Kitabı oku: «Ein gefährliches Alter»
Eva Ashinze
Ein gefährliches Alter
Moira van der Meer ermittelt
Eva Ashinze
Ein gefährliches Alter
Moira van der Meer ermittelt
Kriminalroman
orte Verlag
1. Auflage, 2019
© by orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
Umschlaggestaltung: Janine Durot
Umschlagbild: Verlagshaus Schwellbrunn, Carmen Wueest
Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn
E-Book-Herstellung und Auslieferung: readbox publishing GmbH, Dortmund, www.readbox.net
ISBN Buch: 978-3-85830-252-6
ISBN eBook: 978-3-85830-257-1
www.orteverlag.ch
1 Die Pausenklingel schrillt und wenig später füllt sich der Platz vor dem Oberstufenschulhaus St. Georgen mit Stimmengewirr. Jungen und Mädchen stehen in Grüppchen, manche verschwinden um die Ecke, suchen die Abgeschiedenheit. Es ist Anfang Oktober. Mathilda, Alisar und Nina lehnen an der Schulhausmauer und teilen sich eine Packung Süssigkeiten. Alisar erzählt, während sie aus den Augenwinkeln ein paar Jungs beobachtet, lebhaft von ihrer gestrigen Shoppingtour in Zürich. Mathilda isst Gummibärchen und hört zu oder tut jedenfalls als ob. Nina tippt etwas auf ihrem Handy, greift ohne den Blick zu heben wieder nach der Tüte mit Süssigkeiten in Mathildas Hand. Sie langt daneben, streift aus Versehen die Brust von Mathilda. Kevin Lüthi, der gerade vorbeigeht, bleibt stehen.
«Oh Mann, da würde ich auch gern mal hin fassen.» Kevin Lüthi grinst der errötenden Mathilda zu.
Kevin sieht ganz gut aus, er ist gross und gut gebaut, aber er hat einen unsympatischen Zug um den Mund und die Hosen sitzen immer etwas zu tief, die Aufschrift auf seinen Shirts ist zu auffällig und das Haar zu gestylt. Trotzdem stehen viele Mädchen auf ihn. Luana ist derart verknallt in ihn, dass sie sich heimlich jeden Tag aufs Neue seinen Namen in die linke Hand – die Herzhand – schreibt. Sie sitzt im Unterricht, starrt verträumt in ihre Hand, den Mund leicht geöffnet und sieht aus wie eine Bekloppte.
Kevin rechnet offenbar damit, dass Mathilda laut aufkreischt oder sauer wird, was er als Erfolg verbuchen könnte.
Nina kommt dem zuvor. «Du hast ja echt kleine Hände, Kevin», sagt sie. «Du weisst ja sicher, was man über Jungs mit kleinen Händen sagt.»
Nina und Alisar prusten los, Mathilda fällt etwas zögerlicher ein. Zwei Mädchen, die in der Nähe stehen und alles mitbekommen haben, beginnen ebenfalls zu lachen. Das Gelächter schallt über den Pausenplatz. Kevin wird rot und hasst Nina noch mehr dafür.
«Schlampe», knurrt er zwischen zusammengebissenen Zähnen und stampft davon. Das Gelächter folgt ihm.
Luca Tanner steht etwas weiter vorne bei der Mauer, die den Pausenhof begrenzt, er trägt einen grauen Kapuzenpulli, grau vor grauem Himmel. Er schaut sich nach der Quelle des Gelächters um, seine Augen bleiben einen Moment an Mathilda hängen. Sein glänzendes braunes Haar ist etwas länger und nach vorne gekämmt, wie es gerade angesagt ist, es fällt ihm ständig in die Augen. Mit einer ungeduldigen, aber eingeübten Handbewegung kämmt er es nach hinten. Dann wendet er sich wieder Sebastian zu, mit dem er sich gerade gebalgt hat wie ein junger Hund, den Mund zu einem weiten Lachen geöffnet.
2 «Was hast du heute bei ihrem Anblick empfunden?» James rückte seine Hornbrille zurecht und sah mich aufmerksam an.
«Dasselbe wie immer», sagte ich bockig. Irgendwie hatte ich heute keine Lust auf diese Unterhaltung. Ich hatte mehr Lust auf ein Glas Wein. Obwohl – darauf hatte ich immer Lust.
«Und das wäre?» James liess sich nicht beirren. Er war zu lange als Psychotherapeut tätig, als dass so eine kleine Verstimmung meinerseits ihn aus der Fassung hätte bringen können. Und er war auch schon zu lange mein Therapeut. Wir waren bereits vor einigen Jahren dazu übergegangen, uns zu duzen, so oft hatte ich mich in seinem Therapiezimmer aufgehalten. Eigentlich hatte ich die Sitzungen bei ihm schon längst einstellen wollen, aber jedes Mal, wenn ich mein Leben ohne Stützräder angegangen war, war etwas Folgenschweres passiert: Erinnerungen an meine spurlos verschwundene Schwester suchten mich heim; mein Vater, der meine Mutter, meine Schwester und mich vor einer halben Ewigkeit verlassen hatte und zurück nach Nigeria gegangen war, trat wieder in mein Leben, oder ein einst geliebter Mensch wurde getötet – irgendwas war immer. Im Moment nahm ich James Dienste in Anspruch, weil ich in unregelmässigen Abständen Norah Krüger im Gefängnis besuchte. Besuchen musste.
Norah hatte Jan Krüger, meine erste Liebe, geheiratet – und einige Jahre später hatte sie ihn ermorden lassen. Dafür hockte sie nun für ziemlich lange Zeit in Hindelbank, dem Frauengefängnis.
Norah war aber auch die beste Freundin meiner verschwundenen Schwester Maria gewesen. Maria war auf dem Weg zu Norah verschwunden und nie wieder aufgetaucht – weder tot noch lebendig. Das war nun über 25 Jahre her. Hier lag der Hund begraben. Norah behauptete, sie wüsste mehr über das Verschwinden von Maria. Sie hatte es zur Bedingung gemacht, dass ich sie regelmässig besuchte und so ihre Einsamkeit linderte. Im Gegenzug würde sie mir Stück für Stück Informationen zum Verbleib meiner Schwester liefern. Hindelbank, das bedeutete zwei Stunden hin, zwei Stunden zurück. Ein ganzer Tag fiel diesen Besuchen zum Opfer, die bisher ziemlich ergebnislos verlaufen waren. Das Hauptthema von Norah war sie selber, und auf meine Schwester war sie lediglich am Rand zu sprechen gekommen. Bis heute.
«Wut. Ungeheure Wut empfinde ich», beantwortete ich James Frage.
«Nur Wut?», hakte James nach. Erst wollte ich die Frage als überflüssig abtun. Plötzlich hatte ich aber Norah vor Augen, wie sie da sass im Besucherzimmer, die langen, in Jeans gekleideten Beine übereinandergeschlagen, die blonden Haare im Nacken zusammengefasst, ein rosa Angorapullover unterstrich ihre Zartheit, die sich aber nicht in den blauen Augen widerspiegelte. Die waren hart, stählern.
«Wut. Und Hilflosigkeit», ergänzte ich.
«Du bist Norah ausgeliefert.»
Ich nickte und ballte dabei meine Hände unbewusst zu Fäusten.
«Hat sie dir heute etwas erzählt?»
Ich liess mein Gespräch mit Norah vor meinem inneren Auge Revue passieren. Die meiste Zeit redete Norah, beklagte ihre Einsamkeit, weinte.
«Aber jetzt zu dir», sagte Norah plötzlich. «Lenk mich ab, Moira. Erzähl mir etwas von deinem gutaussehenden Bekannten, von diesem Guido Béjart.» Sie zog die Silben genüsslich in die Länge. Ihre Augen waren nicht länger tränenverschleiert, sondern funkelten raubtierartig.
Ein flaues Gefühl beschlich mich. «Geht dich nichts an.» Meine Stimme war nur mehr ein raues Flüstern.
«Nein?» Norah musterte mich mit hochgezogenen Augenbrauen. Ihre Lippen verzogen sich zu einem derart süssen Lächeln, dass ich ihr am liebsten mit der Faust ins Gesicht geschlagen hätte. «Bist du dir da ganz sicher, Moira?»
Ich hatte keine Wahl. Wollte ich etwas über den Verbleib meiner Schwester erfahren, musste ich spuren. Ich musste tun, was Norah verlangte. Norah genoss dieses Spiel, sie genoss die Macht, die sie über mich hatte.
«Du hasst mich, nicht wahr, Moira?», sagte Norah und zuckte neckisch mit den Schultern. «Kein Problem. Wir können gern hier abbrechen. Du brauchst nicht wiederzukommen.»
Ich lauschte ihren Worten mit gesenkten Augen. Ich brachte es nicht fertig, sie anzuschauen. Norah war eine feingliedrige Schönheit mit grossen blauen Augen. Aber im Innern, da war sie reines Gift. Narzisstisch und gleichzeitig ungemein bedürftig. Ihre Launen konnten von einer Minute zur anderen wechseln, mal schmeichelte sie, dann drohte sie.
«Aber wenn du nicht mehr kommst, dann wirst du dich dein Leben lang fragen, wo deine Schwester geblieben ist. Du wirst nie zur Ruhe kommen. Ist es nicht so, Moira?»
Ich schaute sie mit einem mörderischen Blick an.
Sie bedachte mich mit einem siegessicheren Lächeln. «Moira, Moira», ihre Stimme klang nun ganz sanft, «wir kennen uns wirklich schon eine Ewigkeit.»
James räusperte sich, und ich fand in die Gegenwart zurück. Ich war Norah ausgeliefert, wie James richtig erkannt hatte.
«Sie hat mir erzählt, dass Maria Drogen konsumiert hat. Ich wusste nicht einmal, dass sie gekifft hat. Den ganzen Rest – Speed, Kokain, sogar Heroin soll sie geraucht haben.»
«Glaubst du ihr?»
Ich zuckte mit den Schultern: «Es gibt keinen Grund, weswegen Norah mich deswegen belügen sollte.»
Ich dachte an die Szene zurück. Norah hatte ihr Haar nach hinten geworfen und wie nebenbei erwähnt, dass sie und meine Schwester verschiedene Drogen ausprobiert hatten. «Wir wollten eine andere Realität kennenlernen», hatte sie gesagt. «Fliehen. Unser Scheissleben vergessen. Such dir aus, was dir am besten passt. Alles trifft zu.»
Ich sah James an. «Sie haben zusammen experimentiert.»
«Was hat das in dir ausgelöst?»
Ich dachte an Norah, wie sie mir von den Drogen berichtet hatte. Wie sie mir die Gelegenheiten aufgezählt hatte, bei denen sie und Maria sich zugedröhnt hatten.
«Es hat mich traurig gemacht. Ich war – ich bin – Marias Schwester. Ich habe nichts gemerkt. Ich fühle mich schlecht. Schuldig. Ich bin nicht für sie da gewesen.»
«Trauer und ein schlechtes Gewissen. Und was noch?»
«Was meinst du?»
«Da ist doch noch etwas. Du hältst etwas zurück, Moira. Lass es raus.»
Ich zögerte. «Angst», flüsterte ich schliesslich. «Ich habe fürchterliche Angst.»
«Angst wovor?»
Ich schwieg eine Weile. Ich dachte wieder an Norah in ihrem rosa Pulli. Ich dachte an meine kleine Schwester mit ihrer dunklen Haut, den wilden Haaren und dem kindlichen Schmollmund. Ich dachte daran, dass in Marias Zimmer noch immer ihr zerschlissener Teddy aus Kindertagen auf dem Bett lag und darauf wartete, dass sie zurückkam. Meine Mutter hatte das Zimmer in den ganzen Jahren nicht angerührt.
«Maria war fünfzehn. Sie hatte kein Geld», sagte ich mit gesenktem Blick. «Von Taschengeld kann man sich nicht solche Mengen an Drogen kaufen.» Ein Schauer lief mir über den Rücken. Ich hob den Blick und sah James direkt an. Er schaute nicht weg. «Was hat Maria wohl als Gegenleistung für die Drogen geboten?»
3 Ich sass in einem bequemen Sessel, mir gegenüber Willy, der in seine Zeitung vertieft war. Willy Morgenroth ist mein Vermieter und ein Freund. Mit seinen 76 Jahren ist er noch immer rüstig, was er wohl nicht zuletzt den langen Spaziergängen mit Charlie, seinem treuen Golden Retriever, zu verdanken hat. Ich nippte am Rotwein, den Willy mir gebracht hatte und sah aus dem Fenster. Es war Mitte April und der Frühling war endlich voll im Gang. Im März hatte es nicht danach ausgesehen, es hatte noch einmal heftig geschneit, nachdem sich bereits die ersten Schneeglöckchen gezeigt hatten. Nun grünte alles. Ich kuschelte mich enger in meine Strickjacke. Ich war mehr als bereit für den Frühling. Es war ein harter Winter gewesen, in doppelter Hinsicht. Im Februar hatte die Temperatur sich vier Wochen lang unter dem Nullpunkt bewegt, selbst tagsüber. Hinzu kamen die sporadischen Besuche bei Norah, die an meinen Kräften zehrten. Ich seufzte und trank noch einen Schluck Wein. Willy hob den Kopf und musterte mich. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, mich nach den Besuchen im Gefängnis zu bemuttern. Er wusste, wie schwer das für mich war. Anstatt viele Worte darüber verlieren, kümmerte er sich um mein Wohlergehen, liess mich teuren Rotwein trinken. Wenn ich doch einmal reden wollte, dann hörte er zu.
Heute wollte ich nicht reden. Also hatte Willy eine seiner geliebten Jazz-Platten aufgelegt und den «Landboten», die Lokalzeitung von Winterthur und Umgebung, zur Hand genommen.
«Haben Sie von diesem Jungen gehört?» Willys Stimme liess Charlie hochschrecken, der zu unseren Füssen gedöst hatte.
Ich kraulte ihm beruhigend den Nacken. «Welcher Junge?»
«Dieser Fünfzehnjährige, der tot aufgefunden worden ist. Massive Kopfverletzungen.» Willy schüttelte bedauernd den Kopf. «Der arme Junge. In was für einer Welt wir leben …» Er brach ab und schüttelte noch einmal den Kopf.
Neugierig geworden streckte ich die Hand nach der Zeitung aus. Willy reichte sie mir. Luca T., ein fünfzehnjähriger Oberstufenschüler, war gestern am frühen Morgen tot auf dem Pausenplatz des Schulhauses St. Georgen aufgefunden worden. Sowohl Todesursache als auch allfällige Täterschaft war bislang unbekannt. Ich liess die Zeitung sinken. Willy hatte Recht. In was für einer Welt leben wir, wenn bereits Fünfzehnjährige getötet werden?
Kurz darauf ging ich zu mir nach oben. Es war ein langer Tag gewesen. Ich öffnete das Fenster in der Küche, setzte mich auf die Fensterbank und zündete mir eine Zigarette an. Ich legte den Kopf in den Nacken und liess kleine Rauchkringel emporsteigen. Ich dachte an den toten Jungen. Fünfzehn Jahre. So alt wie meine Schwester gewesen war, als sie spurlos verschwand. Fünfzehn Jahre. Ein gefährliches Alter.
4 «Vielen Dank», sagte die schüchterne junge Bedienung und schaute mich ungläubig an. Ich hatte den zu bezahlenden Betrag grosszügig aufgerundet. Zu grosszügig, wie mir jetzt schien. Aber egal. Mir war wohlig warm, und ich hatte gut gegessen. Ich erhob mich, schlüpfte in meinen Mantel und verliess das «Dimensione», ein kleines Restaurant am oberen Ende der Altstadt.
Zuvor hatte die Sonne geschienen, aber mittlerweile nieselte es. Ich sah zum Himmel hinauf, vereinzelte Tropfen trafen mich. Ich mag den April. Er ist wie mein Leben: Ich weiss nie, was mich im nächsten Moment erwartet. Ich zog eine Packung Zigaretten aus meiner Manteltasche. Missmutig beäugte ich sie. Nur noch eine übrig – schon wieder. Irgendwie war mir in letzter Zeit der Zigarettenkonsum etwas entglitten. Es war Frühling. Zeit, meine guten Vorsätze fürs neue Jahr endlich umzusetzen. Weniger Alkohol. Weniger Nikotin. Mehr Zeit für Musse im Alltag.
Ich zündete mir die Zigarette an. Morgen würde ich damit anfangen.
Kaum hatte ich den ersten Zug getan, läutete mein Handy. Ich seufzte, zog es aus der anderen Manteltasche.
«Ich … Hier ist Behrens am Apparat, Beatrice Behrens.» Nach diesem zögerlichen ersten Satz herrschte erst einmal Stille. Das war nicht ungewöhnlich. Einen Anwalt anzurufen, kostet Überwindung. Ich wartete.
«Meine Tochter. Ich brauche einen Anwalt für meine Tochter.» Frau Behrens klang verzweifelt.
Was die Tochter wohl ausgefressen hatte? Wieder wartete ich.
«Es geht um diesen Luca Tanner.»
Luca Tanner. Luca T. Der tote Junge. «Was ist mit ihm?», fragte ich vorsichtig.
«Meine Tochter. Nina. Sie sagt … Sie sagt, sie war es.» Frau Behrens Stimme brach. «Sie sagt, sie hat Luca umgebracht.» Nun schluchzte sie unterdrückt.
Ich biss mir auf die Lippen, überlegte. Der tote Luca. Die geständige Nina. Wahrscheinlich waren sie im selben Alter. Soviel ich mitbekommen hatte, war bislang noch kein Tatverdächtiger festgenommen worden. «Wo ist Nina?», fragte ich.
«Nina? Sie ist hier, bei mir. Ich weiss nicht, was ich … Ich …» Die Stimme verlor sich. Die Frau schien fix und fertig zu sein.
Ich fasste einen Entschluss. «Geben Sie mir Ihre Adresse», sagte ich. «Ich komme zu Ihnen.»
Frau Behrens schien erleichtert. Ich machte mit ihr ab, dass ich vorbeikommen und mir ein Bild von Nina und ihrer
Aussage machen würde. Danach würden wir entscheiden, wie weiter.
«Nina soll bleiben, wo sie ist», sagte ich. Dann legte ich auf.
Meine Zigarette war mittlerweile bis auf den Stummel abgebrannt. Ich warf sie weg, tastete nach einer neuen, erinnerte mich an die leere Packung. «Mist, verdammter», murmelte ich und meinte damit nicht nur die Zigaretten. Wie es schien, hatte ich mir soeben einen neuen Fall eingehandelt. Und was für einen. So viel zu etwas mehr Musse. Aber ich war nicht unglücklich über die Wendung, die mein Tag genommen hatte. Meine Neugier war geweckt. Und die Büroarbeit, die ich am Nachmittag hatte erledigen wollen, lief nicht weg.
Ich machte einen kurzen Abstecher zum Kiosk am Obertor und holte mir neue Zigaretten, bevor ich mich zu der Adresse begab, die Frau Behrens mir angegeben hatte: Friedensstrasse Nr. 1. Wie passend.
5 Mathilda schreibt einen letzten Satz ab, dann klappt sie das Heft zu.
«Fertig?», fragt Frau König lächelnd.
Mathilda nickt. Die Lehrer mögen Mathilda. Sie ist eine von den Ruhigen, eine, die keinen Ärger macht.
«Dann kannst du jetzt auch in die Pause gehen.»
Wieder nickt Mathilda.
Die Sonne blendet, als sie unten aus der Tür tritt. Sie bleibt einen Moment stehen, bis sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt haben. Es ist ein goldener Herbsttag und ausserordentlich warm für Oktober. Die Clique von Julia macht sich das gleich zunutze. Mit tiefsitzenden Jeans und bauchfreien Tops sitzen und liegen die Mädchen in möglichst vorteilhaften Posen auf der Mauer, räkeln sich träge im Sonnenschein. Ein paar Jungs stehen vor ihnen. Jedes Mal, wenn einer der Jungs etwas sagt, kreischen die Mädchen vor Lachen.
Mathilda rümpft angewidert die Nase. Suchend schaut sie sich nach Nina und Alisar um. Sie ist so froh, hat sie die beiden. Sie ist mit ihrer Mutter vor wenigen Monaten nach Winterthur gezogen. Die Mutter wollte in der Nähe ihrer Kirche sein, in der Nähe der Gemeinde.
«Ich gebe dir einen Keks für deine Gedanken.»
Mathilda schreckt auf. Vor ihr steht Luca, grinst sie verschmitzt an und hält ihr eine Packung Oreos hin. Mit der anderen Hand streicht er seine vorwitzigen Haare zurück.
«Du stehst seit fünf Minuten hier und starrst vor dich hin.»
«Oh.» Mathilda spürt, wie sie errötet. Schnell senkt sie den Kopf, damit ihre Haare das heisse Gesicht verdecken. Mathilda hat wundervolle Haare, eine rotgoldene lockige Mähne, die sich über ihren Rücken ergiesst. «Ich habe nachgedacht.»
«Was du nicht sagst.» Luca verspottet sie, aber es klingt liebevoll. Links hinter ihm kann Mathilda Kevin ausmachen und noch weiter hinten sieht sie endlich Nina und Alisar.
«Ich muss …», sagt Mathilda und geht um Luca herum.
«Und was ist mit dem Keks?»
Mathilda schüttelt den Kopf. Es hat ihr die Sprache verschlagen. Was für ein unbeholfener Trampel sie ist.
Sie sieht nicht, wie Luca ihr hinterherblickt, die Lippen zu einem lautlosen Pfeifen geschürzt. Sie sieht nicht, wie Kevin sie über den Schulhof hinweg anschaut, Sehnsucht in den Augen.
6 «Du bist also Nina.»
Das Mädchen, das mir gegenüber sass, zeigte keine Regung. Sie war klein und ziemlich kurvig für ihre fünfzehn Jahre, mit dunklem, lockigem Haar, das sie zu einem losen Pferdeschwanz gebunden hatte. Sie war nicht hübsch im klassischen Sinn – das Gesicht war zu rundlich, der Mund zu breit und das Kinn zu energisch. Aber sie hatte wunderbare Augen, grün-braun, mit langen Wimpern und hellwach.
«Ich will keine Anwältin», sagte Nina. Sie hatte eine angenehme tiefe Stimme, die sie älter klingen liess.
«Deine Mutter denkt aber, du brauchst eine.» Fünfzehn Jahre und Mord – bei dieser Kombination wäre ich als Mutter auch im Dreieck gesprungen.
Ich warf Frau Behrens, die im Türrahmen stand, einen Blick zu. Sie starrte ihre Tochter von der Seite her mit geröteten Augen an, knetete unablässig ein Papiertas//chentuch zwischen den Fingern.
«Es geht nicht um einen simplen Diebstahl», fügte ich hinzu.
Nina zuckte verstockt mit den Schultern. Sie schien sich der Tragweite der Situation nicht bewusst zu sein. Sie schien sich einzig über meine Anwesenheit zu ärgern. Wenn ich an ihrer Stelle wäre, dann würden mich ganz andere Sorgen plagen.
«Rede mit mir. Erzähl mir, was passiert ist.»
Noch immer zog Nina es vor, mich zu ignorieren.
«Rede mit Frau van der Meer, Schätzchen. Bitte.» Frau Behrens griff nach Ninas Hand.
«Du willst also keine Hilfe, Nina», sagte ich.
Schweigen.
«Nina, bitte», flüsterte die Mutter.
Nina schüttelte ihre Hand unwillig ab.
Ich überlegte. Ich musste eine andere Strategie fahren. Ich beugte mich vor und musterte Nina mit zusammengekniffenen Augen, verharrte so, schwieg.
Irgendwann hielt Nina es nicht mehr aus. «Was ist?», fuhr sie mich wütend an.
Ich schwieg weiterhin.
Nina begann, an ihrem Pferdeschwanz zu nesteln, löste den Haargummi, arrangierte die Haare neu. Ihre Hände zittern leicht und es dauerte eine Weile, bis die Frisur sass. Ich hatte mich geirrt. Nina war nicht verärgert. Sie hatte Angst.
«Frau Behrens», wandte ich mich an die Mutter, eine wohl ganz gutaussehende Frau Ende vierzig, die sich nun aber in einem Zustand der totalen Auflösung befand. Die Haare waren zerzaust, die Kleidung sah aus, als wäre Frau Behrens in einen Sturm geraten, selbst die feinen Falten in ihrem Gesicht schienen in Unordnung geraten zu sein. «Frau Behrens, würden Sie uns einen Moment allein lassen?»
Beatrice Behrens schien unentschlossen.
Ich sah sie mit einem festen Blick an, zog die Augenbrauen hoch und machte mit dem Kinn eine kaum merkliche Bewegung Richtung Nina. Frau Behrens erhob sich, begab sich zögernd Richtung Tür. Es war ihr sichtlich nicht wohl dabei, ihre Tochter mit mir allein zu lassen. Wir befanden uns im Wohnzimmer einer gemütlichen, grosszügigen Altbauwohnung mit Blick auf den Garten. Wie ich den wenigen, wirren Sätzen entnehmen konnte, die Frau Behrens bei meinem Eintreffen von sich gegeben hatte, wohnten sie und Nina allein hier. Der Vater von Nina war vor einigen Jahren verstorben. «Herzinfarkt. Dabei war er noch so jung.»
Frau Behrens gab sich einen Ruck. «Ich bin in der Küche, Nina, ja? Du brauchst nur zu rufen.»
Nina reagierte nicht.
Beatrice Behrens seufzte schwer, dann verliess sie das Wohnzimmer. Als sie bereits unter der Tür stand, rief Nina ihr hinterher.
«Es tut mir Leid, Mama», rief sie.
Beatrice Behrens drehte sich um und suchte Ninas Blick. Dann zog sie die Tür hinter sich zu.
Ich schaute Nina an. Ihre Augen hatten noch immer diesen ängstlichen Ausdruck. Aber da war noch etwas Anderes. Nur was?
7 «Du sagst, du hast dich heimlich aus dem Haus geschlichen.»
Nina nickte. Sie schaute mich nicht an, sondern starrte auf ihre Fingernägel, kratze einen Rest lila Nagellack ab. Ich war dabei, mit ihr die folgenschwere Nacht durchzugehen.
«Wie hast du dich hinausgeschlichen?»
«Ist das wichtig?» Nina hatte einen betont gelangweilten Gesichtsausdruck aufgesetzt. «Ich meine – das ist doch nur ein blödes Detail.»
«Details sind wichtig.»
Sie zuckte mit den Schultern.
Ich wurde nicht schlau aus Nina. Einerseits wollte sie ein Geständnis ablegen, andererseits musste ich ihr jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen. Gut, ich war nicht die Polizei. Aber bevor sie den Ermittlern etwas erzählte, wollte ich die ganze Geschichte kennen. Ich musste wissen, womit ich es zu tun hatte.
«Mein Zimmer ist im Erdgeschoss. Ich kann durchs Fenster in den Garten klettern und von da …» Wieder zuckte Nina mit den Schultern, was wohl so viel hiess, wie von da an war es nur ein Katzensprung bis zum Schulhaus St. Georgen.
«Machst du das öfter?»
«Was?»
«Dich nachts hinausschleichen.»
«Manchmal.»
«Weshalb?»
Nina schaute mich an, als ob ich den Verstand verloren hätte. «Weshalb wohl? Denken Sie, ich beobachte die Einhörner, die um Mitternacht auf der Wiese des Münzparks grasen? Oh Mann.» Mit einer übertriebenen Geste langte sie sich an die Stirn.
Ich musste mich aufs Äusserste zusammenreissen, um ruhig zu bleiben. Blöde Göre. Sie hatte keine Ahnung, in was für einen Schlamassel sie sich manövriert hatte. Zudem war ihr Gehabe zu übertrieben, es wirkte aufgesetzt. Mit einer Hand tastete ich in meiner Tasche nach der Zigarettenpackung, zog sie hervor. Ich stand auf, ging zum Fenster und öffnete es einen Spalt. Dann zündete ich mir eine Zigarette an. Keine Ahnung, was Frau Behrens dazu sagen würde. Es musste einfach sein.
«Darf ich auch eine?»
Ich sah Nina erstaunt an. «Du bist erst fünfzehn. Du darfst nicht rauchen.»
«Ich darf eine Menge nicht.»
Nun war ich diejenige, die mit den Achseln zuckte. Was sollte ich hier den Aufpasser spielen. Ich hielt ihr die Packung hin. «Von mir aus.»
Nina nahm sich eine Zigarette. Dann schnellte ihr Blick zur Tür. «Sie sagen doch meiner Mutter nichts.»
Beinahe hätte ich gelacht. Frau Behrens würde sich momentan wahrscheinlich die glücklichste Frau nennen, wenn es nur darum ginge, dass ihre fünfzehnjährige Tochter heimlich rauchte. «Keine Angst. Deine Mutter erfährt nichts», sagte ich.
Nina war keine geübte Raucherin. Sie hielt die Zigarette wie einen Kugelschreiber und machte vorsichtige Züge. Trotzdem schien das Rauchen sie zu entspannen. Ich machte mir Gedanken über sie. Hinter der ganzen Fassade, dem taffen Auftreten und den lackierten Nägeln steckte ein kleines Mädchen, das sich keinen Ärger einhandeln wollte.
«Was hast du getan?» Ich sah Nina nicht an, sondern konzentrierte mich darauf, den Rauch zum Fenster hinaus zu blasen.
Nina paffte vor sich hin. «Ich habe Luca Tanner getötet», sagte sie.
«Bist du sicher», fragte ich.
«Ja.»
Ich drückte meine Zigarette vorsichtig am äusseren Fensterrahmen aus, schnippte den Stummel in den Garten. Ich drehte mich zu Nina. «Dann erzähl mir jetzt alles. Es ist ernst, Nina.» Diesmal schien ich den richtigen Ton getroffen zu haben.
Nina sah mich an und nickte. Dann begann sie zu reden.
Zwanzig Minuten später kannte ich die ganze Geschichte. Ich hatte nicht gewusst, welche Abgründe sich bereits in Fünfzehnjährigen auftun können. Ich konnte mich kaum an meine eigene Jugend erinnern. Diese war geprägt von dem einen Ereignis, das mich bis heute beschäftigt: Dem Verschwinden meiner kleinen Schwester. Alles andere liegt im Schatten. Vielleicht trafen mich Ninas Schilderungen deswegen mit voller Wucht. Ich hatte nicht das Gefühl, jemals fünfzehn Jahre alt gewesen zu sein. Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutete. Nina zeigte es mir.
8 Nina fläzt sich auf dem roten Sofa, blättert in einer Zeitschrift.
«Tatarata!» Alisar öffnet die Tür des angrenzenden Badezimmers und schiebt Mathilda vor sich her.
Die drei sind bei Alisar zu Hause. Sie ist die, die von den Eltern am meisten verwöhnt wird, dabei ist sie nicht einmal ein Einzelkind. Aber ihre Eltern haben einfach viel Kohle. Alisar hat ein riesiges Zimmer mit Fernseher und allem, was dazugehört. Sogar ein eigenes Badezimmer hat sie. Deswegen hängen die Mädchen auch am liebsten bei Alisar ab. Hier können sie tun und lassen, was sie wollen, und Alisars Eltern sind supernett. Alisar scheint einfach alles zu haben. Hübsch ist sie auch, mit den langen Beinen, dem dunklen Haar und den grossen Augen. Ein Wunder, dass Alisar trotzdem so normal ist. Nina und sie sind seit dem Kindergarten Freundinnen. Und vor ein paar Monaten ist Mathilda dazugestossen. Mathilda mir der weissen Porzellanhaut und dem verträumten Wesen. Mathilda, die nie schlecht von jemandem denkt, aber definitiv zwei linke Füsse hat. Nina hat Mathilda vom ersten Tag an unter die Fittiche genommen. Sie sind beide ohne Vater. Nina weiss, was das heisst.
«Na, was sagst du?», fragt Alisar in Richtung Nina. Alisar stemmt die Hände in die Hüften und betrachtet Mathilda von der Seite. Alisar mag, wen Nina mag. Sie ist die Unkomplizierteste von den dreien. Soeben hat sie Mathilda eingekleidet. Sie beide sind gleich gross.
«Du siehst einfach geil aus, Mathilda», meint Nina.
«Ist es nicht … » Mathilda nestelt an dem tiefen Ausschnitt. «Ich meine, sehe ich nicht irgendwie billig aus?»
«Du findest meine Klamotten billig?», fragt Alisar gespielt empört.
«Nein.» Mathildas Gesicht rötet sich vor Verlegenheit. «Aber du bist viel schmaler als ich. Ich sehe darin aus wie eine Presswurst»
«Du siehst gut aus, Mathilda», sagt Alisar. «Schön und sexy.»
«Aber für Halloween?», zweifelt Mathilda. «Sollten wir uns nicht verkleiden?»
Nina legt die Zeitschrift beiseite. Sie steht auf, geht zu Mathilda und nimmt sie bei den Händen. «Du bist verkleidet. Aschenputtel auf dem Weg zum Ball bist du», sagt sie liebevoll. Sie dreht sich mit Mathilda übermütig im Kreis. «Angle dir nur ja keinen Prinzen, hörst du? Du gehörst zu uns.» Sie dreht weiter und weiter.
«Stopp, Nina», kreischt Mathilda. «Hör auf!»
Nina lässt sich aufs Sofa fallen, reisst Mathilda mit sich. Lachend und kichernd liegen sie da, ein Knäuel aus Armen und Beinen, langen Haaren und zartblauem Stoff. Alisar betrachtet die beiden kopfschüttelnd.
Mathilda schaut auf die Uhr und ist plötzlich ernst. «Ich muss los. Meine Mutter kommt gleich nach Hause.» Die ganze Freude ist aus ihrem Gesicht gewichen.
9 Béjart, mein Bekannter bei der Kantonspolizei, ging nicht ans Telefon. Ich hinterliess eine Nachricht, bat um umgehenden Rückruf und legte auf. Frau Behrens sah mich an.
«Sind Sie sicher, dass das notwendig ist?», fragte sie. «Nina ist doch noch ein Kind …»
Ein Kind, das ein anderes Kind getötet hatte.
«Nina will ein Geständnis ablegen, Frau Behrens», sagte ich. «Ausserdem ist es sowieso besser, sie meldet sich freiwillig, anstatt …»
«Anstatt dass man sie irgendwann einfach holen kommt?» Frau Behrens schlug die Hände vors Gesicht. «Ach, Nina, wie bist du nur in so etwas hineingeraten.»
Nina presste die Lippen aufeinander. «Nicht weinen, Mama», sagte sie und strich ihrer Mutter unbeholfen über die Schulter. «Alles wird gut.»
Alles wird gut. Ich schüttelte innerlich den Kopf. Wie naiv Fünfzehnjährige sein konnten. Naiv und fordernd, unschuldig und verschlagen. Dieses Wechselspiel gehört wohl zur Pubertät dazu. Teenager sind eine eigene Spezies und für mich unerforschtes Gebiet. Es gäbe sicher geeignetere Anwälte, die auf die Vertretung von Jugendlichen spezialisiert waren. Bevor ich Frau Behrens fragen konnte, wer mich empfohlen hatte, rief Béjart zurück. Ich machte Frau Behrens und Nina ein Zeichen und zog mich auf den Flur zurück, schloss die Tür zum Wohnzimmer.
«Wo brennt’s, van der Meer?»
Ich hasste es, wenn er mich bei meinem Nachnamen nannte. Und er wusste, dass ich es hasste. Deswegen machte es ihm so viel Spass.
Béjart und ich hatten uns vor einigen Jahren kennengelernt, als wir zusammen an einem Fall gearbeitet hatten. Wir hatten den Tod einer jungen Frau aufgeklärt. Eine düstere Geschichte. Unwillkürlich schauderte mich. Seither waren Béjart und ich befreundet. Irgendwie war da auch mehr zwischen uns, eine Spannung, ein Knistern, das wir aber beide zu ignorieren versuchten. Das Leben war kompliziert genug.
«Bist du allein?», fragte ich. Ich hörte Schritte, das Schlagen einer Tür.
«Jetzt bin ich’s.»
«Dann hör zu.» Ich erzählte ihm in groben Zügen von Nina und ihrem Geständnis. «Weisst du, wer für den Fall zuständig ist?»
«Du kannst dich an Koller wenden, er leitet das Ermittlungsteam.»
Koller war ein Kollege von Béjart, mit dem ich auch schon zu tun gehabt hatte. Ein anständiger Kerl.
«Wie ist sie so?»
«Was?» Ich war mit meinem Gedanken noch bei Koller gewesen.
«Was du von deiner Mandantin hältst?»
«Sie hat Angst», sagte ich. «Und sie lügt. Ich weiss nur noch nicht, in welchem Punkt.»
«Wie kommst du darauf?»
«Kleine Dinge. Als sie mir den Tathergang erzählt hat, hat sie ein paarmal leicht mit den Schultern gezuckt. So, als zweifle sie selbst an ihrer Geschichte.»
«Ist das alles?»
Ich überlegte. «Am Schluss hat sie gesagt: Ich bin froh, dass er tot ist.» Ich hielt inne.
«Und?», fragte Béjart ungeduldig.
«Dabei hat sie so komisch gelächelt. Ich meine, ein echtes, glückliches Lächeln war das nicht.»
«Vielleicht interpretierst du zu viel hinein. Vielleicht ist alles so passiert, wie sie gesagt hat.»
«Vielleicht», antwortete ich.
«Steht morgen Abend immer noch?», wechselte Béjart das Thema.
Seit einiger Zeit gingen wir ab und zu zusammen essen, immer in ein anderes Lokal. Wir frassen uns sozusagen durch die Winterthurer Gastronomie. Am nächsten Abend wollten wir der Pizzeria Don Camillo an der Steinberggasse einen Besuch abstatten. Ich bestätigte unsere Verabredung und legte auf.
Ich öffnete die Tür zum Wohnzimmer. Nina lag auf dem Sofa, den Kopf in den Schoss der Mutter gelegt. Sie weinte geräuschvoll, und ihre Schultern zuckten. Auch Frau Behrens liefen die Tränen über die Wangen. Nina wandte den Kopf, als sie mich hörte. Ihr Gesicht war gerötet, die Augen verquollen, die Haare zerzaust. Sie sah nicht mehr aus wie ein Teenager. Sie sah aus wie ungefähr elf.
10 Zurück im Büro eröffnete ich eine Akte zu meinem neuesten Fall. Der Fall Luca Tanner. Dann rief ich Koller an. Wir vereinbarten einen Einvernahmetermin für den kommenden Nachmittag. Ich war nicht ganz ehrlich am Telefon und teilte Koller lediglich mit, meine Mandantin wolle eine Aussage zum Tod von Luca machen. Den Inhalt dieser Aussage – dass Nina sich selbst beschuldigte – behielt ich für mich. Das würde Koller noch früh genug erfahren.
Ich erledigte einige Dinge für andere Mandanten, schrieb Rechnungen und Mahnungen. Die schlechte Zahlungsmoral meiner Klienten versetzt mich immer wieder in Staunen. Wenn man schon eine Rechnung nicht bezahlt, dann vielleicht besser nicht die des Anwalts.
Ich hielt einen Schwatz mit meinem neuen Büronachbarn, einem jungen Immobilienmakler, der die Räumlichkeiten von seinem Vorgänger, einem freien Journalisten, übernommen hatte, und rauchte die eine oder andere Zigarette unter dem blühenden Magnolienbaum im kleinen Vorgarten. Draussen war es bereits dunkel, als ich endlich Schluss machte. Ich verliess meine Kanzlei, die an der Ecke Wülflinger-/Schaffhauserstrasse liegt. Der Kies knirschte unter meinen Füssen, als ich den Parkplatz hinter dem Haus überquerte. Ich blieb stehen. Dort, auf der anderen Seite der Bahngleise, steht der unverwechselbare Backsteinbau des Schulhauses St. Georgen. Ich verharrte einen Moment. Anstatt nach rechts in die Brunngasse abzubiegen, wandte ich mich nach links. Ich wollte mir den Ort, an dem Luca getötet worden war, genauer ansehen.
Es war unschwer zu erkennen, wo genau Luca gefunden worden war. Zahlreiche Blumen, kleine Plüschtiere und rote Grabkerzen waren links vom Haupteingang abgelegt worden, da, wo einer der steinernen Tischtennistische steht. Da, wo der Pausenplatz vom Bahnfussweg her wegen der Baustelle und den temporären Containern nicht einsehbar war. Ich näherte mich der Stelle zögerlich.
«Du bist für immer in unseren Herzen Luca» stand auf einem grossen Herz aus Karton. «Luca wir vermissen dich» las ich auf einem Stück Papier, das mit einer Kerze beschwert war. Ein Foto von Luca war an einen Topf mit violetten Primeln gelehnt. Er war ein hübscher Junge gewesen, braune Haare, helle Augen, offenes Gesicht. Er lachte breit, voller Leben. Dieses Leben war ausgelöscht worden, von einer Minute auf die andere. Wider Willen traten mir Tränen in die Augen, und ich musste schlucken. In diesem Moment vernahm ich ein paar Meter weit weg ein Geräusch. Es klang wie unterdrücktes Weinen. Ich wandte den Kopf, spähte in die Dunkelheit.
«Hallo?»
Keine Antwort, aber wieder hörte ich das Schluchzen, lauter diesmal. Ich machte ein paar Schritte und da, an die Rückseite des Baumstammes gelehnt, sass ein Mädchen. Es trug eine dunkle Jacke und umklammerte seine angezogenen Beine, das blasse Oval des Gesichts war gesenkt. Sollte ich es ansprechen? Oder liess man Trauernde nicht besser in Ruhe? Andererseits schien es dem Mädchen nicht gut zu gehen, es war kalt, es war spät und dunkel. Es sollte nicht allein hier sitzen. Wer wusste, was sich hier abends für Gestalten herumtrieben?
«Kann ich dir helfen?», fragte ich.
Ein Schluchzen war die Antwort, der Oberkörper des Mädchens schüttelte sich vor Kummer.
Ich ging noch näher, kauerte mich neben es hin. Eine Weile blieb ich einfach so, ohne mich zu rühren, ohne etwas zu sagen. Das Schluchzen verebbte, das Mädchen schniefte ein paar Mal.
«Hier.» Ich streckte ihm ein Taschentuch hin.
Zuerst reagierte es nicht, dann griff es nach dem Tuch, tupfte sich die Augen, schnäuzte geräuschvoll.
«Weinst du wegen Luca?», fragte ich.
Sie nickte.
«Wart ihr befreundet?»
«Ich … ja … wir …».
Ein erneuter Schluchzer war die Antwort. Vor lauter Schniefen und Weinen brachte das Mädchen keinen ganzen Satz zustande. Irgendwie musste ich es beruhigen. Aber zuerst musste ich meine Position verändern, ich war definitiv zu alt, um noch länger in der Hocke zu verharren. Mühevoll stand ich auf, unterdrückte ein Stöhnen.
«Wie heisst du?», fragte ich.
«Julia.» Sie schniefte.
«Komm», sagte ich. «Du kannst hier nicht allein bleiben. Ausserdem wirst du dich erkälten.» Ich hielt ihr die Hand hin. Julia ignorierte sie, doch nach einigem Zögern stand sie von allein auf. Sie war eher klein und sehr schlank, was durch die engen Jeans noch betont wurde. Lange braune Haare umrahmten ihr Gesicht. Normalerweise war sie sicherlich sehr hübsch, puppenhaft, mit grossen Augen und kleiner Nase. Im Moment allerdings waren diese Augen verschwollen und gerötet, schwarze Mascarastreifen zogen sich über die Wangen.
«Soll ich dich nach Hause bringen, Julia?»
Julia schüttelte den Kopf. «Ich bin kein kleines Kind mehr.» Sie klang abweisend. «Wer sind Sie überhaupt? Von unserer Schule sind Sie nicht, ich habe Sie noch nie hier gesehen.» Sie musterte mich misstrauisch. «Sind Sie verwandt mit Luca?» Sie sah mich zweifelnd an.
Mit meiner hellbraunen Haut und den krausen Haaren hatte ich so nichts mit Luca gemein. Ich schüttelte den Kopf. «Ich habe beruflich mit Lucas Tod zu tun. Ich bin Moira. Moira van der Meer.»
Wieder musterte sie mich. «Beruflich? Heisst das, Sie sind von der Polizei oder so? Ich hab mich schon gefragt, wann wir endlich befragt werden.»
Ich überlegte, was ich ihr sagen sollte und fing langsam an, über den Pausenhof zu gehen. Julia ging automatisch neben mir her. Dass ich Ninas Anwältin war, konnte und durfte ich ihr im Moment nicht verraten. Nina stand offiziell noch in keinem Zusammenhang mit Lucas Tod. «Nicht ganz», antwortete ich ausweichend und wechselte schnell das Thema. «Gibt es denn Vermutungen, was mit Luca passiert ist?»
«Alle mochten Luca. Alle wollten mit ihm befreundet sein. Er war der Letzte, von dem man gedacht hätte, dass er umgebracht wird.» Wieder flossen die Tränen.
«Wie war er denn?»
«Er war …» Julia schniefte. «Er war der bestaussehende Typ des ganzen Schulhauses.» Sie deutete auf das St. Georgen. «Er war cool, ich meine, er stand über den ganzen Dingen, die für andere Jungs so wichtig sind. Blöde Sprüche und so, das hatte er nicht nötig. Er war … Er gab einem das Gefühl, einzigartig zu sein.»
«Dir auch?»
Julia gab keine Antwort, sah mich lediglich durch einen Tränenschleier an. «Er hat es einfach nicht verdient zu sterben, verstehen Sie? Er hat es nicht verdient!» Sie trat halbherzig gegen einen Betonpfeiler. Irgendwie hatte ich das Gefühl, dass Julia eine Show abzog. Sie mochte tatsächlich um Luca trauern. Aber gleichzeitig genoss sie es, Aufmerksamkeit zu erhalten.
Mittlerweile waren wir bei der Theaterstrasse angelangt.
«Es gibt keine Gerüchte?»
Sie sah mich ausdruckslos an.
«Was glaubst du denn? Was ist deiner Meinung nach passiert?»
Julia stierte vor sich hin. «Keine Ahnung», sagte sie. «Irgendein Ausländer wahrscheinlich. Einer von diesen jungen Asylheinis; die sind doch alle nicht ganz sauber. Von uns war es auf jeden Fall keiner.»
«Von uns?»
Sie deutete mit dem Kinn zum Schulhaus. «Vom St. Georgen. Alle haben Luca gemocht, hab ich doch gesagt. Die Mädchen sind total auf ihn abgefahren, und die Jungs haben ihn bewundert.» Sie sah sich unruhig um. «Ich muss jetzt gehen. Meine Eltern warten sicher schon.» Auf einmal schien ihr die Uhrzeit bewusst zu werden.
«Nur eine Frage noch. Hatte Luca Feinde?»
«Feinde?» Julia zuckte mit den Schultern. «Nicht, dass ich wüsste.»
Ich wollte nachhaken, aber sie hatte sich bereits umgedreht.
«Ich muss jetzt wirklich gehen.»
«Pass auf dich auf, Julia», sagte ich.
Sie zeigte keine Reaktion.
Ich blieb einen Moment stehen. Das war eine merkwürdige Begegnung gewesen. Lucas Tod schien Julia mitzunehmen, sie trauerte. Aber da war noch etwas anderes an Julia, etwas Hartes, Selbstbezogenes, das ab und zu durchgeschimmert war. Ich dachte darüber nach, was Julia mir erzählt hatte. Er hatte keine Feinde gehabt. Alle hatten Luca gemocht. Das passte nicht zu dem, was Nina erzählt hatte. Es passte ganz und gar nicht.
11 «Ich bin nicht sicher, ob du an Halloween teilnehmen solltest.» Rosmarie Martin hat Mathilda den Rücken zugewandt und macht sich in der kleinen offenen Küche zu schaffen. «Das ist ein heidnischer Brauch. Und abends so lange unterwegs sein? Ich weiss nicht.»
«Ich gehe mit Nina und Alisar.»
Mathilda sitzt am Esstisch und betrachtet über die Theke hinweg den schmalen Rücken ihrer Mutter, sieht die rhythmischen Bewegungen, mit denen sie hingebungsvoll einen Kochtopf schrubbt. «Da ist doch nichts dabei. Wir gehen durchs Quartier, läuten an den Türen und fragen nach Süssigkeiten. Das ist nicht gottlos.»
Die Mutter stellt den Topf auf die Ablage, schweigt.
«Alle machen das», fügt Mathilda jämmerlich an.
«Wir sind aber nicht alle», sagt die Mutter.
Mathilda seufzt. Vor ihr liegt aufgeschlagen das Matheheft, mit einem Bleistift zeichnet sie abwesend kleine Figuren auf den Seitenrand. Einen Jungen im Kapuzenpulli. Ein Mädchen mit langen lockigen Haaren.
«Hast du gehört?» Die Mutter wendet sich ihr zu. Ihre Hände stecken in rosafarbenen Gummihandschuhen, Schaum tropft auf den Boden. «Wir sind nicht alle. Wir sind auserwählt. Gott hat uns auserwählt.» Ihre Augen haben wieder diesen entrückten Blick, den Mathilda so hasst.
«Ach Mama.» Mathilda schaut die Mutter unglücklich an, klingt aber zugleich ungeduldig. Weshalb kann ihre Mutter nicht einfach normal sein, so wie die Mutter von Alisar? Oder die von Nina? Wieso läuft sie die ganze Zeit in Röcken durch die Gegend und trägt das dünne, mit grau durchzogene Haar lang und offen, ohne erkennbare Frisur? Manchmal schämt sich Mathilda für ihre Mutter. Und dann fühlt sie sich schuldig, weil sie solche Gedanken hat. Früher war die Mutter nicht so extrem. Aber seit ihr Vater gegangen ist, ist es immer schlimmer geworden.
Rosmarie streift die Handschuhe ab, legt sie sorgfältig neben die Spüle, zieht die blaue Küchenschürze über den Kopf, faltet sie. «Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christus, wie er uns auserwählt hat in ihm vor Grundlegung der Welt, dass wir heilig und untadelig seien vor ihm in Liebe», zitiert Rosmarie. Sie umrundet die Theke, setzt sich zu Mathilda an den Tisch. Diese klappt schnell das Matheheft zu.
«Lass uns beten, Mathilda.» Rosmarie greift nach Mathildas Händen. «Lass uns beten. Gott wird uns die Antwort geben.»
12 Ich ass den letzten Biss meiner hastig zubereiteten Pasta. Ich koche gern, wenn ich Musse habe. Aber frische Kräuter, spezielle Gewürze – damit hatte ich mich heute nicht abgeben mögen. Heisshungrig und müde war ich nach dem Zusammentreffen mit Julia nach Hause gekommen. Ich hatte nur eines gewollt: Etwas zu essen. Deswegen hatte ich nach dem Glas gekauften Pestos gegriffen.
Ich schob den Teller von mir und griff nach meinen Zigaretten. Während ich mir eine anzündete, erhob ich mich, trat ans Fenster und öffnete es. Die kühle Luft liess mich erschauern. Ich nahm einen langen Zug. Unter mir leuchteten die Lichter der Stadt. Ich liess meinen Blick schweifen zu meiner Kanzlei, zu den Bahngleisen. Im Roten Turm brannte in einigen Büros noch immer Licht. Daneben war das Schulhaus St. Georgen. Ich zog an meiner Zigarette. Ich versuchte, die Friedensstrasse auszumachen, da, wo Nina wohnte. Nina. Ich wurde nicht schlau aus ihr. Sie verheimlichte mir etwas. Noch wusste ich nicht, was es war. Aber ich würde es herausfinden. Mein Blick wanderte weiter zur Seidenstrasse. Ich konnte das Dach der Villa ausmachen, in der ich aufgewachsen war. In der wir aufgewachsen waren, Maria und ich. Meine Mutter Celina lebte noch immer dort. Ich weiss nicht, wie sie die ganzen Erinnerungen, die dieses Haus beherbergt, ertragen kann. Mit einer Unmenge Alkohol vermutlich.
Ich zog ein letztes Mal an meiner Zigarette, stand auf und schloss das Fenster.
Während ich das schmutzige Geschirr in die Spülmaschine räumte und in der Küche einigermassen Ordnung schuf, ging ich in Gedanken die Unterhaltungen mit Nina und Julia noch einmal durch. Ich wischte die Herdplatte, wrang den feuchten Lappen aus. Nina und Julia malten widersprüchliche Bilder von Luca. Ich musste mehr über ihn erfahren. Ich musste herausfinden, was für ein Mensch er gewesen war. Je besser ich das Opfer kannte, desto besser durchschaute ich auch die Täterin – Nina.
Meine Gedanken schweiften zu Norah, zu meinem heutigen Besuch im Gefängnis. Hatte Maria tatsächlich harte Drogen konsumiert? Und wo war sie jetzt? War auch sie ein Opfer, tot und verwest? Oder lebte sie unter anderem Namen irgendwo in der Fremde? Energisch schüttelte ich das Geschirrtuch aus, hängte es an den Haken. Fragen über Fragen, die mich allesamt nicht weiterbrachten.
Ich nahm eine bereits geöffnete Flasche Wein zur Hand, entkorkte sie und goss mir ein Glas ein. Irgendwann würde ich wissen, was mit Maria geschehen war. Es hatte keine Eile, schliesslich schlug ich mich bereits mein halbes Leben lang mit ihrem Verschwinden herum. Aber die Sache mit Nina, die war dringend. Darauf musste ich mich konzentrieren, auf meinen neuen Fall. Auf den Fall des toten Jungen. Ich seufzte und trank Wein. Ich ahnte, dass es in dieser Geschichte nur Verlierer geben würde. Ich trank noch einen Schluck, stellte das Glas beiseite und fuhr mein Notebook hoch. Zum Glück hatte ich meine Arbeit. Ohne sie würde ich in dieser elenden Welt nicht klarkommen.
13 Ich musste nicht lange im Internet suchen, bis ich Informationen über Luca fand. Der Tod des Fünfzehnjährigen hatte Aufsehen erregt und war von den Medien entsprechend ausgeschlachtet worden. Da gab es Hintergrundberichte, Analysen, mögliche Tatszenarien. Und nicht zuletzt kamen die Nachbarn, die «besten» Freunde, Angehörige und viele weitere zu Wort, vermittelten ihre Sicht auf die Dinge. Ich überflog Aussagen wie «Jetzt sind schon Schulhäuser Gefahrenzonen», «Das waren keine von hier, ganz sicher nicht» und «Gottlose Jugend – wohin uns die Abkehr von der Religion führt».
Ich verspürte Abscheu und trank schnell noch etwas Wein. Heutzutage steuerte jeder seinen Senf zu allem und jedem bei. Vor allem die, die nichts zu sagen hatten, sagten etwas. Und ich überflog nur die Berichte in den Tagesmedien. Keine Ahnung, was bei facebook oder in privaten Chats noch über Lucas Tod geschrieben wurde. Wobei – vielleicht wären da die interessanten Dinge zu lesen.
Bevor ich den Gedanken zu Ende denken konnte, blieben meine Augen an einer Überschrift hängen: «Mitschüler können Tat nicht nachvollziehen: Luca war bei allen beliebt.» Das deckte sich mit Julias Aussage. Ich vertiefte mich in den Artikel.
Nach einer guten halbe Stunden Recherche musste ich Julia Recht geben: Es schien, als hätten alle Luca gemocht. Er war ein guter Schüler gewesen, ein begabter Handballer mit viel Teamgeist, beliebt bei den Mädchen, angesehen bei den Jungs. Er hatte nicht geraucht, keinen Alkohol konsumiert, nichts geklaut. Ein Vorzeigejunge.
Ich wollte mir Wein nachschenken, aber die Flasche war leer. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass es kurz vor 23 Uhr war. Ich spürte, wie müde ich war. Zeit, zu Bett zu gehen.
Mein Telefon läutete, als ich mir im Bad die Zähne putzte. Mit der Zahnbürste in der Hand ging ich ins Wohnzimmer, schaute aufs Display. Celina, meine Mutter. Um diese Uhrzeit? Normalerweise konnte sie nach zehn Uhr abends keinen verständlichen Satz mehr von sich geben.
Meine Mutter ist Alkoholikerin. Seit ich denken kann, ist ein gut gefülltes Glas ihr ständiger Begleiter. Nicht, dass ich mit Alkohol ein Problem hätte, im Gegenteil. Ich bin ein paar Gläschen auch nicht abgeneigt, und es gibt Stimmen, die von James zum Beispiel, die sagen, auch ich würde zu viel trinken. Es gibt aber einen Unterschied zwischen Celina und mir: Ich trinke, um mich vom Elend der Welt abzulenken. Alkohol stimmt mich milder, gelassener. Celina trinkt, um keine Verantwortung für ihr Leben übernehmen zu müssen. Alkohol lässt sie entweder aggressiv oder überschwänglich werden. Die Launen meiner Mutter waren der Grund gewesen, weswegen mein Vater abgehauen war, als ich fünfzehn war und meine kleine Schwester Maria dreizehn. Er war zurück nach Nigeria gegangen und hatte uns bei Celina zurückgelassen. Es war die Hölle gewesen. Das hatte ich ihm bis heute nicht wirklich verziehen. Und mein Verhältnis zu meiner Mutter ist, milde ausgedrückt, angespannt.
Mittlerweile war das Telefon verstummt. Auch gut. Ich war nicht in der Stimmung, mich auf eine sinnlose Diskussion über meine vernachlässigten töchterlichen Pflichten einzulassen. Ich ging zurück ins Badezimmer und spuckte den Schaum aus. Das Telefon läutete erneut. Ich seufzte. Beharrlich war Celina, das musste man ihr lassen.
«Celina?»
«Hast du schon geschlafen?»
«Nein. Ich …»
Sie liess mich nicht ausreden. «Moira, du glaubst nicht, wer mich heute angerufen hat.» Ihre Aussprache war leicht verschliffen, aber ansonsten klang sie klar. Sie war definitiv noch nicht völlig betrunken. Aber sie war aufgeregt.
«Willy?»
«Was Willy. Weshalb Willy? Willy sehe ich jede Woche.»
Mein Vermieter und meine Mutter kannten sich aus Kindheitstagen; Willy war zwar gut zehn Jahre älter als Celina, aber sie hatten dennoch gute Erinnerungen aneinander. Beide waren an der Seidenstrasse gross geworden, und vor ein paar Jahren hatten sie sich durch mich wiedergetroffen. Ich stand dieser Freundschaft zwiespältig gegenüber. Willy sollte in erster Linie für mich da sein.
«Ich habe keine Ahnung, Celina», sagte ich. Ausser Willy hatten Celina und ich keine gemeinsamen Bekannten. Ich versuchte, meine Ungeduld im Zaum zu halten. Ich wollte meine Ruhe. Ich wollte schlafen.
«Chinedu hat angerufen. Stell dir das vor. Chinedu. Nach so vielen Jahren.»
Meine Müdigkeit war wie weggeblasen. Chinedu. Mein Vater. Ich hatte seit ein paar Jahren wieder Kontakt mit ihm, aber meine Mutter und er hatten seit über zwanzig Jahren kein Wort miteinander gesprochen.
«Was wollte er?», fragte ich vorsichtig.
«Es war … Ich habe das Telefon abgenommen und er hat Hallo gesagt. Ich habe ihn sofort erkannt. Seine Stimme hat sich kein bisschen verändert.»
Meine Mutter hatte meine Frage überhört.
«Ich war dermassen überrascht, im ersten Moment hätte ich beinahe wieder aufgelegt. Stell dir vor, nach so vielen Jahren, da ruft er einfach so an.»
Ich hörte Erstaunen in der Stimme meiner Mutter und eine Art unterschwellige Freude. Das wunderte mich. So, wie sie immer über meinen Vater hergezogen war, hatte ich etwas Anderes erwartet. Ich hatte erwartet, dass sie ihn eiskalt abservierte. Einen ihrer berüchtigten Wutanfälle bekam.
«Was wollte er?», wiederholte ich meine Frage.
«Ach, das war wirklich merkwürdig.» Celina machte eine Pause, und ich hörte, wie sie einen Schluck trank.
Ich lechzte ebenfalls nach einem weiteren Glas Wein.
«Wir haben nur kurz miteinander gesprochen. Er hat nicht viel gesagt. Aber er hat gemeint, ich solle ein Auge auf dich haben. Er hat gesagt, du wirst es in nächster Zeit schwer haben.»
Wieder hörte ich sie trinken.
«Stimmt das? Geht es dir nicht gut?»
Ihre Besorgnis irritierte mich noch mehr als die Weissagungen meines Vaters. Es mochte ja angehen, dass er sich als nigerianisches Orakel ausgab – manchmal lag er mit seinen Vorhersagen gar nicht mal so falsch. Aber dass Celina nun die bekümmerte Mutter gab, das ging mir gegen den Strich. Ich hatte mich die letzten Jahrzehnte ohne ihre Unterstützung durchgeschlagen. Das wollte ich ganz gern so beibehalten.
«Mir geht es gut, Celina», sagte ich. «Ich bin nur müde.»
Diesen Wink mit dem Zaunpfahl verstand meine Mutter nicht. «Sag mir, wenn ich was tun kann, ja?»
Das würde ich ganz bestimmt nicht. Meine Mutter war die Letzte, bei der ich Hilfe suchen würde.
Sie schien meine Gedanken zu lesen. «Menschen können sich ändern, Moira», sagte sie.
Ja, klar, und ich würde demnächst im Lotto Millionen gewinnen.
Obwohl ich mir bereits die Zähne geputzt hatte, setzte ich mich auf meine geliebte Fensterbank, öffnete das Fenster einen Spalt und zündete mir eine Zigarette an. Meine Mutter schwadronierte derweil über meinen Vater und erzählte, was er sonst noch gesagt hatte, und was sie gesagt hatte, und wie er wohl lebte, da unten, in Afrika, und wie lange doch alles her sei. Ich starrte in die Dunkelheit, rauchte, hörte mit einem Ohr meiner Mutter zu. Irgendwann legte ich einfach auf. Sie war mittlerweile so betrunken, dass sie es wahrscheinlich nicht einmal merkte.
14 In der Nacht wurde ich von Träumen heimgesucht. Ich träumte von Nina, nachts in einem dunklen Park, aber plötzlich war es nicht mehr Nina, die da ging, sondern meine Schwester Maria. Maria in ihrem pink-schwarz gestreiften Shirt, das sie getragen hatte, als sie verschwunden war. Sie ging durch den Park, und plötzlich war sie weg. Ich wollte ihr nachrennen, aber ich kam nicht vom Fleck. Ich mühte mich ab, ohne Erfolg. Je vergeblicher meine Versuche Maria nachzugehen waren, desto grösser wurde meine Panik. Da tauchte mein Vater auf. Er zeigte mit einem Finger auf mich. «Kommst du nicht mehr weiter?», fragte er und lachte schallend. Seine weissen Zähne waren unnatürlich gross und leuchteten in seinem dunklen Gesicht. «Gib es zu, du steckst fest.» Wieder lachte er. «Sie steckt fest!», rief er.
Ich wachte auf. Ich war benommen und verschwitzt. Trotzdem griff ich als Erstes nach dem Notizheft, das neben meinem Bett lag.
James hatte mir den Auftrag erteilt, meine Träume niederzuschreiben. «Halt fest, woran du dich erinnerst. Bilder, Sequenzen, einfach alles. Wir werden die Träume dann gemeinsam auf wiederkehrende Handlungsmuster oder Gefühle hin analysieren.»
«Das bringt doch nichts», hatte ich gesagt.
«Du solltest davon ausgehen, dass ich weiss, was ich tue, Moira. Sonst hättest du ja keinen Grund, weiterhin zu mir zu kommen», hatte er geantwortet.
So konnte man es auch sehen. Also machte ich seither, was er von mir verlangte. Mal sehen, wozu es gut war.
15 «Ich passe auf Mathilda auf, machen Sie sich keine Sorgen, Frau Martin. Und Gott wird auch ein Auge auf sie haben.» Mathilda ahmt Nina nach, imitiert deren Stimme.
«Das hat Nina echt zu deiner Mom gesagt?», fragt Alisar.
«Echt. ‹Gott wird auch ein Auge auf sie haben›, ich bin fast gestorben.» Mathilda ist aufgedreht, ihre Wangen sind gerötet und sie schwatzt viel mehr als sonst. «Aber meine Mutter hat ihr alles abgekauft. Sobald sie ‹Gott› hört, dreht sie total ab. Dabei – Nina und Gott, ich lach mich tot.»
«Hab ich da grad meinen Namen gehört?» Nina kommt ins Zimmer und posiert theatralisch unter dem Türrahmen. Sie hat die Haare mit Silberspray eingefärbt, die Augenbrauen mit dicken schwarzen Strichen nachgezogen, violette Lippen. Statt der üblichen Jeans trägt sei einen verschlissenen Rock über einem fadenscheinigen Petticoat und löchrige Strumpfhosen.
«O my God, du siehst so geil aus!», kreischt Alisar. «Lass mich mal deine Haare anfassen.»
Die drei Mädchen sind bei Nina und stylen sich für Halloween. Nachdem Nina sich für Mathilda stark gemacht hat, hat Frau Martin ihr im letzten Moment erlaubt, mit den Freundinnen mitzugehen.
«Um zehn muss ich zu Hause sein», murrt Mathilda. «Meine Mutter behandelt mich wie ein Baby.»
«Ach komm», Alisar stösst ihr den Ellbogen in die Seite. «Besser als nichts.»
«Genau. Besser als nichts», bekräftigt Nina. «Und jetzt mach mal vorwärts, los, zieh dich um! Alisar, gib ihr das Kleid.» Sie schaut Alisar misstrauisch an. «Du hast es doch mitgebracht?»
Alisar deutet stumm auf die Tüte zu ihren Füssen. Mathilda bückt sich danach, zieht das hellblaue Kleid hervor, lässt den glatten Stoff durch die Hände gleiten. «Ihr seht richtig halloweenmässig aus», sagt sie verzagt, «ein bisschen gruselig und trotzdem, naja, sexy.» Mathilda errötet und schaut von Nina zu Alisar, die ein enganliegendes schwarzes Kleid und einen schwarzen Schlapphut trägt; die Lippen hat sie blutrot angemalt, und sie hat ein paar falsche Vampirzähne dabei, die sie einsetzen kann. «Aber ich sehe in diesem Kleid einfach nur normal aus. Ich meine – hellblau. Das passt doch nicht.»
Nina und Alisar tauschen einen Blick.
«Wart ab», ergreift Alisar das Wort. «Wir haben da noch ein paar geile Accessoires.» Sie greift nach einer zweiten Tüte und reiht den Inhalt Stück für Stück vor Mathilda auf. Ein lila Tüllschleier. Ein lila Cape. Ein lila Spray für die Haare. Eine venezianische Augenmaske.
«Und dazu eine Tonne Schminke», sagt Nina. «Du wirst unsere Geisterbraut.» Sie schaut Mathilda erwartungsvoll an. «Na, wie gefällt dir das?»
Mathilda schaut sich an, was die Freundinnen da aufgetrieben haben. Alles nur für sie. Tränen treten ihr in die Augen, sie schluckt leer. «Ach ihr», sagt sie, «ihr spinnt ja.» Sie beugt sich vor und umarmt Alisar, streckt einen Arm nach Nina aus.
«Ich störe wohl gerade.» Beatrice Behrens steht im Türrahmen, betrachtet die drei. Sie ist dankbar, hat Nina gute Freundinnen. Und sie ist umso dankbarer, weil alle anständige Mädchen sind, liebe Mädchen. Arme Mathilda. Ihre Mutter hat nicht alle Tassen im Schrank. Dabei ist ohne Vater aufzuwachsen sowieso schon schwer genug.
«Erde an Mom. Hallo, Erde an Mom.» Nina schwenkt die Hand vor ihrem Gesicht.
Beatrice lächelt. «Entschuldigt. Ich war gerade woanders.» Sie betritt das Zimmer, geht zu Ninas Schreibtisch und stellt das Tablar ab. «Ich habe einen kleinen Imbiss für euch vorbereitet. Menschenblut», sie hebt den Krug mit Grenadinesirup, «und Schrumpfmumien.» Sie deutet auf die Würstchen im Blätterteig, denen sie mit Senf Augen aufgemalt hat.
«Mein Gott, Mama», sagt Nina. «Wir sind doch keine kleinen Kinder mehr! Menschenblut und Schrumpfmumien. Wie peinlich ist das denn?»
Es ist Frau Behrens anzusehen, dass Ninas harsche Art sie verletzt. Trotzdem lächelt sie ein schiefes Lächeln: «Du hast recht, Nina. Ich habe nicht nachgedacht.»
«Es sieht lecker aus, Frau Behrens», sagt Alisar.
Ninas Mutter schaut sie dankbar an, bevor sie das Zimmer verlässt.
«Mann, Nina», herrscht Alisar Nina an. «War das wirklich nötig? Sie hat es gut gemeint.»
Nina grummelt etwas vor sich hin.
Mathilda hat das Zwischenspiel aufmerksam verfolgt. Sie steht auf, holt sich ein Würstchen. «Du hast wirklich Glück mit deiner Mutter», sagt sie zu Nina und beisst hinein.
16 «Du hast dich mit Luca verabredet. Ihr wolltet euch um Mitternacht auf dem Pausenhof treffen.»
Nina nickte.
Koller sah sie zweifelnd an. Er hatte blassblaue Augen in einem wettergegerbten Gesicht, die grauen Haare waren militärisch kurz. Er sah nicht aus wie ein Polizist. Eher wie ein Bergführer. Dazu passten die gerahmten Fotos an den Wänden: Alpenlandschaften. Ich mochte ihn ganz gern. Er war anständig und vor allem intelligent. Das konnte ich nicht von allen in diesem Gebäude behaupten.
«Weshalb?», fragte er.
«Ich wollte etwas zurück haben. Etwas, das mir gehörte.» Nina verschränkte die Arme vor der Brust. Schützend. Oder abweisend. Ich war mir nicht sicher. Wir sassen zu viert in Kollers Büro; Nina, Koller, eine Protokollführerin und ich. Frau Behrens wartete im Vorzimmer. Nina hatte sie nicht dabeihaben wollen, und ich war ganz froh darüber. Zu viele Emotionen konnten hinderlich sein.
Ich betrachtete Nina von der Seite. Sie hatte Ringe unter den Augen und war sehr blass. Sie hatte wohl nicht viel geschlafen. Kein Wunder. Trotzdem hielt sie sich bis jetzt ganz gut.
«Und das konnte Luca dir nicht tagsüber geben?», hakte Koller nach.
Nina zuckte die Schultern. «Können schon. Wollte er aber nicht.»
«Ihr habt euch also um Mitternacht beim St. Georgen getroffen. Ist das richtig?»
«Ja.»
«Wie habt ihr euch verabredet?»
«Was meinen Sie mit wie?» Nina sah Koller misstrauisch an. Sie zog an den Ärmeln ihres rosafarbenen Kapuzenpullis, versteckte die Hände darin.
«Naja, wie die Verabredung zustande gekommen ist. Habt ihr euch in der Schule unterhalten oder SMS geschrieben oder …» Er zählte keine weiteren Möglichkeiten auf. Vielleicht kamen ihm keine mehr in den Sinn.
«Ich habe ihm eine WhatsApp geschrieben. Er hat zurückgeschrieben.» Wieder zuckte sie mit den Schultern. «So halt.»
Koller nickte zustimmend. «Und was wolltest du von ihm zurückhaben?»
Nina presste die Lippen aufeinander und sah mich an.
Ich nickte ihr auffordernd zu. Sie musste Koller alles erzählen, auch wenn es nicht einfach war.
«Beantworte bitte meine Frage, Nina», sagte er ruhig.
Nina holte tief Luft. «Luca und ich hatten was zusammen. Ich meine, wir waren nicht zusammen oder so, es war nur … Es war … Wir hatten einfach Spass.»
«Ihr hattet keine Beziehung», hielt Koller nochmals fest.
«Das habe ich doch gerade gesagt.» Nina zog die Augenbrauen zusammen und sah ihn finster an. «Wir haben einfach so rumgemacht. Und …»
«Wann war das?», unterbrach Koller.
«Was?» Nina geriet aus dem Konzept.
«Wann das war. Im April oder früher schon? Und über welchen Zeitraum?»
«Mann, Sie unterbrechen mich dauernd! So kann ich mich nicht konzentrieren.» Nina schien den Tränen nahe.
Ich sah von ihr zu Koller. Ich war überzeugt, dass er das absichtlich machte. Ich fragte mich, worauf seine Taktik abzielte. Falls er Nina damit verunsichern wollte, hatte er es auf jeden Fall geschafft.
«Entschuldige, Nina», er lächelte sie versöhnlich an. «Ich versuche, mich zu bessern, ja?»
Sie nickte, war aber nicht überzeugt.
«Gut, dann erzähl weiter. Wann habt ihr euch getroffen, und was ist da passiert?»
«Ich weiss nicht mehr genau. Es war nur ein Mal. Also, getroffen haben wir uns schon mehr, in der Schule und so. Aber zusammen waren wir nur ein Mal. Ende März vielleicht. Oder anfangs April.»
«Vor oder nach Ostern?»
Ostern war dieses Jahr auf Ende März gefallen.
«Ich weiss nicht.» Nina sah Koller ausdruckslos an.
Er nickte, obwohl sie keine Frage gestellt hatte.
«Es war nicht geplant. Ich war in der Stadt und mir war langweilig, meine Freundinnen konnten alle nicht abmachen an diesem Tag. Im Starbucks habe ich Luca getroffen, und dann haben wir zusammen abgehängt, und er hat gefragt, ob ich nicht noch zu ihm kommen will. Und dann bin ich mit zu ihm, und dann ist es passiert.» Nina ratterte das alles im Eiltempo herunter; sie wollte es hinter sich bringen.
«Habt ihr miteinander geschlafen?»
Nina nickte stumm. Sie warf der Protokollführerin einen Blick zu. Es war ihr nicht angenehm, vor so vielen Unbekannten ihre intimste Geschichte auszubreiten. Kein Wunder, immerhin war sie erst fünfzehn.
«Danach sind wir dagelegen, und ich bin halb eingeschlafen, er steht auf, und plötzlich höre ich so ein Geräusch von seinem Telefon, und ich mache die Augen auf, und da steht der Arsch und macht einfach Fotos von mir. Dabei habe ich doch nichts an. So ein Arsch.» Nina klingt wütend. «Und diese Fotos wollte ich zurückhaben. Oder besser: Luca sollte sie löschen.»
Deswegen hatte Nina sich mit Luca mitten in der Nacht getroffen. Er hatte sie erpresst. Entweder du kommst, oder ich verschicke die Fotos an die Jungs aus der Schule.
«Schwein», sagte Nina. Ihr Gesicht war ausdruckslos. «Und als ich ihn dann getroffen habe, da hat er sich über mich lustig gemacht.»
«Du scheinst mir nicht der Typ zu sein, der sich so leicht erpressen lässt», warf Koller ein.
«Was wissen Sie schon über mich. Ausserdem – was hätte ich machen sollen?»
Koller kritzelte etwas auf ein Stück Papier.
«Soll ich weitermachen, oder was? Ich meine, irgendwie klingt es, als würden Sie mein Geständnis gar nicht wollen. Ich kann auch wieder gehen, wenn Ihnen das lieber ist», sagte Nina trotzig.
«Mach bitte weiter, Nina.» Koller liess sich nicht aus der Ruhe bringen.
«Ich habe zu Luca gesagt, ich bin hier, nun lösch die Fotos. Er hat gelacht. ‹Erst will ich was dafür›, hat er gesagt. ‹Was hast du zu bieten, Nina?› Ich bin wütend geworden, so furchtbar wütend, ich werde manchmal einfach so wütend, jähzornig sagt meine Mutter. Und da habe ich ihn gestossen. Er ist nach hinten gefallen und mit dem Kopf auf den Tischtennistisch aufgeschlagen, genau hier.» Sie berührt die Ecke des Schreibtischs. «Es hat ein ganz komisches Geräusch gemacht, wie ein Knacken. Und dann hat er am Boden gelegen, und da war plötzlich alles voller Blut, und ich habe Luca gerufen, aber er hat nicht geantwortet.» Sie machte eine Pause und starrte vor sich hin.
Im Raum war kein Laut zu hören.
«Ich habe ihn hier angefasst.» Nina deutet auf die Halsschlagader. «Ich habe keinen Puls gespürt. Da bin ich weggerannt.»
«Und sein Handy? Hast du das mitgenommen? Wir haben bei Luca keines gefunden.»
Nina zögerte einen Moment. «Ich habe es mitgenommen und danach weggeworfen.»
«Weshalb hast du es mitgenommen?»
«Na wegen der Fotos halt.» Ihr Gesichtsausdruck sprach Bände: Wie konnte man nur so dumm fragen.
«Wo?»
«Was?» Sie warf ihm einen verständnislosen Blick zu.
«Wo hast du das Handy weggeworfen?»
«Ich … Bei diesem Spielplatz im Inneren Lind, der mit der orangefarbenen Rutschbahn, da habe ich es in einen Mülleimer geworfen.»
Ich betrachtete Nina. Sie sah Koller mit weit geöffneten Augen an. Sie sah aus wie jemand, der die Wahrheit sagt. Aber mir hatte sie gestern etwas anderes erzählt. Mir hatte sie erzählt, sie habe das Handy in einen Mülleimer im Münzpark geworfen. Ein Detail nur. Trotzdem.
«Weshalb hast du keine Hilfe geholt?», wollte Koller wissen.
«Ich hatte Angst.»
Koller nickte. Er schien zu überlegen und klickte mit einem Kugelschreiber. Im Raum war nur dieses Klicken zu hören. Nina starrte Koller an. Koller war in die Betrachtung seines Kugelschreibers vertieft.
«Kannst du mir die WhatsApp zeigen?»
«Was?», fragte Nina verwirrt.
«Die WhatsApp, mit denen ihr euch verabredet habt. Kannst du sie mir auf deinem Handy zeigen?»
Nina errötete leicht und schüttelte den Kopf. «Die habe ich gelöscht.»
Wieder nickte Koller. Wieder betrachtete er seinen Kugelschreiber. Dann sah er auf: «Nina, würdest du bitte zu deiner Mutter gehen? Ich muss mich kurz allein mit Frau van der Meer unterhalten.» Er stand auf und öffnete die Tür für sie. «Es dauert nicht lange. Frau Moser wird dir eine Cola bringen.» Er machte mit dem Kinn eine Bewegung zur Protokollführerin. Die erhob sich ebenfalls.
Nina sah fragend zu mir.
«Ist in Ordnung, Nina», sagte ich.
Sie machte die gleiche Bewegung wie gestern: Sie nestelte an ihrem Pferdeschwanz, löste das Haargummi und arrangierte die Haare neu. Bevor sie die Tür hinter sich schloss, warf sie mir einen ängstlichen Blick zu.
17 Ich stand auf, stellte mich ans Fenster und sah hinaus. Es war nicht viel los; ein einzelner Polizist in Uniform schritt über den Kiesplatz.
«Gibt es hier drinnen einen Rauchmelder?» Ich wandte mich Koller zu.
Der schüttelte stumm den Kopf.
«Gut.» Ich zog ein zerdrücktes Päckchen Zigaretten aus der Tasche, hielt es ihm hin. «Sie auch?»
Diesmal nickte er. Er trat zu mir, öffnete das Kippfenster einen Spalt. «Mehr geht nicht. Fluchtgefahr», erläuterte er knapp und griff nach den Zigaretten.
Wir befanden uns in der dritten Etage. Ich warf einen Blick nach unten. Nur Lebensmüde würden aus dieser Höhe einen Fluchtversuch wagen.
Wir rauchten und schwiegen. Ab und zu schnippte einer von uns die Asche aus dem Fenster. Ich wartete. Er wollte mir etwas mitteilen. Irgendwann würde er damit anfangen.
«Schlimme Sache das mit Luca.»
Ich gab einen zustimmenden Laut von mir, stiess Rauchwolken aus.
«Nina lügt», fügte Koller hinzu.
Wieder stimmte ich wortlos zu. Nina log. Aber warum log sie? Was war wahr an ihrem Geständnis und was nicht? War der Tod von Luca am Ende gar Absicht gewesen?
«Sie war es nicht.»
Ich verschluckte mich am Rauch und musste husten. Das überraschte mich nun doch.
«Geht es?» Koller sah mich besorgt an.
Ich nickte. Mir tränten die Augen. Ich zog noch einmal an meiner Zigarette, sah mich suchend nach einem Aschenbecher um.
«Einfach raus damit.» Er drückte seinen Stummel am äusseren Fensterrahmen aus, liess ihn fallen. Er landete auf dem Vordach über dem Haupteingang. «Geht ja nicht ins Grundwasser.»
War das seine Art von Humor? Äusserst trocken, sogar für meine Verhältnisse. Ich lächelte schwach und schnippte meine Kippe ebenfalls nach draussen, sah ihr nach. Dann sah ich Koller in die Augen. «Reden wir Klartext.»
«Ich will Ihnen etwas zeigen.» Koller trat zu seinem Schreibtisch, nahm einen Briefbeschwerer aus Glas zur Hand, ein massives Teil. Er hob den Arm nach oben, zielte auf meinen Kopf. «So ist Luca erschlagen worden, von schräg hinten gegen den Hinterkopf.» Koller beendete seine Demonstration, nahm ein Blatt Papier zur Hand, fasste sich mit der anderen Hand an den Hinterkopf knapp über dem Nacken. «Das ist das Hinterhauptbein, die Stelle über dem Nacken.» Dann sah er auf das Blatt. Es war vermutlich der Obduktionsbericht. Koller zitierte daraus. «Todesursache ist ein schweres Schädelhirntrauma im Kleinhirnbereich. Wahrscheinlich ist der Tod sofort eingetreten. Die Wunde wurde von einem einzigen, sehr heftigen Schlag verursacht. Bei der stumpfen Waffe handelt es sich vermutlich um einen abgerundeten Zylinder aus hartem Material, Metall oder Holz.» Er sah hoch. «Luca ist nicht gefallen. Und an der Tischtennisplatte ist kein Blut gefunden worden.»
«Es war kein Unfall.»
«Es war kein Unfall», wiederholte Koller. «Und Nina ist nicht die Täterin. Rein physisch ist das unmöglich. Sie ist um einiges kleiner als Luca. Der Täter hatte wohl etwa die gleiche Grösse.» Wieder hob er den Briefbeschwerer.
«Vielleicht stand sie auf einem Mäuerchen? Auf dem Tischtennistisch?»
Koller schüttelte den Kopf, setzte sich. «Da gibt es kein Mäuerchen. Der Tisch ist zu hoch. Ausserdem gibt es eine Reihe anderer Ungereimtheiten in Ninas Geschichte.» Er nahm seinen Kugelschreiber zur Hand, sah auf das Papier vor ihm. «Sie hat die WhatsApp angeblich gelöscht, sie weiss nicht mehr, wann sie mit Luca zusammen war, dabei ist Ostern gerade mal zwei Wochen her …»
«Und bei der Frage nach seinem Handy hat sie gelogen», warf ich ein. Ich erzählte Koller, was Nina am Tag zuvor zu Lucas Handy gesagt hatte. «Wurde es geortet?», fragte ich.
Koller verneinte.
«Also ausgeschaltet.»
«Und vermutlich Akku raus. Da weiss jemand Bescheid.»
«Auswertung der Handydaten von Luca?»
«Noch nicht da.»
Ich dachte über Nina nach. Ich war verwirrt. Weshalb sollte sie eine solche Story erfinden? Was hatte sie davon?
Koller klickte, wie schon bei Ninas Befragung, mit seinem Kugelschreiber. Das Geräusch war nervtötend. Plötzlich stoppte er, beugte sich in seinem Stuhl vor und sah mich mit seinen hellen Augen an. «Nina hat Luca nicht getötet. Aber sie hat ihn gehasst. Die Wut, die war nämlich echt.»
18 Koller musste Nina mit ihrem falschen Geständnis konfrontieren. Er wollte herausfinden, was der Grund dafür war. Schützte sie jemanden? Versuchte sie, die Ermittlungen zu sabotieren? Nicht, dass diese schon sehr weit gediehen wären. Koller gab zu, dass sie momentan auf der Stelle traten, die Befragung der engsten Freunde und Bekannten hatte nichts ergeben, die Auswertung der Handydaten und der kriminaltechnischen Untersuchung liess auf sich warten. Einzig der provisorische Obduktionsbericht lag vor. Bei Kindern arbeitet die Rechtsmedizin schneller. Und Luca war mit seinen fünfzehn Jahren noch immer ein Kind.
Ich wollte kurz mit Nina allein sprechen. Koller verliess das Büro und schickte sie herein. Ich sagte ihr auf den Kopf zu, dass sie gelogen hatte. Ich war nicht wütend, aber ich war auch nicht besonders freundlich. Etwas in Ninas Gesicht verschloss sich. Sie sprach nicht mit mir. Koller verweigerte sie anschliessend ebenfalls jegliche Antworten, so sehr er versuchte, sie zum Reden zu bringen. Schliesslich ordnete Koller seufzend an, dass Ninas Fingerabdrücke genommen wurden. Vielleicht war sie ja doch am Tatort gewesen, hatte aber den Schlag nicht ausgeführt. Auch ihre Handydaten würden ausgewertet werden. Danach entliess man uns – fürs Erste.
Die ganze Zeit über blieb Nina stumm wie ein Fisch. Erst als wir auf ihre Mutter zugingen, sagte sie etwas. Sie sagte: «Reden Sie mit ihr? Bitte.»
«Was? Gelogen?» Frau Behrens war ausser sich. Sie packte Nina an den Oberarmen und schüttelte sie. «Du hast mich belogen? Du hast Luca nicht umgebracht?»
Ich legte ihr beruhigend die Hand auf die Schultern. «Frau Behrens. Wir sind nicht allein.»
Tatsächlich wurden wir angestarrt; Frau Behrens Stimme war auf dem ganzen Stockwerk zu hören.
«Weshalb hast du das getan?», schrie sie. «Weshalb? Bekommst du dermassen wenig Aufmerksamkeit?» Sie versuchte Nina zu schlagen, aber es war keine gewalttätige Geste, vielmehr Ausdruck äusserster Hilflosigkeit. «Weisst du, was du mir angetan hast? Weisst du das?»
Tränen liefen über Ninas Gesicht. Sie sagte kein Wort. Irgendwie gelang es mir, die beiden nach draussen zu lotsen, die eine links, die andere rechts. Ich steuerte auf einen der wenig genutzten Rundbänke zu, die auf dem Kiesplatz vor dem Gebäude der Kantonspolizei und der Staatsanwaltschaft stehen.
«Jetzt wird erst einmal geraucht», verkündete ich. Rauchen war immer gut. Ich zündete eine Zigarette an, reichte sie Nina, dann tat ich das gleiche für Frau Behrens und schliesslich kam ich selbst zum Zug. Die Gemüter schienen sich etwas zu beruhigen. Ich inhalierte und sah in den blauen Himmel hinauf. Ein hübsches Lüftchen wehte. Ich schloss kurz die Augen und stellte mir vor, was für ein Leben ich führen könnte. Ein Leben ohne Mandanten, ohne Verbrechen, ohne Abgründe. Ich öffnete die Augen wieder. In der Ferne türmten sich dunkle Wolken auf. Bald würde es wieder regnen.
«Mama, ich habe dich noch nie rauchen sehen», sagte Nina. Frau Behrens liess den Oberkörper nach vorne fallen und brach in Tränen aus.
19 Ich kontrollierte mit der Hand die Temperatur des Badewassers, liess mehr heisses Wasser hineinfliessen. Im Bademantel ging ich in die Küche, nahm eine Flasche Chardonnay aus dem Kühlschrank und goss mir ein Glas ein. Ein einsamer Sonnenstrahl fiel durch das Fenster und liess den Wein hellgelb leuchten.
Zurück im Bad stellte ich das Glas auf den Wannenrand, liess den Bademantel zu Boden fallen und glitt vorsichtig ins Wasser. Es war wohlig warm und roch zart nach Lavendel. Ich streckte die Hand nach meinem Glas aus, trank einen ersten Schluck. Den hatte ich mir wahrlich verdient.
Der Nachmittag mit Nina, Koller und Frau Behrens war kein Zuckerschlecken gewesen. Erst die Einvernahme, dann hatte ich Nina und ihre Mutter nach Hause begleitet; ich hatte sie nicht gleich allein lassen wollen. Frau Behrens hatte abwechselnd geweint oder auf Nina eingeschrien und wirkte alles in allem wie eine Frau kurz vor dem Nervenzusammenbruch. Nina, stumm und blass, zeigte keine Reaktion, sondern liess die Mutter auflaufen. Teenager. Mich schauderte.
Ich lehnte mich entspannt zurück, nahm noch einen Schluck, behielt den kühlen Wein einen Moment im Mund. Im Wohnzimmer klingelte mein Handy. Ich entschied, dass der Anruf nicht wichtig sein konnte. Auf jeden Fall nicht wichtig genug, um meine Wohlfühloase zu verlassen. Das Handy verstummte.
«Na, wer sagt’s denn», flüsterte ich vor mich hin.
Kaum ausgesprochen, klingelte es von Neuem. Und nach einiger Zeit ein drittes Mal. Ich seufzte missmutig. Widerwillig hievte ich mich aus der Badewanne. Mit dem Fuss stiess ich gegen das Weinglas, es fiel zu Boden, Scherben und Wein verteilten sich auf den weissen Steinplatten. Ich fluchte laut. Im Gehen schlüpfte ich in meinen Bademantel.
«Das hat ja gedauert», sagte Béjart anstelle einer Begrüssung.
Danke, du mich auch, dachte ich.
«Warst du unter der Dusche?», fuhr Béjart fort.
Ich ignorierte die Frage. «Ich hoffe, es ist wichtig», schnauzte ich stattdessen.
«Es geht um heute Abend. Ich fürchte, wir müssen die Pizza verschieben.»
«Du fürchtest?», ahmte ich ihn nach.
«Ich habe Lily. Aimée muss für einen kranken Kollegen die Nachtschicht übernehmen.»
Lily ist Béjarts fünfjährige Tochter. Sie ist an zwei Tagen pro Woche bei Béjart, den Rest bei der Mutter. Wenn einer der beiden verhindert ist, springt der andere ein. So wie an diesem Abend.
«Es tut mir leid, Moira.»
«Kein Problem.» Ich überschlug im Kopf den Inhalt meines Kühlschranks. Es würde wohl wieder bei Pasta mit gekauftem Pesto bleiben. Beim Gedanken daran seufzte ich.
«So schlimm?», fragte Béjart spöttisch.
Ich errötete. «Ich seufze nicht wegen dir. Ich hab nichts zu essen hier.» Meine Rechtfertigung klang ziemlich lahm.
«Komm zu mir», lud Béjart mich spontan ein. «Ich koche uns was, bringe Lily zu Bett, und dann können wir uns unterhalten.»
«Ich weiss nicht.» Ich wollte mich nicht aufdrängen.
«Ich bin ein guter Koch.»
Das war er tatsächlich; ich hatte auch schon das Vergnügen gehabt.
«Und du hast Lily noch nicht kennengelernt. Komm schon. Sie wird sich freuen.»
Ich hatte Lily kennengelernt. Béjart hatte es vergessen. Im Zusammenhang mit dem Verschwinden meiner Schwester hatte ich im letzten Jahr Aimée, die Mutter von Lily, befragt. Sie ist Polizistin, spezialisiert auf verschwundene Personen. Leider hatte sie mir nicht weiterhelfen können. Bei unserem Gespräch hatte sie Lily dabeigehabt.
«Ich kanns nicht gut mit Kindern», sagte ich.
«Woher willst du das wissen?», fragte Béjart. «Hattest du jemals mit einem zu tun?»
Ehrlicherweise musste ich diese Frage verneinen. Ich habe mit Kindern nicht viel am Hut.
«Ausserdem ist Lily nicht irgendein Kind», sagte er voll Vaterstolz.
Nein, natürlich nicht. Auf diese Idee wäre ich nie gekommen. Ich unterdrückte einen weiteren Seufzer.
«Also gut», kürzte ich diese Unterhaltung ab, «wann soll ich bei euch sein?»
Nach dem Telefonat liess ich das Bad Bad sein. Stattdessen kehrte ich die Scherben zusammen, wischte den Boden. Dann zog ich schnell einen Pulli und eine Jeans über, kämmte meine Haare und legte einen Spritzer Parfum auf. Ich musste, bevor ich zu Béjart fuhr, kurz in die Stadt. Ich musste etwas für Lily kaufen. Kinder waren mir unbekannte Wesen. Ich begegnete ihnen lieber nicht mit leeren Händen.
20 «Los, kommt.» Nina stürmt aufgeregt voraus. «Lasst uns da drüben läuten.» Sie deutet auf die alleinstehenden Häuser auf der anderen Strassenseite.
Mathilda bleibt stehen, wirft einen unruhigen Blick auf ihre Uhr. Es ist kurz vor zehn. «Ich muss nach Hause, Nina. Ich bekomme sonst Ärger.»
«Nur noch da. Komm schon, Matti.»
«Geht ihr allein. Ich hab mehr als genug Süssigkeiten.» Mathilda hebt die volle Tüte hoch.
«Nina, lass es. Wir waren lange genug unterwegs.» Alisar ist wie immer die Stimme der Vernunft.
«Nur noch an einer Tür. Bitte. Es macht solchen Spass.»
Mathilda seufzt. Wenn Nina sich etwas in den Kopf gesetzt hat, bringen sie keine zehn Pferde davon ab. Aber für sie läuft die Uhr. Ihre Mutter versteht überhaupt keinen Spass, was Unpünktlichkeit anbelangt. «Wisst ihr was? Ich gehe nach Hause, und ihr bleibt noch.»
«Aber es ist dunkel.» Nina schaut sie an.
Mathilda muss grinsen. «Es ist Ende Oktober und beinahe zehn Uhr abends. Da ist es üblicherweise dunkel.»
«Hast du keine Angst, allein zurückzugehen?» Alisar schaut von Mathilda zu Nina. «Ich weiss nicht, Nina. Sie ist erst vierzehn.»
Widerstand regt sich in Mathilda. «Vierzehneinhalb», sagt sie kühl. «Ich bin kein Baby, Alisar. Ich schaffe das. Ich wohne fünf Minuten von hier.» Alisar benimmt sich immer, als sei sie, Matti, völlig unfähig. Sie geht zu Nina, küsst sie auf die Wange, macht dasselbe bei Alisar. «Viel Spass noch ihr beiden.» Sie dreht sich resolut um, geht los.
«Bist du sicher?», ruft Nina ihr hinterher. Mathilda hebt im Gehen die Hand, winkt. Sie muss nur die nächste Querstrasse nach links und dann alles die Museumstrasse entlang. Sie biegt ab, wirft einen Blick zurück. Nina und Alisar sind nicht mehr zu sehen. Mathilda beschleunigt ihre Schritte. Etwas unheimlich ist es schon, so allein unterwegs in der Nacht. Und hat sie nicht gerade ein Geräusch gehört?
«Süsses oder Saures!» Eine Gestalt im blutbefleckten weissen Hemd und Zombiemaske kommt aus dem Nichts, schneidet ihr den Weg ab. Matti stösst einen erstickten Schrei aus, die Tüte mit Süssigkeiten fällt zu Boden.
Der Zombie krümmt sich vor Lachen. «Heute ein bisschen schreckhaft unterwegs, Mathilda?»
Er kennt ihren Namen. Sie muss keine Angst haben. Sie will nach ihrer Tüte greifen, aber der andere ist schneller.
«Besten Dank, schöne … Was bist du überhaupt?» Er mustert ihr Kostüm durch die Augenhöhlen seiner Maske.
«Lass sie in Ruhe.» Ein Sensenmann hat sich von links genähert. Er nimmt dem Zombie die Süssigkeiten aus der Hand, hält sie Mathilda hin. «Hier.»
«Danke», flüstert Mathilda. Ihr ist noch immer unbehaglich zumute.
«Mann, was soll das?», fragt der Zombie. «Die Beute habe ich mir verdient.» Er will wieder nach der Tüte greifen.
Der Sensenmann schüttelt den Kopf. «Lass sie in Ruhe.»
«Stehst du etwa auf die Braut, Kevin? Ich mein, die Haare sind ja ganz geil, aber der Rest …»
Mathilda schiesst die Schamröte ins Gesicht. Sie macht einen Bogen um die beiden.
«Mathilda», sagt der Sensenmann, «ich …»
Mathilda lässt ihn nicht ausreden. «Ich muss los», sagt sie und stürmt davon.
21 «Schläft sie?», fragte ich Béjart, als er auf den Balkon trat. Ich hatte hier draussen eine Zigarette geraucht, während er Lily zu Bett gebracht hatte. Béjart bewohnte eine hübsche Wohnung in einem alten Bauernhaus am Stadtrand. Von seinem Balkon aus sah man über die Felder und weiter hinten ein Stück Wald.
Er nickte.
«Sie ist süss», sagte ich. Ich musste nicht einmal lügen. Lily war süss; sie hatte langes, seidiges Haar, dunkle Augen und ein glückliches Lächeln.
«Sie sieht aus wie du», sagte ich.
Béjart schwoll die Brust vor Stolz.
«Abgesehen von ihrem Lächeln», fügte ich hinzu. Ich zündete mir noch eine Zigarette an, reichte ihm die Packung. Er nahm sich eine, ich gab ihm Feuer. Mein Gesicht war nah an seinem.
«Was stimmt an meinem Lächeln nicht?», fragte er.
«Du lächelst nie», erwiderte ich. Ich sah Béjart an. Er sah immer ein wenig müde aus, ein wenig traurig und von Sorgen zerfurcht. Ich verspürte plötzlich den Drang, ihn an der Wange zu berühren. Béjart war mein Freund. Vielleicht war er mehr als mein Freund. Aber ich wollte nichts riskieren. Und sowieso: Schwang nicht in den meisten Freundschaften eine Spur körperlicher Anziehung mit?
Ein Geschrei, halb Mensch, halb Tier, liess mich zusammenzucken.
«Schon wieder diese Katzen!» Béjart war ungehalten. «Jeden Abend veranstalten sie ihre Kämpfe.»
Der Moment war vorbei. Ich trat einen Schritt zurück, drehte mich um und spähte über das Geländer in die Dunkelheit. Ich konnte keine Katzen sehen, aber das Geschrei hörte nicht auf.
«Lass uns rein gehen.» Béjart berührte mich am Arm. «Es ist kalt.»
Im Wohnzimmer setzte ich mich auf die dunkle Ledercouch, Béjart sich in einen Sessel mir gegenüber. Zwischen uns auf einer zum Beistelltisch umfunktionierten alten Truhe standen eine Flasche Wein und unsere Gläser. Ich beugte mich vor, griff nach meinem.
«Frau Behrens hat mich gebeten, Nachforschungen anzustellen. Sie will, dass ich herausfinde, wer Luca tatsächlich getötet hat. Sie will wissen, weshalb Nina die Schuld auf sich nehmen wollte.» Ich hatte Béjart, während Lily am Fernsehen das Sandmännchen geguckt hatte, bereits von meinem ereignisreichen Nachmittag erzählt.
«Wie ich dich kenne, hast du eingewilligt.» Béjart griff ebenfalls nach seinem Glas.
Ich zuckte mit den Schultern, nippte am Wein. «Ich musste.»
«Du musstest?», fragte Béjart mit einem ungläubigen Unterton.
Ich fuhr mit dem Finger über den Rand meines Weinglases, versuchte, ihm einen Ton zu entlocken. Ich dachte an Luca und an Nina. Irgendetwas musste vorgefallen sein zwischen ihnen. Wie Koller bemerkt hatte: Ninas Wut war echt. Ich fragte mich, wozu Nina gezwungen worden war. Und von wem.
Ich sah auf. Béjarts Blick ruhte auf mir; seine dunklen, tiefliegenden Augen verrieten nichts über seine Gedanken.
«Du vergisst, dass du Anwältin bist, keine Detektivin, Moira», sagte er sanft.
«Ist das nicht manchmal fast dasselbe?», entgegnete ich.
«Du weisst genau, weswegen du diesen Fall angenommen hast. Aber egal, wie sehr du dich anstrengst, du kannst deine Schwester nicht mehr retten.»
«Meine Schwester nicht. Aber eine andere Fünfzehnjährige.»
Ein Weinen aus Lilys Zimmer unterbrach unsere Unterhaltung. Béjart eilte zu ihr.
Ich trank mein Glas aus und fing dann an, die Küche zu machen. Ich war gerade dabei, die Pfannen abzuwaschen, als Béjart zurückkam. «Alles gut?»
Er nickte. «Nur ein schlechter Traum.» Er nahm ein Küchentuch und begann abzutrocknen. Ich betrachtete ihn. Ich fragte mich, was für eine Art Mann er vor Lily gewesen war. Manchmal wünschte ich, ich hätte, was er hatte. Manchmal wünschte ich, ich hätte etwas zu verlieren.
«Du guckst traurig, Moira.»
Unbewusst hatte ich beim Abwaschen innegehalten. Schnell machte ich weiter. «Alles gut», sagte ich. «Ich habe nur nachgedacht.»
Schweigend machten wir weiter, setzten uns danach zurück ins Wohnzimmer.
Béjart schenkte uns beiden Wein nach.
«Wie geht’s Asim?», fragte Béjart aus heiterem Himmel.
Asim war seit Jahren ein guter Freund von mir. Manchmal half er mir bei meinen Fällen; so hatten Béjart und er sich kennengelernt.
«Er ist für einen Monat in Pakistan bei seiner Familie.»
«Und das «Alibaba»?» Das «Alibaba» war Asims Restaurant, sein Baby.
«Bilal, sein Hilfskoch übernimmt in dieser Zeit. Ich hoffe, er enttäuscht Asim nicht.» Asim nahm es sehr genau, was die Zubereitung seiner Gerichte betraf. Deswegen lief das «Alibaba» seit Jahren gut.
«Vermisst du ihn?»
«Was?» Die Frage überraschte mich.
«Ob du Asim vermisst?» Béjarts Gesichtsausdruck war unergründlich.
Jetzt, wo ich darüber nachdachte, vermisste ich Asim tatsächlich. Ich war es gewohnt, ihn mindestens einmal pro Woche zu sehen, mich im «Alibaba» verköstigen zu lassen oder eine Flasche Wein mit ihm zu trinken. «Ja», antwortete ich.
Béjart sah mich nicht an. Bildete ich mir das ein, oder hatte sich seine Miene verdüstert? Ich nahm die Flasche vom Couchtisch, verteilte den Rest Wein auf unsere Gläser. Er nahm seines, trank einen grossen Schluck.
«Eifersüchtig?», fragte ich Béjart.
Seine Augen bohrten sich in meine. «Habe ich Grund dazu?», fragte er.
Ich erwiderte den Blick und schüttelte wortlos den Kopf.
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