Kitabı oku: «Lieben und geliebt werden»
Éva Fahidi
Lieben und geliebt werden
Mein Leben
nach Auschwitz-Birkenau
Aus dem Ungarischen von Doris Fischer

Inhalt
Statt eines Vorworts
Mein Onkel Géza
Asyl in Érsekújvár
Ein Krämerladen und drei Universitäten
Dr. Weil und seine schöne Frau
Pityu
Was hast du dir dabei gedacht, Pityu?
Hehre Ziele – Im Dienste der Gesellschaft
Gehorsames Schweigen
Das ist nicht, was ich will!
Ein böses Spiel
Sztálinváros
Credo in unam patriam?
Wechselbad der Gefühle
Die Akte István Radó
»Die beste aller möglichen Welten« …
Lufbi
Endlich glücklich
Die Bátor-Jungs
Mit dem Leben zufrieden
Mit heiler Haut davongekommen
Lufbi und der Plattensee
Schluss, aus, vorbei?
Buksi
Familie Pfeifer
Von Glück sagen …
Béla Pusztai und die Frauen
Ländliche und urbane Identitäten
Arrangierte Treffen
Zwischen Hoffnung und Verzweiflung
Wiedereintritt in die Partei?
Die fröhlichste Baracke des Sozialismus?
Die langen Jahre des Abschieds
Meine Familie
Éva Kende, meine einzige Freundin
Laci
Scheuklappen
Vater – Mutter – Kind
Endlich Enkelkinder!
Großmutter spielen
Import Export
Mein Einstieg in den Außenhandel
Spitzeldienste
Meine Erfahrungen bei Metalimpex
Auto, Haus und Garten – das Streben nach Besitz
Die Grenzen passieren …
Alles lernen, alles sehen wollen!
Meine Reisen nach Nordafrika
Der Sozialismus und der Konjunktiv
Meins? Deins?
Rakete und Saratow
Mein Vater
Geschichte eines Scheiterns
Intermezzo – das Plakat
Strandflieder oder die Euphorie des Seins
Statt eines Vorworts
Am 1. Juli 2003, neunundfünfzig Jahre nach meiner Verschleppung nach Auschwitz-Birkenau, kehrte ich aus eigenem Entschluss dorthin zurück. Ich war damals achtundsiebzig Jahre alt. Danach wollte ich das Unsagbare aus mir »herausschreiben«. Mithilfe des Zuspruchs und der Unterstützung meiner Familie und meiner Freunde schrieb ich das Buch Anima rerum. A Dolgok Lelke1, das 2005 in Ungarn erschien. Es hat mittlerweile die dritte Auflage erlebt und damit einen recht großen Leserkreis erreicht. Darüber freue ich mich sehr, und ich möchte allen, die es gelesen haben, dafür danken.
Schon vor 1947, dem Jahr, in dem das vorliegende Buch den Erzählfaden aus Die Seele der Dinge wieder aufnimmt, erlebten nicht alle von uns das, was uns widerfuhr, auf die gleiche Art und Weise. Das gilt auch für die Jahre danach. Aber auch wenn Schmerz, hilflose Wut, Erniedrigung und Hass nicht für jeden das Gleiche bedeuten, so gibt es doch viele Erfahrungen, die wir teilen. Und wir haben eben – abhängig vom Datum unserer Geburt – nach 1947 eine Reihe von Jahren gemeinsam erlebt.
Mit dem Titel meines Buches, Lieben und geliebt werden, möchte ich keine falschen Hoffnungen wecken. Ich schreibe über den ungarischen Sozialismus, und zwar so, wie ich ihn ganz persönlich erlebt habe. Es geht mir nicht um die Schilderung politischen Geschehens. Ich liebe es, über Menschen zu schreiben, bisweilen ein bisschen scharfzüngig, und nicht immer kann ich mir meinen Hang zur Ironie verkneifen. Schon so oft hat man mich gefragt, was ich für gut und was für wichtig halte, was ich tun würde, wenn … Man kann in der Tat viele Lehren ziehen aus etwas, was geschehen ist. Diese dann auch in die Tat umzusetzen, ist eine andere Sache.

Éva Fahidi schreibt an ihrem Buch (Foto: Zoltán Madácsi)
Die für mich wichtigste Lehre aus der Geschichte möchte ich an dieser Stelle deutlich herausstreichen: Es braucht ungefähr zweihundert Jahre, bis man wissen kann, was tatsächlich passiert ist. Denn nach dieser Zeit ist niemand mehr am Leben, der ein Interesse daran hätte, die historischen Tatsachen zu verdrehen. Diese allgemeingültige Weisheit stammt nicht von mir, sondern von Anatole France, den ich hier sinngemäß zitiere. Vor dem Hintergrund seiner Aussage kann ich denen, die die Geschichte heute verfälscht darstellen, nur prophezeien, dass die Nachwelt sie entlarven wird. Was sind schon zweihundert Jahre?
Eine persönliche Antwort auf die Frage, welche Konsequenzen ich aus dem, was geschehen ist, für wichtig halte, fällt mir leichter: Ich wünsche mir, dass sich die Welt in dem, was von grundlegender Wichtigkeit ist, einig ist. Aber was ist »grundlegend wichtig«?
Zum einen natürlich das LEBEN. Noch nie ist jemand von der »anderen Seite« zurückgekehrt. Hier, auf »dieser Seite«, sollte man human, anständig und mitfühlend sein, denn wir können ein einmal verlorenes Leben niemals ersetzen. Wer das in Abrede stellt, ist zynisch und unmenschlich.
Zum anderen die FREIHEIT. Eine Freiheit, die man nicht zu erklären braucht. Die Freiheit, in der sich der Wille der nicht manipulierten Mehrheit manifestiert – was zuweilen eine Zeitlang gelingt, wenn auch nicht perfekt, und was man dann Demokratie nennt.
Wir alle wissen aus Erfahrung, dass uns diejenigen Menschen am nächsten stehen, die in uns Gefühle erwecken, die uns glücklich machen oder auch manchmal schmerzlich sind. Menschen, von denen wir hoffen, dass wir ihnen wichtig sind, weil sie uns ihrerseits sehr wichtig sind. Menschen, denen wir vertrauen, denen wir alles sagen können, die wir lieben und die wir glücklich wissen wollen. Menschen, die unserem Alltag einen Inhalt geben, um derentwillen wir nach Hause eilen, um etwas Feines zu kochen.
Mit solchen Menschen habe ich in der Zeit des ungarischen Sozialismus gelebt. Mit ihnen teile ich die Erfahrungen jener Jahre. Diese Menschen sind das Wichtigste in meinem Leben. Über sie schreibe ich. Und ich danke ihnen dafür, dass sie stets für mich da waren und da sind.
12011 in der Übersetzung von Doris Fischer unter dem Titel Die Seele der Dinge erschienen im Lukas Verlag, Berlin.
Mein Onkel Géza
Asyl in Érsekújvár
Mein Onkel Dr. Géza Weil, Kreisarzt von Majcichov2, danach von Nové Zámky3 und später Arzt im Kibbuz Kfar HaChoresch4, war mein Ersatzvater. Er hat mich sehr beeinflusst. Als ich zwanzig war, behandelte er mich schon wie eine Erwachsene. Dabei bin ich nie richtig erwachsen geworden.
In meinem Buch Die Seele der Dinge schreibe ich, dass es für jemanden, der aus Auschwitz-Birkenau zurückgekommen ist, zwei Leben gibt: ein Leben vor Auschwitz und ein Leben danach.
Mein erstes Leben endete, als ich am 29. April 1944 aus der Tür meines Elternhauses in der Szoboszló Straße 15 in Debrecen trat, auf dem Weg in das Ghetto. Ich war damals achtzehn Jahre und fünf Monate alt. Noch heute, mit über neunzig Jahren, suche ich nach meiner Mutter, weil ich mich nicht damit abfinden kann, dass die Suche nach ihr vergeblich bleiben soll. Und noch heute warte ich auf die Rückkehr meiner kleinen Schwester, obwohl mein Verstand weiß, dass das unmöglich ist. Aber mein Gefühl? Mein Gefühl weiß das nicht.
Heute ist mir klar, dass ich mein Leben nach Auschwitz in dem Gefühl lebe, mir stünde alles zu und ich hätte auf alles ein Anrecht. Ja, uns Auschwitz-Überlebenden steht alles zu!
Man kann uns nicht entschädigen. Durch nichts in der Welt. Weder durch materielle Dinge noch durch die Empathie Außenstehender. Nur wir selbst, die wir überlebt haben und zurückgekommen sind, verstehen einander wirklich. Und dies nicht durch Worte. Es reicht ein Blick, um uns über eine gemeinsame Erinnerung zu verständigen – an eine Geste, an den Knall der Peitsche, als der Unmensch von der SS den Wasserkübel brachte und demjenigen, der etwas Wasser ergattert hatte, das Gefäß aus der Hand schlug.
Als der Krieg vorbei war, war die Welt voll von Menschen, die ziellos und entwurzelt umherirrten und nach Halt suchten – wie die Fäden der Spinnweben, die im Herbst in der Luft schweben. Auch ich gehörte dazu. Géza und seine Frau Hédi fanden meinen Namen schließlich auf einer Liste von Überlebenden deutscher Konzentrationslager, die auf dem Heimweg nach Ungarn waren. Wie wäre es mir wohl ergangen, wenn sie mir nicht in ihrem Haus in Érsekújvár5 Asyl gewährt und mich, das einzige überlebende Mitglied meiner Familie, nicht bei sich aufgenommen hätten? Die ersten zwei Jahre nach meiner Rückkehr verbrachte ich nur im Bett. Alles erschien mir sinnlos.
Ich liebte meinen Ersatzvater Géza sehr. Er war ein wunderbarer Mensch, aber er war nicht glücklich. Ich bin es ihm schuldig, meine Erinnerungen an ihn niederzuschreiben und damit zu bewahren.
Ein Krämerladen und drei Universitäten
Weiß heute noch jemand, wie viele Dörfer es in der großen österreichisch-ungarischen Monarchie gab – mit höchstens tausend Einwohnern, deren Häuser fast alle an der Hauptstraße lagen? Oft bestand das Dorf nur aus dieser Hauptstraße. Abgesehen von den Wohnhäusern gab es meist noch eine Kirche mit einem Kirchturm, eine Schule mit vier Klassenzimmern, ein Notariat, eine Kneipe und einen Krämerladen.
In so einem Dorf lebten Ungarn und Slowaken friedlich nebeneinander. Zumindest vertrugen sie sich an normalen Wochentagen. Die Slowaken aßen ihre Mohnklöße mit Honig und kochten Kohlrouladen mit Tomaten, die sie mit einer Mehlschwitze andickten. In der Fastenzeit gab es geräucherten Hering. Sie lebten jedoch immer so enthaltsam, dass man sich fragte, worauf sie während des Fastens überhaupt verzichteten. In den meisten Haushalten gab es Fleisch sowieso nur zur Kirchweih oder an Festtagen.
Welche spezifischen Sakramente die Slowaken hatten, war allenfalls zur Kirchweih Thema, dann nämlich, wenn ein angetrunkener slowakischer Bursche sich in das übernächste Dorf traute, weil er sich unsterblich in die schwarzen Augen eines dort lebenden ungarischen Mädchens verliebt hatte. In einem solchen Fall ging man natürlich – ganz im Namen der christlichen Nächstenliebe – mit dem Messer auf ihn los.
Aber ob Ungar oder Slowake – ansonsten spielte das keine Rolle. Das gemeinsame Elend verband sie. Das Wort »Lebensstandard« kam in ihrem Vokabular nicht vor. Sie mochten noch so viel schuften, sie schafften es gerade eben, von einer Ernte bis zur nächsten zu überleben.
In dem Dorf, in dem mein Onkel Géza aufwuchs, gab es ein Lehrerehepaar, das zwei Jahrgänge gleichzeitig in einem Raum unterrichtete. In den beiden ersten hatten sie meistens noch Schüler. Im dritten oder vierten Schuljahr ließen die Dorfbewohner ihre Kinder schon lieber Ziegen oder Schweine hüten. Es gab auch einen Notar. Er und der Dorfausrufer galten als die Obrigkeit im Dorf. Für den Erhalt der Ordnung war ein Gendarm in Paradeuniform auf einem tadellos gestriegelten Pferd zuständig.
Die Krämerläden waren zur Zeit der Monarchie entstanden und hatten quasi als dörfliche Institution überlebt. Man konnte dort alles bekommen, von Petroleum bis Zucker, von der »Pick«-Salami bis zum Zwirn und zum »Frank«-Ersatzkaffee. Petroleum wurde literweise verkauft und mithilfe eines Dezilitermaßes in eine mitgebrachte Flasche gefüllt. Es war sehr wertvoll – das Dorf hatte keinen Strom, und auf der Post, beim Fräulein vom Amt, existierte lediglich ein Kurbeltelefon. Zucker gab es damals schon in verschiedenen Sorten: als Kristall-, Puder- oder Würfelzucker, hauptsächlich aber in der Form eines Zuckerhuts. Den zerkleinerte der Krämer zunächst mit einem Hammer. Dann faltete er aus altem Zeitungspapier eine Tüte, die er leer in die größere Schale seiner Waage legte. In die kleinere kam ein Wägestück. In die leere Tüte füllte er so lange von dem zerkleinerten Zucker, bis beide Zungen der Waage nebeneinanderstanden. Zur Kontrolle hielt er diese auch noch einmal kurz mit der Hand fest. Bewegten sie sich beim Loslassen nicht mehr, war dies das Zeichen dafür, dass das Wägestück dem Gewicht der Ware entsprach. Alle Welt konnte nun sehen: Die beiden Waagschalen befinden sich auf gleicher Höhe, hier, bitte schön, geht alles ehrlich zu.
Unvergesslich und unverwechselbar war der Geruch so eines Krämerladens. Nicht, dass ein Geruch dominiert hätte, vielmehr bildeten alle Gerüche zusammen eine Harmonie. Der Geruch des Petroleums vermischte sich mit dem des leicht ranzigen Specks, der Dunst des Essigfasses mit dem des Sohlenleders, der beißende Geruch der Kaliseife mit dem ätzenden des Kupfersulfats und dem Gestank der Heringe.
Nicht nur in dieser Hinsicht ähnelten sich die Krämerläden, sie glichen sich auch in ihrer Einrichtung und in der Anordnung ihrer Räume. Wenn man sich in dem einen auskannte, fand man sich auch in einem anderen leicht zurecht. Der Eingang des Ladens lag immer auf der Straßenseite, auf der Hofseite befanden sich ein Parkplatz und die vom Laden abgehende Wohnung. Sie war aber auch direkt vom Hof her über die Küche zugänglich. Ein Krämerladen wurde von der ganzen Familie betrieben und hatte immer geöffnet zu sein. Die Ehefrau des Besitzers saß meistens an der Kasse. Wenn ihr Wissensdurst sie nicht an das städtische Gymnasium band, übernahmen die heranwachsenden Kinder nach und nach immer größere Aufgaben im Geschäft.
Den Namen des Dorfes, in dem mein Onkel Géza aufwuchs, habe ich leider vergessen, aber an den Krämerladen seines Vaters kann ich mich gut erinnern. Im Dorf hatte man sich seit Langem an Gézas Vater gewöhnt, man nannte ihn nur »Onkel Weil« – die Anrede »Herr« gebührte einem Juden auch hier nicht – und die Bezeichnung »stinkender Jude« wurde im Wesentlichen dann verwendet, wenn irgendwelche Wahlen anstanden. Zum Glück gab es ja auch noch die Slowaken, die man als »stinkend« bezeichnen konnte.
Nach dem 8. Mai 1945 kam das Attribut »stinkend« unter verändertem Vorzeichen erneut auf die Tagesordnung. Die Verwaltung lag jetzt nicht mehr in ungarischer, sondern in tschechoslowakischer Hand, und die Amtssprache war je nach örtlicher Verwaltung entweder Tschechisch oder Slowakisch. Daraus folgte ganz logisch, dass man Géza, den Sohn des Krämers, mittlerweile Kreisarzt von Nové Zámky, ganz im Sinne der Tradition auf der Straße anspuckte. Anders war nur, dass aus dem »stinkenden Juden« aufgrund der veränderten politischen Lage ein »stinkender Ungar« geworden war. Dabei war in Nové Zámky noch wenige Tage zuvor Ungarisch die Amtssprache gewesen. Und jeden Tag hatte beim Einlaufen des Schnellzuges aus Budapest eine Zigeunerkapelle gespielt.
Noch während seiner Grundschulzeit wandte sich das Lehrerehepaar, das Géza unterrichtete, an seinen Vater:
»Onkel Weil, Sie sollten Ihrem Sohn unbedingt eine Ausbildung ermöglichen. Es wäre eine Sünde gegen Gott, wenn Sie das nicht täten. Er hat einen so scharfen Verstand.«
So wunderte sich der Krämer Weil auch nicht, als ihm sein Sohn, der mit einem hervorragenden Abiturzeugnis aus Nyitra6 zurückgekehrt war, strahlend eröffnete: »Papa, ich werde Arzt!«
»Und wer soll das bezahlen?«, erwiderte er ganz nüchtern.
Aber wo ein Wille ist, ist auch ein Weg, und seit Bestehen der Menschheit kann der Wille Berge versetzen. Géza machte einen Onkel ausfindig, der in Kispest, einem Vorort von Budapest, ebenfalls einen Krämerladen betrieb, in dem sich Géza natürlich auf Anhieb wie in seiner Westentasche zurechtfand. Sofort stellte man ihm ein Kanapee, das gerade nicht gebraucht wurde, in eine Ecke. So war alles geregelt, und er arbeitete fortan gegen Kost und Logis im Laden.
Für Géza tat sich hier die Welt auf. Der Krämerladen war in einer Hinsicht genau wie der zu Hause, in anderer unterschied er sich jedoch gewaltig. Im Vergleich zu dem kleinen bescheidenen Dorfladen herrschte hier in Kispest ein unglaublicher Betrieb. Der Andrang begann schon in den frühen Morgenstunden. Es war noch dunkel, und es musste eine Petroleumlampe angezündet werden, um die erste Kundschaft zu bedienen. Zunächst erschienen die Marktfrauen. Sie waren mit ihren Waren auf dem Weg zur Großen Markthalle in Budapest. Sie schleppten riesige Ballen, Bündel und Körbe mit allem, was man essen und trinken konnte, von der gemästeten Gans bis zum selbstgemachten Himbeersirup, von paarweise zusammengebundenen Brathähnchen bis zum Pfirsich aus dem eigenen Garten. Danach kamen die Handwerker, die sich aufspielten wie die großen Herren. Sie trugen kein Werkzeug bei sich, denn sie hatten einen festen Arbeitsplatz. Es waren Maurer, Zimmerleute, Bautischler, Klempner und Schlosser. Ihnen folgten die kleinen Angestellten, denen man schon ansah, dass sie es nie weit bringen würden, aber irgendeine Art von Pension würde sicher für sie abfallen, wenn sie ihre Zeit auf dem Amtsgericht oder in irgendeiner anderen Amtsstube abgesessen hatten.
Hätte er es nicht mit eigenen Augen gesehen, Géza wäre nie auf die Idee gekommen, welche geradezu magische Anziehungskraft dieser Krämerladen jeden Morgen auf so viele Menschen ausübte. Als würden dort Süßigkeiten verteilt! Tatsächlich aber waren alle demselben Zaubertrank verfallen. Man hätte meinen können, sie kämen nur, um regelmäßig einen gemeinsamen Gott anzubeten. Dieser Gott hieß Alkohol – das war es, was sie wollten, auch wenn er verschiedene Namen trug: ein Dezi oder ein halber Dezi Obstschnaps aus Marillen, Pflaumen, Erdbeeren, ein Trester aus einem Obstgemisch oder – wenn auch selten – Rum. Für den Ausschank galten feste Rituale, er fand immer nur an einer bestimmten Stelle statt: Auf der Theke wurde ein zwei Hände breites Blech befestigt und zwar so, dass es sich leicht neigte. Auf den Boden neben die Theke stellte man eine Schale, sodass – sollte etwas von dem heiligen Nass versehentlich daneben fließen – es genau in diese Schale tropfte. So kam am Ende eines Tages eine ganz ansehnliche Portion Fusel zusammen. Morgens um halb sieben, wenn der erste Andrang vorbei war – heute würde man sagen: zum ersten Schichtwechsel –, erschien Janó. Er war so eine Art Dorftrottel. Ihm überließ man alles, was sich in der Schale am Boden gesammelt hatte. Gratis – er solle es nur mitnehmen.
Wie war Géza in seinem ersten Jahr als Medizinstudent in Budapest nur auf die Idee gekommen, man würde ihn nicht an die Front schicken, wenn er gegenüber der Einberufungskommission in den Ersten Weltkrieg vorgab, Tiermedizin zu studieren? Schließlich war damals in der k. u. k. Armee das Pferd von großer Bedeutung für die Logistik. Auch an der Front zogen Pferde die Wagen, die Gulaschkanonen und vor allem die echten Geschütze.
Géza landete also geradewegs an der Front, und kaum war er dort zu sich gekommen, sollte er dreißig klapperdürre Pferde wieder einsatzfähig machen. Ihm, der noch nie so viele Pferde aus der Nähe gesehen hatte, wurde schnell klar, dass er ziemlich in der Patsche steckte. Zum Glück hatte sein inzwischen pensionierter Vorgänger zwei wichtige Bücher über Pferdekrankheiten hinterlassen, und außerdem – was noch wichtiger war – gab es da einen Feldwebel, der sein ganzes Leben mit Pferden verbracht hatte. Man könnte natürlich fragen, wieso dann die Tiere in einen so schlimmen Zustand geraten waren. Géza konnte zu seinem Glück gut mit Pferden umgehen. Er widmete sich ihnen später sein ganzes Leben lang hingebungsvoll – er wurde sechsundneunzig Jahre alt – und war bald ein hervorragender Reiter.
Der Erste Weltkrieg ging zu Ende. Géza überlebte Doberdò und Isonzo7, und als er sich von der Front erholt und die Lage sich einigermaßen konsolidiert hatte, bewarb er sich an der Medizinischen Fakultät der Ungarischen Königlichen Pázmány Péter Universität in Budapest, um sein Studium fortzusetzen. Ich weiß nicht, ob er überrascht war, dass er dort nicht angenommen wurde. Am 26. September 1920 war nämlich vom ungarischen Parlament das als »Numerus Clausus«8 bekannte Gesetz verabschiedet worden, das die Zulassung von Juden zum Universitätsstudium beschränkte.
Erst siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bin ich darauf gekommen, dass wir uns einer Illusion hingeben, wenn wir sagen: »Der Krieg ist zu Ende.« Wir sprechen zum Beispiel über diesen Krieg, als wäre er damals und dort zu Ende gegangen, wo man 1945 aufgehört hatte zu schießen. Aber seit dem 8. Mai 1945 vergeht kein Tag, an dem nicht das weitergeht, was einen Krieg ausmacht. Wenn wir sagen, der Krieg ist zu Ende, bedeutet das nur, dass sich der Schauplatz verschoben hat. Die Auswirkungen sind auch nach so vielen Jahren immer noch gegenwärtig und unübersehbar.
Das war auch nach dem Ersten Weltkrieg nicht anders. In meiner Kindheit war der Erste Weltkrieg noch sehr unmittelbar zu spüren und zu sehen: Die einbeinigen und einarmigen »Helden« – besser gesagt: Opfer – und die Männer, deren Glieder ständig zitterten, weil in ihrer unmittelbaren Nähe ein Schrapnell eingeschlagen war, gehörten zum Straßenbild. Es gab viele Kriegswaisen und Kriegerwitwen, die eine Trafiklizenz9 erhalten hatten, weil jetzt sie es waren, die ihre Familie ernähren mussten. In meinem erweiterten Familienkreis von Fehérgyarmat10 über Wien, Prag, Bratislava, Nagyszombat11 bis Debrecen gab es keine Vitrine ohne eine kleinere oder größere Silbermedaille für »heldenhafte und aufopfernde Taten« im Ersten Weltkrieg.
Nachdem Géza in Budapest keinen Studienplatz erhalten hatte, führte sein Wille, Berge zu versetzen – diesmal den Gellértberg12 – erneut zu einem Erfolg. Er fand einen Verwandten in Wien, bei dem er wohnen konnte, und bekam einen Studienplatz an der Medizinischen Fakultät der Wiener Universität.
Obwohl sein Heimatdorf nach dem Ersten Weltkrieg gemäß dem Vertrag von Trianon zur Tschechoslowakei gehörte, schien es, dass Géza sein Studium würde absolvieren können. Im zweiten Studienjahr stellte sich aber leider heraus, dass der väterliche Krämerladen nicht genug Devisen erbrachte, um ein Studium in Wien zu finanzieren. So wurde Prag zu seinem dritten Studienort. Nebenbei bemerkt musste er an jeder dieser Universitäten ein Kolloquium ablegen und zwar auf Ungarisch, Deutsch und Tschechisch. Und bekanntlich finden derartige Prüfungen nicht in der Alltagssprache statt. Als Géza dann später in seiner Praxis in Majcichov sein Arztdiplom an die Wand hängte, beherrschte er folgende Sprachen: Ungarisch, denn das war seine Muttersprache; Deutsch, denn als er geboren wurde, existierte noch die Österreichisch-Ungarische Monarchie, wo Deutsch die wichtigste Sprache war; Slowakisch, weil in seinem Heimatdorf Ungarn und Slowaken lebten und jeder von ihnen auch die jeweils andere Sprache wie seine Muttersprache beherrschte; Tschechisch, weil er in Prag studiert hatte.
Ich frage mich, ob Géza wohl genug Humor besessen hätte, um Pál Teleki einen Dankesbrief zu schreiben. Zu der Zeit, als der besagte »Numerus Clausus« vom ungarischen Parlament ratifiziert wurde, war Teleki Premierminister. Hätte es dieses Gesetz nicht gegeben, hätte Géza alle seine Prüfungen in Budapest in seiner Muttersprache ablegen können.
Mit dem »Numerus Clausus« erwarb die ungarische Nationalversammlung die zweifelhafte Ehre, als erstes Parlament des modernen Europas ein Gesetz zur Diskriminierung der Juden verabschiedet zu haben. Mit den drei offiziellen »Judengesetzen«, die zwischen 1920 und 1941 in dem wunderschönen ungarischen Parlamentsgebäude verabschiedet wurden, kommt man also auf vier Gesetze, durch die die Juden massiv diskriminiert wurden.
Wie schon erwähnt werde ich oft gefragt, was ich im Leben für wichtig halte. Ich habe auf diese Frage zahlreiche Antworten parat: zum Beispiel, dass es nur in einer Demokratie, die sich nicht in das Alltagsleben der Bürger einmischt, zu leben lohnt, wie es Stéphane Hessel13 am Ende seines Lebens in seinem Essay Empört Euch! so großartig zum Ausdruck bringt. Was Géza betrifft, hat sich die Politik zeit seines ganzen Lebens in seinen Alltag eingemischt – wie auch in den Millionen anderer Menschen.
Dr. Weil und seine schöne Frau
Ich bedaure sehr, dass in unserer Familiengeschichte nicht überliefert ist, wie Géza meine Tante Hédi, eine wunderschöne Frau und die Schwester meiner Mutter, kennenlernte. So viel aber weiß man: Es war eine stürmische große Liebe. Jedenfalls am Anfang. Sie begehrten einander, wollten den anderen aber auch besitzen und beherrschen. Wie man auf alten Fotos sehen kann, zeigte sich nach den ersten zehn Ehejahren um Gézas Mund ein unverkennbar enttäuschter und schmerzlicher Zug, der nie mehr aus seinem Gesicht weichen sollte.
Gleich zu Beginn ihrer Beziehung erklärte Géza stolz, dass er Hédi wolle und nicht etwa ihre Mitgift. Er habe ein anständiges Einkommen, von dem er ohne Weiteres eine Familie ernähren könne. Doch Géza hatte nicht bedacht, dass sein Ausgangspunkt ein kleiner Krämerladen am Ende der Welt war. Von dort aus betrachtet hatte er es sehr weit gebracht. Hédis Kindheit war jedoch eine ganz andere gewesen. Sie hatte in Trencsén14 ein Mädchenpensionat besucht. Von ihrem Elternhaus in Ógyalla15 aus wurde sie in einem Zweispänner von einem livrierten Kutscher dorthin gefahren. Aber nicht nur dorthin. Die Kutsche war ihr Verkehrsmittel schlechthin. Es ist müßig aufzuzählen, was noch alles zu den für sie selbstverständlichen Lebensgewohnheiten gehörte. Vor diesem Hintergrund ist es nicht verwunderlich, dass Géza, nachdem er schon eine gewisse Zeit mit Hédi verheiratet war, doch ganz unterwürfig bei meinem Großvater Alfréd Weisz erschien. Vielleicht war dies das erste Mal, dass sich jener gewisse Zug um seinen Mund herum zeigte.
Ich sehe meinen Großvater in seinem Büro in Ógyalla förmlich vor mir, wie er den Tresor öffnet – dafür musste er ein großes Rad an dessen Tür drehen –, wie er hineingreift, das Metalltablett hervorholt, auf dem die gebündelten, verschnürten Geldscheine aufbewahrt wurden, und Géza mit triumphierender Miene Hédis abgezählte Mitgift vor die Nase legt. Auch wenn es noch so viel Geld gewesen sein mag – ich weiß, dass Géza sich nicht darüber freute. Hédi hatte ihm zum ersten, aber nicht zum letzten Mal das Rückgrat gebrochen.
Mein Großvater hatte seinen Töchtern nicht nur Geld, sondern auch einige seiner Eigenschaften vererbt, die mein Vater, wenn er sich über meine Mutter ärgerte, als das »Alfréd Weiszsche Blut« bezeichnete. Das hatte aber auch gute Seiten: Mein Großvater verfügte zum Beispiel über ein hervorragendes Organisationstalent, die Fähigkeit, eine Situation schnell zu durchschauen, Schlagfertigkeit und einige andere Eigenschaften, die auch Hédi auszeichneten. Alfréd Weisz’ Töchter wuchsen auf einem großen Gut auf. Sie waren dessen Dimensionen, große Haushalte und eine entsprechende Haushaltsführung gewohnt, und sie waren gebildet und ehrgeizig.
So hätte sich Hédi als junge Ehefrau auch gern noch außerhalb ihres ihr beengt erscheinenden Vierpersonenhaushalts betätigt, zum Beispiel ein kleines Café, eine Konditorei oder eine Leihbibliothek geführt. Etwas, wo sie ein bisschen hätte organisieren, lächeln und charmant sein können. Jeder hätte sehen können, wie tüchtig sie war und was für fantastische Einfälle sie hatte. Aber Géza erlaubte das nicht. Er zahlte ihr die mit seiner Demütigung verbundene Mitgift in kleiner Münze zurück. Es half nicht, dass sie Kinder hatten. Mit der Zeit wurde die Stimmung zwischen ihnen immer bitterer.
Hédi war durch und durch Frau. Die einfachste Waffe einer Frau, das »Ja« und das »Nein«, hielt sie fest in der Hand und setzte sie ein, auch im Bett. Hédi wusste, dass Géza ihr bedingungslos ergeben und damit waffenlos war. Sie traf ihn, wo er am verletzlichsten war. Ihre Gunst gewährte sie ihm nur in kleinsten Portionen. Diese Stimmung herrschte, als das Jahr 1942 über Hédi und Géza hereinbrach und in der Slowakei die Deportationen nach Auschwitz-Birkenau begannen.
In meiner Kindheit verging kein Jahr, in dem meine Schwester Gilike und ich nicht eine gemeinsame Zeit mit Gertike und Lackó – Gézas und Hédis Kindern – verbracht hätten. Entweder bei uns in Debrecen, bei ihnen in Majcichov oder bei den Großeltern. In besonderer Erinnerung sind mir die Sommer auf dem Landgut meiner Großeltern geblieben. Welcher mag der letzte gewesen sein? Wahrscheinlich der des Jahres 1937. Nach dem Anschluss16 1938 verschwand der Wiener Teil der Familie. Als die deutsche Wehrmacht 1942 die Slowakei besetzte, wurden Géza und seine Familie von Freunden in der Papierfabrik in Heřmaneč17 versteckt, wo Géza als Betriebsarzt unterkommen konnte. Bis zum letzten Augenblick, bis zum Juni 1944, solange wir in Debrecen im Ghetto waren, schrieben wir einander Postkarten – auf Deutsch – in einer Geheimschrift. Die Familien wussten alles voneinander. Nach dem Krieg, als Géza und Hédi mich bei sich in Érsekújvár aufnahmen, erhielt ich von ihnen das letzte handschriftliche Dokument meiner Mutter: eine Postkarte, die sie ihnen aus dem Debrecener Ghetto nach Heřmaneč geschickt hatte. In meinem Buch Die Seele der Dinge findet sich eine Abbildung dieser Postkarte. Man kann sie dort auch lesen.
Die im Ungarischen mit einem Spottnamen versehenen Slowaken nahmen es mit der Freiheit ernst. Im Laufe der Geschichte waren sie nicht allzu oft in ihren Genuss gekommen: Meistens waren sie die Knechte und die Ungarn die Herren gewesen. Und jetzt waren es nicht mehr nur die Ungarn, sondern auch noch die Deutschen, die ihnen im Nacken saßen. Die Slowaken organisierten eine echte Partisanenbewegung. In Besztercebánya18 besetzten sie den Wald. Dorthin flohen auch Géza und seine Familie, als sich 1942 die Schlinge um ihren Hals immer mehr zuzog und sie ihre provisorische Unterkunft in Heřmaneč aufgeben mussten.
In Birkenau war die Blockälteste in meiner Baracke ein gleichaltriges Mädchen namens Sosanka, das zufällig auch aus der Slowakei stammte. Sie hasste uns aus ganzem Herzen, denn sie war schon 1942 nach Birkenau deportiert worden, als wir noch ein Zuhause hatten, zur Schule gingen und unsere Eltern noch lebten.
Anders als die Juden in Ungarn waren die slowakischen Juden nicht mit selbst verschuldeter Blindheit und Taubheit geschlagen. Sie wussten, was sie erwartete, und wer konnte, war geflohen. Die Deportationen aus der Slowakei folgten einem anderen Drehbuch als die aus Ungarn. Man holte zuerst die jungen Mädchen – »für deutsche Soldaten«19. Mein Onkel Géza erfuhr davon zum ersten Mal von einem Herrn Dr. Fischer, Arzt wie er selbst, allerdings mit dem Unterschied, dass Dr. Fischer bei der SS war. Noch etwas gibt es über ihn zu sagen: Er hegte tiefe Gefühle für Hédis Cousine Duci. Und er rettete, wen er nur konnte.
Mit seiner Hilfe organisierte Géza, dass seine beiden Kinder nach Ungarn geschmuggelt wurden. Es wurde aber Februar 1944, bis dies nach unermesslich viel Überlegung, Planung, Organisation und mithilfe von Geld und Beziehungen, trotz aller Zweifel und verbunden mit wer weiß was sonst noch, gelungen war. Aber es gelang. So kamen die siebzehnjährige Gertike und der dreizehnjährige Lackó nach Budapest. Sie wohnten bei Gézas Bruder, der dort ein Juweliergeschäft betrieb. Es war eine entsetzliche Tragödie, dass gleich nach ihrer Ankunft auch die Wehrmacht dort eintraf: Am 19. März 1944 wurde Ungarn von deutschen Truppen besetzt.
Man wird nie erfahren, warum Lackó das Haus verließ. Man wird auch nie erfahren, warum sein Onkel, dem Lackó aus dem Lager in Kistarcsa20 schrieb, er solle kommen und ihn mit viel Geld freikaufen, dies nicht tat. Man weiß nur, dass dieser seinen Bruder Géza über Lackós Internierung informierte und ihn um das Geld bat, weil er selbst keines habe. Als das Geld eintraf, lag Lackós Asche wahrscheinlich schon im Sumpf von Birkenau. Lackó war dreizehn Jahre alt und von kleiner Statur. Er fiel genau unter die Kategorie jener, die sofort nach ihrer Ankunft in Auschwitz in die Gaskammern getrieben wurden.
Dr. Fischer nahm das Risiko auf sich, Gertike aus Budapest wieder zurück zu schmuggeln. Zu jener Zeit las ich unter meiner Bettdecke mit der Taschenlampe die Romane von Jókai21. Bei ihm fällt es leicht, sich mit den unterschiedlichen Charakteren zurechtzufinden. Sie sind entweder gut oder böse, weiß oder schwarz. Zwischentöne gibt es nicht. Aber im Leben ist es anders. Ein und derselbe Mensch kann sowohl gut als auch schlecht sein. Um im Bild der Farben zu bleiben, könnte man das vielleicht als grau bezeichnen. Wie viele Schattierungen hat Grau? Dr. Fischer war Arzt bei der SS. In vielen Fällen setzte er sein Leben aufs Spiel, indem er Menschen rettete, die der SS zufolge seine Feinde waren. Für mich waren es meine Verwandten. Was für ein Mensch war also Dr. Fischer?
Auch dieser Krieg ging zu Ende. Géza und Hédi nahmen mich bei sich auf und versuchten, die Lebensgeister in mir neu zu wecken. Gertike pflegte mich treu. Aber im Zusammenleben mit ihnen offenbarte sich mir auch ihr Leid.
Gott hatte Gézas und Hédis Sohn Lackó sicher nach seinem Ebenbild geschaffen und gewiss, als er gut gelaunt war. Lackó war ein freundlicher, fröhlicher Junge, intelligent und lebhaft. Ein sehr liebenswerter Mensch mit einer angenehmen Stimme und einem zuvorkommenden Benehmen. Warum hatte Gott ihn geschenkt, um ihn gleich wieder zu nehmen? Hédi hätte fast den Verstand verloren. Gibt es etwas Schlimmeres für Eltern, als das geliebte Kind zu verlieren? Hédi war danach nicht mehr sie selbst, sie verlor jedes Maß, sie gab Géza an allem die Schuld. Sie wollte sich für alles an ihm rächen: dafür, dass er von Anfang an ihre Selbstverwirklichung verhindert hatte, dafür, dass Lackó umgekommen war.
Und sie wollte sich für alle ersichtlich an Géza rächen, ihn vor aller Augen erniedrigen. In einer so kleinen Stadt wie Érsekújvár war das nicht weiter schwierig. Hédi war damals immer noch eine sehr schöne Frau. Sie zeigte sich ganz ungeniert mit einem um viele Jahre jüngeren Geliebten, der in der kleinstädtischen Hierarchie einen recht hohen Rang bekleidete. Und vermutlich gewann er noch dadurch an Prestige, dass er der Geliebte der schönen Frau des Dr. Weil war.
Géza ertrug das. Aber der schmerzliche enttäuschte Zug um seinen Mund verstärkte sich zunehmend. Dachte er wohl auch darüber nach, ob er nicht selbst etwas dazu beigetragen hatte, dass es so weit gekommen war?
Jahre später begegnete mir der ehemalige Geliebte meiner Tante Hédi übrigens völlig unerwartet wieder. Ich arbeitete zu der Zeit bereits im Außenhandel der ungarischen Stahlindustrie bei der staatlichen Firma Metalimpex. Unsere Arbeit war nach Regionen aufgeteilt und ich für die Schweiz zuständig. Eines Tages wurde ich zu einem neuen Schweizer Vertreter gerufen. Ich ging also in den »Pferdestall« hinunter – so nannten wir den Verhandlungsraum. Dort erwartete mich ein bekanntes Gesicht: Da saß jener Mann als Schweizer Kunde vor mir. Ich war völlig perplex. Ich hatte jahrelang nichts von ihm gehört, er interessierte mich auch nicht sonderlich. Aber durch ihn wurde in mir auf Anhieb die schmerzhafte Erinnerung an die Atmosphäre der Zeit in Érsekújvár wieder lebendig. Auch er war sehr überrascht. Er hatte sicher mit allem Möglichen gerechnet, nur nicht damit, mir dort zu begegnen. Wir waren beide angespannt und darauf bedacht, das Gespräch ohne irgendwelche Anspielungen auf die Vergangenheit hinter uns zu bringen.

Dr. Géza Weil, Kreisarzt, Nové Zámky
Gézas und Hédis Schicksale waren unauflöslich miteinander verflochten. Der Gedanke an eine Scheidung kam niemals auf. Ihr gemeinsamer Schmerz führte sie von einem Kontinent zum anderen. Zunächst folgten sie ihrer Tochter Gertike, die nach Kanada geheiratet hatte, fühlten sich dort aber nicht heimisch. Danach gingen sie nach Israel, wo Géza Arzt im Kibbuz Kfar HaChoresch wurde. Die Kibbuzverwaltung hätte Hédi gerne mit der Leitung des dortigen Erholungsheims betraut, aber auch das erlaubte Géza nicht. Er war sogar auf die Luft eifersüchtig, die Hédi atmete.

Von links nach rechts: Géza Weil, Hédi Weisz, ihr Enkel Dávid, Gerti und ihr Mann Endre Blum
Zu seinem vierundneunzigsten Geburtstag erhielt ich von Géza eine Einladung. Hédi und er wohnten in Haifa in einem Altenheim für Ärzte. Während meines Besuchs fragte ich ihn eines Morgens, wie er geschlafen hatte.
»Wegen deiner Tante, dieser verdammten Hure, habe ich kein Auge zugetan. Sie hat mich betrogen, ich habe es die ganze Nacht gehört«, war seine Antwort.
»Aber Onkel Géza, das kann nicht sein, sie lag doch die ganze Nacht hier neben dir!«
Die Altersdemenz trug offenkundig ein Übriges zu der Situation bei. Davon abgesehen waren Gézas Augen sehr schlecht geworden. Er konnte nicht mehr lesen und auch nicht mehr fernsehen.
»Wo du bist, sehe ich nur einen großen Fleck«, sagte er.
Géza starb im Alter von sechsundneunzig Jahren. Hédi war zehn Jahre jünger als er. Nach seinem Tod kümmerte sich ihr Neffe um sie. Er folgte ihr in die Geschäfte und bezahlte, was sie entwendet hatte – Hédi litt an Kleptomanie. Auch sie war über neunzig, als sie starb, aber ihr Leben lang ging sie nie ungeschminkt auf die Straße. Sie blieb bis zuletzt die schöne Frau von Dr. Géza Weil.
2Gemeinde im Westen der Slowakei.
3Stadt in der Südslowakei, ung. Érsekújvár, dt. Neuhäusl.
4Kibbuz im Norden Israels, etwa 2 km westlich von Nazareth.
5Stadt in der heutigen Slowakei, slowak. Nové Zámky.
6Kleine Stadt in der westlichen Slowakei, slowak. Nitra.
7Kriegsschauplätze des Ersten Weltkriegs in Italien, an denen die Ungarn unterlagen und große Verluste erlitten.
8Diesem Gesetz zufolge wurde die Anzahl der Studenten an den Hochschulen hinsichtlich ihrer ethnischen Zugehörigkeit proportional zur Größe der jeweiligen Volksgruppe festgelegt. Obwohl der »Numerus Clausus« offiziell kein Gesetz zur Diskriminierung von Juden war, wurde die Immatrikulation an eine Universität an das Verhältnis von »Rassen und Nationalitäten« in der Gesamtbevölkerung gebunden, mit der eindeutigen Absicht, die gesellschaftlichen Aufstiegsmöglichkeiten der Juden zu beschneiden.
9Trafik: kleiner Laden für Tabakwaren, Zeitungen, Fahrkarten für öffentliche Verkehrsmittel u. Ä.; Trafiklizenzen wurden auf Lebenszeit vergeben, bevorzugt an Kriegsinvaliden, Kriegerwitwen und schuldlos verarmte Beamte.
10Kleine ungarische Stadt ca. 90 km nordöstlich von Debrecen.
11Heute in der Slowakei, slowak. Trnava, dt. Tyrnau.
12Im I. und XI. Bezirk Budapests am Westufer der Donau gelegener 235 m hoher Berg.
13Stéphane Fréderic Hessel (1917–2013): geb. in Berlin, seit 1937 französischer Staatsbürger, Überlebender des KZs Buchenwald, Diplomat, Autor, politischer Aktivist.
14Heute in der Slowakei gelegene Stadt, slowak. Trenčín, dt. Trentschin.
15Gemeinde in der Südslowakei, slowak. Hurbanovo, dt. Altdala.
16Eingliederung des Bundestaates Österreich in das nationalsozialistische Deutsche Reich.
17Im heutigen Tschechien gelegene Gemeinde, dt. Hermantsch.
18Ort im Zentrum der Slowakei, slowak. Banská Bystrica.
19Im Original auf Deutsch.
20Ungarische Stadt an der nordöstlichen Stadtgrenze von Budapest; in den 1930er Jahren gab es dort ein Internierungslager, eingerichtet vom ungarischen Innenministerium; nach der deutschen Besatzung 1944 Sammellager für die Deportationen nach Auschwitz.
21Mór Jókai (1825–1904): ungarischer Schriftsteller und Journalist.
Pityu
Was hast du dir dabei gedacht, Pityu?
Die Vorstellung, dass alles, was in der Gegenwart passiert, irgendwann Geschichte sein wird, hat mich schon immer beschäftigt. An einem ganz gewöhnlichen Tag, irgendeinem Dienstag oder Mittwoch, an dem wir unserem normalen Alltag nachgehen, kocht die Ägäis über. Und ehe wir uns versehen, werden die Eisberge der Arktis geschmolzen sein. Merkt euch das Datum. Es wird einmal Teil unserer Geschichte sein.
Nichts ist leichter, als im Nachhinein alles besser zu wissen. Wenn wir heute über die Fünfzigerjahre sprechen, brauchen wir nicht viel zu erklären. Als wir uns mittendrin befanden, erlebten wir die Folgen dessen, was im Laufe der Vierzigerjahre geschehen war. Hatten wir damals etwas geahnt? Hatten wir die bedrohlichen Vorzeichen ernst genommen und beunruhigt auf sie reagiert? Im Nachhinein müssen wir diese Fragen leider verneinen.
Die Brüder Gyuri und Pityu kommen eines Tages zum Mittagessen nach Hause und setzen sich zu Tisch, als Gyuri ohne Umschweife verkündet:
»Omi, heute haben wir deine Felder aufgeteilt!«22
Omi isst ruhig weiter, und als lese sie die Antwort aus einem Buch ab, antwortet sie: »Gyuri und Pityu, wenn ihr das getan habt, dann ist das sicher das Beste.«
Genau so wird laut Familienüberlieferung beschrieben, wie die Enkel ihrer Großmutter mitteilten, dass sie ihr Land aufgeteilt hatten. Wie mochte sie sich dabei gefühlt haben? Wir werden es nie erfahren. Fest steht aber, dass sie auch mit über neunzig Jahren noch jeden Morgen in den Spiegel schaute, um zu kontrollieren, ob ihre Strumpfnaht gerade saß, weiterhin zweimal wöchentlich zu ihrer Bridgerunde ging und angesichts der Wende, die ihr Leben genommen hatte, nach dem Mittagessen die Gläser jetzt selbst abtrocknete, wobei sie sie von Zeit zu Zeit gegen das Licht hielt. So würde jeder bezeugen können, dass sie nicht das kleinste Staubkorn übersehen hatte.
Wie ging es seinerzeit weiter?
Gyuri, der während der Revolution 1956 ein Krankenhaus leitete, weigerte sich, Kádárs23 Leuten die Verwundeten herauszugeben. Es fehlte nicht viel und er wäre dafür hingerichtet worden.
Pityus Schicksal verlief anders. Er war als Chefredakteur der Parteizeitung des Komitats Baranya24 Sprachrohr der PARTEI25. Bis er eines Tages zum Volksfeind, genauer gesagt zum »Kettenhund Titos26« erklärt wurde, ahnte er nicht, dass man ihn einmal jeden Tag und so lange schlagen sollte, bis er den gewünschten Leitartikel schreiben würde, um auf der Grundlage absurdester Details, von denen nicht ein einziges der Wahrheit entsprach, darzulegen, wie er die Partei verraten hatte. Dieser Artikel besiegelte sein und unser gemeinsames Schicksal. Pityu war mein Mann. Aber wie war es dazu gekommen, dass Pityu und damit auch mir so etwas Grausames widerfuhr?
Vor meiner Rückkehr nach Ungarn lag ich bis 1947 in Érsekújvár im Bett und wartete auf ein Wunder. Auf irgendetwas, das meinem Leben wieder einen Sinn geben würde. Mein Onkel Géza gab mir Das Kapital von Marx, als hätte er geahnt, dass ich mich für die Marxschen Ideen begeistern würde. Auf der Klosterschule in Debrecen hatten wir zwar etwas über die Arbeiterbewegung gelernt, aber nur deshalb, weil »man den Feind kennen muss, um ihn zu besiegen«. Nachdem ich Das Kapital mit wachsendem Interesse gelesen hatte, war ich der festen Überzeugung, der Marxismus wäre die einzige humanistische Lehre und der Sinn meines weiteren Lebens bestünde darin, für ihre Verwirklichung einzutreten. Ich war glücklich bei dem Gedanken, endlich etwas Nützliches, Wichtiges für die Menschheit leisten zu können.
»Es sind mehr zurückgekommen, als deportiert wurden!«, ertönte es vollkommen ungeniert, beinahe freundlich, in meinem Rücken, als ich nach meiner Ankunft in Debrecen über den Marktplatz ging. Debrecen ist eine kleine Stadt, in der jeder jeden kennt. So eine antisemitische Äußerung ganz nebenbei nahmen wir gar nicht mehr zur Kenntnis, vielleicht hätte uns sogar etwas gefehlt, wenn dergleichen nicht geäußert worden wäre; wir hätten das Gefühl bekommen können, ignoriert zu werden.
»Évchen, wir haben uns ja noch gar nicht gesehen!«, strahlten mich eine Minute später die blauesten Augen aus einem wunderschönen Gesicht an. »Hast du heute Nachmittag schon etwas vor?« Und ohne meine Antwort abzuwarten, fuhr die Frau fort: »Komm doch heute um fünf Uhr auf einen Tee zu uns!«
Ob sie schon etwas ahnte? Ich jedenfalls nicht, aber nur kurze Zeit darauf war sie meine Schwiegermutter. Ich nannte sie »Mamimami«, denn ihre Liebenswürdigkeit mir gegenüber hätte für zwei Mütter gereicht.
Jeder in dieser Familie hatte vergissmeinnichtblaue Augen – mein Schwiegervater, meine Schwiegermutter und ihre beiden Söhne.
Mein Schwiegervater war Gynäkologe und Geburtshelfer des Kreises, und sein Sohn sollte keine »Katze im Sack« heiraten. Meine Schwiegereltern erwarteten von mir, mich so zu benehmen, wie es meiner bürgerlichen Erziehung entsprach. Sie sahen mich selbst dann noch im Glanz des Geldes meines Vaters, als nicht einmal mehr die Spur einer Erinnerung daran existierte. Aber der Nimbus, in ihrem Sinn eine »gute Partie« zu sein, umgab mich auch noch, als ich ein halbes Königreich für einen von einem Ladekran erschlagenen proletarischen Vater gegeben hätte. Doch wen interessierte es schon, dass ich mich darum bemühte, proletarisch zu denken? Man nahm mir nicht ab, dass ich es damit wirklich ernst meinte.
Als ich nach einer Woche Bekanntschaft einwilligte, ihren Sohn zu heiraten, war ich unerfahren und vor allem ungeduldig. Hätte mir damals jemand erklärt, dass ich vor allem gesellschaftlichen Status und Sicherheit suchte, wäre ich bestimmt sehr überrascht gewesen, denn mir selbst gegenüber hätte ich das nicht eingestanden. Während der beiden Jahre in Érsekújvár, als ich slowakische Grammatik geübt und Das Kapital gelesen hatte, war ich die Nichte meines Onkels gewesen. Zurück in Debrecen war ich nun plötzlich wieder die Tochter meines Vaters. Aber eine Familie, die mir Sicherheit gegeben hätte, existierte nicht mehr. Ich war vollkommen auf mich allein gestellt und hatte niemanden, auf den ich mich stützen konnte.

Éva und ihr erster Mann, István Radó
An dem besagten Tag trank ich also um fünf Uhr Tee bei jener Familie mit den vergissmeinnichtblauen Augen, die mich so liebevoll empfing, als gehörte ich schon lange dazu, und in der es einen Sohn gab, von dessen Existenz ich zwar wusste, dem ich bis dahin aber noch nie begegnet war. Denn zu der Zeit, als das möglich gewesen wäre, war er beim Arbeitsdienst und ich auf dem Weg ins Konzentrationslager. Nun aber war ich wieder da. Der Sohn begleitete mich nach Hause, auch er war sehr nett, hatte einen wunderbaren Humor, war erwachsen – sechs Jahre älter als ich – und behandelte auch mich als Erwachsene. Außerdem war er – eigentlich unerhört in einer solchen Familie – sozusagen ein illegaler Kommunist. Was für eine Ehre! Und er nahm es mir ab, dass ich wirklich an Marx glaubte, meinen Platz in der Welt suchte und dafür viel Gutes leisten wollte. Wir trafen uns fortan jeden Tag und verstanden uns großartig.
Natürlich wurde mit zarter Hand Druck auf uns ausgeübt, und schließlich waren alle beruhigt, dass wir den gesellschaftlichen Erwartungen entsprachen: Am Vormittag des 24. Dezember erschienen mein Bräutigam und ich in Begleitung einiger weniger Menschen – genau genommen nur der beiden Trauzeugen – auf dem Standesamt, um einander das Jawort zu geben. Was hätte meine Mutter wohl dazu gesagt, wenn sie dabei gewesen wäre? Bis zu dem Zeitpunkt hatte ich noch keinen Mann geküsst.
In meinen Kreisen lernte ein Mädchen von seiner Mutter, was weibliche Würde bedeutete und wie man breitkrempige Hüte und Breitschwanz-Pelzmäntel trug – auch wenn man dabei das arme Lamm vor Augen hatte und einen solchen Mantel ohnehin nie anziehen würde. Was ging in einem zweiundzwanzigjährigen Mädchen vor, das von der Geschichte um das wärmende Nest der Familie, um den ersten Ball, den ersten Walzer und das dazugehörige Herzklopfen gebracht worden war? Und auch darum mitzuerleben, wie seine Mutter sich über die Schönheit ihrer Tochter freute. Die schon allein aufgrund ihrer Jugend schön war, was ihr selbst freilich zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht zu Bewusstsein kam. Woher wusste Alexei Tolstoi27 davon? Wieso konnte er in seinem Buch Die Schwestern28 das Schicksal von Katja und Dascha so einfühlsam beschreiben? Woher wusste er, was in einem Mädchen vorgeht? Wie seine Entwicklung zur Frau aussieht? Wie es sich auf seine weibliche Rolle vorbereitet – eine Rolle, für die es zahlreiche Generalproben gibt? Ein Mädchen, das sich in diesen Situationen übt, bis ihm alles quasi in Fleisch und Blut übergegangen ist, das nach dem Vorbild seiner Mutter erwachsen wird und ganz instinktiv reagiert? Ich selbst hatte, als ich sie so sehr gebraucht hätte, keine Mutter mehr.
Zu meiner Zeit galt eine Zweiundzwanzigjährige noch als Mädchen, ich jedenfalls fühlte mich noch so. Was hätte wohl meine Mutter an jenem 24. Dezember 1947 zu mir gesagt, als ich mich innerlich auf meine Hochzeit und meine Hochzeitsnacht vorbereitete, während Pityu und ich tagsüber in der Redaktion der Parteizeitung an der Weihnachtsausgabe arbeiteten – am Bleistift kauend, mit vielen Zweifeln, großer Unsicherheit, einer immer gegenwärtigen, fast greifbaren Angst und im Beisein des verantwortlichen Setzers, eines chronischen Alkoholikers, der schon mittags um zwölf besinnungslos betrunken war. Ich saß in einem dieser kleinen stinkenden Löcher, wie es sie in jeder Zeitungsdruckerei gab, und wusste nicht, was ich mir wünschen sollte. Ich hoffte einerseits ziemlich bang, dass die Zeit stehenbleiben und es keinen Redaktionsschluss geben möge, dass wir die Druckerei nie verlassen würden und ich das, was in einer Hochzeitsnacht geschieht, nie würde erleben müssen. Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit, denn natürlich war ich auch gespannt und voller Erwartung.
In unserer Familie waren wir Kinder in der Vorkriegszeit sehr puritanisch erzogen worden. Zu den Erziehungsgrundsätzen zählte, das Erwachsenwerden nicht zu fördern – es würde sich von selbst einstellen. Zu meinem Leidwesen musste ich bis zu meinem Abitur Matrosenkleider samt Schnürstiefeln und weißen Kniestrümpfen tragen, im Konzert ein Samtkleid mit Spitzenkragen und langen Strümpfen. Meine Zeit als »großes Mädchen« dauerte aber gerade einmal fünf Monate. Dann wurde in unserem Haus der Kommandant der deutschen Lagerpolizei einquartiert – ein Hauptmann Kaiser aus Dresden –, und wir waren gezwungen, uns auf das Ghetto vorzubereiten. Wen interessierte es da, dass ich gerne hautfarbene Seidenstrümpfe gehabt hätte?
Ein weiteres pädagogisches Prinzip war die Leibeserziehung, durch alle möglichen Sportarten und viel Bewegung. Dazu passte Wagners Brünnhilde als weibliches Idealbild ganz wunderbar, natürlich auch wegen ihrer Unberührbarkeit. Vielleicht hatte meine Mutter geahnt, was kommen würde, und wollte mich auf ihre Weise vor dem schützen, was hätte geschehen können und zum Teil auch tatsächlich geschah.
Unabhängig davon konnte ich selbst mich aus ganz anderen Gründen für Wagner begeistern. Seit meiner frühen Kindheit hatte ich immer schon gerne übersetzt. Bevor ich nach Birkenau kam, hatte ich schon die Libretti von neun bekannten Wagneropern gelesen, meistens in gotischer Schrift, wobei ich auf unzählige unbekannte Wörter und Begriffe gestoßen war. Es war für mich unfassbar, wie aus der verstoßenen Brünnhilde, aus der – von einem brennenden Berg umgebenen – Unberührbaren, so mir nichts, dir nichts ein »wonniges Weib« wurde. Was bedeutete das? In jeder Sprache gibt es für ein und dasselbe häufig verschiedene Ausdrücke. Dass in dem Wörterbuch, das ich damals benutzte, Wörter wie »Wollust« und »Wonne« nicht einmal als Kuckuckseier auftauchten, brauche ich wohl gar nicht zu erwähnen. Aber »wonniges Weib« stand nun einmal im Text, und es ist schon aus Gründen der Werktreue nicht egal, wie man es übersetzt, denn die verschiedenen Varianten erwecken zum Teil voneinander erheblich abweichende Assoziationen.
Aber ich will jetzt nicht über Probleme der literarischen Übersetzung sprechen, sondern darüber, dass ich mich damals nicht traute, irgendjemanden zu fragen, wie diese Worte wohl zu verstehen wären. Andererseits war ich dann doch nicht so naiv, dass ich nicht zumindest eine gewisse Ahnung gehabt hätte. Aber an jenem 24. Dezember war mir nicht klar, was genau das alles bedeutete, und ich habe es dann auch nicht erfahren.
Mit meinen Kenntnissen in diesem Bereich verhielt es sich ungefähr so wie mit meiner Garderobe im Konzentrationslager. Im Vergleich zu dem, was es gab, war viel leichter aufzuzählen, was es nicht gab: Schuhe, Strümpfe, warme Sachen, Unterwäsche, Handschuhe, Mütze, Mantel usw., denn nichts ist und bleibt nichts, wie auch immer man theoretisch damit umgehen mag. In der Praxis war die Sache für mich damals schlimm. Meinem Schwiegervater, einem recht bodenständigen Mann, wurde klar, dass ich niemanden hatte, der es als seine Pflicht angesehen hätte, mir vor einem für mich so bedeutenden Ereignis irgendetwas zu erklären. Also übernahm er diese Aufgabe. Sachlicher, pragmatischer und präziser hätte mich wohl niemand aufklären können.
In den Minuten vor der »eigentlichen« Hochzeitsnacht saß ich angsterfüllt in der Badewanne. »Er ist ja mit Recht neugierig«, dachte ich, als Pityu hereinkam. Trotzdem erlebte ich es wie einen Einbruch. Dann hörte ich, wie er nebenan mit seinem Bruder telefonierte, der auch neugierig war: »Sie füllt die ganze Badewanne aus, sie ist groß und knochig.«
Ich verstand nichts.
Es geschah ein paar Wochen später, wir wohnten noch bei meinen Schwiegereltern. Es muss ein arbeitsfreier Tag gewesen sein, denn wir waren alle zu Hause, als meine ehemalige Klassenkameradin Magda mit ihrer jüngeren Schwester bei uns auftauchte. Ehe ich mich versah, wurde ich schon aus dem Zimmer komplimentiert. Ich weiß nicht mehr, was dann passierte. Wahrscheinlich wollte ich nie wieder daran denken.
Sie waren ein schönes Paar gewesen, Magda und Pityu, mein Mann. Sie hatten eine mehrere Jahre währende Liebesbeziehung gehabt. Ich brauche wohl nicht zu erwähnen, dass es in ganz Debrecen nur eine Person gab, die das nicht gewusst hatte, nämlich mich.
Magda war begabt, sie war Theaterregisseurin geworden. Sie war graziös, etwas füllig, weich und feminin. Sie hatte die Art von Figur, über die wir zu Hause lachend und etwas spöttisch zu sagen pflegten: »Keiner aus ihrer Familie hat je in seinem Leben einen einzigen Purzelbaum geschlagen.« Ich nehme aber an, dass Magda ihren Körper im Bett gut einzusetzen wusste.
Magda verstand nicht, was mit ihr, und ich nicht, was mit mir geschah. War nur ich so dumm, dass ich von nichts eine Ahnung gehabt hatte? Acht Tage zuvor hatte Pityu doch noch nicht einmal gewusst, dass es mich gab, und sieben Tage später heiratete er mich und nicht Magda. Warum? Hatte er Magda gegenüber kein Wort über unsere Hochzeit verlauten lassen? Was hatte er sich dabei gedacht? Ich habe ihn nie gefragt. Aber irgendetwas in mir zerbrach. Diese unbegreifliche Leere, diese unendliche Ratlosigkeit breitete sich von Neuem in mir aus. Alles erschien sinnlos. Hielten mich alle für dumm? Auch Mamimami, die so gütig war und mich auch spürbar gern hatte? Und Papi, der mich scheinbar als Erwachsene behandelte? Und Pityuka? Er wird mir damals sicher irgendetwas gesagt haben. Dass ich mich nicht an seine Worte erinnere, wird daran liegen, dass mir alles, was auch immer er gesagt haben mag, leer und sinnlos erschien. Ich hatte ihm so grenzenlos vertraut.
Bei unserer Hochzeit an jenem heiligen Weihnachtstag war ich sehr glücklich. Auf einen Schlag bekam ich plötzlich alles, was mir gefehlt hatte: einen gesellschaftlichen Status, eine liebevolle Familie, eine interessante Arbeit. Ich dachte nicht darüber nach, was mein Mann bekam. Konnte er überhaupt begreifen, wie ein zweiundzwanzigjähriges Mädchen, das Auschwitz-Birkenau überlebt hatte, dachte und fühlte? Was erwartete er von mir? Wie sollte ich seiner Ansicht nach sein?
Hehre Ziele – Im Dienste der Gesellschaft
Wie gut, dass man nicht mit einer langjährigen Lebenserfahrung geboren wird. Selbst aus einem Abstand von nunmehr über siebzig Jahren erinnere ich mich noch genau an die glühende Begeisterung, die mich als junge Erwachsene bei den Plänen erfüllte, die Gesellschaft zu verändern. Eine Begeisterung, wie sie wohl ein Pfadfinder bei seiner täglichen guten Tat empfindet. Im Kopf Glaubenssätze aus Marx’ Kapital und vor allem jene guten Vorsätze, mit denen auch der Weg zur Hölle gepflastert ist.
Aber mit zweiundzwanzig nimmt man sich selbst ungeheuer wichtig und ist voller Sendungsbewusstsein. Gemeinsam mit anderen Gleichaltrigen würde man es der Welt zeigen! Auch ich führte endlose Diskussionen, vertrat Standpunkte und wusste damals noch nicht, dass es sich dabei eher um religiöse Dogmen handelte, die bigott und doktrinär waren und keinen Widerspruch duldeten. Sie lösten leidenschaftliche, unvergessliche Gefühle in mir aus. Auch Begeisterung und Hoffnung: Jetzt würde endlich alles gut werden! Der Krieg und der Faschismus waren vorbei, wir mussten zusammenhalten und uns dort anschließen, wo die Rückkehr des Faschismus konsequent bekämpft wurde. Was für ein Glück, dass von den Alliierten ausgerechnet die Sowjetunion unser Land besetzt hatte. Gemeinsam mit ihr würden wir die Welt verändern, auch unsere eigene!
Und es gab niemanden, keinen wirklich Erwachsenen, der mir die Augen geöffnet und gesagt hätte: »Éva, du bist naiv, unerfahren und dumm, du weißt nicht, dass man niemanden zu seinem Glück zwingen kann und dass die Menschen sich zur Wehr setzen werden.«
Es klingt heute unglaublich platt, wenn ich schreibe, dass genau dies mein Lebensziel war, als müsste ich mich dafür rechtfertigen, dem Genossen Marx geglaubt zu haben, dass er doch nur ein bisschen Gerechtigkeit wollte, für jeden gleich viel Brot, einen warmen Mantel für den Winter und freien Schulunterricht. Nützliches im Dienst der Gesellschaft zu vollbringen? Welcher junge Mensch hätte sich nicht einem solchen idealistischen Ziel verschreiben wollen, das zudem seinem Selbstbild schmeichelte. Und wer wäre nicht bereit gewesen, über irgendwelche Kinderkrankheiten in der praktischen Umsetzung wohlwollend hinwegzuschauen, wenn die Theorie doch so schön war. Allerdings hat auch die Theorie, zu deren Grundlagen die Abschaffung des Privateigentums gehört, ihre Schwächen. Denn Menschen wollen besitzen. Sie wollen sagen können: »Das gehört mir, das ist meins.« Ganz zu schweigen von dem Trieb, sich selbst zu verwirklichen. Diese Tatsachen stehen im Gegensatz zur schönen marxistischen Theorie, und wir waren mit diesen Widersprüchen im täglichen Leben konfrontiert.
Gehorsames Schweigen
Ich halte hier quasi eine Verteidigungsrede für mein damaliges Ich, als wollte ich zumindest mir selbst mein Schweigen erklären.
Das Entscheidende, von dem ich mich mein ganzes weiteres Leben lang nicht lösen konnte, was mir aber jahrzehntelang nicht bewusst war, waren die vier Öfen der Gaskammern von Birkenau, aus denen Tag und Nacht der Rauch quoll, und das kleine Rechteck Erde am Rand des Moores von Birkenau, auf dem wir tagelang ausharrten. Wir konnten unsere Blicke nicht vom Sumpf abwenden, der die auf Lastwagen pausenlos herangekarrte Asche verschlang. Was auch mehr als siebzig Jahre nach dem 8. Mai 1945 unfassbar bleibt: Wie ist es zu erklären, dass wir hier in Ungarn über Auschwitz-Birkenau so lange nicht sprechen konnten? Bei mir dauerte es neunundfünfzig Jahre. Wie haben wir tief im Unterbewusstsein eine Schicht finden können, um dieses Schweigen dort hineinzuzwängen? Ich kann es gar nicht glauben, wie Tage, Monate und Jahrzehnte ins Land gehen konnten, ohne dass ich wie besessen über Auschwitz-Birkenau gesprochen oder geschrieben hätte.
Meine Schicksalsgenossinnen aus der Fünferreihe29 verhielten sich in dieser Hinsicht unterschiedlich. Diejenigen, die wieder in Ungarn lebten, wollten sich nicht mit mir treffen, diejenigen, die ins Ausland gegangen waren, kamen mindestens alle fünf Jahre einmal zu mir.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Schweigen über Auschwitz-Birkenau und dem anderen Schweigen nach dem Krieg, dem Schweigen, das nirgendwo offiziell verlangt und dennoch wie ein Befehl oder zumindest wie ein stilles Übereinkommen aufgenommen wurde und zu einer Schwächung unseres Seh-, Hör- und Sprechvermögens führte? Wir schwiegen gehorsam.
Wenn wir auch sonst nichts gelernt haben mögen, mit Traumata kennen wir Überlebenden uns aus. Es ist mir an dieser Stelle jedoch sehr wichtig, deutlich zu sagen: Nie habe ich auch nur für einen Augenblick geglaubt, dass mich irgendetwas von der Verantwortung, mitgemacht oder geschwiegen zu haben, freigesprochen hätte. Eine ganze Reihe von literarischen Werken und Gerichtsprotokollen beschäftigt sich mit den Beweggründen für dieses Schweigen.
Was politischen Fanatismus betrifft, so bleibt für mich der eindrucksvolle sowjetische Film Der Einundvierzigste30 unvergesslich. Er führt uns die unmenschlichen Folgen einer solchen Verblendung vor Augen. Fanatismus lässt keine Erklärung gelten und kennt keine mildernden Umstände, er nährt sich aus purem Hass. Für ihn müssen Anhänger einer anderen Weltanschauung vernichtet werden! Die männliche Hauptfigur im Film ist ein zaristischer Offizier, die weibliche eine Rotarmistin. Es gibt keine akzeptable Rechtfertigung dafür, dass die Frau ihren Geliebten erschießt – und das sage ich nicht, weil ich sentimental wäre, wir Holocaust-Überlebende sind nicht rührselig. Ich sage das, weil ich weiß, dass das Leben das höchste Gut ist. Es gibt nichts Wichtigeres. Schon gar nicht eine an den Haaren herbeigezogene politische Doktrin.
Das ist nicht, was ich will!
Das, was ich Anfang der Fünfzigerjahre erlebte, war von unterschiedlichsten Impulsen und Gefühlsstürmen begleitet.
Ich war zu der Zeit stellvertretende Abteilungsleiterin für Volksbildung in Baranya. Damals schien alles noch unschuldig und hoffnungsvoll, auch die Tätigkeit in der Volksbildung und unsere anfängliche Begeisterung dafür. Was immer wir begannen, überall eröffneten sich Schätze: Wir sammelten Volkslieder, schrieben Noten und Tänze auf und achteten dabei sehr auf die Authentizität der Quellen. Die damalige Begeisterung kann ich noch heute nachempfinden. Das zweite landesweite Forum in Budapest, bei dem das Komitat Baranya einen Preis gewann, offenbarte echten kulturellen Reichtum. Es mobilisierte zahllose Menschen, Märchenerzähler, Schauspieler, Volkstanzgruppen und Volksliedsänger der Schokatzen, Schwaben, Szekler und Ungarn. Ganz ausgezeichnete Arbeit leisteten die Pädagogen. Es gab auch rührende menschliche Gesten: In manchen Dörfern wurden Schuhe und Stiefel gesammelt, um damit die Teilnehmer der Aufführung für die Fahrt nach Budapest auszustatten.
Aber nicht alles, was geschah, war so ehrenwert. Als die Dörfer inspiziert und die Scheunen leergefegt wurden, ging es nicht um Hygiene, sondern die Kulakenhysterie31 war ausgebrochen. Unter der Woche, während der Arbeitszeit, waren die Straßen auch damals eher leer. Aber plötzlich hatte die Leere der Straßen auch mit mir zu tun, mit meinem hässlichen Moskwitsch32, den man kannte und von dem man wusste, dass er von der Obrigkeit kam. Wen interessierten da noch meine Volkslieder und meine Volkstanzsammlung? Die Bauern wurden einer nach dem anderen zum Gemeinderat bestellt und dazu aufgefordert, ihr Land an die Kolchose zu übergeben.
Ich bin dem Schicksal oft dankbar dafür, dass mein Leben so bunt verlaufen ist, auch wenn das nicht nur gute Seiten hatte. In meiner Kindheit bin ich vielen sehr unterschiedlichen Menschen begegnet. An etliche von ihnen erinnere ich mich noch heute gut, an irgendetwas, was sie taten oder sagten. Vor allem aber erinnere ich mich daran, wie natürlich es war, dass sie sich mir liebevoll zuwandten. Ich erinnere mich an die Knechte von Ógyalla, aber auch an die Tagelöhner aus der Gegend von Mezőkövesd33. Es wäre vermessen zu behaupten, ich hätte damals schon gewusst, dass für einen Bauern sein Land sein Leben ist.
Ohne rot zu werden, konnte ich aussprechen, dass mein Vater ein Ausbeuter gewesen war. Später musste ich mit ambivalenten Gefühlen akzeptieren, dass mir aufgrund meiner bürgerlichen Herkunft zunächst keine höhere Ausbildung zustand. Aber es gelang mir, meine Lage ein wenig zu verbessern, indem ich meine Fähigkeit perfektionierte, mehrdeutig zu formulieren, besonders, was meinen Lebenslauf betraf. Zu lügen war unter der Würde einer Fahidi, und außerdem überprüften die Personalräte die Angaben in den Lebensläufen äußerst genau. Summa summarum: Als im Jahre 1956 die Kaderakten freigegeben wurden – ich habe meine Akte bis heute sorgfältig aufbewahrt –, fühlte ich mich in meinem Glauben an die Menschheit bestätigt. Ich fand darin nichts Negatives, nur viel Gutes über mich. Manches war auch ungewollt komisch: Der Kadergenosse X zum Beispiel lobte mich außerordentlich für meinen Beitrag zur Verbreitung der sowjetischen Kultur, weil ich begeistert von Leo Tolstoi gesprochen hatte.
Durch alle Kaderberichte aber zieht sich der warnende Hinweis, man solle meinen »Sirenengesängen« gegenüber skeptisch sein und nicht auf sie hereinfallen. Wegen meiner Herkunft sei mir gegenüber höchste Wachsamkeit geboten. Ich galt lange Zeit als eine »Hand des Feindes, die ihre Finger überall drin« habe.
Ansonsten aber fing für mich das LEBEN an, auch wenn ich das Gefühl hatte, dass es ein bisschen aus den Fugen geraten war. Ich war als Kind dazu erzogen worden, bescheiden zu sein und nicht mit Dingen zu prahlen, die ich mir nicht selbst erarbeitet hatte. Wir Kinder sollten die Fähigkeiten anderer achten. Wir durften niemanden auslachen, weil ihm oder ihr keine gute Erziehung oder Schulbildung zuteil geworden war. Wir sollten auf niemanden herabsehen. Andererseits aber konnte auch nicht jeder ein »Partner« sein. Wer als solcher in Frage kam und wer nicht, das wussten wir sofort. Vielleicht gab es in der großen Gleichheit doch ein Unterscheidungskriterium, das uns bewusst war, auch wenn es nicht benannt wurde.
Aber dann wurde die Welt plötzlich seltsam – sie veränderte sich mit der führenden Rolle der Arbeiterklasse, dem proletarischen Dünkel, der Missachtung von Bildung. Man musste sich für das, was man gelernt hatte, fast schämen, ebenso für seine Sprachkenntnisse und seine Hochachtung vor der Wissenschaft. Ich aber wollte mich unbedingt anpassen. Das Misstrauen der Genossen mir gegenüber war jedoch mehr als deutlich spürbar.
Dazu kamen sehr besorgniserregende Ereignisse: Eines Tages beispielsweise kommt mir auf der Straße ein älterer Mann entgegen, er könnte mein Vater sein. Er ist ganz verzweifelt.
»Was ist los, Onkel Lajos?«, frage ich ihn verwundert.
»Ich werde nicht warten, bis man mich aussiedelt, ich habe eine Hütte in Téglás34 gekauft und ziehe jetzt dahin.« Er ist schon der Zweite, der mir etwas in dieser Art sagt.
»Und du? Du bist ja wohl verrückt geworden. Was würde dein Vater sagen, wenn er wüsste, dass du dich den Kommunisten angeschlossen hast!«
Ich war verunsichert, suchte nach Erklärungen. Was wäre, wenn mein Vater noch lebte? Bestünde dann die Gefahr, dass unsere Familie in die Puszta ausgesiedelt würde? Wie musste es für jemanden sein, in einem ungeheizten Raum mit Lehmboden zu leben und für einen Hungerlohn schwere landwirtschaftliche Arbeit zu verrichten? Wer ausgesiedelt wird, dem ist es vollkommen egal, welche Seite ihm das antut, mit welcher Begründung oder aufgrund welcher Theorie! War das die glückliche Welt, die ich für jeden und auch für mich schaffen wollte? Sollte ich etwa noch zu dem Schluss kommen, dass mein Vater zu Recht umgebracht worden war?
Eine Zeitlang kann man sich auf Anfangsschwierigkeiten berufen, auf Kinderkrankheiten, die man im Laufe der weiteren Entwicklung hinter sich ließe. Und es ging hier ja um schicksalhafte, unglaublich wichtige Dinge. Es war klar, dass nicht alles sofort gelingen würde. Aber Unmenschlichkeit lässt sich nicht rechtfertigen. Es darf sie einfach nicht geben. Die schreckliche Erkenntnis war: Das ist nicht, was ich will!
Ein böses Spiel
Diese Erkenntnis aber kam für mich zu spät. Am 22. März 1951 erhielten Pityuka und ich einen Anruf. Wir waren an diesem Abend im Kino gewesen und hinterher wie gewöhnlich in die Redaktion gegangen, um die Ausgabe der Parteizeitung des nächsten Tages durchzuschauen.
»Pista35, komm doch noch auf einen Sprung bei mir vorbei. Ich schick euch einen Wagen, damit du die Genossin nach Hause bringen kannst«, tönte es vom anderen Ende der Leitung. Es war der diensthabende Vorsitzende der Geheimpolizei von Pécs, der hier so nett sprach. Ich hätte bei diesen Sätzen misstrauisch werden müssen, aber meine Naivität siegte. Ich war völlig arglos. Nichts Außergewöhnliches war passiert. Heute wäre mir aufgefallen, dass es ein großer schwarzer Chevrolet mit Gardinen vor den Fenstern war, mit dem wir vor dem Kino abgeholt wurden. Damals wusste ich nicht, was das bedeutete. Diese Autos mit den verhängten Scheiben lernten wir zu hassen. Welcher Mensch will sich nicht ins Auto sehen lassen? Wer seine Macht nicht missbrauchen will, braucht keinen Vorhang.
Heute weiß ich, dass man mit sechsundzwanzig Jahren erwachsen sein sollte, damals wusste ich das nicht. Auch nicht, dass die Zeit kommen würde, in der ich mich verantwortlich fühlen und keine Entschuldigung mehr für mich finden würde. In der ich mich mit der Frage auseinandersetzen müsste: Wie war das mit dir und dem Sozialismus? Später wurden mir die unterschiedlichsten Vorwürfe gemacht. Am stärksten verletzte mich, wenn man mir Berechnung unterstellte. »Musstest du immer oben auf der Leiter stehen?«, wurde ich gefragt.
Als sie mich vor dem Haus aus dem Auto aussteigen ließen und ich dann auf unsere Wohnungstür zuging, sah ich unter dem Türspalt einen Lichtschein. Ich fing an zu begreifen. Es waren Fremde in unserer Wohnung.
»Na, endlich ist die Genossin da, dann können wir ja jetzt mit der Durchsuchung beginnen.«
Nachdem sie alles durchsucht hatten, ermahnten sie mich, am nächsten Tag ganz normal zur Arbeit zu gehen und mit niemandem über das zu sprechen, was vorgefallen war. Wenn ich abends nach Hause käme, würde das Schloss an der Tür repariert sein. Ich frage mich manchmal, ob derjenige, der die Durchsuchung geleitet hat, wohl noch lebt? Und ob der Grünschnabel vom Geheimdienst sich noch daran erinnert, dass er mir zum Abschied die Hand küsste? Warum tat er das? Wollte er dadurch etwa ausdrücken, dass er abweichender Meinung war?
Pityuka kam nicht wieder. Alles geriet durcheinander, drohte zu zerplatzen.
Als sie nach der Durchsuchung gingen, nahmen sie einige halbfertige Zeitungsartikel mit. Der Grünschnabel rief mir nach seinem befremdlichen Handkuss auffallend spöttisch zu: »Genossin, dass Sie ja nichts Unüberlegtes tun …«
Wer hatte das Drehbuch geschrieben für das, was hier passierte? Was hätte ich in dieser Lage tun oder sagen können? Wo würde ich erfahren können, was wirklich los war? Der Parteisekretär, der auf derselben Etage wohnte wie wir, rief mich durch die offenstehende Tür auf den Hausflur heraus – es war Nacht und zu mir herein kam er nicht. Ich fühlte mich, als hätte ich Lepra. Und was sagte er zu mir? Dass er nichts tun könne. Er hatte fürchterliche Angst, und an seiner Angst konnte ich ablesen, wie schlimm es stand.
Die Leute spielten ein böses Spiel mit mir. Warum taten sie das? Ich musste meine Schwiegereltern anrufen! Auch wenn die Genossen meine Gespräche abhörten. Ich musste ihnen sagen, dass alles vorbei war, dass die Welt untergegangen war.
Pityuka hatte mir so viel bedeutet. Er wusste doch, was er tat! Hatte er mir nicht nur Gutes beigebracht? Mir ein Ziel gegeben, als er mir den Weg zeigte, etwas Sinnvolles zu tun, indem ich mich dafür einsetzte, für die Gleichberechtigung aller zu kämpfen?
Oder ist das alles, noch bevor ich es ausgesprochen habe, zur Phrase verkommen? Wen gab es damals noch in meinem Leben? Niemanden. Alle waren tot. Und niemand vermisste mich. Das zu realisieren, war furchtbar für mich.
Dazu kam die Erkenntnis, einem Menschen blind vertraut zu haben, der mich in die Irre geführt hatte. Ich war wütend auf Pityuka. Er hatte mich getäuscht. Wem konnte ich jetzt überhaupt noch vertrauen? Alles erschien mir sinnlos.
In der Zeit danach wurde wirklich alles sinnlos – vollkommen sinnlos. Einige Tage lang leitete ich noch die Unterabteilung für Volksbildung im Komitat, dann wurde ich zum Vorsitzenden des Bezirksrats bestellt, der mir mitteilte: »Ich weiß nicht, wieso, Genossin, aber ich muss dir kündigen. Es tut mir sehr leid.«
Das war am 3. April. Am 4. April war Nationalfeiertag. Am 4. April 1945 hatte die ruhmreiche große Rote Armee nach offizieller Version den letzten faschistischen Soldaten aus dem Land gejagt. Ganz Ungarn war befreit worden. Aber es gibt immer Spielverderber. Der Feind hat immer einen Fuß in der Tür: Böse Zungen schämen sich nicht zu behaupten, dass das richtige Datum der 13. und nicht der 4. April ist.36 Ich nahm mein Handtuch und mein Lineal aus der Schublade meines Schreibtischs, sprach mit niemandem und ging nach Hause. Zu Hause angekommen fand ich vor meiner Tür einen kleinen Zettel, auf dem zu lesen war: »Bürgerin! Am 5. April um acht Uhr morgens müssen Sie Ihre Wohnung verlassen. Packen Sie alles zusammen. Sie ziehen in eine andere Wohnung.« Die offizielle Benachrichtigung erhielt ich erst später.
Der nächste Tag war also der Nationalfeiertag. Alle Geschäfte hatten geschlossen, ich konnte nicht einmal eine Schnur kaufen. Gehorsam packte ich all mein Hab und Gut zusammen. Ich besaß keinen einzigen verschließbaren Koffer.
Pünktlich um acht Uhr früh stand der zuständige Beamte vom Wohnungsamt mit dem Ausquartierungsbescheid vor meiner Tür. Eine Wohnung, die man mir angeblich zuweisen würde, gab es nicht. Zwei starke junge Männer trugen meine Möbel und sonstige Habe nach unten, stellten alles ordentlich auf die staubige Straße und verschwanden. Ich verließ meine Wohnung zusammen mit dem Wohnungsbeamten, der mir sagte, nun werde man eine Bleibe für mich suchen.
»Bürgerin!
Gemäß unserer mündlichen Vereinbarung werden die Umzugskosten in voller Höhe übernommen. Bereiten Sie sich bitte darauf vor, dass am 5. April Umzugswagen und Packer der Firma Belsped bei Ihnen sein werden und der Umzug am gleichen Tag erledigt wird. Ihnen, Bürgerin, werden natürlich im Zusammenhang mit dem Umzug keine Kosten entstehen.
Stadtrat für Wohnungswesen, Pécs, 3. April 1951«
Von meinen unbeaufsichtigt im Straßenstaub stehenden Sachen fehlte am Abend nichts. So lange hatte es gedauert, bis wir das fensterlose Durchgangszimmer gefunden hatten, das meine Wohnung werden sollte.
Wäre dieses Durchgangszimmer nicht gewesen, hätte ich sicher nie darüber nachgedacht, wie wohl ein ehemaliger Geschichtslehrer der Ludovika Militärakademie37 die Fünfzigerjahre in Ungarn erlebt haben mochte.
Wenn ich den Namen »Ludovika Militärakademie« höre, fallen mir einige lustige Episoden ein. Meine Schwester Gilike hatte eine Erzieherin namens Erna, eine ehemalige Waldorfschülerin. Sie stammte aus dem Elsass und arbeitete bei uns so lange als Au-pair-Mädchen, bis Hitlers Gesetze alle deutschen Staatsbürger zum Heimatdienst nach Deutschland zurückbeorderten.
Erna war damals wie eine Schwester für mich. Sie war ein hübsches Mädchen, älter als ich, schlank, gelenkig, musikalisch. Sie konnte schön singen und spielte Gitarre. Wir verstanden sehr gut, warum der junge Kadett, der in den Ferien immer wieder vor unserem Zaun auf und ab spazierte und in unseren Garten lugte, Gefallen an ihr gefunden hatte. Wir nannten ihn »Elefantenfuß.« »Elefantenfuß« war für uns jahrelang ein Gesprächsthema und ein Teil unseres Lebens. Ich erinnere mich daran, wie ich meine Tasche absichtlich vor ihm fallen ließ, damit er stolpern würde und aufsammeln müsste, was herausgefallen war. So musste er sich Erna vorstellen, und die beiden lernten sich endlich kennen. Die Geschichte hat aber noch eine Fortsetzung: Es stellte sich heraus, dass der jüngere Bruder von »Elefantenfuß«, der eines schönen Tages ebenfalls in Kadettenuniform vor unserem Haus auftauchte, Gilikes Interesse weckte. Ich kann mich noch heute an den Tag in den Sommerferien erinnern, als Gilike im Esszimmer ihren Kopf in die Kissen des Kanapees drückte. »Mutti, ich bin so schrecklich verliebt!«, schluchzte sie. Ich weiß auch noch, wie erschrocken ich damals war. Gilike ging noch nicht einmal zur Schule, sie war also keine sechs Jahre alt. Ich war vierzehn. Und es sollte noch einmal vierzehn Jahre dauern, bis ich mich das erste Mal verlieben würde. Aber Gilike musste sich doch beeilen, denn mit elf wurde sie ja schon ermordet.
Ich gestehe, dass mir diese Episoden mit den Ludovika-Kadetten an jenem 5. April, als der Beamte vom Wohnungsamt mit mir an der Tür des pensionierten Lehrers János Frankl läutete, der ehemals an der Ludovika Geschichte unterrichtet hatte, nicht gleich in den Sinn kamen.
»Hier ist die Frau, sie wird ab jetzt bei Ihnen wohnen. Sie werden sich gut vertragen, sie ist genauso reaktionär wie Sie«, tönte es barsch aus dem Mund des Beamten. Die Situation war eindeutig. Höchstwahrscheinlich war dies nicht das erste Mal, dass ihm und seiner Frau jemand zur Untermiete zugewiesen wurde, und für die beiden trug das sicher nicht zur Verbesserung ihrer Lebens- und Wohnqualität bei. János Frankl richtete sich auf – er war mindestens 1 Meter 85 groß – und antwortete selbstbewusst: »Ich kenne diese Frau nicht, ich weiß nicht, ob sie reaktionär ist oder nicht. Aber für uns verbitte ich mir diese Bezeichnung. Wir sind nicht reaktionär.« Von der Entschiedenheit dieses über siebzig Jahre alten Klassenfeindes hätte man sich etwas abgucken können.
Um die Lage erträglicher zu machen und um zu verhindern, dass man bei jedem Schritt über mich stolperte, zog ich nach einiger Zeit aus dem großen Durchgangszimmer in das hinterste Zimmer um. Mittlerweile hatte auf der gegenüberliegenden Straßenseite der erste der beiden Typen, die ab da immer und ganz unverhohlen dort standen, Position unter der Laterne bezogen.
Sztálinváros
Danach begann ein weiterer Leidensweg: die Arbeitssuche. Schnell wurde klar: Für mich würde es nur dort Arbeit geben, wo Menschen beschäftigt wurden, die in den Augen derer, die das Sagen hatten, entweder keinen klar definierten gesellschaftlichen Status oder aber einen klar definierten negativen Status hatten. Menschen, die keiner »anständigen« Klasse angehörten, die nicht für den gesellschaftlichen Fortschritt standen, nicht Arbeiter, ja nicht einmal Bauer waren und somit verachtenswert, hassenswert und ehrlos – »deklassierte Elemente«, die es gar nicht verdienten, überhaupt zu irgendeiner Klasse zu gehören.
Zu dieser Zeit war klar, dass wir, dem Beispiel der Sowjetunion – unseres großen Vorbilds – folgend, ein Land von Eisen und Stahl werden sollten. Einige Monate zuvor hatte sich das »Auge der Welt« aus diesem Grunde noch auf Mohács gerichtet. Dort sollte am rechten Donauufer ein großes Eisenhütten-Kombinat gebaut und die Donau als natürlicher Transportweg genutzt werden. Doch trotz der euphorisch verkündeten Drei- und Fünfjahrespläne sowie der mit großer Begeisterung gewährten Friedensanleihen stellte sich heraus, dass die Sache einen Pferdefuß hatte: Es war nicht eingeplant gewesen, dass aus dem Genossen Broz Tito, einer einst festen Säule des Sozialismus, ein »Kettenhund des Imperialismus« werden würde. Aber so ist es nun einmal, liebe Genossen, es gibt noch Mängel, wir müssen jetzt besonders wachsam sein, weil der Feind unentwegt versucht, einen Fuß in die Tür zu bekommen … Von Mohács hätte man allerdings wissen können, dass es für ein Kombinat völlig ungeeignet war: In der Gegend senkte sich der Boden ab, und außerdem hätte es wegen der Nähe zur jugoslawischen Grenze leicht mit einer gewöhnlichen Kanone beschossen werden können. »Das Auge der Welt« richtete sich also einige Kilometer weiter nördlich auf Dunapentele. Nach 1951 wurde die Stadt in Sztálinváros38 umbenannt, und zehn Jahre später hieß sie dann Dunaújváros, aber bis dahin sollte noch eine Menge Wasser die Donau herunterfließen.
Als Hilfsarbeiterin und damit wertvolles Mitglied der Arbeiterklasse durfte ich in Sztálinváros einem der erfolgreichsten Unternehmen des sozialistischen Ungarns beim Aufbau eines modernen Eisenhüttenwerkes sowjetischen Typs zur Hand gehen, indem ich mithilfe eines speziellen Traggestells, eines sogenannten »Trogli«, Eisenerz, Steinkohle, Kalkstein etc. hin- und herschleppte. Währenddessen konnte ich mir darüber Gedanken machen, dass in unserem Land von den drei Rohstoffen, die für das Funktionieren des Martinofens gebraucht wurden, nur Kalkstein in ausreichenden Mengen vorkam und damit zur Verfügung stand.
Ich habe schon öfter darüber nachgedacht, wie mein Verhalten in einer größeren Menschenmenge sozusagen »mengentheoretisch« zu erklären ist. Das heißt, ich versuche eine Antwort auf die Frage zu finden: Werde ich in einer größeren Ansammlung von Menschen wirklich verrückt oder tue ich nur so? Eins ist sicher: Immer schon fühlte ich mich von vielen Menschen gleichzeitig angezogen und abgestoßen. Es gibt aber Menschenmengen, die ich mag, in denen ich mich wohlfühle. So liebe ich es, mich mit Faust in das österliche Getümmel zu werfen und gespannt darauf zu warten, ob der Pudel39 sich schon an meinen Waden reibt, denn ich habe den Drudenfuß40 auf meiner Türschwelle nicht vollendet, damit der Teufel mit mir zwar hinein-, aber nicht wieder hinausschlüpfen kann, denn dann gehört er mir.
Ich bin auch verrückt nach dem Rummel der Walpurgisnacht, vor allem muss ich Lilith treffen, das von Satan erschaffene zauberhafte und unwiderstehliche erste Weib. Ich möchte Grieg zum »Hochzeitstag auf Troldhaugen«41 begleiten, mit Bizet Farandole42 und mit Kodály43 den »Doppeltanz aus Kálló« tanzen. Mit Chamisso betrachte ich vom Balkon aus den Wochenmarkt mit den vielen Marktfrauen, die wie Spielzeugfiguren erscheinen, aber ich traue mich nicht zu ihnen hinunter, weil dann alle merken, dass ich Peter Schlemihl44 bin und keinen Schatten habe …
Die Wirklichkeit jedoch, vor allem Birkenau, ist etwas anderes. Das Konzentrationslager ist anders, die vielen stinkenden, schmutzigen, nackten Frauenleiber sind anders. Ich will sie nicht, ich will nicht, dass sie mich berühren. Umgekehrt wollen sie mich auch nicht, sie wiederum leiden durch mich.
Ich weiß: Das Leben kann Romane der Superlative schreiben – den besten, den witzigsten, den buntesten, den aufregendsten, den undsoweitersten … Aber für mich? Nach Auschwitz-Birkenau und den deutschen Konzentrationslagern gab es für mich nichts mehr, das mich hätte überraschen können. Auch Sztálinváros war keine Überraschung.
Wenn viele Menschen auf engem Raum zusammenleben, sind die am wichtigsten, mit denen man sich einen Schlafplatz teilt, denn ihnen kann man nicht ausweichen. Die Damen, die in Sztálinváros den Gesundheitsdienst organisierten, bildeten eine eigene höhere Kaste. Ich bat sie, mich in ihrem Kreis aufzunehmen. Ich muss einen guten Eindruck auf sie gemacht haben, denn sie willigten ein. Zu ihrem gemeinsamen Besitz gehörte eine elektrische Kochplatte. Füllte man den Topf auf der Kochplatte mit Wasser, dann konnte man, wenn man nicht aufpasste, einen elektrischen Schlag bekommen. Aber immerhin hatten wir dadurch eine Waschmöglichkeit für uns allein. Wie die allgemeine Waschgelegenheit aussah, überlasse ich der Fantasie der Leser.
Auch in Sztálinváros traf ich auf sehr unterschiedliche Menschen und unterschiedliches Verhalten, auch auf Hilfsbereitschaft, Empathie und wahre Menschlichkeit. Wie kommt es, dass diejenigen, die wenig haben, das Wenige wie selbstverständlich teilen?
Das erste Mädchen, dem ich zu meinem Glück begegnete, war Csuli Fehér. Sie wurde so etwas wie mein Schutzengel. Csuli war viel erfahrener und geschickter als ich, sie kannte sich in der Welt viel besser aus. Sie hatte sich sofort einen jungen Mann geangelt. Nach der Arbeit ging sie mit ihm ins Maisfeld. Sie war körperliche Arbeit gewohnt, sie blickte immer zuversichtlich in die Zukunft. In dieses optimistische Bild passte perfekt hinein, dass sie als Resultat der Schäferstündchen im Maisfeld einen gesunden und hübschen Jungen zur Welt brachte.
Ein vergleichbares Maß an Selbstlosigkeit, wie ich es von Csuli kannte, ist mir sonst nie begegnet. Wie selbstverständlich durfte ich in die Kellerwohnung ihrer Mutter miteinziehen, als wir beide nicht mehr in Sztálinváros arbeiteten. Genauso selbstverständlich war es, der Mutter für diesen Luxus Miete zu zahlen. Aber auch die Ruhe, der Frieden und die gelassene Heiterkeit, die dort herrschten, waren so selbstverständlich, als würde es nichts anderes geben. Es stimmt: Der Spruch »Geld macht nicht glücklich« ist keine Phrase, aber treffender ausgedrückt müsste es heißen: »Es ist nicht das Geld, das glücklich macht.«
Eine weiteres Geschenk von Sztálinváros war die Begegnung mit Emilia, genannt Prüntyőke. Wir schleppten zu zweit das Trogli.
Prüntyőke war Zirkusakrobatin. Gerade die artistischen Zirkusnummern haben mich schon immer fasziniert. Aber nicht nur das: Aus eigener Erfahrung weiß ich seit meiner frühen Kindheit, wie viel Geduld, Übung, Konzentration und Hingabe nötig sind, bis eine Darbietung endlich »sitzt«. Wie häufig und oft pausenlos hatten Gilike und ich zusammen geturnt und getanzt! Aber – wir konnten noch so viel üben – natürlich reichte unsere Akrobatik nie an eine Zirkusnummer heran.
Ein Zirkusakt, an dem sie über lange Zeit mit ihrem Partner gearbeitet hatte, war Prüntyőke der allerwichtigste. Er bestimmte ihr Leben. Sie beherrschte ihn aus dem Effeff. Nicht Tage, Wochen oder Monate, nein, jahrelang hatten sie beide für diese Nummer trainiert. Bis alles auf den Bruchteil eines Millimeters saß und sie so sicher waren, dass sie mit verbundenen Augen hätten auftreten können. Und dann starb ihr Partner. An einer verschleppten Mandelentzündung. Als sie endlich einen Arzt aufsuchten, war es zu spät.
Prüntyőke hatte in ihrem ganzen Leben eigentlich nichts anderes gelernt, als diese eine Nummer vorzuführen. Verzweifelt, doch vergebens suchte sie nach einem neuen Partner. In jener Zeit wurden wir zunehmend mit dem Wort »arbeitsscheu« konfrontiert – ein Attribut, das einem sehr schnell zuteilwerden konnte. Und »arbeitsscheu« zu sein, war strafbar. Denn Arbeit gab es für jeden! Ob es sich dabei tatsächlich um Arbeit handelte oder nur den Anschein von Arbeit erweckte, spielte dabei keine Rolle. Nach sozialistischer Moral waren es nur »zweifelhafte Elemente«, die ihre Beine baumeln ließen. Das Schicksal, als arbeitsscheu eingestuft zu werden, drohte auch Prüntyőke. Auch ihr bot man nichts anderes an, als das Trogli in Sztálinváros zu schleppen.
Ich war wirklich geübt darin, sehr schwere Lasten zu schleppen. Über acht Monate musste ich als Zwangsarbeiterin in Allendorf täglich acht Stunden lang, etwa sechs- bis achthundert Mal, zusammen mit einer Leidensgenossin fünfzig Kilo schwere Granaten anheben und wegtragen. Doch selbst für mich war die Arbeit mit dem Trogli in Sztálinváros sehr anstrengend. Trotzdem: Ich verzweifelte nicht – wenigstens brauchte ich nicht zu hungern, und in Prüntyőke hatte ich die ideale Partnerin. Sie war aufmerksam, lieb, geduldig und beklagte sich nie. Sie wusste wie ich etwas, das ich einst im Lager gelernt hatte: Der beste Schutzpanzer des Menschen ist seine Würde.
Dazu gehört die Einhaltung einfacher Grundregeln: Wie zu Hause sollte man sich täglich waschen, die Zähne putzen und saubere Unterwäsche anziehen. Wie zu Hause sollte man nicht fluchen. Wie zu Hause sollte man seinen Nächsten menschlich behandeln. Auf gut Deutsch: Der Mensch soll Mensch bleiben und sich dementsprechend benehmen – wie zu Hause.
Während wir am Aufbau des sozialistischen Ungarns arbeiteten, wurden mir die wenigen Stücke vom Essbesteck, die ich von daheim nach Sztálinváros mitgenommen hatte, innerhalb einer halben Stunde gestohlen. Ich fand mich schnell damit ab, dass meine gesamte Garderobe aus nur zwei Overalls bestand. Während ich den einen trug, hing der andere, den ich am Vorabend gewaschen hatte, zum Trocknen auf der Leine. Jeden Morgen trat ich mit einem sauberen Overall ins Leben, im Winter brauchte ich allerdings drei.
Sechs Jahre nach Kriegsende herrschte immer noch große Armut in den vom Krieg betroffenen Teilen Europas. Es fehlte an allem – an Baumaterial, an Kleidung, vor allem aber an Lebensmitteln. Vereinzelt gab es allerdings Ausnahmen, sogar direkt nach dem Krieg. Hier und da wusste man sich zu helfen. Das zweite Badezimmer in der Wohnung meines Onkels Géza Weil wurde beispielsweise zum Hühnerstall umfunktioniert, die Badewanne zum Fischteich. Darin planschte ein Fisch mit dem schönen Namen Teofil. Aber alles hatte seinen Preis: Der damit verbundene Gestank im dritten Stock des Mietshauses gehörte auch dazu. In der Umgebung von Érsekújvár wohnten reiche Bauern – wir brauchten auch nach dem Krieg keinen Hunger zu leiden. Das ärztliche Honorar wurde in Form von Naturalien bezahlt.
Als ich nach Ungarn zurückkam, wurde ich mit einer anderen, der ungarischen Wirklichkeit konfrontiert, aber auch hier verhungerte man auf dem Lande nicht, wir hatten immer etwas zu essen. In dieser Hinsicht hatte ich mit Sztálinváros das große Los gezogen: Da das Stahlwerk für den Staat von besonderer Wichtigkeit war, gab es hier auch Lebensmittel. So unglaublich es klingt: Man konnte sogar Salami, Butter und Zucker bekommen. Wenn ich mich richtig erinnere, waren damals Lebensmittelkarten üblich, aber auch in dieser Hinsicht war Sztálinváros eine Ausnahme. Ich erinnere mich an Preise, die heutzutage in unseren Ohren schier unglaublich klingen. Selbst nach der großen Preiserhöhung von 1952 kostete ein Kilo Zucker nur 11,40 Forint und ein Kilo Käse 46 Forint.
Für meine Arbeit bekam ich einen Lohn, der eines echten Proletariers würdig war. Er wurde nicht monatlich, sondern wöchentlich ausbezahlt. Frei nach Marx bestimmt ja das Sein das Bewusstsein. Sicherlich drückte sich in der wöchentlichen Lohnzahlung auch ein Hintergedanke der Herrschenden aus: Damit ein Proletarier nicht für dreißig Tage im Voraus planen kann, zahlt man ihm seinen Monatslohn nicht auf einmal aus. Wozu auch? Was würde er schon damit anfangen, wenn seine Existenz über einen so langen Zeitraum gesichert wäre? Auch ich kam in den Genuss der »Sicherheit«, die der Wochenlohn bot. Der Lohn kam immer gerade zur rechten Zeit. Ein ehrlicher Genosse, der seinem geliebten Land treu dient, weiß, dass im Parlament seine Genossen sitzen und Gesetze verabschieden, die wichtigen Landesinteressen dienen. Aber was, wenn dem nicht so ist?
Tante Sári, die Schwester meines Großvaters, und ihr Mann, Onkel Árpád, wohnten in Budapest in der heutigen Bartók-Béla-Straße. Sie hatten eine Dreizimmerwohnung – oder besser gesagt: eine Dreizimmerchenwohnung. In die Wohnung gelangte man von der Galerie45 aus, aber man brauchte – anders als üblich – sie nicht durch die Küche zu betreten. Die Küche hatte einen separaten Eingang, ebenfalls von der Galerie aus. Tante und Onkel, beide schon über siebzig, waren fleißige, arbeitsame Menschen. Tante Sári besaß ein ganz merkwürdig aussehendes Gerät, eine Art vertikalen Webstuhl, auf dem sie wunderbare handgeknotete Teppiche fertigte. Ich besitze heute noch einen davon und hege und pflege ihn liebevoll.
Sári und Árpád hatten einen Sohn namens Tibor. Er war ihr Ein und Alles, der Sinn ihres Lebens. Als eines Tages aus dem Arbeitslager am Don die Benachrichtigung kam, er sei gestorben, bedeutete das auch für meinen Onkel den Tod. Er starb kurze Zeit später. Vorher aber musste er noch erleben, dass sein großes Geschäft verstaatlicht wurde. So sah damals ein gutes Gesetz aus, das meine guten Genossen im schönen ungarischen Parlamentsgebäude verabschiedeten. Ich war Tante Sáris nächste Verwandte. Welch ein Glück, dass im Sozialismus an einem privilegierten Standort wie Sztálinváros die Löhne so hoch waren. Ich bekam damals dreihundert Forint die Woche – genug, um Tante Sári davon etwas abgeben zu können.
In Debrecen hatte ich seinerzeit als Frau des Chefredakteurs der Parteizeitung Tag und Nacht ehrenamtlich und sehr engagiert an der Erziehung des schöneren Geschlechts des sozialistischen Ungarns mitgewirkt: an der von Frauen und Töchtern von selbstbewussten Arbeitern und Bauern und von Vertretern der Intelligenz. Wo? Beim MNDSZ, dem Demokratischen Bund Ungarischer Frauen. Ich weiß noch sehr gut, dass zu uns auch offizielle Besucher aus Budapest kamen, um unsere pädagogischen Methoden zu überprüfen. Die Inspektorin aus Budapest war eine kluge, freundliche und außergewöhnlich attraktive Frau. Vierzig Jahre später war sie eine bekannte Soziologin.
In jener Phase meines überaus eifrigen Wirkens tauchte eines Tages ganz unerwartet Pali bei mir auf, mein jüngster Onkel mütterlicherseits. Er war nur acht Jahre älter als ich und hatte wer weiß welches Arbeitslager überlebt. Meine aufkeimende Freude darüber, auf einen Verwandten zu treffen, wurde jedoch sogleich getrübt. Er sagte mir, er brauche auf der Stelle dreitausend Forint. Wenn ich ihm die nicht sofort beschaffe, würde man ihn wegen Unterschlagung verhaften. Es musste schnell gehen: Pali hatte die Summe aus der Kasse der im Aufbau begriffenen Kooperative genommen. Er war der Kassierer, und die anderen hatten ihm vertraut.
So wie es keine Rose ohne Dornen gibt, gibt es wohl auch keine Familie ohne zumindest ein schwarzes Schaf. Aber dass es sich in meiner Familie und ausgerechnet hier und jetzt zeigte … Dreitausend Forint waren damals für mich sehr viel Geld – ich hatte noch nie so viel auf einmal gesehen. Zum Glück gab es Onkel Laci Vas, Abgeordneter der Debrecener Ungarischen Staatlichen Kohlebergwerke MÁSZ. Er lieh mir das Geld. Ich bin es ihm bis heute schuldig geblieben. Da er nach Australien auswanderte, werde ich meine Schulden wohl erst auf der Insel der Seligen begleichen können.
Dass Pali plötzlich auftauchte, hatte für Tante Sári etwas sehr Gutes: Er zog mit seiner Frau Zsófi zu ihr, wodurch Tante Sári kein anderer Untermieter zugeteilt werden konnte. Zsófi war fleißig und zuverlässig und fand sofort Arbeit. Dadurch sicherte sie nicht nur ihre eigene und Palis Existenz, sondern auch die von Tante Sári.
Der Wochenlohn, den ich in Sztálinváros erhielt, und das Schleppen des Trogli trugen dazu bei, dass ich, die ich mich als zurückgeblieben und beschämend unwissend empfand, beim Erlernen der Grundsätze des Sozialismus große Fortschritte machte. Ich ging auch auf die Parteischule, traute mich aber nicht, mit jemandem zu diskutieren, weil mir klar war, dass ich keinen »proletarischen Instinkt« besaß. Den Instinkt, der denen, die ihn besaßen, alles ersetzte: Orthographie, Sprachkenntnisse, jegliches Fachwissen. Nach und nach rekrutierte man aus ihnen die Armee von Genossen der Kategorie »Universalgenie«. Am einen Tag waren sie Schöffen beim Volksgericht, am nächsten Betriebsleiter, am dritten Schuldirektor. Was zählte, war, ein guter Genosse zu sein, ein guter Genosse konnte jede Aufgabe erfüllen … Dass die guten Genossen im vorangegangenen Regime noch Mitläufer der Pfeilkreuzler46 gewesen waren, na ja … Schließlich sind wir ein kleines Volk, da ist die Auswahl nicht so groß.
Ich will noch einmal erwähnen, dass mir beigebracht worden war, auf niemanden herabzusehen, nur weil sie oder er keine Schule besuchen konnte. In der Gesellschaft, in der ich aufgewachsen war, bedeutete ein Schulbesuch beträchtliche materielle Aufwendungen, und es war kein Charakterfehler, wenn jemand kein Geld besaß. Meine Familie väterlicherseits stammte auch aus einem ärmeren Umfeld, alle wussten, dass Fleiß und Begabung noch keine Garanten dafür waren, im Leben gut zu fahren. Uns wurde eingetrichtert, Aufgaben nur zu übernehmen und dann allerdings mit vollem Einsatz zu erfüllen, wenn wir das nötige Wissen dafür mitbrachten. Daher bewunderte ich den Mut meiner treuen proletarischen Genossen, die nicht von dieser Prämisse ausgingen. Sie aber hatten kein Vertrauen in mich. Anfangs sahen sie auf mich herab – wohl auch, weil sie versuchten, Minderwertigkeitskomplexe mir gegenüber zu kompensieren. In Ungarn war es, glaube ich, vorher nie so leicht gewesen, zum Studium zugelassen zu werden. Und wie viele großartige Begabungen erhielten dadurch eine Chance sich zu entfalten!
Noch etwas wurde uns in meiner Familie vermittelt: Man kann nicht davon ausgehen, sein Brot mit seiner Lieblingsbeschäftigung verdienen zu können. Aber man schaut auf die Arbeit, die man stattdessen verrichtet, nicht herab und geht ihr mit genauso viel Eifer nach, als wäre sie das geliebte Hobby.
Auch wenn ich mich damals um Klarheit bemühte, war ich mir unsicher, ob ich mich auf meine Erfahrungen oder auf meinen Verstand verlassen sollte, wenn es um die Beurteilung der führenden Rolle der Arbeiterklasse ging. Aber man kann der bekannten Redensart »Schuster, bleib bei deinem Leisten« vertrauen: Immer öfter kam auch mir der Gedanke, es wäre für mich vielleicht besser, zu meinem eigenen Leisten zurückzukehren. Das würde mir weniger Enttäuschungen bereiten.
Credo in unam patriam?
Wer kann von sich behaupten, er habe sein ganzes Leben nach den Wertvorstellungen seiner Eltern ausgerichtet und sei niemals enttäuscht worden? Wer kann, nach einem langen Leben im einundzwanzigsten Jahrhundert angekommen, heute von sich sagen: Ich glaube an einen Gott. An welchen Gott?
Und wer verinnerlicht hatte: »Credo in unum Deum, credo in unam patriam«47 – was soll ich dazu sagen? Wo war denn diese idealisierte Heimat? Was war das für eine Heimat, die wir lieben sollten? Wie war das, als Gilike und ich mehrmals im Jahr auf der Rückfahrt von unseren regelmäßigen Verwandtenbesuchen in der Tschechoslowakei darin wetteiferten, wer von uns beiden den Turulvogel bei Tatabánya48 wohl zuerst sehen würde? Weil wir wussten, dass wir dann wieder in Ungarn waren … Fühlten wir da als Kinder etwas in unseren Herzen? Wie war es mit der Heimatliebe, als der Viehwaggon, in den wir heimatliebenden Ungarn zu achtzig hineingepfercht worden waren – stinkend, schmutzig, mit Fäkalien verschmiert, verzweifelnd und dem Verdursten nahe, die Säuglinge längst ausgetrocknet – Kassa49 in Richtung Birkenau verließ? Aber wir waren noch am Leben. Nur drei Tage später jedoch wurden – aufgrund der guten Gesetze, die im schönen Parlamentsgebäude unserer geliebten Heimat verabschiedet worden waren – zwei von dreien derer, die im Viehwaggon in ihrem Schmutz lagen, unmittelbar nach ihrer Ankunft an der Rampe von Birkenau mit Zyklon B erstickt. Ich habe die Abnorm übererfüllt: Von den zehn Personen aus Debrecen, mit denen ich Birkenau erreichte, kam außer mir nur eine zurück. Die nahm sich nach ihrer Rückkehr das Leben. Was geschah mit meiner eigenen Identität? Mit der Identität, wie sie vorher war und wie sie dann wurde? Mit der Identität der Überlebenden? Spielen wir keine Rolle? Wir haben ja auch Nachkommen, wir sind auch Teil der Allgemeinheit, die man Gesellschaft nennt. Wir sind der Teil, den das, was wir nie aussprachen und worüber wir bis heute nicht sprechen, belastet und bedrückt – je länger wir das Erlebte totschweigen, desto mehr. Meine Generation hat große Übung im Schweigen. Unermesslich viel Übung. Wir haben gehorsam unseren Mund gehalten. Sollen wir ausrechnen, wie viele Jahrzehnte lang?
Wir schwiegen, weil das von uns erwartet wurde. Nicht, weil das irgendwo schriftlich niedergelegt worden wäre. Wir schwiegen über den Holocaust, über unseren eigenen ungarischen Holocaust und später über unseren »málenkij robot«50. Warum?
Ich kann mich noch an die durchtrainierten Männer erinnern, die im kältesten Winter nur in Jacke und Schal draußen herumliefen und nicht einmal eine Erkältung bekamen. Aber was war der ungarische Winter schon im Vergleich zu den Wintern der fünf Jahre, die sie bei »málenkij robot« oder als Kriegsgefangene in Sibirien verbringen mussten!
Meine Tante Gizi, bei der ich sonntags meine Wäsche wusch, hatte solch einen Mann, Sándor Márkus. So wie ich nicht darüber sprach, was mir in Birkenau und im deutschen Konzentrationslager widerfahren war, hielt mein Onkel es seinerzeit für ratsam, über seine Erfahrungen bei »málenkij robot« zu schweigen. Sollten wir etwa Ähnliches erlebt haben? Es stimmt, in Sibirien gab es kein Zyklon B und kein Krematorium, die Menschen wurden nicht in solch einer Zahl und mit industrialisierten Methoden vernichtet. Nicht einmal umzäunt war das Lager. Das war auch gar nicht nötig. Der nächste bewohnte Ort lag hundertzwanzig Kilometer weit entfernt, und es herrschten bis zu minus dreißig Grad Celsius. Man brauchte dort auch keine industrielle oder maschinelle Hilfe. Unter den naturgegebenen Bedingungen starb dort fast jeder. Und vergessen wir nicht: Es handelte sich hier um die Sowjetunion, unser großes Vorbild. Auch darüber schwiegen wir.
Jede Zeit, jede Gesellschaft, jede menschliche Gemeinschaft findet ihre Auszustoßenden, zu Verfolgenden und auch ihre Rechtfertigungen dafür, sie zu vernichten. Jüngere wie Ältere sprechen mich häufig auf meine Erfahrungen an. Sie glauben vielleicht, dass man, wenn man nur lange genug lebe, ein bisschen klüger werde. Aber: »Alter schützt vor Torheit nicht«51.
Im Ausland werde ich oft nach dem spezifisch ungarischen Antisemitismus gefragt. Wie kann es sein, dass es in Ungarn Antisemitismus gibt, dass es ihn immer noch gibt?
Eine der möglichen Antworten ist sicherlich, dass auf dem Land eine bestimmte gesellschaftliche Schicht existiert, in der Antisemitismus, Xenophobie und Hass auf die Roma quasi mit der Muttermilch eingeflößt werden.
Dazu kann ich eine kleine Geschichte erzählen: Vor gut zehn Jahren wurde ich von der kleinen jüdischen Gemeinde in Karcag52 eingeladen – wenn ich mich richtig erinnere, anlässlich einer Gedenkfeier für die aus Karcag Deportierten. Ich war überrascht, in welch gutem Zustand die schön renovierte Synagoge war, und freute mich, dass Kinder der umliegenden Schulen mit ihren Lehrern ebenso wie die örtliche Gemeindeverwaltung an der Feier teilnahmen. Richtig guter Stimmung bestieg ich danach den D-Zug nach Budapest, um wieder nach Hause zu fahren.
Am nächsten Bahnhof stieg ein fünfzig- bis sechzigjähriger Herr zu. Er war der Typ Mensch – gelobt sei die Lebenserfahrung! –, der sofort seine ganze Lebensgeschichte erzählt, ob man sie hören will oder nicht. Meine Menschenkenntnis trog mich auch diesmal nicht. Der Mann setzte sich mir gegenüber, machte es sich gemütlich, wobei er seinen vermutlich durch täglichen Bierkonsum verursachten Bauch nach vorne schob, und schaute mich freundlich aus seinen schönen blauen Augen an. Er verschonte mich nicht mit seiner Geschichte. Er erzählte, er sei gerade beim Arzt gewesen und so weiter und so fort. Ich schwieg geduldig und gleichmütig. Plötzlich aber schnappte ich in der Monotonie seines Erzählens folgenden Satzfetzen auf:
»… und ich habe eine Tante, zu der habe ich neulich gesagt, sie sieht aus wie eine alte Jüdin.«
Auf so etwas reagiert mein Gehör etwas empfindlich. Ich ließ ihn das wiederholen und fragte, was das heißen solle – warum sie »wie eine alte Jüdin aussieht«.
»Weil sie«, meinte mein Gegenüber mit den freundlichen Augen, »an jedem Finger einen Ring trägt.«
»Wirklich?«, fragte ich überrascht. »Und wie viele Juden gibt es in Ihrem Dorf und wie viele von ihnen kennen Sie?«, fragte ich mit größtem Interesse.
»Also«, lautete die Antwort, »in meinem Dorf gibt es ehrlich gesagt gar keine Juden, und ich kenne eigentlich auch keine.«
»Woher wissen Sie das dann? Und wenn Sie in Ihrem Leben noch nie einen Juden aus der Nähe gesehen haben, warum sagen Sie das dann?«
Ich war außer mir vor Wut. Ich hielt ihm meine beiden Hände unter die Nase. Der Mann starrte mich an und wusste nicht, was ich von ihm wollte.
»Schauen Sie sich meine Hände an! Wie viele Ringe sehen Sie?«
»Einen«, antwortete er, immer noch ganz perplex.
»Na, sehen Sie! Und wenn Sie gleich nach Hause gehen, erzählen Sie jedem, dem Sie begegnen, dass Sie mit einer waschechten Jüdin zusammen im Zug gefahren sind und dass die nur einen einzigen Ring an ihren Fingern trug!«
Die Rote Armee vertrieb die Armee des Dritten Reiches aus Ungarn und befreite damit das Land von der deutschen Besatzung.53 Damit ging aber auch einher, dass die Rote Armee das Land überrollte. Das Ghetto in Pest wurde am 18. Januar 1945 befreit, die Juden konnten ihre Verstecke verlassen. Folglich erlebten diese Juden als Befreiung, was die große Mehrheit der Bevölkerung als Besatzung empfand. Ich spreche in diesem Zusammenhang bewusst nicht von einer »neuen« Besatzung, denn auch wenn wir rückwirkend keine Statistik erstellen können, wie viele Ungarn den 19. März 194454 als Besatzung empfanden: Der Großteil der Bevölkerung tat dies wohl nicht. Oder haben wir je in irgendeinem Kommentar über den 19. März 1944 gelesen, dass Ungarn an diesem Tag seine Unabhängigkeit verlor? Oder dass die Regierung (egal welche) den 19. März zu einem nationalen Trauertag erklärt hätte?
Ich betreibe geradezu eine Art Meinungsforschung, um herauszufinden, welche Kriterien für eine gerechte Beurteilung der Geschichte eine Rolle spielen. Besonders interessiert mich, was die in den Fünfziger- und Sechzigerjahren Geborenen über das damalige Vorgehen der Roten Armee in Ungarn denken. Warum verhielt sich die Armee in Ungarn anders als in Bratislava und in Prag? Ich will mich nicht mit Experten streiten, aber manipulierte oder unkritische Sichtweisen ärgern mich. In den gerade erwähnten Jahrgängen beispielsweise sind diejenigen in der Überzahl, die nicht mehr wissen, dass es 1941 das damals starke und mächtige Ungarn war, das der kleinen und schwachen Sowjetunion den Krieg erklärte. So kam die ruhmvolle Rote Armee als Feind nach Budapest, nach Bratislava und Prag aber als Freund.
Ich bemühe mich um Neutralität, ich will menschliche Größe anerkennen und würdigen, darauf achten, nicht zu verallgemeinern … die Deutschen … die Roma …
Was bedeutet das aber, wenn ich von der Gendarmerie, von der SS spreche? Auch in diesen Fällen könnte es Gründe dafür geben, nicht zu verallgemeinern, fanden sich doch auch dort Menschen, die andere Menschen retteten, auch wenn dies die Ausnahme war.
Ich erinnere mich an die Zeit, als wir die Qualität von Witzen nach der Anzahl der Jahre bewerteten, die man als Strafe für deren Verbreitung aufgebrummt bekommen hätte. Ohne Humor geht es nicht im Leben – dieser Satz gilt mit einer Einschränkung: außer im Sozialismus, wie bei uns. Lachen mittlerer Stärke: drei Jahre; geistreicher echter Budapester Witz: mindestens fünf Jahre. Klar, dass uns das schnell zum Schweigen brachte.
Das Schweigen machten wir uns so schnell zu eigen, dass wir kein Wort zu der Verstaatlichung und Konfiszierung der Güter von Kirchen und anderen Einrichtungen sagten. Auch nicht zu der Vernichtung der »Kulaken«, zu den Aussiedlungen, zu der forcierten Bildung der Kooperativen, zur Verstaatlichung des Schulwesens – und zu vielen anderen Dingen auch nicht. Das alles versuchte ich zu verstehen, ich versuchte, solange eine Erklärung für das Unakzeptable zu finden, bis mich am Ende die schmerzliche eigene Erfahrung einholte und ernüchterte. Und dann brach für mich die Welt zusammen und ging unter.
Ücretsiz ön izlemeyi tamamladınız.