Kitabı oku: «Die Flucht in den Hass»
„Die Flucht in den Hass“ – von der damaligen akademischen Kritik als eine der besten wissenschaftlichen Analysen des Nationalsozialismus bezeichnet – stammt aus der Feder von Eva Gabriele Reichmann, einer in Oberschlesien 1897 geborenen, in Heidelberg promovierten Soziologin, die von 1924 bis 1938 kulturpolitische Referentin des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens war. Zusammen mit ihrem Mann, dem Rechtsanwalt Hans Reichmann, der seit 1933 das „Büro Wilhelmstraße“ leitete, eine antinazistische Zentrale, die die demokratischen Parteien mit Material versorgte, bekämpfte sie den Antisemitismus und den Nationalsozialismus in Deutschland in Wort und Schrift.
Hans Reichmann wurde im November 1938 in das Konzentrationslager Sachsenhausen verschleppt. Nach seiner Freilassung emigrierten Eva und Hans Reichmann 1939 nach London. Dort schrieb Eva Reichmann ihr Buch Hostages of Civilisation, welches 1956 unter dem Titel Die Flucht in den Hass. Die Ursachen der deutschen Judenkatastrophe erstmals in der Europäischen Verlagsanstalt erschien.
Eva Reichmann befasst sich mit einer historischen, soziologischen und psychologischen Einordnung der Frage, wie der Aufstieg des Nationalsozialismus zu erklären sei. Sie fragt zudem, ob – angesichts der von ihr attestierten tiefen „Unsicherheit im deutschen Nationalbewusstsein“ – das Projekt der Judenemanzipation nicht von Beginn an zum Scheitern verurteilt war. Ihre Antwort dazu fällt deutlich aus: Nein, der Nationalsozialismus und sein antisemitisches Programm sind kein Beweis für das Scheitern der Emanzipation der Juden. Vielmehr waren es wirtschaftliche, soziale und psychologische Krisenreaktionen, die zum Erfolg antidemokratischer und auch antisemitischer Bewegungen in Deutschland geführt haben. Eva Reichmann verteidigte das liberale und das demokratische Projekt der Emanzipation Zeit ihres Lebens. Oft war sie als Zeitzeugin und Gesprächspartnerin im christlich-jüdischen Dialog gefragt. 1982 erhielt sie für ihr Wirken den Moses-Mendelssohn-Preis und ein Jahr darauf das Große Bundesverdienstkreuz, 1970 bereits die Buber-Rosenzweig-Medaille. Sie starb 1998 in London im Alter von 101 Jahren.
In ihrem Nachwort zu der von ihr herausgegebenen Neuausgabe vertieft Kirsten Heinsohn die lebenslange Position von Eva Reichmann als Verteidigerin des demokratischen Projekts der Emanzipation.
Prof. Dr. Kirsten Heinsohn ist stellvertretende Direktorin an der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg und Professorin an der Universität Hamburg. Sie hat zu Eva Reichmann geforscht und Artikel zu Werk und Person veröffentlicht, zudem zahlreiche Veröffentlichungen u. a. zur Frauen- und Geschlechtergeschichte sowie zu Jüdischer Geschichte im 19. und 20. Jahrhundert.
Eva G. Reichmann
DIE FLUCHT IN DEN HASS
Die Ursachen der deutschen Judenkatastrophe
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Kirsten Heinsohn

Die englische Ausgabe dieses Buches erschien unter dem Titel: »Hostages of Civilisation« im Verlag Victor Gollancz Ltd., London.
E-Book (ePub)
© CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2021
Alle Rechte vorbehalten.
Foto: Eva Reichmann in der Wiener Library, Juli 1952
Covergestaltung: nach Entwürfen von MetaDesign, Berlin
Signet: Dorothee Wallner nach Caspar Neher »Europa« (1945)
ePub:
ISBN 978-3-86393-563-4
Auch als gedrucktes Buch erhältlich:
Neuausgabe © CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2021
Deutsche Rechte: Europäische Verlagsanstalt GmbH, Frankfurt am Main 1956
Print: ISBN 978-3-86393-104-9
Informationen zu unserem Verlagsprogramm finden Sie im Internet unter
www.europaeischeverlagsanstalt.de
Inhalt
Kirsten Heinsohn
Zur Neuausgabe von Eva Gabriele Reichmann: Flucht in den Hass
Vorwort zur deutschen Ausgabe
Einleitung
ERSTER TEIL ANTISEMITISMUS – EIN SONDERFALL DER GRUPPENSPANNUNG
1. Emanzipation als soziales Problem
2. Die objektive oder „echte“ Judenfrage
3. Die subjektive oder „unechte“ Judenfrage
4. Die Merkmale der jüdischen Bevölkerungsgruppe
5. Widersprüche in der Erscheinung des modernen Juden
6. Psychische Wirkungen der Krise
7. Das Zusammenwirken objektiver und subjektiver Ursachen in der Geschichte des deutschen Antisemitismus
ZWEITER TEIL DIE ZEIT
1. Die Konkurrenzwirtschaft als Brutstätte kollektiver Unzufriedenheit
2. Die Erschütterung religiöser und ethischer Werte
3. Nationalismus, Romantik, Interessenpolitik: Etappen einer Rückentwicklung
4. Exkurs über die Erziehungsarbeit der sozialistischen Bewegung in Deutschland
5. Bevölkerungsvermehrung – Anwachsen des Kleinbürgertums
6. Wandlung der staatlichen Repräsentation: Von den „Dichtern und Denkern“ zur Massendemokratie
7. „Leichte“ und „schwere“ politische Ideologien – Die Demokratie – eine „schwere“ Ideologie
8. Die Märzwahlen 1933, – ein Phänomen der Triebentfesselung
DRITTER TEIL DER SCHAUPLATZ
1. Der Einfluß der geographischen Lage Deutschlands auf seine geistige und soziale Entwicklung
2. Deutschland und die Ideen des Westens
3. Die Wirkung der verspäteten Industrialisierung auf die Meinungsbildung der Mittelklasse – Die Wege des nichtjüdischen und jüdischen Bürgertums trennen sich
4. Das Problem Preußen
5. Unsicherheit des deutschen Nationalbewußtseins – Alldeutschtum und intellektueller Antisemitismus
VIERTER TEIL DIE KATASTROPHE
1. Verstärkung der Verfallserscheinungen als Folge des ersten Weltkrieges
2. Exkurs: Die Haltung der sozialistischen Parteien in der Zwischenkriegskrise
3. Die Krise der Demokratie
4. Ist eine geistesgeschichtliche Ableitung des Nationalsozialismus zulässig?
5. Das Geheimnis des nationalsozialistischen Erfolges: Die Befreiung der Triebe – Die Funktion des jüdischen Antisymbols
6. Der Militarismus als Mittel der Triebbefreiung
7. Weitere Funktionen des Antisemitismus in der nationalsozialistischen Propaganda
8. Die Flucht in den Haß
Schlußfolgerungen
Anmerkungen
Literaturverzeichnis
Personenregister
Kirsten Heinsohn
Verteidiger des Liberalismus
Zur Neuausgabe von Eva Gabriele Reichmann: Flucht in den Hass
Als Eva Reichmann 1981 für die ZDF-Reihe „Zeugen des Jahrhunderts“ interviewt wurde, sprach sie ausführlich über ihr zentrales Werk, das Buch „Flucht in den Hass. Die Ursachen der deutschen Judenkatastrophe“. Schon während der Kriegszeit hatten Eva Reichmann und ihr Mann Hans, beide arbeiteten zuvor im Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV), in ihrem Londoner Exil begonnen, sich wissenschaftlich mit den Ursachen für die Vertreibung und Verfolgung der Juden in Deutschland zu beschäftigen.
„Ich wollte mir Rechenschaft ablegen, wie das in dem Lande, das ich als meine Heimat gekannt und geliebt hatte und geschätzt und verehrt hatte, wie das in meinem Lande zustande kommen konnte. Darüber wollte ich mir Rechenschaft ablegen und daraus ist das Buch entstanden, und so mußte ich also vollkommen objektiv zu sein versuchen und ich glaube, das ist mir gelungen.“1
Persönliche und berufliche Erfahrungen gaben den Anstoß, nach den Ursachen für den mörderischen Antisemitismus in Deutschland zu fragen.2 Eva Reichmann antwortete jedoch nicht als Betroffene, sondern als Wissenschaftlerin, als studierte Soziologin, die 1921 ihre Promotion zum Thema „Spontaneität und Ideologie als Faktoren der modernen sozialen Bewegung“ erfolgreich in Heidelberg verteidigt hatte. „Aus dem nüchternen Gebrauch des wissenschaftlichen Geräts auf einen Mangel an persönlicher Erschütterung zu schließen, wäre irrig“, stellte sie gleich am Anfang ihres Vorwortes für die deutsche Ausgabe klar. Im Gegensatz zur englischen Originalausgabe, die 1950 unter dem Titel „Hostages of Civilisation. A Study of the Social Causes of Anti-Semitism“ im Verlag von Victor Gollancz erschienen war, meinte sie zudem, hier den deutschen Leser*innen erklären zu müssen, dass „alles verstehen“ nicht bedeute, „alles verzeihen“ zu können. Eva Reichmann hatte mit ihrem Buch eine klare Ursachenbeschreibung für den hasserfüllten Antisemitismus und seine Funktion für den Aufstieg des Nationalsozialismus vorgelegt und erwartete nun, im Jahre 1956, dass die Zeitgenoss*innen in Deutschland sich ebenfalls mit der unmittelbaren Vergangenheit auseinandersetzen würden. Ihr Buch stelle daher auch die Frage,
„ob Haß und Haßbereitschaft in Deutschland tatsächlich überwunden sind, nachdem ihre nach allen Seiten wütenden, zerstörerischen Folgen offenbar wurden. Seelische Erkrankung kann nicht durch Stillschweigen überwunden werden. Sie ins Bewußtsein zu heben, und so ihre Ursachen bannen zu helfen, ist dieses Buch geschrieben worden.“3
Ausgangspunkt ihrer Überlegungen bildet die Frage, ob die Emanzipation der Juden in Deutschland als ein gescheitertes Experiment anzusehen sei. Ihr Buch gibt darauf eine klare, nämlich ablehnende Antwort: Es handele sich gar nicht um eine Auseinandersetzung mit Inhalten und Folgen der jüdischen Emanzipation, sondern es gehe ausschließlich um die Funktion der antisemitischen Propaganda für die nationalsozialistische Bewegung. Aus einem historisch-soziologischen Blickwinkel rekonstruierte Reichmann, dass es im 19. Jahrhundert noch eine „objektive“ und eine „subjektive Judenfrage“ in den europäischen Ländern gegeben habe. Objektiv waren vor der Gleichstellung soziale und kulturelle Unterschiede zwischen Juden und NichtJuden vorhanden. Nach der Emanzipation habe jedoch in einigen europäischen Ländern die „objektive Frage“ keinen Anlass mehr für gesellschaftliche Auseinandersetzungen gegeben, so unter anderem in Deutschland oder auch in Großbritannien, in anderen dagegen schon, etwa in Polen oder Russland. In Deutschland sei im 20. Jahrhundert ausschließlich die „subjektive Judenfrage“ ausschlaggebend für den Aufstieg des Nationalsozialismus gewesen. Diese „unechte Frage“ bzw. ihre politische Funktionalisierung bilden den zentralen Punkt in Eva Reichmanns Analyse. Sie bezeichnet mit diesem Begriff gesellschaftliche Diskussionen, in denen vor allem in Krisenzeiten individuelle „Unlustgefühle“ formuliert werden. Diese Gefühle entstehen nach Freud aus der zivilisatorischen Erziehung, die den Aggressionstrieb unterdrückt. Je heftiger Unlustgefühle auftreten, desto stärker fühlt sich das Individuum in seiner eigenen Existenz und Identität bedroht. Juden als Gruppe bildeten dabei unabhängig von konkreten Personen ein besonderes Angriffsobjekt, weil ihnen sowohl Ähnlichkeit als auch Andersartigkeit zugesprochen wurde, wobei Juden von Nicht-Juden als sicher in ihrer Identität wahrgenommen werden – auch wenn diese selbst sich nicht so sehen. Eva Reichmann bezieht sich in ihrer Analyse auf Freuds Überlegungen zum Unheimlichen, bleibt jedoch nicht auf der Ebene des Individuums stehen, sondern fragt nach den gesellschaftlichen Ursachen für „Unlustgefühle“ gegen Juden. Neben ökonomischen Ungleichheiten, die in der noch vorhandenen besonderen Berufsstruktur der jüdischen Minderheit liegen, der zunehmenden Erschütterung religiöser Wertsysteme (Säkularisierung) sowie einem aggressiven Nationalismus (insbesondere in Deutschland) benennt Reichmann auch die daraus entstandene „Schwächung des Gewissens“ als eine kollektive gesellschaftliche Erscheinung in Zeiten der Krise. Der Nationalsozialismus habe schließlich erfolgreich die Möglichkeiten der Demokratie nutzen können, um für eine antirationale, aggressive und antidemokratische Politik zu werben.
Eva Reichmann benennt also zwei Verantwortliche für den Aufstieg des Nationalsozialismus: die politischen Führer der NS-Bewegung und die „Massen“, die lieber einer gefühlsorientierten Ideologie folgten, als sich vernunftgeleitet mit Krisenprozessen auseinanderzusetzen. Es ist offensichtlich, dass sich Eva Reichmann mit dem letzten Argument im Nachkriegsdeutschland nur wenige Freunde machte, denn sie ließ die einseitige These von der Verführung der Massen durch diabolische Verführer nicht gelten, sondern betonte im Gegenteil die Verantwortlichkeit der Menschen, die zur Masse wurden. Es war Zweck ihrer Tätigkeiten, auch ihres Buches, einen gesellschaftlichen Prozess des Nachdenkens anzuregen, um aus dieser Reflexion zur Verantwortung gegenüber der Vergangenheit zu gelangen. Den Erfolg des Nationalsozialismus führte sie auf die eigenartige politische, soziale und ökonomische Umbruchsituation in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg zurück, deren destruktive Potentiale aber erst durch die „Befreiung der Triebe“, also eine Flucht der sich sozial und politisch deklassiert Fühlenden in den Hass auf „den Juden“, virulent wurden. Ihr Buch ist daher viel mehr als nur ein Beitrag zur Antisemitismusforschung – es behandelt eigentlich die deutsche Gesellschaftsgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts aus soziologischer und gruppenpsychologischer Perspektive.
Ihre Analyse deckt sich in manchen Teilen mit den Untersuchungen der exilierten Frankfurter Schule um Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, vor allem mit deren Untersuchungen zur autoritären Persönlichkeit. Auch die Arbeiten von Leo Löwenthal zur Funktion von Propaganda standen im Hintergrund.4 Die Auswertungen dieser Experimente erschienen nach der englischen Version von Reichmanns Buch, sie verwies aber explizit auf diese in der deutschen Ausgabe. Wie die Vertreter der kritischen Theorie befasste sich auch Reichmann letztlich mit den Schwierigkeiten von Individuen, in modernen und sich schnell verändernden, demokratischen Gesellschaften Orientierung zu finden. Gerade deshalb sei die Auseinandersetzung mit der unmittelbaren Vergangenheit auch so wichtig, denn erst die aktive Anerkennung, einen Irrweg eingeschlagen zu haben, ermögliche Umkehr und einen Bewusstseinswandel.5
In akademischen Kreisen fand das Buch von Eva Reichmann überwiegend Anklang und Zustimmung, ebenso in Gruppen des deutschjüdischen Exils, sofern diese weiterhin dem Programm des CV folgten. Der Soziologe Kurt Sontheimer rezensierte es für die FAZ und drückte seine Hoffnung aus, es könne zur Neubelebung der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus beitragen.6 Das hat es wohl auch getan, allerdings eher indirekt und nicht auf die Art und Weise, die Eva Reichmann selbst intendierte. Die öffentliche Auseinandersetzung in der Bundesrepublik wurde in den sechziger Jahren von Gerichtsverfahren und der Berichterstattung dazu mehr beeinflusst als von wissenschaftlichen Büchern und Debatten. Die 68er-Studierendenbewegung befasst sich eher mit Adorno als mit Reichmann. Die öffentliche Debatte änderte sich dann bekanntlich erst mit der Fernsehserie „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“, die 1979 ausgestrahlt wurde, und den Historikerdebatten in den 1980er Jahren. Bis dahin waren Eva Reichmann und ihr Buch vor allem in den Kontexten von Akademien, christlich-jüdischen Vereinen und den Einrichtungen zur politischen Bildung bekannt. In den sechziger und siebziger Jahren wurde ihr Buch in Seminaren zum Antisemitismus und zur jüdischen Geschichte gelesen und fand auf diese Weise Eingang in sozial und politisch distinkte Diskussionsgruppen. Es ist auf diese Weise vielen Menschen bekannt geworden und sicherlich als ein Klassiker einzuordnen, wenn auch eher als ein heimlicher Klassiker.
Wer heute nach zentralen Werken zur Analyse des Aufstiegs des Nationalsozialismus fragt, wird nicht den Namen von Eva Reichmann hören – und doch lohnt es sich nach wie vor, das Buch zu lesen, gerade auch vor dem Hintergrund aktueller Debatten über populistische Bewegungen, dem Erstarken des Rechtsextremismus in ganz Europa und der polarisierten Diskussion über den Umgang mit Minderheiten. Am Beispiel der „Judenfrage“ zeigt das Buch, was passieren kann, wenn soziale und wirtschaftliche Krisen von Populist*innen genutzt werden, um antirationale, antiliberale und antidemokratische Politik zu legitimieren – und eine große Zahl Menschen bereit ist, ihnen zu folgen. Sicher, Geschichte wiederholt sich nicht, doch die aktuellen gesellschaftlichen Spaltungen und individuellen Krisenerfahrungen gleichen doch in mancher Hinsicht den unruhigen zwanziger Jahren in Deutschland. Kein Zufall also, dass wieder verstärkt über Gruppenspannungen, emotionalisierte Politik und die Funktionalisierung von Ressentiments gegen Minderheiten in der politischen Debatte diskutiert und geforscht wird.7 Eva Reichmanns Buch hat damit eine neue Aktualität gewonnen – leider, so muss man sagen.
Kirsten Heinsohn
1Transkript des Gespräches zwischen Hans Lamm und Eva Reichmann 4.- 6.2.1981 in London, ZDF Produktion Nr. 6351/0827, Archivnr. 0012521501, S. 41.
2Kirsten Heinsohn: Erfahrung und Zeitdeutung. Biographie und Werk der Soziologin Eva G. Reichmann, in: Politische Gesellschaftsgeschichte im 19. und 20. Jahrhundert. Eine Festgabe für Barbara Vogel, hrsg. v. Henning Albrecht, Gabriele Boukrif, Claudia Bruns, Kirsten Heinsohn, Hamburg 2006, S. 295-308.
3Eva Gabriele Reichmann: Vorwort zur deutschen Ausgabe, S. 11/12.
4Siehe dazu die Neuausgabe von Leo Löwenthal: Falsche Propheten. Studien zur faschistischen Agitation, unter Mitarbeit von Norbert Guterman. Aus dem Englischen von Susanne Hoppmann-Löwenthal. Mit einem Nachwort von Carolin Emcke, Berlin 2021. Das Buch erschien 1949 zuerst in den USA.
5Eva Reichmann führte diesen Zusammenhang noch deutlicher in ihrem Beitrag: Zeitgeschichte als politische und moralische Aufgabe, hrsg. v. Kuratorium für staatsbürgerliche Bildung, Hamburg 1962, aus. Gekürzt wiederabgedruckt in: Eva G. Reichmann: Größe und Verhängnis deutsch-jüdischer Existenz. Zeugnisse einer tragischen Begegnung, Heidelberg 1974, S. 90-104.
6Kurt Sontheimer, FAZ 30.11.1956, S. 21.
7Vgl. etwa Marcia Pally: Kampf der Traumatisierten. Nicht der Effekt ihres Handelns, sondern die emotionale Genugtuung treibt die Anhänger Trumps an, in: taz am wochenende 23./24.1.2021, S. 11.
VORWORT ZUR DEUTSCHEN AUSGABE
Am Beginn eines Buches, das eigenes Erleben auf die Ebene akademischer Objektivität zu heben bestimmt ist, mag ein persönliches Wort erlaubt, ja sogar gefordert sein.
Möge keiner meiner Leser glauben, daß mir diese Objektivität leicht geworden wäre. Nicht weil ich den behandelten Fragen mit kühlem Abstand gegenüberstehe, habe ich das Buch schreiben und so schreiben können, sondern weil sie den Mittelpunkt meines Lebens bilden, weil ich mich der Gewalt, mit der sie eine Antwort forderten, nicht entziehen konnte. Sollte aber die Antwort durch die Art, in der sie gesucht und gegeben wurde, ihre Gültigkeit nicht selbst verneinen, so mußte sie notwendig eine wissenschaftliche Antwort sein. Die deutende Schau des schaffenden Künstlers ist mir versagt. Einer prüfenden Forschung und bedachtsam abwägenden Erklärung fühlte ich mich gewachsen. In ihnen bleibt kein Raum für den Ausdruck der Qual, der Leidenschaft und der Anklage. Aus dem nüchternen Gebrauch des wissenschaftlichen Geräts auf einen Mangel an persönlicher Erschütterung zu schließen, wäre irrig.
Noch einem anderen Mißverständnis möchte ich vorzubeugen versuchen. Wenn irgendwo „alles verstehen“ nicht bedeuten kann „alles verzeihen“, so im Zusammenhang dieses Buches. Ich habe mich bis in vielfältige Einzelheiten hinein bemüht, Ursachenketten am Werk zu zeigen, die scheinbar diese und nur diese Wirkungen hervorbringen konnten. Geschichtsschreibung, so ist gesagt worden – und man darf das Wort wohl auch auf die soziologische Betrachtung anwenden –, ist rückwärtsgerichtete Prophetie. Aber so sehr dieser Begriff einen Widerspruch in sich selbst darstellt, so wenig haben Politiker, Historiker und wer wohl sonst noch die Pflicht hatte, Warner zu sein, etwa im Jahre 1930 einen Ausgang vorauszusehen vermocht, wie er schließlich im Jahre 1945 eingetreten ist. War das nur menschlicher Beschränktheit zuzuschreiben? Auch diese Warner sahen manche drohende Zeichen, die auf eine kommende Katastrophe hindeuteten. Aber indem sie sich sträubten, als unabwendbares Schicksal hinzunehmen, was wenige Jahre später zur schreckenvollen Wirklichkeit wurde, offenbarten sie ein besseres Gefühl für die Freiheit der Menschen, andrängende Gefahren abzuwehren, als die Systeme eines philosophischen oder ökonomischen Determinismus ihnen einzuräumen bereit sind.
Daß auf dem deutschen Volk Schwierigkeiten lasteten, daß örtliche und zeitliche, politische und wirtschaftliche Faktoren zusammenwirkten, um die Katastrophe heraufzuführen, die – wohlgemerkt – nicht im verlorenen Krieg, sondern im Rückfall in die als Nationalsozialismus getarnte Barbarei bestand, wird in diesem Buche ausführlich dargelegt. Aber an etlichen Wendepunkten stand trotz aller Ungunst der äußeren Verhältnisse die Möglichkeit zu anderer Entscheidung offen. Der soziale Determinismus, selbst in dem Umfange, in dem man ihn für die Vielen anerkennen mag, findet seine natürliche Grenze an der inneren Freiheit der Wenigen. Die sichtbare, Symbole schaffende Entschlossenheit der Träger geistiger und sittlicher Verantwortung hätte genügt, um dem Geschehen eine andere Richtung zu geben. Aber die Wenigen versagten. Nur Einzelne, Vereinzelte wagten es, Widerstand zu leisten; sie konnten aus der Öffentlichkeit entfernt und zum Schweigen gebracht werden, ohne daß ihr Fehlen das Leben der Gemeinschaft so aus den Fugen geraten ließ, wie es bei dem Ausfall einer ganzen Gruppe unvermeidlich hätte geschehen müssen. Die Vielen schließlich verfielen im Widerstreit der Gefühle fast ohne Ausnahme dem Hang zum Bequemen, das das Böse nach sich zog, statt sich zum Schwierigen und Guten aufzuraffen. Wurden sie übertölpelt? Oder haben sie sich schuldig gemacht? Wie immer die Antwort ausfällt: sie wird einen erheblichen Teil des deutschen Volkes von der Verantwortung nicht freisprechen können.
Diesem umfassend grundsätzlichen Sachverhalt sei ein engerer untergeordnet. Es wird in diesem Buche festgestellt werden, daß unter den im Nationalsozialismus wirkenden Massenreizen der Antisemitismus nicht die entscheidende Rolle spielte. Im besonderen habe nur ein verschwindend kleiner Kreis derer, die dem Nationalsozialismus zum Erfolge verhalfen, ihm damit ein Mandat zur Vollstreckung der Judenvernichtung zu geben beabsichtigt. Auch für diese Auffassung, die das Ergebnis eingehender Prüfung ist, gilt die Warnung, sie nicht als Entschuldigung aufzufassen. Es ist gewiß kein Anlaß, sich entlastet zu fühlen oder gar stolz darauf zu sein, daß die 17 277 200 Deutschen, die am 5. März 1933 ihre Stimmen der Nationalsozialistischen Partei gegegeben haben, damit keineswegs ausgezogen sind, die Juden zu ermorden. Viel eher haben diese 17 Millionen und ihre Gesinnungsfreunde ausreichend Grund, sich der Blindheit und schlimmeren Versagens anzuklagen; denn durch ihre Wahl hatten sie sich mit Demagogen eingelassen, die aus ihrer Neigung zu Gewalttaten nie ein Hehl gemacht hatten, und deren Hemmungslosigkeit auf der abschüssigen Bahn des Verbrechens längst hätte erkannt sein müssen. Es sollte für niemanden ein Anlaß zur Selbstzufriedenheit sein, daß ihm zwar nicht Mordlust, wohl aber moralische Trägheit und Gleichgültigkeit gegenüber dem Bösen nachgewiesen wird. Als ob man „nationale Ideale“, wo immer diese unter der Wählerschaft ernstgenommen wurden, Händen hätte anvertrauen dürfen, die von wilder Angriffslust getrieben wurden und nicht von liebender Zucht gelenkt!
Man wollte nicht morden – damals. Man war nur träge, gleichgültig, fahrlässig. Aber dann wurde gemordet. Trägheit, Gleichgültigkeit, Fahrlässigkeit hatten das Beil in die Hand des Henkers gleiten lassen. Schmachvolle Unterdrückung war das Los derer geworden, die in der Wahl ihrer „Befreier“ so schuldhaft geirrt hatten.
1945 erfuhr die Welt mit Entsetzen, was in den Vernichtungslagern der Nationalsozialisten geschehen war. Jetzt standen vor allen Deutschen die Zeugnisse eines Grauens, das viele vorher nur dumpf geahnt hatten. 1945 herrschten Hunger, Obdachlosigkeit und Massenelend; aber eines gab es wieder, das den Deutschen zwölf Jahre versagt gewesen war: das freie Wort.
Da ich mir eingangs die Freiheit ausdrücklich erbeten habe, in diesem Vorwort meine persönliche Meinung aussprechen zu dürfen, will ich ohne Rückhalt sagen: mir scheint, die Deutschen hätten die Freiheit des Wortes nicht genügend genutzt, um von dem Verbrechen an den Juden zu sprechen. Bruchstückhafte Kunde, die während des Krieges aus Deutschland zu dem angsterfüllten Beobachter im Ausland gedrungen war, hatte Besseres erhoffen lassen. Nun horchten wir erwartungsvoll. Aber der Aufschrei des Entsetzens über das grauenhafteste Verbrechen, das je das Antlitz des Menschen entstellt hat, – der Aufschrei blieb aus. Stimmen ertönten, ergreifende Stimmen der Klage und der Anklage. Keine von ihnen ist ungehört verhallt, keine wird vergessen werden.* Das Volk aber blieb stumm. Zu viele Menschen, deren Ruf auch die Lauen hätte mitreißen können, verharrten in Schweigen. Worte wären damals Taten gewesen. Trotz Wirrnis und Verlorenheit im Äußeren galt es damals, Grundsteine für ein neues Deutschland zu legen, auf denen verläßliche Mauern hätten errichtet werden können, sobald das Chaos gebannt war.
Später wurde manches Versäumte nachgeholt. Es blieb nicht nur bei Worten, von denen einige besonders starke und aufrichtende vom Staatsoberhaupt, Professor Theodor Heuss, gesprochen wurden; es wurde ein Wiedergutmachungswerk ins Leben gerufen, das den Überlebenden der Katastrophe einen Teil des materiellen Schadens ersetzen soll, der ihnen zugefügt worden ist. Die deutsche Bundesrepublik besaß jetzt eine gewählte Vertretung, die für das Volk sprechen konnte. Wirklich für das Volk? Der Zweifel daran will nicht zur Ruhe kommen.
Ich weiß um alle Gründe, die dem spontanen Aufschrei des Entsetzens entgegenstanden. (Er hätte nicht in ein Bekenntnis der „Kollektivschuld“ überzugehen brauchen, die in einem primitiven Sinne nicht vorlag, und der in einem tieferen Sinne nachzuspüren, nicht jedermanns Sache sein kann.) Ich weiß um die Zerrüttung der äußeren Lebensbedingungen jener Nachkriegsjahre, weiß auch um die psychologischen Mechanismen des Selbstschutzes, die sich hemmend einzustellen pflegen, wo bei strenger Selbstprüfung die Gefahr der Zerknirschung unabwendbar wäre. Aber wieder bleibt trotz allem Verstehen ein schmerzendes Gefühl der Enttäuschung. Sollten wirklich Gleichgültigkeit und Trägheit des Herzens – die Laster, durch die die Deutschen in Schuldverstrickung geraten sind, – auch das neue Deutschland wieder heimsuchen?
Stimmen, meist lautstark und unentwegt vorgetragen, die heute schon wieder die „Endlösung der Judenfrage“ aus „nationalen“ Gründen zu verteidigen suchen oder versichern, daß „nur“ eineinhalb Millionen Juden ermordet worden seien, sprechen keine menschliche Sprache, die sie uns verständlich machen könnte. Deutlicher schon dringen jene verhaltener vorgebrachten Worte zu uns, die das Schreckliche „aufzurechnen“ sich unterfangen gegen die Leiden des eigenen Volkes. Am mißtönendsten aber gellen uns die Untertöne der Verlegenheit ins Ohr, die dort hörbar werden, wo man sich erst über das geschehene Unrecht entrüstet, um dann etwa fortzufahren: „Aber Sie müssen doch zugeben …“ Was in einem Gespräch, das diesen Verlauf nimmt, „zugegeben werden muß“, ist in der Regel der unbewältigte und unbereinigte Bodensatz der Unlustgefühle gegenüber den jüdischen Mitbürgern von einst, die damals der Nationalsozialismus so meisterhaft zusammenzuballen verstand, bis sie die Bausteine lieferten für seine Todesfabriken. Wer mit einem säuberlich auseinandergesetzten „Zwar – Aber“ mit sich selbst ins reine zu kommen versucht, billigt gewiß nicht den Mord; aber er billigt – in individueller Abstufung – die Voraussetzungen, die zum Morde geführt haben: Entrechtung, Berufsentziehung, Austreibung. Manchmal will es scheinen, als dröhne durch Deutschland heute noch – oder wieder – ein Chor gebrochener Stimmen, die sich zu rechtfertigen suchen, wo ein erschüttertes Schweigen oft lauter spräche als alle Argumente erklügelter Scheinlogik. Und doch gibt es auch das, das erschütterte Schweigen. Und es gibt die leisen Worte der Klage, die der Mensch zu sich selbst spricht und die nicht dazu bestimmt sind, Eindruck zu machen auf eine weite Öffentlichkeit. In ihnen bedarf es nicht der Verdammung der Gewalttaten; das schaudervolle Entsetzen, das sie erregten, zeigte sie doch niemals als eine mögliche Verirrung der eigenen Seele. Viel schwerer als die selbstherrliche Abwehr kapitaler Verbrechen ist die Prüfung der eigenen Schwäche, die etwa zu solchem Ergebnis führt: „Wir waren bequem und gleichgültig. Der Wille zur Freiheit lebte nicht in uns, und wir wußten nicht mehr, was Recht ist. Wir fühlten, daß unser Leben verarmt ist, weil wir unsere jüdischen Mitbürger entbehren: wir vermissen sie als Anreger im Geistigen und Wirtschaftlichen, als Menschen, die schon dadurch, daß sie wie wir und doch andersartig waren, uns eine ständige Mahnung hätten bedeuten sollen zum Fortschritt in der Gestaltung menschlicher Beziehungen, zu Rechtlichkeit und Menschlichkeit. Wir haben die Mahnung damals nicht gehört zu unserer Schande und zu unserem Schaden. Daß wir sie nicht mehr in unserer Mitte hören dürfen, beklagen wir als schmerzlichen Verlust.“
Der Tag, an dem in solchen Aussagen die Gedanken der Mehrheit aller Deutschen zutreffend wiedergegeben werden, würde die Zuversicht begründen, daß sie von der Krankheit des Hasses genesen sind. Dieses Buch, das die Frage zu beantworten sucht, wie es zu der „Flucht in den Haß“ gekommen ist, stellt gleichzeitig die Frage, ob Haß und Haßbereitschaft in Deutschland tatsächlich überwunden sind, nachdem ihre nach allen Seiten wütenden, zerstörerischen Folgen offenbar wurden. Seelische Erkrankung kann nicht durch Stillschweigen überwunden werden. Sie ins Bewußtsein zu heben, und so ihre Ursachen bannen zu helfen, ist dieses Buch geschrieben worden.
Eva Gabriele Reichmann
*Sie sind in der dafür zuständigen Abteilung der Wiener Library, 19, Manchester Square, London, W. 1, aufbewahrt.
EINLEITUNG
Es ist das traurige Vorrecht des Zeitgenossen, den wirkenden Ursachen des Geschehenen noch so nahe zu sein, daß er sich dem quälenden „Warum?“ gewachsen glaubt; es ist sein Nachteil, daß er ihnen zu nahe ist. Noch können sich für den durchschnittlichen Betrachter Tatsachen und Gefühle nicht nach objektiv haltbaren Maßstäben so geordnet haben, daß gültige Einsichten von ihnen herzuleiten sind.
Es ist eine Folge dieser unvermeidlichen Verzerrung, daß die nationalsozialistische Judenverfolgung häufig zu einer Schlußfolgerung Anlaß gibt, die wir Emanzipations-Defaitismus nennen. Er besteht in folgendem Gedankengang: Die deutschen Juden waren die jüdische Gemeinschaft, die am tiefsten in ihre Umwelt eingedrungen war, ohne dadurch den Charakter als Gemeinschaft zu verlieren; sie waren jüdischer und vor allem zahlenmäßig bedeutender als etwa die Judenheiten Italiens und Frankreichs; sie waren stärker mit ihrer Umwelt verbunden als die jüdischen Gemeinschaften des Ostens und lebten länger mit ihr als die der Vereinigten Staaten und die Mehrzahl der Juden in Großbritannien; die deutschen Juden waren vor dem Heraufkommen des Nationalsozialismus geradezu das klassische Beispiel dafür, daß Juden als integraler Bestandteil der nichtjüdischen Welt leben können; sie lebten nicht nur in, sondern weitgehend mit ihrer nichtjüdischen Umwelt: Ihr Untergang beweist, so folgert man, den Fehlschlag der Emanzipation als einer jüdischen Lebensform.
Es ist das Ziel der folgenden Darstellung, dieser Art der Beweisführung zu begegnen. Sie ist eine allzu rohe Anwendung des Schlusses: „Post hoc, ergo propter hoc“. Ereignisse folgen aufeinander, Ereignisse verursachen einander, aber nicht immer sind die Ereignisse, die am sichtbarsten aufeinander folgen, zugleich die, die einander verursachen. In Wirklichkeit ist das „hoc“, das die Austreibung und Vernichtung der deutschen Juden verursachte, ein anderes als ihre Emanzipation und Einordnung in die Umwelt. Dieses andere „hoc“ gilt es festzustellen. Gelingt es, es als einen örtlich und zeitlich mehr oder minder auf das Deutschland der Zwischenkriegszeit beschränkten Komplex zu erweisen, so ist den primitiv verallgemeinernden Schlüssen der Boden entzogen, und der Emanzipations-Defaitismus ist widerlegt. Der Irrtum der falschen Kausalverknüpfung, der zum Emanzipations- Defaitismus führt, kann in der gegenwärtigen Situation der Judenheit besonders verhängnisvoll werden. Die Juden befanden sich nach dem zweiten Weltkrieg in der furchtbarsten Situation der mehr als zweitausendjährigen Geschichte ihrer Diaspora. Nicht allein hatte sie der Sturz, dem die europäische Judenheit zum Opfer gefallen war, von einer Stufe höchster Entfaltung in die tiefste Tiefe physischer Vernichtung geschleudert, sondern rein zahlenmäßig hatte in der katastrophenreichen jüdischen Geschichte der Verlust an Menschen noch niemals ein so grauenhaftes Ausmaß erreicht.
Seither hat die Gründung des Staates Israel den Juden in aller Welt neue Hoffnungen gegeben. Sie hat jene Lösung der Judenfrage zu einer politischen Tatsache gemacht, die viele Jahrzehnte hindurch nur ein zionistischer Traum zu sein schien. Schon in den ersten Jahren seines Bestehens hat der junge Staat einem großen Teil der Überlebenden der europäischen Katastrophe eine neue Heimat gegeben.
Doch wie erfolgreich auch immer der Staat Israel sein möge, er wird die Tatsache nicht verändern können, daß weiterhin Juden unter den Völkern der Welt leben werden. Weit über zehn Millionen Juden leben in der Diaspora und von ihnen etwa sechseinhalb Millionen als gesetzlich gleichberechtigte Bürger ihrer Wohnländer.1 Selbst wenn man die jüdischen Gemeinschaften in der Sowjetunion und ihrer Einflußsphäre nicht einbezieht, weil sie unter Bedingungen emanzipiert sind, die mit denen des Westens nicht ohne weiteres vergleichbar sind, hängt erheblich mehr als die Hälfte aller lebenden Juden auch heute noch einer Lebensform an, deren gedankliche Grundlage nach der defaitistischen Auffassung durch Hitlers Zerstörungswahn angeblich für immer vernichtet worden ist. Wenn das Leben der Juden in der Diaspora sich noch einmal befreien soll von dem Gefühl dumpfer Resignation vor einem unerbittlichen Schicksal, wenn es sich noch einmal erfüllen soll mit jenem Glauben an Gerechtigkeit und Menschlichkeit, ohne den der Gedanke der Emanzipation seinen Sinn verliert, dann darf der Emanzipations-Defaitismus nicht ohne Antwort bleiben. Das jüdische Leben in der westlichen Welt bedarf erneut der Rechtfertigung.
Als nach dem Auftreten von Faschismus und Nationalsozialismus die westlichen Demokratien die Größe der Herausforderung erkannten, die von dem neuen Regierungssystem und seiner partiellen technischen Überlegenheit ausging, fanden sich zahlreiche Autoren, die sich der drohenden Gefahr stellten. Sie untersuchten die Vor- und Nachteile der beiderseitigen Systeme und scheuten sich nicht, die Schwächen der Demokratie festzustellen und zu prüfen. Aber sie ließen es nicht bei der Kritik bewenden, sondern stießen von ihr zu einer Neubegründung der Demokratie vor, um trotz ihrem offenbaren Mangel an Vollkommenheit ihre Überlegenheit über jedes andere bisher erreichte politische System aufs neue zu beweisen.2 Sie zeigten in ihrer Kritik neue Wege zur Überwindung der zutage getretenen Fehler. Die zeitgenössische Literatur über die Judenfrage hat bisher den umgekehrten Weg beschritten. Sie hat die Herausforderung der emanzipatorischen Lebensform durch den Nationalsozialismus mit Entmutigung und – zumindest theoretischer – Abkehr von ihr beantwortet.3 So verständlich diese Haltung ist als die seelische Reaktion auf das unerhörte Ausmaß der Desillusionierung, so wenig ist sie wissenschaftlich oder politisch zu rechtfertigen.
Es ist zu begrüßen, wenn angesichts der Gefährdung der jüdischen Existenz das Suchen und Fragen nach ihrer Sicherung kein Ende nimmt; es wäre jedoch ein Unglück, wenn Unklarheiten und Mißverständnisse die Blicke der Wegbereiter in die Irre lenkten.
ERSTER TEIL ANTISEMITISMUS – EIN SONDERFALL DER GRUPPENSPANNUNG
1. Emanzipation als soziales Problem
Vor der europäischen Judenkatastrophe wurde die Situation der Juden viel zu unproblematisch gesehen: daraus ist teilweise die Schockwirkung zu erklären, die alle vernünftigen Reaktionen über den Haufen warf. Man war vorher um genau den gleichen Grad zu optimistisch, um den man jetzt zu pessimistische Schlußfolgerungen ziehen möchte. Man überschätzte die rechtliche Tatsache der Emanzipation, die man heute zu unterschätzen neigt. Man übersah, daß der gesetzliche Akt der Emanzipation nur ein Beginn ist, ein Programm, das wesentlich mehr Aufgaben stellt als löst. Die Emanzipation löste die Judenfrage nicht, sondern verlegte ihr Spannungszentrum von der rechtlichen auf die gesellschaftliche Ebene. Während vor der Emanzipationsgesetzgebung die rechtliche Ungleichheit einer Gruppe von Landesbewohnern in zunehmendem Maße als ein Mißstand empfunden wurde, obwohl sie die bestehende gesellschaftliche Ungleichheit im wesentlichen adäquat ausdrückte, veränderte sich dieses Verhältnis mit der gesetzlichen Gleichberechtigung. Sie entsprach zunächst nur dem kulturellen Standard einer schmalen Oberschicht der jüdischen Gruppe; ihre breite Masse dagegen unterschied sich in fast jeder Beziehung von der nichtjüdischen Umgebung. In dem Maße nun, in dem Juden in Berufe eindrangen, die ihnen bis dahin verschlossen gewesen waren, und die noch weitgehend verschiedenartigen Bevölkerungsgruppen in engere Berührung kamen, entstand eine gesellschaftliche Spannung, die nun nicht länger in dem rechtlichen Status ihre vermeintliche Entsprechung fand. „Der Jude ist ein Mensch wie wir und hat nicht die gleichen Rechte“, so fühlte eine rechtsbewußte Elite vor der Emanzipation. „Der Jude hat gleiche Rechte und ist doch ungleich“, so begannen breitere Bevölkerungskreise in der Frühzeit der Emanzipation zu empfinden.
Dieses Empfinden ist nicht auf die Frühzeit beschränkt geblieben. Die Ungleichheit der Juden verminderte sich zwar ständig infolge ihrer fortschreitenden Assimilation an die Umwelt; aber sie hat sich in keiner der emanzipierten Judenheiten bisher so sehr verloren, daß man von einem Verlust der jüdischen Identität sprechen dürfte. Obgleich von der Peripherie fortwährend Individuen durch Taufe oder Mischheirat oder andere Umstände in die Mehrheitsvölker übergingen, haben sich die Juden überall als mehr oder minder deutlich von der Umwelt unterscheidbare Gruppen erhalten.
Bevor wir daran gehen, die Ursachen dieser Tatsachen festzustellen, möchten wir zum Verständnis unserer Gesamtdarstellung eine grundsätzliche Bemerkung machen. Wir werden uns im allgemeinen einer Wertung der von uns dargestellten Tatsachen enthalten. Die jüdische Gruppenidentität zum Beispiel interessiert uns nur in ihrer soziologischen Bedeutung. In dieser Hinsicht wird sie als eine Erschwerung der jüdisch-nichtjüdischen Beziehungen in Erscheinung treten. Wir sind uns wohl bewußt, daß vom jüdischen Standpunkt aus diese Erschwerung in hohem Maße dadurch kompensiert wird, daß die Erhaltung jüdischer Gruppenmerkmale die Voraussetzung jüdischen Eigenlebens überhaupt ist. Unsere grundsätzliche Frage betrifft aber nicht in erster Linie den Wert oder Unwert jüdischen Eigenlebens, sondern sie lautet: Ist aus der Tatsache, daß rund 43 % der deutschen Wähler im Jahre 1933 dem scharf antisemitischen Nationalsozialismus ihre Stimmen gegeben haben, zu schließen, daß sich das Zusammenleben von Juden und Nichtjuden als unmöglich erwiesen hat? Oder welche anderen Schlüsse sind gegebenenfalls aus dieser Tatsache zu ziehen? Wo wir in Abweichung von der voraussetzungslosen Analyse subjektive Werturteile abgeben, werden wir das von Fall zu Fall bemerken.
Es besteht zweifellos ein Widerspruch zwischen der Prognose, die sowohl Emanzipatoren wie Emanzipierte – obwohl manchmal uneingestandenermaßen – der Zukunft der jüdischen Gruppe am Beginn der Emanzipation stellten, und dem Ablauf, den die Entwicklung tatsächlich genommen hat. Wenn wir das Wesen der jüdischen Gemeinschaft vor der Emanzipation als national-religiös bezeichnen, womit sie zwar nicht erschöpfend, aber in ihren sichtbarsten Unterscheidungsmerkmalen gekennzeichnet ist, so besagte der Emanzipationsakt, daß die nationale Absonderung fortan aufhören und die religiöse rechtlich unerheblich werden sollte. Die erste Forderung wurde nahezu uneingeschränkt, die zweite weitgehend erfüllt. Trotz dieser Niederlegung bisher trennender Schranken jedoch und trotz der inneren Schwäche der verbleibenden religiösen Unterschiede sind die Juden als eine deutlich unterscheidbare Bevölkerungsgruppe bestehengeblieben.
Die höchst bemerkenswerte und historisch unvergleichbare Tatsache, daß das Judentum nach dem Verlust eines eigenen Territoriums zweitausend Jahre fortexistiert hat, hat ihren Deutern zu allen Zeiten ein außerordentlich schwieriges Problem gestellt. Die scheinbare Regelmäßigkeit, in der Anziehung und Abstoßung zu den verschiedensten Zeiten und in den verschiedensten Räumen wiederkehrten, der häufige freiwillige oder gewaltsame Substanzverlust, der trotzdem niemals zur Auflösung der gesamten Judenheit führte, haben verständlicherweise dazu herausgefordert, an das Walten einer inneren Gesetzmäßigkeit zu glauben, die den Juden ein ewiges Leiden als den Preis eines ewigen Lebens auferlegte. Wir sind im Rahmen dieser Untersuchung weder mit der Unterstützung noch mit der Widerlegung einer derartigen Geschichtsphilosophie befaßt. Es genügt uns daher, darauf hinzuweisen, daß die Fortexistenz der jüdischen Gruppe während der Emanzipationsepoche auch ohne eine solche Philosophie hinlänglich zu erklären ist. Wir werden uns bei unserer Beweisführung im folgenden auf den Emanzipationsprozeß in Deutschland beschränken, weil er von den Juden anderer Länder im Gelingen und im Versagen vielfach als eine Art von Idealtypus für den Ablauf einer Judenemanzipation überhaupt aufgefaßt wird.
Wie überall hatten die Juden in Deutschland – abgesehen von einer zahlenmäßig unbeträchtlichen Minderheit – bis zum Beginn der Emanzipation ihre mittelalterliche Verfassung fast ungeschmälert bewahrt. Sie lebten auf deutschem Boden, aber in religiöser, kultureller, rechtlicher, sozialer und örtlicher Abgeschlossenheit. Dem Zwang zum Ghetto hatte bis zuletzt als Kompensation eine vollgültige innere jüdische Kultur entsprochen. Die jüdische Kultur und ihre Werte wurden im Ghetto ausnahmslos festgehalten. Das Maß ihrer Strenge, die in der Außenwelt bald als Starrheit, bald als Arroganz empfunden wurde, mag dem Maße des von außen ausgeübten Druckes, der Verfolgung und Verachtung direkt entsprochen haben. Jedenfalls aber war die Verachtung gegenseitig. Als die Tore des Ghettos geöffnet wurden, war die Masse der festgefügten jüdischen Gemeinschaft nicht darauf vorbereitet. Man begriff zwar, daß ein gewaltiger Fortschritt in allen Lebensverhältnissen in Aussicht stand, und widersetzte sich ihm nur in Ausnahmefällen, aber die seelische und geistige Vorbereitung der großen Mehrzahl der Ghettoinsassen unterschied sich weitgehend von der der jüdischen Elite, welche die gesellschaftliche Emanzipation schon vor der rechtlichen vollzogen hatte. Das heißt: die deutschen Juden traten mit dem vollen Inhalt ihrer jüdischen Tradition, aber auch mit ihrem ganzen Schwergewicht den Weg in ihre Umwelt an. Mit jeder Etappe dieses Weges wurden Teile der Tradition aufgegeben, wurde die Bürde des Gesetzes erleichtert; zunächst verloren sich die nationalen Eigentümlichkeiten der Sprache, der Tracht, der Wohnviertel, des eigenen Rechtes; dann wurden die religiösen Vorschriften gemildert und angeglichen. Schließlich verblieb in gewissen jüdischen Kreisen – zumal in den Großstädten – kaum noch ein anderes subjektives Unterscheidungsmerkmal als die nominelle Zugehörigkeit zur jüdischen Gemeinschaft, und selbst dieser wurde häufig genug durch Taufe oder Austritt ein Ende gemacht. Aber selbst als die vierte emanzipierte Generation heranwuchs, bildete diese äußere Form des Abfalls noch immer eine Randerscheinung innerhalb der deutschen Judenheit, und sie wurde durch den Einfluß eines weit positiveren Provinzjudentums mehr als ausgeglichen. Die jüdische Substanz, mit der die deutschen Juden in den Emanzipationsprozeß eingetreten waren, hatte ausgereicht, um ihre überwältigende Mehrheit durch 120 Jahre fortgesetzter Abschleifung hindurch als Juden zu erhalten.*
Aus dieser – gewaltsam vereinfachenden und schematisierenden – Schilderung geht zunächst zweierlei hervor: einmal, daß die Juden den natürlichen Vorgang der allmählichen Assimilation einer Minderheit an eine Mehrheit an sich geschehen ließen. Als Akteure spielten sie bald eine vorwärtstreibende, bald eine retardierende Rolle. Entscheidend jedoch war nicht ihr aktiver Einfluß, sondern ihre passive Einfügung in den Prozeß.** Ferner können wir schließen, daß der Grad der Assimilation wesentlich von der Länge der Zeit abhängt, während der eine jüdische Gemeinschaft dem Assimilationsprozeß ausgesetzt ist. So sehr man diese Tatsache von dem Standpunkt eines positiven Judentums aus bedauern mag, weil sie die Auflösung der jüdischen Gemeinschaft bei ungestörtem Fortgang des Assimilationsprozesses als unausbleiblich erscheinen läßt, so kann sie doch auch im Hinblick auf die deutsch-jüdische Entwicklung nicht geleugnet werden. Die Anziehung der nichtjüdischen Mehrheit auf die jüdische Minderheit bildete während der Epoche der jüdischen Emanzipation in Deutschland die herrschende Tendenz, die sich – gegen zahlreiche Hemmungen – durchsetzte. Wäre die Zeit nicht auf nur drei bis vier Generationen beschränkt gewesen, und wären nicht andere Faktoren hinzugetreten, die den beschriebenen Ablauf hemmten oder umkehrten, so hätte der jüdische Lebenswille nicht ausgereicht, ein Aufgehen der jüdischen Minderheit in der deutschen Mehrheit zu verhindern.
Es traten jedoch andere Faktoren hinzu, deren wichtigster die Haltung der Umwelt war. Es zeigte sich sehr bald, daß die breiteren Schichten des deutschen Volkes – aber auch Teile der führenden Elite – nicht bereit waren, es widerspruchslos hinzunehmen, daß die Juden als gleichberechtigte Glieder in den sozialen Körper eindrangen. Dieser Widerstand, seine Folgen und Nebenwirkungen bilden den wesentlichen Teil der Geschichte der Emanzipation. Diese hängt wesentlich von dem Charakter der Gesellschaft ab, die eine emanzipierte Minderheit aufzunehmen bestimmt ist. Handelt es sich um eine auf Konkurrenzwirtschaft beruhende Gesellschaft, so wird das Eindringen einer Minderheit in den meisten Fällen als Erschwerung des Konkurrenzkampfes empfunden, es sei denn, daß die von der Minderheit ausgeübten Gewerbe in der Mehrheit noch nicht vertreten sind. Selbst dann besteht die Gefahr, daß die Mehrheit sie von der Minderheit schneller übernimmt, als der Gruppencharakter der Minderheit sich verliert, und daß auf diese Weise später doch noch das Konkurrenzmotiv in die Gruppenspannung eintritt. Gerade das traf auf die jüdische Gruppe in Deutschland zu. Ihr anfängliches Monopol im Geld- und Kleinhandel wurde allmählich sowohl von ihr selbst als auch von der Mehrheit durchbrochen. Die beiderseitige wirtschaftliche Annäherung vermehrte die Konkurrenzfurcht auf seiten der Mehrheit. Doch war das Konkurrenzmotiv nicht das einzige, das dazu führte, daß dem Willen zur Einordnung der Juden nicht in gleichem Maße eine Bereitschaft zur Aufnahme auf der Seite der Deutschen entsprach. Es war eine Abwehrhaltung wirksam, auf deren Natur später ausführlicher eingegangen wird. Diese abwehrende Haltung verlor allerdings sowohl ihre tatsächlichen wie ihre vorgegebenen Gründe in dem gleichen Grade, in dem der Verschmelzungsprozeß ungeachtet aller Hemmungen fortschritt. Immerhin verzögerte sie diesen Prozeß nicht nur direkt dadurch, daß sie den integrationswilligen Mitgliedern der Minderheit die Aufnahme verweigerte; sondern sie verringerte auch indirekt die Integrationswilligkeit der Juden, da die zurückgewiesene Minderheit damit antwortete, daß sie ihre Andersartigkeit erst recht betonte. Das wiederum führte häufig zu einem verstärkten Abwehrwillen der Mehrheit. Trotz ihrer Wechselseitigkeit nimmt jedoch normalerweise die Stärke solcher Reaktionen ab wie die Bewegungsstärke eines ausschwingenden Pendels. Unter sonst gleichbleibenden Umständen verlangsamen sie den Integrationsvorgang, ohne ihn zu verhindern.*
Es sind die beiden vorstehend geschilderten Tatbestände – die Tradition, die sich nur langsam verminderte und also nur langsam ihre trennende Wirkung einbüßt auf der einen Seite, und der Widerstand gegen die Aufnahme einer fremdartigen Gruppe auf der anderen Seite –, die der sozialen Einfügung einer Minderheitsgruppe in eine Mehrheitsgesellschaft hemmend im Wege stehen. Dieselben Tatsachen sind es auf der anderen Seite, die den Zusammenhalt zwischen den Mitgliedern der Minderheit noch für eine beträchtliche Zeitdauer nach Eintritt der formalen Gleichberechtigung verbürgen. Solange sie wirksam sind, und sei es selbst in einer Verdünnung, die sie dem Individuum kaum noch fühlbar machen, bleibt der Gruppencharakter der Minderheit erhalten.
Nach dem Gesagten wird der Satz, daß die Juden überall auch nach ihrer formellen Gleichberechtigung eine Gruppe bilden, zur Selbstverständlichkeit. Denn das gleiche Element, das die Juden zu Juden macht, unterscheidet sie auch als Gruppe von ihrer Umgebung. Sie verlieren ihren Gruppencharakter erst dann, wenn sie die Restbestände ihres Judentums abgestreift haben, also aufgehört haben, Juden zu sein.* Daß diese Feststellung trotz ihrem analytischen Charakter viele naive Betrachter überraschen dürfte, zumal wenn weiter unten ihre weitreichenden Folgen sichtbar werden, ist nur ein Anzeichen dafür, wie wenig die Juden gewohnt waren, sich selbst als ein gesellschaftliches Phänomen zu sehen. Die meisten unter ihnen waren sich ihrer religiösen Sonderart bewußt und kannten im übrigen nur jüdische Individuen. Mit den Außenseitern oder Schädlingen in ihrer Gruppe leugneten sie jede wie auch immer geartete Gemeinschaft; nur wenn sich einige durch besondere Leistungen hervortaten, erwachte in den vereinzelten Juden ein sonderbar inkonsequenter Gruppenstolz. Welche verschiedene Dichte jüdische Gruppen während des Integrationsprozesses aufweisen können, wird uns klar, wenn wir die Charakteristika einiger jüdischer Landesgruppen miteinander vergleichen. Da steht etwa neben der kleinen und in schneller Auflösung befindlichen jüdischen Gruppe in Italien die noch bedeutend dichtere Gruppe der aschkenasischen Juden Englands. Von Italien sagte Ruppin anfangs der dreißiger Jahre4, daß dort die jüdische Religion kaum noch irgendeine Bedeutung habe und die Mischehen das Judentum dezimierten. In Triest besuchten am höchsten jüdischen Feiertag nicht mehr als 10 % der Juden die Synagoge; Mischehen waren häufiger als rein jüdische Ehen. Den Rest des jüdischen Gruppenbewußtseins deutete Ruppin in dem folgenden Nachsatz an: „Auf meine Frage, weshalb die Juden in Triest denn überhaupt nominell noch Juden bleiben, erwiderte mir einer der Vorsteher: es schadet ihnen nicht, und sie wollen auf dem jüdischen Friedhof begraben werden.*“ Die aschkenasische Judenheit Englands dagegen, deren größerer Teil erst seit den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts zugewandert ist, weist nicht nur in ihrer Berufsund Wohnortsgliederung, sondern auch in der durchschnittlichen Traditionstreue einen viel festeren Zusammenhalt auf.
Ebenso verschiedenartig wie die Dichte der Gruppen ist auch der Bestand dessen, was sie von der jeweiligen Umwelt unterscheidet. Doch besteht zwischen beidem ein Zusammenhang. Auch die jeweilige Verschiedenheit oder die Mischung von Verschiedenheiten einer einzelnen jüdischen Gruppe ist ziemlich genau durch die Entfernung bestimmt, die sie auf ihrem Weg vom Ghetto bis zum Endstadium völliger Einfügung in die Umwelt zurückgelegt hat. Bei ihrer Entlassung aus dem Ghetto umfaßt ihr eigentümlicher Gruppencharakter gewöhnlich nahezu alle Lebensgebiete vom Religiösen bis zum Zivilisatorischen; ihre Sprache und Bildung entspricht fast ausschließlich dem jüdischen Kulturkreis. In einer zweiten Entwicklungsstufe, die etwa mit der zweiten Generation nach der formellen Emanzipation übereinstimmen dürfte, sind schon einige Bildungselemente der Umwelt in die im übrigen noch strikt von ihr abgetrennte Gruppe eingedrungen; eine Angleichung der äußeren Lebensgewohnheiten geht langsam vonstatten, und es herrscht Doppelsprachigkeit: man spricht jiddisch und die Sprache der Umwelt. Dagegen ist das religiöse Leben mit seinem traditionellen Inhalt noch nahezu intakt. Langsam wird die berufliche Basis durch Eindringen in solche Berufe erweitert, die bisher den Juden rechtlich verschlossen waren. In einer dritten Stufe ist die Sprachenfrage eindeutig zugunsten der Landessprache entschieden. Weltliche Bildung herrscht so gut wie ausschließlich. Die kulturellen Inhalte des Judentums sind fast völlig den Kultureinflüssen der Umwelt gewichen. Nur das religiöse Bekenntnis bindet die Juden dieser Stufe subjektiv noch an das Judentum; aber selbst der religiöse Kult hat viele Umweltselemente in sich aufgenommen, er ist zunehmend „europäisiert“ worden. Die Juden dieser Stufe verteilen sich auf viele berufliche Bereiche, doch folgt diese Verteilung gemäß der früheren monopolartigen Stellung im Kleinhandel und Geldgeschäft, von der sie ihren Ausgang nimmt, einer bestimmten Richtung, die die Juden wiederum vorzugsweise in einigen wenigen Berufsarten zusammenführt. Unter diesen steht der Handel, und zwar sowohl der Waren- wie der Geldhandel weiter an erster Stelle, aber auch bestimmte Zweige der Fertigwarenindustrie, einige neue erschlossene Industrien und die freien Berufe nehmen einen wichtigen Platz ein. Was uns in diesem Zusammenhang am meisten interessiert, ist die Tatsache, daß die jüdische Berufsgliederung gemäß „dem Gesetz, nach dem sie angetreten“, auch in der Stufe einer sonst weitgehenden Eingliederung in die Umwelt sich zwar erweitert und vervielfältigt, daß sie aber weiter starke Anomalien aufweist. Aus ihnen und auch aus dem Zusammenströmen der Juden in den Großstädten erklärt sich die Bewahrung und zugleich die Neuerwerbung von kulturellen Eigentümlichkeiten, welche die Juden dieser Stufe auch abgesehen von ihrer Religion noch weiter von ihrer Umgebung unterscheiden.
Zu einer noch stärkeren Auflösung der jüdischen Gruppensubstanz ist es nur in kleineren jüdischen Landesgruppen gekommen, so wie schon erwähnt in Italien, in Frankreich und in den skandinavischen Ländern. In Deutschland hat es Ansätze zu einer noch über das Stadium der dritten Stufe hinausführenden Assimilation vor allem in Berlin vor, in und unmittelbar nach dem ersten Weltkriege gegeben. Sie äußerten sich in völliger Indifferenz gegenüber der jüdischen Tradition und der jüdischen Gruppenproblematik selbst. Sie sind jedoch für das Wesen der deutsch-jüdischen Mehrheit nicht charakteristisch geworden. Die überwältigende Mehrzahl der deutschen Juden befand sich vor der Katastrophe in dem dritten Stadium.
Einige der bisher geschilderten Züge – vor allem die allmähliche Desintegration einer mit einer Mehrheit in Kontakt tretenden Minderheit, sowie der Widerstand der Mehrheit gegen die Minderheit in einer Konkurrenzwirtschaft – haben für den Kontakt zwischen einer Minderheits- und einer Mehrheitsgruppe ziemlich allgemeine Geltung; doch kommt bei dem durch die Emanzipation der Juden geschaffenen Kontakt ein besonderer Faktor hinzu, der höchst charakteristisch ist. Es ist der Faktor der jüdischen Wanderungen.
Die jüdische Geschichte ist eine Geschichte fortgesetzter Wanderungen. Diese Tatsache ist eine der vielen Eigentümlichkeiten der jüdischen Existenz; sie ist aufs engste verwoben mit dem großen Rätsel der jüdischen Erhaltung. Nicht umsonst trägt die legendäre Figur des Ahasver zugleich die Züge des Wanderns und des ewigen Lebens. Nachdem bis etwa zur Mitte des 17. Jahrhunderts eine west-östliche Richtung in der jüdischen Wanderung vorgeherrscht hatte, kehrte sich diese Richtung mit dem Jahr 1648 und entschiedener mit dem Beginn des 19. Jahrhunderts5 um. Am Ende des 18. Jahrhunderts lebten in Osteuropa, im ehemaligen Königreich Polen und seinen Nachbarländern, 1½ Millionen von den damals lebenden insgesamt etwa 2½ Millionen Juden, also 60 %.6 Als im Jahre 1850 die Zahl der Juden auf 4¾ Millionen gestiegen war, betrug der Anteil der osteuropäischen Juden mit 3,4 Millionen sogar 72,1 %, und noch im Jahre 1925 lebten 7,6 Millionen Juden bei einer Gesamtzahl von 14,8 Millionen, also 51,2 % in den entsprechenden Gebieten.7 So stark also hatte sich selbst in dieser letzterwähnten Periode der osteuropäische Anteil an der jüdischen Gesamtbevölkerung behauptet, obgleich zwischen 1880 und 1925 fast 4 Millionen Juden von der ost-westlichen Wanderung ergriffen worden waren.
Die osteuropäischen Juden unterschieden sich während der ganzen Periode ihrer Westwanderung von den jüdischen Gemeinschaften, zu denen sie hinströmten, durch einen niedrigeren Lebensstandard. Dieser Unterschied war in der Tat das hauptsächliche Motiv, das – zeitweise neben Verfolgungen – den Wanderungsprozeß in Gang setzte. Die osteuropäischen Juden waren noch nicht emanzipiert und lebten im wesentlichen in rein jüdischen Siedlungen in völliger Isolierung. Ihr kultureller Status entsprach demnach noch der „ersten Entwicklungsstufe“. Die Berührung der osteuropäischen Juden mit den in den Einwanderungsländern bestehenden Gemeinden wirkte überall verzögernd auf den Assimilationsprozeß. Obgleich die alteingesessenen Gruppen sich den Neueinwanderern gegenüber mehr oder minder ablehnend verhielten, weil sie fürchteten, von ihren nichtjüdischen Mitbürgern mit diesen identifiziert zu werden, konnten und wollten sie doch einen Kontakt nicht völlig vermeiden. Mochte dieser Kontakt zunächst auch nur auf karitativem Gebiete liegen und nur vereinzelt darüber hinausgehen, so war doch schon die Tatsache eines neu entstehenden jüdischen Gemeinde- und Vereinslebens, neuer jüdischer Siedlungen in bestimmten Städten oder Stadtvierteln, ja schon die Vergrößerung der jüdischen Gruppe selbst für die eingesessenen Juden nicht bedeutungslos. Derartige sichtbare Anzeichen einer lebendigen jüdischen Gemeinschaft brachten in der Tat die nichtjüdische Umwelt in vielen Fällen erst wieder zum Bewußtsein einer „Judenfrage“, die in einer gefürchteten aber unvermeidlichen Identifizierung auch die einheimischen Juden wieder als Juden erscheinen ließ. Aber das war nicht die einzige Folge, durch die die Zuwanderung von unassimilierten Juden den Normalisierungsprozeß verzögerte. Eine weitere Folge war, daß die im Einwanderungsland bereits stark verdünnte jüdische Substanz durch sie eine erhebliche Anreicherung erfuhr.8 Blieb diese im Frühstadium der Zuwanderung auf die einwandernde Gruppe beschränkt, so fand doch in der nächsten Generation bereits ein gewisser gesellschaftlicher Kontakt mit wirtschaftlich aufsteigenden Familien statt. Er bewirkte trotz der auch unter den Einwanderern bereits einsetzenden Abschleifung eine ständige Erinnerung an frühere Stadien der Assimilation und bereitete gegen eine durch die Zuwanderung ausgelöste verstärkte Abstoßung der Umwelt sozusagen eine zweite Verteidigungslinie vor, eine Linie, in der das aufgefrischte jüdische Bewußtsein den enttäuschten jüdischen Assimilanten für seine partiellen Mißerfolge entschädigte.9
Drei Faktoren haben wir demnach festgestellt, denen die Erhaltung jüdischer Gruppen auch bei rechtlicher Emanzipation zugeschrieben werden muß: die zeitliche Begrenzung aller bisher historisch gewordenen Emanzipationsprozesse, die Haltung der Umwelt und die jüdische Wanderung.
2. Die objektive oder „echte“ Judenfrage
Wenn wir oben davon sprachen, daß vor dem Eintritt der deutschen Judenkatastrophe die allgemeine Situation der Juden vielfach zu unproblematisch und optimistisch gesehen wurde, so meinten wir damit im wesentlichen, daß man diesen Gruppencharakter übersah. Wir kommen nun zu den Folgen des Gruppencharakters und damit zur Problematik des Antisemitismus selbst.
Die üblichen Formen der gegenseitigen Reaktion von Gruppen sind in ihrer Bedeutung für den Antisemitismus wiederholt entwickelt worden10. Gewöhnlich führte die Unterstellung des Antisemitismus unter den Oberbegriff der Gruppenfeindlichkeit zu der apologetischen Sicht, daß die Juden an der Entstehung des Antisemitismus völlig unschuldig seien.* Weniger zuversichtlich mußte demnach allerdings die Prognose für die Zukunft des Antisemitismus lauten, da schlechthin geleugnet wurde, daß er von seiten der Juden beeinflußt werden könne, es sei denn durch eine radikale Liquidation der Diaspora.
So fruchtbar es auch ist, den Antisemitismus unter der Kategorie der Gruppenfeindschaft zu betrachten – wir werden diese Betrachtungsweise noch sehr eingehend anzuwenden haben –, so enthält sie doch die Tendenz, einige wichtige Fragen zu vernachlässigen. Indem man in der Gruppeneigenschaft gewissermaßen ein Instrument zur Äußerung von Feindschaftsgefühlen sieht, die anderweitig nicht abzureagieren sind, und in der jeweiligen antisemitischen Ideologie einen reinen Vorwand, der in objektiven Tatsachen keine Stütze findet11, übersieht man den Umstand, daß in dem Zusammenstößen heterogener Gruppen sehr wohl ein objektives gesellschaftliches Problem liegen kann. Schon daß man hier ein Phänomen wie den Antisemitismus ohne Berücksichtigung seiner historischen Erscheinungsformen auf einen einzigen allgemeinen Nenner bringt, kennzeichnet die Schwäche der Theorie. Wer zu leugnen versucht, daß die Existenz der kulturell noch weitgehend fremdartigen jüdischen Gruppe zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Deutschland oder die Existenz fortwährend frisch ergänzter fremdnationaler Einwanderungsgruppen in den Vereinigten Staaten von Amerika echte gesellschaftliche Probleme darstellen, verstellt sich selbst den Einblick in die Zusammenhänge, die er zu durchleuchten versucht. Gruppenberührungen und Gruppenspannungen mögen ideale Entladungsmöglichkeiten für Haßgefühle bieten, die aus völlig anderen Quellen sich speisen, – ihre Bedeutung erschöpft sich jedoch nicht in dieser Eigenschaft.
Das Verhältnis einer Menschengruppe zu einer anderen dient nicht nur zur Entladung von Haßinstinkten fremden Ursprungs, es ist selbst die Ursache der Entstehung von Feindseligkeit. Sigmund Freud12spricht davon als von einer Elementar-Tatsache: „Von zwei benachbarten Städten wird jede zur mißgünstigen Konkurrentin der anderen; jedes Kantönli sieht geringschätzig auf das andere herab. Nächstverwandte Völkerstämme stoßen einander ab, der Süddeutsche mag den Norddeutschen nicht leiden, der Engländer sagt dem Schotten alles Böse nach, der Spanier verachtet den Portugiesen. Daß bei größeren Differenzen sich eine schwer zu überwindende Abneigung ergibt, des Galliers gegen den Germanen, des Ariers gegen den Semiten, des Weißen gegen den Farbigen, hat aufgehört uns zu verwundern … In den unverhüllt hervortretenden Abneigungen und Abstoßungen gegen nahestehende Fremde können wir den Ausdruck einer Selbstliebe, eines Narzißmus, erkennen, der seine Selbstbehauptung anstrebt und sich so benimmt, als ob das Vorkommen einer Abweichung von seinen individuellen Ausbildungen eine Kritik derselben und eine Aufforderung, sie umzugestalten, mit sich brächte. Warum sich eine so große Empfindlichkeit gerade auf diese Einzelheiten der Differenzierung geworfen haben sollte, wissen wir nicht; es ist aber unverkennbar, daß sich in diesem ganzen Verhalten der Menschen eine Haßbereitschaft, eine Aggressivität kundgibt, deren Herkunft unbekannt ist, und der man einen elementaren Charakter zusprechen möchte.“ In ähnlicher Weise sieht Trotter13 in der Ablehnung jeder Andersartigkeit die natürliche Auswirkung des von ihm angenommenen menschlichen Herdeninstinktes.* Das Glück der Identität des Individuums mit seiner Gruppe sei eine so wichtige gesellschaftliche Tatsache, daß in seiner Vollkommenheit und Unanfechtbarkeit geradezu die Kennzeichen des sagenhaften Goldenen Zeitalters gesehen werden müßten14. Selbstverständlich führe sie zu einem Ausschluß Fremder15.
Es bedarf nicht des Hilfsbegriffes „Herdeninstinkt“, um zu der in unserem Zusammenhang allein wesentlichen Feststellung zu kommen, daß der Kontakt zwischen einer in bestimmten Grundzügen einheitlichen Gruppe mit einer von ihr abweichenden zu psychischen Reaktionen führt, die der Störung einer vorher bestehenden absoluten oder relativen Ruhelage entsprechen. Es wird ein Prozeß ausgelöst, der durch Wiederanpassung an die neu geschaffene Situation zu einer Wiederherstellung des gestörten Gleichgewichts hinstrebt. Der neue Gleichgewichtszustand wird eine je nach dem Ausmaß der Störung größere oder geringere Verschiedenheit von dem vorher bestehenden aufweisen.
Der so bezeichnete Tatbestand ist der objektive gesellschaftliche Kern dessen, was wir die Judenfrage zu nennen gewohnt sind. Er ist nicht auf sie beschränkt, sondern tritt überall in Erscheinung, wo verschiedenartige Gruppen miteinander in dauernde lebensmäßige Berührung treten. Daß er auch der Judenfrage zugrundeliegt, ist ein Umstand, den die jüdische Apologetik manchmal zu übersehen geneigt war. Selbst Professor Hugo Valentin in seiner umfassenden Studie des Antisemitismus glaubt dem Problem Genüge zu tun, wenn er es wie folgt darstellt16: „Es ist nicht so, daß eine Gruppe nach objektiver Prüfung zu dem Ergebnis kommt, daß eine andere Gruppe schädlich oder minderwertig sei. Das Primäre ist der Haß. Die vom Verstand gefundenen Argumente sind sekundär.“ Das ist weitgehend, aber nicht vollkommen richtig. Ein gesellschaftlicher Konflikt hört nicht deshalb auf zu bestehen, weil er nicht durch „objektive Prüfung“ ins Bewußtsein tritt, sondern weil durch spontanen Haß auf ihn reagiert wird. Die Haßreaktion, die übrigens in ruhigen Zeiten sehr häufig durch gemäßigtere Unlustgefühle ersetzt wird, schließt nicht nur nicht aus, daß ein echter gesellschaftlicher Konflikt vorhanden ist, sondern sie kann sehr wohl ein Zeichen für ihn sein, gleichgültig, wie stark sekundäre Rationalisierungen den Konflikt nachträglich entstellen.
Es gibt ein Streben nach Homogenität der eigenen Gruppe, das als eine Elementar-Tatsache menschlicher Vergesellschaftung anerkannt werden muß; ihm gegenüber wird jede sichtbar in Erscheinung tretende Existenz einer andersartigen Gruppe als eine Herausforderung empfunden17. Dabei ist das Prinzip, das die Homogenität bestimmt, keineswegs immer mit dem ursprünglichen Organisationsprinzip der Gruppe identisch. So wurde etwa für größere politische Herrschaftsgebilde, die ihre Entstehung vielleicht dynastischen oder militärischen Ursprüngen verdanken, in Zeiten, die vorwiegend religiös bestimmt waren, die religiöse Homogenität als unerläßlich betrachtet; nach der Französischen Revolution verschob sich die Forderung der Homogenität auf das nationale Gebiet.18 In der Sowjetunion wurde zum ersten Male das Prinzip der Klassen-Homogenität proklamiert, und es ist sicher nicht zuletzt darauf zurückzuführen, daß auf den Anspruch nationaler Homogenität verzichtet werden konnte. Soweit es sich in neuerer Zeit um Staaten handelt, bei denen Staat und Nation auch nicht annähernd identisch sind, wie in der Schweiz, in den Vereinigten Staaten, aber auch in den deutschen Bundesstaaten vor der Reichsgründung, tritt eine staatliche Homogenität an die Stelle der nationalen. Es handelt sich dabei um von den Staatsangehörigen sozusagen freiwillig zu erfüllende Bedingungen, die über die Beobachtung der objektiven Rechtssetzungen hinausgehen und gerade auf diese Weise ein homogenes Staatsbewußtsein schaffen. Richard Thoma19 versteht es als eine „unbedingte, nicht nur durch rationale Berechnungen vermittelte Staatsbejahung“, ohne die auf die Dauer kein Staat zu existieren vermöge.
Gegenüber dem politisch und rechtlich fest umrissenen Gebilde Staat, das im Laufe der Geschichte bald dieses, bald jenes Homogenitätsprinzip in den Vordergrund stellte, ist die moderne Gesellschaft ein diffuses Gebilde, das nur als Staatsgesellschaft einen Abglanz der Staatshomogenität empfängt. Ihre Entwicklung geht nach Herbert Spencer als ein Prozeß ständiger Differenzierung und Integrierung vor sich. Doch hat mit der tatsächlichen Integrierung der differenzierten Einheiten das Bewußtsein der Integration nicht durchweg Schritt gehalten. Obgleich Arbeitnehmer mit Arbeitgebern im Arbeitsprozeß, am Arbeitsmarkt, beim Abschluß von Tarifverträgen und so weiter in ständigen Beziehungen miteinander stehen, erscheinen sie doch dem Bewußtsein als so streng voneinander getrennte Gruppen, daß sogar ihre politische Integration in Staat und Nation in Zeiten wirtschaftlichen Druckes und politischer Labilität fragwürdig werden kann. Ebenso wie sie stehen sich in der modernen Gesellschaft ungezählte Gruppen und Grüppchen gegenüber, die einander bekämpfen, obwohl sie aufeinander angewiesen sind. Dieser Mangel an Einheitlichkeit in der hochdifferenzierten modernen Gesellschaft kommt grundsätzlich der Eingliederung der jüdischen Gruppe zugute. Denn wo von einer kulturellen Einheit in einem alle Lebenssphären umfassenden Sinn nicht mehr gesprochen werden kann, vermindern sich die Forderungen, die an die kulturelle Angleichung einer neu hinzutretenden Gruppe legitimerweise gestellt werden können20. Aber in zweierlei Beziehung kann die Afuteilung der Gesellschaft die Einfügung der jüdischen Gruppe auch erschweren: sie kann einerseits ein Unbehagen erzeugen, das einen auf weitere Differenzierungsgefahren besonders empfindlich reagieren läßt; man wird dann geneigt sein, der Gefahr durch übertriebene Betonung der noch vorhandenen Homogenität vorzubeugen. Man wird sich also bei dem Andrängen einer wirtschaftlich ungleichartigen, nämlich auf mehrere Gruppen verteilten, ihrem ethnischkulturell-religiösen Ursprung nach aber gleichartigen Gruppe gern auf seine eigene ethnischkulturell-religiöse Gleichartigkeit mit anderen, sonst antagonistischen wirtschaftlichen Gruppen besinnen. Die Zerklüftung bedeutet anderseits, daß der jüdisch-nichtjüdische Gruppengegensatz auf den verschiedensten Schauplätzen ausgetragen werden muß: nicht nur in der nationalen, in der staatlichen, in der religiösen Ebene, sondern zwischen jüdischen und nichtjüdischen Schneidern, jüdischen und nichtjüdischen Studenten, jüdischen und nichtjüdischen Ärzten, Turnern, Freimaurern und so weiter. Wenn also auch eine Homogenität der modernen Gesellschaft nur noch in sehr eingeschränktem Sinne vorhanden ist, so sorgen doch das Streben nach der verlorenen Homogenität einerseits und die Homogenität der einzelnen Differenzierungsprodukte anderseits dafür, daß der nach Einfügung verlangende Jude wiederum in allen Sphären als der Andersartige, der Eindringling, der Feind empfunden wird.
Es kommt hinzu, daß von der jüdischen Gruppe her Einzelmitglieder ständig sich auf die Umweltgruppe zu und in sie hinein bewegen. Während es Gruppenverhältnisse gibt, in denen eine gewisse Stabilität herrscht, die den aus dem Zusammenleben herrührenden Reiz vermindert – man denke etwa an das Verhältnis einer Staatskirche zu bereits längere Zeit existierenden Sekten oder mehrerer gleichrangiger Sportvereine zueinander –, während es ferner Gruppen gibt, die von anderen begehrt werden, aber aus eigenem Willen exklusiv sind – hierbei ist an sozial privilegierte Gruppen, wie etwa den Adel zu denken –, so befindet sich das Verhältnis der emanzipierten jüdischen Gruppe zu der Umwelt in dauerndem Fluß. Dadurch, daß ihre Mitglieder einige Gruppenmerkmale aufgeben – das rechtliche, das sprachliche –, andere entschieden beibehalten – das religiöse – und noch andere in bestimmten von ihren Absichten weitgehend unabhängigen Linien fortentwickeln – das wirtschaftliche –, ergeben sich ständig neue Anpassungsprobleme. Sie sind die Begleiterscheinungen des Integrationsprozesses, der schon oben als das Zentrum der eigentlichen Judenfrage bezeichnet wurde.
In West- und Mitteleuropa entsprachen die voremanzipatorischen Ghettos einem Entwicklungsstadium, das im Vergleich zur Umwelt zurückgeblieben war, und zwar sowohl wirtschaftlich und sozial als auch in dem Befreiungsprozeß aus den geistigen und kulturellen Bindungen des Mittelalters. Mit der Öffnung der Ghettotore mußte man also bestrebt sein, die künstlich zurückgehaltene Entwicklung nachzuholen und den Standard der Umwelt zu erreichen. In der gleichen Richtung wirkten der Assimilationswille der Emanzipatoren und die Korporationsfeindlichkeit der zeitgenössischen Umwelt.21 Anfängliche Widerstände gegen die Emanzipation in jüdischen Gemeinschaften, die eine Auflösung der jüdischen Gruppe vorhersahen und fürchteten22, wurden allmählich überwunden, die gewährten Rechte und die mit ihnen verbundenen wirtschaftlichen Möglichkeiten wurden ergriffen, und der allmähliche, aber stetige Eingliederungsprozeß der Juden in ihre nichtjüdische Umwelt setzte ein.
Diese Bewegungsrichtung wird in gewissen Grundzügen überall wiederkehren, wo Juden als Minderheiten unter nichtjüdischen Mehrheiten leben. Es ist dabei gleichgültig, ob der anfängliche Kontakt einem Einwanderungsprozeß oder der Emanzipation entspringt, die ja sozusagen eine vertikale Einwanderung ist und fast alle charakteristischen Züge mit der horizontalen Einwanderung teilt. Da es sich überall um unterprivilegierte, wenn auch nicht durchweg um rückständige Minderheiten handelt, ganz gleichgültig, ob die Minderberechtigung gesetzlich oder bei gesetzlicher Gleichberechtigung die Folge eben des Minderheitenstatus ist23, streben die Juden überall nach mehr oder minder totaler Aufnahme in die Mehrheit. Diese Bewegungsrichtung, der je nach den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen eine mehr oder minder intensiv abwehrende Bewegung der Mehrheit entspricht, enthält einen weiteren konstitutiven Faktor der Judenfrage.
Es ist notwendig, an dieser Stelle einzuschalten, daß in dem letzterwähnten Zusammenhang die Zahl eine eigenartige und tragische Rolle spielt. Es ist nämlich keineswegs gleichgültig, ob der Übergang von der jüdischen in die Umweltsgruppe oder -gruppen von einzelnen, wenigen oder vielen Juden vollzogen wird. Das Auftreten weniger Juden in ihnen bis dahin unzugänglichen Umweltsphären, wie es in zunehmendem Grade im 18. Jahrhundert, also vor der Emanzipation stattfand, hat geholfen, der Emanzipation den Weg zu bahnen. Es hat mehr Sympathien für die geknechteten Juden erregt als Abwehr gegen die Eindringlinge. So gewiß das unter anderem auf die ausgewählte Qualität dieser sozial erfolgreichen Finanziers und Gelehrten zurückzuführen ist, die sich damals unter Schwierigkeiten ihre Bildung und gesellschaftliche Anerkennung erarbeiteten, so ist dabei durchaus nicht die Tatsache ihrer Vereinzelung zu vernachlässigen. Man sah in ihnen in erster Linie die wirtschaftlichen oder geistigen Förderer, nicht aber die Konkurrenten. Das änderte sich um die Mitte und ausgesprochener in dem dritten Drittel des 19. Jahrhunderts, als mehr und mehr jüdische Kaufleute und Intellektuelle mit Nichtjuden in Wettbewerb traten. Auch sie waren noch Produkte eines ziemlich strengen intellektuellen und kulturellen Ausleseprozesses und stellten einen bemerkenswert guten Typus dar; auch zwischen ihnen und ihren nicht jüdischen Kollegen waren die Beziehungen teilweise noch nicht durch Konkurrenzfurcht und Vorurteile getrübt. Aber als gegen Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts infolge des allgemeinen wirtschaftlichen Aufschwungs und der spezifisch jüdischen Neigungen eine erhebliche Zahl von Juden in die genannten Berufe einströmte, wurde die Abwehr allgemeiner; sie wurde als eine Abwehr von Gruppe zu Gruppe empfunden und begann allenthalben, sich vorgeschobener Gründe zu bedienen.
So wenig daran gezweifelt werden kann, daß zwischen der Zahl der in einer nichtjüdischen Gesellschaft vorhandenen Juden und der Stärke der Abwehrreaktion gegen sie ein Zusammenhang besteht, so wenig kann dieser Zusammenhang etwa in einem bestimmten Zahlenverhältnis ausgesagt werden. Absorptionsfähigkeit und Sättigungsgrad schwanken vielmehr je nach Art und Umständen so stark, daß ein Versuch, die Grenze etwa bei 4 % anzunehmen24, als äußerst gewaltsam angesehen werden muß. Einer der Gesichtspunkte, nach denen die Absorptionsfähigkeit einer nichtjüdischen Gruppe sich bemißt, ist der Grad ihrer eigenen inneren Bindung. Wo die Bindung am losesten ist, wie etwa in einem städtischen Wohndistrikt, wird die Absorptionsfähigkeit gegenüber jüdischen Mitbewohnern hoch sein; wo die Bindung enger ist, wie in einem Wirtschaftsverband, und noch enger, wie in einem Freundeskreis, ist die Absorptionsfähigkeit jeweils geringer. Die Aufnahmefähigkeit richtet sich ferner nach dem Grade des wirtschaftlichen Wohlstandes, also nach dem Maße der Konkurrenzbefürchtungen. Sie verringert sich bei niedergehender Konjunktur und wird in einer Krise so gering, daß die Tendenz besteht, selbst gut eingeordnete Angehörige einer Untergruppe wieder auszuschalten, sofern nur scheinbar objektive Gründe dafür gefunden werden können. Ein weiterer Faktor ist das Tempo, in dem die jüdische Eingliederung stattfindet. Eine langsame und gleichmäßige Eingliederung ist imstande, die Sättigungsgrenze hinaufzuschieben, während ein schnelles, plötzliches Eindringen zu vorzeitigen Abwehrreaktionen führen kann. Schließlich darf auch der Fremdheitsgrad zwischen Juden und Nichtjuden nicht übersehen werden.
Es war der Zweck der vorstehenden Ausführungen, der Auffassung entgegenzutreten, als ob man dem Antisemitismus den Charakter eines ernsten gesellschaftlichen Problems nehmen könne, indem man ihn unter den Oberbegriff der Gruppenfeindschaft bringt. Es ist nicht so, daß mit der Verlegung des Konfliktzentrums von der gesellschaftlichen ausschließlich auf die psychologische Ebene dem Problem Genüge geschieht. Neben dem Bedürfnis der Mehrheit nach Aggression und Selbstbestätigung, das in der Minderheit ein erwünschtes Ventil findet und sich fälschlich mit Eigenschaften der Minderheit begründet, ist es das Nebeneinanderexistieren von Gruppen selbst, das objektive Spannungen hervorruft. Die neuerdings stark im Vordergrund der Diskussion stehende Behauptung jüdischer Autoren, daß der Antisemitismus mit den Juden überhaupt nichts zu tun habe, ist fast ebenso einseitig wie die der Antisemiten, daß die Juden allein am Antisemitismus schuld seien. Es ist zum Beispiel verständlich, daß in der Frühzeit der Emanzipation die Mehrheit auf ein Überleben der aus der Voremanzipation herrührenden doppelten Moral der Minderheit gegenüber der Innen- und der Außengruppe feindlich reagiert; es handelt sich dagegen um ein anderes Phänomen, wenn in der Spätzeit der Emanzipation, in der die doppelte Moral längst verschwunden ist, ihr Fortbestand weiter behauptet wird, damit auf diese Weise ein wirksames Schlagwort für Boykottparolen geschaffen wird. Wir werden auf das jeweils verschiedene Mischungsverhältnis zwischen „echten“ und „unechten“ antisemitischen Motiven bald näher zu sprechen kommen.
Die objektiven Spannungen haben die Tendenz, sich mit einem Nachlassen der Gruppenunterschiede zu vermindern, und hören langsam auf, von sich aus das gesellschaftliche Gleichgewicht zu stören. Völlig verschwinden aber könnten sie nur bei einem Verschwinden des jüdischen Gruppencharakters, also bei einem Aufhören der jüdischen Existenz. Die Existenz von Gruppenspannungen, sei es auch in noch so geringem Maße, also die Existenz einer objektiven Judenfrage ist mit der Existenz von jüdischen Gruppen, das heißt mit der Existenz von Juden untrennbar verbunden.
3. Die subjektive oder „unechte“ Judenfrage
Die Judenfrage, wie sie sich uns empirisch darstellt, reicht allerdings weit über den Kern dieser objektiven Judenfrage hinaus. Bei aller ihrer schon erwähnten Einseitigkeit ist die Auffassung, der Antisemitismus erkläre sich aus den subjektiven Eigenschaften des Antisemiten, ein gewaltiger Fortschritt gegenüber der früher herrschenden Gewohnheit, die für den Antisemitismus geltend gemachten Begründungen mehr oder minder mit seinen wahren Ursachen zu identifizieren. Man hatte sich aufgrund dieser Gewohnheit vorher bemüht, zu beweisen, daß die vorgebrachten Gründe in den Tatsachen keine oder nur eine ungenügende Stütze fänden, und meinte damit dem Antisemitismus wirksam begegnet zu sein. Nun ist zwar die Zurückweisung und Widerlegung falscher Behauptungen in der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus ganz gewiß nicht entbehrlich, aber diese Art der Apologetik allein genügt keineswegs. Die neue psychosoziologische Erklärung des Antisemitismus25 versuchte nun zu beweisen, daß das Wesen und Verhalten der Juden mit dem Antisemitismus überhaupt nichts zu tun hätte, und daß es darum nicht nur gleichgültig sei, was die Antisemiten darüber sagten, sondern auch, wie die Juden darauf reagierten. Der Antisemitismus entspringe einem Haß,- Aggressions- und Selbstbestätigungsbedürfnis der nichtjüdischen Umwelt, das sich nur mehr oder minder zufällig gegen die Juden wende. Er sei daher von den Juden schlechterdings nicht zu beeinflussen, es sei denn durch Beseitigung des Kontaktes, also durch völlige Absonderung.
Was uns von dieser Auffassung trennt, ist ihr Radikalismus. Wäre nicht, wie oben dargestellt, das Gegensatzgefühl zwischen Gruppen der Ausdruck eines echten gesellschaftlichen Problems, so wäre es nicht ein so aufnahmefähiges Gefäß für anderweitige, dem eigentlichen Ursprung fremde Unlustgefühle. Wären anderseits diese anderweitigen Unlustgefühle nicht so stark, so würde das objektive gesellschaftliche Problem kaum jemals zu einem erheblichen Konflikt führen.*
Freud sieht in dem gesamten Zivilisationsprozeß eine Zurückdrängung primärer menschlicher Triebe, die zwar vorübergehend oder dauernd gelingen kann, der Existenz der Triebe selbst jedoch kein Ende macht.26 Der Verdrängungsprozeß wird außerdem nur mit großer Anstrengung zustandegebracht und führt häufig zu nervösen Störungen oder charakterlichen Mißbildungen. Zur Überwindung des Aggressionstriebes mußte etwa ein so ungeheuer machtvoller Apparat wie die in einer völligen Umkehrung menschlicher Instinkte gipfelnde Moral des Christentums in Bewegung gesetzt werden.27 Diese radikale Entfernung von der ursprünglichen menschlichen Natur führt ihrerseits wieder zu einer übermäßigen Belastung des Ich und somit zu neuen Konflikten. „Wie gewaltig muß das Kulturhindernis der Aggression sein“, ruft Freud schließlich aus28, „wenn die Abwehr desselben ebenso unglücklich machen kann wie die Aggression selbst!“
Wie die Fortschritte der menschlichen Gesittung ungünstig auf die menschlichen Triebe wirken und zu ihrer schmerzhaften Zurückdrängung nötigen, so ist auch innerhalb dieses größeren Rahmens im täglichen Leben an Leid, Schmerz und fortgesetzten Enttäuschungen kein Mangel. Diese Unlustgefühle aber setzen sich wiederum in Angriffslust um29, wobei es keine Rolle spielt, ob man wie Freud den Aggressionstrieb als etwas Primäres oder ihn wie Suttie30 als durch unerfüllte Liebe entstanden ansieht. Für unsere Zwecke genügt die Erkenntnis, daß er in erheblichem Maß vorhanden ist, daß die Gesellschaft ihn jedoch mißbilligt, und daß er aus diesem Grunde nach Auswegen sucht, die nach den herkömmlichen Moralauffassungen zulässig sind. Es ist nämlich darauf hinzuweisen, daß zwischen der Ursache der Unlust und dem Objekt der Angriffslust kein Zusammenhang zu bestehen braucht und in der Tat nur selten besteht; im Wege der von der Psychologie erforschten psychischen Mechanismen wie Verschiebung und Rationalisierung richtet sich vielmehr die Angriffslust mit dem gleichen Entspannungseffekt gegen an der Erregung der Unlust völlig unbeteiligte Objekte (Verschiebung), gegen die nachträglich Angriffsgründe konstruiert werden, die den Angriff vor dem eigenen Selbstgefühl moralisch vertretbar erscheinen lassen (Rationalisierung).
Geht man aber einmal von dem im Individuum gleichsam freischwebenden und nach Entladung strebenden Aggressionstrieb und von einem akuten Gruppengegensatz aus, so wird es alsbald begreiflich, daß jener in diesem ein bevorzugtes Ventil findet. Muß, wie wir oben dargestellt haben, selbst ein nach allgemeinen Maßstäben normaler Mensch die Existenz einer anderen Gruppe als eine Herausforderung seines auf Erhaltung der eigenen Lebens- und Denkform gerichteten Wesens empfinden, so stellt diese Herausforderung für das überdurchschnittlich aggressive Individuum geradezu eine Aufreizung zum Angriff dar. Zu der normalen Verneinung der „Anderen“ tritt die Versuchung, im offenen Kampf gegen die „Anderen“ nicht nur seine Aggressivität abzureagieren, sondern sich selbst als Wahrer hoher Ideale zu fühlen. Das Verlockende am Gruppenhaß ist nämlich die Leichtigkeit, mit der er „rationalisiert“ werden kann. Die Gruppenexistenz, die Gruppenhomogenität, die angebliche oder tatsächliche Bedrohung durch eine Nachbargruppe, der in der Gruppenbehauptung liegende Dienst an einer begrenzten Allgemeinheit, – alle diese Faktoren lassen sich überaus leicht idealisieren. Wenn man erlebt hat, wie aus der technischen Zweckmäßigkeit eines stenographischen Systems eine „Weltanschauung“ gemacht werden kann, ja mehr als das: ein moralisches Kriterium, an dem sich nicht nur „Dummköpfe“ von „Intelligenzen“, sondern auch „Bösewichter“ von ethischen Kapazitäten scheiden, dann ist man von der Brauchbarkeit schlechthin jedes Gruppenunterschiedes für die Abreaktion jedes Selbstbehauptungs- und Aggressionsbedürfnisses überzeugt. Gruppenliebe ist gesellschaftlich zulässige Selbstliebe, Gruppenhaß gesellschaftlich zulässige Aggressivität. Ja: beides wird nicht nur eben geduldet, sondern es kann unter Umständen geradezu verherrlicht werden als Aufopferung, Hingabebereitschaft und Todesmut.
4. Die Merkmale der jüdischen Bevölkerungsgruppe
Die Juden sind zwar nur eine Untergruppe unter den vielen Untergruppen der modernen Gesellschaft, aber sie weisen bestimmte Merkmale auf, die sie zum Ziel kollektiver Aggressivität geradezu prädestinieren. Die Juden sind nicht nur „anders“, sie können leicht als „Fremde“ hingestellt werden. Sie sind nirgends autochthon, und vor der Gründung des Staates Israel waren sie selbst im Lande ihrer nationalen Geschichte dem Vorwurf ausgesetzt, Eindringlinge zu sein. In der Diaspora jedenfalls sind sie überall „Eingewanderte“. Überall wird ihnen das Recht auf das Land von einer eingesessenen Mehrheit streitig gemacht; mag deren Anspruch auf Priorität auch mancherorts noch so umstritten sein, es genügt, daß er für die Gesamtheit den Schein des Rechts für sich hat.
Die Juden sind überall eine schwache Minderheit. Die Schwäche besteht nicht nur in dem Minderheitscharakter als solchem, sondern in ihrem Mangel an einem machtvollen Zentrum, durch das sie sich geschützt fühlen könnten, und das auch tatsächlich ihre Interessen wahrzunehmen imstande wäre. Schwäche aber kommt in dem psychischen Mechanismus der „Verschiebung“ geradezu einer Einladung zur Aggression gleich. Die Juden leben nahezu überall. Sie leben nicht nur in fast allen Ländern, sondern – im Stande der Emanzipation – auch in allen Landesteilen und – wenn auch ungleich verteilt – in fast sämtlichen Wohnorten. Die Ubiquität führt zu ständiger Berührung, lädt zu Vergleichen ein und erzeugt ein gefährliches Moment der Internationalität und Unbegrenztheit des Phänomens.
Die Juden stellen einen von den Mehrheitsvölkern mehr oder minder verschiedenen physiologischen Typ dar. Wenn sie auch nach dem Stande der zeitgenössischen Forschung keine Rasse sind, so bilden doch mindestens die aschkenasischen Juden eine durch Binnenheirat konservierte ethnische Gemeinschaft mit einer gewissen Ähnlichkeit des Typs. So wenig alle Juden diesen Typ repräsentieren, so gewiß ist er doch häufig genug, um zur Prägung eines Judentypus die äußeren Züge beizutragen. Daß der Typ dunkelhaarig ist, macht ihn nach Peter Nathan31 in einer vorwiegend hellhaarigen Umgebung für unangenehme Assoziationen besonders geeignet. Daß er noch teilweise die Züge einer jahrhundertelangen ungesunden Ghettoexistenz an sich trägt, hat zweifellos gleichfalls dazu beigetragen, ihn als hinter dem vorwiegend nordisch bestimmten Schönheitsideal zurückbleibend zu empfinden.
Die Juden weichen anderseits trotz ihrer Typdifferenz nicht in entscheidenden körperlichen Zügen, wie etwa dem der Hautfarbe, von ihrer Umgebung ab. Diese Tatsache gibt ihnen gerade den Grad der Ähnlichkeit und Nähe, der den Rest an Verschiedenheit – zumal, wenn er nur das körperliche Symbol anderweitiger Unterschiede ist – als besonders irritierend empfinden läßt. „Die Intoleranz der Massen“, sagt Freud32, „äußert sich merkwürdigerweise gegen kleine Unterschiede stärker als gegen fundamentale Differenzen.“33 Das gleiche Moment der Ähnlichkeit und Nähe bei gleichzeitiger Differenz ist in der religiösen Sphäre vorhanden. Judentum und Christentum haben einen wesentlichen Teil ihrer heiligen Schriften und ihres Ideengehalts gemeinsam. Aber sie trennt die für das Christentum zentrale Figur, die nicht nur von den Juden nicht anerkannt, sondern die – unendlich viel schlimmer – nach dem Zeugnis der christlichen Überlieferung von ihnen verschmäht und gekreuzigt worden ist. Der zum Gruppenhaß prädestinierende Charakter dieser religiösen Beziehung ist so stark, daß er lange Zeit hindurch den Judenhaß entscheidend begründete. Aber auch in den neueren Zeiten, in denen die soziale Bedeutung der Religion erheblich geschwächt ist, bewahrt ihre besondere Rolle in der Jugenderziehung ihr und damit den aus ihr abgeleiteten Gegensatzgefühlen einen hervorragenden Einfluß auf das unbewußte Seelenleben.
Das Moment der religiösen Geringschätzung auf der Seite der Christen wird wesentlich verschärft dadurch, daß die jüdische Selbsteinschätzung ihre vornehmste Rechtfertigung gleichfalls auf religiöser Ebene findet, nämlich in der jüdischen Überzeugung, das von Gott auserwählte Volk zu sein. Diese Überzeugung ist zwar keineswegs auf die Juden beschränkt. Sie kehrt in säkularisierter Form in jedem modernen Nationalismus wieder. Aber während man die nationale Selbsterhöhung eines Staates innerhalb seiner ihn unzweideutig bestimmenden Grnezen als die unvermeidliche Folge seiner normalen Existenz hinnimmt, wird der gleiche Vorgang als peinlich, ja unerträglich empfunden, wenn wir ihn in einer schwachen, kleinen, verachteten, sich um Anerkennung bemühenden Minderheitengruppe antreffen. Wenn alle Umstände demütige Unterwürfigkeit als die adäquate Haltung erwarten lassen, muß der Auserwähltheitsglaube als eine unziemliche Arroganz erscheinen. Es ist darum nicht zu verwundern, daß die Idee des „auserwählten Volkes“ in Spott und Zorn von Antisemiten aller Zeiten und Länder immer wieder den Juden entgegengeschleudert worden ist.34 Es ist eine der in unserm Zusammenhang so häufigen Paradoxien, daß die ursprünglich rein religiös determinierte jüdische Gruppe, deren Jahrtausende hindurch eigenwillig festgehaltene religiöse Eigenart auch heute noch das sichtbarste Unterscheidungsmerkmal bildet, sich nach der Emanzipation vielfach durch einen Mangel an Religion als Angriffsobjekt auszeichnet. In dem Phänomen der jüdischen Irreligiosität, wo immer es auftritt, liegt freilich nur eine scheinbare Paradoxie. In Wirklichkeit ist es durchaus verständlich, daß für einige Mitglieder einer Gruppe, die viele Jahrhunderte lang vorwiegend unter religiösen Vorwänden unterdrückt worden waren, auch nach der Emanzipation ihre religiöse Gruppenbesonderheit einen negativen Akzent behält, den sie in ihrem Streben, von der Mehrheit aufgenommen zu werden, loszuwerden versuchen. Wichtiger ist jedoch, daß die jüdischen Individuen in ihrer langsamen Lösung von den Bindungen ihrer Gruppe ganz allgemein mit den jüdischen Bindungen auch die allgemeinen Bindungen zu zersetzen tendieren. So wird mit der Befreiung aus den Fesseln der jüdischen Tradition leicht Tradition als solche abgelehnt; mit der Verleugnung jüdischer Werte fällt oft die Anerkennung jedes eindeutigen Wertsystems; mit dem Abfall von der jüdischen Religion kann die Ablehnung jeglicher Religiosität Hand in Hand gehen. Es ist dies ein Prozeß, der für den kulturellen Kontakt jedes „Fremden“ mit der Kultur des Landes seiner Niederlassung charakteristisch ist. Simmel35 wertet ihn durchaus positiv als Voraussetzung größerer Freiheit, Objektivität, Vorurteilslosigkeit, wenn er auch die darin liegenden Gefahren nicht übersieht.*
Der jüdischen Irreligiosität eng benachbart ist ein weiterer Faktor, der die jüdische Gruppe in den Vordergrund möglicher Gruppenantagonismen stellt, der jüdische Radikalismus. Ebensowenig wie die jüdische Irreligiosität ist er eine Eigenschaft der gesamten Judenheit oder auch nur eines erheblichen Teiles der Juden. Aber der Vorwurf der Radikalität ist eines der antisemitischen Standardthemen geworden; dieser Vorwurf blieb deshalb nicht ohne Resonanz, weil einige sehr sichtbare Repräsentanten auf verschiedenen Gebieten des politischen und kulturellen Radikalismus Juden waren. So sicher der Grund dafür in den oben angedeuteten Schwierigkeiten der kulturellen Angleichung liegt, also in einer Anpassungsetappe, die in sich selbst das Mittel zu ihrer Überwindung trägt, so gewiß muß eine so komplizierte Erklärung vor den Augen der Vielen verborgen bleiben. Sie sehen nur die Tatsachen selbst, sehen sie in der von der Propaganda herbeigeführten Verfälschung und Einseitigkeit; und es ist daher nicht verwunderlich, daß in Menschen, die jeder Störung der ruhigen Entwicklung abgeneigt sind, eine scharfe Abwehr gegen die radikalen Ruhestörer einsetzt.36
Wir sind in der vorstehenden Aufzählung der Faktoren, die die jüdische Gruppe zu einem besonders geeigneten Angriffsobjekt machen, absichtlich von außerwirtschaftlichen Faktoren ausgegangen, obgleich oder weil die wirtschaftlichen Faktoren Erklärungen von besonderer Durchschlagskraft liefern. Es ist die Absicht der gewählten Reihenfolge, zu zeigen, wie stark die Entstehung des Antisemitismus durch die besondere Stellung der jüdischen Gruppe begründet ist, schon bevor wir wirtschaftliche Momente zu seiner Erklärung heranziehen. Berücksichtigen wir schließlich diese und machen wir uns gleichzeitig klar, welche beherrschende Rolle sie in der modernen, auf Erwerb und Macht gerichteten Gesellschaft spielen, so wird an dem Phänomen des latenten Antisemitismus kaum noch ein unerklärlicher Rest zurückbleiben. Er wird vielmehr in der Tat, wie J. F. Brown37 ausführt, als im psychologischen Sinn „überbestimmt“ gelten müssen.
Der englische Historiker und Geschichtsphilosoph Professor Arnold J. Toynbee38 untersucht in seinem Kapitel „Herausforderung und Antwort“ die Gesetzmäßigkeiten, nach denen sich Herausforderungen physischer oder menschlicher Art in positive Antriebe umsetzen. Nachdem er das von ihm formulierte Gesetz „je stärker die Herausforderung, desto stärker der Antrieb“ durch ein „Gesetz des Ausgleichs“ abgewandelt hat, derart, daß auf dem gleichen Gebiet, auf dem die Herausforderung erfolge, auch ein Ausgleich Platz greife, sagt er39: „ … wir fanden unser ‚Gesetz des Ausgleichs‘ wieder am Werk bei dem ausgeprägtesten Beispiel von ‚Herausforderung und Antwort‘ auf menschlichem Gebiete, das man sich vorstellen kann: dem Beispiel der jüdischen Diaspora“. Er sieht den Ausgleich in folgendem40: „Die Notwendigkeit, sich in einer feindlichen Umwelt zu behaupten, hat die Juden der Diaspora nicht nur zur Rührigkeit angetrieben. Sie hat sie auch in verschiedenartigen nichtjüdischen Ländern und in vielen aufeinanderfolgenden Zeitaltern fähig gemacht, ihren Platz im Waren- und Geldhandel zu finden und sich ihren Anteil am goldenen Strom des Wirtschafts- und Finanzverkehrs zu sichern …“ Toynbee sieht demzufolge in der Placierung der Juden in Handel und Geldwirtschaft das direkte und folgerichtige Ergebnis der Zurücksetzung (discrimination), der die Juden in so besonderem Maße ausgesetzt waren. In ähnlicher Weise nennt der deutsche Soziologe Georg Simmel41 die Geschichte der europäischen Juden das klassische Beispiel dafür, daß der Handel „das indizierte Gebiet für den Fremden“ ist, weil er immer noch mehr Menschen aufnehmen könne als die primäre Produktion. Wir haben die Tatsache der disproportionalen jüdischen Berufsschichtung bereits erwähnt und auch kurz angedeutet, wie sie aus ihrer wirtschaftlichen Ausgangssituation im Geldgeschäft und Kleinhandel folgerichtig hervorging. Es kommt uns hier darauf an, zu zeigen, daß in dieser Schichtung ein weiteres Moment enthalten ist, das die jüdische Gruppe in eine besondere Gefahrenzone rückte.
Ob eine ursprüngliche Neigung, ob die Lage Palästinas an einem Schnittpunkt wichtiger Karawanenstraßen, ob die Zerstreuung unter Beibehaltung einer gemeinsamen Sprache und eines gemeinsamen Rechtes den frühesten Hinweis der Juden auf eine Betätigung im Handel enthielt, braucht hier nicht untersucht zu werden. Es ist anzunehmen, daß verschiedenartige Bedingungen nach der gleichen Richtung wirkten, so daß schließlich der Zwang der mittelalterlichen Machthaber, die die Juden aus religiösen und wirtschaftlichen Gründen auf Geldgeschäft und Kleinhandel beschränkten, nur eine schon bestehende Tendenz verstärkte. Es kommt hier auch nicht darauf an, daß Juden vorübergehend in einzelnen Ländern, so in Spanien und Südfrankreich42 eine prominente Stellung in vielen Zweigen des Handwerks behaupteten, und daß hier und dort Juden auch in der Landwirtschaft zu finden waren; derartige Berufszweige waren im Verhältnis zu der allgemeinen jüdischen Erwerbstätigkeit vom Beginn der Diaspora bis zur neuesten Zeit immer nur zusätzlich, immer nur die Ausnahmen43. Grundsätzlich etwas anders lagen die Verhältnisse nur in Osteuropa und vor allem in Polen, wo es eine beträchtlichere Zahl von jüdischen Handwerkern gab. Aber obgleich dort sogar jüdische Zünfte existierten, die mit den christlichen Zünften in Konkurrenz traten oder sich mit ihnen über ihren Kundenkreis einigten44, waren die Juden doch auch da überwiegend Händler; sie stellten außerdem einen übergroßen Anteil zu Berufen wie denen der Schankwirte und Zwischenpächter45. Teilweise war hier die Not so groß, daß die Juden keinen festen Beruf ausübten, sondern bald Lehrer, bald Händler, bald Arbeiter waren, – nach einem Wort von Max Nordau: Luftmenschen. Auf diese Gebiete also treffen die Folgerungen, die aus der Massierung der Juden im Handel und vor allem die, die aus der sichtlichen Rentabilität ihrer Gewerbe weiter unten gezogen werden, nur mit Einschränkung zu. Trotzdem fallen auch sie unter das allgemeine Charakteristikum, daß die Juden von der Urproduktion des Ackerbaues so gut wie ausgeschlossen waren, und daß solche Individuen, denen es gelang, sozial aufzusteigen, wiederum in Handel, Geldwirtschaft und gewissen noch zu erörternden Industrien eine disproportionale Prominenz erlangten.
Nun gehört aber der Handel und in noch viel stärkerem Maße das Geldgeschäft im Bereich der wirtschaftlichen Funktionen einer relativ späten Stufe an. Zuerst waren Landwirtschaft und Handwerk da, und erst mit zunehmender Ausweitung, Arbeitsteilung und Unübersichtlichkeit der wirtschaftlichen Tätigkeit wurde die Vermittlungstätigkeit zu einem selbständigen Erwerbszweig. Sie hat den Makel dieses sekundären und im Verhältnis zur Güterproduktion abstrakten Charakters niemals überwinden können, lief eingewurzelt im menschlichen Bewußtsein ist die Idee, daß man einmal in früheren Zeiten auch ohne den Handel ausgekommen sei, und daß – anderseits – der Handel unproduktiv sei, die Waren unnötig verteuere, ihren Wert aber nicht erhöhe46. Uns geht der volkswirtschaftliche Fehler in dieser Auffassung nichts an, und wir haben hier nicht mit ihr zu rechten. Wichtig für uns ist ihre weite Verbreitung und ihre Volkstümlichkeit. Zwar schwankt die Bewertung des Handels in den verschiedenen Ländern; sie ist in England zweifellos erheblich höher als in Deutschland. Hier jedenfalls, wo selbst in Zeiten der Kommerzialisierung das Heer und die Bürokratie den Handelsberuf in seiner sozialen Schätzung niederhielten, ist seine Minderbewertung bis in unsere Tage hinein allgemein. Deshalb konnte die nationalsozialistische Unterscheidung zwischen „raffendem“, nämlich Handels- und Finanz-, und „schaffendem“, nämlich industriellem Kapital und Grundbesitz eine politische Parole von sicherer Wirkung werden.
In noch größerem Maße aber besteht eine Geringschätzigkeit, ja eine Abneigung gegen alles, was mit dem reinen Geldgeschäft zusammenhängt, handle es sich um Geldverleihen gegen Pfänder und Zinsen oder um komplizierte bank- und börsenmäßige Transaktionen. Hier ist der Zusammenhang mit der Produktion von Konsumgütern noch weniger sichtbar, da es sich nicht einmal mehr um ihre Verteilung, sondern um die Vermittlung des abstrakten Ausdrucks der Kaufkraft, des Geldes, handelt. Der auf diese Weise erzielte Verdienst erscheint noch ungerechtfertigter, ja geradezu unmoralisch. Buchführung und Geldzählen werden noch nicht einmal in dem Sinne als Arbeit gewertet, in dem man Lagerhaltung, Einkauf und Verkauf von konkreten Waren allenfalls noch dafür gelten läßt. Es ist kein Zufall, daß nicht nur die jüdische Lehre und die katholische Kirche das Zinsennehmen einschränkten oder verboten, sondern daß kaum eine andere wirtschaftliche Funktion sich im Laufe ihrer Entwicklung eine so fortwährende Reglementierung gefallen lassen mußte wie diese. Dazu kommt, daß gerade in diesem moralisch stigmatisierten, ebenso verhaßten wie unentbehrlichen Erwerbszweig wie nirgends sonst die Entscheidung über Rettung oder Vernichtung des wirtschaftlichen Kontrahenten in der Willkür dessen zu liegen scheint, der ihn ausübt. Gerade in diesem Erwerbszweig war es den Juden bestimmt, eine so wichtige Rolle zu spielen, daß sie ihrer Identifizierung mit dem Geldgeschäft gleichkam. Aber die verhängnisvolle Rolle des Geldgeschäfts beschränkt sich nicht auf seine Unbeliebtheit. Es gibt auch andere Berufe, die verschmäht und verdächtig sind, und deren Ausübung trotzdem eher Mitleid als moralische Entrüstung auslöst. Was im Gegensatz zu diesen das Geldgeschäft vollends verhaßt macht, ist seine relativ hohe Rentabilität. Diese Rentabilität allerdings entspricht zu einem entscheidenden Teile einer Art optischer Täuschung: man sah in den Zeiten, als etwa die Juden durch Geldausleihen Reichtümer ansammelten, nur diese verhältnismäßig schnell Reichgewordenen und war geneigt, die vielen anderen, die zu allen Zeiten auf Grund ihrer angehäuften Reichtümer ausgeraubt und des Landes verwiesen wurden, zu übersehen. Tatsächlich nämlich stellten die relativ hohen Gewinne der erfolgreichen Geldausleiher im wesentlichen Risikoprämien dar, nicht nur für das wirtschaftliche, in jenen Zeiten sehr hohe Risiko der Nichteintreibbarkeit einer Schuld, sondern auch für eben jenes politische Risiko gewaltsamer Eingriffe in Lebens- und Geschäftsführung, wie sie soeben erwähnt wurden. Die Unsicherheit nicht nur des Erwerbs, sondern des gesamten Lebens drückt sich in den Gewinnen aus, die sich bei der Berechnung ausgedehnter zeitlicher und räumlicher Durchschnitte erheblich senken würden. Um derartige Zusammenhänge zu berücksichtigen, hätte es jedoch eines Maßes an wirtschaftlicher Einsicht und Objektivität bedurft, das bei der Masse der Zeitgenossen nicht erwartet werden konnte. Bestehen blieb deshalb nur der Augenschein, daß ein angeblich unredliches Gewerbe nahezu ohne eigene Arbeitsleistung Gewinne erzielte, auf die der Bauer oder Handwerker auch bei schwerster Arbeit niemals rechnen konnte.
Nachdem die rechtlichen Beschränkungen der wirtschaftlichen Betätigung der Juden gemildert oder aufgehoben worden waren, wäre es theoretisch möglich gewesen, daß schon die erste befreite Generation sich wirtschaftlich „normalisiert“ und sich im ungefähren Prozentsatz ihres Bevölkerungsanteils auf sämtliche nun offenstehende Erwerbszweige verteilt hätte. Bei den Emanzipatoren war eine solche Erwartung zweifellos auch vorhanden. Sie war eines der Hauptargumente jenes Teiles ihrer Befürworter, die in der gesetzlichen Gleichberechtigung die notwendige Vorstufe der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Normalisierung sahen, während die Gegner der Emanzipation die gesetzliche Gleichberechtigung mit Rücksicht auf die gesellschaftlich-wirtschaftliche Anomalie den Juden ganz vorenthalten wollten, und die Vertreter einer mittleren Linie sie erst als Lohn der vorher zu vollziehenden Normalisierung zu verleihen geneigt waren. Die Erwartung einer schnellen Normalisierung hat sich nicht erfüllt. Sie konnte sich nicht erfüllen, weil in der wirtschaftlichen Ausgangsposition der Juden gewisse Entwicklungstendenzen bereits angelegt waren, die dazu führten, daß sie ihren besonderen Gruppencharakter selbst unter veränderten Verhältnissen beibehielten.
Einer der Hauptgründe dafür, daß die Normalisierung nicht erreicht wurde, war die Tatsache, daß die Juden vorwiegend in Städten wohnten. Ob dabei, wie Max Weber47 annimmt, eine subjektive Abneigung der Juden gegen die Landwirtschaft mitgesprochen hat, die dem Wunsche entsprang, den Besitz beweglich und sich selbst auf diese Weise für das Kommen des Messias bereitzuhalten, oder ob der weitgehende Ausschluß vom ländlichen Grundbesitz ursprünglich den Ausschlag gegeben hat, kann dahingestellt bleiben. Sicher ist, daß die Ausübung händlerischer Berufe selbst in ländlicher Umgebung den Juden einen so hohen Grad von Beweglichkeit gab, daß sie in ganz besonderem Maße von den anwachsenden städtischen Zentren angezogen wurden, auch wenn sie sich nicht von vornherein in ihnen angesiedelt hatten. Ein Übergewicht der Stadt über das Land innerhalb der Wohnverteilung der Juden war so von vornherein gegeben und hat im Laufe der Entwicklung noch stärker zugenommen als bei den Nichtjuden. Einige weitere Faktoren wirkten in der gleichen Richtung: Die Juden bedürfen zu ihrem religiösen Leben sowohl zum Gottesdienst, als auch zum Leben nach gesetzlicher Vorschrift der Gemeinde. Sie waren aber nicht nur positiv aufeinander angewiesen. Ein enges Zusammenleben mit Bauern, in deren dörflicher Lebensgemeinschaft die Kirche und die mit ihr eng verbundenen Sitten noch eine hervorragende Rolle spielten, wäre schwierig, wenn nicht unmöglich gewesen. Die Stadt dagegen ist ein Platz, an dem die verhängnisvolle „Fremdheit“ des Juden, diese Grundursache so vieler seiner Leiden, eine Art Kompensation, ja fast eine Art Vorzug bedeutet. So wenigstens sieht sie Louis Wirth48 in seiner Studie über die Stadt als Lebensform: „Die Stadt duldet nicht nur individuelle Verschiedenheiten, sondern sie belohnt sie sogar. Sie führt Menschen von allen Enden der Erde zusammen, gerade weil sie verschieden und deshalb einander nützlich sind, – und nicht weil sie gleicher Art und gleichen Sinnes sind.“ Aber selbst wenn man die Meinung, daß die Stadt geradezu eine Prämie auf die Andersartigkeit aussetze, nicht zu teilen vermag, wird es doch ohne weiteres einleuchten, daß die von der Andersartigkeit ausgehenden Nachteile, wenn überhaupt, so nur in der Stadt eine gewisse Milderung erfahren können. Ganz im Gegensatz zu der Kontrolle, die die tägliche nachbarliche Berührung einer ländlichen Gemeinschaft über jeden ihrer Einwohner ausübt, ist der gegenseitige Kontakt in der Stadt nur flüchtig und oberflächlich. Er erfaßt jeweils nur geringe Teilbetätigungen der in Kontakt tretenden Individuen. Diese Anonymität der Stadt muß auf den Fremden, den „horizontalen“ wie den „vertikalen“ Einwanderer, eine starke Anziehungskraft ausüben, weil sie die Bürde der Fremdheit erleichtert. Es ist darum nicht zu verwundern, daß Einwanderer ganz allgemein, selbst wenn sie einer ursprünglich ländlichen Bevölkerung entstammen, im Einwanderungsland vorzugsweise in Städten zusammenströmen49. Viele Zusammenhänge des städtischen Lebens kommen außerdem dem Einwanderer im allgemeinen und dem Juden im besonderen entgegen. Während das Dorf einen Fremden oder allenfalls eine engbegrenzte Zahl Fremder nur aufnimmt unter der stillschweigenden Voraussetzung, daß diese Fremden sich zu vollwertigen Dorfbewohnern entwickeln und im Laufe der Zeit alle wesentlichen Eigenarten aufgeben, ist es in der Stadt durchaus möglich, Eigenarten zu bewahren, ohne daß die spärlichen Kontakte mit den übrigen Stadtbewohnern dadurch beeinträchtigt würden. Ja es ist sogar möglich, sich auf Grund seiner Eigenarten in besonderen Stadtbezirken zusammenzufinden. Die Ansprüche der Stadt an den Einordnungswillen ihrer Bewohner sind geringer; dafür ist auch der Grad, in dem eine Stadt ihre Bürger anerkennt und als zugehörig betrachtet, bedeutend niedriger als der, in dem man zu einer Dorfgemeinschaft gehört, wenn man einmal dort aufgenommen worden ist. Aber dieser lose Zusammenhang ist es gerade, der den Neuankömmlingen die Niederlassung erleichtert. Sie sind ohnehin durch ihre Einwanderung und die Emanzipation in einem Lösungsprozeß aus hergebrachten Bindungen begriffen; die verminderte Kontrolle in der Stadt kommt dieser Entwicklung durchaus entgegen. Das Fehlen einer neuen Gemeinschaftsordnung, welche die Stadt im Gegensatz zum Dorfe nicht geben kann, fällt dabei nicht ins Gewicht. Vollends aber erscheint die Möglichkeit, mit seinesgleichen zusammen wohnen zu können, die Hilfe Frühergekommener zu erfahren und zugleich auch mit der weiteren Umwelt in wirtschaftlichen Kontakt zu kommen, als eine geradezu ideale Lösung. Daß in dem gleichzeitigen Bestreben, allzu strenger Kontrolle zu entgehen und doch die Vorzüge der alten Gemeinschaft zu genießen, kein Widerspruch steckt, wird jedem Kenner derartiger Übergangsstadien klar sein50. Bedenkt man schließlich noch, daß die städtische Existenz das enge Zusammenwohnen von Individuen, die durch gefühlsmäßige Bande nicht zusammengehalten werden, einen Geist des Wettbewerbs, der Vergrößerung und der auf Nutzen gerichteten Zusammenarbeit begünstigt, also gerade jene Charakteristika erfordert und entwickelt, die der Jude von Haus aus mitbringt, so muß man den Zug der Juden in die Stadt eigentlich als im psychologischen Sinne wiederum „überbestimmt“ ansehen.
Wer aber einmal in der Stadt lebt, geht nicht wieder aufs Land „zurück“. Eine Rückwanderung würde nämlich der Weg von der Stadt aufs Land in dem Sinne bedeuten, als im Zeitalter des Industrialismus, in das die Zeit der jüdischen Freizügigkeit fällt, eine spontane Massenwanderung nur vom Lande nach der Stadt vorkommt. Die städtische Bevölkerung reproduziert sich nicht und ist auf ständigen Nachzug aus den ländlichen Wohngebieten angewiesen, der ihr nur zu willig zuteil wird. Die Landflucht stellt in fast allen industrialisierten Ländern ein ernstes Problem dar; Stadtflucht aber, wo je sie auftritt, endet als typische Erscheinung im äußersten Falle bereits in den sich mehr und mehr ausweitenden Vorstädten. Es würde gewaltsamer sozialpolitischer Eingriffe bedürfen, um diese natürliche Bewegungsrichtung umzukehren.
Mangels jeglicher Gegenwirkung blieben die Juden Städter und wurden in zunehmendem Maße Großstädter, weil fast alle erwähnten Momente für die Großstädte in noch höherem Maße gelten als für die Klein- und Mittelstädte51. Zwar nahm mit jeder Generation ihre Fremdheit, ja sogar ihre Andersartigkeit ab und damit ihr Bedürfnis, unterzutauchen. Sie strebten kaum noch nach eigenen Wohnbezirken, sondern im Gegenteil nach einer unterschiedslosen Verteilung über die ganze Stadt.* Das in den ersten Stadien auftretende Bedürfnis nach Freiheit von jeglicher Kontrolle seitens der Gemeinschaft machte einem verstärkten inneren Gleichgewicht Platz. Doch wirkten die Tendenzen der Frühzeit noch lange nach und wurden zeitweise durch den Antisemitismus noch verstärkt. Auch die verbreiterte Berufsbasis umfaßte ausschließlich städtische Berufe. Der traditionelle Erwerbssinn, dem die immer wiederkehrende „Herausforderung“ den „Antrieb“ nicht vorenthielt, suchte die besseren Chancen an den größeren Wirtschafts- Zentren, und schließlich haben auch gewisse, aus Stadtleben und Bildungsniveau herrührende kulturell-ästhetische Bedürfnisse der Juden dazu beigetragen, ihnen die Großstädte immer anziehender erscheinen zu lassen.*
Nun hat aber auch die unersetzbare wirtschaftliche Funktion der Stadt nach dem Zerfall des Feudalismus sie nicht davor bewahren können, zum Angriffsobjekt aller Sozialmoralisten zu werden. Sosehr man gezwungen sein mag, alle ihre Vorteile und Segnungen problematisch zu sehen, und sosehr sich der verantwortliche Sozialpolitiker zu bemühen hat, ihren unleugbaren gesundheitlichen, moralischen und bevölkerungspolitischen Gefahren zu begegnen, so bedeutet es doch eine gefährliche Abkehr von der Wirklichkeit, wenn die städtische Lebensform zugunsten der ländlichen allgemeiner Verurteilung verfällt. Genau diese Fehlauffassung aber charakterisiert fast durchweg die öffentliche Meinung über die relativen Vorzüge von Stadt und Land. In einem gesunden Volk, wie es die Engländer sind, führt diese Auffassung zu gesunden Reaktionen wie dem Countryhouse der besitzenden und der Gartenkultur der mittleren und kleinbürgerlichen Schichten. Im außergewöhnlich rasch industrialisierten Deutschland aber, das sich mit den Folgen der Industrialisierung nie ganz abfinden konnte, ist die Sehnsucht nach der verlorenen Naturnähe zu einem der bestimmenden Züge eines so weitverbreiteten, urdeutschen Lebensgefühls wie der Romantik geworden. Man muß nicht gleich von den „schmutzigen Menschenfluten der Weltstädte“, von dem „glühenden, unfruchtbaren Asphalt einer bestialisierten Unmenschheit52“ lesen und begegnet doch der Verurteilung der Stadt und der Sehnsucht nach dem Lande in populären sozialpolitischen Schriften, in Literatur und öffentlicher Meinung immer wieder. Auch eine so charakteristisch deutsche Erscheinung wie die Jugendbewegung vor und nach dem ersten Weltkrieg war von diesen Gefühlen getragen. Aber schließlich war es eine allen industrialisierten Ländern gemeinsame Erscheinung, daß man das Landleben mit allen Attributen paradiesischer Reinheit ausstattete und in der Stadt zwar lebte, aber in ihr das Prinzip des Bösen schlechthin sah. Und wiederum finden wir die Juden ausschließlich in jenem Lebensbezirk, dem der negative Wertakzent anhaftet.
Die Verstädterung der Juden war einer der wesentlichen Gründe, die ihrer wirtschaftlichen und wohnortsmäßigen Normalisierung entgegenwirkten. Innerhalb der Städte bestand kein zwingender Anlaß, der sie in ihrer traditionellen Bevorzugung der händlerischen Berufe hätte irremachen können. Zunehmend gewann der Handel an Bedeutung und eröffnete beträchtliche Aufstiegschancen. Dank ihrer Erfahrungen und des Fehlens aller vor- und antikapitalistischen Vorurteile machten die Juden davon ausgiebigen Gebrauch. Die Aufstiegslinien vom Trödel – und Hausierhandel sowie vom kleinen Konsumkredit waren klar vorgezeichnet. Sie führten zum Ladengeschäft, zum Kauf- und Warenhaus, zum Großhandel, zur Bank, zur Börse und zu den vielen Vermittlungstätigkeiten jeder Stufe, wie sie etwa der Warenvertreter, der Grundstücksmakler, der Versicherungsagent repräsentieren. Es gibt innerhalb der Handelssphäre wohl keinen Beruf, den die Juden nicht ergriffen hätten.
Anders war es in der Industrie, die ebenfalls einen Teil der wirtschaftlich auf steigenden Juden auf nahm. Hier fand die jüdische Infiltration im wesentlichen in dreifacher Form statt, aber nur eine dieser Formen war einer Normalisierung günstig.
Zunächst entwickelten die Juden die von ihnen schon vor der Industrialisierung betriebenen Handwerke53. Dies führte zu einer starken Bevorzugung der Bekleidungsindustrie im weitesten Sinne, zu der die Juden vom Schneiderhandwerk her, das sie in großem Umfange betrieben, Zugang fanden.* Ruppin54, der in der Definition sogenannter „jüdischer Industrien“ sehr genau ist, weil es ihm nicht wie uns hier auf eine überproportionale jüdische Beteiligung, sondern darauf ankommt, daß „die ganze Industrie vom Besitzer bis zum Arbeiter ausschließlich oder vorzugsweise mit Juden besetzt ist“, – Ruppin läßt als „jüdische Industrien“ nur drei gelten, von denen zwei territoriale Unterabteilungen der Bekleidungsindustrie darstellen: die Textilindustrie in Polen und die Herstellung fertiger Kleidung und Wäsche in Paris, London und den Vereinigten Staaten55. Für unsere Zwecke ist die Feststellung statthaft, daß die Textil- und Bekleidungsindustrien mit allen ihren Abarten bis zur Lederverarbeitung, Kürschnerei, Mützenmacherei, Knopfmacherei in sämtlichen sich vorwiegend aus aschkenasischen Juden rekrutierenden Judenheiten einen außerordentlichen Prozentsatz der in der Industrie tätigen Juden aufnehmen. Als dritte „jüdische Industrie“ erwähnt Ruppin die Diamantenschleiferei in Amsterdam und Antwerpen, für welche die Juden durch ihre frühere Tätigkeit im Glaserhandwerk sowie durch ihren im Mittelalter betriebenen Handel mit Edelsteinen prädestiniert gewesen seien. Eine gewisse Neigung und Eignung für diesen Industriezweig mag daneben auch in der traditionellen Betätigung von Juden im Bearbeiten edler Metalle begründet liegen56. Der jüdische Anteil an den genannten Industrien bezieht sich auf Unternehmer, Angestellte und Arbeiter, mit der Maßgabe, daß in Mittel- und Westeuropa der prozentuale Anteil der Unternehmer und Angestellten, in Osteuropa jener der Arbeiter überwog57. In den Industrien, die sich aus solchen Handwerken entwickelt haben, in denen Juden nicht vertreten waren, wie Eisengießereien und Maschinenfabriken, sind Juden nur selten zu finden58. Deshalb bleibt auch im Aufstieg die ursprüngliche Schichtung weitgehend erhalten.
Der zweite Weg in die Industrie leitete sich vom Handel und Geldgeschäft ab und bediente sich des dort erworbenen Kapitals zum Zwekke der Gründung oder des Erwerbs von Unternehmungen. Hier gab es keine Beschränkung auf bestimmte Industriezweige59, so daß kaum einer existiert, in dem Juden nicht vertreten sind. Entsprechend der besonderen Art der Einflußnahme bekleideten die so in die Industrie gelangten Juden vorwiegend leitende Stellungen. Es handelt sich hier um den schon weiter oben erwähnten Weg, der eine Normalisierung begünstigte.
Schließlich gibt es noch einen dritten Weg in die Industrie, den Juden in größerer Zahl beschritten haben. Er folgt weder der normalen Fortentwicklung des Handwerks, noch der Suche des Kapitals nach rentabler Anlage in schon bestehenden Werken. Es handelt sich da vielmehr darum, ganz neue Industrien zu erschließen, in denen eine nichtjüdische Konkurrenz nicht im Wege steht60. In der Suche der Spätkommenden nach Erwerbszweigen, die nicht schon von den früher Dagewesenen besetzt sind, offenbart sich ganz besonders stark die dem Gruppencharakter innewohnende Tendenz, sich ohne eine bewußte Abschließung aus sich selbst heraus zu erhalten. Sombart schildert den Prozeß folgendermaßen61: „Hier sind sie die Begründer der Tabakindustrie (in Mecklenburg, Österreich); dort der Schnapsbrennerei (in Polen, in Böhmen). Hier finden wir sie als Lederfabrikanten (in Frankreich, in Österreich); dort als Seidenfabrikanten (in Preußen, in Italien, in Österreich). Hier machen sie Strümpfe (Hamburg), dort Spiegelglas (Fürth); hier Stärke (Frankreich), dort Baumwollzeug (Mähren).“ Wohl hörte die jüdische Exklusivität in einem Industriezweig meistens auf, wenn die Erschließung erfolgreich vonstatten gegangen war, so daß die Gruppenstruktur nur vorübergehenden Charakter besaß. Aber in einigen Zweigen blieb ihre überwiegende Beteiligung doch bestehen. So illustriert etwa die Filmindustrie, besonders in Amerika, die noch äußerst rege Pioniertätigkeit der Juden in der Industrie auf prägnante Art.
Zum Schluß bleibt noch eine typisch jüdische Aufstiegstendenz zu betrachten: der Aufstieg in die freien Berufe. Die Gründe, aus denen die freien Berufe ganz besonders in Westeuropa, aber in geringerem Grade auch im europäischen Osten sich einer besonderen Bevorzugung seitens sozial aufsteigender Juden erfreuten, brauchen nicht lange gesucht zu werden. Die traditionelle geistige Kultur der Juden fand in dieser Berufswahl ihren europäisierten Ausdruck. Die Universität spielte die Rolle einer säkularisierten Jeschiwa (Talmud-Hochschule). Die Beamten- und die Hochschullaufbahn aber blieb den Juden lange Zeit verschlossen. So wurde der freie Beruf zum gegebenen Betätigungsfeld des jüdischen Akademikers. Er wählte auch innerhalb der freien Berufe wieder besondere Sparten, vorwiegend die Berufe des Arztes und des Rechtsanwalts, in denen er nur von der eigenen Leistung und dem Vertrauen eines nicht organisierten Publikums abhängig war. In den technischen akademischen Berufen dagegen, in denen eine spätere Betätigung mehr von den Möglichkeiten einer Anstellung in der Großindustrie abhängig blieb, waren Juden spärlicher vertreten. Hier mag allerdings auch die jüdische Neigung eine Rolle gespielt haben, die stärker auf Personen als auf Maschinen gerichtet ist62.
Wir haben so für die ökonomische Struktur der jüdischen Bevölkerung zweierlei festgestellt: einmal die Tendenz, auch bei grundsätzlicher wirtschaftlicher Freiheit einen wirtschaftlichen Gruppencharakter beizubehalten, und zum andern eine Tendenz, sich in Sphären zu konzentrieren, die bei der öffentlichen Meinung verhältnismäßig wenig beliebt sind. Beide Entwicklungsrichtungen machten die jüdische Gruppe zu einem besonders geeigneten Angriffsobjekt.
Es dürfte kaum notwendig sein, darauf hinzuweisen, daß diese wirtschaftlichen Ausführungen keinerlei Vollständigkeit oder Genauigkeit für sich beanspruchen wollen. Das liegt nicht in ihrer Absicht. Es handelte sich vielmehr darum, unter außerordentlichen, teilweise gewaltsamen Fortlassungen und Vereinfachungen einige typische Tatbestände der jüdischen Existenz in ihrer Bedeutung für die Entstehung des neuzeitlichen Antisemitismus darzustellen. Demgegenüber besagt es nichts, daß einige dieser Erscheinungen nicht auf alle Landesjudenheiten zutreffen, daß, um nur ein Beispiel zu nennen, von einem übermäßigen Anteil der englischen Juden an den freien Berufen nicht gesprochen werden kann. Dieses in England ausfallende Gruppenmerkmal wird dort durch eine besonders einseitige Verstädterung und ein relativ noch früheres Assimilationsstadium der aschkenasischen Juden ausgeglichen, wie es der noch kurzen Emanzipationszeit – etwa seit der Jahrhundertwende – entspricht.
5. Widersprüche in der Erscheinung des modernen Juden
Damit haben wir aber unsere Übersicht über jene Eigenschaften der jüdischen Gruppe, die den Antisemitismus begünstigen, noch nicht beendet. Wir müssen, wenn wir versuchen, aus dem bisher Gesagten ein Ergebnis abzuleiten, noch auf einen Umstand hinweisen, der alle zuvor erwähnten Faktoren in sich faßt und zugleich in einem besonderen Licht erscheinen läßt.
Der durchschnittliche Jude ist so sehr an das eigentümliche Bild gewöhnt, das seine Gruppe ihm bietet, daß er geneigt ist, ihre verschiedenartigen Züge so zu betrachten, als ob sie alle miteinander zusammenhingen oder sich folgerichtig auseinander ergäben. Er besitzt ein mehr oder minder begrenztes Wissen von der jüdischen Geschichte und von der jüdischen Religion, als deren Folge er die Diaspora ansieht; und sofern er überhaupt eine gewisse Fragwürdigkeit empfindet, werden Gewohnheit und eben dieses Wissen eine ausreichende Antwort alsbald bereithalten. Beim Nichtjuden, der das Phänomen des Judentums von außen sieht, ist das anders. Ihm begegnet dieses Phänomen zu irgendeiner Zeit seines bewußten Lebens, vornehmlich während der Schulzeit, wenn das jüdische Kind der engen Lebensgemeinschaft seiner Klasse äußerlich angehört und doch als „jüdisches“ Kind durch eine Reihe unterschiedlicher Züge von ihr getrennt bleibt. Diese Züge können sehr verschiedenartig sein: Sie können in anderem Religionsunterricht, anderen Feiertagen, unter Umständen auch im Schreibverbot am Sabbath und dergleichen mehr bestehen. Sie können je nach ihrem Umfang und der Sensibilität des Mitschülers, der darüber nachzudenken anfängt, eine undurchdringliche Mauer aufrichten oder nur noch wie ein durchsichtiger Schleier erscheinen. Ganz fehlen werden sie niemals, wo immer das jüdische Kind noch in diesem oder jenem Sinne Mitglied seiner Gruppe ist und während seiner Freizeit in deren Bereich zurückkehrt. Der Widerspruch zwischen Nähe und Entferntheit, der in diesem Verhältnis obwaltet, wiederholt sich noch auf vielen anderen Gebieten. Auf jedem einzelnen und auf allen zusammen bleibt ein Rest von Unerklärlichem, von Geheimnisvollem, von Unheimlichem. In einer Antwort an Erich Kahler63 weist Carl Mayer64 mit Recht darauf hin, daß dem modernen Bewußtsein die Erscheinung des Juden völlig unverständlich geworden sei und daß in diesem Nichtverstehen eine der Hauptursachen, wenn nicht die Hauptursache der neuzeitlichen Abneigung gegen die Juden zu sehen sei. Es ist für die jüdische Situation und alle ihre Begleiterscheinungen in der Tat charakteristisch, daß der Außenstehende sie zunehmend schwerer verstehen kann, je mehr Einzelheiten davon ihm bekannt werden.
Wie für das nichtjüdische Schulkind sein jüdischer Klassengenosse ihm gleich und doch ungleich ist, so geht es dem nichtjüdischen Erwachsenen mit seinem jüdischen Mitbürger. Allerdings ist der Widerspruch zwischen gleicher Staatsbürgerschaft und ungleicher nationaler, Volks- oder „Rassen“-Zugehörigkeit in den verschiedenen Ländern so unterschiedlich, daß wir der Einfachheit halber die frühere Situation in Deutschland zugrundelegen möchten, die unserer Betrachtung am nächsten liegt. Sie ist auch in ihrer Problematik charakteristisch für weitgehend assimilierte jüdische Gemeinschaften in anderen Ländern und schließlich doch nur graduell verschieden von der Situation, die selbst in Osteuropa bestand: dort wurde zwar die Zugehörigkeit von Juden zu einer anderen Kultur- und Sprachgemeinschaft als alltäglich und darum vielleicht „natürlich“ empfunden, aber die Existenz anderer assimilierter Juden und eine immer bestehende, wenn auch noch so stark modifizierte Forderung nach nationaler Homogenität ließen die Fremdartigkeit trotzdem zum Problem werden.65
Um zu Deutschland zurückzukehren: hier war der Jude durch einen mehr als hundertjährigen Assimilationsprozeß dem Nichtjuden sehr ähnlich geworden.* Entgegen dem auch hier vorhandenen Typenunterschied hatte das jüdische Individuum im Durchschnitt viele Züge mit dem nichtjüdischen Individuum seiner Berufs- und Bildungsschicht gemein. Die überwältigende Majorität der deutschen Juden kannte keine andere nationale Zugehörigkeit als die deutsche. Das Gefühl der Solidarität mit den Juden anderer Länder und eine in ihrer Intensität stark abgestufte Anhänglichkeit an Palästina änderten daran nicht das geringste. Trotzdem wurde von Antisemiten ein künstlicher Gegensatz zwischen diesen Gefühlen konstruiert. Man warf den Juden vor, daß ihre bloße Zugehörigkeit zur internationalen jüdischen Gemeinschaft mit wahrhaft „nationalen“ Gefühlen gegenüber Deutschland nicht vereinbar wäre. Um das zu beweisen, begann man den Begriff „national“ so auszulegen, daß er schließlich auf die Juden wirklich nicht zutraf. Man verengte künstlich den Begriff „Volkstum“, machte das Wort „völkisch“ identisch mit „antisemitisch“, zog die Rasse zur Definition der Nation heran und nahm schließlich seine Zuflucht zu dem mißglückten Begriff „arisch“, – nur um in jedem Falle zu solchen Merkmalen der nationalen Zusammengehörigkeit zu gelangen, die auf die Juden nicht zutrafen. Kein Wunder, daß diese Merkmale sich immer mehr ins Unbestimmte und Mystische verloren, denn die Wirklichkeit widersprach einem Ausschluß der deutschen Juden aus dem deutschen Volk durchaus. Trotzdem hat dieser Streit viel dazu beigetragen, die nationale, ja sogar die staatliche Loyalität des Juden selbst in Deutschland als fragwürdig erscheinen zu lassen.
Wo der Jude weniger assimiliert ist als in Deutschland, liegt die Fragwürdigkeit mehr an der Oberfläche. Der Jude ist Neuankömmling oder der Nachkomme von Neuankömmlingen, er spricht oft die Landessprache gar nicht, schlecht oder mit Akzent, er hat ein anderes Aussehen, andere Sitten und Gewohnheiten als die Mehrzahl der Landesbewohner und zählt sich doch zu ihnen. Er ist Staatsbürger, Stadtbürger, erhebt die ihm daraus zustehenden Ansprüche, entwickelt auch nach und nach seine eigene Abart des landesüblichen Patriotismus. Aber das sind nicht die einzigen Rätsel, die die jüdische Existenz dem nichtjüdischen Betrachter aufgibt. Fast alle der früher erwähnten Tatsachen, die die jüdische Gruppe als besonders exponiert erscheinen lassen, enthalten auch scheinbare Paradoxien: Der Jude war in der mittelalterlichen Ständeordnung, deren Klassifizierung noch im Unterbewußtsein fortwirkt, der Niedrigste; aber er ist aufgestiegen und hat manche sichtbare Machtposition inne. Der Jude ist überall; aber er ist nirgends zu Haus, – so jedenfalls will es die ihm feindliche Propaganda, die ja ganz allgemein die Voraussetzung für das Bewußtwerden der erwähnten Widersprüche bildet. Der Jude glaubt an den gleichen Gott wie der Christ, aber er ist doch gerade auf diesem religiösen Gebiet durch Abgründe vom Christen geschieden. Christus war ein Jude, lebte und lehrte unter Juden; aber Juden haben ihn gekreuzigt. Jude sein heißt vornehmlich einer anderen religiösen Überzeugung anhängen; aber es gibt viele Juden, die gerade dadurch auffallen, daß sie keine wie immer geartete religiöse Überzeugung hegen, sondern die Reihen der Aufklärer, der Atheisten füllen. Die Juden werden als zweitrangig angesehen, man läßt sie zu intimen Freundeskreisen nicht zu; aber sie selbst halten sich für das von Gott erwählte Volk. Sie streben gegen Widerstände nach gesellschaftlicher Anerkennung durch die Nichtjuden; aber sie halten sich gleichzeitig zurück und beharren in selbstgewählter Abgeschlossenheit. Die Juden sind reich und hängen am Gelde; aber sie stellen sozialistische Führer, deren Programm es ist, den Kapitalismus zu stürzen. Die Juden sind radikal, sie sind prominent in allen fortschrittlichen Bewegungen; aber sie selbst halten im jüdischen Bereich an vielen offensichtlich längst überholten Tabus fest und bewahren merkwürdige jahrtausendealte Sitten.
Alle diese Widersprüche bestehen. Aber sie bestehen nur für die Juden als Gemeinschaft, kaum je für das jüdische Individuum. Die Widersprüche erklären sich dadurch, daß die emanzipierten Juden nur noch in einem sehr beschränkten Sinne eine Gemeinschaft bilden, daß sich an ihnen ein Auflösungsprozeß vollzieht, der zu höchst verschiedenartigen Ergebnissen führt. In Wirklichkeit gehen alle Widersprüche auf den einen zurück, daß die jüdische Gruppe sich lockert und wandelt, daß sie aber von außen immer noch als eine einheitliche Gemeinschaft angesehen wird. Diese irrtümliche Annahme kommt vom Verlangen der Menschen her, in der verwirrenden Fülle der sie umgebenden Tatsachen durch das Einführen verallgemeinernder Kategorien auch dort Ordnung zu schaffen, wo eine Ordnung in Wirklichkeit nicht besteht. Derartigen unzulässigen Verallgemeinerungen sind die Juden nicht nur insofern ausgesetzt, als Fehler Einzelner der Allgemeinheit zur Last gelegt werden, sondern auch noch auf die Art, daß offenbare Gegensätze als solche zwar zur Kenntnis genommen werden, aber aus ihnen nicht der natürliche Schluß gezogen wird, daß der Gruppencharakter nur noch in einzelnen, sich vermindernden Sphären vorhanden ist. Im Gegenteil, aus den offen zutage tretenden Gegensätzen wird geradezu geschlossen, daß unter der Oberfläche noch eine geheime Gruppeneinheit fortbestehe, und daß von einer einheitlichen Leitung her ein Spiel mit verteilten Rollen zu umstürzlerischen Zwecken veranstaltet werde.
Aus einer solchen irrigen Denkgewohnheit des Verallgemeinerns, die von der Propaganda noch zweckvoll unterstützt wird, wächst ein dauerndes Nichtverstehen der jüdischen Handlungsweise; aus diesem Nichtverstehen erwächst ein Unbehagen, und aus dem Unbehagen gegenüber einem Geheimnisvoll-Unverständlichen folgt schließlich die Bereitwilligkeit, auch eine noch so unwahrscheinliche „Erklärung“ als wahr zu unterstellen. Wir werden diesem Unbehagen als Vorbereitung zur Übernahme aller möglichen Irrlehren noch häufig begegnen.
Die zunehmende Unauffälligkeit der Juden hat im allgemeinen die Bereitwilligkeit der Nichtjuden, sie als ihresgleichen anzusehen, entscheidend gefördert. An dieser Feststellung wird nichts geändert, wenn darauf hingewiesen werden muß, daß gerade die offenbare Ähnlichkeit des jüdischen Nachbarn, die in ruhigen Zeiten die genannten Widersprüche nicht ins Bewußtsein treten läßt, unter bestimmten Voraussetzungen zu einem Problem werden konnte. Diese Voraussetzung freilich muß gewissermaßen von außen in das jüdisch-nichtjüdische Verhältnis hineingetragen werden, denn nur so kann die fortgeschrittene nachbarliche Normalität künstlich zu einer scheinbaren Anomalie werden. Wenn das aber wirksam geschieht, wenn eine aus anderen Quellen sich nährende systematische Judenhetze sich aufnahmewilliger, labiler Gemüter bemächtigt, dann kann die bis dahin obwaltende menschliche Nähe zum jüdischen Nachbarn dem neu erweckten Mißtrauen gegen ihn noch eine besondere Note hinzufügen.
In einer Studie erklärt Freud die Entstehung eines Gefühls des „Unheimlichen“66 so: Es gebe gewisse übernatürliche Dinge wie Allmacht von Gedanken, eine geheime Macht, Böses zu tun, Wiederkehr von Toten und so weiter, woran früher einmal wir selbst oder unsere primitiven Ahnen geglaubt haben. Später haben wir denn diesen Glauben aufgrund überlegener Einsichten als Aberglauben abgetan. Aber ganz sicher haben wir uns imgrunde bei unserer neuen Überzeugung nie gefühlt; und sobald etwas geschieht, was unsern alten Glauben zu bestätigen scheint, empfinden wir das als „unheimlich“. Um eine ähnliche Erscheinung handelt es sich auch in unserem Falle; und genau an dieser Stelle dürften die Ergebnisse einer anderen Untersuchung67 ihre adäquate Einordnung finden. In diesem Buch wird reichhaltiges Material beigebracht über den im Mittelalter weit verbreiteten Glauben, daß der Jude der eingefleischte Teufel sei. Im Zuge der Aufklärung und dem alltäglichen Augenschein der Gegenwart ist diese Meinung weithin verschwunden, aber ähnlich, wenn auch nicht im gleichen Grade68 wie beim psychischen Mechanismus der Verdrängung, haben solche überwundene Stadien die Tendenz, wieder zum Vorschein zu kommen. Werden sie nun, wie es durch intensive judenfeindliche Propaganda geschehen ist, künstlich wieder zum Leben erweckt, so entsteht das Gefühl des Unheimlichen, ganz wie wenn eine Zigeunerin ein Kind durch den „bösen Blick“ „krankmacht“ oder etwa eine vermeintliche Begegnung mit einem Toten stattfindet. Der „überwundene“, ins Unterbewußtsein verdrängte Aberglauben scheint sich zu bestätigen; und gerade weil wir doch so genau wußten, daß es ein Aberglauben ist, weil der jüdische Nachbar Cohn genauso spricht, sich kleidet und sich benimmt wie wir, gerade deshalb besitzt diese plötzliche Bestätigung alle Züge des Unheimlichen. Wir können nicht umhin, vor der List, vor der Verstellungskunst des Teufels zu erschauern, wenn wir erfahren, daß der harmlose Nachbar Cohn eben doch ein unheimliches Wesen ist. Für diesen Effekt spielt es keine Rolle, ob sich eine Teufelsnatur in Raffgier oder in der Teilnahme an politischen Umsturzplänen, Welteroberungswünschen und ähnlichen zerstörerischen Machenschaften offenbart. Allerdings wird der gesamte Ablauf einer solchen Reaktion nur in Ausnahmefällen eintreten. Nur wo das seelische Gleichgewicht schwer gestört ist, wird sich tatsächlich der harmlose Nachbar in einen leibhaftigen Teufel verwandeln. Wir halten daran fest, daß die Gewohnheit des täglichen Augenscheins sich viel häufiger dahin auswirkt, daß die antisemitischen Märchen nicht geglaubt werden. Immerhin ist die menschliche Psyche zu kompliziert, als daß nicht zwischen radikaler Abwehr gegen die Teufelslegende und ihrer Annahme zahlreiche Übergangsstadien möglich wären. Sie werden besonders dann eintreten, wenn in Massenversammlungen und sogenannten Schulungskursen das seelische Gleichgewicht unmittelbar angegriffen worden ist. In solchen Fällen kann ein plötzliches Irrewerden an dem bisher für wahr gehaltenen Bild des Juden leicht dazu führen, daß einige Etappen des Weges, den Freud beschreibt, zurückgelegt werden, sei es nun, daß sie nur bis zu einem leichten Mißverständnis oder zu einem konkreten Aberglauben reichen.*
6. Psychische Wirkungen der Krise
Nachdem wir zu zeigen versucht haben, aus welchen Gründen die jüdische Gruppe sich in besonderer Gefahr befindet, latente gesellschaftliche Unlustgefühle und Feindseligkeit auf sich zu lenken, wollen wir nun die Entstehung menschlicher Aggressivität in ihrer sozialpsychologischen Bedeutung darzustellen versuchen. Dazu bedarf es einer methodologischen Vorbemerkung:
Soweit wir bisher objektive und subjektive Gründe für Gruppenspannungen erörtert haben, handelte es sich in dem einen Fall um rein gesellschaftliche, in dem anderen um rein psychologische Tatbestände. Wir werden es im folgenden mit einem Phänomen zu tun haben, in dem gesellschaftliche Voraussetzungen bestimmte psychologische Wirkungen erzeugen, einem Phänomen also, das beiden Gebieten zugleich angehört oder auf der Grenze zwischen ihnen liegt. Die Frage, wie weit Soziologie und Psychologie einander zu befruchten vermögen, ist noch weitgehend ungeklärt. Es besteht zwar ein verbreiteter Wunsch nach Zusammenarbeit in beiden Disziplinen, aber es liegen bisher nur wenige geglückte Versuche vor, den methodischen Weg zu einer solchen gegenseitigen Ergänzung zu bahnen. Selbst ein so verdienstvolles Symposion wie das dem Problem gewidmete Sonderheft des American Journal of Sociology69 legt eher Zeugnis ab für die Ungeklärtheit der Frage, ja für das Widerstreben, seine Forschungsmethoden durch Prinzipien durchkreuzen zu lassen, die der eigenen Disziplin fremd sind, als für das rückhaltlose Streben nach einer Unterstützung von „außen“ her. Insbesondere sind Psychologen nur selten geneigt, ihr ausschließlich auf die Diagnose des Einzelfalles gerichtetes Interesse durch soziale Verallgemeinerungen zu beschweren. Eine bemerkenswerte Ausnahme macht Karen Horney70, die in ihren Arbeiten jenen Faktoren nachgeht, die beim Entstehen von Neurosen auf alle Mitglieder eines Kulturkreises in gleicher Weise wirken. Auch Franz Alexander71 unternimmt einen brauchbaren Vorstoß ins psycho-soziologische Grenzgebiet, wenn er ausführt, daß ungeachtet aller individuellen Sonderheiten eine bestimmte gesellschaftliche Situation, wie etwa die gemeinsame Situation aller Arbeitgeber, aller Arbeitnehmer oder aller Bauern bestimmte gemeinsame Züge in allen Angehörigen der entsprechenden Schicht entstehen läßt. In ähnlicher Weise unterscheidet Erich Fromm72 zwischen „individuellem“ und „sozialem Charakter“. „Der soziale Charakter“, erklärt er, „umfaßt nur eine Auswahl von Zügen, nämlich diejenigen, die den meisten Mitgliedern einer Gruppe gemeinsam sind und die sich aufgrund der gemeinsamen Erlebnisse und der gemeinsamen Lebensweise dieser Gruppe entwickelt haben.“
Wir übernehmen den Begriff dieses „Gesellschaftscharakters“ unter ausdrücklicher Ablehnung der Erweiterung, die Fromm ihm später zuteilwerden läßt. Dort nämlich sagt Fromm: „Deckt sich der Individualcharakter einigermaßen mit dem Gesellschaftscharakter, so wird der Betreffende durch die in seiner Persönlichkeit überwiegenden Triebe dazu veranlaßt, das zu tun, was unter den besonderen Bedingungen seines Kulturkreises nötig und erwünscht ist.“ Darin liegt aber die unserer Meinung nach falsche Annahme, daß die Züge, die als Folge einer bestimmten Gruppensituation den meisten Mitgliedern der Gruppe gemeinsam sind, zugleich unter den besonderen Bedingungen dieser Gruppensituation auch „nötig und erwünscht“ seien. Das braucht keineswegs der Fall zu sein. Der soziale Charakter der Deutschen, und besonders der deutschen Kleinbürger in der Nachkriegszeit, war entschieden neurotisch, das heißt er zeigte übergroße Erschöpfung und Feindseligkeit. Er neigte infolgedessen zu eben der Haltung, die die Voraussetzung für die Massenwirkung des Nationalsozialismus war. Diese Haltung als „nötig und erwünscht“ zu bezeichnen, dürfte nicht angängig sein. Fromms Fehler liegt darin, daß er „Gesellschaftscharakter“ mit einem positiven Wert versieht, also etwa so viel wie „gesunder Gesellschaftscharakter“ darunter versteht. Gerade der zeitweise Auseinanderfall zwischen dem vom jeweiligen „Gesellschaftscharakter“ bestimmten Verhalten und dem, was unter den gegebenen Verhältnissen „nötig und erwünscht“ ist, zeigt das Vorhandensein einer sozialpsychologischen Krise an.
Überhaupt ist die Unterscheidung zwischen einer generellen und einer individuellen psychischen Sphäre bei Angehörigen einer sozialen Gruppe erst ein Anfang. Sie kann dann zu wertvollen Ergebnissen führen, wenn gezeigt werden kann, in welcher Weise das Verhältnis zwischen genereller und individueller Sphäre nicht nur von Individuum zu Individuum, sondern von Gruppe zu Gruppe, von Epoche zu Epoche und von Kultur zu Kultur sich verändert. Die generelle Sphäre dürfte relativ ausgedehnt sein in konformen Kulturen, und zwar sowohl bei primitiver, wie bei religiöser, wie bei post-rationaler Massen-Konformität; sie wird relativ groß sein in Gruppen, die sich in bedrängter materieller Situation befinden, in „durchschnittlichen“ – im Unterschied zu hochstehenden – Individuen. Sie wird sich – immer auf Kosten der individuellen Sphäre – verbreitern bei starker gefühlsmäßiger Erregung durch allgemeine Erlebnisse, sowie in Zeiten der Not; sie wird wiederum einer individuellen Differenzierung dann Platz machen, wenn ein erhöhter Lebensstandard und die Abwesenheit großer genereller Erschütterungen die freie Gestaltung einer relativ umfangreicheren Lebenssphäre zulassen. In dem gleichen Maße aber, in dem sich die generelle Sphäre zuungunsten der individuellen erweitert, wird die Anwendung gruppenpsychologischer Methoden im Sinne einer Psychologie ihrer typischen Mitglieder fruchtbar werden können. Von ihr zu unterscheiden ist die Psychologie der typischen Veränderungen, denen die Individuen infolge ihrer Zugehörigkeit zu einer Gruppe in ihren verschiedenen Erscheinungsformen, wie der Menge, der formlosen oder ad hoc geformten Masse oder der organisierten Vereinigung unterliegen. Wir werden es zunächst nicht mit dieser Gruppenpsychologie im engeren Sinne, sondern mit der Psychologie der typischen Gruppenmitglieder zu tun haben.73
Nachdem wir die Rolle der individuellen Aggressivität für den Antisemitismus gekennzeichnet hatten, stellten wir die von der menschlichen Zivilisation untrennbaren persönlichen Triebverdrängungen und Unlustgefühle fest und haben nun einen gesellschaftlichen Tatbestand zu betrachten, unter dessen Einfluß diese Unlustgefühle die Neigung haben, in allen betroffenen Individuen sich außerordentlich zu vermehren: wir meinen die Krise.
Eine gesellschaftliche Krise besteht einmal dann, wenn die gesellschaftlichen Beziehungen auf einem oder mehreren Gebieten so aus dem Gleichgewicht geraten sind, daß sie völlig auseinanderzubrechen drohen, sofern es nicht gelingt, sie in einen neuen Gleichgewichtszustand zu überführen. Es wird ferner von einer Krise gesprochen, wenn die Zusammenbruchsgefahr zwar behoben ist, nun aber – so vor allem bei einer Wirtschaftskrise – eine allgemeine Stockung der normalen gesellschaftlichen Funktionen eintritt. Zwar widerspricht es beiden Definitionen nicht – ja es trägt sogar oft dazu bei, die Beseitigung krisenhafter Zustände zu erschweren –, daß einzelne Kreise von einer Krise profitieren; aber es folgt doch aus der schweren Gleichgewichtsstörung, der Kreislaufstockung und dem drohenden Zusammenbruch, daß jede Krise die normalen Lebensschwierigkeiten der Individuen, die von ihr erfaßt werden, erheblich vergrößert. Während die früher erwähnte Aggressivität sich vorwiegend aus der individuellen Situation des Individuums, seiner Familie, seinem persönlichen Lebensschicksal ergibt, gehört die Aggression, die durch die Krise entsteht, der generellen Sphäre an.
Die generelle Sphäre nimmt während der Krise an Bedeutung zu. Sie nimmt zu in jedem einzelnen Individuum, und sie umfaßt außerdem einen größeren Kreis von Individuen.
Die psychischen Kräfte jedes einzelnen Individuums werden infolge der auf alle wirkenden Krisenereignisse stärker als in normalen Zeiten beansprucht. Um ein Beispiel zu nennen: Ein Büroangestellter verbringt pro Tag normalerweise mit Arbeit, Hin- und Rückfahrt und Essen etwa zehn Stunden, mit Schlaf acht Stunden. Die Arbeit ist ihm zur Routine geworden und bindet weder große intellektuelle noch emotionelle Kräfte; während der übrigen sechs Stunden kann er in relativer Gemütsruhe seinen individuellen Lieblingsbeschäftigungen nachgehen. Verliert er während der Krise seinen Arbeitsplatz, so wird sein gesamtes Denken von der Sorge um eine neue Erwerbsmöglichkeit ganz ausgefüllt. Wohl gewinnt er rein äußerlich Zeit, aber nur ganz ausnahmsweise und unter äußerst seltenen, ungewöhnlich günstigen Umständen wird er in der Lage sein, die gewonnene Zeit zur Entspannung zu benutzen. Sie wird vielmehr wie bei allen seinen Schicksalsgenossen ausgefüllt sein mit Stellungssuche, Gelegenheitsarbeiten und Haushaltsfunktionen, durch deren Übernahme er die Kosten der Lebenshaltung herabzudrücken sucht. Das Entscheidende aber ist: sein gesamtes Denken und Fühlen bewegt sich um die Tatsache seiner Arbeitslosigkeit und schlägt damit die gleichen Wege ein wie das Denken und Fühlen aller seiner Leidensgefährten. Bei denen, die noch im Arbeitsprozeß verblieben sind, nimmt die Furcht vor der Ausschaltung einen anomal großen Raum ein. Um es kurz zu sagen: in dem, der aus der Wirtschaft ausgeschaltet ist oder unter ihr anomal stark zu leiden hat, wird die Wirtschaft, werden die allgemeinen Verhältnisse einen breiteren Raum einnehmen und einen größeren Kraftaufwand beanspruchen als in dem, der in seiner wirtschaftlichen Funktion beruhigt lebt und von ihr befriedigt ist. Genau die gleiche Veränderung und Verbreiterung jener generellen Sphäre, die von der Wirtschaft abhängig ist, ließe sich für den Kaufmann oder Industriellen nachweisen, der mit Absatzschwierigkeiten zu kämpfen hat.
Die generelle Sphäre wächst aber während der Krise nicht nur in jedem einzelnen Individuum, sondern ein größerer Menschenkreis als in normalen Zeiten gerät unter den Einfluß von gleichmachenden Faktoren. Mit anderen Worten: ein größerer Menschenkreis wird während der Krise allgemeine Züge aufweisen als in Zeiten, die der individuellen Differenzierung weitere Möglichkeiten offen lassen. Den ihm Angehörenden gemeinsam ist ein erhöhtes Angstgefühl, vermehrte Unsicherheit und das daraus sich ergebende Bedürfnis nach Selbstbestätigung und nach einem Objekt, die eigenen Unlustgefühle abzureagieren. Der Einbruch der generellen in die individuelle Sphäre innerhalb der Krise ist gleichbedeutend mit dem Ausbreiten feindlicher zuungunsten freundlicher Empfindungen. Die Folge ist, daß jene Gruppenrivalitäten, die für Selbstbestätigung und Abreaktion sich vorzüglich eignen und innerhalb des gesellschaftlichen Gefüges gewissermaßen immer bereitliegen, während einer Krise mit besonderer Genugtuung zu diesen Zwecken benutzt werden. Die weitere Folge ist, daß der in so vielfacher Beziehung „bevorzugte“ Fall der jüdischen Gruppe in Krisenzeiten zu einem besonders brauchbaren Blitzableiter werden kann. Die Stärke des Antisemitismus in einem gegebenen Zeitabschnitt wird nachgerade zum Maßstab einer gesellschaftlichen Krise, und zwar in dem Maße, in dem durch Abnahme der objektiven Spannungen zwischen Juden und Nichtjuden der empfundene Gegensatz immer ausschließlicher die Menge der subjektiv entstandenen generellen Unlustgefühle widerspiegelt.*
Die Einsichten, die wir aus diesen Betrachtungen gewonnen haben, lassen sich wie folgt zusammenfassen: 1. Es gibt eine psychische Sphäre, die den Angehörigen gesellschaftlicher Gruppen gemeinsam ist; 2. diese generelle Sphäre vergrößert sich in Krisenzeiten in ihrer Tiefe und in ihrer Breitenausdehnung; 3. die generelle Sphäre ist in Krisenzeiten vorwiegend der Sitz von Unlustgefühlen und den mit ihnen verbundenen Wünschen nach Aggression und Selbstbestätigung; 4. die so entstandenen Wünsche – genauso wie die aus persönlichem Erleben entstandenen – suchen ihre Erfüllung in der Richtung bestehender Gruppenspannungen; 5. unter den gesellschaftlichen Gruppen ist die jüdische Gruppe besonders exponiert und eignet sich daher besonders zu einem Objekt für Aggression; 6. soweit die Krise durch Faktoren ausgelöst ist, die mit Juden nichts zu tun haben – also imgrunde in allen modernen gesellschaftlichen Krisenerscheinungen –, gehören die Unlustgefühle, welche die Krise auslöst, zu den „subjektiven“ oder „unechten“ Gründen des Antisemitismus.
7. Das Zusammenwirken objektiver und subjektiver Ursachen in der Geschichte des deutschen Antisemitismus
Während der verschiedenen Phasen der Geschichte der Emanzipation in Deutschland waren objektive und subjektive oder „echte“ und „unechte“ Gründe des Antisemitismus in jeweils verschiedenem Grade und Mischungsverhältnis vorhanden. Nicht einmal in der Frühzeit der Emanzipation, also in einer Zeit, in der die beginnende Gleichberechtigung einer weitgehend fremden jüdischen Gruppe durchaus ein gesellschaftliches Problem darstellte, hat dieser objektive Tatbestand ausgereicht, um zu einer antisemitischen Bewegung zu führen. Immer bedurfte es noch anderer, besonders wirtschaftlicher Gründe und zumeist auch einer zielbewußten Lenkung der aus diesen anderen Problemen herrührenden subjektiven Faktoren in den latenten Gruppengegensatz, um eine antisemitische Stimmung in breiteren Kreisen zu erzeugen. In den meisten Fällen ist die antisemitische Propaganda die Voraussetzung für eine Umwandlung subjektiver in vermeintlich objektive Spannungselemente. Aber kaum je erschöpft sich ihre Funktion in dem Kampf gegen die Juden. Nahezu jeder antisemitische Publizist und Propagandist verfolgt außer antisemitischen noch andere politische Ziele, die er glaubt, in Verbindung mit den antisemitischen wirksamer vertreten zu können. Daraus geht hervor, daß selbst für den erklärten Antisemiten die Bedeutung der Judenfrage allein nicht ausreicht, um den einzigen Inhalt seines politischen Kampfes zu bilden. Wir werden einige charakteristische Episoden des deutschen Antisemitismus kurz und schematisch daraufhin analysieren, welche Rolle in jeder die „echte“ Judenfrage spielt und in welchem Maße sich darin „unechte“, dem jüdischnichtjüdischen Gruppengegensatz fremde Elemente zeigen.
Der Antisemitismus der Gegen-Emanzipation 1815-1819 kämpft gegen die Juden als Staat im Staat.* Der Philosoph Jakob Fries74 erklärt, die Juden seien 1. eine eigene Nation, 2. eine politische Verbindung, 3. eine Religionspartei, 4. eine Makler- und Trödlerkaste. J. G. Fichte, von dem der Vorwurf ausgeht, daß die Juden einen Staat im Staate bilden, erhebt ihn zwar gegen mehrere andere Gemeinschaften, besonders das Militär, in gleicher Weise und rechtfertigt gleich- zeitig die Existenz solcher „Staaten im Staate“ vom naturrechtlichen Standpunkt aus75; aber es besteht doch kein Zweifel, daß der Bestand einer Gemeinschaft, die Züge eigener Staatlichkeit aufwies und sich daher in den Rahmen der größeren staatlichen Existenz nicht ohne weiteres einfügte, allgemein als eine Störung empfunden wurde. Eine weitere objektive gesellschaftliche Störung ging davon aus, daß die Masse der Juden damals noch im Kleinhändler- und Trödlerberuf beschäftigt war und als Träger einer fremden, teilweise minderwertigen Wirtschaftsmoral erschien.76 Beide Momente standen zu der vor den Befreiungskriegen gegebenen Gleichberechtigung scheinbar im Gegensatz und bildeten so die Grundlage der objektiven Judenfrage jener Zeit. Auch der enger gewordene Kontakt mit den meist noch sehr strikten Anhängern einer fremden Religionsgemeinschaft bedeutete zu jener Zeit noch eine erhebliche Schwierigkeit.*
Als Ausgangspunkt subjektiver Spannungen kam hinzu die allgemeine Enttäuschung nach den Kriegen, die zwar den Sieg, aber nicht die ersehnte Freiheit und Einheit gebracht hatten. Dazu trat in den Jahren 1816 und 1817 eine ausgesprochene Notzeit mit einer entsprechenden Preissteigerung und später eine allgemeine Wirtschaftsdepression, die Sombart77 als den „ersten großen Krach im 19. Jahrhundert“ bezeichnet.
Daß der Antisemitismus auch zu anderweitigen politischen Zwekken benutzt wird, ist in dieser Frühzeit der Emanzipation noch nicht so deutlich sichtbar. Antisemitische Wortführer gehören allen Richtungen an: Fichte ist liberaler Revolutionär, Paulus gleichfalls Liberaler, Fries ist Romantiker, allen gemeinsam ist lediglich der nationale Gedanke, der damals sowohl die Vertreter der Volkssouveränität als auch die Anhänger der romantischen Idee vom „Volkstum“ erfüllte. Mit diesem Gedanken ließ sich verständlicherweise der Antisemitismus einfach und vorteilhaft verbinden. Man bekämpfte im Zuge der Judenemanzipation zugleich ein Stück Franzosenherrschaft, weil die mindestens zeitliche Abhängigkeit jener von dieser, aber auch die Verwandtschaft des emanzipatorischen Gedankens mit den Ideen der Französischen Revolution außer Zweifel stand.
In den antisemitischen Streitschriften der Zeit finden sich Elemente jeder dieser drei verschiedenen Quellen. Es wurde versucht, sie in Ideologien verschiedener Färbungen zu vereinigen. Ausschlaggebend dabei sind überall jene Vorwürfe, die sich auf damals in der Tat bestehende Mißstände beziehen. Daß man die Behebung dieser Mißstände durch eine Entwicklung, die durch die Emanzipation eingeleitet wurde, nicht abwarten will, enthüllt zwar die Voreingenommenheit der antisemitischen Autoren; aber die Schärfe der Angriffe, die vielfach über das Ziel hinausschießen, ist in dem gleichen Maße Ausdruck mangelnder eigener Sachlichkeit, wie sie dazu dient, der subjektiven Aggressivität der Leser zu einer Entladung zu verhelfen. Trotzdem darf man sagen, daß in dem Antisemitismus des beginnenden 19. Jahrhunderts objektive Spannungen zwischen der jüdischen Gruppe und der Mehrheit eine maßgebliche Rolle spielen. Das kommt auch in den sporadischen antijüdischen Gewalttätigkeiten der sogenannten Hep-Hep-Hetze des Jahres 1819 zum Ausdruck. Ihr Auftreten in Franken, also in einer Gegend, in der der jüdische Landhandel eine große Rolle spielte, läßt darauf schließen, daß da neben allen möglichen „unechten“ auch manche „echte“ Ursachen der Gruppenspannung sich auswirkten.
Eine entscheidende Veränderung vollzieht sich, wenn man sechzig Jahre überspringt und die antisemitische Bewegung des Hofpredigers Stoecker in gleicher Weise untersucht. Was in den Jahren nach der Reichsgründung an „objektiver Judenfrage“ noch vorliegt, ist nicht mehr die Spannung zwischen einem „Staat im Staate“ und der größeren Gemeinschaft, sondern die ungleichmäßige Berufsverteilung der jüdischen Gruppe, von der weiter oben die Rede war. Aus der Vorherrschaft der Juden in Handel und Finanz, sowie aus der verwaltungsmäßigen Durchlöcherung der Vollemanzipation, vor allem aber aus ihrem Ausschluß aus der Beamtenschaft folgten ihre einseitige politische Zugehörigkeit zum Liberalismus und das Einströmen eines Teiles ihrer Intelligenz in die Presse. Diese Schichtung schafft zwar Spannungen objektiver Art; aber ihre Stärke ist mit denen der Frühzeit in keiner Weise zu vergleichen. Dagegen fehlt es nicht an Spannungen subjektiver Herkunft. Sie entwickeln sich aus den raschen Fortschritten der industriellen Wirtschaft, die den Mittelstand, insbesondere das Handwerk, schwer treffen. Diese latente Krise erreicht einen Höhepunkt, als im Jahre 1873 ein großer Bankkrach der „Gründer“-Konjunktur, die durch die französische Kriegsentschädigung hervorgerufen worden war, ein Ende macht. Es folgen Jahre schwerer wirtschaftlicher Depression.
Der Antisemitismus des Hofpredigers Stoecker spiegelt deutlich die objektiven Spannungsmomente und die in seinen Anhängern selbst liegenden subjektiven Unlustgefühle wider. Der Schwerpunkt seiner Propaganda gegen das Judentum liegt völlig auf den Vorwürfen, daß sie Finanz und Presse beherrschten. Seine Anhängerschaft, die er zunächst ohne ausreichenden Erfolg unter der Arbeiterschaft sucht, findet er zum weitaus größten Teil in den Reihen der Kleinbürger, so daß er sich schließlich schweren Herzens entschließen muß, den ursprünglichen Namen seiner Partei von „Christlich-Soziale Arbeiterpartei“ in „Christlich-Soziale Partei“ abzuändern. Als Argument für die Namensänderung wurde von ihren Befürwortern vorgebracht: „Die Zahl der Arbeiter in der Partei betrage höchstens 150–200 Köpfe.“78 Es sind also nicht die Arbeiter, die zwar auch unter dem Kapitalismus leiden, aber in seiner Entwicklung anderseits auch ihre Chance sehen, die ihm zulaufen; sondern das ausweglose Kleinbürgertum flüchtet vor der sachlichen Interpretation der wirtschaftlichen Entwicklung, die ihm ungünstig ist, in eine Scheininterpretation, die ihm Erfolg verspricht, indem sie ihm erlaubt, statt des abstrakten Kapitals den konkreten Juden anzugreifen.
Aber gerade in der Stoecker-Episode des deutschen Antisemitismus kommt auch mit besonderer Klarheit zum Ausdruck, daß der Antisemitismus häufig nur als Mittel zum Zweck benutzt wird. Stoecker war mit seiner neuen Partei zunächst ausschließlich zum Kampf gegen die Sozialdemokratie angetreten. Erst als er diesen Gegner infolge der Sozialistengesetze (1878) als unschädlich gemacht ansah und in seinen eigenen Versammlungen auf seiten seiner Zuhörer antisemitische Strömungen hervortraten, kam ihm der Gedanke, das Judentum als Gegner in seinen Kampf einzubeziehen.79 Der Antisemitismus erschien ihm jetzt als ein vorteilhafter Bundesgenosse in seinem in den Vordergrund rückenden Kampf gegen den politischen Liberalismus. In dieser und nur in dieser Eigenschaft erfreute sich auch der Antisemitismus dann von Zeit zu Zeit der vorsichtigen und indirekten Förderung durch die Regierung.
Der Antisemitismus selbst ist vielleicht hie und da das Motiv für die öffentliche Tätigkeit einzelgängerischer Heißsporne; wo jedoch die Judenfrage in die ernste Politik einbezogen wird, dient sie hauptsächlich als Tarnungsmittel. Auch damit wird ihre Bedeutung als ein ernsthaftes gesellschaftliches Problem entwertet, zugleich aber wird bemerkenswert deutlich, daß ein Aufrollen der Judenfrage beim Bemühen, latente Unlustgefühle in zweckdienliche Kanäle zu leiten, nahezu immer Erfolg verspricht. Allerdings ist dieser Erfolg von der Summe der „echten“ und „unechten“ Motivationen abhängig, die in einer bestimmten Epoche vorliegen. Waren in der Gegen-Emanzipationszeit die „echten“ relativ stark, die „unechten“ nicht eben knapp, wogegen eine bewußte politische Ausnützung des Antisemitismus noch wenig ausgebildet war, so liegen in der Stoecker-Zeit weit weniger „echte“, dafür um so mehr „unechte“ Motive vor, die sich aus der latenten sowohl, als auch aus der akuten Krise ergeben; noch dazu wird der Antisemitismus zu anderweitigen politischen Zwecken sehr bewußt ausgenutzt.
Wie sah dieses Verhältnis in der Zeit des nationalsozialistischen Antisemitismus aus? Es wird im vierten Teil dieses Buches noch des Näheren darzulegen sein, daß im 20. Jahrhundert in Deutschland nur noch von Restbeständen einer „objektiven Judenfrage“ gesprochen werden konnte. Gewisse berufliche, wohnortsmäßige und politische Unausgeglichenheiten bestanden zwar noch fort, aber sie hätten in sich niemals den Anlaß für einen scharfen Massen-Antisemitismus gegeben. Selbst der Spannungsgehalt, der dem politischen Hervortreten einiger radikaler Juden in revolutionären Episoden und ihrem Auftreten in der hohen Beamtenschaft innewohnte, das durch ihre Vollemanzipation ermöglicht worden war, hätte nicht ausgereicht. Um so mehr Gewicht haben zu dieser Zeit die beiden anderen Faktoren, die wir zum Entstehen einer antisemitischen Volksbewegung als notwendig erkannt haben: die „unechten“, aus der deutschen Nachkriegs- und Weltwirtschaftskrise geborenen subjektiven Unlustgefühle und das bewußte Ausnutzen des Antisemitismus zum Erreichen anderweitiger politischer Zwecke: zum Sturz der Weimarer Republik und zur Übernahme der politischen Macht.
Wir kommen damit zu dem Ergebnis, daß im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts die von der Judenfrage ausgehenden objektiven gesellschaftlichen Spannungen sich ständig vermindert haben; daß aber zur gleichen Zeit kollektive Unlustgefühle, die aus anderen Quellen herrührten, sowohl chronisch – durch die Komplikationen des industriellen Wirtschaftssystems – als auch akut – infolge von Konjunkturkrisen – zunahmen. Politischen Führern, die die Brauchbarkeit antisemitischer Methoden zum Erreichen anderweitiger politischer Zwecke erkannten, gelang es mit bemerkenswertem Erfolg, die subjektiven Unlustgefühle breiter Bevölkerungskreise in das sich zwar ständig verflachende, aber doch noch immer vorhandene Strombett des jüdisch-nichtjüdischen Gruppengegensatzes hineinzuleiten.
*Die Zahl der Juden in Deutschland betrug 1820 etwa 270 000 oder 1,9 % der Bevölkerung; sie war 1925 auf 564 379 oder um 0,90 % gestiegen. (Nach Jakob Lestschinski, Das wirtschaftliche Schicksal des deutschen Judentums, S. 50)
**Das schließt nicht aus, daß die Juden in Deutschland in großem Umfange auch das verwirklichten, was Julian Morgenstern (Assimilation, Isolation, or Reform? Contemporary Jewish Record) „active assimilation“, „the process … of assimilating without being assimilated” nennt. Es handelt sich hier nur um eine andere Ausdrucksweise, nicht um einen Widerspruch der Auffassung. Indem die Juden sich (sibi) die Art der Umwelt assimilieren, assimilieren sie sich (se) gleichzeitig an die Umwelt. Die Gründung der Wissenschaft des Judentums zum Beispiel durch Leopold Zunz ist ein solcher Akt aktiver und passiver Assimilation zugleich; indem man die wissenschaftlichen Methoden der Umwelt in den Dienst jüdischer Forschung stellte, interpretierte man doch auch den geistigen Gehalt des Judentums und machte ihn für die Umwelt verständlich und damit akzeptabel.
*A. J. Toynbee, A Study in History, bezeichnet den Zusammenhang zwischen Diskriminierung und Intensität der jüdischen Substanz als soziales Gesetz. Bd. II, S. 248: „So finden wir bei den Juden eine Stufenleiter von Typen – aschkenasische Juden, sephardische Juden, Doenme, heimliche Juden und jüdische Katholiken –, bei denen die Dichte der jüdischen Substanz gradweise von einem Maximum bis nahezu zum Nullpunkt abgestuft ist; und wir bemerken, daß die Unterschiede in der Dichte der jüdischen Substanz den Unterschieden in der Heftigkeit der Bedrückung entsprechen, denen die Juden seitens der nichtjüdischen Umwelt ausgesetzt waren. Die sich von der Umwelt unterscheidende Substanz der unterdrückten religiösen Gruppe verliert sich mehr und mehr in dem Grade, in dem die Unterdrückung nachläßt; und dieses soziale Gesetz gilt nicht nur für die Juden. Seine Geltung kann auch für andere unterdrückte Sekten nachgewiesen werden.“ Toynbee vernachlässigt die anderen Faktoren, von denen die Intensität der jüdischen Substanz abhängt, vor allem die Länge der zurückliegenden Assimilationszeit, eventuelle Zuwanderung von jüdischen Gruppen intensiver Substanz und so weiter.
*Wir können uns mit der Frage der rassischen Homogenität der Juden nicht näher beschäftigen, doch sei folgendes über den Zusammenhang zwischen Rasse und Gruppe gesagt: Der rassische Faktor, der nicht einfach abgestreift, sondern höchstens durch Mischheirat verdünnt werden kann, genügt für sich allein nicht, um die Zugehörigkeit zu einer jüdischen Gruppe zu begründen. Es gibt rassische „Volljuden“, die alle Beziehungen zur jüdischen Gemeinschaft gelöst haben, und Personen ohne einen Tropfen jüdischen Blutes, die zu ihr gehören. Die Betonung des Rassenkriteriums seitens der Antisemiten entspricht deren Wunsch, einen unveränderlichen Faktor zur Grundlage der jüdischen Gruppenexistenz zu machen.
*Daß der objektive Gruppencharakter stärker war als das schwindende subjektive Gruppenbewußtsein, geht aus der Anomalie der jüdischen Berufsgliederung hervor. Die Juden in Italien stellten zwar charakteristischerweise einen etwas geringeren Prozentsatz zu den Berufen des Handels und Verkehrs als in Deutschland; von je 100 berufstätigen Juden 41,5 % im Jahre 1910 gegenüber 69,4 % in Bayern im Jahre 1907 und 49,7 % in Deutschland im Jahre 1907, s. Ruppin, Soziologie, Bd. 1, S. 348; immerhin aber waren noch sechsmal mehr Juden in Handel und Verkehr beschäftigt als ihrem Bevölkerungsanteil entsprach, nämlich 0,6 % gegenüber ihrem Bevölkerungsanteil von 0,1 % (Ruppin, a. a. O. Bd. 1, S. 357). Was aber die Anomalie noch verstärkte, war die Tatsache, daß der Überschuß der früher in Handelsberufen Tätigen offenbar in die freien Berufe und Beamtenstellungen abströmte, in denen nicht weniger als 23 % aller erwerbstätigen Juden beschäftigt waren (Ruppin, a. a. O., Bd. 1, S. 350).
*Vgl. Bernstein, a. a. O., S. 219: „Die zwischen den Gruppen herrschende Spannung und die zur Äußerung gelangende Feindschaft ist keineswegs das Produkt von Eigenschaften oder Handlungen der Gegengruppe.“ Zweig, a. a. O., S. 30: „Das Wesen des Juden ist für das Zustandekommen des Antisemitismus ganz außer acht zu lassen.“
*W. Trotter, a. a. O., S. 32: „Alles, was dazu neigt, die Unterschiede von der Herde zu betonen, wird als unangenehm empfunden. Das Individuum hat eine nicht zu erklärende Abneigung gegen jede Neuerung im Tun und Denken.“
*Welche Bedeutung Simmel dieser Unterscheidung beimißt, geht aus der folgenden Fußnote zu S. 263 seiner „Soziologie“ hervor: „Alle Verhältnisse eines Menschen zu anderen sind in ihrem tiefsten Grund nach dieser Frage geschieden – wenn auch in unzähligen Übergängen zwischen ihrem Ja und Nein –: ob ihre seelische Grundlage ein Trieb des Subjektes ist, der sich, als Trieb, auch ohne jede äußere Anregung entwickelt und erst seinerseits einen ihm adäquaten Gegenstand sucht, sei es, daß es ihn als adäquaten vorfindet, sei es, daß es ihn durch Phantasie und Bedürfnis bis zur Adäquatheit umgestaltet; oder ob die seelische Grundlage in der Reaktion besteht, die das Sein und Tun einer Persönlichkeit in uns hervorruft; natürlich müssen auch zu ihr die Möglichkeiten in uns vorhanden sein, aber sie wären an sich latent geblieben und hätten sich nie von selbst zu Trieben gestaltet. In diesen Gegensatz stellen sich intellektuelle wie ästhetische, sympathische wie antipathische Verhältnisse zu Menschen ein und ziehen häufig nur aus diesem Fundamente ihre Entwicklungsformel, ihre Intensität und ihre Peripetie.“
*Vgl. auch Harold O. Lasswell, World Politics and Personal Insecurity, S. 177; „Menschen, die die Umgebung, in der sie groß geworden sind, verlassen, zeigen in der neuen Umgebung verschiedene Grade persönlicher Anpassungsschwierigkeiten. In ihrer ursprünglichen Umgebung dienten Familie, Kirche, Schule, Freunde und Nachbarn als immer von neuem wirksame Antriebe zur Beibehaltung erworbener Hemmungen. In der neuen Umgebung fallen solche äußeren Stützen für das Über-Ich häufig fort; ja die alten Symbole fehlen vielleicht nicht nur, sondern sie werden von der neuen Umgebung manchmal sogar mit offener Nichtachtung behandelt.“ Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei darauf hingewiesen, daß es uns nicht um Apologetik geht, weshalb mit der einfachen Gegenbehauptung, daß die weitaus überwiegende Mehrheit der Juden in der Intensität ihrer religiösen Bedingungen sich nicht von ihrer Umwelt unterscheidet, nichts gewonnen wäre. Wie dünn auch immer die Schicht der jüdischen Irreligiösen im Vergleich zu den religiös Gebundenen sein mag, die ihr zuteilgewordene öffentliche Aufmerksamkeit macht es wünschenswert, auf die Entstehung und Wirkung der Erscheinung näher einzugehen.
*Von den Schwierigkeiten, die dieser Tendenz in Amerika entgegenstehen, gibt Leonhard Bloom, The Jews of Buna, in: Jews in a Gentile World, S. 195 u. S. 197, ein interessantes Bild.
*Gutes Zahlenmaterial für Deutschland bei Lestschinsky, a. a. O., Kapitel IV, Die Urbanisierung und Konzentrierung der Juden in Deutschland, S. 59 ff.
*Vgl. über den Ursprung der jüdischen Schneiderei: Baron, a. a. O., Bd. II, S. 14. Werner Sombart, Die Juden und das Wirtschaftsleben, S. 133, nimmt an, daß sich aus dem Altkleiderhandel der Handel mit neuen Kleidern und aus diesem die Konfektionsindustrie entwickelte.
*Die Bedeutung gleicher wirtschaftlicher, sozialer und bildungsmäßiger Möglichkeiten für die Annäherung des äußeren Typs unterstreicht Melville Jacobs, Jewish Blood and Culture, in: Jews in a Gentile World, S. 54.
*Bei aller dankbaren Anerkennung für die Aufhellung der abergläubischen Bestandteile des Antisemitismus durch Trachtenberg möchten wir uns doch im folgenden von ihm absetzen: Wir vermögen in ihnen nicht den tiefsten, ja nicht einmal den wichtigsten Entstehungsgrund des Antisemitismus zu sehen, sondern nur eine sich unter normalen Verhältnissen zunehmend verflüchtigende latente psychische Prädisposition, zu deren Aktivierung es zunehmend stärkerer anderer Faktoren bedarf.
*Die die aus schärferer Konkurrenz geborenen Angstgefühle sich direkt in Gruppenhaß und verschiedenartige Rationalisierungen umsetzen, zeigt David Rodnick, Group Frustrations in Connecticut, in: The American Journal of Sociology, Sept. 1941, S. 160 ff. Vgl. ferner Louis Wirth, Morale and Minority Groups, in: The American Journal of Sociology, Bd. 47, Nr. 3, 1941, S. 423.
*„‚Staat im Staat‘, – das war der Vorwurf, den alle Judengegner ausnahmslos dem Judentum ins Gesicht schleuderten.“ (Heinz Bender, Der Kampf um die Judenemanzipation in Deutschland im Spiegel der Flugschriften 1815-1820, S. 93.)
*Dabei spielen auch religiöse Momente, wie der angebliche jüdische Glaube an einen „menschenfeindlichen Gott“ (Fichte, a. a. O., S. 133), der Talmud (Fries, a. a. O., S. 251) und die Idee des auserwählten Volkes (Fries, a. a. O., S. 251 u. S. 253) eine Rolle.
ZWEITER TEIL DIE ZEIT
1. Die Konkurrenzwirtschaft als Brutstätte kollektiver Unzufriedenheit
Innerhalb der Ursachen, die zur Vernichtung der deutschen Juden durch den Nationalsozialismus geführt haben, spielen Judenfrage und Antisemitismus nur eine untergeordnete Rolle. Diese Behauptung klingt paradox. Sie wird jedoch bewiesen werden durch eine Analyse der wirklichen Ursachen, die am Aufkommen des Nationalsozialismus mitgewirkt haben. Das Wesen des Nationalsozialismus erklärt sich ebensowenig allein aus dem Antisemitismus wie aus den Folgen der deutschen Nachkriegskrise oder dem Abwehrkampf des in die Verteidigung gezwungenen Monopolkapitalismus. Diese Faktoren haben lediglich eine Entwicklung zu ihrem Höhepunkt gebracht, die sich seit langer Zeit vorbereitet hatte.
Es liegt eine historische Tragik darin, daß die Emanzipation der Juden in eine Gesellschaft hinein erfolgte, die auf Konkurrenzwirtschaft beruhte. Zwar ist dieser Zusammenhang ganz gewiß nicht zufällig; es war wesentlich der durch die freier gewordene Wirtschaft bedingte Geist der Zeit, der die Emanzipation bewirkt hat. Aber gerade dieser inneren Abhängigkeit der Judenbefreiung von einer Zeit, deren wirkende Kräfte zugleich dazu geeignet waren, die Errungenschaften der Freiheit selbst in Frage zu stellen, wohnt eine tragische Note inne. Wenn wir um des Denkexperimentes willen einmal für einen Augenblick bei der Vorstellung verweilen, daß die Juden in eine nichtkonkurrierende Wirtschaft, etwa das mittelalterliche Zunftsystem hinein emanzipiert worden wären, wird uns der Unterschied klar werden. Nehmen wir an, die Zünfte hätten sich bereiterklärt, jüdische Gesellen und Meister unter den gleichen Bedingungen wie nichtjüdische aufzunehmen. Nehmen wir weiter an, daß trotz einer gewissen Voreingenommenheit der jüdischen Handwerker für Methoden des Wettbewerbs, die sie aus ihrer früheren Stellung außerhalb der Berufsverbände mitbrachten, diese Regelung schließlich zu einem normalen Ruhestand reibungsloser Zusammenarbeit geführt hätte. Die Folge wäre gewesen, daß einerseits die jüdischen Zunftmeister ihr gesichertes Auskommen gehabt hätten, daß anderseits der Versuch, entgegen den geltenden Zunftregeln eine Vergrößerung ihres Umsatzes auf Kosten der Zunftgenossen anzustreben, zu ihrem Ausschluß und so zum sofortigen Verlust ihres Einkommens geführt hätte. Aber eine derartige gebundene Wirtschaft hätte nicht nur Zusammenstöße jüdischer und nichtjüdischer Interessen auf wirtschaftlichem Gebiet wesentlich vermindert: eine statische, in feste Satzungen gebundene und in auskömmliche Erwerbssphären aufgeteilte Wirtschaft gibt an sich dem Menschen Sicherheit. Sie bewahrt ihn gewiß nicht vor persönlichem Unglück, und sie macht ihn auch außerordentlich „verbands-bewußt“, so daß der Stolz auf den eigenen und die Geringerwertung eines anderen Verbands häufig für eine Abreaktion „unechter“ psychischer Bedürfnisse herhalten muß. Aber die wirtschaftliche Sphäre als solche gibt normalerweise nicht Anlaß zum Entstehen starker Unlustgefühle. Die Unluststeigerung während der Krisen fällt weg, weil es Krisen in einer gesunden statischen Wirtschaft nicht gibt. Und der in eine solche Wirtschaft hineinemanzipierte Jude hätte nach einer kurzen Übergangszeit nicht mehr als eine wirtschaftliche Beeinträchtigung empfunden werden können, da eine Konkurrenzmöglichkeit nicht bestand.
Dieses reichlich irreale Denkexperiment mit einer Reihe von praktisch unmöglichen Voraussetzungen sollte dazu dienen, uns an einem Gegensatz klarzumachen, unter wieviel ungünstigeren Bedingungen die jüdische Emanzipation tatsächlich erfolgt ist. Das 19. Jahrhundert ist in ganz West- und Mitteleuropa ein Jahrhundert rascher wirtschaftlicher Entwicklung gewesen. Die „industrielle Revolution“ hatte zwar in England schon im späten 18. Jahrhundert eingesetzt, und ihr Äquivalent in Deutschland trat erst in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts in sein entscheidendes Stadium ein; aber trotz diesen beträchtlichen zeitlichen Unterschieden ist sämtlichen Ländern das eine gemeinsam, daß die wirtschaftliche Entwicklung des Industrialismus zur Zeit der Emanzipation in sehr raschem Tempo vor sich geht. Der Industrialismus nun ist diejenige Phase des Kapitalismus, in der – wie der Name sagt – die Maschinenarbeit an die Stelle der handwerklichen Produktion und der Manufaktur tritt. Dieser Übergang bedeutet in jedem Falle eine überaus folgenreiche und umfassende Neuordnung aller wirtschaftlichen Verhältnisse, eine echte Revolutionierung, wie der englische Ausdruck zutreffend andeutet. An die Stelle der statischen Wirtschaft, die wir soeben sehr schematisch und unzulänglich skizzierten, tritt eine dynamische.* Das Mitglied der Zunft hat nicht länger sein Auskommen, das durch Tradition und geltendes Recht garantiert wird, sondern diese alte Gesetzgebung wird allenthalben abgebaut und revidiert zugunsten einer freien Konkurrenz.** Damit wird auf wirtschaftlichem Gebiet der Kampf aller gegen alle ausgelöst. Alle Bindungen werden beseitigt, die bis dahin die wirtschaftliche Betätigung nicht nur gehemmt, sondern auch geschützt hatten. Das Streben nach „Auskommen“ wird abgelöst durch das Streben nach „Gewinn“, die Herrschaft der „Sitte“ durch das wirtschaftliche Kalkül; an die Stelle der Tradition tritt der Fortschritt, an die Stelle der Qualität die Verkäuflichkeit. Das bedeutet, mit einem Wort, die Verwandlung eines ruhigen, sicheren Lebens und Arbeitens in ständige Bewegung, in Wettstreit, Kampf, Hast und Unsicherheit. Der Mensch ruht nicht mehr in der sicheren Hut seiner alten überkommenen Vorschriften und nicht mehr in der gewohnten Nähe seiner Verbandsgenossen. Er ist aus der Enge des vorgezeichneten Weges gelöst, er steht allein, von Feinden umgeben.***
Im Zeichen der freien Konkurrenz wird aber nicht nur das Individuum aus der schützenden Gemeinschaft herausgelöst und auf sich selbst gestellt, auch die Wirtschaft selbst wird sozusagen „emanzipiert“. Auch sie wird befreit von den gesetzlichen Umklammerungen und hineingestellt in ihre eigene wirtschaftliche Gesetzlichkeit. Diese wirtschaftliche Gesetzlichkeit führt aus Gründen, die wir hier nicht nachzuprüfen haben, zu Konjunkturschwankungen, das heißt zu einem Wechsel von Hochkonjunkturen und Absatzstockungen. Von der Produktionssphäre auf den Arbeitsmarkt übertragen heißt das: Perioden einer relativ hohen Nachfrage nach Arbeitnehmern wechseln mit einem Überangebot an Arbeitskraft, das heißt mit Arbeitslosigkeit.
So werden zwei Richtungen erkennbar, aus denen dem wirtschaftenden Menschen des industriellen Zeitalters Erschwerungen erwachsen. Einmal die individuelle Notwendigkeit, sich einer in ständigem Fluß befindlichen Wirtschaft anzupassen, innerhalb deren Stillstand Rückschritt bedeutet. Die Notwendigkeit, mit einer sich immer vergrößernden Zahl von Konkurrenten Schritt zu halten und sich im Kampfe mit ihr durchzusetzen, zwingt zur Vornahme dauernder Veränderungen, Vergrößerungen, Beschleunigungen in Warenproduktion und Warenumsatz.* Aber selbst eine erfolgreiche Bewältigung solcher individueller Konkurrenzprobleme sichert den freien Unternehmer keineswegs vor Rückschlägen, ja vor einem eventuellen Existenzverlust: die zweite Gefahr nämlich droht von den Konjunkturrückschlägen, die selbst – ja gerade infolge etwaiger gewagterer Investitionen – den erfolgreichen Geschäftsmann mit Verlusten bedrohen.
So etwa liegen die Verhältnisse für den Geschäftsmann, der den oberen Schichten der neuen Wirtschaft angehört, für den Kaufmann und den Industriellen, deren schwierige wirtschaftliche Funktionen durch die gewaltigen Erfolgschancen der Wirtschaft reichlich kompensiert werden. Das Bild wird noch unfreundlicher, wenn wir jene Schichten betrachten, denen die neue Wirtschaft des 19. Jahrhunderts grundsätzlich nicht so günstig ist wie den bisher erwähnten. Der Handwerker, der den Anschluß an die maschinelle Produktion nicht oder noch nicht gefunden hat, hat nicht nur die freie Konkurrenz mit seinesgleichen, sondern auch die ungleich schwierigere mit der Fabrik zu bestehen. Für ihn ist der Kampf in vielen Fällen aussichtslos, da seine Produktionsmethode selbst und nicht nur ein etwa unzulängliches persönliches Verfahren die Schuld an seiner wirtschaftlichen Unterlegenheit trägt. Auch bei vielen Inhabern von Kleinbetrieben, in Produktion und Verteilung, liegt eine solche strukturelle Unterlegenheit vor.
Eine ganz besondere Stellung in der Geschichte der industriellen Wirtschaft nehmen die Lohnarbeiter ein. Sie sind recht eigentlich die Voraussetzung und immer neu auch das Produkt der industriellen Wirtschaft. Sie sind ohne Besitz und darum den Härten des Wirtschaftskampfes besonders schutzlos preisgegeben. Gerade deshalb aber sind sie die ersten, die den- zweifelhaften, den für sie nahezu illusorischen Vorteilen der freien Konkurrenz gegen ihresgleichen freiwillig entsagen und sich, indem sie die Struktur der freien Wirtschaft durchbrechen, zu Korporationen zusammenschließen. Den Gefahren der Arbeitslosigkeit bleiben sie trotzdem in stärkstem Maße ausgesetzt. Daß ihre objektive wirtschaftliche Schwäche, ihr Leben in ständiger Nähe des Existenzminimums und ihre durchschnittliche Unbildung sie trotzdem nur in Ausnahmefällen in die Reihen des politischen Antisemitismus geführt haben, ist um so erstaunlicher, als ihnen der Druck des Kapitalismus häufig genug in der Person eines jüdischen Arbeitgebers oder Kaufmanns entgegentrat. Wir werden auf dieses Phänomen in anderem Zusammenhang noch eingehen.
Unter den Schichten, die durch den Kapitalismus in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten sind, muß schließlich die Landwirtschaft noch betrachtet werden. Auch auf ihr lastet zur Zeit der industriellen Entwicklung, ähnlich wie auf dem Handwerk, die gesamte Struktur der neuen Wirtschaft, oder richtiger: der durch die neue Wirtschaft ausgelösten Wirtschaftspolitik. Ganz allgemein wächst mit dem industriellen Aufschwung auch der Bedarf an Agrarprodukten. Aber die erstarkende und sich politisch organisierende Industrie läßt die heimische Landwirtschaft die Folgen dieser Konjunktur nicht lange genießen. Sie strebt danach, die Preise der landwirtschaftlichen Produkte und damit die Arbeitslöhne so niedrig wie möglich zu halten, und tritt deshalb für eine Aufhebung der Agrarzölle ein. Selbst wenn, wie in Deutschland, dieser Kampf nach einer Zeit des Freihandels zugunsten der Landwirtschaft entschieden wird (Bismarcks Übergang zur Schutzzollpolitik 1878), ist er damit keineswegs beendet. Nicht nur schränkt Bismarcks Nachfolger Caprivi die Schutzzollpolitik wieder ein, sondern die Landwirtschaft leidet auch ständig unter chronischen Übeln wie Verschuldung, Güterzerschlagung, unrationeller Wirtschaft und so weiter.*
Zwar stellt sich dieser Kampf der Landwirtschaft für Großgrundbesitzer anders dar als für Bauern; aber beide Schichten sind sich bei vielen inneren Differenzen doch einig darin, daß sie sich als die Stiefkinder der industriellen Entwicklung empfinden. Die Redensart: „Landwirte klagen immer“ war in Deutschland wohlbekannt. Es verdient für später auftauchende Gesichtspunkte festgehalten zu werden, daß die Landwirtschaft in steigendem Maße darauf angewiesen war, die ihre Existenz erhaltenden Agrarzölle mit außerwirtschaftlichen, vor allem militärischen Argumenten zu unterbauen. Sie wies darauf hin, daß Deutschland im Kriegsfall eine eigene Landwirtschaft nötig hätte und deshalb gezwungen wäre, sich seine Landwirtschaft selbst unter wirtschaftlichen Opfern zu erhalten.
Diese knappe Übersicht über die Situation der hauptsächlichen Berufsgruppen in der industriellen Wirtschaft gibt absichtlich ein einseitiges Bild. Sie vernachlässigt den ungeheuren wirtschaftlichen Aufschwung, den tatsächlich jede Gruppe durch den Kapitalismus genommen hat, das unerhörte Anwachsen an materiellem Reichtum, die Fortschritte in dem äußeren Wohlleben selbst der relativ gedrückten Bevölkerungsschichten. Hier, wo es uns darauf ankommt, den Ursachen des Entstehens weit verbreiteter Unlustgefühle auf die Spur zu kommen, mußten wir mit gutem Grund auf die Schwierigkeiten hinweisen, um deren Preis der wirtschaftliche Fortschritt erkauft wurde. Weil es für diese objektive Maßstäbe nicht gibt, wie sie für den wachsenden Reichtum, die steigende Bevölkerungszahl, die Fortschritte der Technik zur Verfügung stehen, wird diesem veränderten Lebensgefühl der frei konkurrierenden Erwerbswirtschaft gemeinhin nur geringe Beachtung geschenkt. Geschichts- und Wirtschaftsgeschichtswerke sind voll von Bewunderung für die gewaltigen Errungenschaften dieser Zeit. Kein Zweifel, daß sie die Menschen freier, reicher und – abgesehen von den Gesundheitsschädigungen der frühkapitalistischen Arbeitsweise – körperlich gesünder gemacht haben. Diese Leistungen sind so gewaltig, daß eine sentimentale Klage um die „gute alte Zeit“ durchaus fehl am Platze wäre. Berechtigt aber ist die Frage, ob die neue Zeit die Menschen glücklicher gemacht hat. Glück ist, wie erwähnt, nicht meßbar; aber wenn man Stärke und Allgemeinheit der trotz allem wirtschaftlichen Aufstieg vorhandenen Unsicherheit in Rechnung stellt80 und dazu die anwachsende Verbreitung nervöser Störungen, wie sie vorwiegend aus einer mangelhaften Bewältigung von Lebensschwierigkeiten entstanden sind, so wird man an einem Zuwachs an menschlichem Glück, der dem technischen Fortschritt entspräche, mit Fug zweifeln dürfen.*
So ist es denn nicht zu verwundern, daß der Kapitalismus trotz seinen großartigen Errungenschaften es nicht fertiggebracht hat,, die von ihm gestaltete Zeit mit Sympathien für sich zu erfüllen. In seiner tragischen Verteidigungsschrift81 – tragisch, weil der Verfasser trotz den dem Kapitalismus nach seiner Ansicht noch heute innewohnenden Kräften nicht an seine Zukunft glaubt – bezeichnet Joseph Schumpeter „gefühlsmäßige Zuneigung“ zu seiner gesellschaftlichen Ordnung als „den Inbegriff dessen, was der Kapitalismus seinem Wesen nach unfähig ist hervorzurufen“.82 Er spricht von einer „Atmosphäre von nahezu allgemeiner Feindseligkeit gegen seine eigene soziale Ordnung“, die der Kapitalismus schaffe83 und erklärt die Verurteilung des Kapitalismus und aller seiner Schöpfungen geradezu für ein „Erfordernis der Gesprächsetikette“.84 Schumpeters ambivalente Haltung wird am besten charakterisiert durch seine Formel „Schöpferische Zerstörung, in der er das eigentliche Wesen des Kapitalismus sieht.85 Sombart spricht in ähnlicher Weise von dem sonst von ihm überschwenglich gepriesenen Wirtschaftssystem als von einem „Hexensabbath“, „den die Menschheit seit Beginn des 19. Jahrhunderts aufführt“ 86, von einem „Riesen“, der „fessellos durch die Lande“ jage, „alles niederreißend, was sich ihm in den Weg stellt“. Er empfiehlt, gegen ihn wie gegen eine Feuersbrunst „Schutzvorkehrungen zu treffen, Leib und Leben zu sichern, Löscheimer aufzustellen“.87 An mehreren Stellen schildert er die dem Kapitalismus innewohnende Eigenschaft, den wirtschaftenden Menschen unablässig zu immer neuem Kraftaufwand anzutreiben88 und die „Energieausgabe des modernen Wirtschaftsmenschen extensiv wie intensiv bis an die Grenze des Menschenmöglichen“ zu steigern. Er spricht von den „bis zum Wahnsinn arbeitenden Menschen“, die „beständig vor Überanstrengung zusammenzubrechen drohen“.89
Wir haben absichtlich zwei Kritiker für viele andere sprechen lassen, die ohne – jedenfalls ihnen selbst bewußte – Vorurteile gegen den Kapitalismus seine Bilanz ziehen. Eine Aufzählung sozialistischer Verdammungsurteile, an denen gewiß kein Mangel ist, wäre weit weniger beweiskräftig gewesen. Daß aber zwei Volkswirtschafter, die sich der kapitalistischen Leistung so bewußt sind wie die zitierten, so vernichtende Gesamturteile zu fällen sich gezwungen sehen, dürfte die inneren Disharmonien des Systems zur Genüge beleuchten. Für unsere Beweisführung von geradezu überragender Bedeutung ist, daß sie die hauptsächlichen Schäden innerhalb der menschlichen Sphäre feststellen. Wohl erschließen sich den Menschen durch technische Fortschritte und den Fortfall gesetzlicher Schranken noch nie dagewesene Chancen des wirtschaftlichen Aufstiegs, – aber sie zahlen dafür mit einer so riesigen Kraftanstrengung, daß der Preis zu hoch erscheint. Das Leben ist mannigfaltiger und reicher geworden, aber Vielgestalt und Reichtum haben es nicht leichter gemacht, sondern schwerer. Ein Beispiel dafür bildet das chancen- und abwechslungsreiche Stadtleben, das mit seinem atemraubenden Tempo immer mehr Menschen dem Landleben entzieht. Schwer und nervenzerrüttend ist das Leben für den erfolgreichen Unternehmer selbst in einer Phase aufsteigender Konjunktur. Es wird schwerer und zerrüttender mit jedem Stillstand und Konjunkturrückgang. Das Leben ist voller Enttäuschung und vergeblichem Bemühen für den Handwerker, für den Besitzer eines kleinen Unternehmens, für den Landwirt, für den Bauern selbst in einer expansiven Phase. Seine Schwierigkeiten steigern sich in der Krise bis zur Verzweiflung. Für den Lohnarbeiter, der sich auch in Zeiten voller Beschäftigung nur mühevoll an der Grenze des Existenzminimums dahinschleppt, ist das Leben eintönige stumpfe Schufterei. Eine längere Arbeitslosigkeit bedeutet für ihn die materielle und moralische Katastrophe. Kein Zweifel, es gab in der Geschichte des 19. und frühen 20. Jahrhunderts auch Perioden des Aufstiegs, die allen Schichten zugute kamen, etwa während der fünfziger Jahre90 und in Deutschland in der berühmten „Gründerzeit“ nach dem Abschluß des deutsch-französischen Krieges 1871. Im ersten Falle folgte die Krise im Jahre 1857 nach einem Wertsturz amerikanischer Eisenbahnobligationen91, im zweiten schon nach zwei Jahren, 1873, infolge eines Bankkrachs in Wien. Zwischen 1873 und 1901 liegen noch drei weitere Wellen von Rückschlägen mit darauf folgender Erholung92. So stand neben der Genugtuung über jede wirtschaftliche Aufwärtsbewegung immer auch schon die Angst vor einem neuen Zusammenbruch.
Die Frage, warum das 19. Jahrhundert eine so besonders fruchtbare Brutstätte für kollektive Unlustgefühle, mit anderen Worten, für die „unechten“ Entstehungsursachen des Antisemitismus bildete, kann mit dem bisher Gesagten schon als wenigstens teilweise beantwortet gelten. Wo, wie Milton Steinberg sagt93, „die Hand jedes Menschen sich gegen seinen Bruder erhebt“, wo „der Fortschritt des Einen nur möglich ist auf Kosten des Anderen“, da wachsen nicht nur Unlust und Aggressivität in allen Kreisen, sondern da werden auch die Schichten, die – wie Klein-, Mittelbürger und Intellektuelle – den direkten Wettbewerb der Juden zu spüren bekommen, empfänglich für diskriminierende Gedankengänge, die ihnen die Aussicht eröffnen, möglichst die ganze Gruppe von Konkurrenten auf einmal loszuwerden. Diesem Wunsche würde grundsätzlich durch die Entfernung jeder Gruppe von Konkurrenten Genüge geschehen, er richtet sich gegen die Konkurrenz insgesamt und nicht gegen die Juden. Allein die Tatsache,- daß die Juden „fremd“ und „anders“ sind oder so hingestellt werden, läßt den Wunsch, der latent immer vorhanden ist, plötzlich erfüllbar erscheinen. Die Angst vor der Konkurrenz begleitet den Kampf gegen die Juden von Anfang an als ständiges Leitmotiv. In der Frühzeit der Emanzipation wurde es in voller Offenheit angeschlagen*, während man es später aus allen möglichen Variationen heraushören muß. Diese Entwicklung bezeichnet in etwa seine Verwandlung von einem in unserem Sinne „echten“ zu einem „unechten“ Motiv des Antisemitismus. Da nämlich, wo es sich um Konkurrenz Fremder oder wo es sich um unlautere oder auch nur dem Herkommen widersprechende Konkurrenz handelt*, liegt ein echter Antagonismus vor, eine legitime Selbstbehauptung der autochthonen, das heißt der mit herkömmlichen Mitteln arbeitenden Gruppe. Verschwindet aber, wie im Falle der emanzipierten Juden des 19. und 20. Jahrhunderts, die Fremdheit in gleichem Maße mit den anfänglich angewandten ungewohnten und traditionsfremden Methoden, so wird die Ausschaltung der Gruppenkonkurrenz mit zunehmend schlechterem Gewissen gefordert. Man versucht dann, die Fremdheit wieder vorzutäuschen, Unlauterkeit der Geschäftsmethoden zu behaupten; man spricht von „Übermacht“, „Vorherrschaft“ der Minderheit, von „Überfremdung“, um so scheinbar objektive „echte“ Gründe für die Abwehr der Konkurrenz in den Vordergrund zu rücken. Man arbeitet schließlich mit allen möglichen Vorwänden und Kampfparolen, die dazu bestimmt sind, das wirtschaftliche Motiv völlig zu vertuschen, und die in ihrem Kern doch dem „unechten“ Antrieb der reinen Wirtschaftsangst ihre Entstehung verdanken.
Obgleich die vorstehenden Bemerkungen dazu bestimmt waren, zu verdeutlichen, mit welchen aus der wirtschaftlichen Sphäre stammenden Schwierigkeiten jede Gruppe, die in eine konkurrierende Gesellschaft hinein emanzipiert wird, zu rechnen hat, dürfen sie doch nicht ohne einen spezifischen Hinweis abgeschlossen werden. Es ist nicht so, als ob die Juden nur „irgendeine“ solche Gruppe darstellten; ihr Verhältnis zum wirtschaftlichen Wettbewerb ist von ganz besonderer Art. Wir haben bereits weiter oben auf die Vorherrschaft der Juden im Waren- und Geldhandel, sowie auf ihren Ausschluß aus den der Konkurrenz abgeneigten mittelalterlichen Wirtschaftsverbänden hingewiesen. Beide Tatsachen zusammen mit ihren Voraussetzungen und Folgeerscheinungen genügen, um zu erklären, warum die Juden eine besondere Eignung und Neigung, mit einem Worte, das, was Sombart „Wirtschaftsgesinnung“ nennt, für die freie Konkurrenzwirtschaft mitbrachten. Man braucht keineswegs so weit zu gehen, in ihnen, wie Sombart94, die Schöpfer des Kapitalismus zu sehen und zum Beweise dafür ihre Religion und Frühgeschichte heranzuziehen, um ihre hervorragende Rolle in der Entwicklung und Ausbreitung kapitalistischer Methoden uneingeschränkt zu würdigen. Die historische Tragik, die in dem zeitlichen Zusammenfall der jüdischen Emanzipation mit einer besonders markanten Entwicklungsphase der kapitalistischen Wirtschaft liegt, kann erst dann völlig begriffen werden, wenn man die besondere Beziehung erkennt, die zwischen den Juden und gerade dieser Wirtschaftsform besteht, die eine so gewaltige Feindseligkeit unter den Menschen hervorgerufen hat. Ganz gleich, ob die Juden durch eine ihnen eingeborene Anlage oder durch ihre historische Situation auf Wirtschaftsrationalismus und Wettbewerb hingelenkt wurden, überall wirkten sie als kapitalistische Pioniere. Sie traten nicht nur als gewöhnliche Konkurrenten in eine Gesellschaft ein, in der fortan in gesteigertem Maße „homo hominis lupus“ war, sondern sie zeigten sich als besonders befähigte, äußerst bewegliche und vorwärtstreibende Konkurrenten. Frei von der mittelalterlichen Tradition, an der sie nicht hatten teilhaben dürfen, frei von sentimentalen Bindungen verschiedener Art, die in ihrer Umgebung noch lange hemmend nachwirkten, auch als die kapitalistische Wirtschaftsauffassung offiziell schon lange herrschend geworden war, betätigten sie sich konsequent nach den nunmehr nicht mehr erlaubten, sondern immanent geforderten Wirtschaftsprinzipien. So wurden sie die Träger der „schöpferischen Zerstörung“, die sichtbaren Symbole einer die Menschen gegeneinanderstellenden und ganze Schichten mit Vernichtung bedrohenden neuen Ära. „Je mehr sich jüdisches Wesen durchsetzt, desto ausschließlicher kommt die kapitalistische Organisation zur Anwendung“, sagt Sombart95, um nur eine Stelle für viele andere anzuführen. Und er fährt fort: „Ganz besonders deutlich kommt diese jüdische Mission – den Übergang zum Kapitalismus zu befördern – dort zum Ausdruck, wo es gilt, die heute noch konservierten Reste vorkapitalistischer Organisation aus der Welt zu schaffen: in der Zersetzung der letzten Handwerke und der handwerksmäßigen Krämerei. Man kann getrost sagen, daß etwa Schneiderei, Schuhmacherei, Tischlerei, Bauhandwerk zum großen Teil der rastlosen Tätigkeit jüdischer Geschäftsmänner ihren Untergang verdanken.“ Man wird sich nicht wundern, daß Sombart mit den Worten schließt, die auch uns wieder in unsere eigentliche Betrachtung zurückführen: „Weshalb denn sich gerade in jenen Kreisen des sinkenden Handwerks ein durchaus naturwüchsiger Antisemitismus entwickelt hat, der sich, wie es solchen blinden Volksbewegungen eigen zu sein pflegt, an die greifbare Form (das Judentum) statt an den inneren Kern (den Kapitalismus) hält.“
Das Leben wird schwerer, gleichzeitig tritt die Masse der Juden – im Unterschied zu den vorher allein privilegierten wenigen – in die Gesellschaft ein. Das Leben wird nicht schwerer durch die Juden; aber es scheint den unmittelbar Betroffenen oft so, weil die erschwerenden Umstände häufig durch Juden personifiziert in ihr Bewußtsein treten. Es liegt auf der Hand, daß ein solches Zusammentreffen dem Antisemitismus Nahrung geben mußte. Zwar kam der Jude in seiner äußeren Erscheinung, in seinem Denken, Fühlen und Verhalten dem Nichtjuden unablässig näher. Er sprach kein fremdes Idiom mehr, kleidete sich wie seine Nachbarn, er fiel immer weniger heraus aus dem allgemeinen gesellschaftlichen Bild.* Aber Vorurteile waren noch vorhanden, neue Antipathien wurden geboren, und ein allgemeines Bedürfnis, seine durch den schweren Lebenskampf fortwährend neu genährte Aggressivität an einem geeigneten Symbol zu entladen, wartete auf Befriedigung.
Derartige aufeinander angewiesene Antriebe mußten sich schließlich zusammenfinden. Sie bildeten die nie versagende Quelle des latenten Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhunderts, aus der Schriftsteller und Politiker jederzeit schöpfen konnten, wenn es ihnen aus irgendwelchen Gründen wünschenswert erschien. Ja die Quelle besitzt sogar eine Eigenschaft, von der man sagen könnte, daß sie ans Wunderbare grenze, wenn sie nicht so leicht zu erklären wäre: die Quelle floß nämlich desto reichlicher, je mehr Wasser man ihr entzog. Mit anderen Worten: je mehr Antisemitismus man für politische Zwecke mobilisierte, desto stärker wurde seine Verbreitung. Das besagt aber gar nichts anderes, als daß durch die wirksame Agitation immer mehr latente Aggressivität, immer mehr „unechte“ antisemitische Antriebe in das Flußbett der Judenfrage gelenkt wurden. Das antisemitische Symbol schlug andere Antisymbole siegreich aus dem Felde. Wäre nicht zur gleichen Zeit die am härtesten von der wirtschaftlichen Entwicklung betroffene Schicht, die Arbeiterschaft, durch die überlegene Symbolik des Sozialismus in eine rationalistische und humanitäre Richtung gelenkt worden, so wären zweifellos auch von daher dem Antisemitismus weitere Kraftströme zu Hilfe gekommen. So aber wurde sein Kräftereservoir vorwiegend von der am hoffnungslosesten leidenden Schicht gestellt: von der zwischen Großkapital und Arbeiterschaft eingekeilten Kleinbürgerschaft.96
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