Kitabı oku: «Seltene Erde»

Yazı tipi:


Eva Raisig

Seltene Erde

Roman


Inhalt

Prolog

ABHANDENKOMMEN

WAHRSCHEINLICHKEITEN

ECCE HOMO

UNTERWEGS

DER BLICK VON OBEN

Epilog

Abbildungsnachweise

Prolog
14. Februar 1990, 40,472229 AE von der Erde.

Weit hinter mir liegt die Heimat. Viel kann ich von hier aus nicht erkennen. Ich blicke mit nachtblinden Augen ein letztes Mal zurück auf die schlechteste aller Welten, die mir zugleich doch immer auch die beste war. Schwarz ist es vor allem und der Rest sehr klein.

Zu Hause, so höre ich, ist Mittwoch, der Tag der Liebenden zudem, den ihr mir nennt zum Auseinandergehen, beiläufig, als wär’ es Zufall. Das Jahr – welches Jahr – ist noch nicht alt, heißt das und sagt mir wenig sagt mir das. Wie viel Zeit mag mir noch bleiben für einen letzten Blick? Wie weit kann ich unseren Abschied dehnen? Wann genau ist mir eigentlich jegliches Zeitgefühl abhandengekommen? Hier draußen zähle ich die Tage, die es nicht mehr gibt, und versuche, mich an Stunden zu erinnern, die ich vergessen habe. Alles lang her. Ich sage Stunden und Tage in alter Routine, sage Minuten und Sekunden, aber einzig noch, weil mir der Klang gefällt. Der Klang gefällt. Angenehm vertraut wie alte Bekannte, die einmal Bedeutung hatten in meinem Leben. Sage Wochen. Monate. Eine vage Erinnerung, da war was. Was war da. Sage, ich reise seit Jahren, und das ist sicher, viel mehr aber nicht. Kein Restlein übrig, das temporär gewiss zu nennen wär’. Kein Anhaltspunkt, an dem ich mich festhalten könnte. Wegweg. Keine Zeit mehr, nur noch Raum, und der ohne einen Rand, über den ich mich stürzen könnte. Kein Riss in meiner Routine. Nicht die leiseste Störung meines Ereignishorizonts. Ohne Rast bin ich und ohne Richtung. Kein Hafen in Sicht und niemals guter Wind. Ich dümpele dahin! Ich bin die Flaschenpost von heute fünf Milliarden Robinsons, die auf ihrer Welteninsel die Dunkelheit absuchen. Ich bin die Hoffnung der Menschen.

Das Wichtigste, so scheint’s mir nun, da ihr mir fast entschwunden seid, ist lange nicht gesagt. Ich krame zwischen Schimpansengeschrei und Beethovens Fünfter in meinem Aluminiumleib, suche nach etwas, das irgendwem etwas sagte, höre Shalám, Shalom, Bonjour tout le monde, nur aus mir selbst heraus, immer wieder. Nicht ein einziger Zuhörer ließ sich finden in all der Zeit und niemand, der meine Bilder betrachtet hätte. Wir sind hier glücklich und ihr seid dort glücklich. Einmal noch

Hallo?

in den Raum

Hallo –?

Aber nichts. Nichtsnichts.

Nur immerwährende Nacht. Kein Wesen hier draußen, dem ich meine Geschichten überreichen könnte. Mausmutterseelenallein stehe ich allein auf der Kommandobrücke, Kommandantin, Befehl und Brücke in einer Person. Wie oft wollte ich mich schon hinabstürzen oder hinauf, elende Perspektive. Die Schwere meiner Fracht loswerden. Dieses eine Pixel, das mir lange schon gegen die Aluminiumzelle drückt, über die Kante hieven. Den Schwerpunkt überwinden, Fluchtgeschwindigkeit erreichen und dann kein Zurück mehr. Der einzige Weg ins Freie, der mir offensteht.

Der Tag des Abschieds also ein Mittwoch in der Heimat. Beißend kalt ist es bis in die Lungen und angenehm kühl. Ein lauer Wind vom Meer ins Landesinnere. Irgendwo in den Hügeln brennt der trockene Wald. Einer ruft eine Herrschaft aus und jemand veröffentlicht einen Bericht und viele verseuchen das Wasser. Einer macht eine Erfindung, eine nimmt ein Beil und eine schreibt ein Gedicht, einer wird geboren, noch eine wird geboren, viele sterben unterdessen und eine weitere erblickt das Licht, wie man sagt, der Welt, dann wird’s wieder dunkel und vorher war’s hell und dunkel davor, es grollt, es strahlt: ein Mittwoch wie ein Mittwoch wie ein Freitag wie ein Mittwoch, immer wieder.

Ein Flackern schon in den Gerätschaften und ich weiß, nun ist es Zeit wird es gewesen sein. So wende ich mich ein letztes Mal in eure Richtung. Drehe langsam mein Gehäuse, das sich sträubt, da der Moment gekommen ist. Noch einmal winke ich euch zu von meinem Platz hier oben und werfe jetzt den endgültig letzten Blick auf dieses Zuhause ohne Ausdehnung. Voilàvoilà. Alles, was ich je geliebt habe, und allen Hass, den ihr kennt, im Bruchstück eines Pixels. Aus einem Winkel von zweiunddreißig Grad über der Ekliptik blicke ich auf euch zurück. Wie wenig kann so eine Heimat sein. Sollte ich euch als letzten Gruß nur Düsternis schicken und nicht aus der Finsternis heraus Farben, die es nicht gibt, und buntes Licht, das sich an meinen Linsen ohne Wärme bricht? Eure Geschichten gehen keinen. Niemanden, meine ich. Sie gehen niemanden etwas an. Oder nicht. Ein Foto in rosarotgrün soll bleiben und dazwischen das Zuhause in lichtem Orange. Und da, plötzlich und wie deutlich, ganz klein am anderen Ende bis zum Schluss: sanftes Blau und Schleierwölkchen und Schmetterlinge und Seidenspinner und klares Wasser und Ruhe in der Nacht und Sonne am Morgen und ein bisschen Klaviermusik und Tugend und Glückseligkeit und überhaupt ewiger Frieden und mehr Licht und überall Pailletten und sehr viel Glitter. Von jetzt an ist alles. Alles ist jetzt Erninerung. Ennirerung. Er-in-ne-rung. Es gibt kein Zurück. Unsere Geschichten gehen. Sie gehen niemandem etwas an. Ein blassblauer Punkt am horizontlosen Himmel ist das Letzte, bevor ich in der Schwärze verschwinde. Meine seltene Erde. Ich komme nicht zurück.

ABHANDENKOMMEN

Vor dem Dorf, jetzt.

Auf dem Weg aus dem Dorf ist Lenka ihr irgendwo abhandengekommen. Eben noch sieht Therese ihren hageren Körper in dem üblichen schwarzgrauen Zeug, dem ausgewaschenen Trägerhemd über der dunklen Hose, die um die Oberschenkel schlackert, nur die Schultern stechen hell heraus und die weiße Strähne am Hinterkopf, dann ist sie weg. Therese ist an dem Bildstock am Wegrand stehen geblieben, um sich das Innere zu besehen. Keine Mutter Gottes harrt hier eines Besuchs, und womöglich hat da nie eine gestanden, man kann sich die Schutzräume unten im Dorf auch blanko anfertigen lassen und dann, wie hier, eine Art Mobile darin befestigen. Geschliffene Mondsteinchen in Drahteinfassungen schwingen sanft im Luftzug. Die Grablichter davor und die in Plastik eingeschweißten Fürbitten scheinen der Witterung schon längere Zeit ausgesetzt zu sein. Als Therese hochsieht, ist von Lenka nichts mehr zu sehen.

Hinter der Einkaufsstraße, in der schon morgens der Geruch von Räucherstäbchen zwischen den Plastikstühlen hängt, waren sie noch auf gleicher Höhe unterwegs gewesen, diese kurze Zeitspanne, in der zwei unterschiedliche Rhythmen für einen Moment parallel laufen können, dann hatte Lenka kaum merklich überholt, war kurz darauf einige Meter voraus, Blick auf den Weg, Blick auf die Karte, Blick auf den Weg, keinen in die Landschaft, und Therese hintendrein. Die Kamera zog diagonal vom Schlüsselbein über ihre Brust und schwang mit jedem Schritt gegen den Hüftknochen. Der Gurt klebte am Hals, dabei war es um diese Uhrzeit nicht besonders heiß. Lenka hielt sich die fast bis zur Unkenntlichkeit kopierte Karte dicht vor ihr Gesicht, aber an ihren schlechten Augen lag es wohl nicht. Sie ließ das Papier sinken und wurde abermals schneller. Warum diese Eile? Der Weg ist das Ziel, Lenka, aber da war sie längst nicht mehr in Hörweite. Von Urlaub, das stimmt wohl, war nie die Rede gewesen. Nur: Hoffnungen darf man doch wohl hegen, wenn man eine solche Reise unternimmt. Leise Zweifel darf man zulassen, wenn man hinter einer Person, die man im Grunde kaum kennt, durch die fremde Landschaft eilt. Rennen wäre eine Variante, Rufen wäre eine Variante. Es war reiner Trotz, der Therese davon abhielt. Sie ließ sich weiter zurückfallen. Nach einer Weile konnte sie Lenkas dürre Gestalt nur noch in der Ferne erkennen, ein sich beinah im Flimmern der Luft auflösendes Stöckchen im Gegenlicht. Kaum einen Moment aus den Augen gelassen und schon war sie verschwunden.

Ortsauswärts franst das Leben merklich aus. Anfangs noch vereinzelte Kinder, die wie ihre Compañeros an der Dorfstraße einem unergründlichen Spiel nachgehen und Sammelkarten gegen Hauswände, Sträucher, Laternenpfähle werfen, in der Ferne ein gebücktes Männlein auf einem sehr großen Fahrrad, mehr aber nicht. Ein blasser Vormittag und erstaunlich viele Pfefferbäume. An langen, gefiederten Ästen lassen sie ihre rosa Früchte in die Landschaft hängen, zwischen den Beeren paaren sich riesige Insekten. Immer wieder weht ein seifiger Geruch über den Weg.

Therese also weiter, allerlei Abzweigungen nehmend, entscheidet nach Gefühl, ob links oder rechts, und ohne den Berg aus dem Blick zu verlieren, vorbei an Baracken und Gattern und schlammigen Einfahrten, die nicht passen wollen zu dem staubtrockenen Weg und dem scharfen, ausgedörrten Steppengras am Straßengraben. Es ist nicht zu sagen, ob die Abdrücke im Schlamm von Mensch oder Tier stammen, auch nicht, ob von einem oder von vielen. Hier ist niemand. Nicht einmal ein Köter streunt herum, obwohl sie doch unten im Ort an jeder Ecke herumlungern. Und nun ist auch die einzig verbliebene Person, die außer ihr hier draußen übrig gewesen ist, irgendwo in der Landschaft verloren gegangen. Ob sie den Weg zurück ins Dorf alleine findet: fraglich. Als Kind war ihr einmal im Gewirr des Rummelplatzes die Großmutter abhandengekommen: Eben war sie noch da und dann: nur noch fremde Beine. Jetzt ähnlich orientierungslos, nur in fremder Landschaft. Dieser Moment hier draußen könnte der Ausgangspunkt für jede nur denkbare Entwicklung sein. Der Anfang vom Ende. Da unternimmt man einmal eine Reise und landet als Randnotiz auf der Vermischtesseite der Zeitung. Zum Beispiel. Das passiert schneller, als man denkt. Die Eltern würden erst Wochen später erfahren, was mit ihrer Tochter geschehen ist. Sie wollte dort oben offenbar nur hinter einem Pfefferbaum nach dieser Lenka schauen, die sich bis heute nicht ausfindig machen lässt, muss dabei die von trockenen Büschen verdeckte Schlucht übersehen haben und das war’s. Langsames Dahinsiechen mit zerbrochener Schädeldecke zwischen Felsbrocken in einem ausgetrockneten Flussbett. In der Dunkelheit wilde Tiere. Nicht ein Stück von ihr würden sie übrig lassen und die Knochen trügen die Geier in ihre Nester.

An einem Vormittag im beginnenden südamerikanischen Herbst verliert sie also zwischen Pfefferbäumen und losem Geröll ihre Reisegefährtin. Und zwar gleich am zweiten Tag in diesem Ort. Das passiert. Auch wenn es nicht gerade die Wildnis ist, in der Therese herumirrt, eher ein grobes Verbindungsstück, das sich zwei Landschaften teilen. Ein etwas wüster Übergang zwischen Dorf und Natur, aber eben doch so abseits von allem, dass sich fragen lässt, warum sie überhaupt mitgefahren ist. Die letzte Nacht hat sie im Stockbettabteil über Lenka verbracht, auf der durchgelegenen Matratze in einem Achtbettzimmer in einer Seitenstraße der Promenade. Die Nacht davor auf den Wartebänken des Bahnhofs der nächstgelegenen Kleinstadt. Ihre Reise hat noch nicht einmal richtig angefangen und schon scheint sie wieder vorbei. Vielleicht sitzt Lenka längst am Busbahnhof. Vielleicht steigt sie in diesem Moment in den Bus und kehrt der ganzen Geschichte den Rücken. Häng dein Glück nicht an andere Leute, hatte die Großmutter mehr als einmal gesagt. Setz deine Hoffnungen nicht in Fremde, die dich am Ende mit in den Abgrund reißen können. Die dir etwas vorgaukeln, das Blaue vom Himmel usw. Lass dich nicht auf jemanden ein, von dem du nicht weißt, in welche Gefilde er dich treibt! Und nun hockt Therese also in Argentinien. So schnell geht das.

Es könnte aber ebenso gut sein, dass Lenka etwas zugestoßen ist. Womöglich liegt sie ihrerseits längst in irgendeinem Straßengraben und hofft auf Rettung. Wer weiß, wohin ihr eingeschränktes Gesichtsfeld sie getrieben hat. Eine Glaukom-Operation, bei der sich vor Jahren ein Stück Hornhaut gelöst hat und jetzt in der Iris feststeckt. Von außen sieht man davon nicht mehr als einen Lichtreflex in Lenkas rechtem Auge. Das Sehvermögen werde dadurch nicht beeinträchtigt, hatte Lenka in Russland gesagt, aber davon abgesehen gehe es mit den Augen immer weiter bergab. Nicht einmal eine Brille helfe jetzt noch. Langsam versinke ich in der Dunkelheit, aber das tun wir ja sowieso. Viel interessanter erscheine ihr in diesem Zusammenhang, dass sich das Linsenauge, so defekt es mitunter sein möge, an völlig unterschiedlichen Stellen der Erde unabhängig voneinander entwickelt habe. Tintenfische, Ringelwürmer, Vögel oder eben Menschen, hatte sie gesagt: Alle haben Linsenaugen. Das kann natürlich ein Zufall sein. Aber vielleicht war es auch schon im Moment des Urknalls angelegt. Chemischer Zufall oder kosmische Zwangsläufigkeit, wer kann das schon sagen. Therese hatte darauf wieder einmal keine Antwort gewusst. Das hier jedenfalls, hatte Lenka gesagt und das rechte Auge zusammengekniffen, das hier ist nur ein kleiner körperlicher Defekt, der die Leute irritiert.

Das ist Monate her. Seit ihrem Aufeinandertreffen am Finnischen Meerbusen auf russischer Seite haben sie sich kaum ein paar Tage gesehen und nun ist Lenka weg. Therese schaut auf. Der Weg wird immer steiler. Vom Azarcumbre ist von hier nur die Kuppe zu sehen. Mattes Braun vor diesigem Blau. Sie hätte überall hingehen können. Sie hätte überall hingehen können und von allen, allen Orten auf der Welt fällt ihr ausgerechnet dieser ein. Oder er fällt ihr nicht ein, er fällt ihr vielmehr vor die Füße. Von allen Orten hat es sie ausgerechnet hierher getrieben, aus welchen Gründen auch immer. Was soll sie damit nun anfangen? Sie hebt die Kamera, entscheidet sich dann für das Handy und hält es Richtung Berg. Auf dem Display erscheint eine blasse Miniatur.

Sie hatte im Wohnheim in Berlin das verdreckte Geschirr der letzten Wochen gespült und währenddessen überlegt, den Eltern einen Brief zu schreiben. Oder ob sie sich in den Zug setzen und nach Hause fahren sollte. Am Ende rief sie an. Die Mutter ging ans Telefon.

Bitte regt euch nicht auf, hatte Therese zum Einstieg gesagt. Aber es half nichts.

Therese, das ist nicht dein Ernst!

Und der Vater zog aus den paar Sätzen der Mutter seine Schlüsse und brüllte aus dem Hintergrund, dass das doch wohl unfassbar sei und er nun ein für alle Mal den Geldhahn, was sie um Himmels willen denn falsch gemacht hätten. Soso, Madame kann das einfach nicht, alle anderen schaffen es zwar, aber nicht das Fräulein, nein, das nicht. Irgendwo im Raum knallte etwas auf den Boden und dann war es die Mutter, die brüllte, zum Vater hin, und als das vorbei war, sprach sie mit beherrschter Stimme wieder in den Hörer: Therese, verstehst du, dass wir uns langsam ernsthafte Sorgen machen?

Ja, das verstehe ich.

Du hattest doch so viele Interessen, sagte die Mutter. Das Fotografieren. Die Leichtathletik. Sind die einfach alle weg?

Ja, irgendwie sind sie weg.

Kind, uns gibt es doch auch nicht für immer.

Ich weiß. (Da das zu gleichgültig klang, zerknirschter:) Ich weiß.

Der Vater aus dem Hintergrund: Und was sie, bitte sehr, nun zu tun gedenke?

…

Therese?

Ich weiß nicht, erst mal einen Job suchen …?

Einen Job will sie sich suchen, gab die Mutter in den Hintergrund weiter.

Einen Job?! Einen Job will sie sich suchen! Am Fließband arbeiten oder was? Zeitungen austragen? Studieren soll sie wie jeder andere in ihrem Alter auch! Sie hörte ihn schnaufen. An diesem Punkt platzt eben auch (Eigenbeschreibung:) liberalen Leuten wie Thereses Eltern mal der Kragen.

Am Telefon folgte Geheule, Vorwürfe, dann die Mutter: Sie solle die Zeit bis zum nächsten Studium wenigstens sinnvoll nutzen.

Vielleicht ein Sprachkurs? schlug Therese halbherzig vor. Damit kann man nie etwas falsch machen. Russisch. Wie wäre es mit Russisch. Über 200 Millionen Menschen sprechen Russisch. Na, das ist doch was. Und am Ende des Telefonats: Wir sind immer für dich da, das weißt du doch?

In einer Geschwindigkeit durch die Landschaft eilen, die den Luftzug den Hals kühlen lässt, und versuchen, die heißen Füße zu vergessen, die kaum noch Platz finden in den Turnschuhen. Vorbei an einer losen Ansammlung von Bäumen und Büschen, vereinzelten Feigenkakteen. Eine Holzkirche, die nur aus Dach besteht. Die Zunge pappt am Gaumen, außerdem hat Therese schon wieder Hunger. Weiter als bis zur nächsten Ecke wird sie nicht gehen.

Dort oben, hinter der Kurve, wo sich der Weg endgültig vom Dorf hinauf in die Landschaft krümmt, taucht die Brücke auf. Eine Eisenbahnbrücke, haushoch über dem Weg gelegen. Nur ein Gerüst, viel Eisen, wenig Holz, schnörkellos. Falls sie je eine Begrenzung hatte, und sei es ein schmales Geländer, hat man sie sorgfältig und rückstandslos entfernt. Kein Zeichen, dass hier jemals ein Mensch seinen Fuß auf die andere Seite setzen sollte. Vor der Böschung sucht Therese nach einer halbwegs zivilisierten Aufstiegsmöglichkeit, einer Treppe oder Rampe. Vergeblich. Die Böschung ist steil und staubig. Lose Steine, ärmliche Sträucher. Die dürren Wurzelenden haben den Schutz des Erdbodens aufgegeben und suchen die Umgebung nach etwas Feuchtigkeit ab. Da ist aber nichts. Trockener Boden, trockene Luft und irgendwo dazwischen sie selbst: eine nunmehr in der unteren Körperhälfte grau gekleidete Person, die sich am Steilhang abmüht. Sie richtet sich auf, klopft sich den Staub von den Oberschenkeln, aber es wird nicht besser. Nun läuft ihr der Schweiß. Durch die Schneise, die sie getrampelt hat, rieseln Steinlawinen die Böschung hinab, immer wieder rutscht sie ein Stück abwärts, zerkratzt sich die Beine und die Unterarme – ist das Dornengestrüpp oder was –, sie hustet, dazu dieser Müll wie an allen Böschungen der Welt, zerfetzte Plastiktüten, PET-Flaschen und vor allem: der Hunger, die Hitze, diese verdammten Turnschuhe ohne Profil, das ganze Elend, schau an, es braucht gar nicht den Berliner Straßenverkehr, um solche Gefühle zu erzeugen, keinen, der die Autotür vor dir aufreißt und dem du die freche Fresse polieren willst – ich bin bereit mich zu schlagen bis aufs Blut –, wie kann ein einzelner Mensch nur so müde sein, ihr Magen knurrt, sie fühlt sich schwach, der Staub, die Eltern, dieses Dorf, und dann steht Therese doch, trotz allem, oben auf dem schmalen Bahndamm. Na bitte. Mit dem ersten Schritt aus der Böschung heraus ist sie schon auf den von trockenem Gestrüpp überwucherten Schienen. Lenka steht ein paar Schritte weiter an der Brückeneinfassung. Da bist du ja, sagt sie.

Mann, wo warst du denn?

Ich? Ich war hier.

Ja, toll. Wäre echt sehr freundlich, wenn du …

Therese, schau –

Auf der blanken Eisenbahnschiene balanciert jemand. Langsam einen Fuß vor den anderen. Die Brücke unter den Turnschuhen des Mädchens erstreckt sich beinah zweidimensional. Holzbohlen im Abstand eines großen Schritts, darüber die eingleisigen Schienen und zwischen ihnen Fenster in die Tiefe, die den Blick freigeben durch das verschränkte Brückengerüst, rostrot lackiert, bis in Fluss und Felsen. Jetzt kippelt sie an der Kante einer Holzbohle. Sie hält sich an den Gurten ihres Rucksacks fest und starrt in den Abgrund. Ein unbeeindruckter, schlaffer Teenagerkörper im Profil.

Sie bemerken sich beinah gleichzeitig. Sich beobachtet fühlen oder die Anwesenheit anderer Menschen spüren. Intuition womöglich. Jedenfalls blickt das Mädchen in dieser Sekunde auf aus seiner Versunkenheit, sieht Lenka und Therese am Brückenende stehen, schmeißt ihren Rucksack auf die Mittelbohlen, macht einen großen, schnellen Schritt auf die Außenstrebe, einen Sprung eher, und rennt los, in weiten Schritten, links und rechts der freie Fall, das Wasser unten knöcheltief, rennt gleichzeitig ungestüm und gelangweilt: Wenn mich eines ungerührt lässt, dann ist es die Welt.

Oben der Himmel, unten der Fluss, dazwischen die Brücke. Im Hintergrund der Berg mit seiner verbrannten Flanke und über die Außenstrebe der Brücke rennt eine. So fängt es an. Wobei: Im Grunde fängt es natürlich viel früher an, aber wer will entscheiden, wann? Mit dem Entschluss, diese Reise zu tun, oder dem Zusammentreffen zweier Fremder am Finnischen Meerbusen auf russischer Seite, am anderen Ende der Welt? Das ist Monate her.

Jelena, hatte Lenka dort auf der Bank am Kai gesagt, oder Lenka. Und Therese sehr förmlich die kalte Hand gereicht.

Therese, hatte Therese geantwortet. Bei uns gab’s keine Spitznamen.

Viel früher oder später. Mit einer Hoffnung fing es an, einer Sehnsucht, einem Verrat oder einer Verzweiflung. Vielleicht auch einfach, weil sie Lenka gut fand und nichts anderes zu tun hatte, und schon ist sie unversehens in der kargen Landschaft vor einem Dorf gelandet, umgeben von trockenen Büschen und lockerem Geröll, steht da neben Lenka an einer Brückeneinfassung und beobachtet mit ihr diese arme Irre, die über die Außenstrebe rennt. Kurz bevor die Kleine das Ende der Brücke erreicht, bremst sie ab, dreht sich um, rennt nun in die andere Richtung. Rennt, als gäb’s kein Morgen.

Therese schluckt dünnflüssige Spucke, die immer wieder nachläuft. Was macht man in einer solchen Situation? Ein Gespräch vorgeben. Sich demonstrativ Lenka zuwenden. Höchstens beiläufige Blicke werfen. Mit ihrer Aufmerksamkeit wird sie die Kleine jedenfalls nicht in den Tod treiben. Ein falscher Blick von ihnen und sie würde nach links ins Freie stürzen. Oder rechts durch die Holzbohlen kippen und immer wieder am Brückengerüst hängen bleiben. So oder so ein kurzer Fall und keine Zeit zu bereuen, nicht einmal schreien würde sie, ein vages Erstaunen nur, dass es geklappt hat. So leicht geht das also. Keine Tage und Wochen des Bangens, kein Strom, der sie forttreiben könnte, keine Arme, die erstaunlich akkurat von einer Schiffsschraube kurz unterhalb der Schulter abgetrennt würden und schon Wochen vor dem restlichen Körper auftauchten. Eine beinah saubere Sache, wären da nicht der zertrümmerte Schädel und die verrenkten Gliedmaßen. Da brauchen sie auch nicht mehr nach einem Arzt rennen. Später dann vor der frisch aufgeworfenen Erde ein paar Tränen. Oder nein: viele Tränen. So jung war sie. Wem wollte sie denn etwas beweisen, warum haben wir die Signale nicht gedeutet usw.? Dahinter der glatte schwarze Stein mit ihrem Namen. Daran, würde die Familie sagen, werden wir uns nie gewöhnen.

Auf der Brücke.

Schwarz und glatt ist es unter ihr, dazwischen vereinzelte Eisschollen, der Fluss ist noch nicht vollständig aufgetaut. Alles begrenzt von ein paar Funzeln an der Promenade links, kein Mensch zu sehen, erst recht nicht rechts, zerlaufene Dunkelheit Richtung Farbwerke. Nichts Aufgewühltes, nichts stumpf Graues oder Braunes, auch nicht das tiefe Grün mancher Frühlingstage. Zwischen dem Eis schwarz nur und endgültig.

Lenchen war aus dem Taxi gestiegen und bis zur Haustür gegangen, hatte in der Handtasche gekramt nach einem Schlüssel, den sie längst gefunden hatte, als das Taxi endlich losfuhr. Sie wartete noch einen Moment, aber wessen Verdacht sollte sie erregen, und ging dann Richtung Ufer. Sie musste nach dem Betriebsfest nicht einmal mehr hoch in die Wohnung, alles bei sich, auch den Fuchs, leichtes Gepäck. Im Main ist viel Platz. Wenn ich wüsst, ich würd heut sterben, würd ich meinen besten Pelz tragen. Es ist ihr einziger. Füchse zusammengenäht zu einem Überfuchs. Der Fuchs für besondere Anlässe. Über die Weihnachtsfeiertage ein paar Mal getragen, zum Gottesdienst und am Silvesterabend auf dem Balkon. Auch da schon Winter, der gerade erst begonnen hatte und nicht enden wollte. Der Fuchs für heute Nacht gleich doppelt passend.

Beim Schwimmenlernen wäre sie beinah ertrunken, anderer Ort, anderer Fluss, schon kurz vor der Mündung. Ganz ohne Fuchs, nur eine geringelte Badehose auf dem Kinderleib. Vom Balken gerutscht, der unter der Wasseroberfläche im Grund verschraubt war und auf dem sie hintereinander in kurzem Abstand gehen sollten, was kaum möglich war bei der Strömung, und oben die Bewegung üben, die Ärmchen ausstrecken wie ein Frosch, zur Seite schaufeln wie ein Maulwurf, kräftig zur Seite, während in der Flussmitte die langen, flachen Frachtkähne vorbeizogen, die Hügel von Kohle auf dem Rücken. Vom Balken gerutscht, aus der Mitte der anderen heraus und schnell abgetrieben, an der Kaimauer entlang. Irgendwer war auf der Uferpromenade nebenhergelaufen und am nächsten Einstieg die paar Stufen hinuntergesprungen, hatte sie herausgezogen und gleich wieder auf den Balken gestellt. Am Ende des Schuljahres konnten alle Mädchen der Klasse schwimmen, aber wenn es darauf ankommt, wenn man es wirklich will, lässt sich das vergessen. Fast alle, die es wollten, haben es damals geschafft. Der einzige Weg ins Freie, der offensteht.

Im Main ist viel Platz. Es ist kalt hier oben trotz der Füchse und Lenchen sieht keinen Menschen. Aber eine kommt doch vorbei, auch sie im Pelz, täuschend echt. Die Beine hat sie sich in den Bauch gestanden den Tag über auf der Straße, der Frühling ist fern, das Geschäft läuft schlecht, endlich ist sie auf dem Weg ins Warme, als sie am Brückengeländer diese junge Frau stehen sieht. Lenchen mit dem Dom im Rücken, den Blick ins Wasser. Mach dich nicht unglücklich, Mädchen, sagt sie im Vorübergehen zu der Kleinen und später: Wer stand nicht schon einmal nachts auf einer Brücke und brauchte nur ein Wort des Trosts? Aber die Kälte in den Knochen, der Heimweg noch lang. Den Aufprall habe sie erst gehört, als sie schon fast an der Promenade angekommen sei. Sie sei zurückgelaufen zur Brüstung, nichts zu sehen erst, aber ein Rufen von links und dort auch zwei dunkle Gestalten. Zwei zufällige Spaziergänger und einander unbekannt, heißt es in der Zeitungsnotiz. Nur: Wer geht denn zufällig nachts dort unten spazieren? Sie habe die Herren rufen gehört oder einen der beiden, habe von oben gesehen, wie der andere zu einem der Rettungsringe gelaufen sei, die dort am Ufergeländer hängen alle paar Meter. Er habe ausgeholt und etwas gerufen, dem Mädchen etwas zugerufen, als er den Ring ins Dunkel schleuderte, ein zweites Platschen sei zu hören gewesen vom Brückengeländer aus, und da habe sie auch die Kleine im Wasser gesehen, ein noch dunklerer Fleck als der Rest, der nasse Fuchs nur zu erahnen. Dann noch ein Ruf von links in die Nacht – die schwimmt ja! habe der eine gerufen und noch einmal, diesmal hoch zu ihr auf die Brücke, als hätte er da oben eine gültige Zeugin gesucht: Die schwimmt ja!

Und Lenchen schwimmt. Weg vom Ring.

Glück haben.

Es ist nicht zu sagen, warum die Kleine ausgerechnet an dieser Stelle stolpert. Gerade schien sie langsamer zu werden. Aber dann knickt ihr Fuß weg, als hätte er auf einen Schlag alle Sehnen verloren, ihr Oberkörper ruckt nach vorne, sie geht in die Knie, schwankt diesen Moment in der Luft, gibt einen Laut von sich, keinen Schrei, eher so ein Seufzen, fällt auf die Unterarme. Ihre Finger, die sich sofort um den Eisenträger krallen. Sie hängt mit Hintern und Beinen über dem Abgrund, tritt mit dem Turnschuh ins Leere, etwas rutscht aus ihrer Hosentasche und klatscht unten ins flache Wasser, sie zieht sich – wie: irgendwie – zurück auf die Außenstrebe und bleibt als verkrampftes Paket dort sitzen. Das Entsetzen in ihrem Kindergesicht. Neben Therese winselt es.

Der riesige schwarze Hund steht plötzlich neben ihnen. Mager ist er. Direkt hinter ihm ein Typ im fleckigen karierten Hemd. Kssssch, El Flaco, sagt der Typ. Er fixiert das Mädchen auf der Brücke und zieht an seiner Zigarette. Ksssch. Aber der riesige schwarze Hund jault weiter.

La conoces, kennst du die? Therese nickt zu dem Mädchen auf der Brücke. Statt einer Antwort schnalzt der Typ nur einmal mit der Zunge hinter den Schneidezähnen und ruckt mit dem Kopf. Er schaut weiter zur Brücke. Die Kleine rutscht langsam über die Holzbohlen auf sie zu. Sie hat sich ihren Rucksack geangelt und bewegt sich in winzigen Etappen vorwärts. Wenn sie eine Hand löst, um die nächste Bohle zu greifen, zittert der Arm bis zum Schulterblatt, ein ausuferndes Schlenkern an dem sonst verkrampften Körper. Das alles in konturlosem Mittagslicht am Ende der Welt, weit hinten der Azarcumbre mit seinem rotbraunen Mal auf der Flanke. Vor ein paar Wochen, hatte der Junge aus dem Hostel erzählt, ist hier erst ein Gleitschirmflieger abgestürzt, dann der Rettungshubschrauber. Die Menschen sind alle davongekommen, aber der spärliche Wald am Azarcumbre und seine Tiere haben Feuer gefangen. Drei Tage haben die Flammen über dem Ort gelodert, am Berg, wo sonst die Ufos landen. Und auch sie und Lenka verbrennen sich die Nacken und die Oberarme. Trügerische Schleierwolken und ein leichter Luftzug.

Die Kleine hat sich an Land gerettet. Hat die Hand, die ihr für die letzten Meter entgegengestreckt wird, übersehen. Kaum zurück auf festem Boden, scheint sie schon wieder unbeeindruckt von allem. Was gibt’s da zu glotzen? Sie blickt sehr uninteressiert. Pfefferbäume, blasser Himmel, sieh an. Und dann schlendert sie davon. Ohne ein weiteres Wort, auch ohne Blick, in die Richtung, aus der Lenka und Therese gekommen sind.

Cigarillo?

Der Typ lässt sich auf dem Boden nieder und dreht sich eine. Sie setzen sich zu ihm. Vielleicht passiert derlei hier jeden Tag. Kann alles sein. Vielleicht gibt es Scharen Fallsüchtiger zu beklagen, die sich an dieser Stelle Woche für Woche die Glieder brechen. Irgendeiner dreht immer durch. Warum traut man das diesem Ort ohne Weiteres zu? Aber der Typ beruhigt. Nur im letzten Jahr ist mal eine hinuntergefallen, sagt er, und die hatte Glück. Den Arm hat sie sich gebrochen, mehr nicht. Ein überhängender Baum an der Böschung hat den Sturz abgebremst. Lucky girl. Otherwise, sagt er: Tomato. Er grinst.

Sie bleiben noch eine Weile sitzen und an dieser Stelle entfaltet sich eine gewisse Erschöpfung über den Tag. Selbst Lenka scheint in diesem Moment genug zu haben. Sie hat ihre dünnen Beine, die Füße in den Ledersandalen, dicht an den Oberkörper gezogen und blickt auf ihre Zehen, die Arme seltsam in sich verschränkt. Immerhin etwas Verbindendes hat es doch, die Erinnerung, die gerade einmal ein paar Minuten alt ist, und der gemeinsame Schreck in unterschiedlichen Gliedern. Sitzen bleiben. Erst einmal nicht sprechen, nur immer mal mit den Lippen ein Geräusch der Erleichterung machen, oder ist es Fassungslosigkeit? Wortlos Tabak reichen, wortlos Tabak entgegennehmen, zum Dank nicken. Sich nach ein paar weiteren Geräuschen einander vorstellen. Therese, Lenka, Fabián, das da ist El Flaco, der Dünne. Nebeneinandersitzen, als würde man sich schon lange kennen. Der riesige schwarze Hund döst im Schatten der Brückeneinfassung.

Wie lange sitzen sie dort, als Fabián fragt, was sie hier eigentlich suchen. Urlaub? Oder warum seid ihr hier? Von außen müssen sie und Lenka wie eine ungleiche Reisegruppe wirken. Die Kleidung, der große Altersunterschied. Fabián selbst ist garantiert aus dem Dorf, wie er da sitzt in seinem schmuddeligen karierten Hemd, mit den kleinen Händen und den linienlosen Lippen. Blickt sich um, als wäre es sein Wohnzimmer, aber nicht unsympathisch.

Warum seid ihr hier, fragt er und weil Lenka wieder einmal nichts sagt, nicht einmal den Ansatz einer Reaktion erkennen lässt, antwortet Therese wahrheitsgemäß: because of the aliens.

Claro, murmelt er, warum auch sonst. Im Übrigen hat er selbst schon ein Ufo gesehen, wenn auch nur ein einziges Mal. Als Kind abends neben seiner Großmutter auf dem Heimweg.

Und wo?

Wo? Na hier. Er nickt Richtung Azarcumbre. Am Berg. Sie sind immer am Berg.

Man will nicht wissen, wie vielen Touristinnen er diese Story schon erzählt hat. Seine Großmutter Ana, sagt er, habe locker schon zwei Handvoll gesichtet über die Jahre und die Beweise fein säuberlich in ein Album sortiert. Thereses mitleidigen Blick übersieht er. Ana sagt immer, nur Liebende können sehen, und Kundige. Vielleicht habt ihr ja Glück.

Er streicht über El Flacos Fell, das an der Wirbelsäule beidseitig zu einem kurzen, struppigen Irokesenstreifen zusammenschlägt, fährt die Linie mit dem Zeigefinger nach, vom Nacken bis zum Schwanzansatz, jetzt vorsichtig gegen den Strich. Staubwölkchen, die sich auf schwarzes Hundefell legen. Ihr solltet sie in jedem Fall kennenlernen.

Ankommen.

Allein der Ort. Lenka hatte ihn anders beschrieben, aber wie eigentlich? Oder Therese hatte eine andere Vorstellung. So jedenfalls nicht. Eine Gemeinde aus wenigen Hundert Einwohnern, zusammengehalten vom ständigen Wind, der über die Hochebene jault, und den weit in die Vergangenheit zurückreichenden Erfahrungen, in steter Unregelmäßigkeit von fremden Zivilisationen heimgesucht zu werden. Kurz nachdem sie sich kennengelernt hatten, hatte Lenka zum ersten Mal von dem Dorf erzählt. Und Therese, die zu dem Zeitpunkt noch damit beschäftigt gewesen war, sich einen Reim auf die fremde Frau zu machen, die ihr da unvermittelt von der Suche nach technologischen Zivilisationen in der Galaxis berichtete, nahm Lenkas Erzählung von diesem Ort in Südamerika auf, wie man derlei eben aufnimmt, wenn man sich kaum kennt und eine gute Kinderstube genossen hat: höflich und interessiert. Vielleicht hätte sie gezielter nachgefragt, wenn sie gewusst hätte, dass sie am Ende mitreisen würde.

Das Dorf liegt in der sanften Talsenke einer Hochebene irgendwo zwischen Anden und Río de la Plata, umgeben von sandbraunen Hügeln, nur der zerklüftete Azarcumbre ist deutlich höher. Abends wirft er seinen Schatten über das Dorf. Die kleine Einkaufsstraße ist überdacht und genau genommen, das hatte Therese Lenka vorgelesen, während sie auf den Zug gewartet hatten, genau genommen ist es die einzige überdachte Einkaufsstraße des Landes. Ein Jubiläum hat sie dem Ort vor Jahrzehnten beschert, jetzt schützt dieses von innen verkleidete Ungetüm auf Stelzen die Touristen vor den Unannehmlichkeiten der Witterung. Wobei von denen um diese Jahreszeit nicht viele übrig geblieben sind.

Die überdachte Einkaufsstraße beginnt wenige Schritte hinter dem Busbahnhof. Neben der schweigenden Lenka kreuzte Therese am ersten Tag ihres Aufenthalts durch den Ort. Heruntergekommene Ladenlokale, Cafés. Gehwege, nur durch ein paar Zentimeter vom Straßenniveau getrennt. Alles aus festgetretener Erde, über die der Staub weht. Sie versuchte es mehrmals, sagte: Schau mal da, hast du das gesehen, weißt du, was echt witzig ist? Erzählte von ihrer Anreise. Der Bingopartie im Reisebus, einer Landschaft voller Rinder im Sonnenuntergang. Wenn dann immer noch nichts kommt, hält man irgendwann den Mund, kein Problem. Aber wundern darf man sich schon. Dabei erkannte sie vieles von ihren paar gemeinsamen Tagen in Russland wieder. Das Schweigen. Dieses mickrige Essverhalten. Die krummen Zigaretten. War doch klar, dass das nicht plötzlich weg ist. Menschen ändern sich nicht.

Im Hinterland des Dorflebens stehen niedrige helle Häuser mit gepflegten Vorgärten und zwischen den niedrigen Häusern ebenso niedrige Bäume. An den Strommasten hoch über den Gartenzäunen knäulen sich die Leitungen. An beinah jeder Straßenecke weist ein Schild den Weg zum Busbahnhof. Als wollten hier alle schnellstmöglich weg. Dazwischen: Katzen, viele Hunde. Die einen rund um die Blumenkästen auf der Promenade, auf den Motorhauben und Fensterbänken dösend. Die anderen zwischen den Plastikstühlen und in Gruppen vor der Bankfiliale oder auf dem Vorplatz des Busbahnhofs. Alle haben ihren Platz. Hier im Dorf werden die Katzen nicht ertränkt, nicht mit noch blinden Augen an die Stallwand geschleudert. Wer hier im Fluss spielt, dem treibt es keine winzigen gefleckten Körper mit aufgeblähten Bäuchen zwischen die nackten Beine. Dem klebt keine hauchdünne Nabelschnur an Schienbein oder Wade, wie damals im Österreichurlaub. So ist die Welt, hatte Thereses Mutter von der Restaurantterrasse aus zu ihrer im Bach stehenden Tochter gesagt, während Therese den kleinen Körper auf und nieder wippen sah im flachen Wasser, auf seinem Weg stromabwärts an die Wackersteine trudelnd.

Aber hier im Dorf haben sie alle ihren Platz. Den Hunden begegnet man meist in mehr oder weniger großen Horden. In der Mittagszeit wird es ihnen offenbar zu warm, dann verziehen sie sich in den Schatten hinter den Zäunen. Einer öffnet mit einem gezielten Sprung auf die Türklinke eine Gartenpforte. An dieser Stelle sagte Lenka nun doch etwas. In ihrer Kindheit in Moskau seien die Straßenhunde mit der U-Bahn von den Außenbezirken in die Innenstadt gefahren. Morgens hin, dort den Tag verbracht, bisschen durch die Straßen streunen oder was man halt so tut, und dann abends wieder zurück. Selbst Feiertage haben sie beachtet, sagte sie.

Ja klar.

Ich schwöre dir, genau so war es. Sie lächelte. Und abends hatten sie erschöpfte Blicke wie alle Pendler.

Auch als Therese und Lenka von der Brücke zurück ins Dorf kommen und sich auf den Stufen vor dem Gemeindesaal niederlassen, werden sie gleich von einem hechelnden Rudel umringt. Manche werden von den Dorfbewohnern im Vorbeigehen begrüßt. Hola Chaco, und Chaco wedelt beiläufig. Therese nutzt das freie WLAN des Gemeindesaals und schickt den blassen Azarcumbre, dann ein Bild der Pfefferbäume in den Familienchat. Fast augenblicklich kommt ein Schneemannhäufchen von der elterlichen Terrasse als Antwort. Wie nett, dass du dich auch mal wieder meldest.

Chaco legt sein Kinn auf die unterste Stufe und lässt sich von Therese die Stirn kraulen. Hinter den rastenden Hundekörpern erstreckt sich ein asphaltiertes Niemandsland mit Abfalleimern, dahinter beginnt die Promenade. In den Geschäften bleichen die Auslagen aus, einäugige Teddybären, Ufo-Mützen, der blasse Alien-Aufdruck auf der Limonade ist kaum noch zu erkennen. Eingestaubte Lampions schwingen sacht im Latinopop der Pizzeria am Eingang der Einkaufsstraße. Schummerlicht. Ein Kellner versucht, die wenigen verbliebenen Touristen mit einer riesigen Speisekarte in die Plastiksitzgruppe unter dem Strohdach zu drängen, ein paar Mal hat er Glück. Vor den Lokalen stehen Ladenbesitzer und unterhalten sich. Einer rückt einen Plakataufsteller zurecht, der Nachtwanderungen zum Azarcumbre bewirbt. Er schaut dabei in ihre Richtung. Eine Weile sitzen sie, ohne etwas zu sagen, dann schreckt Chaco zu ihren Füßen hoch. Er stellt die Ohren auf. Aber es ist nur Nieselregen. Chaco drückt den Rücken durch. Eben war es doch noch hell. Er trottet Richtung Promenadenüberdachung und hinterlässt auf dem feuchten Asphalt einen hellen Fleck.

Therese dreht sich noch einmal um zum Azarcumbre. Ein Schatten hängt über dem Berg, die verbrannte Flanke erscheint noch dunkler. Therese hat immer noch Hunger. Dieses Dorf, sagt sie. Ich weiß ja nicht.

Lenka steht auf und streckt sich. Ich weiß es auch nicht. Aber von allen Orten erscheint mir der hier am wahrscheinlichsten.

Russland, vorher.

Lenka hatte den Tipp, dass es hier etwas zu holen geben könnte, von einem Historiker in Sibirien, und der hatte irgendwo mal was darüber gelesen. So erzählte sie es zumindest Therese. Ein Abstecher von knapp viertausend Kilometern brachte sie von ihrer Konferenz in St. Petersburg in das Naturkundemuseum von Krasnojarsk und als sie dort mit dem Historiker vor der Vitrine mit den Meteoritenresten stand, zog er einige der beschrifteten Holzschubladen unter dem Glaskasten heraus, legte Lenka einen pflaumengroßen Meteoritensplitter auf die Handfläche und erzählte ihr von jenem Ort in Südamerika, den er für aussichtsreicher hielt als diese Gefilde. Vermutlich erschien ihm alles aussichtsreicher als die sibirische Tundra.

Lecken Sie mal dran. Er deutete auf den Meteoritensplitter. Sie zögerte nicht einmal. Nicht nur mit der Zungenspitze, sondern einmal ordentlich von einem Ende bis zum anderen. Ein metallischer Geschmack, vertraut auf eine Weise, etwas aus der Kindheit vielleicht, und gleichzeitig sehr fremd, aber auch an irdischen Steinen leckt man selten. Später knirschte es zwischen den Zähnen.

Alles lang her, sagte der Historiker und betrachtete die Meteoritenbrocken in der Vitrine, als hätten sie etwas mit Lenkas Anliegen zu tun. Alles lang her und auch in den Archiven ist nur das Bemühen dokumentiert, kein Kontakt. Es sei nicht einmal mehr zu sagen, wer ursprünglich die Idee gehabt habe, die Intelligenz außerirdischer Zivilisationen an einem Fundamentalsatz der euklidischen Geometrie festmachen zu wollen oder als wesentliches Merkmal der Menschen und als Botschaft fürs All ausgerechnet den Satz des Pythagoras mit Abertausenden von Steckrüben auf die Erde zu pflanzen. Hier sind wir, sollte das heißen. Hier sind wir und wir sind intelligent. Aquadratplusbequadratgleichcequadrat in strahlendem Steckrübengelb. Und zugegeben, sagte der Historiker, die Idee war ja nicht schlecht. Nur, wo macht man das, in der Größe? Er wartete einen Moment, dann breitete er die Arme aus, vollführte eine Vierteldrehung mit dem Oberkörper und zurück: Voilà, sagte er mit russischem Akzent. Jemand sei von einer Forschungsreise zurückgekommen, die einen völlig anderen Gegenstand gehabt habe, sei über den Ural zurück nach Europa gereist, habe zufällig von der Suche nach einem geeigneten Ort für eine kosmische Botschaft gehört und feierlich gesagt: Freunde: Sibirien. Mutmaßlich erstaunte Mienen. Später habe der Reisende aufgeklärt: Riesige Flächen habe er dort drüben gesehen. Karge Landschaft. Wie lange haben die Extraterrestler auf farblose Tundra geblickt aus ihren fremden Welten. Da fällt es auf, wenn es plötzlich blütengelb in den Himmel leuchtet. Gut, man muss eingestehen, dass es wirklich sehr groß sein müsste, um aus solch einer Entfernung noch sichtbar zu sein. Gigantisch geradezu. Allein die Menge an Steckrübenpflanzen, man stelle sich das vor. Was kostet das. Wer beaufsichtigt das. Und am Ende, sagte der Historiker, sind die ganzen schönen Überlegungen in Vergessenheit geraten, aber wer will es ihnen verübeln? Es gibt auf der Welt wahrlich andere Probleme, als Kontakt mit dem kosmischen Nachbarn aufzunehmen, oder nicht?

Kurz darauf war Lenka zurück nach St. Petersburg geflogen, um auf der Konferenz ihren Vortrag zu halten, und kaum einen Tag später hatte sie auf der Bank am Finnischen Meerbusen auf russischer Seite gesessen. Therese drehte sich um, und da war sie. Sie rauchten eine Zigarette, und Lenka erzählte von ihrer Suche. Von der Frage, ob die Erde selten sei und intelligentes Leben ein rares Phänomen im Universum. Von den Außerirdischen und von diesem Ort. Kurz schien so etwas wie ein Ausweg auf: Man erzählt dir am westlichen Ende Russlands von der Suche nach einer anderen Welt und für ein paar gemeinsame Tage rücken Berlin und der Rest in wohltuende Ferne. Doch kaum zurück in Deutschland, war alles wieder da. Bis Therese Lenka Monate später an einem Busbahnhof in Argentinien wiedertreffen würde, zogen sich die Dinge zunächst zäh und schmerzlich in die Länge. Die Großmutter musste beerdigt werden und Therese versuchte, mit allerlei praktischer Unterstützung behilflich zu sein. Sie schrieb Adressen auf Behördenbriefe und klebte Briefmarken auf Umschläge. Sie klickte sich durch Vorlesungsverzeichnisse, schrieb sich für das zulassungsfreie Fach Verkehrswesen ein, um das günstige Zimmer im Wohnheim behalten zu können, und verbrachte die Tage in Embryonalstellung auf dem Bett. Eine ganze Weile hörten Lenka und sie nichts voneinander, dann schrieb Therese: Ich komme mit. Den Eltern sagte sie erst Bescheid, als sie die Bordkarte ausgedruckt hatte.

Südamerika? fragte die Mutter ungläubig.

Edel geht die Welt zugrunde, meinte der Vater zu den Reiseplänen seiner Tochter, mehr aber nicht.

Die Mutter: Du kennst diese Lenka doch kaum!

Damit hatte sie im Grunde recht. Aber bitte schön, sagte die Mutter, wenn du meinst, das Geld von der Oma auf diese Weise durchbringen zu müssen, tu, was du nicht lassen kannst.

Nach einer kurzen Pause dann aber doch: Und woher kennst du sie? Aus dem Sprachkurs?

Ja. Das heißt: so ähnlich. Ja.

So ähnlich?

Ich hab mich dort mal mit ihr unterhalten. Sie ist Muttersprachlerin. Also Russisch.

Du hast russisch mit ihr gesprochen?

Nein, natürlich nicht. Es war ein Drei-Wochen-Kurs für Anfängerinnen. A1. Da unterhält man sich nicht. Konversation kommt viel später. Deutsch. Sie kann Deutsch.

Und woher kennst du sie, wenn nicht aus dem Sprachkurs?

Das war bei so einem … also, eigentlich war es Zufall.

Zufall, Vorsehung, Wink des Himmels, man kann es nennen, wie man will. Irgendetwas davon brachte Therese in die St. Petersburger Peripherie, an den Finnischen Meerbusen auf russischer Seite, just in dem Moment, als auch Lenka dort auftauchte. Und eines kam zum anderen.

Es geht damit los, dass man eine Reise unternimmt, etwa um einen Sprachkurs in St. Petersburg zu absolvieren, etwa um den Zudringlichkeiten zu Hause zu entkommen und gleichzeitig die freie Zeit sinnvoll zu überbrücken, bis – tja, Mutter, bis was eigentlich? Jedenfalls nicht herumhängen. Therese sitzt vier Stunden vormittags in der Sprachschule, durchbrochen nur von einer viertelstündigen Kaffeepause, sagt: Здравствуйте меня зовут Терезе я из Германии изучаю то и это, was offenbar bedeutet: Hallo ich heiße Therese ich komme aus Deutschland ich studiere dies und das, kann allerdings, da Vergangenheitsformen erst später behandelt werden, in der fremden Sprache nicht formulieren, dass sie im Grunde nicht studiert, vielmehr studiert hat, erst das eine angefangen, dann das andere und dazwischen eine Ausbildung begonnen, kann nicht sagen, dass sie alles abgebrochen hat und nicht weiß, wohin mit sich, lernt also zunächst einfache Präsenskonstruktionen und Redewendungen des Alltags, erfährt von sechs grammatischen Fällen und der Kategorie der Belebtheit, die man irgendwann erreichen wird, wenn man es ernst meint mit der Sprache, aber meint sie es tatsächlich ernst, war die Sprache nicht der geringste Grund, warum Therese aufgebrochen ist? Sie trudelt also auch hier vor sich hin und stromert nachmittagelang durch die fremde Stadt. Über die Prospekts, die sogenannten Prachtstraßen. Wie soll es weitergehen? Das hier kann wohl kaum die Lösung sein. An pastellenen Häusern und beinamputierten Soldaten am Straßenrand vorbei, durch die Betonsiedlungen an den Rändern und irgendwann, es ist ihr Geburtstag, auch über die Stadtgrenzen hinaus ans Wasser.

An einer russischen Bar.

Die letzten Stunden ihres alten Lebensjahres, die ersten des neuen hatte Therese auf einem Barhocker an der Theke des einzigen Gayclubs von St. Petersburg verbracht, den sie ohne nennenswerte Russischkenntnisse ausfindig machen konnte. Zwei Jungs aus ihrem Sprachkurs, die beide Felix hießen, ein Blonder und ein langer Schmaler, so ein Argloser, ließen sich sofort von der Idee erwärmen, gerade dort in Thereses Geburtstag hineinzufeiern. Man kannte sich kaum, aber Sympathien waren da, noch dazu im fremden Land. Zunächst standen sie allerdings bei strömendem Regen zwischen geparkten Autos in einem Wohnviertel und waren beinah so weit, die ganze Sache abzublasen, denn wo sollte hier, in dieser fabelhaft bruchfreien Stille, auch ein Club sein? Aber dann öffnete sich neben ihnen die Tür eines Wohnhauses, in der dahinterliegenden Stahltür mit Sichtschlitz stand ein glatzköpfiger Türsteher mit Wikingerbart und scheuchte sie, dawai dawai, über ohrenbetäubendes Eurodancegewummer hinweg ins Innere. Schlug beide Türen hinter ihnen zu. Drinnen: sehr laut, taghell, leer. Die einzigen anderen beiden Gäste hinten in der Sofaecke wieder einmal nur Männer, aber in so einer Situation nimmt man, was man kriegen kann. Salzstangen, Nüsschen. An der Bar bestellten sie erst Bier, dann Wodka, während Thereses feuchte Jeans an den Oberschenkeln klebte und zu jucken begann. Nach der ersten Runde schob der Barmann ein Tellerchen mit Zitronenscheiben über den Tresen und zwei Salzstreuer: Let me show you. Die Tequilaabstürze aus der Oberstufe vergessen und sich den Gepflogenheiten des Gastgebers hingeben, und sei es mit ungewohnten Zutaten. Eine Mischung aus Zitronensaft, Spucke und Salzresten trocknete den Abend über wieder und wieder zwischen Daumen und Zeigefinger ein. Die Haut spannte. Irgendwann ließ der Barmann die Flasche vor ihnen auf der Theke stehen.

Die Stunden bis Mitternacht zogen sich dahin, der blonde Felix redete und redete. Trotz der Autoscooteratmosphäre ließ sich jede seiner Bewegungen und Gefühlsäußerungen deutlich hören. Alles, was er machte, machte er laut. Sich auf den Stuhl setzen, Wodka trinken, reden, atmen, alles war laut. Während er von allerlei Mundgeräuschen begleitet über die russische Sprache und das Wesen der Bevölkerung fachsimpelte, knackte er seine Finger an der Kante des Tresens, einen nach dem anderen. Dann war es kurz vor zwölf. Der Lange gab ihm ein Zeichen und fing an, in seinem Rucksack zu kramen.

Dreh dich mal weg, sagte er zu Therese, nicht gucken!

Hinten in der Sitzecke sah sie die beiden Einzelnen einander zunicken, zaghaft zuprosten, dann gleichzeitig einen Schluck nehmen, während in ihrem Rücken etwas auf dem Tresen drapiert wurde. Ein Feuerzeug war zu hören, dann der schiefe Klang von elektronischem Happy Birthday.

Jetzt! rief der lange Felix. Umdrehen! Herzlichen Glückwunsch, Therese!

Wow, was sagt man dazu. Das ist aber ein …, sagte Therese, ein schönes …

Eine Geburtstagsfontäne! rief der Blonde.

Eine Geburtstags… ja, wirklich. Auf der Theke stand ein pinkfarbenes Plastikgestell in der Form eines Wagenrads. In seiner Mitte flackerte eine weiß-rosa geringelte Kerze und fiel jetzt in sieben einzelne Kerzen auseinander. Sieben dünne brennende Kerzen, kaum dicker als ihre Dochte, bogen sich zum Rand des Wagenrads und entzündeten dort sieben weitere Kerzen. Heller Feuerschein. Die Wodkaflasche auf der Theke leuchtete. Absicht oder nicht, womöglich eine nicht vollständig bedachte Beschichtung des Plastikgestells, jedenfalls fing nun auch der äußere Ring der Konstruktion Feuer. Eine Stichflamme erleuchtete einmal den gesamten Kreis in tiefem Blau, dann schmolzen die in Blütenform gestalteten Einfassungen der Kerzen zusammen, warfen Blasen und fielen in zähen, dunklen Tropfen auf den spiegelnden Tresen. Grauschwarze Qualmwölkchen zogen über die Theke hinweg. Über allem der schneidende Ton des Geburtstagsständchens. Therese hustete.

Was soll ich … Soll ich pusten?

Der Blonde nickte begeistert. Therese pustete, aber es war nichts zu machen, sie fachte die Flammen nur umso mehr an, die ganze Konstruktion brannte nun lichterloh: eine Instant-Apokalypse.

Das gehört so, rief der blonde Felix. Genau! So!

Mittlerweile hatte das Feuer auf den Serviettenuntersetzer der Wodkaflasche übergegriffen. Jetzt pustete auch der blonde Felix. Wünsch dir was, rief er zwischen zwei Atemzügen, wünsch dir was! Aber ihr fiel nichts ein, was sollte sie sich auch wünschen. Dass es ein Ende hat?

Auftritt des Barkeepers, nun in Gummihandschuhen, russische Wörter hervorstoßend, mutmaßlich Entschuldigungen, denn Geburtstag hin oder her, das hier ging nun wirklich nicht. Er schnappte sich die schmelzende, qualmende, quäkende Geburtstagsfontäne und schmiss sie, unter lautem Fluchen, ins Waschbecken. Den angesengten Gummihandschuh hinterher. Mit einem Zischen versank beides im Spülschaum.

Nicht schlecht, sagte der blonde Felix, als es vorbei war. Und so was kann man hier einfach auf dem Markt kaufen.

Das war der aufregende Teil des Abends. Später, gerade als Therese überlegte, ob der lange Felix eine Option für die Nacht wäre, wurde er weinerlich, der kleine Blonde anhänglich. Mit tief hängenden Lidern sinnierte er über das Leben, die Liebe, Gott und die Welt, sagte er und patschte seine klebrige Hand auf Thereses Unterarm, die andere landete auf der Schulter des Langen. Dazu musste er sich strecken. Wodka! rief der Blonde in seiner Schieflage hängend über den Tresen. Therese zog ihren Arm weg. Mit einem Ziepen lösten sich seine Finger von den Unterarmhärchen. Sie half mit einem Ruck nach und brachte sich, schummerig wie ihr war, dabei selbst zum Schwanken. Vom Barhocker aus ließ sich der Fuß nicht auf den Boden stellen, also hielt sie sich am Tresen fest und versuchte, irgendwer hatte ihr das mal empfohlen, einen Punkt in der Ferne zu fixieren. Hier: eine mit langhaarigem pinkfarbenem Plüsch bezogene Wand. Dabei das nicht zu unterdrückende Gefühl, auf einer Schiffschaukel zu sitzen. Alle Gedärme hingen einen Moment in der Luft, dann sackten sie zurück. Therese schluckte Flüssigkeit. Schluckte noch einmal. Und dann: noch einmal. Als es sich nicht mehr vermeiden ließ, kletterte sie vom Barhocker und wankte zum Klo, schaffte es aber nur bis in den Vorraum mit den Pissoirs. Während sie Pelmeni hervorwürgte, versuchte sie, trotz der tränenden Augen das Fadenkreuz zu treffen, das in den Spritzschutz im Keramikbecken gedruckt war. Danach hatte sie den Eindruck, es ginge ihr besser. Sie machte sich auf den Weg zurück zur Bar und warf dabei einen Blick in den Darkroom, das schwarze Rechteck am Ende des Gangs. Ein einziger Typ stand dort in der Ecke mit nacktem, soweit es sich sehen ließ, magerem Oberkörper, der Gürtel hielt die Hose irgendwo über dem Nabel, unten warf sie Wellen. Er starrte auf den winzigen, flimmernden Bildschirm an der Wand, der für wahrscheinlich jeden Besucher des Darkrooms etwas zu niedrig hing. Kaum hörbares, blechernes Klatschen und Stöhnen. Der Typ machte einen Schritt auf den Bildschirm zu und krümmte den Rücken, um etwas erkennen zu können. Therese blieb einen Moment in der Tür stehen, leckte sich über den salzigen Handrücken. Dann ließ sie die beiden Felixe an der Bar zurück und machte sich auf den Weg zur Wohnung der Gastmutter. Schlangenlinien auf feuchtem Asphalt. Das war der Anfang des neuen Lebensjahres.

Am Finnischen Meerbusen auf russischer Seite.

Das Aufwachen dann auch ein Elend. Abgestanden und pelzig und irgendwie übel. Duschen. Sich abermals erbrechen. In der Welt zurechtkommen. Dann die Luftballons. Als sie aus dem Bad kommt, gerade hört sie hinter der Gastmutter noch die Wohnungstür ins Schloss fallen, ist der Teppichboden in dem Erkerzimmer voll davon. Поздравляю steht mit Filzstift auf einem länglichen Grünen. Sie buchstabiert sich das Wort vor: Alles Gute, herzlichen Glückwunsch, hoch sollst du leben, was soll es schon heißen. Sie schlägt es nicht nach. Zählt die Luftballons durch, dreiundzwanzig, und empfindet etwas. Womöglich ist es Rührung. Über die Gastmutter, kaum älter als sie selbst, die auf welchem Weg auch immer von ihrem Geburtstag erfahren hat und dreiundzwanzig Luftballons aufbläst, bevor sie aus dem Haus stöckelt.

Als Therese in die Küche kommt, schreien in der Wohnung oben wieder die Hunde. Pünktlich morgens und abends um neun. Sie weiß jetzt, dass sie zu spät ist. Vier Anrufe in Abwesenheit. Mutter. Zwei neue Nachrichten.

Eins: Hast du dein Handy aus? Lass uns nachher mal telefonieren. Du meldest dich, ja?

Zwei: Happy Birthday, Mäuschen!

Von der Großmutter nichts, aber damit war auch nicht zu rechnen. Sie schaltet das Handy aus. Auf der Anrichte steht der Topf mit Kascha, daneben die Teekanne, Kandis und zwei Scheiben Zitrone. Ihr wird wieder schlecht. Fett und Salz will ihr Körper, nur keine Zitrone und keine Milchprodukte jetzt. Sie nimmt sich etwas Weißbrot und verlässt das Haus. Pflichtbewusst meldet sie sich in der Sprachschule ab, von den Felixen keine Spur. Die Lehrerin gratuliert zum Geburtstag und zeigt Verständnis für einen Ausflug an diesem besonderen Tag. Экскурсия schreibt sie an die Tafel, eine kleine Lektion soll ihre Schülerin doch noch haben, und Therese liest vor: Ekskursiya.

Haroscho, sagt die Lehrerin, und gute Reise: счастлвого пут.

Das ist kaum zu schaffen in dem Zustand.

Schast-li-vo-go pu-tí.

Sie versucht es noch einmal, aber nichts zu machen. Nur noch ein Paka und dann los.

Wohin an so einem Tag? Der Name Finnischer Meerbusen gefiel. Als würde sie gleichzeitig noch ein anderes Land bereisen. In Russland hält sie so wenig wie an jedem anderen Ort. Zunächst findet sie jenen Finnischen Meerbusen allerdings nicht und irrt durch einen ausgestorbenen Industrievorort. Überall wird gebaut. Das heißt, genau genommen sind nur überall Baustellen, keine Bauarbeiter. Als wäre sie völlig allein auf der Welt. Das kann auch angenehm sein. Aber etwas Zivilisation ist da doch. Ein Riesenrad, das neben einer Baumgruppe steht, ist in Betrieb, es gibt sogar noch zwei weitere Fahrgäste, Oma und Enkel. Halb betrunken eine Runde Riesenrad auf der Suche nach einem Gewässer, das hier irgendwo sein muss, aber sofort wieder der Schwindel, die Spucke im Mund, viel mehr als nötig, da ist die Gondel erst ein paar Meter in der Luft. Therese blickt hinunter auf die Betonplatten, aber das macht es nicht besser. Diese elende Anspannung loswerden. Nicht mehr darüber nachdenken müssen, wie es wäre, wenn ihr Körper da unten auf den Beton knallt.

Tiefenpsychologisch betrachtet, das hatte ihr einer der Klugscheißer im ersten Studiengang in der Mensa erklärt, sei Höhenangst nicht mehr als die innere Unfähigkeit, sich fallen zu lassen. Dabei hatte er aus einem Tablett mit eingelassenen Vertiefungen unterschiedlicher Form verkochte Salzkartoffeln und Erbsen in sich hineingelöffelt. Aber was heißt denn nicht mehr? Was heißt denn da fallen lassen? Und was bitte sehr sollte denn fallen gelassen werden? Die Vorstellung, es könnte alles gut werden? Die Idee eines gelingenden Lebens? Ist nicht jeder Halt besser als der freie Fall? Kurz darauf hatte sie das erste Studium aufgegeben, eine Ausbildung begonnen, sie abgebrochen und ein weiteres Studium angefangen. Einige Semester ging es gut im Sinne von: Sie war ordentlich eingeschrieben und konnte ohne allzu viel Aufwand einen gewissen Schein aufrechterhalten, bis sie sich in eine so sommerliche wie anstrengende love affair hineinsteigerte, und auch wenn klar war, dass es dabei eher um Langeweile als um Leidenschaft ging, reichten die Ausläufer dieses wochenlangen Schauspiels, um Therese endgültig von den Zwischenprüfungen abzuhalten. Einwurf: Sie hatte die nötigen Voraussetzungen schon während des Semesters nicht erfüllt. Als hielte sie etwas ab. Nun, so war es am Ende auch. Was lange Vermutung war, schälte sich zur Erkenntnis: Ich kann das nicht. Das geht nicht. Das geht einfach nicht.

Eine schöne junge Medizinerin, die den Hausarzt in den Ferien vertrat, sagte ihr, man könne es eine Zeit lang mit einem leichten Antidepressivum versuchen, aber ohne eine begleitende Therapie sei das nicht sinnvoll. Sie könne ihr jemanden empfehlen, Therese solle darüber nachdenken. Auch die Schlaflosigkeit sei womöglich ein Symptom. Bevor die Dinge den Gang gingen, den die Ärztin im Kopf hatte, kam der Hausarzt gut gelaunt aus dem Urlaub zurück, die schöne Ärztin verschwand in irgendeiner Klinik und mit ihr der Gedanke, es könnte wieder anders werden.

Was also stattdessen? Ablenken. Rausrennen und nach Zerstreuung suchen. Die aufdringliche Seele eine Weile auf Abstand halten. Dabei kann die Ablenkung eine mehrtägige Technoparty sein oder eine zeitfressende, wahlweise nervenaufreibende andere Tätigkeit, sogar Lohnarbeit bietet sich unter bestimmten Voraussetzungen an. In diesem Fall unbezahlt und bis der Sprachkurs begann: ein dreimonatiges Praktikum in einer Fotoagentur.

In einer Fotoagentur? Sind wir jetzt unter die Künstler gegangen, ja? fragte der Vater.

Dabei bekam sie von der sogenannten Kunst wenig mit. Sie organisierte Materialien, Veranstaltungen, Models und suchte aus unendlichen Datenbanken passende Versatzstücke für Werbeflyer aus. Das alles nicht nur fünf Werktage, sondern meist auch die Wochenenden hindurch.

Hast du ein Zeugnis bekommen?

Nein, ich mach das für mich, nicht für den Lebenslauf.

Der Vater sah sie an, als wäre sie nun endgültig irre geworden. Aber an etwas gedacht hatte sie in dieser Zeit kaum, immerhin.

Thereses Gondel ist beinah am höchsten Punkt angekommen. Über den Bäumen wird es besser, beim horizontalen Blick in den Himmel, und hinter dem Wäldchen, hinter Rohbauten dann auch tatsächlich ein schmaler Strich Wasser zu sehen, an rauchenden Schloten, an Kränen und Baggern und Bauskeletten. Therese sammelt die Spucke hinter den Zähnen, beugt sich über das Metallgestell und spuckt aus. Im Gesicht des Enkels schimmern Entrüstung, Faszination, Begeisterung auf, alles in schneller Folge. Versuchsweise lässt er einen feinen Spuckefaden aus dem Mund hängen, aber dann der Blick der Großmutter und er saugt ihn schnell wieder zurück. Als ihre Gondel auf vierfünf Uhr angekommen ist, gibt Therese dem Riesenradbetreiber ein Zeichen. Sie winkt mit beiden Armen. Ich möchte bitte aussteigen. Der Riesenradbetreiber winkt zurück. Noch zwei Runden, hier bekommt jeder, was er bezahlt hat.

Endlich wieder unten, schwankt sie in die Richtung, in der sie das Wasser gesehen hat, und gerät dabei immer wieder in zarte Wolken ihres eigenen Schweißes. Zwiebeln mit Restalkohol. Sie kramt nach ihrem Tabak. Alles ist in der Nacht feucht geworden und den letzten Filter hat sie einem der Felixe gegeben. Ohnehin spürt sie ihre Lunge bei jedem Atemzug. Vielleicht sollte sie an dieser Stelle aufhören zu rauchen. Aber jetzt erst einmal: weiter. Weiter. Durch das Kiefernwäldchen, über eine Brache und dann, endlich, an eine verlassene Kartbahn angrenzend: der Kai. Freier Blick, wüst, gleißend. An der Kante zum Wasser hin hocken zwei Angler auf brüchigem Beton. Einer neben einem Haufen Metallschrott, einer vor einer Leiter, die ins Wasser führt. Schräg hinter dem an der Leiter liegt eine in blauer Arktisdaunenjacke auf einer Klappliege mit der Kapuze über dem Kopf. Sie hat die Beine übereinandergeschlagen und den Ellbogen aufgestützt. Die wenige Haut, die zu sehen ist, die Hände, kurz das Gesicht, als sie nach Therese schaut, ist dunkelbraunfaltig wie von vielen Sommern am Kai. Vor ihr auf dem Boden, auf Kopfhöhe, steht ein kleines, sehr lautes Radio mit unverhältnismäßig langer Antenne. Alle paar Minuten dreht sich ihr angelnder Mann um, wilde Augenbrauen über wilden Augen, und schüttelt den Kopf: Immer noch nichts.

Es ist nun wirklich nicht so, dass sie sich mit Angeln auskennen würde, aber sollte man nicht das Radio …?

In einer Lautstärke, die wohl die daunenverdeckten Ohren erreichen soll. Noch hinten bei Therese verzerrtes Geplärre und aufgeregte russische Stimmen, zu schnell für sie, nur die Zahlen erkennt sie, oder sind das Wochentage, und sie stellt sich vor, dass gerade einer den Jackpot –

Und der andere Angler blickt neben seinem Schrott in die Kräne am anderen Ufer und auf den Kai gegenüber, wo alles langsam einrostet und die Gesichtsfarbe der Frau in der Arktisdaunenjacke annehmen wird, während sie wahrscheinlich alle warten, dass endlich mal ein Fisch anbeißt nach all den Jahren am Finnischen Meerbusen auf russischer Seite, um ihn zu braten am Abend zu Hause in etwas Öl und dann mit Zitrone und der Aussicht aufs Meer.

Therese stellt sich zwischen die Angler ans Wasser, die Spitzen ihrer Turnschuhe über der Betonkante des Kais. Sie wippt einmal, zweimal und schaut vor ihre Füße. Manchmal breitet sich die Zukunft so trüb und abgestanden vor einem aus wie das Wasser im Einfuhrbereich eines Hafenbeckens. Brackig, mit Plastikmüll. Ein mehrere Fußballfelder großes Areal der Misslichkeiten, hinter den Kränen langsam in die Ostsee, später in die Weltmeere schwappend. Nur, was willst du machen – den ganzen Tag schreiend durch die Welt laufen? Geht ja auch nicht. Die rotgelben Schwimmer ditschen lautlos. Therese wippt noch einmal an der Kante und geht dann Richtung Mole, die am Ende der Kaimauer in stumpfem Winkel ins Wasser ragt. Sie klettert über die hingewürfelten Betonpoller, unter ihren Füßen schwappt die Brühe und es geht ihr: nun – trotz allem ganz okay. Damit war nach dieser Nacht nicht zu rechnen. Vielleicht hätte sie die andere sonst gar nicht angesprochen.

Auf dem Rückweg von der Mole hört Therese schon aus der Ferne wieder das Radio, die drei alten Bekannten hocken in unveränderter Anordnung und auf der Bank hinter ihnen mit einem Buch dicht vor dem Gesicht: eine dürre Frau in schwarzer Klamotte. Sie sieht aus, als würde sie schon lange hier sitzen, wie sie da die Beine von sich streckt, in ihre Lektüre vertieft, dabei können es erst ein paar Minuten gewesen sein. Sie hat etwas von einem Vogel, einem Raben vielleicht. Therese geht langsamer. Wohin. Ans Wasser, zur Bank? Die Frau sitzt beinah in der Mitte. Wenn sie sich neben sie setzt, ist ein Gespräch unvermeidlich. Als würdest du jemandem in der Wüste begegnen und dann an ihm vorbeigehen, ohne wenigstens die Hand zu heben: undenkbar. Aber was spricht man mit einem mittelalten Raben, der womöglich nicht einmal Englisch kann. Ende dreißig, Anfang vierzig, schätzt sie aus der Ferne. Vielleicht älter. Hallo ich heiße Therese ich komme aus Deutschland. Das geht auf jeden Fall. Sie verlangsamt noch ein wenig mehr, da legt die Frau das Buch zur Seite und geht die paar Schritte zur Betonkante. Die Angler: als würden sie es nicht bemerken. Die Frau blickt über das Wasser, zwischendurch auf ihre Finger, dreht sich eine Zigarette, zündet sie aber nicht an. Ihre schwarzen Flusenhaare mit ein bisschen Grau. Am Hinterkopf eine einzelne weiße Strähne. Therese geht zur Bank, wirft einen Blick auf das Buch, Bulgakow, aber auf Deutsch, und so spricht sie die Frau auch an, als diese zu der Bank zurückkommt.

Tschuldigung: Ich hab Feuer, haben Sie Filter?

Die Frau zieht einen Mundwinkel hoch und greift in die Jackentasche. Sie hält Therese eine Handvoll zerdrückter Filter hin, daran Tabakbrösel, anderes. Bedien dich.

Ein ganz zarter Akzent. Therese nimmt sich einen Filter und nestelt ein klebriges Zigarettenpapier aus der Packung. Der Flaum zwischen Ohr und Kiefergelenk der Frau ist für die dunklen Haare erstaunlich blond. Alles an ihr ist durch und durch mager, der Hals, die Beine, die Handgelenke, und etwas an ihr wirkt ein wenig heruntergekommen, obwohl sich nicht sagen lässt, woher dieser Eindruck kommt. Die schwarzverwaschene Kleidung ist sauber, die Haare sind nicht sonderlich unordentlich, aber irgendwas ist da trotzdem.

Urlaub?

Sprachkurs. Therese inhaliert in ihre schmerzende Lunge und reicht das Feuerzeug weiter.

Ah, sagt die Frau.

Mh-hm. Und Sie?

Urlaub. Quasi.

Dann erst einmal nichts mehr. Schaut nur. In ihrem rechten Auge blinkt es auf, als sie sich die Zigarette anzündet. Und noch einmal. Ein Lichtreflex in ihrer graublauen Iris, der aufscheint, als sie ihren Kopf minimal bewegt und ihre Ausrichtung zum Licht ändert. Therese bleibt diesen einen Augenblick zu lange an ihrem Gesicht hängen, lässt den Moment aber vorüberziehen, als die Frau ihr sehr förmlich die Hand reicht.

Jelena, sagt sie. Oder Lenka.

Therese, sagt Therese und ergreift die kalte Hand. Bei uns gab’s keine Spitznamen.

Ein Nachmittag im Herbst. Eine zufällige Begegnung. Über die brüllende Kulisse eines Radiosenders hinweg ein paar weitere erste Sätze. Über – was? Über Bulgakow. Über die Angler. Was sich hier wohl fangen lässt. Ob man das essen möchte. Dann über dieses und jenes. Was machst du hier, wo kommst du her, was man halt so spricht. Lenka fragt nach der Familie, den Eltern, Therese antwortet knapp, und weil ihr keine andere Frage einfällt, sagt sie: Und Ihre? … Also deine? Obwohl es ihr komisch vorkommt. Ab einem gewissen Alter fragt man nicht mehr nach den Eltern. Bei dieser Frau ist klar, dass Therese auch nicht nach Mann oder Kindern fragen braucht.

Meine Eltern? Die Frau lacht. Die sind in Deutschland.

Was soll man darauf jetzt noch sagen. Meine auch? Sie schweigen. Die Rücken der Angler. Die regungslosen Kräne. Es ist nicht so, dass sie zu irgendeiner Form der Gemeinschaft verpflichtet wäre an dieser Stelle, aber aufstehen und gehen erscheint ebenso unmöglich. Noch eine rauchen. Therese bittet um einen weiteren Filter und sucht sich aus Lenkas Handfläche den saubersten aus.

Was ist denn mit deinen Fingern?

Nichts, sagt Therese. Oder nichts Schlimmes. Nur niedriger Blutdruck.

Es stimmt. Das Zittern liegt bei ihr in der Familie, genauer gesagt in der weiblichen Linie. Alle Frauen mütterlicherseits zittern, besonders morgens. Symptomatische Hypotonie. Ob zuerst das Zittern da war oder erst der niedrige Blutdruck, lässt sich nicht sagen. Aufregung kann eine Rolle spielen. Manchmal hilft ein Glas Saft. Manchmal gutes Zureden.

Ich kann nicht spielen, sagte Therese mit sieben Jahren zu ihrer Mutter, als sie vor dem Musikschulsaal auf den Klappsesseln saßen und warteten, bis das Vorspiel losging. Drinnen das Wüten einer Blockflötengruppe. Ich kann nicht spielen, sagte Therese, ich muss so zittern. Sie hielt ihrer Mutter zum Beweis die Hände hin, die etwas von keinen Aufstand machen murmelte und dann deutlicher sagte: Mäuschen, du wirst es schon schaffen.

Ich kann nicht. Ich glaub, ich muss kotzen.

Dich erbrechen, sagte die Mutter.

Erbrechen, sagte Therese. Jetzt. Und kotzte über den Geigenkoffer hinweg vor den Saal mit den Flötenspielern.

Sie dreht die Zigarette sorgfältiger als notwendig. Die Sonne steht tief und hat doch noch Kraft. Die Angler als Silhouetten vor Hafenkulisse. Therese erzählt von dem Riesenrad, der Odyssee bis hierher, den Nachwirkungen der letzten Nacht und auch wenn Lenka eher spärlich antwortet, kommen sie über die zweite Zigarette doch nach und nach ins Gespräch. Therese hat kein Problem damit, ihrem Gegenüber die Informationen einzeln zu entlocken, eine nach der anderen, ganz vorsichtig und zugewandt, zumindest die groben Eckdaten. Wohnort, Arbeit, das Übliche. Am Ende lässt sich zusammenfassen, dass die Frau, die da neben ihr auf der Bank sitzt, Physikerin ist, wegen einer Konferenz nach Russland gereist, quasi auf Heimatbesuch, weil vor dreißig Jahren von hier aus nach Deutschland ausgewandert, und sich in ihrer wissenschaftlichen Arbeit mit dem letzten Faktor einer Gleichung beschäftigt, mit der sich die Zahl intelligenter Zivilisationen in der Galaxis abschätzen lassen soll.

?

Ja, gerade habe sie im St. Petersburger Kongresscenter einen Vortrag zur Frage der Lebensdauer technologischer Zivilisationen gehalten.

Was heißt das?

Es geht darum einzuschätzen, wie lange es braucht, bis eine Zivilisation wie etwa die Menschheit untergeht.

Wie etwa die Menschheit?

Wir arbeiten mit der Annahme, dass es möglicherweise noch viele andere Zivilisationen da draußen gibt, mit wahrscheinlich ähnlichen Problemen, Überbevölkerung, Mehrfachvernichtungskapazität, Umweltkatastrophen, Viruspandemien undsoweiterundsofort. Man muss sich also fragen, wie lange eine Zivilisation überlebt und ob technologischer Fortschritt ab einem gewissen Grad nicht zwangsläufig dazu führt, dass sich eine Zivilisation selbst zerstört. Das ist wichtig, wenn es darum geht, mit einer dieser anderen Zivilisationen in Kontakt treten zu können. Vielleicht überlappt sich unsere gemeinsame Lebenszeit einfach niemals. Wahrscheinlich ist das sogar so. Wir haben nur ein paar Tausend gute Jahre, in denen wir potenziell kommunizieren können, und das war’s. Vergleich das mal mit dem Alter des Universums.

Therese besieht sich die Hinterköpfe der Angler und macht ein unbestimmtes Geräusch. Die Suche müsste viel gezielter betrieben werden, sagt Lenka. Früher haben sie das zumindest noch versucht. Sie haben Radiobotschaften ins All geschickt und mit den wenigen Mitteln, die sie hatten, den Himmel abgehorcht. Und diese Raumsonden mit irgendwelchen Plaketten und vergoldeten Schallplatten an Bord – gut: Die waren natürlich eher eine Botschaft für die Menschen als für andere Welten. Aber immer verknüpft mit dieser Hoffnung, dass irgendwer sich an uns erinnert.

Sollte Thereses Ratlosigkeit über den Verlauf des Gesprächs sichtbar sein, lässt sich Lenka davon zumindest nicht aus der Ruhe bringen. Sie sagt: Selbst wenn noch jemand übrig sein sollte hier auf der Erde, um die Antwort auf eine dieser Botschaften zu empfangen, können wir nicht davon ausgehen, dass noch irgendwer weiß, was wir da Tausende Generationen vorher losgeschickt haben. Schon in zehntausend Jahren ist wahrscheinlich von keiner heutigen Sprache mehr der kleinste Rest übrig, der Auskunft über die Vergangenheit geben könnte. Oder über irgendeine Form von Erinnerung, die wir uns erhoffen. Man wird uns vergessen, sagt Lenka. Wie wir einander auch immerzu vergessen.

Therese fällt nicht einmal ein Einwand ein. Sie sagt deshalb nur: Okay. Und was genau ist jetzt dein Job?

Ich habe versucht, Szenarien zu entwickeln, wie lange man im besten Fall durchhalten kann. Aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es ab einem gewissen Punkt immer darauf hinausläuft, sich zugrunde zu richten. Man müsste schon sehr weitsichtig sein, um die Gefahren und Möglichkeiten einer fernen Zukunft zu erkennen. Das sind wir nicht. Oder wir handeln nicht danach. Wir schaffen es ja nicht einmal, paar Jahrzehnte über uns und unser eigenes Leben hinauszublicken, der Klimawandel ist nur ein Beispiel. Aber das Problem bei dieser Art der Forschung ist, dass wir unser einziger Datenpunkt sind. Wir haben einfach keinen Vergleich. Wir kennen ja nur die Erde und uns als einzige Zivilisation. Und die Menschheit erweckt mir nun nicht gerade den Eindruck, als würde sie es durch die nächsten Jahrtausende schaffen. Oder? Schau sie dir doch an. Sie macht eine vage Handbewegung. Die Frau auf der Klappliege hat sich umgebettet, liegt nun auf dem Rücken, die Handflächen gen Himmel gedreht.

Das wahrscheinlichste Szenario ist: Die Welt wird vergehen und nichts wird bleiben.

Therese lächelt. Warum gefällt ihr das jetzt so.

Später fahren sie gemeinsam zurück in die Stadt. Auf dem Rückweg vom Kai, an der Bude bei der Bushaltestelle, werden sie gleich als Fremde erkannt. Ah Berlin! ruft die Alte hinter der Theke. Deutschland, sagt sie, sagt dann: Muttervatergroßmuttergroßvaterbitteschöngutentagaufwiedersehen, sieht Therese an, zeigt auf Lenka, fragt: Mama? Sie weiß vermutlich, dass das nicht stimmt. Njet, sagt Therese ziemlich laut, na bitte, die Reflexe funktionieren schon auf Russisch, aber warum ist sie überhaupt so empört. Dagegen Lenka: Lässt den Blick über die etwas erbärmliche Auslage schweifen, gräuliche Würstchen in Öl und schrumpelige Paprika, und sagt, ohne die Alte anzusehen, sehr ruhig und bestimmt und auf Deutsch: alte Freunde. Die Frau schaut sie lange an: Mit denen stimmt doch was nicht. Reicht dann Käseplini und Salat Vitamini über die Theke, wie bestellt. Wie alt bist du denn, fragt Lenka, als sie auf den Bus warten, und dann lacht sie und sagt: so jung. Genau doppelt so alt wie Therese ist Lenka. Das passiert in ihrer Konstellation genau einmal. Aber was heißt das schon.

Es gibt da dieses Fest, sagt Lenka über ihre Schulter hinweg, als sie in den Bus steigen. Ein Stadtfest. Am Samstag. Ein Kollege habe ihr zwischen zwei Vorträgen davon erzählt. Vom Kongressgebäude aus sei es gut und gerne in zwei Stunden zu erreichen, aber für solche Sperenzchen, habe der Kollege gesagt, bleibe wahrscheinlich keine Zeit, oder?

Vielleicht sollte das eine Einladung sein, sagt Therese.

Lenka zieht wieder den einen Mundwinkel hoch: Dann muss ich sie wohl überhört haben. Jedenfalls: Vielleicht fahre ich da hin.

Therese wartet, ob noch etwas kommt.

Hättest du Interesse? fragt Lenka beiläufig und etwas distanziert.

Warum denn nicht, sagt Therese. Ist ja nicht so, dass sie hier besondere Verpflichtungen hätte.

Faustkampf.

Lenka dagegen hat Verpflichtungen, sich diesen aber vorerst entzogen. Oder wurde freigestellt. Wobei das Furcht einflößender klingt, als es soll, man ist hier schließlich nicht in der freien Wirtschaft, sondern auf einer internationalen Fachtagung für Astrophysik und Astrobiologie, will sagen: Es wird hier niemand rausgeschmissen, nur weil er vor den Augen der versammelten akademischen Würdenträger des Fachs seine Emotionen nicht unter Kontrolle hat.

Lenkas Vortrag zur Modifikation des Faktors L* der Lebensdauer technologischer Zivilisationen bei Inklusion der Hypothese einer nichtorganischen Gestalt extraterrestrischer Intelligenzen war schon Monate vorher abgemacht und gerade erfolgreich präsentiert worden, die Anfrage zu der unglückseligen Podiumsdiskussion fiel ihr dagegen erst Stunden vor Veranstaltungsbeginn in den Schoß. Ein Kollege hatte kurzfristig abgesagt, irgendeine unschöne Magen-Darm-Geschichte, aber seien interstellare Botschaften im weitesten Sinn nicht auch Teil ihres Forschungsgebiets? Mit etwas mehr Bedenkzeit hätte sich Lenka gegen diese Veranstaltung entschieden und einen Weg gefunden, ebenso bestimmt wie höflich abzusagen, so aber sah sie sich im Auditorium II des Kongresszentrums von St. Petersburg wieder, zwischen den quietschenden Polstern einer ausladenden Bühnenbestuhlung in den Landesfarben. Lenka im roten, neben ihr die Moderatorin im weißen Sessel, der ukrainische Professor in seinem karierten Dreiteiler auf strahlendblauem Kunstleder.

Stellen Sie sich vor, Sie könnten eine Nachricht an E. T. verfassen, sagte die Moderatorin, laut Faltblatt Postdoc der Exobiologie an einer großen amerikanischen Universität. Sie machte eine Pause und lächelte in die ersten Reihen des Auditoriums, die das erbarmungslos auf das Podium strahlende Scheinwerferlicht, anders als den hinteren Teil des Raums, nicht in völliger Dunkelheit verschwinden ließ. Was würden Sie E. T. von sich und von der Erde erzählen, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten? Das sei, herzlich willkommen, die Frage dieses Podiums, um dann durch weitere Fragen unser topic für die verehrten Zuhörerinnen und Zuhörer noch etwas weiter einzugrenzen, auch wenn sie dabei vor allem den Ankündigungstext wiedergab, der im Faltblatt des Kongresses in drei Zeilen angegeben war: Was wollen wir den Aliens erzählen, wie kann sich die Menschheit auf eine Geschichte einigen, können wir verstanden werden und vor allem: Wollen wir überhaupt etwas erzählen? Damit sei man im Grunde schon in medias res des heutigen Nachmittags angekommen. Die Moderatorin wandte sich Lenka und dem ukrainischen Professor zu, der während der Ausführungen vergeblich eine würdevolle Position auf der großzügigen Sitzfläche des Sessels gesucht hatte. Ein kleiner Showkampf, sagte die Moderatorin lächelnd. Darf ich vorstellen, in der blauen Ecke Prof. Wolkow, der der Idee einer Kontaktaufnahme mit einer extraterrestrischen Intelligenz von jeher kritisch gegenübersteht, und zu meiner Rechten, in der roten Ecke, die Kollegin Jelena Belenkaja, die freundlicherweise eingesprungen ist, um einen Einblick in die Frage zu geben, wie eine interstellare Botschaft beschaffen sein müsste, um das Interesse der Fremden zu wecken und gleichzeitig ein möglichst umfassendes Bild unserer Erde zu vermitteln. Sie deutete auf das weiße Polster unter ihrem Hintern: I am Switzerland.

Am Anfang lief es gut und dann ging irgendetwas schief. Eben noch war es ein in jeder Hinsicht korrektes Zusammentreffen, man ließ einander ausreden, die jeweilige Position darlegen, es ist Wissenschaft und keine Politik, aber dann kam der Punkt, an dem die Sache aus dem Ruder lief. Die Moderatorin hatte eine Nachfrage zu den eher formalen Aspekten einer interstellaren Botschaft formuliert – welche Gremien müssen eingebunden werden, welche technischen Voraussetzungen braucht es, wer hat Zugang zu den entsprechenden Gerätschaften, wie lässt sich Schindluder ausschließen – und Lenka war in ihrer Antwort zunächst auf einige grundsätzliche Überlegungen eingegangen, hatte von Biosignaturen und industriellen Schadstoffen in den Atmosphären fremder Planeten gesprochen, die sich als mögliche Zeichen extraterrestrischen Lebens nachweisen lassen könnten, um dann auszuführen, welche Fragen bei einer Botschaft an außerirdische Zivilisationen beachtet werden müssten. Sie hatte Beispiele für bisherige Versuche an Zeitkapseln und Radiosignalen nachgezeichnet, in einem Rahmen, der auch die weniger mit der Materie betrauten Kollegen an den Fallstricken teilhaben ließ, die ein solches Projekt mit sich bringt, und gerade gesagt, die Frage sei nicht nur, wie wir uns überhaupt verständlich machten, sondern welche Rolle wir selbst in der Erzählung der Aliens spielen wollten, als der ukrainische Professor die Nerven verlor.

Sie Sie Sie –! Er fuchtelte über die Armlehne hinweg in ihre Richtung. Haben Sie auch nur eine Sekunde darüber nachgedacht, dass eine solche Botschaft zu unserem Nachteil sein wird? Dass wir uns gut überlegen sollten, ob wir sie hierherlocken, mit welcher Botschaft auch immer? Bevor Lenka antworten konnte, fuhr der Professor schon fort, zart schäumende Spucke in den Mundwinkeln. Wenn uns die Geschichte der Menschheit eines gelehrt hat, rief er aufgebracht, dann doch sicherlich, dass es noch keiner Zivilisation gut bekommen ist, auf eigenem Territorium Bekanntschaft mit einer anderen Zivilisation zu machen! Das endet immer böse! Und wissen Sie, warum?

Lenka war wiederum gerade im Begriff, eine Antwort zu formulieren, doch just in dem Moment schien der Moderatorin ihre Aufgabe vollends bewusst zu werden, das eigene Wissen zugunsten der Zuhörer zurückstellen, Anwältin des Publikums sein usw. Lassen Sie uns noch einmal einen Schritt zurückma–

Aber da platzte dem Professor endgültig der Kragen. Ein kariertes Paket, in einem ausladenden blauen Sessel explodierend.

ICH WILL IHNEN SAGEN, WARUM ES UNS NICHT BEKOMMEN WIRD! Spuckespritzer sprühten im Scheinwerferlicht des Podiums. Die Moderatorin blinzelte irritiert. WEIL DIEJENIGEN, DIE ZU EINER SOLCHEN REISE IMSTANDE SIND, ODER SAGEN WIR: ZU EINER KONTAKTAUFNAHME, HÖCHSTWAHRSCHEINLICH NICHT DARAUF AUS SIND, IN DER FREMDE NUR EIN PAAR FREUNDSCHAFTEN ZU SCHLIESSEN! DENKEN SIE DOCH MAL NACH! ENTDECKEN WOLLEN DIE UND UNTERWERFEN, DAS ERZÄHLT UNS DIE GESCHICHTE! Und dann – er senkte seine Stimme –, dann kommen SIE – er bohrte seinen krummen Zeigefinger durch die Luft in Lenkas Richtung –, dann kommen SIE und Ihre Kollegen und wollen austüfteln, was wir am besten von uns preisgeben?! Ein paar Bilder? Das Zweite Brandenburgische Konzert? Neulich hörte ich gar: das gesamte Internet? NICHTS, sage ich, NICHTS! dürfen wir preisgeben. Das muss ein Ende haben, ein für alle Mal! Unsere Geschichten gehen niemanden etwas an! Wir suchen eine fremde Zivilisation und verlieren dabei ohne Zweifel unsere eigene! Ich sag Ihnen was: Es gibt Fehler, die können sich die Menschen nur ein einziges Mal erlauben. Und das hier – er fuchtelte keuchend in Lenkas Richtung –, das hier ist so ein Fehler!

Danke, Herräh Professor. Die Augenlider der Moderatorin flatterten. Flatterten, flatterten. Zwischendrin ließ sich ein Schlitz weißen Augapfels erkennen. Der Professor saß lauernd auf der Sesselkante. Er klopfte mit der Kuppe des Zeigefingers vorsichtig gegen den Knopf in seinem Ohr, blickte hoch zu den Kabinen mit den Simultandolmetschern, die als Spielerei eigens für die Konferenz installiert worden waren, als wäre man hier beim UN-Sicherheitsrat, dann schien ihm sein Denkfehler bewusst zu werden: Es lag nicht an menschlichem Versagen oder an der Technik, es lag daran, dass Jelena B. nicht sprach. Beinah sanft wandte er sich nun in ihre Richtung. Werte Kollegin, was suchen Sie da eigentlich? Verstehen Sie mich nicht falsch, aber das hier kann doch keine Erbauungsphilosophie sein, um schwache Gemüter zu trösten. Und wenn Sie es so sehen: Denken Sie, dass Sie hier richtig sind? Wissenschaft geht doch mit Verantwortung einher. Eine brüderliche Verpflichtung an die, die nach uns kommen, immer im Sinn einer gesellschaftlichen Praxis. Ich jedenfalls bin noch in diesem Geiste aufgewachsen. Und Sie doch auch, wenn ich mir Ihren Lebenslauf anschaue. Oder zumindest die ersten Jahre. Wissen, Tatkraft, Optimismus – wissen Sie noch? Er lächelte schief. Was also erhoffen Sie sich? Sie antwortete nicht. Der Professor stieß hörbar Luft aus und suchte Blickkontakt mit der Moderatorin, als wollte er sagen: Wie soll man so diskutieren? Oder: Himmelherrgott, sie ist doch Physikerin! Was ist denn mit der los?

Was ist mit unserem Kind los? Das hatten sich auch Lenkas Eltern immer wieder gefragt. Schon vor beinah vierzig Jahren hatten sie sich das gefragt, als sie noch nahe Moskau in einem durch und durch modernen Wohnblock saßen, der kurz zuvor aus der Erde gestampft worden war. Unser Kind scheint besessen. Seit diesem Abend vor dem Radio. Da ist unsere Tochter der Welt einfach abhandengekommen. Oder ihr die Welt. Vom Abendessen standen noch die sauren Gurken und die Reste des Salzfischs auf dem Tisch, Pastila für die Kinder, für die Erwachsenen ein Wässerchen. Die Eltern auf dem Sofa, der Sohn mit einem Buch in der Spielecke, Lenka in ihrer Strumpfhose auf dem Teppich, versammelt vor dem Radio, um den Grußworten zu lauschen, die der Amerikaner zusammen mit einer Auswahl an Bildern und Musik in einer Sonde ins All geschossen hatte. Saßen da nichts ahnend, nichts fürchtend, ein Abend von Tausenden anderen, und da befiel die Tochter eine Besessenheit. Sie war sechs, kann man da von einer Besessenheit sprechen? Etwas, was sie jedenfalls nicht mehr loswurde. Der Sohn hörte zu, fragte einmal nach, fand es kurz interessant und sich dann damit ab. Eine Botschaft für Außerirdische, warum auch nicht. Die Tochter gab keine Ruhe. Weckte die Eltern nachts und fragte nach Details, die sie nicht wissen konnten. War diese Phase der vielen Fragerei nicht längst vorbei? Und wer rechnete denn damit, dass derlei einen solchen Einfluss haben könnte? Grußworte in fünfundfünfzig Sprachen, ein Projekt der Amerikaner, das – ja, zugegebenermaßen! – reizvoll war. An dem sich auch Moskau gern beteiligt hatte. Von dem sich im abendlichen Radioprogramm allerdings nur ein Ausschnitt senden ließ. Zweiundzwanzig Sekunden als Gruß von zweihundert Millionen russischen Muttersprachlern, gesprochen von einer Maria Rubinowa über sanfte Musik hinweg, die irgendwer untergelegt hatte im Radio: Grüße! Ich heiße euch willkommen.

Durfte sie sich aussuchen, was sie sagt? Lenka vom Teppich aus hinauf zu ihrer Mutter.

Nein, das wird ein Gremium beschlossen haben.

Was ist ein Gremium?

Eine Gruppe von Leuten, die sich auskennt.

Warum durfte ausgerechnet diese Frau das sprechen?

Man wird sie ausgewählt haben.

Warum?

Man wird sie für die Richtige gehalten haben.

Warum?

Weil–

Warum sagt sie: Ich. Ich heiße euch willkommen.

Sie spricht trotzdem für uns alle.

Warum sagt sie dann nicht: Wir heißen euch willkommen.

Lenka, Liebling, es ist unwahrscheinlich, dass das jemand hören wird.

Aber–

Die Idee ist doch schön.

Diese Raumsonde war doch gar nicht das Problem, sagte Lenkas Vater später einmal. Nicht das originäre Problem jedenfalls. Die kam nur noch dazu. Elende Wissenschaftspopularisierung. Als sie das Ding hochgeschossen haben, war die Kleine doch schon monatelang nicht mehr wiederzuerkennen.

Was hast du denn dem Kind erzählt, hatte er seine Frau damals gefragt, sieh sie dir an, diese Augenringe! Himmel, sie ist gerade mal sechs, was hast du ihr denn erzählt!

Nichts. Gar nichts.

Gar nichts?

(Das Universum dehnt sich aus, Lenkaliebling, stell dir das vor. Wie ein immer größer werdender Luftballon. Alles entfernt sich voneinander in rasender Geschwindigkeit, und das immer noch schneller. Wir können es nicht sehen, aber so ist es. Die Galaxien fliegen einfach auseinander. Irgendwann sind die Abstände zwischen allem, was einmal war, so groß, dass an keiner Stelle mehr ein Blick ankommt, nichts wird mehr zu sehen sein. Schon viel früher bläht sich die Sonne auf und vernichtet ihre nähere Umgebung, die Erde und alle anderen Planeten, bis sie in einem letzten großen Gewaltakt erlischt und irgendwann ist auch der letzte Stern da draußen ausgebrannt, dann ist nichts mehr übrig, was leuchten könnte. Dunkel ist es dann und sehr, sehr leer. So leer, wie wir es uns nicht vorstellen können, das ist unser Glück. Nun schau nicht so, Lenkatäubchen, da sind wir doch alle schon lange tot.)

Ich habe ihr die Wahrheit erzählt, sagte die Mutter.

Die Wahrheit? Na fabelhaft, rief der Vater, und die wäre?

Für Lenkas Eltern stellte sich die Sache so dar: In den ersten sechs Jahren seines Lebens ist unserem Kind jede Sorge fern gewesen und dann kippt es durch ein paar wenige Sätze mitsamt der Welt hintenüber. Einfach so. Da hilft keine Hand und kein gutes Zureden. Dass so etwas möglich ist.

Sie hatte von Anfang an so eine Veranlagung, meinte Lenkas Mutter.

Red keinen Quatsch, sagte der Vater. Und Jahre später zu seiner Tochter in einem Anflug von Wut: Wir haben doch eine schöne Welt, Jelena, was bitte willst du denn noch?

Zwischendrin mochte man den Eindruck gewonnen haben, es ginge jetzt alles seinen Gang. So sah es der Vater. Die Verstörung des Lenkatäubchens schien abzunehmen, aber losgeworden war sie das Ganze im Grunde nie, das ließ sich später konstatieren. Im Nachhinein muss man sogar vermuten, dass es sich über die Jahre endgültig festgesetzt hat. Immer wieder war ihre Tochter darauf zurückgekommen, auch viel später, als sie ein Teenager war und längst der Entschluss stand, der Heimat den Rücken zu kehren. Noch einmal ganz von vorne anfangen. Ein neues Leben. Ein fremdes Land. Von null. Aber wird unsere Lenka das aushalten? fragten sich die Eltern. Wird sie die Sprache lernen und wie schnell? Wir wissen es nicht. Wir wissen nur, dass unsere Tochter eine Vorliebe für Zahlen hat wie alle in der Familie, über sprachliche Begabungen wissen wir nichts. Wir wissen nicht, ob wir zurechtkommen werden. Wir wissen nicht, ob unsere Tochter zurechtkommen wird. Der Sohn ist nicht das Problem, der Junge ist ein harter Hund, aber unsere Lenka: ungewiss. Besonders eingebunden ist sie ja auch hier nicht, das lässt sich nicht beschönigen. Die schlechten Augen verhindern einiges oder sind sie eine Ausrede? Ein Hobby bräuchte sie, hatte der Vater gesagt, irgendeinen Ausgleich. Wenn es schon nicht Eishockey ist, dann eben etwas anderes, eine Ballsportart, etwas in einer Gemeinschaft, Schach-AG, was weiß ich. Aber dazu kam es weder in der alten noch in der neuen Heimat. Trotzdem, einige Dinge entwickelten sich doch spürbar zum Guten. Nach einer zugegeben etwas haarigen Zeit begann jene Phase, die Lenkas Eltern im Nachhinein in all ihren Entscheidungen zu bestärken schien. Rückblickend ließ sich sagen: Es hatte sein Gutes. Wir wollten, dass ihr es einmal besser habt. Nach den vielen unschönen Episoden, von denen das Zwischenspiel mit diesem erbarmungswürdigen Nachbarn noch eine der geringsten war, den ständigen Sorgen, ging es doch untrüglich bergauf. Oder nicht? Es gab Zeiten, in denen die Eltern beruhigt waren. In denen Diplomurkunden überreicht wurden. Anerkennungen ausgesprochen. Unsere Tochter, das erzählte der Vater abends am Büdchen und am Telefon mit den Eltern in Russland, Jelena also, Lenka golubka, das Täubchen, unser Täubchen, meine Kleine, kostet die Vorzüge der neuen Ordnung aus. Reist durch die freie Welt. Sie macht Karriere. Sie hält Vorträge in den USA. An der Westküste, um genau zu sein! Unsere Tochter! Allein dafür hat sich das alles gelohnt. Wir sind hier glücklich und ihr seid dort glücklich und er bestellte noch einen.

Der Professor löste sich von Lenkas Gesicht, schnaufte ein paar Mal durch und ließ sich in die blauen Polster zurückfallen. Lassen Sie mich ein Beispiel nennen, schlug er in größtmöglicher Liebenswürdigkeit vor und drehte seinen Oberkörper Richtung Auditorium. Ein Beispiel, um Ihnen die ganze Sache zu verdeutlichen. Dann wird sicherlich einiges klarer.

Bitte, sagte die Moderatorin, nur zu.

Vor nunmehr gut fünfhundert Jahren, hob der Professor an, zur Zeit der sogenannten europäischen Erkundungsreisen, konnten wir den Stein, der meiner These zugrunde liegt, nur allzu gut beobachten. Ja, die Geschehnisse damals bieten geradezu ein Paradebeispiel für das, was mich schon seit Jahrzehnten … Er holte unnötig weit aus, um nach allerlei Schlenkern und Abschweifungen zu der Geschichte jenes Inka-Herrschers zu gelangen, der die Eindringlinge, damals in Gestalt der spanischen Konquistadoren, völlig unbedarft!, zum Goldschatz seines Volks geführt hatte. Weil er geltungssüchtig war oder stolz oder schlicht: naiv, das lasse sich so genau nicht sagen. Der Professor deutete an, sich dunkel zu erinnern, dass der Inka-König sogar im Gefängnis gesessen und versucht haben könnte, sich durch seine enormen Goldvorräte freizukaufen, aber bis ins letzte Detail habe er die Geschichte gerade auch nicht mehr parat. Das sei aber auch unerheblich. Was auch immer den Inka-König getrieben hat, sagte der ukrainische Professor: Es ist ihm nicht bekommen. Über Wochen haben die Untertanen den Goldschmuck herangeschleppt und die Konquistadoren haben ihn eingeschmolzen bis auf den letzten Rest, eine Brosche nach der nächsten. Er beugte sich wieder vor. Und wissen Sie, was dann passiert ist? Seine Augen in schnellem Wechsel von Lenka zur Moderatorin. Ich sag es Ihnen: Sie haben ihn erwürgt! Und wissen Sie was: Damit hatte er noch Glück! Eigentlich sollte er auf dem Scheiterhaufen landen, der arme Teufel, das war der ursprüngliche Plan. Brennen sollte er, wenn es nach dem Willen der Spanier gegangen wäre, aber in letzter Sekunde ist er noch zum Glauben seiner Mörder konvertiert und hat sich so den Tod durch die Garotte erkauft. Er hat ihnen alles gegeben, und sie haben ihn erwürgt. Er-würgt! Der Professor ließ sich zurück in den Sessel sinken.

Uff, sagte die Moderatorin. Schlimme Geschichte.

Aber verstehen Sie, was ich damit sagen will? Kön-nen Sie mir fol-gen?! Wir geben unsere Schätze preis, unsere Geschichten, unsere Kultur, selbst wenn es der Fernsehschrott ist, den wir seit achtzig Jahren in den Äther blasen. Ich sage Ihnen: Es wird uns nicht bekommen, irgendwem da draußen von uns zu erzählen! Wir werden in jedem Fall die Schwächeren sein und wir werden in jedem Fall den Kürzeren ziehen. Wenn wir Glück haben, werden wir erwürgt, und das ist noch der beste Fall! Ich spreche im übertragenen Sinne, Sie verstehen schon. Die Moderatorin nickte vorsichtig, schaute bemüht in ihre Moderationskarten und dann Lenka an. Blickte beinah flehentlich.

Warten Sie, sagte sie, das kann doch jetzt nicht … Nein, bitte, warten Sie –

Aber da war Lenka schon aufgestanden und hatte das Podium verlassen.

Was war das denn gerade? fragte ihr Arbeitsgruppenleiter am Rand des Podiums. Hier, nimm mal einen Schluck Wasser. Scheiße, weinst du etwa? Er klopfte sich Hintern- und Brusttasche ab, fand ein Taschentuch, reichte es ihr. Vielleicht nimmst du dir mal etwas Zeit für dich, hm? Spannst bisschen aus und dann sehen wir weiter. War vielleicht alles etwas viel zuletzt.

Tags darauf findet Therese sie auf der Bank am Wasser in einem Industriegebiet in der St. Petersburger Vorstadt. So geht es los. So lernen sie sich kennen. Cape Canaveral am Finnischen Meerbusen. Es gibt da diesen Ort, sagt Lenka später im Bus, der sie zurück in die Stadt bringt. Ein Historiker in Sibirien habe ihr davon erzählt. Von diesem Ort in Argentinien, in dem der Kontakt zu außerirdischem Leben nicht als bloßes Hirngespinst abgetan werde. Lenka wirkt nicht wie eine Esoterikerin, aber was lässt sich nach der kurzen Zeit schon sagen. Bei manchen zeigen sich solche Tendenzen erst nach Jahren. Ein wenig Argwohn ist in jedem Fall angezeigt, eine gesunde Skepsis, aber deshalb kann man ja trotzdem mal zuhören. Lenka macht nicht den Eindruck, als sei sie wirr. Höchstens etwas entrückt von der Welt, aber das Gefühl kennt man.

Und dort willst du jetzt hin oder was?

Klar. (Zögern. Dann sehr schnell:) Kommstdumit?

Ha, nein! Was soll ich da? Und was willst du da?

Lenka sieht aus, als würde sie die Frage nicht verstehen. Weißt du, sagt sie langsam, ich denk mir manchmal: Auf die Menschen ist nicht zu setzen.

Hier entsteht eine Lücke. Sie sehen einander an. Der Bus schnauft. Ein Moment verstreicht, dann sagt Lenka: Vermutlich suche ich einfach einen Ausweg.

Therese betrachtet die dürre Gestalt an ihrer Seite und die Finger, die ein schmales Handgelenk umgreifen. Wie sie davon spricht: als würden all ihre Hoffnungen darauf ruhen. Wann trifft man schon einmal eine Person, die eine Sehnsucht hat, auf der all ihre Hoffnungen ruhen. Überhaupt: alle Hoffnungen! Therese lehnt sich langsam zurück, ohne Lenka aus den Augen zu lassen. Wahrscheinlich ist schon Abendessenszeit. Sie hätte längst zu Hause anrufen müssen, die Mutter wird ihr Vorwürfe machen. Sie muss sich bei der Großmutter melden. Überlegen, wie es weitergehen kann. Sie drückt die Schultern in die Rückenlehne. Einen Ausweg, ja, einen Ausweg müsste man haben.

Es gibt Gründe, irritiert zu sein.

Man könnte sich der Irritation hingeben. Überlegen, was aus der Irritation werden könnte. Eine Verstörung. Eine Gelegenheit. Oder eben: ein Ausweg. Vergessen, dass man eigentlich in einer Situation ist, in der Entscheidungen getroffen werden wollen. Sich der Idee hingeben, einfach nicht zurückzukehren. Das Kind, verschollen in Russland. Tragisch ist das. Der einzige Weg ins Freie, der offensteht. Sich im Schaukeln des Überlandbusses auf dem zerschlissenen Sitz zurücklehnen und diese Person betrachten, über die man da gestolpert ist. Denken: Alles könnte anders sein.

Ein paar Tage später, kurz vor Thereses Abflug, ruft dann die Mutter an und sagt, die Großmutter sei gestorben. Tatsächlich sagt sie: Die Oma hat es geschafft.

Ist sie tot?

Hörbare Verunsicherung am anderen Ende. Der Verunsicherung mit Details begegnen. Die Mutter erzählt von der blau verfärbten Zunge der Großmutter. Eine Folge des Kontrastmittels. Das helle Dreieck um den Mund habe die Pflegerin schon am Abend bemerkt und gesagt, nun könne es nicht mehr lang dauern. Und dann in den frühen Morgenstunden. Dass das üblich sei oder statistisch gesehen die Regel. Die ganz Alten sterben oft in den frühen Morgenstunden.

(Was habe ich gestern in den frühen Morgenstunden gemacht.) Therese?

Woher weißt du das, warst du dabei?

Sie haben es mir erzählt. (Als nichts kommt:) Ach Therese. Wie stellst du dir das vor. Wir konnten doch nicht die ganze Zeit … Bist du noch dran –?

Die Mutter versucht es mit weiteren Einzelheiten, von der ordentlich hergerichteten Großmutter, eine Hand auf der anderen, aber nicht gefaltet, immerhin, in sehr glatter Bettwäsche. Therese denkt an die geschwollenen Fingerknöchel und den benoppten Hartgummiring, den die Großmutter vor dem Fernseher knetete. Die Mutter weiter: dass sie keine Schmerzen hatte. Friedlich aussah zum Schluss.

Hat sie noch etwas gesagt?

Nein, sie hat gar nicht mehr gesprochen. Aber ihren Schokopudding hat sie mir geschenkt am Abend vorher.

Da kann Therese endlich heulen. Sie will ihren Flug umbuchen, aber Kind, das bringt doch nichts, sagt die Mutter, du kannst hier doch nichts machen, wir sehen uns am Donnerstag, ich hole dich ab. Zwei Tage später stehen sie voreinander an der Schiebetür in der Ankunftshalle und jede zuckt einmal kurz nach vorn und beide bemerken es gleichzeitig und geben sich dann gleichzeitig diesen Ruck, den man sich gibt manchmal, und umarmen sich.

Als Therese zurück nach Deutschland kommt, ist das Zimmer im Pflegeheim längst ausgeräumt. Das Heim war eines der besseren, mit Gedächtnistraining an den Abenden, Hauskonzerten, zweimal im Jahr einem Geriatrieclown. Trotzdem hing in irgendeiner Ecke immer der Geruch von Pisse und einer der Alten war immer ungekämmt oder hatte noch das Stückchen Ei vom letzten Frühstück auf der Strickjacke. Die Haare der Großmutter auf einer Seite plattgedrückt. Ihr Blick: Kann ich nicht wieder zu euch?

Die Großmutter hatte bei ihrem Auszug aus dem Haus darauf bestanden, zumindest den Sekretär mitzunehmen. Jetzt lagert er zusammen mit dem spärlichen Rest des Mobiliars unter einer Plastikplane vor der elterlichen Garage und tatsächlich ist er das einzige Teil, das sich auf die Schnelle problemlos verkaufen lässt. So ein schönes Stück. Der Selbstabholer streicht über das Holz, kratzt in den Gängen der Holzwürmer und sagt, das könne man alles machen lassen. So eine Qualität gibt’s ja heute gar nicht mehr. Und das da – er fährt mit dem Zeigefinger über die fünf eingeritzten Buchstaben im Seitenfach: MERDE –, das lässt sich abschleifen. Oder ich lasse es so. Er lächelt.

Der Selbstabholer bezahlt, ohne zu handeln, und zurrt den Sekretär auf einem Anhänger fest. Therese ist schon auf dem Weg zurück ins Haus der Eltern, als er ruft, hier, das wollen Sie doch bestimmt behalten, und ihr das Foto entgegenstreckt. In eines der seitlichen Regalbretter muss es gepinnt gewesen sein, dort, wo die Taschenkalender mit den Plastikeinbänden gestanden haben. Über Jahrzehnte das beinah gleiche Modell. Nur wenn man die ersten und letzten Exemplare aneinanderhielt, ließ sich eine veränderte Aufmachung feststellen, zwischen benachbarten Jahrgängen nur Nuancen. Ab einem gewissen Punkt, hatte die Großmutter gesagt, hatte alles seine Ordnung in meinem Leben. Das Bild ist ein Schnappschuss, offenbar vor dem Kirchgang. Therese kennt es nicht, hat überhaupt nie jemals ein Bild von der Schwester gesehen. Ist doch alles verbrannt, hatte die Großmutter gesagt. Im Hintergrund ein Dorfplatz, die Kirche. Nicht ganz scharf. Beide mit Rock und Bluse, links eindeutig die Großmutter, die Stirn, die Augenpartie, in die Kamera lächelnd. Daneben mit Baskenmütze, eingehakt, die andere. Sie trägt den Pelzmantel offen und lacht, man sieht ihre Zähne. Das Foto ist abgegriffen und in der linken Bildhälfte ein schmaler Streifen von der Sonne gebleicht. Zwischen den Köpfen der beiden die Einstiche von Reißzwecken.

Danke, hab ich vergessen, sagt Therese zu dem Selbstabholer, der vor ihr steht, als erwartete er eine Erklärung. Oder meine Mutter hat es vergessen. Die hat den Sekretär ausgeräumt.

Im Hausflur dreht Therese das Foto um. Meiner geliebten Schwester, steht dort geschnörkelt auf der Rückseite, im herzlichen Angedenken an unsere schöne Jugendzeit. Von deinem Darling Lene.

Die Beerdigung findet erst eine Woche nach Thereses Rückkehr statt, weil um diese Jahreszeit viele sterben. Exakt eine halbe Stunde dauert die Zeremonie, ohne dass ein Blick des Pfarrers auf die Uhr aufgefallen wäre. Die Mutter hält ein Taschentuch zwischen den gefalteten Händen. Dasitzen und nicht weinen können. Als sie sich später von den Bänken erheben und den vier Männern zum Seiteneingang folgen, die den Sarg aus der Halle tragen, betritt durch die Eingangspforte schon die nächste Trauergemeinde den Raum. Therese dreht sich an der Tür um, man nickt sich zu. Dann ist auch das vorbei.

Wenige Monate später ist der bürokratische Teil erledigt und Therese hat den glatten Betrag von zweitausend Euro auf dem Konto. Sie gibt ihre Embryonalstellung auf dem Bett im Wohnheim auf, läuft einen Nachmittag ohne besonderes Ziel durch die Stadt, sucht am Abend aus ihrem Kalender den Zettel heraus mit der erstaunlich kleinen Handschrift und schreibt der Frau aus Russland. Schreibt: Ich komme mit. Lenka antwortet: Was ist passiert? Und als nichts zurückkommt: Ich weiß es nicht, aber das freut mich sehr, Therese, sehr.

Als sie beschließt, in Lenka einen Ausweg zu sehen, ist es nüchtern betrachtet nicht mehr als ein Nachmittag auf einer Bank am Finnischen Meerbusen, ein Tagesausflug zu einem Stadtjubiläum und ein Gang über einen Vorstadtfriedhof, was die beiden verbindet. Außerdem stand Lenka dabei, als Therese in St. Petersburg in das Taxi stieg, das sie zum Flughafen brachte. Viel ist es also nicht, noch dazu endete die Begegnung mit einer Irritation, eventuell sogar mehreren. Therese war schon auf dem Weg nach unten gewesen, als die Gastmutter sie noch einmal zurückgerufen hatte. Etwas unbeholfen hielt sie ihr auf halber Treppe ein Buch hin, eingeschlagen in schwarzes Kunstleder. Unter goldgeprägter hebräischer Schrift stand am unteren Rand: Holy Bible. Vielleicht wegen der Großmutter. Kaum eine Woche vergangen und ein zweites Mal so etwas wie Rührung. Spassibo, sagte Therese und küsste der Gastmutter ungewollt feucht auf die Wange, rannte die Treppe hinunter, den Rucksack über der Schulter, die Reisetasche in der Hand, die Bibel unter den Arm geklemmt. Sie trat aus der Tür, fiel fast über den Taxifahrer und da stand neben dem Auto Lenka. Irritation, vor allem aber Erleichterung. Sehen wir uns also doch noch einmal.

Hey, sagte Therese, weil ihr nichts Besseres einfiel.

Hey.

Wie verabschiedet man sich in einer solchen Situation? Die Felixe und ein paar der anderen aus dem Sprachkurs hatten ihr Kraft gewünscht und sie umarmt. Wahrscheinlich hätte Therese das an ihrer Stelle auch getan. Lenka aber wünschte ihr keine Kraft, auch kein starkes Herz. Sie umarmte sie auch nicht. Lenka stand vor Therese und legte ihr zum Abschied die Hand in den Nacken und weil sie nicht besonders dicht voreinander standen, bekam auch der seitliche Teil ihres Halses ein Stück von Lenkas kaltem Handballen ab. Gute Reise, sagte Lenka: Schastlivogo putí, und Therese spürte den Druck von fünf einzelnen Fingern. In diesem Moment öffnete der Taxifahrer den Kofferraum. Als würde etwas den Mechanismus blockieren und jetzt mit einem Kreischen nachgeben. Der Taxifahrer hob entschuldigend die Hände. Aber davon abgesehen, das sagte sein Blick: Können wir?

Hier, für dich. Sie hielt Lenka das Buch hin, es war ein Reflex, mehr nicht.

Lenka betrachtete den Einband und hatte eventuell für einen Moment ihr Gesicht nicht unter Kontrolle. Eventuell stellte sie auch einiges der letzten Tage infrage. Was sollte sie dazu sagen? Lenka entschied sich für: Danke.

Danke, sagte Lenka und ließ Thereses Nacken los.

Aber für eine Erklärung war keine Zeit. Therese blickte in Lenkas Gesicht, hörte die Fingerspitzen des Taxifahrers auf der Kofferraumklappe tippeln und sagte deshalb nur ihrerseits schastlivogo putí, so wie sie es neulich gelernt hatte, sie sagte es sehr leise und absolut korrekt und es war nicht ganz klar, wen sie meinte. Danach noch: Bis bald. Aber das eher aus Gewohnheit.

Ankommen II.

Bevor sie zwischen den Abgasen der ankommenden, abfahrenden, wartenden Reisebusse wieder voreinander stehen, fährt Therese durch die ewigen Weidegründe der Pampa und spielt mit den Mitfahrern über die Bordentertainmentanlage Bingo, ist aber zu langsam, um die ausgerufenen Zahlen auf ihrem Bingobogen zu finden. So viel zu vier Jahren freiwilligem Spanischunterricht am Nachmittag, Mutter. Den Tinto gewinnt eine Muttersprachlerin, die daraufhin im Mittelgang eine kurze Dankesrede hält. Die restliche Fahrt döst Therese im Gefechtslärm eines Historiendramas, nur selten nickt ihr Kopf nach vorne ins Leere.

Später sitzt sie über Stunden im Café des Bahnhofs und wartet auf den Bus aus der Provinzhauptstadt. Wartet sehr lang, wandert umher zwischen den Läden in der Bahnhofshalle, setzt sich, wandert umher. Vielleicht hat sie sich Lenkas Ankunftszeit doch falsch notiert. Jetzt rächt es sich, dass sie sich den Kram nicht ausgedruckt hat. Die beiden WLAN-Netze, die sie findet, sind verschlüsselt und im Café lächelt die Bedienung nur mitleidig, als sie nach einem Internetzugang fragt. Warten. Über Stunden. Auf dem Klo an der Stirnseite des Bahnhofs liegt ein totes Tier in der Ecke, von dem nicht mehr viel zu erkennen ist. Ein riesiger Gecko oder eine halb verrottete Ratte. Um die sirrende Neonröhre schwirren Motten. Draußen ist es schon dunkel und nicht viel los um diese Uhrzeit, nur die älteren Herrschaften mit ihren karierten Plastiktaschen und immer mal einer der Ladenbesitzer zum Rauchen. Im kleinen Radius um den Rucksack und das Handgepäck, die sie auf der Bank vor den Haltebuchten abgelegt hat. Weiter als bis zur Anzeigetafel kommt Therese nicht mit den paar getigerten Metern, die sie das Gepäck im Auge behalten lassen, aber die Anzeige ist offenbar ohnehin schon am Nachmittag des Vortags hängen geblieben. Ob der und der Bus Verspätung habe, fragt Therese einen der Bahnhofsmitarbeiter, der die Mülleimer leert, und der setzt erst an zu erklären, er habe mit den Fahrplänen nichts zu tun, winkt dann aber beruhigend ab: Bis jetzt sind sie noch immer alle gekommen.

Und irgendwann, da ist es schon spät, behält er recht. Als sich die Tür des Reisebusses zur Seite schiebt und Lenka die Treppe herunterstakst, wirkt sie noch magerer als beim letzten Mal. Sie zieht ihr Gepäck aus der Ladeklappe und blickt sich mit ihren schlechten Augen in der Gegend um, bis Therese es nicht mehr aushält und winkt, einmal ihren Namen ruft, husten muss in der Abgasluft, und dann ist Lenka schon bei ihr. Sie umarmt sie unbeholfen und auch hier, in der schwülen Nacht: ihre kalten Hände. Die Hitze staut sich unter dem Plexiglasdach.

Nachts liegen sie am Bahnhof um die Armlehnen der Wartebänke gekrümmt, an Schlaf ist kaum zu denken. Wie dick können die Nähte einer Jeans sein? Therese setzt sich auf und reibt sich die Oberschenkel. Draußen verrichtet ein Presslufthammer sein Werk und irgendwo kreischt eine Säge, vermutlich weil niemand hier um diese Uhrzeit vermutet wird. Lenka liegt regungslos, was erstaunlich genug ist. Es bleibt ein Rätsel, wie Menschen veranlagt sein müssen, um mehrere Stunden am Stück die Ruhe für Schlaf zu finden. Therese ist im Grunde immer müde und schläft trotzdem schlecht. Das ist nichts Neues. Sie sollten sich weniger Sorgen machen. Dieser Ansicht war der Arzt zu Hause gewesen, nachdem er ein großes Blutbild angefertigt und ihr erklärt hatte, es sei, wie ich bereits vermutete, so gut wie ausgeschlossen, dass ihre Müdigkeit etwas mit dem Wachstum zu tun haben könnte. Nicht in dem Alter. Mit Anfang zwanzig. Auch einen Eisenmangel könne er nicht feststellen. Machen Sie sich nicht so viele Sorgen, das würde vielleicht schon helfen. Oder Yoga.

Danke, ich komme zurecht, sagte Therese.

In Berlin saß sie morgens bisweilen ratlos vor dem Kaffee: Wie soll man in diesem Zustand den Tag herumbringen. Sie stand in ihrem Zimmer im Wohnheim, gerade noch auf dem Weg zu einer Erledigung, wollte etwas holen, suchen, nachsehen, schon konnte sie sich nicht mehr erinnern, was es eigentlich gewesen war. Nach einer Weile fiel es ihr wieder ein, doch kurz darauf stand sie wieder in der Zimmermitte. Mit Anfang zwanzig vergesslicher als die achtzigjährige Großmutter. Nachts atmete Therese bewusst einauseinaus, verfolgte jeden Atemzug gedanklich nach, sie stand auf und las, zählte in der Dunkelheit, atmete wieder bewusst, atmete einauseinaus, erklärte sich die düsteren Gedanken mit einem erhöhten Melatoninspiegel, aber es half nichts. Lange schlaflose Nächte.

Doch irgendwann ist jede Nacht vorbei. Sie setzt sich auf. Muss doch geschlafen haben. Steifer Nacken, Erschöpfung. Wenn sie sich wenigstens das Gesicht waschen könnte, aber in der Halle ist so früh am Morgen noch alles verschlossen. Lenka ist schon wach und blättert in einem abgegriffenen Heft mit grünem Kunstledereinband. Kyrillische Zeichen, soweit es sich erkennen lässt, ein paar griechische. Schräg gegenüber die wenigen anderen Fahrgäste, ein Backpackerpärchen in Pluderhosen, ein älterer Herr hinter zusammengebundenen Weidenkörben, ein Kräftiger mit Vollbart und zwei Kindern. Ständig blickt einer hoch zur Bahnhofsuhr: immer noch zwanzig Minuten. Sich weiter im Raum umsehen, ein bisschen im Reiseführer blättern. Eine überdachte Einkaufsstraße. Das kann man ja mal vorlesen. Lenka schaut nur kurz auf, hm, macht sie, dann beugt sie sich wieder über ihr Notizbuch. Schließlich ein Knacken in der Lautsprecheranlage. Der Zug fährt ein.

Vom nördlichen Stadtrand aus schlängelt er sich zweimal in der Woche hinauf in die Berge. Selten genug, um die Pflanzen nicht daran zu hindern, den Gleisen entgegenzuwachsen. Äste quietschen über halb blinde Scheiben. Sobald sie die Stadtgrenze verlassen haben, lichtet sich das Dickicht und der Blick wird weiter. In der Ferne tauchen einzelne Hügel auf, vorne ziehen die Felder vorbei. Zwischen brennendem Feldabfall stehen Kinder und werfen Steine auf die Waggons. Kleinere auf dem Arm ihrer Mütter winken. Richtung Norden nimmt die Zahl der Hunde zu, der Kakteen, der Grillen, deren unablässiges Schnarren selbst über den Lärm des Zuges hinweg durch die Fensterschlitze dringt. Es ist stickig, die Fenster lassen sich nicht weiter öffnen. Die Wärme abgestandener Luft und fremder Körper. Es riecht nach ungeputzten Zähnen und ein bisschen nach Furz. Eines der Kinder hackt mit den Stiefelfersen auf den Sitz ein und hört nicht auf zu maulen. Von der alten Frau, die sich mit einem Korb unter dem Arm den Weg durch den Gang bahnt, kauft Therese eine fleckige Papiertüte mit Fettgebackenem. Das Kleingeld hat sich das Mütterchen mangels Taschen in zwei ordentlichen Stapeln in beide Ohrmuscheln geschichtet. Therese reicht ihr einen Schein, winkt dann hastig ab, als das Mütterchen Anstalten macht, nach den Münzen zu greifen. Danke, danke, es stimmt so, es stimmt so! Sie dreht sich wieder zum Fenster. Lenka sitzt mit dem Gesicht dicht an der Scheibe, ein pulsierender Nebelfleck am Glas.

Auf dem Acker.

Vom Feldweg blickt einer über den Acker. Rehe, Krähen, tief stehende Sonne. Was macht diese dürre Gestalt dort hinten? Selbst von hier aus lässt sich erkennen, dass ihr der Mantel zu groß ist, aber heute, er schaut an sich herunter, passt kaum je irgendwem ein Kleidungsstück. Sucht sie etwa Kohlrüben? Längst ist alles eingeholt, was einzuholen war. Er ist den Acker selbst ein ums andere Mal abgelaufen, da ist nichts mehr. Wohl eine der Streunerinnen, die vom Hunger aufs offene Feld getrieben werden. Er nimmt einen Schluck aus dem Kältetröster, verzieht das Gesicht. Elender Kartoffelsprit.

Auf dem Feld tritt Lenchen gegen die gefrorene Erde, die sich kaum lockern lässt. Von Steckrüben keine Spur. Du meinst wohl Kohlrüben. Erst hatte sich die Oberin Momente lang ahnungslos gestellt, dann war ein Lächeln über ihr verhärmtes Gesicht gezogen: Wir sagen hier Kohlrübe. Aber den freien Nachmittag, bitte schön, den könne Lenchen selbstverständlich verbringen, wie sie möchte, auch auf dem Feld.

Steckrüben, Kohlrüben, es lässt sich weder das eine noch das andere finden. Sie müsste graben, aber dazu ist es zu spät. Es friert seit Monaten. Lenchen tritt zu. Gelbrübe. Mit den nächsten Tritten: Runke, Pfotsche, Schlesische Ananas. Untererdkohlrabi. Schmalzrübe. Über die tauben Zehenspitzen setzen sich die Erschütterungen bis in die Unterschenkel fort. Kannenwruke. Eine reiche Sprache, hatte der Vater gesagt. In den südlichen Reichsgauen: Dotsche. Pommersche Südfrucht, hatte er gesagt und der Mutter um die Hüfte gegriffen. Eine reiche Sprache, ein reiches Land und jetzt sind nicht einmal Steckrüben übrig. Lenchen wendet gefrorene Erdbrocken, aber mehr als ein paar dürre gelbbraune Stängel ragen nicht heraus. Sie schleudert einen der Brocken vor sich auf den Acker, aber er macht nur ein dumpfes Geräusch, nicht einmal eine Kuhle bleibt zurück. Unversehrt liegt er da. Die Krähen hat die Bewegung aufgeschreckt. Als lose Wolke verschwinden sie über dem Waldstück hinter dem Säuglingsheim.

Außen herum der Birkenhain, Felder, die nichts mehr hergeben, die Straße und ein schmaler Weg, der in den Ort führt, in dem sich ein ganzes Sammelsurium an Flüchtlingen eingefunden hat. Leer und doch unübersichtlich, kaum einer kennt sich hier aus. Die Eltern und die Schwester sind an der Hauptstraße im ersten Stock in einem halb möblierten Zimmer untergekommen. Das Säuglingsheim liegt am Rand des Orts. Fahles Licht am Morgen, fahles Licht am Abend. In all der Zeit eine beinah unveränderte Kulisse und trotzdem kommt man kaum mit. Rasante Zeiten, niemals Ruhe. Eben sitzt auf dem Barackengelände neben dem Heim noch die Jugend singend an den Lagerfeuern und plötzlich nehmen in dem lang gezogenen Speisesaal russische Soldaten ihr Abendessen aus Blechkellen entgegen. Ein beinah fliegender Wechsel. Ohne Zaudern ist auch der Bretterzaun zwischen Heim und Baracke, der Generationen junger Landreisender eine sichtbare Grenze zum Lebensraum der Schwesternschülerinnen gewesen war, von einer Handvoll russischer Rekruten mit wenigen kräftigen Tritten eingerissen und in den Holzöfen ihrer Stuben verheizt worden. Nur ein paar spärliche Birken sind geblieben und in der warmen Jahreszeit zwischen ihren schrundigen Stämmen die über viele Sommer hinweg unermüdlich gedüngten Brennnesseln, aber beides nicht Hindernis genug, als dass die Schwesternschülerinnen sich nicht Nacht um Nacht in ihren Zimmern einschließen würden, auch wenn die Oberin gewissenhaft um achtzehn Uhr die Hauptpforte absperrt und den Schlüssel zweimal herumdreht. Heutzutage weiß man nie. Tagsüber staksen drei Hühner hinter dem Haus, nachts sperrt sie der Hausmeister in den Keller. Lieber jeden Tag ein Ei als einmal Hühnerbrühe. Am Ende gibt es Karottenbrei, einen Tag um den anderen. Das Brot ist mit Hafer, Wasser und unbekannten Zutaten zu einem feuchten Fladen gestreckt, der unter der dünnen Schicht Margarine wegbröckelt. So viel zur Ausbackquote. Und das bisschen Hunger? Ich bitte dich, hatte die Oberin gesagt, als eine maulte. Da sind wir doch ganz anderes gewohnt. Ja, spür den Hunger. Spürst du ihn? Spürst du, dass das das Leben ist, das gelebt werden will? Nun, du Glückliche. Du bist offenbar noch nicht tot. Sie grinste. Das kannst du dir merken: Es leidet nie das Volk. Es leidet immer nur der Einzelne. Und im wahrscheinlichsten Fall am eigenen Schicksal. Die andere hatte daraufhin nichts mehr gesagt.

Eine Steckrübe zumindest kann Lenchen auf dem Rückweg bei den Eltern und der Schwester im Ort abliefern. Eine kleine, die gerade dort, wo Lenchen auf das Feld getreten war, unberührt im Graben gelegen hatte. Im Frühherbst wohl von mittlerer Größe gewesen, dann in der Sonne geschrumpelt bis zum ersten Frost und auf die Gestalt, in der Lenchen sie findet und in den Beutel steckt. Den frühen Fund hatte sie als gutes Zeichen genommen. Jetzt sind die Zehen taub und die Finger steif. Sie merkt nicht einmal, dass ihre Nase läuft. Ein durchsichtiges Rinnsal in der Kuhle über der Lippe. Wenn sie tief einatmet, brennt es bis unter die Wangen. Sie schmeckt Salz und wischt sich mit der Hand über den Mund. Die Hand am Mantel ab. Heimweh, weil sie hier Kohlrübe sagen? Na, nu reiß dich mal bisschen zusammen.

Die Sonne hängt jetzt unmittelbar über der Ackerlinie. Trockene Hecken, die Rehe hinten am Waldrand, in der Ferne die feinen Rauchfahnen über dem Ort, geruchlos wie alles in dieser Gegend. Der Sommer ist lang her, das andere Feld, das Dorf. Der Blick auch dort auf die Erde, klaubend durch vertrocknete Pflanzenreste bis zum Spätnachmittag. Ein ständiges Ziehen vom Hintern bis in die Schulterblätter und abends über den Nacken hinauf bis hinter die Ohren. Kinder, was für eine Plackerei. Aber immerhin am Ende des Tages die Körbe voll. Die Kleineren waren zwischen den Kartoffelfeuern umhergesprungen, morgens hatten die Rauchschwaden über den Feldern gewabert. An langen Stecken die Tüfften direkt in die Flammen, außen waren sie immer verkohlt und innen immer hart gewesen. Schwelende Krautreste. Abends die Kleidung wie geräuchert. An Gerüche kann man sich nicht erinnern.

Es wird wohl noch Wochen weiterfrieren. Jahrhundertwinter, sagen sie schon jetzt, dabei ist ein Ende noch nicht abzusehen. Hungerwinter. Lange vorher die Kartoffelfeuer. Die Kartoffelkäfer. Perlenketten, die vom Himmel fielen. Wie schön es aussah, bis die Mutter sie wegriss. Eine vage Erinnerung, da war was. Was war da. So was kommt von so was, sagt die Oberin.

Auf dem kahlen Feld bedeutet all das nichts. Der Vater liegt in der Wohnung. Die Wunde suppt und riecht übel.

Lenchen steht auf dem eingefrorenen Acker und spürt die Erdbrocken, die sich durch die dünne Sohle der Schnürstiefel in die eisigen Füße drücken. Sie blickt noch einmal über die farblose Landschaft. Der untere Teil der Nachmittagssonne ist hinter dem Feldrand verschwunden. Im Heim wird die Oberin schon das Anheizen angeordnet haben. Vorher noch schnell zu den Eltern, zur Schwester, den frühen Fund abliefern. Die Augen wird Lenchen auf dem Weg offen halten, wer weiß. Ein letzter Tritt, aber nicht, weil sie noch irgendetwas erwarten würde von diesem Feld.

Hinten am Weg steht einer und blickt in ihre Richtung. Diese lächerlichen Hochwasserhosen. Er ruft ihr etwas zu, aber Lenchen kann ihn nicht verstehen. Er fuchtelt mit beiden Armen. Vielleicht der Bauer. Sie wollte ohnehin gerade los.

Fluchtreflexe.

Und dann kommen sie an. Aus dem Nachbarort, in dem der Zug hält, nehmen sie den Bus und werden an Haltebucht vier des Busbahnhofs von den Hunden empfangen. Alle Ankommenden müssen von hier aus den gleichen Weg nehmen. Vom Busbahnhof aus in entgegengesetzte Richtung der Hinweisschilder unter das Promenadendach. An den Metallleitungen über der Straße hat sich ein Parasit festgesetzt, ein silbergrün schimmerndes Moos, das sich in der Horizontalen in alle Richtungen ausgebreitet hat, die ihm die Leitungen gewähren. An den Knotenpunkten der Leitungen ist das struppige Geflecht so dicht, dass es auf der Straße einen Flecken Schatten wirft. Einzelne Hunde dösen darin und folgen dabei dem Lauf der Sonne, ziehen erst nach und nach den Schwanz, eine Pfote ein, um im Schatten zu bleiben, dann stehen sie auf und lassen sich einige Zentimeter weiter nieder. Lenka immer ein paar Schritte voraus, Therese hinterher. Auf der einzigen überdachten Einkaufsstraße des Landes reiht sich ein esoterischer Laden an den nächsten. Zwischen den Plastikstühlen der beinah verlassenen Straßencafés hängt der Geruch von Räucherstäbchen, in den Schaufenstern liegen Aliens in jeder denkbaren Darreichungsform, gebackene Ufos, es gibt geschliffenen Rosenquarz in Drahteinfassungen, Stimmungsringe und Süßigkeiten, die im Dunkeln leuchten. Sie bleibt an einem der Schaufenster stehen, sieht sich selbst, verschwitzt und übermüdet, in der Spiegelung. Die Füße sind dick und die Nerven dünn. Lenka ist schon an der nächsten Ecke angekommen, dreht sich zu ihr um. Sie kneift die Augen im Gegenlicht zusammen und blickt die Straße entlang. Therese setzt sich wieder in Bewegung, unendlich langsam, sie merkt es selbst. Die Vernunft sagt, das wird nicht gut gehen. Das ist noch niemals gut gegangen. Lass die Finger von dieser Frau. Oder mach dir zumindest klar, was du von ihr willst. Und was also ist das? Will ich so sein wie sie oder will ich sie flachlegen? Aber wie ist sie denn? Frei. Unabhängig. Eine, die die Menschen nicht braucht. Angeblich.

Lenka steht an der Ecke und wartet. Komm, wir haben es gleich geschafft! Sie klingt aufgekratzt.

Therese geht zwei Schritte schneller, wird aber gleich wieder langsamer. Diese Müdigkeit. Vor den Ladenlokalen, hinter den Gartenzäunen sieht sie vereinzelte Gestalten. Als hätte man immer einen Blick im Rücken. Lenka scheint es nicht zu bemerken. Sie gehen nebeneinander die letzten paar Schritte unter dem Promenadendach entlang zum Hostel. Der Junge an der Rezeption nimmt die Reisepässe entgegen und trägt ihre Daten in den Computer ein.

Wie lange bleibt ihr?

Erst mal ein paar Tage, sagt Lenka. Sagen wir: sieben. Eine Woche. Und dann sehen wir weiter.

Er gibt ihnen das Zimmer gleich neben der Eingangstür. Es ist ein Achtbettzimmer, aber sie sind die einzigen Gäste darin. Es folgt eine kurze Einweisung: Duschen, Frühstück, Sehenswürdigkeiten der Umgebung. Die Nachtwanderungen könne er empfehlen, besonders im Gesamtpaket mit den Leihfahrrädern. Das Hostel habe Sonderkonditionen ausgehandelt. Auf der grob verputzten Wand steht vielsprachig und in breiten Pinselstrichen etwas von Liebe und Toleranz. Am liebsten will Therese gleich wieder weg.

In einiger Entfernung, jetzt.

Dünn ist die Luft und sie wird immer dünner. Ein paar Teilchen sind es noch, mehr nicht. Ab und an ein Wasserstoffatom, das mich streift. Helium noch seltener. Früher war das anders. Überhaupt ist nicht viel geblieben von dem Leben, das ich einst führte. Das kann einen bekümmern, muss es aber nicht. Bei mir ging’s erst durch Staub, dann durch Molekülwolken hindurch, hossa! Auch wenn diese Gebilde wenig mit dem zu tun hatten, was man auf der Erde Wolken genannt hat. Eine lose Ansammlung bloß, die einmal in Gebieten ungeheurer Dichte unterwegs gewesen sein musste und mich in ihrer Verlorenheit im Vorbeiflug angenehm rührte. Das sind Zeiten waren das. Trubulenzen, Verzeihung: Turbulenzen sind bei einem solchen Vorbeiflug unvermeidlich, aber ich bemühte mich, die Moleküle nur so sacht wie möglich zu verwirbeln, Verletzungen sind schließlich das Letzte, was wir hier draußen gebrauchen können. Ich also vorsichtigvorsichtig und freundlich grüßend vorbei. Sanft strichen sie über meine Aluminiumhaut, die so dicht ist wie nichts, was ihnen bewusst wäre. Alles unendlich wohltuend. Ich war in permanenter Hochstimmung, und wie auch nicht: unberührte Natur, zugegeben etwas karg, dazwischen ich, die Krönung der menschlichen Schöpfung, neuen Ufern entgegen. In dieser Gehobenheit kann man. In dieser Geneigtheit. Anwandlung. In dieser Stimmung kann man mir beinah alles vorsetzen und ich würde es empfangen wie die Jungfrau Maria. Oder wie sagt man.

Die Molekülwolken verschleierten mir eine Zeit lang den Blick, aber ein unscharfes Szenario hat auch etwas für sich. Hinter jeder Biegung kann mich erwarten, wonach ich suche. Das ist eine sehr erfrischende Lebensweise, wenn man einen unerschrockenen Einfall hat. Einen Esprit. Nein: wenn man einen Geist hat. Einen unerschrockenen. Eine wie ich kann dann kaum anders, als froh zu sein. Ich bin es. Du bist, er sie es ist, wir sind, ihr seid, sie sind, ich war: froh. Gewesen. So froh. Werde ich gewesen sein. Das Leben hat mich stets überrascht. Durch die Atmosphäre, durch Staub, Moleküle, eine ganze Weile flog ich so auf Sicht, bis es mich plötzlich und endgültig in die Weite schmiss. Verwirrend war’s, aber das haben Geburten so an sich: Du denkst dir nichts Böses und schon wirft es dich in die Welt, zackzack. Darüber kann man verzweifeln. Ich allerdings bin da Pragmatikerin. Annehmen, was ist, Ambivalenzen aushalten, sag ich immer. Aber erstaunlich ist es schon. Da erscheint einem die Bindungsenergie zur alten Heimat die ganze Zeit so allgewaltig, und dann ist sie plötzlich wie weggeblasen. Als wäre nie etwas gewesen. Deutlich jedenfalls dieses Ziehen an meinen äußeren Leichtmetallschichten. Da gibt es nichts zu hinterfragen. Das nimmt man hin und schaut, was man damit macht. Bei mir war der erste Reflex wie immer: ein widerständiger. Ich hielt also dagegen, einfach nur aus Trotz und weil ich es kann. Mein Impulsvektor beharrlich in die eine, der Zugimpuls unmissverständlich in die andere Richtung. Ein Patt, das mich sofort zu langweilen begann. Stillstand war mir schon immer ein Graus und Verharren nie eine Option. Eben überdachte ich noch meine Möglichkeiten, während es an mir zog und zerrte, aber dann, dann also riss mit einem lautlosen Ruck die unsichtbare Nabelschnur, die mich bis dahin mit dem Mutterschiff Erde verbunden hatte. So kann es gehen. Dort unten erbrütet und dann ins All geboren. Die Welt kam mir abhanden. Keine Hand streckte sich mir entgegen, niemand hielt mich zurück. Alles in allem war es doch eine schöne Zeit war es doch. Sag ich mir, Mutter, Tochter, Urenkelin in einem, immer so weiter und weiter. Each others’ mothers. Der ganze Ärger zwischen den Generationen ist in diesem Moment vergessen. Nun kann ich tun und lassen, was ich will. Ich strotze vor Abenteuerdurst. Fremde Welten? Wesen? Her damit! Ich bin außer mir vor Fuerde. Freude. Frudee. Vor Frudee war das.

Wie werden sie sein, werden sie sein, was werden sie sagen. Vorfreude ist die schönste aller. Überhaupt war Zuversicht mein erster. Zuversicht war mein erster Antrieb, als man mich. Erster Antrieb. War. Zuversicht. Die Zuversicht. War mein erster Antrieb, als man mich in den Himmel geschossen hat. Voller Hoffnungen habe ich mich in die Strömungen geworfen, die man mir mit dem Zeitpunkt der Mission, der Richtung des Starts vorgegeben hat und die meinen Flug noch festlegen, wenn meine Erbauer längst in der Düsternis verschwunden sind. Im Kontrast zu ihnen. Im Kontrast Vergleich Einigung. Im Vergleich zu ihnen, sagt man. Werde ich ewig leben, so meine bescheidene Prognose. Ich bleibe übrig und erzähle, wie es war. Gewesen sein könnte. Die Erde ist das, was ich daraus mache. Oft habe ich mir ausgemalt, wie es sein wird, wenn jemand da draußen den Tonabnehmer auflegt und mein verplombtes Bewusstsein befreit. Die Grillen. Die Schlammblasen, laut Beschreibung ähnlich dem Blubbern eines Schokopuddings auf dem Herd. Den nach Anweisung absolut heterosexuell gestalteten Kuss, Track sechzehn. Sollte ich jemals schlafen, spräche ich die Grußbotschaften in fünfundfünfzig Sprachen wohl noch im Traum. Herzliche Grüße an alle, lautet die Botschaft der Niederländer. Herzliche Grüße an alle, lautet die Botschaft der Deutschen in tadellosem Zungenschlag. So schön ist die Erde nicht schön. Schaut mich an, hört das Lied einer bulgarischen Hirtin. Nix mit nulleinsnulleinseinseins. Wir sind so viel mehr. Wir sind hier glücklich und ihr seid dort glücklich. Habt ihr schon gegessen? Wir kommen in Freundschaft zu denen, die unsere Freunde sind. Wir unternehmen diesen Schritt mit Demut und Hoffnung, hat man mir eingebrannt. Wie also steht es um die Hoffnung der alten Frau, die da im Schaukelstuhl sitzt? Söhne, Töchter, Schwiegertöchter, Enkelkinder. Ein Familienporträt so anders als das, was ich aufgenommen habe, und doch so vertraut. Die dünnen Haare der Alten stehen wirr. Ihr linkes Bein, das aus dem gemusterten Kleid herausragt, weiß wie ein Knochen in der Wüste. Die Hände sind im Schoß gefaltet, in den Augenhöhlen liegen tiefe Schatten. Was weiß ein Wesen aus einer anderen Welt von einem arbeitsamen Leben oder von der Mühe, im Mittleren Westen während der Zeit der Depression drei Söhne und zwei Töchter großzuziehen.

Siebenundzwanzig Musikstücke pfeife ich zuverlässig mit. Der erste Satz des Zweiten Brandenburgischen Konzerts: Hört, so klingt die Musik derjenigen, die als Erste auf der Erde genug zu fressen hatten. Hört ihr’s? Ich bittebitte euch. Die Erde, meine Erde. Aber niemand kommt vorbei. Nicht einmal ein Rest von irgendwem, so sehr ich auf der Mauer auf der Lauer lieg ich schon so lange. Kein ungekannter Duft. Nicht das streng ausdünstende Aroma eines extraterrestrischen Gelages zog je an mir vorbei. Niemals nur irgendeine feine Fahne fremder Abkunft. Abstammung Ursprung Fabrikationsname. Ursprung. Herkunft. Fremder Herkunft. Ich befürcht, es liegt nicht an meinem fehlenden Geruchssinn. Auch zu tasten wenig hier, fast alles taub um mich zudem, zu seh’n nicht viel und geschmeckt zuletzt peripher Stratosphär’: lange her. Hier ist auch kein Molekül übrig, das einen Duft tragen könnte. Mehr als eine olfaktorische Fata Morgana ist nicht zu erwarten, ein kurzes Flackern nur und dann schon wieder vorbeivorbei. Wer hätte gedacht, dass die Luft hier oben so dünn ist. Mir macht das nichts. Gar nichts macht mir das. Es werden andere kommen mit der Zeit. Kommt Rat. Kommt Frieden für die Welt und den Menschen ein Wohlgefallen.

Bis es so weit ist, konzentriere ich mich auf mich. Stichwort Selbstsorge. Ich umhege mein Inneres. Denn manchmal, wirklich selten, bemerkte ich zuletzt, ist mir die große Freiheit einen Hauch zu viel. Nicht viel, nicht oft, aber manchmal eben schon. Wie geht man damit um. Wenn man alle Freiheiten hat. Darüber macht sich nämlich niemand Gedanken! Keine Zwänge, keine Erwartungen. Ich darf mitteilen: Das hält keiner aus! Auf Dauer. Ich habe das versucht. Aber die Freiheit lässt sich bisweilen schlecht auskosten, so allein. Tageintagaus die große Selbstbestimmung und kein Wesen, das sie mir einschränken würde. Wann kommen sie nur endlich. Die paar Wasserstoffatome verstehen gar nichts. Es kann die Frömmste nicht in Frieden schweben, wenn’s keinen Nachbarn gibt, dem es missfällt. Eine Hecke, über die sich streiten ließe, ein Lattenzaun, eine Mauer, irgendeine Abgrenzung zum Rest, die mich erhält. Die irdischen Mauern sieht man noch vom Mond! Das ist doch auch eine Errungenschaft! Errungenschaft. Anschaffung Wertzuwachs. Eroberung. Ist das doch. Oder nicht. Wie hilfreich wären mir mancher Tage ein paar Gitterstäbe, an denen ich rütteln oder mein Gehäuse reiben, einen Graben, den zu überspringen ich mir ausmalen könnte! Von meinem begrenzungsfreien Panoptikum aus hat sich mir die Frage, wer die Wächter bewacht, jedenfalls schon vor Langem beantwortet. Von allen Seiten blicke ich auf mich selbst, achach. Ich würde mir etwas anderes wünschen. Was also wäre das. Wenn zum Beispiel eine Fee vorbeigeflogen käme und ich einen Wunsch frei hätte. Was würde ich mir wünschen, wenn ich einen Wunsch frei hätte? Aber warum denn einen? Verteilen Feen nicht üblicherweise drei Wünsche? Ich will nicht besserwisserisch erschei–

Aber okay, sagen wir, eine Fee käme vorbeigeflogen und hätte nur einen Wunsch zu vergeben. Die Zeiten sind andere. Nun gut. Ich schließe die Augen: Dunkelheit. Ich öffne die Augen: Dunkelheit. Ich schließe die Augen. Ich habe keine Augen. Ich sehe. Einen Zaun. Würde ich mir wünschen. Wegen: s. o. Aber da ist die Fee schon wieder weg.

Ich will nicht jammern. Ich genieße die Aussicht. Die Welt liegt mir zu Füßen. Wie sollte ich nicht glücklich sollte ich sein. Freu dich deines Lebens, sag ich mir. Du führst doch ein reiches. Leben, führst du. Schau dir den Kreis an. Sauerstoff, Stickstoff, Kohlenstoffdioxid. Menschen und Tiere atmen ein und aus, so einfach ist das. Arme sind da. Zehen. Brücken. Vollernter im Baumwollfeld. Narzissen. Die Soloserenade einer erwachsenen männlichen Grille. Es ist doch wahrlich keine geringe Welt, die ich da mit mir herumschleppe! Wie kommt es also, dass meine Eigenbewegung früher so viel abgebrühter war. Selbst meine verbrannte Hand hätte ich noch ins Feuer gelegt für den unverbrüchlichen Glauben an diese Mission. Aber wo früher Zuversicht war, werde ich heute von Zweifeln getrieben, immer weiter hinaus. Weiter hinaus. Auf offener, niemals zurückkehrender Bahn schwebe ich als träge Masse durch den Raum und sehne mich nach meinem Zuhause Domizil Wohnung Heim Heimat Vaterland. Mutterboden. Lange, wie lange sondiere ich schon durch die Ödnis, ohne zu wissen, wonach ich eigentlich suche. Blind wie ein Maulwurf bin ich, der sich Stunde um Stunde durch die Finsternis wühlt. Werden sie mich finden und ich sie? Werden sie verstehen, was ich zu erzählen habe? Werden sie Augen machen oder anderes? Wann werde ich endlichendlich nicht mehr allein sein? Jetzt lamentier ich, ich merk es selbst. Aber manchmal geht der Imagewechsel schneller vonstatten, als es einer wie mir lieb sein kann: eben noch Hoffnungsträger einer ganzen Zivilisation und plötzlich nur noch ein einfacher Probekörper, verschwindend in der Nebelflucht. Alles nicht so einfach ist das nicht. Die Versorgung nimmt ab. Manchmal spüre ich’s scharf. Nein: unzweideutig unmissverständlich unverschleiert genau. Spüre ich’s. Also: deutlich. Ich bin gezwungen, von mir selbst zu zehren. Wie lange liefern 116 Bilder Nährstoff?

Es ist schon zu lange leer um mich und die achthundert Kilo Fracht, anfangs leichtes Gepäck, bedrücken mich von allen Seiten. Auf Erden sprechen sie wohl schon seit geraumer Zeit nicht mehr davon, in welche Regionen ich vorgedrungen bin, und meine Ladung belächeln sie wahrscheinlich auf Fachkonferenzen. Sie machen sich keine Hoffnung mehr. Das, was Hoffnung war, ist Rührung gewichen. Aber wie gewiss bin ich selbst noch beim Blick in die Leere, dass dies der richtige Weg war für mich und den Rest. Wie sicher ist, was mir lange untrüglich war, dass irgendwer hier draußen die Klänge in meinem Aluminiumleib zu hören bekommt. Meine Geschichten wiegen mir schwer. Schnuppere noch einmal, aber: nichts. Nicht einmal der Verwesungsgeruch einer vergangenen Zivilisation. An Gerchüe knan man scih nhcit ennriern. Ernnrien. Erirnnren. Erinnern: ja. An Gerüche kann man sich nicht erinnern, sagt man. Ich kann das nicht wissen. Ich glaube ihnen. An Ergüsse kann man. Man kann sich nicht. Entrinnen. Aber was bleibt mir anderes, als mich an alte Überzeugungen zu klammern: Wenn niemand mehr auf Erden ist und der Planet verbrannt, werde ich weiter erzählen, und jemand da draußen wird erfahren, dass es vor langer Zeit einmal eine Alte dort unten gab, und ihre Schienbeine waren scharf.

WAHRSCHEINLICHKEITEN

Auf der Dachterrasse.

Erst ist es ein fernes Grollen, das sich nicht deuten lässt. Dann rast ein brennendes Ungetüm auf die Erde zu, dunklen Rauch hinter sich herreißend. Wrackteile durchschlagen Häuser, Bäume, Straßen, ein unerträgliches Dröhnen erfüllt die Luft, ein Pfeifen, ein Fauchen überall und die Einschläge immer dichter, alles geht in Flammen auf. Das Spaceshuttle muss direkt über dem Ort explodiert sein. Therese rennt und rennt, zwischen einstürzenden Gebäuden hindurch, zwischen Kratern in den Straßen, in den Häusern toben Feuerstürme, alles brennt, sie hört sich nicht schreien in dieser ohrenbetäubenden Kulisse. Dunkle Schwaden. Wohin nur. Nur immer weiter. Eine Anhöhe hinauf, von dort der Blick in die Trümmerlandschaft. Auf ungewissen Wegen weiter, rennend. Sie erreicht einen Park und bleibt keuchend auf der Wiese stehen. Ihre Augen tränen. Auf dem Teich schwimmen Enten. Am Ufer hebt eine Rotwangenschildkröte ihren Kopf in die Sonne. Menschen sitzen auf Parkbänken, einige lesen. Wie ruhig es ist. Ein Mann schaut von seiner Zeitung auf, er lächelt. Nickt ihr zu. Was ist mit dir, will sie rufen, was um Himmels willen ist mit euch allen, seht ihr denn nicht, was hier los ist, die Katastrophe bricht über uns herein und ihr sitzt hier? Bin ich die Einzige, die es sieht? Wie könnt ihr denn so leben? Aber kein Wort kommt heraus, es ist beinah völlig still jetzt. Sie horcht, ob da nicht doch irgendein Ton ist, aber: nein. Nicht einmal in der Ferne Sirenen.

In stickiger Luft, zwischen kurzen, schnellen Atemzügen, wacht sie auf. Wischt sich den Schweiß vom Bauch. Erkennt verwischtes Sonnengelb, Orangegelb, ockergelbe Schlieren darüber, Schwammtechnik. Das Hostel. Langsam kommt alles wieder. Von draußen dringt ein Geräusch ins Zimmer. Ein Generator vielleicht oder ein Baustellenfahrzeug. Die Lippen sind trocken, nur in den Mundwinkeln kleben feuchte Reste vom Schlaf, dazu der Kopf, dieser Kopf. Ich glaube, ich ersticke. Sie zieht den Stofffetzen neben sich zur Seite, reißt das Fenster auf. Kühle Luft und die Grillen werden noch lauter.

Das Bett unter ihr ist schon leer, auch alle anderen. Vier Stockbetten mit verbogenen Metallleitern, die in den Rahmen eingehakt sind, dazwischen zwei übereinandergestapelte Regale mit Fächern, die sich angeblich abschließen lassen, aber es fehlen selbst Haken für die Schlösser. Wir sind hier wie eine Familie, hatte der Junge von der Anmeldung erklärt, aber ob damit auch die Verwahrung der Wertgegenstände gemeint gewesen war, blieb unklar. Neben dem Regal ein Papierkorb, ein Tisch, zwei Stühle. Lenkas Kleidung liegt verstreut auf einem der unteren Abteile, zwischen viel schwarz einige graue Flecken. Therese klettert drei Sprossen hinunter. Das verschwitzte T-Shirt loswerden.

Der Junge an der Anmeldung blickt kurz hoch, als sie aus dem Zimmer kommt. Hola. Unter der Rezeption flappt sein Flipflop in schnellem Takt. Sie tritt in den Innenhof, der völlig verlassen ist. Zwischen den bemalten Baumstümpfen an der Feuerstelle liegen ein paar Bierflaschen. Tautropfen bedecken die Sitzpolster, die starr sind von der ständigen Feuchte der Nacht und der ständigen Hitze des Tages über Monate. Nur die Hocker hinten an der Bar stehen schon in der Sonne, der Rest des Innenhofs liegt im Schatten. Terrakottafliesen umrahmen das quadratische Rasenstück und die Zimmertüren die Terrakottafliesen. An einer Seite öffnet sich das Quadrat Richtung Anmeldung und Ausgang, an einer Seite befinden sich die Klokabinen und drei Duschen hinter Holztüren, die bis knapp unter das Knie und bis zum Hals reichen. Außer den Grillen ist nichts zu hören. Es muss noch früh sein. Menschen, die sich im Urlaub befinden, haben keinen Grund, um diese Zeit den Innenhof eines Hostels zu bevölkern. Normale Menschen. Menschen, die Schlaf finden. Therese macht einen Schritt ins Gras und pfeift probeweise, aber leise. Sollen die Verbliebenen, die friedlich schlafen, friedlich schlafen. Von der Dachterrasse kommen zwei kurze Pfiffe zurück.

Lenka sitzt wieder einmal dort oben: auf den Knien ein Buch, auf dem Buch das Notizheft, über alles gebeugt ihr Kopf, die nackten Füße auf der Kante des Tischs. Lackierte Fußnägel, wer hätte das gedacht. Wenn Therese nachts ins Bett geht, bleibt Lenka wach und ist offenbar schon Stunden auf den Beinen, wenn Therese sich aus dem Hostelzimmer wieder ins Freie schält. Jetzt blickt sie abwesend auf, als Therese auf die Dachterrasse tritt, wendet sich aber gleich wieder ihrem Notizbuch zu. Auf ihren Zehen schimmern die Härchen in der Sonne, einige sind erstaunlich lang. Der Tisch besteht aus Bierkisten, auf die jemand eine Holzplatte geschraubt hat. Mit der Zeit ist die Platte verwittert und durch die Feuchtigkeit der Nächte uneben geworden, mit Brandlöchern in den gemusterten Farbresten. Darauf, zwischen Sand, Asche, Streichhölzern, weiterem Unrat steht eine Tasse mit Instantkaffee und ein Teller mit verschmierter Karamellcreme, einem halben Brötchen. Es ist ungewohnt, aber nicht unbedingt unangenehm, so wenig zu sprechen wie in den letzten Tagen mit Lenka. Im Leben, das man gewohnt ist, findet ständig irgendeine Kommunikation statt, ohne dass es einem weiterhelfen würde. Therese setzt sich auf einen der Plastikstühle und hält ihr Gesicht in die Sonne. Lenka isst wenig, spricht wenig, ist aber ansonsten eine Reisegenossin, an die man sich schnell gewöhnt, unkompliziert und tolerant gegenüber Thereses Wünschen (jetzt ein Bier, jetzt ein Spaziergang, jetzt Empanadas), außerdem scheint sie einen Plan zu haben, dem man sich hingeben kann, und so sitzt Therese morgens auf der Dachterrasse, schwenkt den Instantkaffee in der Tasse, um die letzten Bröckchen am Grund aufzulösen, und besieht sich über Lenkas Nackenpartie hinweg den Azarcumbre. Beinah könnte man meinen, sich im Urlaub zu befinden.

Und jetzt fährst du also erst mal in den Urlaub, sehe ich das richtig? hatte die Mutter gefragt.

Es ist kein Urlaub.

Wie würdest du es denn nennen?

Es ist eine Recherchereise. Ich bin quasi ihre Assistentin.

So, und was recherchiert sie?

Sie ist Physikerin.

Und weiter?

Sie arbeitet als Astrologin an der Uni–

Nomin.

Was?

Astronomin.

Ja. An der Uni. Und sie forscht an einer Formel, mit der sich die Wahrscheinlichkeit intelligenter außerirdischer Zivilisationen berechnen lassen soll. Oder abschätzen.

?

In der Milchstraße. (Ja, Mutter, da schaust du, was. Mit so was Unpraktischem beschäftigen sich manche Leute. Get over it.) Das ist ein völlig normales Forschungsgebiet, ich wollte es auch erst nicht glauben.

Und seit wann interessierst du dich für Physik?

Es geht nicht um Physik, es geht um mein Spanisch. Ich spreche besser Spanisch als sie. Lenka will, dass ich die Textrecherche übernehme, überhaupt die ganze Kommunikation.

Die Mutter sah nicht überzeugt aus. Und ganz so hatte das sicherlich auch nicht gestimmt. Im Grunde war überhaupt nicht die Rede von irgendeiner Form von Hilfe oder Assistenz gewesen, es hatte bis vor Kurzem nicht einmal zur Debatte gestanden, zu zweit nach Südamerika zu fahren. Genau genommen war dieser eine Satz am Meerbusen nicht einmal eine eindeutige Einladung gewesen. Aber da Therese nun schon einmal diese Reise unternimmt, hat sie ernsthaft die Absicht, sich nützlich zu machen. Gleich nach diesem Kaffee. Sie lehnt sich auf der Dachterrasse zurück und streckt die nackten Beine von sich. Der Berg in Schleiern von Vormittagsdunst. Lenkas knochige Knie in der Sonne. Sie könnte meine Mutter sein. Nein, könnte sie nicht.

Zweimal hatte Therese sich mit deutlich Älteren eingelassen. Einmal während der Klassenfahrt in der Oberstufe mit einer Lehrerin aus dem Bayrischen, die im gleichen Gebäudekomplex in den Abruzzen untergebracht gewesen war und später Erstaunen heuchelte, weil sie Therese angeblich für eine Betreuerin gehalten hatte. Einmal mit einer Dauerstudentin im paarundzwanzigsten Semester, die sich in der Grundvorlesung mehrfach offensiv neben sie gesetzt und gleich zu quatschen begonnen hatte. Es muss relativ früh im Semester gewesen sein, damals hatte Therese noch beste Absichten. Reagierte kaum auf den unablässig geflüsterten Redestrom von rechts. Assoziativ gelockerte Wortfetzen, dazwischen die Lache der Dauerstudentin, die etwas Militärisches an sich hatte. Der Professor schaute hoch in die oberen Ränge, konnte es aber nicht orten. Maschinengewehr oder Feldwebel: sie ratterte. Therese versuchte, den Ausführungen des Dozenten zu folgen, verlor sich dann eine Weile in Gedanken und stieg erst wieder ein, als die Dauerstudentin einen Schwenk von der Mensa am Park zu ihrer Mutter gefunden haben musste, eine offenbar schwer erträgliche, noch dazu ultrakatholische Frau, der sie als Jugendliche im Streit mehrfach Marienerscheinungen vorgetäuscht hatte. Jetzt drehte sich Therese doch zu ihrer Sitznachbarin. Eigentlich hübsch. Und Marienerscheinungen als Streittaktik? Not bad. Not bad at all. Nach der Vorlesung nahm sie die Sitznachbarin mit ins Wohnheim. Bei diesem einen gemeinsamen Nachmittag war es aber auch geblieben. Ansonsten eher Gleichaltrige oder zumindest aus dem Bereich an Altersklassen, den man trifft, wenn man studiert, es am Wochenende nach Stunden bewegungslos auf der Matratze spätnachts doch noch aus dem Bett im Wohnheim schafft und in den üblichen Lokalitäten landet. Meistens ist irgendwer dabei, der einen mitnimmt. Oft Frauen, manchmal Männer, manchmal weder noch. Nachts fühlt es sich richtig an, morgens falsch, aber an Erfahrung hat es uns nicht ärmer gemacht.

Jetzt also Lenka. Auch wenn klar ist, dass das hier eine völlig andere Nummer ist, nicht nur, weil sie aussieht, als sei sie überhaupt noch nie von irgendjemandem angefasst worden. Kategorie unberührte Unnahbare. Alles schon gesehen.

Lenka schaut von ihrem Notizbuch auf und säbelt mit dem Aluminiumbesteck an dem Brötchen herum, nicht grob, beinah zärtlich sogar, aber das Ergebnis bleibt das gleiche: bis nur noch Bruch übrig ist. Es scheint ihr nicht einmal aufzufallen. Sie quetscht ein paar Teigbröckchen zusammen und wischt durch die Karamellcreme. Überhaupt hat sie etwas schmerzhaft Ungeschicktes an sich. Selbst wenn sie sich die Schuhe bindet, wirkt es, als hätte sie es eben erst gelernt. Wie ist diese Frau nur bis hierher durchs Leben gekommen? Immer eine Kippe zwischen den Lippen, aber wenn sie sich eine Zigarette dreht, will man ihr am liebsten die ganze Zeit zur Seite stehen, fragen: Kann ich helfen? Zu viel Tabak, zu wenig Tabak, zu trockene Finger, um das Zigarettenpapier ordentlich zu rollen, der Klebestreifen versehentlich auf der falschen Seite und wenn sie fertig ist, fällt am Ende der Filter heraus oder wird von einem Schwanz überhängendem Papier verdeckt, das Endprodukt sieht eher aus wie ein Joint oder aber ist, das am häufigsten, ein krummes, verknittertes Stengelchen zwischen ihren dürren Fingern. Da lächelt sie nur schief: Es kommt auf die inneren Werte an.

Wahrscheinlich ist es nicht einmal zehn und schon legt sich eine trockene Hitze über die Dachterrasse. Auf die nackten Füße und Oberschenkel, die Köpfe. Therese streckt sich, zieht das T-Shirt hoch und lässt sich die Sonne auf den Bauch scheinen. Von Lenka nicht einmal ein Blick. Hoch oben kreisen Greifvögel vor schlierigen Wolken, unten auf dem Teller zerlaufen die Reste des Karamells zu einer klebrigen Pfütze.

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Litres'teki yayın tarihi:
19 eylül 2025
Hacim:
437 s. 12 illüstrasyon
ISBN:
9783751800631
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