Kitabı oku: «Mühlviertler Kreuz»

Yazı tipi:

Eva Reichl

Mühlviertler Kreuz

Kriminalroman


Zum Buch

Hochzeit mit Folgen Auf der Burgruine Reichenstein wird ausgelassen Hochzeit gefeiert. Am nächsten Morgen hängt die Braut tot in den Bäumen unterhalb der Ruine. Für die Inspektoren Oskar Stern und Mara Grünbrecht vom LKA Linz ist rasch klar, dass das Opfer über die Mauer der Hochburg gestoßen wurde. Bald rücken die Familienmitglieder der Brautleute ins Visier der Ermittler, da sie etwas zu verbergen scheinen. Als dann auch noch eine Überweisung in Höhe von 5 Millionen Euro auftaucht und bekannt wird, dass der Sänger der Hochzeitsband der Braut näher kam als üblich, ist klar, dass das keine normale Hochzeit war. Doch wer profitiert von dem Geld? Und wer vom Tod der Braut? Und wer ist der Unbekannte, der auf der Feier immer wieder mit der Braut getanzt hat und seither wie vom Erdboden verschluckt ist? Die Ermittler gehen auf Täterjagd ins Mühlviertel. Dabei macht einer von ihnen einen bedeutsamen Fehler, den er teuer bezahlen muss.

Eva Reichl wurde in Kirchdorf an der Krems in Oberösterreich geboren und zog bereits als Kleinkind mit ihrer Familie ins Mühlviertel, wo sie bis heute lebt. Neben ihrer Beschäftigung als Controllerin schreibt sie überwiegend Kriminalromane und Kindergeschichten. Mit ihrer Mühlviertler-Krimiserie verwandelt sie ihre Heimat, das wunderschöne Mühlviertel, in einen Tatort getreu dem Motto: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Böse liegt so nah.

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

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Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Katja Ernst

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Lisa Reichl

ISBN 978-3-8392-6960-2

Widmung

Für Franz, meinen Ehemann

1. KAPITEL

Die Hochzeit auf der Burgruine Reichenstein im Mühlviertel war in vollem Gange. Marion Balduin tanzte ausgelassen mit Albert Freiherr, ihrem Zubräutigam. Hin und wieder erhaschte sie in dem unbeschwerten Treiben die Blicke ihres frisch angetrauten Ehemannes. Sie vermochte nicht zu sagen, ob er eifersüchtig war, bereits heute am Tag ihrer Hochzeit. Aber eigentlich interessierte sie es nicht. Sie wollte Spaß haben und ausgelassen feiern, wenn sie schon einen Mann heiraten musste, den sie aus freien Stücken niemals genommen hätte. Fabian Hallsteiner.

Er war nicht Marions Typ. Sie bevorzugte ältere, reifere Männer, die wussten, was sie wollten. Fabian hingegen war lieb und nett, ein Träumer. Und er spähte zu ihr herüber. Beobachtete sie bei allem, was sie tat, und strich sich die blonden Haare zurück, die seitlich kurz geschnitten und oben etwas länger waren. Stumm forderte er sie heraus.

Sie reckte das Kinn, zog Alberts Kopf zu sich herab und küsste ihn. Mit Zunge. Leidenschaftlich. Er machte mit, schien den Kuss zu genießen, erwiderte ihn und drückte sie an sich, bis sie seine Erregung spürte. Dann löste sie sich von ihm und drehte sich ausgelassen im Kreis. Sie wusste, dass die Aufmerksamkeit aller Hochzeitsgäste ihr galt, lachte und verlangte nach einem Glas Wein. Jemand reichte es ihr und Albert führte sie von der Tanzfläche.

Doch sie wollte nicht aufhören. Sie wollte tanzen!

Sie ließ Albert stehen und eilte zurück auf die Fläche im Burghof, wo sich die Menschen ausgelassen im Rhythmus der Musik bewegten. Jeder von ihnen war froh, endlich wieder gemeinsam feiern zu können, denn während der Hochblüte der Corona-Pandemie war eine so große Hochzeit nicht möglich gewesen.

Gleich neben dem Eingang in die Burgkapelle hatte sich auf einer Bühne die Band positioniert. Canticum Lupi war eine Mittelalterrockband, passend zum Ambiente der Burg, von deren Gemäuer nur noch Teile erhalten waren. Dennoch konnte man sich gut in das Leben zur damaligen Zeit hineinversetzen – oder zumindest in eine moderne Vorstellung davon. Bestimmt hatten einst die tapferen Ritter mit ihren Frauen desgleichen hier gefeiert, wenn sie einen blutigen Sieg errungen hatten. Hatten Tische und Bänke aufgestellt und diese mit Speis und Trank beladen, bis sie zum Bersten voll gewesen waren. Dies war zumindest die romantische Idee davon, und so ähnlich fand es heute auch tatsächlich statt. Geld spielte keine Rolle, Marions Schwiegervater hatte keine Kosten gescheut, die Feier zu einem rauschenden Fest werden zu lassen, denn so mancher der Anwesenden hatte mit dem heutigen Tag wie die Ritter zur damaligen Zeit erreicht, was er wollte.

Die Klänge des Dudelsackes und des Schlagzeuges peitschten Marion hoch und ließen sie dieses Gefühl eines Sieges spüren. Jemand nahm ihre Hand, drehte sie im Kreis, fing sie auf, lachte. Es war ein junger Mann mit strahlenden blauen Augen.

Der Dudelsackspieler von Canticum Lupi vollführte auf der Bühne eine Glanzleistung in dieser sternenklaren Mainacht, unterstützt von der Stimme des Sängers, der ein Lied über Krieg und Frieden zum Besten gab.

Marion verschüttete ihren Wein und sah in die blauen Augen, die sie zu vergöttern schienen. Nur für diese eine Nacht wollte sie seine Königin sein. Nur dieses eine Mal war er ihr blauäugiger Ritter. Danach würde sie sich in die Rolle der Ehefrau fügen und verrotten, wie all die anderen Ehefrauen auch, wenn man den Geschichten derer, die längst verheiratet waren, Glauben schenken durfte. Den Geschichten ihrer Tanten und Cousinen. Der Geschichte ihrer Mutter.

Doch Marion hatte Pläne, Ziele, Visionen, die sie nicht zu begraben gedachte. Sie würde durch die Ehe wachsen, hoffte sie, und sich all das nehmen, was ihr durch den Kopf flatterte wie Schmetterlinge, weil es bislang unausgegorene Ideen waren. Diese Schmetterlinge würden sich zur gegebenen Zeit auf einer Blüte niederlassen. So lange musste sie warten. Dann aber würde sie ihre frisch erhaltene Fessel wieder ablegen.

Der Blauäugige packte Marion an der Taille und zog sie an sich. Sie warf das Glas in die tanzende Menge und konzentrierte sich auf den Unbekannten, auf seine Hände, auf sein Lächeln, und fragte sich, wer ihn eingeladen hatte? Zu ihrer Verwandtschaft gehörte er nicht, auch nicht zu der entferntesten, das wusste sie. Diese Augen und dieser Mund wären ihr bestimmt im Gedächtnis geblieben, hätte sie beides schon mal gesehen.

Vielleicht war er Fabians Cousin? In diesem Fall würde sie den Fremden jetzt öfter sehen, dachte sie und lachte wieder.

Die Musik wurde langsamer. Marion passte ihre Bewegungen dem Takt an. In der Menge suchte sie nach ihrem Ehemann in der Annahme, er würde sie eifersüchtig beobachten. Doch wider Erwarten tanzte er mit der Zubraut, Leona Sipacher, ebenso eng umschlugen wie sie es selbst mit ihrem blauäugigen Ritter tat.

Marion traute ihren Augen nicht!

Die Zubraut, die ihr zur Seite stehen sollte, ihr behilflich sein musste bei den vielen Dingen, die bei einer Hochzeit anfielen, machte sich an ihren Ehemann ran! Unerwartet spürte Marion Eifersucht ihre Knochen emporkriechen. Was widersinnig war, da sie Fabian Hallsteiner gar nicht liebte. Sie verabscheute ihn in diesem Augenblick sogar, kniff die Augen zusammen und streckte den Rücken durch. Dann versprühte sie ihr Gift.

»Ich finde, wir sollten uns ein kuscheliges Plätzchen suchen, wo wir ungestört sind«, flötete sie ihren blauäugigen Helden an.

»Wenn du möchtest.«

»Heißt das, du willst nicht?«, fragte sie keck ob der zurückhaltenden Antwort.

»Es ist deine Hochzeit, nicht meine«, erwiderte der Unbekannte.

»Wie heißt du? Nein! Sag es mir nicht! Ich möchte einmal in meinem Leben mit jemandem ficken, dessen Namen ich nicht kenne.« Marion zwinkerte ihm zu und entwand sich seinen Armen. Anschließend verließ sie die Tanzfläche, ihr Ritter folgte ihr.

Bei ihrem Gang über den Burghof bemerkte Marion, dass sie betrunken war. Nicht beschwipst und auch nicht angeheitert, sondern richtig betrunken. In diesem Zustand würde es nicht leicht sein, die Stufen in die Hochburg zu erklimmen. Ihr Schwiegervater hatte die komplette Burg für diesen Abend gemietet, demnach standen ihnen die Räumlichkeiten ganz oben ebenfalls zur Verfügung. Doch schon nach den ersten Stufen musste sich Marion setzen. Sie brauchte eine Pause.

»Was ist mit dir?«, fragte derjenige, den sie eben noch hatte abschleppen wollen.

»Mir ist schlecht«, antwortete Marion, den Kopf in beide Hände gestützt.

»Also wird es nichts mit …«

»Nein! Hau ab!«, schrie sie ihn an.

»Schon gut, beruhige dich …«

»Ich will mich nicht beruhigen, hau einfach ab!«

In diesem Augenblick kam ein Pärchen die Treppe herab und bemerkte Marion und ihren Ritter am Fuße derselben. Es war Marions Cousine Luise mit ihrem Ehemann Floyd. Marion hatte sich schon immer über den seltsamen Namen gewundert.

»Geht es dir gut?«, fragte Luise. Zumindest nahm Marion an, dass es ihre Cousine war. Sie sah das Gesicht der Frau nur verschwommen und wünschte sich, dass die Stufen endlich aufhörten sich zu drehen.

»Alles bestens«, stieß Marion aus.

Luise musterte den Mann an Marions Seite, der unschuldig mit den Schultern zuckte und sich lässig an die Mauer lehnte.

»Ihr ist schlecht«, sagte er und deutete auf Marion, als wüssten die Anwesenden nicht, wen er meinte.

»Wenn du Hilfe brauchst …«

»Wir schaffen das«, unterbrach er sie. »Sie braucht nur ein paar Minuten Auszeit. Danach ist sie wieder ganz die Alte.«

Luise und Floyd zogen von dannen.

»Was jetzt? Willst du hier sitzen bleiben?«, fragte er Marion, als niemand mehr in Hörweite war.

»Nein«, antwortete Marion. »Bring mich zurück zur Feier.« Sie versuchte sich aufzurichten, was kläglich misslang, und rutsche lediglich auf ihrem Hinterteil eine Stufe nach unten.

»Los, ich zieh dich hoch«, sagte er und fasste ihr unter den Arm. Mit Schwung half er Marion auf die Beine. Da sie nicht wusste, wie lange das funktionieren würde, weil ihr immer noch schwindelig war, hakte sie sich bei ihm unter.

»Warte!«, sagte ihr Ritter und hielt ihr seinen Finger hin.

»Was soll das?«, wollte sie von ihm wissen und starrte den Finger an, als wäre er eine obszöne Geste. Als würde der Blauäugige erwarten, dass sie ihn lutschte.

»Spuck darauf! Deine Wimperntusche ist verschmiert.«

Marion lachte. Der Mann war fürsorglich, genau wie Fabian. Doch während sie diese Eigenschaft bei ihrem frisch angetrauten Ehemann verabscheute, gefiel sie ihr bei ihrem Gegenüber. Sie leckte seinen Finger ab, und er wischte ihr damit die verschmierte Mascara weg. Wieder vorzeigbar schlenderten sie Arm in Arm zurück, wohl wissend, dass sie von den Gästen neugierig beobachtet wurden.

An der eigens für die Hochzeit aufgestellten Bar genehmigte sich Marion ein Glas Wasser, um klarer im Kopf zu werden. Sie bat den Barkeeper, ihr das Wasser in ein Weinglas zu füllen, damit niemand sie mit dem alkoholfreien Getränk ertappte. Schließlich wollte sie den Eindruck machen, dass sie Spaß hatte, und wie bei einer Hochzeitsfeier üblich, musste dafür reichlich Alkohol fließen. Nüchtern würde sie den heutigen Abend und die folgende Nacht auch nicht ertragen. Aber noch war die Hochzeitsfeier ja nicht vorüber. Das traditionelle Brautstehlen fehlte, und Marion wünschte sich, dass ihr blauäugiger Ritter sie ganz weit weg von hier brächte, an einen Ort, von wo sie nie mehr zu dieser Feier zurückkehren würde und ein freies Leben führen könnte, ganz so, wie sie es sich vorstellte.

»Wie geht es dir?«, fragte eine Stimme hinter ihr. Ihr Ritter war es nicht, der war auf seltsame Weise verschwunden. Es war Albert Freiherr, der Zubräutigam.

»Warum fragen mich alle, wie es mir geht?«, fuhr Marion ihn an.

»Weil es deine Hochzeit ist und du glücklich sein solltest«, antwortete Albert und nippte an seinem Rotwein.

Marion erwiderte nichts, sondern sah hinüber zu dem Tisch, an dem ihre Eltern saßen. Sie unterhielten sich angeregt mit Leuten, die Marion nicht kannte. Wahrscheinlich Geschäftspartner ihres Vaters oder Verwandte von Fabian. Vielleicht auch irgendjemand, der für sie immer unbekannt bleiben würde, weil diese Menschen nur wichtig für andere waren.

»Lass uns tanzen«, sagte sie an Albert gewandt.

»Jederzeit gerne, das weißt du.«

»Ja, das weiß ich.«

Albert zog Marion hinter sich her auf die Tanzfläche. Die Band stimmte im selben Augenblick eine Ballade an und der Sänger zwinkerte Marion zu. Sie löste sich von Albert, marschierte in Richtung Bühne und neckte den Frontman der Band mit lockendem Zeigefinger, er möge sich zu ihr herunterbeugen. Der Sänger kam der Aufforderung nach, und anstatt eine weitere Zeile Text zu singen, ließ er sich von der Braut küssen. Ein Raunen ging durch die Gäste, und Marion fing den erzürnten Blick ihres Vaters auf. Volltreffer!, dachte sie und ging beschwingt zu Albert zurück.

»Findest du das klug?«, fragte er.

»Nein«, antwortete Marion ehrlich. »Aber was bringt es mir, klug zu sein?«

»Du würdest nicht den Unmut deiner Alten auf dich ziehen, auch nicht den deiner Schwiegereltern«, resümierte Albert.

Marion sah, während sie sich von Albert über die Tanzfläche führen ließ, zu Viktor und Stefanie Hallsteiner hinüber, ihren Schwiegereltern. Anhand deren Mimik erkannte sie, dass ihnen ihre kleine Einlage nicht gefallen hatte. Sie würde sich nach der Hochzeit demnach nicht nur von ihren Eltern und ihrem Ehemann etwas anhören müssen, sondern auch von ihrer angeheirateten Familie. Sie seufzte, hatte jedoch keine Lust, zu dem bösen Spiel, das um sie herum stattfand, eine fröhliche Miene aufzusetzen.

»Es ist mir egal, was sie über mich denken«, sagte sie schließlich.

»Ist es dir nicht«, konterte Albert.

»Ist es wirklich. Schließlich ist das hier meine Abschiedsparty.«

»Abschiedsparty? Du heiratest doch bloß.«

»Ja, aber einen Mann, den ich mir nicht ausgesucht hab.«

»Was hast du vor?« Albert hielt Marion eine Armlänge von sich gestreckt und musterte sie. Dann zog er sie wieder heran und drehte sich mit ihr, wie es der Tanz verlangte.

»Keine Ahnung. Abhauen?« Marion setzte ein Lächeln auf, doch es war nur eine Maske, die sie trug, damit niemand ihre wahren Gefühle erkannte.

»Mach dich nicht lächerlich. Du kannst immer zu mir kommen, das weißt du.«

»Ja, das weiß ich.«

Die Musik verstummte und die Gäste applaudierten. Danach kündigte der Sänger eine 20-minütige Pause an. Sofort strömten alle Richtung Bar.

»Darf ich dir einen Drink spendieren?«, fragte der Frontman der Band, der plötzlich hinter Marion und Albert auftauchte. Seine rot gefärbten Haare hatte er auf einer Seite wegrasiert, dafür trug er sie auf der anderen umso länger. Die Klamotten, die er anhatte, waren aus Leinen gefertigt und der breite Gürtel aus weichem Rindsleder. Das Outfit könnte gut und gerne aus jener Zeit stammen, die er und seine Band ein Stück weit aufleben lassen wollten. Und das taten sie mit Erfolg, das musste Marion zugeben.

»Du weißt schon, dass die Getränke für die Braut gratis sind?«, erwiderte sie lachend.

»Klar weiß ich das. Das ist auch nur so eine Anmache, die du sicher kennst«, konterte der Sänger.

»Natürlich kenne ich die, genau wie dich, Goliat, aber deine Anmache ist halt nicht sonderlich originell«, erwiderte Marion. Die Melancholie von vorhin war wie weggeblasen. Sie wollte nur noch im Hier und Jetzt existieren. »Von einem wie dir hätte ich etwas anderes erwartet.«

»Ja? Was denn?«

»Keine Ahnung.« Marion zuckte mit den Schultern.

»Ich könnte dir ein Lied trällern …«

»Oh ja, genau darauf hab ich gewartet.«

Goliat stimmte einen schmalzigen Liebessong an.

»Sei still! Die anderen schauen schon«, lachte Marion.

Goliat verstummte, ebenso in bester Laune. Es war ihm anzusehen, dass er Freude daran hatte, im Mittelpunkt zu stehen. Das war er als Frontman der Band gewöhnt. »Was willst du trinken?«

»Einen Gin Tonic, bitte.«

Goliat bestellte zwei dieser Mix-Getränke und reichte ein Glas Marion. »Was war das denn vorhin?«, fragte er unschuldig und stieß mit seinem Drink gegen ihren.

»Was meinst du?« Marion stellte sich unwissend.

»Der Kuss vor all den Leuten«, erinnerte Goliat sie daran.

Marion schlürfte ihren Gin Tonic. Nach einer Weile sagte sie: »Mir war einfach danach.«

»Tust du immer, worauf du gerade Lust hast?«

»Meistens.«

»Das ist gut.« Goliat grinste.

Das Gedränge an der Bar wurde heftiger und jemand rempelte Marion von hinten an.

»Entschuldige«, sagte der blauäugige Ritter, als Marion sich umwandte. Er schob sich durch die Umstehenden an die Bar, um ebenfalls Getränke zu ordern. An seinem Gesichtsausdruck konnte sie nicht ablesen, ob er sauer auf sie war, weil aus dem Stelldichein nichts geworden war, oder ob er nur ihre Aufmerksamkeit erregen wollte. Sie machte ihm Platz und drückte sich an Goliat, der nicht zurückwich. Es kam ihr sogar vor, als würde seine Hand die Konturen ihrer Beine unter dem Brautkleid nachzeichnen. Ein schlimmer Finger, dachte sie und stellte sich vor, wie selbiger in sie eindrang und sich bewegte.

»Alles okay?«, fragte Goliat, mit dem Glas in der Hand und einem Grinsen im Gesicht, das Marion signalisierte, dass er genau wusste, was sie im Augenblick fühlte.

»Küss mich!«, forderte sie ihn auf.

»Ich werde dich bestimmt nicht ein weiteres Mal vor all den Leuten küssen. Die würden mich lynchen, und darauf hab ich echt keinen Bock.«

»Du bist ein Feigling«, provozierte Marion ihn.

»In fünf Minuten oben in der Hochburg«, raunte er ihr ins Ohr, leerte seinen Gin Tonic und verschwand in der Menge.

Marion stand an der Bar inmitten von 400 Hochzeitsgästen und mit dem Rücken zu ihrem Ritter, dennoch fühlte sie sich allein. Und unsicher. Ob sie Goliat folgen sollte?

»Marion!« Die Stimme ihres Bruders riss sie aus ihren Überlegungen. Im Schlepptau hatte er ihren Ehemann. Sie genehmigte sich einen Schluck, um sich für das Bevorstehende zu wappnen. Danach ging sie auf David und Fabian zu. Die zwei könnten Brüder sein, schoss es ihr durch den Kopf, sie glichen einander im Aussehen wie Zwillinge. Beide hatten blonde Haare, die oben länger und seitlich kurz geschnitten waren, blaugraue Augen und ein markantes Kinn. Marions Haare waren im Gegensatz dazu braun und lockig und reichten ihr bis über die Schultern – heute trug sie sie jedoch mit weißen Perlen verziert hochgesteckt –, und ihre Augen funkelten in einem angriffslustigen Grün. Kaum zu glauben, dass David und sie Geschwister waren.

»Mensch, Marion!«, wiederholte David ihren Namen, und Marion machte sich auf Vorwürfe gefasst.

»Was willst du?«, herrschte sie ihn an.

»Ich bringe dir deinen Ehemann. Du solltest auch mal mit ihm tanzen«, brachte David das Anliegen vor, das sie beide hertrieb, als hätte es Fabian die Sprache verschlagen. Als könnte er nicht für sich selbst eintreten.

»Hörst du vielleicht Musik, zu der wir tanzen könnten?«, maulte Marion.

»Ich finde, ihr solltet euch wie Mann und Frau verhalten, jetzt, wo ihr verheiratet seid«, sagte David Marions Einwand ignorierend. »Die Liebe wird schon noch kommen.«

»Wann?«, keifte Marion ihren Bruder an.

»Irgendwann«, sagte Fabian ruhig. Es waren die ersten Worte, die er seit seinem Ehegelübde an sie richtete. Sie spürte seine Traurigkeit über die Vermählung. Auch wenn sie sonst nichts gemeinsam hatten, diese Traurigkeit einte sie.

»Willst du etwas trinken?«, fragte sie ihn, weil David und Fabian nun schwiegen und die Menschen rundum zu tuscheln begannen. Dabei brachte sie sogar ein Lächeln zustande.

»Gerne. Was trinkst du?« Fabian deutete auf das Glas in ihrer Hand, in dem nur mehr Eiswürfel vor sich hin schmolzen.

»Das war ein Gin Tonic. Willst du einen?«

Fabian nickte.

»Zwei Gin Tonic bitte!«, rief sie dem Barkeeper zu, froh, etwas zu tun zu haben und nicht höfliche Konversation mit ihrem Ehemann treiben zu müssen. Umgehend standen die bestellten Drinks auf dem Tresen. Das war der Vorteil, wenn man die Braut war: Man musste nicht auf die Getränke warten, sondern wurde vorrangig bedient. Einen Drink reichte sie an Fabian weiter.

»Danke«, sagte er.

Klirrend stießen die Gläser aneinander.

»Glaubst du wirklich, dass die Liebe eines Tages kommen wird?«, fragte Marion ihn.

»Wenn es unsere Eltern zulassen, kann das durchaus der Fall sein.«

»Das bezweifle ich.«

»Weshalb?«

»Weil sich mein Vater überall einmischt.«

»Genau wie meiner.«

Wieder klirrten die Gläser.

Als sie getrunken hatten, sagte Marion: »Ich dachte immer, dass nur dort, wo es zum Überleben der Familien dient, die Mädchen zwangsverheiratet werden.«

»Dein Vater bekommt einen Haufen Geld von meinem, damit sein Unternehmen weiterläuft. Das dient doch zum Überleben deiner Familie«, antwortete Fabian.

»Und was hat deine Familie davon?«

»Das frag ich mich auch schon die ganze Zeit.«

»Was fragst du dich die ganze Zeit?«, ertönte es hinter ihnen. Viktor Hallsteiner war unbemerkt an sie herangetreten und hatte Fabians letzte Worte gehört.

»Nichts, Vater«, antwortete Fabian. Es war unschwer zu erkennen, dass zwischen ihm und seinem Erzeuger nicht das beste Verhältnis bestand. Aber ein Sohn gehorchte, wenn er nicht wollte, dass ihm das Erbe entzogen wurde. Dass ihm bis auf den Pflichtteil alles genommen wurde, was ihm von Geburt an zustand.

»Ich würde es begrüßen, wenn ihr mehr Freude ausstrahlen würdet. Es ist schließlich eure Hochzeit«, sagte Viktor Hallsteiner.

»Jawohl, Vater«, antwortete Fabian gehorsam. »Komm, Marion, lass uns tanzen.« Er hielt seiner Angetrauten den Arm hin und die hakte sich unter, nicht ohne ihrem Schwiegervater ein süffisantes Lächeln zu schenken. Es war ihr gar nicht aufgefallen, dass die Band wieder zu spielen begonnen hatte, demnach hatte sie ihr heimliches Rendezvous mit dem Sänger Goliat verpasst. Das würde sie nachholen, die Nacht war ja noch jung.

Fabian führte sie elegant über die Tanzfläche, war charmant und ganz der wohlerzogene Spross einer einstmals adeligen Familie. Wäre die Monarchie nicht schon vor über 100 Jahren abgeschafft worden, wäre Fabian ein »von Hallsteiner«. Zugegeben schmeichelte dieser Umstand Marion, und sie fühlte sich ein wenig wie eine Prinzessin, in diesem Fall – und vor allem dank des Ambientes – wie ein Burgfräulein. Als der Tanz zu Ende war, klatschte Marions Schwiegervater ab.

»Darf ich bitten?«, fragte er und wartete gar nicht erst auf eine Antwort. Er entzog seinem Sohn dessen Ehefrau und deutete dem Bandleader, er möge ein langsameres Lied anstimmen. Gleichzeitig orderte er mehrere Krüge Bier für die Band. Zum Takt einer deutschsprachigen Mittelalter-Ballade zog er Marion an sich und geleitete sie über die Tanzfläche.

»Du siehst wunderschön aus«, flüsterte er ihr ins Ohr.

»Danke«, antwortete Marion brav, wenngleich es sie störte, dass Viktor so tat, als gehörte sie ihm. Das war schon immer sein Problem gewesen.

»Hast du mein Geschenk bekommen?«, fragte er leise.

»Hab ich. Aber ich dachte, es ist ein wenig unpassend, wenn ich es heute trage, wo ich doch deinen Sohn heirate.«

»Es wäre niemandem aufgefallen, und ich hätte gewusst, dass du es zu schätzen weißt. Immerhin hat es ein Vermögen gekostet.« Viktor Hallsteiner klang eingeschnappt.

»Ich weiß nicht, ob ich es überhaupt jemals tragen werde«, ließ Marion ihn abblitzen. Es war ein Stich mitten ins Herz, mit einer sehr feinen Klinge, aber der Tadel ihres Schwiegervaters weckte in ihr die Rebellin.

»Wie meinst du das?«, fragte er verwundert.

»So wie ich es sagte«, antwortete Marion erleichtert, dass das Lied zu Ende war. Sie löste sich von ihrem Schwiegervater und verließ das Tanzparkett. Auf ihrem Weg sah sie Albert, der sie anstarrte. Und ihre Zubraut Leona Sipacher, die sich an Fabian ranmachte. Leona hatte ihr immer wieder zu verstehen gegeben, dass sie es unfair fand, dass Marion den begehrtesten Junggesellen des Landes ehelichen durfte, obwohl sie ihn gar nicht liebte. Marion hatte nicht gewusst, was sie hätte dagegenhalten können. Es war in der Tat ungerecht. Mehr als ungerecht. Sie wollte lieber frei sein!

Aufgebracht achtete sie nicht auf den Boden und stolperte. Der Ritter mit den blauen Augen fing sie auf.

»Du hast wohl zu viel getrunken«, sagte er.

»Noch nicht genug, um das hier auszuhalten«, murmelte Marion und zupfte ihr Kleid zurecht.

»Wie bitte?«

»Ach nichts. Bringst du mir noch einen Gin Tonic?«

»Wenn du möchtest.«

»Ja, ich will.«

»Ich glaube, diese Worte hast du heute schon mal gesagt, aber nicht zu mir«, erwiderte der blauäugige Mann.

»Jetzt sag ich sie aber zu dir. Ich will dich, ich will ihn, ihn und ihn. Sie will ich nicht und ihn auch nicht.« Marion deutete dabei auf unterschiedliche Gäste und wollte gar nicht mehr aufhören, auf sie zu zeigen.

»Ist gut. Ich bring dir deinen Gin Tonic. Lauf nicht weg.« Marions Ritter machte sich auf den Weg zur Bar.

»Wo soll ich denn hin?«, murmelte Marion und nahm den Sänger der Band ins Visier. Goliat sah süß aus, wie er dort oben auf der Bühne stand und eine Hymne nach der anderen schmetterte. Bald würde sie den Hochzeitsbräuchen im Mühlviertel nach »gestohlen« werden, das hieß, man brachte sie an einen anderen Ort und ihr Ehemann musste sie auslösen mit vielen Gesängen, Spielen und noch mehr Schnaps. Sie war gespannt, wer ihr Entführer sein würde. Wer sich ihr für dieses Spiel anböte. Goliat würde es nicht sein, der wurde auf der Bühne gebraucht, um die restlichen Gäste zu unterhalten.

Was war mit David, ihrem Bruder?

Oder Albert?

Ihr blauäugiger Ritter?

Bis es so weit war, wollte sie noch Spaß haben. Sie betrat erneut die Tanzfläche und inhalierte die Rhythmen der mittelalterlichen Klänge. Sie schloss die Augen und ließ sich von der Musik treiben. Drehte sich im Kreis und streckte die Arme aus, als könnte sie fliegen. Sie fühlte sich wie ein Vogel. Frei und unbeschwert. Ja, in diesem Augenblick dachte sie tatsächlich, sie könnte davonfliegen in ein anderes Leben.

Jemand packte sie am Arm. Erschrocken riss sie die Augen auf. Es war ihr Bruder, der sie mit fröhlicher Miene von der Tanzfläche führte.

»David, was ist los?«

»Es ist so weit«, antwortete er geheimnisvoll und zog sie hinter sich her die Treppe der Burg hinab. Ein ganzer Schwung angetrunkener Hochzeitsgäste folgte ihnen.

Marion lachte, ohne zu ahnen, dass einer von ihnen diese Hochzeit nicht lebend verlassen würde.

2. KAPITEL

»Ich kann nicht mehr«, japste Chefinspektor Oskar Stern und schnappte nach Luft. Die paar Kilo zu viel um Bauch und Hüfte machten sich gehörig bemerkbar. Er blieb stehen und tat, als schaute er sich die Umgebung an. Derweilen brauchte er die Pause, um mal durchzuschnaufen.

Das Mühlviertel breitete sich sanft hügelig vor ihnen aus. Die saftigen Wiesen waren mit einem sonnengelben Schimmer überzogen, da unzählige Löwenzähne ihre Köpfe gen Himmel reckten. Die Wälder waren frisch und dunkelgrün, und das Summen von Millionen Insekten umrahmte die Natur wie ein Orchester. Stimmt schon, der Ausblick war berauschend, und seit sie in Pierbach losgegangen waren, hatten sie schon mehrere davon genießen dürfen.

Aber musste Weber dermaßen rennen?

Stern fühlte sich dadurch gehetzt, gedrängt, als gäbe es kein Morgen. Wenn sie weiterhin so liefen, konnte es gut sein, dass er bei dieser Schinderei einen Herzinfarkt erlitt, und zwar mitten auf dem Weg.

»Wir sind doch erst fünf Kilometer gegangen«, warf Dominik Weber ein, und Stern fragte sich, woher der Gerichtsmediziner das überhaupt wissen wollte. Sterns Beine und Fußsohlen schmerzten nämlich, als wären sie schon das Dreifache der Strecke gewandert, ganz zu schweigen von seinen kneifenden Zehen, die sich bei jedem seiner Schritte wie ausgepresste Zitronen anfühlten.

In Webers Rucksack – und an seinem Körper – war mehr technisches Equipment angebracht, als es im ganzen LKA gab, was gleichzeitig Sterns Frage beantwortete. Irgendetwas von GPS und ähnlichem Kram hatte Weber zu Beginn ihrer Wanderung gefaselt. Da hatte Stern aber nicht zugehört, sondern tatsächlich die Landschaft genossen. Dazu brauchte er kein GPS – und ebenfalls keine Kamera wie manche Leute, die vor lauter Fotoschießen die reale Welt nur noch über das Display ihres Handys oder durch den Sucher eines Fotoapparates kannten.

»Mir kommt es vor, als wären wir seit Stunden unterwegs«, sagte er.

»Sind wir auch, aber nur, weil du so dahinschneckst«, stichelte Weber und machte gleichzeitig Fotos von der Umgebung.

»Wenn ich dir zu langsam bin, brechen wir halt ab. Ich muss den Johannesweg nicht gehen«, witterte Stern seine Chance, den verlorenen Wetteinsatz vielleicht doch nicht einlösen zu müssen. Beim letzten Mordfall hatte Dominik Weber bei einer Leiche den Alkoholgehalt im Blut über zwei Promille geschätzt, ohne technische Hilfsmittel, nur durch die Ausdünstungen des Toten, und er hatte recht behalten. Stern hatte nicht weiter darüber nachgedacht und in die Wette eingewilligt, die ihm Weber vorgeschlagen hatte. Hätte er damals gewusst, dass der Johannesweg, der quer durchs hügelige Mühlviertel führte, ganze 84 Kilometer lang war, hätte er natürlich nicht derart leichtfertig zugestimmt.

»Aber geh, das passt schon. Hab ich halt ein bisschen mehr Zeit zum Fotografieren und Erholen«, machte Weber einen Strich durch Sterns Rechnung.

»Wie weit ist es denn noch?«, fragte der Chefinspektor.

»Du meinst die heutige Etappe?«

»Bis zur ersten Pause.«

»Die machen wir doch gerade.« Weber nahm einen Schluck Wasser aus seiner Trinkflasche.

»Und wie viele Kilometer müssen wir heute noch zurücklegen?«

»Ich würde sagen: neun. Mit deiner Kondition schaffen wir eh nicht mehr. Und dann sind wir in Schönau im Mühlkreis und suchen uns eine nette Bleibe.«

»Und etwas zum Essen wäre gut«, ergänzte Stern, denn das Frühstück lag bereits eine Weile zurück. Weber hatte ihn heute Morgen schon früh von zu Hause abgeholt. Der Gerichtsmediziner war voller Tatendrang gewesen und hatte nicht bis nach dem Mittagessen warten wollen. Außerdem hatte der Wetterbericht für die kommenden Tage durchgehend Sonnenschein und angenehme 22 Grad angekündigt – das perfekte Wanderwetter!

Anfang Mai blühten die Frühlingsblumen mit den Obstbäumen um die Wette, überall summte es, Bienen sammelten eifrig Nektar von den Blüten, die einen süßlichen Duft verströmten. Eine wunderbare Kulisse, um die Seele baumeln zu lassen und Abstand zu gewinnen zu einem Alltag, der manchmal ziemlich nervtötend und belastend war, das musste Stern zugeben. Er setzte sich auf eine Bank, die am Wegrand für Wanderer aufgestellt war und zum Rasten einlud, und streckte die Beine aus.

Mitten in diese Idylle hinein läutete sein Handy.

»Bitte nicht«, seufzte Weber, der Böses ahnte. »Warum hast du es nicht ausgeschaltet?«

»Weil ich erreichbar sein will, wenn etwas ist.« Stern kramte in dem Rucksack nach dem Smartphone.

»Wenn etwas ist? Es ist immer etwas, Oskar«, maulte Weber.

»Ich meine, mit Barbara oder den Kindern«, antwortete Stern, immer noch nach dem Handy suchend. Mittlerweile lag schon der halbe Rucksackinhalt auf der Bank. Unvermittelt verstummte das nervige Klingelgeräusch.

»Ah, es hat aufgehört.« Weber zeigte sich erleichtert. »Wird schon nicht so wichtig gewesen sein, und wenn doch, versucht der Anrufer es bestimmt später wieder. Komm, räum das Zeug ein und lass uns weitergehen.« Weber klopfte sich energiegeladen auf die Oberschenkel. Das Wandern bereitete ihm Freude. Er war schlank und drahtig und seine Waden waren stramm und muskulös. Seine ganze Erscheinung deutete darauf hin, dass er öfter zu Fuß unterwegs war.

Sterns Handy klingelte erneut.

»Dann ist es wohl wirklich wichtig«, brummte der Chefinspektor und holte das lärmende Gerät von weit unten aus dem Rucksack heraus. Ein Blick auf das Display verriet ihm, dass ihn der Dienststellenleiter erreichen wollte. Da musste er rangehen, ob es Weber passte oder nicht.

»Stern«, meldete er sich.

»Stern, Sie haben einen neuen Fall!«, teilte Bormann ihm ohne Umschweife mit.

»Einen neuen Fall?«, wiederholte Stern laut, damit Weber es mitbekam. Der ließ auch gleich enttäuscht die Schultern hängen.

»In Reichenstein, und zwar auf der Burgruine. Die örtlichen Kollegen haben uns verständigt, dass sie nicht sicher sind, ob es sich um einen Unfall oder einen Mord handelt, deshalb fahren Sie dorthin. Und bringen Sie Weber mit, Stern. Der ist doch bei Ihnen, oder? Ich hab gehört, dass Sie beide zusammen im Mühlviertel wandern sind.«

»Ich richte es ihm aus«, antwortete Stern diensteifrig. Etwas Besseres als ein neuer Fall konnte ihm im Augenblick nicht passieren. Denn jetzt durfte er die drückenden Wanderschuhe gegen seine weichen Kalbslederschuhe eintauschen. Seine Füße würden es ihm danken, und sein geschundener Körper erst recht.

»Ach, eine Sache noch«, sagte Bormann. »Die Kollegen von der örtlichen Polizei haben etwas von einem Kreuz, das wie ein Engel aussieht, gesagt …«

»Bitte was?« Stern war sich nicht sicher, ob er den Dienstellenleiter richtig verstanden hatte. Die Verbindung war nicht die beste und in der Leitung knackte und rauschte es.

»Die Leiche soll wie ein Kreuz im Engelsgewand aussehen, Stern. Es verbreitet sich schon in den sozialen Netzwerken. Irgend so ein Scherzkeks hat die Tote fotografiert und das Foto ins Internet gestellt.«

»Und wie bitte kommt man von einer Leiche auf ein Kreuz, das wie ein Engel aussieht? Was soll das überhaupt sein?«, fragte Stern konsterniert.

»Am besten, Sie schauen sich das an. Sie brauchen nur ›Mühlviertler Kreuz‹ oder ›Kreuz und Engel in Reichen­stein‹ bei Facebook eingeben und das Foto wird Ihnen angezeigt.«

»Äh …«

»Noch viel besser allerdings ist, Sie und Weber fahren sofort hin. Dann können Sie es sich vor Ort ansehen. Die Kollegen warten bereits auf Sie!« Damit verabschiedete sich Bormann.

Stern starrte sein Handy fassungslos an.

»Was ist?«, fragte Weber.

»Wir haben einen neuen Fall, und du sollst auch gleich mitkommen. Gar nicht weit von hier, auf der Burgruine Reichenstein«, sagte Stern und deutete in jene Richtung, in der er besagte Burg vermutete.

»Die liegt gute 20 Kilometer entfernt«, wusste Weber, der deutlich mehr Ortskenntnisse hatte. Er wies in die entgegengesetzte Richtung und grinste. »Und wenn wir gemeinsam hinfahren, ist keiner von uns vor dem jeweils anderen am Tatort. Ich würde sagen, damit ist es diesmal unentschieden.« Weber spielte damit auf das unausgesprochene Ritual bei jedem neuen Mordfall an, dass sowohl Stern als auch er als Erster am Tatort sein wollten, und jeder seinen Sieg dem anderen wochenlang unter die Nase rieb.

»Bormann hat gesagt, dass bereits Fotos von der Leiche in den sozialen Medien herumschwirren«, teilte Stern dem Gerichtsmediziner auch diese Information mit und ignorierte dessen Andeutung auf den lächerlichen Wettstreit zwischen zwei erwachsenen Männern.

»Wie konnte das denn passieren? Haben die Kollegen nicht aufgepasst, dass niemand Fotos macht?« Webers Grinsen wich einem empörten Ausdruck.

»Wir können es uns anschauen, hat er gemeint, auf Facebook …«

»Na, dann lass mal sehen«, forderte Weber den Chefinspektor auf und stellte sich neben ihn.

»Äh … ich hab keine Ahnung, wie das geht.« Stern wedelte mit dem Handy herum, um zu verdeutlichen, was er meinte.

Weber zog sein eigenes Smartphone aus der Tasche, wischte darauf herum und tippte etwas ein. »Es gibt für ältere Leute Kurse, in denen man den Umgang mit sozialen Netzwerken lernen kann«, sagte er wie nebenbei.

»Ältere Leute«, äffte Stern ihn nach. Er fühlte sich noch lange nicht so alt, dass er einen Kurs belegen müsste, um ein paar Tasten zu betätigen. Das würde er schon irgendwann lernen. Notfalls konnte er seinen Enkel Tobias bitten, ihm das zu zeigen. Der Zehnjährige wischte und tippte auf diesen Gerätschaften herum, was das Zeug hielt. Aber auch Erwachsene hatte dieses Virus mitunter ereilt. Manche schrieben sich lieber Nachrichten, anstatt miteinander zu reden. Die soziale Kompetenz schien jedoch mit Zunehmen der sozialen Netzwerke und dem Gebrauch von WhatsApp und Co drastisch abzunehmen. Dennoch musste Stern zugeben, dass ihm hin und wieder ein bisschen mehr Kenntnis die moderne Technik betreffend nicht schaden würde.

»Ich finde nichts«, sagte Weber.

»Gib ›Mühlviertler Kreuz‹ oder ›Kreuz und Engel in Reichenstein‹ ein«, erwiderte Stern stolz, dass er in dieser Sache doch nicht unnütz war. Dass er diese Information von Bormann hatte, verschwieg er.

»Wow!«, stieß Weber aus, als er sah, was die neue Suchabfrage für ein Ergebnis lieferte.

3. KAPITEL

Die Burgruine Reichenstein thronte im Feldaisttal auf einem Felsen, der die daneben fließende Feldaist zwang, einen Bogen zu machen. Chefinspektor Oskar Stern stand neben der Straße, die unterhalb der Burg vorbeiführte, und starrte nach oben. Hier musste ebenso die Person gestanden haben, die das Foto von der Toten gemacht hatte, das sich im Internet mit dem Hashtag »Mühlviertler Kreuz« verbreitete. Die Tote hatte die Arme seitwärts weit von sich gestreckt wie ein Priester bei der Predigt, was die Assoziation mit einem Kreuz erweckte. Und sie trug ein Brautkleid, dessen Rock weit auseinanderfiel, was sie engelsgleich wirken ließ. Sie hing in den Ästen der Bäume, die am Fuße der Ruine neben der Straße wuchsen, als würde sie schweben. Als wäre sie von den Toten bereits auferstanden. Stern fuhr bei ihrem Anblick ein Schaudern durch die Gliedmaßen. Er konnte seine Augen nicht von ihr lösen. Ihre Erscheinung war faszinierend und verstörend zugleich, ein menschliches Kreuz im Engelsgewand.

Man hatte sie nicht sofort entdeckt, hatte man Stern mitgeteilt, die Blätter hatten das verhindert, ebenso der Umstand, dass sie über dem normalen Sichtfeld im Geäst feststeckte.

Sterns Blick wanderte weiter hinauf bis zum Rand der Ruine. Von dort musste die Tote gefallen sein, denn fliegen konnte sie zweifelsohne nicht, auch wenn sich der Vergleich mit einem Engel nicht nur durch ihr Äußeres, sondern desgleichen durch ihre Auffindungsposition aufdrängte.

»Wissen wir, wie sie heißt?«, fragte er Gruppeninspektorin Mara Grünbrecht, die neben ihm gewartet hatte, bis er mit der Begutachtung der Leiche und deren Erscheinung fertig war. Das schätzte Stern an ihr. Sie wusste immer, was er wollte, manchmal sogar bevor er selbst Kenntnis davon hatte.

»Marion Balduin«, antwortete Grünbrecht. Ihre braunen schulterlangen Locken trug sie zu einem Pferdeschwanz gebunden, und ihre haselnussbraunen Augen blickten wie die von Stern hinauf in die Baumkrone.

»Balduin, den Namen kenne ich doch irgendwoher …«, grübelte Stern nach.

»Von den Balduin Gewürzen. Gustav Balduin ist der österreichische Gewürzkönig und kauft alle Kräuter und Gewächse auf, egal ob sie oben am Berg oder unten im Tal wachsen, und macht daraus seine berühmten Gewürzmischungen. Soviel ich weiß, exportiert er sie in die ganze Welt. Das Mühlviertler Lavendelsalz ist nicht nur bei uns sehr beliebt«, erzählte ihm Grünbrecht, was sie wusste und was bei ihr daheim offenbar im Küchenregal stand.

»Ist sie mit ihm verwandt?«

»Sie war seine Tochter.«

»Und wie es aussieht, ist sie am Tag ihrer Hochzeit gestorben.« Stern hielt nach wie vor den Blick auf die Leiche gerichtet. Es war seltsam, und er konnte nicht sagen, warum, aber ihr Anblick berührte ihn auf eine Weise, die er nicht beschreiben konnte.

»Ja, sie hat gestern geheiratet. Die Hochzeit fand hier auf der Burgruine statt«, erläuterte Grünbrecht und deutete hinauf zu den alten Gemäuern.

»Warum heißt sie dann noch immer Balduin?«

»Mensch, Chef, das ist doch ein alter Hut! Seit 1995 ist es sogar bei uns in Österreich möglich, dass die Frau nach der Heirat ihren Nachnamen behalten kann und nicht den des Mannes annehmen muss«, echauffierte sich Grünbrecht über Sterns Unwissenheit.

Stern erwiderte nichts. Natürlich wusste er über die Gesetzeslage Bescheid, dennoch war es bis heute die häufigste Form, dass die Frau den Familiennamen des Mannes übernahm.

»Sind die Gäste etwa noch da?«, fragte er.

»Nein, aber ich habe mit dem Caterer gesprochen, der seine Sachen abholen wollte. Ich hab ihm gesagt, dass das nicht geht und er warten muss, bis wir den Tatort freigeben.«

Stern nickte und sah ein letztes Mal hinauf zur Leiche in dem Brautkleid. Kein schöner Tod, auf diese Weise abzutreten. In die Tiefe zu stürzen auf der eigenen Hochzeit.

Oder war sie gar freiwillig gesprungen? Was war vorgefallen, dass sie diesen Tod möglicherweise selbst gewählt hatte?

Das galt es nun herausfinden.

Er wandte sich ab und gab den Kollegen ein Zeichen, dass sie die Tote vom Baum holen konnten.

»Du, sag mal, hätte sie den Sturz nicht eigentlich überleben müssen, wenn sie in den Ästen landet?«, fragte Stern Dominik Weber, der darauf wartete, die Tote einer ersten Beschau unterziehen zu können. In seinem Wagen führte der Gerichtsmediziner immer einen Koffer mit, in dem sich die wichtigsten Utensilien für die Untersuchung einer Leiche befanden. Deshalb war er stets einsatzbereit, und die Chancen, vor Stern einen Tatort zu erreichen, stiegen dem geschuldet ebenso.

»Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass man so einen Sturz überlebt«, schätzte der Gerichtsmediziner. »Wenn du mit dem Kopf aber auf einen massiven Ast prallst, brichst du dir genauso das Genick, wie wenn du auf der Erde landest. Andererseits hab ich schon von Fällen gelesen, da haben Menschen Abstürze aus über 100 Meter überlebt, und andere sterben, wenn sie bloß von einer zweistufigen Leiter runterfallen. Bei einem Sturz spielen so viele Faktoren eine Rolle, ob man ihn überlebt oder nicht, nicht nur die Fallhöhe ist ausschlaggebend. Sobald ich mir die Tote genauer angeschaut habe, sage ich dir, was in diesem Fall Sache ist.«

Weber folgte den Kollegen, die die Bergung des Opfers mit einer Drehleiter samt Korb von der hiesigen Feuerwehr vorbereiteten. Damit ließen sich der Gerichtsmediziner und ein Polizeifotograf Minuten später bis zu jener Stelle in den Bäumen hochheben, wo die Leiche festhing. Der Fotograf machte Fotos, wo und wie das Opfer zum Liegen gekommen beziehungsweise der Fall gebremst worden war, und Weber diktierte alle Informationen in ein Aufnahmegerät, die für die Bestimmung der Todesursache später hilfreich sein könnten.

Inzwischen erklommen Oskar Stern und Mara Grünbrecht über einen schmalen Trampelpfad, der beidseitig von kleinen kunsthandwerklichen Gegenständen gesäumt wurde, den Hügel hinauf zur Burg. Diese war vor dem 13. Jahrhundert errichtet worden und wurde seit dem Jahr 1750 nicht mehr herrschaftlich bewohnt, was ursächlich für ihren Verfall war.

Oben vor dem Eingang warteten die Gruppeninspektoren Edwin Mirscher und Hermann Kolanski auf sie. Sie hatten sich währenddessen die Burgruine angesehen und mit den Personen gesprochen, die die Überreste des vortägigen Festes aufräumen wollten.

»Grüß dich, Oskar. Jetzt wird wohl nichts aus eurer Wanderung durchs schöne Mühlviertel.« Mirscher empfing seinen Chef mit einem breiten Grinsen. Er wusste, dass Stern nicht freiwillig mit Weber den Johannesweg hatte gehen wollen.

»Ja, leider«, antwortete Stern mit demselben Lächeln.

»Das lässt sich bestimmt nachholen«, meinte Kolanski. Er trug wie immer Sonnenbrille und Lederjacke und könnte ruhig mal wieder zum Friseur gehen. Seine Haare waren für einen Ermittler der Mordgruppe am Landeskriminalamt Oberösterreich viel zu lang, fand Stern, verkniff sich aber einen Hinweis darauf. Immerhin war er nicht Kolanskis Vater, sondern sein Vorgesetzter, obwohl sich das mit dem Vatersein auch ausginge, wenn er schon ganz früh ein Kind gezeugt hätte.

»Sag das ja nicht Weber!«, drohte er ihm dennoch. »Für mich ist die Sache vorbei – aus! Finito!«

Kolanski lachte und folgte wie die anderen Kollegen seinem Chef hinauf zur Burgruine. Sie durchquerten den Eingangsbereich des Burgmuseums, wo sie an Wissenswertem rund um Reichenstein aus mehreren 100 Jahren vorbeigingen, ohne es eines Blickes zu würdigen. Ihre Aufmerksamkeit galt dem Todesfall, der sich letzte Nacht zugetragen hatte, und nicht den Toten des Mittelalters. Aber ob es tatsächlich Mord war, würde sich erst noch herausstellen.

Als sie die erste Stiege hinter sich gebracht hatten, traten sie in den Burghof, wo die Bühne und die Equipments der Band und des Caterers aufgebaut waren. Hier hatte das rauschende Hochzeitsfest also stattgefunden, dachte Stern und verschaffte sich einen Überblick. Die Stühle und Tische hatte man bereits gestapelt, da zu jener Zeit noch niemand vom Tod der Braut gewusst hatte. Nun waren die Aufräumarbeiten jedoch eingestellt und die Burg menschenleer, damit keine Spuren mehr vernichtet wurden.

Stern suchte nach einer Möglichkeit, hinauf zur Hochburg zu gelangen, von wo aus die Tote gestürzt sein musste. Das wollte er sich zuerst ansehen. Er entdeckte den Aufstieg und steuerte darauf zu. Auf teils original erhaltenen Burgbeständen und teils hölzernen Begehungen, die nachträglich dazugebaut worden waren, schritten sie in den dritten Stock der Burg. Dort waren zwei Räume gut erhalten, der Rest bestand nur mehr aus Außenwänden, die wie der Boden Tag und Nacht jeglichem Wetter ausgesetzt waren, von Regen und Schneefall ganz zu schweigen, die den jahrhundertealten Gemäuern sichtlich zusetzten.

»Von hier aus muss sie gefallen sein«, sagte Stern und trat näher an die mannshohen Fenster heran. Sie waren mit dicken Gitterstäben abgesichert, um zu verhindern, dass jemand hinabstürzte.

Jedoch genau das war passiert!

»Die Stäbe reichen nicht bis ganz nach oben. Wenn jemand die Absicht hegt, zu springen, klettert er einfach darüber«, resümierte Kolanski.

»Oder wenn jemand bewusstlos ist, kann man ihn auch runterwerfen«, überlegte Mirscher und fuhr sich über seine kurzen brünetten Haare. Jedes Mal, wenn der Frühling in den Sommer überging, entschied sich der Kollege für einen Beinahe-Kahlschlag. Dieser sei in den heißen Monaten besser zu pflegen, und er brauche sich ja keine Gedanken mehr über sein Aussehen zu machen, war er der Meinung. Schließlich würde er bald Grünbrecht heiraten.

»Schwierig, aber es geht«, pflichtete ihm seine Verlobte bei. Stern wartete darauf, dass wieder ein angedeuteter Kuss durch die Luft geflogen käme, so wie es die beiden seit der Bekanntgabe ihrer Verlobung hielten, doch der blieb aus. Anscheinend wirkte sich der Fall der toten Braut dämpfend auf ihre Liebesbekundungen aus.

»Die Spurensicherung soll sich das Brautkleid genau ansehen, ob Spuren darauf sind, die belegen, dass jemand nachgeholfen hat«, sprach Grünbrecht aus, was Stern gerade hatte sagen wollen.

»Ja, das soll sie machen, obwohl ich mir sicher bin, dass so ein Abend nicht ohne Spuren auf dem Kleid vorübergeht«, fügte er an und dachte dabei vor allem an das Hochzeitsessen und das Gemenge beim Tanzen.

»Ob es einen Kampf gegeben hat, lässt sich nicht mehr feststellen. Hier sind unzählige Leute herumgetrampelt. Bei so einem Fest will man ja auch mal ungestört sein.« Kolanski deutete auf ein benutztes Kondom, das mehrere Meter weiter vorne neben der Burgmauer lag, und einige Zigarettenstummel. »Die Spurensicherung soll alles eintüten.«

Stern blickte durch das Gitter auf jene Stelle, wo die Braut gerade vom Baum geholt wurde. Sehr tief ging es da hinab, und er konnte sich kaum vorstellen, dass eine junge Frau am schönsten Tag ihres Lebens – wie man es ja oft zu hören bekam, dass die Hochzeit dies sein sollte – in den Freitod sprang. Was war vorgefallen, dass Selbstmord der letzte Ausweg für sie gewesen war? Oder was war geschehen, dass jemand sie dort hinuntergestoßen hatte?

»Seht mal!«, rief Mara Grünbrecht. Sie stand vor einem Fragment der Burgmauer, das zum Teil in die Hochburg ragte.

»Was ist?« Stern, Kolanski und Mirscher traten näher.

»Da ist Blut.« Grünbrecht deutete auf die Überreste der Mauer. Daran befand sich eine eingetrocknete braune Masse.

»Sie könnte sich den Kopf gestoßen haben und war daraufhin vielleicht bewusstlos. Dann wäre es für den Täter ein Leichtes gewesen, sie über das Gitter zu heben und in die Tiefe zu stoßen«, spekulierte Mirscher.

»Oder sie hat sich das Genick gebrochen und war schon tot, bevor man sie hinuntergeworfen hat«, zeigte Kolanski eine weitere Variante auf, wie es abgelaufen sein könnte.

»Oder das Blut stammt von jemand anderem, der in diese Sache verwickelt ist«, ergänzte Grünbrecht die Liste der möglichen Szenarien, was passiert sein könnte.

»Okay. Hiermit erkläre ich den Todesfall offiziell zu einem Mord oder den Versuch, einen Unfall zu vertuschen, warum auch immer. Selbstmord war es mit größter Wahrscheinlichkeit nicht«, kam Stern zu dem Schluss. »Wir müssen die Gäste befragen, die bei der Hochzeit anwesend waren. Wir fangen mit dem Bräutigam an. Mich interessiert, warum er seine Frau nicht als vermisst gemeldet hat. Oder vielleicht hat er es getan und wir wissen nur noch nichts davon. Klärt das bitte ab! Anschließend nehmen wir uns die Brauteltern, die Schwiegereltern, die Zubraut und den Zubräutigam vor. Ich hoffe, dass wir dadurch ein Bild davon erhalten, was gestern hier vorgefallen ist. Gebt der Spurensicherung Bescheid, dass sie alles gründlich absuchen soll.« Stern warf wieder einen Blick durch das vergitterte Fenster hinab auf die Baumwipfel. Die Tote war bereits aus dem Geäst geholt worden und lag auf einer Plastikplane am Boden neben der Straße, die für den Verkehr wegen des Einsatzes vorübergehend gesperrt worden war. Weber kniete neben ihr und begutachtete den Leichnam.

»Wer nimmt sich wen vor?«, wollte Grünbrecht wissen.

»Du und ich, wir beide befragen den Bräutigam«, antwortete Stern.

»Damit bleiben für uns entweder die Brauteltern oder die Eltern des Bräutigams«, sagte Kolanski. »Die Zubraut und den Zubräutigam erledigen wir später.«

»Wir übernehmen die Schwiegereltern der Toten«, entschied Mirscher. »Eltern zu sagen, dass ihr Kind tot ist, ist eindeutig Chefsache.«

Stern seufzte. Todesnachrichten zu überbringen war etwas, an das sich kein Ermittler gewöhnen konnte, auch er nicht. Dennoch musste es erledigt werden.

»Haben wir schon eine Adresse?«, wandte er sich Grünbrecht zu.

»In fünf Minuten«, antwortete die Gruppeninspektorin, die ihr Handy zückte, um die gewünschte Information in Erfahrung zu bringen.

»Ich rede einstweilen noch mal mit Weber, vielleicht weiß er inzwischen ein wenig mehr über den Todeszeitpunkt oder die Todesursache.« Stern drehte dem vergitterten Fenster den Rücken zu und verließ die Hochburg.

Auf dem Weg nach unten musste er das Burgmuseum passieren. Dort stand ein Herr neben einer Schautafel, der jedoch nicht diese, sondern den herbeieilenden Chefinspektor auffallend musterte. Stern beschloss herauszufinden, ob ihm der Mann etwas sagen wollte, und blieb stehen.

»Chefinspektor Oskar Stern vom Landeskriminalamt Oberösterreich«, stellte er sich vor.

»Nikolaus Brandtner.« Der Mann streckte Stern die Hand zum Gruß entgegen, was wegen der Corona-Pandemie zu einer seltenen Geste geworden war. Dann fügte er erklärend hinzu: »Ich bin der Museumsführer.«

»Waren Sie gestern auch bei der Hochzeit?«, wollte Stern von ihm wissen.

Der Mann um die 50 schüttelte den Kopf. »Nein, war ich net. Da war’n nur die Familie und die Verwandten eing’laden. Ich gehör ja quasi zum Burgpersonal.«

»Wie läuft das eigentlich ab? Wenn jemand auf der Burg heiraten will, was muss er da tun?«

»Sie meld’n sich bei mir und wir such’n einen freien Termin. Wenn der für Sie passt, können S’ hier heiraten«, erwiderte Nikolaus Brandtner. »So einfach geht das.«

»Ist in diesem Offert die ganze Burg inbegriffen?«, hakte Stern nach.

»Wir haben verschiedene Angebote. Die reichen von der kirchlichen Trauung in der Burgkapelle mit anschließender Agape im Burghof bis hin zur kompletten Hochzeitsfeier in der Burg. Da dürfen S’ natürlich sämtliche Räume benutzen. Wie es das Geldbörserl halt zulässt oder die Wünsche der Brautleute es verlangen.« Nikolaus Brandtner verschränkte zufrieden die Arme von der Brust. Er war sichtlich stolz auf die unterschiedlichen Möglichkeiten, die er den Heiratswilligen bieten konnte. Trüge er statt des legeren Anzuges eine Ritterrüstung, käme sich Stern in die Zeit des Mittelalters zurückversetzt vor. Der Mann war unrasiert und seine Haare waren zu lang, ähnlich wie die von Kolanski. Vielleicht war das aber auch die heutige Mode für Männer mittleren Alters, was wusste Stern schon.

»Und die Hochzeit gestern? Welches Arrangement war dafür gebucht?«

»Äh … Sie wiss’n, Datenschutz und so …«, stammelte der Mann herum, weil es ihm sichtlich schwerfiel, dem Chefinspektor diese Frage nicht zu beantworten.

»Wir haben eine Tote, Herr Brandtner. Mit großer Wahrscheinlichkeit war es kein Selbstmord. Also, wenn Sie mir die Auskunft nicht geben, kehre ich mit einem Gerichtsbeschluss zurück und nehme Ihre Burg auseinander«, stellte Stern klar.

»Natürlich.« Brandtner räusperte sich. »Die Gesellschaft gestern hat die Burg im Gesamten g’mietet. Das sind keine einfachen Leut’, wenn S’ versteh’n, was ich mein.«

»Nein, das tue ich nicht. Also könnten Sie das …«

»Die hab’n Geld wie Heu, Geschäftsleute mit Beziehungen bis ganz nach oben«, erläuterte Nikolaus Brandtner, noch bevor Stern zu Ende geredet hatte. »Und er, der alte Hallsteiner, der das alles bezahlt hat, ist ein ziemlich schwieriger Mann, mit dem man sich besser net anlegt.«

»Und wenn er der Kaiser von China wäre, ist mir das egal. Für mich ist er wie jeder andere, dessen Hintergrund ich durchleuchten muss. Wir untersuchen hier einen Mordfall«, erwiderte Stern energisch. Diese Obrigkeitshörigkeit ging ihm auf die Nerven. Gerade er mit seinem Job wusste, dass Reichtum und Ansehen niemanden davon abhielt, ein Verbrechen zu begehen.

»Ja, das ist schlimm. Wirklich schlimm.« Brandtner schüttelte den Kopf. »Hoffentlich wirft das kein schlechtes Licht auf unsere Burg und das Museum. Kommen S’! Ich zeig Ihnen was.« Brandtner steuerte auf eine alte Mauer zu, die in den Ausstellungsraum hereinragte. »Sehen S’ das? Das sind die Reste einer für diese Gegend ungewöhnlich großen Renaissanceanlage, die man bei archäologischen Ausgrabungen g’funden hat. Außerdem hat man diese Badegrotte entdeckt.« Brandtner führte Stern zu einer weiteren Anhäufung von Steinen. »Man weiß es net genau, aber man vermutet, dass diese Badegrotte in der Barockzeit dazugebaut worden ist. Aber eines weiß man …« Brandtner beugte sich ein wenig nach vorne und machte eine Pause, die der folgenden Information genügend Raum zum Wirken verschaffen sollte. »So, wie sie jetzt von uns präsentiert wird, ist die Badegrotte einzigartig in Österreich. Ein richtiges Unikat!« Der Museumsführer strahlte Stern an. Anscheinend hatte er längst vergessen, weswegen der Chefinspektor bei ihm war und dass auf seiner geliebten Burg womöglich ein Mord passiert war, deshalb wollte Stern ihn daran erinnern.

»Danke, Herr Brandtner, für diese Informationen, allerdings …«

»Und noch was ist ganz wichtig«, unterbrach Brandtner den Chefinspektor.

»Ja?« Stern horchte auf. Wenn etwas wichtig war, wollte er es natürlich schon erfahren.

»Das Museum steht quasi auf den Überresten der alten Burg, und wir hab’n die Mauerreste und die Badegrotte voll schön ins Museum integriert, damit alle was davon hab’n. Wie finden S’ das?« Erwartungsvoll blickte Brandtner den Chefinspektor an.

»Ist eigentlich eh ganz toll geworden«, druckste Stern herum, da er einerseits nicht unhöflich sein wollte, andererseits diese Information als nicht so wichtig erachtete. Zumindest nicht für die Aufklärung des Falls. Das enttäuschte Gesicht des Mannes ließ ihn aber hinzufügen: »Wenn ich mal etwas mehr Zeit hab, schau ich mir das Museum an, versprochen!«

Der Mann lächelte wieder. »Sie dürf’n kostenlos rein, das versprech ich Ihnen.«

»Dann … auf Wiedersehen«, verabschiedete sich Stern von dem diensteifrigen Museumsführer.

»Auf Wiederseh’n!«, rief Nikolaus Brandtner ihm hinterher.

Draußen vor dem Museum und den Weg hinab zur Straße dachte Stern über das eben geführte Gespräch nach. Der Museumsführer war ein komischer Kauz, doch er hatte eine große Leidenschaft für die Überreste der Burg an den Tag gelegt, die Stern beeindruckend fand. Der Chefinspektor war sich sicher, dass es nichts über die Burgruine Reichenstein gab, was Nikolaus Brandtner ihm nicht hätte beantworten können. Menschen mit einer derartigen Begeisterung für eine Sache trugen dazu bei, dass Kulturschätze wie die Burgruine erhalten blieben. Sollte er diesbezüglich noch Fragen haben, würde er sich direkt an ihn wenden.

»Kannst du uns schon etwas zu Todesursache und Zeitpunkt sagen?«, fragte er Weber, als er unten neben der Straße anlangte, wo dieser neben der toten Braut kniete und deren Haut massierte. Stern wusste, dass der Gerichtsmediziner daraus unter anderem schließen konnte, wann das Opfer gestorben war.

»Die Totenflecken lassen sich noch wegdrücken, das deutet darauf hin, dass die Frau nicht länger als zehn bis zwölf Stunden tot ist. Aber die Augen kann ich ihr nicht mehr schließen, und die Gelenke sind steif. Das wiederum heißt, dass der Tod vor mindestens acht Stunden eingetreten sein muss. Genügt dir das als Zeitfenster für die Tat?«

Stern brummte und blickte auf sein Handgelenk. Es war jetzt 11 Uhr vormittags, demnach musste das Opfer zwischen 23 Uhr gestern Abend und 3 Uhr morgens gestorben sein, also während oder unmittelbar nach der Hochzeitsfeier. Ein genauerer Todeszeitpunkt würde sich erst durch die Befragungen der Gäste ergeben, wann die Braut zuletzt gesehen worden war.

»Ja, das reicht vorerst. Was ist mit der Todesursache? Hast du da schon etwas für mich?«

»Ich tippe auf Genickbruch«, antwortete Weber. Mit beiden Händen bewegte er den Kopf der Leiche hin und her, um seine Vermutung zu untermauern. »Ja, ich bin mir ziemlich sicher.«

»Hat sie sich bei dem Sturz das Genick gebrochen?« Stern sah wieder nach oben zum Burgfenster, aus dem die Braut gefallen war.

»Das kann ich dir nicht sagen, aber möglich wäre es. Außerdem hat sie jede Menge Abschürfungen, die von den Ästen herrühren könnten, in denen sie gelandet ist. Um das endgültig zu bestätigen, muss ich noch ein paar Untersuchungen anstellen.« Der Gerichtsmediziner packte seine Utensilien in den Koffer zurück und ließ ihn geräuschvoll zuschnappen. Seine Arbeit vor Ort war getan. Weitere Informationen würde er der Leiche entlocken, wenn er sie obduzierte.

»Danke dir, Weber«, antwortete Stern und wandte sich von dem Gerichtsmediziner und der Toten ab. In dem Getümmel von Einsatzkräften und Schaulustigen, die sich mittlerweile eingefunden hatten und die den Ort wie bei einer öffentlichen Kundgebung bevölkerten, suchte er nach Mara Grünbrecht. Er kniff die Augen zusammen und erinnerte sich, dass er nach dem letzten Mordfall zu einem Augenarzt hatte gehen wollen. Seine Sehkraft ließ zunehmend zu wünschen übrig. In die Ferne und in der Nähe. Er brauchte unbedingt eine Brille.

Als er gerade zurück zur Burg gehen wollte, um dort nach Grünbrecht zu suchen, sah er sie den schmalen Weg zur Straße herunterkommen. Hoffentlich würde ihre und Edwin Mirschers Hochzeit keinen Polizeieinsatz wie diesen nach sich ziehen, schoss es ihm durch den Kopf. Diesen grauenvollen Gedanken schob er sofort beiseite.

Der Termin für die Vermählung stand längst fest, es war der 21. Juni, die Sommersonnenwende. Stern hatte bereits eine Einladung erhalten und sollte außerdem Mirschers Trauzeuge sein. Mit Monatsende würde der Kollege dann aus dem Team der Mordgruppe im Landeskriminalamt Oberösterreich ausscheiden, er hatte sich zum Landesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung versetzen lassen. Bormann, der Dienststellenleiter, hatte darauf gedrängt. Er hieß es nicht gut, wenn Eheleute in einer Abteilung zusammenarbeiteten. Das sorge für Komplikationen und Unstimmigkeiten, war er der Meinung und hatte damit nicht ganz unrecht. Dennoch schmerzte es Stern, Edwin Mirscher ziehen lassen zu müssen. Schließlich arbeiteten sie seit vielen Jahren zusammen, und auch wenn er nicht immer auf einer Linie mit ihm lag, schätzte er ihn. Vor allem Mirschers Menschlichkeit und sein kindliches Wesen, das er sich trotz des oft harten Jobs erhalten hatte, waren eine Bereicherung für das Team.

Ein Kollege vom Landeskriminalamt Wien würde Mirscher ersetzen. Dieser hatte in Wien noch einen Fall abzuschließen und würde anschließend zu ihnen stoßen, hatte Bormann Stern kürzlich mitgeteilt.

»Und? Haben wir die Adresse vom Bräutigam?«, fragte er Mara Grünbrecht, als sie bei ihm anlangte. Die Gruppeninspektorin hatte dieses Mal ungewöhnlich lange für das Herausfinden der Information benötigt.

»Ja, die habe ich auch«, antwortete die Gruppeninspektorin mystisch.

»Was heißt hier auch? Welche hast du denn noch?«, hakte Stern nach.

»Die der Schwiegereltern.«

Stern sah seine Kollegin irritiert an. »Dort wollten doch Mirscher und Kolanski hinfahren«, glaubte er sich zu erinnern, was sie vorhin ausgemacht hatten. »Die beiden sollen sich die Informationen, die sie brauchen, selber beschaffen. Ich hab gehört, dass es da für ältere Leute so einen Kurs gibt, in dem man lernt, wie man das macht. Wie man treffsicher im Internet surft und was weiß ich dort alles recherchieren kann.«

Grünbrecht lachte. »Du kannst das den beiden ja mal vorschlagen. Ich bin mir sicher, sie werden es begeistert aufnehmen.«

»Ich meine es ernst«, erwiderte Stern.

»Ich auch.«

»Dann sag mir, warum du die Adresse der Schwiegereltern recherchiert hast, wenn doch Kolanski und Mirscher dort hinfahren sollen.«

Grünbrecht räusperte sich und antwortete: »Jetzt nicht mehr. Der Ehemann unserer Toten wohnt nämlich noch zu Hause bei den Eltern.«

»Okay, in diesem Fall übernehmen wir das natürlich«, erwiderte Stern, der nicht wusste, was er davon halten sollte. Er hatte als Jugendlicher so schnell wie möglich von zu Hause ausziehen wollen, kaum dass er die Polizeischule abgeschlossen gehabt hatte. »Jetzt bin ich aber gespannt, was uns erwartet.«

4. KAPITEL

»Wow!«, entfuhr es Grünbrecht, als sie in Gutau vor einer imposanten Villa aus Sterns Audi A6 stiegen. Der Anblick des Gebäudes entschädigte die Gruppeninspektorin für die langsame Fahrt hierher.

Für die zugegeben kurvenreiche Strecke – aber dennoch lediglich elf Kilometer – hatten sie beinahe 25 Minuten gebraucht, und das nur, weil Stern hinterm Steuer gesessen hatte. Grünbrecht hätte die Entfernung in der Hälfte der Zeit zurückgelegt und dabei noch eine Pause einlegen können. Nun standen sie jedoch endlich vor dem Sitz der Familie Hallsteiner und bestaunten die alte Villa, die mit modernen Glas- und Metallelementen auf sich aufmerksam machte.

»Ja, wow«, wiederholte Stern Grünbrechts begeisterten Ausruf, allerdings mit weitaus weniger Euphorie. Menschen, die in solchen Häusern wohnten, kannte er nur zu gut. Seiner Erfahrung nach glaubten sie, sie könnten mit der Exekutive machen, was sie wollten, bloß weil sie genügend Geld besaßen. Und die Polizisten hätten ihnen zu dienen, als wären sie ihre Leibeigenen, weil die ach so wichtigen Leute ebenso wichtige Kontakte zu Wirtschaft und Politik pflegten. In Stern breitete sich Unbehagen aus.

»Was wissen wir über die Hallsteiners?«, fragte er, während er den Wagen versperrte. Angesichts des Fuhrparks, der vor der Villa abgestellt war, würde sich ein Dieb jedoch niemals für seinen schon ein paar Jahre alten Audi interessieren. Dennoch drückte er ein zweites Mal auf die Fernbedienung, um den Wagen ganz sicher abzuschließen.

»Den Hallsteiners gehören riesige Waldflächen im Mühlviertel, angefangen bei Linz bis hinauf zur tschechischen Grenze. Der Besitz des alten Hallsteiner war ursprünglich allerdings noch größer gewesen, aber er hatte in seinem Testament veranlasst, dass sein Vermögen auf seine zwei Söhne aufgeteilt wurde, um Streitigkeiten zu vermeiden. Der andere Bruder, er heißt Sebastian, lebt in Tschechien und hat die Wälder und Grundstücke dort vererbt bekommen, und Viktor Hallsteiner die Ländereien hier in Österreich. Danach hat er zwei Sägewerke gekauft und saniert, diese zählen heute zu den größten im Land. Ihm gehören außerdem ein Bauunternehmen und je eine Spielhalle in Freistadt und Linz. In Kitzbühel hat er in mehrere Luxuswohnungen investiert, die er um ein kleines Vermögen an Gäste vermietet, hauptsächlich an Russen. Er selbst ist Jurist und Betriebswirt. Anscheinend hat er ein Händchen für marode Unternehmen. Er kauft und saniert sie, bis sie wieder Gewinne abwerfen. Dann verkauft er sie großteils weiter«, spulte Grünbrecht herunter, was sie während der Herfahrt in Erfahrung gebracht hatte. Da Stern so langsam gefahren war, hatte sie ja genügend Zeit gehabt.

»Wissen wir schon, ob man das Opfer als vermisst gemeldet hat?«

»Nein, keine Vermisstenanzeige.« Grünbrecht schüttelte den Kopf.

»Na, dann mal los«, brummte der Chefinspektor und schritt auf den Eingang zu.

Das prächtige Gebäude wurde von einem noch prächtigeren Garten übertroffen. Allein die Zufahrt zur Villa war an die 80 Meter lang und von niedrig geschnittenen Buchsbäumen gesäumt. Im hinteren Bereich des Gartens wuchsen Weiden und Buchen und verliehen dem Gebäude den passenden Rahmen.

Sterns Finger senkte sich auf die goldene Klingel neben der massiven hölzernen Eingangstür. Eine Tonabfolge wie bei einem Klavierkonzert erklang.

»Beethoven«, sagte Grünbrecht.

Weder wunderte es Stern, dass Grünbrecht dieses Musikstück kannte, noch dass die Hallsteiners für ihre Türglocke eine Klaviersonate ausgewählt hatten.

Die Tür wurde geöffnet und eine schwarz gekleidete Frau stand vor ihnen. Offenbar hatte sich der Tod von Marion Balduin schneller herumgesprochen, als Stern angenommen hatte. Bestimmt war der Eintrag auf Facebook daran schuld.

»Ja bitte?« Fragend sah die Dame die Inspektoren an.

»Frau Hallsteiner?«

»Nein, Frau Hallsteiner empfängt im Augenblick keine Besucher.«

»Wer sind Sie?«, fragte Stern, zog seinen Ausweis aus der Tasche und hielt ihn der Frau hin.

»Fiona Mühlböck, die Haushälterin«, antwortete sie gefasst. Dass die Kriminalpolizei vor der Tür stand, schien sie nicht zu überraschen.

»Chefinspektor Oskar Stern, das ist meine Kollegin Gruppeninspektorin Mara Grünbrecht. Wir sind vom Landeskriminalamt in Linz und müssen Herrn und Frau Hallsteiner sprechen sowie deren Sohn … äh …«

»Fabian«, half Grünbrecht ihm.

Stern erkannte, dass ihr Gegenüber zögerte. »Es geht um Marion«, schob er deshalb nach, was der Haushälterin nun doch eine Reaktion entlockte. Die Augenbrauen wanderten nach oben, wenn auch nur für einen kurzen Moment, dann trat sie zurück und ließ die Tür aufschwingen, als hätte Stern ein Codewort genannt.

Die Inspektoren betraten eine pompöse Empfangshalle, wie Stern sie in einem Herrenhaus erwartet hätte, nicht aber in einer alten Landvilla, die zugegeben äußerst großzügig gestaltet war. Der Boden war mit schwarzem Marmor ausgelegt, die Wände waren in Weiß und Beige gehalten und die dunklen Möbel mit goldenen Elementen an Ecken und Füßen verziert. Hinter ihnen schloss die Frau die ebenso eindrucksvolle Pforte.

»Wir hab’n es gerade erfahr’n«, flüsterte sie den Beamten zu. Dabei hielt sie beide Arme gegen die Brust gedrückt und senkte den Blick für einen Moment, als spräche sie ein stummes Gebet. »Es war ein großer Schock für uns. Herr Hallsteiner ist sogar die Treppe herunterg’fallen, als er davon g’hört hat. Er hat sich den Kopf verletzt, aber er will net, dass ich einen Arzt oder die Rettung ruf.«

»Das tut uns leid«, sagte Stern.

Die Haushälterin nickte. »Wenn S’ mir bitte folgen woll’n.« Sie geleitete die Kriminalbeamten durch den Eingangsbereich, von dem aus mittig eine breite Stiege nach oben führte, wo sich vermutlich die Schlafräume befanden. Das Wohnzimmer war im rechten Flügel der Villa untergebracht, dort saß die Familie beisammen und unterhielt sich. Wahrscheinlich redeten sie über Marions Tod. Als Fiona Mühlböck klopfte, verstummte das Gespräch.

»Ja?«, war eine männliche Stimme zu hören.

Die Haushälterin öffnete die Tür und trat halb ein. »Zwei Polizisten sind da und woll’n Sie sprechen.«

»Sie sollen hereinkommen«, ertönte es von drinnen.

Fiona Mühlböck trat zur Seite und ließ Stern und Grünbrecht passieren.

Das Wohnzimmer entpuppte sich als Wohnsalon. Ein offener Kamin war das Herzstück des riesigen Raumes, davor standen mehrere moderne Ledersofas in einem Halbkreis aneinandergereiht. Heuer war der Mai bereits angenehm warm, weshalb kein Feuer im Kamin brannte. Kostbare Teppiche lagen auf dem Boden und moderne, in unterschiedlichen Techniken gefertigte Gemälde zierten die Wände. So mancher Linzer Galerist würde vor Neid erblassen, sähe er die hier aufgehängte Bandbreite an moderner Kunst.

»Grüß Gott!«, begrüßte Stern die Anwesenden, sofort nahm er die Betroffenheit wahr, die in dem Raum herrschte. »Mein Name ist Oskar Stern, ich bin Chefinspektor am Landeskriminalamt Oberösterreich, das ist meine Kollegin Gruppeninspektorin Mara Grünbrecht …«

»Sie kommen gewiss wegen Marion«, unterbrach der Hausherr Sterns Vorstellung. Er hielt sich ein Tuch an den Kopf, bestimmt wegen des Sturzes. Wahrscheinlich wollte er verhindern, dass sein Hemd und die Ledercouch mit Blut besudelt wurden, weil er sich eine Verletzung zugezogen hatte. »Das ganze Internet ist voll mit diesem Foto, das so ein sensationslüsterner Trottel von Marion gemacht hat, wie sie tot in den Bäumen hängt. Sie müssen umgehend Sorge dafür tragen, dass es verschwindet! Sofort!«, forderte er echauffiert und wollte aufstehen, doch die Bewegung verursachte ihm offensichtlich Schmerzen. Sein Gesicht verzerrte sich und er stöhnte.

»Wir werden unser Bestes tun. Außerdem möchten wir Ihnen unser aufrichtiges Beileid aussprechen«, sagte Stern und trat näher. »Sollen wir einen Arzt rufen?« Er deutete auf Viktor Hallsteiner, der umständlich mit der rechten Hand das Tuch in Position hielt und sich in die Couch zurückfallen ließ. Dadurch konnte Stern nicht sehen, wie schwer die Verletzung war, die er sich bei dem Sturz zugezogen hatte.

»Das mit Marion war ein schrecklicher Unfall, oder? Es kann nur ein Unfall gewesen sein«, sagte der Hausherr und bot den Beamten an, sich zu setzen. Die Frage nach dem Arzt ignorierte er.

Sowohl Fabian als auch seine Mutter und Schwester schwiegen. Sie sahen betroffen aus, wenn auch nicht auf die Weise, die Stern kannte, wenn ein nahestehender Mensch von einem gegangen war. Der Chefinspektor war schon oftmals zu Familien heimgekommen, die einen geliebten Menschen durch eine Gewalttat verloren hatten, hatte die Verzweiflung und Fassungslosigkeit, die Wut und Trauer erlebt. Hier aber war es anders.

»Das wissen wir noch nicht«, erwiderte er.

»Wie meinen Sie das?« Viktor Hallsteiner richtete sich auf, und die Gesichter der übrigen Familienmitglieder schwenkten ebenfalls in Sterns Richtung.

»Wie ich sagte: Wir wissen nicht, ob es tatsächlich ein Unfall war oder nicht. Zum jetzigen Zeitpunkt gehen wir von Mord aus. Die Indizien sprechen dafür.« Gespannt blickte Stern die Anwesenden der Reihe nach an. Die Schwester fing an zu weinen, die Mutter reichte ihr ein Taschentuch. Fabian wurde kreidebleich. Stern konnte erkennen, dass er das Gehörte erst verarbeiten musste.

»Das ist doch ein ausgemachter Schwachsinn!«, erwiderte Viktor Hallsteiner aufgebracht. Er wollte aufstehen, doch sichtlich hinderten ihn seine Kopfschmerzen daran. »Stefanie, bring mir eine Schmerztablette!«, forderte er von seiner Frau.

Stefanie Hallsteiner stand auf und verschwand aus dem Raum. Jetzt war für die Kriminalbeamten klar, wer hier das Kommando führte.

»Herr Hallsteiner«, richtete Stern das Wort an Fabian. »Warum haben Sie Ihre Frau nicht als vermisst gemeldet? Hätten Sie nicht bemerken müssen, dass sie nach Ihrer Hochzeit nicht neben Ihnen im Bett liegt?«

»Nein, hat er nicht«, antwortete Viktor Hallsteiner anstelle seines Sohnes. »Und zwar wegen …«

»Ich rede nicht mit Ihnen, sondern mit Ihrem Sohn«, ließ Stern ihn nicht ausreden. »Wenn Sie sich bitte zurückhalten!«

»Was denken Sie, wen Sie vor sich haben?«, brauste der Vater auf und erhob sich. Wieder verzog er vor Schmerzen das Gesicht, blieb aber stehen.

»Ich weiß, wen ich vor mir habe. Und Sie halten sich jetzt aus der Befragung raus, sonst …«

»Ich werde mich bei Ihrem Vorgesetzten über Sie beschweren!«

»Tun Sie das, aber draußen. Mara, würdest du bitte Herrn Hallsteiner vor die Tür begleiten und einen Arzt rufen? Ich glaube, dass er sich bei dem Sturz eine Gehirnerschütterung zugezogen hat«, sagte Stern und wandte sich Fabian zu. Ein klares Zeichen, dass er nicht beabsichtigte, mit dem Oberhaupt der Familie weiterzureden, solange das sich nicht unter Kontrolle hatte und Sterns Anweisungen Folge leistete.

Die Gruppeninspektorin stellte sich vor Viktor Hallsteiner und sah ihn auffordernd an.

»Das werden Sie bereuen!«, zischte er und schritt Grünbrecht voran. In diesem Augenblick kehrte Stefanie Hallsteiner zurück, in der einen Hand ein Glas Wasser und in der anderen zwei Schmerztabletten.

»Was ist hier los?«, fragte sie verwundert und blickte ihrem entschwindenden Gatten hinterher. Anschließend wandte sie sich Stern zu und hoffte auf Aufklärung.

»Ihr Mann hat sich entschieden, der Befragung nicht beizuwohnen«, erläuterte Stern knapp. Im Eingangsbereich konnte er den Hausherren zetern hören. Wahrscheinlich rief der jetzt den Landespolizeidirektor an und dieser daraufhin Bormann, Sterns Chef. Doch ein paar Minuten blieben Stern noch, bis Bormann versuchen würde, ihn zu erreichen.

»Herr Hallsteiner, bitte beantworten Sie meine Frage«, kam er auf das ursprüngliche Thema zurück. »Warum haben Sie Ihre Frau nicht als vermisst gemeldet? Oder haben Sie etwa gar nicht gewusst, dass sie nicht zu Hause war?«

Fabian Hallsteiner rückte nervös auf dem Sofa hin und her. Er rieb sich die Hände und sah zu Boden. Es war unschwer zu erkennen, dass ihm die Situation stark zusetzte.

»Ich war letzte Nacht ziemlich weggetreten, ich weiß nicht einmal, wie ich nach Hause gekommen bin«, sagte er leise.

»Heißt das, Sie haben auf Ihrer Hochzeit so viel Alkohol getrunken, dass Sie sich an nichts erinnern?«, hakte Stern nach.

»Ich hab nicht alles vergessen, was gestern passiert ist, aber es gibt schon ein paar Lücken. Vor allem, was zum Schluss passiert ist, liegt unter einem dicken Nebel verborgen«, stellte Fabian klar.

»Dann erzählen Sie mir von der Hochzeit, soweit Sie es noch wissen«, forderte Stern den jungen Witwer auf.

»Von der ganzen Hochzeit?« Fabians Stimme klang unsicher.

Stern nickte.

»Ja, wo fange ich da an? Also, wir haben auf der Burg Reichenstein geheiratet, anschließend fand dort die Hochzeitsfeier statt. Es waren viele Gäste da, Verwandte, Bekannte, Freunde, Geschäftspartner meines Vaters. Marion war unglücklich …« Fabian brach ab und schien sich mit Augenkontakt beim Chefinspektor rückversichern zu wollen, ob seine Erzählung dessen Erwartungen entsprach.

»Weshalb war sie unglücklich? Es war doch ihre Hochzeit?«, fragte Stern. War eine Hochzeit nicht der Traum der meisten Frauen? Warum also war Marion an diesem Tag nicht überglücklich gewesen?

Fabian warf einen Blick zu seiner Mutter hinüber, die sich mittlerweile gesetzt hatte, nach wie vor das Glas Wasser und die Tabletten in Händen. Sie nickte ihrem Sohn aufmunternd zu.

»Sie müssen wissen, dass wir nicht aus Liebe geheiratet haben«, erzählte Fabian stockend.

»Weswegen dann?« Stern konnte sich nicht vorstellen, dass es heutzutage für junge Leute noch andere Gründe gab, den Bund der Ehe einzugehen. Die Zeiten der arrangierten Verehelichungen von Kindern waren längst vorüber. Natürlich wusste er, dass es in anderen Kulturen und auf anderen Kontinenten durchaus bis heute üblich war, junge Mädchen mit Männern zu vermählen, aus den unterschiedlichsten Gründen. Oder weil es schlicht und einfach Tradition war. Aber in Österreich dürfte das seiner Meinung nach eigentlich nicht mehr vorkommen.

»Unsere Eltern haben uns verkauft!«, stieß Fabian verächtlich aus. Sein Gesicht verzog sich zu einer leidenden Fratze.

Stern glaubte sich verhört zu haben, doch Stefanie Hallsteiner liefen plötzlich Tränen über die Wangen. Die Worte ihres Sohnes schmerzten sie, das sah Stern deutlich. Der Vorwurf war schwerwiegend, und Stern wollte ihn näher erklärt haben, was für die Mutter bedeutete, den verletzenden Worten des Sohnes weiterhin ausgesetzt sein zu müssen.

»Was heißt verkauft?«, hakte er nach.

»Weil ich Marion geheiratet habe, bekommt ihr Vater einen Haufen Geld von meiner Familie, um seine Firma zu retten. Dadurch steht Marions Vater für immer und ewig in unserer Schuld. So ist es doch, oder, Mutter?« Fabians Lippen bebten, als er sie um Bestätigung bat.

Die Angesprochene schluchzte laut auf. »Ich hab es nicht verhindern können«, gestand sie unter Tränen. »Ich hab Viktor angefleht, es nicht zu tun. Dass er unseren Sohn nicht an diesen Gewürzhändler verkauft wie eine Ladung frischer Senfkörner. Aber er hat nicht auf mich gehört. Er hat gemeint, dass Fabian etwas dafür tun müsse, wenn er irgendwann einmal unser Vermögen erben will. Und Fabians Beitrag ist eben, jemanden zu heiraten, der in Viktors Pläne passt.« Die Mutter ließ erschöpft die Schultern hängen. Das Versagen, dass sie ihren Sohn nicht vor dieser Heirat hatte beschützen können und dies dann auch noch zugeben musste, kostete sie ihre ganze Kraft.

»Was hat Marion zu diesem Plan gesagt?«, wollte Stern wissen.

»Sie war nicht begeistert«, erwiderte Fabian. »Und sie hat mich dafür gehasst.«

»Und ich hasse deswegen meinen Mann. Soll er doch verrecken!« Stefanie Hallsteiner stand auf und schüttete das Wasser in den Topf einer Zimmerpflanze, die Schmerztabletten steckte sie in die Schublade einer Kommode. Das war ihre kleine Revolte, wenngleich sich Stern sicher war, dass sie ihrem Mann wieder gehorchen würde, sobald dieser zur Tür hereinmarschierte.

»Wie war das gestern Abend? An was können Sie sich erinnern und wann haben Sie Marion das letzte Mal gesehen?«, machte Stern mit der Befragung des Bräutigams weiter.

»Nach dem Brautstehlen. Wir haben zusammen getanzt, und Marion war eigentlich nicht so schlecht drauf. Sie hat sogar gemeint, dass das, was ich zu ihr gesagt habe, und zwar, dass die Liebe noch kommen könne, wenn wir erst mal eine Zeitlang verheiratet seien und uns besser kennengelernt hätten, dass sie das ein wenig hoffnungsvoller gestimmt hat. Ich hatte den Eindruck, als wenn sie mich nicht mehr ganz so verabscheuen würde. Aber vielleicht habe ich mich geirrt.« Fabian starrte traurig auf seine Hände.

»Marion hat gestern mit vielen Männern geflirtet«, meldete sich Fabians Schwester Christine zu Wort. »Es war offensichtlich, dass sie nicht mit dir verheiratet sein wollte.« Bislang hatte die junge Frau geschwiegen und dem Gespräch aufmerksam gelauscht. Stern konnte nicht einschätzen, auf welcher Seite sie stand. Auf Marions? Oder auf der ihrer Familie, die ja erst das Leid über Marion gebracht hatte? Stern würde es herausfinden, ebenso, warum Marion und Fabian der Heirat überhaupt zugestimmt hatten.

»Ich hab’s gesehen«, antwortete Fabian, den Blick zu Boden gerichtet, als schämte er sich für das Verhalten seiner nun toten Ehefrau.

»Die Leute werden sich über uns das Maul zerreißen«, redete Christine weiter. Sie hatte die Beine angezogen und hielt einen kuscheligen Fell-Polster von der Couch dicht an ihren Bauch.

Stern beobachtete sie und ihm fiel auf, dass sie lächelte. »Und das freut Sie?«

»Das ist voll cool!«, sagte Christine. »Endlich kriegt Papa das, was er verdient. Sonst kuschen immer alle vor ihm. Ich finde es übrigens toll, dass Sie ihn rausgeworfen haben. Sie haben echt Eier, Mann! Aber Sie wissen, was jetzt auf Sie zukommt?«

»Ich kann es mir vorstellen …«

»Verdoppeln Sie Ihre Vorstellung! Er wird Ihnen den Arsch aufreißen, bis Sie vor ihm in die Knie gehen, genau wie wir.« Christine deutete in die Runde und drückte mit der anderen Hand den Fell-Polster noch fester an sich, als könnte der sie vor den zukünftigen Angriffen des Vaters schützen.

»Das wäre ja noch schöner«, murmelte Stern. »Also, Sie haben Marion das letzte Mal nach dem Brautstehlen beim Tanzen gesehen. Wie spät war es da?«, richtete er die nächste Frage an den jungen Witwer.

»So gegen halb eins, würde ich meinen.« Fabian versuchte sich zu erinnern. »Ich hatte so viel intus, dass ich nicht länger tanzen konnte. Beim Brautstehlen haben wir Schnaps getrunken, immer wieder. Die Wirkung setzte aber erst später ein, und danach … Ich glaub, ich hab auf Marions Kleid gekotzt.«

Christine kicherte. »Ja, das hast du. Und das hat sie wirklich sauer gemacht!«

»Dann weiß ich nichts mehr. Ich hab auch nicht den blassesten Schimmer, wie ich nach Hause gekommen bin.«

»Mit uns«, sagte die Mutter, die sich mittlerweile gefangen hatte. Die Tränen waren versiegt, die Nase geputzt, und das verschmierte Make-up unter den Augen mit einem Taschentuch weggewischt. Sie saß aufrecht auf der Ledercouch und massierte ihre Hände. »Viktor hat dich aufgelesen und von ein paar kräftigen Männern auf die Rücksitzbank seines Wagens verfrachten lassen. Die Reinigung wird deinen Vater eine Stange Geld kosten.«

»Ja, du hast nämlich auch in Papas BMW gekotzt«, sagte Christine mit sichtlicher Genugtuung.

»Wann haben Sie Marion das letzte Mal gesehen?«, wollte Stern von Frau Hallsteiner wissen.

»Ich hab Marion gefragt, ob sie mit uns nach Hause fahren will, aber sie hat gemeint, da mit Fabian heute ohnehin nichts mehr ginge, weil der so viel getrunken habe, könne sie noch bleiben und ein wenig Spaß haben. Ich hab ihr den Spaß gegönnt.« Stefanie Hallsteiner betrachtete den Chefinspektor unsicher. Sie schien sich zu fragen, ob der verstünde, was sie damit ausdrücken wollte. »Ich hatte irgendwie Mitleid mit ihr, obwohl mir nicht gefallen hat, wie sie sich bei der Hochzeit aufgeführt und unsere Familie bloßgestellt hat«, erklärte sie.

»Das hört sich an, als wären Sie selbst nicht glücklich in Ihrer Ehe«, schloss Stern aus ihrer Antwort.

»Ich habe zwei wundervolle Kinder. Das ist mehr, als ich mir jemals zu erträumen gewagt habe.« Sie lächelte Fabian und Christine an. »Doch gegen meinen Mann habe ich keine Chance. Der bekommt immer, was er will. Ohne Rücksicht auf andere. Ohne Rücksicht auf mich.« Ihre Stimme war leise geworden, und während sie das sagte, hatte sie wieder begonnen, ihre Hände zu massieren.

»Und wann haben Sie Marion das letzte Mal gesehen?«, stellte Stern erneut diese Frage, nun an Fabians Schwester gerichtet.

»Als sie mit dem Sänger der Band gevögelt hat«, antwortete Christine.

5. KAPITEL

Die Gruppeninspektoren Hermann Kolanski und Edwin Mirscher fuhren zu den Eltern der Braut. Durch den Umstand, dass Stern und Grünbrecht neben dem Bräutigam auch dessen Eltern befragten, fiel Kolanski und Mirscher nun doch eine der schwierigsten Aufgaben der Mordermittlung zu: den Eltern sagen zu müssen, dass ihr Kind tot war.

»Wenn ich mir denke, dass Mara und ich auch bald heiraten, wird mir ganz flau im Magen«, ließ Mirscher während der Fahrt seinen Kollegen wissen.

»Du bekommst doch nicht etwa kalte Füße?«, fragte Kolanski überrascht.

»Ich? Nein! Im Gegenteil! Ich kann es kaum erwarten, dass Mara meine Frau wird.« Mirscher strahlte bei dem Gedanken, was ihn wie einen kleinen Jungen aussehen ließ. Er fuhr sich mit der Hand mehrmals durch seine Stoppelhaare und lachte. An die kurze Pracht musste er sich erst gewöhnen, genau wie Kolanski, der seinem Kollegen, seit dieser eine neue Frisur hatte, bei jeder passenden Gelegenheit wie einem Lausbuben durch die Haare rubbelte. Die Neckerei würde Kolanski vermissen, wenn Mirscher nicht mehr bei der Mordgruppe, sondern beim Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung arbeitete. Schon bald sollte der Wechsel vollzogen werden. Wahrscheinlich war dies Mirschers letzter Fall im Team, was Kolanski betrübte. Er mochte den Kollegen, arbeitete gerne mit ihm zusammen. Doch irgendwie vermieden sie es alle, dieses Thema anzusprechen. Es ließ sie sentimental werden, obwohl der eigentliche Grund für Mirschers Wechsel ein durchaus schöner war.

»Wie geht’s mit den Hochzeitsvorbereitungen voran?«, wollte Kolanski wissen. »Recht viel Zeit habt ihr ja nicht mehr, der 21. Juni ist bald da.«

»Das Aufgebot ist bestellt, der Priester informiert, und die Familie und die engsten Freunde sind eingeladen.«

»Was? Keine Tante Pepi und kein Onkel Horst?« Kolanski wusste, dass die Gästeliste bei Maras und Edwins Hochzeit ein besonders heikles Thema war. Mirscher wollte eine große Hochzeit – Kolanski vermutete allerdings, dass hinter diesem Wunsch wohl eher Mirschers Mutter steckte –, aber Grünbrecht zog es vor, im kleinen Kreis zu heiraten. Die selbstbewusste Gruppeninspektorin hatte sich durchgesetzt. Kolanski schmunzelte.

»Du weißt ja, wie überzeugend Mara sein kann«, erwiderte Mirscher.

»Und deine Mutter? Was sagt sie dazu?«

»Sie ist nicht begeistert, wie du dir vorstellen kannst. Sie hat gemeint, dass ich das meinen Tanten und Onkeln selber erklären muss. Sie will damit nichts zu tun haben.« Mirscher ahmte die Stimme seiner Mutter nach.

Kolanski lachte.

»Das ist nicht lustig!«, fuhr Mirscher ihn an. »Du kennst Tante Pepi nicht.«

»Nein, da hast du recht. Und so, wie du von ihr sprichst, will ich sie auch nicht kennenlernen«, erwiderte Kolanski immer noch amüsiert.

Nach weiteren zehn Minuten erreichten sie das im Zentrum von Pregarten liegende Haus der Balduins. Die Gruppeninspektoren stiegen aus und sahen sich um. Der Stadtplatz mit der etwa fünf Meter hohen Mariensäule wirkte wie ausgestorben, nur ein paar Jugendliche saßen in dem Grünflächenoval in der Sonne und blickten auf die Displays ihrer Handys, anstatt sich zu unterhalten. Ein mittlerweile gewohntes Bild, nicht nur in dieser Altersgruppe.

»Sind wir hier richtig?«, fragte Kolanski, der die Adresse prüfte. Ein Großteil der Pregartner Bevölkerung befand sich zu dieser Zeit wahrscheinlich in der Stadtpfarrkirche St. Anna zur heiligen Messe. Immerhin war Sonntag, der Tag des Herrn. Wie zur Bestätigung läuteten die Glocken der Kirche.

»Ja, sind wir«, war sich Mirscher nach einem Blick auf sein Smartphone sicher und schritt auf das Stadthaus zu. Auf dem Türschild stand kein Name, dennoch betätigte er die Klingel.

Nach einigen Augenblicken knackte es in der Sprechanlage und eine weibliche Stimme meldete sich. »Ja?«

»Frau Balduin?«

»Wer will das wissen?«

»Gruppeninspektor Edwin Mirscher vom Landeskriminalamt Oberösterreich. Wir müssen Sie sprechen.«

»Ich bin noch im Morgenmantel«, drang es blechern aus der Sprechanlage.

»Es ist dringend!«, ergänzte Mirscher.

Es knackte wieder, dann herrschte Stille.

»Frau Balduin?« Mirscher starrte die Sprechanlage entgeistert an.

»Was hast du erwartet? Dass sie am Sonntag Fremde mit offenen Armen empfängt? Wir könnten ja auch Zeugen Jehovas sein.« Kolanski trat näher und drückte selbst auf die Klingel, deutlich länger als Mirscher. Und gleich ein zweites Mal.

»Ist ja schon gut!«, drang es aus dem Lautsprecher.

»Siehst du, so macht man das.« Kolanski grinste Mirscher an.

»Ich bin mir sicher, dass sie mir auch aufgemacht hätte. Ich hätte halt nur gewartet, bis sie sich etwas Ordentliches angezogen gehabt hätte und …« Mirscher verstummte. Jemand hantierte innen mit einem Schlüssel, und angesichts der Nachricht, die sie der Familie mitteilen mussten, war eine angemessene Haltung angebracht. Mirscher streckte den Rücken durch, Kolanski nahm die Sonnenbrille ab und schob sie in die Brusttasche seines Hemdes. Schließlich ging die Tür auf und eine Frau um die 50 stand vor ihnen. Sie trug einen blauen Morgenmantel, war jedoch schon geschminkt. Die braunen glatten Haare hatte sie mit einer Spange hochgesteckt.

»Gruppeninspektor Edwin Mirscher, das ist mein Kollege Gruppeninspektor Hermann Kolanski. Wir müssen mit Ihnen und Ihrem Mann sprechen, Frau Balduin.« Mirscher hielt ihr seinen Dienstausweis hin, und sie warf einen flüchtigen Blick darauf.

»Um was geht’s denn?« Die Frau klammerte mit einer Hand den Morgenmantel vor ihrer Brust zusammen.

»Das sollten wir lieber drinnen bereden«, sagte Kolanski ausweichend. »Dürfen wir reinkommen?«

Die Frau trat nach kurzem Zögern beiseite und ließ die Kriminalbeamten ein. Dann führte sie sie die Treppe nach oben in das Esszimmer, wo ihr Ehemann gerade Kaffee trank und die Sonntagszeitung studierte. Als sie eintraten, sah er hoch und ließ die Zeitung in den Schoß sinken.

»Die Herren sind von der Polizei«, stellte Frau Balduin die Besucher vor.

»Polizei? Sie müss’n unseren Aufzug verzeih’n. Wir sind spät zu Bett g’gangen, weil unsere Tochter gestern g’heiratet hat. Und da heute Sonntag ist, dachten wir, wir könnten ausschlafen. Ich bin Gustav Balduin, meine Frau Anna kennen Sie ja bereits.« Der Hausherr faltete die Zeitung und legte sie beiseite. »Wollen S’ einen Kaffee?«

»Nein, danke«, lehnte Kolanski ab.

»Bitte setzen Sie sich«, bot ihnen Anna Balduin einen Stuhl an. »Was ist denn passiert, dass Sie uns unbedingt an einem Sonntag sprechen müssen?«

Auf dem Tisch standen neben zwei Kaffeetassen mehrere Stücke des Hochzeitskuchens, wie Kolanski und Mirscher vermuteten. Diese waren offensichtlich vom Fest übrig geblieben, und die Gäste hatten sie sich mit nach Hause nehmen dürfen, wie es bei Hochzeiten üblich war. Das Vorhandensein des Kuchens machte das Überbringen der Todesnachricht noch schwerer. Mirscher zögerte, deshalb übernahm Kolanski das Reden.

»Wir haben Ihnen leider eine traurige Mitteilung zu machen. Ihre Tochter Marion wurde heute Morgen tot aufgefunden. Unser aufrichtiges Beileid.«

Für einen Augenblick herrschte Schweigen. Offenbar waren die Balduins heute noch nicht im Internet gewesen, sonst hätten sie das Foto ihrer toten Tochter – wie sie mit ausgestreckten Armen wie ein Kreuz in den Bäumen hing – schon gesehen. Oder sie nutzten prinzipiell keine sozialen Medien. Ihre Überraschung schien echt zu sein.

»Sind S’ sicher, dass es Marion ist?«, fragte der Vater. Er war kreidebleich und starrte die Beamten ungläubig an.

Die Mutter stand abrupt vom Tisch auf und griff nach ihrem Handy, das auf einer Kommode lag. Sie wischte und tippte und hielt es sich ans Ohr. Bestimmt rief sie Marion an. Die würde jedoch nicht rangehen, wussten die Kriminalbeamten.

»Sie hebt net ab«, sagte die Mutter, während die Gewissheit, dass die Männer die Wahrheit sprachen, in ihr Gehirn vordrang. Sie ließ den Arm mit dem Smartphone sinken, jedwede Energie wich aus ihrem Körper. Sie torkelte und kippte zur Seite.

Mirscher sprang ihr sofort zur Hilfe und fing sie gerade noch auf, bevor ihr Kopf gegen den Schrank prallte. Kolanski half ihm, die Frau auf den Boden zu legen und die Füße hochzulagern. Sanft tätschelte er ihr Gesicht. »Frau Balduin? Hören Sie mich?«

Gustav Balduin saß noch immer auf dem Stuhl und rührte sich nicht. Er bekam vom Ohnmachtsanfall seiner Frau nichts mit. Er starrte auf einen Fleck und murmelte ein paar Worte vor sich hin, die sich wie »Was habe ich nur getan?« anhörten, aber auch etwas ganz anderes hätten heißen können.

»Wir brauchen einen Arzt«, erkannte Mirscher und wählte den Notruf.

Inzwischen erlangte Anna Balduin ihr Bewusstsein wieder. Als sie realisierte, dass alles kein Traum gewesen war und in ihrem Esszimmer tatsächlich zwei Kriminalbeamte waren – der eine über sie gebeugt und der andere telefonierend –, schrie sie sich die Seele aus dem Leib. Es waren die Schreie einer verzweifelten Frau, die den Tod ihres Kindes nicht wahrhaben wollte. Ihn nicht akzeptieren konnte. Lieber selber sterben wollte, als weiterzuleben mit dem Wissen, die eigene Tochter nie mehr in den Arm nehmen zu können. Kolanski wollte sie berühren, doch sie schlug nach ihm, als wäre er schuld am Tod ihres Kindes. Er ließ nicht locker, zog sie an sich, bis sie ihn gewähren ließ. Schreiend und weinend. Wütend und traurig. Eine Weile saßen sie so da, bis endlich in der Ferne die Sirene des Rettungswagens ertönte.

*

»Scheiße!«, raunte Mirscher Kolanski zu, nachdem der Notarzt und das Kriseninterventionsteam gleichzeitig eingetroffen waren und die Versorgung der Balduins übernommen hatten. »Eltern sagen zu müssen, dass ihr Kind tot ist, ist echte Scheiße, das mach ich nie wieder!«

»Das wirst du auch nicht mehr müssen«, erwiderte Kolanski. »Schließlich wechselst du bald ins Landesamt für Verfassungsschutz und darfst Terroristen bekämpfen.«

»Wie kannst du dabei nur so ruhig bleiben?«, fragte Mirscher irritiert.

»Was bringt es mir, wenn ich nicht ruhig bin?«, stellte Kolanski eine Gegenfrage.

»Klugscheißer!«, fauchte Mirscher ihn an.

»Auf alle Fälle können wir die beiden als Täter ausschließen. Niemand reagiert so, wenn er vom Tod des geliebten Menschen gewusst hat«, resümierte Kolanski.

»Außer er ist ein guter Schauspieler«, warf Mirscher ein.

»Dann muss er aber ein sehr guter Schauspieler sein«, antwortete Kolanski und deutete auf den Vater, der wie betäubt auf dem Stuhl saß und regungslos geschehen ließ, was die Sanitäter mit ihm anstellten. Als die Spritze mit dem Beruhigungsmittel in seine Vene eindrang, verzog er nicht einmal das Gesicht.

Während die Mutter im Wohnzimmer auf der Couch lag und dort medizinisch versorgt wurde, setzte sich Kolanski Gustav Balduin gegenüber und fragte: »Herr Balduin, können Sie uns ein paar Fragen beantworten?«

Der Vater richtete den Blick auf den Gruppeninspektor, doch es war, als sähe er durch ihn hindurch. Als nähme er ihn nur am Rande wahr. Dennoch nickte er.

»Was ist gestern auf der Hochzeit passiert, das nicht hätte passieren sollen?« Kolanski wählte seine Worte mit Bedacht.

»Nichts. Alles war so, wie es hat sein soll’n«, antwortete Balduin.

Die Kriminalbeamten wussten nicht, ob sich der Vater das jetzt einredete, um mit der Situation klarzukommen, oder ob es tatsächlich so gewesen war. Die Menschen neigten dazu, die Dinge im Nachhinein schönzufärben, um sich nicht damit auseinandersetzen zu müssen.

»Gab es Streit?«

Gustav Balduin überlegte. »Nein.«

»Wann haben Sie Ihre Tochter das letzte Mal gesehen?«

»Nach Mitternacht, als wir nach Hause g’fahren sind.«

»Wann war das?«

»So um 1 Uhr, vielleicht ein wenig später.«

»Was hat Marion da gerade gemacht?«

»Mich ang’schrien.«

»Sie hat Sie angeschrien?« Die Gruppeninspektoren waren überrascht, dass der Vater dies so offen zugab. Immerhin konnte man daraus ein Motiv ableiten. »Weshalb hat Marion Sie angeschrien?«

Der Vater räusperte sich. Anscheinend wusste er nicht, wie er das, was ihm auf der Zunge lag, sagen sollte. »Weil ich sie mit dem jungen Hallsteiner verheiratet hab und sie das plötzlich für keine so gute Idee mehr g’halten hat«, sagte er dann.

»Sie haben was?«, entfuhr es Mirscher, der inzwischen ebenfalls an den Tisch herangetreten war und sich mit beiden Armen dort abstützte.

»Sie mit ihm verheiratet«, beantwortete Balduin die Frage, als wäre es das Natürlichste, was es gab.

»Wie dürfen wir das verstehen? Haben sich die beiden denn nicht geliebt?« Kolanski war nicht klar, was sie mit Balduins Aussage anfangen sollten. Ob sie dadurch tatsächlich auf ein Motiv schließen konnten oder ob sie den Vater möglicherweise missverstanden.

»Ich hab Schulden. Meine Firma, Balduin Gewürze, läuft net mehr so gut wie früher. Wir hab’n schon lange Marktanteile an die billige Konkurrenz im Ausland verlor’n. Die Produktion in Österreich ist teuer, hochqualitative Rohstoffe sind teuer. Die Leute woll’n zwar Qualität, aber sie woll’n nix dafür bezahlen. Um net Insolvenz anmelden zu müssen, haben Viktor Hallsteiner und ich einen Deal abgeschlossen. Ich bekomm von ihm fünf Millionen Euro, und meine Tochter heiratet dafür seinen nichtsnutzigen Sohn«, erzählte der Vater ohne jegliche Gefühlsregung. Wahrscheinlich wirkte das Beruhigungsmittel schon, oder er war ein Mensch, der prinzipiell nicht offen zeigte, wie es ihm ging. Denn dass der Tod der eigenen Tochter keine Emotionen hervorrief, konnten sich weder Mirscher noch Kolanski vorstellen.

»Wow!«, stieß Mirscher aus. »Kein Wunder, dass sie Sie angeschrien hat.«

»Wieso nichtsnutzigen Sohn? Wie kommen Sie dazu, ihn so zu nennen? Und wieso haben Sie trotzdem Ihre Tochter mit ihm verheiratet? Erklären Sie mir das«, verlangte Kolanski.

»Sein eigener Vater nennt ihn so. Anscheinend taugt er net zur Arbeit, zumindest zu keiner, wie sie vonnöten wäre, um ein Unternehmen zu führen«, sagte Balduin. »Da ist Härte ang’sagt, dafür braucht man Disziplin und Fleiß und keinen verzogenen reichen Bengel, dem sein Leben lang alles in den Arsch g’schoben worden ist.«

Kolanski musste sich zusammenreißen, um Ruhe zu bewahren. Die Worte des Vaters wühlten ihn auf. Er sah Mirscher an, dass es ihm genauso erging.

»Aber wieso hat Marion Sie erst gestern deswegen angeschrien? Dass Sie Ihre Tochter mit Fabian verheiraten wollten, wissen die beiden sicher schon länger. Ihre Tochter müsste sich demnach bereits viel früher über diesen Deal empört haben, oder irre ich mich da?« Kolanski ließ nicht locker. Entweder tischte ihnen der Mann gerade das allergrößte Märchen auf, das im Mühlviertel je erzählt worden war, um etwas anderes zu vertuschen, oder seine Aussage entsprach tatsächlich der Wahrheit. So eine verrückte Geschichte konnte man sich unmöglich in so kurzer Zeit einfallen lassen.

»Sie hab’n recht«, pflichtete Gustav Balduin Kolanski bei. »Das hat sie auch getan. Aber gestern hat sie mir g’sagt, dass sie mich in nächster Zeit nicht sehen will und über so einiges nachdenken müsse.«

»Sie haben Ihre Tochter verkauft«, fasste Kolanski zusammen. »Wer kann ihr da verdenken, dass sie Sie nicht sehen wollte?«

»Ja, ich hab sie verkauft.« Balduin starrte mit versteinerter Miene aus dem gegenüberliegenden Fenster.

»Haben sich Ihre Tochter und der junge Hallsteiner vorher überhaupt gekannt? Oder von was reden wir hier?«

»Gekannt ist zu viel g’sagt. Die Hallsteiners wohnen ja in Gutau. Marion und Fabian sind sich ein paarmal begegnet, also waren sie sich net gänzlich fremd.«

»Und?«

»Was und?« Der Blick von Balduin richtete sich auf den Gruppeninspektor.

»Haben sich die beiden zumindest gemocht? Sympathisch gefunden oder dergleichen?«, half er dem Vater auf die Sprünge.

»Ich … ich weiß es net«, gab dieser zu.

»Und es war dir auch egal!«, zischte Anna Balduin. Sie stand plötzlich in der Tür und sah ihren Mann an. Ihr Gesichtsausdruck verriet Abscheu und Wut.

»Es war mir net egal …«

»Lügner!«, schrie sie.

»Aber …«

»Sei still!«

Erst jetzt bemerkten die Ermittler das lange Küchenmesser in Anna Balduins Hand.

»Es ist deine Schuld, dass Marion tot ist!«, rief sie und stürzte sich auf ihren Mann.

6. KAPITEL

Oskar Stern saß auf der bequemen Ledercouch im Wohnsalon der Hallsteiners und starrte die Tochter der Familie an. Christine hatte ihnen gerade mitgeteilt, dass Marion am Tag ihrer Hochzeit Sex gehabt hatte – jedoch nicht mit ihrem frisch angetrauten Ehemann.

»Können Sie das wiederholen?«, bat er so ruhig wie möglich. Denn auch die restlichen Familienmitglieder schienen diese Neuigkeit erst mal verdauen zu müssen, allen voran Fabian Hallsteiner. In dem Wohnsalon war es mucksmäuschenstill. Das Entsetzen darüber schien ähnlich groß zu sein wie über Marions Ableben.

»Ich habe Marion das letzte Mal gesehen, als sie mit dem Sänger der Band gevögelt hat«, wiederholte Christine genüsslich, wohl wissend, welche Lawine sie damit auslöste.

»Das kann nicht sein!«, zischte die Mutter empört.

»So war es aber, Mama«, bekräftigte Christine mit fester Stimme. Ihr Blick und jener der Mutter wanderten zu Fabian hinüber. Beide wollten wissen, wie er darauf reagierte.

»Ich glaube dir«, flüsterte der junge Mann, der jetzt nicht nur zu verkraften hatte, dass er kaum verheiratet schon Witwer war, sondern ebenso, dass seine Ehefrau ihn in dieser kurzen Zeit auch noch betrogen hatte.

»Du glaubst ihr?«, rief die Mutter schrill.

»Sie hat ihn vor mir und unseren ganzen Gästen geküsst, mitten auf der Bühne«, erzählte Fabian. »Und damit nicht genug. Sie ist mit ihm an die Bar gegangen und hat mit ihm getrunken … Sie wollte ihn. Das war offensichtlich.« Traurigkeit schwang in Fabians Worten mit, und jeder der Anwesenden wusste, dass er sich damit selbst belastete. Indem er zugab, Marion mit dem Sänger beobachtet zu haben, hatte er ein erstklassiges Motiv.

»Alle haben sie begrabscht, sogar dein Vater«, warf Stefanie Hallsteiner wieder etwas ruhiger ein. Es war ihr anzusehen, wie sehr es sie bei der Erinnerung ekelte, dass sogar der eigene Ehemann die Schwiegertochter unsittlich berührt hatte.

»Das hört sich nicht nach einer Hochzeit an, wie ich sie kenne«, sagte Stern. »Ich schlage vor, sie erzählen mir genau, was gestern vorgefallen ist, das nicht hätte vorfallen sollen. Zumindest nicht auf einer Hochzeit.«

»Der Albert war megaeifersüchtig«, sprudelte es aus Christine heraus.

»Christine!«, maßregelte die Mutter die Tochter, weil sie erneut Klatsch und Tratsch verbreitete.

»Es stimmt doch!« Christine lehnte sich nach vorn, damit der Chefinspektor sie besser verstehen und ihre Mutter sie nicht erneut unterbrechen konnte. »Er hat immer wieder zu Marion rübergeschaut, und die hat ständig mit den Männern geflirtet, wahrscheinlich aus Trotz, weil sie Fabian nicht heiraten wollte. Und das hat dem Albert halt nicht gefallen.« Christine kicherte, als unterhielten sie sich über die Intrigen einer Daily Soap.

»Wer ist dieser Albert? Hat er auch einen Familiennamen?«, hakte Stern nach und fragte sich, wo Grünbrecht so lange blieb. Viktor Hallsteiner hatte sich bestimmt längst beruhigt, immerhin hörte er ihn nicht mehr schreien. Vielleicht waren sie mit diesem Albert auf eine Spur gestoßen, da wäre es gut, wenn sie mithören würde, was die Familie zu berichten hatte.

»Albert Freiherr«, beantwortete Christine Sterns Frage.

Fabian und Stefanie Hallsteiner waren hingegen nicht so freizügig mit Informationen. Ihnen wäre es am liebsten, wenn Christine ebenso den Mund hielte. Während sie den Namen preisgegeben hatte, hatten sie sie mit Blicken bedacht, die Stern nicht klar deuten konnte. Aber eines war offensichtlich: Erfreut über Christines Redefreudigkeit waren sie keinesfalls.

»Was haben Sie vorhin damit gemeint, dass Ihr Ehemann Marion begrabscht hat?«, richtete Stern seine nächste Frage an die Mutter.

Die biss sich auf die Lippen. Anscheinend bereute sie es, diese Aussage getätigt zu haben.

»Ich hab gesehen, wie er ihr an den Hintern gegriffen und sie gekniffen hat«, antwortete Christine anstatt ihrer Mutter.

Die sog genervt die Luft ein und giftete ihre Tochter an. »Nichts hast du gesehen! Gar nichts! Das sind nur Spinnereien einer Halbwüchsigen.«

»Wir werden das nachprüfen. Vielleicht hat es ja wer anderer ebenfalls mitbekommen«, sagte Stern.

»Und dann war da noch so einer, ich hab ihn nicht gekannt, aber der hat sich auch an Marion rangemacht. Er hatte wunderschöne Augen, das weiß ich, weil ich mir gedacht habe, dass es doch irgendwie schade ist, dass der auf Marion steht, wo sie jetzt ja eh verheiratet ist. Die beiden sind sogar mal zusammen …«

»Christine!«, rief die Mutter erzürnt. »Nun ist es aber genug! Du bringst die ganze Familie in Verruf!«

»Nein, Mama, das brauche ich gar nicht zu tun. Das macht jeder von uns selber«, spie Christine ihrer Mutter entgegen, stand auf und wollte den Wohnsalon verlassen, aber Stern hielt sie zurück.

»Was sind die beiden zusammen?«, wollte er das Ende der Geschichte hören. Vielleicht war es wichtig.

»Abgehauen«, sagte Christine. »Sie sind zusammen abgehauen.«

Stern ließ die junge Frau los. Die stapfte an der Mutter und ihrem Bruder vorbei und knallte beim Verlassen des Wohnsalons die Tür hinter sich zu.

»Ich muss sagen, die Hochzeit war schon etwas ungewöhnlich«, fasste Stern das Gehörte zusammen.

»Sie sagen es«, seufzte die Mutter, die sich durch die Abwesenheit der Tochter ein wenig zu entspannen schien.

»Kann ich auch gehen?«, fragte Fabian.

»Einen Moment bitte. Sie können sich zwar nicht mehr daran erinnern, wie Sie nach Hause gekommen sind, aber wissen Sie vielleicht noch, wie spät es gewesen ist, als Sie die Burg Reichenstein verlassen haben?«

»Leider nein«, antwortete Fabian.

»Was ist mit Ihnen? Sie haben Fabian ja mit nach Hause genommen. Wie spät war es da?«, fragte Stern die Mutter.

»Brauche ich ein Alibi?«

»Alle, die auf der Hochzeit gewesen sind, brauchen ein Alibi.«

»Wir sind so zwischen 1 Uhr und halb zwei nach Hause gefahren. Um 2 Uhr lag ich im Bett«, sagte Stefanie Hallsteiner.

»Können Sie mir den Namen des Sängers der Band nennen?«

»Nein, den kenne ich nicht. Du, Fabian?«

»Er heißt Goliat«, wusste Fabian Hallsteiner.

»Goliat? Wie der aus der Bibel?« Stern hatte im Laufe seiner Karriere allerlei Künstlernamen gehört, doch ein Goliat war nie darunter gewesen. Er stellte sich diesen Goliat als Hünen vor, mindestens zwei Meter groß und einen Zentner schwer.

»Keine Ahnung.« Fabian zuckte mit den Schultern. »Wenn unsere Familie etwas nicht ist, dann religiös. Vaters Religionen sind Geld und Macht, da ist kein Platz für einen weiteren Gott«, fügte er spöttisch hinzu.

»Na gut, also Goliat. Und wie weiter?«

»Das weiß ich nicht. Aber die Band heißt Canticum Lupi.«

»Wir brauchen unbedingt eine Gästeliste von der Hochzeit«, verlangte Stern.

Die Mutter erhob sich, ging zu einem Schrank, öffnete eine Schublade und zog ein mehrseitiges Dokument aus einer Klarsichtfolie heraus. Damit kehrte sie zurück und reichte es Stern mit den Worten, dass sie hoffe, dass er die Liste vertraulich behandle. »Darunter sind Geschäftspartner meines Mannes, hochrangige Persönlichkeiten aus Gesellschaft und Wirtschaft. Wenn die …«

»Ich kann Ihnen nichts versprechen, Frau Hallsteiner. Das ist eine Mordermittlung, und wenn uns die Herrschaften verdächtig erscheinen oder uns behilflich sein können, den Mord aufzuklären, müssen wir sie befragen«, stellte Stern klar.

»Ich bitte Sie ja nur, diskret vorzugehen.«

»Das tun wir immer. Gut, das war’s vorerst. Ich bin mir allerdings sicher, dass wir noch Fragen an Sie haben werden, also halten Sie sich zu unserer Verfügung. Ich finde alleine hinaus. Auf Wiedersehen.« Stern erhob sich und verließ den Wohnsalon. Er schritt den Flur des rechten Flügels entlang, über den sie die Haushälterin zuvor hereingeführt hatte. Plötzlich vernahm er laute Stimmen. Es waren jene von Mara Grünbrecht und Viktor Hallsteiner. Wie es sich anhörte, stritten die beiden.

»Fassen Sie mich nicht an!«, rief Viktor Hallsteiner in einem der vorderen Zimmer. Jemand erwiderte etwas in monotonem Tonfall, versuchte beruhigend auf den Hausherrn einzureden. Stern kam näher und ließ die angelehnte Tür aufschwingen, hinter der er Grünbrecht und Hallsteiner vermutete. Noch eine weitere Person war anwesend: ein Mann in Jeans und weißem Poloshirt. Nach seinem Streben zu urteilen war er Arzt und wollte sich die Wunde auf Viktor Hallsteiners Haupt ansehen, wogegen Hallsteiner heftig protestierte.

»Was ist hier los?«, wollte Stern wissen und betrat den Raum, der vollgestopft war mit Regalen und Ordner. An der Wand gegenüber dem Schreibtisch stand eine Couch, auf der sich Viktor Hallsteiner halb sitzend, halb liegend gegen den Arzt zur Wehr setzte.

»Er will sich nicht von Dr. Mostner untersuchen lassen«, erklärte Grünbrecht ihrem Chef. »Dabei hab ich den Arzt extra herbestellt.«

»Wenn Herr Hallsteiner nicht will, dann lasst ihn. Ist schließlich sein Schädel«, erwiderte Stern.

»Er gehört in ein Krankenhaus. Ich bin mir sicher, dass er neben der Platzwunde an seinem Kopf, die übrigens genäht werden muss, auch eine Gehirnerschütterung hat. Wie schwer die ist, müssen die Kollegen feststellen. Auf alle Fälle braucht er Ruhe«, sagte der Mediziner.

Grünbrecht trat an ihren Chef heran und flüsterte ihm zu: »Ich bin mir sicher, dass die Verletzung nicht von dem Sturz im Haus herrührt. Sie hat längst aufgehört zu bluten. Vielleicht passt seine DNA ja zu jener, die wir bei dem Mauervorsprung oben in der Hochburg gefunden haben, und vielleicht befinden sich in der Wunde Verunreinigungen, die wir dem Tatort zuordnen können.«

»Gut gemacht«, erwiderte Stern genauso leise, wandte sich von seiner Kollegin ab und diesem Dr. Mostner und Viktor Hallsteiner zu. »Herr Hallsteiner, wir lassen Sie ins Freistädter Krankenhaus bringen. Die sollen sich Ihren Kopf mal genauer ansehen.«

»Aber Sie können doch nicht …«

»Natürlich kann ich. Ich bin von der Polizei«, unterbrach Stern den Hausherrn und holte sein Handy heraus, um einen Krankenwagen zu rufen. Außerdem teilte er den Ärzten im Spital mit, dass sie die Materialien, die bei der Säuberung der Wunde anfallen würden, ins Landeskriminalamt zu seinen Handen schicken sollten. Viktor Hallsteiner war jetzt nicht mehr nur der Schwiegervater der Toten, der ihr an den Hintern gegriffen hatte, sondern außerdem ein Verdächtiger.

»Ich verabschiede mich.« Dr. Mostner klappte seine Arzttasche zu und ging zur Tür.

»Danke trotzdem, dass Sie gekommen sind«, sagte Grünbrecht, bevor der Arzt das Haus verließ.

»Herr Hallsteiner, erzählen Sie mir vom gestrigen Abend. Bis der Rettungswagen kommt, haben wir noch ein wenig Zeit«, forderte Stern den Hausherren auf, der nun niedergestreckt auf der Couch lag. Anscheinend hatte er den Widerstand aufgegeben.

Hallsteiner seufzte. »Es war ein Desaster. Ich war froh, als die Feier vorüber war.«

»Können Sie uns das näher erklären?«

»Die Hochzeit hätte ein Triumph sein können, wo sich alles, was Rang und Namen hat, die Hände schüttelt. Stattdessen war sie ein Rachefeldzug unserer Kinder, die beweisen wollten, dass sie sich nicht länger etwas von den Eltern sagen lassen.«

»Die Ehe war arrangiert, was haben Sie erwartet?«

»Diese Frau zu heiraten war ein Glücksfall für unseren Sohn!«, brauste Hallsteiner auf und hielt sich sogleich den schmerzenden Kopf.

»Warum sollte es ein Glücksfall für Fabian sein, wo er sie doch gar nicht geliebt hat?«, hakte Stern nach.

»Liebe wird überbewertet. Sie kommt und geht, danach ist nichts mehr.«

»Ist das bei Ihnen und Ihrer Frau der Fall?«

Viktor Hallsteiner schwieg.

»Weshalb hätte Fabian diese Ehe denn glücklich machen sollen?«, wiederholte Stern seine Frage.

»Marion war eine gute Partie. Wenn wir das Unternehmen ihres Vaters saniert hätten, hätte es bald wieder Gewinne abgeworfen. Wir hätten expandieren können, ein Gewürzimperium erschaffen, das die ganze Welt beliefert. Amerika! China! Australien! Nichts wäre unerreichbar gewesen! Wir hätten eine eigene Marke kreiert. Ich hatte schon Pläne …« Hallsteiners Gesicht leuchtete, als er davon erzählte. Das war seine Welt, in der er sich auskannte, in der er lebte und für die er bereit war, alles zu geben. Auch seinen Sohn, indem er ihn in eine Ehe zwang.

»Haben Fabian und Marion diese Pläne geteilt?«

Hallsteiners Miene verfinsterte sich. »Dafür waren sie zu jung und zu unreif, hatten nur das Ausgehen im Sinn, mit Freunden abhängen und so etwas. Aber eines Tages hätten sie es verstanden.«

»Herr Hallsteiner, wann sind Sie, Ihr Sohn und Ihre Frau von der Hochzeit nach Hause gefahren?«, fragte Stern, obwohl er die Antwort schon von der Ehefrau gehört hatte. Er wollte wissen, ob sich die Aussagen deckten.

»Ich glaube, es war so gegen 1 Uhr, ich hab nicht darauf geachtet. Ich wusste ja nicht, dass ich danach gefragt werde.«

»Als Sie Marion das letzte Mal gesehen haben, was hat sie da gemacht?«

»Sie hat mir zu verstehen gegeben, dass ich sie in Ruhe lassen soll.« Hallsteiner starrte an die Decke des Arbeitszimmers.

»Weshalb sollten Sie sie in Ruhe lassen?«, hakte Stern nach, obwohl er auch das wusste. Christine und Stefanie Hallsteiner hatten erzählt, dass er Marion unsittlich berührt habe. Mit ziemlicher Sicherheit war das der Grund für die Zurückweisung gewesen. Wenn die Presse Wind davon bekäme, dass der mächtige Viktor Hallsteiner – Großgrundbesitzer, Sägewerkinhaber, Bauunternehmer und Spielhallenbetreiber – seine Schwiegertochter belästigt hatte, gäbe das sensationelle Schlagzeilen. Somit hatte er ebenso ein Motiv, Marion zum Schweigen zu bringen, desgleichen seine Ehefrau, die sich mehr um das Ansehen der Familie Sorgen zu machen schien und weniger um das Wohlergehen ihres Sohnes.

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Litres'teki yayın tarihi:
23 aralık 2023
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ISBN:
9783839269602
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