und Baustoff Holz.
Drei Dinge waren für die ruhige Balkendecke verantwortlich:
1) Die Auswahl richtig gewachsener Bäume
2) Die Holzernte zum richtigen Zeitpunkt
3) Die richtige Lagerung, Trocknung und Verarbeitung des Holzes
Das seltsame Zirbenholz
Jahre nach dem Erlebnis mit dem falschen Balken war ich mit der Leitung unseres eigenen Sägewerkes beschäftigt. Gemeinsam mit meiner Frau und unseren Mitarbeitern hatte ich den Betrieb umgestellt. Wir verarbeiten hier seit Jahren nur ausgewählte, zum richtigen Zeitpunkt geerntete Bäume zu Holzhäusern, Bauholz, Verschalungen und Vollholzböden.
Durch diesen Holzernterhythmus ist bei uns im Herbst, bevor die Holzernte im Winter beim günstigen Mond wieder losgeht, immer die ruhigste Zeit im Sägewerk. Zu dieser Zeit werden oft Wartungstätigkeiten und Lohnschnittarbeiten für Bauern aus der Umgebung durchgeführt. Lohnschnitt heißt, dass der Bauer sein Rundholz nicht ans Sägewerk verkauft, sondern dort gegen Schnittlohn aufschneiden lässt und Bretter und Pfosten aus seinem Holz wieder für seinen eigenen Bedarf mitnimmt.
So kam an einem schönen Herbstag ein Bauer zu uns und vereinbarte mit mir, dass wir für ihn in der nächsten Woche eine Partie Zirbenholz aufschneiden sollten.
Die Zirbe, auch Arve genannt, wächst in den Hohen Tauern bis in Höhen von über 2.000 Metern. Ihr Holz ist nicht zuletzt wegen des guten Duftes bekannt, der von ätherischen Ölen stammt. Diese Öle sind auch dafür verantwortlich, dass das Zirbenholz gern für Möbel, Geräte und Getreidetruhen verarbeitet wurde. Die Mehlwürmer können den Zirbenduft nicht ausstehen und so war das Getreide der Bergbauern auf natürliche Weise geschützt. Der Duft des Zirbenholzes verliert sich auch nach Jahren nicht und die Wirkung auf Mehlwürmer bleibt über Generationen erhalten.
Die Zirbe hat aber noch eine Eigenschaft, die bei der Verarbeitung beachtet sein will. Sie ist eine Kiefernart und ihr Holz soll, wie jedes Kiefernholz, in der kalten Jahreszeit verarbeitet werden. Bleiben die runden Stämme zu lange liegen, wenn im Frühjahr die Luft warm wird, so verfärbt sich das Holz, vom äußeren Rand ausgehend, fleckig blau. Diese Bläue stammt von einem Pilz, der die Holzstruktur und Festigkeit zwar nicht zerstört, aber die schöne Zirbe durch den Farbfehler entwertet.
Dass unser Bauer im Monat September mit Zirbenholz kam, war unüblich. Wenn es nicht sein muss, schneidet niemand im warmen Sommer Zirben um. Noch dazu eine so große Menge. Die Gefahr der Verblauung des Holzes ist in den schwülen Sommermonaten zu groß. Ich war also neugierig dabei, als eine Woche später die ersten Zirbenstämme durch die Gattersäge liefen.
Der wunderbare Zirbenduft verbreitete sich rasch im ganzen Sägewerk. Ich konnte mir aber keinen Reim auf das machen, was ich da sah: Die runden Zirbenstämme sahen gar nicht so aus, als ob die Bäume erst vor kurzer Zeit geerntet worden wären. Die Stirnflächen waren von der Sonne gebräunt, als ob das Holz den ganzen Sommer über gelegen wäre. Die Bretter aber und die Pfosten, die wir aus den Zirbenstämmen schnitten, waren blütenweiß und frisch. Keine Spur von einem blauen Fleck oder einem Borkenkäfer. Beides hätte mit Sicherheit vorhanden sein müssen, wenn das Holz den ganzen langen, heißen Sommer, der hinter uns lag, im Wald oder auf einem Lagerplatz verbracht hätte. So weiß konnten die Bretter doch nur sein, wenn die Bäume erst vor ganz kurzer Zeit geerntet worden wären.
Der Bauer, der wenig später mit seiner letzten Fuhre Zirbenholz zum Sägewerk kam, lüftete das Geheimnis. »Ja, ja«, meinte er, »ich bin auch froh, dass die Bretter so schön weiß sind, ohne Pilz und Borkenkäfer. Wie es heuer im Sommer so heiß war, habe ich mir ganz schöne Sorgen gemacht, dass meine Zirben einen Schaden davontragen, wenn die umgeschnittenen Stämme fast ein Jahr im Wald liegen bleiben. Aber mit der vielen Arbeit beim Heuen hat halt niemand die Zeit gehabt, das Holz vom Berg herunterzufahren.«
Ich dachte, er wollte mich zum Narren halten. Nein, nein, das sei kein Witz, antwortete der Bauer weiter, gerade ich müsste doch wissen, dass man das machen könne, wenn die Bäume zum richtigen Zeitpunkt geerntet werden. Jetzt ging mir ein Licht auf: Er hatte die Zirben schon im Dezember des letzten Jahres umgeschnitten. Bei abnehmendem Mond, am 21. Dezember.
Am selben Tag im Vorjahr hatten auch wir Bäume für unsere Fußböden geerntet. Nur hatten wir nicht ausprobiert, wie lange das Holz liegen bleiben kann. Unsere Stämme waren schon vor dem heißen Sommer zu Brettern aufgeschnitten und zur Lufttrocknung gestapelt worden.
Hinweise, dass der Mond und der Holzerntezeitpunkt auch auf die Dauerhaftigkeit und auf die natürliche Widerstandskraft des Holzes gegen Insekten und Pilze Einfluss nehmen, haben wir nicht nur von diesen Zirben erhalten. Auch Fichten und Lärchen, die keiner fressen wollte, sind uns untergekommen.
Fichten und Lärchen, die keiner fressen will
Im Dezember 1992, um die Zeit des Neumondes bzw. Thomastages (21. Dezember), brach eine Partie Forstarbeiter auf, um am Gerlospass, dem Gebirgsübergang vom obersten Salzburger Salzachtal ins tirolerische Zillertal, eine Anzahl bestimmter stattlicher Fichten und Lärchen zu fällen.
Die Holzarbeiter wussten, dass die Bäume von mir im Herbst gemeinsam mit dem zuständigen Förster ausgewählt worden waren. Sie wunderten sich darüber, dass es jetzt plötzlich immer häufiger von Bedeutung war, Bäume an bestimmten Tagen umzuschneiden, wo doch schon jahrzehntelang niemand mehr auf solche Dinge geachtet hatte. Aber der Thoma ist ja selbst Förster, der wird schon wissen, was er tut. Bezahlen muss er es ja auch …
Die Forstarbeiter waren damals wohl nicht die Einzigen, die staunten. Auch der Forstmeister quittierte mein Drängen auf die genaue Einhaltung des Holzerntetermines mit einem ungläubigen Blick. Diese Meinungen respektierte ich. Von meinem Weg ließ ich mich aber nicht abbringen. In diesen Dezembertagen war mir nur wichtig, dass die vorgegebenen Holzerntetage genau eingehalten wurden. Ich war deshalb an Ort und Stelle im verschneiten Gebirgswald. Die Ernte der etwa 200 Jahre alten Lärchen und Fichten wurde nach meinem Plan durchgeführt und so weit wäre die Begebenheit nichts Besonderes gewesen, wenn da nicht der Zufall weiter Regie geführt hätte.
Der Forstmeister war damals interessiert, die Arbeiterpartie auch noch nach »meinen« Holzerntetagen zu beschäftigen und außer meinen Bäumen noch andere Stämme am selben Waldort zu ernten. So kam es, dass die Arbeiter nach meinem Erntetermin weitere Fällungsarbeiten durchführten. Nachdem mein letzter Baum gefällt und der letzte Tag mit dem richtigen Mondstand verstrichen war, wurde das Holz streng getrennt und die später gefällten Bäume an ein anderes Sägewerk verkauft, in dem bestimmte Holzerntetage keine Rolle spielen und nicht verlangt werden.
Damit nichts durcheinandergeraten konnte, fuhren wir unsere Bäume mit einem LKW auf eine ungefähr 100 Meter vom Waldrand entfernte Almwiese und lagerten die Stämme dort.
80 Meter entfernt errichtete der Nachbarsäger auf derselben Almwiese sein Holzlager. Zwischen uns beiden Sägern bestand gutes Einvernehmen und Vertrauen. Keiner hatte Angst, dass etwas vertauscht werden könnte oder gar Holz vom eigenen Lager weggefahren würde. Kurze Zeit später hüllte der Bergwinter die beiden Rundholzstapel unter zwei Meter dicken Schneehauben ein und die Stämme ruhten unter dieser weißen Decke bis ins späte Frühjahr.
In diesem Jahr hatten wir mit dem Einschnitt der Laubhölzer, die alle an den guten Tagen im Dezember und Jänner geerntet worden waren, bis weit ins Frühjahr hinein zu tun. Obwohl ich wusste, dass das Rundholz auf der Passhöhe nicht entrindet war, machte ich mir keine Sorgen.
Es stimmt schon: Baumstämme, die samt dem Rindenmantel im Frühjahr noch im Wald liegen, sind die ideale Brut- und Vermehrungsstätte für die gefürchteten Borkenkäfer. Doch meine Fichten und Lärchen waren ja zum richtigen Zeitpunkt geerntet worden.
Als aber schon der Mai ins Land zog, wurde ich trotzdem unruhig und schaute des Öfteren bei meinem Holz vorbei. Doch jedes Mal konnte ich beruhigt ins Tal zurückkehren. Nicht die geringste Spur von einbohrenden Borkenkäfern war zu finden. (Diese Käfer bohren sich in die Rinde bzw. ins Holz ein und ihren Befall kann man sofort an kleinen Bohrmehlhäufchen erkennen, die aus dem Einflugloch ausgeworfen werden.)
Im Mai kam dann auch der besorgte Anruf des zuständigen Försters, der dafür verantwortlich war, dass kein käferbefallenes Holz im Wald liegt und gefährliche Käfervermehrungen auslösen könnte. Ich verstand die Sorge des Försters, wusste aber auch, dass wir im Sägewerk noch einige Wochen benötigten, bis das Holz vom Gerlospass zum Einschnitt an die Reihe kam. Wenn das Rundholz aufgeschnitten und somit auch entrindet ist, wird es von Borkenkäfern nicht mehr befallen und als Brutstätte benutzt. Diese Gefahr wäre mit dem Einschnitt am Sägewerk also gebannt.
»Lieber Franz«13, versprach ich dem Förster, »wenn du auch nur einen Käfer in meinem Holz findest, so rufe mich sofort an, ich verspreche dir hoch und heilig, dass ich dann umplane und am nächsten Tag einen LKW schicke, um das Holz sofort wegzufahren und zu verarbeiten.«
Diese Abmachung kam mir gar nicht so ungelegen. Auf das strenge Försterauge konnte ich mich verlassen und mir selbst auf diese Weise den einen oder anderen Kontrollweg zum Holzlager auf die Passhöhe ersparen. Was danach kam, verwunderte mich aber immer mehr. Der erwartete und befürchtete Anruf des Försters blieb aus. Ich wartete, aber das Telefon klingelte nicht. Es war schon Mitte Juni. Heiße Tage und warme Nächte kündigten auch im Gebirge den Hochsommer an. Dass auch der letzte und verschlafenste Borkenkäfer schon lange munter und fleißig war, darüber bestand kein Zweifel.
An einem dieser warmen Sommertage kam ich mit einem jungen Ehepaar zu dem Holz auf die Almwiese. Für das Haus der beiden sollte ein großer Teil der Stämme verarbeitet werden. Der Bauherr kam aus dem Baufach und wusste gut Bescheid. Beim Holzlager auf der Passhöhe angelangt, drückte ich ihm eine Axt in die Hand und gemeinsam suchten wir die Rinde des gelagerten Holzes nach Käferbefall ab. Nichts – nichts und noch einmal nichts. Nun lagen aber auf derselben Wiese, ungefähr 80 Meter entfernt, auch noch einige Stämme des benachbarten Sägers. Dasselbe Holz, vom gleichen Waldort, auf der gleichen Almwiese gleich lang gelagert, im gleichen Monat geerntet – jedoch beim »falschen«, umgekehrten Mondstand: Denn meine Holzernte wurde mit dem Neumondtag beendet, beim Nachbarn fing sie aber mit dem zunehmenden Mond erst an.
Dieses Holz des Nachbarn war massiv von Borkenkäfern befallen. Alle paar Zentimeter folgte ein Bohrloch dem anderen. Alle Stämme ohne Ausnahme waren betroffen.
Der einzige für mich erkennbare Unterschied zwischen den beiden Holzlagern war der verschiedene Mondstand bei der Holzernte im Dezember und die sorgfältige Auswahl meiner Stämme. Es war mir zwar nicht möglich, wissenschaftlich nachzuvollziehen, warum die Käfer das nur 80 Meter entfernte Holz des Nachbarn auf derselben Wiese befielen, meine Stämme aber nicht fressen wollten. Aus all den Jahren, in denen ich als Förster selbst ein Revier leitete, weiß ich aber, dass Borkenkäfer über ein ganz feines, unglaublich zielgenaues Orientierungs-, Geruchs- und Geschmackssystem verfügen. Unter Zigtausenden von Bäumen und Stämmen finden diese Insekten problemlos den schwächsten heraus, der ihrem Befall am wenigsten Harzfluss und Abwehrkraft entgegenhalten kann. Aus diesen Beobachtungen schließe ich, dass es kein Zufall sein konnte, was ich auf der Almwiese beobachtete.
Wer sein Holz um Christmett’ fällt,
dem sein Haus wohl zehnfach hält.
Um Fabian und Sebastian
fängt der Saft zu fließen an.
Diese alte Bauernregel war mir natürlich bekannt. Ich wusste auch, dass wintergeschlagenes Holz anders zusammengesetzte Inhaltsstoffe aufweist als sommergeschlagenes Holz. Die natürliche Resistenz von wintergeschlagenem Holz gegen Pilze und Insekten ist aus diesem Grund höher als die Resistenz von sommergeschlagenem Holz. Dass aber auch der Mondstand zum Zeitpunkt der Holzernte eine so große Rolle für den Borkenkäferbefall und möglicherweise für die gesamte natürliche Resistenz des Holzes spielt, war mir neu.
Beim Weg nach Hause versuchte ich, mir selbst die Frage zu beantworten, was wohl wichtiger ist: Einen wissenschaftlichen Beweis für diese Beobachtung zu suchen und zu finden, oder sollte ich mich einfach über die Erkenntnis freuen, dass natürlicher Holzschutz ohne Verwendung von Gift und Chemie möglich ist und bereits im Wald bei der Auswahl der Bäume und beim Holzerntezeitpunkt anfängt.
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