Kitabı oku: «"Bleib schön sitzen!"»

Yazı tipi:

FREUND • »BLEIB SCHÖN SITZEN!«

EUGEN FREUND

»Bleib schön sitzen!«

Erlebnisse aus den ersten siebzig Jahren


Die Herausgabe dieses Buches erfolgte mit freundlicher Unterstützung des Landes Kärnten.



KLAGENFURT/CELOVEC · WIEN · LJUBLJANA · BERLIN

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Klagenfurt/Celovec

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Josef G. Pichler

ISBN 978-3-99029-455-0 (Print Ausgabe)

ISBN 978-3-99047-112-3 (Epub)

Für Carla und Matthias

Inhalt

Als Kind in St. Kanzian

Sommer am Klopeiner See

Begegnung mit Friedensreich Hundertwasser

Auf Visiten mit dem Vater

Ein Arzt ohne Krankenkassa

Die lieben Verwandten kommen

Politisches Erwachen

Die deutschen Großeltern

Die Wiener Großeltern

Der deutsche Großvater

Nach dem Krieg

Die Jugendzeit

Ferialarbeit

Briefwechsel

Der Sturm auf die Ortstafein

Fotogalerie

Der Anfang im ORF

Die Galerie meiner Mutter

Im Außenministerium

Zu Besuch bei Yoko Ono

Der Bundespräsident und das Kriegsschiff

Zurück in den ORF

Die großen Umwälzungen

Wieder in den USA

Neue Rollen

Nachwort

U-Boot – das ist die gemeinsame Klammer, die diese Familiengeschichte verbindet. Der eine Großvater war jahrelang auf einem U-Boot unterwegs, der andere Großvater hatte – noch länger – als U-Boot in Wien ge- und überlebt. Der eine im Ersten Weltkrieg, der andere im Zweiten. Der eine als strenger deutsch-nationaler Maschinenbauingenieur, der andere als liberaler Richter, Sohn einer jüdischen Familie aus Prag. Und die Tochter des einen begegnet dann – das Tausendjährige Reich nähert sich bald seinem Ende – in Wien dem Sohn des anderen. Sie gründen eine Familie, ziehen weg aus der Kunst-, Kultur- und intellektuellen Metropole nach St. Kanzian in Südkärnten. Und da beginnen meine Erinnerungen. An die Volksschule, in der Wohnung und Ordination meiner Eltern untergebracht waren; an den Maler Hundertwasser, für den ich als Vierjähriger still sitzen musste; an den beschwerlichen Fußweg zum Bahnhof, an die Zugfahrt, bei der ich in der Gepäckablage über den Sitzen landete; wie sich der Fremdenverkehr am Klopeiner See rasant entwickelte; an die politischen Diskussionen im Gymnasium; an die Briefe von Gerd Bacher und Fred Sinowatz in den 1970er Jahren; an den »Ortstafelkonflikt«; an eine Verfolgungsjagd in New York; an die nicht enden wollende »Waldheim-Affäre«; und an viele andere herausragende Ereignisse. Es ist ein zeithistorischer Rückblick auf vieles, an das sich auch so mancher Leser, manche Leserin erinnern und mit dem er/sie sich auch identifizieren können wird.

Als Kind in St. Kanzian

»Vati, schnell, das Auto lollt!« (Wie soll jemand, der noch kein rollendes »r« aussprechen kann, anders über ein rollendes Fahrzeug sprechen?)

Ganz atemlos kommt der kleine Bub in die Ordination gerannt. Fünf Stufen muss er mit seinen kurzen Beinen erklimmen, dann noch eine, danach zwei lange Gänge, dann noch durchs Wohnzimmer zum Arbeitsplatz des Arztes. Doch der Vater ist nicht interessiert. Er sitzt an seinem Schreibtisch, Marke Gründerzeit, mit einem kleinen Turm, der rechts von der Arbeitsplatte nach oben ragt. In einem kleinen Türchen steckt ein Schlüssel, an der Kette daran hängen zwei weitere Schlüssel. Der Herr Doktor sitzt auf einem hölzernen Sessel, die Sitzfläche und die Rückenlehne sind aus gealtertem Leder. Es knarrt, als er sich zum Buben hinüberdreht. Sein schwarzes, glattes Haar ist streng gescheitelt, der Schnauzer korrekt rasiert, die grauen Augen blicken ernst durch die Brille:

»Siehst du nicht, dass ich eine Besprechung habe.«

Neben ihm sitzt eine Dame, vor ihm am Schreibtisch liegt ein Stapel Medikamente. Weil ihm ganz offensichtlich keine Zeit für Argumente gelassen wird (oder weil er noch keine wirklich formulieren kann), läuft der Kleine enttäuscht wieder den Weg zurück: durch die zwei Gänge, dann eine Stufe, über die steinerne Brüstung kann er noch nicht blicken, also muss er wieder ganz hinunter: Vor allem die Stufen, die zum Eingang ins Haus führen, machen ihm zu schaffen. Als er, barfuß wie er ist, im Hof ankommt, ist das Auto, ein VW Kastenwagen, Kennzeichen G 4071, wieder ein paar Meter weiter leicht bergab gerollt, an den vier Gärten vorbei – jeder Hausbewohner hatte ein eigenes, abgeteiltes Stück zur Verfügung: mit Bohnen, Tomaten, Kartoffeln, Salat, Kräutern. Nur ganz langsam bewegt sich der Wagen, jeder Stein ist ein Hindernis, die Neigung ist gering, doch er macht keine Anstalten stehen zu bleiben. Also dreht sich der Bub wieder um, und läuft – über die Stiegen auf allen vieren – zurück ins Haus.

»Vati, komm doch, das Auto lollt noch immer!«

»Lass mich, ich hab’ zu tun.«

Doch Frau Bisenius, die Dame neben ihm, sie ist Vertreterin für pharmazeutische Produkte, schöpft Verdacht. Sie weiß, als sie ankam, war sie die Einzige mit einem Fahrzeug im Hof. Sie geht zum Fenster, blickt hinaus: Dort, wo sie ihren blauen VW abgestellt hat, ist nun gähnende Leere.

»Herr Doktor«, sagt sie, »wir sollten doch nachsehen!«

Der Bub läuft ihnen hinterher. Am Haustor angekommen, sehen sie gleich, dass sie zu spät dran sind. Obwohl – der Wagen rollt nicht mehr. Er ist neben der Holzhütte, die den Hof nach Norden abgrenzt, zum Stehen gekommen. Nicht etwa, weil er keinen Schwung mehr hatte, sondern weil er nun halb am Abgrund, über einer Betonmauer hängt, die Vorderräder in der Luft, darunter – das weiß Frau Bisenius freilich nicht – ist eine Senkgrube, mit einem Betondeckel einigermaßen gut abgesichert.

»Man hätte doch auf den Buben hören sollen«, sagt der Herr Doktor, »zum Glück ist nicht mehr passiert.«

Irgendwann kommt ein Traktor und zieht den Wagen mit einem Seil rücklings aus seiner Misere, alle vier Räder stehen wieder auf festem Boden.

Damals war ich noch keine drei Jahre alt, meine Leidenschaft für alles, was mit Autos zu tun hatte, war gerade erst im Entstehen. Das mag auch daran gelegen haben, dass zu der Zeit und in der Gegend, wo ich aufwuchs, Autos noch ausgesprochen selten waren – wenn man davon absieht, dass im Hof, eher etwas versteckt hinter dem Haus, ein total verrosteter, ehemals weiß lackierter Rot-Kreuz-Wagen stand, in dem wir gelegentlich am Lenkrad drehten und uns nicht einmal vom stark modrigen Geruch der immer wieder nass gewordenen Sitze davon abhalten ließen, Rettungsfahrer zu simulieren.

Nur sechs Wochen nach meiner Geburt hatten meine Eltern Wien verlassen und waren nach St. Kanzian am Klopeiner See gezogen. (Aus dem Notizbuch meines Vaters vom 26. Juni 1951: Nach knapp über 25 Jahren aus der Trauttmannsdorffgasse ausgezogen. Um 7.15 Uhr mit Inge, den Kindern und Inges Mutter mit dem Zug nach Klagenfurt – eigenes Coupe – von dort Bus nach Kühnsdorf … über Nacht bei Holzer.) Dort war eine Stelle als Gemeindearzt ausgeschrieben, mit dem angenehmen Nebeneffekt, dass meine Eltern mit den zwei Kindern auch eine Wohnung zur Verfügung gestellt bekamen. Nicht sofort, denn erst mussten wir aufs Mobiliar warten. Die erste Nacht verbrachten wir bei »Holzer«, genauer gesagt im Hotel Amerika-Holzer. Meine Erinnerung ist zwar verständlicherweise getrübt, doch ich kann mich wieder auf die Eintragungen meines Vaters in einen kleinen Taschenkalender stützen. Die Besitzer waren zwei Damen, Mutter und Tochter, deren Mann bzw. Vater wenige Monate vor unserer Ankunft verstorben war. Das »Amerika-Holzer« war damals das erste Haus am Platz (ist es übrigens bis heute), doch zu teuer für einen längeren Aufenthalt. Also zogen meine Eltern am nächsten Tag mit Sack und Pack ins Gasthaus Wank nach St. Kanzian.

Ein paar Wochen nach unserer Ankunft lud das Fräulein Holzer meine Eltern zum Abendessen ein. Wir waren – relativ – fremde Menschen, wir kannten ja noch niemanden, und so wurde diese Einladung spontan ausgesprochen. Das neue Ärzteehepaar wurde übrigens für halb acht erwartet, gekommen ist es um halb zehn, nach den Visiten, aber nicht einmal diese Verspätung stellte die junge Freundschaft auf die Probe.

* * *

Inzwischen war der Umzug in die Wohnung erfolgt, direkt in der Volksschule. Über uns wohnten drei Lehrer, neben uns die Schulwartin mit ihrer Familie.

Unsere Wohnung begann hinter einer Glastür mit einem Vorraum, in dem sich sechs Sessel aneinanderreihten. Sie standen den Patienten zur Verfügung, die dort vormittags vor der Konsultation Platz nahmen. Gleich beim Eingang gab es eine Toilette, die wir mit den Kranken teilten – das machte uns resistent gegen allerlei Viren. Am oberen Ende des Warteraums blickte der jeweils erste Patient in die Küche – ein schmaler Schlauch–, in der als einziges modernes Elektrogerät ein Kühlschrank (Marke »Famulus«) stand. Der Herd wurde mit einer Gasflasche betrieben, Waschmaschine gab’s keine, das musste im Waschbecken erledigt werden, in der auch das Geschirr gereinigt wurde. Darunter war ein Holzkasten, ein Drittel davon war für unsere Spielzeuge reserviert. Der braune, fast lebensgroße Holzdackel mit Rädern, den ich immer wieder nachzog, wurde 1956 in eine Schachtel für Ungarnflüchtlinge verpackt, zusammen mit gebrauchten Kleidungsstücken für Kinder.

In dieser Küche arbeiteten unsere »Dienstmädchen« – weil meine Mutter ja in der Ordination mitmachte. Sie hatte drei Kinder in vier Jahren zur Welt gebracht, ums Aufräumen, Putzen und Kochen konnte sie sich nicht zusätzlich kümmern. So standen also im Laufe der Jahre Peppa, Anni, Vida, Mizzi, Toni, Greti, Frida und Hilde hinter dem Herd und sorgten am Ende des Tages dafür, dass wir gewaschen und gekämmt ins Bett kamen. Ab einem gewissen Alter war das äußerst peinlich für uns: Wir spielten draußen mit den anderen Kindern – Heini und Trixi, zwei Lehrerkinder, waren ein paar Jahre jünger als wir – und plötzlich rief Anni oder Mizzi oder eine der anderen aus dem Fenster in den Hof: »Silvi, Pepsi (das war mein Kosename), Buscha (auch Claudia hatte sich als Name nicht durchgesetzt) – reinkommen, waschen, baden, schlafen gehen.« – »Noch fünf Minuten, bitte!«, riefen wir fast im Chor zurück. Die Sonne stand noch relativ hoch am Himmel, um sieben Uhr schlafen gehen, das wollten wir nicht akzeptieren. »Gut, noch fünf Minuten, aber dann …« Drei Minuten später hörten wir sie wieder rufen. Die Kindermädchen – das waren die Haushaltshilfen ab dem Nachmittag – wollten natürlich auch Schluss machen und nach Hause gehen, je früher desto besser. Und so trotteten wir dann resigniert mit hängenden Köpfen über die Stiegen hinein. Im Kinderzimmer, ein Raum neben dem Wartezimmer, den wir nach dem Auszug der Familie Wolkinger 1957 dazubekamen, wartete bereits ein Kupfer-Bottich. Darin befand sich heißes Wasser aus dem Herd, das mit kaltem gemischt wurde, und so landete ein Freund-Kind nach dem anderen in der »Badewanne«. Als ich etwa neun Jahre alt war – so erzählte mir Mizzi bei einem Besuch, als ich sie um Erinnerungen an ihre Zeit bei uns fragte, als Neunjähriger flüsterte ich ihr ins Ohr, dass ich das nun allein machen möchte. Und so geschah es dann auch.

Das Wohnzimmer war gleichzeitig erste Anlaufstation für die Patienten: Brauchten sie nur Medikamente, musste der Blutdruck gemessen werden, reichte eine Injektion in den Po oder war eine intensive Untersuchung durch den Arzt notwendig, teilte das meine Mutter ein, verabreichte Rezepte oder Medikamente, zumindest jene, die wir in einer kleinen Hausapotheke verwahrt hatten. Die war im Schlafzimmer daneben untergebracht, das mit Kleiderkästen und fünf Betten (im Jahr 1953 war noch Claudia – also Buscha – hinzugekommen) ohnehin schon ziemlich vollgestopft war. Weil die fünf Betten nebeneinander keinen Platz gehabt hätten, schliefen die beiden Schwestern in einem Stockbett, mein Schlafplatz war ein Eisengestell, das wie ein auf den Längsseiten stehendes U unter und über dem Fußteil des Doppelbetts der Eltern stand (ich schlief darüber, nicht darunter). Mittels einer Eisenleiter kletterte ich so jeden Abend in mein Bett. Ein schwarzer Glaskasten war abgeschlossen, dort waren die eher gefährlichen Arzneiwaren untergebracht, doch der Schlüssel steckte immer im Schloss. An alle anderen Pharmaka, die in mehreren offenen Stellagen untergebracht waren, kamen wir Kinder leicht heran: »Siogen« Halswehtabletten (klein, rund, gelb, glatt) oder auch »Merfen« (weiß, viereckig, pulvrig) schmeckten wie Lutschbonbons und waren daher beliebtes, wenn auch nicht unbedingt genehmigtes Naschzeug.

Die meisten Patienten waren geduldig, es konnte durchaus vorkommen, dass sich 20 oder auch mehr Kranke versammelten, dann wurden Nummern ausgegeben, damit die Reihenfolge immer gut eingehalten wurde. Viele vertrieben sich die Zeit im Hof, rauchten eine Zigarette und saßen auf einer Bank, um den Aufruf ihrer Nummer abzuwarten. Gelegentlich gab es auch Patienten, die sich für etwas Besseres hielten. Baron Friedrich Latscher-Lauendorf, aus altem österreichischem Adel, einer von vielen Wiener Sommergästen, die sich in Unterburg eine Villa gebaut hatten, betrachtete auch den Arzt als seinen Untertanen. Und so gewöhnte er es sich an, einfach ohne anzuklopfen an allen anderen Patienten vorbei in das Wohnzimmer zu stürmen. Meine Mutter war wütend. Als sie ihn eines Tages wieder einmal mit dem Fahrrad ankommen sah, richtete sie sich eine Schüssel mit kaltem Wasser her und stellte sich zur Tür. Als der Baron diese mit einem schnellen Schwung öffnete, schüttete sie ihm das Wasser über die dreiviertellange Lederhose. Ganz trocken bemerkte sie: »Ach, Herr Baron, ich habe Sie gar nicht Klopfen gehört!« Nach diesem Vorfall klopfte er immer höflich an.

Die Rezeptgebühr durfte meine Mutter einbehalten – ein Schilling, zwei Schilling, später waren es fünf Schilling, aufgehoben oder gesammelt wurde das Geld immer in passenden blechernen Tablettendosen, die auf ihrem Schreibtisch aufgereiht waren. Es war ihr Einkommen. Oder unseres. Denn gelegentlich, wenn das ohnehin knappe Taschengeld wieder einmal ausgegangen war, stibitzte ich einen Fünfer aus der Dose. Oder ich griff in die Manteltaschen meines Vaters und klaubte die eine oder andere Münze heraus. Eine kleine Plastikschatulle mit Kleingeld führte mein Vater auch stets im Auto mit, als eiserne Reserve. Auch die hatte ich entdeckt und behalf mir in Notlagen daraus. Etwa wenn meine Lust auf etwas Süßes nicht mehr zu bändigen war.

Am allerliebsten hatte ich zu jener Zeit »Stollwerk«, tiefbraunes, quadratisches süßes Zeug, das beim Lutschen im Mund alle Zahnzwischenräume verklebte. Dafür musste man freilich zum »Konsum« – dort ging ich als Vierjähriger einmal um fünf Uhr früh hin und war schwer enttäuscht, weil das Geschäft noch geschlossen war … Der »Konsum« war bis zu seinem endgültigen Zusammenbruch unser einziges Lebensmittelgeschäft im Ort – mit den heutigen Supermärkten nicht zu vergleichen. Es war dunkel im Raum, am Boden standen prall gefüllte große Papiersäcke mit Mehl, Zucker, Reis, Haferflocken und Ähnlichem. Hinter der L-förmigen Theke stand Herr Krakolinig, bekleidet mit einem hellgrauen Arbeitsmantel, und reichte uns die Waren, die in den Regalen verstaut waren, alles, was verpackt oder in Gläsern oder Dosen feilgeboten wurde. Es gab in St. Kanzian allerdings noch eine weitere Gemischtwarenhandlung. Die war im Gasthof Rabl untergebracht, wo sonntags im Sommer nach der Messe immer ein Schleck-Eis auf der Tagesordnung stand. Um daran zu kommen, musste man in die Küche des Gasthofs gehen und den Wirt bitten, sich kurz vom Kochen zu trennen und mit uns in die Fleischerei zu gehen, denn dort stand die Eismaschine, direkt neben der Kühltruhe, in der die Schulterscherzeln, die Schweinshälften oder die Hendln gekühlt wurden. Um 50 Groschen bekam man damals eine kleine Kugel, um einen Schilling entsprechend zwei. Mehr als zwei oder drei Sorten gab es nie, Vanille, Erdbeere, Schokolade, eventuell noch Haselnuss, das war’s. Wenn die Jahreszeit nicht nach Eis verlangte, gab es eine köstliche Alternative: »Negerbrot« (so durfte man damals die Schokolade mit den großen Haselnuss-Stücken nennen), oder »Dreieck« – Schoko-Waffeln, die die Größe eines Schul-Dreiecks hatten, auch Schaumtüten oder Ein-Schilling-»Bensdorp«-Schokoladen. (Immer wieder beteiligten wir uns damals an einer Aktion der Firma, die das Sammeln einer bestimmten Anzahl an »Schleifen« – das war die Verpackung aus Papier, in der die Schokolade eingewickelt war – mit zehn oder auch zwanzig »Bensdorp«-Schokoladen prämierte.) Um aber einen Einkauf zu tätigen, musste man die Mizzi, die Schwester des Wirtes, meist ebenfalls aus der Küche des Gasthauses holen. Dann ging sie mit uns durch den Ausgang auf die Terrasse mit der jahrhundertalten Kastanie und sperrte eine alte, knarrende Holztür auf, hinter der sich ein Kammerl mit allen möglichen Lebensmitteln befand. Und eben auch mit köstlichen Süßigkeiten.

Wenn wir dann allein vom Gasthaus weggingen, schlichen wir uns so rasch wie möglich am Stall vorbei. Dort stand immer der »Fide«: ein kleiner, rundlicher Mann, meist trug er Holz-Zockel ohne Strümpfe, sein Gang war wackelig, seine Lippen, von denen immer Speichel tropfte, waren dicklich und seine Sprache unverständlich. »Fide, Fide, Feitl auf!«, riefen ihm die tapfereren größeren Buben zu und ich hatte keine Ahnung, was damit gemeint gewesen sein könnte.

Neben der Brücke, unter der der Abfluss des Klopeiner Sees floss, waren in den frühen 1950er Jahren montags immer Frauen zu sehen, die dort ihre Wäsche wuschen – sie waren aus dem ganzen Ort zusammengekommen, trugen in einem Leintuch eingerollt Hemden, Unterwäsche, Socken und Tischtücher mit sich und schrubbten sie im kalten Wasser des Baches, bis sie wieder blütenweiß waren, oder was man damals eben unter blütenweiß verstand.

Neben dem wöchentlichen Kirchgang und dem Besuch des Krämerladens gab es für uns Kinder noch einen zweiten Grund, regelmäßig in den Ort zu gehen: Im Gasthof Wank gab es einen Fernseher und da durften wir, gegen ein Eintrittsgeld von 50 Groschen, mittwochs immer »Kasperl« und »Welt der Jugend« ansehen, schwarz-weiß natürlich. Dazu kamen noch die spannenden Abenteuer von »Lassie« und »Fury« – ein Hund und ein Pferd, die mit besonderen Eigenschaften immer ihre jugendlichen Besitzer aus einer Gefahrenlage retteten. Kasperl war etwas für die ganz Kleinen (»Krawuzi-Kapuzi«), die »Welt der Jugend« war eine Art »Zeit im Bild« für Kleine, nannte sich im Untertitel »Das internationale Fernsehmagazin« (Sprecher: Luise Prasser und Fred Schaffer). Schon die Kennmelodie zeigte auf, worauf man sich freuen konnte: Eine Weltkugel drehte sich bis zu einem bestimmten Punkt, blieb unvermittelt stehen, dann öffnete sich ein Türchen und der gezeichnete Kopf eines Kindes schaute heraus, immer in der jeweiligen Landestracht. Bei »Österreich« war es ein Bub mit einem Filzhut mit Gamsbart und Ziehharmonika.

Daran kann ich mich deshalb so gut erinnern, weil ich als Elfjähriger einmal selbst in einem Beitrag vorkam: als »gelehriger Schüler«, der seinem Großvater in der selbst gebauten Privat-Sternwarte mit Fernrohr (»dieses Monstrum, das wie eine Kanone aussieht …«) behilflich sein durfte. Mit Sphärenklängen unterlegt hieß es dann zum Schluss: »Im sogenannten Trockenkursus« – dabei sieht man, wie der Großvater einen Sternenatlas aufschlägt – »wird der Enkel in die Geheimnisse des Firmaments eingeweiht, in eine Welt, die vielleicht schon morgen die unsere sein wird …«. Vielleicht. Doch zu Sternwarte und Großvater später mehr.

Weil wir keinen Fernseher hatten, mein Vater aber offensichtlich einmal bei einer Visite das Familienquiz »Einer wird gewinnen« mit Hans-Joachim Kulenkampff mitbekommen hatte und davon begeistert war, begann einmal im Monat am Samstagabend auch bei uns das Rätselraten: Wo werden wir uns heute selbst einladen, um »EWG« zu schauen? Nicht immer gelang es, aber Josef Marolt (den wir alle »Pepi« nannten) nahm uns gerne für diese zwei unterhaltsamen Stunden bei sich auf. Wir kamen rechtzeitig, um noch Hugo Portisch mitzuverfolgen, der uns in leicht fasslicher Form das Wochengeschehen erklärte. Der »Kalte Krieg« war seine Spezialität, aber auch der heiße, zu jener Zeit die Auseinandersetzungen im Fernen Osten – die konnte niemand so gut erklären wie der »Portitsch« (wie ihn die meisten nannten). Dann rieten wir bei »EWG« mit, freuten uns aber am meisten auf den Schlussgag mit »Herrn Martin«, dem Butler, der Kulenkampff den Mantel reichte und dabei irgendetwas an der Sendung sarkastisch kommentierte. Für uns hörte sich das alles echt an, erst viel später erfuhren wir, dass sich diese Schlusspointe Kulenkampff immer selbst ausgedacht hatte.

Außer diesem Fernsehabend gab es für uns Kinder kaum eine Ablenkung vom und im Alltag. Nicht, dass wir die besonders nötig hatten: Wir spielten im Hof oder auf dem Schul-Turnplatz, Kinder gab es in der Nachbarschaft genug und das füllte uns auch bis zur Müdigkeit am Abend aus. Wenn es in St. Kanzian doch einmal eine Attraktion gab, versammelte sich dort auch das ganze Dorf. Einmal etwa zog ein riesiger Lastwagen durch Unterkärnten, auf der Ladefläche lag ein fast dreißig Meter langer Blauwal. Er war am Bauch aufgeschnitten, entsprechend stark war der Geruch, der von dort ausströmte. Aber das hielt uns nicht davon ab, dieses Untier aus der Nähe zu betrachten – so etwas Großes hatten wir noch nie gesehen. Allein das Maul, das man mit einem armdicken Stock offen hielt, war so groß, dass ich leicht darin Platz gefunden hätte. Zum Glück machte niemand den Vorschlag, ich sollte das ausprobieren. Nie im Leben ausprobiert hätte ich auch eine zweite Sensation, die uns zur Kirche eilen ließ: Ein Motorradfahrer fuhr auf einem gespannten Seil fast bis zur Kirchturmspitze hinauf. Um das Gleichgewicht zu halten, war unter dem Motorrad noch ein Gestänge befestigt, auf dem eine Frau saß. Wir hielten alle den Atem an, als der Fahrer Gas gab und sein Gefährt samt Begleitung nach oben lenkte – das heißt, lenken musste oder konnte er nicht, denn die Reifen waren abmontiert und nur die Felgen klammerten sich an das Seil. Eine weitere Attraktion waren die »Don-Kosaken« – eine Reitertruppe, die atemberaubende Kunststücke auf ihren Pferden zeigte: Ein Reiter saß verkehrt auf dem Sattel, ein anderer hielt sich unter dem Bauch des Tieres fest, immer wieder galoppierten sie aufeinander zu, stießen sich vom Pferd und kamen trotzdem auf den Beinen stehend am Boden auf.

Ich erinnere mich auch noch gut an die Ordination, in der es alles gab, was ein Landarzt damals brauchte: einen Frauen-Untersuchungsstuhl, mit eierschalengelben Sitz- und Rückenflächen und zwei chromverzierten, verstellbaren langen Stangen, die in einem O endeten, etwas, das uns Kindern immer Rätsel aufgab. Daneben stand ein Zahnbohrgerät, der dazugehörige Elektromotor, der über lange Treibriemen mit dem Bohrer verbunden war, musste mit dem Fuß bedient werden. Im Raum gab es den schon erwähnten Gründerzeit-Schreibtisch und zwei weitere kleine, weiß lackierte Tischchen, auf denen Wasserkocher standen, die zur Sterilisation der Spritzen und Injektionsnadeln im Einsatz waren. Und dann war da noch eine Liege, genauer: eine Joka-Couch, die sich einmal, ich war damals achteinhalb Jahre alt, als Geschenk des Himmels erweisen sollte.

Zu Weihnachten 1959 bekam ich nämlich meinen größten Wunsch erfüllt: Unter dem Christbaum stand eine rote Schachtel, in der eine elektrische Eisenbahn (»Kleinbahn«) verstaut war. Ich hatte sie einige Wochen vorher beim »Grüner« in Klagenfurt in der Auslage gesehen und offenbar keine Ruhe mehr gegeben. Noch am Abend baute ich das Oval unter dem Esstisch auf, sonst gab schlicht keinen Platz dafür. Da das aber auch keine wirklich praktikable Lösung war (wenn ich unter dem Tisch spielte, war der Raum für die Beine der restlichen Familienmitglieder deutlich eingeschränkt), kam mein Vater auf die glänzende Idee, die Schienen im Bettzeugraum der aufklappbaren Couch in der Ordination unterzubringen. Das wiederum verkürzte meine Spielzeit auf jene Stunden, in denen weder mein Vater die Ordination noch Patienten das Bett beanspruchten. Das war allerdings selten der Fall.

Weihnachten war für uns Kinder natürlich ein Segen, aber immer auch ein wenig mit einem Fluch verbunden. Da viele Patienten auch am Heiligen Abend versorgt werden mussten, war der Vater auch an diesem Tag auf Visiten unterwegs. Wir Kinder saßen im Vorraum, spielten miteinander und warteten gespannt darauf, dass das Christkind endlich das Glöckchen läutete – das untrügliche Zeichen, dass der Christbaum geschmückt war und es mit dem Abliefern und dem Einpacken der Geschenke fertig war. Den Baum besorgte uns jedes Jahr der »Joza«, der Mann der Schulwartin – damals war es üblich, einfach in den nahe gelegenen Wald zu gehen und sich dort einen schönen Baum abzuschneiden – wenn der Wald der Kirche gehörte, dann umso besser. Dann war er auch gleich gesegnet.

Während die Nachbarkinder – an ihrem Gejauchze und dem Geschnatter deutlich hörbar – schon längst mit ihren neuen Spielzeug spielten (oder sogar bei uns vorbeikamen und die neuesten Sachen präsentierten), ließ unser Gabentisch noch immer auf sich warten. Oder besser: Der Vater ließ auf sich warten. Denn viele Patienten luden ihn ein, mit ihnen noch die eine oder andere Jause zu teilen oder »wenigstens ein paar Minuten, nur für ein Weihnachtsplauscherl, noch zu bleiben«. Und so wurde es oft acht Uhr oder sogar neun, bis der Herr Doktor von seinen Visiten zurückkam und uns Kinder aus der Ungeduld erlöste. Später – viel später – wiederholte sich das Schauspiel durch das ähnliche Verhalten unserer Mutter. Auch sie war zu Weihnachten immer die letzte. Mittlerweile hatten natürlich schon wir Kinder das Schmücken des Christbaums übernommen, aber jedes Jahr am 24. Dezember warteten wir auf sie, bis sie aus Klagenfurt zu uns kam: Sie musste noch die Obdachlosen und die Taxifahrer mit kleinen Geschenken versorgen, meist selbst gebackene Kekse, was immer zu heftiger Verspätung und auch zu einer gewissen Verärgerung führte …

Ein Zimmer, das eigentlich zu unserer Wohnung gehörte und gegenüber dem Warteraum lag, wurde einige Jahre noch von einer anderen Partei, der Familie Wolkinger, benutzt. Doch so ganz genau hielten sich die Wolkingers offenbar nicht an die Raumeinteilung. Eines Tages, oder eigentlich eines Nachts ging meine Mutter in die Küche und sah zu ihrem Schrecken hinter dem Kasten einen Schuh herausschauen. Zu diesem Schuh gehörte auch ein Fuß, ein Bein, ein Körper – da stand doch tatsächlich Herr Wolkinger und stotterte eine Entschuldigung: »Uh, ah, ich … ich habe den Wasserhahn tropfen gehört und wollte ihn gerade zudrehen …« Ob damals auch irgendetwas aus der Küche gefehlt hatte, ließ sich nicht mehr rekonstruieren.

Fast alle Kinder im Haus waren älter als wir Neuankömmlinge. Sie gingen schon zur Schule, und wenn das die Volksschule war, dann mussten sie nicht einmal ins Freie: Alle Wohnungen (auch unsere) waren mit einem Gang mit den Klassenzimmern verbunden. Ohne Mäntel und ohne feste Schuhe konnten wir so die ersten vier Jahre zur Schule gehen.

Auf der anderen Seite des großen Gebäudes gab es den schon erwähnten Parkplatz, er war gleichzeitig die Zufahrt zur Holzhütte, die die Gemeinde als Lager verwendete, zwei Traktor-Anhänger standen darin, Holzstangen, um im Winter die Straßen abzugrenzen, und Bänke, die den Urlaubern in den Sommermonaten auf den Wanderwegen zur Verfügung standen. Unterhalb, quasi im Keller der Hütte, gab es einen kleinen Stall mit Schweinen. Die fütterte die Frau Kert mit »Kåschpl« – essbare Abfälle, die in einem Kübel gesammelt und dann in den Schweinetrog geleert wurden. Gelegentlich teilten sich die Schweine den Platz in der Hütte mit zugelaufenen Katzen. Nur zu viele durften es nicht werden.

Manchmal, wenn ich mit einem der größeren Buben in einem Kellerzimmer mit den kleinen Matchbox-Autos spielte – dazu hatten wir in den Holztisch Fahrbahnen eingekratzt –, hörte ich draußen am Gang flehendes Katzenmiauen. Als wir nachschauten, sahen wir die Schulwartin gerade in den nächsten Raum huschen, in dem ein riesiger Waschtrog aus Beton eingebaut war. Frau Kert wollte nicht, dass wir sahen, was als Nächstes passierte. Sie hielt einen Kartoffelsack im Arm, aus dem das schwache Miauen zu vernehmen war, aber nur ganz kurz. Mit einer raschen Handbewegung tauchte sie den braunen Sack ins Wasser und hielt ihn wohl eine halbe Minute unter. Als sie ihn wieder herauszog, war das Miauen verstummt.

Der grausame Tod der Katzenjungen war nicht das einzige einprägsame Ereignis im Umgang mit den Tieren in unserer Hausgemeinschaft. Immer wieder musste auch ein Huhn daran glauben. Das für den Mittagstisch herzurichten, war die Aufgabe von Herrn Kert: Ein frei herumlaufendes Huhn einzufangen, war schon schwierig genug. Es schien zu ahnen, was ihm bevorstand, und lief daher mit lautem Gackern vor dem mit einer Axt bewaffneten Mann davon. Wenn er es schließlich mit beiden Händen erwischt hatte, folgte der nächste, brutale Schritt: Er legte es auf einen Holzpflock, versuchte das mit den Flügeln wild um sich schlagende Huhn einigermaßen ruhig zu halten und – zack – schlug er dem Tier mit der scharfen Hacke den Hals durch. Der Kopf fiel zu Boden, doch was danach folgte, blieb unvergesslich: Oft entglitt der zappelnde restliche Körper seinen Händen und dann lief das kopflose Tier davon, Blut spritzte aus dem Hals, bis es nach ein paar Metern kraftlos in sich zusammensackte. Dann wurde es in einen großen Topf mit heißem Wasser gelegt, um die Federn leichter ausrupfen zu können. Dass wir danach trotzdem noch Lust auf ein Brat- oder Backhendl hatten, ist schwer erklärlich. Umso verständlicher, dass sich einmal im Hof ein Hahn für die grausame Behandlung seiner Hennen ausgerechnet an mir rächte. Ich war gerade am Weg zum Hühnerstall, als mich der besagte Hahn sah und zielgerecht auf mich zu rannte: Nichts Böses ahnend blieb ich stehen und da war er schon. Er sprang mich an und bohrte seinen Schnabel durch die dünne Sommerhose in meine Seite. Ich schrie auf, laut genug, dass er von mir abließ, doch seit damals bin ich immer vorsichtig, wenn ich Hühnern, oder mehr noch einem Hahn außerhalb eines Zaunes begegne.

Irgendwann, als er um die 15 Jahre alt war (ich war damals zehn), wollte mein älterer Freund Sigi nicht nur mit den Matchbox-Autos spielen. Als ich in sein Zimmer kam, lag er im Bett und tat so, als ob er müde sei. »Komm, leg dich dazu«, sagte er und hob mit einer Hand die Decke hoch. Ich dachte mir nichts dabei und schlüpfte neben ihn. Es dauerte nur kurz und schon nahm er meine Hand und legte sie auf seinen erigierten Penis. Ich wusste nicht recht, wie mir geschah und wollte sie wegziehen. Aber Sigi blieb hartnäckig und hielt meine Hand fest. Das schien ihm nicht zu reichen, denn er forderte mich auf, sein dickes Stück in den Mund zu nehmen. Mir graute davor, aber ich hatte keine Chance und tat, was er verlangte, krümmte aber meine Lippen so nach innen, dass ich mit dem Penis kaum in Berührung kam. Als er merkte, dass bei mir da nicht mehr herauszuholen war, ließ er mich gehen. Es war das letzte Mal, dass ich in sein Zimmer kam. Zum Auto-Spielen musste ich mir dann andere Freunde suchen.

Hinter der Schule gab es noch zwei Besonderheiten: Im Schatten des Turnsaales war eine zirka drei Meter breite, gut 20 Meter lange, mit 10 Zentimeter hohem Rand betonierte Fläche errichtet worden. Sobald die Temperaturen unter null gesunken waren, wurde erst Wasser daraufgespritzt und bald danach hörte man das Klirren der Eisstöcke. Denn vor allem am Wochenende trafen sich viele St. Kanzianer, um bis spät in die Nacht – zwei Lampen beleuchteten die Eisbahn notdürftig – ihre Matches auszutragen. Ziel war es, den Stock so nahe wie möglich an die Daube zu zielen oder dem Gegner die Bahn zu ihr zu versperren. Neben der dicken Winterkleidung und den aus Filz gefertigten Überschuhen sorgte auch der Alkohol dafür, dass die Körper nicht einfroren.

Die zweite Besonderheit war – gleich neben der Eisbahn – die Kalkgrube: ein Betonschacht, der mit einer weißen Masse gefüllt und durch schwere Bretter abgedeckt war. Wenn man durch einen Spalt hinunterblickte, konnte man gelegentlich das Blubbern des Kalks hören oder vielleicht sogar sehen. Wir Kinder wurden immer davor gewarnt, der Grube ja nicht zu nahe zu kommen, denn würde man dort hineinstürzen, könnte das tödliche Folgen haben. Einer unserer Nachbarbuben, Manfred, er war damals fünf Jahre alt, hatte sich offenbar nicht an die Mahnung gehalten. Durch einen Spalt, der für seinen kleinen Körper zu breit war, fiel er hinein und war binnen weniger Minuten so schwer verbrannt, dass ihn mein Vater, der sofort am Unfallort war, nicht mehr retten konnte.

Josef Kert, genannt »Joza«, war ein Schwerarbeiter. Sein Gesicht war braun gebrannt, er war ja immer im Freien, sein schütteres Haar war früh angegraut, viele Furchen zogen sich über die Stirn, seine Hände waren knochig, die Schwielen auf den Fingern stammten von der Schaufel, der Hacke oder der Säge, die er tagaus, tagein in der Hand hielt. Er war bei der Gemeinde St. Kanzian »angestellt«, oder jedenfalls wurde er von dieser Institution für seine Tätigkeiten bezahlt. Wann immer es etwas zum Aufgraben, Zuschaufeln, Betonieren, Sägen, Hacken, Aufbauen oder Abreißen gab, »Joza« war dabei, von Montag früh bis Freitagabend – oder besser: Freitagnachmittag, denn da gab es die Auszahlung. Seine Frau, die Schulwartin, wartete dann immer mit Bangen auf seine Heimkehr. Gelegentlich kam er stockbetrunken, das schwarze Steyr-Fahrrad neben sich herschiebend, zuhause an. Seine Frau war wütend, hatte er doch wieder fast sein ganzes Wochengehalt im Gasthaus versoffen. Durch alle Räume des Hauses hörte man dann die beiden miteinander lautstark streiten, das gebrüllte »Prekled hudič«, »Moj duši« oder das etwas verzweifeltere »Marija Devica« klingt mir noch heute in den Ohren. Wenn es noch später wurde, hatte Frau Kert oft schon die Wohnungstür versperrt. Joza suchte und fand dann auf den Sesseln bei uns im Vorraum einen Platz, wo er seinen Rausch ausschlief. Wenn wir Kinder in der Früh auf die Toilette mussten, konnte es schon vorkommen, dass wir über ihn drübersteigen mussten, weil sein Körper in der Nacht langsam vom Sessel auf den Boden heruntergerutscht war.

Seine Frau war Schulwartin und gleichzeitig eine strenge Hausbesorgerin. Sie war eine stattliche, schöne Frau mit vollem, dunklem Haar, einem faltenlosen Gesicht, das in den wenigen Momenten, in denen sie sich entspannt zeigte, durchaus auch als freundlich bezeichnet werden konnte. Auch wenn sie »nur« für die Schule verantwortlich war, fühlte sie sich als Aufseherin auch für den Wohnungsbereich. Wir fürchteten uns vor ihr fast genauso wie ihr Mann, obwohl wir ja mit Alkohol nicht in Berührung kamen. Für die Frau Kert waren wir immer zu laut, zu lebhaft und zu umtriebig, was immer wir im Hof unternahmen, es passte ihr nicht. Das hatte sich in uns schon eingeprägt und so schlichen wir uns, wenn wir ihrer ansichtig wurden, wie die Mäuse in unsere Zimmer zurück, um nur nicht ihren Zorn zu erregen. Sie war auch eine ungeheuer fleißige Frau. Allein musste sie jeden Tag den Dreck hinter allen Schulkindern wegputzen, am Vormittag kochte sie für die rund 100 Volksschüler eine (fast immer) warme Mahlzeit: Montag Nudelsuppe, Dienstag Milchreis, Mittwoch Kakao, Donnerstag Ritschert und freitags Tee mit einer Käsesemmel. Das Ganze wurde in der Pause gegen 10 Uhr im Keller serviert. Dort standen mehrere lange Tische, um die sich die Schüler versammelten. Vor dem Essen sprachen wir ein kurzes Gebet: »Komm Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was du uns bescheret hast!« Die fünf Klassenlehrer bewachten uns dabei. Frau Adamek, eine Kärntner Slowenin (nicht, dass man das damals erahnen konnte), brachte den Erstklasslern das Lesen und Schreiben bei (»DER VATER ARBEITET. DIE MUTTER KOCHT«). Frau Luise Prah, sie wohnte in der Schule, war für die zweite Klasse zuständig. Frau Siebitz, die später den Pharmavertreter Willibald Diexer heiratete, sorgte sich um die Schüler der dritten Klasse, und Herr Hubert Rebernig – der Schuldirektor – bereitete seine Schützlinge in der vierten Schulstufe darauf vor, den nächsten großen Schritt zu machen: entweder in die Hauptschule nach Kühnsdorf zu wechseln oder in das Gymnasium nach Klagenfurt. So manches arme Bauernkind bekam aber auch die Disziplin und Härte des Direktors zu spüren, die er als Nationalsozialist im Zweiten Weltkrieg erlernt hatte: Wer nicht spurte, stotterte oder sonst sein Missfallen erregte, wurde flugs mit einer »Kopfnuss« bestraft. Dann zog der Herr Direktor mit dem Fingerring oder dem Schlüsselbund in der Hand scharf über das Haupthaar, blutige Wunden waren keine Seltenheit.

Nur wenige blieben bis zur achten Schulstufe in St. Kanzian, wo sie von Oberlehrer Felix Schwarz unterrichtet wurden. Er, seine Frau Gerda und später die beiden Buben Heini und Michi wohnten über uns und waren jahrzehntelang, auch als sie und wir schon aus der Schule ausgezogen waren, so etwas wie unsere Ersatzeltern. Es gab kaum einen Tag, an dem nicht irgendein Familienmitglied der Freunds in den ersten Stock zu den Schwarzischen ging, wo wir dann mit Kaffee und Kuchen bewirtet wurden und uns über dieses und jenes unterhielten. Über dem Küchentisch hing eine Uhr aus Porzellan, auf der mit blauer Schrift »NUETZE DIE ZEIT« zu lesen war. Ich verstand lange nicht, was NU-ETZE bedeutet, fragen traute ich mich auch nicht, ich wollte ja nicht als dummer Bub dastehen.

Nicht im Traum rechnete ich damit, dass sich hinter der freundlichen Fassade des Volksschullehrers auch rohe Gewalt verbergen konnte. Eines Tages hörte ich elende Schreie über den Schulhof schallen. Ein Junge brüllte wie am Spieß durch ein geschlossenes Fenster des Lehrerzimmers, dazwischen vernahm ich etwas, das ich als Stockhiebe identifizierte. Felix Schwarz verdrosch den etwa 15-jährigen Hermann. Er war bei seiner Tante, der Lehrerin Prah, untergekommen, die dürfte aber mit dem pubertierenden Buben völlig überfordert gewesen sein. Und so prügelte Herr Schwarz auch noch den letzten Widerstand aus dem bedauernswerten Geschöpf heraus. Doch niemand sprach darüber. Das blieb ein Tabu-Thema bis zu seinem Tod.

Neben dem normalen Stoff in der Schule gab es natürlich auch noch den Religionsunterricht, hier war die slowenische Sprache dominant: Die Kirche war der einzige Stützpfeiler der slowenischen Volksgruppe in Kärnten, wo der verpflichtende Unterricht in dieser Sprache 1956 abgeschafft wurde. Pfarrer Josef Kogelnik strahlte zwar eine achtbare Autorität aus, aber auch die musste er immer wieder mit »Kopfnüssen« untermauern. Sein Adlatus, der kleinwüchsige Kaplan Valjavec, war jedoch der ganzen Bösartigkeit der Buben und Mädchen ausgesetzt. Er konnte kaum eine Geschichte aus der Bibel erklären, ohne dass nicht große Unruhe im Klassenzimmer herrschte. Einmal schlich ich mich hinter ihn und äffte ihn zum Gaudium meiner Mitschüler mit Grimassen und Handbewegungen nach. Valjavec, der immer einen Stock bei sich trug – eigentlich war der für die Schreibtafel gedacht – drehte sich plötzlich um und schlug mit dem Holzstück so fest er konnte auf mich ein. Mit dem Effekt, dass der Stock in zwei Teile brach und eine Hälfte durch das halbe Klassenzimmer über die Köpfe der Schüler und Schülerinnen nach hinten flog.

Am Ende des Schuljahres wurde dann das obligate Klassenfoto geschossen. Das Prozedere war immer das gleiche: Wir mussten uns in Reih und Glied im Hof aufstellen, aus dem Turnsaal wurde noch eine Bank herangeschleppt, damit die Kinder in der hinteren Reihe auch sichtbar waren, und der einzige Fotograf in der Umgebung schoss dann die Schwarz-Weiß-Fotos. Sein Name war Anton Bohinc, ein kleiner, hagerer Mann. Er trug eine Brille auf seinem schmalen Gesicht, fast immer auch einen weißen Mantel. Bevor er abdrückte, sorgte seine Frau dafür, dass alle Schüler und Schülerinnen auch ordentlich gekämmt, geschniegelt und geschnäuzt waren. Dafür spuckte sie sich in die Hände, ging durch die Reihen, bügelte die Haare glatt, strich jeden Scheitel gerade, knüpfte die Zöpfe der Mädchen zurecht oder putzte mit dem Taschentuch die Nase. Mit einem Taschentuch die Nasen aller.

Ein weiterer Höhepunkt unseres schulischen Alltags spielte sich immer rund um den 10. Oktober ab, dem Kärntner Landesfeiertag. Am Abend zuvor pilgerte die ganze Schule mit allen Lehrerinnen und Lehrern auf die »Kura« – einen anderen Namen gab es für den Hügel hinter der Schule nicht. Dort hatten die Gemeindearbeiter schon einen riesigen Haufen aus Ästen, Zweigen und Kartons hergerichtet, um den herum wir uns alle aufstellten. Der Direktor hielt eine Ansprache, die im Wesentlichen so verlief:

»Kinder, wir haben uns heute hier versammelt, um einen ganz besonderen Tag in der Kärntner Geschichte zu begehen. Am 10. Oktober 1920 stimmte die Mehrheit der Kärntner (damals gab es noch kein Binnen-I) dafür, dass unser schönes Heimatland bei Österreich verblieben ist.

Dass es überhaupt dazu gekommen ist, haben wir den Abwehrkämpfern zu verdanken, die ihr Blut dafür hergegeben haben, dass Kärnten nicht Teil des damaligen jugoslawischen Reiches geworden ist. Ihnen allen sind wir heute zu großem Dank verpflichtet …«

Ein runder Feiertag, wie etwa der 40. Jahrestag der Kärntner Volksabstimmung, wurde groß begangen. Dann stellten sich Schüler, Lehrer, der Gesangsverein, die Feuerwehr und zahlreiche Gäste im Schulhof auf und ließen Abwehrkämpfer zu Wort kommen.

Danach wurden einzelne Schüler und Schülerinnen nach vorne gebeten, um jeweils ein – meist patriotisches – Gedicht aufzusagen. Schließlich sangen wir gemeinsam das Kärntner Heimatlied, wobei vor allem die vierte Strophe hervorsticht:

»Wo Mannesmut und Frauentreu,

die Heimat sich erstritt auf neu,

Wo man mit Blut die Grenze schrieb

Und frei in Not und Tod verblieb;

Hell jubelnd klingt’s zur Bergwand

Das ist mein herrlich’ Heimatland.«

Und alle sangen mit, auch die Kinder, die zuhause gar keine andere Sprache als Slowenisch hörten. Davon gab es zumindest in den 1950er Jahren noch viele. In manchen Häusern wurde fast ausschließlich Slowenisch oder jedenfalls ein Dialekt davon gesprochen. Das war auch für meinen Vater bei der Behandlung der Patienten eine Herausforderung. Als Wiener aus gut bürgerlichem Haus konnte er zwar Englisch, Französisch und Latein (er war stolz darauf, sich mit einem Bischof im jugoslawischen Split einmal in dieser »toten Sprache« unterhalten zu haben), aber nicht Slowenisch. Einen Ausdruck hatte er sich aber sehr schnell eingeprägt: »Drei Mal am Tag« (wenn es um das Einnehmen von Tabletten ging) heißt »tri krat na dan« auf Slowenisch. Selbst ich hatte das bei den gemeinsamen Patientenbesuchen so oft aufgeschnappt, dass es sich in mein Gedächtnis eingeprägt hatte. Ebenso alles, was mit der katholischen Messe verbunden war. Wir gingen jeden Sonntag in die Kirche, für meinen Vater gab es rechts vorne – auf der Männerseite – immer einen einzelnen Sessel, der freigehalten wurde. Die Kirchgänger hatten sich auch daran gewöhnt, dass er meist erst nach oder gerade während der Predigt erschien, denn die wurde – wie die gesamte Messe – auf Slowenisch gehalten. Das »Vater Unser« (»Očenaškaterisinebesi…«) habe ich auch so oft gehört, dass es mir eine Basis für das Verständnis einer slawischen Sprache gab, auch wenn es lange brauchte, bis ich wusste, dass »Oče« Vater und »naš« unser heißt und wo diese unendliche und für mich unverständliche Buchstabenwurst getrennt gehört.

Die »Kura«, von der schon die Rede war, gehörte zu unserem winterlichen »Naherholungsgebiet«, im Sommer hatten wir zusätzlich den Klopeiner See vor unserer Haustür. Wenn es genug Schnee gab – und ich kann mich an keinen Winter erinnern, in dem es das nicht der Fall war –, zogen wir unseren Schlitten oder nahmen die Skier und schossen auf der »Kura« den Hügel hinunter. Das heißt, die anderen »schossen«, ich war immer ein Angsthase, mir war alles zu steil, mit dem Schlitten ging es gerade noch, aber beim Skifahren konnte ich mit den anderen Buben nie mithalten. Sicherheitsbindung oder dergleichen gab es auch nicht, sie ging mir auch nicht ab, niemand kannte das damals. Nein, man fuhr mit den »Goiserern« (heute würde man sagen: eine Art Wanderschuhe) in zwei auf dem Kopf stehende V-förmige Eisenteile am Ski, schob einen dicken Draht hinten über den vorstehenden Absatz und spannte das ganze dann vorne mit einem Hebel fest. Die Skier waren aus Holz, ohne Kanten, wenn man stürzte, blieb man in der Bindung hängen und konnte nur hoffen, dass alle Knochen heil geblieben waren.

Wenn wir in der warmen Jahreszeit zuhause blieben, spielten wir am Nachmittag meist im Hof. Die großen Holzzaun-Türen, die die Einfahrt abschlossen, aber ohnehin meist offen standen, wurden zu einer Drehfahrt umfunktioniert: Ein Flügel wurde ganz weit geöffnet, dann stellten wir uns abwechselnd mit einem Bein auf die untere Querleiste und schoben mit dem anderen an – mit dem Schwung erreichten wir mühelos eine 180-Grad-Drehung. Die Mädchen spielten meist mit dem Ball. Fangen spielen war zu langweilig, also »peppelten« sie den Ball gegen die Wand, nach jeweils fünf oder zehn Schlägen wurde es schwieriger: die Hand über Kreuz vor der Brust, oder die Hand durch das Bein, oder sich einmal umdrehen – doch immer den Ball gegen die Wand schlagen. Gemeinsam trafen wir uns auch oft zum »Schlatzkugel«-Spielen. Noch bevor Murmeln aus Ton oder noch später aus Glas auftauchten, drehten wir unsere selbst zwischen zwei Handflächen aus Erde und Spucke. Mit dem Schuhabsatz trieben wir ein Loch in den Boden und schon waren wir damit beschäftigt, die Kugeln in die Senke zu befördern. Und dann gab es noch die selbstgebastelten Panzer: In eine hölzerne Zwirnspule schnitzten wir Kerben ein, von einer dickeren Kerze wurde eine zirka einen halben Zentimeter starke Scheibe abgeschnitten (jede zweite zerbrach in mehrere Stücke, bis wir herausgefunden hatten, dass wir die Schneide des Messers möglichst heiß machen mussten), durch das Loch der Spule fädelten wir ein dickes Gummiband. Vor das Kerzenstück kam noch ein kleiner Stab, der sowohl zum Aufziehen als auch zum Vortrieb verwendet wurde. Die Kerze bewirkte, dass die Rolle nicht davonschoss, sondern sich ganz langsam vorwärtsbewegte und über so manches Hindernis kletterte.

* * *

Für gemeinsame Urlaubsreisen mit den Eltern gab es kaum Zeit und Gelegenheit. Im Sommer waren sie mit den vielen (kranken) Gästen voll beschäftigt, und in der übrigen Jahreszeit war immer zumindest eines von uns Kindern in der Schule. Lediglich einmal – es dürfte in der letzten Ferienwoche gewesen sein – besuchten wir gemeinsam Venedig.

Das erste Mal am Meer, die ungewöhnliche Luft, der Strand und der Sand am Lido hatten es uns Kindern besonders angetan. Wir hatten uns im »Albergo San Fantin« einquartiert, einem kleinen Hotel in der Stadt mit einem Durchgang, der mitten durch das Gebäude ging. Unser Zimmer war über diesem »Tunnel« und so kamen wir auf die Idee, einen Zettel auf einem Faden runterhängen zu lassen, auf dem wir »Buona notte« (eine der wenigen italienischen Phrasen, die wir kannten) geschrieben hatten. Es war schon dunkel, der Faden war kaum zu sehen, nur der helle Zettel. Wenn jemand von den Spaziergängern nach dem Papier greifen wollten, zogen wir schnell daran und – husch – war die Notiz verschwunden. Wir freuten uns diebisch, wenn die Leute dann verärgert nach oben blickten, aber niemanden sahen, denn wir hatten uns längst vom Fensterbrett entfernt.

Sommer am Klopeiner See

Viele Tage im Sommer verbrachten wir am Klopeiner See. Von zuhause führte ein kleiner Waldweg an einem Bach entlang direkt zum Bad. Ziemlich zentral stand dort das Hotel »Obir«, ein großer Kasten mit vielen Balkons. Herr und Frau Wutte führten das Hotel und kümmerten sich auch um das Strandbad. Sohn Walter fiel – vor allem mir – durch seine ausgefallene Autoauswahl auf. An den Studebaker »Golden Hawk« kann ich mich gut erinnern – niemand hatte damals so einen Straßenkreuzer mit der großen Schnauze und den noch viel auffälligeren Heckflossen. Er war auch der Erste, der sich kurz nach dessen Debüt auf dem Genfer Autosalon 1963 einen Mercedes 230 SL besorgte. Das war jener Sportwagen mit dem Pagodendach und einem querstehenden Rücksitz (für ein weiteres Paar Beine wäre hinter dem Fahrer kein Platz gewesen). Am Abend arbeitete Walter auch hinter der Theke, wenn »Andy Müller und sein Orchester« groß aufspielten. Die Band kam aus Graz (wie – unterhaltungsmäßig – armselig wäre der Klopeiner See gewesen, hätten die Steirer hier nicht ausgeholfen …), spielte zuerst zum Fünf-Uhr-Tee und am Abend von acht bis Mitternacht. Der Saal war voll, in erster Linie deutsche, aber auch holländische und dann natürlich österreichische Urlauber, die jeden Spaß mitmachten – oder das, was Andy Müller darunter verstand. Da mussten zum Beispiel männliche Freiwillige einen Luftballon aufblasen, während sie weibliche Freiwillige unter den Achseln kitzelten. Sehr groß wurden die Ballons nicht. Doch die meisten kamen zum Tanzen und wohl auch zum Schunkeln, kein Abend verging, ohne dass die gut aufgelegten Gäste nicht zu Jetzt trink mer noch ein Glaserl Wein, oder Bier her, Bier her, oder I fall’ um schunkelten. Höhepunkte der Saison waren die Auftritte von Fred Haid, auch ein Steirer, der zwei Mal im Sommer mit Schmachtfetzen aus Oper und Operette die Touristen begeisterte.

Nicht, dass mir das Baden mehr Spaß machte als das Skifahren. Dass ich im Wasser nicht weniger Angst hatte als im Schnee, hing auch mit dem Schwimmlehrer zusammen. Er hieß Egon Karpf – und schrammte mit seinem Namen nur knapp an jenem Fisch vorbei, von dem man im Klopeiner See viele stolze Exemplare sah. Er war ein immer tief braun gebrannter, drahtiger Turnlehrer aus einem Gymnasium in Graz (das bestätigt wieder meine These, dass der Klopeiner See ein langweiliges Kaff geblieben wäre, hätten die Steirer nicht ausgeholfen), der jeden Sommer seinen Zöglingen – je nach Mentalität – das Schwimmen oder das Fürchten lehrte. Bei mir war es eher Letzteres, denn schon die erste Stunde begann damit, dass er mich einfach ins (für mich kalte) Wasser warf. Natürlich war er nicht weit von meinem Strampeln und Schreien entfernt und fischte mich auch gleich heraus, doch der Schaden war angerichtet. Ich lernte zwar Schwimmen – wie hätte ich mich auch dagegen wehren können – aber Spaß machte es mir nie. Wenn wir zum Schwimmen gingen, musste meine ältere Schwester immer auf uns Jüngere aufpassen. Ich war kein Problem, erinnert sie sich, denn ich war ohnehin wasserscheu. Aber Claudia (oder Buscha, wie wir sie alle nannten) konnte gar nicht genug bekommen. Sie war aus dem Wasser kaum herauszuholen. Ich sehe sie noch vor mir, mit blauen Lippen, am ganzen Körper zitternd – aber mit keinem Argument aus dem Wasser zu holen. Selbst als ihr Silvia einmal ein Eis brachte und es ihr hinstreckte, in der Hoffnung, sie könnte sie wie einen Hund locken, war Buscha schneller: Sie riss Silvia das Eis aus der Hand und schleckte es im Wasser weiter.

Einige Jahre später bekamen wir dann mit, dass der Herr Professor sich eine junge Urlauberin angelacht hatte, sehr zum Missfallen seiner Frau, die diesen Seitensprung von ihrem Liegestuhl am Strand wohl mitbekommen hatte. Es ist nicht auszuschließen, dass das ohnehin jeden Sommer passierte, aber wir noch zu jung waren, um das wahrzunehmen …

Die Urlauber – viele waren Stammgäste und kamen Jahr für Jahr wieder – wurden von uns gelegentlich beurteilt oder auch mit irgendwelchen herablassenden Prädikaten versehen. »Speibkübel« war zum Beispiel ein kleines, dünnes Mädchen, das jedes Jahr im Strandbad des »Hotel Obir« auftauchte. Ich habe heute (und wahrscheinlich auch schon damals) keine Ahnung, wie sie dieses Attribut verdient hatte. Wir machten uns auch über das »Muttersöhnchen« lustig, einen Wiener Teenager, der regelmäßig mit seiner Mutter auf Urlaub kam. Man sah die beiden ständig zusammen, keiner machte einen Schritt allein. Viele Jahre danach traf ich ihn zufällig in Wien auf der Kärntner Straße. Ich sprach ihn an und er erzählte, dass er nun Mittelschullehrer sei, später wurde er sogar Direktor eines Gymnasiums. Von unserer Abqualifizierung als »Muttersöhnchen« erzählte ich ihm freilich nichts.

Neben dem »Hotel Obir«, wo wir als Kleinkinder schwimmen gingen, war dann die »Gabriela Diele« der nächste regelmäßige Besuchsort. Diese Bar gehörte zum »Kärntner Hof«, einem alteingesessenen Hotel. Benannt war die »Diele« (ein Kaffeehaus tagsüber mit Theke, Barhockern und ein paar kleinen Tischen, eine Bar in der Nacht), nach der Tochter des Hauses, die in die gleiche Klasse ging wie ich. Das Hotel, geführt von »Jultschi« Kruschitz (dass der Mann in Wirklichkeit Julius hieß, bemerkte ich erst an seinem Grabstein), war ein beliebter Treffpunkt für die Wiener »Hautevolee«: Juweliere, Ärzte, Richter waren damals Stammgäste. Sie kamen jedes Jahr, blieben drei bis vier Wochen und organisierten gegen Ende ihres Aufenthaltes zur Freude aller Sommergäste ein großes Feuerwerk am See. Mein Vater trug in seinem Notizbuch sogar die Namen der edlen Spender ein: »Heute Abend Privatfeuerwerk, gespendet von den Herren Netolitzka, Dr. Mihokovicz, Dr. Adamovich«. Für ihn, der ja 1951 aus der Bundeshauptstadt aufs Land gezogen war, und damit all seine Freunde und Bekannten mit einem Schlag verloren hatte, kam das einem Eintauchen in seine Welt von gestern gleich. Wir waren da selten dabei, vieles spielte sich zu einer Zeit ab, als wir schon längst im Bett lagen und mein Vater die Visiten erledigt hatte. Dann saßen er, meine Mutter und Gerda und Felix Schwarz, Theo Rebernig (der Sohn des Schuldirektors) und Fritz Wintschnig (beide begehrte Junggesellen des Ortes) bis spät in die Nacht bei Toastbrot und alkoholischen Getränken an der Bar. Einige der Gäste aus Wien wurden im Laufe der Jahre auch Freunde der Familie. In den kälteren Monaten verlagerte sich das Nachtleben (minus der Sommergäste) in die Bar von Gerd und Christa Rabl im Ort neben der Kirche. Im Postgebäude hatten sie einen kleinen Raum mit einer Theke ausgestattet, Platz war nur für ein paar Leute, und zum Essen gab es außer einem Schinken-Käse-Toast kaum etwas anderes. Dafür war die Bar mit alkoholischen Getränken bestens ausgestattet, was meine Eltern auch zu schätzen wussten.

Eine weitere »Klopeinerin« wurde dort auch immer gern gesehen, denn in der Hauptsaison hatte sie absolut keine Zeit, ihr Haus zu verlassen. »Fini Holzer«, auch »Fräulein Holzer« genannt, hatte mit dem »Hotel Amerika« alle Hände voll zu tun. Die Unterkunft hatte ihren Namen von den Gästen auf der gegenüberliegenden Seite des Sees bekommen. Die schwammen gerne hinüber – nach Amerika – um sich dort am flachen Strand auszurasten. Ihre Eltern hatten schon in den 1930er Jahren ein Grundstück am Klopeiner See erworben und die »Fini« wurde – wie sie mir einmal erzählte – »zu ihrem Leidwesen« an die Badekasse gesetzt. Als sie einmal diesen Platz an der Badekasse verließ, um mit ihren Freundinnen zu spielen, bekam das ihre Mutter, die in der Küche war, mit. Wütend lief sie ihr mit voller Kleidung ins Wasser nach, riss irgendwo einen Strauch aus und warf ihr den Busch samt Wurzeln an den Kopf.

Nach dem Staatsvertrag 1955 kam der Tourismus am Klopeiner See erst richtig in Schwung. Vor allem die deutschen Urlaubsgäste entdeckten diesen wärmsten Alpensee und bevölkerten im Sommer die ganze Region. Und mein Vater sorgte für ihre Gesundheit, oder besser: Wenn sie krank wurden, war er zur Stelle. Von den vielen Stammgästen des »Hotel Amerika« ist mir Professor Rudolf von Laun unvergessen geblieben. Wegen einer schweren Kinderlähmung konnte er sich nur mühsam fortbewegen, aber sobald er sich auf zwei Krücken gestützt über den Holzsteg zum Wasser vorgekämpft hatte, schwamm er wie ein Fisch. Rudolf von Laun war ein hochgebildeter Jurist mit österreichischen Wurzeln: Geboren 1882 in Prag, studierte er in Wien und war als junger Mitarbeiter des Außenamtes Mitglied der Delegation der Friedensverhandlungen von St. Germain. Später übersiedelte er nach Hamburg, wo er drei Mal Rektor der dortigen juridischen Fakultät war (1924–1926 und 1946–1947).

Als meine Eltern einmal nach Hamburg fuhren, lud das Ehepaar sie in eine Vorstellung ins Thalia Theater ein. »In Freundschaft und großer Dankbarkeit« überließ er der Familie Freund das von ihm verfasste Büchlein »Mephistopheles über die Universitäten« (C. Boysen Verlag, Hamburg), eine Faust-Parodie in das 20. Jahrhundert versetzt. Ein kurzer Auszug daraus:

Mephisto:

Fast jeder möchte heut’ studieren

Allein wohin soll denn das führen?

Es würde nimmermehr gelingen

Euch alle wirklich unterzubringen!

Nichts fürchtet heute mehr der Staat,

Als geistiges Proletariat!

Denn um im Staat zu dominieren,

Ist’s leichter, Dumme zu regieren.

Drum wollen wir – nicht Euer Denken,

Nur Eure Zahl – etwas beschränken.

Um freizuhalten die Studenten

Von unerwünschten Elementen.

Doch erst die Frage nun entsteht,

Was wählen Sie für eine Fakultät?«

. . .

Schüler:

Ich möchte gerne Geld verdienen,

Es hat mir aber doch geschienen,

Dass dieses Wissen wenig nützt,

Gerade dem, der nichts besitzt!

Weswegen ich noch fragen muss,

Wie steht es denn nun mit dem Jus?

Rudolf von Laun und seine Frau hielten sich bis in die frühen Siebzigerjahre regelmäßig am Klopeiner See auf. Er starb 1975 im Alter von 93 Jahren in Ahrensburg in Deutschland.

Immer wieder hatte mein Vater (und ich am Nebensitz) bei den Visiten interessante und überraschende Begegnungen. Im Sommer 1964 war er in »Obersammelsdorf bei Tietze und Siebold zur Jause« eingeladen. Mit dabei, so notierte er penibel in seinem Taschenkalender, waren nämlich auch die »Prinzessin von Preußen« und »Prinz Georg von Thurn und Taxis«. Zwei Tage später heißt der Prinz bereits »Gucki« und die Prinzessin wird mit ihrem Vornamen Marie Cecile genauer identifiziert. Eine weitere Eintragung lüftet dann das ganze Geheimnis: Sie ist »die älteste Tochter von Kronprinz Louis Ferdinand« und damit eine Ur-Enkelin des letzten deutschen Kaisers. Der Höhepunkt der adeligen Zusammenkunft fand schließlich am 25. August statt. »Abend Souper bei Krainz: Prinzessin Marie Cecile v. Preußen, Ehepaar u. Klaus Siebold, Frau Tietze m. Tochter Irma und Freundin, Inge, Silvi und ich, nachher noch alle bei Gocki in der Almbar. Strahl. Spätsommer-Wetter.« Obersammelsdorf war damals (und ist bis heute) ein kleiner Bauernort mit einem großen Campingplatz und einer fantastischen Aussicht auf die Steiner Alpen, den Hochobir und den nahe gelegenen Turnersee. Verglichen mit den touristischen Angeboten am Wörther See aber war das jedenfalls ein »Kaff« – wie man heute sagen würde. Das Restaurant Krainz in Unterburg wiederum gehörte tatsächlich zu den besten, die der Klopeiner See zu bieten hatte. Man saß damals im Garten unter herrlichen Kastanienbäumen und hatte einen wunderbaren Blick auf die hinter dem See untergehende Sonne. In der Küche standen Willi, der junge Küchenchef, und seine Eltern, die hervorragend kochten. Die Almbar wiederum war das absolute Gegenteil: eine laute, mit viel Alkohol durchtränkte Disco, aber auch der einzige Platz, in dem man nach dem Abendessen bis tief in den nächsten Morgen noch das machen konnte, wofür heute der Begriff »chillen« verwendet wird.

Davon machten am wenigsten die anderen, meist älteren Sommerurlauber in Unterburg Gebrauch, die sich in der »Villa Luise« und in der »Villa Pohl« eingerichtet hatten. Diese beiden Gebäude gehörten zu den ersten Urlaubsquartieren überhaupt am Klopeiner See, sie wurden vor rund hundert Jahren von Wiener Feriengästen errichtet. Hauptmann Eugen Pohl gilt als Pionier des Erholungsgebietes, schon 1904 kümmerte er sich mit seinem »Verschönerungsverein« um das Wohl der Urlauber. Wollte man zu der nach ihm benannten Pension, musste man erst am Bauernhof der Familie Ferk vorbei. In den späten Fünfzigerjahren konnte es durchaus sein, dass der kleine Janko (der sich später als Richter, viel mehr aber noch als scharfsinniger Beobachter und Schriftsteller einen Namen machte) dort barfuß und nur mit einer kurzen Hose bekleidet im Hof spielte. Für mich waren es aber im Wesentlichen die »alten« Damen aus Wien, die ich immer gerne besuchte. Das heißt, mein Vater besuchte sie als Hausarzt, ich durfte oft mit hinein und dann standen dort meist köstliche Kuchen oder auch »Heller Wiener Zuckerl« auf dem Tisch, an denen ich mich bedienen konnte. Für meinen Vater gab es regelmäßig ein Gläschen Eierlikör. Eine der Damen, Frau Perhauz, hatte es mir besonders angetan, und sie versprach, mich einmal nach Wien einzuladen. Das machte ich dann auch als Zwölfjähriger, in den Weihnachtsferien. Ich durfte mit dem Zug nach Wien fahren! Neben Frau Perhauz kümmerte sich dort auch ein Teil meiner Wiener Verwandten um mich. An zwei Höhepunkte erinnere ich mich gut: Einmal brachte mich Onkel Lukas (der Bruder meines Vaters) zum Flughafen Wien Schwechat, wo ich nicht nur die (wenigen) startenden und landenden Flugzeuge bewunderte, sondern am meisten von den elektrischen Schiebetüren beim Eingang fasziniert war. Wenn man auf den Gummiteppich trat, schoben sich die beiden Flügel automatisch zur Seite – ich weiß nicht, wie oft ich das ausprobieren musste. Ein noch größeres Erlebnis war aber der Besuch des Neujahrskonzertes am 1. Jänner 1960. Es dirigierte damals Willy Boskowsky – wie Johann Strauß als Stehgeiger. Ich saß ganz vorne neben dem Orchester, blickte von dort in den großen Saal des Musikvereins und genoss die Walzer- und Polkaklänge. Bis zum heutigen Tag habe ich dieses einmalige, alljährliche musikalische Ereignis nie versäumt. Gleichgültig, wo ich mich gerade aufhielt, in New York oder in Washington, am. 1. Jänner stand immer das Neujahrskonzert auf meinem Programm. Die Liebe zur klassischen Musik habe ich von meinem Vater geerbt. Das Radio, vor allem das Sonntagskonzert, war ein »Muss« in unserem Haushalt. Ein Plattenspieler, der im Radio eingebaut war, sorgte neben der Klassik für zusätzliche Vielfalt: Helmut Qualtingers »Der Herr Karl« wurde so oft gespielt, dass ich ihn bald auswendig nachsprechen konnte und kann (»Mir brauchen Sie gar nix dazählen, i kenn des. Die Art von G’schäften kenn i schon, weil i war auch amol a junger Mensch, aber damals, das war noch a andre Zeit …«). Meine Mutter sorgte dafür, dass auch sehr Exotisches aus den Lautsprechern schallte: »Missa Luba – Les Troubadours de Roi Bauduin«, ein kongolesischer Chor mit christlicher Kirchenmusik und – ganz als Kontrast dazu – aus den (nicht ganz jugendfreien) Balladen von Francois Villon, übersetzt von H. C. Artmann, gesprochen von Helmut Qualtinger mit Jazz von Fatty George (»… aus an Lavur von ana Hur …«).

Gelegentlich spielte der Vater aber auch am Klavier, das in unseren beengten Räumlichkeiten im Wohnzimmer Platz gefunden hatte. Dass er auch vor so schwierigen Stücken wie Beethovens Sonate »Die Wut über den verlorenen Groschen« nicht zurückschreckte, zeigt auch, dass er über ein ausgesprochenes musikalisches Talent verfügte.

Begegnung mit Friedensreich Hundertwasser

Offensichtlich verstand er auch insgesamt von Kunst einiges. Im Sommer 1955 wurde er zu einer Patientin gerufen, die am Bauernhof Jernej vulgo Keber in Vesielach ihren Urlaub verbrachte. Das war noch lange vor der Zeit, als »Urlaub am Bauernhof« modern wurde – der Keberhof bot einfache und billige Übernachtungsmöglichkeiten an. Die Patientin stellte sich als Frau Stowasser vor und sie war nicht allein, mit ihr war auch der Sohn Friedrich gekommen. Ein wenig fiel er meinem Vater durch seine Kleidung auf – er trug ein auffällig groß-kariertes Hemd und seine Füße steckten in Sandalen. Aber das wirklich Besondere an ihm war das Bild, das er gerade malte: Es zeigte die sechsjährige Tochter des Hauses, Annemarie, die im Bett lag und von einer dicken Daunendecke gewärmt wurde. Nach mehrmaligen Visiten schloss mein Vater dann mit Frau Stowasser einen Handel: Sie brauchte ihn für die Konsultationen nicht zu bezahlen, wenn ihr Sohn seinen Sohn, also mich, malen würde.

Und so kam Friedrich Stowasser zu uns nach Hause. Ich musste mich in den Ohrensessel setzen, ruhig verhalten immer wenn ich aufstehen wollte, forderte mich Hundertwasser streng auf: »Bleib schön sitzen!« und er machte erst einmal eine Skizze, dann füllte er das Bild mit Wasserfarben aus: roter, kurzärmliger Pullover, blaue kurze Hose, im Gesicht ein paar Sommersprossen – die Ähnlichkeit mit mir war frappierend. Dann hing das Bild »Pepsi, der Sohn von Dr. Freund«, gezeichnet mit »Hundertwasser«, jahrelang in unserem Wohnzimmer. Auch die Übersiedlung in das neu gebaute Haus gegenüber der Schule machte es mit. Als ich dann in den Achtzigerjahren einmal im Sommer aus New York, wo ich für einige Jahre Beschäftigung gefunden hatte, nach St. Kanzian zurückkam, fiel mir gleich der leere Platz an der Wand auf. »Wo ist der Hundertwasser?«, fragte ich meine Mutter, einigermaßen entsetzt. »Ach, weißt du,« druckste sie herum, »ich, äh, ich musste, ich hab’ es ins Dorotheum getragen, ich wusste nicht, wie ich sonst die Rechnungen bezahlen sollte.« – »Du hast deinen Sohn verkauft?« Ich konnte es kaum glauben. »Ich hätte dir doch das Geld geborgt, wenn du mich gefragt hättest!« – »Ach, du hast mir schon öfter ausgeholfen, ich wollte dich nicht wieder anjammern …« Und so verschwand der »Hundertwasser« aus unserem Besitz.

Doch zum Glück nicht auf Dauer. Während meines Aufenthaltes in Washington als ORF-Korrespondent meldete sich eines Tages Joram Harel, der Manager Hundertwassers, telefonisch bei mir. Er habe eine Anfrage eines Notars aus Bayern, aus der er schließe, dass der das von ihm erworbene Bild »Pepsi, der Sohn von Dr. Freund« verkaufen wolle. Ob ich interessiert sei? Natürlich war ich. Und tatsächlich gelang es mir, das Bild in den Familienbesitz zurückzubekommen. Und wieder war das Glück auf meiner Seite. Genau zu jener Zeit, als ich den Anruf von Joram Harel bekam, wohnte bei uns in Bethesda, einem Vorort von Washington, die Tochter einer guten alten Freundin. Diese Freundin – Waltraud von Waldenfels – hatte ein wunderschönes Haus am Klopeiner See, wohnte aber in Oberbayern, ganz in der Nähe des Notars, der »meinen« Hundertwasser verkaufen wollte. Nach ein paar Telefonaten war es dann so weit: Sie holte das Bild beim Notar ab und bei ihrem nächsten Besuch in Kärnten brachte sie es mir vor die Haustür.

Ein gutes Jahrzehnt davor hatte ich »Friedensreich« zum letzten Mal getroffen. Als er 1985 den großen Gebäudekomplex in Wien eröffnete, den er entworfen und gebaut hatte, durfte ich ihn begleiten und Fotos von ihm schießen. Dass ich, oder genauer gesagt meine Mutter, zu diesem Zeitpunkt »meinen Hundertwasser« nicht mehr besaß, verriet ich ihm dabei aber nicht. 2008 wurde im KunstHaus Wien eine Ausstellung mit dem Thema »Der unbekannte Hundertwasser« gezeigt – mit Aquarellen und Ölbildern von Friedensreich Hundertwasser, die aus seiner Frühzeit als Maler stammten. Als Plakat hatte man ausgerechnet »Pepsi, den Sohn von Dr. Freund« ausgewählt, es machte in ganz Wien auf diese besondere Ausstellung aufmerksam.

Auf Visiten mit dem Vater

Zwischen der Hauptstraße, die zum Klopeiner See führt, und der Volksschule liegt der große Turnplatz. Von dort fällt am Gebäude ein riesiges Kunstwerk ins Auge, das zwei große, blonde Jungen in ihrer ganzen (die Jahreszahl »1941« über ihnen deutet es an) deutschen Schönheit zeigt: Der eine ist dabei, ein Modellflugzeug zu starten, der andere hockt neben ihm und hält einen Globus zwischen den Beinen. Daneben ist eine Schar von Buben und Mädchen abgebildet, die jeweils an einem Ende eines starken Seils ziehen. Die Schulkinder können sich dem Anblick nicht entziehen, weder wenn sie in der Früh zur Schule gehen noch wenn Turnen oder die längere Pause angesagt ist. Dann spielen sie draußen Fußball, springen weit oder hoch, oder laufen um die Wette. Die Sandkiste wird zum Weitspringen verwendet, am Nachmittag, nach Schulende, benützten sie hauptsächlich die Kleineren unter uns. Nur wenn dann einmal ein Größerer Platzansprüche stellte und mit Anlauf in den Sand sprang, auch wenn es dort von Kindern wuselte, konnte schon einmal ein Schlüsselbein draufgehen, wie das mir passierte. Sigi, einer der Söhne der Schulwartin, hatte sein ganzes Gewicht auf den Körper des Vierjährigen fallen lassen und schon knackste es in meiner rechten Schulter. Möglicherweise hatte er danach ein schlechtes Gewissen, denn einmal bot er sich an, mit mir zur Straße »Autos schauen« zu gehen. Das war damals faszinierend und mühselig zugleich, denn es gab nicht allzu viele davon. Wir saßen neben der Straße an einen Baum gelehnt und – langweilten uns. Ich weiß nicht, das wievielte Fahrzeug es war, irgendwann musste ich meine Langeweile durch eine gezielte Aktion durchbrechen: Ich nahm einen Stein und warf ihn auf ein vorbeifahrendes Auto. Das blieb nicht ohne Konsequenzen. Ein paar Tage danach trudelte bei meinem Vater ein Brief ein.

Sehr geehrter Herr Doktor!

Am Sonntag, den 22. ds. befand ich mich um etwa 15 Uhr 30 mit meinem Personenkraftwagen auf der Strecke zwischen Klopein und St. Kanzian. Auf der Stelle, wo der Weg von der Schule in die Hauptstraße einmündet, wurde mein Wagen von einem 5-jährigen Buben, der sich in Gemeinschaft eines älteren Buben dort aufhielt, mit einem Stein beworfen und auch getroffen. Ich hielt sofort an und wollte mir den Buben auch vornehmen, konnte dies aber nicht mehr erreichen, da der Bub sofort die Flucht ergriff. Der ältere Bub gestand mir unter Androhung, dass ich ihn zur Gendarmerie mitnehmen würde, dass es sich um Ihren Sohn handle. Ich melde Ihnen das nur, damit Sie auf Ihren Sohn einwirken und ihm die Tragweite dieser Handlung vor Augen führen können. Bei dem überaus großen Verkehr, speziell an Sonntagen, könnte sich ein Steinschlag (z. B. Windschutzscheibe) recht ungünstig auswirken.

Ich bin überzeugt, dass Ihr Junge nach entsprechender Belehrung solche Kunstwürfe in Zukunft unterlassen wird.

Ich empfehle mich mit vorzüglicher Hochachtung Erich Manner

Die Antwort folgte prompt:

Sehr geehrter Herr Manner!

Ich erhielt heute Ihr Schreiben vom 23. ds. Meine erste Reaktion bzw. Hoffnung war natürlich dahingehend, dass es sich um einen Irrtum handeln müsse.

Leider stellte sich schon bei kurzer Befragung heraus, dass es wirklich mein fünfjähriger Bub war, der einen Stein gegen Ihr Auto geworden hatte. Ich habe eine größere Strafaktion eingeleitet (u.a. Auto-Mitfahrverbot auf 14 Tage).

Im Übrigen danke ich Ihnen für Ihr in jeder Beziehung wirklich besonders nettes Schreiben und bitte, den Vorfall zum Anlass nehmen zu dürfen, Sie persönlich aufzusuchen; den Übeltäter werde ich zwecks persönlicher Entschuldigung mitbringen.

Ich bin mit vielem Dank und vorzüglicher Hochachtung Ihr Franz Freund

»Mitfahrverbot« war tatsächlich die schwerste Strafe, die mein Vater mir gegenüber aussprechen konnte. Ich liebte es, mit ihm unterwegs zu sein, vorne zu sitzen, beobachtete jeden Hand- oder Fußgriff, den er beim Autofahren machte, und hoffte insgeheim, möglichst bald selbst am Steuer sitzen zu dürfen. Schon ganz früh, ich war damals vielleicht sechs Jahre, hatte ich schon meine erste Erfahrung gemacht – ich durfte einen Steyr-Traktor lenken. Der Wank Rudi – damals nannten wir alle mit Nachnamen vor dem Vornamen – hatte einen solchen Traktor, er zeigte mir, wie man die Kupplung drückte (was für kurze und schwache Beine fast unmöglich war), den Gang einlegte und die Kupplung dann langsam schleifen ließ.

So stolz wie in dieser Position, noch dazu in Anwesenheit meiner zwei Schwestern, war ich kaum je zuvor und selten danach … Dass ich sie überhaupt mitnahm, verdankten sie meiner ausgesprochenen Gutmütigkeit. Als »Sandwich-Kind« war ich immer ihr Opfer, sie verstanden es hervorragend, mich so lange zu quälen, bis ich weinend zu den Eltern lief und dort Schutz suchte. Doch ich hatte auch immer das Privileg, mit dem Vater auf Visiten unterwegs zu sein – das hatte auch den Vorteil, dass mir währenddessen meine beiden Schwestern nichts antun konnten.

Bei manchen Patienten ging ich mit hinein in die Küche, oft blieb ich aber auch im Auto und wartete. Einige der Krankenbesuche konnten lange dauern. Wenn er in Kühnsdorf von den Leitgeb-Damen zum Bridge-Spielen eingeladen wurde, saß ich oft mehr als eine Stunde im Auto. (Die Erinnerung trügt – eben finde ich eine Aufzeichnung im Notizbuch meines Vaters: »24. Februar 1964, abends 8.00 bis 10.30 Uhr bei Leitgebs.«) Ob mein Vater damals bei den Gesprächen vom grausamen Schicksal der Familie erfuhr, weiß ich heute nicht mehr. Der Ehemann von Trude Leitgeb, Valentin, war kurz nach Kriegsende von den Partisanen verschleppt und irgendwo auf der jugoslawischen Seite der Grenze umgebracht worden. Die Papierfabrik lag somit in ihren Händen, später übernahm ihr Sohn, ebenfalls Valentin, das große Unternehmen. Susi, dessen Schwester, lebte in Italien und kam gelegentlich zu Besuch nach Kühnsdorf. Ein paar Mal sind wir uns dabei begegnet. Ich bin mir heute nicht mehr sicher, was mir an ihr mehr imponierte: dass sie eine ausgesprochene Schönheit war oder dass sie einen der ganz seltenen, sportlichen Mercedes 190 SL mit offenem Dach fuhr – die Kombination war jedenfalls selbst für einen Acht- oder Neunjährigen umwerfend. Leider starb sie wenig später bei einem Autounfall mit genau diesem Wagen in ihrer italienischen Wahlheimat. Die nächste Generation der Leitgebs, Susis Bruder Valentin, seine Frau und die Tochter Burgi, übersiedelten in eine kleinere Villa am Nachbargrundstück, auch sie wurden von meinem Vater als Patienten behandelt, gelegentlich vertrieb ich mir dann die Zeit des Wartens mit Burgi im Spielzimmer.

Vor allem im Winter konnte die Warterei im Auto ungemütlich werden, oft fror ich so sehr, dass ich zum lieben Gott betete, mir den Vater möglichst bald wieder herauszuschicken. Wenn er dann endlich erschien, erschrak er bei meinem Anblick: »Ich habe total vergessen, dass du mit bist.« Doch trotz allem genoss ich das Mitfahren, unabhängig davon, wer auf der Liste stand – das alte Ehepaar Ogradnik in Pirk, die Bauernfamilie Jernej in Horzach II, die Eisenbahner Jahn in Tainach oder die Kröpl-Bauern in Edling, oft ging ich mit hinein, setzte mich meist in die Küche, wenn mein Vater die Patienten im Schlafzimmer behandelte, und unterhielt mich mit den Kindern, so es in der Familie gerade welche gab. Meine Lieblingspatienten waren die Kuchers in Tainach-Stein. Sie hatten über den Kinderbetten eine riesige Schienenanlage aufgebaut, mit Bahnhöfen, Tunnels, Brücken, Bahnübergängen, bei denen sich die Schranken senkten, wenn sich der Zug näherte. Besonders fasziniert war ich von dem Rauch, der aus dem Schlot der kleinen Dampflokomotiven strömte und auch besonders gut roch. Ich beobachtete die beiden Buben, wie sie immer wieder aus einem kleinen Fläschchen eine Flüssigkeit in den Schornstein der Lok träufelten. Das entsprechende Geräusch lieferten auch die echten Lokomotiven, die nur wenige Meter vom Haus entfernt vorbeidampften.

Viele der Patienten waren Kärntner Slowenen, die wenigsten bekannten sich jedoch offen dazu. Für meinen Vater schien das Thema doch ein Problem zu sein. Das stellte sich durch Unterlagen heraus, genauer durch ein weißes DIN-A4-Kuvert, das mit »Slovenenproblem« beschriftet war. Und darin waren mehrere Zeitungsartikel aus den Jahren 1959 und 1964 enthalten, also lange bevor die Volksgruppenproblematik so richtig in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gelangt war.

Diese Artikel zeigen sehr aufschlussreich, in welchem Umfeld – auch was die Medien betrifft – die Kärntner Slowenen in den Jahren nach dem Staatsvertrag 1955 lebten. Die »Kleine Zeitung« berichtete am 18. März 1959 über die Auseinandersetzung um das neue Schulgesetz, das dem verpflichtenden zweisprachigen Unterricht in Südkärnten ein Ende bereitete: Die Reden, die am Dienstag in einer Protestversammlung der slowenischen Organisationen in der Arbeiterkammer gehalten wurden, waren gerade nicht dazu angetan, dem Ansehen Österreichs und dem Frieden zu dienen, heißt es gleich in den ersten Zeilen. Und weiter: Es fehlte nicht an handfesten Drohungen gegen die beiden Großparteien, denen sowohl die christlichen Slowenen als auch die linksradikalen vorwarfen, sie würden die Minderheit nur kennen, wenn es Wahlen gebe.

In der gleichen Ausgabe der »Kleinen Zeitung« erschien noch ein weiterer Artikel, der sich mit dem zahlenmäßigen Niedergang der slowenischen Volksgruppe in Kärnten befasste. In diesem umfassenden Bericht sind ein paar hochinteressante historische Angaben enthalten: So waren im Jahre1880 in Velden am Wörthersee 15,2 Prozent, in Maria Wörth 2,1 Prozent, in St. Kanzian gar nur 1 Prozent und in Eberndorf 8,8 Prozent – und jetzt kommt der Clou! – Deutsche gemeldet, bei der Volkszählung 1951 besaßen die beiden letztgenannten Gemeinden bereits deutsche Mehrheiten. (Man beachte, dass damals offenbar kein Unterschied zwischen »Deutschen« und »Deutschsprachigen« gemacht wurde … Übrigens: noch zwei Jahrzehnte später waren auch die restlichen zitierten Gemeinden ganz in der Hand der »Deutschen«.)

Der (ungenannte) Autor lieferte auch gleich eine Erklärung: Für ihn waren es wirtschaftliche Gründe, die auch in der geringen Geburtenzahl ihren Ausdruck finden, nicht zuletzt die Landflucht, die die letzten Ursachen für den Rückgang der slowenischen Volksgruppe sind.

Fünf Jahre später – wir sind jetzt im Jahr 1964 – fand sich in der Tageszeitung »Die Presse«, die mein Vater ebenfalls aufgehoben hatte, ein ausführlicher Bericht von Felix Gamillscheg über die Kärntner Slowenen. Darin hieß es zum Thema zahlenmäßige Stärke der Volksgruppe:

Was tut es wirklich, ob sich nun 15.000, 25.000 oder gar 50.000 Menschen zur Minderheit zählen und bei der Feststellung ihre Stimme abgeben? Muss Österreich nicht schon wegen des Gegenrechts, das es in Südtirol fordert, alles tun, um die Slowenen zufrieden zu stellen?

Dieser großzügige Ansatz, jetzt schon fast ein halbes Jahrhundert alt, sollte sich – um bei einem Terminus zu bleiben, der in der Volksgruppen-Problematik gebräuchlich war – noch viele Jahrzehnte als Minderheitenfeststellung erweisen.

* * *

Ähnliche längere Aufenthalte wie bei den Leitgebs gab es auch bei den Petraskos in Möchling. Diese Familie wohnte in einem alten Schloss, durch die Hofeinfahrt gelangte man in einen riesigen Innenhof mit einem kleinen Teich, links war der Stall, rechts das Wohngebäude. In der großen Küche duftete es immer nach köstlichen Kuchen oder Torten, von denen wir auch regelmäßig ein Stück abbekamen. Der Herr Petrasko war ein echter Gutsherr, stammte ursprünglich aus Rumänien und war – was mir auffiel – immer sehr elegant gekleidet. Seine Frau war bis zu ihrem Tod die häufigste Patientin des Hauses. Über eine Holzstiege gelangte man in den ersten Stock, wo sie im Schlafzimmer lag und dort von meinem Vater behandelt wurde. Unterdessen saß oder spielte ich mit den Jugendlichen im Hof, manchmal machten wir einfach nur so einen Halt bei den Petraskos, weil mein Vater die gediegene Atmosphäre auf diesem Gut besonders schätzte.

Die wenigsten Patienten hatten damals ein Telefon, was dazu führte, dass mein Vater oft nochmals in denselben Ort fahren musste, aus dem er gerade nach Hause gekommen war. So ließ er sich etwas einfallen: In Möchling, beim Gasthof Taschek, deponierte er eine weiße Fahne, die auf einer Stange montiert war. Wenn meine Mutter dort anrief, weil sie ihrem Mann etwas ausrichten wollte (etwa, dass in der Nähe noch ein anderer Patient zu besuchen war), steckte Frau Taschek die Fahne in den Baum. So ersparte es sich mein Vater, den Weg in den Ort zwei Mal zu machen. Und das, was beim Gasthaus Taschek funktionierte, wurde dann auch von einigen anderen, strategisch günstig gelegenen Häusern mit Telefonanschluss übernommen.

Als ich dann endlich mit den Füßen Brems- und Kupplungspedal erreichte, konnte ich das Fahrzeug in Bewegung setzen oder zumindest den Motor laufen lassen, womit es dann auch im Wageninneren gemütlicher wurde. »Vati, darf ich bitte umdrehen«, war so ab meinem neunten Lebensjahr ohnehin die hauptsächlich gebrauchte Redewendung im Dialog mit meinem Vater. Wenn er von den Visiten nach Hause kam, stellte er das Auto im Hof ab – mit der »Schnauze« nach vorne. Das bot mir die Gelegenheit, die ersten Fahrversuche direkt vor der Haustüre zu machen. Motor starten, Kupplung drücken, langsam auskuppeln und gleichzeitig Gas geben, dann ein paar Meter geradeaus, und rechtzeitig vor der Holzhütte (und der schon beschriebenen Senkgrube) stark am Lenkrad drehen und schon ging es wieder zurück zur ursprünglichen Ausgangsposition – und das Fahrzeug war jetzt wieder für meinen Vater wegfahrbereit. Mit rund elf Jahren hatte ich meine Fahrkünste so vervollständigt, dass ich mich auch auf eine echte Landstraße wagte. Wenn ich auf dem Zettel, in dem der Vater seine Visiten aufgeschrieben hatte, das Wort »Rakollach« sah, bat ich besonders inständig, mitfahren zu dürfen. Die Straße nach Rakollach hatte mich schon lange gelockt. Nach der Abzweigung von der Tainacher Hauptstraße in Richtung Rakollach kam es dann eines Tages – nach Einbruch der Dunkelheit, um nicht aufzufallen – zum ersehnten Fahrerwechsel. Mein Vater stieg aus, ich rutschte vom Beifahrersessel vors Lenkrad, er schob hinter mir die eigens erstandene geflochtene Rückenlehne hinein, damit die Beine die Pedale erreichten – und los ging’s. Die Straße wurde vorwiegend von Bauern im Ort mit dem Traktor frequentiert, die Chance, einem davon zu begegnen, war gering. Es gab ohnehin nur eine Fahrspur, die noch dazu in der Mitte mit Gras bewachsen war. Das erleichterte es mir, nicht links oder rechts in den Graben zu fahren. Dass ich schon mit jungen Jahren Auto fahren konnte, hatte sich bald herumgesprochen: Rudi Traar, der ein Gasthaus ganz in der Nähe der Schule gekauft hatte, dachte nicht zweimal darüber nach, mich mit seinem Mercedes 220 SE eine Runde drehen zu lassen. Einmal, da war ich ebenfalls noch nicht einmal 15, war ich auch mit dem VW 1300 vom Kummer Hansi ein paar Kilometer unterwegs. Ich kam zur Sitzung des Gemeinderates, fragte den Hansi, der ÖVP-Gemeinderat war, ob ich kurz das Auto ausborgen könnte, und ohne mit der Wimper zu zucken bekam ich den Fahrzeugschlüssel und fuhr – wie ich das am 23. Februar 1966 in meinem Taschenkalender notierte – über Srejach nach Schreckendorf, von dort nach Stein und wieder zurück zum Gemeindeamt. Mein großer Konkurrent war zugleich mein bester Freund, Jesse Herbert. Sobald er erfuhr, dass ich schon Auto fahren konnte, musste er es mir nachmachen. Doch ich war immer ein kritischer Beobachter. Zwei Tage vor meiner Ausfahrt mit dem Volkswagen vom Kummer Hansi hatte ich im Notizbuch notiert – vielleicht mit ein wenig Eifersucht: Mit Herbert nach Klagenfurt gefahren (er chauffiert). Unter dem Motto: A.) wird ja wohl B.) Übung macht den Meister – schalten, lenken, überholen. Herbert war ein halbes Jahr älter als ich. Sein Vater war Bürgermeister in St. Kanzian, er wurde 1972 im Kärntner »Ortstafelkrieg« eine nationale Berühmtheit. Davon wird später noch die Rede sein.

Ich fühlte mich beim Autofahren so überlegen, dass ich nicht nur die Gleichaltrigen (also die, die noch keinen Führerschein hatten) beurteilte. Auch als sich Felix Schwarz, der Lehrer und Nachbar vom Stockwerk über uns, im Jahr 1966 ein Auto anschaffte (Ford Cortina, burgunderrot) trug ich über seine Fahrkenntnisse nur kritische Worte in mein Notizbuch ein: Erste Probefahrt: schalten, anfahren geht noch nicht so. Und am nächsten Tag: Wieder gefahren: schalten vielleicht etwas besser.

Doch das Leben der Familie Freund in St. Kanzian begann ohne ein eigenes Fahrzeug. Aus den Eintragungen in den Taschenkalendern meines Vaters weiß ich, dass er zu Beginn seiner Tätigkeit als Landarzt viele Stunden zu Fuß zu Patienten unterwegs war. Danach kam ein Fahrrad als Transportmittel per Bahn aus Wien. Dann konnte ein Tag so aussehen wie etwa der 16. November 1951: In Glantschach bei Patient Volina vlg. Hermann (mit Rad Unternarrach, Rückersdorf, Müllern, Miklauzhof, Straße bis Glantschach, Gallizien, Möchling, Stein.) Im Winter stapfte er durch den Tiefschnee, um die weit abgelegenen Patienten zu versorgen.

Gelegentlich führte ihn auch Theodor Rieken mit den Söhnen Gerold und Jörg mit dem Pferdewagen von Ort zu Ort. Das war für meinen Vater in doppelter Hinsicht angenehm: Nicht nur, dass er nicht zu Fuß gehen musste, er hatte mit Herrn Rieken auch einen hoch-geistigen Gesprächspartner neben sich am Kutschbock. Herr Rieken war in den 1930er Jahren aus Deutschland nach Südkärnten gekommen und hatte dort einen jahrhundertealten Bauernhof übernommen. Als Cousin des deutschen Philosophen Karl Jaspers war er sehr belesen, er besaß – und damit unterschied er sich von den meisten Patienten – auch eine ansehnliche Bibliothek. Im Sommer war das Haus Rieken immer voll mit jungen Menschen, das Ehepaar hatte selbst vier Kinder, Almut, Gerold, Linde und Jörg. Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, verbrachte ich auch ein paar Mal einen »Urlaub am Bauernhof«. Ich schlief über dem Hühnerstall in einer Kammer, in der im Wesentlichen nur ein Bett mit einer Strohmatratze stand. Um ins »Zimmer« zu kommen, musste man über eine selbstgebastelte Holzstiege nach oben klettern. Tageslicht fiel durch ein winziges Fenster, nicht größer als ein A4-Blatt, Elektrizität gab es keine, auch nicht im Wohngebäude. Dort standen in jedem Raum Petroleumlampen, die die Umgebung nur schwach erleuchteten. Die Toilette war hinten im Hof, ein sogenanntes »Plumpsklosett«: eine zirka ein Quadratmeter kleine Holzhütte, auf der Tür das obligate ausgeschnittene Herz, durch das man hineinschauen konnte, ob das Klo besetzt war. Drinnen saß man auf einem Brett mit einem kreisrunden Loch, das für mein Alter viel zu groß war. Ich fürchtete immer hineinzuplumpsen. (Daher auch der Name »Plumpsklosett«.) Der Gestank war unerträglich und kam von unten: eine Gemengelage von Zeitungspapier, Urin und Kacke. Die Zeitungen stammten natürlich nicht von den intellektuellen Benützern, sondern ersetzen das damals nicht vorhandene Toilettenpapier. Aber trotz allem machte es Spaß, nicht zuletzt, weil uns ein gewisser Klaus aus Graz mit seinem Fiat Topolino immer wieder zu Ausfahrten mitnahm, und ich auch damit schon meine ersten vorsichtigen Fahrversuche machte. Das fröhliche Treiben sollte jedoch im Jahr 1957 ein plötzliches Ende finden: Jörg Rieken, damals 16 Jahre alt, wurde auf der Wiese hinter dem Hof tot aufgefunden. Er hatte sich mit einem Jagdgewehr erschossen. Etwa zu dieser Zeit lernten meine Eltern über die Familie Rieken auch eine Hebamme aus dem benachbarten Eberndorf kennen. Else Zwick war Witwe (ihr Mann war im Zweiten Weltkrieg gefallen), hatte allein drei Kindern großgezogen. Alle drei studierten, Helmar war später ein anerkannter Architekt in Wien, Hartmut ein bekannter Lungenfacharzt und Helga war nach ihrer Heirat mit einem US-Soldaten in die Vereinigten Staaten gezogen. Sie hatte schon als Mittelschülerin ein Jahr in den USA verbracht, ihre Rückkehr nach Österreich wurde sogar in den »Unterkärntner Nachrichten« mit folgendem Text gewürdigt:

Zum Empfang hat sich Bürgermeister Schweinzer mit Herren des Vorstands eingefunden. Der Fünfgesang Eberndorf ließ es sich nicht nehmen, die Eberndorferin mit dem Lied »Ja grüß enk Gott« willkommen zu heißen. Bürgermeister Schweinzer überreichte hierauf der Heimkehrerin mit einem herzlichen Willkommensgruß einen Blumenstrauß. Der Obmann des Kulturausschusses, Oberlehrer Hafner, dankte dem Mädchen für die hervorragenden schulischen Leistungen in den Vereinigten Staaten. Wenn Helga Zwick, so führte er unter anderem aus, in Amerika im Mittelpunkt zahlreicher Ehrungen war, so fällt ein Teil dieses Glanzes auf Kärnten und ihre Heimatgemeinde Eberndorf. Die Gemeinde ist stolz, ein so begabtes und tüchtiges Mädchen zu beheimaten und wünscht Fräulein Zwick auch für die achte Klasse und das Abitur in Österreich viel Glück.

Der Besuch bei »Tante Else«, wie sie von uns Kindern bald genannt wurde, war stets ein erfreuliches Ereignis, nicht zuletzt, weil sie uns immer besonders köstliche Süßigkeiten auftischte.

Die Freundschaft, die unter meinem Vater begonnen hatte, setzte sich auch in der nächsten und übernächsten Generation fort. In den Achtzigerjahren brachte ich dem jungen Ehepaar Meral und Hartmut Zwick aus den USA ein drahtloses Telefon mit, etwas, das in Österreich von der staatlichen Post mit speziellen Funkwagen aufgespürt wurde. Auch wenn die Chance, erwischt zu werden, relativ gering war, die Zwicks hatten Pech: Eines Tages standen zwei Postbeamte vor der Tür und verlangten die Herausgabe des illegalen Telefons. Erst Jahre später konnte man diese praktischen Geräte auch legal in Österreich erwerben.

Als Hartmut 2011 viel zu früh verstarb, ersuchte mich die Familie, die Trauerrede für ihn zu halten.

* * *

Nach dem Pferdewagen und dem Fahrrad wurde für meinen Vater Ende 1954 ein gebraucht erstandenes Moped zusätzliches Fortbewegungsmittel. Somit war er erstmals nicht mehr auf Hilfe von anderen angewiesen. Nur bei wirklichem Schlechtwetter bestellte er sich gelegentlich auch ein Taxi, um zu den Patienten zu gelangen. Johann Peteln, genannt »Hohne« (»Peteln« ist slowenisch und heißt auf Deutsch Hahn) holte meinen Vater mit dem schwarzen Opel Olympia am Nachmittag ab und führte ihn (und nicht selten mit mir am Hintersitz) von Patient zu Patient. Er notierte penibel die Fahrtstrecke: 27. März 1956: St. Lorenzen, Grabelsdorf, Lanzendorf, Lauchenholz, Rückersdorf, Nageltschach, St. Veit, Stein, Möchling, Draubrücke, Untersammelsdorf, Kleinsee-Haus, St. Lorenzen – so konnten an einem Tag schon 66 Kilometer zustande kommen, die Herr Peteln auf einem Zettel in Schreibschrift notierte und dann abrechnete.

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