Kitabı oku: «Das Fräulein von Scuderi von E.T.A. Hoffmann»
E. T. A. Hoffman
Das Fräulein von Scuderi
Lektüreschlüssel XL
für Schülerinnen und Schüler
Von Eva-Maria Scholz
Reclam
Dieser Lektüreschlüssel bezieht sich auf folgende Textausgabe:
E. T. A. Hoffman: Das Fräulein von Scuderi. Erzählung aus dem Zeitalter Ludwig des Vierzehnten. Hrsg. von Heike Wirthwein. Stuttgart: Reclam, 2021. (Reclam XL. Text und Kontext. 16124.)
Diese Ausgabe des Werktextes ist seiten- und zeilengleich mit der in Reclams Universal-Bibliothek Nr. 25.
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Lektüreschlüssel XL | Nr. 15538
2022 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen
Made in Germany 2022
RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart
ISBN 978-3-15-961963-7
ISBN der Buchausgabe 978-3-15-015538-7
www.reclam.de
Inhalt
1. Schnelleinstieg
2. Inhaltsangabe Erster Abschnitt (S. 3, Z. 1 – S. 8, Z. 14) Zweiter Abschnitt (S. 8, Z. 15 – S. 18, Z. 20) Dritter Abschnitt (S. 18, Z. 21 – S. 29, Z. 11) Vierter Abschnitt (S. 29, Z. 12 – S. 34, Z. 35) Fünfter Abschnitt (S. 34, Z. 36 – S. 44, Z. 10) Sechster Abschnitt (S. 44, Z. 11 – S. 63, Z. 22) Siebter Abschnitt (S. 63, Z. 23 – S. 74, Z. 3) Achter Abschnitt (S. 74, Z. 4 – S. 76, Z. 13)
3. Figuren Magdaleine von Scuderi René Cardillac Olivier Brusson Madelon Desgrais La Regnie König Ludwig XIV. Marquise de Maintenon Weitere Nebenfiguren
4. Form und literarische Technik Das Fräulein von Scuderi als Novelle – Aufbau und Gattungsspezifik Erzähltechnik und Sprache
5. Quellen und KontexteDie Serapions-BrüderHistorische Quellen
6. InterpretationsansätzeKünstlertumCardillac – Motiv und Genese des VerbrechensVerbrechen und Aufklärung
7. Autor und ZeitBiografieWeitere WerkeDie Epoche der Romantik
8. Rezeption
9. Prüfungsaufgaben mit LösungshinweisenAufgabe 1: Eine literarische Figur charakterisierenAufgabe 2: Eine Textstelle analysierenAufgabe 3: Gattungsmerkmale am Text nachweisen
10. Literaturhinweise/MedienempfehlungenTextausgabeSekundärliteraturWeiterführende QuellenBearbeitungen
11. Zentrale Begriffe und Definitionen
1. Schnelleinstieg
| Autor | E. T. A. Hoffmann (1776–1822, eigentlich Ernst Theodor Wilhelm, das A für Amadeus ist eine Hommage an sein großes musikalisches Idol Mozart), deutscher Schriftsteller, Komponist, Zeichner und Jurist |
| Erscheinungsjahr | 1819 im Taschenbuch für das Jahr 1820. Der Liebe und Freundschaft gewidmet 1820 als Teil der Erzählsammlung Die Serapions-Brüder (Band 3) |
| Gattung | Novelle |
| Handlung | Im Mittelpunkt der Handlung steht eine rätselhafte Raubmordserie, in deren Aufklärung das Fräulein von Scuderi verwickelt wird. Die für ihre Tugendhaftigkeit und Menschlichkeit hoch geachtete Schriftstellerin lässt sich dabei von ihrer Intuition leiten. Der Kriminalfall kreist um den meisterhaften Goldschmied René Cardillac. Die Handlung geht auf historische Ereignisse zurück. |
| Zeit | Die Erzählung beginnt im Herbst 1680 und erstreckt sich über mehrere Monate, Rückblenden reichen über 50 Jahre zurück. Zum Schluss erfolgt nochmals ein Zeitsprung von einem Jahr. |
| Ort | verschiedene Orte in Paris (u. a. Hof des Königs Ludwig XIV., Haus der Scuderi in der Straße St. Honoré, Werkstatt/Haus Cardillacs in der Straße Nicaise, Conciergerie) |
Das Fräulein von Scuderi ist einer von E. T. A. Hoffmanns bekanntesten und erfolgreichsten Erzähltexten. Im Herbst 1819 im Taschenbuch für das Jahr 1820 zum ersten Mal veröffentlicht, wird die Novelle ein Jahr später Teil des dritten Bandes der Erzählsammlung Die Serapions-Brüder. Das Fräulein von Scuderi handelt von einer rätselhaften Rätselhafte RaubmordserieRaubmordserie im Paris des 17. Jahrhunderts. Die titelgebende Hauptfigur, Magdaleine de Scuderi, ist eine hoch angesehene Schriftstellerin adeliger Herkunft, eine ehrwürdige ältere Dame, die am Hofe König Ludwigs XIV. wie auch in der ganzen Gesellschaft aufgrund ihrer Scuderi: Tugend und MenschlichkeitTugendhaftigkeit und Menschlichkeit geschätzt wird. Ebenjene Charaktereigenschaften sind es, die zu ihrer Verstrickung in die mysteriösen Juwelenmorde und ihre Aufklärung führen. In der Figur des begnadeten, aber besessenen Goldschmieds Cardillac präsentiert Hoffmann kontrastierend zur Scuderi die dunkle, dämonische Seite des Menschen, der, getrieben von unbezwingbaren Mächten, Cardillac: Künstler und VerbrecherVerbrechen begeht, die mit der Vernunft nicht greifbar sind. Durch die Hartnäckigkeit der Scuderi, die von der Unschuld des nach der Ermordung Cardillacs inhaftierten Goldschmiedsgesellen Olivier überzeugt ist, werden die Ereignisse rund um die Juwelenmorde aufgeklärt; in einer komplexen Erzählstrategie enthüllt sie der Text Stück für Stück.
Die Handlung geht auf Historische Quellenhistorische Begebenheiten zurück. Durch den Rückgriff auf belegte Kriminalfälle sowie real existierende Personen und genau lokalisierbare Schauplätze kreiert Hoffmann trotz der geheimnisvollen Ereignisse einen Anschein von Glaubwürdigkeit (d. h. die Illusion, dass sich die Ereignisse in der Lebenswirklichkeit der Leserinnen und Leser zugetragen haben), wie er für die Gattung der Novelle typisch ist.
In der literaturwissenschaftlichen Forschung wurde viel darüber diskutiert, welche Themen der Facettenreiche Erzählungfacettenreichen Erzählung den Kern des Textes bilden: Während einige die Novelle in erster Linie als Kriminal- oder Detektivgeschichte lasen, standen für andere vielmehr Künstlertum und Wahnsinn im Vordergrund. Sie interessierten sich für die Psychopathografie eines künstlerischen Genies (d. h. für die Novelle als Untersuchung der Auswirkungen psychischer Störungen auf die Entwicklung des Künstlers Cardillac). Wiederum andere richteten ihr Hauptaugenmerk auf die Frage, ob E. T. A. Hoffmann – von Beruf Schriftsteller und Jurist – nicht primär eine Kritik des Justizsystems seiner Zeit intendiert habe. Diese Vielschichtigkeit ist es, die die Beschäftigung mit der Novelle, auch in der Schule, reizvoll macht. Hoffmanns Werk wird der Epoche: RomantikEpoche der Romantik zugeordnet.
2. Inhaltsangabe
Das Fräulein von Scuderi spielt in Paris, 17. JahrhundertParis zur Zeit des »Sonnenkönigs« Ludwig XIV. Der Beginn der Ereignisse ist auf den Herbst 1680 datiert. Die Zusammenfassung der Handlung erfolgt gemäß inhaltlichen Abschnitten.
Erster Abschnitt (S. 3, Z. 1 – S. 8, Z. 14)
Die Handlung beginnt unvermittelt mit dem Nächtlicher Besuchmitternächtlichen Erscheinen einer verhüllten Gestalt vor dem Haus Magdaleine von Scuderis. Der nächtliche Besucher will die Hausherrin trotz der späten Stunde unbedingt sprechen. Da Baptiste, der Hausangestellte, zur Hochzeit seiner Schwester gefahren ist, ist die Scuderi mit ihrer Kammerfrau, der Martiniere, allein in ihrem Haus in der Straße St. Honoré – was der ungebetene Besucher zu wissen scheint. Nach einigem Zögern öffnet die Martiniere, durch das sanfte Flehen des vermeintlich harmlosen Besuchers gerührt, die Tür. Einmal im Haus, wird der junge Mann aber ungestüm und fordernd, zückt ein Stilett und verlangt nochmals vehement, zur Scuderi vorgelassen zu werden. Die Martiniere verweigert ihm jedoch den Zutritt zu den Gemächern ihrer Herrin. Als die berittene Polizei auf der Straße hörbar wird, ruft die Martiniere um Hilfe, und der Eindringling muss fliehen. Zuvor übergibt er der Kammerfrau ein Geheimnisvolles KästchenKästchen für die Scuderi. In ebendiesem Moment kommt Baptiste zurück, der auf der Hochzeit seiner Schwester von einem schlechten Gefühl, einer nagenden Vorahnung befallen worden und früher nach Hause gefahren ist. Baptiste vermutet einen geplanten Mordanschlag auf die Scuderi und will das Kästchen in die Seine werfen, letztlich kommen sie aber darin überein, dass das Fräulein selbst darüber entscheiden soll, wenn sie am nächsten Morgen über die Geschehnisse der Nacht in Kenntnis gesetzt worden ist.
Zweiter Abschnitt (S. 8, Z. 15 – S. 18, Z. 20)

Abb. 1: Verhaftung der französischen Giftmörderin Marquise de Brinvilliers. Holzschnitt von 1867 – © INTERFOTO / Sammlung Rauch
Der nächste Abschnitt enthüllt die Hintergründe der Befürchtungen Baptistes in einem ausführlichen Rückblick auf Ereignisse der jüngeren Vergangenheit: Ein neu entwickeltes geruchs- und geschmacksneutrales Gift, das durch bloßes Einatmen tötet, wird für eine Serie von Rückblick: GiftmordserienMordanschlägen verwendet und versetzt Paris in Angst und Schrecken. Lange Zeit bleiben die Mörder unentdeckt, da das Gift im menschlichen Körper keinerlei Spuren hinterlässt, bis sie durch Zufall enthüllt und zur Strecke gebracht werden. Doch schon bald hebt eine zweite Mordserie an. Gegenseitiges Misstrauen macht sich breit, niemand vertraut mehr seinen Nächsten. Zur Aufklärung setzt der König einen extra ernannten Gerichtshof ein – die Chambre ardenteChambre ardente, der la Regnie als Präsident vorsteht. Dessen Bemühungen bleiben jedoch fruchtlos. Stattdessen gelingt es Desgrais, einem Beamten der Marechausse, der sich bereits bei der Aufklärung der ersten Mordserie verdient machte, die neue Giftmischerin zu finden: die Wahrsagerin la Voisin, Schülerin von Sainte Croix, einem der Haupttäter der ersten Serie, deren Kundenliste er sich aneignen kann. Dieser Entdeckung folgen zahlreiche Hinrichtungen, auch in den Kreisen des Adels. La Regnies Gnadenlose VerfolgungGrausamkeit, Rücksichtslosigkeit und Übereifer führen zu einem Blutbad der Chambre ardente, dem auch viele Unschuldige zum Opfer fallen. In der Folge werden die Giftmorde zwar weniger, dafür florieren neue Verbrechen: JuwelenraubmordeJuwelendiebstahl und Raubmord. Liebhaber, mit einem funkelnden Geschenk auf dem Weg zu ihrer Herzensdame, fallen der neuen Verbrechensserie zum Opfer. Nicht einmal dem gerissenen Desgrais gelingt es, den Dieb und Mörder zu überführen. Durch eine List schafft er es zwar, den Täter auf frischer Tat zu ertappen, doch bei der Verfolgungsjagd verschwindet dieser wie von Geisterhand durch eine Mauer. Die unerklärliche Flucht des Juwelendiebs macht in Paris die Runde und schwillt zu Gerüchten über Zauberei, Teufelsbündnisse und allerlei übernatürliche Kräfte, die da am Werk sein müssten, an. Um den König zur Gründung einer neuen, noch schlagkräftigeren Einheit zur Verbrechensaufklärung zu bewegen, wird ihm im Namen aller Liebhaber, die sich, um den Regeln der Liebhaber in NötenGalanterie zu entsprechen (die Geliebte erwartet ein Geschenk), in Todesgefahr begeben, ein Gedicht überreicht, das die Nöte und Ängste der Herren zum Ausdruck bringt. Der König, von den Zeilen amüsiert, aber unschlüssig, wie damit zu verfahren sei, bittet die gerade anwesende Ausspruch der ScuderiScuderi um Rat. Ihre auf eine einfache Formel gebrachte Antwort veranlasst den König, keine neuen Maßnahmen zu ergreifen: Ihrer Meinung nach sei ein Liebhaber, der Diebe fürchtet, der Liebe nicht würdig.
Dritter Abschnitt (S. 18, Z. 21 – S. 29, Z. 11)
Die Erzählung kehrt zurück in das Haus der Scuderi: Es ist der Morgen nach der nächtlichen Begegnung. Die Martiniere und Baptiste berichten dem Fräulein, was vorgefallen ist, und übergeben mit großer Sorge das Kästchen. Die Scuderi beruhigt sie – jeder wisse schließlich, dass bei ihr nichts zu holen sei. Sie öffnet das Kästchen und ist überwältigt: Außerordentlicher Juwelenschmuck …Juwelenschmuck funkelt ihr entgegen. Bei näherem Hinschauen bemerkt sie einen Zettel, dessen Inhalt jetzt auch die zuvor so ruhige Dame in Aufruhr versetzt. Es sind die Worte, die sie beim König gesprochen hat, begleitet von einem Anschreiben, in dem »Die Unsichtbaren« ihr dafür … und Dank der »Unsichtbaren«danken, sie vor verschärfter Verfolgung gerettet zu haben – nun könnten sie weiter das »Recht des Stärkern« (S. 20) walten lassen und ungestört rauben. Der Schmuck solle ihre Dankbarkeit zum Ausdruck bringen. Die Scuderi ist außer sich. Als sie sich wieder beruhigt hat, überlegt sie, was zu tun sei, und beschließt, das Kästchen mit den Juwelen zur Marquise de Auskunft der MaintenonMaintenon, der Mätresse des Königs, zu bringen. Diese erkennt in der außergewöhnlichen Goldschmiedearbeit die Handschrift des Meisters René Cardillac.
An dieser Stelle unterbricht die Handlung für eine Beschreibung René CardillacCardillacs durch den Erzähler. Dieser sei einer der »kunstreichsten und zugleich sonderbarsten Menschen seiner Zeit« (S. 22), in der Gesellschaft hoch angesehen, hilfsbereit und höflich und dennoch von Zeit zu Zeit auch launisch, verdrossen, ungehalten, wenn es an die Übergabe seiner Kunstwerke an die Auftraggeber gehe. Neben seinen Launen und scheinbar unerklärlichen Stimmungsschwankungen sei es ebenso rätselhaft, dass er manchmal bereits angenommene Aufträge wieder entzogen bekommen möchte beziehungsweise darum flehe, für manche Personen nicht arbeiten zu müssen. Auch der Maintenon verweigert er jede Bestellung. Daher vermutet diese auch, dass er aus Angst, einen Auftrag entgegennehmen zu müssen, wohl gar nicht erst zu ihr kommen werde, um Auskunft über den Schmuck zu geben. Gleichwohl räumt sie ein, dass er seit einiger Zeit von seinem »starren Eigensinn« (S. 25) abzulassen scheine und etwas weniger unberechenbar geworden sei. Die beiden Frauen beschließen folglich, Cardillac rufen zu lassen. Kurz darauf erscheint der Goldschmied und erschrickt, als er der Scuderi gewahr wird. Auf seinen Schmuck wirft er kaum einen Blick, bestätigt aber, dass es sich um seine Arbeit handelt. Wer außer ihm könnte schließlich so ein Meisterwerk vollbringen? Auf die Frage der Maintenon, für wen er diesen Schmuck gefertigt habe, antwortet er, er habe ihn für sich selbst gemacht. Vor einiger Zeit sei ihm der Schmuck aus seiner Werkstatt gestohlen worden. Die Scuderi erzählt ihm daraufhin, wie sie in den Besitz der Schmuckstücke gelangt sei, und will sie ihrem rechtmäßigen Besitzer – Cardillac – zurückgeben. Dieser jedoch, in sichtbarem innerem Aufruhr gefangen, möchte ihn der Scuderi zum GeschenkGeschenk machen und besteht mit Nachdruck darauf, als die Dame dies zunächst als ihrem Stand und Alter nicht angemessen ablehnt. Als das Fräulein das Geschenk schließlich akzeptiert, reagiert Cardillac mit einem heftigen Gefühlsausbruch und rennt davon. Nach seinem überstürzten Abgang machen sich die beiden Frauen über ihn lustig: »Da haben wir’s Fräulein, Meister René ist in Euch sterblich verliebt« (S. 27). Kurz vor ihrem Aufbruch wird die Scuderi aber wieder ernst und äußert ihre dunkle Dunkle VorahnungAhnung, dass hinter all dem ein entsetzliches Geheimnis verborgen liege und etwas nicht mit rechten Dingen zugehe. Den Schmuck will sie folglich niemals anlegen. Dennoch inspiriert der Auftritt des Goldschmieds die Schriftstellerin zu ein paar heiteren Versen, die sie am nächsten Abend dem König und der Marquise zu deren großem Gefallen vorträgt.
Vierter Abschnitt (S. 29, Z. 12 – S. 34, Z. 35)
Die Handlung macht einen Zeitsprung von mehreren Monaten. Das Fräulein von Scuderi ist in Begleitung ihrer Kammerfrau in einer Glaskutsche unterwegs. Da Glaskutschen zu dieser Zeit noch selten sind, drängen sich zahlreiche Schaulustige um das Gefährt. Ein junger Mann bahnt sich seinen Weg durch die Menschenmenge, um der Scuderi einen Brief zukommen zu lassen. Als die Martiniere den Jüngling erblickt, sinkt sie ohnmächtig darnieder – sie hat in ihm ebenjenen Eindringling vom Beginn der Erzählung wiedererkannt. Die Nachricht Warnung des Unbekanntenwarnt die Scuderi: Sie solle ihren Schmuck unter irgendeinem Vorwand zu Cardillac bringen, ihr Leben hänge davon ab. Um seiner Forderung Nachdruck zu verleihen, kündigt der Verfasser an, sich andernfalls das Leben zu nehmen. Die Scuderi sieht sich in ihren dunklen Vorahnungen bestätigt, erkennt aber auch, dass der geheimnisvolle Jüngling ihr nichts Böses will, und beschließt, den Anweisungen nachzukommen. Angelegenheiten der Kunst Verzögerte Rückgabeverhindern jedoch, dass sie ihr Vorhaben gleich am nächsten Tag in die Tat umsetzt. Als sie am übernächsten Morgen an Cardillacs Haus ankommt, findet sie eine wütende Menge sowie ein großes Polizeiaufgebot vor. Tod Cardillacs, Verhaftung OliviersCardillac ist getötet, sein Geselle Olivier Brusson als sein Mörder verhaftet worden. Madelon, Cardillacs Tochter, ist von der Unschuld ihres Geliebten Olivier überzeugt. Da das Mädchen sich in äußerst labilem Zustand befindet und von Desgrais und seinen Beamten grob und herablassend behandelt wird, beschließt die Scuderi, Madelon mit zu sich zu nehmen und sie von einem Arzt untersuchen zu lassen. Schließlich Bericht Madelonsberichtet Madelon der Scuderi, was passiert ist: Um Mitternacht sei sie von Olivier geweckt worden, da ihr Vater im Sterben liege. Olivier habe noch versucht, die Blutung der Brustwunde zu stillen, doch vergebens. Mit seinem letzten Atemzug habe der Vater ihre Hand genommen und sie in Oliviers Hand gelegt. Von Olivier habe sie erfahren, dass ihr Vater vor seinen Augen auf der Straße erdolcht worden sei und er ihn nach Hause getragen habe. Die durch den Lärm in der Nacht beunruhigten Nachbarn hätten sie und Olivier am nächsten Morgen über der Leiche kniend vorgefunden, so sei der Tatverdacht auf ihren Geliebten gefallen.
Fünfter Abschnitt (S. 34, Z. 36 – S. 44, Z. 10)
Die Scuderi ist geneigt, Madelon zu glauben, und findet deren Aussagen über das gute Verhältnis zwischen Meister und Geselle sowie über Oliviers vortrefflichen Charakter durch ihre eigenen Erkundigungen bestätigt. Von seiner Unschuld überzeugt, beschließt sie, Entschluss: Rettung Oliviers, Besuch la RegniesOlivier zu retten. Dazu wendet sie sich an la Regnie, der sie achtungsvoll empfängt und anhört, ihren Ausführungen jedoch keinen Glauben schenkt. Da er die Scuderi schätzt, berichtet er ihr dennoch vom Stand der Ermittlungen. Oliviers Aussagen würden eine Reihe von Ungereimtheiten enthalten, so sei beispielsweise seine Behauptung, Cardillac sei auf offener Straße angegriffen worden, von einem an Schlaflosigkeit leidenden Nachbarn widerlegt worden, der bezeugen könne, dass Cardillac das Haus abends nicht mehr verlassen habe. Zu den Belastende IndizienIndizien, auf denen Oliviers Anklage aufbaut, gehört außerdem die Mordwaffe, die man in seinem Zimmer gefunden habe. Die Frage nach dem Motiv ist für la Regnie nebensächlich; auf Nachfrage der Scuderi führt er Habgier als möglichen Beweggrund an. Die Scuderi überzeugt das nicht, da Olivier als zukünftiger Schwiegersohn eh Cardillacs Vermögen geerbt hätte. Im weiteren Gespräch erfährt das Fräulein, dass Olivier Brussons Tat im Kontext der gegenwärtigen Juwelenmorde gesehen und er als Teil der Räuberbande betrachtet wird. La Regnie stützt diese Vermutung auf die Beobachtung, dass die Übergriffe seit Oliviers Verhaftung aufgehört haben. Auch schließt la Regnie nicht aus, dass Madelon an dem Mordkomplott beteiligt gewesen ist. Entsetzt fleht die Scuderi ihn an, menschlich zu sein. Zum Abschluss erbittet sie sich die Erlaubnis, Olivier im Gefängnis besuchen zu dürfen, die ihr erteilt wird.
Als Olivier ihr im Untersuchungsgefängnis vorgeführt wird, sinkt sie ohnmächtig nieder. Sie hat in ihm den verhüllten Jüngling Wiedererkennenerkannt, der ihr die Juwelen und den Brief überbracht hat, und ist nun gänzlich von seiner Schuldig?Schuld überzeugt, ohne jedoch mit ihm gesprochen zu haben. Entsetzt darüber, von ihrem Gespür getrogen worden zu sein, zieht sie sogar eine Mitschuld Madelons in Betracht.
Madelon ist am Boden zerstört über den Sinneswandel der Scuderi. »Ach! – auch sie – auch sie haben die Grausamen betört. – Ich Elende – armer, unglücklicher Olivier!« (S. 42) Im Innersten zerrissen, keimt durch Madelons Leiden doch wieder der Glaube an Oliviers Unschuld in der Scuderi. In diesem Moment erscheint Desgrais mit einer Bitte von la Regnie. Seit Olivier das Fräulein im Gefängnis gesehen habe, verweigere er selbst unter Folterandrohung die Aussage. Allein mit ihr sei er gewillt zu reden. Nach anfänglichem Widerstand willigt die Scuderi in die Unterredung ein.
Sechster Abschnitt (S. 44, Z. 11 – S. 63, Z. 22)
Der sechste Abschnitt beinhaltet Oliviers Erhellendes GesprächUnterredung mit dem Fräulein von Scuderi und enthüllt erneut Ereignisse aus der Vergangenheit, die sich mit den jüngsten Geschehnissen langsam zu einem Gesamtbild verknüpfen.
Olivier Brusson wird um Mitternacht schwer bewacht und heimlich zur Scuderi gebracht. Sofort fällt er vor ihr auf die Knie. Die Scuderi, zunächst distanziert und unfähig zu sprechen, entdeckt etwas Bekanntes in Oliviers Gesicht und wird ihm gegenüber wohlwollender. Olivier eröffnet ihr, der Gemeinsame VergangenheitSohn ihrer Ziehtochter Anne Guiot zu sein, den die Scuderi in seiner Kindheit oft bei sich hatte. In einem Rückblick werden nun die Umstände von Oliviers Leben erhellt. Da sein Vater, der Uhrmacher Claude Brusson, durch die Missgunst seiner Kollegen in Paris kaum noch Arbeit fand, zog die kleine Familie vor 23 Jahren nach Genf. Der Kontakt zur Scuderi brach bald darauf ab. Zurück in der Erzählgegenwart Oliviers Geschichteberichtet Olivier der Scuderi, was sich in der Zwischenzeit zugetragen hat. Die Hoffnung vom Neuanfang in Genf habe sich nicht erfüllt und es sei ein von Armut und Mangel geprägtes Leben gewesen. Dem Vater sei es dennoch gelungen, Olivier bei einem Goldschmied als Lehrling unterzubringen, kurz darauf seien er und seine Frau gestorben. Ein Fremder, der eines Tages in die Goldschmiedewerkstatt kommt und Oliviers Kunstfertigkeit erkennt, empfiehlt ihm, sich René Cardillac anzuschließen, »der freilich der erste Goldschmied ist, den es auf der Welt gibt« (S. 47). Olivier kehrt nach Paris zurück und überzeugt Cardillac, ihn als Gesellen anzustellen. Nach einigen Wochen lernt er Madelon kennen, es ist Liebe auf den ersten Blick. Doch der Vater ist von dieser Liaison nicht begeistert und wirft Olivier hinaus. In der Hoffnung, Madelon heimlich sprechen zu können, drückt sich Olivier nachts vor Cardillacs Haus herum. Eines Nachts bemerkt er Licht in dessen Werkstatt, kurz darauf sieht er eine Gestalt durch eine Geheimtür in der Mauer kommen. Olivier verfolgt den Schatten und erkennt erschrocken, dass es sich um den Meister selbst handelt. Kurz darauf, noch immer im Dunkel der Nacht verborgen, wird Olivier Zeuge, wie Cardillac einen Mann erdolcht. Vor Schreck schreit er auf und Cardillac bemerkt ihn, flüchtet aber. Verzweifelt und verwirrt begibt Olivier sich nach Hause, wo er von Cardillac aufgesucht wird. Um sein Schweigen zu erreichen, schmeichelt er Olivier und will ihn wieder einstellen. Auch in die Verbindung zwischen Olivier und seiner Tochter willigt er ein. Trotz innerer Widerstände kehrt Olivier zu Cardillac zurück – um Madelons willen.
Die Scuderi ist erschüttert, als sie meint zu begreifen, dass Cardillac zu der berüchtigten Mordbande gehört habe, die Paris in Angst und Schrecken versetzt. Doch Olivier enthüllt ihr, dass es niemals eine solche Bande gegeben habe – Cardillac = JuwelenmörderCardillac alleine habe alle Überfälle verübt. Um Madelon zu schützen, die sehr an ihrem Vater gehangen habe, habe Olivier dessen Geheimnis bewahrt. Olivier berichtet weiter, wie Cardillac ihn eines Tages in seine seelischen Abgründe eingeweiht habe. Da Olivier nun Olivier als MitwisserMitwisser sei, so meinte Cardillac, könne er ihn auch nicht mehr verraten. Cardillac habe ihm von seinem »böse[n] Cardillacs »böser Stern«Stern« (S. 54) erzählt, den er auf ein vorgeburtliches Trauma zurückgeführt habe: Als seine Mutter mit ihm schwanger gewesen ist, sei sie auf einem Hoffest in den Bann einer Juwelenkette am Hals eines Kavaliers geraten. Fasziniert von den Steinen habe sie sich von ihm bezirzen lassen, doch als sie nach der Kette gegriffen habe, sei er tot zusammengebrochen und habe sie in starrer Umklammerung mit zu Boden gerissen. Von grausigem Entsetzen gepackt sei die Mutter sehr krank geworden, doch sei sie wieder genesen und ihr Baby sei gesund zur Welt gekommen. »Aber die Schrecken jenes fürchterlichen Augenblicks hatten mich getroffen. Mein böser Stern war aufgegangen« (S. 55). Cardillac habe, so berichtet Olivier, von einer angeborenen Besessenheit von Edelsteinen gesprochen, die sich nur durch grausame Züchtigung des Vaters vorübergehend unterdrücken lassen habe. Um den Objekten seiner Begierde nahe sein zu können, sei er Goldschmied geworden, doch schon bald habe der unterdrückte Trieb grausame Ausmaße angenommen. Eine innere Stimme habe ihm eingeflüstert, sich die von ihm gefertigten Schmuckstücke von den Auftraggebern wieder zu holen. So habe er sich zunächst auf die »Diebeskünste« (S. 56) verlegt, doch schon bald sei das nicht mehr genug gewesen – in seinem Innersten habe sich die Mordlust geregt. Das Geheimnis des kurz darauf gekauften Hauses – eine verborgene Tür, durch die man unentdeckt auf die Straße gelangen kann – habe ihm die Taten ermöglicht. Um Madelon nicht unter den Einfluss seines bösen Sterns geraten zu lassen, habe er Olivier das Versprechen abgenommen, die erbeuteten Juwelen an seinem Hochzeitstag zu vernichten.
Im weiteren Verlauf seines Berichts verbindet Olivier nun die losen Fäden der Handlung, so dass klar wird, in welchem Zusammenhang der Schmuck der Rolle der ScuderiScuderi mit Cardillacs Geschichte steht. Cardillac habe vom Ausspruch der Scuderi beim König gehört, der eine schärfere Verfolgung der Morde verhindert und ihm somit geholfen hat. Zum Dank und als Zeichen seiner Ehrfurcht wolle er ihr den schönsten Schmuck, den er je gefertigt habe, durch Olivier überbringen lassen. Dass er damit auch gleichzeitig Desgrais verhöhnte, sei ein zusätzlicher Bonus gewesen. Im Falle der Scuderi, meinte Cardillac, habe er keine Sorge, dass ihn Mordgedanken überfallen könnten, da sie, »mit solch hoher Tugend begabt, vor der der böse Stern kraftlos erbleiche« (S. 59), nicht in Gefahr sei. Olivier hingegen, von Kindheitserinnerungen übermannt, habe geplant, der Scuderi alles zu entdecken und sie um Hilfe zu bitten. Doch die Martiniere habe ein Gespräch der beiden verhindert (siehe S. 10 dieses Lektüreschlüssels). Entgegen Cardillacs Annahme sei der »böse Stern« (S. 59) stärker als seine Bewunderung für die Scuderi gewesen. Olivier habe die Scuderi in GefahrGefahr erkannt, in der sie sich befunden habe, und habe sie darum durch die Nachricht auf der Kutschfahrt gewarnt. Um die Scuderi zu schützen, die den Schmuck nicht, wie von ihm geraten, sofort zurückbrachte, habe er Cardillac in der Nacht verfolgt und sei Zeuge der Tötung CardillacsZeuge von dessen Tötung durch einen wehrhaften Offizier geworden. Der Rest der Geschehnisse der Todesnacht sei der Scuderi bereits bekannt, schließt Olivier seinen Bericht. Er gibt zu, Mitwisser gewesen zu sein, er selbst habe aber keine »Blutschuld« (S. 62) auf sich geladen. Um Madelon zu schützen, will er lieber für ein Verbrechen sterben, das er nicht begangen hat, als das düstere Geheimnis ihres Vaters zu verraten: »[M]ich wird die Geliebte meiner Seele beweinen als den unschuldig Gefallenen, die Zeit wird ihren Schmerz lindern, aber unüberwindlich würde der Jammer sein über des geliebten Vaters entsetzliche Taten der Hölle!« (S. 62) Nach einem emotionalen Wiedersehen mit Madelon wird Olivier zurück ins Gefängnis gebracht.
Siebter Abschnitt (S. 63, Z. 23 – S. 74, Z. 3)
Die Scuderi, nun vollständig von Oliviers Unschuld überzeugt, will dem Todgeweihten helfen und sucht verzweifelt nach einer Verzweifelte LösungssucheLösung. Schließlich verfasst sie einen Brief an la Regnie, in dem sie darlegt, dass Olivier vollkommen unschuldig an Cardillacs Tod sei, vor Gericht aber aus gutem Grund nicht aussagen könne. Wie zu erwarten, Fehlschlaglehnt la Regnie es ab, Olivier nur auf Grundlage der Beteuerungen der Scuderi freizulassen. Auch die Juristische KonsultationKonsultation des Anwalts d’Andilly bringt zunächst keinen Fortschritt. Das Blatt wendet sich, als der Graf von Miossens sich unerwartet bei der Scuderi einfindet und sich ihr gegenüber als der Wendung: Enthüllung des Mörderswahre Mörder Cardillacs zu erkennen gibt. Er habe schon seit längerem einen Verdacht gegen den Goldschmied gehegt und sich deswegen mit einem Brustharnisch gegen Angriffe geschützt. So vorbereitet sei es ihm gelungen, den überraschten Cardillac bei dessen Angriff zu überwältigen. Allerdings will Graf Miossens nicht bei der Polizei aussagen, zu groß sei die Gefahr, selbst ins Visier la Regnies zu geraten, der sich in der Vergangenheit als grausam und skrupellos erwiesen und viele Unschuldige aufs Schafott gebracht habe. Die Scuderi solle einen Weg finden, diese Information für ihren Schützling zu nutzen, ohne ihn der Chambre ardente auszuliefern. Erneut wird d’Andilly um Rat gefragt. Um den AufschubAufschub der Folter an Olivier zu erreichen, meint d’Andilly, soll Miossens aussagen, er habe diesen in Cardillacs Todesnacht auf der Straße gesehen, als er dem Verwundeten habe helfen wollen. Auf der Grundlage dieser Aussage müsse eine Gegenüberstellung stattfinden und Olivier nochmals vernommen werden, was Zeit bringe, die die Scuderi für ein Gnadengesuch beim König nutzen könne, der durch die Aussage des Grafen nun möglicherweise von Oliviers Unschuld zu überzeugen sei. Zudem würden Entdeckungen im Haus (Geheimgang, Diebesgut) Oliviers Glaubwürdigkeit zusätzlich stützen.
Die Scuderi legt Cardillacs Schmuck an und kleidet sich ganz in Schwarz. So erscheint sie beim Auftritt beim KönigKönig und lenkt das Gespräch, sich der Wirkung ihrer Erscheinung bewusst, auf die Entdeckung von Cardillacs Tod. Sie erzählt, was sich an jenem Morgen bei seinem Haus zugetragen habe, wie seine Tochter behandelt worden sei und was sie in den Gesprächen mit la Regnie und Olivier Brusson erfahren habe. Die Rede der Scuderi verfehlt ihre Wirkung nicht, der König ist überwältigt von ihrer Erzählung, ohne dass ihm sofort klar wird, dass hier von ebenjenem Mann die Rede ist, dessen Hinrichtung er sehnlichst herbeiwünscht, da die Juwelenmorde die Stadt schwer belastet haben. Die Scuderi nutzt die Ergriffenheit des Königs für ihr GnadengesuchGnadengesuch. Nach einer kurzen Unterbrechung, die die Scuderi zunächst nichts Gutes ahnen lässt, verlangt der König, Madelon zu sehen. Der König ist gerührt von Madelons Schönheit und ihren Gefühlen, er will dennoch alles Gehörte Erkundigungen des Königsüberprüfen, bevor er zu einem endgültigen Schluss kommt. Miossens Aussage hat derweil eine Kettenreaktion an Bezeugungen von Oliviers gutem Charakter zur Folge. Sein Bild in der Öffentlichkeit hat sich gewandelt: Er ist nun nicht mehr der blutrünstige Mörder, sondern vielmehr ein unschuldiges Opfer der Justiz, dessen Freilassung gefordert wird. Der König lässt, wie angekündigt, eigene Ermittlungen anstellen. Dennoch geschieht zunächst nichts und die Verzögerte EntscheidungVerzögerung einer Entscheidung erscheint unbegreiflich.
Achter Abschnitt (S. 74, Z. 4 – S. 76, Z. 13)
Fast ein Monat vergeht, bis die Scuderi Nachricht erhält, der König wünsche sie zu sehen. Dieser teilt ihr mit, dass Olivier Freilassung Oliviersfrei sei, was er ihren Überzeugungskünsten sowie ihrer Redegewandtheit zu verdanken habe. Er schickt Madelon zudem tausend Louis als »Brautschatz« (S. 75), verlangt aber im Gegenzug, dass das Paar Paris verlässt – vermutlich, um öffentliche Unruhe und Empörung angesichts des ungeheuerlichen Verbrechens, das sich in seiner Anwesenheit schwer vertuschen ließe, zu vermeiden. Nur wenige Tage später Hochzeit und Abreiseheiraten Madelon und Olivier und ziehen nach Genf, wo sie einerseits durch Madelons Vermögen, andererseits durch Oliviers Fertigkeiten im Goldschmiedehandwerk ein glückliches Leben führen.
Ein Jahr nach dem Fortgang der Brussons erscheint eine öffentliche Bekanntmachung, die dem König und seinem Machtapparat vermutlich ebenfalls zur Vertuschung des Verbrechens und folglich zur Vermeidung gesellschaftlicher Unruhen dient: Ein reuiger Sünder habe der Kirche angeblich einen geraubten Schatz übergeben. Wem Ende des Jahres 1680 ein Rückgabe des SchmucksSchmuckstück geraubt worden sei, könne sich bei d’Andilly melden und bei Nachweis der Rechtmäßigkeit seinen Besitz zurückerlangen. Tatsächlich erhalten einige von Cardillac Beraubte, aber nicht Ermordete, ihren Schmuck zurück. Der Rest geht in den Besitz der Kirche über.
3. Figuren

Abb. 2: Figurenkonstellation
Magdaleine von Scuderi

Abb. 3: Porträt der französischen Schriftstellerin Madeleine de Scudéry, gezeichnet von Henri Louis Aimé Pottin (1820–1864)
Magdaleine von Scuderi ist die TitelfigurTitelfigur von Hoffmanns Novelle. Die 73 Jahre alte adelige Dame (S. 19) ist eine in der Gesellschaft und auch bei Hofe hoch angesehene Schriftstellerin. Sie wohnt in einem kleinen Haus in der Straße St. Honoré, das ihr der König als Zeichen seiner Bewunderung überlassen hat (S. 3). Ihr Haus ist einer der Schauplätze der Novelle, hier beginnt die Handlung und hier offenbart Olivier ihr Cardillacs dunkles Geheimnis. Die Scuderi ist, wie die Anrede »Fräulein« bereits zeigt, nicht verheiratet und lebt nur mit ihren Bediensteten zusammen.
Angesehene SchriftstellerinIhre Verse, die sie regelmäßig im Salon der Marquise de Maintenon, der Mätresse des Königs, häufig auch in dessen Beisein, vorträgt, dienen zur Unterhaltung der höfischen Gesellschaft. Welch großen Wert der Wertschätzung des KönigsKönig selbst auf ihre Meinung legt, zeigt sich bereits zu Beginn der Handlung, als er sie nach ihrer Einschätzung der von den verängstigten Liebhabern geäußerten Bitte um verschärfte Sicherheitsmaßnahmen fragt und ihre Worte letztlich für ihn handlungsweisend werden (S. 18). Ihr Stand gewährt ihr auch Zugang zu den Entscheidungsträgern der Justiz, was es ihr beispielsweise ermöglicht, sich über die Ermittlungen im Mordfall Cardillac zu erkundigen – Interna, die üblicherweise nicht preisgegeben werden:
»Wohl mag es nicht meines Amts sein, jedem, der mich frägt, den Gang eines Kriminalprozesses zu entwickeln. […] Aber vor Euch, mein würdiges Fräulein, möcht ich nicht für ein Ungeheuer gehalten werden« (S. 36 f.).
Sie wird als »die Würde, Anmut, TugendWürde, […] die Liebenswürdigkeit, die Anmut selbst« (S. 21) beschrieben, ihr wird darum uneingeschränkter Respekt entgegengebracht. Sich selbst bezeichnet die Scuderi als tugendhaft und fromm (S. 20). Umso mehr kränkt es sie, als »Die Unsichtbaren« ihre beim König geäußerten Zeilen gegen sie verwenden und sich bei ihr für den Schutz vor schärferer Verfolgung bedanken: »[O] der Kränkung, o der tiefen Beschämung! Muss mir das noch geschehen im hohen Alter! […] O Gott, sind Worte, halb im Scherz hingeworfen, solcher grässlichen Deutung fähig!« (S. 19 f.) Im Verlauf der Handlung stellt sich heraus, dass ebendiese spontanen Zeilen (»Un amant qui craint les voleurs / n’est point digne d’amour«, S. 18), die vom KlugheitIntellekt der Scuderi zeugen, die Aufmerksamkeit Cardillacs erregt und die Scuderi somit in das Geschehen involviert haben. Auch erweist sich die Scuderi als äußerst Bescheidenheitbescheiden. So beschreibt sie sich als »Person […], die mittelmäßige Verse macht, welche niemandes Neid erregen können« (S. 19).
Neben ihren dichterischen Fähigkeiten und ihrer Redegewandtheit, die ihr schlussendlich auch dabei hilft, den König davon zu überzeugen, sich ihres Gnadengesuchs für Olivier anzunehmen (S. 74), sind einige weitere Aspekte bei der Betrachtung der Hauptfigur besonders relevant: zum Intuition und Empathieeinen ihre Intuition und zum anderen ihre Empathiefähigkeit, ihre Hilfsbereitschaft und Güte, ihr unbedingter Wille, für das Einsatz für das GuteGute zu kämpfen, wie aussichtslos es auch scheinen mag.
Von Anfang an ist die Scuderi davon überzeugt, dass der verhüllte Jüngling, der sich später als Olivier herausstellt, nichts Böses gegen sie im Schilde führt – ganz gleich, wie bedrohlich die Martiniere sein nächtliches Eindringen ins Haus beschreibt (S. 19). Auch bei Cardillac trügt sie ihr Gespür nicht. Trotz seines tadellosen Ansehens in der Pariser Gesellschaft und seines überaus ehrerbietenden Verhaltens ihr gegenüber (S. 25 f.) überkommt sie nach der Begegnung eine dunkle Vorahnung, die sich im Verlauf der Handlung ebenfalls als richtig herausstellt:
»Und nun hat selbst Cardillacs Betragen, ich muss es gestehen, für mich etwas sonderbar Ängstliches und Unheimliches. Nicht erwehren kann ich mir einer dunklen Ahnung, dass hinter diesem allem irgendein grauenvolles, entsetzliches Geheimnis verborgen« (S. 28).
Es ist ein wesentlicher Bestandteil ihrer Persönlichkeit, sich immer auf ihre Intuition und Menschenkenntnis verlassen zu können.
Umso schockierter ist sie auch, als sie zu erkennen meint, sich in Olivier getäuscht zu haben: »So bitter noch nie vom innern Gefühl getäuscht, auf den Tod angepackt von der höllischen Macht auf Erden, an deren Dasein sie nicht geglaubt, verzweifelte die Scuderi an aller Wahrheit.« (S. 40 f.) Kurzzeitig lässt sie sich auf die falsche Fährte führen und hält nun auch eine Mitschuld Madelons für möglich. Sie fühlt die Grundfeste ihrer Weltsicht erschüttert: »Sie klagte das Verhängnis an, das in bitterm Hohn ihr so viele Jahre vergönnt, ihren Glauben an Tugend und Treue zu stärken, und nun in ihrem Alter das schöne Bild vernichte, welches ihr im Leben geleuchtet.« (S. 41 f.) Im weiteren Verlauf der Handlung zeigt sich, dass sie den Verlust ihres Gespürs zu Unrecht beklagt hat und ihr ursprünglicher Eindruck der richtige gewesen ist. Sie erkennt, dass es sich bei Olivier nicht um einen Mörder handelt. Aller Aussichtslosigkeit zum Trotz wird es für sie zur persönlichen Herzensangelegenheit, Olivier – und somit auch Madelon – zu retten, was ihr mitfühlendes Wesen hervorhebt. Bereits der Umgang mit Oliviers Mutter, Anne Guiot, »die sie, wie die Mutter das liebe Kind, erzog mit aller Treue und Sorgfalt« (S. 45), zeigt ihre Hilfsbereitschaft und ihren Einsatz für Schutzbedürftige. Die Gesellschaft zollt ihr Anerkennung für ihre gelebte Nächstenliebe: Als sie Madelon vor der Bedrängnis der Polizei bewahrt und mit zu sich nimmt, läuft »[e]in dumpfes Murmeln des Beifalls« durch die umstehende Menge, »Segnungen der würdigen Dame« (S. 33) sind zu vernehmen. Vertrauenswürdigkeit
Ihre redliche, mitfühlende und besonnene Art ist es auch, die Olivier und den Grafen von Miossens dazu veranlasst, sich der Scuderi anzuvertrauen. Aufgrund ihrer Vertrauenswürdigkeit kommt es also überhaupt erst zur Klärung des Falles Cardillac und der Juwelenmorde.
Das Fräulein von Scuderi ist der Dreh- und AngelpunktDreh- und Angelpunkt der Novelle. Bei ihr laufen die Fäden zusammen, die anderen Figuren sind auf unterschiedliche Weise alle mit ihr verbunden, und sie ist es, die letztlich die Aufklärung des Falls bewirkt. Die Wahrheit über die Juwelenmorde behält sie dabei für sich, um Olivier und Madelon zu schützen. Hoffmanns Protagonistin hat ein reales Reales VorbildVorbild. Madeleine de Scudéry, genannt Mademoiselle de Scudéry, war eine französische Schriftstellerin, die von 1607 bis 1701 lebte.
René Cardillac
Zentrum des KriminalfallsDer Goldschmied Cardillac steht im Zentrum des Kriminalfalls. Obwohl er bereits zu einem frühen Zeitpunkt der Handlung umkommt, drehen sich auch die weiteren Ereignisse und Enthüllungen primär um ihn und seine Geheimnisse. Cardillac ist ein Ambivalenter Charakterambivalenter, ein widersprüchlicher Charakter. Er gilt als der fähigste Goldschmied von ganz Paris beziehungsweise gar seiner Zeit. »GoldschmiedsmeisterInnig vertraut mit der Natur der Edelsteine« (S. 22) verwandelt er selbst den unscheinbarsten Stein in ein Meisterwerk. Doch nicht nur wegen seiner Kunstfertigkeit ist er hoch Angesehener Bürgerangesehen, auch sein Charakter wird geschätzt. Er wird als uneigennützig, offen und hilfsbereit beschrieben, »als der rechtlichste Ehrenmann« (S. 22).
Dennoch betont der Erzähler neben all seinen Vorzügen auch seine Merkwürdigkeit: Er sei »einer der kunstreichsten und zugleich »Meister Sonderling«sonderbarsten Menschen« (S. 22) seiner Zeit. Hat er einmal einen Auftrag übernommen, stürzt er sich obsessiv und von Perfektionismus beherrscht in die Arbeit. Ist das Werk vollendet, scheint es nahezu unmöglich für den Auftraggeber, den Meister zur Herausgabe zu bewegen. Sieht er sich aller Verzögerungstaktiken zum Trotz schließlich gezwungen, den Schmuck abzuliefern, steigt eine unbändige Wut in ihm empor. Erst ein neuer Auftrag bewirkt wiederum einen schlagartigen Stimmungswechsel: Der zuvor Rasende, alles um sich herum Verwünschende ist nun »wieder ganz glücklich« (S. 23); euphorisch wirft er sich seinem neuen Auftraggeber an den Hals. Der Ablauf wiederholt sich. Cardillac ist unfähig, sich von seinen Werken zu trennen, beschimpft seine Kunden und schreckt auch vor Handgreiflichkeiten nicht zurück (S. 24). Obwohl er so gierig nach Aufträgen ist, lehnt er es ab, für bestimmte Personen zu arbeiten, darunter auch die Maintenon. Dieses Verhalten scheint gänzlich unerklärlich, auch wenn die Maintenon kurz vor seinem Besuch erwähnt, dass er seit einiger Zeit von seinem »starren Eigensinn« (S. 25) etwas abzulassen scheint. Die Scuderi bezeichnet ihn als »Meister Sonderling« (S. 25).

Abb. 4: Willy A. Kleinau in der Rolle des René Cardillac. Szene aus Eugen Yorks Verfilmung von 1955 – © DEFA-Stiftung / Eduard Neufeld
Im Verlauf der Handlung Düsteres Geheimnisstellt sich heraus, dass er besessen von Edelsteinen ist, so sehr, dass er es nicht erträgt, seine Schmuckstücke in den Händen anderer zu wissen. Daher raubt er sie zurück und ermordet die Besitzer. Nur so gelingt es ihm, innere Ruhe zu empfinden, die »Stimme des Satans« (S. 57) zum Schweigen zu bringen – allerdings nur bis zum nächsten Auftrag. Sein Handeln empfindet er als alternativlos, weswegen er es auch ablehnt, für Personen, deren Tod er nicht will, zu arbeiten (S. 58). Indem er sein Meisterwerk der Scuderi, dem Inbegriff der Tugendhaftigkeit, schenkt, hofft er diesen Kreislauf durchbrechen zu können, jedoch vergebens.
Den Ursprung dieser Besessenheit verortet er in einem vorgeburtlichen Vorgeburtliches TraumaTrauma, ausgelöst durch die von der Gier nach prunkvollem Geschmeide bewirkte Untreue seiner Mutter im Frühstadium der Schwangerschaft.
»Mein böser Stern war aufgegangen und hatte den Funken hinabgeschossen, der in mir eine der seltsamsten und verderblichsten Leidenschaften entzündet. Schon in der frühesten Kindheit gingen mir glänzende Diamanten, goldenes Geschmeide über alles.« (S. 55 f.)
Zwar von eher kleiner PhysiognomieStatur, ist Cardillac dennoch breitschultrig, stark und muskulös. Trotz seines Alters von über 50 ist er beweglich wie ein Jüngling. Auf seinem gedrungenen Gesicht zeigt sich bisweilen ein »hässliches Lächeln« (S. 25), und wäre er trotz seiner Verschrobenheit kein so angesehener Bürger, ließen seine »tiefliegenden, grün funkelnden Augen […] ihn in den Verdacht heimlicher Tücke und Bosheit bringen« (S. 22). Durch diese Beschreibung seiner Physiognomie wird die Enthüllung seines düsteren Geheimnisses vorbereitet. Sie macht es glaubhaft, dass Cardillac als Einzeltäter so viele erwachsene Männer überwältigen kann. Darüber hinaus verfügt er über sehr scharfe Sinne, vermag es, »in der tiefsten Nacht klar [zu schauen] wie der Tiger, […] Straßen weit das kleinste Geräusch, das Sumsen der Mücke [zu vernehmen]« (S. 54). Auch ist er schnell, Desgrais sieht ihn »wie auf den Flügeln des Windes forteilen« (S. 15).
Cardillac ist also der Juwelenräuber, was niemand – bis auf Graf Miossens, sein späterer Mörder – ahnt, da seine DoppelexistenzFassade als Ehrenmann überzeugt und er ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft ist. Dies ist auch der Grund, warum Graf Miossens davor zurückschreckt, den Gerichten die Wahrheit über Cardillac und dessen Tod zu offenbaren: »Hätte la Regnie, überall Verbrechen witternd, mir’s denn geradehin geglaubt, wenn ich den rechtschaffenen Cardillac, das Muster aller Frömmigkeit und Tugend, des versuchten Mordes angeklagt?« (S. 67) Es gelingt Cardillac, seine Schattenseite, seine extreme Leidenschaft für Edelsteine, die ihn jegliche moralische Grundsätze vergessen lässt, vor anderen verborgen zu halten. Olivier entdeckt sie nur durch Zufall, oder, wie Cardillac sagt, durch seinen eigenen bösen Stern (S. 54).
Cardillac lebt und arbeitet in der Straße Nicaise und hat eine Tochter, Madelon, der er ein Liebevoller Vaterliebevoller Vater ist und die nichts von seinem dunklen Geheimnis weiß. Er steht nicht nur in Sachen Bosheit und Verschlagenheit Komplementärfigurkomplementär zur gutherzigen Scuderi, sondern auch als Künstlertyp. Er ist ein »modernes Künstlergenie […], dessen Abgründigkeit die engen Grenzen der Hofkünstlerin herausfordert«1 (siehe dazu auch das Kapitel 6: »Interpretationsansätze« dieses Lektüreschlüssels, S. 77–80).
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