Kitabı oku: «Kornblumenjahre»
Eva-Maria Bast
Kornblumenjahre
Zweiter Teil der Jahrhundert-Saga
Zum Buch
Bewegte Jahre 1923: Auf dem Höhepunkt der Inflation kämpft Johanna darum, ihre Familie satt zu bekommen. Derweil marschieren im Ruhrgebiet die Franzosen ein. Luise und Siegfried erleben die Besetzung mit und Siegfried schließt sich einer Untergrund-Bewegung an. Am Bodensee verrät Sophies Schwester Helene deren Geheimnis: dass Sophies Sohn Halbfranzose ist. Auf Sophie wird daraufhin ein Anschlag verübt und sie muss ins Ruhrgebiet zu Luise fliehen. Als Siegfried davon erfährt, ist er außer sich vor Zorn und droht, Sophie zu verraten. In ihrer Verzweiflung begehen Sophie und Luise eine schreckliche Tat. Johannas Schwester Marlene ist inzwischen zu einer jungen Frau herangewachsen, verliebt sich ausgerechnet in einen Angehörigen der NSDAP und erlebt den Hitlerputsch mit.
Werden die Frauen ihr Glück finden?
In der Gegenwart: Vier junge Menschen versuchen die Geheimnisse ihrer Vorfahren zu lüften und stoßen auf unglaubliche Geheimnisse …
Eva-Maria Bast wurde 1978 in München geboren, arbeitet seit 1996 als Journalistin und ist Leiterin der »Bast Medien GmbH«. Für ihre Arbeit wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet, unter anderem erhielt Eva-Maria Bast dreimal den »Oscar« der Zeitungsbranche, den Deutschen Lokaljournalistenpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung. Seit 2016 ist Eva-Maria Bast Dozentin an der Hochschule der Medien in Stuttgart. Sie lebt mit ihrer Familie in Überlingen am Bodensee und in Würzburg.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
4. Auflage 2020
Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © ullstein bild – Friedrich Mueller
ISBN 978-3-8392-4664-1
Widmung
Für Thomas
Vorwort
Liebe Leserinnen und Leser,
viele von Ihnen werden den ersten Teil der Mondjahre-Trilogie bereits kennen. Für diejenigen, die Band 1 nicht gelesen haben, habe ich hier eine kurze Zusammenfassung geschrieben. Auch wenn jeder Band in sich abgeschlossen ist, sind manche Handlungsstränge doch besser zu verstehen, wenn man weiß, was sich in Band 1 ereignet hat.
Deutsches Reich 1914: Johanna Gerstett ist voller Idealismus, mutig und ein wenig unkonventionell. Sie hat Lust auf das Leben und will die Welt erobern. Und sie ist zum ersten Mal verliebt – in den Studenten Sebastian Bigall. Auch ihre Tante Sophie, die nur wenige Jahre älter ist als Johanna, hat ihr Herz verloren: an Pierre Didier, einen französischen Journalisten, der über den weltweit Aufsehen erregenden Ferdinand Graf Zeppelin recherchiert. Sowohl Sophie als auch Johanna interessieren sich – für die damalige Zeit ungehörigerweise – für Politik. Und so sind sie denn auch beunruhigt über die Aufrüstungen und beobachten besorgt die Wolken, die am Horizont aufziehen. Dann wird der österreichische Thronfolger in Sarajevo erschossen. Johanna und Sophie erleben die Wirren jener Tage des Kriegsausbruches mit, die Hamsterkäufe, die Jagd nach Gold, die Aufbruchsstimmung und die Angst. Als sich die Fronten zwischen Deutschland und Frankreich verhärten, verlässt Sophies Geliebter das Land – vor seiner Abreise verloben sich die beiden und schlafen miteinander, ein verzweifelter Akt. Sophie wird schwanger, schwanger vom Feind.
Auch Sebastian und Johannas Onkel Siegfried müssen in den Krieg ziehen. Siegfried ist beim Kampf um Neidenburg in Ostpreußen dabei und verliebt sich in Luise, bei deren Familie er einquartiert ist. Als die Russen vorrücken, ziehen sich die deutschen Truppen aus Neidenburg zurück – und Siegfried beschwört Luise, mit ihm zu kommen. Aber sie muss auf ihre Eltern warten, die dann jedoch grausam ermordet werden. Schier besinnungslos vor Schmerz, Wut und Hass erlebt Luise die Tage, in denen Neidenburg in russischer Hand ist.
Sophie macht derweil im Lazarett an der Westfront schreckliche Erfahrungen und wird schließlich, als ihre Schwangerschaft nicht mehr zu verbergen ist, entlassen. Siegfried und Luise haben sich inzwischen wiedergefunden und planen ihre Hochzeit in Memel. Während der Vorbereitungen werden Johanna und Luise von den Russen gefangen genommen. Siegfried sieht die beiden Frauen in der Gewalt der Russen und wird beim Versuch, sie zu retten, niedergeschossen. Luise bricht im Zug, der sie nach Russland bringen soll, völlig zusammen. Sie weiß nicht, ob er noch lebt. Doch Siegfried überlebt – stürzt aber in eine tiefe Krise, weil er sein Bein verliert und sich nur noch wie ein halber Mann fühlt.
Johanna und Luise landen in einem russischen Gefangenenlager. Johanna soll dem dort arbeitenden Arzt assistieren – und hat eines Tages ihre große Liebe, den als vermisst geltenden Sebastian, vor sich auf dem OP-Tisch. Gerade als die beiden Wiedersehen feiern, werden Johanna und Luise nach Petrograd an ein Krankenhaus beordert. Sebastian und sein Freund Karl flüchten aus dem Lager und reisen den Frauen hinterher. Während in Petrograds Straßen die Revolution tobt, spürt Sebastian Luise und Johanna auf. Gemeinsam mit Karl und der jungen russischen Krankenschwester Irina fliehen sie, Irina und Karl verlieben sich ineinander.
Derweil trauert Pierre im feindlichen Frankreich immer noch seiner Sophie nach. Doch seine Mutter versucht, ihn zu verkuppeln. Schließlich heiratet Pierre eine andere, sein Herz gehört aber nach wie vor Sophie.
Sebastian und Karl müssen an die Front zurück. Bei einem Angriff wird Karl vor Sebastians Augen in Stücke gerissen. Sebastian verliert den Verstand. Es dauert lange, bis man ihn findet, er ist zutiefst verstört. Während der Kaiser abdankt und die Straßen in Deutschland unter der Revolution brennen, bringt Johanna ihre Tochter Susanne zur Welt. Und Sebastian findet langsam ins Leben zurück.
Der zweite Handlungsstrang spielt in der Gegenwart. Zita, eine junge Frau aus Stuttgart, ersteigert bei eBay ein winziges altes Notizbüchlein aus Silber, das an einem Band um den Hals getragen werden kann. Als sie das Büchlein in der Hand hält, entdeckt sie, dass sich noch lauter kleine Blätter, die man in das Büchlein klemmen kann, darin befinden. Gebannt entziffert sie die verblassten Aufschriebe, die offensichtlich aus der Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs stammen. Was sie dort liest, fasziniert sie so sehr und ist so rätselhaft, dass sie beschließt, sich auf Spurensuche zu begeben. Ihre Suche führt sie nach Überlingen an den Bodensee, wo die Nachfahren derer leben, die ins Notizbüchlein schrieben: die Nachfahren von Sophie, Johanna und Luise. Zu jener Zeit ahnt Zita noch nicht, dass der Fund des Notizbüchleins ihr Leben komplett verändern soll: Sie verliebt sich in Philippe, den Urenkel Sophies, den die Suche nach der Wahrheit ebenfalls nach Überlingen führt. Und sie entgeht knapp einem Mordanschlag, den Franziska, Johannas kleine Schwester, die inzwischen hochbetagt ist, auf sie verübt. Der Grund: Sie fühlt sich durch Zita und das Notizbüchlein bedroht, denn Franziska hat etwas zu verbergen …
1923 – 1925
1. Kapitel
Überlingen, Bodensee, August 2013
Das silberne Notizbuch lag auf dem kleinen Sekretär in Zitas Hotelzimmer. Sie hatte es wieder bezogen, nachdem Franziska, die alte Dame, die ihr nach dem Leben getrachtet hatte, um die Aufzeichnungen in ihren Besitz zu bringen, verhaftet worden war. Franziska Gerstett war die Inhaberin der Pension, in der sich Zita eingemietet hatte, und deshalb war Zita auf Anraten der Polizei sicherheitshalber ausgezogen. Nun aber saß Franziska hinter Schloss und Riegel und Zita war zurückgekehrt. Nachdenklich ließ sie ihre Finger über den ziselierten Deckel des Notizbüchleins wandern.
Noch immer war sein Rätsel nicht gelöst, im Gegenteil: In den Wochen, seit sie das winzige Büchlein, das man mit einem Lederband um den Hals tragen konnte, bei eBay ersteigert hatte, waren die unbeantworteten Fragen zu einem riesigen Berg angewachsen, ihr ganzes Leben hatte sich verändert. In dem Büchlein hatten sich Notizen befunden, merkwürdige Notizen aus der Zeit des Ersten und Zweiten Weltkriegs. Geheimnisvolle Aufzeichnungen, deren Sinn Zita unbedingt hatte herausfinden wollen. Ihre Suche hatte sie an den Bodensee geführt, in eine Pension, die Altes Schulhaus hieß. Hier hatte sie den Mordanschlag überlebt, neue Freunde gefunden, hatte sich verliebt – und war entschlossener denn je, das Rätsel, das sich um dieses Büchlein rankte, zu lösen. Denn inzwischen war klar: Die Verfasserin der Notizen war eine mittlerweile verstorbene Verwandte Franziska Gerstetts, Franziska selbst hatte gewaltig Dreck am Stecken. Und anscheinend unglaubliche Angst, dass in dem Notizbüchlein etwas stand, das ihr dunkles Geheimnis verraten könnte.
Wieder strich sie über den Deckel. Er fühlte sich ganz warm an unter ihren Händen. Während sie das Büchlein betrachtete, dachte sie darüber nach, wie seltsam es doch war, dass ein solcher Gegenstand das Leben mehrerer Menschen bestimmen und verändern konnte. Dass er ihr Leben plötzlich mit dem der Familie Gerstett verwob. Obwohl sie als Außenstehende ja eigentlich nichts mit all dem zu tun hatte, war sie plötzlich mitten im Geschehen.
»Was machst du denn da?«, riss Philippes schläfrige Stimme sie aus ihren Gedanken. Lächelnd drehte Zita sich um. Philippe war Mediziner, hatte ihr nach dem Giftanschlag das Leben gerettet und sie hatten sich ineinander verliebt. Auch Philippes Geschichte war eng mit der des Büchleins verwoben, die Suche nach der Wahrheit hatte sie zueinandergeführt. Er gehörte dem französischen Teil der Familie an und auch er war auf der Suche nach dem Geheimnis des Notizbüchleins. Sie ging zu ihm und gab ihm einen Kuss. »Ich versuche, das Rätsel zu lösen. Oder vielmehr: die vielen Rätsel.«
»Kann das nicht noch warten?«, brummte Philippe und versuchte, sie an sich zu ziehen.
Zita wollte schon nachgeben und sich in die verführerische Umarmung fallen lassen, als jemand an die Tür hämmerte. »Zita!«, rief Mia von draußen. »Zita, mach auf, schnell!«
Philippe knurrte unzufrieden, doch Zita band den seidenen Morgenmantel, der bei Philippes Umarmung aufgegangen war, wieder zu, um Mia, Franziskas Großnichte, die gemeinsam mit ihrer Mutter Melissa ebenfalls im Haus wohnte, die Tür zu öffnen.
»Was gibt’s?«, fragte sie.
»Großtante Franziska liegt im Sterben«, sprudelte Mia hervor. »Die Nacht im Gefängnis ist ihr anscheinend nicht gut bekommen, und sie haben sie ins Krankenhaus eingeliefert. Die haben grade angerufen. Sie will unbedingt mit mir und Mutter sprechen. Und mit dir auch!«
»Mit mir?«, fragte Zita erstaunt, »warum denn mit mir?«
Mia zuckte die Achseln. »Keine Ahnung, aber wenn sie wirklich im Sterben liegen sollte, will sie sich vielleicht bei dir entschuldigen. Eine Art Beichte? Immerhin hat sie versucht, dich umzubringen!« Sie musterte Zita, die immer noch in ihrem schwarzen Morgenmantel vor ihr stand. »Beeil dich, zieh dir was über. Ach …, und ist Philippe bei dir?«
»Ja!«, rief Philippe von hinten und erschien verstrubbelt und mit einem um die Hüften geknoteten Handtuch in der Tür. »Will sie mich etwa auch sehen?«
»Nein«, erwiderte Mia verlegen. »Aber meine Mutter möchte gerne mitkommen. Auch wenn die beiden sich nie gemocht haben – es könnte doch sein, dass es das letzte Mal ist, dass sie Franziska lebend sieht.«
»Und da soll ich unten die Rezeption machen und anreisenden Gästen ihre Schlüssel aushändigen?«, fragte Philippe. »Kein Problem. Gebt mir fünf Minuten.«
»Ich brauche drei«, versicherte Zita ihrer Freundin. »Ich bin gleich unten.«
Das Gesicht der alten Dame war so weiß wie die Laken, in denen sie lag. Zita erschrak, wie eingefallen und faltig Franziska wirkte, dabei war sie ihr immer schon wie der Inbegriff einer Greisin erschienen. Die Alte wandte leicht den Kopf, als die drei Frauen das Zimmer betraten.
»Kommt herein«, sagte sie. Ihre Stimme klang heiser, rau und irgendwie auch hohl und unheimlich. Unwillkürlich musste Zita an den Mann denken, der ihr im Zug begegnet war, neulich, als sie mit dem Notizbüchlein im Gepäck an den Bodensee gereist war. Er hielt sich, wenn er sprechen wollte, einen Verstärker an die Stimmbänder, weil er Kehlkopfkrebs hatte. Ganz ähnlich klang nun Franziskas Stimme, als sie hasserfüllt hervorstieß: »Sophie und Luise, sie haben Siegfried getötet. Einen, der fürs Vaterland kämpfte, einen mutigen Mann, der für seine Sache einstand.« Mia, Zita und Melissa wechselten einen erschrockenen Blick. Sophie war Philippes Urgroßmutter gewesen. Und sie sollte Siegfried, ihren eigenen Bruder, getötet haben? Gemeinsam mit dessen Frau Luise?
Mia ging zögernd auf das Bett zu. Franziska atmete keuchend aus. »Ich habe das immer gewusst. Ich war die Einzige aus der Familie, die wusste, wie meine Tanten, von denen alle sagten, sie seien so wunderbar und so gut, wirklich waren.«
»Hast du sie verraten, Tante Franziska?«, bohrte Mia. »Ist das der Grund, warum du wegen des Notizbüchleins so erschrocken bist? Dachtest du, dass darin etwas über deinen Verrat zu finden sei?«
Franziska wandte den Kopf ab und presste die Lippen aufeinander. »Bitte, Tante Franziska«, flehte Mia, »du musst es mir sagen!«
Franziska sah sie wieder an mit ihren trüben alten Augen. Ihre Stimme klang keuchend und pfeifend, als sie sagte: »Ich war die Jüngste, die Kleinste, mein Kind. Ich habe früh gelernt, dass es von Vorteil ist, Dinge zu wissen. Nur so kommt man durch im Leben.«
»Hast du sie verraten?«, fragte nun auch Melissa. »Ist es das, was dich quält? Haben sich Johanna und Sophie deshalb überworfen? Ist das der Grund?«
Johanna war Mias Großmutter. Philippe hatte erzählt, dass das Zerwürfnis mit Johanna seine Urgroßmutter immer gequält hatte – aber auch er wusste nicht, wodurch es zustande gekommen war.
»Ach, mein liebes Kind.« Franziska legte ihre faltige Hand an Mias Wange. »Mein liebes Kind, es ist danach noch so viel geschehen. Ich war immer diejenige, die alles wusste und die das zu nutzen verstand.« Ein trotziger Ausdruck trat auf ihr Gesicht, als sie wiederholte: »Ich war ja auch die Kleinste, ich musste sehen, wo ich bleibe.«
Nachdenklich sah sie Mia an. »Ich weiß auch Dinge über dich, Mia-Kind, die du nicht weißt.« Ihr Blick schweifte zu Melissa. »Dinge, die auch deine Mutter betreffen. Und die selbst sie nicht weiß.«
»Was für Dinge?«, rief Mia. »Rede doch mit mir, Tante Franziska!« Und auch Melissa trat einen Schritt vor. Im Gegensatz zu ihrer Tochter war sie ganz ruhig, als sie sagte: »Bitte, Franziska, du hast uns diese Dinge ein Leben lang verschwiegen und uns damit belastet. Bitte lass uns nicht im Ungewissen.«
Im Blick der alten Frau begann es zu flackern. »Es gibt so vieles, was ihr nicht wisst«, sagte sie, nahm dann Mias Hand und krallte sich an ihr fest. Es schmerzte und Mia biss die Zähne zusammen.
»Es ist alles ganz anders, als ihr immer glaubtet«, stieß Franziska hervor. »Johanna ist gar nicht deine Großmutter, Mia. Und nicht deine Mutter«, wandte sie sich an Melissa.
Mia schrie leise auf. »Aber was … aber wer …«, stammelte sie, während Melissa Franziska mit großen Augen anstarrte.
Doch die schüttelte nur den Kopf.
Zita, die schweigend ein wenig abseits gestanden hatte, legte Melissa die Hand auf die Schulter.
Mia war vollständig verwirrt. »Aber Mutter hat immer gesagt, Johanna sei ihre Mutter gewesen.« Sie sah Melissa an, doch die erwiderte ihren Blick nur erschrocken und ratlos.
»Das hat deine Mutter auch geglaubt.« Wieder klang Franziskas Stimme seltsam tonlos und unheimlich. »Johanna wollte, dass sie es glaubt. Alles andere wäre gefährlich gewesen.«
In Mias Kopf drehte sich alles. »Wieso gefährlich? Wer ist denn nun meine Großmutter? Und was hat das alles mit dir zu tun und mit dem Büchlein?«
Franziska wandte den Kopf ab. »Es ist so lange her. Ich habe die Dinge damals in die richtigen Bahnen gelenkt.«
Melissa erwachte aus ihrer Schockstarre und trat noch näher an Franziskas Bett. »Tante Franziska«, flehte sie, »wer ist meine Mutter? Bitte sag es mir. Du kannst mich nicht mit einer solchen Wahrheit konfrontieren und dann nicht konkret werden. Das ist … das ist grausam.«
Franziska sah Melissa ruhig an. »Ich habe dich immer geliebt, Melissa, bei dir war deine Abstammung egal. Ich bin alt, ich möchte die Vergangenheit nicht aufwühlen. Raphael, er könnte noch etwas wissen.«
Dann fiel ihr Kopf zur Seite, und Franziska Gerstett segnete 100 Jahre, nachdem sie das Licht der Welt erblickt hatte, das Zeitliche.
2. Kapitel
90 Jahre zuvor
Essen, Ruhrgebiet, 11. Januar 1923
Die Stadt brannte. Die Flammen, die über ihren Dächern zusammenschlugen, waren Flammen der Wut. Die Wut der Essener auf die Franzosen, die bewaffnet und in Uniform in ihre Stadt einmarschierten. Das Ruhrgebiet wurde besetzt, die Reparationsforderungen der einstigen Kriegsgegner sollten mit Gewalt durchgesetzt werden. Luise stand inmitten der aufgebrachten Menge, beobachtete den Einmarsch der Franzosen und überlegte, ob sich die Wut der Einheimischen so anfühlte wie die Wut der Russen während der Revolution, damals, 1917. Sie überlegte das sehr genau und stellte dann fest, dass sie sich die Antwort nicht geben konnte. Denn in jenem bitterkalten Winter, da hatte auch sie gekämpft, gemeinsam mit den Genossen, bei denen sie, die Kriegsgefangene aus Deutschland, überraschenderweise eine Heimat gefunden hatte. Das Mädchen, das voller Hass auf die Russen die erzwungene Reise von Ostpreußen nach Russland angetreten hatte, das so voller Groll gewesen war, hatte sich irgendwann mit ihnen angefreundet, solidarisiert. Weil es gut tat, für etwas zu sein, für etwas zu kämpfen. Für die Heimat zu kämpfen. Aber die russische Heimat, für die sie gekämpft hatte, war nicht die ihre gewesen, ihre Heimat war untergegangen, zusammen mit der von Russen ermordeten Großmutter, den ermordeten Eltern. Sie war zurückgekehrt zu ihrem Verlobten, hatte ihre Heimat in ihm zu finden geglaubt, doch auch er, Siegfried, war untergegangen. Ersoffen im gierigen, menschenverschlingenden Meer des Kriegs. Nein, er war nicht gefallen. Das nicht. Aber sie hatten ihm das Bein weggeschossen und ihm damit seinen Stolz genommen, als halber Mann fühlte er sich seither und badete im Teich des Selbstmitleids. Dabei hatte es anfangs noch so ausgesehen, als könnten sie es schaffen. Justus, ihr Schwager, der in Konstanz eine Textilfabrik besaß, war in Gefangenschaft gewesen, Siegfried hatte die Firma in seiner Abwesenheit geleitet, ins Feld konnte er mit seinem einen Bein ja nicht mehr. Er war gut gewesen, wirklich gut. Siegfried hatte so viel geleistet und Justus wollte ihn auch behalten, er hätte ihn gut gebrauchen können. Aber Siegfried ließ es nicht zu. Als Justus aus der Gefangenschaft heimkehrte, gab es bitteren Streit zwischen den beiden Männern, und Siegfried schleuderte Justus entgegen, er brauche sein Mitleid nicht. Er werde es allein schaffen, allen zeigen im Ruhrgebiet, bei den Krupp-Werken. Grob hatte er sie, Luise, entwurzelt. Sie, die gerade zaghaft und schüchtern erste Wurzeln in den neuen Heimatboden am Bodenseeufer gesteckt hatte, hatte er gepackt und nach Essen geschleift, in diese hässliche, hässliche Stadt.
Und nun stand sie hier. Siegfried hatte einen schlechten Posten bei den Krupp-Werken, war nicht mehr als ein Arbeiter, aber er gab es nicht zu. Er sei immerhin Arbeiterführer, sagte er stolz. Ja, nun stand sie hier und sah den Truppen zu, die in die Stadt einzogen.
Aus Siegfried, ihrem einst so leuchtenden Helden, der sie küsste, bevor ihre Welt unterging, damals, im ostpreußischen Neidenburg, war ein verbitterter, verkniffener, selbstmitleidiger Mann geworden.
Trüb blickte Luise auf die Empörung, die ihr entgegenschlug. Die Deutschen schrien, spuckten, erhoben die Fäuste. Wie gerne würde sie mit ihnen schreien. Wie gerne wieder etwas fühlen – und sei es Empörung. Aber wie viele Kämpfe kann man im Leben kämpfen? Für wie viele Revolutionen brennen? Was bleibt nach all der Empörung? Die Flamme verbrennt mich, dachte Luise müde und hörte mit halbem Ohr zwei Männern zu, die eifrig und wortgewaltig über den Einmarsch der Franzosen diskutierten. Darüber, dass die Deutschen sich angeblich nicht an die Reparationsverpflichtungen gehalten und zu wenig Holz und Kohle geliefert hätten. »Das ist doch nur ein Vorwand!«, empörte sich der eine. »Sie wollten das Ruhrgebiet schon lange besetzen.«
Die Schreie und Pfiffe übertönten die Schimpferei der Männer. In Luises Kopf mischte sich alles zu einem schier unerträglichen Lärm. Fest presste sie beide Hände auf die Ohren und wandte sich ruckartig um, um zu gehen. In ihr Zuhause, das keines war.
3. Kapitel
Überlingen, Bodensee, 12. Januar 1923
»Ach, Sophie!« Seufzend legte Johanna den Kopf an die Schulter ihrer Tante, die ihr viel mehr Freundin als Tante war, vielleicht auch, weil Sophie nur wenige Jahre älter war als sie selbst. »Ich langweile mich. Ich schäme mich dafür, aber ich langweile mich ganz furchtbar.«
Sophie strich Johanna über das dunkle Haar. Beide Frauen saßen dick eingepackt nebeneinander auf der Bank in der Küche, auf der sie schon so oft ihre Sorgen und Nöte miteinander geteilt hatten.
»Aber du musst dich doch nicht schämen, meine Liebe«, sagte Sophie sanft. »Du hast Schwangersein schon immer als unerträglichen Zustand empfunden, das war bei Susanne und Robert auch so.« Sie deutete lächelnd auf Johannas gewölbten Leib. »Außerdem ist es ganz normal, dass du dich langweilst, nach allem, was du im Krieg erlebt hast. Wer kann schon von sich sagen, von den Russen gefangen genommen worden und schließlich aus Russland geflohen zu sein? Und an der Front warst du auch noch, im Lazarett. Kein Wunder, dass dir das Leben hier furchtbar eintönig erscheint. Es ist ja auch trostlos.«
Sie umfasste den Raum mit einer Handbewegung. »Was haben wir denn? Jahrelanger Krieg, jahrelanges Sterben – und was hat es uns gebracht? Nichts als Verzicht und Entbehrungen. Es ist kalt, wir haben nichts zu essen, wir haben keine Hoffnung und alle hassen die Franzosen.«
Sophie hatte sich regelrecht in Rage geredet und schluchzte nun trocken auf.
»Sophie!« Erschrocken zog Johanna die Freundin an sich. »Der Franzosenhass macht dir zu schaffen, nicht wahr? Es geht dir gar nicht um all die Entbehrungen, die wir hinnehmen müssen.«
Sophie nickte, während ihr die Tränen über die Wangen liefen, verbarg sie ihr Gesicht schutzsuchend an Johannas Schulter.
»Du hoffst immer noch, ihn wiederzufinden?«
Wieder nickte Sophie. Sie hatte wenige Wochen vor Ausbruch des Krieges einen französischen Journalisten kennengelernt, der über den aufstrebenden Grafen Zeppelin berichten sollte und deshalb in Friedrichshafen weilte. Die beiden hatten sich Hals über Kopf ineinander verliebt und schnell beschlossen zu heiraten. Doch dann wurde der österreichische Thronfolger in Sarajewo ermordet, und die ganze Welt veränderte sich. In der Verzweiflung des Abschieds hatten Sophie und Pierre miteinander geschlafen, Raphael, Sophies heute siebenjähriger Sohn, war gezeugt worden, dann musste Pierre abreisen, und Sophie hatte nie wieder etwas von ihm gehört. Sie hatte sich als Lazarettschwester an die Westfront gemeldet, um ihm nahe zu sein, wenn er auch auf der anderen Seite kämpfte und nun plötzlich Feind war. Nach dem Krieg wartete sie Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr darauf, dass er käme, um sie und seinen Sohn, von dem er freilich nichts wusste, zu holen. Doch Pierre kam nicht. Und als Sophie nach Frankreich fuhr um ihn zu suchen, fand sie ihn nicht. Sie wurde immer trauriger, dann wütend, dann verbittert, schließlich siegte die Angst. Die Angst um den Menschen, den sie mehr liebte als ihr Leben. Dass er eine andere Frau geheiratet und sie vergessen haben könnte, konnte, wollte sie sich nicht vorstellen. Die Alternative aber war noch schlimmer: Sophie glaubte inzwischen fest, dass Pierre gefallen war und Raphael keinen Vater mehr hatte, Halbwaise war. Dennoch: Jetzt, wo die Franzosen im Ruhrgebiet einmarschierten, wuchs die Hoffnung, dass er vielleicht doch noch am Leben sein könnte. Sie wagte den Gedanken eigentlich gar nicht zu denken, verbot ihn sich, doch er ließ sich nicht beiseiteschieben. Und noch etwas quälte sie: der Franzosenhass. Auch Raphael hatte das eine oder andere Mal schon einen franzosenfeindlichen Satz fallen lassen, und Sophie hatte an sich halten müssen, um ihren ahnungslosen Sohn nicht anzuschreien. So hatte sie die Kommentare ignoriert, denn auch wenn sie ihn nur sanft zurechtgewiesen hätte und Raphael hätte in der Schule erwähnt, dass seine Mutter franzosenfeindliche Kommentare nicht dulde, wäre das gefährlich gewesen. Franzosenhass gehörte zum guten Ton in diesen Tagen, vor allem, seit die Feinde aus dem Westen das Ruhrgebiet besetzt hatten, um die Deutschen zur Einhaltung der Reparationszahlungen zu zwingen.
»Irgendwann wirst du es Raphael sagen müssen«, unterbrach Johanna ihre Gedanken.
»Das kann ich nicht«, wehrte Sophie erschrocken ab. »Wie sollte er damit klarkommen? Jetzt, wo alle Welt die Franzosen hasst?«
»Das wird sich auch wieder ändern«, versuchte Johanna zu beruhigen.
Sophie schloss ihre Hand fest um das winzige silberne Notizbüchlein, in dem ein Foto Pierres steckte, dem sie ihre intimsten Gedanken anvertraute und das sie an einem hellblauen Seidenband stets um den Hals trug. »Glaubst du wirklich?«
»Aber natürlich. Denk doch nur daran, wie oft die Welt sich allein in den letzten zehn Jahren verändert hat.«
»Da hast du natürlich recht.« Ein Hauch von Hoffnung glomm in Sophies Augen. Doch sie ahnte nicht, wie extrem ihr Leben und auch das von Raphael, wie extrem ihrer aller Leben sich noch verändern würde. Sie hatten schon so viel hinter sich. Und noch so viel vor sich.
4. Kapitel
Essen, Ruhrgebiet, 12. Januar 1923
»Ich werde dort nicht hingehen.« Siegfried ließ wieder etwas von seiner alten Kraft und seinem alten Feuer erkennen, als er in der kleinen, düsteren Wohnung, die er mit Luise bewohnte, auf den Tisch hieb und ihr seine Entscheidung mitteilte. »Ich werde dort genauso wenig erscheinen wie unsere Direktoren!« Leicht hob er das Kinn, und Luise sah plötzlich wieder den Mann vor sich, in den sie sich einst verliebt hatte. Sie fühlte, dass ihr Herz unwillkürlich schneller schlug, als sie die Woge seiner Entrüstung einatmete. Als sie wieder sein Feuer spürte und sein Leuchten. Schüchtern und doch kraftvoll wie ein Schneeglöckchen durch hartgefrorenen Boden bohrte sich die Hoffnung durch den Winter ihres Gemüts. Es war der 12. Januar 1923, ein ausnehmend kalter Tag. Die französischen Behörden hatten die Direktoren der Krupp-, Stinnes- und Thyssenwerke zu einer gemeinsamen Konferenz eingeladen, an der von deutscher Seite allerdings niemand teilnahm. Auch die Arbeiter dachten nicht daran, den Franzosen ihre Mitarbeit zuzusagen oder ihnen gar die Informationen zu geben, auf die sie hofften.
»Sie wollen, dass wir ihnen Auskunft geben.« Siegfried spie auf den Boden, und Luise, so sehr sie sich über seinen wiedererwachten Kampfgeist freute, zuckte angesichts dieser groben Geste zusammen. Früher war er beides gewesen: mutiger Kämpfer und Kavalier. Jetzt war er ein Kämpfer mit verrohten Gesten, aber wenigstens, dachte Luise, kämpft er wieder und badet nicht mehr nur in Selbstmitleid.
Siegfried hielt Wort. Und er hielt Stand und wich keinen Deut von seinem Vorhaben, seiner Haltung und seiner Überzeugung ab. Auch nicht, als er nach der Mittagspause auf dem Weg zur Arbeit die Krupp-Statue auf dem Marktplatz passierte und drei Männer aus dem französischen Panzer sprangen, der dort stationiert war. Groß, drohend und breit kamen sie dem humpelnden Mann entgegen. Einer zog eine Peitsche hervor und hieb damit genau auf den Stumpf. Siegfried erblasste vor Schmerz und Wut, aber er verzog keine Miene.
»Einem Mitglied der Besatzungsmacht haben Sie Platz zu machen und zu grüßen!«, bellte der französische Offizier. »Haben Sie mich verstanden?«
Siegfried hob den Blick, starrte dem Mann trotzig in die Augen und spuckte aus, wie er das schon in seiner Küche getan hatte.
Plötzlich wurde er von hinten gepackt und zu Boden geworfen. Der Offizier trat mit dem Stiefel nach ihm und schlug ihm mit der Peitsche ins Gesicht. Die Stelle brannte, aber noch heißer brannte die Scham, die in Siegfried emporstieg.
»Der Besatzungsmacht haben Sie sich zu beugen und den Befehlen Folge zu leisten!«, brüllte der Offizier mit zornrotem Gesicht.
Siegfried antwortete nicht. Auch wenn er vor Angst zitterte und einen neuen Schlag mit der Peitsche fürchtete, blieb sein Stolz doch ungebrochen.
Der Offizier trat ihm mit aller Gewalt in die Nieren und er krümmte sich vor Schmerz.
»Sie sind verhaftet!«, bellte der Franzose. »Man wird Ihnen schon noch Manieren beibringen.«
Er drehte Siegfried den Arm auf den Rücken, zog ihn zu sich herauf und führte ihn ab.
5. Kapitel
Deauville, Frankreich, 12. Januar 1923
Michelle Didier wurde ihrer Mutter, Madame Legrand, immer ähnlicher. Hatte sie früher die strengen Ansichten ihrer Mutter verurteilt und war ein freidenkender und geradliniger Mensch gewesen, so hatten die letzten Jahre sie verbittern lassen und sie zu einer ewig nörgelnden und unzufriedenen Person gemacht.
Schuld daran war sicher das Bewusstsein, dass ihr Mann Pierre sie nicht liebte und sie nur aus Mitleid geheiratet hatte. Dass er in jeder Minute, die er mit ihr zusammen verbrachte, eigentlich an diese Deutsche, diese Sophie, dachte.
Michelle war ein sehr romantisches Mädchen gewesen, das an die große Liebe glaubte, und eine ganze Zeit lang hatte sie Pierre für diese große Liebe gehalten. Aber gab es eine große Liebe ohne Gegenliebe? So hatte Michelle es sich in ihren Träumen jedenfalls nicht vorgestellt! Als Pierre ihr kurz vor seinem Heiratsantrag gestanden hatte, dass er eigentlich eine andere Frau liebe und dass er sie nur heirate, weil ihre Mutter die Verlobung schon öffentlich verkündet hatte und er ihr die Schande ersparen wolle, war sie tief verletzt gewesen und hatte den Antrag stolz abgelehnt. Sie wollte, dass er sie aus Liebe und nicht aus Mitleid heiratete.
Schließlich aber hatte sie festgestellt, dass sie ohne ihn nicht leben konnte, und sich entschlossen, den Antrag anzunehmen. Sie würde ihm eine gute Frau sein und ihn, dessen war sie sich sicher, im Lauf der Zeit dazu bringen, diese Deutsche zu vergessen und sie, Michelle, von ganzem Herzen zu lieben.
Doch Pierre vergaß Sophie nicht. Zwar sprach er nie von ihr, denn er wusste, was sich gehörte, aber Michelle spürte, dass Sophie zwischen ihr und Pierre stand und dass das vermutlich auch immer so sein würde. Sie versuchte, seine Liebe zu gewinnen, opferte sich regelrecht für ihn auf. Doch je mehr sie sich selbst aufgab, desto mehr zog er sich von ihr zurück. Und Michelle dachte verzweifelt, wie leicht es diese Sophie doch hatte. Eine Liebe, die nie über den Zustand der ersten aufregenden Phase hinauskam, ließ sich leicht glorifizieren, schließlich hatten die beiden keinen Alltag miteinander geteilt, sich nie aneinander gewöhnt. Kein Wunder, dass ihm Sophie da nur in den leuchtendsten Farben in Erinnerung geblieben war. Sie, Michelle, hingegen teilte sein Leben. Sie bemühte sich zwar immer, schön und gepflegt zu sein, aber er hatte sie nun auch mal verschwitzt gesehen, nachdem sie ihm die Kinder geboren hatte. Er sah sie hustend und krank während einer Grippe, er wusste, wie sie morgens nach dem Aufwachen aussah. Sie kam nicht auf die Idee, dass solche Momente Liebe stärken konnten. Und dass es Momente waren, die die gegenseitige Zuneigung vertieften, selbst wenn es sich nicht um die große Liebe handelte. Michelle dachte, sie müsse immer schön und gut gelaunt sein, um mit Sophie konkurrieren zu können, und sie begann, sich eine Maske zuzulegen, die das Einzige verdeckte, was Pierre an ihr gemocht hatte: ihre Natürlichkeit. Sie achtete darauf, vor ihm aufzustehen, um ihm geschminkt entgegenzutreten, und ihr Umgang miteinander wurde beherrscht von ihrem oberflächlichen, scheinbar gut gelaunten Geplauder. Was Pierre, den menschliche Tiefe anzog wie nichts anderes, immer weiter von ihr forttrieb.
Michelle war verzweifelt und sehnte sich nach dem Rat und den tröstenden Armen ihrer Mutter. Doch die Mutter war für sie unerreichbar geworden, denn Pierre und Michelle hatten unmittelbar nach ihrer Hochzeit den Kontakt zu ihren Eltern abgebrochen, da sie ihnen nicht verzeihen konnten, was sie ihnen angetan hatten. Sie verkündeten die Verlobung der beiden öffentlich, bevor sie selbst etwas davon wussten. Pierre, als Mann der guten Manieren, sah danach keinen anderen Weg mehr, als Michelle tatsächlich zu heiraten. Vor allem er war es gewesen, der darauf drängte, den Kontakt zu den Eltern abzubrechen, denn ihn hatte man zu etwas gezwungen, was er nicht wollte. Michelle hingegen war zwar zunächst ärgerlich auf ihre Mutter gewesen, hatte sich dann aber schnell damit abgefunden, denn es brachte ihr den Mann, den sie liebte.
Als Michelle Pierre zwei Kinder geschenkt hatte, einen Jungen und ein Mädchen, dachte sie, nun müsse alles gut sein und Pierre würde sich ihr endlich ganz zuwenden.
Aber Pierre änderte sich nicht. Er liebte seine Kinder zärtlich, doch er distanzierte sich unmerklich nur noch mehr von Michelle, weil er dem Band entgehen wollte, das die Kinder automatisch zwischen ihnen knüpften. Und weil er Michelles Oberflächlichkeit nicht ertragen konnte.
Eines Tages brach Michelle zusammen. Sie konnte nicht immer nur Liebe geben, ohne auch nur das kleinste bisschen zurückzubekommen. Sie fühlte sich gedemütigt und ungeliebt, wurde hysterisch und brach beim geringsten Anlass in Tränen aus.
Pierre hielt diese ständig weinende Frau, die er nicht liebte, noch weniger aus als die, die eine Maske und ein ständiges Lächeln zur Schau trug, und floh, so oft es ging, von zu Hause. Er machte lange Spaziergänge und dachte an Sophie, seine Sophie.
Vier Jahre, nachdem sie begonnen hatte, war die Ehe zwischen Michelle und Pierre völlig am Ende.
»Geh doch zu deiner Sophie!«, keifte Michelle.
»Michelle«, sagte Pierre gereizt, »ich würde dich nie verlassen, das weißt du doch.« Es klang gelangweilt, resigniert, ein unendlich oft wiederholter Satz.
»Du hast mich schon längst verlassen.«
»Das stimmt nicht«, erwiderte Pierre und faltete ärgerlich seine Zeitung zusammen. »Ich lebe seit über vier Jahren mit und bei dir.«
Michelle ließ nicht locker. »Du weißt genau, wie ich es meine.«
Pierre schwieg, denn sie hatte recht. Aber so gesehen, hatte er sie nicht verlassen, weil er nie wirklich bei ihr gewesen war. Er hatte sich immer große Mühe gegeben, Sophie zu vergessen und sich ganz auf Michelle einzulassen, aber es wollte ihm einfach nicht gelingen.
»Siehst du«, triumphierte Michelle, »du weißt nicht, was du darauf sagen sollst, weil dir klar ist, dass ich recht habe.«
Pierre schwieg noch immer. »Ich habe dir nie etwas vorgemacht, Michelle«, sagte er schließlich leise. »Vom ersten Tag an habe ich dir gesagt, dass ich diese Frau liebe und dass ich dir nicht versprechen kann, sie je zu vergessen.«
»Oh doch, du hast mir etwas vorgemacht, Pierre.« Michelles Stimme wurde schrill. »Du hast mir erst gesagt, dass du diese andere liebst, als es schon zu spät war.«
»Jetzt mach aber mal einen Punkt!« Pierre knallte die Zeitung auf die Glasplatte des Korbtisches im Wintergarten, der eine herrliche Sicht auf den Strand von Deauville eröffnete. Die Tasse aus dem teuren Service fiel auf den harten Steinboden und zerbrach in tausend Stücke.
»Die schöne Tasse!«, rief Michelle hysterisch. »Kannst du nicht aufpassen!«
Pierre ignorierte den Vorwurf. »Für diese öffentliche Verlobung kann ich nichts«, sagte er stattdessen. »Die haben wir ganz allein deiner Mutter zu verdanken.«
»Das meine ich nicht. Ich meine die Zeit davor, bevor du wieder an die Front musstest. Du bist mit mir ausgegangen und hast mir den Hof gemacht. Ich habe mich in dich verliebt und Mutter dachte natürlich auch …«
Pierre riss der Geduldsfaden. »Willst du mir jetzt etwa auch noch die Schuld für diese Verlobung geben?«, brüllte er. »Willst du sagen, ich hätte deiner Mutter Anlass gegeben zu denken, dass wir uns über eine Überraschungsverlobung freuen würden?«
Michelle zuckte die Schultern. »Schließlich sind wir oft genug zusammen ausgegangen. Aber das meinte ich nicht, als ich sagte, es sei zu spät gewesen.«
»Was meintest du dann?«, fragte Pierre scharf.
»Ich habe es dir bereits gesagt. Du hattest mir Hoffnungen gemacht und ich hatte mich in dich verliebt.«
»Ich habe nie Anlass gegeben …«
»Oh doch.«
»Aber ich dachte damals, dass das alles ganz ungezwungen gewesen wäre. Schließlich hattest du ja selbst gesagt, dass du diese ständige Hofmacherei satthast.« Pierres Stimme klang nun leise, verzweifelt.
Michelle traten die Tränen in die Augen. Er wollte sie einfach nicht verstehen. Sie fühlte eine ungeheure Wut in sich aufsteigen. Wut auf Pierre, der sie nicht liebte, Wut auf Sophie, die an allem schuld zu sein schien, und vor allem Wut auf sich selbst, weil sie so schwach war und ihr schon wieder Tränen in den Augen standen. Sie musste sich zusammenreißen, sie würde nicht wieder vor ihm weinen. Diesmal nicht.
»Geh doch nach Deutschland«, sagte sie mit gepresster Stimme. »Geh zu den Verrätern.«
»Wieso Verräter?«
»Nun, sie halten sich nicht im Mindesten an die Bedingungen des Versailler Vertrags. Mit ihren Kohlelieferungen sind sie ganz schön hinterher.«
»Sie können nicht anders, Michelle. Sie haben wahrscheinlich nichts mehr, was sie uns geben können.« Kalt fügte er hinzu: »Und seit wann interessierst du dich überhaupt für Politik? Es geht dir doch nur darum, Sophie eins auszuwischen.«
»Mein Gott, bist du gutgläubig!«, zischte Michelle. »Wahrscheinlich verherrlichst du das Land, weil deine Sophie eine Deutsche ist. Denk daran, was die Deutschen uns alles angetan haben im Krieg. Sie sind Banausen! Wilde!«
Pierre schwieg. An seiner Schläfe pochte eine Ader. Sie redet wie meine Mutter, dachte er angewidert. Ich hätte sie für klüger gehalten.
Michelle sah ihm seine Wut an und provozierte ihn bewusst. »Es ist schon ganz gut, dass unsere Truppen jetzt im Ruhrgebiet einmarschieren. Denen muss mal wieder gezeigt werden, wer hier das Sagen hat.«
Pierres Augen verengten sich. Sie weiß genau, dass mir die Besetzung des Ruhrgebietes nicht gefällt, dachte er. »Du wirst immer mehr wie deine Mutter«, sagte er kalt. »Du tust mir leid.« Damit drehte er sich um und verließ das Zimmer.
Als die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, sank Michelle auf einen der Korbsessel und ließ den lange zurückgehaltenen Tränen freien Lauf. Sie spürte, dass sie ihn nun ganz verloren hatte. Bisher hatte er sie zwar nicht geliebt, aber zumindest doch respektiert. Nun war auch das letzte bisschen Achtung verschwunden, und Michelle hatte niemanden mehr. Sie war ganz alleine auf der Welt.
6. Kapitel
Essen, Ruhrgebiet, 12. – 20. Januar 1923
Sie sperrten Siegfried in eine Zelle, in die bereits viele andere Männer eingesperrt waren, und ohne es zu wissen, hatte er die gleiche Empfindung wie seine Frau am Tag zuvor: dass die Luft brannte. Auch hier schlug die Empörung wellenartig hoch über den Köpfen der Inhaftierten zusammen, man badete darin, fühlte Patriotismus, Zusammengehörigkeit. Die meisten Männer waren wegen ähnlicher Vorkommnisse wie Siegfried festgenommen worden. Unter den Gefangenen waren auch viele höhere Beamte und Offiziere, die sich französischen Befehlen widersetzt hatten. Aufgeregt empfingen sie Siegfried, fragten ihn aus, was er denn getan habe, und nachdem er Bericht erstattet hatte, streckte ihm einer, der sich als Hannes Meinchen vorstellte, die Hand entgegen. »Freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen«, sagte er. »Ich habe ein Hotel und mich selbstverständlich geweigert, einen französischen Offizier zu bedienen. Der meinte doch tatsächlich, er würde bei mir einen Kaffee bekommen.« Er lachte laut und siegesgewiss.
Siegfried grinste zurück. Der Mann wirkte distinguiert und selbstbewusst. Natürlich bediente er keinen französischen Offizier! Sicherlich war er hocherhobenen Hauptes in das Gefängnis geschritten und hatte nicht, wie Siegfried mit seinem Stummelbein, Mühe gehabt, das Gleichgewicht zu halten, um ihnen wenigstens diesen Triumph nicht zu gönnen: ihn stolpern und fallen zu sehen. Verschämt schob Siegfried sein gesundes Bein vor den Stumpf. Hannes Meinchen mit seinen wachen Augen bemerkte es sofort und deutete mit dem Kinn darauf. »Kriegsverletzung, nicht wahr?«
Siegfried zuckte zusammen. Es war lange her, dass ihn jemand auf sein fehlendes Bein angesprochen hatte. In der Familie schwieg man das Thema tot, weil man wusste, wie empfindlich Siegfried darauf reagierte. Das Totschweigen aber war für ihn nur ein weiterer Beweis dafür, dass sie ihn für seine Verstümmelung verachteten, ihn als Versager ansahen. Das Trauma saß tief und war an den Rändern verhärtet, hatte Schorf angesetzt, niemand, schon gar nicht die Familie, war in der Lage, diese Ränder, diesen Schorf zu durchdringen. Und keiner merkte, dass eben nur die Ränder des Traumas verhärtet waren und Siegfried innerlich stark blutete. Und blutete. Und blutete, ja drohte, in der Flut des Blutes zu ertrinken.
Und nun kam Hannes Meinchen einfach daher und sprach ihn darauf an. Als wäre es die normalste Sache der Welt. Siegfried wurde rot und warf hastig einen Blick in die Runde, es war ihm peinlich, dass der Hotelier so deutlich darauf hingewiesen hatte. Doch keiner beachtete sie. Die anderen hatten ihre Gespräche längst wieder aufgenommen, niemand zeigte mehr Interesse an dem Neuzugang.
Hannes Meinchen war ein kluger Mann. Mit einem Blick erkannte er Siegfrieds Dilemma. »Sie sind ein Held«, sagte er leise. »Ein wahrer Held.«
Siegfried hob den flackernden Blick, sah Meinchen zaghaft ins Gesicht. Der nickte bekräftigend. »Ich meine das sehr ernst«, erklärte er und setzte sich auf eine der schmalen Pritschen. Siegfried ließ sich neben ihm nieder, dankbar, nicht der Erste zu sein, der sich setzte und damit seine Schwäche eingestand. Dass Meinchen so weit in ihn hineinblicken konnte, dass er auch das begriff und aus diesem Grund als Erster Platz genommen hatte, ahnte er nicht.
»Sie sind ein Held«, wiederholte Hannes Meinchen. »Nicht nur, weil Sie Ihr Bein im Krieg verloren, es geopfert haben für das Vaterland. Sondern auch, weil Sie dem Besatzer Widerstand geleistet haben. Wie wir alle hier.« Er machte eine vage Bewegung in den Raum, wo sich die anderen Gefangenen inzwischen ebenfalls auf den Pritschen niedergelassen hatten und die Ereignisse weiterhin eifrig diskutierten.
Meinchen wandte sich wieder zu Siegfried um und starrte ihm in die Augen. »Wer ein Held ist, hat Verantwortung«, erklärte er, »Verantwortung für unser Vaterland.«
»Wie meinen Sie das?«, fragte Siegfried. Ein klitzekleines Bläschen platzte in seinem Unterbewusstsein und setzte eine bittere Warnung frei. Doch die Warnung stieg nur als winzige Ahnung bis in sein Bewusstsein empor, er beachtete sie nicht, weil das, was er hier hörte, aufregend war. Weil es ihm eine Bedeutung gab. Weil es Balsam für die Wunden war, die nun schon seit Jahren einfach nicht heilen wollten.
Hannes Meinchen, der Kluge, wusste genau, was in Siegfried vorging. Die, die ihn gut kannten, sagten, er besitze ein außergewöhnliches psychologisches Gespür. Und sie sagten, dass er es verstehe, sein Gegenüber innerhalb kürzester Zeit intuitiv zu erfassen und es besser zu verstehen als der Betreffende sich selbst.
»Was machen Sie beruflich, Herr Seiler?«, fragte er höflich, obwohl er es wusste. Die Kleidung wies Siegfried ganz deutlich als Arbeiter der Krupp-Werke aus.
»Ich arbeite bei den Krupp-Werken«, sagte der auch erwartungsgemäß.
Hannes Meinchen nickte sehr langsam und sehr bedeutungsvoll.
»Kündigen Sie!«
»Wie bitte?«, Siegfried starrte ihn an.
»Sie verschleudern doch Ihre Fähigkeiten!« Meinchen musterte ihn eindringlich. »Ein Mann wie Sie ist doch kein Arbeiter! Sie sind ein gebildeter Mann, ein Offizier, das sehe ich Ihnen doch an.«
Hier pokerte Meinchen. Er wusste nicht, ob Siegfried tatsächlich aus gutem Hause war, vermutete es nur anhand seiner völlig dialektfreien Sprache. Aber selbst wenn er sich täuschen sollte, würden diese Worte das zerstörte Selbstbewusstsein dieses Mannes ungemein stärken. Und darauf kam es am Ende an.
»Da haben Sie recht«, bestätigte Siegfried. Und fügte dann, zutiefst geschmeichelt, hinzu: »Ich hätte nicht gedacht, dass man mir das so deutlich anmerkt.«
»Aber ich bitte Sie!«, rief Meinchen. »Das merkt man sofort! Darf ich fragen, was Sie gemacht haben, bevor Sie hierherkamen?«
»Nun«, erwiderte Siegfried, »nach meiner … Verwundung konnte ich nicht mehr ins Feld und da habe ich in Konstanz die Textilfirma meines Schwagers geleitet. Und als er aus dem Krieg zurückkam, bin ich … ich bin aus freien Stücken gegangen.«
Er brauchte nichts mehr hinzuzufügen. Hannes Meinchen begriff auch so, dass Siegfried nach der Rückkehr des Schwagers nicht hatte bleiben wollen, weil er sich dann wie ein Bittsteller vorgekommen wäre.
Meinchen nickte. »Männer wie Sie kann ich in meinem Hotel gut gebrauchen«, sagte er. »Ich suche einen Geschäftsführer.«
»Meinen Sie das ernst?« Siegfried dachte an Luise. Wenn das wahr würde, dann könnte sie endlich einmal wieder stolz auf ihn sein. Auf ihn, ihren Mann.
»Aber natürlich meine ich das ernst. Männer wie Sie sind viel zu wichtig, als dass sie ihre Kraft in Produktionshallen vergeuden dürften.« Meinchen schnaubte. »So schnell wie möglich fangen Sie bei mir an«, bestimmte er.
Siegfried strahlte. In seinem Glück merkte er nicht einmal, dass er gar nicht gefragt worden war.
»Noch was«, sagte Meinchen.
»Ja?«
»Wir müssen dafür sorgen, dass die Franzosen verschwinden. Auch dafür brauchen wir Männer wie Sie.«
»Ich werde weiterkämpfen«, versprach Siegfried entschlossen.
»Gut«, befand Meinchen. »Es gibt viel zu tun. Denn leider denken nicht alle so wie Sie. Es gibt Spitzel, die mit den Franzosen gemeinsame Sache machen. Und die müssen wir finden.«
Als Fritz Thyssen am 20. Januar verhaftet wurde, weil er sich der Anordnung widersetzte, der französischen Besatzungsbehörde Kohle zu liefern, war Siegfried schon wieder auf freiem Fuß. Es war der Tag, an dem er kündigen wollte. Er saß gerade bei Meinchen in dessen feinem Büro, als sie von der Verhaftung erfuhren. »Ich kann jetzt nicht kündigen«, sagte Siegfried. »Es würde wie ein Verrat wirken. Sie würden denken, ich sei aufseiten der Franzosen. Ich muss doch zu ihnen stehen.«
Meinchen sah ihn aufmerksam an und tippte mit seinem Füllfederhalter ungeduldig auf das Blatt Papier, das vor ihm lag. Tinte spritzte und hinterließ hässliche schwarze Flecken auf dem Dokument. Meinchen bemerkte es nicht, er hatte Siegfried fest im Visier. »Sie sind ein kluger Mann, Seiler, das hat mir schon von Anfang an an Ihnen gefallen. Und Sie haben recht, Sie können nicht kündigen. Sie bleiben dort. Und beobachten Ihre Leute. Wir müssen die undichten Stellen finden. Sie haben eine äußerst wichtige Rolle inne, Seiler.«
Obwohl er es selbst vorgeschlagen hatte, fühlte Siegfried Enttäuschung in sich aufsteigen. Er hatte Luise schon von seinem neuen Posten erzählt. Und auch davon, dass sie in eine neue Wohnung umziehen würden. Er hatte das Leuchten der Bewunderung in ihren Augen gesehen. Und nun sollte er ihr sagen müssen, dass er doch ein einfacher Arbeiter blieb?
Meinchen ahnte, was der Grund für die finstere Miene des anderen war. »Das Stellenangebot steht«, beruhigte er. »Und in die neue Wohnung können Sie gleich einziehen. Ich muss Sie nur bitten, das unauffällig zu tun und mit niemandem darüber zu sprechen. Wir müssen alles vermeiden, was Verdacht erregt. Die Sache ist zu wichtig, als dass wir irgendetwas riskieren könnten.«
»Selbstverständlich«, versicherte Siegfried erleichtert.
»Gut.« Endlich bemerkte Meinchen das Gekleckse auf seinem Blatt und legte den Füllfederhalter mit einer verärgerten Bewegung rasch beiseite.
»Sie begreifen doch, dass der Posten, den Sie bekleiden, im Moment viel wichtiger ist als der des Geschäftsführers? So dringend ich Sie hier sofort brauchen könnte?«
Siegfried nickte.
»Gut«, wiederholte Meinchen. »Dann lassen Sie uns ans Werk gehen.«
7. Kapitel
Überlingen, Bodensee, 20. Januar 1923
Die Wellen des Franzosenhasses schlugen hoch, nicht nur im Ruhrgebiet. Die Flaggen standen im ganzen Reich auf Halbmast, der Protest war lang schon zu einem nationalen Anliegen geworden.
Am 13. Januar hatte die Reichsregierung im Reichstag den passiven Widerstand verkündet. Alle Reparationsleistungen an Frankreich und Belgien wurden eingestellt, und die deutschen Behörden und Zechenbesitzer erhielten strikte Anweisung, den Besatzungsmächten jegliche Zusammenarbeit und Unterstützung zu verweigern. Die Folge: Die komplette Industrie lag brach. Wieder und wieder kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Franzosen und Deutschen. »Gestern sollen die Franzosen auch in Bochum eingerückt sein. Aber die haben’s ihnen gezeigt!«, verkündete Elsa Kleinschmitt beim wöchentlichen Nähkränzchen im Alten Schulhaus, während sie mit der ihr eigenen Vehemenz auf das zu bestickende Deckchen einstach, das auf ihren Knien lag. »Das haben die sich nicht gefallen lassen, die Bochumer. Sie haben gesungen: Siegreich wollen wir Frankreich schlagen. Jawohl!« Zufrieden biss sie ein Stück Faden ab, eine Geste, mit der sie das Gesagte zu bekräftigen pflegte. Doch es war weniger diese altbekannte Geste als vielmehr Elsas Aussage, die Johanna reizte.
»Ich finde dieses Siegeslied viel unbedeutender als die Tatsache, dass ein 17-jähriger Schüler ums Leben kam, als die Franzosen in die Menge schossen«, wendete sie ein.
»Ja«, ließ sich Johannas Mutter Helene vernehmen und fügte mit einem spitzen Blick auf ihre Schwester Sophie betont laut hinzu: »Und von Luise höre ich, dass sie in Essen einer jungen Frau die Haare abgeschnitten haben. Sie ist selbst schuld, mit zwei Franzosen soll sie im Kino gesehen worden sein.«
Sophie warf ihr einen bösen Blick zu, pfefferte ihr Nähzeug in den Korb und verließ das Zimmer. »Also Mutter, wirklich«, sagte Johanna gereizt. »Kaum bist du mal zu Besuch, machst du Ärger. Musste das sein?« Sie legte ihr Nähzeug ebenfalls in den Korb und folgte ihrer Tante.
Elsa hatte die Auseinandersetzung mit großem Interesse verfolgt. »Was war denn das?«, fragte sie voll lüsterner Neugierde.
Helene seufzte, als sie die Nadel in den brüchigen Stoff steckte. Sie genoss es, die Wissende zu sein, diejenige, die Neugier befriedigen durfte. Sie hielt keine Stickerei in der Hand, sondern änderte alte Kleidungsstücke. Daraus ein Kleid nach der neuesten Mode zu machen, war schier unmöglich. Man trug jetzt zweckmäßige Kleidung aus robusten und haltbaren Stoffen. Der Krieg hatte seinen Tribut gefordert, die Reparationszahlungen ließen, auch wenn sie jetzt auf Anweisung der Regierung eingestellt waren, nicht viel Raum für feines Material. Aber Helene dachte an die Kleider, die in ihren Modezeitschriften abgebildet waren, die die Frauen wenigstens träumen ließen, wenn die Realität sie ihnen schon aberkannte. Wunderbar bestickte Seidenroben in den herrlichsten Farben. Diamantcolliers und – wie mondän, wie verwerflich – tiefrot geschminkte Lippen. Dieserart würde sich Helene freilich nie herausputzen. Sie wusste schließlich, was sich gehörte.
Helene verachtete diese neue Frau – sie fand sie ungehörig. Aber gleichzeitig und ganz heimlich träumte sie davon, auch einmal so verrucht zu sein. Und vor allem: sich so etwas leisten zu können, so wie früher. Bevor ihnen der Krieg alles genommen hatte. Bevor diese schreckliche Inflation eingesetzt und das Wenige, was ihnen noch geblieben war, auch noch zerstört hatte. Justus, ihr Gatte, verdiente zwar im Vergleich zu anderen Männern nicht schlecht mit seiner Textilfabrik – und vor allem war er nicht arbeitslos wie so viele andere –, aber zu großem Wohlstand reichte es keineswegs. Im Gegenteil. Wenn er Geld nach Hause brachte, musste das Mädchen sofort einkaufen gehen, denn wenig später war die Mark schon wieder so weit entwertet, dass sie nichts mehr dafür bekamen. Und davon, so wie früher, in seiner Firma schöne Stoffe und Kleider zu produzieren, war Justus auch weit entfernt.
»Ich muss schon sagen, meine Liebe«, riss Elsa Kleinschmitt sie aus ihren Träumereien, »dass ich es sehr genieße, wieder einmal mit Ihnen beisammensitzen zu können. Es ist fast wie damals im Krieg!« Sie schnaubte leicht und wagte dann einen neuen Vorstoß: »Wenn ich auch anmerken muss, dass ich das abrupte Verschwinden Ihrer Tochter und Ihrer Schwester äußerst befremdlich und unhöflich finde.«
Helene errötete leicht, die offen bekundete Zuneigung Elsa Kleinschmitts machte sie verlegen. Zugleich genoss sie das Spiel, das sie miteinander spielten. Sie wusste, wie sehr Elsa auf eine Erklärung brannte, und Elsa wusste wiederum, dass sie, Helene, darauf brannte, ihr alles zu erzählen. Dass man sich jedoch zuvor noch umkreisen und umschmeicheln musste, gehörte zum guten Ton. Übertrieben konzentriert wandte Helene sich der Arbeit in ihren Händen zu. »Nun ja«, begann sie schließlich. »Ich muss zugeben, dass mir das Zusammensein mit Ihnen und den anderen Damen auch sehr fehlt. Das Leben in Konstanz ist doch oft recht einsam. Und die Kriegsjahre, die wir miteinander hier in Überlingen verbracht haben, haben uns einfach aneinandergeschmiedet. Finden Sie nicht?«
Elsa Kleinschmitt legte ihre Handarbeit zur Seite und musterte Helene bedauernd über den Rand ihrer Brille hinweg. »Sie sollten öfter nach Überlingen kommen«, schlug sie vor. »Wir könnten uns regelmäßig zum Nähen treffen. Jetzt, wo wir die Franzosen im Ruhrgebiet haben, wird es wohl auf längere Sicht nichts werden mit neuen Kleidern. Das Elend wird nur noch größer, glauben Sie mir.«
»Ich weiß nicht, ob ich mich noch trauen kann, hierherzukommen«, lenkte Helene das Gespräch nun endlich geschickt auf das Thema, das sie schon die ganze Zeit über hatte anschneiden wollen. Sie musste einfach darüber sprechen.
Elsa war auch sofort hellwach: »Was meinen Sie?« Ihre Augen leuchteten sensationslüstern.
»Ich sollte ja eigentlich nicht darüber sprechen«, zierte sich Helene.
Elsa beugte sich vor. »Meine Liebe«, raunte sie. »Sie wissen, dass Sie sich mir jederzeit anvertrauen können.«
Helene seufzte. »Es wird mich erleichtern. Ich kann diese Last nicht mehr alleine tragen.« Sie legte die Hand mit einer übertriebenen Geste an ihr Herz.
Elsa zitterte vor Spannung.
»Da ist diese Sache mit meiner Schwester und diesem Franzosen.« Helene presste die Worte hervor.
Elsas Nasenflügel begannen zu beben. Sophie und ein Franzose! Das war ja die Höhe!
»Sie wollen doch nicht etwa sagen …«
Helene schluckte. Jetzt, da sie es ausgesprochen hatte, hätte sie ihre Worte am liebsten zurückgenommen. Aber nun war es zu spät. »Diese Geschichte liegt lange zurück«, sagte sie rasch. »Vor dem Krieg war Sophie doch verlobt, erinnern Sie sich?«
»Natürlich«, erwiderte Elsa, »mit dem Vater von Raphael, der dann im Krieg gefallen ist.«
»Dieser Mann«, verkündete Helene und genoss es nun doch, mit der Neuigkeit herauszurücken, »ist ein Franzose. Und soweit wir wissen, ist er im Krieg nicht gefallen, sondern er lebt.«
»Nein!«, Elsa Kleinschmitt schlug sich die Hand vor den Mund und machte große Augen. »Das ist ja unglaublich!«
»Nicht wahr?«, jammerte Helene. »Sie verstehen doch sicher, dass ich über diese Sache einfach sprechen musste. Sie können sich ja gar nicht vorstellen, wie sehr mich die Angelegenheit belastet hat.«
Elsa sah sie in einer Mischung aus Mitgefühl und Sensationslust an. Nicht auszudenken, wenn das herauskäme! Sie beugte sich vor und legte ihre Hand auf die der anderen. »Sie haben mein tiefstes Mitgefühl«, erklärte sie. Nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: »Ich finde es äußerst egoistisch von Ihrer Schwester, dass sie keinerlei Rücksicht genommen hat. Sie hätte sich doch denken können, was sie ihrem Umfeld damit antut.«
»Danke«, seufzte Helene. Dann sah sie Elsa ängstlich an. »Ich kann mich doch auf Ihre Diskretion verlassen?«
»Aber meine Liebe!«, versicherte Elsa empört. »Natürlich! Sie kennen mich doch!«
Deswegen frage ich mich ja, ob es ein Fehler war, mich Ihnen anzuvertrauen, dachte Helene. Ihre Befürchtungen waren nicht ganz unberechtigt. Sie sollte noch bitter bereuen, dass sie Sophies Geheimnis ausgeplaudert hatte.
8. Kapitel
Überlingen, Bodensee, 20. Januar 1923
Johanna ging wie ein gefangener Tiger in ihrem Zimmer auf und ab, während sie sich mit der Hand unermüdlich über ihren dicken Bauch strich.
»Wenn du nur endlich geboren werden würdest«, flüsterte sie dem Kind in ihrem Leib zu. »Vielleicht wäre dann diese schreckliche Unruhe weg.« Aber sie wusste: Es lag nicht nur an ihrer Schwangerschaft, dass sie so unzufrieden war. Ich bin noch so jung, dachte sie manchmal wütend, und dennoch scheint mein Leben schon vorbei zu sein. Ich sitze als Frau Pastor hier in dieser Stadt, in der sich nie etwas ändert. Und Sebastian hat über seiner Arbeit als Pfarrer völlig vergessen, dass es mich gibt.
Beinahe freute sie sich, dass die Franzosen im Ruhrgebiet einmarschiert waren, auch wenn sie diesen Gedanken natürlich nie zugegeben hätte. Aber es bot zumindest etwas Abwechslung in der Eintönigkeit ihres Lebens.
Ein nagendes Hungergefühl riss sie aus ihren Gedanken. Sie presste die Hand auf den Bauch und dachte an das Kind. Ob es ihren Hunger spürte? Ob es darunter litt? Immer dieser Hunger! Sie war es so leid!
Wenn nur Amalia, ihre Großmutter, noch leben würde! Die hätte schon gewusst, was zu tun wäre. Amalia hatte immer einen Rat gehabt. Sie hätte notfalls die Gärten des Alten Schulhauses umgegraben und Gemüse angebaut. Sie hätte Hühner angeschafft, auch wenn diese noch so schwer zu bekommen waren, und sie hätte dafür gesorgt, dass niemand hungern musste.
Mit einem Mal schämte sich Johanna. Da klagte sie über Hunger und Langeweile und trauerte ihrer Großmutter nach, statt die Dinge selbst in die Hand zu nehmen! Sie hatte doch genau die gleichen Möglichkeiten wie Amalia! Und noch mehr, denn sie war viel jünger als ihre Großmutter es in den Kriegsjahren gewesen war.
Sie lächelte zufrieden und plötzlich voller Tatendrang. »Sobald du geboren bist«, flüsterte sie ihrem Kind zu, »werde ich mich an die Arbeit machen.«
9. Kapitel
Petrograd, Russland, 21. Januar 1923
Irina hatte den Bürgerkrieg überlebt. Äußerlich zumindest. Innerlich war sie beinah daran zerbrochen und heimatloser und haltloser als je zuvor. Sie hatte die Kriegsjahre auf dem Land verbracht, bei ihren Eltern, die Bauern waren. Und ihr Glaube an den von ihr einst so bewunderten Lenin war zutiefst erschüttert worden. Der Grund für den Umzug zu ihren Eltern waren die Hyperinflation und der damit einhergehende Hunger in der Großstadt gewesen – den Lenin zu verantworten hatte. Sein Plan war es gewesen, Geld als Zahlungsmittel quasi abzuschaffen – was jedoch nicht einfach per Dekret durchgesetzt werden konnte. Also ließ die Regierung Geld drucken, was bis zum Jahr 1922 zu einer Hyperinflation führte. Unternehmer wurden enteignet, ihr Vermögen verstaatlicht.
Es hatte lang gedauert, bis Irina begann, Lenins Methoden anzuzweifeln. Als glühende Bewunderin hinterfragte sie erst spät, ließ die Seiten, die ihr nicht gefielen, außer Acht, erhob das Positive zur Heldentat. Die Bildungspolitik zum Beispiel: Verpflichtete Lenin nicht Analphabeten, den Unterricht zu besuchen? Richtete er nicht Bibliotheken ein, um dem breiten Volk den Zugang zu Büchern zu ermöglichen? War es durch ihn nicht auch der ärmeren Bevölkerung möglich, Hochschulbildung zu erfahren? All das hob Irina hervor und wollte nicht sehen, dass Lenin den Roten Terror im Bürgerkrieg förderte und Konzentrationslager einrichten ließ. Sie wiederholte seine Worte, der Rote Terror sei nur eine Antwort auf den Weißen Terror der Gegner und der Terror sei ihnen durch die Interventionen der kapitalistischen Staaten aufgezwungen worden.
Doch irgendwann hatte Irina so sehr hungern müssen, dass sie zu ihren Eltern aufs Land floh. Und da lernte sie Lenin von einer ganz anderen Seite kennen. Plötzlich schämte sie sich vor ihren Eltern, die ihr Leben lang hart gearbeitet hatten, dafür, eine Bolschewikin zu sein. Denn die Bolschewiki verlangten von den Bauern, ihre Ernte billig an den Staat abzugeben. Irina wurde Zeugin der Wut ihrer Eltern, wurde Zeugin, als Lenins Truppen gegen den Widerstand der Bauern mit Waffengewalt vorgingen und zahlreiche Menschen starben. Sie wurde Zeugin der unendlichen Trauer in dem Dorf, in dem ihre Eltern lebten. Und sie dachte verwundert, dass das ja genau die gleiche Wut war wie die, die sich damals gegen den Zaren gerichtet hatte. Sie hatte gedacht, die Bolschewiki kämpften für Gerechtigkeit. Für Frieden, Land und Brot. Wie hatte sie sich doch getäuscht! Abend für Abend hörte sie sich die Wut ihres Vaters an, erlebte, wie er seine Anbauflächen verkleinerte, damit sie ihm weniger wegnehmen konnten. Doch die Regierung richtete Parteikomitees ein, die die Bauern zur Aussaat zwangen. Die Bauern tobten, revoltierten – und töteten ihre Peiniger. Nach dem Ende des Bürgerkriegs 1920 brach die Regierung den Widerstand: Sie erschoss die Konterrevolutionäre, rund 50.000 Bauern landeten in den Konzentrationslagern von Tambow, und die Rote Armee setzte Gasbomben ein, um die Aufständischen, die sich in den Sümpfen versteckt hielten, auszuräuchern. Irina hatte mit ihrer Mutter in diesen Sümpfen gesessen, ihren Vater hatte man schon vor langer Zeit ins Konzentrationslager verschleppt. Als die Mutter über Umwege die Nachricht erreichte, der Vater sei zu Tode gefoltert worden, starb sie wenige Monate später vor Kummer. Irina hielt ihre Hand, als sie den letzten Atemzug tat – und sie fühlte sich vollkommen leer, als sie ihrer Mutter sanft über das Gesicht strich und ihr für immer die Augen schloss. Ihre Eltern gehörten zu den unzähligen Opfern des Bürgerkrieges, die nicht erfasst wurden. Erfasst waren nur die rund 770.000 gefallenen Soldaten.
Es dauerte ein Jahr, bis Irina weinen konnte. Wie erstarrt ging sie nach Petrograd zurück, erzählte der Oberschwester in dem Krankenhaus, in dem sie vor ihrer Flucht aufs Land gearbeitet hatte, emotionslos, was geschehen war, ließ sich in ihre mitfühlende Umarmung ziehen und verharrte dort für Minuten. Danach nahm sie ihre Arbeit wieder auf.
Über zwei Jahre war das nun her, und langsam, ganz langsam regte sich in Irina wieder so etwas wie Leben. Immer öfter dachte sie an ihre deutschen Freunde. Johanna und Luise, denen sie damals im Krieg bei der Flucht aus Russland geholfen hatte. Und Karl, ebenfalls ein deutscher Flüchtling. Karl hatte sie wirklich geliebt. Sie hatte ihn verlassen, weil sie glaubte, in Russland gebraucht zu werden, ihrem Land, Lenin, etwas schuldig zu sein. Wie dumm war sie doch gewesen!
10. Kapitel
Überlingen, Bodensee, 23. Januar 1923
Sophie hatte Angst. Sie war mit Raphael alleine im Haus. Ihr Vater, der Schuldirektor, hielt sich noch in der Schule auf, Helene war wieder nach Konstanz gefahren, und Johanna und Sebastian hatten sie begleitet. Johanna wollte mit ihrer Mutter die Säuglingsausstattung ansehen, die sie nach der Geburt ihres Sohnes Robert im elterlichen Haus eingelagert hatte. Sophie nahm mit ihrem Sohn ein karges Abendmahl ein und schickte ihn dann ins Bett. Die ganze Zeit über wurde sie das Gefühl eines drohenden Unheils nicht los.
Bewegte sich dort im Garten nicht etwas? Waren da nicht Stimmen zu hören?
Sie ging unruhig im Haus auf und ab und knipste alle Lichter an, umklammerte das Notizbüchlein – in dem verzweifelten Versuch, die Angst zu vertreiben. Dann spähte sie vorsichtig durch die kleine Scheibe in der Haustür in den Garten hinaus. Unzählige Schatten schlichen dort herum, dessen war sie sich jetzt ganz sicher, und sie spürte, wie sich ihr die Kehle zuschnürte. Ich stelle mich schon an wie Helene!, schalt sie sich. Was ist nur mit mir los?
Sie zwang sich, zurück ins Wohnzimmer zu gehen, und setzte sich aufs Sofa.
Als sie ein Geräusch an der Tür hörte, schreckte sie hoch. Aber es war nur ihr Sohn, der dort stand.
»Raphael, was ist los?« Sie hoffte, dass er ihre Aufregung nicht bemerken, den hysterischen Klang ihrer Stimme nicht wahrnehmen würde. »Warum bist du nicht im Bett?«
»Ich konnte nicht schlafen, Mutter«, flüsterte Raphael schüchtern und schlang seine kleinen Hände fest ineinander, als wolle er sich selbst Halt geben. »Ich habe so ein komisches Gefühl … ich … ich fürchte mich.«
Sophie holte tief Luft. Ihr Sohn spürte es also auch. Oder waren es lediglich ihre eigene Angst und Unruhe, die sich auf den Jungen übertrugen?
Sie klopfte neben sich aufs Sofa. »Du musst dich nicht fürchten, mein Schatz«, sagte sie fest. »Komm her, setz dich zu mir.«
Raphael, erleichtert, dass sie ihn nicht mit scharfen Worten wieder ins Bett geschickt hatte, ging durchs Wohnzimmer und nahm neben seiner Mutter Platz.
Sophie legte ihre Arme um ihn und zog ihn an sich. Auch ihr war wohler dabei, nicht alleine zu sein.
»Es kommt dir nur komisch vor, dass all die anderen nicht da sind«, erklärte sie. »In einem Haus, in dem sonst immer so viele Menschen sind, ist es einem nun mal unheimlich, wenn man allein ist. Vor allem nachts.«
Raphael nickte und kuschelte sich tiefer in Sophies Arme. »Jetzt habe ich schon gar keine Angst mehr, Mutter«, sagte er glücklich. »Jetzt, wo ich bei dir bin.«
Wenig später war er eingeschlafen.
Aber Sophie konnte nicht schlafen. Die Angst hatte sie nach wie vor fest im Griff und sie lauschte mit angehaltenem Atem in die Stille.
Als der Stein durch die Fensterscheibe schlug, zuckte sie erschreckt zusammen. Raphael wachte auf und fing an zu schreien. »Was ist das, Mutter?«
Aber Sophie antwortete nicht mehr. Der Stein hatte sie direkt an der Schläfe getroffen.
11. Kapitel
München, Bayern, 23. Januar 1923
Marlene fühlte sich herrlich erwachsen. Es war das erste Mal, dass sie alleine, ohne die Eltern, verreiste. Aufgeregt spähte sie aus dem Zugfenster, draußen flog die Landschaft vorbei, wenig später fuhr der Zug in den Münchner Hauptbahnhof ein, wo Lisbeth, ihre vier Jahre ältere Freundin aus Kindertagen, sie schon erwartete. Lisbeth war vergangenes Jahr mit ihren Eltern nach München gezogen und wollte nun heiraten. Marlene reiste an, um bei den Hochzeitsvorbereitungen zu helfen, am Brautkleid mitzuarbeiten, und sie war furchtbar aufgeregt.
Am Münchner Bahnsteig flog sie in Lisbeths Arme.
»Wie schön, dass du da bist, Lenchen«, sagte Lisbeth zärtlich. »Ich habe dich so vermisst. Lass dich anschauen.« Sie löste sich aus der Umarmung und schob Marlene ein Stückchen von sich weg. Musterte das seidige blonde Haar der Freundin, das ihr in weichen Wellen auf die Schultern fiel, die rosigen Wangen. »Wie hübsch und erwachsen du geworden bist«, sagte sie.
»Du aber auch.« Marlene strahlte. Wegen des Kompliments, vor Freude, die Freundin wiederzusehen, und vor lauter Aufregung. »Wie schick du bist. Eine richtige Städterin. Und nun wirst du also heiraten. Ich kann es kaum glauben.«
»Ich auch nicht!«, lachte Lisbeth und hakte sie unter. »Aber nun komm. Wir haben es nicht weit bis nach Hause. Ist das alles, was du an Gepäck dabei hast?« Sie deutete auf den kleinen Koffer, der neben Marlene auf dem Bahnsteig stand.
Die nickte verlegen. »Du weißt, wie das heutzutage ist, man hat ja nichts mehr. Und jetzt, wo die Franzosen das Ruhrgebiet besetzen …«
»Ja«, sagte Lisbeth zustimmend, »es sind harte Zeiten.« Sie kicherte: »Mein Hochzeitskleid nähen wir aus alten Gardinen.«
»Aber trägst du denn nicht das Hochzeitskleid deiner Mutter?«
Lisbeth schüttelte den Kopf. »Es ist irgendwie im Krieg verloren gegangen. Ich hätte es gern getragen.«
Sie nickte dem jungen Mann zu, der ein paar Meter abseits stand und der, obwohl er diskret zur Seite blickte, doch sehr genau wahrnahm, was die beiden jungen Damen taten und ob man ihn benötigte. Mit zwei Schritten war er bei ihnen.
»Wir können los, Franzl«, sagte Lisbeth hoheitsvoll und zog Marlene mit sich fort.
Der Bursche folgte mit den Koffern in einigen Metern Abstand.
Marlene war beeindruckt. »Ihr habt noch einen Burschen?«, staunte sie. »Wir mussten unseren schon lang entlassen. Wir haben nur noch zwei Dienstmädchen in Konstanz.«
Lisbeth zuckte die Achseln. »Vater meint immer, der Junge würde auf der Straße landen, wenn er nicht bei uns bliebe. Er ist uns so dankbar.«
Aber Marlene hörte ihr schon gar nicht mehr zu. Die Großstadt mit ihrem Charme hatte sie vollständig in ihren Bann gezogen. Staunend betrachtete sie die hohen Häuserfassaden, die breiten Straßen und die Automobile, die lärmend vorbeirasten. München kam Marlene vor wie ein riesiger Schlund – was einerseits furchtbar aufregend, andererseits aber auch ziemlich erschreckend war. Mit einem Mal fand sie es gar nicht mehr so erstrebenswert, erwachsen zu werden und alleine durch die Welt zu reisen. Marlene sehnte sich nach nichts mehr als nach der Sicherheit des heimischen Haushalts.
Lisbeth, die trotz ihrer Tendenz zur Oberflächlichkeit bemerkte, wie unwohl sich die Freundin fühlte, umfasste ihren Arm fester. »Es ist etwas beängstigend am Anfang, nicht?«, fragte sie. »Was glaubst du, wie es mir ging? Du weißt ja immerhin, dass du bald zurückkehren kannst. Als ich hier ankam, wusste ich, dass ich bleiben muss.«
»Ja«, sagte Marlene schuldbewusst. »Das ist natürlich ein viel härterer Einstieg.«
»Aber soll ich dir mal was sagen?«, lachte Lisbeth. »Man gewöhnt sich daran. Ich habe die Stadt richtig liebgewonnen. Und das nicht nur, weil ich den Mann meines Lebens hier gefunden habe.«
Ein Automobil fuhr dicht neben Marlene durch eine Pfütze und spritzte ihren Rocksaum nass. Sie schrie erschrocken auf und sprang zur Seite – aber es war zu spät. Der Rocksaum war voll braunem Wasser.
»Oh nein«, jammerte Marlene.
»Nicht schlimm«, versicherte Lisbeth. »Das kriegen wir wieder raus. Und ich verspreche dir: Auch du wirst München lieben.«
Marlene konnte sich nicht vorstellen, dass ihre Freundin recht behalten sollte. Aber in diesen ersten Minuten nach ihrer Ankunft konnte sie auch noch nicht ahnen, wem sie in München begegnen würde, in welch dunkle Welten sie Einblick bekäme – und dass sie die unglaublichen Ereignisse vom 8. und 9. November hautnah miterleben sollte. An diesem Januartag wusste Marlene Gerstett aus Konstanz ja nicht einmal, dass es einen Mann gab, der Adolf Hitler hieß.
12. Kapitel
Überlingen, Bodensee, 23. Januar 1923
Raphael riss verzweifelt die Haustür auf und sah sich gehetzt in der Dunkelheit um. Er konnte nichts erkennen. »Hilfe!«, brüllte er aus Leibeskräften. »Hilfe, meine Mutter ist getötet worden!«
Nichts regte sich in der finsteren Nacht, und die Gestalten, die sich hinter Büschen verbargen, gaben sich Mühe, nicht gehört zu werden. Sie hielten erschrocken den Atem an. Was schrie der Junge da? Sophie tot? Das hatten sie nicht gewollt, sie hatten sie doch nur warnen wollen!
Raphael raste durch den Garten und die Straße hinunter. Sein Ziel war das Haus von Doktor Schilling. Wenn jemand seine Mutter noch retten konnte, dann er.
Der Junge war jetzt erstaunlich klar im Kopf und wusste, was er zu tun hatte. Getrieben wurde er von der Angst, dass es zu lange gedauert haben könnte, bis er sich von seinem Schreck erholt hatte, und dass er nun schuld wäre, wenn seine Mutter es nicht schaffte.
Nachdem der Stein sie getroffen hatte, hatte er zunächst geschrien wie am Spieß und sich dann verzweifelt weinend über sie geworfen. »Mutter!«, hatte er immer wieder gerufen. »Mutter!«
Er wusste nicht, wie lange es gedauert hatte, bis er auf die Idee gekommen war, Hilfe zu holen. Denn er hatte Angst gehabt, sie alleine zu lassen. Andererseits erleichterte ihn der Gedanke, die drohende Stille des Hauses zu verlassen. Die lastende Verantwortung einem anderen zu übergeben.
Als Raphael verschwunden war, kamen die zusammengekauerten Gestalten vor dem Haus zusammen und tuschelten aufgeregt. »Dass der Stein sie getroffen hat«, jammerte Elsa Kleinschmitt, »war ja nun wirklich nicht abzusehen. Was muss sie denn genau da stehen, wo er hinfliegt!«
»Ob der Junge recht hat, und seine Mutter wirklich tot ist?«, fragte Dorothea Haberstett ängstlich.
»Unsinn, wahrscheinlich ist sie nur ohnmächtig«, mischte sich Trudchen, die Frau des Bäckers, ein.
»Aber was sollen wir denn nun tun?«, fragte Dorothea verzweifelt. »Wenn sie wirklich stirbt, dann haben Sie sie umgebracht.« Sie blickte Elsa Kleinschmitt vorwurfsvoll an.
»Ich?«, fragte die empört. »Nun erlauben Sie mal, wir waren alle daran beteiligt.«
»Aber Sie haben den Stein geschmissen«, beharrte Dorothea.
»Ja«, stimmte Trudchen zu. »Außerdem sind Sie ja erst auf die Idee gekommen, wir sollten Sophie einen Denkzettel verpassen. Ohne Sie hätten wir das Ganze doch nicht einmal angefangen.«
»So«, schnaubte Elsa, »feige seid ihr auch noch. Jetzt mir die ganze Schuld in die Schuhe schieben! Aber als ich euch erzählt habe, dass Raphaels Vater Franzose ist, da kannte eure Empörung keine Grenzen. Ihr wart es, die …«
»Woher wissen Sie das denn überhaupt so genau?«, fragte Dorothea Haberstett. »Ich glaube kaum, dass Sophie ausgerechnet Sie ins Vertrauen gezogen hat.«
»Ich weiß es aus absolut sicherer Quelle. Sozusagen aus erster Hand. Ich …«
»Was ist denn hier los?«, rief eine tiefe Stimme von der Gartentür her. »Wer ist da?«
Die drei Frauen zuckten zusammen.
»Der Schuldirektor«, flüsterte Dorothea Haberstett entsetzt, »er ist zurück.«
»Schnell weg!«, zischte Elsa Kleinschmitt. »Er darf uns nicht erkennen. Durch das hintere Gartentor!«
Sie rafften ihre Röcke und rannten, so schnell sie konnten, davon.
»Dort hinten!«, rief Sebastian. Johanna und er waren zeitgleich mit dem alten Schuldirektor in Überlingen angekommen. Sie hatten sich an der Einfahrt getroffen. Sebastian deutete in die Dunkelheit. »Dort hinten bewegt sich etwas!« Er rannte los. Friedrich Seiler folgte ihm.
»Ich sehe nach, ob drinnen alles in Ordnung ist«, rief Johanna ihnen nach. Im Haus brannten alle Lichter und die Eingangstür stand sperrangelweit offen.
Johanna wurde immer mulmiger zumute und eine kalte Angst packte sie. War jemand eingebrochen? Was, wenn noch einer der Einbrecher im Haus war? Und was – ihr stockte der Atem – was war mit Sophie und Raphael?
Sie stürzte hinein und trug erst Robert und dann Susanne hastig ins Kinderzimmer. Sie wollte verhindern, dass sie aufwachten. Dann eilte sie, aufs Äußerste beunruhigt, wieder nach unten, wobei sie versuchte, sich so leise wie möglich zu verhalten. Sie stand eine Weile regungslos im Flur und lauschte. Es war totenstill.
»Sophie?«, rief sie ängstlich. »Raphael?«
Keine Antwort.
Johanna atmete erleichtert auf, als sie kurze Zeit später Sebastian und Friedrich auf die Haustür zukommen sah.
»Habt ihr sie noch erwischt?«, fragte sie.
»Nein.« Sebastian ließ sich außer Atem auf einem Stuhl nieder. »Sie waren schon weg. Ist hier alles in Ordnung?«
»Nein«, erwiderte Johanna. »Die Tür stand offen und ich kann Sophie und Raphael nirgends finden.«
»Hast du schon im Wohnzimmer nachgesehen?«, wollte Friedrich wissen.
Johanna schüttelte den Kopf. Sie wollte nicht zugeben, dass sie sich nicht getraut hatte. »Nein«, sagte sie, »das wollte ich gerade tun.«
Sie ging auf die Tür zu, und ihr Herz hämmerte heftig, als sie bemerkte, dass sie nur angelehnt war. Das Wohnzimmer war beheizt und die Tür zum Flur aufgrund des Kohlemangels immer geschlossen. Das war eine eiserne Regel, an die sich selbst die Kinder hielten. Ausnahmslos.
Johanna atmete tief ein, schob die Tür ganz auf – und stieß einen gellenden Schrei aus.
Sophie lag bewusstlos vor dem Sofa auf dem Boden, um sie herum war alles voller Blut.
»Sophie!«, Johanna vergaß ihre Angst und sank neben ihr nieder. »Meine Güte, Sophie, was ist denn geschehen?«
Auch Friedrich kniete sich neben seine Tochter und suchte nach ihrem Puls.
»Was ist mit ihr?«, fragte Sebastian von der Tür her.
»Sie ist bewusstlos, glaube ich«, erwiderte Johanna.
In diesem Moment entdeckte Sebastian den Stein, der, mit Papier umwickelt, einige Meter von Sophie entfernt auf dem Fußboden lag. Er hob ihn auf, löste das Papier und las.
»Das ist ja unglaublich!«, schnaubte er dann.
»Was steht denn da drauf?«, fragte Johanna, ohne den Blick von Sophie zu wenden.
»Lies selbst, ich gehe den Arzt holen.« Sebastian gab Johanna den Zettel und verschwand.
In der Tür begegnete er Raphael und Doktor Schilling.
»Ein Glück, dass Sie kommen, Herr Dr. Schilling!«, rief Sebastian erleichtert. »Gerade wollte ich Sie holen.«
»Was ist denn geschehen?«, fragte der Arzt ratlos. »Der Junge sagt immer nur, dass seine Mutter tot sei! Aber das kann doch nicht sein!«
Sebastian schüttelte den Kopf und zog Raphael an sich. Schutzsuchend schmiegte der Junge sich an ihn. »Tot ist Sophie Gott sei Dank nicht. Aber was geschehen ist, weiß ich auch nicht. Wir sind eben erst nach Hause gekommen. Sehen Sie selbst.«
Er ließ den Arzt an sich vorbei ins Zimmer treten. Dann streichelte er Raphael das verzweifelte kleine Gesicht. »Keine Angst, mein Junge«, sagte er leise, »deine Mutter ist nicht tot. Sie ist nur ohnmächtig.«
»Doch, sie ist tot, ich weiß es«, schluchzte Raphael verstört.
»Nein, ich verspreche es dir.«
Raphael sah ihn zweifelnd an. »Sagst du das nicht nur, um mich zu beruhigen?«
»Du weißt, dass ich dich nie anlügen würde«, erwiderte er und sah ihm in die Augen.
»Darf ich sie sehen?«
Sebastian trat einen Schritt zur Seite, um Raphael an sich vorbeigehen zu lassen, und legte ihm die Hand auf die Schulter, während der Junge auf seine Mutter starrte.
Dr. Schilling untersuchte sie. »Sie ist bewusstlos«, stellte er fest. »Wohl durch einen Schlag. Hier ist ja auch die Wunde.« Er verarztete Sophies blutende Schläfe. »Das Blut ist nicht schlimm«, sagte er beruhigend zu Raphael. »Es ist nur eine Platzwunde. Mehr Sorgen macht mir der Schlag, den sie abbekommen haben muss.«
»Das hier lag ein paar Meter von ihr entfernt.« Sebastian hob den Stein auf und reichte ihn dem Arzt.
Dr. Schilling nickte schwer, sagte dann aber mit einem warnenden Blick auf Raphael: »Wir unterhalten uns später darüber. Aber das könnte durchaus die Wunde verursacht haben.«
Er wandte sich an Raphael, der noch immer verschreckt auf seine Mutter starrte. »Das hast du gut gemacht, mein Junge«, lobte er. »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Deiner Mutter ist nichts Schlimmes passiert, sie wird bald aufwachen.«
»Darf ich solange bei ihr sein?«
»Ich fände es besser, wenn du dich etwas ausruhen würdest. Schließlich ist es schon sehr spät und du hast viel durchgemacht heute Abend.«
»Aber Mutter …«
»Ich werde bei ihr bleiben, und wenn sie aufwacht, werde ich dich rufen«, versprach der Großvater.
Raphael zögerte. »Versprochen?«, fragte er schließlich.
»Versprochen«, sagte der alte Schuldirektor.
»Soll ich mit dir nach oben gehen?«, bot Johanna an.
Raphael schüttelte den Kopf. »Nein. Ich gehe doch alleine ins Bett, seit ich zur Schule gehe.«
Johanna lächelte. »Aber wenn du etwas brauchst, dann rufst du uns, ja?«
»Ja.«
»Armer Junge«, brummte Friedrich, als Raphael gegangen war. »Das war eine schreckliche Nacht für ihn.«
In diesem Augenblick schlug Sophie die Augen auf und alle Aufmerksamkeit richtete sich auf sie.
»Was ist geschehen?«, flüsterte Sophie.
»Pst«, machte Johanna sanft. »Nicht reden, das strengt dich noch zu sehr an.«
»Ich habe Durst.«
Johanna sah Dr. Schilling fragend an. »Darf sie etwas trinken?«
»Sie können ihr mit einem Waschlappen die Lippen benetzen.«
Johanna nickte und stand auf, um den Waschlappen zu holen.
Dr. Schilling setzte sich neben Sophie. »Wie geht es Ihnen?«
»Mein Kopf …«
»Ist Ihnen übel?«
»Ich glaube schon.«
»Sie haben wahrscheinlich eine Gehirnerschütterung. Sie müssen in der nächsten Zeit das Bett hüten.«
»Aber was ist denn passiert?«
»Erinnern Sie sich an gar nichts?«
Sophie schien angestrengt nachzudenken.
»Zwingen Sie die Erinnerung nicht herbei«, riet Dr. Schilling, »Sie brauchen Ruhe.«
»Doch, ich erinnere mich. Es war unheimlich. Ich hörte Geräusche. Dann klirrte das Fenster … Raphael …«, sie fuhr auf und sank gleich darauf mit einem Stöhnen wieder zurück auf den Boden. »Was ist mit meinem Sohn?«
»Raphael schläft. Es geht ihm gut«, versicherte Sebastian.
»Gott sei Dank!« Sophie atmete auf. »Was geschah, nachdem das Fenster zerbrochen ist?«, fragte sie. »Ich erinnere mich nicht.«
»Das wissen wir auch nicht«, sagte Dr. Schilling und warf den anderen einen warnenden Blick zu.
»Hat Raphael denn nichts gesagt?«
In diesem Moment kam Johanna mit dem Waschlappen zurück und benetzte Sophie die Lippen.
Sophie leckte das Wasser gierig ab.
»Hat Raphael nichts erzählt?«, wiederholte Sophie.
»Nein.«
»Nun ja, er schlief auch, als … Waren es Einbrecher?«
»Wir wissen es wirklich nicht, Kind«, sagte Friedrich fest.
»Wir werden Sie jetzt hinauf in Ihr Zimmer tragen, Sophie«, mischte sich der Arzt ins Gespräch. »Sie brauchen dringend Ruhe.«
»Aber …«, protestierte Sophie.
»Keine Widerrede. Morgen ist noch genug Zeit, um über alles zu reden.«
Sophie lächelte schwach. »Also gut.«
»Wenn ich darf, schicke ich Raphael vorher noch mal zu dir«, mischte Sebastian sich ein. »Wir haben ihm versprochen, ihm gleich Bescheid zu sagen, wenn du aufwachst.«
»Natürlich«, erwiderte Sophie lächelnd.
Erst als die Männer mit Sophie das Zimmer verlassen hatten, um sie nach oben zu tragen, kam Johanna dazu, den Zettel zu lesen, mit dem der Stein umwickelt gewesen war.
Sie setzte sich aufs Sofa und strich ihn glatt.
Er war in Blockschrift beschrieben, und der Schreiber hatte sich offensichtlich große Mühe gegeben, seine Handschrift zu verstellen.
Sophie, wir wissen, daß Sie sich vor dem Krieg mit einem dieser Franzosen eingelassen haben und daß Raphael ein französischer Bastard ist.
Wir wollen Sie warnen, Sophie. Wir betrachten das als Landesverrat. Sollten wir Sie erwischen, daß Sie wieder mit einem dieser Männer anbandeln, wird es Ihnen und Ihrem Sohn schlecht ergehen.
Johanna holte tief Luft, um das kalte Grauen zu vertreiben, das sich ihrer beim Lesen bemächtigt hatte. Ein anonymer Brief, wie feige! Sophie durfte nichts davon erfahren und Raphael auch nicht. Nicht jetzt. Sebastian kam ins Zimmer und legte ihr die Hand auf die Schulter. »Du hast ihn also gelesen.«
»Ja«, sagte Johanna, ohne aufzusehen. »Wie scheußlich. Was sollen wir nur tun?«
Sebastian setzte sich neben sie und nahm sie in die Arme. Eine selten vertraute Geste, denn sie waren sich fremd geworden in den letzten Jahren. »Ach, Johanna«, sagte er verzweifelt. »Ich weiß es nicht.«
Johanna genoss es, endlich einmal wieder in Sebastians Armen zu liegen. Es war so lange her! Gleichzeitig spürte sie eine seltsame Befangenheit ihrem Mann gegenüber. Als sei er ein Fremder. »Meinst du, wir sollten zur Polizei gehen?«, fragte sie und löste sich leicht von ihm.
»Auf gar keinen Fall. Das würde die beiden nur noch mehr in Gefahr bringen. Niemand weiter darf erfahren, dass Raphael Halbfranzose ist.«
»Was sollen wir Sophie denn sagen? Sie hat doch mitbekommen, dass das ein Überfall war.«
»Ich weiß es wirklich nicht.«
»Wir könnten ihr die halbe Wahrheit sagen. Dass ein Stein durchs Fenster flog und sie am Kopf traf. Von dem Brief braucht sie vorerst nichts zu wissen.«
»Ja, das wäre eine Möglichkeit«, erwiderte Sebastian nachdenklich. »Aber sie ist nicht dumm, und wenn sie wieder ganz gesund ist, wird sie anfangen, sich zu wundern. Außerdem …«
»Ja?«
»Nun, ich mache mir Sorgen, dass das hier vielleicht nur der Anfang war. Der Franzosenhass wächst immer mehr, und wenn irgendjemand weiß, dass Raphaels Vater Franzose ist, dann werden es bald noch mehr wissen.«
»Du meinst, dass Sophie und Raphael ernsthaft in Gefahr sind?«, fragte Johanna erschrocken.
»Ich fürchte, schon.«
»Mein Gott, Sebastian, was können wir tun?«
»Ich hielte es für das Beste, wenn sie für eine Weile untertauchen.«
»Sie sollen von hier fortgehen?« Johanna sah ihrem Mann erschrocken in die Augen. Der Gedanke, Sophie, ihre inzwischen einzige Vertraute, nicht mehr täglich um sich zu haben, bereitete ihr regelrecht körperliche Schmerzen.
»Das wäre am sichersten.«
»Aber … wohin?«
»Ich weiß es nicht, Johanna.« Sebastian strich ihr nachdenklich über das dunkle Haar. Wieder eine seltsam vertraute Geste aus der Vergangenheit. »Ich weiß es wirklich nicht. Vielleicht hat sie selbst eine Idee. Du musst mit ihr reden, sobald sie sich erholt hat.«
»Ja«, versprach Johanna leise. »Ja, das werde ich tun.«
13. Kapitel
München, Bayern, 23. Januar 1923
Das Altstadthaus, in dem Lisbeths Eltern lebten, lag in einer Seitenstraße hinter dem Stachus. Marlene war immer noch eingeschüchtert, aber auch beeindruckt, als sie darauf zusteuerten. Hochherrschaftlich erhob es sich über der Straße, es gab einen kleinen Vorgarten, der durch ein eisernes Gitter vom Bürgersteig abgetrennt war. Natürlich blühten zu dieser kalten Jahreszeit keine Blumen darin, aber dennoch wirkte er malerisch und romantisch. Durch diesen Vorgarten führte Lisbeth die Freundin, öffnete die geschnitzte Eingangstür und ging Marlene voran in den ersten Stock, die Beletage. Der Bursche folgte schnaufend mit dem Gepäck.
Ein Dienstmädchen öffnete. Lisbeth zeigte Marlene gleich ihr Zimmer, und wieder staunte Marlene: Es war ganz in Hellblau gehalten. Auf dem Bett lag ein hellblau geblümter Überwurf, hellblaue Samtvorhänge umrahmten das Fenster, ein Sessel, der mit dem gleichen Stoff bezogen war, stand in der Ecke. Das ganze Zimmer strahlte Frische, Wohlstand und Behaglichkeit aus. Marlene war selbst ein Kind aus begütertem Hause gewesen, aber der Reichtum war lang schon verblichen. Das Haus ihrer Eltern am Konstanzer Ufer war inzwischen fast heruntergekommen, es wirkte immer ein wenig trist und grau. Da fühlte sich Marlene im Überlinger Haus ihrer Schwester Johanna wesentlich wohler, auch wenn das lang nicht so prachtvoll war wie das Konstanzer Domizil der Familie. Ihr fiel auf, dass sie gar nicht wusste, was Lisbeths Vater beruflich machte – und es hatte sie auch nie interessiert. Angesichts all dieser Pracht in diesen schwierigen Zeiten fragte sie sich aber dennoch – wenn auch nur flüchtig –, wie Lisbeths Vater seiner Familie diesen Luxus ermöglichen konnte.
»Zieh dich schnell um und lass uns mit Mama etwas essen«, unterbrach Lisbeth Marlenes Gedanken und klatschte in die Hände. »Umso schneller können wir los.«
»Los?« Marlene wandte sich erstaunt zu ihrer Freundin um.
»Ach, das hab ich dir ja noch gar nicht erzählt vor lauter Aufregung«, plapperte Lisbeth. »Wir treffen meine Freunde, Harald wird auch da sein, dann lernst du ihn endlich kennen! Ich kann es kaum mehr erwarten.« Ihre Wangen waren gerötet, das blonde aufgesteckte Haar leicht zerzaust. Man sah Lisbeth die Aufregung deutlich an.
»Oh.« Marlene war etwas enttäuscht. Zwar brannte sie darauf, dem Verlobten ihrer Freundin vorgestellt zu werden, aber sie war stets etwas eifersüchtig, dass Lisbeth, die einst ihre beste, ihre einzige Freundin gewesen war, nun ein neues Leben hatte, zu dem sie, Marlene, nicht gehörte. Mit Freunden, die sie nicht kannte. Außerdem fühlte sie sich unwohl inmitten dieser Münchner, die alle so schick wirkten im Vergleich zu ihr. So schick und so stabil und so fesch. Fieberhaft ging Marlene im Geiste die Garderobe durch, die sie dabeihatte – um festzustellen, was sie eigentlich schon wusste: dass nichts Passendes dabei war. Egal, es würde schon irgendwie gehen.
Sie zwang sich zu einem Lächeln. Auf keinen Fall sollte Lisbeth merken, was in ihr vorging. Und niemals würde sie sich erniedrigen und die Freundin um etwas Schickes zum Anziehen bitten. »Das ist ja wunderbar«, sagte sie deshalb nur. »Ich freue mich darauf.«
Sie wusste noch nicht, dass der Abend ihr Leben vollständig verändern würde.
14. Kapitel
90 Jahre später
Überlingen, Bodensee, August 2013
Nachdem Franziska ihre Augen für immer geschlossen hatte, war es minutenlang still im Zimmer. »Jetzt kam sie gar nicht mehr dazu, dir zu sagen, warum sie dich sehen wollte«, sagte Mia schließlich zu Zita. Es war das Einzige, was ihr einfiel, ansonsten herrschte in ihrem Kopf gähnende Leere, sie war noch nicht in der Lage, auch nur annähernd zu begreifen, was die Großtante ihnen da soeben eröffnet hatte.
Bevor Zita antworten konnte, ertönte ein markerschütternder Schrei. Erschrocken fuhren Mia und Zita zusammen. Melissa hatte den Schrei ausgestoßen, und nun starrte sie hasserfüllt auf die Tote. »Das hat sie mit Absicht getan!«, schrie sie, während ihr Tränen der Wut über die Wangen liefen. »Mit voller Absicht, aus purer Bosheit. Das ist so typisch!«
Mia hatte ihre sonst immer eher zurückhaltende und stille Mutter noch nie so aufgebracht erlebt.
»Mutter!« Mia versuchte, sie zu umarmen, aber Melissa riss sich los. Hilflos und mit hängenden Armen stand Mia vor ihr, als sie sagte: »Mutter, kein Mensch kann aus purer Bosheit sterben.«
»Sie schon«, beharrte Melissa.
»Mutter«, wiederholte Mia.
»Mutter«, äffte Melissa sie nach, warf die Hände in die Luft und brüllte: »Mutter, Mutter, Mutter!« Jedes »Mutter« kam ein bisschen lauter, ein bisschen zorniger.
Für Mia war es, als wolle die Mutter sie verhöhnen, und sie wandte sich mit Tränen in den Augen verletzt ab. Zita sah es und legte ihr einen Arm um die Schulter. »Sie meint es nicht so«, sagte sie leise. »Ihre Welt ist völlig aus den Fugen geraten. Stell dir vor, du würdest plötzlich erfahren, dass deine Mutter eigentlich gar nicht deine Mutter ist.«
»Mutter, Mutter, Mutter«, tobte Melissa weiter. »Ich habe keine. Versteht ihr? Die Frau, die ich mein Leben lang für meine Mutter gehalten und innig geliebt habe, war gar nicht meine Mutter.« Ihre Stimme klang schrill, sie ließ sich auf dem harten Holzstuhl am Fenster nieder und barg das Gesicht in den Händen.
»Geh zu ihr.« Zita gab Mia einen leisen Schubs. »Sie braucht dich jetzt.«
Zögernd ging Mia auf ihre Mutter zu und legte ihr zaghaft eine Hand auf die Schulter. Melissa blickte auf, mit verquollenen Augen und einem Blick, der ganz leer war vor Unsicherheit und Verlorenheit. Langsam legte sie ihre Hand auf die ihrer Tochter. »Es tut mir leid, dass ich dich so angeschrien habe«, sagte sie leise.
»Schon gut«, erwiderte Mia. »Ich kann ja verstehen, dass dich das alles sehr mitnimmt. Mich ja auch.«
»Vielleicht hat sie ja gelogen«, mischte Zita sich ins Gespräch. »Vielleicht war das das giftige Erbe, das sie euch hinterlassen wollte. Dass ihr rätseln und euch quälen müsst. Ich … kannte sie nicht gut, muss aber leider sagen, dass ich das durchaus für möglich halte.«
»Kein Wunder, immerhin hat sie versucht, dich umzubringen«, murmelte Mia und starrte unverwandt auf ihre tote Großtante.
»Ich glaube, sie hat die Wahrheit gesagt«, erklärte Melissa.
»Warum?«, fragte Mia.
»Ich weiß nicht, es ist so ein unbestimmtes Gefühl. Ich habe mich schon immer gewundert, dass ich so viel jünger bin als meine Schwester, und die Antwort von … Mutter …, wenn ich sie danach fragte, war stets irgendwie ausweichend.«
»Du hast neulich gesagt, dass deine Schwester im Dritten Reich verschwunden ist. Und dass deine Tante Franziska irgendwas damit zu tun hat«, begann Zita nachdenklich.
»Ja«, sagte Melissa. »Ja, so hat man mir das erzählt.«
»Das ist merkwürdig«, fuhr Zita fort. »Ich weiß nicht, warum mir das erst jetzt wieder einfällt, aber Philippe hat mir erzählt, dass seine Urgroßmutter Sophie sich die Schuld an deinem und Johannas Schicksal gibt. Er hatte eigentlich vor, mit dir darüber zu sprechen, aber dann haben die Ereignisse sich überschlagen.«
»An meinem Schicksal?«, fragte Melissa erstaunt. »Was für ein Schicksal? Mir ist nie etwas wirklich Schlimmes widerfahren – naja, bis auf … die Tatsache, dass ich eine Mutter hatte, die anscheinend nicht meine Mutter war.«
»Das muss irgendwie zusammenhängen!«, rief Mia aufgeregt. »Und Großtante Franziska hat ja auch gesagt, dass Raphael noch etwas wissen könnte.«
»Das ist Philippes Opa«, ergänzte Zita. »Ich glaube auch, der Schlüssel liegt irgendwo in Frankreich. Wir müssen unbedingt mit Philippe sprechen.«
»Und die Kisten mit den Briefen und den Zetteln aus dem Notizbuch zu Ende durchsehen«, fuhr Mia fort. »Da gibt es noch ganz viel zu entdecken.« Sie machte eine kurze Pause, runzelte die Stirn und fuhr dann fort: »Was ist eigentlich mit diesem Onkel Siegfried? Tante Franziska hat gesagt, dass Sophie und Siegfrieds Frau ihn getötet haben? Warum, Mutter?«
Melissa schüttelte langsam den Kopf. »Ich habe, offen gestanden, keine Ahnung.«
»Aber sagtest du nicht, du würdest dich an Onkel Siegfried erinnern? Dass er mit Tante Luise auf einem Gut in Ostpreußen lebte und nur ein Bein hatte?«
Melissa runzelte angestrengt die Stirn. »Ich habe keine lebendige Erinnerung an ihn«, sagte sie langsam.
»Wie meinst du das?«, wollte Mia wissen.
»Es ist ganz komisch, ich weiß ganz genau, dass es diesen Onkel Siegfried gab und dass er nur ein Bein hatte. Aber ich … erinnere mich nicht an ihn. Es ist ein bisschen so, als würde ich an die Handlung aus einem Buch denken.«
»Vielleicht hast du ihn ja nie wirklich kennengelernt, sondern immer nur von ihm erzählt bekommen«, vermutete Mia.
»Ja«, sagte Melissa nachdenklich. »Ja, das ist möglich. Es ist manchmal schon merkwürdig mit den Erinnerungen.«
»Ich glaube«, mischte sich Zita ein, »dass wir da noch ganz viel zu klären haben. Aber jetzt sollten wir erst einmal den Arzt über den Tod informieren.«
»Das stimmt«, pflichtete Mia ihr bei. »Es ist ein wenig skurril, dass wir all das am Totenbett der Großtante diskutieren. Aber die ganze Situation ist einfach so verworren. Und so leid es mir tut, ich kann nicht um sie trauern.«
»Nein«, sagte Melissa, »ich auch nicht.«
15. Kapitel
90 Jahre zuvor
Überlingen, Bodensee, 23. Januar 1923
Johanna stieg mit einer Schüssel voll kaltem Wasser und einem Waschlappen die Treppe hinauf. Als sie an Sophies Zimmertür klopfte, hatte sie Angst, denn sie wusste, dass Sophie sie auf den Abend des Überfalls ansprechen würde, und sie hätte ihr dann Rede und Antwort zu stehen.
»Herein?«, rief eine leise Stimme.
Johanna stieß die Tür auf: »Wie geht es dir?«
Sie stellte die Schüssel ab und setzte sich auf die Bettkante.
»Schon viel besser.« Sophie lächelte. »Das Kopfweh ist weg und auch die Übelkeit hat nachgelassen.«
»Ein Glück!«
»Allerdings«, fuhr Sophie fort, »allerdings denke ich jetzt, wo es mir wieder besser geht, immer häufiger darüber nach, was an diesem Abend wirklich passiert ist.«
Johanna schnürte es die Kehle zu. Sie wusste, dass das Gespräch, dem sie so lange ausgewichen war, jetzt stattfinden würde.
»Johanna, sag mir die Wahrheit«, bat Sophie eindringlich. »Waren es wirklich Einbrecher?« Sie versuchte, sich im Bett aufzusetzen, sank aber sofort mit einem Stöhnen zurück.
»Bleib liegen, Sophie«, sagte Johanna erschrocken.
»Bitte, Johanna, sag mir, was du weißt.«
Johanna holte tief Luft. »Nein«, erklärte sie dann geradeheraus. »Es waren keine Einbrecher. Es war ein Anschlag.«
Sophie wurde blass. »Ein Anschlag? Warum? Gegen wen?«
»Gegen dich.« Johanna reichte ihr den Zettel, den sie seit besagtem Abend immer in der Rocktasche bei sich trug. »Hiermit war der Stein umwickelt, der die Scheibe durchbrach und dich am Kopf traf.«
Sophies Hände zitterten, als sie das Papier entfaltete.
Während sie las, wagte Johanna kaum zu atmen und wandte den Blick nicht von Sophies Gesicht.
Als Sophie geendet hatte, legte sie den Brief beiseite und starrte zur Decke. »Wie abscheulich«, flüsterte sie. »Wie gemein.«
Johanna hob die Hand, um Sophies Wange zu streicheln, ließ sie dann aber hilflos wieder sinken.
»Wisst ihr, wer das war?«, fragte Sophie rau.
Johanna schüttelte den Kopf. »Nein. Als wir nach Hause kamen, sahen wir drei Gestalten durch den Garten rennen. Sebastian und Großvater haben noch versucht, sie einzuholen, haben sie aber nicht erwischt.«
»Weiß Raphael davon?«
»Nein.«
»Aber er muss doch mitbekommen haben …«
»Wir haben ihm erzählt, dass die Einbrecher Angst bekommen haben, nachdem sie seinen Schrei gehört hatten. Wir sagten ihm, sie hätten sicher vermutet, dass niemand im Haus sei, und dass sie mit dem Stein nur das Fenster einwerfen wollten.«
»Und das hat er geglaubt? Ich meine, ich habe doch alle Lichter im Haus angemacht, und er weiß, dass dann normalerweise keine Einbrecher kommen. Vor allem nicht in diesen Zeiten, wo alle sparen müssen und niemand das Licht brennen lassen würde, wenn keiner zu Hause ist.«
Johanna zuckte die Schultern. »Warum sollte er es nicht glauben? Wie sollte er ahnen, was wirklich dahintersteckt?«
»Um Raphael mache ich mir die meisten Sorgen«, flüsterte Sophie unglücklich. »Um mich habe ich keine Angst, aber wenn sie meinem Buben etwas tun …« Panik flackerte in ihrem Blick.
»Ich hielte es für das Beste, wenn du von hier fortgingest«, wagte Johanna einen Vorstoß.
Sophie riss die Augen auf. »Von hier fortgehen? Aber wohin denn?«
»Vielleicht nach Konstanz, zu Vater und Mutter.«
Sophie schüttelte den Kopf. »Das kann ich nicht, Johanna. Ich kann mich nicht im Haushalt meiner Schwester verstecken.«
»Warum nicht? Es wäre das Sicherste.«
»Ich will mich nicht beugen, ich möchte nicht davonrennen. Das habe ich noch nie getan.«
»Dann wird es Zeit, dass du es lernst. Du darfst nicht glauben, dass es ein Zeichen von Schwäche ist, wenn du gehst. Es wäre eher trotzig und unverantwortlich, wenn du bliebest. Du hast Raphael gegenüber eine Verantwortung.«
Sophie sah sie nachdenklich an. »Sobald dem Jungen auch nur die kleinste Kleinigkeit passiert, werde ich gehen, das verspreche ich dir. Aber vorher nicht.«
»Wenn ihm bereits etwas passiert ist, ist es zu spät«, erwiderte Johanna heftig.
Sophie wandte den Kopf zur Seite. Ihr kam eine ganz andere Idee: Wenn sie schon gehen musste, warum dann nicht zu ihrem Bruder Siegfried und seiner Frau Luise ins Ruhrgebiet? In die Höhle des Löwen sozusagen? Dort wusste immerhin keiner außer Siegfried und Luise, dass Raphael Halbfranzose war. Und die beiden würden sie nie verraten. Sophie wagte zwar immer noch nicht daran zu glauben, dass Pierre unter den französischen Besatzern sein könnte, sie war sich nach wie vor fast sicher, dass er im Krieg gefallen war, aber es war zumindest der Hauch einer Chance.
Sophie war in der Zwickmühle. Einerseits lastete die Verantwortung für Raphael schwer auf ihr und sie wollte ihn keinesfalls in Gefahr bringen, andererseits war da diese unbändige Wut, die Entschlossenheit, sich nicht kleinkriegen zu lassen – von wem auch immer. Und die schwache Hoffnung, dass Pierre unter den Besatzern sein könnte und sie ihn eines Tages durch Zufall wiedersehen würde.
Sie wusste aber, dass Johanna von ihren Plänen nicht begeistert sein würde. Und momentan fehlte ihr die Kraft für große Diskussionen. Deshalb seufzte sie nur und sagte ausweichend: »Ich muss darüber nachdenken.« Sie schloss die Augen. »Ich muss erst mal mit all dem ins Reine kommen.«
»Gut«, erwiderte Johanna. »Wenn du mich brauchst, bin ich für dich da, Sophie. Jetzt lasse ich dich allein.«
Sophie nickte dankbar. Als Johanna gegangen war, stand sie zum ersten Mal, seit ihr der Stein an den Kopf geflogen war, auf und ging ans Fenster. Sie ignorierte die Schwäche in ihren Beinen und den erneuten dumpfen Schmerz in ihrem Kopf. Dann zog sie ihr Notizbüchlein hervor und schrieb:
Was soll ich nur tun? Lieber Gott, was soll ich nur tun?
16. Kapitel
München, Bayern, 23. Januar 1923
»Wenn das nicht die kleine Marlene ist.«
Marlene zuckte zusammen, als sich ihr eine Hand auf die Schulter legte. Bisher hatte sie sich schrecklich unwohl gefühlt. Seit sie in diesem Lokal angekommen waren, in dem alle Bier aus riesigen Krügen tranken, seit Lisbeth ihren Verlobten und ihre anderen Freunde getroffen hatte, fühlte sie sich wie eine Außenseiterin. Und sie war es auch. Lisbeth bemühte sich zwar nach Kräften, sie immer wieder ins Gespräch zu ziehen, aber sie kam einfach aus einer anderen Welt. Sie wusste nichts von ihren Themen, ja, sie verstand nicht einmal ihren Dialekt. Und nun also die Hand auf ihrer Schulter. Die Stimme kam ihr entfernt bekannt vor. Sie wandte sich um und blickte in die Augen ihres Schwagers. Wie lange war es her, dass sie den Bruder des Mannes ihrer Schwester – war das überhaupt ein Schwager? – zum letzten Mal gesehen hatte? Zwei Jahre? Drei? Sie hatte nicht gewusst, dass er so gut aussah. So männlich und so markant. Marlene spürte, wie ihr Herz schneller schlug, merkte auch, dass ihr die Röte ins Gesicht stieg. Zum Glück war Andreas schnell abgelenkt, er wurde von den anderen herzlich begrüßt, schien dazuzugehören zu ihrem Freundeskreis. Wie klein die Welt doch ist, dachte Marlene.
Sie sprachen den ganzen Abend kein Wort mehr miteinander, aber ihre Blicke verfingen sich immer wieder, und Marlene kramte in ihrem Gedächtnis, was sie über diesen Schwager wusste. Johanna und ihr Mann Sebastian konnten ihn nicht leiden, das hatte sie noch ganz deutlich in Erinnerung. Aber warum nicht? So angestrengt sie auch überlegte, sie kam nicht darauf. Aber an eines erinnerte sich Marlene mit einem Mal: dass Andreas eigentlich auch am Bodensee lebte, verheiratet war und zwei Kinder hatte. Diese Erkenntnis traf sie mit ungeheurer Wucht, es fühlte sich an wie ein Schlag in den Magen. An der Faszination, die Andreas auf sie ausübte, änderte das nichts.
Und als er am 28. Januar mit der SA auf dem Marsfeld aufmarschierte, stand Marlene am Wegesrand und warf ihm bewundernde Blicke zu.
17. Kapitel
Deauville, Frankreich, 26. Januar 1923
Pierre Didier öffnete vorsichtig die Tür zur Küche und sah Michelle am Tisch sitzen. Er hatte Angst, denn er wusste: Was jetzt kam, würde über sein künftiges Leben entscheiden. Obwohl er nach dem letzten Gespräch entschlossen gewesen war, sich von ihr zu trennen, und das Gefühl gehabt hatte, sie nicht einen Tag länger ertragen zu können, hatte er sich doch entschieden, ihr einen Neuanfang anzubieten. Er hatte Hemmungen, einfach so fortzugehen, so sehr er sich auch nach Sophie sehnte und so sehr Michelle ihn anwiderte. Außerdem waren da noch die beiden Kinder …
Zögernd stieß er die Tür ganz auf.
Michelle blickte auf und musterte ihn kalt.
Ich glaube, ich muss erfrieren neben dieser Frau, dachte Pierre, doch er zwang sich zu einem Lächeln.
»Guten Morgen, Michelle«, sagte er höflich und beugte sich zu ihr herunter, um sie auf die Wange zu küssen.
Michelle ließ es geschehen, erwiderte aber weder seinen Gruß noch seinen Kuss. Sie rührte sich nicht.
»Wo sind die Kinder?«
»Mit dem Kindermädchen im Park, wie jeden Morgen«, antwortete Michelle kühl.
»Ach ja, richtig, wie dumm von mir.« Pierre fühlte sich immer unwohler in seiner Haut.
»Michelle, ich muss etwas mit dir besprechen.«
Michelle sah auf. Sie verzog noch immer keine Miene, aber an dem leisen Flackern in ihrem Blick bemerkte er, dass sie doch nicht ganz so gleichgültig war, wie sie sich gab. Dass sie nur eine Maske aufgesetzt hatte und hinter dieser immer noch die verzweifelte Frau war, die so leicht in Tränen ausbrach.
»Ja?« Sie blätterte mit gelangweilter Miene und sorgsam manikürten Fingernägeln in der Zeitschrift, die vor ihr auf dem Küchentisch lag.
»Ich bin wieder einberufen worden«, erklärte Pierre geradeheraus. »Ich muss mit den Besatzungstruppen nach Deutschland.«
Michelle sagte kein Wort.
Pierre starrte in ihr sorgfältig geschminktes Gesicht und suchte nach einer Regung. Er fand keine.
»Michelle?«, fragte er. »Hast du verstanden, was ich dir gesagt habe?«
Michelle sah auf und ihm gerade in die Augen. Sie hatte sich bestens im Griff. Kein Zucken verriet ihre wahren Gefühle. »Natürlich habe ich dich verstanden.«
»Und was sagst du dazu?«
»Nun, ich gratuliere dir.« Es klang desinteressiert und gelangweilt.
Pierre war fassungslos. »Du gratulierst mir? Aber warum? Du weißt doch genau, dass ich von dieser Ruhrbesetzung alles andere als begeistert bin. Ich freue mich keineswegs, in die Besatzungstruppe abkommandiert zu sein.«
»Dann nehme ich meine Gratulation selbstverständlich wieder zurück.« Michelle wandte sich wieder ihrer Zeitschrift zu.
Pierre spürte den wohlvertrauten Zorn in sich aufsteigen, der immer irgendwann durchbrach, wenn er länger mit seiner Frau sprach. »Michelle, was soll das alles?«, fragte er, mühsam beherrscht.
»Was … alles?«, fragte Michelle scheinheilig.
»Du weißt genau, was ich meine. Warum spielst du mir etwas vor und sagst mir nicht endlich, was du wirklich denkst?«
»Ich glaube nicht, dass dich das interessieren würde«, erwiderte sie spitz. »Außerdem möchte ich dich nicht damit belasten, was ich denke oder fühle.«
»Michelle!«
»Nein, Pierre. Ich meine es ernst.« Zum ersten Mal ließ sie eine Regung erkennen und sah ihm in die Augen, wenn sie den Blick auch kurz darauf wieder senkte. »In den letzten Jahren hast du mir sehr deutlich zu verstehen gegeben, dass ich dich nicht interessiere und dass du immer noch an diese Deutsche denkst. Und jetzt kannst du es nicht ertragen, dass ich mich von dir zurückziehe.«
»Michelle …«
Wieder unterbrach sie ihn. »Ich habe dir gratuliert, weil du nun endlich einen Grund hast, nach Deutschland zurückzukehren und das zu tun, was du schon immer wolltest: nach deiner Sophie suchen.«
Pierre spürte, wie sein Herz bei der bloßen Erwähnung von Sophies Namen heftig zu schlagen begann. Aber er unterdrückte die Hoffnung, sie wiederzusehen.
»Und ich gratuliere dir, dass du uns endlich los bist. Darauf hast du doch immer gehofft.«
»Nein, Michelle, das ist nicht wahr.«
»Dann geh doch!«, Michelle hatte nun vollkommen die Beherrschung verloren. »Geh, aber ich will dich nie, nie wiedersehen, und die Kinder wirst du auch nicht mehr zu sehen bekommen. Du kannst ja mit Sophie welche haben.«
»Bitte, Michelle, lass uns doch vernünftig …«
»Geh mir aus den Augen!«, schrie Michelle hysterisch. »Sofort!«
Pierre erhob sich langsam.
»Ich fahre heute noch zu meiner Mutter«, fuhr Michelle, jetzt ein wenig gefasster, fort. »Falls sie mich noch nimmt, denn deinetwegen habe ich ja auch sie beinahe verloren. Die Kinder nehme ich mit. Und wenn ich zurückkomme, dann erwarte ich von dir, dass du verschwunden bist.«
»Michelle, das geht doch nicht so einfach. Wir sind verheiratet und ich möchte die Kinder nicht aufgeben.«
Michelle verlor die Kontrolle über sich. Sie kreischte wüste Beschimpfungen, und Pierre floh aus dem Haus.
Ich werde das klären, wenn sie sich etwas beruhigt hat, dachte er. Ich werde meine Kinder nicht aufgeben, ich habe ein Recht darauf, sie zu sehen.
Aber während er die breite Straße hinunterging, die von den eleganten Häusern der Pariser Elite gesäumt war, fühlte er eine große Erleichterung in sich aufsteigen, wie ein Vogel, den man nach vielen Jahren im Käfig endlich freigelassen hatte.
In diesem Moment war er sich sicher, dass er Sophie wiederfinden würde. Er würde nach ihr suchen. Und was die Ehe mit Michelle anging, da würde es sicher eine Lösung geben.
Die Worte, die Michelle ihm nachgerufen hatte, hatte er vergessen oder sie zumindest tief in seinem Unterbewusstsein vergraben.
»Du wirst noch bereuen, was du mir angetan hast, Pierre«, hatte sie geschrien. »Du wirst deines Lebens nicht mehr froh, das schwöre ich dir.«
18. Kapitel
Überlingen, Bodensee, 5. Februar 1923
Als Johanna die Treppe zur Küche hinunterstieg, sah sie durch das kleine Fenster am Treppenabsatz ihren Großvater und Raphael durch den Garten auf das Haus zukommen.
Seltsam, wunderte sie sich. Es ist doch erst zehn Uhr und der Unterricht müsste in vollem Gange sein! Beunruhigt lief sie die Treppen ganz hinab und öffnete die Tür. Erst jetzt bemerkte sie, dass Raphael völlig verstört war.
»Um Gottes willen, was ist denn geschehen?«, rief sie erschrocken.
Als sie ihren Großvater anblickte, erschrak sie noch mehr, denn das sonst so gütige, ruhige Gesicht war wutverzerrt und die stets humorvollen Augen glühten vor Zorn.
Raphaels Miene hingegen schien regelrecht erstarrt, und an der Rötung seiner Augen konnte sie erkennen, dass er geweint hatte.
»Raphael, was ist denn los?«, fragte Johanna und wollte ihn in die Arme nehmen. Aber der Junge riss sich los und rannte ins Haus.
Johanna sah ihren Großvater irritiert an. »Nun sag doch endlich, was passiert ist!«
»Diese Schweine!«, zischte Friedrich durch die Zähne. »Diese gottverdammten Schweine!«
Johanna zuckte zusammen wie unter einem Peitschenhieb. Schimpfwörter aus seinem Mund waren selten.
»Wer, Großvater? Wer?«
Doch der alte Mann schüttelte nur den Kopf und sah sie an, als bemerke er sie jetzt erst. Er schien nicht fähig, in Ruhe zu berichten.
Johanna nahm ihn beim Arm. »Großvater«, sagte sie eindringlich. »Willst du mir nicht endlich sagen, was geschehen ist?«
»Sie haben auf Raphaels Schulbank ›Franzosenschwein‹ geschrieben«, berichtete Friedrich mit bebender Stimme. »Alle seine Hefte waren zerrissen oder mit Tinte beschmiert. Als er ins Klassenzimmer kam, haben seine Kameraden ihn angespuckt und getreten, so berichtete jedenfalls der Klassenlehrer. Er hat mich dann gleich geholt.«
»Oh nein«, flüsterte Johanna. »Also doch. Der arme Junge.«
»Ich habe es auch schon befürchtet«, gestand Friedrich. »Aber ich habe mich damit zu beruhigen versucht, dass ich mir sagte, die Leute können nicht so blöd sein, ihre Kinder in diese Angelegenheit mit hineinzuziehen.«
»Aber wusste Raphael denn überhaupt, wie ihm geschah? Ich meine, er denkt doch bis heute noch, dass sein Vater ein deutscher Soldat war, der im Krieg gefallen ist.«
»Nein, er versteht die Welt nicht mehr.«
»Was soll jetzt nur werden?«, flüsterte Johanna hilflos.
»Die Sache ist klar«, erklärte der alte Schuldirektor. »Sophie muss mit dem Jungen die Stadt verlassen.«
»Aber wenn sie nicht will?«
»Sie wird. Verlass dich drauf«, beharrte Direktor Seiler grimmig. »Ich werde nicht zulassen, dass sie sich und meinen Enkel aus purem Trotz in Gefahr bringt.«
Johanna schwieg und dachte an Raphael.
»Und was wird aus dem Jungen?«, fragte sie schließlich. »Ich meine, er muss jetzt die Wahrheit erfahren und diese wird ihn treffen wie ein Schlag.«
»Er ist nicht feindlich gegen die Franzosen eingestellt. Er hat nur ein paar Mal die Sprüche der anderen nachgeplappert.«
»Das nicht, aber nur, weil wir es nicht sind. Von der Außenwelt bekommt er immer wieder eingetrichtert, wie schlecht sie sind.«
»Wahrscheinlich wäre es am besten, wenn du mit ihm reden würdest«, sagte Friedrich nachdenklich. »Raphael vertraut dir und du hast eine bemerkenswerte Fähigkeit, solche Gespräche zu führen.«
»Du meinst, ich soll ihm beibringen, dass …«
»Ja.«
»Vielleicht hast du recht«, lenkte Johanna ein. »Sophie ist zu sehr in diese Geschichte verwickelt.« Sie straffte die Schultern. »Ich werde mit ihm reden. Aber nur mit Sophies Segen. Ich werde sie fragen.«
»Tu das«, sagte der alte Schuldirektor. »Aber erst gehe ich zu ihr.«
Johanna starrte ihm nach, wie er das Haus betrat und mit schweren Schritten die Treppe hinaufging. Mit einem Mal stieg Ärger in ihr auf. »Warum muss immer ich die schwierigen Gespräche führen?«, murmelte sie wütend. »Gerade erst habe ich das mit Sophie hinter mich gebracht und jetzt steht schon wieder eines an … Ich weiß nicht, manchmal habe ich das Gefühl, dass ich mich ganz schön ausnutzen lasse.«
19. Kapitel
Essen, Ruhrgebiet, 5. Februar 1923
Der Offizier Pierre Didier war erst seit zwei Tagen als französischer Besatzer im deutschen Ruhrgebiet, als er schon das Gefühl hatte, es nicht länger ertragen zu können. Weder die verachtungsvollen Blicke, die ihm die deutschen Bürger zuwarfen, wenn sie ihm auf der Straße begegneten, noch die Schilder, die in den Schaufenstern der Läden und Cafés hingen und auf denen stand: ›Franzosen werden hier nicht bedient.‹ Als er das letzte Mal in Deutschland gewesen war, war er als interessierter Berichterstatter, als Journalist, gekommen und als Liebender gegangen. Ein deutsches Mädchen hatte er geliebt, Sophie, seine Sophie. Und nun kam er als Feind, als Mitglied der Besatzungsmacht. Nach dem Krieg hatte er mit der Naivität eines Liebenden gedacht: Jetzt ist alles gut. Jetzt werde ich sie bald wiedersehen, meine geliebte Sophie. Obwohl er soeben erst geheiratet hatte und seine Frau schwanger war, war er optimistisch gewesen. Er hätte wissen müssen, dass es nicht einfach werden würde. Ihm hätte klar sein müssen, dass der Krieg zu viel zerbrochen hatte, als dass es wieder eine Normalität geben könnte. Wird denn niemals wieder Frieden einkehren?, fragte Pierre sich verzweifelt.
Er ertrug die feindselige Ablehnung der Deutschen nicht und er ertrug auch die Anweisungen seiner Regierung nicht, hart gegen die Bevölkerung vorzugehen und auf Demonstranten zu schießen. Erst gestern hatte er Befehl erhalten, eine Gruppe demonstrierender Deutscher auseinanderzutreiben. Mit Gewalt. Mit Artillerie. Er hatte nicht geschossen, er hatte es einfach nicht gekonnt. Aber seine Kameraden hatten gefeuert, und Pierre hatte gesehen, wie ein Schüler, der höchstens elf Jahre alt war, blutend zusammenbrach. Er hatte gedacht: Der Junge war vielleicht drei Jahre alt, als hier alles noch in Ordnung war, als ich noch in Frieden in diesem Land lebte und von der Bevölkerung zuvorkommend und freundlich behandelt worden bin. Zwar waren die Deutschen und die Franzosen auch damals keine Freunde gewesen, aber sie gingen wenigstens einigermaßen zivilisiert miteinander um. Wie hatte sich die Welt doch verändert! Und vor allem – was brachte das alles? Die Deutschen hatten nach der Besetzung des Ruhrgebietes ihre Kohlelieferungen an Frankreich vollständig eingestellt und die französische Regierung somit genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie wollte.
Er dachte an die Frau, die er vor neun Jahren das letzte Mal gesehen hatte und die auch zu der Bevölkerung gehörte, die nun unter der Besetzung zu leiden hatte. Und er hoffte, dass sie sich nicht der allgemeinen Stimmung angeschlossen hatte. Dass sie ihn nicht hasste. Er würde seinen Plan, sie zu suchen, in die Tat umsetzen, beschloss er.
Aber durfte er das denn? Würde er sie damit nicht nur unnötig in Gefahr bringen, jetzt, da der Franzosenhass so hohe Wellen schlug? Er hatte von deutschen Frauen gehört, die von der aufgebrachten Bevölkerung beinahe massakriert worden waren, weil man sie mit Franzosen gesehen hatte.
Aber er hatte jahrelang auf diese Chance gewartet.
Ja, er würde sie suchen, seine Sophie.
20. Kapitel
Überlingen, Bodensee, 5. Februar 1923
Johanna hämmerte an Raphaels Zimmertüre. »Raphael, bitte, mach doch die Tür auf!«
Der Junge antwortete nicht und es war nur lautes und verzweifeltes Schluchzen zu hören.
»Bitte, Raphael, lass uns darüber reden.«
Oh nein, dachte Johanna, als wieder keine Antwort kam, was soll ich nur tun?
»Raphael, ich möchte dir doch helfen!«, rief sie flehend.
Das Bett knarrte, und Johanna hörte, wie Raphael durch das Zimmer zur Tür ging. Der Schlüssel wurde herumgedreht und dann stand der Junge vor ihr.
Es schnitt Johanna ins Herz, als sie sein verzweifeltes kleines Gesicht sah. »Darf ich hereinkommen?«, fragte sie vorsichtig.
Raphael nickte schniefend und trat einen Schritt zurück.
Johanna ging ins Zimmer und ließ sich auf seinem zerwühlten Bett nieder.
»Komm«, sagte sie, »setz dich neben mich.«
Raphael folgte der Aufforderung. Er saß sehr aufrecht, fast steif, und war sichtlich um Fassung bemüht.
»Möchtest du mir davon erzählen?« Johanna achtete darauf, den Jungen nicht anzusehen oder zu berühren.
Raphael schwieg und starrte auf seine Fußspitzen. »Warum haben sie das getan?«, fragte er schließlich so leise, dass Johanna Mühe hatte, ihn zu verstehen. »Ich gehöre doch dazu. Warum sind sie über mich hergefallen? Sie sind böse. Kennen sie denn die Franzosen überhaupt, dass sie so über sie schimpfen?«
In Johannas Kopf arbeitete es fieberhaft. Wie sollte sie es Raphael nur beibringen? Sie musste es ihm so sagen, dass er nicht das Gefühl bekam, es sei eine Schmach.
»Menschen, die so etwas tun, sind dumm«, sagte sie schließlich hilflos. »Die Franzosen sind nicht schlecht.«
»Das weiß ich«, sagte Raphael. »Aber in der Schule schimpfen alle auf sie.«
»Im Moment verstehen sich die Franzosen und die Deutschen nun mal nicht so gut«, erklärte Johanna ruhig. »Aber das macht weder sie noch uns zu schlechteren Menschen. Ich streite mich auch manchmal mit jemandem, ohne dass ich dadurch gleich zu einem Bösewicht werde.«
Raphael schwieg nachdenklich. »Stimmt«, sagte er dann. »Gestern habe ich mich auch mit Susanne gezankt. Aber Susanne ist nicht böse. Und ich auch nicht, oder?«
Johanna schüttelte schmunzelnd den Kopf. »Nein, ganz bestimmt nicht.« Doch gleich darauf wurde sie wieder ernst und wartete auf die nächste Frage, die unvermeidlich kommen musste.
Da fragte Raphael auch schon. »Aber ich verstehe trotzdem nicht, warum sie mich ›Franzosenschwein‹ genannt haben. Irgendwie ist das seltsam. Erst die Einbrecher und jetzt das.«
Johanna sah ihn erschrocken an. Ahnte der Junge, dass mehr hinter dem Einbruch steckte?
»Ich meine, ich weiß, dass die Jungs blöd waren, als sie auf die Franzosen schimpften. Aber warum haben sie mich beschimpft?«
Johanna schluckte und holte dann tief Luft. »Es gibt da etwas, was du wissen solltest, Raphael«, begann sie vorsichtig.
*
Sophie lag hemmungslos schluchzend in ihrem Bett. Immer wieder murmelte sie zwischen den Schluchzern die Frage, die sie sich in den letzten Tagen so oft gestellt hatte. »Was soll ich nur tun? Oh Gott, was soll ich nur tun?«
»Ich glaube, das weißt du sehr gut selbst, Sophie«, sagte ihr Vater, der auf einem Stuhl neben dem Bett saß, ernst. »Du hast nicht viele Möglichkeiten.«
»Du meinst, ich soll Überlingen mit Raphael verlassen?«
»Ja«, erwiderte Friedrich schlicht. »Du bist für den Jungen verantwortlich.«
»Es ist ihm ja nichts geschehen«, murmelte Sophie in ihr Kissen.
»Wie bitte?«, fragte Friedrich mit unterdrückter Wut in der Stimme. Er sprang auf und ging aufgebracht im Zimmer auf und ab. »Was ist denn nur los mit dir? Das nennst du ›nichts geschehen‹? Wann wäre denn in deinen Augen ›etwas geschehen‹? Wenn er zusammengeschlagen im Krankenhaus läge?«
»Bitte, Vater«, schluchzte Sophie. »Du hast ja recht … Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist.«
»Sophie«, sagte Friedrich eindringlich. »Du hast nicht nur die Verantwortung für Raphaels körperliches Wohlergehen, sondern auch für sein seelisches. Selbst wenn sie ihn nicht zusammenschlagen, so sind diese Erlebnisse für ihn schrecklich und werden ihn prägen. In diesen Minuten sagt Johanna ihm, dass sein Vater Franzose ist. Glaubst du denn, es ist einfach für ihn, zu erfahren, dass sie ihn aufgrund dessen so behandeln? Es könnte seine ganze Entwicklung beeinträchtigen.«
»Vater«, flehte Sophie. »Hör bitte auf. Ich weiß ja, ich weiß.«
»Was wirst du also tun?«, fragte Friedrich streng.
»Überlingen verlassen.« Sie sagte ihm nicht, dass sie keineswegs nach Konstanz gehen wollte, wie ihr Vater dachte, sondern ins Ruhrgebiet zu Luise.
Friedrich atmete tief durch. »Gut«, sagte er, ruhiger geworden.
»Ach, Vater, was meinst du, wie wird er es aufnehmen?«, fragte Sophie bang.
»Ich weiß es nicht«, erwiderte der Schuldirektor auf seine bedächtige Art. »Aber du kannst sicher sein, dass Johanna ihr Möglichstes tun wird, um es ihm so zu sagen, dass er es als das auffasst, was es ist: nicht als Schande, sondern als ganz normale Tatsache. Die Zeit, in der wir leben, ist verrückt, nicht die Sache an sich.«
»Aber es ist so viel geschehen!«
»Es bleibt dir nichts anderes übrig, als abzuwarten.«
Sophie nickte. »Ich weiß, aber das ist gar nicht so einfach.«
21. Kapitel
München, Bayern, 5. Februar 1923
Die Tage vor Lisbeths Hochzeit waren angefüllt mit aufgeregtem Treiben. Und Marlene war mittendrin. Es musste letzte Hand an die Aussteuer gelegt werden – Lisbeths Mutter bestand darauf, jede einzelne Serviette mit den Initialen ihrer Tochter zu versehen. LB. Lisbeth Böttcher. Lisbeth selbst interessierte sich nur für ihr Brautkleid, drehte sich, wenn die Schneiderin kam, wie ein Pfau hin und her und fragte Marlene ein ums andere Mal, ob sie glaube, dass ihr Bräutigam Gefallen an ihr in dem Kleid finden würde, was Marlene jedes Mal mit einem halbherzigen »Aber natürlich, meine Liebe« bestätigte, um dann wieder in ihre Träume zu versinken. Träume von Andreas. Lisbeth in ihrer Aufregung merkte nicht, wie es um die Freundin stand. Sie bemerkte nicht einmal, dass Marlene verzweifelt versuchte herauszufinden, ob er auch zur Hochzeit kommen würde. Mit Fragen, die zu beiläufig gestellt waren, als dass sie wirklich harmlos hätten sein können. Und dann – Lisbeth saß gerade vor ihrem Schminktisch und bürstete ihre goldenen Haare wie jeden Abend mit 100 Strichen, weil ihre Mutter ihr in ihrer Kindheit beigebracht hatte, dass sie dann einen betörenden Glanz entfalteten – sagte sie wie nebenbei den ersehnten Satz: »Ach, übrigens, Andreas wird auch da sein.« Marlene hätte beinahe die Stickerei fallen lassen. Lisbeths Mutter hatte sie ihr aufgedrängt, man werde sonst vor der Hochzeit nicht fertig.
»Ich denke, es ist dir recht, wenn wir ihn neben dich setzen«, überlegte Lisbeth und sah dabei nicht Marlene durch den Spiegel an, sondern sich selbst verzückt in die erwartungsfroh strahlenden Augen. So übersah sie auch, dass Marlenes Blick bei ihren Worten freudig erregt zu leuchten begann. »Er ist zwar schon etwas alt, aber immerhin seid ihr verwandt. Oder, Lenchen, das ist dir doch recht?« Erst jetzt ließ sie die Bürste sinken und wandte sich um, um Marlene anzusehen.
»Ja«, erwiderte die, hastig lächelnd. »Ja, natürlich ist es mir recht.«
Sie sahen sich in der Kirche wieder. Zwar saßen sie nicht nebeneinander, er saß auf der einen Seite der Kirchenbänke und sie auf der anderen, aber immer wieder kreuzten sich ihre Blicke, immer wieder sah Marlene dann als Erste weg, und er, er lächelte wissend. Und zufrieden. Nach der Kirche drängte er sich in der Reihe der Gratulanten neben sie. »Ich höre, du bist meine Tischdame, Marlene«, sagte er und berührte wie zufällig ihre Hand. Ihr Herz raste. »Ich freue mich wirklich sehr«, raunte er. »Wie ich neulich schon sagte: Du bist zu einer richtigen Schönheit herangewachsen.«
Die Worte, die sie hätte antworten mögen, lagen quer in ihrem Hals, sie brachte nur ein Krächzen hervor. So lächelte sie lediglich und nickte und war ungemein dankbar, als Nächste mit dem Gratulieren dran zu sein, sodass er nicht mehr auf eine Antwort warten konnte. Doch während sie ihrer Freundin und deren frischgebackenem Ehegatten gratulierte, war sie mit all ihren Sinnen bei ihm.
22. Kapitel
Überlingen, Bodensee, 5. Februar 1923
Sie suchten Raphael überall. Im Stall, an seinen Lieblingsplätzen im Garten und natürlich auch im Haus. Er war nicht zu finden.
»Warum habe ich ihn nur alleine gelassen?«, jammerte Johanna. »Ich habe doch gemerkt, dass er völlig verstört war. Ich hätte bei ihm bleiben müssen.«
»Er wollte alleine sein«, sagte Sebastian beruhigend. »Und er ist alt genug, dass man diesen Wunsch respektieren muss. Das war schon ganz richtig, Johanna.«
»Aber er ist nicht alt genug, um um diese Zeit draußen herumzulaufen«, sagte Johanna nervös. »Vor allem nicht nach all dem, was geschehen ist. Fällt dir noch ein Ort ein, wo er sein könnte?«
Sebastian dachte angestrengt nach. »Den Schuppen durchsucht Sophie, obwohl sie eigentlich noch im Bett bleiben sollte. Aber ich glaube nicht, dass er dort ist.«
Plötzlich hatte Johanna einen Geistesblitz. »Ich weiß, wo er ist!«, stieß sie hervor und packte Sebastian am Arm.
Sebastian sah sie fragend an. »Wo?«
»Er hat mir neulich eine Stelle am See gezeigt, in Richtung Goldbach. Dort sitzt er gerne.«
»Das wäre eine Möglichkeit!«, rief Sebastian erleichtert. »Lass uns gleich nachsehen.« Er ließ Johanna nicht los, als er durch den dunklen Garten rannte. »Sebastian«, keuchte Johanna, »einer von uns muss bei Susanne und Robert bleiben. Großvater ist doch in der Schule, um mit Raphaels Lehrer zu sprechen.«
»Du hast recht.« Sebastian strich sich das dunkle Haar aus der Stirn. »Aber da ich Raphaels Lieblingsstelle nicht kenne und du unmöglich allein durch die Nacht laufen kannst …«
Aber Johanna hörte ihn schon nicht mehr. Ehe ihr Gatte sie aufhalten konnte, war sie zum Gartentor hinaus.
Sebastian blickte ihr hilflos hinterher und überlegte, ob er ihr nachlaufen sollte. Dann aber hörte er im Haus Susanne weinen und ging hinein.
Johanna ist schon mit ganz anderen Situationen fertig geworden, sagte er sich, sie wird auch diese meistern.
Im Haus traf er auf eine völlig hysterische Sophie, die damit beschäftigt war, die einzelnen Schränke nach ihrem Sohn zu durchsuchen.
»Das hat doch keinen Sinn, Sophie«, erklärte Sebastian. »Du glaubst doch nicht im Ernst, dass Raphael seit Stunden in einem der Schränke hockt.«
»Ich kann einfach nicht untätig herumsitzen«, schluchzte Sophie. »Und die wahrscheinlichen Möglichkeiten habe ich schon alle durch.«
»Johanna ist zum See runter, um ihn an seinem Lieblingsplatz zu suchen.«
Sophie starrte Sebastian an und schlug sich gegen die Stirn. »Der Felsen am See!«, rief sie erleichtert. »Warum bin ich darauf noch nicht gekommen?«
Sie machte sich von Sebastian los und rannte in Richtung Tür.
»Wo willst du hin?«, fragte er, obwohl er es genau wusste.
»Zum See, wohin denn sonst?«
»Sophie, du kannst nicht alleine dort hin. Nicht mitten in der Nacht.«
»Hast du Angst, dass einer der Überlinger mich überfällt?«, fragte Sophie spöttisch und ging eilig in den Garten hinaus. »Außerdem hast du deine Frau doch auch gehen lassen«, rief sie über die Schulter.
»Auf Johanna ist auch kein Anschlag verübt worden«, argumentierte Sebastian. »Denk daran, was neulich geschehen ist.«
»Umso gefährlicher ist es für Raphael, draußen herumzulaufen. Ich muss zu ihm.«
»Du kannst ihn nicht schützen und du hilfst ihm nicht, indem du dich selbst in Gefahr bringst. Wenn dir etwas zustieße, dann müsste er auch noch damit fertig werden.«
»Aber er ist ganz allein da draußen.«
»Er ist nicht allein. Johanna sucht nach ihm und die kann ihn im Moment besser schützen als du.«
»Ich werde trotzdem gehen«, sagte Sophie verzweifelt. »Ich muss.«
Sebastian stellte sich ihr in den Weg. »Ich lasse dich nicht gehen. Du solltest lieber hierbleiben und deine Sachen packen.«
Sophie starrte ihn wütend an. »Immer muss alles nach deinem Kopf gehen.«
»Sophie, was du vorhast, ist unvernünftig.«
»Es ist mir egal.« Sie stieß Sebastian zur Seite. »Ich mache, was ich will.«
Dann öffnete sie das Gartentor und trat auf die dunkle Straße hinaus.
23. Kapitel
München, Bayern, Februar 1923
Marlene hatte schreckliche Angst. Nachdem sie schon vorhin in seiner Gegenwart kein Wort herausbekommen hatte – wie sollte sie es dann schaffen, ihm eine gute Tischdame zu sein? Plötzlich verfluchte sie Lisbeth für ihre Idee, sie nebeneinander zu platzieren, und überlegte fieberhaft, ob es eine Möglichkeit gäbe, nicht neben ihm zu sitzen. Sie zog sogar in Erwägung, plötzliche Kopfschmerzen vorzutäuschen und sich zurückzuziehen – aber das konnte sie Lisbeth nicht antun, war sie doch eigens für ihre Hochzeit nach München gekommen und hatte die Tage der Vorbereitung in engster Vertrautheit mit ihr verbracht. Außerdem wollte sie ihm ja gar nicht ausweichen. Sie wollte neben ihm sitzen, seine Nähe spüren. Wenn sie sich nur nicht allzu sehr blamierte. Und so wissend, wie er sie immer anschaute, ahnte er, was in ihr vorging. Das war ihr peinlich. Vielleicht, dachte Marlene, sollte sie kühle Distanziertheit an den Tag legen. So tun, als beeindrucke sie seine Anwesenheit gar nicht. Sie war sich allerdings nicht sicher, ob ihr das gelingen würde.
Es gelang ihr. Und wie es ihr gelang. Nachdem die Suppe aufgetragen worden war und sie den ersten Löffel probiert hatte, beugte sie sich leicht zu ihm hinüber und schwärmte: »Ein himmlischer Genuss, findest du nicht?«
»In der Tat.« Andreas wandte sich ihr zu und sah ihr in die Augen. Dann wanderte sein Blick über ihr Gesicht, zu den zarten blonden Locken, die sich über den Ohren kräuselten, und dann, zu rasch, als dass es anzüglich hätte sein können, über ihr Dekolleté in dem hellblauen Seidenkleid mit dem Spitzenrand. »Ein himmlischer Genuss«, wiederholte er langsam, und Marlene spürte, wie ihr die mühsam errungene Selbstsicherheit bei diesen Worten entglitt. »Wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf, Marlene: Du siehst absolut hinreißend aus. Das Blau deines Kleides greift genau die Farbe deiner Augen auf und macht sie noch ausdrucksvoller. Du bist die schönste Frau, die ich je gesehen habe.«
»Oh«, Marlene errötete und beugte sich rasch über ihren Teller, um noch einen Löffel Suppe zu nehmen. Sie bemerkte, dass er sie immer noch ansah, und betete innerlich, dass sie den Löffel halbwegs elegant zum Mund führen und nicht kleckern würde. Es glückte ihr. Danach sah sie ihn wieder an. »Das ist sehr freundlich von dir.«
»Nein, Marlene.« Seine Stimme klang rau. »Das ist nicht freundlich, sondern sehr ernst gemeint.« Auf einmal wirkte er nervös, als er fragte: »Würdest du mir nachher den ersten Tanz schenken?«
Der Griff, mit dem er sie umschlang, war fest und bestimmt. Minuten zuvor hatte das Brautpaar seinen Eröffnungstanz gegeben, nun drängten die Tanzlustigen auf die Fläche. Nach all dem Hunger und der Entbehrung, die mit der Inflation einhergingen, gierten sie alle nach etwas Lebensfreude und Ablenkung. Es war eng, aber das gefiel Marlene. Sie spürte das Klopfen seines Herzens und es kam ihr so vor, als ob es besonders schnell schlüge. Während des Tanzes sprachen sie die ganze Zeit über kein Wort, sahen sich nur unverwandt in die Augen, wandten den Blick ab, sahen sich wieder an. Ein ewiges, nervenaufreibendes, aufregendes Spiel. Am Ende glühten Marlenes Wangen feuerrot. »Ich bin gleich wieder da«, sagte sie und befreite sich hastig aus seinen Armen. Sie brauchte jetzt unbedingt eine Pause. »Ich will mich nur eben ein wenig frisch machen.« Er nickte und entließ sie aus seiner Umarmung.
Im Vorraum der Toilette angekommen, stützte sich Marlene keuchend auf dem großen Marmortisch ab, in den das Waschbecken eingelassen war, und blickte sich in die fiebrig glänzenden Augen. Wie gerne hätte sie die Hände unter kaltes Wasser gehalten und auf ihr Gesicht gepresst, aber sie fürchtete, dass sie damit ihre kunstvolle Aufmachung zerstören könnte. Spontan entschied sie, noch ein wenig in den Garten zu gehen. In der kalten Winterluft würde sie sicher wieder einen klaren Kopf bekommen. Sie verzichtete aber darauf, an der Garderobe ihren Mantel zu holen, sie wollte kein Aufsehen erregen. Und sie wollte ja auch wirklich nur ein paar Minuten draußen bleiben.
Marlene stieß die Terrassentür auf, die in den Garten führte, und trat hinaus ins Freie. Die kalte Winterluft schoss durch den seidenen Stoff ihres Kleides, es tat gleichermaßen gut und beinahe weh. Vom Himmel kam ein leichter, kaum wahrnehmbarer Nieselregen. Marlene hob das Gesicht und genoss das Gefühl, wie das kalte Wasser ihre immer noch glühende Haut sanft benetzte. Ein paar Schritte ging sie auf den Steinplatten durch den Garten und suchte dann Schutz unter einer Pergola, von der aus sich ein herrlicher Blick auf die Stadt bot.
»Marlene«, hörte sie plötzlich eine männliche Stimme, seine Stimme, hinter sich. »Marlene, dir wird doch kalt.«
Sie wirbelte herum und fast direkt in seine Arme. Ganz dicht stand er vor ihr, sie konnte die Wärme seines Körpers durch den dünnen Stoff ihres Kleides spüren. Er zog sein Jackett aus und legte es ihr um die Schultern. Den Kragen ließ er nicht los, sondern zog sie zu sich heran. »Unvernünftiges Mädchen«, murmelte er, bevor er die Augen schloss und seine Lippen die ihren berührten.
24. Kapitel
Überlingen, Bodensee, 5. Februar 1923
Johanna fand Raphael tatsächlich auf dem Felsen am See. Schon von Weitem konnte sie die zusammengekauerte Gestalt, die in Richtung Wasser starrte, schemenhaft ausmachen.
»Raphael«, sagte sie leise, als sie bei ihm angelangt war.
Der Junge hob langsam den Kopf. Er hatte Johanna bereits kommen hören.
»Warum bist du weggelaufen?«, fragte sie und kletterte vorsichtig den Felsen hinauf. Ihr deutlich gerundeter Bauch behinderte sie.
»Ich … ich konnte einfach alles nicht mehr ertragen. Ich wollte niemanden sehen«, stieß Raphael hervor.
»Das kann ich gut verstehen. Aber du weißt, dass du dich dessen, was ich dir gesagt habe, nicht zu schämen brauchst.« Johanna ließ sich neben ihm nieder.
Raphael schniefte. »Ich weiß. Und irgendwie finde ich das auch gar nicht so schlimm. Viel schlimmer finde ich, dass Mutter mich all die Jahre über angelogen hat.«
»Es fiel ihr nicht leicht, Raphael, das kannst du mir glauben. Wir haben oft darüber gesprochen.«
Raphael starrte sie an und wischte sich mit dem Handrücken über die Nase. »Alle habt ihr mich angelogen. Alle. Ihr habt es alle die ganze Zeit über gewusst.« Er sprang auf und sah auf Johanna herab.
»Ich habe gedacht, du bist ehrlich zu mir«, sagte er wütend und kletterte vom Felsen herunter.
Johanna hatte Angst, dass Raphael wieder davonrennen könne. »Lass es dir bitte erklären«, bat sie leise.
»Was gibt es denn da noch zu erklären?«, fragte Raphael trotzig. »Ihr habt mich angelogen. Alle.«
»Ich verstehe deine Enttäuschung«, versicherte Johanna. »Aber bitte, gib mir eine Chance.«
Es beeindruckte Raphael, dass Johanna mit ihm wie mit einem Erwachsenen redete. Dass sie ihn um etwas bat und es ihm nicht einfach befahl, wie so viele andere das taten. Er wurde wie ein Erwachsener behandelt. Also würde er sich auch wie einer verhalten, beschloss der Junge. Andererseits wollte er Johanna seine Bereitwilligkeit nicht allzu deutlich zeigen.
»Gut«, erklärte er mürrisch. Er kletterte wieder auf den Felsen, aber nun drehte er Johanna den Rücken zu.
»Deine Mutter wollte es dir irgendwann sagen«, begann Johanna. »Sie wusste nur nicht so recht, wann. Eine Zeit lang hat sie sich überlegt, dich damit aufwachsen zu lassen. Sie hat dir ja auch eine ganze Weile lang Französischunterricht gegeben, erinnerst du dich?«
Raphael nickte ungeduldig. »Und warum hat sie es mir dann nicht gesagt?«
»Es wäre zu gefährlich gewesen. Wir hatten Krieg, und wenn du da plötzlich jemandem erzählt hättest, dass dein Vater Franzose ist, hätte dir das schlecht bekommen können.«
»Aber nach dem Krieg …«
»Auch nach dem Krieg waren die Leute nicht unbedingt gut auf die Franzosen zu sprechen. Deine Mutter hatte Angst, dass man dir das Leben schwer machen würde, wenn es jemand erführe.«
»Sie hätten es nicht erfahren müssen. Es hätte gereicht, wenn sie es mir gesagt hätte.«
»Du hättest es weitererzählt. Du warst ja noch klein. Man kann von einem vierjährigen Kind nicht erwarten, dass es über so eine Neuigkeit schweigt.«
»Und als ich größer wurde?«
»Als du größer wurdest, bekamst du mit, dass die Franzosen … sehr unbeliebt sind. Deine Mutter fürchtete, es würde dich zu sehr belasten.«
»Aber irgendwann musste sie es mir doch sagen. Mein Vater lebt! Das hätte sie doch nicht ewig geheim halten können.«
»Sie hoffte immer, dass sich die Situation entspannen würde. Einmal sprach sie davon, es dir zu sagen, wenn du acht Jahre alt bist. Aber dann kam die Ruhrbesetzung und die Lage verschärfte sich.«
»An meinem achten Geburtstag …«, sagte Raphael nachdenklich, »das wäre im Mai.«
»Ja«, antwortete Johanna. »Aber nun ist das Ruhrgebiet besetzt. Sie hätte es dir wohl auch im Mai nicht gesagt.«
»Und ihr anderen? Warum habt ihr es mir nicht gesagt?«
»Das ist allein ihre Sache.«
Raphael nickte. Plötzlich kam ihm ein Gedanke. »Die ganze Stadt wusste es!«, klagte er. »Nur ich nicht.«
»Das stimmt nicht«, widersprach Johanna. »Wir wissen wirklich nicht, wie sie es erfahren haben. Nur die Familie wusste davon. Bis vor Kurzem.«
»Ich will hier nicht mehr sein. Nicht, nachdem sie mich so behandelt haben.« Raphaels Stimme zitterte.
»Wir hielten es auch für das Beste, wenn deine Mutter mit dir aus Überlingen fortgehen würde«, sagte Johanna sanft.
Raphael stiegen wieder die Tränen in die Augen. Er wollte von hier weg, doch auf der anderen Seite schmerzte ihn der Gedanke, das Haus seiner Kindheit verlassen zu müssen. Hier waren seine Freunde. Aber … hatte er denn noch Freunde? Er kam sich mutterseelenallein vor.
»Was sagst du dazu?«, drängte Johanna.
Raphael zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht. Irgendwie – auch wenn du mir das jetzt alles erklärt hast, bin ich immer noch böse auf Mutter. Auf euch andere nicht. Nur auf sie.«
»Du musst versuchen, sie zu verstehen.«
»Ich will nicht mit ihr zusammen sein«, sagte er heftig.
»Raphael, du musst lernen zu verzeihen. Sie wollte nur das Beste für dich.«
Der Junge schwieg. Plötzlich fiel ihm etwas ein. »Was, wenn mein Vater so einer ist, der auf die Menschen schießt?«, fragte er bang. »Ich finde ja auch, dass es nette Franzosen gibt. Aber es gibt auch sehr böse, die Leute töten.«
»Das sind die Wenigsten«, beruhigte Johanna. »Und dein Vater ist bestimmt nicht so einer.«
»Woher weißt du das?«
»Weil deine Mutter meine beste Freundin ist und wir schon viel zusammen erlebt haben. Ich kenne sie. Sie hätte sich nicht mit einem bösen Menschen eingelassen.«
»Ja, das stimmt.« Doch Raphael war nur für einen Moment beruhigt. Dann sagte er: »Aber sie hat mich ja auch angelogen. Das hätte ich nie gedacht, dass sie das tun würde.«
In diesem Moment hörten sie Sophies laute rufende Stimme: »Raphael, Johanna? Wo seid ihr?«
Raphael zuckte zusammen. »Ich will sie nicht sehen«, zischte er.
»Raphael!«
Der Junge machte Anstalten, den Felsen hinunterzuklettern. Johanna hielt ihn fest. »Sei vernünftig.«
»Immer soll ich vernünftig sein«, schimpfte Raphael, plötzlich bockig.
Wenn Sophie doch nur verschwinden würde, dachte Johanna wütend. Wenn er jetzt davonläuft, ist das ihre Schuld. Aber Sophie hatte sie inzwischen erspäht und kam immer näher.
»Raphael, bitte, tu es für mich«, flehte Johanna.
Raphael, der inzwischen den Felsen schon fast ganz heruntergeklettert war, hielt inne und drehte sich um.
»Bitte«, wiederholte Johanna eindringlich.
Der Junge sah zu ihr auf. Er wollte ihr diese Bitte nicht abschlagen. Er konnte es nicht.
»Also gut.« Entschlossen kletterte er den Felsen wieder herauf.
Sie saßen dicht nebeneinander und sahen Sophie entgegen. Schließlich stand sie schwer atmend neben ihnen auf dem Felsen.
»Raphael«, sagte sie leise und streckte die Hand nach ihrem Sohn aus.
Doch er wandte sich heftig ab. »Komm, Johanna, wir gehen nach Hause.«
Sophie stand mit hängenden Armen da und die Tränen traten ihr in die Augen. Noch nie hatte er sie so zurückgewiesen.
Johanna drückte ihr aufmunternd die Hand, als sie an ihr vorbeiging. »Das wird schon wieder«, flüsterte sie. »Er muss erst mal damit fertig werden. Und jetzt komm, dass er uns nicht wieder davonläuft.«
Johanna und Sophie folgten Raphael durch die finstere Nacht nach Hause.
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