Kitabı oku: «Der gute Ton und die feine Sitte»

Yazı tipi:

Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem

Der gute Ton und die feine Sitte

Vierte, verbesserte Auflage

Saga

Der gute Ton und die feine Sitte

German

© 1916 Eufemia von Adlersfeld-Ballestrem

Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen

All rights reserved

ISBN: 9788711517598

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com

Vorwort.

Motto:

»Bleibt natürlich!«

Die Legende erzählt, dass der Apostel Johannes, als sein hohes Alter ihm das Lehr- und Predigtamt unmöglich machte, sich dennoch hinaustragen liess unter seine andächtige Gemeinde und inmitten derselben durch unablässige Wiederholung der Worte: »Kindlein, liebt einander« die Grundlehre des Christentums zusammenfasste.

Die Legende fiel mir ein, als ich obiges Motto niederschrieb, denn auch die ganze Lehre vom »Guten Ton und der feinen Sitte« liegt in den wenigen Worten: »Bleibt natürlich!« Nun gibt es ja freilich auch eine Natürlichkeit, die der guten Sitte sehr entbehrt; dass es aber in diesem Sinne nicht gemeint ist, brauche ich wohl nicht besonders zu versichern, wohl aber, dass die feinste Sitte und der beste Ton unerträglich werden, wenn sie angelernt und gekünstelt, nicht aber natürlich sind.

Hierin ist meines Erachtens der wunde Punkt all der bisher erschienenen Werke über dieses Thema zu suchen. Die Literatur über den »guten Ton« ist, seit Knigges „Umgang mit Menschen“ erschien, mehr und mehr angewachsen, und viele dieser Werke sind in ihrer Art meisterhaft, sie gereichen jeder Bibliothek zur Zierde. Aber sie haben fast alle denselben Fehler, dass sie durch zu viel Beiwerk den Lernenden verwirren und dadurch unsicher machen, ihn der Natürlichkeit bei der Anwendung des Gelernten berauben. Denn wir dürfen nie vergessen, dass ein Lehrbuch über den »Guten Ton und die feine Sitte« nicht für die geschrieben ist, denen dieselben schon in der Kinderstube zur zweiten Natur anerzogen, sondern für die bestimmt ist, die sich durch Talent und Fleiss hinaufgerungen haben in die Kreise der Gebildeten und diesen nun auch in bezug auf die feine Sitte ebenbürtig werden wollen.

In diesem Sinne entstand auf Anregung der Verlagshandlung dieses Büchlein, das in der klaren und leichtfasslichen Form des Katechismus eine Anleitung geben will, sich die in den Kreisen der Gebildeten unerlässlichen Formen anzueignen. Möchten unsere Bemühungen, das Werkchen nützlich und praktisch zu gestalten, von Erfolg gekrönt sein, um diesen aber zu erreichen, muss der Lernende uns in die Hand arbeiten, indem er natürlich bleibt, d. h. nicht glaubt, das ihm Fehlende durch geziertes Wesen und geschnörkelte Worte ersetzen oder vertuschen zu können. Denn der gute Ton und die feine Sitte vertragen weit eher einen Verstoss aus Unwissenheit als ein Surrogat, dessen Firnis die Unnatur ist, die allzeit nicht nur abstossend, sondern geradezu lächerlich wirkt. Darum also, ihr, die ihr den guten Ton und die feine Sitte zu besitzen wünscht: bleibt natürlich! Ihr werdet euer Ziel viel eher erreichen, wenn ihr die persönliche Natürlichkeit gewissermassen als das Blatt betrachtet, auf welches ihr das Gesetz des guten Tons in euer Gedächtnis schreibt, denn noch niemals hat sich jemand dem Zauber entziehen können, den die Natürlichkeit verleiht. Ein Künstler, der nicht natürlich ist in der Ausübung seiner Kunst, wird niemals anders als äusserlich wirken können, wie viel mehr muss dann nicht der Künstler des guten Tones bemüht sein, die Natürlichkeit zu bewahren, die ihn erst über die Maschine erhebt und ihn den Kreisen, mit denen er gleichwertig verkehren will, menschlich nahe bringt.

Also, bleibt natürlich, dann kann auch ich froh auf den Erfolg dieses Büchleins vertrauen.

Eufemia von Adlersfeld,

geb. Gräfin Ballestrem.

I. Allgemeines.
1. Was versteht man unter gutem Ton und feinen Sitten?

Man versteht darunter den Anstandsbegriff der zivilisierten Welt, der, wenn auch vielleicht bei den verschiedenen Nationen in manchen Dingen abweichend, sich in demselben Grundgedanken begegnet und damit ein unverkennbares Bindeglied zwischen den Gebildeten ist, gleichviel, welche Sprache dieselben reden.

2. Ist es unbedingt notwendig, sich die Kenntnis des guten Tons und der feinen Sitte anzueignen?

Gewiss. Diese Kenntnis ist sogar ganz unerlässlich, wenn man in den Kreisen der Gebildeten nicht nur geduldet, sondern als einer der ihrigen aufgenommen sein will.

3. Hängt denn die Wertschätzung des Menschen von seiner Kenntnis der äusseren Formen ab?

In gewissem Sinne, ja. Denn der innerlich rohe Mensch ohne Bildung wird seine Natur auch nach aussen hin durch ein rohes Benehmen verraten, während ein sonst Ungebildeter, aber vornehm und gütig Denkender wohl rauh und ungeschickt sich benehmen kann, kaum aber verletzend für das feinere Gefühl anderer.

4. Gleicht die Kenntnis des guten Tones diese Gegensätze aus?

Äusserlich und oberflächlich — vielleicht. Innerlich schon schwerer, da die äussere Form nur dann wirksam sein kann, wenn sie mit der inneren Veredlung Schritt hält.

5. Liegt zwischen der Beantwortung dieser und der vorigen Frage nicht ein Widerspruch?

Ein Widerspruch wohl kaum, aber ein Vergleich, der sich am klarsten durch das Gleichnis vom echten und vom unechten Schmucke verständlich macht: das unechte Geschmeide ist nur vergoldet und nutzt sich bei der ersten Gelegenheit ab; das echte Gold aber wird nur poliert, um seinen Wert auch äusserlich zu zeigen. Dieses Buch ist in dem redlichen Bestreben verfasst, durch seinen Inhalt nicht nur äusserlich zu vergolden, sondern das von seinen Schlacken befreite Gold zu polieren.

6. Wie erlangt man am sichersten und schnellsten die Kenntnis des guten Tons?

Jedenfalls im engeren Verkehr mit Menschen von Erziehung. Wo aber die Verbindungen dazu fehlen, sollte man sich durch die aufmerksame Lektüre der darauf bezüglichen Bücher das Fehlende zu erwerben suchen, ehe man sich in die Kreise des guten Tons und der feinen Sitte begibt.

7. Warum vorher?

Weil nicht alle geneigt sind, die in diesem Falle gebotene Nachsicht walten zu lassen, und sich der Neuling in diesen Kreisen unnötig bitteren Demütigungen aussetzen würde.

8. Ist diese Nachsichtslosigkeit ein Zeichen des guten Tons?

Durchaus nicht, denn zum guten Tone gehört auch das feine Verständnis für die Lage des Neulings und die Bereitwilligkeit, ihm, statt ihn zu demütigen, über die Schwierigkeiten hinwegzuhelfen. Die Entschuldigung der Nachsichtslosen, sie hätten zu verlangen, dass ein Mensch nicht ohne die Kenntnis der Form, die den Gebildeten kennzeichnet, in ihre Kreise käme, entbehrt indes, wenn auch der Nächstenliebe, so doch nicht ganz der Berechtigung. Die mangelhafte Form in manchen Dingen (bei Tisch z. B.) ist für die Zusehenden oft eine unerträgliche Qual, und darum kann nur der gute Rat, sich vor dem Eintritt in die feingebildeten Kreise deren Formen anzueignen, dringend wiederholt werden.

9. Darf sich kein Mensch ungestraft über die leere äussere Form hinwegsetzen?

Gewiss nicht; wenigstens sollte die absichtliche Missachtung und Verletzung der äussern Form nicht ungestraft bleiben, denn diese ist der Kitt, der die gute Gesellschaft verbindet, ihre Leidenschaften im Zügel hält und ihr die Überlegenheit verleiht, die sie trotz aller Schmähungen der Umstürzler zweifellos geniesst. Wer sich also in geistigem Hochmut und der Überhebung seiner gänzlich missverstandenen Menschenwürde über die äussere Form hinwegsetzen will, zerschneidet das Tischtuch zwischen sich und den Kreisen, die vermöge ihrer inneren und äusseren Bildung dazu berufen sind, die Stützen des Thrones, des Staates und der Kirche, mit einem Worte, der Ruhe und Ordnung zu sein.

10. Findet man nicht trotzdem oft in den besten Kreisen Leute, die geradezu etwas darin suchen, den guten Ton zu verletzen?

Dies ist leider sehr häufig der Fall bei solchen, die sich durch einen berühmten Namen oder durch sonst welchen Vorzug der Geburt oder der Stellung weit über den anderen stehend glauben. Die gute Gesellschaft ist aber an solchen, sie nur in Misskredit bei ihren Widersachern bringenden Mitgliedern selbst schuld, wenn sie sich deren Ungezogenheiten gefallen lässt.

11. Was ist dagegen zu tun?

Abhilfe gegen anmassendes und lümmelhaftes Betragen einzelner lässt sich sehr gut und sicher dadurch schaffen, dass man mit rücksichtsloser, aber stets in den Grenzen der Höflichkeit bleibender Schärfe gegen die Verletzung des guten Tones auftritt, und dadurch erziehend auf die Ungezogenen wirkt. Das Taktgefühl wird die richtige Form der Zurechtweisung in dem vorliegenden Falle mit Sicherheit finden und genau wissen, wann und wo sie in scherzhafte, scharfe, zuredende oder empörte Worte zu kleiden ist.

12. Das Taktgefühl ist demnach auch eine Bedingung des guten Tons und der feinen Sitte?

Es ist eine Hauptbedingung desselben; und nicht nur das, es ist fast eine Lebensbedingung, denn nichts wird mehr gefürchtet und gemieden, als ein taktloser Mensch, der mit unfehlbarer Sicherheit immer den wunden oder schmerzhaften Punkt berührt, wo er mit andern zusammentrifft.

13. Was versteht man unter „Takt“?

Man versteht darunter das Geschick, Gespräche, Andeutungen und Fragen zu vermeiden, die dem andern aus irgendwelchem Grunde peinlich sind, sowie ihn nicht mit Personen zusammenzubringen, von denen man weiss, dass er ihnen nicht gern begegnet. Der taktvolle Mensch wird auch, wenn er, ohne es zu wollen, das Gefühl eines andern verletzt hat, durch eine kurze herzliche Entschuldigung, eine geschickte Wendung des Themas oder was sonst die Situation ergibt, sein Versehen gut zu machen suchen, unter allen Umständen aber vermeiden, durch ein Zuviel die Sache zu verschlimmern.

14. Ist das Taktgefühl angeboren oder lässt es sich auf irgend eine Weise erwerben?

Es lässt sich durch einen festen und guten Willen fast jede Eigenschaft anerziehen, so dass sie zur Gewohnheit wird. Den angeborenen Takt wird in vollkommenem Sinne der anerzogene wohl kaum ersetzen können, weil er ein wesenloser Begriff und ein Gefühl ist, für das nicht alle Naturen gleichartig besaitet sind. Doch wird, wie gesagt, ein redlicher und fester Wille den psychischen Mangel erfolgreich bekämpfen können.

15. Hat der gute Ton für alle die gleichen Gesetze?

Nur insofern, als er von allen Anstand, Takt und gute Manieren ohne Ausnahme verlangt. Aber da sich bekanntlich nicht eines für alle schickt, wie z. B. einem jungen Mädchen in Gesellschaft andere Dinge obliegen als einer Greisin, und ein General sich anders benehmen muss als ein Leutnant, so hat der gute Ton für jedes Alter und für jede Lebensstellung seine besonderen Gesetze.

16. Ist es notwendig, dieselben alle zu kennen.

Da es meines Wissens für die verschiedenen Lebensalter und Stände keine gedruckten Verhaltungsmassregeln gibt, so wird man am besten tun, sich durch persönliche Beobachtung die Kenntnis dieser Gesetze anzueignen. Die vorliegenden Blätter enthalten die für jeden gebildeten Menschen notwendigen Anstandsregeln für alle die Lagen, in die der Verkehr mit der guten Gesellschaft ihn bringt; die kleinen Abweichungen für die verschiedenen Stände ergeben sich daraus von selbst und sind unschwer zu bemerken.

17. Ist es notwendig, diese Anstandsregeln genau zu befolgen?

Da die Verfasserin sich bemüht hat, ihren Katechismus des guten Tons und der feinen Sitte von jedem verwirrenden Ballast freizuhalten und veraltete Anstandsbegriffe oder solche, die nur von lächerlicher Prüderie diktiert waren, gar nicht darin aufgenommen hat, so wird es sich empfehlen, das Gesagte als notwendig und dringend gefordert anzusehen.

18. Worauf bezieht sich der Ausdruck: veraltete Anstandsbegriffe?

Es würde zu weit führen, diese zu erklären. Man vertraue der Verfasserin, dass es sich auf nichts wesentliches bezieht, auf nichts, was den Anstand an sich beeinflussen könnte. Jede Zeit hat ihre Zeichen, auch im geselligen Verkehr; es ist unsere Aufgabe zu sagen, was die Gegenwart von dem Gebildeten fordert, nicht was man in vergangenen Zeitabschnitten von ihm gefordert hat.

19. Welchen Einfluss hat die Gegenwart auf die Regeln des Anstandes?

Wer fein beobachtet, dem wird es nicht entgangen sein, dass der gesellige Verkehr sich nach und nach gegen früher viel zwangloser, d. h. viel natürlicher gestaltet hat, und das entschieden zu seinem Vorteil. Dies ist zweifellos der allgemeinen Zeiiströmung zuzuschreiben, die in Kunst, Wissenschaft und Leben nach der Natur strebt und in allem danach trachtet, Vorurteile zu besiegen. Man hört heute oft ältere Leute sagen: „Das hätte man zu meiner Zeit nicht sagen und tun dürfen.“ Aber als diese Leute jung waren, sagten ihre Eltern sicherlich dasselbe. Die Zeit ändert eben die Ansichten über vieles im Leben; noch im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts hätte kein regierender Fürst seinen Erben auf dieselbe Schulbank mit dem Sohne seines ersten besten Untertans gesetzt, und während heute der unbeschränkte Gebrauch eines Taschentuches jedem Gebildeten zur Pflicht gemacht wird und kein Mensch sich wundert, dieses notwendige Wäschestück in einer Hand zu sehen, so gab es eine Zeit, wo das blosse Wort »Taschentuch« schon für unanständig galt und der Gebrauch desselben nur nach dem Verlassen des Zimmers gestattet war. Selbst heute noch trifft man Leute, die förmlich unter dem Tisch verschwinden, wenn sie sich die Nase putzen wollen, damit nur um Gotteswillen kein Mensch das Taschentuch sieht. Man muss daher bemüht sein, nicht hinter der Zeit zurückzubleiben, und sorgsam darauf zu achten, was sie von uns fordert; nur wenn man mit der Zeit geht, schreitet sie nicht über uns weg, und das allein kann uns, wenn wir älter werden, vor Ärger und Enttäuschung bewahren und vor dem so oft gehörten: „Das verstehe ich nicht mehr, das war zu meiner Zeit anders.“ Der Allgemeinbegriff über den guten Ton ist wohl zu allen Zeiten derselbe geblieben, aber der gute Ton selbst ist gottlob natürlicher geworden. Wenn trotzdem ein vor einigen Jahren erschienenes Lehrbuch über den Anstand verbietet, von »Beinen« zu sprechen, weil das unanständig sei, und das schlichte »Ja« für rüde erklärt und durch das gezierte »Allerdings« ersetzt haben will, so können wir mit dem besten Gewissen nur den guten Rat geben, sich durch solch übertriebene und unnatürliche Anstandsregeln nicht irreführen zu lassen. Denn wenn es schon unanständig wäre, von Beinen zu sprechen, so wäre es dies von Beinkleidern erst recht, und ein Mensch, der gar vom Hosenbandorden spricht, wäre ein abschreckendes Beispiel für alle Jünger des guten Tons. Dennoch ist es noch niemand eingefallen, diese höchste englische Dekoration den »Unaussprechlichen Bandorden« zu nennen.

20. Gibt es nicht eine Menge lächerlicher und veralteter Anstandsregeln, die heute noch in Kraft sind?

Gewiss gibt es unter den Geboten des guten Tons noch eine Menge üppig wuchernden Unkrautes, das der einzelne zwar nicht zu entfernen die Macht hat, wohl aber die Zeit. So lange diese zopfigen Regeln aber noch bestehen und man deren Beachtung von uns fordert, müssen wir uns ihnen fügen, besonders, wenn man ein Neuling im Salon ist. Eine freiere Anwendung aller Regeln des guten Tons darf sich nur der gestatten, der für ein Muster desselben gilt.

21. Und warum nur ein solcher?

Weil nur genaue Kenner des guten Tones wissen können, wie weit sie im Überschreiten seiner Regeln gehen dürfen, ohne den notwendigen und wohltätigen Zwang derselben zu gefährden.

22. Warum ist dieser Zwang notwendig?

Weil es wunderbare Blüten treiben würde, wenn es einem jeden überlassen wäre, sich die Gesetze des Anstandes nach seinen eigenen Ansichten zu reformieren und zur Anwendung zu bringen. Die Gesellschaft würde bald einem Freistaate ohne Sitten und Gesetze gleichen, einer absoluten Anarchie im schlimmsten Sinne des Wortes. Für jeden geordneten Staat ist der Zwang der Gesetze eine dringende Notwendigkeit; ebenso sind für eine gebildete Gesellschaft im weitern Sinne Gesetze des guten Tons und der feinen Sitte unerlässlich. Selbst wilde Völker haben fast ausnahmslos gewisse Begriffe und Gesetze des Anstandes in ihrem Sinne; wir, die wir auf der Höhe der Kultur zu stehen uns rühmen, sollten daher gar nicht den Wunsch hegen, uns von einem Zwange zu befreien, der unsere Sitten nur verfeinern und uns auf eine höhere Stufe der Kultur heben kann.

II. Die äussere Erscheinung.
23. Inwiefern ist die äussere Erscheinung von Einfluss auf den guten Ton?

Die äussere Erscheinung des gebildeten Menschen ist sein Empfehlungsbrief. Ein nachlässig gekleideter oder gar die Gesetze der Reinlichkeit verletzender Mensch wird immer einen so schlechten Eindruck machen, dass seine inneren Eigenschaften nur schwer über die äussere Erscheinung siegen werden, soweit nämlich, als die Aufnahme des Betreffenden in die Kreise der guten Gesellschaft in Betracht kommt.

24. Ist es nicht ungerecht, den inneren Menschen entgelten zu lassen, was der äussere verstösst?

Es mag vielleicht so scheinen, doch ist es für die Würde der Gesellschaft notwendig, dieselbe auch durch die äussere Erscheinung zu wahren. Auf welche Stufe würden wir wohl hinabsinken, wenn wir darüber hinwegsehen wollten! Der Anzug, den man trägt, kann, wenn teure Stoffe ausserhalb unserer Mittel liegen, aus dem einfachsten Material bestehen, doch muss er tadellos sitzen und noch tadelloser sauber sein; wem es nicht möglich ist, diese letztere geringe Anforderung des guten Tons an die äussere Erscheinung zu erfüllen, der bleibt anständigen Kreisen besser ganz fern.

25. Wie hat man demnach die äussere Erscheinung in Einklang mit dem guten Ton zu bringen?

Man vermeide vor allem das Auffallende und eine sogenannte schäbige Eleganz. Nichts macht einen jammervolleren Eindruck, als wenn jemand in seinem Anzuge mehr scheinen will als er ist, eine Bemühung, mit der immer nur das Gegenteil erreicht wird.

26. Was ist demnach als auffallend zu vermeiden?

Alles, was in die Lebensstellung des einzelnen nicht passt, ist auffallend an sich. Wenn also jemand, dessen beschränkte Mittel bekannt sind, in Gesellschaft mit unechtem Schmuck behängt erscheint, so macht er sich dadurch auffallend. Auffallend kann man aber auch durch die Wahl der Farben, durch den Schnitt der Kleidung, durch Kopfbedeckungen, durch sein ganzes Betragen werden; all dies ist streng zu vermeiden, wenn man Anspruch darauf machen will, ein Mitglied der guten Gesellschaft zu sein. Wenn man in betreff des Benehmens nicht genug ermahnen kann, natürlich zu bleiben, so sollte die Kunst einfach zu bleiben in der äussern Erscheinung, stets als Schwestergebot neben jenes gestellt werden. Wir werden in diesem Abschnitt noch öfter Gelegenheit nehmen, darauf zurückzukommen.

27. Was ist nächst der Vermeidung des Auffallenden wichtig für die äussere Erscheinung?

Die Sauberkeit. Bitte, lieber Leser, rümpfe nicht die Nase, und sage nicht, das verstehe sich von selbst. Natürlich versteht sich das von selbst, aber es gibt sehr viele Leute, die den Begriff »Sauberkeit« völlig falsch verstehen und sich sehr viel auf ihre Reinlichkeit einbilden, wenn sie beim Aufstehen ihr Gesicht zur Not in die Waschschüssel tauchen. Wem ein tägliches Vollbad nicht zur Verfügung steht, der sollte es durch sonstigste peinlichste Waschungen zu ersetzen suchen und namentlich auf den Kopf, die Zähne und die Hände eine Sorgfalt verwenden, die niemals ein Zeitverlust sein kann, schon aus dem Grunde, weil eine Vernachlässigung in dieser Beziehung sich an der Gesundheit rächt. Nichts ist abstossender als solch ein menschlicher Schmutzfink; denn wenn man sich im Verkehr mit jemand immer von neuem über seine Unsauberkeit hinwegsetzen und einen gewissen Ekel überwinden muss, um den sonstigen Eigenschaften eines solchen Menschen gerecht werden zu können, so erschwert das doch den Verkehr bis zur unerträglichen Pein.

28. Worauf hat man also zunächst Wert zu legen, um die äussere Erscheinung mit dem guten Ton in Einklang zu bringen?

Man trage niemals andere, als tadellos saubere und des Flickens unbedürftige Wäsche. Ein zerknülltes Vorhemd, ein an den Rändern unsauberer Kragen und ebensolche Manschetten können anderen vollständig den Appetit verderben und machen den besten Anzug salopp, während reine, gutgeplättete Wäsche den einfachsten und billigsten Anzug nett und elegant erscheinen lässt. Die Klage, dass reine Wäsche ein teurer Artikel sei, beruht zum grössten Teil auf Vorurteil; man bemühe sich, für andere, nutzlose und oft läppische Dinge die Ausgaben zu vermeiden und das Ersparte lieber für einen öfteren Wäschewechsel zu verwenden, und man wird die Wohltat desselben bald zu sehr empfinden, um sich und seinen Nebenmenschen, denen man doch auch gewisse Rücksichten schuldet, einen Luxus versagen zu können, der streng genommen eine Notwendigkeit ist.

29. Gilt dies nur für die, deren Wäsche sichtbar ist, also für die Herren vom Zivil, für die Kragen und Manschetten der Damen und allenfalls für die aus den Uniformärmeln hervorsehenden Herrenmanschetten?

Ganz und gar nicht; das oben gesagte gilt für jedermann, ob man seine Wäsche sieht oder nicht. Denn man ist doch nicht nur für andere reinlich, sondern in erster Linie für sich selbst. Es gibt ja leider genug Leute, die alles und alles nur der Menschen wegen tun und lassen, diese aber treten damit ihren eignen freien Willen, mehr noch, ihre Menschenwürde in den Staub. Man hüte sich also, in der Rücksicht auf das Urteil anderer zuviel zu tun. Jeder aber, der sich einer vernünftigen Einsicht nicht mit Gewalt verschliesst, wird zugestehen müssen, dass man saubere Wäsche zunächst seiner selbst wegen trägt. Wem es nicht einleuchten will, dass man diese Verpflichtung auch dann hat, wenn die Wäsche bei der Kleidung unsichtbar ist, der sei an ein Sprichwort erinnert, das ihn vielleicht bekehrt. Es lautet: „Oben hui und unten pfui.“ Die Nutzanwendung mag sich ein jeder selbst daraus ziehen.

30. Was ist ausser der Sauberkeit bei der Wäsche zu beobachten wichtig?

Dass sie gut genäht und schön geplättet ist. Eine schlechte Plätterei, bei der man die Abdrücke des Eisens sieht oder Streifen von Waschblau oder gar Krusten von Stärke, kann die beste Arbeit verderben. Es gibt Hausfrauen, die ihre Ehre darin suchen, dass alles im Hause gearbeitet wird; gewiss ein lobenswerter Ehrgeiz, so lange er mit dem Können Schritt hält. Ich kann es aber für keine Schande halten, Oberhemden, Kragen und Manschetten einer Kunstplätterin ausser dem Hause anzuvertrauen, wenn sich im Hause niemand auf regelrechtes Plätten versteht, und dessen Mitglieder gute, aber übelgeplättete Wäsche tragen müssen, nur weil andere Hausfrauen denken könnten, man verstünde seine Sache nicht. Man stellt jetzt aber an die elfenbeingleiche Glätte der Plättwäsche so hohe Ansprüche, dass zu ihrer Herstellung die technischen Fachkenntnisse gehören, die sich nur durch eine ausschliessliche Beschäftigung mit dem einen Gegenstande erwerben lassen, eine Leistung, die in einem kleinen Haushalt zu viel Zeit wegnimmt und daher unmöglich ist. Eine solche tadellose, »auf neu« geplättete Wäsche bezahlt sich aber auch, da sie viel länger sauber bleibt als mangelhaft gestärkte und geplättete Wäsche. Man vermeide übrigens bei den Vorhemden alle Künsteleien, als da sind: durchbrochene und feste Stickereien, kunstvolle Hohlnähte, Faltenmuster usw. Schöne, feine Steppnähte, feine, gerade Saumnähte wirken immer am vornehmsten, gestickte Einsätze oder gar bunte Hemden mit auffallenden Sport- und Tiermustern verraten immer einen schlechten Geschmack und würdigen den Menschen zum »Gigerl« herab, diesem unversiegbaren Quell des Spottes für alle Witzblätter und vernünftigen Leute.

31. Was gilt vom Taschentuch?

Wir haben in dem Abschnitt »Allgemeines« schon gesagt, dass es eine Zeit gab, in der dieses notwendige Übel vom guten Ton geradezu verpönt war. Heutzutage würde man einen gebildeten Menschen, der sich keines Taschentuches bedient, für gesellschaftlich unmöglich erklären. Was das Taschentuch selbst anbelangt, so sei es von Mittelgrösse; ein Herr wähle es von feinem Leinen oder Batistleinen mit weiss gesticktem, einfachem Monogramm oder Initialen in der einen Ecke; den Damen allein bleibe es überlassen, feine Batisttücher mit Spitzen oder Stickereien verziert zur Gesellschaftstoilette zu tragen. Mit breiten, bunten Rändern, Hufeisen, Pferdeköpfen und anderen monströsen Dingen bedruckte Taschentücher sind unfein und geschmacklos. Auch die breiten schwarzen Trauerränder an den Taschentüchern können wir nur für eine Geschmacksverirrung halten, gegen die Protest erhoben werden muss. Oder ist es nicht abgeschmackt, seiner Trauer dadurch Ausdruck geben zu wollen, dass man sich die Nase mit einem schwarzberänderten Tuch wischt? Um der Welt zu sagen, dass man um ein liebes Wesen trauert, genügt ein würdevoller schwarzer Anzug, wie ihn die Landessitte vorschreibt. Durch solche Lächerlichkeiten, wie die obengenannte, macht man aber den Schmerz zu einem Popanz.

32. Was hat man, nächst der Wäsche, bei dem Anzuge zu beobachten?

Der Anzug sowohl bei Damen als auch bei Herren soll in allen Teilen unauffällig, ordentlich, einfach und gut passend sein. Man muss jene für eine Modenärrin oder einen Modenarren erklären, die sich jede neue Tollheit einer erfindungsreichen Industrie auf den Leib hängen, weil sie glauben, man könne sonst nicht »schick« sein. Solche Leute sind im Gegenteil sehr wenig »schick«, und wüssten sie, wie der gute Geschmack über sie lächelt und witzelt, sie würfen den Affenplunder gewiss gleich ins Feuer. Ebensowenig aber, als man sich zum Sklaven der Mode machen soll, darf man sie verachten oder sich über sie hinwegsetzen. Man muss die herrschende Mode sogar mitmachen, will man nicht auffallen, aber man muss die Mode seiner eigenen Erscheinung dienstbar machen, indem man ihr nur das entnimmt, was uns kleidsam ist. Denn was schlanke Menschen kleidet, kann starken direkt zur Unzierde gereichen; zudem hat man bei der Wahl seiner Kleidung nicht nur seine Figur, sondern auch sein Gesicht zu berücksichtigen. Infolge der grossen Verschiedenartigkeit der Menschen wäre es natürlich ein Unding, direkte Verhaltungsmassregeln über Einzelheiten im Anzuge geben zu wollen; auch über die Wahl der Farben entscheidet die Kleidsamkeit und hauptsächlich die Gelegenheit, zu der ein Anzug angelegt wird.

33. Warum hauptsächlich die Gelegenheit?

Weil man sich viel eher vor dem Forum des guten Tons in der Wahl der Farbe seines Anzuges täuschen darf, als über den Ort und die Gelegenheit, zu denen man darin erscheint. Denn es wird jedem einleuchten, dass grelle Farben, die eine Gesellschaft oder den Ballsaal angenehm beleben, auf der Strasse oder in öffentlichen Lokalen durchaus unangebracht sind.

34. Wie wählt man am besten den Strassenanzug?

Man wähle ihn in dunklen oder unbestimmten Farben, von einfachem Schnitt und unter gänzlicher Vermeidung auffallender Schmucksachen. Zeigt schon das Überladen mit Gold und Juwelen im Zimmer und im Salon schlechten Geschmack, so wirkt es auf der Strasse geradezu ordinär. Kravattennadeln, Uhrketten und einfache Broschen sind der einzige, auf der Strasse erlaubte Schmuck. Man sorge dafür, dass er gediegen, aber nicht prahlerisch sei.

35. Wie hat man den Besuchs- oder Visitenanzug zu wählen?

Damen machen alle Besuche in Strassentoilette resp. Promenadenanzug, der, wie schon oben gesagt, in einem einfach gearbeiteten, aber vortrefflich sitzenden Kostüm von neutralen Farben mit möglichst wenig Ausputz besteht; Hut und Umhang soll dem Alter der Trägerin durchaus entsprechen, die Handschuhe müssen tadellos sein. Bei Regenwetter legt man den Regenmantel, den Schirm und die nassen Gummischuhe vor dem Eintritt in das Zimmer ab. Herren erscheinen bei Besuchen in schwarzem Überrock, Zylinder, halbhellen Handschuhen und tadelloser Wäsche. Besuche, selbst bei Vorgesetzten oder sehr hochgestellten Personen, im Frack sind nicht mehr üblich und ein überwundener Standpunkt. Bei Kondolenzbesuchen haben sowohl Damen als auch Herren darauf zu achten, dass ihr Anzug schwarz sei, zum mindesten aber keine bunten Farben aufweise. Es bezeigt dies die von jedem Gebildeten der Trauer eines andern schuldige Achtung.

36. Wie hat man den Anzug bei Einladungen in kleinem Kreise zu wählen?

Für Herren gilt hierbei der schwarze Überrock, Damen mögen ein jedenfalls hohes Kleid ohne oder mit kleiner Schleppe von helleren Woll- oder dunkleren Seidenstoffen tragen, wenn nicht ausdrücklich im Hauskleid gebeten ist. Gesellschaften, zu denen die Herren im Überrock gebeten sind, können grosse Gesellschaften sein, und man tut gut, sich vorher zu erkundigen, wieviel Personen anwesend sein werden, da es stets etwas peinliches hat, für grössere Gesellschaft nicht entsprechend gekleidet zu sein. Die Einladungen zu Hofe (siehe später) haben das Gute, dass die Toilette, in der man zu erscheinen hat, vorgeschrieben ist. Je grösser die Gesellschaft, desto elegantere Toilette mag man machen; ausgeschnittene Kleider werden indes meist nur zu Bällen und grossen offiziellen Teegesellschaften (Routs) angelegt; halbhohe Kleider, besonders für jüngere Damen, zu Diners und Abendgesellschaften entsprechen ganz dem guten Ton. Ältere Damen tragen natürlich hohe Kleider.

37. Was für Kleidung legt man zum Diner an?

Ist zum Mittagessen gebeten und fällt die Zeit der Einladung mehr in die Mitte des Tages, so wird für die Herren meist die Bemerkung »im Überrock« beigefügt. Damen legen dann ein hohes, seidenes Kleid an. Ist die Einladung schon feierlicher und lautet sie zum Diner, das vor sechs Uhr abends kaum zu beginnen pflegt, und sind die Herren dazu im Frack gebeten, so mag die Dame auch ein eleganteres seidenes Kleid anlegen, mit halbhohem Ausschnitt. Kleiderausschnitte, welche die Schultern frei lassen, sind bei uns zu Diners nicht mehr üblich; in England z. B. gehört ein ausgeschnittenes Kleid indessen durchaus zum guten Ton. Man tut in jedem Falle gut, sich nach der herrschenden Sitte zu erkundigen.

38. In welchen Fällen darf man Blumen und Schmuck anlegen?

Man darf beides in allen Gesellschaften mit dem gehörigen Mass und Ziel tragen. Ein kleiner Strauss frischer Blumen, eine einzelne Rose oder ein Büschelchen frischer Veilchen werden in der kleinsten Gesellschaft, graziös am Halse, an der Brust oder im Gürtel befestigt, dem einfachsten Kleide zum anmutigen Schmucke gereichen. Natürlich darf es kein Strauss von der Grösse sein, dass eine Kuh sich satt daran fressen könnte. Mit dem Anlegen von Schmuck sei man in kleineren Gesellschaften sehr sparsam. Man behänge sich nicht mit allzuviel Gold und lasse den Schmuck lieber ganz fort, wenn man keinen echten besitzt. Besonders vorsichtig sei man mit dem in Galanterieläden käuflichen Modeschmuck. Die launische Mode bringt da in reizender Ausführung zu jeder Saison neue Broschen, Nadeln usw., oft recht teure Nichtigkeiten, die eine elegante Modedame ein halb Dutzend mal trägt und dann durch andere ersetzt (Sportembleme, Tiere aller Art, Tierköpfe, Blätter u. dgl. m.), vor solchen Schmuckstücken hüte sich, wer nicht oft zu wechseln hat, denn oxydierte oder emailierte Ungeheuer, Gerätschaften und sonstiger Modenunfug passen nicht für jeden und machen die Trägerin oft gar noch lächerlich. Wer gediegenen echten Schmuck besitzt, mag ihn zu grossen Gelegenheiten, als Diners, Bällen, grossen Abendgesellschaften, Hochzeiten usw., immerhin anlegen, wohlverstanden, wenn er zu der Toilette passt. Man vergesse aber nicht, dass für junge Mädchen reicher, kostbarer Schmuck nicht passt, für diese sind Blumen allezeit der lieblichste Schmuck, dem die ältere Frau entsagen sollte. Es liesse sich über dieses Kapitel nach eignen Beobachtungen noch viel sagen, indes ist das Tragen von Schmuck ebenso sehr Taktsache wie der ganze Anzug selbst. Nur das sei noch bemerkt, dass man nichtzusammengehörigen Schmuck, wenn er nicht durch eine geschmackvolle Zusammenstellung in Übereinstimmung zu bringen ist, besser nicht anlegt. Wer also z. B. ein Granathalsband, Korallenohrringe, eine Diamantbrosche und einen Kamm von Türkisen besitzt, ist selbst bei grossen Gelegenheiten nicht verpflichtet, diese Herrlichkeiten auf einmal zu tragen, wie man nicht selten zu bemerken Gelegenheit hat. Gesetzt also, es besässe jemand die genannten Schmucksachen, so würde das Granatenhalsband zu einem rosa Kleide, die Diamantbrosche zu einem blauen und der Türkisenkamm zu einem weissen Kleide passend erscheinen. Denn die Menge macht es nicht, sondern der Geschmack. Die Ohrringe striche ich am liebsten ganz, weil unsere tonangebenden Damen sich endlich eines Schmuckes entledigen sollten, der doch noch stark an die barbarischen Völker erinnert. Ob nun der Ohrring in seiner Form an Indianerinnen, Nubierinnen und Chinesinnen erinnert, oder in Anlehnung an abendländische Kultur als Knopf ins Ohr geschraubt wird, schön habe ich diesen an den Nasenring erinnernden Schmuck niemals finden können, schon weil er die Form des kleinen, rosigen und jugendlichen Ohres entstellt und das Ohr alter Damen zu einem grotesken Schaustücke macht. Der Ausgang des 19. Jahrhunderts mit seinem berühmten Stichworte: „fin du siècle“ hat so vielen alten Plunder zum Ausfegen entdeckt, sollte es der Kultur nicht endlich gelingen, von unseren Damen auch den Ohrring zu diesem Zwecke zu erhalten? Und noch ein Wort über das Tragen von Ringen! Eine mit Ringen überladene Hand sieht immer unschön aus, eine schön geformte Hand wird durch zuviel Ringe verunstaltet. Ein Herr sollte keinen anderen als den Trauring tragen; eine Dame mag dazu noch einige kostbare Ringe anlegen, doch nur auf den Gold-, allenfalls den kleinen Finger. Siegelringe sind nicht mehr chic, sie auf dem Zeigefinger zu tragen am allerwenigsten.

39. Gehört es zum guten Ton, sich zu parfümieren?

Der gute Ton verlangt durchaus keinen künstlichen Wohlgeruch. Es gibt Personen, denen es sogar geradezu unerträglich ist, Parfüm zu riechen. Indes lässt sich gegen die diskrete Anwendung eines der vielen zarten und lieblichen Düfte, wie sie von bedeutenden Parfümeriefabriken hergestellt werden, vom Standpunkt des guten Tons nichts einwenden, ja, wenn eine elegante Dame sich ein Lieblingsparfüm, wie Veilchen, Heliotrop, Tuberose, Orange, Maiglöckchen, Flieder, und wie diese köstlichen Wohlgerüche alle heissen mögen, erwählt, so verleiht ihr dieses Umschwebtsein von dem nämlichen und immer gleichen Duft einen gewissen poetischen Zauber. Ausdrücklich aber muss gewarnt werden vor allen starken, durchdringenden Parfüms, wie Moschus, Patchouli, Bisam, Juchten usw. Ganz abgesehen davon, dass diese Parfüms auf die Geruchsnerven vieler geradezu Unwohlsein erregend wirken, sind sie unfein und sollten besser einer das Auffallende suchenden Halbwelt überlassen bleiben. Ein allzeit sehr vornehm bleibendes Parfüm ist gute Eau de Cologne, das echte Kölnische Wasser, das namentlich für Herren stets das passendste Parfüm bleibt.

40. Worauf hat man sonst noch bei seiner äusseren Erscheinung zu achten?

Es gibt nächst dem Anzuge noch einige höchst beachtenswerte, ja absolut unerlässliche Punkte und Vorschriften des guten Tons für die äussere Erscheinung, die so wichtig sind, dass wir sie einer ganz besonderen Aufmerksamkeit empfehlen. Sie betreffen die Pflege des Angesichtes, der Haare, der Zähne, der Hände und der Haltung. Es gibt viele, die sich gerade über diese Dinge mit souveräner Verachtung hinwegsetzen, aber sehr mit Unrecht, denn die geringe, auf sich selbst angewendete Zeit lohnt sich wirklich und die kleine Mühe krönt der Erfolg, der schon in dem erhöhten Wohlgefallen an sich selbst liegt. Man verstehe mich aber recht, ich will keiner törichten Eitelkeit, keiner Selbstvergötterungsnarrheit das Wort reden, das sei schon darum fern von mir, weil ich eine nur mit dem eigenen werten Ich beschäftigte Eitelkeit nicht nur für lächerlich, sondern für geradezu jammervoll halte; aber eine gewisse Dosis Eitelkeit muss jeder besitzen, der in den Kreisen verkehren will, in denen man die Pflege des uns vom Affen unterscheidenden Äussern für wohlanständig hält. Man sehe sich einen Menschen an, und leider sind sie garnicht einmal selten, deren schlechter, verdorbener Teint, unappetitlicher Mund, ungepflegte Hände und hässlicher Gang immer die Kritik herausfodern! Da sagen manche, es widerspreche ihrer Menschenwürde, das Äussere zu ihrem Gotte zu machen. Gewiss, wer das tut, ist sehr beklagenswert, weil sehr arm an Geist und weil er seinen Lebenszweck in traurigster Weise verkennt. Wer aber sein Äusseres durch grobe Vernachlässigung zum abschreckenden Beispiel für andere werden lässt, vergibt seiner Menschenwürde viel mehr, denn damit stellt er sich nicht nur auf den Standpunkt des Wilden, der schliesslich noch mehr auf seine Person gibt, indem er sich mit Federn und bunten Lappen schöner und ansehnlicher zu machen sucht, sondern er stellt sich auf die Stufe des Tieres.

41. Was soll man zur Pflege des Antlitzes tun?

Ein reiner und blühender Teint mit schönen Farben ist nicht jedem gegeben. Wer ihn aber hat, soll ihn durch eine vernunftgemässe Behandlung zu erhalten suchen. Ein schlechter, durch Blätterchen (Pickeln) oder Kupferröte entstellter Teint, eine gelbe oder graue Gesichtsfarbe sind freilich unangenehme Zugaben zu den grossen und kleinen Leiden dieser Erde, besonders für Damen sind sie oft ein Quell grossen Kummers. Wer aber einen schlechten Teint hat, versuche nicht, ihn durch kosmetische Mittel zu verbessern, oder ihn unter Schminke und Puder zu verbergen, sondern man befrage einen Arzt. Schlechter Teint rührt in den meisten Fällen von einer inneren Störung her, die durch eine angemessene Diät oder durch eine ernstere Kur gehoben werden kann. Wo dies nicht der Fall ist, und wo der Teint dennoch schlecht bleibt, muss man sich mit Ergebung in das Unvermeidliche zu finden suchen, zu Puder und Schminke greife man unter keinen Umständen. Wir wissen, dass der gute Ton noch im Anfang des 19. Jahrhunderts erforderte, dass eine Dame ihr Gesicht mit einer dichten Schicht Schminke belegte, der gute Ton in unseren Tagen fordert aber gottlob das Gegenteil. Schminke und Puder sind auf der Bühne unbedingt gefordert durch die Beleuchtung und zur äusseren Charakteristik der Rollen, im Salon aber sollte beides mit Acht und Bann belegt werden. Die Damen, die sich pudern und schminken, irren sich auch völlig über den Erfolg ihrer Bemühungen, denn einmal wird niemand dadurch getäuscht, weil selbst der Ungeübte sehr bald die Kunst von der Natur zu unterscheiden lernt, und dann ist für die Herren besonders ein solch lebendes Pastellbild ein unversiegbarer Quell für schlechte und gute Witze. Die ersteren überwiegen selbstredend. Vielleicht hilft dieses Bekenntnis einer Eingeweihten, der man die Wiederholung dieser oft gehörten Redensarten wohl freundlichst erlassen wird, besser und gründlicher gegen die Unsitte des Puderns und Schminkens als alle anderen Gründe. Denn dass selbst giftfreie Schminken und der reinste Reispuder äusserst schädlich und ungesund sind, weil sie die Poren der Haut verstopfen und, eine normale Tätigkeit derselben verhindernd, zu ernsten Erkrankungen des sonst so ängstlich behüteten Teints führen, ist eine längst bekannte Tatsache, die gleichwohl eitle Damen an der Passion, sich ihr Gesicht zu bemalen, nicht verhindert.

42. Worauf soll man bei der Pflege der Haare achten?

Vor allem auf Reinlichkeit durch mindestens wöchentlich einmal vorzunehmendes gründliches Waschen des Kopfes. Es herrscht gerade dagegen selbst bei sonst ganz reinlichen Menschen ein seltsames Vorurteil, begründet durch die Furcht vor Erkältung. Dieselbe wird aber nicht eintreten, wenn man so verfährt, dass man den Kopf erst gründlich mit Seife in warmem Wasser wäscht, dann mit kaltem Wasser abspült, mit Tüchern trocknet, und dann vermittelst einer mit Tropfapparat versehenen Flasche die ganze Kopfhaut mit Kölnischem Wasser befeuchtet. Durch das Verdunsten des Alkohols wird nicht nur das Trocknen der Haare beschleunigt, sondern auch die Kopfhaut so erwärmt, dass eine Erkältung ausgeschlossen ist. Auch kann man sich jetzt bei jedem Friseur den Kopf waschen und durch eigens dazu hergestellte Apparate die Haare trocknen lassen. Das kostet zwar mehr als daheim, aber es hat durch die Schnelligkeit des Verfahrens ganz wesentliche Vorteile. Nur sei empfohlen, dabei nur solche Geschäfte aufzusuchen, deren Reinlichkeit ausser Frage steht. Es ist schon vielfach über die ästhetische Berechtigung des falschen Haares geschrieben worden. Da wir in diesem Abschnitte notwendig zu dieser Frage Stellung nehmen müssen, so können wir nicht umhin zu bekennen, dass wir bei einem kahlköpfigen Herrn eine Perücke zwar noch niemals vermisst haben, eine solche aber, wo sie aus Gesundheitsrücksichten, natürlich nicht bis zur Fuchsigkeit, getragen wurde, nicht als abstossend oder unästhetisch empfunden haben. Wenn jedoch eine Dame das Unglück hatte, ihre Haare zu verlieren, so ist sie es ihren Mitmenschen schuldig, dieses Defizit unter einer Perücke oder sonstigem Arrangement zu verbergen. Nichts wirkt unästhetischer, als der kahle Kopf eines weiblichen Wesens; was bei einem Herrn kaum auffällt, beraubt eine Dame aller und jeder Anmut. Absolut verwerflich jedoch ist die törichte Unsitte des Haarfärbens. Warum sich seiner grauen Haare schämen? Es wird keines Menschen Gesicht durch gefärbte Haare auch nur um ein Jahr jünger aussehen, im Gegenteil erhalten die Züge durch die immer stumpfe künstliche Farbe etwas hartes, selbst karikiertes, was natürlich der Spiegel, in dem man immer nur sieht, was man sehen will, nicht sagt, sonst aber jeder andere sieht. Gefärbtes Haar verleugnet sich niemals, es sieht tot, unnatürlich und vielfach sogar unappetitlich aus durch die Spuren, welche die künstliche Farbe oft auf der Haut zurücklässt. Die Natur lässt ihrer nicht spotten und sich nicht täuschen. Denn mit dem im Alter ergrauenden Haar verändern sich auch die Züge, die künstliche Färbung der Haare macht sie scharf, spitz und hart, was sie, umrahmt von weissem oder grauem Haar, in diesem Masse niemals sein werden. Durch irgendwelches Ereignis vorzeitig ergrautes Haar zu färben ist aber eben so zwecklos, um so mehr, als ein jugendliches Gesicht durch weisses Haar einen ganz eignen, pikanten Reiz erhält. Schliesslich sei noch bemerkt, dass übermässig geöltes und eingefettetes Haar unfein aussieht und einen schlechten Geschmack verrät. Das Haar darf nie zusammengeklebt aussehen, nie fett leuchten, sondern muss leicht und natürlich aufliegen, das für die Erhaltung der Haare notwendige Fett braucht nur sehr sparsam angewendet zu werden, und ist sorgsam mit einer reinen Bürste auf dem Haarboden zu verteilen.

43. Wie soll man die Zähne behandeln?

Ein schöner Mund mit guten Zähnen ist eine unschätzbare Mitgift für das äussere der Menschen, aber auch jeder andere, minder schöne Mund macht immer noch einen angenehmen Eindruck, wenn seine Zähne schön, zum mindesten aber gut gehalten sind. Sauberkeit ist auch hierbei die erste und letzte Regel, die nicht genug gepredigt werden kann. Oder hat ein jugendfrischer Mund, der beim Sprechen und Lachen gelbe, unreine Zähne zeigt, schon jemand zum Ansehen oder gar zum Küssen gereizt? Ein unsauberer Mund hat schon manchem Mädchen den Freier entfremdet, doch auch älteren Leuten steht er gar nicht schön. Man versäume nicht, die Zähne mindestens einmal täglich mit einer mittelharten Bürste und einem unschädlichen Zahnpulver gut zu reinigen, ausserdem soll man den Mund nach jeder Mahlzeit ausspülen, besser freilich noch mit der Zahnbürste putzen. Ferner lasse man seine Zähne von Zeit zu Zeit durch einen tüchtigen Zahnarzt nachsehen, der den ihnen anhaftenden Weinstein ablöst und etwaigen Erkrankungen der Zähne bei Zeiten durch Plombieren oder Ausreissen steuern kann. Die dafür gemachte Ausgabe deckt sich durch die Ersparnis an falschen Zähnen, die bei schlechter Pflege der eigenen nur zu rasch nötig werden. Falsche Zähne sind auch eines der vielen notwendigen Übel. Die Ärzte empfehlen sie zur besseren Zerkleinerung der Speisen, also aus Gesundheitsrücksichten. Doch auch vom ästhetischen Standpunkt aus ist man gezwungen, sie anzuerkennen, denn es kann nicht geleugnet werden, dass ein zahnloser, eingefallener Mund den Gesetzen der Schönheit nicht entspricht. Wer also seine eigenen Zähne nicht erhalten hat, mag sie immerhin durch falsche ersetzen, achte aber darauf, dass dieselben von einem guten Techniker gearbeitet sind, und vor allem tadellos passen, denn ein Mensch, der beim Essen und beim Sprechen fortwährend mit dem Gebiss klappert, oder ein ununterbrochenes Fangspiel damit unterhalten muss, um es nur überhaupt im Munde zu erhalten, gewährt keinen lieblichen Anblick.

44. Wie pflegt man die Hände?

Es gibt viele Menschen, die glauben, dass man nur durch Nichtstun eine schöne Hand bewahren kann. Wenn es nun auch nicht geleugnet werden darf, dass schwere Arbeit die Hände angreift, rot und plump macht, so ist doch anderseits auch nicht notwendig, dass eine arbeitsame Hausfrau, die selbst bei allem im Hause die Hand anlegt, Hände haben muss wie eine Küchenmagd. Die Verfasserin kennt sehr gute und arbeitsame Hausfrauen, die dennoch schöne und gepflegte Hände haben und dieses für viele unmögliche Wunder nur dadurch erreichen, dass sie nach getaner Arbeit ihren Händen die notwendige Pflege angedeihen lassen, statt mit ihrer Arbeitsamkeit in einer Weise zu kokettieren, die manchmal stark an Absicht grenzt. Eine schöne und wohlgepflegte Hand verschönt oft eine sonst nicht hübsche Persönlichkeit, sie ist gewissermassen die Charakteristik der ganzen Person und deutet an, ob ihr Besitzer, besonders aber ihre Besitzerin zu jenen verfeinerten Naturen gehören, die man am besten mit dem viel missbrauchten Worte „vornehm“ bezeichnet. Wer hat nicht schon von aristokratischen Händen gehört oder gelesen? Es ist damit nicht gesagt, dass nur Leute von aristokratischer Abstammung dieselben besitzen, man bezeichnet vielmehr damit die seine, schöne Form der Hände mit ihren langen spitzen Fingern, ihren ovalen rosigen Nägeln, ihren feinen Handgelenken. Ich erinnere hier an Tizians berühmtes Gemälde vom Zinsgroschen in der Dresdener Galerie. Dort ist die Hand des Heilands eine sogenannte aristokratische Hand, eine Hand, die den Charakter ihres Besitzers verrät. Wenn nun auch niemand die ihm von der Natur gegebene Form der Hände ändern kann, so ist es doch jedem möglich, durch geeignete Pflege seine Hände weiss, weich und angenehm fürs Auge zu erhalten. Wer sehr spröde Haut hat, darf zum Waschen nur die weichste und beste Seife verwenden, wer auch diese nicht verträgt und rissige, aufgesprungene Hände davon bekommt, bediene sich der Sandmandelkleie, die sehr reinigend wirkt, ohne die empfindlichste Haut anzugreifen. Man verwende zum Waschen ferner nur kaltes Wasser, d. h. solches, das nicht auf dem Gefrierpunkte steht, sondern eben nur frisch ist. Kaltes Wasser ist das beste Schönheitsmittel. Ist das Wasser zu hart, so muss man ihm einen Zusatz von einigen Tropfen Salmiakgeist oder Boraxpulver geben. Sehr wichtig für eine schöne Hand ist auch die Pflege der Nägel. Man beschneide sie mit einer scharfen Schere in einem runden gleichmässigen Bogen, so dass der Nagel ein schönes Oval bildet, schaufelförmige, zwei Zentimeter lange Nägel, wie manche sie lieben, gehören nicht zum guten Ton, auch dann nicht, wenn ihre Träger den höchsten Kreisen angehören sollten. Hingegen wieder sind zu kurz geschnittene Nägel, über die das Fleisch hinüberragt, hässlich und unfein. Man muss ferner darauf achten, nach dem Waschen der Hände das Fleisch an der Einfassung der Nägel mit dem Handtuch oder einem eigens dazu käuflichen Instrumente zurückzustossen, da das über den Nagel wachsende Fleisch diesem ein unschönes Ansehen gibt. Auch kann man die Nägel selbst von Zeit zu Zeit mit sehr fein pulverisiertem Bimsstein abreiben und dann mit einer ledernen Feile polieren, spröde Nägel müssen öfters mit Lanolin eingerieben werden. Dass die Nägel peinlich sauber zu halten sind, versteht sich von selbst, ein schwarzer Nagel wirkt abstossend. Mit der Hand ist der Handschuh eng verknüpft. Man trage sie niemals mit aufgetrennten Nähten, fehlenden Knöpfen, gedrehten Fingerspitzen. Der Handschuh soll glatt und tadellos die Hand umschliessen, bei Damen auch so lang sein, dass zwischen Ärmel und Handschuhschluss der blosse Arm niemals sichtbar ist. Bei blossen Armen muss der Handschuh mindestens den Ellbogen erreichen, doch spricht hierbei die herrschende Mode das entscheidende Wort. Gewirkte Handschuhe von Zwirn oder Seide gelten als unfein, vielleicht, weil sie die Form der Hand vergröbern, indem die Fingerspitzen meist unausgefüllt bleiben, oder weil eine so behandschuhte Hand mit der blossen Hand zu drücken für letztere ein ganz eignes, unbehagliches Gefühl gibt; wollene Handschuh im Winter zu tragen, namentlich weisse, ist ganz an der Tagesordnung. Natürlich nur auf der Strasse, nie bei Besuchen.

45. Was hat man in betreff der Haltung zu beobachten?

Eine gute Haltung ist ein Zeichen von Bildung und guter Erziehung, sie lässt sich aber auch angewöhnen. Ein Mensch mit schlottrigem, lässigem Gange und krummer Haltung, der sozusagen zwei Hände und zwei Beine zuviel hat, weil er absolut nicht weiss, wohin damit, der sich auf allen Stühlen herumräkelt und an alles anrennt, ist wahrhaftig kein erfreulicher Anblick. Eine ungezwungene, gerade und gute Haltung wird selbst der unscheinbarsten Gestalt etwas edles verleihen, ganz abgesehen davon, dass sie die Gesundheit fördert. Man trage den Kopf nicht vornüberhängend wie ein alter, müder Gaul, sondern frei erhoben, zwanglos, wie es sich für Gottes edelstes Geschöpf, den Menschen, ziemt. Der Gang sei elastisch, ob schneller, ob langsamer, muss eines jeden Temperament entscheiden, damit er seine Natürlichkeit nicht verliert. Eine gute Haltung wird eine grosse Gestalt stattlich und imposant machen, einer kleinen aber Anmut verleihen. Greise und Greisinnen, die sich ihre gute Haltung bewahrt haben, verleihen ihrem weissen Haare eine Würde, die keiner übersehen kann. Nur muss man darauf achten, bei seiner Haltung natürlich zu bleiben; eine Haltung, die gezwungen und gekünstelt aussieht, eingelernt und wie eine Figur aus der Tanzstunde, ist nicht das, was der gute Ton verlangt. Man bemühe sich, natürlich zu bleiben, und das Erlernte wird dann auch zur Natur.

III. Sprache und Unterhaltung. Gewohnheiten.
46. Was verlangt der gute Ton von unserer Sprache?

Unsere Sprache soll grammatikalisch richtig sein, das ist die erste Anforderung, die nicht nur der gute Ton, sondern die Bildung überhaupt an uns stellt. Ist man seiner Muttersprache grammatikalisch vollkommen mächtig, so soll man sich auch befleissigen, sie gut und richtig auszusprechen. Eine ordinäre Aussprache kann das reinste Hochdeutsch verderben und alle darauf verwendete Mühe umsonst machen, und ein Mensch, der den guten Eindruck, den sein Äusseres macht, unrettbar zerstört, sobald er den Mund zum Sprechen auftut, verurteilt sich selbst von vornherein. Unsere Sprache soll aber auch fliessend sein. Es ist schrecklich peinlich für die anderen, wenn jemand beim Sprechen seine Sätze zerreisst, bei jedem Worte stockt, wiederholt und daran herumdruckst oder aus purer Verlegenheit die wunderbarsten Sätze konstruiert. Verlegenheit entspringt meist aus Unsicherheit; wie kann man aber sicher werden in irgendeiner Kunst, wenn man nicht mit Selbstüberwindung gegen die Schwierigkeiten ankämpft! Man soll ferner auch deutlich sprechen, d. h. nicht zu schnell und überhastet, aber auch ja nicht zu langsam, so dass jedes Wort schleppend und abgemessen herauskommt und den Zuhörer mit Ungeduld erfüllt. Auch spreche man nicht in zu weit ausladenden Sätzen und wiederhole sich nicht, alles das macht uns so langweilig und gefürchtet, dass man vor uns die Flucht ergreift. Natürlich muss man auch verständlich sprechen, nicht flüsternd und sozusagen in den Bart hinein, sondern mit völlig deutlicher Stimme, ohne dabei in ein Schreien zu verfallen, dass der Zuhörer ganz betäubt davon wird und Gott dankt, wenn man wieder hinaus ist. Eine tiefe Stimme wird im Sprechen immer dem Ohre am angenehmsten sein; die Stimmlage lässt sich ja freilich weder geben noch nehmen, aber auch hierin kann übertrieben werden, denn manche Damen suchen geradezu etwas darin, in den höchsten Tönen zu flöten, eine Angewohnheit, die natürliche Menschen nervös machen kann.

47. Gestattet der gute Ton, einen Dialekt zu sprechen?

Eigentlich sollte Wohl das reine, dialektlose Hochdeutsch die Umgangssprache der gebildeten Kreise Deutschlands sein. Es hat aber jedes Land und jede Provinz ihren eigenen Dialekt, der, wie wir aus Erfahrung wissen, so in Fleisch und Blut übergeht, dass er uns völlig zur zweiten Natur wird. Es ist hier nicht der Ort, zu untersuchen, welcher Dialekt schön und welcher hässlich ist, zudem ist der Dialekt der Ungebildeten immer noch ein anderer, gröber zugeschnittener als der der gebildeten Stände. Und gegen diesen sollte man eigentlich nicht zu Felde ziehen, denn er verleiht dem Sprecher eine gewisse Individualität, die wir charakterliebenden Deutschen nun einmal nicht gern an den Leuten unseres Umganges vermissen. Ich kann die Frage also guten Gewissens mit »ja« im Interesse der Natürlichkeit beantworten. Aber es muss auch hierin, wie in allem, Mass gehalten werden.

48. Was ist „Slang“?

Das Wort »Slang« ist englisch und heisst zu deutsch »Gaunersprache«. Wir wissen, dass die Verbrecher sich untereinander, um von Unberufenen nicht verstanden zu werden, in einer besonderen Sprache unterhalten; da aber in gewissen Kreisen der gebildeten Welt sich auch eine besondere Art von burschikosen Ausdrücken eingebürgert hat, in denen sie sich untereinander und auch ausserhalb ihrer engeren Kreise gefallen, so hat man in England diesen Jargon »Slang«, d. h. Gaunersprache, genannt, und wir haben den Ausdruck übernommen. Es gibt z. B. Sport-, Leutnants-, Backfisch-, Studenten- und andern Slang, der sich teils in Kraft- und Kunstausdrücken, teils in den gewagtesten Übertreibungen bewegt.

49. Ist es gestattet, Slang zu sprechen?

Es kann nicht genug davor gewarnt werden, da jedweder Slang im Munde des Unkundigen, der ihn nur nachspricht, zur Roheit wird. In früheren Zeiten kannte man ihn überhaupt nicht, er ist zweifellos ein Produkt der allgemeinen Zeitströmung, die der Natur überall zu ihrem Rechte verhelfen will, auch in der Sprache, die nachgerade begann, sich in einen Irrgarten von Geziertheit zu verwandeln. Mit der Einführung des Slang in die Kreise der Gebildeten ist diese Zeitströmung freilich in ein bedauerliches Extrem verfallen, doch es ist ja meist der Fall, dass man einen lästigen Zwang nicht lockert, sondern am liebsten gleich abwirft und das Gegenteil von dem tut, was man bisher zu tun gewohnt war. Slang zu sprechen dürfte sich eigentlich nur der erlauben, der die Sprache völlig beherrscht, bei dem der Verdacht, er verstehe es nicht besser, ausgeschlossen und bei dem ein gelegentlicher Slang nur eine Freiheit ist, die er sich im Hinblick auf seine sonst tadellose Sprache erlaubt. Eines schickt sich eben nicht für alle, das ist eine alte Weisheit. Wenn man also in die Geheimnisse des guten Tons erst eingeführt sein will, so hüte man sich vor allem vor dem Slang und glaube nicht, dass man imponiert, wenn man Widersprüche, wie »scheusslich schön«, »furchtbar nett«, oder sonstige geflügelte Worte des Slang gebraucht. Dazu gehört auch, wenn man alles »gelungen«, »kolossiv«, »entzückend« oder »süss« findet, und es ist durchaus nicht nötig, gleich »Bums« zu sagen, wenn etwas zu Boden fällt, oder »Kladderadatsch«, wenn jemand, um abermals einen Slangausdruck zu zitieren, »einen Bock geschossen hat«. Der Slang kann drollig und amüsant klingen im Munde von Leuten, denen gegebenenfalls der ganze Sprachen- und Redeschatz der feinen Bildung zu Gebote steht, aber er wird zur Roheit im Munde eines Menschen, der ihn nur nachspricht, um ein Eingeweihter zu scheinen, während er sich zur Not grammatikalisch richtig und gebildet ausdrücken kann.

50. Was versteht man unter Konversation?

Man versteht darunter, was es auf deutsch heisst, nämlich die gesellige Unterhaltung. Merkwürdigerweise aber bedienen wir Deutschen uns, wenn wir einen höheren Grad von Unterhaltung bezeichnen wollen, gern des französischen Wortes dafür, leider, müssen wir hinzufügen, denn dass die französische Konversation besser sein sollte, geist- und inhaltvoller, als die deutsche Unterhaltung, möchten wir denn doch bestreiten. Man versteht also unter dem landläufigen Worte »Konversation« die Gabe, sich zu unterhalten. Es ist übrigens eine sehr ungleichmässig verteilte Gabe, denn der glänzendste Redner, der begabteste und klügste Mensch ist oft nicht imstande, sich in Gesellschaft zu unterhalten und ein Gespräch einzuleiten oder über Wasser zu erhalten, wenn es nicht gerade sein Berufsfeld berührt.

51. Worüber soll man sich unterhalten?

Es ist eigentlich merkwürdig, dass man über die Wahl eines Gesprächsstoffes bei der grossen Menge der die gemeinsamen Interessen berührenden Fragen der Zeit, der Wissenschaft, der Künste, der Literatur usw. noch in Verlegenheit geraten kann. Der Grund ist aber in der Interessenlosigkeit so vieler zu suchen, bei denen man berechtigt ist, ein anderes Verständnis zu finden, als nur für den Haushalt, Dienstbotensorgen, grosse Wäsche, Handarbeiten und den lieben Nächsten. Um dessen Angelegenheiten, Tun und Treiben sich zu kümmern, hat man immer Zeit, während es durchaus an der nötigen Musse zu fehlen scheint, den Geist auch nur für eine kurze Spanne im Laufe des Tages über die Kleinlichkeiten des täglichen Lebens zu erheben und den engen Horizont zu erweitern. Es ist eine Lieblingsredensart der deutschen Hausfrauen, dass sie keine Zeit haben: eine leere Ausflucht für die eigene Geistesarmut und ein verhüllter, echt schwesterlicher Angriff auf jene anderen Hausfrauen, die durch geschickte Zeiteinteilung dennoch Musse gewinnen für ihre ausserhalb der Küche liegenden Neigungen und die Fortbildung ihres Geistes. Was nun den Stoff unserer Unterhaltung anbetrifft, so ist derselbe wahrlich, wie gesagt, nicht gering. Nur über Religion und Politik soll man bei geselligen Zusammenkünften vermeiden zu sprechen, weil diese Fragen leicht erbittern und die Gemüter so erhitzen können, dass sie imstande sind, dauernde Zerwürfnisse zwischen den Parteien zu stiften. Von beiden mag die Politik noch das erlaubtere Thema sein, das man leicht streifen kann, ohne dem Gegner zu nahezutreten, religiöse Gespräche vermeide man in Gesellschaft aber unter allen Umständen, denn erstens ist die Religion viel zu ernst und heilig, um beim Tee oder zwischen Fisch und Braten verhandelt zu werden, und dann kann man einen Menschen niemals tiefer und schmerzlicher verletzen, als in seinen religiösen Gefühlen. Ferner soll man sich in Gesellschaft nicht bloss über den eigenen Beruf unterhalten, also nicht einseitig sein. Ein Offizier, der nur über den Dienst, ein Schriftsteller, der nur von seinen Werken spricht, ein Jurist, der alles nur von seinem Standpunkt beurteilt, sind einseitige und schlechte Gesellschafter. Man befleissige sich einer allgemeinen Bildung, um bei den Gesprächen, die ausserhalb des eigenen Spezialkreises liegen, nicht die Rolle des Blinden zu spielen, dem man von der Farbe spricht. Man lese also die Zeitungen, um über die Politik unterrichtet zu sein, man suche Kunst und Musik Interesse abzugewinnen, indem man Konzerte, Theater, Kunstausstellungen und Museen besucht, man unterrichte sich über die neuen Erscheinungen der Literatur und über die wissenschaftlichen Forschungen der Gegenwart. „Je nachdem einer beides kann, Red’ und Antwort stehen oder, was dasselbe heisst, je nachdem er Konversation machen kann, je nachdem heisst er gebildet oder nicht, wer mit einem Wort aus allem etwas zu machen vermag, der ist ein unterhaltender, d. h. gebildeter Mann“, sagt Professor Erdmann in einem Vortrage. Dazu gehört noch die Fähigkeit, beurteilen zu können, welcher Gegenstand anderen von Interesse sein kann, darin liegt das ganze Geheimnis eines allgemein beliebten Gesellschafters. Man muss aber nicht nur verstehen, fesselnd zu reden, man muss sich auch in der Kunst üben, gut und aufmerksam zuhören zu können, selbst wenn das, was uns erzählt wird, uns höchst gleichgültig ist. Ein aufmerksames Zuhören ist nicht nur höflich, es hat auch schon manche Herzen gewonnen.

52. Wovor soll man sich in der Konversation besonders hüten?

Man stelle vor allem das eigene Ich nicht in den Vordergrund. Goethes Ausspruch: „Nur die Lumpe sind bescheiden“, soll uns nicht zur Richtschnur dienen. Mit den eigenen Talenten und Kenntnissen soll man nicht prahlen, über seine eigenen Leiden und Sorgen nicht klagen. Auch soll man auf anderer Leute Kosten seinen Witz nicht üben, den Klatsch gar zum Thema der Konversation zu machen deutet auf eine innere Roheit, die kein äusserer Schliff lange verbergen wird. Einen harmlosen Witz über die Schwächen anderer, der nicht verletzen kann, wird niemand uns verargen, sobald wir über die eigenen Schwächen selbst scherzen und sie dem Witze anderer in richtiger Selbsterkenntnis preisgeben können. Dem richtigen Klatsch aber, der den Namen anderer besudelt, der ihrer Ehre zu nahe tritt, verschliesse man sein Ohr und seinen Mund, und ist man gezwungen, solche Geschichten mit anzuhören, so nehme man furchtlos die Partei des Angegriffenen, man fordere Beweise, und wenn diese, wie gewöhnlich, nicht beizubringen sind, dann verweigere man dem Klatsch den Glauben. In jedem Falle aber suche man die Angeschuldigten durch Anführung menschlicher Gründe zu verteidigen und zu entschuldigen, denn sich der Abwesenden anzunehmen zeigt eine vornehme Gesinnung, gleichviel ob sie schuldig sind oder nicht. Man erzähle nicht bei jedem Worte, das gesprochen wird, eine passende Anekdote, solch lebendige Anekdotenbücher werden auf die Dauer unerträglich, so erheiternd und erfrischend ein kurzes, witziges Geschichtchen auch im geeigneten Momente wirken kann. Auch eigene Erlebnisse dürfen unaufgefordert nur sehr sparsam erzählt werden, ein Mensch, dessen Geschichten man numerieren kann, wird meist sorglich geflohen. Vor allem aber hüte man sich, in der Konversation unnatürlich zu werden, d. h. sich beim Sprechen zu zieren, und in der Absicht, recht fein zu sein, ungewöhnliche Redewendungen zu gebrauchen. Auch soll man nicht zu viel und zu heftig gestikulieren, denn was Shakespeares Hamlet den Schauspielern zuruft, kann auch für uns gelten: „Sägt auch die Luft nicht zu sehr mit eurer Hand, sondern macht alles mit Anstand. Denn selbst in dem heftigsten Strom, Sturm, ich möchte sagen im Wirbelwind eurer Leidenschaft müsst ihr noch eine gewisse Mässigung beobachten, wodurch sie etwas Einnehmendes erhält. Lasst die Gebärde zu dem Worte und das Wort zur Gebärde passen, nur nehmt euch dabei in acht, dass ihr nicht über die Grenzen des Natürlichen hinausgeht.“

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