Kitabı oku: «Multiple Sklerose erfolgreich behandeln - mit dem Paläo-Programm»

Yazı tipi:

Terry Wahls

mit Eve Adamson

Multiple Sklerose erfolgreich behandeln

mit dem Paläo-Programm


VAK Verlags GmbH

Kirchzarten bei Freiburg

Titel der amerikanischen Originalausgabe:

The Wahls Protocol

© 2014 by Terry Wahls, M.D.

ISBN 978-1-58333-521-5

All rights reserved including the right of reproduction in whole or in part in any form. This edition is published by arrangement with Avery, a member of Penguin Group (USA) LLC, A Penguin Random House Company.

Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wurde im Text die männliche Form gewählt; alle Angaben beziehen sich selbstverständlich auf Angehörige beider Geschlechter.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

VAK Verlags GmbH

Eschbachstraße 5

79199 Kirchzarten

Deutschland

www.vakverlag.de

© VAK Verlags GmbH, Kirchzarten bei Freiburg 2014

Übersetzung: Rotraud Oechsler

Lektorat: Nadine Britsch

Layout: Karl-Heinz Mundinger, VAK

Coverfoto: Will Heap / Dorling Kindersley / Getty Images

Umschlag: Kathrin Steigerwald, Hamburg

Satz & Druck: Friedrich Pustet GmbH & Co. KG, Regensburg, Printed in Germany

ISBN: 978-3-86731-159-5 (Paperback)

ISBN: 978-3-95484-321-3 (ePub)

ISBN: 978-3-95484-322-0 (Kindle)

ISBN: 978-3-95484-323-7 (PDF)

Inhalt

Vorbemerkung

Einleitung

Teil 1

Einführung

Kapitel 1

Leben, Krankheit und Sie – wissenschaftlich gesehen

Kapitel 2

Autoimmunität: Schulmedizin kontra funktionelle Medizin

Kapitel 3

Der Einstieg

Teil 2

Essen Sie Ihre Zellen gesund

Kapitel 4

Die Anfänge meines Ernährungsprogramms

Kapitel 5

Ein guter Start: Das Basis-Programm

Kapitel 6

Das Paläo-Programm

Kapitel 7

Das Paläo-Plus-Programm

Teil 3

Was außer der Ernährung auch noch wichtig ist

Kapitel 8

Reduzieren Sie die Belastung durch Umweltgifte

Kapitel 9

Sport und elektrische Nervenleitfähigkeit

Kapitel 10

Medikamente, Nahrungsergänzungsmittel und Alternativmedizin

Kapitel 11

Der Umgang mit Belastungen und Stress

Kapitel 12

Genesung

Epilog

Hier endet meine Geschichte – und Ihre beginnt!

Meine Rezepte für Sie

Anhang A

Übersicht aller Nahrungsmittel

Nahrungsmittelübersicht für alle Stufen des Ernährungsprogramms

Anhang B

Nährstoffe im Vergleich

Anhang C

Ressourcen

Danksagungen

Literaturverzeichnis

Über die Autorin

Für Jackie

Sie gab mir die Kraft, die Herausforderungen und Freuden dieses Lebens zu meistern.

Hinweise des Verlags

Dieses Buch dient der Information über Möglichkeiten der Gesundheitsvorsorge. Wer sie anwendet, tut dies in eigener Verantwortung. Autorin und Verlag beabsichtigen nicht, Diagnosen zu stellen oder Therapieempfehlungen zu geben. Die hier vorgestellten Vorgehensweisen sind nicht als Ersatz für professionelle Behandlung bei ernsthaften Beschwerden zu verstehen.

Die vorgestellten Kochrezepte sind genau zu befolgen. Autorin und Verlag übernehmen keine Verantwortung für besondere gesundheitliche oder allergiebedingte Bedürfnisse, die ärztlich überwacht werden müssen, oder für Nebenwirkungen, die durch diese Rezepte auftreten könnten.

Hinweise zu den Schutzrechten

Die Begriffe Wahls-Protocol™, Wahls™ Diet, Wahls Paleo™ und Wahls Paleo Plus™ sind eingetragene Warenzeichen der Dr. Terry Wahls GmbH.

Vorbemerkung

Viele meiner Mitstreiter, die dankenswerterweise ihre Geschichten zu diesem Buch beigesteuert haben und zitiert werden, haben das unter Nennung ihres wirklichen Namens und Wohnortes getan, doch einige wollten lieber anonym bleiben. Deren Namen und Orte wurden verändert, um ihre Privatsphäre zu schützen.

Die Zusammensetzung der Nährstoffe von Rezepten und Speisenfolgen wurde mithilfe eines Datensystems aus der Nährstoffforschung berechnet, der sogenannten Nutrition Data System for Research Database (NDSR, Version 2012; © Regents of the University of Minnesota). Interessierte finden diese Informationen im Internet (in englischer Sprache) unter: www.ncc.unmn.edu/products/ndsr.html

Der Gesamtnährstoffgehalt bezieht sich auf alle Zutaten, mit Ausnahme derer, die als optional ausgewiesen sind. Ist eine Auswahl von Zutaten angeboten, liegt die Nährstoffzusammensetzung des ersten Postens den Berechnungen zugrunde. Wir haben die Genauigkeit dieser Daten nach bestem Wissen und Gewissen überprüft; doch Unterschiede bei naturbelassenen und zubereiteten Nahrungsmitteln sowie Abweichungen von den im Rezept oder der Speisenfolge angegebenen Zutaten, Mengen und Zubereitungsweisen wirken sich auf die Nährstoffzusammensetzung aus. Alle Nährstoffangaben sollten daher als Näherungswerte betrachtet werden. Der Rückschluss auf ein bedarfsgerechtes Nährstoffangebot beruht auf den dargestellten exemplarischen Speiseplänen und den aktuellen Nährstoffempfehlungen für Frauen meiner Altersklasse (52 bis 71 Jahre), deren Kalziumbedarf höher ist als der von Frauen, die noch nicht in den Wechseljahren sind, oder der von Männern unter 71 Jahren. Beachten Sie bitte, dass die Nährstoffempfehlungen ansonsten, unabhängig von den Altersgruppen, relativ ähnlich sind. Sie sollten Ihren persönlichen Nahrungs- und Nährstoffbedarf immer mit Ihrem behandelten Arzt absprechen und unsere Konzepte an Ihre Situation anpassen.

Haftungsausschluss

Medizin und Ernährungswissenschaft sind in einem ständigen Wandel begriffen. Mit der Erweiterung unseres Wissens durch neue Forschungen und klinische Erfahrungen verändern sich auch Ernährungsempfehlungen, Behandlungsformen und medikamentöse Therapien. Die Autoren haben die Quellen, die sie für zuverlässig erachten, nach bestem Wissen und Gewissen geprüft, um Sie mit vollständigen Informationen zu versorgen, die allgemein den zum Zeitpunkt der Veröffentlichung geltenden Standards entsprechen. Da jedoch menschliche Fehler oder Veränderungen in der Medizin im Bereich des Möglichen liegen, übernehmen weder die Autoren, noch der Verlag oder Dritte, die an der Erstellung oder Veröffentlichung dieser Arbeit beteiligt waren, die Garantie dafür, dass die enthaltenen Informationen in jeglicher Hinsicht genau oder vollständig sind. Sie übernehmen auch keine Verantwortung für Fehler oder Versäumnisse oder die Ergebnisse, die durch die Nutzung dieser Informationen entstehen. Die Leserinnen und Leser sind aufgerufen, sich auch mithilfe weiterer Quellen kundig zu machen und die Informationen abzugleichen.

Die amerikanische Zulassungsbehörde FDA hat keine meiner gemachten Aussagen auf meinen Internetseiten, in meinen Vorträgen oder in meinen Büchern einer Prüfung unterzogen. Dieses Buch dient lediglich der Schulung. Diagnosen, Behandlungen, Heilungen oder die Verhinderung von Krankheiten sind nicht beabsichtigt. Dieses Buch basiert auf Hunderten von Studien aus der Grundlagenforschung, aus Tierversuchen, Hunderten von klinischen Studien am Menschen, meiner eigenen Erfahrung durch meine Arbeit in allgemeinen Krankenhäusern und neurologischen Kliniken, meinen Selbstversuchen im Laufe der letzten zehn Jahre und unserer eigenen klinischen Studie.

Einleitung

Früher war ich Marathonläuferin und bestieg Berge in Nepal. Ich nahm viele Male am amerikanischen Birkebeiner-Skilanglaufrennen über 54 km teil (einmal war ich sogar schwanger), ich habe einen schwarzen Gürtel im Taekwondo und war Bronzemedaillengewinnern im Freikampf der Frauen bei den Vorausscheidungen für die Pan American Games 1978 in Washington DC. Ich fühlte mich unbesiegbar.

Dann erkrankte ich an Multipler Sklerose. Nach jahrzehntelangen beunruhigenden Symptomen, die ich zu ignorieren versuchte, erhielt ich schließlich im Jahr 2000 die Diagnose. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Krankheit schon in meinem Zentralnervensystem ausgebreitet. Die Verschlechterung schritt rasch voran. Innerhalb von zwei Jahren nach der Diagnosestellung konnte ich mit meinen Kindern im Garten nicht mehr Fußball spielen. Im Herbst 2003 machte mich die Visite von Zimmer zu Zimmer im Krankenhaus völlig fertig, und im Sommer 2004 war meine Rücken- und Bauchmuskulatur schon so geschwächt, dass ich einen Rollstuhl brauchte. Innerhalb von drei Jahren nach der Erstdiagnose war die Multiple Sklerose von einem schubförmig remittierenden Verlauf zur sekundären progredienten Form übergegangen. In dieser Phase schreitet die Invalidität trotz zunehmend aggressiver Therapie kontinuierlich voran. 2007 verbrachte ich die meiste Zeit in liegend in einem speziellen Stuhl. Zu diesem Zeitpunkt war ich 52 Jahre alt.

Jeder Multiple-Sklerose-Patient hat eine Geschichte – es sind Jahre voller Hinweise und seltsamer Symptome, die im Rückblick betrachtet letztlich einen Sinn ergeben. Es liegt in der Natur der meisten neurologischen und autoimmunen Erkrankungen, dass die Symptome langsam zunehmen, nach und nach, über einen Zeitraum von Jahrzehnten. So war das auch bei mir. Als Ärztin sah ich mich genötigt, Antworten zu finden: eine Diagnose und ein Heilverfahren. Als Patientin sah ich mich genötigt, mein eigenes Leben zu retten.

Wie die meisten Ärzte konzentrierte ich mich bei meinen Patienten immer darauf, schnell zu einer Diagnose zu kommen und sie dann mit Medikamenten und operativen Maßnahmen zu behandeln – das heißt solange, bis ich selbst Patientin wurde. Die Schulmedizin konnte mir nicht helfen, das sah ich. Ich steuerte geradewegs auf eine Bettlägerigkeit zu. Seit es unseren Beruf gibt, machen Ärzte Selbstversuche, entweder um einen wissenschaftlichen Standpunkt zu belegen oder um sich selbst zu behandeln, wenn die schulmedizinischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. Im Zuge dieser Tradition und angesichts der chronisch progredienten Krankheit, für die es keine Heilung gab, begann ich mit meinen eigenen Selbstversuchen. Was ich nicht erwartete, waren die verblüffenden Ergebnisse, die ich erzielte: Ich brachte meine Krankheit nicht nur zum Stillstand, ich erreichte vielmehr eine spektakuläre Wiederherstellung meiner Gesundheit und meiner körperlichen Funktionen. Was ich dadurch lernte, veränderte meinen Blick auf die gegensätzlichen Bereiche von Gesundheit und Krankheit für immer.

Vor mehr als hundert Jahren sagte Thomas Edison: „Der Arzt der Zukunft wird keine Medikamente mehr verabreichen, aber er wird seine Patienten für ihren Körper interessieren, für eine angemessene Ernährung sowie für die Ursachen von Krankheiten und wie man sie verhindert.“ Das wurde zu meinem neuen Kurs, zu meiner Leidenschaft und meinem Lebenszweck. Ich verstand Gesundheit und Krankheit auf eine völlig neue Weise. Ich war wie neugeboren, körperlich und auch emotional, persönlich und beruflich. Und ich verpflichtete mich leidenschaftlich dazu, anderen Menschen auf diesem Weg zur Seite zu stehen.

Meine Diagnose

Der Stress und der Druck im Studium waren vielleicht die Auslöser der ersten Symptome in den 1980er-Jahren, lange bevor ich überhaupt im entferntesten ahnte, was sie bedeuteten. Ich nannte sie schließlich „Hämmer“ – es waren intensive stechende Gesichtsschmerzen. Sie hielten nur einen Augenblick an und kamen willkürlich, manchmal wellenförmig, bauten sich im Laufe von ein bis zwei Wochen auf und klangen im Laufe der nachfolgenden Wochen allmählich ab. Sie traten mit hoher Wahrscheinlichkeit dann auf, wenn mein Turnus im Krankenhaus am arbeitsintensivsten und härtesten war, mit 36-Stunden-Schichten, die wenig Zeit zum Schlafen ließen. Im Laufe der Jahre wurden sie immer schlimmer, es waren Schmerzen, die Stromschlägen ähnelten und sich anfühlten, als hielte man mir einen elektrischen Viehtreiber ins Gesicht.

Zu dieser Zeit dachte ich, es handle sich nur um eine Verschlimmerung der Gesichtsschmerzen, nichts weiter. Ich dachte, das sei ein isoliertes, ungeklärtes Problem – eines jener medizinischen Geheimnisse, die man eigentlich gar nicht enträtseln muss. Selbst als Ärztin machte ich mir keine großen Gedanken darüber. Ich hatte zu viel mit meinen Patienten zu tun, um mich mit meiner eigenen Diagnose zu beschäftigen. Nie kam mir der Gedanke, dass es sich um ein autoimmunes Problem handeln könnte.

Das war zwar mein erstes Symptom, aber sehr wahrscheinlich nicht der Moment, von dem an die Multiple Sklerose ihren unaufhaltsamen Weg durch mein zentrales Nervensystem zu nehmen begann. Mindestens zehn Jahre vorher, vermutlich sogar schon 20, standen mein Gehirn und die Wirbelsäule bereits unter Beschuss – mein eigenes Immunsystem griff das Myelin an, das die Nerven umhüllt. Ich konnte es zunächst nicht spüren. Ich konnte es jahrelang nicht spüren. Und doch war es so.

Im Laufe der Jahre wurde ich Mutter, zuerst kam mein Sohn Zach zur Welt, dann meine Tochter Zebby. Elternschaft und Vollzeitarbeit lenkten mich ab, aber die Multiple-Sklerose-Uhr tickte. Ich hörte diese Uhr nicht und ignorierte die Warnungen: eingeschränktes Gesichtsfeld und Gesichtsschmerzen. Ich erwartete definitiv von mir, noch mindestens 40 Jahre lang eine aktive, abenteuerlustige, lebenssprühende Frau zu sein. Ich sah mich mit meinen Kindern beim Bergsteigen, auch noch als alte weißhaarige Großmutter. Ich verschwendete keinen Gedanken daran, dass meine ungeklärten Symptome mit etwas so Grundlegendem wie meiner Beweglichkeit oder etwas so Wichtigem wie meinem Denken zu tun haben könnten.

Eines Abends unterhielt ich mich auf einer Dinnerparty mit einer Neurologin und erwähnte beiläufig, dass ich die Farbe Blau im linken Auge etwas anders wahrnahm als im rechten; rechts sah ich sie etwas heller als links. Das schien sie zu interessieren.

„Sie werden eines Tages an Multipler Sklerose erkranken“, sagte sie. Es war das erste Mal, dass das jemand ausgesprochen hatte. Am nächsten Morgen starb mein Vater, und so gingen ihre Worte im Chaos der Trauer unter. Erst Jahre später erinnerte ich mich wieder an diese prophetische Bemerkung.

Als meine Frau Jackie beobachtete, dass ich offenbar einen merkwürdigen Gang hatte, glaubte ich ihr nicht. Ich bemerkte es nicht einmal, bis sie darauf bestand, ein paar Kilometer zu Fuß bis zum nächsten Kiosk gehen, um ein Eis zu kaufen. Als wir zurückkamen, zog ich meinen linken Fuß wie einen Sandsack nach. Ich konnte meine Zehen nicht bewegen. Ich war erschöpft, mir war schlecht und ich hatte Angst. Ich machte einen Termin bei meinem Arzt.

Viele Menschen, die schließlich mit der Diagnose Multiple Sklerose konfrontiert werden, machen ähnliche Erfahrungen. Die Symptome entwickeln sich langsam über viele Jahre hinweg, und es kann weitere Jahre dauern, bis die Diagnose feststeht, wenn sich körperliche Probleme manifestieren und offen zutage treten.

In den folgenden Wochen unterzog ich mich zahlreichen Untersuchungen und fürchtete mich vor jedem Ergebnis. Zu manchen gehörten Blitzlichter und Signaltöne, zu anderen mehr Strom und noch mehr Schmerzen. Mir wurde Blut abgenommen, immer und immer wieder. Ich sagte wenig und ängstigte mich sehr. Alle Ergebnisse waren negativ, und doch war klar, dass mit mir etwas nicht stimmte.

Schließlich waren wir bei der letzten Untersuchung angekommen, der Lumbalpunktion. Sollten sich Proteine, die sich als oligoklonale Banden darstellen lassen, in der Spinalflüssigkeit, dem Liquor, befinden (ein Hinweis auf erhöhte Antikörperwerte), würde das den Verdacht auf Multiple Sklerose stützen. Fiele jedoch auch dieser Test negativ aus, hieße das, dass wahrscheinlich eine „idiopathische Rückenmarksdegeneration“ vorläge (das bedeutet, dass man die Ursache nicht kennt). Angesichts der langen Liste potenzieller Krankheiten, mit denen ich konfrontiert war, erschien mir dies noch als die beste Option. Ich schöpfte Hoffnung.

Als ich am nächsten Morgen aufstand, wusste ich, dass die Ergebnisse in meiner Patientenakte waren. Ich konnte durch Fernzugriff an meinem Computer zu Hause Einblick in die Krankenunterlagen der Klinik nehmen. Ich rief die Laborergebnisse auf. Positiv. Ich stand auf. Ich ging auf und ab. Zwei Stunden später loggte ich mich wieder ein und sah noch einmal nach. Fünfmal machte ich das, in der Hoffnung, meine Ergebnisse würden sich noch verändern. Doch sie blieben gleich.

Nun war es also offiziell: Ich hatte Multiple Sklerose.

Die Verschlechterung

Im Sommer 2000 zog ich mit Jackie und meinen Kindern von Marshfield in Wisconsin nach Iowa. Man hatte mich zur Assistenz-Professorin an der Universität von Iowa ernannt und ich sollte eine leitende Funktion im Allgemeinkrankenhaus für Angehörige und ehemalige Angehörige der US-Streitkräfte übernehmen. Meine Multiple-Sklerose-Diagnose war noch nicht lange her. Ich nahm das MS-Medikament Copaxone® ein, das mein Arzt mir verschrieben hatte, und ich verließ mich in Bezug auf alle Behandlungsentscheidungen voll und ganz auf meine Ärzte. Als Medizinerin war ich darauf konditioniert zu glauben, dass die Ärzte es am besten wissen. Und was wusste ich schon über Multiple Sklerose? Das war nicht mein Fachgebiet. Ich ließ mich von den Besten des Fachs behandeln und erhielt die besten Medikamente, die es gab, also nahm ich an, dass ich alles Menschenmögliche tat.

Ich hatte mir fest vorgenommen, dass meine Diagnose keinen Einfluss auf meine neue Tätigkeit haben sollte. Ich hatte eine Führungsposition mit vielen Herausforderungen übernommen und liebte diese Arbeit. Es machte mir Spaß zu unterrichten, und die Kinder blühten in ihrem neuen Heim auf. Ich fand, dass ich mich ziemlich tapfer schlug, und meine Ärzte fanden das auch. Ich begann mir sogar vorzustellen, dass mein Zustand sich nicht verschlechtern würde. Ich meinen kühnsten Träumen verheimlichte ich die Multiple Sklerose sogar meinen Kindern.

Dann ließ die Kraft im rechten Arm und in der Hand nach. Man verschrieb mir Steroide zur Unterdrückung der Immunreaktion, und meine Kraft kehrte langsam zurück, doch das war der Beginn einer zwar langsamen, aber fortschreitenden Verschlechterung. Ich konnte es sehen, Jackie konnte es sehen und die Kinder sahen es auch. Inzwischen hatten sie zugegeben, dass es ihnen manchmal peinlich war, mich um sich zu haben, weil meine Beweglichkeit immer schlechter wurde. Manchmal wünschten sie sich, ich würde nicht an ihren Aktivitäten teilnehmen, und dann hatte ich Schuldgefühle, weil ich trotzdem dabei sein wollte. Es war eine Belastung für die ganze Familie, und ich fühlte mich dafür verantwortlich. Das war alles meine Schuld. Ich sollte die Familie ernähren und war nach und nach immer weniger in der Lage, mit meinem eigenen Körper zurechtzukommen. Dabei waren seit der ersten Diagnose erst zwei Jahre vergangen.

Dann geschah etwas, das mein Leben veränderte. Im Jahr 2002 stellte meine Neurologin fest, dass mein Zustand sich allmählich verschlechterte und verwies mich auf die Internetseite des Gynäkologen und promovierten Philosophen Dr. Ashton Embry (www.direct-ms.org; nur in englischer Sprache). Der Sohn von Dr. Embry war an MS erkrankt und sein Zustand besserte sich nach einer Ernährungsumstellung so eindrucksvoll, dass Dr. Embry sich für die Erforschung der Verbindung zwischen Ernährung und Multipler Sklerose einsetzte. Davon hatte ich bislang nichts gehört – oder es war zumindest das erste Mal, dass mich das Konzept aufhorchen ließ. Obwohl es ein wenig nach „Alternativbehandlung“ klang (und als Schulmedizinerin hatte ich nicht viel Vertrauen in etwas, das ich als Außenseitermedizin betrachtete), doch der Vorschlag kam schließlich von meiner Neurologin, also nahm ich das Ganze ernst. Ich beschloss, der Sache nachzugehen.

Dr. Embrys Internetseite quoll über von wissenschaftlichen Literaturangaben, die ich nach und nach zu lesen begann. Die Artikel stammten aus seriösen wissenschaftlichen Zeitschriften und waren von Wissenschaftlern angesehener medizinischer Fakultäten verfasst. Das war keine pseudowissenschaftliche „Außenseitermedizin“, sondern seriöse Forschung. Und das Ganze war anspruchsvoll. Vieles spielte sich in Bereichen ab, die außerhalb meiner Fachkompetenz lagen, oder beruhte auf Grundlagenforschung, die nicht zu meiner Ausbildung gehört hatte. Ich hatte Mühe, all das aufzunehmen, und die mit MS einhergehenden Konzentrationsstörungen waren nicht gerade hilfreich. Es gab so viele neue Informationen – wie kam es, dass ich davon überhaupt nichts wusste? Nach intensivem Lesen stellte ich fest, dass Dr. Embry einer großen Sache auf der Spur zu sein schien. Wenn die Ernährung tatsächlich eine wichtige Auswirkung auf MS hätte? Nach all den Jahren, in denen ich meine Gesundheit den Ärzten überlassen hatte und es mir trotzdem fortlaufend schlechter ging, faszinierte mich dieser Gedanke. Ich könnte über meine Ernährung selbst bestimmen. Es schien fast zu einfach und zu gut, um wahr zu sein. Ich musste mehr darüber in Erfahrung bringen.

Auf Dr. Embrys Internetseite las ich zum ersten Mal von Dr. Loren Cordain. Er brachte veränderte menschliche Ernährungsgewohnheiten mit der Entwicklung von Zivilisationskrankheiten in Verbindung. Er hatte eine Reihe von Artikeln veröffentlicht und kurz zuvor ein populärwissenschaftliches Buch herausgebracht: Die Paleo-Ernährung (Deutscher Trainer Verlag 2013), das wesentlich leichter zu lesen war als die technisch-wissenschaftlichen Arbeiten.1 Ich begann Informationen schneller aufzunehmen: Molekulare Mimikry, Barrierestörungen der Darmschleimhaut, Lektin, Immunmodulation (von all diesen Dingen wird später noch die Rede sein). Ich begann zu verstehen, worauf Dr. Embry und Dr. Cordain mit ihren Theorien hinaus wollten. Ich begann zu überlegen, dass die Nahrung einen eher größeren als kleineren Einfluss auf die Funktionsfähigkeit unseres Körpers ausüben könnte.

Ganz besonders interessierte mich der Gedanke, dass der Konsum von übermäßig vielen Kohlenhydraten und Zucker in unserer modernen Ernährung zu überhöhten Insulinwerten und chronischen Entzündungen führt. Der Hinweis, dass die ursprüngliche Ernährung des Menschen möglicherweise eine Besserung meiner MS herbeiführen könnte, war verlockend, aber die Umstellung auf diese Ernährungsweise würde eine erhebliche Veränderung für mich bedeuten. Ich war seit meiner Studienzeit Vegetarierin und liebte Bohnen und Reis. Ich liebte es, Brot zu backen. Könnte ich Getreide, Milchprodukte und Hülsenfrüchte, meine gegenwärtigen Grundnahrungsmittel, tatsächlich einfach weglassen?

Aber der Wunsch, meine Krankheit zum Stillstand bringen, überwog. Ich wollte weiterhin laufen, arbeiten und mit meinen Kindern spielen. Ich beschloss, es zu versuchen. Fleisch stand wieder auf dem Speiseplan, und ich gab dafür die jetzt verbotenen Nahrungsmittel auf, die ich so liebte. Zuerst verursachte mir der Geruch von Fleisch Übelkeit. Ich ließ es langsam angehen und verwendete nur kleine Mengen in Suppen. Mit der Zeit wurde es leichter.

Ich setzte Hoffnung in diese Umstellung, doch trotz des Wechsels zur sogenannten Paläo-Ernährung verschlechterte sich mein Zustand weiter. Ich konnte mit meinen Kindern nicht im Garten Fußball spielen, ohne hinzufallen. Ich konnte mit den Wölflingen, dem Pfadfinder-Nachwuchs, keine langen Wanderungen machen. Dann wurde es sogar immer schwerer, mit Jackie kurze Spaziergänge zu unternehmen. Die Müdigkeit wurde zu einem immer größeren Problem. Ich war enttäuscht, zeitweise verzweifelt und die Tränen flossen bei jeder unpassenden Gelegenheit. Doch mein Entschluss stand fest. In einigen Einträgen auf Dr. Embrys Seite war von fünf Jahren die Rede, bis sich eine Erholung einstellte. Mir wurde klar, dass ich kein Wunder über Nacht erwarten konnte, also blieb ich bei den Umstellungen. Selbst wenn es nur zu einem langsamen Fortschritt kommen würde, so war es doch etwas, das ich selbst tun konnte, und das gab mir Kraft.

Unterdessen stellte ich meine Planung um, um das Laufen zu vermeiden. Mein Arzt sagte, es sei Zeit für einen Elektrorollstuhl, änderte aber seine Meinung und schlug wegen der zunehmenden Müdigkeit einen Rollstuhl mit verstellbarer Rückenlehne vor. Außerdem empfahl er einen Therapieversuch mit einem Chemotherapeutikum (Mitoxantron®). Als keine Besserung eintrat, stellte ich auf ein neues, hochwirksames Immunsuppressivum um (Tysabri®); doch noch bevor die dritte Injektion anstand, wurde es aus dem Handel genommen, da es zu Todesfällen durch Aktivierung eines latenten Virus im Gehirn gekommen war. Danach sollte ich auf Empfehlung meines Arztes ein Immunsuppressivum einnehmen, das auch in der Transplantationsmedizin verwendet wurde (CellCept®). Es verursachte häufige Mundgeschwüre und meine Haut nahm einen gräulichen Ton an. Ich begann jeden Tag mit Müdigkeit und jede Nacht nagte die Verzweiflung an mir, wenn ich ihm Bett lag. Jackie, Zach und Zebby waren meine Rettungsleine. Dann nahm Jackie mich in den Arm und sagte, wir würden all das gemeinsam durchstehen. Wir sprachen oft über die Kinder und darüber, wie sie unsere Art, mit dem Geschehen umzugehen, verarbeiteten. Ihnen zuliebe wollte ich nicht, dass sie meine Entmutigung und meine Müdigkeit sahen.

Obwohl ich mich lange gegen einen Rollstuhl mit verstellbarer Rückenlehne gewehrt hatte, war es tatsächlich eine Befreiung, als er endlich zum Einsatz kam. Ich konnte draußen sein und mit meiner Familie spazieren gehen (oder besser gesagt: spazieren rollen), wenn wir im Park oder in der Nachbarschaft unterwegs waren. Mein Leben wurde dadurch wirklich leichter. Allerdings schwächte diese Lagerung auch meine Rückenmuskeln, und je mehr sie atrophierten, desto mehr Zeit verbrachte ich im Bett. Ich sprach nicht oft darüber, aber ich hielt es für wahrscheinlich, dass ich letztendlich bettlägerig werden würde. Bei der Arbeit am Schreibtisch zu sitzen, strengte mich an. Dann entdeckte ich eine Art „Null-Schwerkraft-Stuhl“, der wie Stühle der NASA gestaltet war, die während der Raumflüge benutzt wurden. Wenn ich mich ganz nach hinten lehnte, lagen meine Knie oberhalb der Nase, und die Schwerkraft hielt mich im Stuhl. Ich hatte einen für mein Dienstzimmer und einen weiteren für zu Hause. Das half zwar sehr gegen die Müdigkeit, doch so wollte ich mein Leben nicht verbringen. Ich konnte einfach nicht akzeptieren, dass meine Zukunft so aussehen sollte.

Das Leben wieder in die eigene Hand nehmen

Dieser Rollstuhl, zu dem ich mich überreden ließ, löste etwas in mir aus. Mir wurde klar, dass die Schulmedizin dem, was mit mir geschah, wahrscheinlich keinen Einhalt gebieten konnte. Ich hoffte immer noch, dass die Paläo-Ernährung etwas bewirken würde, aber bisher hatte sich nicht viel verändert. Ich beschloss, mich wieder der medizinischen Fachliteratur zuzuwenden. Ich wollte wissen, ob es noch etwas gab, einen anderen Weg, etwas, das die Ärzte übersehen hatten. Ich hatte schließlich akzeptiert, dass eine Genesung nicht möglich war, aber vielleicht konnte ich den Krankheitsprozess verlangsamen. Ich wollte nicht mehr, dass die Ärzte über mich bestimmten und sich trotz aller Bemühungen nicht der kleinste Erfolg einstellte. Ich musste selbst mehr mitdenken. Ich schwor mir, jeden Weg zu erforschen, zu studieren und auszuschöpfen, für den Fall, dass es noch irgendeine andere Antwort für mich gab, etwas, das die unvermeidliche Bettlägerigkeit ein wenig hinauszögern würde.

Ich begann damit, alles über die neuesten klinischen Arzneimittelstudien zu lesen, doch dann wurde mir klar, dass es dabei um Medikamente ging, zu denen ich gar keinen Zugang hatte. Diese Art von Wissen wäre also nur rein theoretisch. Also begann ich, über den Tellerrand zu schauen. Ich wusste, wie Wissenschaft funktionierte – und ich wusste, dass Tierstudien zwar der Ausgangspunkt für künftige Behandlungen sind, aber dass es üblicherweise Jahre, oft sogar Jahrzehnte dauerte, bevor etwas zum Gegenstand einer klinischen Erprobung, geschweige denn zum Behandlungsstandard wurde. Das also war das Aktuellste vom Aktuellen, also begann ich dort zu suchen. Ich wollte wissen, was die Pioniere dachten und wie sie sich die Zukunft von Krankheiten wie der meinen vorstellten.

Jede Nacht verbrachte ich einige Zeit mit der Suche nach Artikeln über Tierversuche mit Mäusen bei MS unter www.pubmed.gov. Ich wusste, dass von Multipler Sklerose betroffene Gehirne mit der Zeit schrumpfen, also begann ich über Tierversuche bei anderen Krankheiten zu lesen, die mit einer Schrumpfung des Gehirns einhergingen. Ich recherchierte über Parkinson, Alzheimer, ALS (Amyotrophe Lateralsklerose) und Morbus Huntington. Ich entdeckte, dass bei all diesen vier Krankheiten die Mitochondrien – kleine Untereinheiten in den Zellen, die sogenannten „Kraftwerke“ – nicht mehr richtig arbeiten, was zum frühen Tod von Gehirnzellen führt und das Schrumpfen des Gehirns verursacht. Bei der weiteren Recherche stieß ich auf Artikel, in denen berichtet wurde, dass Mäusegehirne und ihre Mitochondrien durch die Zufuhr von Vitaminen2 und Nahrungsergänzungen wie Coenzym Q, Carnitin und Kreatin3 geschützt werden konnten.

Ich hatte nichts zu verlieren, also beschloss ich, aktiv zu werden. Ich rechnete die Dosierungen für Mäuse in Dosierungen für Menschen um und machte einen Termin bei meiner Hausärztin. Sie sah meine Liste durch und befand, dass die Nahrungsergänzungen wohl ungefährlich seien. Sie glich sie einzeln mit meiner Medikamentenliste auf potenzielle unerwünschte Wechselwirkungen ab – es gab keine. Ich begann mein neues experimentelles Vitamin- und Nahrungsergänzungsprogramm mit großer Begeisterung und war enttäuscht, als nichts geschah. Nach ein paar Monaten setzte ich die Mittel ab – und wenige Tage später konnte ich nicht mehr aus dem Bett aufstehen. Als ich die Einnahme der Ergänzungen fortsetzte, konnte ich auch wieder aufstehen. Sie halfen also doch!

Das war ein Hoffnungsschimmer. Offenbar, so dachte ich, wurde meinem Körper durch diese Nahrungsergänzungen etwas zugeführt, das ihm ohne sie fehlte – etwas, das er brauchte.

Die Entdeckung der Elektrostimulation

Als Nächstes entdeckte ich die elektrische Stimulation der Muskulatur. Auf diese Idee kam ich, als ich ein Forschungsprotokoll über den Einsatz der Elektrostimulation von Muskeln durchlas, mit der Menschen behandelt wurden, die aufgrund einer akuten Rückenmarksverletzung unter Lähmungserscheinungen gelitten hatten. Zweck der Reizstrom-Therapie war, die Knochengesundheit und die Lebensqualität dieser Patienten zu erhalten. Würde die Elektrostimulation meine Invalidität verlangsamen? Ich unterhielt mich mit einem Physiotherapeuten, der diese Methode praktizierte, und er warnte mich, dass sie schmerzhaft und anstrengend für die Sportler sei, die sich ihr unterzogen. Ob sie mir helfen würde, konnte er nicht mit Sicherheit sagen, aber er war zu einer Probesitzung bereit.

Bei meiner ersten Sitzung musste ich auf dem Bauch liegen und der Therapeut setzte die Elektroden an den linken paraspinalen Muskeln an, die nahezu parallel zur Wirbelsäule verliefen. Ich hob mein linkes Bein vom Tisch an und es blieb oben, als er die Stromstärke erhöhte. Ich hatte das Gefühl, als würde eine Herde Krabbeltiere über meine Haut rasen. Er erhöhte die Stromstärke weiter, und die Krabbeltiere wurden schneller. Die Stromstöße wurden erst heftiger und dann schmerzhaft. Nach einer Minute fragte mich der Physiotherapeut, ob er die Stromstärke weiter erhöhen könne. Dies ist eine typische Vorgehensweise, denn das Gehirn setzt Endorphine und Wachstumsfaktoren für die Nerven frei, die die Elektrostimulation angenehmer machen, sodass die Patienten die höhere Stromstärke nach ein paar Minuten normalerweise aushalten können. Anschließend behandelten wir den Quadrizepsmuskel im linken Oberschenkel, in dem ich eine besondere Schwäche hatte. Diese 30 Minuten „Sport“ waren härter als all das, was ich in den letzten Jahren hatte machen können. Ich beschloss, mich regelmäßig der Elektrostimulation zu unterziehen.

Die Entdeckung der Funktionellen Medizin

Nachts, wenn alle schliefen, durchsuchte ich das Internet nach weiteren Informationen, die mir helfen könnten. Eines nachts stieß ich auf die Webseite des Instituts für Funktionelle Medizin und war augenblicklich fasziniert. Zum Ziel gehörte, Klinikern wie mir eine bessere Möglichkeit zur Versorgung von Menschen mit komplexen chronischen Krankheiten an die Hand zu geben, indem das Zusammenspiel untersucht wurde zwischen genetischen Faktoren, Ernährung, hormonellem Gleichgewicht, Toxinbelastung, Infektionen und psychischen Faktoren zur Entwicklung einer Krankheit oder der Verbesserung von Gesundheit und Vitalität.

Das war genau das, wonach ich gesucht hatte, seit ich im Rollstuhl gelandet war. Das Institut gab Lehrbücher heraus, veranstaltete Konferenzen und bot Fortbildungskurse für Ärzte und andere im Gesundheitsbereich tätige Fachleute an. Ein Kurs zog sofort meine Aufmerksamkeit auf sich: „Neuroprotektion (Schutz von Nervenzellen und Nervenfasern): Ein Ansatz in der funktionellen Medizin bei neurologischen Symptomen“. Ich meldete mich dafür an und studierte die Informationen Nacht für Nacht. Auch wenn es nicht einfach zu verstehen war, so lehrte mich dieser Kurs in funktioneller Medizin jedoch, dass ich den Zustand meiner Mitochondrien und Gehirnzellen verbessern konnte. Er vermittelte mir ein völlig neues Denken über die Gesundheit des Gehirns und wie diese mit der Gesamtheit des Körpers zusammenhing. Obwohl meine Ausbildung eine ganze andere gewesen war, ergab das sofort einen Sinn für mich. Alles war logisch und wissenschaftlich gestützt und so fühlte ich mich als Ärztin angesprochen; es passte aber auch in meinen Erfahrungsrahmen als MS-Patientin.

Ich erkannte auch, dass bei mir wahrscheinlich eine oder mehrere genetische Variationen vorlagen, die die Wahrscheinlichkeit der Ausprägung einer MS erhöht hatten. Schließlich gewann ich eine viel tiefere Einsicht, welche Bedeutung für das Gehirn das Leaky-gut-Syndrom (Barrierestörung des Darms) hat und welche Rolle in diesem Zusammenhang Nahrungsmittelallergien, Toxine und Mitochondrien spielen, die nicht genügend Energie für die Zellen liefern. Auch Neurotrans-mitterprobleme und die Auswirkungen unwirksamer Enzyme auf den Stoffwechsel von B-Vitaminen und Schwefel waren von erheblicher Bedeutung. Aufgrund dessen wurde meine Liste mit Vitaminen, Mineralstoffen, Aminosäuren, Antioxidanzien und essenziellen Fettsäuren, die ich als hilfreich für die Mitochondrienfunktion und die Gehirnzellen erachtete, immer länger. Schließlich erkannte ich, warum mein Gehirn „in Flammen“ stand und von meinen eigenen Immunzellen angegriffen wurde, und ich hatte einige Ideen, wie sich die Entzündung bekämpfen lassen würde, die dort wütete. Mein Weltbild wandelte sich. Ich begann umgehend mit der Planung und Umsetzung von Veränderungen in meiner Lebensweise, die weit über all das hinausgingen, was ich je zuvor gemacht hatte. Die Saat für das mein Programm war gesät, wenn es auch noch keinen Namen dafür gab.

Aber wie würde sich das realisieren lassen? Es waren Unmengen von Nahrungsergänzungen, aber sollte ich wirklich jeden Tag mehrere Handvoll Pillen zu mir nehmen? Und würde das auch funktionieren? Die Paläo-Ernährung beruht darauf, dass unsere Nahrungsmittel die beste Quelle darstellen, doch viele Konzepte der funktionellen Medizin vertrauten auf Nahrungsergänzungen. Unsere steinzeitlichen Vorfahren haben ganz sicher keine Nahrungsergänzungen eingenommen. Bei der Paläo-Ernährung hatte ich gelernt, bestimmte Nahrungsmittel von meinem Speisplan zu streichen, nicht jedoch, woher ich genau die Nährstoffe erhalten würde, die ich definitiv brauchte. Die funktionelle Medizin half mir zu bestimmen, anhand der empfohlenen Vitamine und Nahrungsergänzungen, welche Nährstoffe ich tatsächlich benötigte, sparte aber leider mit genauen Hinweise darauf, aus welchen Quellen diese stammen sollten.

Wenn ich mir dieselben Nährstoffe, die ich als Tabletten einnahm, auch über die Ernährung zuführen konnte, dann wären diese vielleicht wirksamer als die synthetischen, so war meine Überlegung. Ich würde auf diese Weise eventuell auch noch viele weitere Stoffe aufnehmen – möglicherweise Tausende davon –, die noch gar nicht benannt worden waren und die synergistisch zur Wirkung des speziellen Vitamins oder der Ergänzung beitrugen, weil sie zusammen mit den Nährstoffen in ihrer ursprünglichen Form vorlagen. (Die meisten Vitamine sind genau genommen eine Familie aus verwandten Verbindungen, die in unseren Zellen allesamt biologisch aktiv sind.) Mir wurde klar, dass ich einen Ernährungsplan brauchen würde, der speziell auf die Funktionsmaximierung der Mitochondrien und des Gehirns zugeschnitten war – und der über all das hinausging, womit ich bereits in Berührung gekommen war. Ich würde also die Prinzipien der Paläo-Ernährung, die Konzepte der funktionellen Medizin und meine eigenen Forschungen zusammenführen. Vielleicht würde dies die Veränderungen in meinem Körper in Gang setzen, die ich so verzweifelt sehen und spüren wollte.

Ich starrte auf meine neue Liste der Nährstoffe, die in der funktionellen Medizin als wichtig erachtet wurden und die Gesundheit meines Gehirns verbessern sollten, und ich fragte mich, in welchen Nahrungsmitteln diese Nährstoffe wohl vorkamen. Ich hatte nicht die leiseste Ahnung. Ich zeigte die Liste den approbierten Ernährungswissenschaftlern in meinem Freundeskreis, aber sie wussten es auch nicht. Als Nächstes suchte ich die Universitätsbibliothek auf; sie blieb mir die Antworten auf meine Fragen ebenfalls schuldig. Also machte ich mich noch einmal auf die Suche im Internet. Ich intensivierte meine Arbeit und erstellte schließlich eine lange Liste von neuen Nahrungsmitteln für meinen Speiseplan, die diese Nährstoffe zu enthalten schienen und fing an, sie zu jedem Essen hinzuzufügen.

Und damit kamen die Veränderungen im Gehirn und im Körper tatsächlich ins Rollen.

Der Nachweis

Ich war gerade dabei, eine neue Stelle als Ambulanzärztin in der Polytrauma-Abteilung anzutreten, wo Veteranen mit Kopfverletzungen behandelt wurden. Ich war mir nicht sicher, ob ich dieser Arbeit gewachsen war, und Jackie und ich fragten uns, ob die Krankenhausleitung mir diese Stelle zugeteilt hatte, damit ich gezwungen war, mich der Tatsache zu stellen, dass ich nicht mehr arbeiten konnte. Stattdessen überraschte ich alle, mich selbst eingeschlossen. Nachdem ich mich erst drei Monate nach den neuen Richtlinien ernährt und meine Elektrostimulationsübungen allmählich gesteigert hatte, täglich meditierte und eine einfache Selbstmassage machte, konnte ich mit nur einem Stock zwischen den Untersuchungszimmern hin- und hergehen. Nach sechs Monaten war ich im ganzen Krankenhaus ohne Stock unterwegs. Aber nicht nur mein Körper hatte sich verändert. Ich erlebte und sah die Welt mit ganz anderen Augen. Mein altes Ich – die schulmedizinische Internistin – hatte sich entscheidend gewandelt, vom Saulus zum Paulus sozusagen. Mein altes Ich, das auf Medikamente und Operationen zur Heilung der Patienten baute und das durch die Krankheit zunehmend geschwächt worden war, war durch eine neues Ich ersetzt worden, das geistig und körperlich verstand, dass Krankheit auf zellulärer Ebene beginnt, wenn die Zellen an einem Mangel an den Bausteinen leiden, die sie benötigen, um lebensnotwendige chemische Prozesse ordnungsgemäß durchzuführen. Ich hatte begriffen, dass der Ursprung optimaler Gesundheit in der Entfernung all der Dinge liegt, die unseren Zellen schaden, und darin, dem Körper gleichzeitig das richtige Milieu zu bieten, damit er gedeihen kann. Ich erkannte schließlich, was ich tun musste, um meine Zellen mit all den Lebensbausteinen zu versorgen, die sie brauchten, um zu heilen. Das tat ich, und es funktionierte.

Dadurch veränderte sich die Art und Weise, wie ich meinen Beruf ausübte, vollkommen. Ich unterwies Assistenzärzte und Patienten darin, wie sie sich auf eine Art, die ich gerade erst als optimal entdeckt hatte, mithilfe der Ernährung und gesundheitsfördernder Verhaltensweisen bei Diabetes, Bluthochdruck, erhöhten Cholesterinwerten, affektiven Störungen, posttraumatischen Belastungsstörungen und traumatischen Gehirnverletzungen selbst helfen könnten – anstatt sich nur auf Medikamente zu verlassen. Die Assistenzärzte lernten, dass die Ernährung und Lebensweise hochwirksame Behandlungsmethoden sind und oft ebenso wirksam – wenn nicht sogar wirksamer – als Medikamente. Die Patienten mit traumatischen Gehirnverletzungen wollten bereitwillig lernen, was sie selbst tun konnten, um ihre Heilung zu beschleunigen. Bei einem Patienten nach dem anderen beobachtete ich, wie die Symptome und der Medikamentenbedarf in dem Maße abnahmen, wie sich Ernährungsweise und Lebensstil verbesserten.

Auch wenn ich vielen Menschen helfen konnte, so reichten einzelne Belege nicht aus. Es stand außer Frage, dass die Schulmedizin meinem Programm ohne eine klinische Studie keinen Glauben schenken, geschweige denn, es unterstützen würde. Ich sah mich genötigt, in meiner Arbeit mit derselben Sorgfalt vorzugehen, die ich mir bei der Recherche für meine eigenen Belange auferlegt hatte. Ich brauchte eindeutige Untersuchungen, um festzustellen, ob anderen auf diese Weise geholfen werden konnte. Ich entschied mich für den langen, aufwendigen und teuren Prozess einer klinischen Studie, um zu belegen, dass mein Programm nicht nur bei mir wirksam war, sondern bei jedem Menschen mit einer ähnlichen Erkrankung. Das hieß, ich musste eine klinische Studie konzipieren, den Förderantrag schreiben, um die Finanzierung sicherzustellen (obwohl weniger als zwei Prozent der Förderanträge positiv beschieden werden), und meine Studie offiziell genehmigen lassen. In weniger als 18 Monaten gelang mir das scheinbar Unmögliche. Am 6. Oktober 2010 nahmen wir unseren ersten Patienten an.

Im Herbst 2011 wurde ich von einer Gruppe, die ein TEDx-Gespräch vor Ort organisierte, um einen Vorschlag für einen Redebeitrag gebeten. TEDx ist ein Ableger von TED; das Akronym steht für Technologie, Entertainment und Design. Hierbei handelt es sich um eine Reihe von gemeinnützigen Konferenzen zu zahlreichen Themen, die gefilmt und der Öffentlichkeit über das Internet zugänglich gemacht werden. TEDx ist ähnlich: Es werden Konferenzen vor Ort organisiert, doch sie werden auch kostenlos im Netz zur Verfügung gestellt, und die Redner erhalten kein Honorar. Die TED- und TEDx-Gespräche werden jedoch von Millionen von Menschen gesehen und viele haben sich wie ein Lauffeuer verbreitet. Man gab mir 18 Minuten, um meine Geschichte zu erzählen und zu erklären, wie der Ernährungsplan aussah, den ich speziell für meine Mitochondrien und mein Gehirn entwickelt hatte. Ich war dabei!

Bei meinem TEDx-Gespräch erklärte ich die Besonderheiten meines Ernährungsschemas und forderte die Menschen auf, sich für ihre „Zellkraftwerke“, die Mitochondrien, einzusetzen und sich zu einer gesundheitsfördernden Ernährung zu entschließen. Ende November wurde dieses TEDx-Gespräch (der englische Originaltitel lautet: Minding Your Mitochondria) auf YouTube veröffentlicht. Es fand seinen Weg in die Paläo- und MS-Gemeinschaft und kam auch im Bereich der funktionellen Medizin an. Innerhalb eines Jahres wurde der Vortrag mehr als eine Million Mal angeschaut. Ich hatte plötzlich viel mehr Menschen erreicht als die meisten Ärzte und Wissenschaftler in ihrem ganzen Leben. Ich hatte das Gefühl, als würde ich mithelfen, die Welt zum Besseren zu verändern, und das war eine große Freude, doch ich war noch nicht am Ziel angelangt.

Meine Mission stand mir nie klarer vor Augen: Ich musste weiterforschen, um zu meinen ärztlichen Kolleginnen und Kollegen durchzudringen und schließlich den Behandlungsstandard verändern zu können. Ich musste die Öffentlichkeit weiter aufklären, denn ich glaube, sie wird dem medizinischen Establishment bald weit voraus sein in Bezug auf die Rolle der Ernährung zur Wiederherstellung und Erhaltung der Gesundheit.

Der nächste Schritt bestand darin, dieses Buch zu schreiben.

Inzwischen habe ich das Labor vergrößert, es laufen zusätzliche Studien, und unsere vorläufigen Ergebnisse sind weiterhin sehr spannend. Wir haben die Daten zur Sicherheit unserer ersten Studie vorgelegt. Sobald diese Arbeit veröffentlicht ist, arbeiten wir unsere nächsten Publikationen aus, die die Ergebnisse detailliert beschreiben und insbesondere die Veränderungen in Hinblick auf Müdigkeit, Stimmung, Denken und Gehfähigkeit zeigen werden. Es sind weitere Studien in Arbeit, sodass wir die Informationen über das unbegrenzte Potenzial dieser Lebensweise weiterentwickeln, verbessern und verbreiten können.

Ich habe noch immer Multiple Sklerose – aber ich habe auch mein Leben zurückgewonnen.

Ihre eigene Geschichte

Die klinischen Studien, die belegen können, dass mein Ernährungsprogramm bei Multipler Sklerose und anderen chronischen Krankheiten wirksam ist, werden viele Jahre in Anspruch nehmen und Millionen von Dollars kosten. Ich schreibe viele Förderanträge, damit diese Studien durchgeführt werden können. In der Zwischenzeit lade ich Sie ein, mein Buch zu lesen, sich meine Geschichte zu Herzen zu nehmen und mit Ihrer Familie und Ihrem Arzt darüber zu sprechen. Denn ich möchte, dass Sie das Wichtigste verstehen: Keine schulmedizinische Therapie kann Ihre Autoimmunerkrankung heilen. Ihre Medikamente können nur die Symptome lindern, doch manchmal mit Nebenwirkungen, durch die Sie sich noch schlechter fühlen. Aber die Geschichte ist noch nicht zu Ende. Die Kraft zur Heilung liegt in Ihnen. Sie müssen Ihrem Körper nur geben, was er braucht, und von ihm fernhalten, was ihn vergiftet. Sie können Ihre eigene Gesundheit wiederherstellen – nicht durch die Tabletten, die Sie schlucken, sondern durch Ihr Handeln und die Entscheidung für eine bestimmte Lebensweise. Wenn Sie sich im Einklang mit den Bedürfnissen Ihrer Zellen ernähren und leben, kann Ihr Körper sich endlich auf die Heilung konzentrieren – und dann werden Sie dramatische Veränderungen erleben.

Ich habe jahrelange Selbstversuche gemacht, um genau herauszufinden, was der Körper im Kampf gegen eine Autoimmunerkrankung benötigt. Dabei herausgekommen ist mein „Wahls-Programm“: Ein systematischer und massiver Eingriff in die Abwärtsspirale, in der Ihr Körper sich befindet. Es ist eine Reparatur des defekten biochemischen Geschehens in Ihrem Körper, die nicht durch die Schulmedizin und nicht durch die pharmazeutische Industrie, sondern durch Sie selbst bewerkstelligt wird und zu Veränderungen führt, die allein Sie unter Kontrolle haben. Es ist die Wiederherstellung der Heilkraft Ihres Körpers, die dadurch erzeugt wird, dass Sie verändern, was Sie täglich essen und tun. Sie brauchen nicht zu warten, bis alle Belege vorliegen und von der Schulmedizin überprüft sind. Sie brauchen nicht zu warten, bis ein „Ernährungsrezept“ Teil der schulmedizinischen Behandlungsstandards wird (ich glaube aber daran, dass es eines Tages dazu kommen wird, denn das ist der einzige sinnvolle Weg). Sie können diese Informationen jetzt sofort nutzen. Unsere Nahrung ist die Grundlage unserer Gesundheit. Die Wahl unserer Ernährungsweise kann uns entweder krank machen oder zu Gesundheit und Vitalität führen.

Wenn Sie sich für mein Programm entscheiden, werden Sie wahrscheinlich feststellen, dass Sie klarer denken können, dass Ihre Stimmung sich aufhellt und Ihre Energie zurückkommt. Wer über seinem Idealgewicht liegt, wird feststellen, dass es sich ohne zu hungern normalisiert. Alle Patienten, die diese Ernährungsweise konsequent umgesetzt haben, bestätigen meine Erfahrungen, wenn sie nach drei Monaten zur Kontrolluntersuchung kommen. In den folgenden drei Jahren sehe ich normalerweise, wie sie sich „verjüngen“ – bei jedem Besuch sehen sie noch jünger aus, da sich ihre Zellen revitalisieren und der Körper wieder gesund wird.

Wenn ich den Rollstuhl verlassen kann, weil ich meine Lebensweise verändere, dann überlegen Sie doch einmal, wie es Ihrer Familie, Ihren Freunden, Ihrem Land und der Welt gehen würde, wenn alle Menschen ihre Zellen durch ihre Ernährung und Lebensweise optimal mit Energie versorgen würden. Die Menschen wären wieder gesund und vital und das Gesundheitswesen könnte Kosten in Milliardenhöhe einsparen. Wie werden Sie sich entscheiden? Wie möchten Sie Ihr restliches Leben verbringen? Als Invalide – oder voller Vitalität? Die Entscheidung liegt ganz bei Ihnen.

Teil 1

KAPITEL 1
Leben, Krankheit und Sie – wissenschaftlich gesehen

Sie hören Ihren Arzt diese Worte sagen – Multiple Sklerose – und Sie fragen sich, ob Ihr Leben je wieder so sein wird, wie es einmal war. Vielleicht wissen Sie noch nicht ganz genau, was das bedeutet, aber Sie haben es schon gesehen – Sie haben die Menschen im Rollstuhl gesehen, die sich an nichts mehr zu erinnern scheinen, die sich sogar schwer damit tun, ihre Hände zu gebrauchen. Oder Sie sind vielleicht schon an diesem Punkt angekommen, Sie können sich immer schlechter oder allem Anschein nach gar nicht mehr bewegen. Vielleicht glauben Sie, dass Sie auf dem absteigenden Ast sind und es kein Zurück mehr gibt. Nicht in Ihrem Zustand.

Möglicherweise sind Sie von einer anderen Autoimmunerkrankung betroffen, zum Beispiel von rheumatoider Arthritis oder Lupus erythematodes. Sie könnten mit Adipositas (Fettleibigkeit) oder schweren Allergien, Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder Zöliakie, Diabetes oder einer Herzkrankheit geschlagen sein. Vielleicht müssen Sie aber auch Depressionen, Angststörungen oder ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) ertragen. Das Einzige, was Sie mit Sicherheit wissen, ist die Tatsache, dass die Zeit, als es Ihnen gut ging, als Sie sich noch nicht so fremd vorkamen, weit hinter Ihnen zu liegen scheint. Ihr Körper verweigert seinen Dienst und Ihr Gehirn mittlerweile auch.

Sie waren wahrscheinlich schon beim Arzt und haben vielleicht eine Diagnose bekommen. Mithilfe einer schulmedizinischen Therapie wird zwar versucht, Ihre Symptome zu lindern, doch chronische Erkrankungen wie Multiple Sklerose, Depressionen, Bluthochdruck, Diabetes und selbst Adipositas kann diese nicht heilen. Möglicherweise hat man Ihnen eine schier unüberschaubare Menge an Medikamenten verschrieben, doch diese werden Ihr Problem durch die Nebenwirkungen und voranschreitende Nährstoffverarmung, die mit einer medikamentösen Langzeitbehandlung einhergehen können, auf lange Sicht wohl nur verschärfen. Die Pharmazeutika, die bei Autoimmunerkrankungen verabreicht werden, heilen die Krankheit nicht. Sie dienen einzig und allein dem Zweck, dass Sie sich ein wenig besser fühlen, was unter Umständen sogar funktioniert, und dass die Krankheit vielleicht langsamer fortschreitet, was auch funktionieren könnte. Oder eben nicht.

Vielleicht sind Sie auch kurz davor, die Hoffnung aufzugeben. Ich möchte Ihnen die Hoffnung zurückgeben.

In diesem Buch geht es um die Hoffnung. Meine übergeordnete Botschaft könnte nicht eindeutiger sein: Sie müssen kein Opfer sein. Die Krankheit ist schon da, das stimmt, aber es gibt viele wichtige Dinge, die Sie tun können, um das Fortschreiten der Symptome zu verlangsamen, um sie zum Stillstand zu bringen oder sie sogar rückgängig zu machen. Medikamente können Ihre Autoimmunerkrankung nicht wegzaubern, aber Ihr Körper kann sich selbst heilen – wenn Sie ihm das richtige „Werkzeug“ geben.

Krankheit ist weit mehr als Ursache und Wirkung. Sie ist eine komplexe Verschmelzung von Kräften, genetischen und umweltbedingten. Zum Glück für uns alle hat der Umweltaspekt eine viel größere Bedeutung als der genetische, und Sie können ab sofort damit beginnen, an dieser Stellschraube zu drehen. Die Lebensweise, für die Sie sich entscheiden, kann tatsächlich Ihre defekten biochemischen Vorgänge neu regulieren und Ihre Vitalität wiederherstellen. Das sind echte Neuigkeiten für all jene, die an einer Autoimmunerkrankung oder einer anderen chronischen Erkrankung leiden. Sie können Ihrem Leben eine neue Wendung geben. Nicht die Schulmedizin. Nicht die pharmazeutische Industrie. Nicht die Pillenschachtel. Sie selbst. Sie halten die Macht in Ihren eigenen Händen.

Tritt eine chronische Krankheit in Folge eines Mangels auf, lässt sich das Problem nicht durch Medikamente lösen. Sicherlich ist Ihnen klar, dass Multiple Sklerose keine Medikamentenmangelkrankheit ist (zum Beispiel, weil Sie ein MS-Medikament wie Copaxone® nicht einnehmen), ebenso wenig, wie Müdigkeit ursächlich auf einen Mangel an Stimulanzien (wie Provigil®) oder Koffein beruhen und Depressionen nicht auf fehlende Antidepressiva (wie Prozac®) zurückzuführen sind.

Nein, diese Probleme haben nichts mit einem Mangel an Medikamenten zu tun, sondern werden durch Mängel in Ihren Zellen ausgelöst, die zu Defekten in den biochemischen Abläufen und einer gestörten Signalweiterleitung zwischen Ihren Zellen führt. Wenn Sie chronische Krankheiten auf diese Weise betrachten, ist es ganz offensichtlich, dass Sie die Mangelzustände in den Zellen behandeln sollten, durch die Krankheiten ursächlich entstehen, anstatt lediglich die Symptome zu behandeln, wie das bei den meisten konventionellen medikamentösen Behandlungen der Fall ist.

Sie müssen verstehen, was Ihr Körper tatsächlich braucht, um vital zu bleiben und um entstandene Schäden zu heilen, sonst können Sie keine fundierten Entscheidungen darüber treffen, wie er überhaupt „funktionstüchtig“ bleiben kann. Sie könnten sich natürlich dazu entschließen, jemandes Rat zum Thema Ernährung anzunehmen, der vielleicht dadurch motiviert ist, Ihnen beim Abnehmen zu helfen oder Sie zu stärken. Dieser Rat könnte sogar durch politische, umweltbedingte, spirituelle oder ethische Überlegungen motiviert sein. Doch solange Sie nicht verstehen, was Ihr Körper wirklich braucht, wissen Sie auch nicht, welchem Rat Sie folgen sollen und welchem nicht. Sie wissen nicht, welche Ernährung in Ihrem Fall die richtige ist. Und Sie wissen nicht, wie Sie Ihre Zellen versorgen sollen, damit das Ergebnis optimale Gesundheit ist.

Hinterfragen Sie, was Sie lesen und was man Ihnen erzählt, beschäftigen Sie sich ein wenig mit Biologie und Biochemie, damit Sie selbst entscheiden können. Wenn wir unsere Ernährung auf zellulärer Ebene betrachten, können wir auf viele hilfreiche wissenschaftliche Studien zurückgreifen. Wir wissen noch längst nicht alles, was es zum Thema Ernährung zu wissen gibt, aber wir wissen eine ganze Menge darüber, wie man viele nötige biologische Reparaturarbeiten erleichtern kann. Es ist längst wissenschaftlich erwiesen, dass es Ihren Zellen nicht nur blendend ergeht, sondern dass sie sogar heilen können, wenn Sie Ihnen all das in ausreichenden Mengen zuführen, was sie brauchen. Enthalten Sie ihnen wesentliche Nährstoffe vor, bauen die Zellen ab. Sie sterben vielleicht nicht ab – zumindest nicht sofort –, aber ihre Funktionsfähigkeit beginnt bald nachzulassen, und genau hier beginnen die Probleme.

Als Ärztin und Wissenschaftlerin sowie als Patientin treffe ich Entscheidungen für meine eigene Gesundheit und für die Gesundheit anderer Menschen auf wissenschaftlicher Grundlage. Ich würde niemals von jemandem verlangen, mir „einfach zu glauben“. Ich möchte, dass Sie verstehen, warum ich mein Programm exakt so und nicht anders konzipiert habe. Ich möchte Sie dazu befähigen, dass Sie selbstbestimmt handeln können, noch bevor wir anfangen – und noch bevor ich Ihnen auch nur den kleinsten Rat gebe, was Sie essen oder nicht essen, trinken, tun oder lassen sollten. Wir beginnen also mit einem Blick auf das Geschehen im Inneren Ihres Körpers.

Wie kommt Gesundheit zustande?

Sie bestehen aus Zellen. Eine Zelle ist die kleinste Einheit eines lebenden Organismus. Manche Organismen bestehen aus nur einer Zelle, eine Amöbe zum Beispiel. Manche Organismen, wie der menschliche Körper, besteht aus Billionen von Zellen. Zellen haben unterschiedliche Größen und Formen und sie haben unterschiedliche Aufgaben, aber sie sind im Wesentlichen die Bausteine Ihres Körpers.

Erfahrungsbericht

Bei meinem ersten Multiple-Sklerose-Schub im Alter von 33 Jahren litt ich unter Taubheitsgefühlen im Gesicht und Schwindel, und während der nächsten sieben Jahre nahmen die Müdigkeit und Wärmeintoleranz zu. Fünf Jahre lang nahm ich Copaxone ein, doch ich setzte es ab, als ich keine vernünftige Stelle mehr am Körper fand, in die ich es hätte injizieren können. Im Laufe der nächsten acht Jahre ließ meine Energie nach, die Wärmeintoleranz nahm massiv zu, ebenso meine Benommenheit und die Müdigkeit, sodass es mir nicht möglich war, mehr als zwei Tage pro Woche arbeiten zu gehen.

Das Paläo-Programm von Dr. Wahls entdeckte ich zufällig, als ich im Internet auf das TEDx-Gespräch stieß. Ich begann im Juli 2012 damit und rief zwei Wochen später meinen Sohn an, um ihm zu sagen, dass ich das Gefühl habe, eine neue Brille zu brauchen – alles war schärfer und deutlicher als es seit Jahren gewesen war. Mein Denken ist viel klarer und die Müdigkeit hat so massiv nachgelassen, dass ich manchmal denke, ich sollte mich kneifen (damit ich weiß, dass ich nicht träume)! Ich kann es wirklich noch immer nicht fassen, dass ich wieder Energie habe und mich nicht mehr jeden Tag zwischendurch hinlegen muss. Meine Schlafqualität hat sich auch verbessert, und wenn ich ein Nickerchen mache, dann nur 10 Minuten. Wenn ich aufwache, habe ich wieder soviel Energie wie am Morgen. Sicherlich verstehen Sie jetzt, warum es mir wie ein Wunder vorkommt!

Jan W., Steamboat Springs, Colorado

Zellen arbeiten jedoch nicht unter allen Bedingungen. Sie brauchen bestimmte Nährstoffe, damit Sie sie am Leben und gesund erhalten können. Ohne diese Nährstoffe funktionieren sie nicht mehr richtig und können sogar absterben. Woher kommen diese Nährstoffe? Aus Ihrer Nahrung – ausschließlich. Wenn Sie Ihren Zellen nicht die richtigen Nährstoffe und das richtige Milieu bieten, funktionieren sie nicht so gut wie sie eigentlich könnten, und eine Funktionseinschränkung auf zellulärer Ebene könnte sich schließlich auf jeden Bereich Ihrer Gesundheit auswirken. Was genau fehlgesteuert wird, mag genetisch bestimmt sein, doch wenn die Zellen nicht bekommen, was sie brauchen, funktioniert der Körper nicht richtig und manches (leider meist mehreres) nimmt eine unglückliche Wendung.

Viele Menschen fragen sich, ob unsere Gesundheit hauptsächlich von unseren Genen abhängt. Hängt es von Ihrer DNS ab, ob Ihre Zellen gut oder schlecht funktionieren? Wenn es tatsächlich nur auf Ihre Gene ankäme, dann wäre es ziemlich egal, was Sie essen und wie Sie leben. Wir wissen jedoch, dass dem nicht so ist.

Ich lebe mit meiner Familie im US-Bundesstaat Iowa. Mais ist hier allgegenwärtig, und so nehme ich ihn als Beispiel für meine Wurzeln im mittleren Westen und als Beispiel dafür, wie wichtig der „Treibstoff“ für die Mitochondrien und infolgedessen für die Zellen, die Organe und den ganzen Körper einschließlich des Gehirns ist. Ein Tütchen Samen kann dieselbe DNS enthalten, doch wenn Sie eine Handvoll Maissamen in die fette, schwarze Erde Iowas einbringen und eine weitere Handvoll auf eine giftige, von einer dünnen Schmutzschicht bedeckten Müllhalde werfen, entwickeln sich aus den Samen völlig unterschiedliche Pflanzen. Auf dem fetten Boden in Iowa wachsen große, kräftige und üppige Pflanzen mit gesunden Maiskolben heran. Aus den auf der Müllhalde ausgesäten Samenkörnern wachsen, wenn sie überhaupt aufgehen und tatsächlich Maiskolben ausbilden, dürre, blasse und wahrscheinlich nicht sehr ergiebige Pflanzen heran. Der Grund: Es standen nicht genügend Nährstoffe zur Verfügung. Dieselben Gene also, aber ein vollkommen anderes Ergebnis.

Ihre Zellen – also Sie – verhalten sich ähnlich wie dieser Mais. Bekommen Ihre Zellen nicht die Nährstoffe, die sie brauchen, um ihre Funktionen ordnungsgemäß zu erfüllen, und werden sie nicht vor schädlichen Giften geschützt, dann werden Sie ebenfalls „eingehen“. Ihre Mitochondrien (mehr zu unseren „Zellkraftwerken“ folgt noch) produzieren nicht genügend oder nicht genügend wirksame Energie, was eine Kaskade von fehlerhaften biochemischen Reaktionen auslösen und schließlich einen chronischen Krankheitsprozesses in Gang setzen kann. (Darüber, wie Toxine Ihre Körperchemie stören können, wird ausführlich in Kapitel 8 die Rede sein).

Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Die Genetik spielt natürlich eine Rolle. Unsere Zellen sind auf Enzyme angewiesen, die die chemischen Lebensprozesse erleichtern, und die Bildung dieser Enzyme ist durch unsere DNS genetisch determiniert. Wir wissen, dass es Hunderte – möglicherweise noch mehr – verschiedener Gene gibt, von denen jedes das Risiko, an Multiple Sklerose zu erkranken, ein wenig erhöhen könnte. Das wiederum könnte sich auf eine Reihe von wichtigen Faktoren auswirken: Ob ein Enzym nicht besonders gut funktioniert, ob bei einem Prozess die Kontrolle von Entzündungen beeinträchtigt ist, ob der Umgang mit Toxinen (Giften) ausreichend gut funktioniert oder ob Nährstoffe vollständig resorbiert werden, wie es um die Wirksamkeit Ihrer Hormone und sogar um die Bildung von Neurotransmittern bestellt ist.

Allerdings werden nur wenige Krankheiten allein durch eine einzige Mutation in unserer DNS verursacht. An der überwiegenden Mehrheit sind viele Genen beteiligt – manchmal können es bis zu 50 oder sogar 100 sein –, durch die die Leistungsfähigkeit unserer Enzyme umweltbedingt verändert wird, und dazu kann auch ein Mangel an Nährstoffen oder eine Belastung mit Umweltgiften gehören. Das Milieu bestimmt weitgehend, welche Gene stumm oder „abgeschaltet“ und welche aktiv oder „angeschaltet“ sind. Sie können zum Beispiel eine Tendenz zur Krebserkrankung haben, doch wenn Ihr Körper vollständig mit Nährstoffen versorgt und keiner übermäßigen Toxinbelastung ausgesetzt wird, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie daran erkranken, trotz dieser Tendenz weitaus geringer. Oder sollte es doch dazu kommen, dann sind Ihre Leukozyten, die weißen Blutkörperchen, vielleicht stark genug, um die Krebszellen schon während ihrer Entstehung zu bekämpfen, und Sie werden nie mit Symptomen oder einer entsprechenden Diagnose konfrontiert sein. Für den Fall, dass der Krebs tatsächlich ausbricht, sind Ihre Chancen, ihn zu besiegen, wesentlich größer. Durch die optimale Wahl Ihrer Lebensweise können Sie dafür sorgen, dass die schädlichsten Gene „abgeschaltet“ und diejenigen, die Ihre Gesundheit am besten fördern, „angeschaltet“ bleiben.

Wissenswertes

Die Wissenschaft von der Epigenetik erklärt, wie die Umwelt, das Milieu, bestimmt, welche Gene aktiv oder „angeschaltet“ und welche inaktiv oder „abgeschaltet“ sind. Gegenwärtig fließen Hunderte von Millionen Dollar in die Epigenetikforschung, da man sich von ihr Antworten darauf erwartet, warum es zu chronischen Krankheiten wie Krebs und altersbedingten Erkrankungen kommt. Auf diesem Gebiet erwarten uns noch viele Informationen – doch warum sollen wir warten, bis Wissenschaftler neue, teure Medikamente auf der Grundlage der Epigenetik entwickelt haben, wenn Sie schon heute mithilfe dieses Programms lernen können, Ihr Milieu und Ihre Gene zu optimieren?

Unter dem Strich spielt Ihre DNS eine bemerkenswert geringe Rolle, wenn es darum geht, ob Sie von einer bestimmten Krankheit wie Multiple Sklerose betroffen sein werden oder nicht, auch wenn sie in Ihrer Familie vorkommt. Die Epigenetik bestimmt, welche Gene aktiv werden und daraus ergibt sich Ihr Risiko. Wissenschaftler glauben, dass das Risiko der Entwicklung von Autoimmunerkrankungen, Adipositas, Herzkrankheiten und psychischen Problemen zu 70 bis 95 Prozent durch die Umwelt, also durch das Milieu, bestimmt wird.1 Unter „Umwelt“ oder „Milieu“ versteht man all das, was Sie essen, trinken, einatmen, was Sie in Ihr Badewasser kippen, wie Sie sich bewegen und sogar was Sie denken und wie Sie mit Menschen umgehen. Worauf es wirklich ankommt, ist, wie Ihre Gene mit der Vielzahl von Wahlmöglichkeiten zusammenspielen. Daraus ergibt sich, ob Sie mit einer guten Gesundheit ausgestattet sind oder an einer chronischen Krankheit leiden werden. Der Schlüssel ist das Wissen, wie man angesichts seiner angeborenen genetischen Ausstattung die Chancen in Richtung bestmöglicher Gesundheit verschiebt, indem man sein inneres Milieu – die Umgebung seiner Zellen – so vorteilhaft wie möglich gestaltet.

Wissenswertes

Der wissenschaftliche Begriff für eine Mutation in einer DNA-Sequenz ist „Singulärer Nukleotidpolymorphismus“ (SNP) oder „Einzelnukleotid-Polymorphismus“. Wir wissen, dass Menschen mit bestimmten SNP (wir nennen sie „Snips“), die die Bildung von Enzymen für die Verarbeitung von B-Vitaminen oder Schwefel beeinträchtigen, mit größerer Wahrscheinlichkeit Herzkrankheiten, affektive Probleme und/oder Autoimmunerkrankungen entwickeln. Oft ist es jedoch möglich, diesen Problem-Enzymen mithilfe einer besonderen Ernährungsweise beizukommen, wenn man weiß, um welche es sich handelt, und welche Vitamine und Vitaminformen oder Nahrungsmittel dem Betroffenen helfen kann, diesen speziellen SNP zu umgehen. Ist Ihre Familie von einer Krankheit oder einem Leiden betroffen, ist das ein Zeichen dafür, dass Sie und Ihre Angehörigen wahrscheinlich einen speziellen SNP haben. Ein Arzt, der funktionelle Medizin praktiziert, kann aufgrund der Familienanamnese und genetischer Tests einige Vorhersagen über diese SNP treffen und einen speziell auf Sie zugeschnittenen Therapieplan empfehlen. (Mehr dazu erfahren Sie in Kapitel 12.)

Wir sind immer noch dabei zu lernen, wie die Auswirkungen des Lebensstils, zum Beispiel frühere Infektionen, die Ernährung, Umweltschadstoffe, Ausmaß und Art der sportlichen Betätigung, Stress, der Vitamin-D-Spiegel, das Hormongleichgewicht, ja selbst die Geisteshaltung und Lebenseinstellung, schädliche Gene aktivieren, in unsere biochemischen „Fabriken“ eingreifen und zu schädigenden Veränderungen bei der Nährstoffresorption, Hormonbildung, Neurotransmitterfunktion und mehr führen können. Doch wir wissen auch schon, dass sich eine genetische Veranlagung eventuell niemals ausprägt, wenn der Körper immer gesund bleibt und gut ernährt wird. Zelluläre Fehlfunktionen, die jedoch durch einen Mangel an den richtigen Nährstoffen und/oder das Vorliegen von Toxinen – auch denen, die der Körper in Zeiten von extremem Stress selbst bildet – entstehen, reichen bereits aus, um den genetischen Schalter umzulegen.

Mit anderen Worten, unsere Gene sind nicht unser Schicksal. Sie entscheiden über Ihre Lebensweise, und das bedeutet, dass Sie auch Einfluss darauf haben, welche Gene aktiv werden. Selbst wenn Sie bereits eine chronische Krankheit wie MS haben, können Sie immer noch eingreifen. Durch die sofortige Korrektur des Lebensstils wird mehr als nur ein Stillstand der Krankheit erreicht; in vielen Fällen kann sie sogar rückgängig gemacht werden. Eine gesündere Lebensweise kann diese schädlichen Gene abschalten und diejenigen aktivieren, die die Gesundheit am besten fördern.

„Treibstoff“ für Ihre Zellen

Kommen wir zurück zur Zelle. Die Nahrung für unsere Zellen stammt aus der Nahrung, die Sie zu sich nehmen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse, die Sie aus diesem Buch gewinnen sollen, lautet: All das, womit Ihre Zellen die chemischen Lebensprozesse antreiben, hat seinen Ursprung in all dem, was Sie sich zuführen. Alles hängt von Ihrer Ernährung ab – wie gut Ihre Körperfunktionen ablaufen, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass Ihre genetischen Ausprägungen aktiviert werden und ob Sie eine chronische Krankheit bekommen oder nicht; ja, sogar wie gut es Ihnen gelingt, die Behinderungen zu überwinden, die Ihnen durch eine chronische Krankheit zugefügt wurden.

Wenn Sie Zucker in den Tank eines Autos schütten, wird es nicht richtig fahren. Wenn Sie bei einem Spielzeug, das zusammengebaut werden muss, die Hälfte der Teile weglassen, wird es nicht funktionieren. Das Prinzip ist nicht neu, doch aus irgendwelchen Gründen tendieren die Menschen dazu, es nicht auf ihre Zellen anzuwenden. Es besteht die allgemeine Vorstellung, dass „man ist, was man isst“ oder dass bestimmte Nahrungsmittel „gesund“ oder „ungesund“ sind, tatsächlich aber steckt noch viel mehr dahinter. Ihre Ernährung steht in direktem Zusammenhang mit der Funktionsfähigkeit Ihrer Zellen.

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Die Ernährung der Zelle ist das A und O. Sie ist die eigentliche Grundlage der Gesundheit. Von den Zellen hängt alles ab, denn wenn sie nicht richtig funktionieren, dann funktionieren schließlich auch die Organe nicht richtig. Wenn die Organe nicht richtig funktionieren, dann funktionieren letztendlich Sie nicht richtig. Die Krankheit, von der Sie heute betroffen sind, hat ihren Ursprung in Ihren Zellen, und auch wenn die Anfälligkeit für diese Krankheit eine genetische Komponente haben mag, liegt es allein daran, was Sie Ihren Zellen zuführen oder vorenthalten, ob diese genetische Variation sich auswirkt oder nicht. Es ist nie zu spät, die Fehlsteuerung Ihrer Zellen umzukehren, doch dafür müssen Sie wissen, was genau Ihre Zellen wirklich brauchen, sonst bleibt das, was Sie tun oder lassen sollten, ein Rätsel.

Sie haben wahrscheinlich schon oft genug gehört, dass man seinem Körper geben soll, was er braucht, doch ich glaube, man sollte lieber fragen, ob auch die Mitochondrien das bekommen, was sie brauchen. Denn hier beginnt alles – bei der Zellgesundheit. Wenn Sie gesund, stark und mit scharfem Verstand gerüstet sein wollen, sind gesunde Zellen die Voraussetzung. Und dafür wiederum braucht es gesunde Mitochondrien. Hier muss man ansetzen, ganz unten an der Wurzel, dort, wo die Fehlsteuerung im Körper ihren Anfang nimmt. Nur so können Sie das Blatt wenden.

Die Mitochondrien gehören normalerweise nicht zu den Dingen, über die man in einem Buch zum Thema Ernährung liest. Information dieser Art findet man eher in einem medizinischen Text. Das Wort ist nicht einprägsam, es geht nicht leicht über die Lippen. Die Mitochondrien sind auch nicht wirklich attraktiv; sie sind die Arbeitstiere der Zelle. Und doch sind sie für unser Leben und unsere Gesundheit von unglaublicher Wichtigkeit. Ohne Mitochondrien wäre eine Zelle wie das Chassis eines Autos. Sie sähe zwar aus wie eine Zelle, doch sie wäre, wie ein Auto ohne Motor, ziemlich nutzlos und würde Sie nicht am Laufen halten. Und wie jede Maschine brauchen auch die Mitochondrien Treibstoff. Nicht einfach irgendeinen – sondern einen von hoher Qualität.

Erfahrungsbericht

Die Diagnose Multiple Sklerose war wahrhaftig ein Weckruf, doch Dr. Wahls hat einen wunderbaren Leitfaden entwickelt, der mir die Bedeutung der Ernährung nahegebracht hat. Ich habe dramatische Verbesserungen erlebt! Nicht nur, dass sich meine körperliche Kondition auf eine Weise verbessert hat, die ich gar nicht genug betonen kann, auch mein Gleichgewicht, die Müdigkeit, die geistige Klarheit, die Nervenschmerzen haben sich erheblich gebessert – und immer mehr Dinge kommen dazu. Das ist wirklich erstaunlich. Seit April 2011 laufe ich ohne Gehstock. Ich habe immer noch MS-Probleme, ich verliere immer noch mein Gleichgewicht und falle gelegentlich hin. Ich habe auch manchmal eine Sehnervenentzündung und ich werde immer noch müde – aber alles ist 10.000 Prozent besser als vorher! Dr. Wahls hat den Nachweis erbracht, wie tief greifend die Ernährung unseren physischen Körper, unsere Krankheit und unsere Denkweise und Klarheit beeinflusst. Das Paläo-Programm bestätigt wirklich das alte Sprichwort: „Du bist, was du isst.“

Pam J., Pecatonica, Illinois

Um genau zu verstehen, wie all das funktioniert, müssen Sie wissen, was eine Zelle ist, und insbesondere, wie eine Zelle von den Mitochondrien genannten Organellen in ihrem Inneren angetrieben wird.

Vielleicht erinnern Sie sich noch daran, dass Sie zu Schulzeiten im Biologie-Unterricht eine Zelle zeichnen mussten, aber was genau Sie gezeichnet haben, wissen Sie vermutlich nicht mehr. Im Allgemeinen enthält eine Zelle einen Zellkern, indem sich die DNS, die genetischen Anweisungen für den Organismus, befindet. Der Zellkern (fachsprachlich Nucleus) ist das „Herz“ der Zelle, dort sind alle Informationen gespeichert. Doch in diesem Zellraum befinden sich auch noch andere Dinge: die „Kraftmaschinen“, die die Zelle antreiben. Diese Maschinen heißen Mitochondrien, eine einzelne nennt man Mitochondrion.

Die Entwicklungsgeschichte der Mitochondrien

Vor etwa eineinhalb Milliarden Jahren, als Bakterien die einzige Lebensform auf der Erde waren, drangen kleinere Bakterien in größere ein. Doch anstatt ihren Wirtsorganismus zu schädigen, waren sie ihm nützlich, indem sie auf effizientere Weise Energie für ihn produzierten.

Damit eröffneten diese kleinen „Eindringlinge“ die Möglichkeit zur Spezialisierung, sodass die größeren Bakterien sich zu noch größeren mehrzelligen Organismen entwickeln konnten, aus denen schließlich die Tiere entstanden. Und aus den kleineren Bakterien wurden die Mitochondrien, die Energielieferanten. Interessanterweise scheint bei Pflanzen ein ähnlicher Prozess abgelaufen zu sein: Cyanobakterien umflossen kleinere Bakterien, die zur Fotosynthese fähig waren, und diese entwickelten sich zu Pflanzen, die über Chloroplasten, d. h. Organellen, in denen die Fotosynthese abläuft, verfügten. Diese hoch wirksamen, nährstoffreichen, Energie produzierenden Chloroplasten sind einer der Gründe, warum der Verzehr von frischem grünem Blattgemüse so gut für uns ist.

Die meisten Zellen unseres Körpers enthalten Mitochondrien, manche sehr viel mehr als andere. Je höher der Energiebedarf einer bestimmten Zelle ist, desto mehr Mitochondrien braucht sie zur Produktion dieser Energie. Das Gehirn, die Netzhaut, das Herz und die Leberzellen enthalten wesentlich mehr Mitochondrien als die meisten Zellen anderer Körperteile, denn Denken, Sehen, Bluttransport und Toxinabbau sind sehr energieintensive Prozesse.

Zellen benötigen Energie für vielfältige Funktionen: zum Aufbau, zur Erhaltung und zur Reparatur des Organismus sowie zum Abtransport von toxischen Abfällen. Letztere können von Medikamenten, Pestiziden, Herbiziden und aus Verschmutzungen stammen sowie als Nebenprodukte der Grundfunktionen der Zellen entstehen (jede „Maschine“ produziert Abfallstoffe). Zu viele Gifte können Zellen und Organe überlasten, doch zum Glück versorgen die vielseitigen und schwer arbeitenden Mitochondrien die Zellen mit ausreichend Energie zur Verarbeitung fettlöslicher Giften, die sie in eine wasserlösliche Form überführen und die von der gleichermaßen schwer arbeitenden Leber und den Nieren ausgeschieden werden können.

Die Mitochondrien sind auch für den Zelltod verantwortlich. Alle Zellen sterben letztendlich ab und ein zeitgerechter Zelltod ist für die Gesundheit unerlässlich. Auf ein Signal der Mitochondrien hin öffnet die Zelle eine Kalziumschleuse und stirbt durch eine Art zellulären „Selbstmord“ oder vorprogrammierten Zelltod ab. (Der Fachbegriff hierfür ist Apoptose.) Die Zellen, die nicht sterben, wenn ihre Zeit abgelaufen ist, wachsen auf Kosten aller anderen Zellen weiter und werden zu Krebsgeschwulsten.

Die Rolle der Mitochondrien im Lebenszyklus der Zelle


In diesem Zusammenhang sollten wir auch kurz auf ATP eingehen: Die Mitochondrien bilden einen Stoff namens ATP (Adenosintriphosphat), der Energie in den Bindungen zwischen den Molekülen speichert. Mithilfe von ATP bildet der Körper Proteine und Antikörper. ATP ist der „Treibstoff“, den unsere Zellen für all die chemischen Prozesse benötigen, für die sie zuständig sind. Ohne ihn könnten unsere Zellen nicht ordnungsgemäß arbeiten und würden vorzeitig absterben.

Zur effektiven ATP-Bildung brauchen die Mitochondrien bestimmte Stoffe: Glukose oder Ketonkörper aus Fett (davon wird in Kapitel 7 ausführlich die Rede sein) und Sauerstoff sind die wichtigsten Substanzen. Bereits mit diesen drei Stoffen könnten die Mitochondrien ein wenig ATP bilden, allerdings noch im „Stottergang“. Um die volle Leistung zu erbringen, brauchen sie aber auch Thiamin (Vitamin B1), Riboflavin (Vitamin B2), Niacinamid (Vitamin B3), Pantothensäure (Vitamin B5), Mineralstoffe (insbesondere Schwefel, Zink, Magnesium und Mangan) sowie Antioxidanzien. Die Mitochondrien benötigen außerdem reichlich Alpha-Liponsäure, Kreatin und Ubiquinon (das auch Coenzym Q, Coenzym Q10, CoQ oder CoQ10 genannt wird), um Spitzenergebnisse zu erzielen.2 Außerdem müssen sie vor Giftstoffen wie Blei, Quecksilber und Arsen geschützt werden.

Wenn Sie nicht mit all diesen Nährstoffen versorgt oder zu vielen Toxinen ausgesetzt werden, leidet die Effektivität Ihrer ATP-Bildung, und daraus ergeben sich zwei Probleme:

1.Die Zellen bilden weniger Energie, sodass sie eventuell nicht all ihren Aufgaben gerecht werden können.

2.Die Zellen produzieren mehr Abfallstoffe als nötig in Form freier Radikale.

Fehlen die richtigen Nährstofflieferanten für die ATP-Bildung in den Mitochondrien – die wiederum zur Energiebildung für die lebenserhaltenden zellulären Prozesse gebraucht wird –, verhungern die Mitochondrien buchstäblich. Die Zelle kann ihre Arbeit nicht erfolgreich erledigen. Werden die Mitochondrien darüber hinaus zu stark beansprucht, beginnen sie sich aufzulösen. Je weniger Mitochondrien in der Zelle vorhanden sind, desto mehr werden die übrigen belastet, damit die benötigte Energie geliefert werden kann. Diese Beanspruchung der Mitochondrien kann zu einem Todessignal an den Zellkern führen, sodass es dann zu einem vorzeitigen „Selbstmord“ der Zelle kommt. Die Folge ist eine schnellere Alterung der Organe und des ganzen Körpers, vor allem des Gehirns, für das die Arbeit der Mitochondrien ganz besonders wichtig ist. Das kann schließlich zu einer Art „Gehirnnebel“ (Verwirrtheit, Gedächtnisschwund, „neben sich stehen“) und sogar einer Schrumpfung des Gehirns führen.

Fassen wir unsere bisherigen Erkenntnisse zusammen: Die Mitochondrien erbringen dann Spitzenleistungen, wenn den Zellen die Energie zur Verfügung steht, die sie für ihre Arbeit benötigen, sodass der Körper erwartungsgemäß funktioniert, ohne einen Energie- und Nährstoffmängel kompensieren zu müssen. Die Zellen bilden weniger freie Radikale und dadurch kommt es seltener zu Zellschäden. Die richtige Ernährung erleichtert diesen ganzen Prozess, während eine falsche Ernährung ihn zum Entgleisen bringt. Es kommt zu einer Überlastung der Mitochondrien, einer raschen Alterung und häufiger zu einer oder mehreren sich verschlechternden chronischen Krankheiten.

Wissenswertes

Bei allen chemischen Prozessen entstehen auch Abfallprodukte, und freie Radikale gehören zu dem Abfall, der in Ihrem Körper bei der benötigten Energiegewinnung anfällt. Freie Radikale sind Atome oder Moleküle mit mindestens einem ungepaarten Elektron; eine oder mehrere Stellen sind also nicht besetzt, wodurch sich ihre chemische Reaktionsfähigkeit enorm erhöht. Freie Radikale können in den Zellen zu Problemen führen, da sie sich unbedingt binden wollen und dazu nach einer Oxidationsmöglichkeit suchen (mit anderen Worten, sie müssen ein oder mehrere Elektronen aus einer anderen Bindung herauslösen, also zerstören), um dann diese freie Stelle zu besetzen. Freie Radikale können dadurch Probleme verursachen, dass sie die Form eines Proteins, einer Zellmembran oder der DNS verändern, wodurch sich auch deren Funktion verändert. Ist der Zellschaden durch freie Radikale zu groß, kann die Zelle ihre Funktionen nicht mehr richtig ausüben und sogar vorzeitig absterben. Kommt es allzu häufig zu vorzeitigem Zelltod, führt das schließlich zu einer schnellen Alterung Ihrer inneren Organe, mit anderen Worten: Sie altern schneller.

Antioxidanzien leisten erste Hilfe! Pflanzliche Antioxidanzien stimulieren die Bildung von Enzymen in unseren Zellen, die diese freien Radikale neutralisieren, bevor sie Zellschäden anrichten können. Sie erhöhen die Wirksamkeit der biochemischen Mechanismen zum Schutz der Zelle vor freien Radikalen erheblich.

Stellen Sie sich einmal vor, wie Ihr Haus aussähe, wenn Sie es nie sauber machen oder den Abfall entsorgen würden. Müll und Schmutz würden schließlich die Entlüftung und die Rohrleitungen verstopfen, das elektrische System stören, und die gesamte Bausubstanz würde verfallen, bis das Haus nicht mehr bewohnbar wäre. Antioxidanzien sind Ihre „Putzkolonne“, ihre zellulären Reinigungskräfte, die die freien Radikale in Schach halten. Sie kümmern sich um die Entsorgung des bei der ATP-Produktion entstandenen Abfalls. (Ich werde später noch auf die besten Lieferanten für Antioxidanzien aus der Nahrung eingehen.)

Anzeichen für Nahrungsmangel in den Mitochondrien

Nun können Sie bestimmt ermessen, wie wichtig die Mitochondrien für Ihre Gesundheit sind, und damit haben Sie recht! Sie denken sich vielleicht auch, dass Sie mehr Nährstoffe brauchen, sodass die Mitochondrien bestens für die ATP-Produktion gerüstet sind – zum Beispiel B-Vitamine und Mineralstoffe, Coenzym Q und Antioxidanzien. Auch damit haben Sie wahrscheinlich recht: Die meisten Menschen sind mit den Nährstoffen, die ihre Zellen brauchen, unterversorgt.

Aber woher wissen Sie, ob Ihre Mitochondrien richtig ernährt werden? Sie können nicht einfach in den Spiegel schauen, um nachzusehen, ob sie gesund sind. Es gibt jedoch ein paar Anhaltspunkte, die ich im Laufe meiner Arbeit entdeckt habe, Anzeichen und Signale, die darauf hinweisen, dass die Mitochondrien eventuell nicht ausreichend versorgt werden, um Ihr System aufrechtzuerhalten und es bei höchster Leistungsfähigkeit zu betreiben:

–Sie fühlen sich müde. Wenn Sie sich immer erschöpft fühlen und unter Energiemangel leiden, auch wenn Sie ausreichend geschlafen haben, erhalten Ihre Mitochondrien vielleicht nicht genügend Vitamine, Mineralstoffe und Antioxidanzien zur Energieproduktion in den Zellen. Dieser zelluläre Energiemangel kann sich auf körperlicher Ebene bemerkbar machen.

–Sie ernähren sich stark zucker- und stärkehaltig. Zu viel Weißmehl, Zucker und Maissirup mit hohem Fruktosegehalt können Ihre Mitochondrien „verkleben“, sie arbeiten dann weniger effizient. Zucker und raffinierte Kohlenhydrate schaden dem Körper auf zweierlei Weise: Sie enthalten erstens viele Kalorien, haben aber nur einen geringen Nährwert, sodass Sie zwar satt werden, sich aber nicht die benötigten Nährstoffe zuführen und Ihre Zellen hungern; zweitens begünstigen sie das Wachstum unerwünschter Bakterien und Hefen im Darm, was zu vielen weiteren Problemen führen kann. (Damit werden wir uns im Laufe des Buches noch ausführlich befassen).

–Sie sind älter als 50 Jahre. Mit zunehmendem Alter nimmt die Fähigkeit zur Bildung von Coenzym Q, einem wichtigen Nährstoff für gesunde und leistungsfähige Mitochondrien, allmählich ab. Das hat zur Folge, dass die Leistungsfähigkeit Ihrer Mitochondrien ebenfalls langsam abnimmt, wenn Sie sich nur suboptimal ernähren.

–Sie müssen Statine einnehmen. Diese Medikamente senken den Cholesterinspiegel und werden daher von vielen Ärzten empfohlen, wenn das Risiko einer Herzerkrankung besteht oder ein hoher Cholesterinspiegel vorliegt. Manche Ärzte empfehlen sie sogar vorbeugend. Die Arzneimittelklasse der Statine, die häufig gegen erhöhte Cholesterinwerte verschrieben werden, erschweren den Zellen jedoch die Bildung von Coenzym Q. Da ältere Menschen tendenziell einen höheren Cholesterinspiegel haben, nehmen sie mit großer Wahrscheinlichkeit auch Statine ein. Wer über 50 Jahre alt ist, hat aber ohnehin oft schon Probleme mit der Bildung von Coenzym Q, was das Problem weiter verschlimmert. Aus mehreren Studien geht hervor, dass sich die Symptome bei Patienten mit einer neurodegenerativen Gehirnerkrankung durch eine Verbesserung des Coenzym-Q-Spiegels verringern.3 Wenn Ihnen Statine verschrieben wurden, setzen Sie diese nicht einfach ab, ohne mit Ihrem Arzt zu sprechen; doch Sie sollten sich aufgrund dieser Informationen überlegen, ob Sie nicht die Zufuhr von Coenzym Q zum Ausgleich erhöhen.

–Sie nehmen regelmäßig rezeptfreie Medikamente ein. Viele häufig verschriebene und frei verkäufliche Medikamente sind Vitamin-B-, Mineralstoff- und Coenzym-Q-Räuber. Je länger Sie dieser Präparate einnehmen, desto mehr kann ihr Spiegel absinken.

Im Folgenden zähle ich einige Medikamente auf, die Coenzym Q beeinträchtigen:

Trizyklische Antidepressiva

Benzodiazepine (Tranquilizer, Beruhigungsmittel)

Sulfonylharnstoffe (orale Diabetika)

Thiaziddiuretika (harntreibend)

Betablocker

Acetaminophen (Paracetamol, Schmerzmittel und Fiebersenker)

Zu den Medikamenten, die die Vitamin-B-Resorption und Ihren Stoffwechsel beeinträchtigen können, gehören:

Diuretika (Entwässerungsmittel)

Metformin und andere bei Typ–2-Diabetes gängige Medikamente

Empfängnisverhütungsmittel („Pille“)

Antazida (zur Verringerung der Magensäure)

bestimmte Antibiotika

Benzodiazepine

Trizyklische Antidepressiva

NSAID (nicht-steroidale Entzündungshemmer wie Ibuprofen)

Aspirin

Protonenpumpenhemmer (Omeprazol, bei Magenbeschwerden)

–Diuretika und Präparate, die den Magensäurespiegel senken, können die Resorption von Mineralstoffen ebenfalls beeinträchtigen. Die mit der Langzeiteinnahme von Arzneimitteln einhergehende Verarmung an Nährstoffen kann ein Faktor sein, warum viele Krankheiten trotz medikamentöser Behandlung weiter fortschreiten.4

–Sie leiden unter chronischer Migräne oder Spannungskopfschmerzen. Es gibt einen Zusammenhang zwischen chronischen Spannungskopfschmerzen und einer Fehlfunktion der Mitochondrien.5

–Sie sind von einer chronischen Krankheit betroffen. Die Liste der gesundheitlichen Probleme, die mit einer Störung in der Mitochondrienfunktion zusammenhängen, wird täglich länger und umfasst nun auch Diabetes, Herzinsuffizienz, Hepatitis C, Fibromyalgie, Schizophrenie, affektive Störungen, Epilepsie, Schlaganfälle, Gedächtnisprobleme und Autoimmunerkrankungen.6

Eine Störung der Mitochondrien über einen langen Zeitraum manifestiert sich am offensichtlichsten in chronischen Krankheiten. Wenn die Mitochondrien den Körper nicht richtig mit Energie versorgen, werden Störungen in Form einer negativen Kettenreaktion in Gang gesetzt, die sich schließlich als Zellalterung, organische Funktionsstörung und chronische Krankheit äußert. Die Wissenschaft zeigt in zunehmendem Maße auf, dass mitochondrialer Stress ursächlich für die meisten chronischen Krankheiten der modernen Gesellschaft ist. Wenn Sie also gesund werden möchten, dann sollten Sie dafür sorgen, dass Ihre Mitochondrien wiederhergestellt werden, um Ihrer Gesundheit bestmöglich zu dienen.

Treffen einzelne oder alle dieser Symptome oder Kategorien auf Sie zu, werden Ihre Mitochondrien in hohem Maße von einer „Runderneuerung“ profitieren. Das hier vorgestellte Programm nützt der Funktionsfähigkeit Ihrer Mitochondrien direkt oder indirekt in jeder Beziehung, doch nichts trägt mehr dazu bei als die Verbesserungen, die Sie in Bezug auf Ihre Ernährungsweise vornehmen. Sie werden Ihren Körper mit den B-Vitaminen, Mineralstoffen, Antioxidanzien und Aminosäuren überschwemmen, die er für seine Mitochondrien benötigt, sodass jeder Bereich Ihrer Gesundheit – und zwar bereits auf zellulärer Ebene – damit beginnen kann, sich selbst zu helfen.

Erfahrungsbericht

Im Januar 2003 wurde eine schubförmig remittierende MS diagnostiziert, als ich 46 Jahre alt war, obwohl ich die Krankheit schon viele Jahre vorher hatte. Ich nahm jahrelang dieselben gängigen Medikamente ein, doch es ging immer weiter abwärts. Mein Neurologe schlug mir ein anderes Präparat vor, doch ich zögerte wegen der gefährlichen Nebenwirkungen und suchte nach einem anderen Weg. Das führte mich zu Dr. Terry Wahls.

Ich halte mich jetzt seit 6 Monaten an ihr Paläo-Programm und verwende auch das Gerät zur Elektrostimulation. Ich bin klarer im Kopf, mein Zustand hat sich endlich nicht weiter verschlechtert, und es kommt auch ein wenig Kraft zurück. Die Farbe meiner Beine ist besser, und ich übe täglich 20 bis 30 Minuten, meditiere, atme tief und verbringe viel Zeit im Freien. Dr. Wahls ist mein Vorbild und in vielerlei Hinsicht meine Heldin. (Ich habe auch eine weibliche Partnerin und zwei eigene Kinder, die jetzt junge Erwachsene sind.) Jahrelang habe ich die Ärzte immer wieder nach dem Zusammenhang zwischen Ernährung, Sport und Stress gefragt, aber sie wischten meine Fragen einfach vom Tisch. Ich schätze die Intensität ihrer Forschungsarbeit und ihre Bereitschaft, von ihrer persönlichen Erfahrung zu berichten, sehr. Sie ist eine Lebensretterin!

Ann P., Houston, Texas

Ihr neues Rezept: Nahrungsmittel

Ihre Zellen beherbergen etwa 4000 verschiedene Enzymsysteme, die mehr als 1000 chemische Signale aussenden und jede Sekunde zigtausend chemische Reaktionen durchlaufen.7 Bisher wurden mehr als 250 verschiedene Nährstoffe identifiziert und wahrscheinlich gibt es noch Tausende mehr, die zwar noch nicht erforscht, aber für eine optimale Gesundheit wichtig sind.8 Nehmen Sie alle diese Substanzen zu sich? Wohl eher nicht.

Und kann Ihr Darm auch all das, was Sie essen, richtig verdauen und die notwendigen Nährstoffe resorbieren, die Ihre Zellen ausreichend mit Vitaminen, Mineralstoffen, essenziellen Fettsäuren und Antioxidanzien versorgen, die sie für ihr Gedeihen brauchen? Auch das könnte ein Problem darstellen.

Die Biochemie ist kompliziert und die Mechanismen des menschlichen Körpers sind ebenfalls unvorstellbar kompliziert und verwickelt. Obwohl wir viel über den Nährstoffbedarf der Mitochondrien wissen, haben wir weder jedes einzelne mitochondriale Bedürfnis verstanden, noch können wir ganz genau sagen, wie genau die verschiedenen Zellen in unserem Körper ernährt werden müssen. Wenn ich von „umfassender Ernährung“ spreche, also davon, was unser Körper insgesamt braucht, dann ist das so zu verstehen, dass wir zwar wissen, dass es diese Nährstoffbedürfnisse für Tausende verschiedener Funktionen gibt, dass wir sie aber noch immer nicht alle verstanden haben.

Aber die Natur schon. Deshalb reicht es für eine optimale Gesundheit nicht aus, wenn wir uns lediglich auf die Vitamine und Nährstoffergänzungen verlassen, die wir zusätzlich zu unserer üblichen Ernährung einnehmen. „Echte“ Nahrungsmittel enthalten alle Geheimnisse, die uns bislang verborgen sind, und genau deshalb habe ich mein Paläo-Programm spezifisch konzipiert, damit Sie sich auf besondere Weise mit diesen „echten“ Nahrungsmitteln versorgen können, sodass sie wiederum dem riesigen Nährstoffbedarf Ihrer Zellen gerecht werden – auch den vielen Tausenden von Anforderungen, die wir noch nicht verstanden haben.

Was wir aber wissen, ist, dass es mit der Gesundheit ganz eindeutig abwärts geht, wenn die Vitamine, Mineralstoffe und Antioxidanzien im Körper das optimale Niveau unterschreiten. Das ist nicht nur Theorie. Ein typisches Beispiel: Der Biochemiker Dr. Bruce Ames, der sich mit der Erforschung der Ernährung auf zellulärer Ebene beschäftigt, liefert Hinweise, die veranschaulichen, dass ein Mensch mit größerer Wahrscheinlichkeit schneller altert und an Krebs erkrankt, wenn er sich nur unzureichend mit Vitaminen und Mineralstoffen versorgt, selbst wenn er momentan gesund zu sein scheint.9 Ist zum Beispiel die Vitamin-K-Versorgung eingeschränkt, dann setzt der Körper Prioritäten bei der Verwendung dieses begrenzten Vorrats. Er bildet zwar noch die Proteine, die Ihre Blutgerinnung in Gang setzen, wenn Sie sich geschnitten haben, aber er eben nicht mehr jene, die Sie brauchen, damit die Blutgefäße und die Herzklappen langfristig flexibel bleiben. Sie werden im Moment bei einer Verletzung also nicht gleich verbluten; bleibt der Mangel aber langfristig bestehen, verursacht dies Probleme mit den Herzklappen und/oder dem Blutdruck.10 Infolgedessen könnte es sein, dass Sie sich irgendwann einer Herz-OP unterziehen oder Blutdrucksenker einnehmen müssen.

In einer interessanten Studie wurde im Blut älterer Menschen der Spiegel von mehr als 31 verschiedenen Vitaminen, Mineralstoffen, essenziellen Fettsäuren und Antioxidanzien bestimmt, von denen man dachte, dass sie die Gesundheit des Gehirns beeinflussen können, und man untersuchte diesen Einfluss auf die Größe des Gehirns und auf die Denkleistung. Die Oregon Brain Ageing Study (zu Deutsch etwa: „Oregon-Studie über die Gehirnalterung“) untersuchte 104 Erwachsene (mit einem Durchschnittsalter von 87 Jahren). Die Wissenschaftler analysierten den Blutspiegel verschiedener Nährstoffe, die Größe des Gehirns (mittels Kernspintomografie) und die Denkfähigkeit anhand verschiedener neuropsychologischer Tests und machten dann eine Regressionsanalyse, um die Beziehung zwischen den Nährstoffspiegeln, der Größe des Gehirns und der Gedächtnisleistung zu bestimmen.11 Die Ergebnisse waren aufschlussreich: Das Vorliegen großer Mengen der Vitamine B1, B2, B6, B9, B12, C, D und E sowie von Fettsäuren waren die aussagekräftigsten Indikatoren für die Gesundheit des Gehirns. Zudem deckten sich hohe Spiegel von Vitamin A und K sowie Antioxidanzien mit einem vermehrten Gehirnvolumen und einer besseren Gedächtnisleistung.

In der Studie wurden auch schädliche Substanzen, sogenannte „antinutritive Stoffe“ untersucht. Auffallend war, je mehr Transfette (gehärtete Pflanzenöle) im Blut waren, desto kleiner war das Gehirn und desto geringer die Denkfähigkeit, die durch das Abschneiden der Probanden bei Denkaufgaben ermittelt wurde.12 Mit anderen Worten: Wenn Sie Ihre Gesamtkalorienzahl über Nahrungsmittel aufnehmen, die voller Nährstoffe für das Gehirn sind, so ist dies wahrscheinlich das Wirkungsvollste, was Sie zum Schutz Ihres Gehirns tun können. Wer an einem kleinen Gehirn interessiert ist, das nur schlecht denken kann, muss lediglich mehr antinutritive Stoffe wie Fertiggerichte voller Transfette essen. Essen Sie täglich oder auch nur dreimal pro Woche Fast Food – und Sie sind auf dem besten Weg in die Frühdemenz!

Die Nahrung kann nicht alles leisten – mir ist wichtig, das zu betonen. Ich habe immer noch Multiple Sklerose und ich habe immer noch Herde im Halsbereich des Rückenmarks. Manche Vernarbungen und Degenerationserscheinungen sind nicht rückgängig zu machen. Eine ganze Menge mehr Degenerationen bleiben aber wohl letztlich doch nicht für immer bestehen. Meine Herde hindern mich nicht mehr am Laufen. Man sieht sie im MRT, aber sie beeinträchtigen mich nicht mehr wie früher. Die Nahrung kann den Einfluss des Sturms der Zerstörung im Körper direkt beeinflussen. Wollen Sie ihn weiter anfachen oder wollen Sie ihn beenden, indem Sie Ihrem Körper die speziellen und umfangreichen Nährstoffe zuführen, die er braucht, um die schwächenden Auswirkungen einer Autoimmunerkrankung bestmöglichst zu bekämpfen, um dauerhaft gesünder und vitaler zu werden?

Mikronährstoffe, die Ihr Gehirn jetzt braucht

Die Ernährung der Zelle ist wichtig für die Gesamtgesundheit, doch für all jene mit MS oder anderen Krankheiten, die das Gehirn beeinträchtigen, ist eine Ernährung von besonderem Interesse, die auf ein gesundes Gehirn abzielt. Ihr Gehirn ist ein erstaunliches und komplexes Organ, und es braucht zu seiner ordnungsgemäßen Funktion viele Reserven. Eine der wichtigsten Strukturen, die in Ihrem Gehirn repariert und erhalten werden müssen, ist das Myelin, denn es ist das Angriffsziel des eigenen Immunsystems bei MS-Patienten.

Myelin ist die isolierende Fettschicht, von der die Nervenzellen umgeben sind. Es gibt zehn Milliarden Gehirnzellen mit zehn Billionen Verknüpfungen. Sie alle müssen von Myelin isoliert werden. Doch Ihr Arzt oder Ihre Ärztin hat Ihnen wahrscheinlich nicht gesagt, welche Nährstoffe Ihre Gehirnzellen zur optimalen Funktion brauchen, von der Reparatur der Schäden ganz zu schweigen. Vermutlich wissen sie auch gar nichts darüber, da in der ärztlichen Ausbildung das Thema Ernährung zu kurz kommt. Aber ich weiß es: Zu Bildung von gesundem Myelin müssen wir Thiamin (Vitamin B1), Folsäure (Vitamin B9), Cobalamin (Vitamin B12), Omega-3-Fettsäuren (insbesondere Docosahexaensäure, DHA) und Jod aufnehmen. (Was Sie essen müssen, damit Ihnen diese essenziellen Bausteine auch zur Verfügung stehen, erfahren Sie in den folgenden Kapiteln.)

Ihr Gehirn ist auch auf Neurotransmitter angewiesen. Diese chemischen Stoffe sind für die Zellkommunikation der Gehirnzellen untereinander zuständig. Sind die Neurotransmitter in ihrer Funktion gestört, kann es zu Depressionen, Angstzuständen, Reizbarkeit und vermehrten Schmerzen kommen. Viele Patienten mit Stimmungsproblemen nehmen Medikamente ein, die die Bildung bestimmter Neurotransmitter ankurbeln, doch oft bessert sich bei ihnen nicht viel, denn es fehlen ihnen die Grundbausteine, die die Gehirnzelle in erster Linie benötigt, um die

Gehirnzellen: Der „Arbeitsplatz“ der Bausteine


Neurotransmitter zu bilden – weil sie sich nicht entsprechend ernähren. Das Medikament kann dann natürlich nicht so gut wirken. Damit die Neurotransmitter richtig funktionieren, brauchen Ihre Gehirnzellen vor allem bestimmte Aminosäuren, Schwefel und Pyridoxin (Vitamin B6).13

Als ich mich zum ersten Mal mit der Erforschung der Nährstoffe befasste, die dafür sorgen, dass die biochemischen Abläufe in den Zellen, insbesondere in den Gehirnzellen, ordnungsgemäß vonstattengehen, entdeckte ich die Mikronährstoffe, von denen Wissenschaftler sagen, dass sie entweder für die Leistungsfähigkeit der Mitochondrien14 oder die optimale Funktion der Gehirnzellen von großer Wichtigkeit sind.15 Ich habe sie und ihre Hauptaufgaben im Folgenden für Sie zusammengestellt und die Nahrungsmittelgruppen hinzugefügt, die ausgezeichnete Quellen für die Kalorienaufnahme aus den Nahrungsmitteln selbst darstellen (im Gegensatz zu den Nahrungsmitteln, die nach der Verarbeitung wieder mit Vitaminen angereichert werden). 16 Vergessen Sie nicht, dass synthetische Vitamine eine andere Form haben als die natürlich vorkommenden und nicht innerhalb des Verbundes mit all den anderen, in vollwertigen Nahrungsmitteln enthaltenen Elementen auftreten, sondern isoliert angeboten werden. Zusätzlich angegeben ist einer der wichtigsten antinutritiven Stoffe, die mit einer Verschlechterung der Gehirngesundheit einhergehen.

Mehr als nur Ernährung: Das Wahls-Programm

Die Ernährung ist das Herzstück des Wahls-Programms, und von den Nährstoffen, die für die Zellen und insbesondere für das Gehirn gedacht sind, hängt es ab, wie es für den Rest Ihres Lebens mit Ihrer Gesundheit weitergeht. Darauf beschränkt sich mein Programm jedoch nicht, und die Ernährung ist auch nicht das Einzige, das ich in meinem Leben verändert habe, um meine Symptome rückgängig zu machen. Viele andere Faktoren haben ebenfalls zu meiner ständigen Erholung beigetragen. Dazu gehören die verringerte Aufnahme von Umweltgiften, die elektrische Stimulation der Muskeln, ein regelmäßiges und geeignetes sportliches Übungsprogramm, einige zentrale Nahrungsergänzungsmittel sowie gezielter Stressabbau.

Diese Punkte runden das Wahls-Programm ab, und es sind alles Dinge, die Sie selbst durchführen können. Zusammen mit einer verbesserten Ernährungsweise können Sie Ihrem Körper die bestmögliche Chance zur Heilung bieten. Im Laufe dieses Buches führe ich Sie Schritt für Schritt durch die verschiedenen Elemente des Programms, das ich entwickelt habe, um mir selbst zu helfen, und das ich nun systematisiert habe, um anderen zu helfen. Vorab aber erhalten Sie schon einmal einen Ausblick auf die grundlegenden Elemente.

Die Ernährung

Sie bildet das Kernstück zur Widerherstellung der korrekten biochemischen Vorgänge. Ich werde Sie anleiten, sich allmählich umzustellen von Ihrer gegenwärtigen Ernährungsweise, der möglicherweise einige hochwirksame Nährstoffe fehlen, die von den Zellen für die Gesundheit benötigt werden, hin zu meinem Ernährungsprogramm. Es ist dreistufig, und Sie können dort einsteigen, wo es für Sie am bequemsten ist. Beim Basis-Programm werden einige Dinge hinzugefügt und einige weggelassen. Die nächste Stufe, das Paläo-Programm, wird etwas strenger gehandhabt, und die dritte Stufe, das Paläo-Plus-Programm, ist für alle jene, die eine massive und schnelle Intervention anstreben. Die einzelnen Ernährungsschritte mögen sich zunächst schwierig anhören, doch Sie werden großartige naturbelassene und vollwertige Nahrungsmittel zu sich nehmen, viel Gemüse und Obst sowie Fleisch, Geflügel, Meeresfrüchte, Nüsse, Samen und auch einige überraschende Lebensmittel, die Sie vielleicht vorher nicht einmal im Traum in Erwägung gezogen hätten. Sie werden nicht hungern; im Gegenteil, Sie sollen sogar viel essen, und wenn Sie übergewichtig sind, werden Sie feststellen, dass diese zusätzlichen Pfunde trotzdem dahinschmelzen (sozusagen eine „Nebenwirkung“!). Bleiben Sie ruhig. Sie müssen diese Veränderungen nicht alle auf einmal vornehmen. Ich werde Sie Ihnen erklären, damit Sie genau verstehen, was Sie tun und warum Sie es tun, bevor Sie sich auf irgendetwas Radikales einlassen.

Tabelle 1: Wichtige Nährstoffe für ein gesundes Gehirn


Nährstoff Hauptaufgabe
Vitamin A, Retinol (die tierische Form von Vitamin A) an der Synthese der Sehpigmente in der Netzhaut beteiligt Lebertran
Vitamin B1 (Thiamin) erleichtert die Nutzung von Glukose, Myelinbildung Fleisch aus biologischer Tierhaltung, Samen, Nüsse
Vitamin B2 (Riboflavin) unterstützt die Energieproduktion in den Mitochondrien Leber, grünes Gemüse
Vitamin B3 (Niacin) unterstützt die Energieproduktion in den Mitochondrien Leber, Hühnchen
Vitamin B6 unterstützt die Neurotransmitterbildung Fisch, grünes Gemüse
Vitamin B9 (Folsäure) erleichtert die Myelinbildung Leber, grünes Gemüse, Spargel
Vitamin B12 (Cobalamin) erleichtert die Myelinbildung Leber, Meeresfrüchte
Vitamin C Infektionsabwehr, Antioxidans grünes Gemüse, Zitrusfrüchte
Vitamin D schaltet Gene an oder aus, schützt die Gehirnzellen Lebertran, Sonnenlicht
Vitamin E fördert die Signalgebung der Zellen, schützt die Cholesterin-Transportproteine vor Oxidation, verringert das Absterben von Gehirnzellen und schützt so vor dem Altern Nüsse, Samen, Avocado
Eisen unterstützt die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn Fleisch aus biologischer Tierhaltung, grünes Gemüse, Rübensirup
Kupfer fördert das Eisen-/Kupfer-Gleichgewicht, das an den höheren Gehirnfunktionen beteiligt ist Fleisch aus biologischer Tierhaltung, Meeresfrüchte, Nüsse, Samen
Zink unterstützt die Sinneswahrnehmung Leber, Meeresfrüchte, Nüsse, Samen
Jod fördert die Intelligenz und ist an der Myelinbildung beteiligt Meeresalgen, Meerestiere, jodiertes Meersalz
Magnesium stabilisiert die Zellen gegen übermäßiges Glutamat (zu viel Stimulation) grünes Gemüse, roh eingeweichte Nüsse, Meeresalgen
Selen schützt vor oxidativem Stress Paranüsse, Sonnenblumenkerne, Meerestiere, Meeresalgen
Lycopin, Lutein, Zeaxanthin, Alpha- u. Beta-Carotin, Beta-Cryptoxanthin Antioxidanzien, die Zellmembranen und Mitochondrien schützen bunte Gemüse und Beerenfrüchte
Carnitin unterstützt die Energieproduktion in den Mitochondrien Herz, Nieren, Leber, Rindfleisch und alle anderen Fleischsorten, einschließlich Huhn
Liponsäure unterstützt die Energieproduktion in den Mitochondrien Herz, Nieren, Leber
Coenzym Q unterstützt die Energieproduktion in den Mitochondrien Herz, Nieren, Leber
Kreatin unterstützt die Energieproduktion in den Mitochondrien Fleisch aus biologischer Tierhaltung, Wild
Pantothensäure (Vitamin B5) unterstützt die Energieproduktion in den Mitochondrien Leber, Pilze, Avocado
Vitamin K stärkt das Myelin und die Blutgefäße grünes Gemüse
Cholesterin stärkt die Zellmembranen, fördert die Hormonbildung tierische Fette
Alpha-Linolensäure (ALA, vegetarische Form der Omega-3-Fettsäuren) unterstützt die Bildung von Zellmembranen und Myelin Walnüsse, Lein- und Hanföl
Omega-3-Fettsäuren, Eicosapentaensäure (EPA), Docosahexaensäure (DHA) (tierische Formen der Omega-3-Fettsäuren unterstützt die Bildung von Zellmembranen und Myelin, senkt übermäßige Entzündungen wild lebender Hering, Lachs, Fleisch von Weidetieren
Omega-6-Fettsäuren, Linolsäure (LA), Arachidonsäure (AA) unterstützt die Bildung von Zellmembranen und Myelin, gibt Molekülen das Zeichen zur interzellulären Kommunikation (zu viel Omega-6 kann zu übermäßigen Entzündungen führen; es muss im Gleichgewicht mit Omega-3 sein) Samen und Nüsse (LA), Fleisch aus biologischer Tierhaltung, Fleisch (AA)
Gamma-Linolensäure (GLA) entzündungshemmend Borretsch, Nachtkerzenöl, Hanföl
Schädliche antinutritive Substanzen
Transfette erhöhen den Schaden an Zellmembranen und Mitochondrien teilgehärtete Fette, in Pflanzenöl zubereitetes Essen (insbesondere Fast Food)

Umweltgifte

Die moderne Welt ist voll von Chemikalien und viele davon stehen in einer Wechselwirkung mit unseren Zellen, wobei sie die natürlichen chemischen Prozesse oft behindern. Ich werde erklären, warum viele dieser chemischen Substanzen zu den Hauptursachen von Invalidität und Krankheit in Amerika gehören. Wir werden herausfinden, welchen Chemikalien Sie ausgesetzt sind und welche speziellen Schritte Sie unternehmen können, um diese Belastungen zu reduzieren. Ich werde auch erklären, wie Ihr Körper die Giftstoffe verarbeitet und ausscheidet. Und was am wichtigsten ist, ich werde Ihnen zeigen, wie Sie die Entgiftungsfunktionen Ihres Körpers sicher stärken und optimieren können, sodass Sie Ihre Toxinbelastung im Fettgewebe (dort speichert der Körper die Giftstoffe) langsam und gefahrlos reduzieren können.

Sportliche Betätigung und elektrische Stimulation (Reizstrom)

Ihr Gehirn und Ihr Körper sind darauf angewiesen, dass Sie Ihre Muskeln benutzen und sich bewegen, auch wenn Sie unter einer degenerativen Krankheit leiden. Sportliche Betätigung ist wichtig, damit die Hormone in Gehirn und Körper im richtigen Gleichgewicht bleiben; außerdem verhindert das Muskelschwund. Wenn Sie chronisch krank sind, ist es ebenfalls wichtig, dass Sie genug, aber nicht zu viel tun, und dass Sie die für Ihre Bedürfnisse richtigen Übungen machen. Ich stelle Ihnen nicht nur Übungen vor, sondern informiere Sie auch über die elektrische Stimulation, auch „E-Stim“ genannt, eine Art Reizstromtherapie, die sich in spektakulärer Weise auf meine Beweglichkeit und meine Stimmung ausgewirkt hat.

Nahrungsergänzungen, Medikamente und alternativmedizinische Behandlungen

Ich bin fest davon überzeugt, dass die meisten Nährstoffe aus der Nahrung stammen sollten, doch je nach Ihrem speziellen Bedarf könnten Sie auch von bestimmten Nahrungsergänzungen profitieren. Ich gebe Ihnen entsprechende Empfehlungen und nenne auch möglicherweise kontraindizierte Substanzen. Wir werden auch das Thema Medikamente angehen und überlegen, ob sie abgesetzt werden sollten oder nicht, wenn Sie mit dem Paläo-Programm beginnen. Schließlich werde ich als Ärztin – mit Hinblick auf meine „Wandlung“ von der Schulmedizinerin zur Befürworterin der funktionellen Medizin –, meinen Standpunkt zu alternativmedizinischen Behandlungen darlegen, die Sie eventuell ausprobieren, und zu solchen, die Sie meiner Meinung nach lieber nicht ausprobieren sollten. Sie werden erfahren, welche Verfahren belegt und sicher sind und was reine Spekulation sowie unter Umständen auch nicht sicher sein könnte.

Stressabbau

Stressabbau ist ein absolutes Muss, damit Ihr Körper auf optimale Weise in die Lage versetzt wird, sich selbst zu heilen. Die Stressreaktion setzt eine Kaskade von Veränderungen im Körper in Gang, die kurzfristig von hohem Nutzen sein, langfristig aber in drastischer Weise zerstörerisch wirken können. Ich werde Ihnen genau erklären, warum und wie Sie sich dem „Kampf- und Fluchtmodus“ entziehen können.

Eine Rückschau auf Ihr Leben

Ich hoffe, Sie können sich noch immer an die Zeit erinnern, als es Ihnen gut ging. Sie konnten den ganzen Tag arbeiten oder mit Ihren Kindern spielen und Sie fühlten sich wohl in Ihrem Körper, oder zumindest ganz normal. Ab einem bestimmten Zeitpunkt jedoch haben Sie wahrscheinlich subtile Veränderungen bemerkt. Vielleicht konnten Sie sich nicht mehr so frei bewegen oder so klar denken oder Sie hatten plötzlich Schmerzen. Diese rein äußerlichen Symptome waren ein Signal, dass die biochemischen Vorgänge in Ihrem Körper sich zu verändern begannen. Das Signalsystem zwischen Ihren Zellen geriet allmählich durcheinander.

Sie stellten fest, dass es Ihnen nicht gut ging, obwohl Sie nicht genau erklären konnten, was genau nicht in Ordnung war. Schließlich waren Sie beim Arzt; man hat sie untersucht und Blut abgenommen, aber nichts gefunden. Vielleicht hat man Ihnen gesagt, Sie sollen nach einem Jahr wiederkommen. Als es dann soweit war, fühlten Sie sich ein wenig schlechter als im Jahr zuvor, doch die Untersuchungsergebnisse waren noch immer unauffällig, und Ihr Arzt sagte Ihnen wieder, es sei „alles in Ordnung“. Vielleicht wiederholte sich dieses Spiel über Jahre, möglicherweise Jahrzehnte, bis Ihr Körper so stark beeinträchtigt war, dass ein oder zwei Untersuchungsergebnisse von der Norm abwichen. Also begann Ihr Arzt, sich ernsthafter damit zu beschäftigen und zu guter Letzt erhielten Sie eine Diagnose. Ihr Arzt war nicht in funktioneller Medizin ausgebildet worden, und so verstrichen viele Gelegenheiten zur Wiederherstellung Ihrer Vitalität ungenutzt, während der unaufhaltsame Prozess der biochemischen Talfahrt sich in all den Jahren weiter fortsetzte, als Ihre Testergebnisse noch unauffällig waren und die Ärzte Sie beschwichtigten. Ihr Körper begann mit der Bildung und Anhäufung fehlerhafter Substanzen in Zellen und Organen. Vielleicht fühlte es sich so an, als würde die Musik Ihres Lebens langsam aber sicher falsch zu klingen beginnen, als würden Melodie und Harmonie verloren gehen und von einer wunderschönen Symphonie zu chaotischem Lärm werden. So jedenfalls empfand ich es.

Das Spannendste an meinem Programm ist, dass Sie selbst wieder die Fäden in der Hand halten. Man fühlt sich so schnell hilflos, verloren und abhängig von Ärzten und Familienmitgliedern, wenn es mit der Gesundheit bergab geht. Mein Programm bietet Ihnen die Chance, sich aus dieser übermäßigen Abhängigkeit zu befreien. Sie werden Ihre Medikamente immer noch einnehmen müssen, zumindest vorerst. Sie werden sich nach wie vor nach den Anweisungen Ihres Arztes richten müssen. Und Sie werden wahrscheinlich auch weiterhin die Hilfe Ihrer Familie brauchen – aber wer braucht sie nicht? Doch viele Dinge können Sie selbst machen, und es werden immer mehr werden, wenn Sie sich nach meinem Programm richten. Sie haben eine Zukunft und sie muss nicht düster sein.

In seinem bewegenden Buch … trotzdem Ja zum Leben sagen. Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager18 führt Viktor Frankl aus, dass wir alle die Wahl haben, wie wir auf Ereignisse in unserem Leben reagieren wollen. Er sagt, dass zwischen jedem Ereignis und unserer Reaktion ein Zwischenraum ist. Und in diesem Zwischenraum zeigt sich unsere Charakterstärke. Nach meiner MS-Diagnose beschloss ich, jeden Tag aufzustehen, zur Arbeit zu gehen und mein Pensum zu erledigen, egal wie müde ich war. Ich legte fest, welche Dinge ich noch tun konnte, anstatt mich darauf zu konzentrieren, was nicht mehr ging. Ich beschloss, alles in meiner Macht Stehende zu unternehmen, um meinen Verfall zu verlangsamen. Sie erinnern sich, damals sagten meine Ärzte, dass alle verloren gegangenen Funktionen für immer verloren bleiben würden – dass es, wenn man die sekundär-progrediente Form der MS erreicht habe, zu einem langen, langsamen, stetigen und unausweichlichen Verfall komme. Als ich diesen Weg antrat, hatte ich lediglich die Hoffnung, diesen Verfall verzögern zu können.

Ich hätte all das nicht machen können, was ich gemacht habe – den Rollstuhl wieder zu verlassen, ganz zu schweigen von der Entwicklung meines Programms und seiner Vermittlung an andere –, wenn ich nicht zu Beginn den Entschluss gefasst hätte, nicht aufzugeben, sondern mich anzutreiben, zu leben und ich selbst zu sein, unabhängig von meiner Krankheit. Und das wünsche ich mir für Sie: Dass Sie sich für das Leben anstatt für die Behinderung entscheiden, für Ihr eigenes Wohlbefinden und Ihre Gesundheit anstatt für die Krankheit – auch wenn das schwierig klingt, auch wenn Sie gar nicht aus dem Bett aufstehen wollen.

Das Gute an meinem Programm ist, dass Sie – ungeachtet der Defizite, die Sie vielleicht haben, ungeachtet der fehlerhaften Enzyme, die in Ihrem Körper ihr Unwesen treiben, und ungeachtet dessen, was Sie bis jetzt, ja, sogar bis gestern gegessen, getrunken, getan und gedacht haben –, Ihren Körper trotzdem unterstützen und damit beginnen können, Ihre Zellen wieder aufzufüllen. Das ist ein neues Paradigma, und pikanterweise ist das genau die Art und Weise, wie die Funktion des Körpers ursprünglich gedacht war. Ihre Zellen entscheiden, ob Sie weiterhin abbauen oder gesund werden. Sind Ihre Zellen gesünder, werden auch Sie gesünder. Ich sehe das bei all meinen Patienten – jeden Tag.

Ich nenne meine Patientinnen und Patienten und die vielen anderen Menschen, die mir geschrieben und von ihren Erfolgen berichtet haben, meine „Mitstreiter“, denn sie sind Kämpfer und es gelingt ihnen, ihr Leben zurückzuerobern. Auch Sie können einer dieser Mitstreiter sein. Wollen Sie sich uns anschließen?

KAPITEL 2
Autoimmunität: Schulmedizin kontra funktionelle Medizin

Namen sind Schall und Rauch. Was genau ist Krankheit? Krankheiten scheinen real und konkret für all jene zu sein, die sie tatsächlich haben oder die fürchten, betroffen zu sein, denn als Patientinnen und Patienten verstehen wir darunter all das, was mit uns geschieht und wie es sich auf unser Befinden auswirkt. Das ist logisch: Wir wissen nur, wie es uns geht, sonst nichts. Bei mir waren es Abbauprozesse im Rückenmark durch die Multiple Sklerose, und das Ergebnis konnte ich spüren: einen langsamen Verlust der Beweglichkeit, vernebeltes Denken und schubweise höllische Schmerzen.

Obwohl es von außen so aussieht, als sei MS eine bestimmte Krankheit, unterscheidet sie sich auf zellulärer Ebene nicht so sehr von anderen Autoimmunerkrankungen wie rheumatoider Arthritis und systemischem Lupus (erythematodes), von chronischen Erkrankungen wie Diabetes und Herzkrankheiten und selbst von affektiven Störungen wie Depressionen, Autismus und Schizophrenie. Meine biochemischen Abläufe funktionierten nicht mehr richtig, und diese Störungen begannen bei mir in den Zellen des Gehirns und des Rückenmarks. Doch diese Grundursache – die zelluläre Funktionsstörung – unterscheidet sich nicht von anderen Erkrankungen mit anderen Namen.

Wissenschaftler sind gerade dabei zu entdecken, dass fast alle chronischen Krankheiten, die so viel Leiden verursachen und die Kosten im Gesundheitswesen ständig in die Höhe treiben, einen gemeinsamen Nenner haben: Funktionsstörungen in den Mitochondrien, übermäßige Entzündungen, erhöhte Cortisolwerte und andere Fehlfunktionen in den biochemischen Abläufen. Praktisch leiden wir alle an derselben Krankheit, denn jede hat ihren Ursprung in schadhaften, fehlerhaften chemischen Prozessen und einer gestörten (intra-) zellulären Kommunikation. Damit wir wieder gesund werden, muss der normale Ablauf dieser Prozesse sowie die Kommunikationsfähigkeit in und zwischen den Zellen wiederhergestellt werden. Und das gilt für jede Erkrankung.

Ob Ihre Diagnose Multiple Sklerose lautet oder rheumatoide Arthritis oder systemischer Lupus (erythematodes) oder entzündliche Darmerkrankung – oder ob man Ihnen sagt, Ihre Symptome seien „idiopathisch“ (das bedeutet, dass wir Ärzte nicht wissen, wodurch sie verursacht werden) –, hängt weitgehend davon ab, welche äußere Ausprägung sie haben. Innerlich sind die Unterschiede zwischen diesen Autoimmunerkrankungen offen gesagt ziemlich willkürlich, obwohl es verschiedene Sichtweisen, Gedankenmodelle und Erklärungen über die Geschehnisse gibt, die mit der Manifestation zellulärer Fehlfunktionen einhergehen. Als schulmedizinisch ausgebildete Ärztin habe ich gelernt, sie auf eine bestimmte Weise zu betrachten, im Laufe meiner Beschäftigung mit der funktionellen Medizin auf eine andere. Das änderte jedoch nichts an der Tatsache, dass gesundheitliche Probleme im Körper von der Zelle ausgehen.

Aber ich weiß, was Patienten möchten: eine Diagnose. Sie wollen wissen, was sie haben. Das ist eine ganz typische Reaktion, für die ich durchaus Verständnis habe. Ich wollte ja auch wissen, was mir fehlt. Ich wollte eine Bezeichnung, etwas, dem ich die Schuld geben konnte, etwas, das sich behandeln ließ. So funktioniert menschliches Denken. Wir wollen Dinge sortieren, definieren und in Kategorien einteilen, damit wir sie besser verstehen können.

Doch lassen wir all das für einen Augenblick beiseite und versuchen wir unkonventionell zu denken. Das ist einfacher, wenn Sie Folgendes bedenken: In Wahrheit sind Diagnosen nur Namen, die wir Krankheiten aufgrund von Parametern geben, die wir konkret bestimmen und messen können, Symptome zum Beispiel, Testergebnisse, durch die Art der Medikamente, durch die sich Symptome bessern oder verschlechtern, sowie aufgrund von Ausschlussverfahren. Wenn es das, das und das nicht ist, dann muss es eben das sein. Das ist dem Impetus geschuldet, alles zu kategorisieren und zu benennen, aber es heißt nicht unbedingt, dass eine Krankheit sich völlig von einer anderen unterscheidet.

Auch die Bezeichnungen, die wir chronischen Erkrankungen geben, beruhen häufig ganz explizit auf Ergebnissen von Studien, in denen untersucht wird, auf welche – hauptsächlich medikamentöse – Behandlungen die Symptome ansprechen. Mit anderen Worten, bessern sich Symptome durch ein spezielles Medikament, dann beruht die Diagnose oft nur auf dieser Information. Jeder, dessen Symptom X sich durch die Einnahme des Medikaments Y bessert, hat demgemäß die Krankheit Z.

Manchmal ist es auch gar kein Medikament, durch das eine bestimmte Patientengruppe in vorhersagbarer Weise Besserung (oder Verschlechterung) erfährt. Manchmal liegt es an einer Operationstechnik oder einer anderen Therapie. Was auch immer es ist: Wirkt es sich auf die Symptome aus, dann erhalten diese Patienten einen Namen für die Erkrankung und dazu gleich die entsprechende Therapie, die schließlich „Behandlungsstandard“ wird, das heißt, die allgemein anerkannte Methode zur Behandlung eben jener Krankheit. Auf diese Weise haben Hunderte von Ärztegenerationen Diagnosen geschaffen und Krankheiten wie Multipler Sklerose, Diabetes, Stauungsinsuffizienz des Herzens, Asthma, Depressionen und entzündlichen Darmerkrankungen ihren Namen gegeben. Es war ihnen noch möglich, die biochemischen Abläufe der Zellen zu untersuchen, um die Grundursachen dieser Krankheiten zu verstehen oder zu sehen, wie ähnlich sie sich auf zellulärer Ebene wirklich alle sind.

Es ist wichtig, das zu verstehen, damit Sie Ihrer Diagnose nicht mehr Gewicht geben, als sie verdient: Diagnosen beruhen oft eher auf den äußeren Wirkungen von Behandlungen und historischen Beobachtungen als auf den biochemischen Prozessen, die diesen Krankheiten zugrundeliegen. Je tiefer wir in das Verständnis von Krankheitsprozessen und Behandlungen eindringen, desto mehr kommt es zu einer Neueinstufung von Krankheiten, zu einer Anpassung der Behandlungen und oft sogar zur „Geburt“ neuer Krankheiten. Manchmal werden aus einer Krankheit zwei oder mehrere verschmelzen zu einer einzigen.

Weil jedoch nicht alle Informationen hierfür herangezogen werden und das Ganze auch darauf beruht, dass wir Menschen die Dinge benennen wollen, könnte man argumentieren, dass diese Klassifizierungen hauptsächlich semantischer Natur sind, dass es also nur darum geht, „dem Kind einen passenden Namen“ zu geben. Wir Ärzte klassifizieren Krankheiten nun seit Hunderten von Jahren auf der Basis von körperlichen Untersuchungen und Laborergebnissen, und wir tun das, weil wir sowohl klinische Forschung betreiben wollen, um zu verstehen, wie Krankheiten im Laufe der Zeit fortschreiten, als auch, um bessere Behandlungsmöglichkeiten zu entwickeln. Das alles ist zwar Wissenschaft von hoher Qualität, aber es ist eben nicht alles.

Die Durchführung wissenschaftlicher Studien über Krankheiten folgt einem genauen Forschungsprotokoll. Es gibt immer eine eng definierte Patientengruppe und eine engmaschig kontrollierte Intervention (vorzugsweise ein Arzneimittel oder ein sehr spezifisches Verfahren, damit die leichte Reproduzierbarkeit gewährleistet ist), dadurch sind nicht so viele Variablen zu untersuchen. Auch scheinen die Ergebnisse konkreter und objektiver zu sein, aber ob das tatsächlich so ist, bleibt fraglich. Die Studie ist auf diese Weise einfacher durchzuführen und zu analysieren, und es ist leichter festzustellen, ob die Intervention sinnvoll ist oder nicht, doch die Wirksamkeit eines beliebigen Medikaments zur Linderung von Symptomen hat nicht unbedingt etwas mit der tatsächlichen Fehlsteuerung der biochemischen Reaktionswege zu tun, die der Ausgangspunkt vieler Ihrer Symptome sind.

Auch auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen: Die Bezeichnungen, die wir den meisten chronischen Erkrankungen zuerst verliehen haben, sind das Ergebnis von Beobachtungen, die gemacht wurden, bevor man die biochemischen Prozesse der einzelnen Zelle wissenschaftlich erkannt und verstanden hatte. Das Gesundheitsministerium (NIH, National Institutes of Health) und die pharmazeutische Industrie geben Milliarden von Dollar für die Erforschung von Krankheitssymptomen und ihrer Beherrschung durch Medikamente aus. Im Gegensatz dazu fließt jedoch nur wenig Geld in die Erforschung der Möglichkeiten, wie man durch die Wahl des Lebensstils zu optimaler Gesundheit und Vitalität gelangt, obwohl aufgrund dessen die biochemischen Prozesse besser funktionieren und folglich die Menschen gesünder sind.

Das mag widersinnig klingen. Mir erscheint das definitiv so.

Zum Glück beginnen wir, die aus dem Lot geratenen biochemischen Reaktionswege zu verstehen, die zu den Defekten führen und damit diagnoseübergreifend am Anfang vieler chronischer Symptome stehen.

Ich glaube, dass sich dadurch letztendlich die Diagnosestellung bei allen Krankheiten verändern wird. Obwohl die Wissenschaft nun im Begriff ist aufzudecken, wie diese defekten Reaktionswege die biochemischen Prozesse der Zellen stören und zu Krankheiten führen, richten sich die meisten Schulmediziner leider immer noch nach den traditionellen, auf Symptomen beruhenden Krankheitsmodellen, anstatt sich mit der Wurzel des Problems zu beschäftigen. Diese veralteten Methoden beherrschen den Behandlungsstandard. Infolgedessen konzentrieren sich die meisten Schulmediziner auf Symptome, die sich durch Medikamente oder Operationen bessern lassen, anstatt zu versuchen, ihren Patienten durch Optimierung der biochemischen zellulären Prozesse mithilfe einer zuträglichen Lebensweise zu mehr Gesundheit und Vitalität zu verhelfen.

Das ist das Tätigkeitsfeld der funktionellen Medizin: Das Aufspüren und Behandeln der Ursachen defekter biochemischer Abläufe durch gründliches Untersuchen der physiologischen Systeme – von der Zelle über die Organe und den ganzen Organismus bis hin zur Behandlung der Probleme an ihrer Wurzel. Diese Vorgehensweise habe ich mir zu eigen gemacht, denn ich glaube, sie ist der einzig vernünftige Weg, um biochemische Funktionsstörungen zu korrigieren, damit Sie wirklich gesund werden – und nicht nur einfach Ihre Symptome mit Medikamenten lindern.

Dennoch hat die Schulmedizin hat weiterhin ihren Platz. Ich stelle immer noch konventionelle Diagnosen und schreibe Rezepte für Medikamente. Das ist in gewissen Grenzen auch nützlich. Doch jetzt gehe ich noch einen Schritt weiter: Ich diagnostiziere das Gesundheitsverhalten, die Toxinexposition, den Stresspegel, die Qualität der Ernährung und den Grad der sportlichen Betätigung eines Menschen. Ich versuche aktiv, meinen Patientinnen und Patienten zu mehr Gesundheit und Vitalität zu verhelfen, indem ich darüber aufkläre, was sie alles selbst tun können. Hier unterscheidet sich meine Vorgehensweise von der rein schulmedizinischen Behandlung und ähnelt mehr dem Modell der funktionellen Medizin. Ich helfe meinen Patientinnen und Patienten, ihre defekten biochemischen Prozesse neu zu regulieren, indem ich ihnen vermittle, wie sie sich anders bewegen und ernähren können. Dann versuchen wir die Belastung durch Umweltgifte zu verringern und das hormonelle Gleichgewicht zu verbessern – und lösen so die biochemischen Knoten, damit die Zellen wieder wie vorgesehen arbeiten können. Dadurch wird auch der Körper in die Lage versetzt, seine Aufgaben wie vorgesehen zu erfüllen.

Das schwebt mir für Sie vor; doch zuerst sollten wir uns damit beschäftigen, was genau in Ihrem Körper aus dem Lot geraten ist. Lassen Sie uns zuerst sowohl aus der Sichtweise der Schulmedizin als auch aus der der funktionellen Medizin einen Blick auf Autoimmunerkrankungen im Allgemeinen und dann auf Multiple Sklerose im Besonderen werfen.

Erfahrungsbericht

Ich bin zertifizierte Ernährungsberaterin und weiß natürlich, welche Rolle die Ernährung für die Gesundheit spielt, aber erst, nachdem bei mir die Diagnose „schubförmig remittierende Multiple Sklerose“ gestellt wurde, begann ich mit Vollwerternährung, insbesondere mit entzündungshemmenden Nahrungsmitteln zu experimentieren, und ich stellte eine Veränderung in meinem Körper fest. Mein erstes Symptom war eine Sehnervenentzündung, eine Optikusneuritis. Danach bekam ich Parästhesien (schmerzhafte Wahrnehmungen aufgrund der gestörten Nervenimpulsübertragung) in meinen Beinen und litt unter schwerer Müdigkeit. Die wurden Füße taub und mein Kurzzeitgedächtnis verschlechterte sich. Als ich von Dr. Terry Wahls hörte, erkannte ich, dass es einen Schritt weiter gehen musste. Ich erhöhte die Menge der von ihr empfohlenen Nahrungsmittel, aß wieder Fisch dazu (bis dahin war ich Vegetarierin) und ließ Gluten sowie Milchprodukte weg. Ich fühlte mich energiereicher und konzentrierter und stellte einen deutlichen Rückgang meiner Symptome fest. Auf der nächsten Stufe ergänzte ich meinen Speiseplan um Grünkohl und andere Nahrungsmittel für das Nervensystem und die Mitochondrien, wie es das Wahls-Programm vorsieht.

Ich fühle mich jetzt besser als vorher. Ich bin so dankbar, dass eine Schulmedizinerin das unterstützt, wovon ich die Ärzte jahrelang zu überzeugen versuchte, dass nämlich die Ernährung langfristig wirksamer ist als Medikamente. Ich sehe voller Dankbarkeit, dass die klinische Forschung das zu bestätigen beginnt, sodass die Ärzteschaft sich von der Glaubwürdigkeit all dessen überzeugen kann, was unser Körper und Geist intuitiv bereits wissen.

Marla B., Ernährungsberaterin

Chicago, Illinois

Was versteht man unter einer Autoimmunerkrankung?

Betrachten wir zunächst einmal den Begriff Autoimmunität. In der Biologie bedeutet auto „selbst, eigen“, und Autoimmunität ist ein Zustand, wenn fehlgesteuerte Immunzellen damit beginnen, die eigenen Zellstrukturen im Körper eines Menschen anzugreifen. Auf allen Zellmembranen befinden sich Rezeptoren, die von den Immunzellen (normalerweise) als eigene Zellen, als Teil unseres Körpers erkannt werden. Nimmt der Körper diese „eigenen“ Rezeptoren nicht wahr, stuft er eine Struktur oder Substanz als fremd und mögliche Bedrohung ein. Ist es ein Virus? Bakterien? Etwas, das nicht dort sein sollte? Ihr Körper weiß es nicht. Er kennt nur „körpereigen“ und „körperfremd“, und wenn es sich um „körperfremd“ handelt, muss er entscheiden, ob etwas als „nicht körpereigen, kann aber gefahrlos ignoriert werden“ oder „nicht körpereigen und gefährlich“ einzustufen ist. Ihre Immunzellen ignorieren Substanzen, die sie als „körpereigen“ und „nicht körpereigen, aber sicher“ erkennen, fühlen sich aber von allem, was sie für „nicht körpereigen und gefährlich“ halten, massiv bedroht und gehen in dem Versuch, den gefährlichen Eindringling zu schädigen oder zu zerstören, zu einem heftigen Angriff über, damit dieser dem Körper keinen Schaden zufügen und das Überleben nicht gefährden kann.

Das ist ein zuverlässiges System – solange es richtig funktioniert. Es erhält Sie gesund, indem es die wirklich gefährlichen Viren und Bakterien angreift, die in Ihr System eindringen können. Bei der Autoimmunität kommt es jedoch zu Missverständnissen, und aus unerklärlichen Gründen stufen die Immunzellen Proteine, die tatsächlich „körpereigen“ sind, als fremd beziehungsweise als „nicht körpereigen und gefährlich“ ein. Die Ergebnisse können verheerend sein. Welche Strukturen der eigene Körper angreift, bestimmt die Art der Autoimmunerkrankung, die die betroffene Person hat. Wird das Myelin angegriffen – die Fettumhüllungen der Nervenzellen –, was zur Schädigung des Nervensystems führt, dann sprechen wir von Multipler Sklerose. Greifen die Immunzellen die Haut an und es kommt zu Ausschlägen, Pustelbildung und anderen sichtbaren Hautleiden, können wir von Psoriasis, Dermatitis oder von einer blasenbildenden Hauterkrankung, einem bullösen Pemphigoid, sprechen. Greift der Körper das eigene Lungengewebe an und es kommt zu Giemen (einem bestimmten Atemgeräusch) und zur Verengung der Luftwege, nennen wir das Asthma. Ist die Schilddrüse betroffen, wodurch es zu einer breiten Palette von Symptomen kommt, die alle mit der Funktion der Schilddrüse zu tun haben, können wir von einer autoimmunen Thyreoiditis sprechen. Werden die Gelenke angegriffen, was zu Schmerzen und Steifigkeit führt, könnte die Diagnose rheumatoide Arthritis oder systemischer Lupus erythematodes lauten. Obwohl sich alle diese Erkrankungen in unterschiedlichen Ausprägungen zeigen, ist die Grundursache für die mehr als 140 verschiedenen Arten von Autoimmunerkrankungen immer gleich: Immunzellen erkennen Strukturen im Körper nicht mehr als „körpereigen“ und greifen sie an, wodurch es zu den beschriebenen Krankheitssymptomen kommt.

Tatsächlich können Autoimmunprozesse bei mehr Krankheiten eine Rolle spielen als bisher angenommen wurde. Die Forschung ist dabei aufzudecken, dass eine große Anzahl anderer chronischer Krankheiten unter Umständen eine autoimmune Komponente haben, Herzkrankheiten zum Beispiel und Bluthochdruck, Migräne und affektive Störungen. Auf diesem Gebiet wird weiter geforscht, und ich glaube, dass unser Wissen über die Auswirkungen von Autoimmunprozessen im Körper noch sehr oberflächlich ist.

Warum sollte der komplexe und intelligente menschliche Körper versehentlich sein eigenes Gewebe angreifen? Es gibt eine schulmedizinische Sichtweise auf Autoimmunerkrankungen und es gibt die der funktionellen Medizin. Im Folgenden wollen wir beide näher betrachten.

Autoimmunerkrankungen aus schulmedizinischer Sicht

Nach schulmedizinischer Lesart hat der Körper bei Autoimmunerkrankungen die Fähigkeit verloren, seine innerlichen Proteinbestandteile als körpereigen zu erkennen. Warum das so ist, wissen wir nicht. Den Wissenschaftlern ist bewusst, dass alle Stadien chronischer Erkrankungen infolge fehlerhafter chemischer Prozesse und verworrener Signalfunktionen zwischen den Zellen beginnen. Es ist, als gebe es inmitten einer großen Symphonie plötzlich einen „Notensalat“ und in der Folge gehen Harmonien und Melodie zunehmend verloren, bis die Musik keine Ähnlichkeit mehr mit der ursprünglichen Partitur hat, und eine ehedem wunderschöne Musik nur noch wie Lärm klingt.

Für Wissenschaftler ist das frustrierend. Da die Medizin jedoch ein Gebiet aktiven Handelns ist, konzentriert sich die Schulmedizin darauf, die voranschreitende Invalidität zu verlangsamen, meist mittels entsprechender Medikamente. Dies ist gemäß der wissenschaftlichen Veröffentlichungen der einzig bewährte Weg, konsequent positiv auf das Fortschreiten einer Autoimmunerkrankung einzuwirken, und das ist genau das, was Ärzte tun: Sie versuchen zu helfen. Sie bilden sich ein Urteil über den Patienten, zücken den Rezeptblock und schicken ihre Patienten in die Apotheke.

Die Medikamente, die Schulmediziner bei Autoimmunerkrankungen verschreiben, schwächen die Immunzellen, damit sie den Körper nicht so heftig angreifen können. Alle krankheitsmodifizierenden Präparate für MS oder für andere Autoimmunerkrankungen zielen mithilfe unterschiedlicher Mechanismen auf die Blockade eines Teils der körpereigenen Immunreaktion ab. Manche dieser Präparate wirken wie ein Gift, um die Zellteilung zu beschleunigen (die Immunzellen gehören zu den Zellen im Körper, die sich am schnellsten teilen), damit sie den Körper nicht so wirksam angreifen (oder schützen) können. Andere blockieren einen bestimmten Weg im Prozess der Immunreaktion.

Da sich unser Immunsystem im Laufe seiner Entwicklung jedoch so ausgeprägt hat, dass es über vielerlei Wege Schutz bieten kann, haben alle gegen die Immunzellen gerichteten Medikamente eine lange Liste von Nebenwirkungen, viele davon mit erheblichen negativen Folgen für die Lebensqualität. Wir blockieren wichtige natürliche Funktionen des Körpers, und auch wenn unser Körper diese Funktionen zwar nicht ordnungsgemäß ausüben kann, bleibt solch ein Eingriff niemals folgenlos. Zu den Nebenwirkungen dieser Medikamente gehören Müdigkeit, Gelenkschmerzen, allgemeine Schmerzen, Depressionen und wunde Stellen im Mund. Es besteht ein leicht erhöhtes Infektionsrisiko (weil das Immunsystem unterdrückt wird) sowie ein allgemeines Krankheitsgefühl, denn wenn die Leistungsfähigkeit der Immunzellen gesenkt wird, nimmt die Leistungsfähigkeit aller Zellen ein wenig ab.

Grundsätzlich dämpfen Medikamente die Aktivität des Körpers sowohl in negativer als auch in positiver Hinsicht. Die Symptomatik der Autoimmunerkrankung mag sich bessern, doch Menschen unter Immunsuppressiva können sich ansonsten deutlich schlechter fühlen. Manche setzen die Behandlung fort, ganz egal, wie schlecht es ihnen geht, denn es droht die Gefahr, dass ihre Invalidität mit fortschreitender Krankheit weiter zunimmt, wenn sie nichts dagegen unternehmen.

Die Behandlung, die die Schulmedizin Patienten mit Autoimmunerkrankungen bieten kann, beschränkt sich auf die Verzögerung der fortschreitenden Invalidität auf Kosten Ihres Befindens zum gegenwärtigen Zeitpunkt – es geht Ihnen etwas oder erheblich schlechter.

Autoimmunprozesse aus Sicht der funktionellen Medizin

Autoimmunerkrankungen werden hier ganz anders betrachtet, und auf dieser Sichtweise beruht mein Programm. Das Problem mit dem auf Medikamente beschränkten schulmedizinischen Fokus besteht darin, dass immer mehr Studien nachweislich die Ernährung, die Toxinbelastung und den Grad der körperlichen Aktivität für 70 bis 95 Prozent der Risiken verantwortlich macht, von einer Autoimmunerkrankung, psychischen Problemen, Krebs und den meisten chronischen Krankheiten betroffen zu sein. Medikamente verbessern die Qualität Ihrer Ernährungsweise nicht. Sie reduzieren Ihre Toxinbelastung nicht, sondern erhöhen sie oft noch. Und sie sorgen mit Sicherheit nicht dafür, dass Sie körperlich aktiver werden. In den seltensten Fällen mindern Sie den chronischen Stress in Ihrem Leben.

Die funktionelle Medizin wirft einen genaueren Blick auf die Gründe, warum Ihr Körper seine Toleranz gegenüber seinen eigenen Proteinen überhaupt erst verloren hat. Wir wissen, dass der Körper Proteine eventuell nicht erkennt und dass sie bedrohlich und verdächtig aussehen, wenn sie ihre Form verändern und nicht mehr in die vorgesehenen Rezeptoren passen. Sie sehen mit größerer Wahrscheinlichkeit nach „nicht körpereigen und gefährlich“ aus. Die funktionelle Medizin bemüht sich darum zu erkunden, warum und wie es dazu kommt, welche biochemischen Reaktionen aus dem Ruder gelaufen sind und zur Entwicklung dieser deformierten Proteine geführt haben, und was genau die Besonderheiten der defekten chemischen Prozesse sind und welche Umweltfaktoren die Situation ausgelöst oder verschlechtert haben.

Es gibt mehrere Theorien dazu, warum Autoimmunerkrankungen entstehen. Eine davon ist, dass die Proteine, die der Körper nicht mehr erkennen kann, sich sogar durch Oxidation verändern, wenn ein Zuckermolekül, ein Schwermetallion (zum Beispiel von Blei oder Quecksilber) oder gar ein Virus- oder Bakterienpartikel sich an das Protein anheftet. Das häufigste Oxidationsmittel ist Glukose (eine zucker- und kohlenhydratreiche Ernährung kann die Häufigkeit erhöhen). Das oxidierte Protein verändert seine Form, und bei genetisch bedingt anfälligen Menschen sieht es nun aus wie ein gefährlicher Eindringling von außen. Das Ergebnis: Die Immunzellen greifen an.

In der funktionellen Medizin ist die Hyperreaktivität, also die Übererregbarkeit des Immunsystems ebenfalls von Interesse. Eine Zelle braucht sich nur minimal zu verändern und schon wird eine hochreaktive Immunzelle „argwöhnisch“. Wir wissen, dass es viele Faktoren gibt, die die Reaktionsfähigkeit von Immunzellen erhöhen. Dazu gehören die Menge und das Verhältnis von Omega-3-Fettsäuren zu Omega-6-Fettsäuren, Antioxidanzien sowie der Kohlenhydratgehalt der Ernährung, Nahrungsmittelunverträglichkeiten, die toxische Belastung im Körper, der Hormonspiegel und das Vorliegen chronischer Infektionen. Alle diese Faktoren können dazu führen, dass die Immunzellen hyperreaktiv werden. Daher ist es unser Ziel, ihre Reizbarkeit zu senken, damit die Wahrscheinlichkeit geringer wird, dass sie Amok laufen und die oxidierten Proteine im Körper angreifen. Im Blut und in unseren Zellen kann eine nahezu unendliche Anzahl möglicher Schäden (durch Giftstoffe, Hormone und Infektionen) auftreten – doch unsere Immunzellen haben nur eine begrenzte Anzahl von Möglichkeiten, um auf diese Schäden zu reagieren.

Eine weitere Möglichkeit der Immunzellen aktiv zu werden und nicht als „körpereigen“ erkannte Strukturen anzugreifen, besteht in der molekularen Mimikry. Davon spricht man, wenn Viren und Bakterien sich so entwickeln, dass einige ihrer Aminosäuresequenzen mit denen unserer Zellproteine übereinstimmen (um sich vor den Immunzellen zu „verstecken“). Sie ahmen nach, was bei uns als „körpereigen“ gilt, um die Immunzellen zu umgehen und eine geringgradige chronische Infektion auszulösen.1 Sobald die Immunzellen die Infektion erkennen und das Immunsystem dagegen vorzugehen beginnt, beginnt es auch, „körpereigene“ Strukturen anzugreifen. Dies ist einer der Mechanismen, durch den chronische Infektionen bei anfälligen Personen möglicherweise in eine Autoimmunerkrankung übergehen.

Erfahrungsbericht

Nach der Geburt meines ersten Sohnes 2006 wurde ich mit einer schweren Staphylokokkeninfektion ins Krankenhaus eingeliefert. Als sie überstanden war, bekam ich merkwürdige Symptome: ein Kribbeln im Rücken, Atembeschwerden und kalte Füße. Zunächst sagte man mir, das seien Angstzustände oder ein zu hoher Kaffeekonsum. Nachdem 2009 schließlich meine ganze rechte Körperhälfte taub wurde, machte man ein MRT und ich wurde sofort zu einem Neurologen geschickt, der meine Aufnahme einfach auf den Tisch warf und sich wie folgt äußerte: „Die gute Nachricht ist, dass Sie keinen Tumor haben, die schlechte – Sie haben Multiple Sklerose. Möchten Sie tägliche Injektionen mit Copaxone oder Avonex?“ Er sagte mir, ich würde noch etwa 10 Jahre lang halbwegs beschwerdefrei sein, dann komme es zu einer langsamen Verschlechterung. Wirklich eine nette Art, mit einer Kranken umzugehen. Ich war zu dem Zeitpunkt 27 Jahre alt.

Im Mai 2012 begann ich mit der Ernährung nach Wahls und der Verlauf meiner Krankheit hat sich definitiv verlangsamt. Meine Stimmung ist zu 100 Prozent besser, was fantastisch ist, und ich kann auch wieder Sport machen; das war wegen der Müdigkeit unmöglich geworden. Nun betrachte ich meine Nahrung als Medizin, und was mir nicht hilft, das esse ich einfach nicht. Meine Familie ist so dankbar für die Arbeit von Dr. Wahls, denn sie hat mich jetzt als Mutter und Ehefrau wieder!

Karen K., Elk Grove, Kalifornien

Zur Behandlung einer Autoimmunerkrankung nach den Prinzipien der funktionellen Medizin gehört es, das körpereigene Milieu zu optimieren, um die Hyperreaktivität des Immunsystems zu minimieren, anstatt seine normale Aktivität durch pharmazeutische Intervention zu dämpfen, wie das von der Schulmedizin empfohlen wird. Wir tun das, indem wir dem Körper zuführen, was er braucht, und ihm entziehen, was ihm schadet. Wir legen unser Augenmerk auf diese 70 bis 95 Prozent, von denen schon die Rede war: Eine nährstoffdichte, relativ allergen- und zuckerfreie Vollwerternährung, Toxinausleitung und Reduzierung der Belastung durch Umweltgifte, eine angemessene körperliche Aktivität, die Wiederherstellung eines ausgeglichenen Verhältnisses der Stresshormone und die Eindämmung chronischer Infektionen stehen im Kampf gegen die Autoimmunerkrankung an vorderster Front. Durch das allmähliche Fortschreiten der Genesung helfen diese inneren und äußeren Veränderungen, die Toleranz im Körper wiederherzustellen. Da es eine genaue umweltbedingte Ursache für MS nicht gibt, ist das wohl der Grund dafür, dass nur wenige Schulmediziner die Veränderung der Lebensweise – also Ernährung, sportliche Betätigung und Meditation – bei der Behandlung von MS-Patienten therapeutisch einsetzen, doch das hält den Arzt, der funktionelle Medizin praktiziert, nicht davon ab. Auch er empfiehlt eventuell eine medikamentöse Intervention, doch seine Behandlung beschränkt sich nicht darauf. Wir glauben, dass wir mehr tun können, und die Ergebnisse – z. B. aus meinen klinischen Studien – bestätigen das.

Viele meiner Patienten können ihre verschreibungspflichtigen Medikamente kontinuierlich reduzieren, je länger sie sich nach dem Wahls-Programm richten. Das beobachte ich auch bei unseren klinischen Studien. Wenn Sie Ihren Zellen geben, was sie brauchen, werden sie für Ihre Erneuerung sorgen, und zwar Molekül für Molekül. Der Blutdruck wird besser, die Müdigkeit weniger und der Bedarf an krankheitsmodifizierenden Medikamenten nimmt oft im Laufe der nachfolgenden drei Jahre ab. Das gilt immer, egal ob es sich um eine klassische Autoimmunerkrankung wie Multiple Sklerose handelt oder um eine chronische Erkrankung wie Adipositas (Fettleibigkeit) oder eine posttraumatische Belastungsstörung.

Bitte beachten Sie jedoch, dass die Medikamente keinesfalls abgesetzt werden können, bevor sie durch die völlige Wiederherstellung der Zellfunktionen überflüssig werden. Wenn der Blutdruck sinkt, die Blutzuckerwerte sich normalisieren, die Stimmung sich aufhellt, die Energie gut und die Müdigkeit verschwunden ist, dann unterhalten wir uns darüber, welche Medikamente weiterhin eingenommen und welche allmählich und vorsichtig reduziert und vielleicht, wenn alles gut geht, schließlich abgesetzt werden können.

Es ist jedoch wichtig, zu verstehen, warum Medikamente für manche Betroffenen wichtig bleiben. Wenn es ihnen in der Umstellungsphase ihrer Lebensweise nicht gut geht, begrenzen Medikamente die Höhe zusätzlicher Schäden während dieser positiven Veränderungen und sollten daher weiterhin eingenommen werden. Zusammen mit der konzentrierten Ernährung und den Veränderungen des Lebensstils wird durch die fortgesetzte Anwendung der Medikamente ein günstigeres Milieu für die Zellen geschaffen. Selbst wenn es dadurch zu geringgradigen Nebenwirkungen oder einer Toxinbelastung im Körper kommt, wie das bei Medikamenten oft der Fall ist, überwiegen ihre positiven Auswirkungen auf den Autoimmunprozess deutlicher als die Schäden, die sie eventuell verursachen können. Hat sich der Körper schließlich regeneriert und die fehlgebildeten Bausteine durch strukturell gesunde ersetzt, verlangsamt sich die Verschlechterung, es kommt zum Stillstand und nachfolgend oft zu einer sich ständig verbessernden Gesundheit und Vitalität. Ein zu frühzeitiges Absetzen der Medikamente stört diesen Prozess jedoch mit hoher Wahrscheinlichkeit.

Erfahrungsbericht

Im Dezember 2011, im Alter von 56 Jahren, erhielt ich zum dritten Mal die Diagnose schubförmig remittierende Multiple Sklerose (RR-MS) seit meinem ersten „diagnostizierbaren“ Schub im August desselben Jahres. Nach Monaten, in denen ich untersucht wurde sowie zweite und dritten Meinungen eingeholt hatte, akzeptierte ich meine Diagnose, die von einem Neurologen im Krankenhaus gestellt wurde. Auf den MRT-Bildern wurde mir gezeigt, dass meine Läsionen erheblich waren und manche „alt“ aussahen. Ich lebe vielleicht schon seit 30 Jahren mit RR-MS. Im Januar 2012 begann ich mit einer Copaxone-Behandlung und der Ernährung nach Wahls. Im Laufe der Zeit gelang es mir, die täglichen Injektionen auf einmal pro Woche zu reduzieren und sie im Juni 2012 ganz abzusetzen. Mein Neurologe sagte, was immer ich für meine Heilung täte, am Copaxone läge es sicherlich nicht. Alle, die mich im vergangenen Jahr gesehen haben, stimmen darin überein, dass ich auf dem richtigen Weg bin und die Besserung oder sogar Genesung in greifbare Nähe rücken!

Debra K., Accord, New York

Jeder Mensch ist ein Individuum, und wie schnell sich seine Gesundheit stabilisiert und bessert, ist ebenso individuell. Das hängt davon ab, wie hoch die Belastung ist durch weniger wirksame Enzyme (DNS), durch eine einseitige Lebensweise (Ernährung, Giftstoffe, Hormongleichgewicht usw.), durch eine oder mehrere frühere und aktuelle Infektionen und wie viel ein Mensch für eine Optimierung all dieser Faktoren tut. Ihr Arzt oder ein Funktionsmediziner (ein Arzt, der funktionelle Medizin praktiziert) kann Sie beraten, wann und ob Medikamente reduziert werden können.

Was ist Multiple Sklerose?

Nach den Erläuterungen zu den unterschiedlichen Betrachtungsweisen von Autoimmunerkrankungen im Allgemeinen betrachten wir nun die Multiple Sklerose im Besonderen.

MS wurde zum ersten Mal 1868 von dem französischen Arzt Jean-Martin Charcot beschrieben, und obwohl uns diese Krankheit seit mehr als einhundert Jahren bekannt ist, gibt es noch sehr viel, was wir nicht verstehen, zum Beispiel wie sie beginnt, wie sie sich entwickelt und warum das so ist. Obwohl bei der überwiegenden Anzahl der Menschen mit Multipler Sklerose anfangs die schubförmig remittierende Form diagnostiziert wird, bei der Behinderungen schubweise auftreten, geht MS bei 80 Prozent der Erkrankten innerhalb von 15 Jahren nach Diagnosestellung in die schwerwiegendere Form der sekundär progredienten Multiplen Sklerose über, bei der es trotz Therapie zur Invalidität kommt – dauerhaft und unausweichlich.

Es gibt mehrere Theorien darüber, warum ein Mensch an Multiple Sklerose erkrankt, doch im Allgemeinen geht man davon aus, dass es sich um eine genetische Disposition handelt, die mit vielen unbekannten umweltbedingten Faktoren zusammenspielt. Aus zahlreichen Studien geht hervor, dass es das Zusammenspiel von mehreren Genen und der Umwelt ist, das bestimmt, ob jemand an MS erkrankt. Man hat nahezu einhundert Gene identifiziert, die das Risiko, von MS betroffen zu sein, geringfügig erhöhen. Doch keine Studie hat bisher definitiv herausgefunden, welches Problem die Ursache für MS ist2 oder warum es überhaupt zu diesem Problem kommt.

Die Krankheit äußert sich dadurch, dass die Immunzellen das Myelin und andere Teile des Gehirns angreifen, was zu einer Gehirnschrumpfung und zu Gleichgewichtsstörungen, Problemen mit dem Sehvermögen und/oder der Muskelkraft führt. Im Laufe der Jahre, wenn die Symptome zunehmen, können die Ärzte schließlich aufgrund dieser Symptome eine Multiple Sklerose diagnostizieren.

Am häufigsten kommt MS in Europa, Kanada, den USA und Südaustralien vor. Epidemiologische Hinweise legen nahe, dass Menschen, die diese Krankheit entwickeln, wahrscheinlich vor dem 15. Lebensjahr eine Infektion hatten, von der sich der Körper aufgrund einer genetischen Disposition nicht vollständig befreien konnte. Wird dieser Mensch zudem durch besondere Umweltfaktoren (welche auch immer) belastet und ist er entsprechend genetisch disponiert (auf eine Weise, die man noch nicht genau versteht), beginnt das Immunsystem sein zerstörerisches Werk im Gehirn und im Rückenmark. Mit anderen Worten:

Genetische Dispositionen + umweltbedingte Auslöser = Beginn von MS

Das scheint die Formel zu sein; und je mehr Gene Sie haben, die das Risiko begünstigen, desto weniger umweltbedingte Auslöser müssen hinzukommen, um Symptome zu entwickeln, die schließlich als MS diagnostiziert werden. Die Krankheit zeigt ihr hässliches Gesicht vielleicht jahrzehntelang nicht äußerlich, doch im Inneren des Körpers hat der Prozess der lautlosen Zerstörung längst seinen unerbittlichen Weg genommen.

Mit dem Angriff auf das Myelin, das die Nervenbahnen zwischen den Zellen im Gehirn und im Rückenmark umhüllt, wird die Informationsübertragung zwischen den Dendriten, den langen Ausläufern der Nervenzellen, langsamer. Je weiter die Schäden am Myelin fortschreiten, desto mehr können die Nervenzellen solcherart geschädigt werden, dass sie überhaupt keine Informationen mehr übertragen können. Wenn das geschieht, sind sie unwiederbringlich verloren.

Die verschiedenen Verlaufsformen von MS

Nach heutigen diagnostischen Kriterien unterscheidet man vier Subtypen von MS, die nach der Art eingeteilt werden, wie sich die Krankheit darstellt und fortschreitet.

Bei den meisten Menschen – 80 Prozent – wird anfangs eine schubförmig remittierende Multiple Sklerose oder RR-MS diagnostiziert. Zu dieser Form gehören akute Schübe, bei denen sich die Symptome verschlechtern; auf sie folgen allmähliche Verbesserungen, da Gehirn und Rückenmark weitere Natriumkanäle an den Nervenzellen bilden, um ihnen die Informationsübertragung wieder – wenn auch langsamer als vorher – zu ermöglichen. (Natrium und Kalium sind für eine intakte Übertragung von Nervenimpulsen unerlässlich; Anm. d. Übers.) Zusätzlich zu den Schüben mit eindeutigen Symptomen entwickeln von RR-MS Betroffene oft stumme Läsionen (ohne offenkundige Symptome, d. h. Schädigung, Verletzung oder Störung einer anatomischen Struktur oder physiologischen Funktion; Anm. d. Übers.), die im MRT des Gehirns zu sehen sind.

Bei den meisten von RR-MS Betroffenen geht die Krankheit innerhalb von 15 bis 20 Jahren nach der ersten Diagnose in eine andere Form über, in die sogenannte sekundär progrediente MS (SP-MS). Wenn es dazu kommt, haben die Betroffenen oft keine akuten remittierenden Schübe mehr. Stattdessen kommt es zu einer allmählichen Verschlechterung der MS-bedingten Symptome und einer zunehmenden Invalidität. Jetzt geht es nur noch bergab. (So ist es mir ergangen.) Bei ungefähr 10 bis 15 Prozent der MS-Patienten wird anfangs eine andere Form diagnostiziert, die sogenannte primär progrediente MS (PP-MS). Bei ihnen kommt es niemals zu akuten schubweisen Verschlechterungen. Sie erleben lediglich von Anfang an einen allmählichen Abbau. Weitere 5 bis 10 Prozent leiden unter einer progredient schubförmigen MS (PR-MS) und erleben einen ständigen Abbau, der von gelegentlichen Attacken sich verschlechternder MS überlagert wird, ohne dass es jedoch wieder zu Verbesserungen kommt.

Die schulmedizinische Behandlung von Multipler Sklerose

Da MS eine Autoimmunerkrankung ist, stellt die Hauptsäule der Therapie die Unterdrückung der Immunzellen mit zunehmend stärkeren Medikamenten dar, meist mit sogenannten „ABC-R“-Medikamenten wie Avonex, Betaferon und Copaxone oder Rebif. Diese sollen das Fortschreiten der Krankheit verlangsamen, doch selten kehren MS-Betroffene wieder zu einem Zustand von guter Gesundheit und Vitalität zurück. Das liegt in der Natur der meisten Autoimmunerkrankungen.

Selbst wenn wir einmal annehmen, dass die Gleichung „genetische Disposition plus umweltbedingte Auslöser gleich Beginn von MS“ stimmt, versuchen Wissenschaftler immer noch zu verstehen, worin genau die genetische Disposition besteht und warum es nicht bei jedem Menschen mit MS dieselbe ist. Es gibt einige Theorien, die gegenwärtig die Behandlung beeinflussen.

Eine davon besagt, dass Multiple Sklerose eigentlich eine Gefäßkrankheit ist. Dr. Paolo Zamboni hat eine chronische Cerebrospinalvenen-Insuffizienz (CCSVI) im Rahmen von MS und auch als Ursache beschrieben.3 Unter CCSVI versteht man die Verengung der Venen, über die das Blut aus dem Gehirn abfließt. In der Folge steigt der Druck in den Venen und führt zu einer übermäßigen Eisenablagerung im Gewebe und einer Zunahme von Entzündungsprozessen sowie oxidativem Stress. All das trägt wiederum zur Entwicklung von MS-Symptomen bei.

Bei der typischen schulmedizinischen MS-Behandlung werden zwar oft immunsuppressive Medikamente eingesetzt, doch Zamboni berichtet, dass die Erweiterungen der Gefäße mittels Angioplastie, also dem Einbringen eines Ballons oder Stents zur Erweiterung des verengten Blutgefäßes, mit einer akuten Verminderung der MS-Symptome einhergeht. Er berichtet weiter, dass mittels ambulanter Angioplastie die Müdigkeit erfolgreich behandelt werden kann.4 Dies ist sicherlich interessant und klingt, oberflächlich betrachtet, vielversprechend. Ein einfaches chirurgisches Verfahren zur „Korrektur“ von MS – das klingt fast wie ein Wunder. Bei manchen Betroffenen ist eine erhebliche Verbesserung unmittelbar nach der Angioplastie feststellbar. Andere sagen, die Verringerung der Symptome sei jedoch von relativ kurzer Dauer und erfordere mehrmalige Eingriffe, um die Blutgefäße wieder durchgängig zu machen.5 Zudem gab es kontroverse Diskussionen darüber, ob eine CCSVI häufiger bei Patienten mit MS oder solchen ohne MS vorkommt. Manche Wissenschaftler konnten keine vermehrte CCSVI bei MS-Patienten feststellen.6

Dies ist nur eine von mehreren schulmedizinischen Methoden, die operative Maßnahmen oder Medikamente zu Linderung von MS-Symptomen vorsehen. Sie setzen nicht an der ursprünglichen Ursache der Funktionsstörung an, daher können sie diese auch nicht kurieren. Hängt MS mit einer CCSVI zusammen, muss man fragen, wodurch sich die Venen überhaupt verengt haben. Die schulmedizinische Behandlung hört leider dort auf, wo die Symptome gelindert werden – und bei MS zeitigt die Linderung der Symptome bekanntermaßen keinen Erfolg.

Die funktionelle Medizin dagegen hat eine ganz andere Sichtweise auf MS und ihre Behandlung.

Der Ansatz der funktionellen Medizin bei der Behandlung von MS

Die Schulmedizin hat die MS in vier Kategorien unterteilt, und selbst innerhalb dieser Kategorien zeigt sie sich noch sehr variabel, da der Schaden überall im Gehirn und Rückenmark auftreten kann. Wenn die Nerven betroffen sind, die für die Informationsübertragung aus den Sinnesorganen zuständig sind, kommt es zu gestörten Sinneswahrnehmungen. Dann sieht die betroffene Person schlecht, hat Gleichgewichtsstörungen oder eine Schmerzsymptomatik, zum Beispiel Gesichtsschmerzen, wie ich sie hatte. Werden die motorischen Nervenbahnen zwischen Gehirn und Muskulatur geschädigt, kommt es zu einer Schwäche und/oder Koordinationsstörung, die oft die Mobilität beeinträchtigt. Da der Schaden häufig punktuell auftritt, kann es zu individuell gestörten Mustern beim Gehen, Stehen oder dem Gebrauch der Hände kommen.

All das gehört zu den Merkmalen einer MS, doch nun kommt das Interessante: Auf zellulärer Ebene gibt es bei Autoimmunkrankheiten – ungeachtet der spezifischen Diagnosestellung – sechs gemeinsame Merkmale:

1.Die Mitochondrien sind überlastet, ihre Energieproduktion ist ineffizient und es kommt zur Bildung übermäßig vieler Abfallstoffe, wie im vorigen Kapitel erklärt. Das wiederum führt zur Bildung zu vieler freier Radikale im Körper, die dann die Zellen schädigen.

2.Die Immunzellen reagieren zu stark, was zu übermäßigen Entzündungen im ganzen Körper führt.

3.Die Immunzellen greifen insbesondere als „körpereigen“ geltende Zellstrukturen an, also solche, die zu uns gehören.

4.Im Körper gespeicherte Toxine wie Blei, Quecksilber und Pestizide sowie unterschwellige chronische Infektionen wie die Lyme-Borreliose oder selbst Parodontitis können autoimmun bedingte Symptome verschlechtern.

5.Ein Vitamin-D-Mangel und ein übermäßig hoher Spiegel der Stresshormone verstärken die Entzündungen.

6.Ein Mangel oder Überschuss an bestimmten Vitaminen, Mineralstoffen, essenziellen Fettsäuren und pflanzlichen Antioxidanzien ist häufig anzutreffen.

Die funktionelle Medizin betrachtet MS weniger als bestimmte Krankheit, sondern mehr als gesamtsystemische Funktionsstörung, die Gemeinsamkeiten mit einer breiten Palette chronischer Krankheiten aufweist. Das stellt natürlich die Behandlung auf den Kopf, denn bei der Bestimmung des Problems – und damit der „Lösung“ – geht es nicht mehr darum, welche Medikamente die spezifischen Symptome lindern, sondern vielmehr darum, wie man die mitochondriale Überlastung, die Reizbarkeit der Immunzellen, die Toxinbelastung im Körper, das hormonelle Ungleichgewicht und die Infektionen behebt. Wenn das gelingt, lassen sich viele Krankheiten sowie unerklärliche chronische Symptome und noch nicht diagnostizierte Probleme erfolgreich behandeln, ganz egal wie Sie sie nennen.

Erfahrungsbericht

Innerhalb von drei Wochen nach der hier beschriebenen Ernährungsumstellung fühlte ich mich schon sehr viel besser! Ich hatte das Gefühl, meine geistige Leistungsfähigkeit und meine Energie waren wieder wie vor der MS-Diagnose. Mir fiel auf, dass ich gar nicht wusste, wie vernebelt mein Gehirn gewesen war, bis ich diesen Zustand überwunden hatte. Ich musste mich nach kleinen Ausflügen, maßvoller sportlicher Betätigung oder nachdem ich Besuch hatte, nicht mehr mitten am Nachmittag hinlegen. Mein Gleichgewicht wird besser. Ich muss nicht mehr so häufig Wasser lassen, der Harndrang und die Inkontinenz lassen nach. Meine Doppelbilder sind einer verminderten Farbwahrnehmung auf einem Auge gewichen. Die nächtliche Muskelspannung in den Beinen hat sich deutlich gebessert. Ich habe weniger Probleme mit Schlaflosigkeit.

Wenn ich erzähle, wie gut es mir geht, fragen mich manche, ob ich in der Remissionsphase sei. Dann verneine ich das, denn ich glaube, dass es bei mir zur völligen Genesung kommt. Das neueste MRT zeigt keine neuen Herde, und mein Arzt gestattete die Absetzung von Betaferon.

Sally B., Lansing, Michigan

Die Schwere der Symptome geht bei vielen Autoimmunerkrankungen zurück, nicht nur bei MS, sondern auch bei zahlreichen anderen chronischen Erkrankungen wie affektiven Störungen, Adipositas, Bluthochdruck und Herzerkrankungen. Das Prinzip ist einfach: Geht es den Zellen gut, geht es auch dem Körper gut.

Schauen wir uns zum Beispiel die bereits angesprochene Theorie von Dr. Zamboni an. Selbst wenn eine Cerebrospinalvenen-Insuffizienz mit MS zu tun hat, kommt es nicht ohne Grund zu einer Verstopfung der Venen oder Arterien: Es ist der Versuch, den durch äußere Faktoren verursachten Schaden, der zur Verengung der Venen geführt hat, zu reparieren und zu heilen. Wissenschaftler haben 38 verschiedene Schritte identifiziert, zu denen es kommt, wenn sich ursprünglich gesunde Blutgefäße dermaßen verengen.7 Zu diesen äußeren Faktoren zählen beispielsweise:

1.Toxine wie Schwermetalle, Pestizide und Lösungsmittel8

2.Unterschwellige chronische Infektionen wie Chlamydien (Bakterien) und das Eptstein-Barr-Virus9

3.Unterversorgung mit Vitaminen, Mineralstoffen, Antioxidanzien und essenziellen Fettsäuren (Mikronährstoffen)10

4.Nahrungsmittelallergien und- empfindlichkeiten11

5.Hormonschwankungen12

6.Schlafstörungen13

Kann man – dieses Wissen vorausgesetzt – dann wirklich noch sagen, die einzige Behandlungsmöglichkeit zur Weitung verengter Blutgefäße sei eine Angioplastie oder andere operative Maßnahmen? Es sind alles dieselben Faktoren, die zu einer Funktionsstörung in den Mitochondrien führen und die man beeinflussen kann, wenn man die Umweltbedingungen verändert: Ernährung, Entgiftung, Bewegung, Meiden von Allergenen – all diesen Faktoren wird im Wahls-Programm ohne Medikamente und ohne operative Eingriffe Rechnung getragen.

Warum sollte man besagte Arterien mit einer Ballonangioplastie oder einem Bypass behandeln, wenn eine veränderte Lebensweise dieselbe Wirkung haben kann, ohne dass man die Risiken einer Operation eingehen muss – insbesondere, wenn diese Maßnahmen oft viele Male wiederholt werden müssen? Warum sollen wir operativ gegen die Müdigkeit vorgehen, wenn ich bei meinen Patientinnen und Patienten beobachte, dass das Erste, was ihnen nach Beginn des Wahls-Programms auffällt, eine Abnahme der Müdigkeit ist? Sie berichten oft, dass es innerhalb von drei Monaten, manchmal auch innerhalb von Wochen oder sogar Tagen dazu kommt.

Jedes Mal, wenn das Blutgefäß mit dem Stent oder Ballon manipuliert wird, kommt es zu mikroskopischen Schäden. Unsere Immunzellen verursachen bei deren Reparatur eine Entzündung, und diese ist in der Lage, das Blutgefäß wieder zu verschließen. Es besteht auch die Möglichkeit einer unabsichtlichen Schädigung des Blutgefäßes, durch einen Riss zum Beispiel, von einem potenziellen Operationsfehler ganz zu schweigen.

Das „Rezept“ der funktionellen Medizin – meine bevorzugte Therapie als Ärztin und Patientin – ist, den Lebensstil umfassend darauf auszurichten, dass die Blutgefäße heilen können und alle Verengungen wieder durchlässig werden, egal ob sie nun eine spezielle „Ursache“ der Multiplen Sklerose sind oder nicht. (Ich halte es für wahrscheinlicher, dass es sich dabei nur um ein weiteres Symptom eines unverhältnismäßigen Angriffs der Immunzellen auf den Körper, in diesem Fall auf die Blutgefäße, handelt.)

Leben ist eine Aneinanderreihung selbstregulierender chemischer Reaktionen. Haben Sie also dafür gesorgt, dass alle chemischen Prozesse in Ihren Zellen optimal ablaufen, wird oft in erstaunlicher Weise ein Selbstheilungsmechanismus in Gang gesetzt, auch wenn Wissenschaftler nicht ganz genau verstehen, was überhaupt schief gelaufen ist. Auch die funktionelle Medizin ist auf der Suche der zugrunde liegenden Ursache, sie richtet ihre Aufmerksamkeit aber nicht so sehr auf Bezeichnungen und Kategorisierungen, da das zu einer Verengung des Blickes auf die tatsächlich ablaufenden Vorgänge führen kann.

Was bedeutet das für Sie?

Je weiter die Wissenschaft fortschreitet und je mehr die Wissenschaftler chronische Krankheiten auf der zellulären Ebene von biochemischen Prozessen betrachten, desto häufiger stellen sie fest, dass es Gemeinsamkeiten zwischen chronischen Erkrankungen gibt, insbesondere den „roten Faden“, der sich durch das ganze Spektrum der Autoimmunerkrankungen zieht. Welche Erkrankung man sich auch immer anschaut, auf zellulärer Ebene wird sichtbar, dass eine mitochondriale Überlastung zur übermäßigen Bildung von freien Radikalen und zu Schäden an den Zellen, den Organen und am Körper führt, wodurch sich die betreffende Erkrankung verschlechtert, und dass unsere Immunzellen zu viele Entzündungsherde schaffen, die den Zellen, den Organen und dem Körper ebenfalls Schaden zufügen.14

Im Studium wurde mir beigebracht, Diagnosen auf der Grundlage der Anamnese, der körperlichen Untersuchung und der Laborergebnisse zu stellen. Ich habe gelernt, viele Krankheiten zu unterscheiden, die von Wissenschaftlern, die sich mit Zellbiologie und Biochemie beschäftigen, jetzt als unterschiedliche Manifestationen ein und derselben Krankheit erkannt werden. Ausgedehnte Entzündungsherde sind zum Beispiel ein Faktor bei vielen, wenn nicht allen psychiatrischen Störungen.15 Ausgedehnte Entzündungsherde sind auch ein Faktor bei Herzkrankheiten, Bluthochdruck, Schlaganfällen und Krebs.16 Unzureichende Mengen von Vitaminen, Mineralstoffen und Antioxidanzien im Blut erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch vorzeitig einer der zehn Hauptursachen von Tod und Invalidität zum Opfer fällt.17 Ein relativ niedriger Vitaminspiegel erhöht das Risiko, an Krebs zu erkranken, schnell zu altern und mehrere Stadien chronischer Erkrankungen zu durchlaufen, weil Hunderte von Schritten in unseren biologischen Abläufen gestört werden.18 Bluthochdruck, Arteriosklerose und Herzkrankheiten spiegeln alle das Bild von überlasteten Mitochondrien, zu vielen Entzündungsherden und Immunzellen, die die Blutgefäße angreifen – und nun vermuten viele Wissenschaftler, dass all diese Erkrankungen eine autoimmune Komponente haben.19

Außerdem wurden genau diese Probleme sowie eine Überfrachtung mit Toxinen bei Adipositas, metabolischem Syndrom, polyzystischem Ovarialsyndrom (PCOS, eine tendenziell steigende Ursache für die weibliche Unfruchtbarkeit), Hirsutismus (übermäßige Gesichtsbehaarung bei Frauen), erektiler Dysfunktion, Schlafapnoe und Leberverfettung beobachtet.20 Man könnte gar den Verdacht haben, dass es überhaupt keine individuellen Krankheiten gibt! Ich wiederhole: Wir leiden alle an derselben chronischen Krankheit – nämlich defekten biochemischen Prozessen und einer aus dem Lot geratenen Kommunikation zwischen unseren Zellen. All das wiederum führt zur Bildung von zu vielen Entzündungsherden und zur Überlastung der Mitochondrien, hauptsächlich infolge unserer Lebensweise.

Aus diesem Bild erschließt sich mir eine sehr einfache Botschaft: Sie haben Ihre Gesundheit und Vitalität selbst in der Hand. Sie müssen nicht Medizin studiert haben, um feststellen zu können, dass es an der Zeit ist, in Ihrem Körper auf zellulärer Ebene Veränderungen vorzunehmen. Ganz egal, welche Einzelheiten wir aus dem Bild herausarbeiten, wenn wir versuchen eine Krankheit zu diagnostizieren und sie von einer anderen abzugrenzen, wahr bleibt, wie schon erwähnt, dass die Funktionsstörung auf der mitochondrialen und zellulären Ebene mit fehlerhaft ablaufenden biochemischen Prozessen beginnt. Wenn wir sie hier stoppen, kann der Körper genesen. Wenn wir darüber hinaus noch sicherstellen, dass die Zellen alle benötigten Bausteine bekommen, werden sie bei ihrer Arbeit weniger Fehler machen. Denn unsere Zellen sind ein komplexes Netz selbstregulierender chemischer Reaktionen. Wenn wir uns so ernähren und so leben, wie es unserer DNS entspricht, werden unsere Zellen den Körper zu einem gesunden Ganzen zusammensetzen. Tun wir das nicht und enthalten wir unseren Zellen die benötigten Bausteine vor, sind Probleme vorprogrammiert. Wir leben, weil unsere Zellen zur Selbstkorrektur fähige chemische Fabriken sind. Ihre Aufgabe ist es, Ihren Zellen diese Arbeit zu erleichtern – und nicht sie zu behindern.

Setzen Sie das Wahls-Programm um, spielen sich Ihre mitochondrialen und zellulären Prozesse zunehmend in einem gesünderen Rahmen ein. Dann wird es wahrscheinlich zu einem Nachlassen der Symptome Ihrer wie auch immer von Ihren Ärzten diagnostizierten Erkrankung kommen. Ihr Gesundheits- und Vitalitätsgefühl wird sich allmählich bessern, wenn Ihre Zellen die defekten, gestörten, fehlerhaft gebildeten Bausteine durch gesunde, intakte, funktionierende ersetzt. Wenn Sie sich drei oder vier Jahre lang so ernähren und leben, wie es Ihrer DNS entspricht, werden Sie nicht nur jünger aussehen und sich jünger fühlen, sondern auch mehr Kraft haben und ausgeglichener sein. Sie werden weniger verschreibungspflichtige Medikamente einnehmen – wenn überhaupt. Sie halten den Faden in Ihrem Leben und in Ihrem Körper wieder in der Hand.

Sie werden wieder gesund.

KAPITEL 3
Der Einstieg

Vielleicht sind Sie ja jetzt soweit und möchten gleich loslegen – mit den veränderten Essgewohnheiten, den Nahrungsergänzungen und allem anderen, was zum Wahls-Programm dazu gehört. Veränderung ist eine aufregende Angelegenheit, und ich verstehe, dass Sie Ihre Zellen, Ihre Organe und Ihren ganzen Körper schnellstmöglich kurieren wollen. Doch bevor wir uns näher mit den Details beschäftigen, müssen wir zuerst Ihre Prioritäten durchgehen.

Die Botschaft dieses Kapitel ist sehr wichtig. Betrachten Sie sie als Grundvoraussetzung für die Arbeit mit dem Wahls-Programm. Auch wenn Sie sich mit den psychischen und emotionalen Aspekten lieber später beschäftigen wollen und jetzt gleich zur Sache kommen möchten, möchte ich Sie doch bitten, über einige Dinge nachzudenken – auch darüber, was Ihnen wirklich wichtig ist und ob Ihr heutiges Leben tatsächlich diesen Prioritäten entspricht. Denn in all den Jahren meiner Arbeit mit den Patienten habe ich festgestellt, dass sich das Programm nur dann durchhalten lässt, wenn man einen kühlen Kopf bewahrt.

Denken Sie über Ihre Motive nach. Vielleicht wollen Sie ein Beispiel geben und für Ihre Kinder da sein. Vielleicht ist ein Ehemann oder eine Ehefrau oder ein Elternteil auf Sie angewiesen. Vielleicht gibt es noch etwas in Ihrem Leben, das Sie zuwege bringen müssen. Was immer es auch ist, etwas Großes oder etwas Kleines, es muss wichtig und sinnvoll genug für Sie sein, damit es Sie durch diese schweren Zeiten trägt und Sie in Ihrem Entschluss bestärkt, sodass Sie unbeirrt am Wahls-Programm festhalten können. In diesem Kapitel möchte ich Ihnen helfen herauszufinden, was das für Sie ist, und ich werde Sie dabei unterstützen, positiv zu denken, um maximalen Erfolg zu erzielen.

Erfahrungsbericht

Mein Mann hat MS. Seine Diagnose ist vier Jahre her, aber wenn ich es rückblickend betrachte, hat er schon seit vielen Jahren diffuse Symptome. Seine Mutter hatte auch MS. Als sie starb, war sie sehr geschwächt. In den ersten vier Jahren unserer Ehe lebte sie bei uns, und ich habe ihren Zorn und ihre emotionalen Phasen nie verstanden – bis jetzt. Nach der Diagnose war mein Mann schockiert, wütend und emotional sehr instabil. Die Medikamente, die er einnahm, schwächten ihn sehr, und wir hatten Angst, weil wir den Verfall schon kannten, den meine Schwiegermutter durchgemacht hatte.

Ich begann nach allen möglichen Behandlungswegen zu suchen. Anfangs wollte mein Mann von einer Ernährungsumstellung überhaupt nichts wissen, und ich war skeptisch, obwohl ich Ökotrophologin bin, denn damals vertrat ich wirklich eine fettreduzierte und kohlenhydratreiche Ernährungsform. Die Ernährung nach Wahls hat unsere ganze Familie jedoch auf eine ganz andere Stufe des Gesundens geführt. Keine Probleme mehr mit dem Magen und eine starke Verbesserung von Konzentration und Stimmung. Die meisten unserer Probleme im Hinblick auf die Autoimmunerkrankung haben sich entweder gelöst oder nehmen allmählich ab.

Anne G., Illinois

Ich weiß, in Ihrer Lebenslage gibt es schwerwiegende Herausforderungen, die alles andere als gerecht sind. Zweifellos belasten Sie und Ihre Familie auch andere Sorgen, unabhängig davon, dass Sie von MS oder einer anderen Autoimmunerkrankung betroffen sind. Dies ist eine Gelegenheit zu konkretisieren, worin der übergeordnete Sinn Ihres Lebens besteht. Eine Studie, die den Einfluss einer deutlichen Ausrichtung auf ein übergeordnetes Ziel im Leben untersuchte, ergab, dass diejenigen Menschen, die sich damit identifizierten, weniger Schlaganfälle und Herzinfarkte hatten und deutlich länger lebten als diejenigen, denen dieses Ziel fehlte.1 Außerdem wird dadurch die Belastbarkeit eines Menschen sowie das persönliche und spirituelle Wachstum verbessert – trotz des gesundheitlichen Abbaus und der zunehmenden Invalidität.2 Jetzt ist der richtige Moment, sich über ein höheres Ziel in Ihrem Leben klar zu werden oder es auszusprechen. Mit der Zeit wird es sich weiterentwickeln, aber worin besteht es genau jetzt? Ich wünsche mir, dass Sie in der Lage sind, es zu auszudrücken.

Erfahrungsbericht

Eine langfristige Lebensperspektive und Ziele für die Zukunft zu haben, ist wirklich wichtig. Ich erinnere mich daran, dass ich immer dachte, diese Welt ist so viel größer als ich und das, was ich jetzt durchmache. Die Diagnose war ein Schock, ich war am Boden zerstört und wie betäubt und fragte mich, warum das gerade mir passierte. Der Umgang mit dem Krebs war ein Kampf an vier Fronten: mental, emotional, spirituell und körperlich. Die mentale Seite bedeutet Pläne für die Zukunft und für ein langes Leben zu schmieden, an die Dinge zu denken, die ich tun möchte, und warum ich leben will. Der emotionale Kampf dreht sich um Zorn, Angst, Eifersucht, Missgunst, Bitterkeit und die fehlende Versöhnlichkeit. Negative Emotionen lähmen das Immunsystem, sie müssen wir definitiv loslassen.

Chris W., Tennessee

Führen Sie Tagebuch

Worum ich Sie nun bitte – und das ist etwas, das Ihnen eine große Hilfe sein wird, wenn Sie Ihre Leitlinie entwickeln und an Ihrer Einstellung und Motivation arbeiten –, ist das Führen eines Tagebuchs. Dies ist ein wichtiger Teil des Prozesses, und ich rate all meinen Patientinnen und Patienten dazu. Für die Teilnehmer der klinischen Studien ist es Pflicht. Im Laufe des gesamten Programms werden Sie Aufzeichnungen über viele Dinge machen: Ernährung, Stresspegel, Nahrungsergänzungen, Schmerzen und Energieniveau sowie darüber, wie Sie jeden Tag bewältigen und die Herausforderungen Ihres Lebens meistern. Das ist zu viel, um es nur gedanklich „aufzuzeichnen“. (Und jeder, der weiß, wie sehr eine Autoimmunerkrankung das Gehirn „benebeln“ kann, weiß auch, wie schwierig das wäre!) Also möchte ich, dass Sie schriftliche Aufzeichnungen machen.

Ich ermuntere Sie auch dazu, ein aktuelles Bild von sich in Ihr Tagebuch zu kleben. Meine Patienten und Studienteilnehmer freuen sich darüber, dass sie immer nachsehen und feststellen können, um wie viel „jünger“ sie im Laufe des Wahls-Programms werden. Machen Sie es jetzt sofort, wenn das möglich ist. Machen Sie einfach einen Schnappschuss von sich. In ein paar Monaten oder ein paar Jahren ist es ein sehr aufschlussreiches „Dokument“.

Wenn eine medizinische Frage oder ein gesundheitliches Problem auftaucht, ist es sehr wichtig, dass Sie Ihre Symptome, Medikamente, Ernährung und sportliche Betätigung belegen können, und es ist auch wichtig, dass Sie Ihren Fortschritt verfolgen, nicht nur zu Ihrer eigenen Information, sondern auch für Ihre Behandler. Ihr Wahls-Tagebuch wird jedoch eine noch größere Rolle in Ihrem Leben spielen: Sie halten darin Ihre Beobachtungen zu Ihrem Befinden fest, wie Sie mit Stress umgehen, was Sie tun, wie sich Ihre Beziehungen gestalten – einfach alles. Damit wird es zu einem Protokoll Ihres Lebens, ausgehend von einer Momentaufnahme und, was noch wichtiger ist, es wird zu einem unschätzbaren Bericht, der Ihre stetige Besserung mithilfe des Wahls-Programms nachzeichnet.

Aus meinem eigenen Tagesbuch

Nach meiner Diagnose im Jahr 2000 wurde mir klar, dass sich die Spielregeln verändert hatten. Ich musste mich neu definieren und neu erfinden. Ich war immer noch „Terry Wahls, Ärztin“ und „Terry Wahls, Mutter“ und „Terry Wahls, Partnerin von Jackie“, aber die Dynamiken all dieser Beziehungen hatten sich verändert und ich musste mich dem stellen. Am dramatischsten war die Veränderung der Art und Weise, wie ich meine Rolle als Elternteil wahrnehmen konnte.

Ich war immer fest davon überzeugt gewesen, dass es wichtig sei, meine Kinder Zielstrebigkeit, Belastbarkeit und Durchhaltevermögen zu lehren. Das lief bei uns immer über sportliche Aktivitäten wie Zelten und Herausforderungen wie Bergsteigen. Als meine Behinderung zunahm, wurde mir klar, dass ich in dieser Hinsicht etwas ändern musste. Ich merkte bald, dass es zu vielen der Dinge, die ich vorgehabt hatte, nie würde kommen können. Wir gingen nicht mehr Bergsteigen, wir maßen uns nicht mehr im Kampfsport. Meine Kinder würden mir auch nicht mehr bei sportlichen Siegen zujubeln. Keine Familien-Birkebeiner-Rennen. Keine Trekkingtouren in Nepal. Alle diese Träume, die ich gehabt hatte, schienen verloren. Wie konnte ich dann ein Rollenvorbild für sie sein? Wie konnte ich Ihnen etwas beibringen, das ich nicht mal selbst konnte? Doch dann erkannte ich, dass ich die MS dazu nutzen konnte, um meinen Kindern Belastbarkeit auf eine völlig andere Weise zu vermitteln.

Eines Morgens sah ich, wie meine Tochter Zebby, die damals erst acht Jahre alt war, dasaß und jede meiner Bewegungen beobachtete. Als ich darüber nachdachte, begriff ich, dass beide Kinder, Zebby und Zach, mich oft beobachteten, um zu sehen, wie ich die Dinge bewältigte. Sie waren jung und verwirrt, dass ihre aktive, sportliche Mutter allmählich die Fähigkeit verlor, selbst die einfachsten Dinge zu tun. Sie wollten wissen, was ich machen würde. Sie wollten wissen, wie ich mit der neuen Mühsal in meinem Leben umgehen würde. Das hat mich wachgerüttelt. Ich begann zu lächeln. Ich begann, jeden Morgen unter Aufbietung aller Kräfte aufzustehen. Ich stieg in meinen Strömungspool und begann zu kraulen. Dabei hatte ich nur einen Gedanken im Kopf: Sie beobachten dich. Ich redete mir ein, dass sie mich immer beobachten, denn dadurch veränderte sich meine ganze Einstellung und die ganze Art, wie ich mich daran machte, Dinge zu tun.

Dies war meine Motivation, mich weiter anzutreiben. Ich sagte mir, wenn ich wollte, dass sie lernen, wie man in schweren Zeiten zurechtkommt, dann musste ich ihnen zeigen, wie ich mit einem Unglück umging. Ich erkannte, dass ich auch mit MS ein Rollenvorbild für sie sein konnte, in gewisser Weise sogar ein viel stärkeres als ohne die Krankheit. Bergsteigen ist hart, aber mit MS jeden Tag aufzustehen, arbeiten zu gehen und weiter am Leben teilzunehmen, ist um ein Vielfaches härter. Dies wurde zu meinem Ziel und zu meiner Motivation, um meine Krankheit zu besiegen, anstatt mich in ihr zu verlieren. Was können Sie tun, um für sich ein Ziel und eine Motivation zu finden?

Ich kann die Bedeutung nicht oft genug betonen, doch ich kann Sie nicht dazu zwingen. Auch wenn Sie noch nie ein Tagebuch geführt haben oder Dinge eigentlich nicht gerne aufschreiben, so lohnt es lohnt doch, sich das anzugewöhnen. Ihr Tagebuch wird zu einem wichtigen, wenn nicht sogar wesentlichen Teil Ihres Genesungsprozesses. In Studien wurde belegt, dass Menschen, die Tagebuch führen, einen niedrigeren Stresshormonspiegel und eine geringere Krankheitsaktivität haben und dass sie zufriedener sind mit ihrem Leben. Es ist also an der Zeit, mit dem Schreiben zu beginnen!

Was sollten Sie notieren?

Sie brauchen nicht förmlich zu beginnen. Erzählen Sie einfach ein paar Geschichten von sich, bis Ihnen das Schreiben leichter von der Hand geht. Sie können über Ihre Gefühle schreiben, darüber, wie Sie früher Ihre Herausforderungen gemeistert haben und worin Sie die positiven Aspekte dieser Herausforderungen sehen. Listen Sie auf, wofür Sie dankbar sind, wen Sie lieben, was Sie hoffen, tun zu können, auch, was Ihnen aus Ihrem alten Leben fehlt. All das kann Ihnen helfen herauszufinden, was Ihre neuen Lebensumstände für Sie bereithalten, und dazu gehören auch die Menschen und die Dinge, für die Sie dankbar sind, und das kann Ihre Widerstandsfähigkeit erhöhen.3

Ein großer Teil der Kraftwirkung, die im Wahls-Tagebuch steckt, ist dem psychologischen Aspekt geschuldet: Sie schreiben sich die Dinge von der Seele. Aber konzentrieren Sie sich nicht nur auf die Symptome. Das ist Ihr Tagebuch und der Raum, in dem Sie ganz Sie selbst sein können; und ich wünsche mir für Sie, dass Sie diesen Raum auch dazu nutzen, Ihre Geschichte zu erzählen. Nicht Ihre ganze Lebensgeschichte; ich meine damit nicht, dass Sie Ihre Memoiren zu Papier bringen sollen. Fangen Sie klein an: Welche Herausforderungen in Ihrem Leben fallen Ihnen zuerst ein? Denken Sie an frühere Zeiten und was Sie bereits erreicht haben. Denken Sie an die Dinge, die Sie gemacht haben und die Sie jetzt nicht mehr tun können. Woran möchten Sie sich gerne erinnern? Träumen Sie mit offenen Augen von früher und suchen Sie sich eine Geschichte aus – irgendeine. Und dann schreiben Sie sie auf.

Vergessen Sie nicht, wie Sie früher waren. Das Schreiben wird Ihnen dabei helfen, Ihr früheres Ich als Teil Ihrer selbst anzunehmen. Alles, was bisher geschehen ist, ist zu einem Teil Ihrer Geschichte geworden und hat Sie zu dem Menschen gemacht, der Sie heute sind, und Sie haben auf jedes einzelne Detail reagiert. Mithilfe Ihres Tagebuchs können Sie diesen Raum auf eine Art und Weise vergrößern und erweitern, die Ihnen hilft, Ihr persönliches Wachstum fortzusetzen, auch wenn Sie durch Ihre chronische Krankheit das Gefühl haben, als sei es gehemmt oder gestoppt. Schreiben ist Ihr Weg aus dieser Sackgasse.

Dafür müssen Sie nicht mit schriftstellerischen Fähigkeiten glänzen. Sie brauchen sich nicht einmal um Grammatik und Rechtschreibung zu kümmern. Ist es handschriftlich zu schwierig, dann schreiben Sie am Computer. Mit einem Laptop im Bett lässt sich wunderbar Tagebuch führen. Wie Sie das machen, spielt keine Rolle. Dass Sie zu schreiben beginnen, ist das Einzige, was zählt. Feilen Sie nicht an Ihren Worten herum. Schreiben Sie einfach. Schreiben die Dinge so auf, wie sie Ihnen in den Sinn kommen. Ohne Rezension. Ohne Bearbeitung. Versuchen Sie täglich Tagebuch zu schreiben, auch wenn es nur ein paar Zeilen, ein oder zwei Absätze sind. Manchmal werden Sie das Bedürfnis haben mehr zu schreiben, manchmal weniger. In der Regelmäßigkeit liegt die heilsame Wirkung. Halten Sie Ihre Fortschritte fest, Ihre Gefühle (gute wie schlechte), Ihre Siege und Herausforderungen und alle Schritte, die Sie im Rahmen dieses Programms machen.

Im Laufe des Buches erinnere ich Sie hin und wieder an Ihr Tagebuch, wenn die Beantwortung einer Frage hilfreich ist oder etwas festgehalten werden sollte. Nutzen Sie diese Anhaltspunkte als Inspiration oder als eine Möglichkeit, festzuhalten, woran Sie sich später gerne erinnern wollen. Und das könnte in etwa so aussehen:

Anregungen für das Tagebuch

Beantworten Sie einige oder alle der folgenden Fragen in Ihrem Tagebuch:

1.Wie fühlen Sie sich heute? Bitte antworten Sie möglichst genau.

2.Was haben Sie heute nur für sich getan?

3.Was haben Sie heute gegessen? Wie haben Sie es vertragen?

4.Haben Sie sich heute sportlich betätigt? Was haben Sie gemacht? Was für ein Gefühl hatten Sie dabei?

5.Wem oder wofür sind Sie dankbar? Was zählt in Ihrem Leben am meisten?

6.Gibt es ein höheres Ziel oder eine treibende Kraft in Ihrem Leben? Das ändert sich zwar mit der Zeit, denken Sie also nur darüber nach, was es heute ist. Formulieren Sie das als Leitspruch: „Meine Aufgabe in diesem Leben ist …“

7.Wie lange werden Sie schon schulmedizinisch behandelt? Gibt es Erfolge?

8.Erinnern Sie sich an Ihr erstes Krankheitssymptom? Erzählen Sie diese Geschichte.

9.Welche Symptome sind heute besonders beschwerlich?

10.Machen Sie sich Vorwürfe? Weswegen?

11.Wie würden Sie Ihren heutigen Stresspegel beschreiben?

12.Was könnten Sie morgen machen, damit dieser Tag besser wird als der heutige?

Sie können gleich damit beginnen. Suchen Sie sich Fragen aus und beantworten Sie sie in Ihrem Tagebuch. Aber lassen Sie es nicht dabei bewenden. Das ist Ihr Tagebuch! Sie können es nutzen wie Sie wollen. Es geht darum anzufangen. Dann wird es sich weiterentwickeln. Es wird Ihnen in vielerlei Hinsicht von Nutzen sein, wenn Sie es durchlesen und anfangen, gesünder zu werden. Schreiben ist der erste Schritt dazu, selbst die Kontrolle zu übernehmen, ein Ziel und einen Sinn in dem Leben zu finden, das Sie jetzt haben, und Sie in die Zukunft zu führen.

Ihre Symptome im Blick

Ich möchte auch, dass Sie Ihr Wahls-Tagebuch als Quelle ausführlicher Informationen nutzen. Behalten Sie täglich den Überblick darüber, was Sie essen, wie viel Sie schlafen und was Sie in sportlicher Hinsicht tun. (Am Ende dieses Kapitels befindet sich eine Kopiervorlage.) Ich wünsche mir auch, dass Sie zu Beginn Ihre Symptome einstufen auf einer Skala von 0–4.

Wenn Sie mit dem Wahls-Programm arbeiten, ist es äußerst wichtig, dass Sie Ihre Symptome beobachten. Es wird auch noch manche schlechten Tage geben und dann haben Sie wahrscheinlich das Gefühl, dass Sie überhaupt keine Fortschritte gemacht haben. Der nachfolgende Fragebogen erinnert Sie daran, wie weit Sie schon gekommen sind. Legen Sie ihn in das Tagebuch und nehmen Sie sich die Fragen alle paar Monate wieder neu vor, um Ihre Fortschritte zu überprüfen. Ihre Antworten werden sich verändern! Schreiben Sie immer das Datum dazu, damit Sie alle Fragebögen chronologisch zurückverfolgen können, um die Verbesserungen zu sehen, von denen Sie in dem Augenblick vielleicht gerade nichts spüren. Das gibt Ihnen die Kraft und den Mut weiterzumachen. Sie können auf eine objektive Liste verweisen und sagen: „Ich mache Fortschritte!“

Dieser Symptom-Fragebogen stammt vom Institute for Functional Medicine (zu Deutsch etwa: „Institut für Funktionelle Medizin“), und ich habe die Nachdruckerlaubnis dafür. Ich verwende ihn bei meinen Patienten und bei den Studien-Teilnehmern; sie füllen ihn zur Überprüfung ihrer Fortschritte in regelmäßigen Abständen aus, genauso wie auch Sie es tun sollten. Denken Sie daran, Ihr erster Fragebogen markiert Ihre Ausgangssituation. Es ist sinnvoll, ihn zweimal auszufüllen, zuerst, um den Überblick darüber zu behalten, wie Sie sich in den letzten 30 Tagen gefühlt haben und dann, um zu schauen, wie es Ihnen in den letzten 48 Stunden erging. Kennzeichnen Sie jeden Bogen entsprechend:

Symptom-Fragebogen

Name

Datum

Bewerten Sie die folgenden Symptome anhand Ihres typischen Gesundheitszustands in:

den letzten 30 Tagen

den letzten 48 Stunden

Bewertungsschlüssel

0Das Symptom ist nie oder fast nie vorhanden

1Gelegentlich vorhanden, keine schweren Auswirkungen

2Gelegentlich vorhanden, schwere Auswirkungen

3Häufig vorhanden, keine schweren Auswirkungen

4Häufig vorhanden, schwere Auswirkung

Kopf

____ Kopfschmerzen

____ Schwäche, Mattigkeit

____ Benommenheit, Schwindelgefühl

____ Schlafstörungen

____ Gesamtbewertung

Augen

____ tränend oder juckend

____ geschwollene, gerötete oder verklebte Augenlider

____ Tränensäcke oder dunkle Augenringe

____ Verschwommen- oder Tunnelsehen (ohne Kurz- oder Weitsichtigkeit)

____ Gesamtbewertung

Ohren

____ juckend

____ Ohrenschmerzen, Ohrinfektionen

____ Ausfluss aus dem Ohr

____ Ohrgeräusche, Hörverlust

____ Gesamtbewertung

Nase

____ verstopft

____ Nebenhöhlenprobleme

____ Heuschnupfen

____ Niesattacken

____ übermäßige Schleimbildung

____ Gesamtbewertung

Mund/Rachen

____ chronischer Husten

____ Würgereiz, häufiges Räuspern erforderlich

____ Halsschmerzen, Heiserkeit, Verlust der Stimme

____ Schwellung oder Verfärbung von Zunge, Zahnfleisch, Lippen

____ Mundgeschwüre

____ Gesamtbewertung

Haut

____ Akne

____ Nesselsucht, Ausschläge, trockene Haut

____ Haarausfall

____ Erröten, Hitzewallungen

____ übermäßiges Schwitzen

____ Gesamtbewertung

Herz

____ unregelmäßiger Herzschlag, Herzstolpern

____ schneller Herzschlag, Herzklopfen

____ Schmerzen in der Brust

____ Gesamtbewertung

Lunge

____ Engegefühl in der Brust

____ Asthma, Bronchitis

____ Kurzatmigkeit

____ Atembeschwerden

____ Gesamtbewertung

Verdauungstrakt

____ Übelkeit, Erbrechen

____ Durchfall

____ Verstopfung

____ Gefühl des Aufgedunsenseins

____ Aufstoßen, Blähungen

____ Sodbrennen

____ Unterleibs-/Magenschmerzen

____ Gesamtbewertung

Gelenke / Muskeln

____ Gelenkschmerzen

____ Arthritis

____ Steifigkeit oder Bewegungseinschränkung

____ Muskelschmerzen

____ Schwächegefühl oder Müdigkeit

____ Gesamtbewertung

Gewicht

____ zwanghaftes Essen/Trinken

____ Verlangen nach bestimmten Nahrungsmitteln

____ Übergewicht

____ Esssucht

____ Wassereinlagerungen

____ Untergewicht

____ Gesamtbewertung

Energie/Aktivität

____ Müdigkeit, Lustlosigkeit

____ Apathie, Lethargie

____ Hyperaktivität

____ Unruhe

____ Gesamtbewertung

Geistiger Zustand

____ Gedächtnisprobleme

____ Verwirrung, schlechtes Begriffsvermögen

____ Konzentrationsstörungen

____ Koordinationsstörungen

____ Entscheidungsunfähigkeit

____ Stottern oder Stammeln

____ verwaschene, undeutliche Sprache

____ Lernschwäche

____ Gesamtbewertung

Emotionaler Zustand

____ Stimmungsschwankungen

____ Angstzustände, Furcht, Nervosität

____ Wut, Reizbarkeit, Aggressivität

____ Depressionen

____ Gesamtbewertung

Andere Symptome

____ häufige Erkrankungen

____ häufiges Wasserlassen oder Harndrang

____ Jucken oder Ausfluss im Genitalbereich

____ Gesamtbewertung

____Gesamtbewertung

Beachten Sie bitte:

Weniger als 10 Punkte = optimal

Mehr als 50 Punkte sind ein Hinweis auf eine erhebliche Entzündung und/oder eine toxische Belastung.

(Nachdruck mit freundlicher Genehmigung aus der Toolbox, dem „Werkzeugkasten“ des Institute for Functional Medicine)

Zählen Sie alle Punkte zusammen und nehmen Sie sie als objektive Maßzahl dafür, wie Sie sich fühlen. Im Laufe der folgenden Wochen rechne ich damit, dass die Punktzahl abnimmt. An manchen Tagen wird es vielleicht den einen oder anderen Punkt mehr geben, aber wenn Sie sich an mein Programm halten, sollte es bei einer grafischen Darstellung – falls Sie Ihre Zahlen auf diese Weise verarbeiten möchten –, zu einer relativ stetig fallenden Kurve kommen. Was Sie heute ausfüllen, spiegelt den heutigen Zustand wieder. Wie werden Sie sich nächste Woche fühlen? Nächsten Monat? Nächstes Jahr? Mithilfe des Fragebogens erhalten Sie Antworten auf diese Fragen und Sie werden damit zufrieden sein.

Beschränken Sie sich bei der Bewertung Ihrer Fortschritte jedoch nicht auf den Fragebogen. Schreiben Sie auch hierüber, z. B. wie Sie sich täglich fühlen, so genau oder allgemein wie Sie möchten. Oder, wenn Ihnen das lieber ist, erstellen Sie Ihren eigenen Fragebogen, der spezieller auf Ihre individuellen Probleme zugeschnitten ist. Wie auch immer Sie es machen, später können Sie darauf zurückgreifen und sich daran erinnern, wie Sie sich gefühlt haben, und Sie können diese Gefühle mit denjenigen vergleichen, die Sie haben, wenn es vorangeht.

Anregungen für das Tagebuch

In meiner Sprechstunde unterstütze ich die Patienten bei der Beurteilung ihrer Fortschritte mit zahlreichen Hilfsmitteln. Diese sind öffentlich zugänglich; vielleicht möchten Sie sich damit beschäftigen, bevor Sie beginnen, die Ergebnisse in Ihr Tagebuch einzutragen. Wenn Sie sie regelmäßig nutzen, können Sie Ihre Fortschritte auch mittels dieser Maßnahmen beurteilen.

Rechner zur Feststellung des biologischen Alters: Es gibt mehrere Rechner dieser Art im Internet, geben Sie einfach „biologisches Alter berechnen“ in eine Suchmaschine ein. Ich habe das gerade gemacht und ein Alter von 40 Jahren errechnet, obwohl ich in Wirklichkeit 58 Jahre alt bin!

Skala zur Bewertung des Gehirnleistung und Gehirntraining im Internet: Auch hier werden Sie fündig, wenn Sie die entsprechenden Suchbegriffe eingeben. Ich habe einen solchen Test gemacht, der auch eine Reihe von Fragen über meine Essgewohnheiten, meine Aktivitäten sowie darüber enthielt, wie gut mein Gehirn arbeitet, und das Ganze hat weniger als zwei Minuten gedauert. Mein Ergebnis war A- (als ich den Test 2007 in meinem damaligen Zustand machte, kam ich nur auf C+). Der Test, den ich gemacht habe – bereitgestellt von Lumosity – beinhaltet außerdem spezielle Vorschläge zur Verbesserung Ihrer Gehirnleistung, und auf der Webseite www.lumosity.com werden auch Trainingsspiele angeboten (die Seite ist auch auf Deutsch verfügbar, für das Trainingsprogramm ist eine kostenlose Registrierung vonnöten; Anm. d. Übers.). Durch solche Übungen nehmen die Wachstumshormone des Gehirns zu, die Ihr Gehirn braucht, um Schäden zu reparieren, neue Verknüpfungen herzustellen und mehr Gehirnzellen zu bilden.

Nintendo DS Gehirnjogging: Ich empfehle solche Spiele in meinen Sprechstunden. Als ich das erste Mal ein solches Spiel mit meinen Kindern spielte, lautete mein Ergebnis „85 Jahre“, meine Kinder haben gebrüllt vor Lachen, aber ich wusste, dass mein Denkprozess langsam war. Heute ist mein Gehirn 40 Jahre alt! Jetzt lacht keiner mehr!

Wie könnte Ihr Tagebuch aussehen?

Manche meiner Patienten kaufen ein hübsches gebundenes Buch und tragen Ihre Aufzeichnungen handschriftlich ein. Manche machen es sich einfacher und verwenden einen Spiralblock oder einen simplen Notizblock. Viele ziehen es vor, ihr Tagebuch am Computer zu führen. Dann können sie die betreffenden Teile ausdrucken und zum nächsten Termin mitbringen.

Vielleicht haben Sie ja schon eine Idee, wie Ihr Tagebuch aussehen könnte, ich mache Ihnen aber trotzdem einen Vorschlag: Ich wünsche mir, dass Sie jeden Tag einige oder alle der folgenden Details über Ihr Leben eintragen. Natürlich können Sie noch mehr hinzufügen, was auch immer Sie an diesem Tag inspiriert hat. Wenn Sie diese Details festhalten, ist Ihnen das später, wie schon erwähnt, eine große Hilfe, nämlich dann, wenn Sie zurückblicken und schauen, wie weit Sie vorangekommen sind. Und Ihr Arzt weiß die genauen Angaben über Ihre Gesundheit sicherlich auch zu schätzen. Ihr Tagebuch könnte folgendermaßen aussehen:

Das Wahls-Tagebuch

(Kopiervorlage für die täglichen Einträge)

Datum: _______________________________________________

Schlafdauer in Stunden: _____________________________________

Wie habe ich mich heute beim Aufwachen gefühlt? ______________

Gewicht (mind. ein Eintrag pro Woche): ___________________________

Das gab es zum Frühstück: _____________________________________

Körperliche Aktivitäten für den Tag (alle angeben): __________________

Nahrungsergänzungen, mit Angabe des Einnahmezeitpunkts:


Medikamente, mit Angabe des Einnahmezeitpunkts:


Schreiben Sie alle Zwischenmahlzeiten und Knabbereien auf:

______________________________________________________

Das gab es zum Mittagessen: ________________________________

Das gab es zum Abendessen: ________________________________

Wofür oder wem bin ich heute dankbar? _______________________

Was habe ich heute gemacht? ________________________________

Welche guten zwischenmenschlichen Begegnungen hatte ich heute?

______________________________________________________

Wie würde ich heute meinen Stress auf einer Skala von 1 bis 10 bewerten? (10 = sehr viel Stress)

______________________________________________________

Wie würde ich heute meine Schmerzen auf einer Skala von 1 bis 10 bewerten? (10 = sehr viele Schmerzen)

______________________________________________________

Wie würde ich heute meine Energie auf einer Skala von 1 bis 10 bewerten? (10 = sehr viel Energie)

______________________________________________________

Wie habe ich mich heute insgesamt gefühlt? ___________________

Worüber möchte heute sonst noch schreiben? __________________

Schreiben Sie eine positive Sache auf, die heute passiert ist:

______________________________________________________

Ich hoffe, Sie sind nun inspiriert, über Ihr Leben, Ihre Gesundheit, Ihre Stimmung, Ihre Gewohnheiten, Ihre Ernährung, Ihre Nahrungsergänzungen, Ihre Medikamente und darüber, wie Ihr Tag verlaufen ist, Buch zu führen. Aber hören Sie an dieser Stelle nicht auf! Schreiben Sie über Ihre Herausforderungen. Schreiben Sie über Ihre Vorlieben. Schreiben Sie darüber, was Sie quält, was Sie ärgert, was Ihnen die Tränen in die Augen treibt. Finden Sie Ihre Motivation und schreiben Sie darüber, auch wenn sich das im Laufe der Zeit ändert. Denken Sie daran, warum Sie leben wollen. Denken Sie daran, von wem Sie gebraucht werden. Denken Sie an die Dinge, die Sie noch zu tun haben. Und schließen Sie immer mit etwas Positivem ab. Eine positive Notiz, mit der Sie den Tag beenden, senkt Ihren Stresspegel und sorgt dafür, dass Sie sich besser fühlen. Das ist natürlich unser oberstes Ziel, und wenn Sie ein Ziel haben, dann werden Sie es auch erreichen.

Teil 2

KAPITEL 4
Die Anfänge meines Ernährungsprogramms

Mit der Ernährung fängt alles an. Sie gehört zu den Dingen, auf die Sie in Ihrer Umgebung den meisten Einfluss nehmen können, und daher ist sie das einflussreichste Mittel, das Ihnen gegen Ihre MS, eine andere Autoimmunerkrankung oder ein chronisches Leiden zur Verfügung steht. Diese Erkenntnis ist mir nicht in den Schoß gefallen. Die Gestaltung meines Ernährungsplans in seiner heutigen Form war ein mehrstufiger Entwicklungsprozess. Jetzt ist er weitgehend präzisiert, und er ist so flexibel, dass Sie die für Sie richtige Stufe wählen können:

1.Das Basis-Programm: Das ist die Grundstufe für die „Zündphase“ Ihres Stoffwechsels, bei der konzentrierte Nahrung zugeführt wird und Bestandteile der Ernährung, die zu einer Verschlechterung Ihres Zustandes beitragen könnten, weggelassen werden.

2.Das Paläo-Programm: Die nächste Stufe, die viele Menschen dauerhaft beherzigen, bietet mehr Struktur und macht damit weitere Bestandteile der Ernährung, die Ihrer Darmgesundheit schaden können, verzichtbar.

3.Das Paläo-Plus-Programm: Diese Stufe ist die anspruchsvollste und zugleich die für die Behandlung aller von einer Autoimmunerkrankung Betroffenen am besten geeignete; hiervon profitieren aber auch alle Menschen mit neurologischen oder psychischen Problemen, egal in welchem Krankheitsstadium sie sich befinden, sowie Patienten, die an Krebs erkrankt sind.

Was Ärzte nicht wissen

Während meines Studiums in den 1980er-Jahren war Ernährungslehre in den medizinischen Lehrplänen kaum zu finden und daran hat sich leider nicht viel geändert. (Das gilt nicht nur für die USA; Anm. d. Übers.) Wenige Universitäten bieten den Studierenden der medizinischen Fakultät gesonderte Lehrveranstaltungen zum Thema Ernährung an, bei den meisten beschränkt sich dieses Thema in den vier Studienjahren auf nicht einmal 25 Stunden.1 So ist es nicht verwunderlich, dass Ärzte Ihren Patienten die Aufklärung darüber, dass die Qualität der Ernährung den Hauptfaktor für die Gesundheit darstellt, schuldig bleiben müssen.

Jeder Ernährungsplan hat zwar seine ganz spezifischen Komponenten, doch es gibt einige Grundprinzipien, die für alle ernährungsspezifischen Aspekte des Wahls-Programms gelten. Aufbauend auf meiner Beschäftigung mit funktioneller Medizin, der Durchsicht medizinischer Forschungsarbeiten und einer Annäherung an die Ernährungsweise steinzeitlicher Jäger und Sammler, ist es in erster Linie darauf ausgelegt, die Zufuhr der für Gehirn und Mitochondrien unerlässlichen Vitamine, Mineralstoffe, Antioxidanzien und essenziellen Fettsäuren zu maximieren. Ich halte es für wichtig, dass Sie verstehen, warum das nicht nur eine gesunde Ernährungsweise ist, sondern den Bedürfnissen der DNS viel eher entspricht. Werfen wir also einen Blick auf den Hintergrund der Ernährungspläne des Wahls-Programms.

Paläolithische Ernährung – die Ernährungsform des Steinzeitmenschen

Eines der Grundprinzipien meiner Ernährungsempfehlungen ist das Nahrungsspektrum, das den Jägern und Sammlern im Paläolithikum zur Verfügung stand. Bei der Paläo-Ernährung wird versucht, diese unter Berücksichtigung der Umweltveränderungen seit der Steinzeit so genau wie möglich zu imitieren. Die Menschen begannen erst vor ungefähr 10 000 Jahren, Getreide als wesentlichen Bestandteil in ihre Ernährung einzugliedern, und vor etwa 8000 Jahren kamen Milchprodukte und Hülsenfrüchte dazu. Das ist nur ein „Wimpernschlag“ in der Geschichte der Menschheit. Verglichen mit den 2,5 Millionen Jahren, in denen sich die Gattung Mensch von grünen Blättern, Früchten, Wurzeln und Fleisch ernährte, sind diese Ergänzungen also noch ziemlich neu. Der Homo sapiens, unser unmittelbarer Vorfahre, ernährte sich 500 000 Jahre lang so, bevor Getreide, Milchprodukte und Hülsenfrüchte dazu kamen.

Die moderne Paläo-Ernährung ist im Allgemeinen gut und gesund. Es gibt natürlich Kritik und auch einige Missverständnisse, aber meist von Menschen, bei denen man den Eindruck hat, dass sie gar nicht so genau wissen, was die moderne Version der Paläo-Ernährung überhaupt beinhaltet. Bevor ich Sie bitte, das Konzept zu akzeptieren, schauen wir uns die strittigen Punkte einmal an.

Ein Argument ist, dass es keine einheitliche Paläo-Ernährung gibt. Das stimmt. Die Jäger und Sammler der damaligen Zeit aßen im Laufe eines Jahres über zweihundert verschiedene Pflanzen und Tiere. Die Nahrungsmittel unserer Vorfahren waren in hohem Maße angepasst an ihre Lebensräume, und jede regionale Gesellschaft lernte über mehrere Hunderte von Generationen hinweg, welche Pflanzen und Tiere in dem Ruf standen, für Lebenskraft zu sorgen oder Krankheit in die Sippe zu tragen.

Auch haben Studien ergeben, dass die traditionelle Ernährungsweise zwischen den Gesellschaften grundverschieden war. Die Jäger und Sammler der Arktis ernährten sich zum Beispiel zehn Monate im Jahr von rein tierischer Kost, die Bewohner des Regenwaldes am Amazonas und Afrikas mehr von Insekten, Amphibien und Eidechsen sowie von Hunderten verschiedener Pflanzen. Die Ureinwohner Amerikas aßen über das Jahr hinweg eine Mischkost aus Fisch, Fleisch und Hunderten von verschiedenen Pflanzen und Tieren, die in ihrer spezifischen Umgebung heimisch waren. Alle diese Ernährungsweisen waren extrem abhängig vom jeweiligen Ort und der Jahreszeit. Da es in vielen verschiedenen Kulturen Jäger und Sammler gab, gibt es wohl Tausende von Menschen kreierte Ernährungsformen, die auf einer maximalen Zufuhr von Vitaminen, Mineralstoffen, essenziellen Fetten und Antioxidanzien pro Kalorie beruhten, aufbauend auf der in einer Region zur Verfügung stehenden Nahrung.

Diese Ernährungsweisen haben jedoch einige Gemeinsamkeiten: Sie enthalten wesentlich mehr Vitamine, Mineralstoffe und essenzielle Fettsäuren als die typischen Ernährungsformen westlicher Prägung voller industriell hergestellter Lebensmittel wie Weißmehl, Maissirup mit hohem Fruktosegehalt und anderen raffinierten Zuckern, einem minimalen Anteil an Gemüse und Obst und vergleichsweise noch weniger Vitaminen und Mineralstoffen.2 Viele Kritiken an der Paläo-Ernährung gehen an diesem Punkt vorbei. Sich stärker an die Nahrungsmittel unserer steinzeitlichen Vorfahren anzulehnen ist eine großartige Verbesserung gegenüber der Ernährung der meisten Menschen heute.

Ein weiteres Argument, das gegen die Paläo-Ernährung ins Feld geführt wird, ist unsere veränderte Umwelt und die fehlende Ähnlichkeit der heutigen Nahrung mit der damaligen. Es stimmt, dass viele unserer heutigen Lebensmittel durch intensive Pflanzenzucht noch süßer und kohlenhydratreicher geworden sind, als sie es einmal waren. Selbst bei natürlichen, biologischen Nahrungsmitteln ist ein gewisser Toxingehalt unvermeidbar, da unsere Welt heute so verschmutzt ist. Der Boden ist ausgelaugt, was den Nährstoffgehalt der Pflanzen verringert, die darauf wachsen. Dazu kommt die selektive Züchtung und genetische Veränderung, die auf einen höheren Ernteertrag (und nicht auf eine Verbesserung des Vitamin- oder Mineralstoffgehalts) abzielt, und dies hat unsere Nahrungsmittel ebenfalls beeinflusst. Alle diese Faktoren führen zu Pflanzen mit einer vergleichsweise geringeren Nährstoffdichte. Wir können die Zeit nicht mehr zurückdrehen, unser Planet wird nie mehr so sauber sein, wie er es in der Steinzeit war, doch das heißt nicht, dass wir uns nicht mit den besten, saubersten und nährstoffdichtesten Nahrungsmitteln versorgen können oder sollten, die uns zur Verfügung stehen. Es heißt nur, dass wir vielleicht noch mehr Gemüse und Obst essen müssen, um den verringerten Nährstoffgehalt auszugleichen.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass mit dem Streichen von Getreide und Milchprodukten wichtige Nährstoffquellen wegfallen, was zu einem Mangel führt. Das ist jedoch nicht richtig: Sie können sich auch ohne Getreide, Milchprodukte oder Hülsenfrüchte mit allen notwendigen Nährstoffen versorgen. Eine Ernährungsweise nach Art der Jäger und Sammler mit vielen pflanzlichen Nahrungsmitteln, Fleisch von natürlich gehaltenen Weidetieren, Wildfleisch und/oder frei lebendem Wildfisch enthält alle Nährstoffe, die Sie brauchen.

Ein häufiger Kritikpunkt ist schließlich, dass die Menschen in der Steinzeit nicht sehr alt wurden. Das stimmt: Unsere frühen Vorfahren starben im Durchschnitt in den Dreißigern, doch dieser statistische Mittelwert ergibt sich aus einer hohen Sterblichkeitsrate von 38 bis 45 Prozent bei den unter 15-Jährigen. Diejenigen, die das Kindesalter überlebten, schlugen sich ganz wacker. Gurven und Kaplan untersuchten diese Frage ausführlich und veröffentlichten 2007 ihre Ergebnisse. Und diese könnten Sie überraschen: Die historischen Jäger und Sammler wurden oft über 60 Jahre alt und das gilt auch für die heutigen Jäger- und Sammler-Gesellschaften, die den westlichen Lebensstil noch nicht angenommen haben.3 Diese Menschen sind körperlich und geistig fit und benötigen keine Medikamente, manchen geht es bis in ihre Siebziger- und Achtzigerjahre blendend. Der Übergang aus den Gesellschaften der Jäger und Sammler ging einher mit einer Einbuße an Körpergröße, einem erhöhten Risiko für eine degenerative Arthritis der Wirbelsäule und Tuberkulose, obwohl die Fruchtbarkeit anstieg, was zwar zu einer Bevölkerungszunahme führte, die aber nicht mehr so gesund war.4

Den Teilen der Bevölkerung, die sich der westlichen Ernährungsweise zuwandten, ging es mit zunehmendem „Fortschritt“ gesundheitlich immer schlechter. Die nächste größere Zäsur kam 1850 mit der Industriellen Revolution, als Zucker und Weißmehl in großem Stil verfügbar wurden und das Stillen von Säuglingen ständig zurückging. Damit ging eine weitere Verschlechterung der Gesundheit einher, chronische Krankheiten einschließlich Herzerkrankungen, Diabetes und Adipositas (Fettleibigkeit) nahmen zu.5 Nun, da sich die Gesellschaften von den aufstrebenden Volkswirtschaften in Richtung der hoch entwickelten Volkswirtschaften bewegt, treten an die Stelle der Frühsterblichkeit aufgrund von Infektionskrankheiten zivilisationsbedingte chronische Krankheiten wie Diabetes, Adipositas und Herzerkrankungen.6 Diese wirken sich erst mit Verzögerung auf eine Population aus, aber der Preis ist hoch. Nach Angaben der Zentren für Krankheitsschutz und Prävention in den USA (Centers of Disease Control) waren 2010 tatsächlich 69 Prozent der Amerikanerinnen und Amerikaner übergewichtig oder fettleibig.7

Anregungen für das Tagebuch

Bitte beantworten Sie die folgenden Fragen in Ihrem Wahls-Tagebuch:

–Fühlen Sie sich bereit, mit Ihrem neuen Ernährungsprogramm zu beginnen? Sind Sie aufgeregt oder nervös? Wie fühlen Sie sich?

–Wenn Sie dieses Kapitel gelesen haben, schreiben Sie auf, welche Stufe der Ernährung Ihrer Meinung nach die Beste für Sie ist, zumindest in diesem Augenblick.

–Welche Erwartungen verbinden Sie mit einer Ernährungsumstellung? Welche Gefühle erhoffen Sie sich speziell davon?

Vergessen Sie nicht aufzuschreiben, wie Sie auf die Veränderungen reagieren, wenn Sie mit der Umstellung angefangen haben.

Einfacher ausgedrückt, zur Erhöhung des durchschnittlichen Lebensalters von der Steinzeit bis heute kam es, weil die Infektionskrankheiten als Todesursache zurückgingen, die Kindersterblichkeit abnahm und die medizinischen Möglichkeiten sich vergrößerten – und eben nicht, weil wir als Gesellschaft über mehr Vitalität und Kraft verfügen.

Alle diese Kritikpunkte lassen eine einfache Tatsache außer Acht: Das Prinzip der modernen Paläo-Ernährung ist nicht als genaue Wiederholung der Ernährungsweise unserer Vorfahren gedacht. Sie macht sich vielmehr ihre allgemeinen Prinzipien zunutze und wendet sie bestmöglich auf unser modernes Nahrungsmittelangebot an, in dem Bestreben, die Gesundheit des Menschen wiederherzustellen und epidemische oder chronische Krankheiten rückgängig zu machen, an denen die Menschheit seit dem Übergang von der Agrar- zu Industriegesellschaft leidet.

Warum eine Ernährung nach dem Paläo-Prinzip besser für unsere Gesundheit ist

Jeder logisch denkende Mensch weiß, nur weil die Menschen in geschichtlicher Frühzeit etwas nicht getan haben, heißt das nicht noch lange nicht, dass man es jetzt nicht nachholen könnte. Eine Ernährungsweise nach Art der Jäger und Sammler ist jedoch nicht nur theoretisch gut. Ihre positiven Auswirkungen werden durch die Forschung gestützt. Als sich zum Beispiel gesunde Freiwillige einer solchen Ernährung unterzogen, die reich an tierischen Proteinen, nicht stärkehaltigem Gemüse und Beeren ist, kam es zu einer deutlichen Verbesserung zahlreicher Biomarker, die den Gesundheitszustand anzeigen, und bei den Probanden zeigten sich Verbesserungen des Blutdrucks, der Cholesterinwerte und eine erhöhte Insulinsensitivität.8 Bei einer anderen randomisierten Cross-over-Studie (d. h. dieselben Probanden erhalten Prüf- und das Kontrollpräparat nacheinander, durch die Randomisierung wird die Reihenfolge der Behandlung jedoch zufällig bestimmt; Anm. d. Übers.), ernährten sich die Probanden drei Monate lang entweder gemäß eines Diabetiker-Standards oder einer „Steinzeitdiät“; dann wurde zur jeweils anderen Ernährungsform gewechselt. Wieder stellten die Forscher fest, dass die Paläo-Ernährung mit einer besseren Blutzuckersteuerung, niedrigerem Blutdruck, gesünderen Cholesterinwerten und einer größeren Gewichtsabnahme einherging als das bei der Diabetiker-Standardernährung der Fall war.9

Es gibt auch viele belastbare wissenschaftliche Gründe, warum eine Ernährungsweise mit viel Getreide, Stärke und Zucker gesundheitsschädlich sein kann und eine Ernährung, die sich enger an die Prinzipien der Paläo-Ernährung anlehnt, der Gesundheit eher förderlich ist. Einer der überzeugendsten ist, was stärke- und zuckerhaltige Nahrungsmittel in der menschlichen Darmflora (dem sogenannten Mikrobiom) anrichten.

Die meisten Menschen beherbergen mehr als 100 Billionen individuelle Bakterien und Hefen in ihrem Darmtrakt, die die Verdauung unserer Nahrung und der dabei entstehenden Nebenprodukte unterstützen. Wir sind tatsächlich unser eigenes Ökosystem und können – wie jedes andere Ökosystem auch –, aus dem Gleichgewicht gebracht werden. Wir sind auf mehr als 1000 verschiedene Bakterien- und Hefearten angewiesen, die sicherstellen, dass wir über alle notwendigen Bausteine für die optimale Funktion unserer Zellen verfügen. Übernehmen jedoch die falschen (Bakterien und Hefen) die Kontrolle, kann das der Beginn einer Funktionsstörung in den biochemischen Abläufen unseres Körpers sein.

Wenn wir Getreide, Milchprodukte, Hülsenfrüchte und Süßungsmittel zu uns nehmen, die alle viel Stärke und/oder Zucker enthalten, bilden sich in unserem Körper mit größerer Wahrscheinlichkeit zuckerliebende Bakterien und Hefen, da diese speziellen Mikroorganismen durch unsere Ernährungsweise angefüttert werden. Infolgedessen reduziert sich die Menge der anderen, oben beschriebenen Arten, die den menschlichen Darm in den ersten 2,5 Millionen Jahren besiedelten, als unsere Vorfahren lebten – diejenigen also, die zur ursprünglichen Ernährung des Menschen passen und Teil des ordnungsgemäßen Stoffwechsels und der biochemischen Prozesse sind, die in unseren Zellen ablaufen. Wäre unsere gesamtgesellschaftliche Gesundheitslage durch die moderne Ernährungsweise und unser dadurch bedingtes neues Ökosystem immer noch ausgezeichnet, würde dieser Gesichtspunkt keine Rolle spielen. Doch wir werden insgesamt immer kränker. Unser neues Ökosystem funktioniert nicht. Kohlenhydrate liebende Bakterien wie Pseudomonas und Hefen wie Candida albicans sorgen für allerhand Probleme im menschlichen Körper.

Eines der gefährlichsten Probleme, das der westlichen Standardernährung geschuldet ist, ist das sogenannte Leaky-gut-Syndrom (leaky = leck, undicht; gut = Darm; Anm. d. Übers). Das Leaky-gut-Syndrom ist dadurch gekennzeichnet, dass sich in der zellulären Auskleidung zwischen dem Dünndarm und den Blutgefäßen Löcher oder Lecks bilden. Gedeihen in Ihrem Darm die falschen Bakterien, Hefen oder Parasiten, insbesondere Kohlenhydrate liebende Hefen wie Candida albicans, kommt es häufiger zur Bildung von Toxinen, die die Steuerung des intrazellulären Bindungssystems zur Abdichtung der Zellauskleidungen des Dünndarms stören.10 Zonulin ist ein Protein, das die Funktionen dieser „Pforten“ regelt. (Fachsprachlich werden diese Zellzwischenräume auch „tight junctions“ genannt; Anm. d. Übers.) Liegt zu viel Zonulin vor, beginnen sich diese Abdichtungen zu öffnen (wie kleine Tore), sodass Darminhalt in den Blutstrom sickern kann; diesem Umstand verdankt die Erkrankung ihren Namen. Die Wahrscheinlichkeit eines Leaky-gut-Syndroms kann auch zum Beispiel durch häufige Einnahme von Antibiotika, eine zucker- und kohlenhydratreiche Ernährungsweise, die Entwicklung von Empfindlichkeiten gegenüber spezifischen Proteinen wie Gluten im Getreide (vor allem Weizen) und Kasein in Milchprodukten sowie durch zivilisationsbedingte Chemikalien und Toxine, zum Beispiel Tabakrauch, verursacht oder erhöht werden. Jede einzelne dieser Substanzen kann die Intaktheit der Darmwand gefährden.

Nicht nur die Darmwand, auch die Wände aller Blutgefäße sind auf diese Weise abgedichtet; wenn es zu einer Lösung dieser eigentlich dichten Verbindungen kommt, kann man davon ausgehen, dass das überall passiert – und somit natürlich auch in den Gefäßen, die zum Gehirn führen. Sie könnten also einen durchlässigen Darm, durchlässige Blutgefäße und ein durchlässiges Gehirn haben! Auch eine durchlässige Haut ist nicht abwegig. Sind die Blutgefäße durchlässig, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Immunzellen in die Wände „eingraben“, Cholesterin und Entzündungsmediatoren in den Gefäßen ablagern sowie Venen und Arterien verstopfen und verengen. Im Gehirn verliert die Blut-Hirn-Schranke, die für einen zusätzlichen Schutz des Gehirns vor Bakterieninfektionen bietet, an Wirksamkeit. Das Gehirn lässt überaktive Immunzellen häufiger passieren, und damit kommt es häufiger zu einer unangemessenen Entzündungsreaktion und einer Verschlimmerung des Problems mit Stimmungsschwankungen und neurologischen Störungen wie MS. Auf der Haut kommt es häufiger zu allen möglichen lästigen und unvorhersehbaren Ausschlägen und Hautproblemen. Daher ist ein durchlässiger Darm niemals nur ein gastrointestinales Problem, er betrifft Sie insgesamt und daher Ihre gesamte Gesundheit. So etwas sollte Ihrem Körper lieber erspart bleiben! Und doch sind viele Menschen davon betroffen, hauptsächlich aufgrund unserer industriell verarbeiteten Produkte und auf Getreide beruhenden Ernährungsweise.

Erfahrungsbericht

Mit 19 Jahren wurde bei mir schubförmig remittierende Multiple Sklerose (RR-MS) diagnostiziert, doch außer einer optischen Neuritis hatte ich bis zu meinem 30. Lebensjahr kein weiteres Symptom. Jetzt bin ich 33 und im Februar 2012 verschlechterte sich mein Zustand sehr. Ich entdeckte die Arbeit von Dr. Wahls im Juli 2012, als mir meine Schwester einen Link zum Video Minding Your Mitochondria (zu Deutsch etwa: „Passen Sie auf Ihre Mitochondrien auf“) schickte. Als ich im August 2012 mit ihrem Basis-Programm und im September desselben Jahren mit Copaxone begann, konnte ich nicht mehr selbstständig laufen; nur drei Jahre vorher gehörte ich noch verschiedenen Sportteams an. Seit Beginn des Basis-Programms habe ich massive Verbesserungen festgestellt, ich bin klarer im Kopf und es gibt Zeiten, da kann ich auf meinen Gehstock verzichten und fühle mich wieder wie ein normaler Mensch. Dafür lohnt es sich schon. Ich verzichte gerne auf Cheeseburger, wenn das bedeutet, dass ich wieder laufen kann! Vor ein paar Wochen ging es mir so gut, dass ich anfing, Brot zu essen. Das passiert mir nie wieder! Ich fühlte mich träge und die Spastik in meinen Beinen war wieder da. Herauszufinden, dass es eine Ärztin gibt, die selbst MS hat, und hauptsächlich im Eigenversuch nach einer optimalen Ernährungsweise sucht – das war schon sehr inspirierend. Danke, Dr. Wahls.

Natalie S. Halifax, Nova Scotia, Kanada

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